An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

Ludwig Boltzmann, der große österreichische Physiker, hat diese elementare Wahrheit für die Naturwissenschaften auf den Begriff gebracht. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig.“

Sehr wohl! Ein Denken ohne nachweisbare Tat,

das sämtliche Phänomene der Natur als ursächlich determiniert sehen wollte, hat es schon 1500 Jahre vor Christus gegeben, nämlich in den sogenannten Brahmana-Texten, wo alle Geschehnisse des Universums als magisch verknüpft mit menschlichem Denken und Handeln gelten. Was der vedische Priester sich vorstellte und dann durch Aufschichten von Opfersteinen und heiliger Butter magisch in Szene setzte, brachte, wie die damaligen Priester glaubten, ganz bestimmte notwendige Folgen hervor. Diese Magier glaubten sich imstande, mit ihren Beschwörungen feindliche Armeen vernichten oder eine Mondfinsternis willkürlich herbeiführen zu können (abgesehen von Krankheit und Unglück, das sie heilen wollten). Von dem Indologen Hermann Oldenberg wurde die damalige Weltsicht als „vorwissenschaftliche Wissenschaft“ bezeichnet, der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sah darin eine Vorwegnahme des wissenschaftlichen Determinismus. Ludwig Boltzmann aber hat den entscheidenden Unterschied zwischen diesem Denken und der beinahe zweitausend Jahre später seit dem 17ten Jahrhundert aufkommenden wissenschaftlichen Weltsicht auf den Begriff gebracht. Das magische Denken richtete nur Unheil im Kopf von Priestern an, aber die Natur blieb unverändert. Feinde wurden von Priestern nie wirklich besiegt, Mondfinsternisse niemals auf nachweisbare Weise herbeigeführt. Irgendwann starb diese abenteuerliche Theorie, weil die Menschen nicht länger an sie glaubten. Sie musste sich sogar gefallen lassen, dass ein amerikanischer Anthropologe sie als sinnfreies „Priestergebrabbel“ bezeichnete. Es ist daher so, wie Boltzmann und die Bibel sagen: An der Tat, d.h. an ihren Früchten, sollt ihr sie erkennen.

Ludwig Boltzmann lebte bis zum Beginn

des vergangenen Jahrhunderts. Mit Recht konnte er von einem spektakulären Erfolg der Naturwissenschaften reden. Innerhalb von nur drei Jahrhunderten hatte dieser die Staaten Europas zu den bei weitem reichsten und mächtigsten der damaligen Zeit gemacht. Nie genoss eine Bevölkerungsmehrheit so großen materiellen Wohlstand wie schon zu seiner Zeit, nie zuvor lebten Menschen so lange und konnten sich so gut gegen Krankheiten schützen, wie dies der Fortschritt der Wissenschaften in kürzester Zeit ermöglicht hatte. Und der technologische Fortschritt hatte Europa auch gewaltige Macht über den Rest der Welt verschafft. Bis 1914 beherrschte Großbritannien ein Viertel der gesamten Landfläche des Globus und errang im Jahr 1921 seine größte Ausdehnung. Insgesamt hatten die industriell aufgerüsteten Staaten eines geographisch winzigen westlichen Zipfel Eurasiens ganze Kontinente erobert (Nordamerika und Australien) und den Rest der Welt einschließlich der beiden Hochkulturen China und Indien ihrer Botmäßigkeit unterworfen. Niemand konnte daran zweifeln, dass die neuen, mit hohem naturwissenschaftlichen Sachverstand entwickelten Waffen die entscheidende Rolle spielten: Sie waren die unmittelbaren Früchte des neuen naturwissenschaftlichen Wissens und Könnens.

Aber Achtung, wie sehen diese Früchte denn heute aus

mehr als ein Jahrhundert nach Boltzmann? Wenn wir den ethischen Maßstab der Bibel und den wissenschaftlichen des großen Naturwissenschaftlers auf die heutige Situation anwenden, zu welchem Schluss müssen wir dann gelangen? Albert Einstein hatte damals die berühmte Formel von der Äquivalenz von Masse und Energie als Theoretiker auf ein Stück Papier geschrieben. Das war ein faustischer Akt, Mephisto aber war sogleich zur Stelle, um eine Frucht daraus zu machen, an der wir die Richtigkeit der Theorie erkennen. Seitdem leben wir mit jenem gewaltigen Arsenal an Massenvernichtungswaffen, mit der die Menschheit sich selbst mehr als hundertfach ausrotten kann. Kein Theoretiker hat dies gewollt, am wenigsten Einstein selbst, der dann später wie kein anderer vor der Wirkung der Bombe warnte und in einer Weltregierung die einzige Möglichkeit sah, mit die tödliche Bedrohung zu überwinden. Aber Disteln tragen nun einmal Dornen. Wenn wir der Logik von Boltzmann folgen, ist es uns nicht erlaubt, einseitig nur von den süßen Früchten der Naturwissenschaften zu schwärmen – dem historisch einzigartigen Reichtum, den sie einem nicht geringen Teil der Weltbevölkerung verschafften -, wir müssen auch den Mut aufbringen, ihre giftigen Früchte zu sehen.

Nein, dazu bedarf es inzwischen nicht einmal besonderen Muts

Eine heile Welt gibt es nur noch in Märchenbüchern, die reale steht derweil auf einer Vielzahl von roten Listen. Von Kalifornien über Australien und Indonesien bis nach Sibirien lodern die Wälder. Zur gleichen Zeit werden die Stürme immer heftiger und Überschwemmungen treten immer häufiger auf. Schon im Jahr 2006 beschwor der Stern Report die beängstigende Perspektive, dass die Landwirtschaft in Teilen Afrikas die Menschen dort nicht mehr ernähren kann und Millionen von Menschen die Festung Europa stürmen.

Doktor Faust, der kühne Theoretiker, hat die abstrakten

Formeln aufs Papier gekritzelt, welche dem modernen Menschen eine Herrschaft über die Natur verschaffen, die bis dahin als Vorrecht Gottes galt. Es war Mephisto an seiner Seite, der jene Tausende begnadeter Ingenieure verkörperte, welche die Geistesblitze der Theorie anschließend in die Tat umsetzte. Das waren, wie Boltzmann sagt, ihre logischen Beweise.

Beide zusammen, Doktor Faustus und Mephistoles, sein Kumpan, verkörpern die zwei Seiten des Menschen, dessen Taten aus guten wie giftigen Früchten bestehen. So zweifelt zum Beispiel niemand an den gewaltigen Fortschritten der Medizin, aber dieser Fortschritt hat uns nicht nur ermöglicht, das Leben um Jahrzehnte zu verlängern und uns bis ins hohe Alter gesund zu erhalten, sondern erlaubt uns ebenso, die Erbsubstanz lebender Wesen nach unserem Willen zu verändern. Schon steht Mephisto bereit, um uns einzuflüstern, dass wir dieses Können nun auch auf den Menschen selbst anwenden, um ein Geschlecht von pseudohumanen Robotern zu erschaffen, die sich als Frankensteinmonster entpuppen könnten. Solche Aussichten sind bedrückend. Unsere Erde wird zu einem furchtbaren Ort, solange wir nicht fähig sind, der überragenden Intelligenz von Dr. Faust und seinem Alter Ego Mephisto etwas ganz anderes an die Seite zu stellen, nämlich Sophia, die glücklicherweise in uns ebenfalls angelegte menschliche Weisheit. Im Sinne des Gemeinwohls muss – heute schon im Sinne des bloßen Überlebens auf einem zunehmend geschundenen Planeten – muss sie bindende ethische Regeln erlassen, um die Menschheit vor sich selbst zu schützen, nämlich vor den giftigen Früchten der wissenschaftlichen Intelligenz.

Denn – vergessen wir nicht – die Tat

ist nicht denkbar ohne den Zugriff auf die Dinge, d.h. auf die Natur und ihre Ressourcen. Ohne die Ausbeutung der in der Erdrinde verborgenen Reserven an Kohle, Öl und Gas hätte es die industrielle Revolution niemals gegeben. Mit gleichem Recht kann man diese daher auch als „fossile Revolution“ bezeichnen. Zu den giftigen Früchten der neuen naturwissenschaftlichen Weltsicht gehört deshalb auch, dass sie Taten von unglaublicher Brutalität gegen die Natur nach sich zog. In der Einleitung zu einem neuen bisher noch unveröffentlichten Buch gebrauche ich den folgenden Vergleich:

„Ist unsere gegenwärtige Situation nicht der einer siegreichen Armee zu vergleichen, die alle Beute eines eroberten Landes in kurzer Zeit an sich riss und sie nun in einem kurzen, besinnungslosen Festrausch verprasst? Seit Beginn der industriellen Revolution, die man mit gleichem Recht die fossile nennen kann, vergeuden wir den Reichtum der Erde und wollen nicht sehen, dass er nur noch für ein oder zwei Generationen reicht – und schon gar nicht wollen wir uns sagen lassen, dass unser Festmahl ringsherum überall Spuren von Gift hinterlässt: in der Luft, im Wasser und im Boden.“

Für empfindliche Ohren sind dies Kassandratöne,

welche die selbstgefälligen Lügen unseres staatlich geförderten „positiven“ Weltbilds gefährden. Doch die ökologische Krise ist eine Tatsache, an der die führenden Ökologen schon längst keinen Zweifel mehr lassen. Herman E. Daly, ehemaliger ökonomischer Mitarbeiter der Weltbank, der bis heute mit seinen Schriften vielen als die größte Autorität auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Erhellung ökologischer Zusammenhänge gilt, hat meiner Analyse seinen ausdrücklichen Beifall gezollt. „Lieber Herr Dr. Jenner, meinen Dank, dass Sie mir Ihr schlüssig begründetes, gut dokumentiertes und klar geschriebenes Buch geschickt haben. Ich hoffe, es wird weithin gelesen. Mit den besten Wünschen, Herman E. Daly.“

Von ökonomischen Experten hatte ich schon früher Lob für meine Schriften erhalten, nämlich von zwei ehemaligen deutschen Wirtschaftsweisen Bert Rürup und Gerhard Scherhorn. Die wohlwollende Beurteilung meiner neuen Arbeit durch Herrn Prof. Daly aber ist für mich besonders bedeutsam, weil ich nur wenige Wissenschaftler kenne, welche sich auch dann noch zur Wahrheit bekennen, wenn diese, wie Al Gore es ausdrückt, „unbequem“ ist und zudem noch gegen jenen Zwang zur politischen Korrektheit verstößt, der unser Denken mittlerweile immer mehr auf das Geleis der Selbstzensur zwingt.

Politisch korrekt ist mein Buch jedenfalls nicht

denn es kam mir nur darauf an, die Tatsachen „gut zu dokumentieren“, die Folgerungen aus ihnen „schlüssig zu begründen“ und möglichst „klar darüber zu schreiben.“ Wer allerdings politische Korrektheit verlangt, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, der schreckt vor manchen ihrer Aussagen zurück, auch wenn deren fachliche Unanfechtbarkeit von einem international gefeierten Ökonomen ausdrücklich gewürdigt wird. Frau Julia Womser, eine Lektorin des dtv-Verlags, mit der ich telefonisch die Zustellung des Manuskripts vereinbart hatte, scheint nicht einsehen zu wollen, dass inzwischen selbst Schülerinnen wie Greta Thunberg die Dramatik unserer heutigen Situation begreifen. Jedenfalls haben die Verstöße meines Buches gegen die politische Korrektheit die Dame offenbar so sehr empört, dass sie es nicht einmal für nötig hielt, die üblichen Formen der Höflichkeit zu wahren: Selbst nach schriftlicher Rückfrage – ein Monat nach Zustellung fragte ich nach, ob Interesse an der Arbeit bestehe – hielt sie es nicht für nötig, mir auch nur eine Antwort auf meine Frage zu erteilen.*1* 

Aber es stimmt ja: Das Buch „Wir schaffen das!“*2*

schreckt vor politischer Unkorrektheit durchaus nicht zurück. Es spricht nicht nur über den Klimawandel und seine jetzt schon klar erkennbaren Folgen ohne alle Beschönigung sondern ebenso über Migration, bedingungsloses Grundeinkommen und ähnliche Themen, die für viele Zeitgenossen zu Kampfbegriffen geworden sind, an denen man andere Menschen entweder als Gesinnungsgenossen oder als zu bekämpfende Feinde erkennt. Ich selbst habe mich nie von dem Standpunkt entfernt, dass sich wissenschaftliche Wahrheitssuche darin erweist, dass über jedes Thema sachlich gesprochen wird – unter sorgfältigem Abwägen des Für und Wider. Dabei geht es um eine offene Diskussion, denn Kritik ist die eigentliche Essenz und Antriebskraft jeder Wissenschaft. Was deren Geist grundsätzlich widerspricht, ist dagegen der populäre Shitstorm ebenso wie das heimliche Strippenziehen im Hintergrund. Letzteres habe ich im Hinblick auf das vorliegende Buch inzwischen auch schon erleben müssen. Ich erwähne diesen an sich für Unbeteiligte ganz unbedeutenden Vorfall aus dem einzigen Grund, weil es inzwischen auch zur politischen Korrektheit gehört, sich duckmäuserisch klein zu machen und Verstöße gegen das Ethos von Wahrheit und Wissenschaft feige zu verschweigen.

Ein Lektor und ein keineswegs unbekannter deutscher Wissenschaftler

sind, wie ich meine, der einen mit seinem guten Ruf, der andere mit seiner Reputation recht leichtfertig umgegangen – auch solche Folgen kann ein politisch unkorrektes Buch bewirken. Oder ist es nicht für den guten Ruf eine ernste Gefahr, wenn ein Lektor zwei Wochen nach meiner Anfrage, ob ein grundsätzliches Interesse an dem Buch bestehe, dem Autor einerseits bescheinigt, dass die „Buchidee .. natürlich zu uns passt und es sicher auch Wert /sic!/ ist, in Deutschland zu erscheinen“, nur um seine Mail dann mit der Standardfloskel zu schließen, „bitte werten Sie diese Absage nicht als Kritik an der Buchqualität.“ All dies, wohlgemerkt, ohne auch nur eine Zeile des Buches gelesen zu haben, denn Herr Hirsch kannte nur deren Titel und die wohlwollende Beurteilung durch einen renommierten Experten – das Manuskript selbst hatte er überhaupt nicht angefordert. Sehr wohl hat er aber von dem Manuskript durch Herrn Niko Paech gewusst, einen geschätzten Autor des Verlags, der das Manuskript von mir bekommen hatte und mich zu der lobenden Stellungnahme von amerikanischer Seite beglückwünschte – „so ein feedback vom Papst /der Wachstumskritik/ hätte ich auch mal gern…“ Prof. Paech wusste auch, dass ich mich an den oekom-Verlag wenden wollte, denn dies hatte ich ihm zuvor in zwei Mails mitgeteilt.*3*

Nun, derartige Intrigen und heimliche Absprachen im Hintergrund sind so alltäglich, dass es sich nicht lohnen würde, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Andererseits möchte ich mir nicht sagen lassen, dass ich aus Duckmäuserei davor die Augen verschließe. Offene Diskussion bedeutet auch, dass man diejenigen bei Namen nennt, die sich davor drücken und lieber hinter den Kulissen tuscheln. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Aber lässt sich denn über die Klimakrise überhaupt noch etwas sagen,

das denen, die informiert sein wollen, nicht ohnehin schon bekannt ist? Wohl eher wenig. Meinem Buch wird man nur in einer Hinsicht eine gewisse Originalität und Bereicherung der Diskussion zubilligen können. Wenn es stimmt, dass die Erschöpfung der Ressourcen und – mehr noch – die stetige Vergiftung der Umwelt durch die Rückstände der industriellen Prozesse (von denen CO2 ja nur eines unter inzwischen Hunderttausenden ist) eine noch weit größere Wende bedeutet als die beiden größten Revolutionen der Vergangenheit, die neolithische und die fossile. Und wenn es ebenso richtig ist, dass die notwendigen Maßnahmen zur Überwindung dieser welthistorischen Krise an und für sich einfach sind und der Wissenschaft wohlbekannt, wie ist es dann zu erklären, dass diese Maßnahmen auf so erbitterten Widerstand stoßen und wir dem Abgrund trotz Pariser Vertrag und unzähligen anderen Bemühungen de facto nur immer schneller entgegenschlittern? Diese Frage verlangt nach einer Antwort – und diese steht denn auch im Vordergrund meines Buches.

1 Man darf sich nicht wundern, dass es angesichts derartigen Verhaltens von Lektorenseite immer üblicher wird, dass Autoren ihre Manuskripte gleichzeitig an mehrere Verlagen senden – andernfalls müssen sie damit rechnen, bis ans Ende ihrer Tage auf eine Antwort zu warten.

2 Die englische Version, die als Kindle bei Amazon vorliegt, trägt einen besseren Titel: „Yes, we can – No, we must“.

3 Die gedankenreichen und oft herausfordernden Überlegungen von Prof. Niko Paech schätze ich sehr. Das war der Grund, warum ich ihm mein Manuskript zuschickte, wobei ich gleichzeitig um Fürsprache beim oekom Verlag bat, falls ihm die Arbeit gefalle, er sei dort mit seinem von mir mehrfach zitierten Buch ja ein geschätzter Autor. Diese Bitte habe ich dann ein zweites Mal ausgesprochen, nachdem er den Empfang des Manuskripts bestätigt hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass Herr Paech auf diese Bitte nicht reagierte. Jedenfalls wandte ich mich unmittelbar danach an Herrn Hirsch vom oekom Verlag, ob er an der Arbeit interessiert sei, dann würde ich ihm das Manuskript zuschicken. Das geschah sowohl in einer Mail wie am selben Tag auch telefonisch. Wenn er mein Publikationsangebot von vornherein ausschlagen musste, weil es keine freien Programmplätze mehr gab, dann hätte er mir dies am Telefon gleich sagen können – und müssen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Absage in Gestalt des üblichen Standardtextes, nämlich dass der Verlag schon andere Bücher in seinem Programm habe und ich das bitte nicht als Aussage über die Qualität meines Buches auffassen solle. Angesichts der Tatsache, dass Herr Hirsch das Manuskript nie bekommen hatte, war dies reine Verhöhnung. Nur Herr Paech, der geschätzte Autor des Verlages, hatte ihm innerhalb dieser beiden Wochen Auskunft über das Buch geben können – Herr Paech hatte zweimal von mir erfahren, dass ich mich an den oekom Verlag wenden wollte.

Der Vorfall ist an und für sich ganz bedeutungslos, verdient aber deswegen erwähnt zu werden, weil er das Gegenteil einer möglicherweise durchaus berechtigten Kritik an meiner Arbeit ist. Wäre diese offen und nicht auf diese „hinter-listige“ Weise vonseiten Herrn Paechs erfolgt, dann wäre ich dankbar dafür gewesen. Was Herrn Hirsch betrifft, so sind Verlage private Unternehmen und haben daher das Recht, auch ohne Angabe von Gründen, anzunehmen oder abzulehnen, wen oder was sie wollen, doch gibt es Regeln der Anständigkeit, die auch ein Herr Hirsch einhalten sollte. Im Hinblick auf Herrn Paech gilt grundsätzlich die Unschuldsvermutung. Immerhin ist bei Gott alles möglich – vielleicht hat der Erzengel Gabriel Herrn Hirsch Einsicht in mein Buch verschafft, sodass er sich in den zwei Wochen ein sachlich fundiertes Urteil darüber bilden konnte.

.

Von Robert Menasse erhielt ich die beiden Mails:

Lieber Gero, gibt es mittlerweile eine Perspektive, wo das Buch nun doch erscheinen wird? Herzliche Grüße, Robert

und:

Lieber Gero, ich hoffe, dass Du das Buch noch nicht herumgeschickt hast. Heute als Autor selbst ein Buch an Verlage zu schicken, ist zu 99% aussichtslos. (Deine 5% sind viel zu optimistisch). Nein, Du musst das Buch einem Agenten/einer Agentin geben. Eine Agentur findet den Verlag, in deinem Fall bei dieser Thematik mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Kennst Du Agenturen? Herzlich, Robert

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Die Erkundung von Ordnung (Gesetzen)

stellte immer schon die eigentliche Aufgabe der Erkenntnis dar. Dagegen wurde der Zufall lange Zeit als so störend und überflüssig empfunden, dass man seine Existenz überhaupt in Zweifel zog, und zwar gleich auf doppelte Weise. Beispielsweise konnte man mit Voltaire der Meinung sein, dass er lediglich unser vorläufiges Nichtwissen bezeichne. Diese Meinung kann sich auf handfeste Argumente stützen, denn unendlich vieles, was unseren Vorfahren noch als bloßer Zufall erschien, zum Beispiel Choleraepidemien oder Mondfinsternisse, hat die moderne Wissenschaft inzwischen von ganz bestimmten Ursachen ableiten und somit als gesetzhaft erklären können. Der Schluss lag daher nahe, den Zufall generell als bloße Lücke menschlicher Erkenntnis zu deuten. In dem Maße wie der Fortschritt der Wissenschaften diese Lücke mit Wissen füllt, würden wir ihn daher beseitigen und am Ende überall nur noch gesetzhafte Ordnung erkennen.

Das jedenfalls war die Meinung von Baruch de Spinoza ebenso wie von dessen großem Bewunderer, Albert Einstein, der die eigene Ablehnung des Zufalls bekanntlich in ein berühmtes Diktum gekleidet hat. „Gott würfelt nicht“, sagte Einstein. Mit anderen Worten, Gott schaffe nur Ordnung, denn Ordnung erschließt sich der Vernunft, ist rational. Dagegen haftet dem Zufall der Ruch des Wertlosen, des Irrationalen an. Zweifellos schwingt in seiner Herabsetzung die Vorstellung mit, dass uns hier etwas ganz Unbrauchbares und Überflüssiges begegnet.

Aber der Zufall ist mehr als nur eine Lücke unseres Wissens

Es war eine epochale Entdeckung, dass die Quantenphysik dem Zufall wieder zu einem Bleiberecht im wissenschaftlichen Weltbild verhalf. Die Königsdisziplin der Wissenschaften, die Physik, führte gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts neben der Ordnung und dem Berechenbaren (ausgedrückt in Gesetzen) deren genaues Gegenteil ein, nämlich die Abwesenheit von Ordnung – eben den Zufall. In der Quantenphysik wurde das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik aufgegeben, wonach man jeder bestimmten Wirkung auch eine ganz bestimmte Ursache zurechnen könne. Werner Heisenberg drückte das auf folgende Weise aus. „Zum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker… nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang… Wenn wir den Grund dafür wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert.. /worden ist/, so müssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst gehören, kennen, und das ist sicher unmöglich.“

Der Zufall hat die Welt der klassischen Physik,

die als durch und durch berechenbar vorgestellt wurde, um die Dimension des Unberechenbaren erweitert.*1* Jacques Monod hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er in den folgenden Sätzen über jene Geschichte spricht, die man heute als Evolution bezeichnet, während sie früher einmal als Schöpfungsgeschehen verstanden wurde: „Der Zufall allein ist die Quelle jeder Innovation, jeder Schöpfung in der Biosphäre. Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht.“

Der französische Biochemiker

würde allerdings nicht so emphatisch auf der Alleingültigkeit dieser Hypothese bestanden haben, hätte er nicht deren Gegner vor Augen gehabt, die religiösen „Animisten“, wie er sie nennt, die dem Geschehen der Evolution einen Sinn beilegen wollen. Doch diesen Sinn gebe es eben nicht. Der Wissenschaftler, gleichgültig ob Physiker oder Neurologe, könne in der gesamten Entstehungsgeschichte der Welt nichts anderes erblicken als einen gesetzhaften Mechanismus, der seine Fortentwicklung einem blinden, d.h. sinnlosen, Zufall verdankt. Und um ganz sicher zu gehen, dass jeder Leser das Ausmaß der von ihm behaupteten Sinnlosigkeit auch richtig erfasst, bezeichnet Monod den Zufall noch als „lärmendes Rauschen“ (engl. noise). „Man kann also sagen, dass dieselbe Quelle von zufälligen Störungen, von „Lärm“, die in einem nicht lebenden.. System nach und nach zum Zerfall aller Strukturen führen würde, der Stammvater der Evolution in der Biosphäre ist und für die uneingeschränkte Freiheit der Entfaltung verantwortlich ist.“

In diesen vernichtend trostlosen Zeilen

fasst Monod das Weltbild der modernen Wissenschaften zusammen. Wem sie aber noch nicht trostlos genug sind, der könnte die Absicht des großen Biologen noch mit einer Metapher ergänzen, die das Gemeinte auf bildhafte Art illustriert. In der Sicht der Propheten und Religionsgründer aller Zeiten saß ein Dichter wie Dante an der Schreibmaschine, um die göttliche Komödie zu verfassen, nur dass dieser Dichter Gott selber war, der den Kosmos dabei nach einem Heilsplan erschuf, den seine Geschöpfe verstehen können. Nach Vorstellung der großen Denker seit dem 17ten Jahrhundert fällt diese Rolle dagegen einem Affen zu, der sinnlos auf die Tasten eindrischt, wobei nach Verlauf von Äonen der Zufall die göttliche Komödie bzw. den Kosmos rein mechanisch hervorbringt. Gott repräsentiert im einen Fall die verkörperte Intelligenz und Weisheit, der Affe aber das genaue Gegenteil, die verkörperte Nicht-Intelligenz, einen Fall für das Irrenhaus.

Das Besondere beider Bilder liegt

meiner Auffassung nach darin, dass man sie beide falsch nennen muss – und zwar falsch nach den Maßstäben von Wahrheit und Wissenschaft.*2* Dass das erste der beiden Bilder nicht stimmen kann, wonach Gott ein Universum erschuf, dessen Heilsplan dem Menschen rational zugänglich ist, war den Wissenschaftlern früh aufgefallen – Monod steht da in einer vierhundertjährigen Tradition. Aber auch Albert Schweitzer, großer Theologe und noch größerer Mensch, bekennt sich zu dieser Einsicht. „Die raffinierten und hinterlistigen Versuche, die Welt in optimistisch-ethischem Sinne zu begreifen, haben keinen besseren Erfolg als die naiven. Was unser Denken als Erkenntnis ausgeben will, ist immer nur eine ungerechtfertigte Deutung der Welt. Gegen dieses Eingeständnis wehrt sich das Denken mit dem Mut der Verzweiflung, weil es fürchtet, dem Problem des Lebens dann ratlos gegenüberzustehen. Welchen /moralischen/ Sinn dem Menschendasein geben, wenn wir darauf verzichten müssen, den /moralischen/ Sinn der Welt zu erkennen? Aber es bleibt dem Denken nichts anderes übrig, als sich in die Tatsachen zu fügen“.

Eine eindeutige Stellungnahme! Die größten Religionskritiker hätten sich nicht deutlicher aussprechen können als Albert Schweitzer in diesen Zeilen, wenn er die moralische Deutung der Evolution als „hinterlistig“ bezeichnet. Seit Tausenden von Jahren haben Menschen ihren Göttern Heilspläne zugeschrieben, sie erdachten sich einen Sinn für die Welt, aber der wissenschaftlich nüchterne Beobachter muss feststellen, dass die Tatsachen mit keiner dieser mythologischen Konstruktionen im Einklang stehen.

Aber das Gegenbild vom blinden und sinnlosen Zufall

deswegen weniger falsch? Nein, man muss noch ein viel härteres Wort gebrauchen, mit dem man heute dieselbe Verdammung ausspricht wie in früheren Zeiten mit den Worten „atheistisch“ oder „gottlos“. Das Bild vom Affen, der rein mechanisch auf die Tasten drischt, ist schlicht „unwissenschaftlich“ und bleibt es auch dann noch, wenn man sich mit Monod damit begnügt, den Zufall als „blind“ und „sinnlos“ zu bezeichnen. Unwissenschaftlich heißt in diesem Fall, dass wir mehr behaupten, als wir je wissen können. Denn eine Sache können wir nur dann mit Eigenschaften belegen, wenn wir sie kennen. Doch genau das ist beim Zufall gerade nicht der Fall. Wir wissen nicht, was der Zufall ist und können ihn nicht künstlich erzeugen (schon gar nicht durch einen „Zufallsgenerator“!). Jeder Algorithmus, durch den wir ihn darzustellen versuchen, auch der komplexeste, erzeugt notwendig wiederholbare Ordnungen – also das genaue Gegenteil des Zufälligen. Wer den betreffenden Algorithmus kennt, ist daher auch in der Lage, sein Resultat vorhersagen. Den echten Zufall können wir überhaupt nur dadurch imitieren, dass wir die Wirklichkeit einbeziehen, indem wir einen bestimmten Algorithmus z.B. stets dann auslösen, wenn ein echter Zufall geschieht, z.B. wenn ein mit ihm verbundener Sensor auf der Straße eine Frau mit gelbem Hemd vorbeigehen sieht. Das ist dann ein genauso zufälliges Ereignis, wie wenn ein die Straße überquerender Passant von dem Ziegel erschlagen wird, der ihm plötzlich vom Dach her auf den Kopf fällt (Monod bedient sich dieses Beispiels, um den Zufall zu illustrieren).

Dies ist eine schlichte und dennoch entscheidende Erkenntnis. Sie besagt, dass wir uns vom Zufall grundsätzlich kein Bild und keinen Begriff machen können – oder anders gesagt, dass er das Gegenteil dessen repräsentiert, was wir wissen und sogar (gemäß Heisenberg): was wir wissen können. Der Zufall ist das schlechthin Unbekannte, Undeutbare, das keine Wissenschaft zu erschließen vermag. In diesem Sinne ist und bleibt er für menschliche Erkenntnis ein unlösbares Geheimnis.

Der Philosoph und der kritische Wissenschaftler

sehen sich daher genötigt, Monods Weltbild nicht nur als naiv sondern als wissenschaftlich unhaltbar zu bezeichnen. Die Welt ist nicht sinnloser Zufall und Notwendigkeit, sondern ihre beiden Grunddimensionen sind Ordnung und Geheimnis. Die Wirklichkeit stellt sich uns auf zweifache Weise dar, einerseits als Gegenstand unseres (vermutlich unendlich erweiterbaren) Wissens, andererseits aber auch als grundsätzlich unerkennbar, denn die Grenzen unseres Wissens ergeben sich aus dem unerkennbaren Zufall.

Auch für den gläubigen Menschen hat diese Erkenntnis Folgen. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann muss er sich mit Albert Schweitzer eingestehen, dass er den Sinn, den Gott der Schöpfung gab, nicht versteht. Das heißt aber keinesfalls, dass es keinen Sinn in ihr gibt. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob es etwas an und für sich nicht gibt oder nur für unser Erkennen. Der Biologe Rupert Riedl fand dafür das passende Bild. „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos“ /also jenseits der uns erkennbaren gesetzhaften Ordnungen/. Wissenschaft ist inzwischen imstande, unendliche viele Dinge aufs Genaueste zu erklären, z.B. warum uns eine Biene sticht, ein Vulkan ausbricht oder wie ein Handy funktioniert, aber sie kann uns nichts darüber sagen, warum diese Welt und ihre Ordnungen überhaupt existieren und welchen Sinn menschliche Existenz darin hat.

Der Unterschied wirkt sich auf allen Ebenen aus

Wie anders sieht z.B. Darwins großartige Evolutionsformel aus, sobald wir uns eingestehen, dass der Zufall nicht blind und nicht sinnlos ist sondern wir darin etwas sehen müssen, über das wir prinzipiell keine Aussage machen können, weil er für uns ein unlösbares Geheimnis ist? Darwin erklärt die Entwicklung der Arten aus dem Überlebenskampf, wo Individuen, die besser an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, einen Selektionsvorteil genießen und daher die größere Nachkommenschaft aufweisen. Karl Popper hat diese Theorie bekanntlich als „metaphysisch“ bezeichnet, weil sie sich nicht widerlegen (falzifizieren) lasse und daher auch nicht beweisbar sei. Warum weiße Birkenspanner auf der ebenso weißen Rinde von Birken keinen Selektionsvorteil mehr besaßen, als die Landschaften Englands langsam verrußten und die Falter auf der dunklen Rinde für ihre Fressfeinde plötzlich viel sichtbarer wurden, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die Umwelt, an die sich jedes Lebewesen anpassen muss, ist selten so eindeutig definiert. In der Regel ist sie äußerst komplex und verändert sich in jedem Moment. Von den Lebewesen verlangt sie daher simultane Anpassungen, die sich genauso aller Berechnung entziehen wie die Kräfte der ganzen Welt, die in einem bestimmten Moment auf ein Alpha-Teilchen einwirken. Deshalb hat Darwins Theorie nie geleistet, was der Physiker von seinen Gesetzen verlangt, nämlich Vorhersagen in die Zukunft. Selbst der überzeugteste Darwinist würde nicht wagen, die zukünftige Entwicklung irgendeines bestimmten Lebewesens, geschweige denn die des Menschen, zu prophezeien (es sei denn unter Laborbedingungen, wenn alle Umweltbedingungen künstlich auf ein Minimum reduziert worden sind).

Darwin selbst hat zu seiner Zeit noch nichts von den Mechanismen

gewusst, welche der Selektion ihr „Material“ zur Verfügung stellen, also genetisch unterschiedliche Individuen. Heute beschreiben Biogenetiker längst im Detail die Mechanismen, welche zu unterschiedlicher genetischer Ausstattung führen – z.B. endogene oder umgekehrt von außen bewirkte Fehler bei der Replikation des genetischen Codes. Wichtig ist, dass der Biogenetiker es hier mit zufälligen Veränderungen (z.B. Mutationen) zu tun hat, denn würden sie gesetzhaft verlaufen, dann wäre er ja in der Lage, die künftige Entwicklung eines Lebewesens zu berechnen. Anders gesagt, sind sich die Biogenetiker mit Jacques Monod darin einig, dass hier das Reich des Zufalls beginnt – die Abwesenheit von Gesetzen. Das vermeintliche Grundgesetz Monods lässt sich daher von der Physik ebenso auf die Biologie beziehen: „Die Entwicklung der Arten ist vollständig durch Zufall und Notwendigkeit erklärt.“

Aber was ist das für eine Erklärung, wenn der Zufall für unsere Erkenntnis

reines Geheimnis ist? Sobald wir diese Wahrheit anerkennen, erhält die Formel, welche Darwins – inzwischen wesentlich ergänzte – Lehre zusammenfasst, auf einmal eine ganz verwandelte Form. „Die Entwicklung der Arten wird vollständig durch Geheimnis und Notwendigkeit erklärt.“ Offensichtlich ist das eine contradictio in adjecto, denn diese Formel scheitert an einem inneren Widerspruch. Eine Erklärung kann niemals vollständig sein, wenn sie auf einem unauflösbaren Geheimnis gründet.

Diese Einsicht ist von grundlegender Art, denn sie nötigt uns zu erkenntnistheo­retischer Bescheidenheit. Die Wissenschaft vom Leben kann sich zwar ein voll­kommenes Bild von der Deszendenz der Arten machen, d.h. von ihrer Geschichte. Aber eine vollständige Erklärung ihrer Entwicklung wird sie nie bieten können, eben weil sie als Grundelement die wissenschaftlich undeutbare Dimension des Zufalls in sich birgt.*3*

Die Revolution der Erkenntnis, die mit dem 17ten Jahrhundert begann,

bestand in einer methodisch betriebenen Suche nach Wahrheit, die nun im Prinzip für jedermann auffindbar sein soll. Wissenschaft erkennt kein Machtwort von Autoritäten an, sie ist radikal demokratisch. Aber Wissenschaft war stets in Versuchung, selbst Machtwörter zu sprechen, und genau deshalb war sie von vornherein nicht nur Wahrheitssuche sondern immer auch durch Lüge gefährdet, zumal sie von Anfang an einen mächtigen Gegner hatte: die undemokratische Machtreligion, welche sich nicht auf Vernunft sondern auf vermeintlich unanfechtbare Autoritäten berief.

Um diesen mächtigen Feind zu bekämpfen, wie sie es seit dem 17ten Jahrhundert tat und Monod noch im zwanzigsten, gab und gibt sie vor, den Menschen eine genauso umfassende, totale Erklärung der Wirklichkeit bieten zu können wie es von jeher Anspruch und Absicht der Macht-Religion ist (im Gegensatz zur kritischen Religion, die nicht vorgibt, die letzte Wirklichkeit, also Gott, zu erkennen). In dem Augenblick, wo Wissenschaft diesen Weg beschritt, gleicht sie sich ihrem Gegner an, wird zur dogmatischen Macht-Wissenschaft. Aber immer wieder sind es kritische Wissenschaftler selbst, die sich dagegen wehren. Für den Mathematiker Gödel stand es aus logisch-grundsätzlichen Erwägungen fest, dass kein System über sich selbst hinausgelangt, es scheitert an prinzipieller Unvollständigkeit (Unvollständigkeitstheoreme). Wenn er es dennoch versucht, handelt er, um im Bild des Biologen Rupert Riedel zu bleiben, so wie ein Polizeihund, der sich einbildet, die Rauschgiftszene zu kennen.

Im Unterschied zur Machtreligion,

die, wie Albert Schweitzer vehement kritisiert, hinterlistig eine optimistische Weltsicht vorgaukelt, bietet Machtwissenschaft den Menschen allerdings eine überaus traurige Perspektive. Oder gibt es eine trostlosere Vision als die Philosophie des Nichts-Als, wonach Mensch und Kosmos eben nichts Besseres seien als Mechanismen, deren Entwicklung zudem durch den blinden, sinnlosen Zufall bestimmt wird? Das ist eindeutig jene Art Wertung, die sich Wissenschaftler üblicherweise verbieten, z.B. wenn sie die Verbindung von H und O zu H2O beschreiben. Da ist weder von großartig noch von trostlos die Rede – das Geschehen wird einfach in seiner Faktizität dargestellt. Mehr kann Wissenschaft nicht, wenn sie nicht selbst zur Ideologie werden will.

Wenn wir den Zufall, eine der beiden Grunddimension der Wirklichkeit,

als Geheimnis bezeichnen, dann ist das keine Wertung sondern wir benennen ein Faktum, denn wir wissen nicht, was der Zufall ist, abgesehen davon, dass er für uns das Gegenteil aller erkennbaren Ordnung repräsentiert. Und deswegen müssen wir das Weltbild Monods, das heute auch das der meisten Wissenschaftler ist, entschieden zurückweisen und es durch ein anderes ersetzen. Wirklichkeit ist eine Architektur aus erkennbarer Ordnung und unerkennbarem Geheimnis.

Neu ist diese Erkenntnis nur für die Machtwissenschaft und die Machtreligion. Kritische Religion, zu deren größten Vertretern der Mystiker Meister Eckart gehört, hat immer darum gewusst. Kritische Wissenschaftler wie Kurt Gödel oder der vermeintliche Positivist Karl Popper, der Biologe Rupert Riedl (und viele andere mehr) haben das ebenso erkannt. Aber aus Furcht, die eigenen Grenzen zugeben zu müssen, beharren Machtreligion wie Machtwissenschaft auf der totalen Erklärung, die eine, indem sie der Welt künstlich eine optimistischen Heilsplan unterstellt, die andere, indem sie die Welt zu einem Nichts entwertet.

In unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik

die Wirklichkeit tiefer und umfassender umgestalten als das jemals die Religion vermochte, stehen wir nicht nur vor einer geistigen sondern einer nicht minder großen materiellen Bedrohung. Die größte Errungenschaft unserer Zeit: wissenschaftliche Wahrheitssuche, droht in praktizierte Sinnlosigkeit umzuschlagen, weil unser immenses Wissen und Können uns dazu verführt, den grünen Planeten, auf dem uns die Evolution bis heute ein einzigartiges, wunderbares Zuhause bot, nach und nach unbewohnbar zu machen. Welch ein eklatanter Widerspruch! Homo sapiens, der am höchsten entwickelte Primat, bringt es zwar fertig, jene Fahrzeuge zu erfinden, die ihn zu einem anderen Planeten im Sonnensystem tragen können. Es ist längst nicht mehr unrealistisch, dass er auf den öden Steinwüsten des Mars mit Luft gefüllte Containergefängnisse errichtet, wo er dann ein trauriges und abgeschiedenes Leben wie in einer Sibirischen Strafkolonie führt. Aber er bringt es nicht fertig, seinen eigenen Wohnraum, diese Erde, für eine nachhaltige Existenz zu sichern. Wissenschaft hätte uns die Möglichkeit bieten können, das Leben hier auf der Erde zum Paradies zu machen; wir sind aber im Begriff, die Erde mit ihrer Hilfe in eine unbewohnbare Hölle zu verwandeln.

Nobelpreisträger vom Rang eines Jacques Monod

haben mit der falschen, unwissenschaftlichen Philosophie des Nichts-Als diese Entwicklung geistig vorbereitet. Warum sollte man sich einer sinnlosen Welt, einem sinnlosen Leben gegenüber irgendwelche Hemmungen auferlegen? Diese Einstellung lässt die Zerstörung der Welt ebenso zu wie ihre Erhaltung – beides ist gleich weit von allem Sinn entfernt. Das ist, wie ich es nennen möchte, „falsche Aufklärung“. Wir dürfen uns daher nicht darüber wundern, dass sie eine säkulare Gegenreaktion provoziert. Die Renaissance fundamentalistischer Religionen ebenso wie das erschreckende Wuchern von artifiziellem esoterischen Sinngebräu soll die Leere ausfüllen, welche die Lüge des Nichts-Als in den Köpfen erzeugte. Wie so oft der Fall treibt der Fanatismus der einen den der anderen hervor, denn auch Monod lässt ja keinen Widerspruch zu: „Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht“ (meine Hervorhebung).

Der Dogmatismus der „Machtwissenschaft“

wird auch noch auf andere Art widerlegt. Es hätte genügt, dem Geheimnis des Zufalls einmal nicht im Großen und Ganzen von Kosmos und biologischer Evolution nachzuspüren, wo wir es nie enträtseln werden, sondern in uns selbst. Denn Evolution ereignet sich ja im Hier und Jetzt und in jedem Lebewesen. In dem Augenblick, wo wir ihn uns selbst aufsuchen, erleben wir ihn unmittelbar als sinnvoll, z.B. in der Musik. Ihre elementare Wirkung auf unsere Psyche beruht auf der Resonanz, dem Wiedererkennen. Wir lieben die Schönheit einer musikalischen Architektur, z.B. einer Sonate von Mozart oder Bach, weil sie nicht nur als äußere Tonfolge auf uns einströmt, sondern die Elemente dieser Ordnung bereits in uns vorhanden sind, so dass es zu einer Wiederbegegnung kommt. Der musikalische Genuss kommt ja gleichermaßen von außen wie von innen, ohne Resonanz, d.h. unser aktives Miterleben, würde Musik nichts in uns bewirken.

Aber Musik ist weit mehr als nur bestimmte Ordnung oder Architektur, die wir als Teil unserer Kultur verinnerlicht haben; sie ist zugleich Ausbruch aus dieser Ordnung, unberechenbares Spiel mit den architektonischen Grundelementen. Eine Musik wird schlecht, langweilig oder kitschig, wenn sie uns berechenbar erscheint, weil sie tonal oder rhythmisch nichts Neues zu bieten hat, wir also in jedem Moment ihren weiteren Verlauf schon vorausahnen können. Die große Musik überrascht uns gerade dadurch, dass wir mit größter Intensität wieder-erkennen, und sie uns doch als völlig unberechenbar erscheint, weil wir die auf uns einströmenden Einfälle, Variationen, plötzlichen Entdeckungen eben nicht voraussehen, geschweige denn vorausberechnen können. Dadurch erhält der Zufall, dort wo wir ihn selbst erleben, eine Qualität, die weit hinausreicht über alles bloß Zufällige. Wir erleben ihn als den höchsten Sinn überhaupt, weil er sich als Quelle des Glücks erweist. Er ist Kreation, aber nicht von Sinnlosigkeit sondern von Fülle. Das aber gilt nicht nur für die Musik sondern für alle kulturellen Kreationen, die ja unseren eigenen, den menschlichen Beitrag zur Evolution darstellen. Auch in diesem Fall bleibt das dadurch erfahrene Glück ein Geheimnis, das wir auf keine Formel bringen können, aber seine Wirkung ist deswegen nicht weniger real. Real genug jedenfalls, um das trostlose Weltbild Monods, das dem heute vorherrschenden weitgehend entspricht, entscheidend zu modifizieren.

*1* Dass der Zufall in wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicht von null bis eins reichen kann, also von totaler Unvorhersehbarkeit bis zum sicheren Eintreten eines Ereignisses, besagt nur, dass der Übergang von erkennbarer Ordnung zu unerkennbarem Chaos ein gleitender ist.

*2* Vgl. mein Buch „Schöpferische Vernunft“.

*3*  So wie wir einer potentiellen Unendlichkeit gegenüberstehen, wenn wir die Gesamtheit der Fakten erfassen wollen, an welche ein Lebewesen sich anpassen muss, so haben wir es auch mit einer potentiellen Unendlichkeit von möglichen Reaktionen auf diese Gegebenheiten zu tun. Wir haben Magnetfelder, infrarotes und ultraviolettes Licht, Ultraschall etc. als mögliche sensorische Fähigkeiten bei bestimmten Lebewesen erkannt, womit diese sich Überlebensvorteile verschaffen, aber wir wissen nicht, wie viele andere Phänomen es gibt, welche die Lebewesen zu diesem Zweck noch verwenden könnten. Schon aus diesem Grund fehlt Darwins Lehre die prognostische Fähigkeit.

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Von Herrn Hans Oberländer aus Jena erhalte ich per Mail folgende Rückmeldung:

Sehr geehrter, lieber Herr Jenner,

Ihr letzter Essay beeindruckte mich ungemein. Weil Sie nach meinem Empfinden Evolution in ein bisher so nicht erfahrenes philosophische Licht rückten und so meine Weltanschauung bestärkten – ich zähle mich zu einem „modifizierten intelligent Designer“. Gemeint ist, dass das Göttliche sein großartiges Naturgesetz Evolution nicht einfach „kalt ablaufen“ lässt, sondern Einfluss nimmt. In der Nähe von Bifurcationen verwirklichen sich dann extrem unwahrscheinliche Potentialitäten. Ein beobachtetes Beispiel nannte ich Ihnen wohl bereits: Dass ich Ihnen hier schreiben kann und nicht wie alle anderen Menschen atomar während 40 Jahre Kalter Krieg vernichtet wurde, ist mit kleiner ein tausendel extrem unwahrscheinlich und für mich indirekter Beweis der Existenz des Göttlichen, Urgrund und Schöpfer allen Seins. Mystik in ihren drei Hauptstufen Eingebung, Allbewusstsein, Auftrag ist hierbei bedeutungsvoll, siehe Kurztext „Über Mystik“.

Ich wurde durch Ihr Essay zum Nachdenken angeregt und habe meine Überlegungen Ihrem Text als Fußnoten angefügt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie sollten als respektvolles Weiterdenken verstanden werden. Für mich besteht Geistige Evolution maßgeblich darin, dass jemand eine Idee, ein Konzept entwickelt, welches nicht vollkommen ist, ja (als Erstimpuls) kaum sein kann. Stößt es auf kritische, ja ablehnende Resonanz, führt es zum Effekt des Weiter- oder Konträrdenkens anderer, zu dem es ohne den Erstimpuls nicht gekommen wäre. 

Herzlich grüßt aus Jena Ihr Oberländer

Meine Replik:

Lieber Herr Oberländer,

Göttliches, für den Menschen begreifliches Design (gleichgültig ob modifiziert oder nicht) ist jene vorherrschende Deutung des Weltgeschehens, welche wohl 95% aller Menschen für die einzig richtige hielten, weil es ein verständliches Wunschbild ist. Albert Schweitzer und meine Wenigkeit sind da anderer Meinung. Gewiss, „Geheimnis“ ist weniger befriedigend als Design, aber viel befriedigender als „sinnloser Zufall“ – vor allem aber ist diese Alternative rational begründbar. Sie steht mit allem in Einklang, was wir wissen und wissen können!

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Von Herrn Bernd Winkelmann aus Adelsborn bekomme ich – per Mail – folgende Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Dr. Jenner.

Ihr Aufsatz „Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion“ ist für mich mal wieder Anlass, mich für die Zusendungen Ihrer Schriften zu bedanken. Diese Letzte kam gerade zur rechten Zeit, da ich mich z.Zt. mit diesen Fragen einmal mehr befasse; so in dem Versuch einer kleinen Studie „Gott ist im Werden – Skizzen einer posttheistischen Evolutionstheologie.“

Ich kann Ihren Ausführungen generell zustimmen. Sie sind für mich eine sehr hilfreiche Anregung. 

Hier nur einige eigene Gedanken und Fragen dazu:

  • Wenn „Zufall“ nur das Noch-Nichtwissen von Ursachen-Folge-Ketten ist, dann ist die Welt voll determiniert und es gibt keinen wirklichen Zufall (und auch keinen freien Willen). Auch der Dachziegel, der vom Dach fällt und einen Mann trifft oder nicht trifft, wäre in einer unendlich langen Ursachen-Folge-Kette von Ziegel und Mann bestimmt.
  • Sehr gefällt mir ihre Grunddimension „Ordnung und Geheimnis“. „Geheimnis“, wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Offene, nicht rational Fassbare, aber eben nicht einfach Zufall oder Willkür. „Geheimnis“ meint mehr als „unbekannt“. Im Geheimnis schwingt immer ein „Mysterium“ mit, eine rational nicht fassbare Wahrheit und Kraft, die das Wesentliche ist und mich unmittelbar anspricht. Von Einstein ist ja das Zitat bekannt: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.“
  • Meines Erachtens kommt das dem nahe, was in der Relativitätstheorie, Quantenphysik und Unschärferelation als das Unbestimmbare umschrieben wird, ein „Potentialität“ als Hintergrund der subatomaren Wirklichkeit, die offen ist, „Geheimnis“ ist, eben rational nicht fassbar ist – oder fassbar nur in einer Wissenschaft, die das „Mystische“ einbezieht?
  • Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen von Wirklichkeitserfahrungen: einmal die rationale, verobjektivierende, wie sie in den Naturwissenschaften wie im praktischen Leben üblich und nötig ist; zum anderen die subjektive, intuitive, spirituelle Ebene, wie sie in Wahrheits- und Sinnfragen, im Zwischenmenschlichen, in der Liebe, in Kunst und Spiritualität als „Geheimnis“ erfahren wird. Sie haben zum Schluss Ihres Textes mit dem Hinweis auf die Musik dafür ein schönes Beispiel gegeben. Ich nenne diese Ebene auch Transzendenzerfahrungen. Ich meine, dass wir gleichsam „in einem Meer von Transzendenz schwimmen.“ 
  • Für mich ist es immer wieder unbegreiflich, wie die naturalistischen „Machwissenschaftler“ zwar begeistert von den „Wundern“ und den außerordentlichen „Einfällen der Evolution“ sprechen, zugleich aber behaupten, dass es darin keinen Sinn gibt und nur alles Zufall wäre (z.B. Schmidt-Salomon in „Hoffnung Mensch“). Wie kann es und wozu kann es sinnvolle Einfälle der Evolution, den Kosmos, das Leben  geben, wenn es dahinter keinen Sinn gibt? 
  • Für mich ist die Frage nach einem „Sinn“ im Sein, nach dem Woher und Warum der Evolution, des Kosmos, des Lebens, nach einer sinngebenden Tendenz in allem Sein zwingend. Ich sehe die Evolution und alles Sein als immer größere Entfaltung in wachsender Vielfalt, auch Schönheit und Synergie. Liegt nicht in dieser Entfaltung der Sinn des Seins, der Evolution, des Lebens? Und liegt hierin nicht auch die Aufgabe unseres Lebens? Diese Wahrheit ist rational nicht beweisbar, sie bleibt Geheimnis. Sie kann nur existentiell erfahren werden.
  • Ich meine, dass wir nur von hierher der Trostlosigkeit eines nur zufälligen Kosmos und sinnlosen Seins widerstehen können. Hier liegt wohl auch der wahre Kern aller Religion, so oft sie auch in allen „Machtreligionen“ pervertiert wurde. Und von hierher kann „Gott“ neu gedacht werden, jenseits der alten theistischen Gottesbilder. Heute wäre es Aufgabe der Religion, sich von den alten Weltbildvorstellungen zu lösen und sich auf der hier angedeuteten Ebene neu zu artikulieren.

Seien Sie mit guten Wünschen herzlich gegrüßt von 
Bernd Winkelmann. 

Von Herrn Dr. Hans-Werner Franz aus Dortmund erhalte ich per Mail folgende Nachricht:

Guten Tag, Herr Jenner,

ich ziehe es vor, bei Zufall und Notwendigkeit zu bleiben. Zwar mag die apodiktische Form, in der  Monod sie begründet, umstritten sein, festzustehen scheint mir jedoch, dass Ordnung und Geheimnis nichts erklären. Ordnung entsteht durch Notwendigkeit und Zufall. Geheimnisse sind Geheimnisse sind Geheimnisse, schaffen aber keine Fakten, Zufälle schon.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Werner Franz

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Franz

Völlig richtig haben Sie gesehen, dass der Zufall nichts erklärt. Er stellt im Gegenteil die Grenze für alles Erklären dar. Dies aufzuzeigen ist ja auch der Sinn meines Artikels, der deshalb eine besondere Brisanz im Hinblick auf die vermeintliche „Erklärung“ der Evolution nach Darwin erhält. Anders als Sie annehmen beruht Erklärung allerdings auf dem Nachweis von Ordnung (Gesetzen). Rückblickend auf das Vergangene deckt sie dessen Ordnungen auf. Alfred North Whitehead hat wissenschaftliches Erklären auf die denkbar kürzeste Formel gebracht: „Search for measurable elements among your phenomena, and then search for relationships among these measures of physical quantities“. GJ.

  

Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

Steven Pinker: Bitte schön, mit Toten rede ich nicht; ihr habt eure Zeit gehabt, jetzt geben die Lebenden den Ton an. Was ihr damals geliefert habt, war nichts als Dichtung, will sagen Fantasterei. Ich habe an Hand von belastbaren Zahlen bewiesen, dass heute nahezu alles weit besser ist als in der Vergangenheit. Die Menschen leben länger, sie töten sich weniger, sie essen besser, haben weniger Krankheiten als je zuvor – und das obwohl ihre Zahl in zweihundert Jahren um das Siebenfache gestiegen ist.*1* Gibt es einen besseren Beweis, um Euch Schwarzmaler und Untergangspropheten, lebende wie tote, ad absurdum zu führen?

Huxley: Oh gewiss, den Beweis gibt es. Er wird uns gerade geliefert. Während ihr dem Menschen das Paradies vorgaukelt, breiten sich Seuchen in immer kürzeren Abständen und mit immer größeren Verheerungen aus. Erst unter den Tieren. „Hunderttausende eng zusammengepferchte Tiere, die darauf warten, zum Schlachthof gebracht zu werden: ideale Bedingungen für die Mutation von Mikroben zu tödlichen Krankheitserregern.“*2* Dagegen kommt man nur an, indem man sie vollstopft mit Antibiotika (mit denen wir dann anschließend auch uns selbst vergiften). Trotzdem müssen in kurzen Abständen ganze Populationen von Schweinen, Rindern, Hühnern, Gänsen etc. gekeult, gemetzelt, vergast und vergraben werden.

Pinker: Na und? Das ist doch nicht mehr als ein technisches Problem, das wir auf diese Weise erfolgreich beseitigen. Das Kranke wird ausgemerzt, das Gesunde bleibt übrig, wo ist da das Problem?

Huxley: Das Problem beseitigen wir nie, solange der Lebensraum für Tier und Mensch immer enger wird. Wir selbst werden unsere Zahl innerhalb von nur dreihundert Jahren ja verzehnfacht haben. Die Entstehung von epidemischen Seuchen wie Cholera, Pest, Grippe, Typhus und Pocken setzt eine gewisse Bevölke­rungsdichte voraus, um eine effektive Übertragung von Krankheitskeimen zu erlauben. Die haben wir längst erreicht. Bis zum heutigen Tag wurde Europa regelmäßig von Seuchen heimgesucht. Keine war so mörderisch wie die sogenannte Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920. Diese von Soldaten in Amerika und Europa durch das Influenzavirus H1N1 verbreitete Epidemie tötete innerhalb eines einzigen Jahres fast so viele Menschen wie der Schwarze Tod innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, nämlich zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, weit mehr als die 40 Millionen Soldaten, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen.

Aber im Vergleich zu damals könnte sich das Problem in Zukunft um vieles verschärft. Inzwischen verlangen nicht nur westliche Wohlstandsbürger nach immer mehr Fleisch sondern China und bald auch Afrika und die ganze übrige Menschheit. Und um diesen Hunger nach Fleisch zu befriedigen, benötigen wir für alle Nutztiere zusammen eine Fläche, die jetzt schon der Größe des afrikanischen Kontinents entspricht. *3*

Anders gesagt, stellen wir genau jene Bedingungen her, unter denen die Schädlinge florieren, und zwar nicht nur unter den Tieren sondern ebenso auch im Rest der Landwirtschaft. Den Monokulturen unter den Tieren entsprechen die Monokulturen unter den Pflanzen. Auch diese werden von Seuchen verheert. Inzwischen belasten wir die uns umgebende wirtschaftlich genutzte Fläche mit Unmengen von Giften, und zwar jedes Jahr mit neuen und stärkeren, um die Ernten vor Heerscharen von dauernd mutierenden Schädlingen zu retten. Wo einst das Volk der Dichter und Denker die Natur in romantischen Versen besang, schlagen uns heute widerliche Pestdünste entgegen. Wer wird noch mit Wohlgefallen durch frisch mit Pestiziden bespritzte Weinbaugebiete oder durch Obstanlagen spazieren? Dort lässt der Teufel seine Furze knallen, das sind Gefilde von bestialischem Gestank.

Pinker: O ja, ich sehe schon Aldous, Du bist ein griesgrämiger Spielverderber. Du mäkelst an den Kinderkrankheiten herum, die es natürlich von jeher gab und die es mit Sicherheit auch in Zukunft immer geben wird, statt vor den großartigen Errungenschaften unserer Zeit in Ehrfurcht zu erschauern, wahren Höhenflügen des menschlichen Geistes, die uns bis ins Atom und in das Genom lebender Arten ins Allerkleinste hinab und bis in den Kosmos hinauf ins Allergrößte führten. Aber Du kannst ganz beruhigt sein, irgendwann werden unsere Pflanzenschutzexperten geruchlose Gifte erfinden und dann kann man so sensible Romantiker und Dichterlinge wie euch von neuem in die Weingärten schicken, damit ihr die Trauben mit Versen bekränzt. Den Wein trinkt ihr doch sowieso, jedenfalls kenne ich keine nüchternen Dichter. Ich sage Euch, wir Wissenschaftler haben bisher noch alle Schwierigkeiten bemeistert.

Huxley: Nein, das habt ihr nicht. Ihr seid so trunken von eurem Geist und faustischem Machen, dass ihr das Menetekel, obwohl es ganz nahe ist, nicht einmal in den Blick bekommt. Es geht ja nicht mehr allein um die Tiere, es geht um uns, es geht um die Menschen, denn unsere explodierende Zahl hat dafür gesorgt, dass neben die Massentierhaltung längst schon die Massenmenschhaltung getreten ist. In den großen Betonmetropolen der Welt lebt unsere Spezies inzwischen auf ähnlich engem Raum zusammengepresst wie die Tierpopulationen, die wir täglich verspeisen. Was wir den Tieren antun, das haben wir anschließend immer auch uns selbst angetan. Die Coronakrise hat zwar nicht dazu geführt, dass wir uns gegenseitig in Nacht- und Nebelaktionen massenschlachten, aber wochen- oder monatelang sperren wir uns in unseren Wohnkasernen ein, um uns nur nicht durch gegenseitigen Kontakt zu verseuchen.

Pinker: Und was soll dieses Gejammer? Am Ende werden wir einen Impfstoff erfinden – und damit ist das Problem überwunden.

Huxley: Gewiss werden wir einen Impfstoff erfinden, vielleicht sogar geruchlose Gifte. Aber das heißt doch nur, dass wir gezwungen sind, in immer schnellerem Tempo die Gegenmittel zu suchen, mit denen wir die von uns selbst erzeugten Schäden beseitigen. Aus der Ära einer fortschrittlichen Gesellschaft, die mit immer neuen Erfindungen, das Leben der Menschen verbessert, sind wir seit dem vergangenen Jahrhundert in die Ära der Risikogesellschaft übergewechselt, wo wir uns vorsehen müssen, dass aus einem Atomkraftwerk nicht eine Atombombe wird (Tschernobyl oder Fukushima). Im 21. Jahrhundert aber sind wir in die Ära der Reparaturgesellschaft eingetreten, wo wir vor allem damit beschäftigt sind, die von uns in zweihundert Jahren Industrialisierung verursachten Schäden an Luft (CO2), Böden (Zerstörung des Humus) und Wasser (Plastikmüll) wenigstens einzudämmen.

Das aber ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der immer teurer und aufwändiger wird. Da die Weltbevölkerung einerseits immer größer wurde, andererseits immer besser ernährt werden will, brauchen wir mehr und mehr Energie, nur um unsere elementaren leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute erkennen wir, dass die sogenannte industrielle Revolution vor allem eine Energierevolution ist. Die in Millionen Jahren im Boden gespeicherten Energiereserven des Planeten haben wir rücksichtslos geplündert – und tun es auch heute noch. Nur deswegen ist innerhalb von nur zweihundert Jahren alles exponentiell gewachsen: der Energieverbrauch ebenso wie der materielle Lebensstandard gemessen am BSP.

Energieverbrauch: Im Jahr 1800 belief sich dieser Verbrauch auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill).

BSP: Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven ist offensichtlich. Natürlich wären Kohle und Öl ohne die Erfindung von Dampfmaschine, Diesel- und Elektromotor nie zur Wirkung gelangt. Aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und Nutzung fossiler Rohstoffe bilden eine unauflösliche Einheit. Nur, weil wir den Planeten gnadenlos plünderten, geht es uns heute so gut.

Pinker: Richtig. Es geht uns heute so gut wie nie in der Geschichte. Das habe ich in meinem wegweisenden Buch „Enlightenment Now“ an vielen Indikatoren nachgewiesen.

Huxley: Gewiss, das Buch ist eine einzige Lobeshymne auf den menschlichen Erfindungsgeist, aber die dunkle Kehrseite der Medaille bleibt leider ganz ausgespart. Jeder objektive Beobachter muss doch begreifen, dass das weltgeschichtliche Experiment mit den im Erdmantel verborgenen Energiereserven sich als Strohfeuer erweisen wird, da ihm keine dreihundert Jahre beschieden sind, denn die Vorräte gehen rapide zur Neige – und schlimmer noch die Rückstände aus der Verbrennung (CO2) heizen den Globus so auf, das die Meere die großen Küstenstädte unter Wasser setzen und Millionen von Menschen vertreiben werden. Den Scheitel der Gaußschen Normalverteilung von Aufstieg und Niedergang haben wir bereits überschritten. Selbst wenn unsere Vorräte unbegrenzt wären, dürfen wir sie nicht länger nutzen, weil wir den Klimawandel dadurch nur weiter beschleunigen. Unser Reichtum ist so eng an die fossile Verbrennung gekoppelt, dass man nur staunen kann, wie sehr in den meisten Regierungen und selbst unter Ökonomen noch immer die Optimisten den Ton angeben – Optimisten, die sich mit seltsamer Naivität an die Mär vom ewigen Wachstum klammern.

Ob man wir es wahrhaben wollen oder nicht: mit dem Wachstum ist es vorbei, sobald sich unser Vorrat an fossilem Gold erschöpft. Vielleicht – so eine naheliegende Befürchtung – werden wir dann sogar in die Armut früherer Epochen zurückgestoßen. Das ist jedenfalls die Meinung, welche das wissenschaftliche Autorenkollektiv unter der Leitung von Ugo Bardi vertritt.*4* Auf jeden Fall steht uns eine Lebensweise bevor, bei der wir mit jener Energiemenge auskommen müssen, welche die Sonne für unser Territorium bereithält. Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*

Pinker: Wie ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber dann wird uns die Fusionsenergie zur Hilfe kommen, indem sie uns für alle Zeit mit einem Füllhorn an Energie überschüttet. Siehst Du denn nicht, mein Lieber, dass wir die bisher einzige Art auf dem Globus und vielleicht im ganzen Kosmos sind, die den Geist zur Entfaltung brachte und daher auf jedes Problem am Ende die richtige technische Antwort findet? Für mich ist das nicht weniger als die eigentliche Definition dessen, was uns überhaupt erst zu Menschen macht: Wir sind die problemlösende Spezies.

Huxley: Und ich bedauere, Dir abermals widersprechen zu müssen. Wir sind die problemblinde Spezies, denn wir stehen ganz nahe am Abgrund, nur das es beinahe niemand in der Bevölkerung merkt – oder richtiger: merken will. „Hören Sie sich in dieser Zeit der Krise die Nachrichten, die gewählten Politiker oder die Wirtschafts- und Politikexperten an. Sie werden praktisch keinen Hinweis auf den Klimawandel hören…, auf Waldbrände, den Verlust der biologischen Vielfalt, die Verschmutzung der Ozeane, den Anstieg des Meeresspiegels, die Abholzung der Tropenwälder, die Verschlechterung der Land-/Bodensituation, die Ausdehnung des Menschen in die Wildnis usw. usw., und es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Trends miteinander und mit der Pandemie in Verbindung stehen.“*6*

Deine Vision von der unbegrenzten Fusionsenergie, lieber Steven, würde nämlich erst recht das Ende bedeuten. Energie dient ja vor allem dazu, um Stoffe umzuwandeln. Inzwischen gehen alle von uns benötigten Stoffe jedoch rapide zur Neige: Kupfer, seltene Erden, Phosphor, ja selbst der für den Beton benötigte Sand. Eine unbegrenzte Energiezufuhr würde nur bewirken, dass wir alle noch vorhandenen Ressourcen sozusagen in einem einzigen wilden Festschmaus verbrauchen – woraufhin wir uns denn am Ende nackt auf einem kahlen Planeten drängen. Zwar brauchen wir immer mehr Energie, um die Nahrung für bald zehn Milliarden Menschen hervorzubringen, aber die dazu benötigte Energie geht uns aus. Übrigens auch die grüne Energie. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.*7*

Pinker: Hör auf! Solche Schwarzmalerei, Aldous, ist ein Verbrechen an den jetzt lebenden Menschen und an künftigen Generationen. Sie verdüstert den Geist und lähmt die Erfindungskraft. Der beste Beweis dafür, dass der Mensch eine einzige Erfolgsstory ist, liegt doch in unserer Zahl. Wir sind Überlebenskünstler. Während zur Zeit der Jäger und Sammler nur Horden von allenfalls bis zu hundert Menschen die Savannen durchstreiften, schießen inzwischen Millionenstädte auf sämtlichen Kontinenten aus dem Boden. Charles Darwin, nach Newton zweifellos der größte Wissenschaftler, hat uns vor anderthalb Jahrhunderten die richtige Theorie dazu geschenkt. Wer im Lebenskampf besser gerüstet ist, der setzt sich durch, bekommt die größte Nachkommenschaft und beherrscht den Globus.

Huxley: Bedaure, dass ich abermals widersprechen muss. Darwins Theorie kann nicht stimmen, denn der Gegenbeweis durch die vorhandenen Fakten steht uns doch in Gestalt der Statistik vor Augen. Würden wir alle Säugetiere auf eine Waage stellen, ist der Mensch nur mit 36% der gesamten Biomasse vertreten. Mit insgesamt gerade einmal 4% sind Elefanten, Tiger, Robben, Wale etc. schon praktisch ausgerottet. Die große Masse von 60% bilden Rinder, Schweine, Hühner und Co., also die Nutztiere. Offensichtlich repräsentierten diese die bei weitem erfolgreichsten Arten – mit der Theorie Darwins lässt sich das nur über intellektuelle Hilfskonstruktionen in Einklang bringen. Wir selbst und unsere Nutztiere haben uns innerhalb von nur zweihundert Jahren wie Heuschrecken und Lemminge vermehrt und sollten eigentlich wissen, womit eine solche Bevölkerungsexplosion regelmäßig endet, nämlich in einem Bevölkerungskollaps. Darwin hin oder her – ich sehe nicht, wie man darin einen Erfolg sehen kann.

Pinker: Ach, darauf willst Du hinaus. Die Natur wird sich selber helfen – mit Kriegen, Seuchen, Hungersnöten usw., damit dann am Ende eine kleine Schar übrigbleibt, die dann wieder jagen und sammeln geht, so wie vor zehntausend Jahren? Die Leier kenne ich, davon will ich nichts hören. Um Dir die Wahrheit bei dieser Gelegenheit einmal rundheraus ins Gesicht zu sagen. Ich bin ja sonst für die Freiheit und gegen die Zensur, aber solchen Spielverderbern und Miesmachern wie euch sollte man schlicht das Wort verbieten.

Dabei würde ein kleines Gedankenexperiment doch schon genügen, um euch zu zeigen, wie wenig dramatisch unsere Situation in Wirklichkeit ist. Würden wir alle sieben Milliarden Menschen in eurem Zwergstaat Österreich unterbringen, dann kämen auf jeden einzelnen immer noch 12m2, also sechs mal zwei Meter, das entspricht einem günstigen Wert für Gefängnisse, in denen so mancher Zeitgenosse sein ganzes Leben zubringen muss. Da kann doch von Übervölkerung überhaupt keine Rede sein. An eurer Schwarzmalerei stört mich vor allem, dass sie geistig so unfruchtbar ist. Wenn ihr euch schon berufen glaubt, jede Errungenschaft unser großartigen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation kritisch zu hinterfragen, dann sagt doch bitte, wie es besser zu machen wäre. Kritik allein ist eine Krankheit, die niemandem nützt, solange sie nicht zugleich mit einem Rezept zur Heilung verabreicht wird.

Huxley: Diesen Einwand akzeptiere ich. Da bin ich ganz deiner Meinung, aber ich verlange nun auch, dass Du die ungeheure Schwierigkeit begreifst, vor der wir heute stehen. Die plötzliche Vermehrung einer Art über die biologische Tragfähigkeit des Ökosystems hinaus, ist ein Unglück, für das es in der Natur leider unendlich viele Beispiele gibt. Lemminge und Heuschrecken habe ich schon erwähnt, aber bei Bakterien und Viren ist eine exponentiell-explosionsartige Vermehrung die Regel. Stets hilft die Natur sich auf die brutale Art: sie lässt den Überschuss untergehen. Wir Menschen haben uns gegen diese Grausamkeit nie aufgelehnt, solange sie andere Arten betraf. Da erschien sie uns ganz „natürlich“. Nun aber stehen wir selbst mit unseren bald zehn Milliarden Individuen einem Ökosystem gegenüber, das dieser Last nicht länger gewachsen ist. „Selbst bei den derzeitigen globalen Durchschnittswerten des Verbrauchs (etwa ein Drittel des kanadischen Durchschnitts) übersteigt die menschliche Bevölkerung bei weitem die langfristige Tragfähigkeit der Erde.  Wir bräuchten fast fünf erdähnliche Planeten, um allein die gegenwärtige Weltbevölkerung bei durchschnittlichen kanadischen materiellen Standards unbegrenzt zu versorgen.“*8*

Ja, wir haben es materiell sehr viel besser als die ganze Menschheit vor unserer Zeit – da hast Du völlig recht. Aber sobald wir begreifen, dass uns dies nur gelang, weil wir den Planeten in kurzer Zeit wie die Heuschrecken kahlgefressen haben, sieht das Bild doch ganz anders aus. Nur wir, die Du als Schwarzmaler und Kassandras schmähst, weisen auf die Gefahr. Wir sagen so laut wir können, dass die Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert alles unternehmen müsse, damit die Natur nicht die übliche Prozedur der brutalen Vernichtung des Überschusses so an uns vollzieht, wie sie das schon immer an Heuschrecken tat. Oder dass sie uns selbst nicht etwa zu ihrem Vollstrecker macht, weil wir mit Kriegen um die letzten Rohstoffe uns gegenseitig vernichten. „Es gibt keine Ausnahmen vom 1. Gesetz exponentieller Vermehrung: Diese zerstört unweigerlich die Bedingungen, die die Vermehrung begünstigt haben, und löst damit den Zusammenbruch aus.“*9*

Pinker: Na schön, dann kommen wir jetzt ja doch noch zur Hauptsache. Sag mir also,  wie die Welt nach Deiner Meinung aussehen soll. Entweder zurück zur Bedürfnislosigkeit der Steinzeitmenschen oder eine radikale Verminderung unserer Kopfzahl, wie es die Natur bei den Heuschrecken macht. Darauf läuft Dein Rezept doch hinaus?

Huxley: Es wundert mich, dass Du den Menschen so unbefangen mit Heuschrecken vergleichst, obwohl Du doch seine durch Aufklärung gewonnene Vernunft als ein ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnendes Merkmal siehst. Dir sind die wissenschaftlichen Untersuchungen sicher bekannt, die an einer Fülle von Fakten belegen, dass wir den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard bei einer Bevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen nur noch eine kurze Zeit aufrechterhalten können. Noch in diesem Jahrhundert wird das energetische Strohfeuer erlöschen. Wollen wir diesen Kollaps vermeiden und eine nachhaltige Welt begründen, dann erreichen wir dieses Ziel nur auf zweierlei Art: entweder reduzieren wir unseren Naturverbrauch auf etwa ein Fünftel, oder es dürfen nur noch zwei Milliarden Menschen den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard genießen.

Pinker: Bravo, ich wusste schon, darauf läuft es bei euch hinaus. Entweder der radikale Verzicht, indem wir alle eine Existenz von Bettlern führen oder fünf der vorhandenen sieben Milliarden Menschen werden schlicht als überflüssig erklärt. Vielleicht entsorgt ihr sie auf dem Mars?

Huxley: Ja, ja, das ist der übliche Spott, wenn das Denken vor einer existenziellen Bedrohung in den Fluchtreflex fällt. Ich weiß schon, Du denkst an das unselige Buch von Ilya Trojanow „Der überflüssige Mensch“. Aber keiner, der sich für eine sinnvolle Bevölkerungspolitik einsetzt – das hatte seinerzeit schon Bertrand Russell getan – hat auch nur einen Augenblick daran gedacht, Bevölkerungspolitik in dem Sinne misszuverstehen, dass man irgendeinen Teil der bereits lebenden Menschen als überflüssig erklärt. Ein derart abwegiger (und verbrecherischer) Einfall kann nur Demagogen einfallen. Es geht darum, durch Geburtenbegrenzung auf dieses Ziel hinzuarbeiten, so wie man es in China mit Erfolg bereits tat. Mit seiner fallenden Geburtenrate hat auch Europa der Welt ein nachahmenswertes Beispiel geliefert.

Pinker: Ach wirklich? Und warum jammern Unternehmen, Politik und Pensionisten in einem fort darüber, dass ihnen die Arbeitskräfte fehlen und künftig sogar das Geld, um die Pensionisten zu erhalten? Und warum lässt man in Europa aus aller Welt Fremde über die Grenzen strömen, nur um die fallenden Geburtsraten auf diese Art auszugleichen? Da freut sich keiner über das Beispiel, alle scheinen in dem demographischen Rückgang nichts als ein nationales Unglück zu sehen.

Huxley: Da muss ich Dir leider recht geben. Führende Wissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass eine radikale Beschränkung der Geburten die einzig vernünftige Politik darstellt, wenn wir der ökologischen Katastrophe entgehen wollen. Alles: die Überfischung der Meere und ihre rapide Vermüllung mit Plastik, die Vergiftung der Atmosphäre mit CO2, die baldige Erschöpfung der Energiereserven, die zunehmende Bedrohung durch alle Arten von Seuchen in einer total überfüllten Welt, all dies lässt sich nur überwinden, wenn es einer konsequenten Bevölkerungspolitik gelingt, die Geburtenzahl innerhalb dieses Jahrhunderts auf einen Bruchteil zu reduzieren. Statt jedoch das chinesische und europäische Beispiel der Welt als Lösung des gegenwärtig größten Menschheitsproblems vor Augen zu stellen, jammern wir über die Gefährdung der Renten. Statt den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Geburtenüberschuss alle Nachhaltigkeit vereitelt, eine radikal andere Politik zu empfehlen und sie von uns aus zu unterstützen, öffnen wir unsere Grenzen und ermuntern diese Länder im Gegenteil noch dazu, bei ihrer bisherigen Bevölkerungspolitik zu bleiben.

Pinker: Verstehe ich dich recht, wir sollen die Grenzen schließen? Da spricht auf einmal der inhumane, brutale Nationalegoist. Der lässt andere jenseits der Grenzen eher sterben, als dass er ihnen die Einwanderung erlaubt

Huxley: Ich gebe zu, dass Du da einen wunden Punkt berührst – und einen noch dazu intellektuell außerordentlich problematischen. Lassen wir die Migration einen Augenblick beiseite und betrachten dasselbe Problem unter einer anderen Perspektive, wo wir uns vielleicht eher einigen können.

Es scheint mir offensichtlich, dass jeder Staat in Zukunft den von ihm produzierten Müll selbst entsorgen muss. Immer mehr Staaten (die man einst als Dritte Welt von oben herab behandelte) weigern sich inzwischen, das eigene Territorium damit zu vergiften. Diese Entwicklung sollten wir bejahen. Nur dadurch dass wir gezwungen sind, mit dem Problem selbst fertig zu werden, finden wir zu Strategien der Müllvermeidung. Die Verantwortung für das eigene Handeln muss wieder bei dem Handelnden selber liegen, ganz gleich ob Individuum, Unternehmen oder Staat. Was für den Müll gilt, sollte aber ebenso für die industrielle Produktion überhaupt gültig sein. Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir im Ernstfall alles Lebensnotwendige wenn nicht im  eigenen Land so doch innerhalb der existierenden Staatenbünde wie z.B. der Europäischen Union produzieren sollten. Wir dürfen uns nicht in existenzielle Abhängigkeit bringen, indem wir uns auf eine Werkbank am anderen Ende der Welt verlassen.*10* Zwar würde in einer idealen Welt, wie sie die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft beschreibt, ein völlig freier Handel allen Menschen den größten Wohlstand bescheren, aber wir haben bisher nie in einer solchen Welt gelebt, und wir werden auch erst unter einer künftigen Weltregierung dazu gelangen.

Ja, und damit komme ich zu Punkt drei. Jeder Staat (oder Staatenbund) sollte nur so viele Menschen auf seinem Gebiet beherbergen wie dort nachhaltig leben können. Dieser Schluss scheint mir unausweichlich zu sein.

Pinker: Sehr interessant und überaus seltsam. Weißt Du auch, was Du damit sagst? Das ist ein Programm, um 150 Jahre Globalisierung rückgängig zu machen. Du willst zurück in die Welt, wie sie es vor tausend Jahren gab, als China, Indien, Europa, Australien und Amerika entweder nichts voneinander wussten oder zumindest so gut wie nichts voneinander brauchten, um ihre unmittelbaren materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Huxley: Wenn das so einfach wäre! Habe ich nicht gerade zuvor bemerkt, dass wir hier einer großen Herausforderung gegenüberstehen? Jede der drei Großmächte kann jeden beliebigen Punkt auf der Erde mit nuklearen, chemischen und biologischen Waffen so verseuchen, dass die gesamte Menschheit davon betroffen ist. Diese Globalisierung durch den unseligen „Fortschritt“ der Waffentechnik ist nicht mehr rückgängig zu machen. Selbst wenn in Zukunft jeder Staat oder Staatenbund wieder ganz allein die Verantwortung für das eigene Territorium und die darauf lebenden Menschen zu tragen hätte, würde das gemeinsame Überleben dennoch davon abhängen, dass keiner dem anderen schadet. Das aber ist nur durch Frieden, Kooperation und Verträge zu erreichen. Anders gesagt, müssen wir ein Kunststück zustandebringen, das die vorangehenden Generationen nicht einmal ahnten. Regionalisierung einerseits, d.h. Verantwortung vor Ort, und zugleich Globalisierung andererseits, da wir alle Passagiere desselben von Kentern bedrohten Bootes sind.

Pinker: Schon wieder die übliche Übertreibung und Panikmache! In den Zeiten des dreißigjährigen Krieges glaubten die Menschen das Heil in dem richtigen Glauben zu sehen. Mein lieber Freund Richard Dawkins hat den heillosen Schwachsinn der damaligen und heutigen Glaubenskämpfer in seinem großartigen Buch „Der Gotteswahn“ angeprangert. Ein Jahrhundert nach dem dreißigjährigen Glaubensmorden hat die Aufklärung diesen Irrsinn zum ersten Mal als solchen entlarvt. Dann aber kam Karl Marx und setzte einen neuen Wahn in die Welt. Angeblich müssten die Arbeiter nur die Maschinen besitzen, mit denen sie produzieren, damit sie glücklich werden. Sowjetrussland hat uns gezeigt, dass sie nicht um einen Deut glücklicher sondern im Vergleich mit den USA nur zu armseligen Bettlern wurden. Jetzt besteht der neueste Wahn darin, unseren Fortschritt ökologisch kaputtzureden!

Huxley: Wir reden nichts ökologisch kaputt, sondern zeigen die Fakten auf. In den „Glücklichen Breiten“ (Lucky Latitudes), die sich in der Alten Welt in einem Streifen von etwa 20 bis 35 Grad nördlich und in der Neuen Welt zwischen 15 Grad südlich bis 20 Grad nördlich befinden, erbrachte das Sammeln der frühen Jäger-Sammler die größte Ausbeute. Für eine einzige an Arbeitsenergie verausgabte Kalorie wurden fünfzig Kalorien durch die Nahrung gewonnen. Diese Bilanz ist heute in ihr gerades Gegenteil umgeschlagen. 22 000 Kalorien werden zum Beispiel benötigt, um 100g Rindfleisch mit einem Kaloriengehalt von 270 Kalorien zu erzeugen. Statt für eine einzige Kalorie Arbeit mit fünfzig Kalorien Nahrung belohnt zu werden, stecken wir heute 81 Kalorien in die Arbeit, um nur eine einzige Kalorie Nahrung dabei zu gewinnen. Größtenteils werden die eingesetzten Kalorien aus fossilen Brennstoffen gewonnen, um in Traktoren, Düngemitteln etc. zum Einsatz zu gelangen – eine verheerende Energiebilanz. Jeder denkende Mensch muss begreifen, dass es so nicht weitergeht. Die grüne Revolution vervierfachte den Ernteertrag zwischen 1950 und 2000; nur so war es überhaupt möglich, die in diesem Zeitraum von ca. 1,5 auf sechs Milliarden sprunghaft gestiegene Zahl von Menschen weitgehend zu ernähren. Hätte man den landwirtschaftlichen Ertrag nicht auf diese Weise gesteigert, sodass es stattdessen bei den alten Methoden geblieben wäre, dann müsste eine Fläche gerodet und beackert werden, die der gesamten Fläche der Vereinigten Staaten plus Kanada und China entspricht, um die heutige Weltbevölkerung zu ernähren.*10*

Die Bereitschaft, aus diesen Tatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, ist aber bisher nur bei einigen Wissenschaftlern vorhanden. An dieser Stelle kommt daher etwas ganz anderes ins Spiel. Aus dem elementaren Problem der Ökologie wird eine soziale Frage – man kann auch sagen, eine solche des Bewusstseins. Solange eine Minderheit in Macht und Reichtum schwelgt, wird die Mehrheit keine Einbuße hinnehmen wollen. So gesehen hatte Marx jedenfalls recht.

Pinker: Nein, auch das ist noch zu einfach gesehen. Solange die Supermächte jeden Machtzuwachs des anderen so misstrauisch beäugen wie konkurrierende Unternehmen, wird keine von ihnen auf den geringsten Vorteil verzichten wollen, wenn dieser dem Konkurrenten einen Gewinn beschert. Es ist doch eine tolle Naivität zu glauben, dass die großen Mächte zwar Milliarden in Waffen investieren, um nur nicht hinter den Rivalen zurückzubleiben, aber bereit sein werden, ihren Ressourcenverbrauch freiwillig zu drosseln, nur weil sie auf eure Sirenentöne lauschen. Also hier, mein Lieber, verrät sich doch die ganze Weltfremdheit von euch heillosen Idealisten.

Ich schlage etwas mehr Realismus vor. Wir haben etwas viel Wirksameres und auch Demokratischeres entwickelt als den freiwilligen Verzicht auf Rohstoffe und Vermüllung. Das solltest du eigentlich so gut wie jeder andere wissen.  Wir haben den Markt, der selbst auf Regierungen keine Rücksicht nimmt. Der Markt regelt alle wirtschaftlichen Transaktionen über die Preise. Deswegen brauchen wir für die Umwelt nichts zu befürchten. Wenn Öl zu teuer wird und die Müllentsorgung unbezahlbar, dann stellt sich die Industrie ganz von selbst auf andere Energieformen um. Der Markt und die Preise – das ist die verwirklichte globale Vernunft, die sich selbst zähmt und sich selbst regelt. Solange der Markt intakt ist, haben wir nichts zu befürchten!

Huxley: Steven, jetzt bringst Du mich aber zum Lachen! Du nennst mich einen Idealisten, wo Du doch selbst nichts anderes bist als ein konservativer Fantast. Haben die dahin schmelzenden Gletscher vielleicht einen Preis? Werden die in Massen aussterbenden Wildtiere in das Kalkül des Marktes einbezogen? Schlägt die Industrie das COin der Luft und das sich aufheizende Klima auf ihre Preise? Hat die Ungleichheit, welche die einen zu Multimilliardären, die anderen zu Hungernden gemacht, den Markt jemals in Unruhe versetzt?

Nein, nicht der Markt wird benötigt sondern starke Regierungen, welche die Interessen der künftigen ebenso wie die der jetzt lebenden Menschen berücksichtigen.  Das gegenwärtige Unglück könnte dabei allerdings hilfreich sein. Solange der Weltmarkt, d.h. die internationale Konkurrenz, den Ton angab, war an Regionalisierung nicht zu denken. Jetzt aber müssen sich die großen Wirtschaftsblöcke auf sich selbst besinnen. Das ist eine gewaltige Chance. Alle redeten davon, dass die Umwelt den wachsenden Flugverkehr nicht verkraftet. Nun ist diese Industrie eingebrochen. Corona tut beinahe alles, was die Retter der Umwelt seit Jahren predigen und verlangen. Das Virus hat den Energieumsatz wesentlich reduziert, Abgase wurden auf einen Minimalwert vermindert, weil der Verkehr zum Erliegen kam, der Himmel über den Städten wurde wieder blau, die Tiere wagen sich erstaunt aus ihren Verstecken vor. Corona zwingt der Welt den Wechsel auf.

Pinker: Das hört sich gerade so an, als hättet ihr Ökologen so eine Krise herbeigesehnt.

Huxley: Wenn es ohne eine kleinere Krise nicht gelingt, die Welt vor der ganz großen zu retten, welche das Überleben der Spezies insgesamt gefährdet, dann wird man diese Frage wohl bejahen müssen, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Mensch aus Fehlern am ehesten lernt. Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Corona liefert übrigens den augenscheinlichen Beweis für den heilsamen Aspekt der Globalisierung. Das gemeinsame Unglück könnte zu einer gemeinsamen Chance werden.

Pinker: Das genügt nicht. Der Mensch braucht Hoffnung und ein positives Narrativ. Mit meinem wegweisenden Buch über die Aufklärung habe ich solche Hoffnung vermittelt. Wir können stolz sein auf alles, was wir in Wissenschaft und Technik geleistet habe. Ihr dagegen nehmt den Menschen die Hoffnung.

Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten? Ist dir niemals der Gedanke gekommen, dass ein Pfau, ein Nilpferd, ein Löwe, eine Narzisse, Rose oder Orchidee größere und ungleich komplexere Erfindungen sind als selbst unsere schnellsten Supercomputer? Diese Welt der unglaublichen Schönheit und Komplexität möchten wir bewahren. Ich kenne kein größeres positives Narrativ als diese gemeinsame Aufgabe.

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*0* Ein vielleicht noch überzeugenderer Partner in diesem Streit mit Steven Pinker wäre wohl der ehemalige deutsche Psychiater und Neurologe Hoimar v. Ditfurth gewesen, der allerdings außerhalb der Grenzen Deutschlands wenig bekannt ist. In seinem (bereits 1985!) erschienenen Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit“ hat Ditfurth nicht nur das Potenzial zur atomaren, biologischen und chemischen Selbstauslöschung im Einzelnen beschrieben sondern auch den Hauptgrund für die Gefährdung unserer Spezies ausgemacht: die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung. Ich würde diesem so außerordentlich gut informierten, intelligenten und sympathischen Mann nur einen Vorwurf machen. Er hat keinen Ausweg aus der Situation gesehen und seinen eigenen Untergang – der erfolgte vier Jahre nach der Veröffentlichung des genannten Buches – mit dem Untergang der Welt gleichgesetzt.

*1* Steven Pinker (2018), Enlightenment Now.

*2*  Des centaines de milliers de bêtes entassées les unes sur les autres en attendant d’être conduites à l’abattoir : voilà des conditions idéales pour que les microbes se muent en agents pathogènes mortels. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*3*  Pour assouvir son appétit carnivore, l’homme a rasé une surface équivalant à celle du continent africain (8) afin de nourrir et d’élever des bêtes destinées à l’abattage. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*4* Bardi (2014): Der geplünderte Planet.,

*5* Siehe Jenner (2019): Reflections.

*6* William E. Rees (2020): The Earth Is Telling Us We Must Rethink Our Growth Society (https://thetyee.ca/Analysis/2020/04/06/The-Earth-Is-Telling-Us-We-Must-Rethink-Our-Growth-Society/).

*7* Zit. aus Jenner (2019): Sinn und Ziel.

*8* William E. Rees, op. cit.

*9* Rees, op. cit.: Now here’s the thing. H. sapiens has recently experienced a genuine population explosion. It took all of human evolutionary history, at least 200,000 years, for our population to reach its first billion early in the 19th Century. Then, in just two hundred years, (less than 1/1000thas much time) we blossomed to over seven billion at the beginning of this century.  This unprecedented outbreak is attributable to H. sapiens’ technological ingenuity, e.g., modern medicine and especially the use of fossil fuels. (The latter enabled the continuous increases in food production and provided access to all the other resources needed to expand the human enterprise.) 

The problem is that Earth is a finite planet, a human Petri dish on which the seven-fold increase in human numbers, vastly augmented by a 100-fold increase in gross world product (consumption), is systematically destroying prospects for continued civilized existence.

*10* Diesen Imperativ hatte ich schon in meinem ersten Wirtschaftsbuch vertreten: „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer 1997; jetzt neu bei Amazon aufgelegt „Nach der Coronakrise – keine Arbeitslosigkeit durch Auslagerung und Automation“).

11 Zit. aus Jenner (2019), Sinn.

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Von Franz Nahrada erhalte ich per Mail folgende Mitteilung:

Da gibts eine sachliche Fehlstelle – ich hätte den Pinter schärfer antworten lassen:

Huxley: „Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*“

Pinker: Wir ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber gleichzeitig ist dieser Planet voller Energie, ich rede nicht vom Erdkern, sondern von der Oberfläche:  „In einer halben Stunde schickt die Sonne mehr Energie zur Erde als Menschen im Jahr verbrauchen“

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Meine Antwort:

Es ist wahr, dass die Sonne gewaltige Mengen an Energie zur Erde schickt. insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr, während der gesamte humane Energieverbrauch im Jahr 2012 etwa 559,8 Exajoules betrug – von der Sonne also innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt wurde. Der Einwand von Herrn Nahrada zeugt aber von einer sehr oberflächlichen Lektüre, denn eines der Hauptargumente des Artikels besteht ja gerade darin, dass uns ein Füllhorn an Energie erst recht in den Abgrund leiten würde. Man muss schon sehr auf die eigenen Positionen eingeschworen sein, um eine Hauptthese einfach zu übersehen!

Von Herrn Pfarrer Gerhard W. Loettel aus Magdeburg erhalte ich folgende Zuschrift:

Lieber Gero !

Da muss ich Dir mal ein ganz großes Kompliment machen. Und das gleich zweimal. Denn mit dem Buch vom Dawkingswahn und dem Pinker- Huxley- Interview sind Dir zwei ganz große Würfe gelungen. Da kannst Du stolz sein, dass Du das mit Deiner weitläufigen (Aus)Bildung und dazu einem großen Schuss Weisheit geschafft hast uns ein theatrum mundi vorzuführen, von dem wir unheimlich viel lernen können. Das eine ist ein theatrum mundi über einen sehr großen Weltzeitabschnitt und dazu Weltgebietsabschnitt und  das andere, das Interview eine gekonnte Zusammenfassung des derzeitigen  Bildes unserer Versagens und unsrer Fehler mitsamt den Gefahren – aber auch Chancen – die daraus erwachsen (können). Danke für beides.

Ich bin ja so glücklich, das Du  mit dem Buch(das ich erst angefangen habe) meine Sicht teilst, wir müssen den Machtreligionen und ihrer Humanignoranz ebenso den Kampf ansagen, wie den Machtwissenschaften, die beide auf Intoleranz und Einseitigkeit aufbauen und damit viel Unheil anstifteten. Und dafür aber der Weisheit wieder mehr Spielräume verschaffen.

Ich habe das auf meine nicht so gebildete Art versucht mit Betrachtungen wie „Frage nach Gott, dass er wahr wird“ oder „Der Doppeltaspekt des Geistes“ oder „Erfülltes Leben“. In allen Büchern habe ich versucht den Weisheitscharakter über die dogmatischen Positionen  zu erheben und z.B. die „Sache Jesu“ und seine Weisheit über die Geschichtsposition seines Sterbens und „Auferstehens“ (Kreuz und Auferstehung als das zu glaubende Glaubens- und Erlösungs-ereignis). Es gibt da sogar eine Gruppe in Deutschland, die sich dieser Position unter dem Titel „Reich Gottes Jetzt“ zu nähern versucht und die Dogmatik und die Theophilosophie des Paulus arg in Kritik bringt.

Nun werde ich mit großer Freude von Deinen  Bemühungen um die Wiederkehr mystischer Weisheit in unsere Geisteswelt lesen und sie mir zu eigen machen. Ich selbst bringe demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Inspiration rettet die Welt- von Engeln und Feldern“, das in etwa auch Deine Intentionen aufnimmt.

Sei ganz lieb gegrüßt, ich werde Dein Buch unserem Freund Friedrich wärmstens empfehlen, mit Dank und der Hoffnung auf währenden Frieden ( Pinker- Huxley), Gerhard

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Rückmeldung:

Lieber Gero Jenner,

Vielen Dank für Ihren geistreichen Disput zur aktuellen Weltlage! Sie sind der einzige mir bekannte „Berufsphilosoph“, der sich regelmäßig bemüht, sich mit  den dringendsten Problemen unserer Gegenwart unvoreingenommen und streitbar auseinanderzusetzen und Ansätze zur „Problemlösung“ zu finden. Bitte entschuldigen Sie, wenn sich ein kleiner Industriephysiker, der sich lebenslänglich nur mit der Entwicklung mikroelektronischer Bauelemente und Schaltkreise beschäftigt hat, erkühnt, zu Ihrem Disput etwas hinzuzufügen (siehe Anhang!). Ich habe in der DDR von 1961 bis 1990 und in der BRD und den USA von 1991-2014 in der Industrieforschung gearbeitet und habe damit das Privileg persönlicher Erfahrungen mit beiden Wirtschafts-und Gesellschaftssystemen. Trotz Einschränkungen der Reisefreiheit, unnötiger staatlicher Reglementierungen und deutlich geringerer Konsummöglichkeiten betrachtete und betrachte ich auch heute noch das sozialistische System der DDR als das kleinere Übel und als das eigentlich Zukunftsfähigere.

Übrigens war ich in der DDR in keiner Partei und habe meine kritische Meinung zu vielen Missständen immer frei geäußert, ohne dass mir daraus (außer vielleicht bezüglich der Karriere) irgendein Schaden erwachsen ist.

Mit freundlichem Gruß

Karl Ernst Ehwald

Meine leider sehr prosaische Ergänzung zu dem wunderbaren und den Kern der Dinge treffenden Streitgespräch:

(Das Folgende bezieht sich auf die Passage: Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten?) 

Allerdings wird man in unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft in vieler Hinsicht umdenken müssen, um diese Aufgabe lösen zu können. Die notwendige Abkehr vom unbegrenzten Wachstum erfordert zwingend eine wirksame gesellschaftliche (staatliche) Kontrolle des gesamten Wirtschaftslebens im Sinne einer am Bedarf orientierten Rahmenplanung bezüglich Warenproduktion, Warenverteilung und Geldumlauf. Das wird letztlich ohne eine Enteignung der Großproduzenten und Banken und Überführung derselben in Gemeineigentum nicht möglich sein. In dieser Hinsicht müssen wir der Vision von Karl Marx bezüglich einer künftigen Gesellschaft zustimmen. Paradoxerweise glaubte aber Marx, dass die Vergesellschaftung der Produktion in einer sozialistischen Gesellschaft durch Aufhebung der entfremdeten Lohnarbeit und bewusste Mitarbeit aller am Gemeinwohl die Arbeitsproduktivität und den Wohlstand durch technischen Fortschritt noch über das im Kapitalismus mögliche Maß steigern würden. Wie das realsozialistische Experiment in der Sowjetunion und Osteuropa zeigte, war das nach erheblichen Anfangserfolgen im Zuge einer nachholenden Industrialisierung auf Dauer eher umgekehrt. Wegen fehlender Konkurrenz und großer Sicherheit am Arbeitsplatz (keine nennenswerte Arbeitslosigkeit) war die technische Innovation und die Konsumtionszunahme in diesen „bedarfsorientierten“ Wirtschaften des Ostblocks systematisch langsamer, als in den reichen westlichen Ländern, allerdings bei deutlich gerechterer Verteilung der erzeugten Güter (der Direktor eines Halbleiter-Großbetriebes mit 8000 Beschäftigten in Frankfurt (Oder) verdiente mit ca. 5000-6000 Ostmark z.b. maximal 5 mal so viel, wie ein einfacher Schichtarbeiter im Reinraum und wohnte neben mir in einer normalen Plattenbauwohnung). Die gebremste Entwicklung der Konsumption war nicht gewollt, aber eine klare Folge der sozialistischen Planwirtschaft. Natürlich spielte daneben auch die fehlenden Möglichkeit, ärmere Länder auszubeuten, eine Rolle, ebenso wie das gegen die Länder des Ostblocks verhängte Wirtschaftsembargo. Das änderte aber nichts an der grundsätzlichen Unwilligkeit und Unfähigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft, es dem Westen bezüglich Warenangebot und Konsumanreiz gleich zu tun. Wo der direkte Verglich zum Westen fehlte, wie in manchen Teilen der sowjetischen Provinz, lebten viele Menschen trotz vergleichsweise sehr ärmlicher Verhältnisse nicht weniger glücklich und zum Teil kulturvoller, als in Deutschland, abgesehen von der Minderheit der politischen Aktivisten bzw. Systemkritiker. 

Fazit: Obige Erfahrungen geben mir die Hoffnung, dass ein bescheideneres, aber dennoch erfülltes Leben in einer künftigen nichtkapitalistischen Gesellschaft, bei der das Konkurrenzdenken durch die Verhältnisse bewusst gebremst oder auf Ziele außerhalb unnötigen Konsums (Sport, gesellschaftliches Ansehen) gelenkt wird, wieder möglich ist. Peter Scholl-Latour meinte vor etwa 10 Jahren, Staaten wie China und Russland könnten in diese Richtung wegen ihrer diesbezüglichen Erfahrungen und ihrer autoritären Struktur bei Bedarf jederzeit umsteuern. Hoffentlich hatte er recht!

Natürlich ist die Frage der realen Mitgestaltungsmöglichkeit des öffentlichen Lebens und der Gesetzgebung durch den daran interessierten Teil der Bevölkerung in autoritär regierten Ländern wie Russland, China, Iran, Kuba usw. keineswegs gut gelöst, trotz mancher Versuche in dieser Richtung. Dasselbe trifft aber auf die Parteidemokratien der meisten kapitalistischen Staaten zu. Die Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit (Gemeinnutz vor Eigennutz) und Mitgestaltungsmöglichkeit der Bürger war und ist ein Problem jeder menschlichen Gesellschaft und wird vermutlich nie ideal, bestenfalls einigermaßen brauchbar, gelöst werden. 

Meine Replik:

Lieber Herr Ehwald,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Auf einen Vergleich zwischen den beiden deutschen Systemen oder überhaupt dem sozialistischen und kapitalistischen kam es mir nicht an. Ich bin überzeugt, dass Ersteres genauso gegen die Natur gewütet haben würde wie Letzteres, wenn es dazu die Zeit und die Mittel gehabt hätte. Gegen die Menschen ist Stalin jedenfalls nach meiner Einschätzung ungleich brutaler vorgegangen als selbst die brutalsten Kapitalisten. Wenn das Leben für viele im Rückblick in der DDR recht erträglich anmutet, dann darf man auch nicht vergessen, dass man mit den Deutschen vorsichtig umgehen musste, um  sie dem Sozialismus nicht zu entfremden. Das verschaffte ihnen Vorteile, die sie anderswo nicht genossen. Aber ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, dass alle im Augenblick vorhandenen Gesellschaftssysteme unfähig sind, mit den großen Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. In meinen Büchern „Sinn und Ziel“ sowie „Frieden und Krieg“ habe ich immerhin Auswege aufzuzeigen versucht. Was davon zu halten ist oder auch nicht, wird die Zukunft zeigen.


Nochmals vielen Dank für Ihre Überlegungen
Gero Jenner

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Der eher durch seine Gefühle geleitete Mensch

lässt sich auf einen Gegenstand ein und macht ihn sich Schritt für Schritt in immer größerer Tiefe zu Eigen. So geht der Künstler vor, so aber findet auch jedes normale Studium statt. Man fühlt sich von einem Gegenstand angezogen, erwirbt in seinem Umgang langsam immer mehr Wissen und Fertigkeiten – und irgendwann wird man dann selbst zu einem Experten. Man hat sich ein Renommee erworben oder doch zumindest amtlich beglaubigte Zeugnisse, die dann auch dazu legitimieren, sich mit Kompetenz über das jeweilige Fach zu äußern.

Wer sich auf diese Weise mit einem Gegenstand identifiziert, für den tritt dieser kaum je als Problem in Erscheinung. Ein klassischer Musiker stellt sich wohl kaum die Frage, ob nicht der bloße Zufall seiner Geburt dafür verantwortlich sei, dass er gerade Bach so sehr liebt und nicht die Musik der Pekingoper. Der mit Kant aufgewachsene Philosoph sieht die Welt mit den Augen des Königsbergers, er fragt sich gewöhnlich nicht, warum er sie nicht zum Beispiel durch die Brille des Vedanta eines Shankararcharya sieht.

Die intensive Gefühlsbindung an einen geliebten Gegenstand schließt den Blick auf Probleme sehr oft geradezu aus. Menschen, die in einer bestimmten Tradition aufwachsen, wehren sich deshalb nicht selten mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, dass jemand von außen diese Tradition anzuzweifeln, sie in Frage zu stellen, sie zu modifizieren wagt. Die verständliche Reaktion einer solchen affektiven Beziehung besteht dann überhaupt in der Losung, die man den Außenseitern entgegenhält: „Unbefugten ist der Zutritt verboten.

Der eher intellektgesteuerte Mensch

geht nur selten den geraden und langsamen Weg einer wachsenden emotionalen Bindung, er fühlt sich im Gegenteil von Problemen und Bruchstellen angezogen, ohne notwendigerweise von vornherein mit einem großen Wissen zu punkten. „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer, 1997) erwies sich als publizistischer Erfolg, aber Jenner hatte niemals ein volkswirtschaftliches Seminar besucht. Was ihn beschäftigte, war nicht das ökonomische Fach als solches, das ihn bis dahin überhaupt nicht interessierte, sondern etwas ganz anderes: ein Problem. Während seines studien- und arbeitsbedingten Aufent­halts in Japan hatte er erlebt, wie dieses Land – ganz so wie heute China – immer mehr industrielle Kapazitäten aus dem Westen ins eigene Land übernahm. Er fragte sich, was eine zunehmende Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien (damals vor allem nach Japan und zu den „ostasiatischen Tigern“) für Deutschland bedeuten würde. Dieses Problem beschäftigte ihn – und erst während der Beschäftigung mit diesem erwarb er als Autodidakt die nötigen ökonomischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet mitreden zu können.

Problemlöser sind fast immer daran zu erkennen,

dass sie die übliche Reihenfolge umdrehen, ja sie geradezu auf den Kopf stellen: nicht das jahrelange Studium, die allmähliche oft liebevolle Vertiefung bis zum staatlichen anerkannten Examen kommt bei ihnen zuerst, sondern an erster Stelle steht das sie herausfordernde, sie faszinierende Problem – und dieses drängt sie dann zu einer genauen, oft stürmischen Eroberung des fraglichen Gegenstands. Zweifellos widerstreitet dieses Vorgehen der oben genannten Losung, denn ein Unbefugter verschafft sich in diesem Fall Zugang. Er tut dies überdies auf ungewohnte, oft als ungehörig empfundene Weise, nämlich ohne vorher bei den ausgewiesenen Autoritäten dafür um Erlaubnis nachzufragen.

Das Risiko eines solchen Vorgehens ist zweifellos sehr groß

Wir wissen, dass jede Menge von inspirierten Spinnern dauernd damit beschäftigt ist, Lösungen für sämtliche Weltprobleme aus allen möglichen esoterischen Hüten zu zaubern. Solche Menschen treten bestenfalls als Problemsteller in Erscheinung – sie weisen auf bestehende Bruch- und Konfliktstellen hin -, aber in den seltensten Fällen treten sie als wirkliche Problemlöser hervor. Man braucht ja nur einen flüchtigen Blick ins Internet zu werfen, um sich auf Anhieb davon zu überzeugen. Andererseits kommt keine Gesellschaft ohne solche Problemsteller und Problemlöser aus, denn die gefühlsmäßig Attachierten pflegen für Probleme und Bruchstellen nicht selten unzugänglich oder ganz blind zu sein. Sie halten an dem Erlernten und an ihrem jeweiligen Fach wie an einer Geliebten fest, deren Schönheit sie niemals in Frage stellen.

Was Jenner betrifft, so hatte er Glück

Prof. Bert Rürup, ein damals renommierter „Wirtschaftsweiser“, der als ökono­mischer Ratgeber für die deutsche Regierung sowie für den Fischerverlag fun­gierte, setzte sich für seine Arbeit ein (deren Thema, die Auslagerung in Zeiten der Coronakrise übrigens neuerlich an Aktualität gewinnt). Dadurch bahnte er ihr den Weg. Die übliche Reaktion gegenüber Außenseitern: „Für Unbefugte ist der Zugang verboten“ wurde durch Prof. Rürups Empfehlung damals außer Kraft gesetzt. Jenner hatte sich in den Reihen der ökonomischen Zunft Zugang verschafft – zumindest für eine gewisse Zeit.

Problemlöser sind allerdings unberechenbar

Sie treten ja überhaupt als solche nur deshalb in Erscheinung, weil sie von Natur aus dazu neigen, vieles in Frage zu stellen, was anderen als selbstverständlich erscheint. Das zeigte sich auch im Fall des frischgebackenen Ökonomen. Jenner war Herrn Rürup zweifellos zu großem Dank verpflichtet (was er freilich erst später bemerkte, als dieser sich bereits in einen Feind verwandelt hatte). Wäre sein Manuskript, statt diesem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten vor Augen zu kommen, in die Hände eines durchschnittlichen Lektors geraten, dann hätte dieser zunächst einmal gefragt: „Ist der Mann überhaupt befugt, sich zu diesem Gegenstand zu äußern“. Diese Frage hätte er natürlich abschlägig beschieden, und das Manuskript wäre mit der üblichen hochmütigen Arroganz vom Verlag abgelehnt worden.

Aber Dankbarkeit war für Jenner kein Grund, ein Vorgehen zu akzeptieren, das ihm ungeheuerlich erschien. Auf einer der ersten Seiten seines zweiten bei S. Fischer veröffentlichten Buchs (Das Ende des Kapitalismus – Triumph oder Kollaps eines Wirtschaftssystems) bezeichnete sich Prof. Rürup als Mitautor – wörtlich: „Fachliche Beratung: Prof. Dr. Dr. h. c. Rürup“. Da sich Jenner auch nach angestrengtester Selbstbefragung an eine solche Beratung partout nicht erin­nern konnte, sah er in dieser Behauptung nun wiederum ein großes Problem, das er persönlich dadurch löste, diese Usurpation öffentlich zurückzuweisen.

Dabei hätte Jenner natürlich wissen müssen, dass sich ein derartiges Vorgehen in Deutschland zwanglos mit dem akademischen Ethos verträgt. Professoren halten es, wie man weiß, für ihr gottgegebenes Recht, die Knochenarbeit von Assistenten verrichten zu lassen und sich, wann immer es ihnen opportun erscheint, mit fremden Geistesfedern zu schmücken. Jenner glaubte gegen diese ehrwürdige Tradition protestieren zu müssen. Das war naiv, denn natürlich hat er dafür bezahlen müssen. Herr Rürup sorgte dafür, dass ihm der Zugang zum S. Fischer Verlag von da an versperrt bleiben sollte.

Problembezogen waren auch zwei weitere ökonomische Arbeiten,

die von großen Verlagen veröffentlicht wurden: „Energiewende – so sichern wir Deutschlands Zukunft“ setzte 2006, als von der drohenden Klimakrise noch kaum die Rede war, ganz auf den Übergang zur Nachhaltigkeit, und zwar mit einem Begriff, der erst nach Fukushima dann auch offiziell Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Jenner sprach wörtlich von einem „nationalen Projekt„. Allerdings hatte er die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in diesem Buch zu schwarz gezeichnet. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in deutschen Schlüs­selindustrien (vor allem der Autobranche) aufgrund von Auslagerung und chinesischer Konkurrenz droht sich erst jetzt abzuzeichnen.

Mit dem 2008 bei Signum veröffentlichten „Pyramidenspiel“ über die Dynamik staatlicher und privater Verschuldung konnte Jenner neuerlich die Aufmerk­samkeit eines ökonomischen Experten, nämlich von Prof. Gerhard Scherhorn, für sich gewinnen. Dieser leitete das Buch überdies mit einem wohlwollenden Vorwort ein. Anders als an den erstgenannten Ökonomen erinnert sich Jenner bis heute voller Hochachtung an diesen Mann, auch wenn er sich nicht an einen Ratschlag hielt, den dieser ihm damals in väterlicher Absicht erteilte. Er solle doch davon Abstand nehmen, riet ihm Prof. Scherhorn, seine Texte (Newsletter) an Gott und die Welt zu verschicken. Das sei unter ernst zu nehmenden Akademikern einfach nicht üblich.

Ein Merkmal von Problemstellern und -lösern

ist ihre Sprunghaftigkeit. Jenner hatte sich Wissen und Interesse an grundlegen­den ökonomischen Fakten angeeignet. Aber die Ökonomie als solche hatte ihn weniger gereizt als die Beschäftigung mit fremden Kulturen, denen er sich ja gleich zu Beginn in seinem Studium zugewandt hatte, also vor allem der indischen, chinesischen und japanischen. Bei seinem letzten Japanaufenthalt aber begann ihn ein Problem zu beunruhigen, welches für ihn dann mit der Zeit das Problem schlechthin werden sollte, obwohl es ihm zunächst dort begegnete, wo es den meisten Menschen als solches gewöhnlich nicht einmal bewusst ist, nämlich in der Sprache.

Ein Deutscher hält es für evident, den Affen mit dem Wort „Affe“ zu bezeichnen, während ein Engländer dazu „monkey“, ein Italiener „scimmia“, ein Japaner „Saru“, ein Chinese „Houzi“ sagt. Der berühmte Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure schloss daraus, dass die Zeichen, welche der Mensch für Begriffe verwendet, arbiträr, d.h. zufällig seien. Diese Auffassung ist freilich eine rein intellektuelle Einsicht, die sich im krassen Widerspruch zu dem befindet, wie der gefühlsgebundene Mensch die Sprache erlebt. In den meisten früheren Kulturen waren die Menschen davon überzeugt, dass die Götter in ihren Worten reden – diese konnten daher niemals bloß zufällig sein.

Dennoch wird sich der Leser fragen, ob es nicht lächerlich sei, in der Beziehung eines Begriffs zu seinem Zeichen überhaupt so etwas wie ein Problem zu sehen?

Nein, in Wirklichkeit ist das viel weniger lächerlich, als es auf den ersten Blick scheint. Wie weit diese Beziehung in Wahrheit reicht, wird sofort klar, sobald wir die Frage auf andere kulturelle „Selbstverständlichkeiten“ beziehen. Man sage einem Muslim, dass der Genuss von Schweinen nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sei als der von Rindern. Oder einem Christen, dass sein Glaube an Jesus Christus ebenso mit dem Zufall seiner Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft erklärt werden könne wie der Glaube eines Hindu an Schiwa oder Wischnu. Beide werden darauf mit Wut reagieren. Offenbar haben wir es hier mit kulturellen Positionen zu tun, welche die Menschen so gegeneinander aufstacheln konnten, dass sie sich immer wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber zunächst blickte Jenner „nur“ auf das Problem der Sprache

denn die nächstliegende Frage lautete ja hier: wenn in jeder von ihnen alle einzelnen Zeichen (Baum, Affe, Wolke, etc.) willkürlich sind, wie de Saussure behauptet, gilt das dann nicht für Sprache insgesamt, nämlich auch für alle ihre Regelmäßigkeiten, die man mit dem Begriff der Grammatik bezeichnet? Wenn jede Sprache insgesamt ein Werk des Zufalls ist, kann es dann überhaupt irgendwelche verbindende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen geben? Zwischen bloßen Zufällen kann es doch keine Ähnlichkeit geben!

Diese Frage wurde für Jenner zu einem Problem, das ihn so sehr faszinierte, dass seine nächste und eine noch dazu sehr ehrgeizige Arbeit daraus entstand. Ebenso wie im Fall der Wirtschaftswissenschaften hatte er sich zuvor mit dem Gegenstand selbst – in diesem Fall mit der Sprachwissenschaft – niemals befasst, obwohl er während Studiums gleich mehrere Sprachen erlernte. Nun aber geriet er sofort in den Bann eines damals führenden Linguisten: nämlich des damaligen Papstes der Linguistik Noam Chomsky, der die Frage auf ähnliche Weise stellte. Gibt es ein universales Sprachvermögen, das allen Menschen gemein ist und sich in einer Universalen Grammatik auch nachweisbar manifestiert? Offenbar würde eine solche Universale Grammatik den sprachlichen Zufall von sprachlicher Notwendigkeit trennen. Zwar würden Menschen in jeder Sprache beliebige Zeichen verwenden, aber die Regeln, die ihre Verbindung in grammatischen Mustern kodifiziert, wären universal und eben nicht zufällig. Solche universalen Muster glaubte Chomsky entdeckt zu haben, aber er rekurrierte dabei auf dieselben Grundbegriffe, wie sie traditionelle Grammatiken aus dem Studium indogermanischer Sprachen gewonnen hatten. Jenner war sich schnell darüber im Klaren, dass dieser Weg in die Irre führte. Chomsky hatte nie verstanden, dass diese Grundbegriffe schon für eine Sprache wie das Chinesische nicht mehr gelten. 1

Jenner war und ist mit Chomsky im Hinblick auf das Ziel einverstanden

Es geht um die Beschreibung der universalen Eigenschaften des menschlichen Sprachvermögens. Wo endet der Zufall, und wo beginnen die allen zugrunde liegenden Strukturgesetze, die eben gerade nicht zufällig sind? Dass natürliche Sprachen ein Tertium comparationis miteinander gemein haben müssen, ist evident – wie sonst wäre es möglich, dass sie (weitgehend, wenn auch keineswegs vollständig!) in einander übersetzt werden können? Dem äußeren Gewand ihrer zufälligen Form liegen Bedeutungen und Bedeutungstrukturen zugrunde, die von allen Menschen als solche begriffen werden. Zwischen 1981 und 1993, als die „Principles of Language“ (im Peter Lang Verlag) erschienen, machte sich Jenner daran, diese nicht-zufälligen „Tiefenstrukturen“ und ihre teils zufällige, teils formal notwendige Verwirklichung in verschiedenen empirischen Sprachen aufzuzeigen. Aus heutiger Sicht erscheint ihm vieles, was er damals schrieb, schwer lesbar und noch schwerer verständlich. Einverstanden ist er erst mit der 2019 erschienenen revidierten Ausgabe der Principles bei Amazon (The Principles of Language: Towards trans-Chomskyan Linguistics).

Auch hier war Jenner als Unbefugter

in ein ihm ursprünglich fremdes Gebiet eingedrungen. Aber diesmal hatte er nicht das Glück, einen aufgeschlossenen Gönner für eine Untersuchung zu finden, die so offensichtlich der herrschenden Lehrmeinung widersprach. Vielmehr war er mit der in diesen Fällen typischen Reaktion konfrontiert: „Unbefugten ist der Zutritt verboten!“. 2 Da hatten renommierte Wissenschaftler die kostbarste Zeit eines kurzen menschlichen Lebens an die schier übermenschliche Aufgabe verschenkt, ein wenig Licht in die weitgehend unverständliche Scholastik eines Noam Chomsky zu bringen, und ein Außenseiter erklärt diese Mühe einfach für überflüssig, macht sich gewissermaßen über ehrbare Wissenschaftler lustig, wenn er behauptet, dass schon die Grundbegriffe der Generativen Grammatik in die Irre führen, weil sie gerade nicht universal sind. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß, sie lautete: „Nicht einmal ignorieren!“ 3

Und doch war es ja keineswegs abwegig, bei einem Sprachwissenschaftler eine gewisse Kenntnis seines Gegenstands, also empirischer Sprachen, vorauszuset­zen. Von Chomsky heißt es, dass er außer Englisch nur Spanisch beherrsche und ein wenig Hebräisch, während Jenner in Sanskrit promovierte, Russisch, Japanisch und Chinesisch liest und versteht und an der Sorbonne (Paris), an der Università degli Studi in Rom und an der School for Oriental and African Studies in London studierte. Chomsky selbst lässt einen derartigen Einwand aber keineswegs gelten. Er glaubt, auf Nebensächlichkeiten wie die Kenntnis empirischer Sprachen durchaus verzichten zu können, da er in seinem Inneren, wie er wörtlich bekennt, einen „Homunkulus“ mit sich trage – und diesen brauche er nur zu studieren, um alles an der Sprache Wesentliche in sich selbst zu entdecken – da komme es auf real existierende Sprachen eben in Wirklichkeit gar nicht an! 4

Das Problem von Zufall und Freiheit

ließ Jenner danach nicht mehr los. In der Sprache hatte er es zuerst entdeckt, bevor es für ihn zu einem Problem viel grundsätzlicher Art werden sollte. Mit seinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ wagte er sich nun in ein Terrain, das ihn zwar von jeher beschäftigt hatte, aber eben bis dahin nicht als besondere Herausforderung.

Wir sahen: in der Sprache ist die Existenz des Zufalls unbestreitbar, niemand vermag zu begründen, warum ein Begriff wie Baum gerade mit dem im Deutschen üblichen Laut „realisiert“ wird, wo doch unendlich viele andere Laute möglich wären. Umso merkwürdiger musste es Jenner erscheinen, dass es in der europäischen Wissenschaft seit dem 17ten Jahrhundert eine dogmatisch vertretene Lehrmeinung, den Determinismus, gibt, welche den Zufall grundsätzlich leugnet und ihn allein mit menschlicher Unwissenheit erklärt. In Wahrheit werde die gesamte Natur einschließlich des Menschen – so besagt diese Doktrin – ausschließlich von Gesetzen beherrscht. Es gebe in der Natur keinen Zufall. Auch menschliche Freiheit wird in dieser Sicht als Illusion abgetan – genauer gesagt, als subjektive Täuschung.

Schöpferische Vernunft“ ist im ersten Teil eine historische Arbeit. Das Buch verfolgt die Leugnung von Zufall und Freiheit durch die philosophische Geistesgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre. Sie zeigt, warum gerade die Wissenschaft so sehr auf der Leugnung der Freiheit bestand und dass sie selbst als die Quantenphysik die Existenz des Zufalls endlich akzeptierte, mit diesem doch nichts anzufangen weiß. Der Zufall wird als schlechterdings sinnlos und blind abgetan.

Dagegen vertritt Jenner im Hinblick auf Zufall und Freiheit

eine der ganzen bisherigen Tradition widerstreitende Auffassung. „Wir können die Notwendigkeit ohne Freiheit (Zufall) nicht einmal denken. Eine deterministische Wissenschaft ist ein logischer Selbstwiderspruch, weil sie immer schon Freiheit voraussetzen muss.“ Die Schöpferische Vernunft tritt in seiner Sicht gleichrangig an die Seite der die Gesetze erkennenden Vernunft.

Jenner betrachtet „Schöpferische Vernunft“ als sein bestes und originellstes Werk, weil es zum ersten Mal Freiheit neben Notwendigkeit als logisch unverzichtbare Dimension begründet und damit eine Änderung auch unseres Weltbilds notwendig macht. „Tantum possumus quantum scimus“ (wir können immer nur so viel, wie wir wissen) – diese seit Francis Bacon akzeptierte Aussage über den Menschen war seiner Meinung nach immer schon falsch. Jeder Mensch kann und bewirkt in jedem Augenblick seines Lebens weit mehr als er weiß. Schöpferische Vernunft ist ein Buch, dessen Ziel darin besteht, zugleich die Reichweite und die Grenzen der menschlichen Vernunft zu erhellen und auszuloten.

In der menschlichen Geschichte manifestiert sich

der Gegensatz zur Notwendigkeit nicht als Zufall, sondern als menschliche Freiheit. Denn der wesentliche Unterschied zwischen Freiheit und Zufall besteht darin, dass wir den Zufall, dem wir in der Natur begegnen, nicht verstehen, während wir sehr wohl die Motive anderer Menschen nachempfinden und ihrer wie auch unserer Freiheit daher einen Sinn zu geben vermögen. Warum die Welt überhaupt existiert und so ist, wie sie ist, das werden wir nie enträtseln, auch wenn wir ihre Ordnung in Tausenden von Gesetzen beschreiben. Deshalb steht in der Natur die Notwendigkeit (als Gesamtheit aller Gesetze) einem Zufall gegenüber, den wir als blind und sinnlos empfinden, nicht weil er das unabhängig von unserem Denken wirklich so ist, sondern weil wir ihm keinen menschlichen Sinn zuteilen können.

Andererseits ist menschliche Geschichte für uns gerade deshalb so faszinierend, weil Menschen das eigene Handeln stets nach einem Sinn ausrichten. Notwendigkeit gibt es natürlich auch hier. Wir können in der Natur nur überleben, wenn wir uns ihren Gesetzen fügen, aber wir können die Gesetze zu selbstbestimmten Zwecken benutzen – und seit der industriellen Revolution tun wir das in einem bis dahin niemals gekannten Maße.

Die drei Bücher

Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – das Schicksal der Menschheit im 21ten Jahrhundert“ sowie „Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken“ und schließlich „Homo IN-sapiens – eine kleine Geschichte menschlichen Schwachsinns“ hat Jenner wieder in der Eigenschaft eines Problemstellers geschrieben, der sich tastend um den Sinn der Geschichte bemüht. Wir erinnern uns, in der Sprache ging es ihm darum, universale Gemeinsamkeiten jenseits der beliebigen Zeichen aufzuspüren.

Dieselbe Aufgabe aber stellte er sich nun im Hinblick auf die über die Sprache hinausreichenden Unterschiede und Gegensätze in der Kultur – sind nicht die unendlich vielen Essens-, Verhaltens- und Glaubensvorschriften letztlich gleich beliebig?

Die Frage lautete auch diesmal: Können wir einen überkulturellen Sinn in der Geschichte erkennen? Im Hinblick auf das allgegenwärtige Böse scheint dieser Sinn so wenig fassbar wie der Zufall in der Natur. Doch das ist gewiss nicht das letzte Wort. Immerhin können wir nach den Motiven der menschlichen Akteure fragen, und – wenn wir sie finden – das Böse bis zu einem gewissen Grade erklären.

Im Hinblick auf das Ziel der Geschichte

aber erscheint es Jenner nicht nur möglich, sondern geradezu geboten, eine Problemlösung anzubieten (von Immanuel Kant bis zu Arnold Toynbee war diese auch schon von anderen begründet worden).

Seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist das Überleben der Menschen als Spezies in Gefahr. Mit dem Riesenarsenal bestehender Nuklearbomben und ballistischer Raketen hat er es ebenso in der Hand seine irdische Existenz zu beenden wie durch die Zerstörung der Umwelt. Das Ziel der Geschichte steht uns daher zum ersten Mal in der Geschichte ganz klar vor Augen: wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam verhüten, dass dieses kentert und uns allesamt in den Abgrund reißt. Konkret bedeutet dies, dass wir unser Wirtschaftssystem und unsere Politik radikal ändern müssen. Das Problem der Freiheit wird daher auf einmal ganz konkret, weil es unmittelbar mit Krieg und Frieden zusammenhängt, denn der Mensch steht ja nicht nur der Natur gegenüber, sondern auch seinen Mitmenschen. Das Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche, militärische und politische Macht ist hier jener Faktor, der uns immer wieder in den Schwachsinn zu treiben droht.

Der intellektgesteuerte Mensch,

der als Problemsteller und manchmal auch als Problemlöser Bruchstellen, Konflikte und Widersprüche benennt, kann den Schwachsinn nur benennen. Er kann aufzeigen, wie Homo insapiens gegen den eigenen Vorteil handelt und dabei sogar das eigene Überleben riskiert. Intelligenz besitzt er im Überfluss, die Intelligenz von Wissenschaft und Technik hat das Antlitz der Erde innerhalb von nur drei Jahrhundert radikal umgestaltet. Diese Intelligenz aber macht ihn durchaus nicht zum Homo sapiens. Dazu ist etwas anderes nötig, nämlich Weisheit, die den Gefühlen entspringt, also der Sympathie für den anderen Menschen, der gegenseitigen Achtung und Hilfe. Solange das unselige Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht nicht beendet wird, dürfen wir kaum hoffen, dass Homo sapiens – der weise und nicht bloß intelligente Mensch – Geschichte endlich in eine andere Richtung lenkt.

Für seinen groß angelegten Geschichtsentwurf

ist Jenner trotz mehrfachem Versuch bei keinem großen Verlag Interesse erregen können, obwohl Meinhard Miegel, ein bekannter Autor, dessen Schriften Jenner immer sehr schätzte, sich gegenüber dem Autor mit Lob über Stil und Inhalt der „Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ äußerte. Es müsse unbedingt veröffentlicht werden, er wolle dies gegebenenfalls mit einem Druckkostenzuschuss unterstützen. Nicht nur Herr Miegel begrüßte die neue Arbeit, sondern Prof. Karl Acham, ein renommierter Österreichischer Soziologieprofessor, verbürgte sich sogar mit einem ausgiebigen Vorwort für dessen wissenschaftliche Seriosität.

Prof. Acham empfahl ihm den Springer Verlag für Soziologie in der Meinung, dass sein Vorwort dem Autor dort die Tür öffnen würde. Diesmal aber kam es ganz anders als damals beim Fischer Verlag. Gerade einmal zwei Tage nach Anlangen des Manuskripts beim Verlag (als ohne Prüfung) wurde es schon zurückgewiesen. Man kann sich denken, wie eine solche Reaktion zu erklären ist. Natürlich darf ein Lektor sich weder auf die eigene Meinung noch auf die eines ausländischen Gutachters verlassen. Wie im Kolosseum, wo Daumen nach oben oder Daumen nach unten über Leben und Tod eines Gladiators entschieden – geht es um das Placet eines jener Halbgötter am deutschen Professorenhimmel, die sich bei solchen Entscheidungen das letzte Wort vorbehalten – natürlich anonym, niemand kann sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Offenbar hat die Losung „Unbefugten ist der Zutritt verboten“ sich in diesem Fall durchgesetzt.

Seitdem veröffentlicht Jenner bei Amazon

In gewisser Weise scheint diese Art der Publikation dem Naturell des Autors sogar entgegenzukommen, denn er findet ja nicht nur an anderen manches auszusetzen, sondern ebenso auch an sich selbst, sodass er in einem fort an den eigenen Schriften retuschiert, sie erweitert oder auch ganze Passagen wieder hinauswirft. Nichts wurmt ihn so sehr, wie wenn man ihm einen Fehler in der Rezeption der Fakten oder gar im Argument nachweisen kann (und das ist bisweilen leider durchaus möglich. Da Jenner ein Einzelkämpfer ist, schleichen sich schon hier und da Fehler ein). 5 Jedenfalls kommt die Veröffentlichung bei Amazon dieser Neigung zur Selbstkorrektur entgegen, denn Änderungen sowohl in der Printedition wie bei der Kindle-Ausgabe lassen sich am eigenen Computer innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligen – ein Vorgehen, das bei anderen Verlagen völlig undenkbar wäre.

<1 Jenners These, wonach die Grundbegriffe der Chomskyschen Universalen Grammatik (Verb, Nomen etc.) nicht universal sind, ist entweder richtig oder falsch. Man sollte meinen, dass ernsthafte Wissenschaftler sie entweder akzeptieren oder widerlegen. Doch weiß Jenner von keinem Linguisten, der sich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt hätte. Das Orchideenfach Linguistik ist inzwischen so sehr zu einem Paradigma erstarrt (wie Thomas Kuhn es beschrieb), dass niemand deren Voraussetzungen mehr untersucht. Zwar mehren sich in letzter Zeit die Angriffe auf Chomsky, aber jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeworfen: Das legitime Ziel, Sprache überhaupt in den Blick zu bekommen und nicht nur Einzelsprachen, wird in Frage gestellt. 

<2 Jenners Habilitationsschrift über Linguistik, welche die Hauptthese bereits enthielt, wurde „aus formalen Gründen“ abgelehnt, obwohl ein Gutachter (Prof. Peter Hartmann aus Konstanz) sich im Gutachtergremium für sie eingesetzt hatte. Prof. Bernfried Schlerath, der damalige Ordinarius an der Freien Universität aber ließ nicht mit sich spaßen. Und das aus verständlichen Gründen: Jenner hatte nie auch nur eine einzige Stunde zu seinen Füßen gesessen.

<3 Chomsky schreibt seine politischen Schriften ebenso klar wie er in seinen linguistischen unklar ist. Vermutlich ist er deshalb aus dem zweiten in den ersten Bereich geflohen. Seiner Scholastik steht auch ein Linguist wie Steven Pinker ablehnend gegenüber. Dieser überzeugt durch erstaunliches Wissen, eine klare Sprache und kluge Argumentation. Jenner kritisiert Pinker aus einem anderen Grund: er hält ihn für unehrlich. Seine Idee von einer vorsprachlichen Sprache (Mentalese) liegt ganz auf der Linie Jenners, und die sich daraus ergebende Schlussfolgerung scheint offensichtlich. Pinker müsste ebenso wie er selbst Chomskys Grundbegriffe der Generativen Grammatik durch vorsprachliche ersetzen. Aber davor schreckt Pinker zurück, dann wäre er ja in Gefahr, sich von Chomsky ganz loszusagen und sich an die Seite eines immer noch ignorierten Außenseiters zu stellen. Hier erweist sich neuerlich die Macht der von Kuhn so eindringlich beschriebenen Paradigmen. Kuhn hatte den Dogmatismus in den Naturwissenschaften in ihren Paradigmen aufgespürt. Er hätte ein sehr viel leichteres Spiel in den Geisteswissenschaften gehabt. Wenn eine Firma neue Geräte gemäß den bekannten Naturgesetzen plant und produziert, dann kann man sich darauf verlassen, dass die zur Anwendung gelangenden Gesetze wahr sind – andernfalls würden die Geräte schlicht nicht funktionieren. Aber in den Geisteswissenschaften können die krausesten Theorien entstehen, ohne dass die Konfrontation mit der Wirklichkeit ihre Verfechter zu Revisionen zwingt.

<4 Die Homunkulus-Wissenschaft, wie sie der späte Chomsky betreibt, wird von David Golumbia in dem Aufsatz „The Language of Science and the Science of Language – Chomskys Cartesianism“ als Verstoß gegen die Grundsätze einer empirischen Wissenschaft in Frage gestellt.

<5 Jenner ist ein Einzelkämpfer, seine letzten Bücher sind weder durch die Hände eines Lektors gegangen, noch hat er Freunde gebeten, sie durchzusehen. Manchmal haben sich deswegen auch Fehler eingeschlichen, die ihm sehr peinlich waren. So hat er zum Beispiel das Anthropozän irrtümlich nicht in dem von seinem Erfinder Paul Josef Crutzen gemeinten Sinn zur Bezeichnung des Industriezeitalters verwendet, sondern es auf die gesamte Geschichte bezogen, seit der Mensch seine Umwelt aktiv veränderte. Das geschah bereits zur Zeit der Jäger und Sammler, als diese die Megafauna global weitgehend ausrotteten. Jenner hat diesen Fehler korrigiert, indem er den Begriff des „Großen Anthropozäns“ verwendet.

Der Autor Egon W. Kreutzer schreibt:

Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Innenleben, Gero Jenner! Irgendwann, und wohl ohne meinen diesbezüglichen Antrag, ist meine Mail-Adresse in den Verteiler Ihrer Newsletter geraten. Was Sie schreiben, sammelt sich als Essenz in meinem Bewusstsein an. Ich könnte nichts davon im Wortsinn wieder hervorkramen, doch es eröffnet mir beim Lesen die Wahrnehmung neuer Perspektiven, und lässt mich später die neu entdeckten Standpunkte selbst wieder einnehmen. Herzlichen Dank für alles! Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

Der Komponist und Freund Franz Zebinger:

Lieber Gero, mit Faszination habe ich eben das Resümee deines Schaffens – und Lebens (wo ja das eine ins andere greift) gelesen! Herzlichen Dank dafür! Vieles verstehe ich nach dieser deiner Selbstanalyse besser. Deine Feststellung, dass die diplomierten Fachleute Outsider einfach nicht ein- und zulassen, kann ich auch für mich als Komponisten ohne einschlägiges Fachstudium bestätigen. Kein renommierter Verlag hat meine Kompositionen jemals gedruckt. Wie du mit Amazon ganz gut leben kannst, kann auch ich mich mittels meines Schreibprogramms Sibelius bestens „verwirklichen“ und meine Musik interessierten Menschen vermitteln.
Ganz herzliche Grüße aus der Klausur, die uns Schöpferischen eigentlich sowieso adäquat und deswegen nicht bedrückend ist!
Franz

Herr Dr. Dirk-Michael Harmsen schreibt mir Folgendes:

Lieber Herr Jenner,

seit vielen Monaten lese ich schon Ihren Blog. Der gestgrige hat mir insofern besonders gefallen, weil Sie auf humorvolle Weise auf sich selbst (zurück)blicken und Höhen und Tiefen Ihres geistigen, schriftstellerischen Lebens Ihren Lesern schildern. So macht das Lesen autobiografischer Notizen Spaß. 

Vielen Dank und … bleiben Sie gesund in diesen pandemischen Zeiten,
Dirk Harmsen

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt)

Minsky

Wir leben in einer außerordentlichen Zeit, weil wir über den Menschen nicht mehr zu philosophieren brauchen, sprich zu phantasieren, um sein Wesen bis auf den Grund zu erkunden. Die exakten Wissenschaften geben uns zum ersten Mal die Mittel an die Hand, um mit Zahlen und unwiderleglichen Beweisen uns selbst sozusagen auf den Begriff zu bringen. Was die Naturwissenschaften seit dreihundert Jahren geleistet haben, nämlich dass sie die Natur für den Menschen erst berechenbar machten, damit wir sie anschließend beherrschen, das wird jetzt auch für den Menschen möglich. Ich sage es noch einmal: zum ersten Mal in der Geschichte.

Sokrates

Mit anderen Worten: ihr braucht uns nicht mehr. Wir sind Fantasten, die allerlei Fabeln und Mythen über den Menschen in Umlauf brachten. Jetzt aber kommt ihr mit euren Messgeräten, und am Ende werdet ihr eine Handvoll Gleichungen aufstellen, die euch erlauben, selbst noch die Gedanken eines Menschen für die nächsten vierzehn Tage vorauszusagen – so wie ihr jetzt schon das Wetter für zwei Wochen voraussagen könnt und die Bahn des Jupiter sogar für die nächsten Jahrtausende.

Minsky

So ist es, aber ich zögere keinesfalls, eure vergangenen Leistungen zu rühmen. Die Gespräche, die einer wie du damals im alten Athen mit gescheiten jungen Männern führtest, habe ich in meiner Jugend gern gelesen. So viel Poesie und Begeisterung, wirklich beeindruckend! Aber seien wir ehrlich, deine Aufteilung des Staates nach Lehr-, Wehr- und Nährstand blieb völlig folgenlos. Dein Schüler Plato blieb sein Leben lang ohne politischen Einfluss; in Syrakus dachte der dortige Diktator gar nicht daran, sein System zu übernehmen. Ihr Philosophen habt die Welt mit Erzählungen versorgt, aber eure praktische Wirkung war bis zum heutigen Tag gleich null, weil sie nicht auf strenger Wissenschaft beruht. Deshalb verschwindet ihr jetzt auch aus den Universitäten, während die Naturwissenschaften Hochkonjunktur genießen.

Sokrates

Also glaubst du, dass ihr schon bald Denken und Verhalten des Menschen so gut beschreiben könnt, dass ihr ein Gemeinwesen am Reißbrett planen könnt, damit alles so verlässlich und vorhersehbar verläuft wie in einem Termitenstaat? Ich fühle mich an Watson und Skinner, die Gründer des Behaviorismus, erinnert, die diese triste Utopie schon vor einem Jahrhundert verkündeten.

Minsky

Das ist nun aber eine boshafte Formulierung, weil du damit ja ausdrücken willst, dass Freiheit in einem solchen Staat nicht existiert. Aber Freiheit ist eine Illusion, die ihr nur als solche noch nicht begriffen habt. Solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann es keine Freiheit geben, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – und dann ist er ebenso wenig frei. Die Rede vom Termitenstaat ist daher nichts anderes als irreführender Unsinn. Der Mensch ist niemals frei gewesen, auch wenn er sich einbildet es zu sein. Was wir, die Wissenschaftler vom Menschen, jetzt tun, ist nur, dass wir seine Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren.

Sokrates

Ich gebe zu, da habt ihr schon sehr viel Großartiges geleistet.

I Der künstliche Mensch beweist, dass wir auf dem besten Wege sind, den natürlichen völlig zu enträtseln

Minsky

Nicht wahr? Das verdient wirklich große Bewunderung. Unsere praktischen Erfolge liefern nicht weniger als den Beweis, dass wir im Begriff sind, den Menschen vollständig zu entschlüsseln. Unsere größten Rechenmaschinen führen Aufgaben innerhalb von Sekunden aus, welche Menschen selbst in Jahrtausenden nicht zu lösen vermögen. Unsere Schachroboter, ausgerüstet mit künstlicher Intelligenz, schlagen inzwischen jeden menschlichen Spieler, unsere Roboterärzte liefern bessere Diagnosen als unsere universitätsgeprüften Doktoren, unsere KI bestückten künstlichen Rechtsanwälte verfügen über mehr Wissen und daher auch über mehr Kompetenz als jeder natürliche Jurist, unsere Leitsysteme in den Flugzeugen machen Piloten aus Fleisch und Blut heute schon überflüssig – und reduzieren die Unfallhäufigkeit auf jenes Minimum, dass allenfalls noch durch schadhafte Technik verursacht wird (wie beim Menschen z.B. durch Herzversagen). Die von Künstlicher Intelligenz gesteuerten Autos werden schon bald fließenden Verkehr ermöglichen, der noch dazu nahezu unfallfrei sein wird.

Sokrates

Wenn ich dich recht verstehe, ist es euer Ziel, den fehlbaren, vergleichsweise unendlich langsam reagierenden, in seinem Wissen beschränkten Menschen durch sein vollkommenes Gegenstück zu ersetzen, nämlich durch ein künstliches Gehirn in einem künstlichen Roboter, der ihm in jeder Hinsicht weit überlegen ist.

Minsky

Ja, und auf diesem Weg sind wir schon so weit vorangeschritten, dass die meisten heute noch existierenden Berufe in einigen Jahren nicht mehr benötigt werden. Piloten sind jetzt schon ein entbehrlicher Luxus, Lastwagen-, Bus- und Taxifahrer werden es morgen sein. In der Diagnostik sind auch die Ärzte schon weitgehend überflüssig, nur in der Therapie spielen sie noch eine gewisse Rolle, aber Roboter werden auch hier schon bald die besseren Chirurgen sein. Dolmetscher werden kaum mehr gebraucht, da Übersetzungsmaschinen inzwischen hervorragende Arbeit leisten. Hier sehe ich bei allem Fortschritt, auf den wir sehr stolz sein können, ein gewisses Problem.

Sokrates

Ich pflichte dir bei, dass darin vielleicht sogar ein gewaltiges Problem liegen wird. Aber viel interessanter erscheint es mir, der grundsätzlichen Frage nachzugehen, ob euer Optimismus berechtigt ist, dass ihr den Menschen bald vollständig entschlüsseln und durch einen künstlichen Supermenschen ersetzen werdet.

Darüber möchte ich mit dir reden, weil ich diese These nicht nur für übertrieben halte, so als bräuchtet ihr einfach etwas mehr Zeit für die weitere Forschung. Nein, ich halte sie für grundsätzlich und für nachweisbar falsch. Mehr noch, ich halte sie für eine große und noch dazu gefährliche Illusion – trotz aller unbestreitbaren praktischen Erfolge, die ihr aufgrund dieser Arbeitshypothese bis heute errungen habt und zweifellos noch erringen werdet.

Minsky

Aha, da spricht der Philosoph, der seine Spekulation unserem Wissen entgegenhält. Auf Spekulationen lasse ich mich aber nicht ein. Faktum ist, dass wir unserem Ziel, den natürlichen durch den künstlichen Menschen zu ersetzen, jetzt schon ganz nahe sind. Wir wissen nur noch nicht ganz genau, auf welchem von zwei Wegen wir es am schnellsten erreichen. Die einen setzen darauf, die elementaren Regeln der Logik zur Grundlage der Künstlichen Intelligenz zu machen, also von wenigen Grundbeziehungen auszugehen, um diese immer mehr zu verfeinern, bis wir alle Operationen des menschlichen Gehirns auf diese Art nicht nur vollziehen, sondern sie auch viel schneller und umfassender ausführen können (logic-based symbolic processing).

Andere wollen eher pragmatisch vorgehen, indem sie alle möglichen praktisch erprobten Problemlösungsverfahren miteinander vereinen (deep learning). Aber das Ziel bleibt letztlich doch immer dasselbe. Am Ende haben wir einen Supermenschen geschaffen, der nicht nur alles ebenso kann, was jeder beliebig gewählte Mensch aus einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden vermag, sondern noch sehr viel größere Fähigkeiten besitzt, da sein Wissen und seine Reaktionsfähigkeit einer nahezu grenzenlosen Steigerung fähig sind.

Sokrates

Was dieser Mensch kann, werdet ihr dann also genau vorhersagen können?

Minsky

Selbstverständlich. Darin liegt ja der Zweck unserer Forschungen. Da wir diesen Supermenschen selbst erschaffen haben, sind wir natürlich auch in der Lage, seine möglichen Denkvorgänge und seine überhaupt möglichen Handlungen vorauszusagen. Du wirst zugeben, dass dies ein Durchbruch von historischen Ausmaßen ist. Wir haben zwar bisher die unbelebte Natur beherrscht, aber der Mensch schien sich unseren Anstrengungen zu entziehen. Er blieb für uns unberechenbar. Anders der Supermensch, den wir mit Künstlicher Intelligenz ausrüsten. Er ist für uns völlig berechenbar, da wir ihn selbst programmieren. Weil sein Gehirn das des natürlichen Menschen noch übertrifft, werden wir auf diesem Umweg dann auch den natürlichen Menschen entschlüsseln. Es ist wahr: Behavioristen wie Watson und Skinner hatten die Richtung schon aufgezeigt. Wir aber verfügen nun auch über die technischen Mittel, um den völlig berechen- und programmierbaren Menschen tatsächlich zu erschaffen.

Sokrates

Dann wäre es also in Zukunft ein Leichtes, mein und dein Denken vorherzusagen? Ich verstehe, wenn schon der Supermensch berechenbar ist, dann gilt das natürlich umso mehr für uns beide, die wir im Vergleich nur recht bescheidene Hirnstrukturen aufweisen.

Minsky

So ist es! Wir müssen uns endlich von der absurden Annahme befreien, dass zwar die ganze äußere Natur berechen- und weitgehend auch beherrschbar ist, aber dass wir selbst gleichsam außerhalb der Natur stehen, und, wie man früher glaubte, deshalb prinzipiell unberechenbar seien. Das ist nichts als ein dummes, unwissenschaftliches Vorurteil. Wir Menschen sind doch genauso Natur und daher ihren Gesetzen auch genauso ausgeliefert. Wenn wir die Abläufe der Natur vorhersagen können, dann muss das ebenso im Hinblick auf die Abläufe in unserem Gehirn möglich sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wissen, was in meinem oder deinem Hirn morgen oder in einer Woche geschieht und was wir beide in Zukunft tun oder lassen werden. 

Sokrates

Und ich bestehe nochmals darauf, dass ein kritischer Wissenschaftler die These von der vollständigen Berechenbarkeit von Mensch und Natur grundsätzlich ablehnen muss, wenn er seriöser Wissenschaftler bleiben will. Oder anders gesagt, dass er keiner mehr ist, wenn er eine solche These vertritt.

II Ein Roboter kann keine Experimente anstellen

Minsky

Philosophen sind immer für Überraschungen gut. Diese wunderliche Behaup­tung bedarf der Erklärung.

Sokrates

Das ist weniger schwer, als du vielleicht glaubst. Die empirischen Wissenschaften stellen bekanntlich Experimente an, um ihre theoretischen Aussagen über die Wirklichkeit praktisch zu überprüfen. Ich frage dich: gehen sie dabei nicht von der ihnen als selbstverständlich erscheinenden Voraussetzung aus, dass sich Experimente zu beliebiger Zeit, an beliebigem Ort, in beliebiger Größe und Komplexität durchführen lassen? Mit anderen Worten, setzen sie dabei nicht voraus, dass sie kraft ihres Wollens reale Vorgänge jederzeit willkürlich herbeiführen können?

Minsky

Das ist richtig, darin besteht ja ein Experiment.

Sokrates

Wenn es aber das Wollen eines Menschen ist, dass ein Experiment stattfindet, dann ist dessen Eintreten in diesem Moment und an diesem bestimmten Ort (z. B. in einem Labor) doch nicht durch die Geschichte des Universums oder dessen Gesamtzustand determiniert? Wir müssen vielmehr behaupten, dass es im Hinblick auf diesen ganz zufällig ist, da es sein Zustandekommen ja allein dem Wollen eines bestimmten Wissenschaftlers verdankt?

Minsky

Das wird man wohl sagen müssen.

Sokrates

Gut, dass wir da einer Meinung sind, denn von Laplace bis zu Bertrand Russell wurde in der gesamten Geschichte der Neuzeit eine ganz andere Auffassung vertreten. In klassischer Form hat der französische Mathematiker Laplace diese gegenüber Napoleon vertreten: „Eine Intelligenz, die in einem bestimmten Moment alle Kräfte erfasste, welche die Natur beherrschen, und darüber hinaus die respektive Lage der Elemente, aus denen sie besteht, würde – vorausgesetzt, dass sie groß genug wäre, um alle diese Daten der Analyse zu unterwerfen – in einer einzigen Formel die Bewegungen der größten Körper des Universums und die der kleinsten Atome gleichermaßen erfassen: nichts wäre ungewiss für sie. Zukunft und Vergangenheit würden ihr deutlich vor Augen stehen.“

Du siehst, dass es nach dieser Auffassung keine Ereignisse geben kann, die nicht aus der Geschichte und dem Gesamtzustand des Universums ableitbar wären. Eine vollkommende Intelligenz soll sogar imstande sein, aus dessen heutigem Zustand die ganze Zukunft zu erschließen. Wenn du meinst, dass die Forschung an Robotern mit künstlicher Intelligenz uns bald erlauben wird, auch menschliche Gedanken und Handlungen vorauszusagen, dann folgst du dieser These.

Minsky

Warte einen Augenblick, das musst du noch etwas konkreter begründen.

III Ein unauflösbarer logischer Widerspruch!

Sokrates

Ja, gewiss, deine Schöne Neue Welt sollten wir wirklich etwas näher beschreiben. Ich weiß, wir sitzen jetzt schon in Flugzeugen, die automatisch gesteuert werden und morgen werden wir in Autos sitzen, die ihr Ziel selbständig ansteuern, aber immerhin bleibt uns noch die Wahl, das Auto an selbstbestimmte Ziele zu dirigieren, z.B. nach Bonn oder Rom. Dein künstlicher Supermensch aber hat diese Wahl nicht mehr, denn ihr wollt sein Verhalten ja genauso voraussagen wie eine Mondfinsternis. Mit Laplace glaubt auch ihr zu wissen, dass er im Grunde so wenig frei ist wie der Mond und die unbelebte Natur. Das heißt aber doch, dass die Wissenschaft von morgen, nicht nur die Gesetze zu kennen beansprucht, nach denen unsere Flugzeuge und Autos funktionieren, sondern ebenso die Gesetze, welche die Hirne der sie benutzenden Menschen lenken. Wie für den Rest der Natur glaubt sie voraussagen zu können, wie sie in Zukunft denken und welche Befehle sie dem Körper erteilen werden.

Und deshalb stürzt ihr auf einmal in eine logische Falle – ich meine in einen unaufhebbaren Widerspruch.

Minsky

Aha? Und wo glaubst du denn den zu finden?

Sokrates

Im Wissenschaftler selbst, der zugleich zum Subjekt und zum Objekt der Voraussage wird. Er soll dann nämlich voraussehen können, was er selbst in Zukunft denken wird. Bei eurem Schachspieler, bei euren Roboterärzten, bei euren mit Künstlicher Intelligenz ausgestatteten Anwälten ist das jetzt schon möglich, denn ihr habt sie ja programmiert. Ihr wisst daher genau über die möglichen Alternativen ihres Verhaltens Bescheid und könnt vorhersagen, wie sie unter gegebenen Bedingungen reagieren, wie sie reagieren müssen. Aber da ihr behauptet, dass diese künstlichen Wesen die Essenz des Menschen sozusagen auf vollkommene Weise verkörpern, gilt das natürlich doppelt für uns, die weit unvollkommeneren natürlichen Menschen. Euer Forscher behauptet also, dass er irgendwann an den Punkt gelangt, wo er mit Laplace’scher Intelligenz nicht nur sein späteres Verhalten, sondern sogar noch alle seine künftigen Forschungsergebnisse voraussagen kann.

Minsky

Das ist schon richtig, aber es wird natürlich noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die Forschung tatsächlich dahin gelangt. Deswegen macht es doch wenig Sinn, jetzt schon darüber zu sprechen.

Sokrates

Nein, im Gegenteil, es macht sogar den größten Sinn anzunehmen, dass euer Ziel bereits erreicht worden ist, denn nur dann können wir darüber reden, welche Folgen sich daraus zwangsläufig ergeben – ich meine den logischen Selbstwiderspruch.

Minsky

Ich weiß schon, was du sagen willst. Wenn ich genau voraussagen könnte, was ich morgen und in aller Zukunft tun werde, dann werde ich das sicher auf keinen Fall mehr tun wollen, weil ja aller Reiz der Neuheit verloren ist. Denn ich würde ja auch meine Gefühle und Empfindungen im Voraus kennen. Mein künftiges Leben wäre ganz und gar überflüssig – ich wäre nur noch eine willenlose Maschine ohne eigenen Antrieb. 

Aber du begehst einen Denkfehler. Wir können die deterministische Ansicht eines Laplace nicht deswegen beiseiteschieben, weil sie uns so wenig gefällt.

Sokrates

Nein, wir müssen sie deswegen zurückweisen, weil sie erkennbar falsch ist. Die Freiheit von Mensch und Natur wird durch das wissenschaftliche Experiment erwiesen, denn dieses bettet ein vom Menschen geplantes Ereignis in die bestehende Wirklichkeit ein, ohne dass es sich aus dieser ableiten ließe oder gar von dieser determiniert worden ist. Seine Existenz beruht allein auf einem Akt des menschlichen Wollens, ohne diesen gäbe es das Ereignis nicht – nicht an diesem bestimmten Ort, zu dieser bestimmten Zeit mit diesen bestimmten Charakteristiken. Die Rakete fliegt nach Gesetzen, die wir der Natur abgelauscht haben zum Mond, aber dass es am Montag, den 23. Juni dazu kommt, gehorcht keinem Naturgesetz, sondern wird vom Direktor der NASA oder einer anderen Behörde verordnet.

Minsky

Ich gebe zu, dass Experimente eine offene Wirklichkeit zur Voraussetzung haben, eine Wirklichkeit, in die menschliches Wollen souverän einzugreifen vermag. Aber die Evolution der Natur findet doch völlig unabhängig von unserem Wollen statt. Da nützt es uns doch gar nichts, menschenerdachte Experimente zu ihrer Erklärung heranzuziehen.

Sokrates

Einspruch! Es nützt uns sogar sehr viel, um nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass wir die Wirklichkeit niemals vollständig erklären, wenn wir nur Gesetze und deren deterministische Wirkung Gesetze vor Augen haben.

Schau bitte her: dieselbe Unableitbarkeit, wie wir sie eben für das Experiment festgestellt haben, begegnet uns in der Evolution der Natur. Aus der Kenntnis des Urplasmas nach dem Anfangszustand des Universums lassen sich die 83 primordialen Elemente nicht ableiten, sie gehorchen nur den Anfangsbedin­gungen. Aus den Elementen lassen sich nicht die Moleküle ableiten, sie sind nur den bis dahin geltenden Gesetzen unterworfen. Aus den Molekülen der anorganischen Natur können wir die organischen Stoffe und das Leben nicht ableiten, obwohl beide den Gesetzen von Physik und Chemie unterworfen bleiben. Aus der Biologie können wir nicht den Geist errechnen, obwohl dieser sich nicht über die Gesetze des biologischen Lebens hinwegsetzen kann.

Lass es mich bildhaft so ausdrücken: ein kosmischer Experimentator könnte all dies erdacht haben, ebenso wie ein irdischer Wissenschaftler ein Experiment erdenkt. Beide sind bei der Kreation neuer Wirklichkeiten durch die Gesetze der vorhandenen eingeschränkt, und doch schaffen sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort etwas Neues, das sich aus dem Vorhandenen nicht herleiten lässt.

Was ich damit noch einmal bekräftigen will? Die Vorstellung eines Laplace und all seiner Nachfolger bis hin zu Bertrand Russell müssen wir mit aller Entschiedenheit als falsch zurückzuweisen. Wir leben in einer offenen Welt, wo ständig neue Wirklichkeiten entstehen, die sich aus den Gesetzen der ihnen voraufgehenden nicht erschließen lassen, obwohl sie auf ihnen aufruhen und sie voraussetzen.

IV Euer künstlicher Supermensch kann nicht agieren, er kann nur re-agieren

Minsky

Interessant, überraschend und für mich auf den ersten Blick auch überlegenswert, obwohl du damit einer dreihundertjährigen Tradition widersprichst, die allerdings, wie du natürlich weißt, durch die Erkenntnisse der Quantenphysik inzwischen relativiert worden ist. Dort werden der Zufall und das unableitbar Neue ja sehr wohl akzeptiert. Aber das möchte ich nur nebenbei bemerken. Wichtiger scheint mir, dass du dich jetzt endlich wieder unserem Thema zuwendest. Was haben Experiment und das Neue in der Natur mit der Künstlichen Intelligenz und Robotern zu tun?

Sokrates

Du fragst? Aber der Zusammenhang liegt doch klar zutage! Hast du nicht vorher darauf bestanden, dass der Mensch ein Teil der Natur sei? Darin gebe ich dir natürlich recht. Dann muss aber, was für Letztere gilt, auch auf den Menschen zutreffen. Wenn also neue Wirklichkeit jederzeit innerhalb der bestehenden durch das Experiment oder überhaupt jede Art von menschlicher Handlung hervorgebracht werden kann, dann muss es solche Inseln des Neuen ebenso auch im menschlichen Denken geben. Wir müssen davon ausgehen, dass uns beständig Gedanken einfallen (und zu Handlungen führen), die wir nicht aus der Vergangenheit unseres Denkens oder aus dessen Gesamtzustand ableiten können. Anders gesagt, werden wir aus diesem Grund auch nie fähig sein, zukünftiges Denken aus dessen Jetztzustand abzuleiten.

Minsky

Na schön, aber einmal angenommen, du hättest mit dieser Aussage recht, dann sehe ich trotzdem nicht, welche Bedeutung dies für den künstlichen Menschen hat. Um es einmal rundheraus zu sagen: ich verstehe überhaupt nicht, wie du an unserem großen Projekt herummäkeln kannst, dem Projekt, endlich den vollkommenen Menschen zu erschaffen, den künstlichen Supermenschen, der alle Vorzüge des natürlichen besitzt, aber ohne an dessen Unzulänglichkeiten zu leiden. Was ist an diesem großartigen Projekt auszusetzen?

Sokrates

Ich protestiere nicht gegen dieses euer Ziel. Ich behaupte nur, dass ihr es niemals erreichen werdet, weil ihr es grundsätzlich nicht erreichen könnt. Der künstliche mit digitaler Intelligenz ausgerüstete Roboter, unterscheidet sich nämlich dadurch von seinem natürlichen Gegenbild, dass er immer nur reagieren kann.

Gewiss tut er das in vielen Bereichen unendlich viel besser als sein natürliches Vorbild. Aber seine Leistung ist auch prinzipiell genau darauf beschränkt. Der Schachroboter reagiert nach programmiertem Algorithmus auf den Zug eines Gegners, die Diagnoseroboter werten nach eingebautem Programm die Fotos des Radiologen aus. Der Flugpilot reagiert mit größter Verlässlichkeit auf die Gesamtheit von Situationen, mit denen er zuvor gefüttert wurde. Aber kein künstlicher Mensch schafft neue Wirklichkeiten – und das aus einem einfachen, logisch zwingenden Grund: Programmierer sind grundsätzlich nicht in der Lage, aus dem Alten das Neue, also aus dem ihnen Bekannten das ihnen Unbekannte abzuleiten. Der Mensch aber bringt genau das in einem fort zuwege: er erschafft das Neue. Denk nur daran, wie es ihm in den vergangenen zweihundert Jahren gelang, die natürliche und soziale Wirklichkeit radikal umzugestalten.

Minsky

Nein, ich kann keinesfalls zustimmen, dass die Künstliche Intelligenz das nicht ganz genauso vermag. Es gibt das Gesetz und es gibt den Zufall. Gesetze geben das Regelmaß vor, aber einen Zufallsgenerator kann man der künstlichen Intelligenz sehr wohl einbauen. Dann reagiert der Roboter nicht nur auf äußere Reize und Bedingungen, sondern er betätigt sich wie der natürliche Mensch, indem er neue, unvorhersehbare Handlungen setzt. Ich behaupte also, dass wir den natürlichen Menschen auch in dieser Hinsicht imitieren und vermutlich sogar übertreffen können.

V Der Zufall ist koexistent mit den Gesetzen

Sokrates

Ja, damit kommen wir zu einem Schlüsselbegriff unserer gemeinsamen Untersuchung: dem Zufall.

Minsky

Richtig, und dieser Begriff befreit uns auch von der Freiheit, die objektiv gesehen ein Nichts ist, da sie allein auf subjektiver Täuschung beruht. Ich sagte schon: solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann er nicht frei sein, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – dann ist er natürlich ebenso wenig frei. Ich sagte schon, wir Wissenschaftler vom Menschen tun nichts anderes, als dass wir die menschliche Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren. Wir nehmen uns dazu den Zufall vor, den wir mit Hilfe des Zufallsgenerators künstlich erzeugen

Sokrates

Ich weiß, das glaubt ihr, aber in Wirklichkeit, seid ihr dazu gar nicht imstande.

Minsky

Wieso nicht? Willst du bestreiten, dass es Zufallsgeneratoren gibt?

Sokrates

Nein, das bestreite ich keineswegs, nur produzieren sie keinen Zufall. Zunächst einmal ist der Zufall, den sie erzeugen, von vornherein radikal eingeschränkt. Ein echter Zufall wäre es, wenn sich auf meinem Konto plötzlich eine Milliarde Dollar befänden oder mich ein Windstoß in die Hängematte in meinem Garten trüge. Aber davon ist beim Zufallsgenerator ja keine Rede. Er vermag nur Zahlenfolgen zu produzieren.

Minsky

Aber es genügt doch, dass diese völlig regellos sind.

Sokrates

Allerdings, das würde zu Demonstrationszwecken schon genügen, doch sind sie gerade nicht regellos, wenn Wissenschaftler sie systematisch hervorbringen wollen.

Minsky

Wieder so eine deiner Behauptungen.

Sokrates

Ich frage dich. Können wir mit Hilfe einer Regel etwas Regelloses erzeugen?

Minsky

Natürlich nicht.

Sokrates

Aber nichts anderes geschieht doch, wenn wir einen Generator planen, der den regellosen Zufall hervorbringen soll, denn alle Planung beruht auf Regeln.

Minsky

Nun schön, das sehe ich ein. Kein Algorithmus ist imstande, eine Folge hervorzubringen, die keinem Algorithmus gehorcht. Das ist elementare Logik. Aber du hast trotzdem eines vergessen. Wir können einen solchen Apparat zum Beispiel durchs Fenster schauen lassen, wenn sich dort der übliche Fußgängerverkehr ereignet. Lass einen Sensor die Größe jedes vorbeigehenden Passanten messen und diese mit der Sekundenzahl multiplizieren, die seit dem Erscheinen des letzten Fußgängers verging. Dann haben wir einen echten Zufall. Denn wir können uns kein Gesetz vorstellen, dass die Häufigkeit, die unterschiedliche Größe und die zeitliche Distanz zwischen den Fußgängern bestimmt.

Oder nimm einen anderen Fall. Wir kennen die Halbwertzeit, nach der nur noch die halbe Menge von strahlendem Radium vorhanden sein wird, aber den Zeitpunkt, wann ein einzelnes Alphateilchen ausgeschickt wird, kennen wir nicht. Der gehorcht dem Zufall. Wir könnten den Zufallsgenerator also auch mit diesen zufälligen Zeitpunkten füttern, um eine durch nichts zu berechnende Zahlenfolge hervorzubringen.

Sokrates

Sehr richtig, aber weißt du auch, was das heißt? Du sagt damit doch nichts anderes – und zwar zu Recht -, als dass der Mensch immer nur das Nicht-Zufällige, also irgendeine Regel hervorbringen kann. Um den Zufall zu imitieren, muss er ihn der Natur entnehmen.

VI Der Zufall bleibt für uns ein reines, undeutbares Geheimnis. Das gilt für den Zufall in der außermenschlichen Natur wie beim Menschen. Da fällt etwas zu, das wir nicht erklären können.

Minsky

Und was willst du damit so Großartiges sagen? Sind das nicht lauter Spitzfindigkeiten, die uns keinen Schritt weiterführen?

Sokrates

Im Gegenteil, das ist eine grundlegende Einsicht. Sie besagt nämlich, dass der Zufall für uns ein reines Geheimnis ist. Wir verstehen nur die Regel, wir erkennen nur das Gesetz, aber alles Regellose, alles Gesetzlose ist für uns Terra incognita.

Minsky

Richtig, und genau deswegen kümmert sich die Wissenschaft ja auch nicht weiter darum, sondern spricht vom „blinden, sinnlosen Zufall“, den sie ganz aus ihrem geistigen Horizont verdrängt.

Sokrates

Aber wie können wir etwas blind und sinnlos nennen, von dem wir prinzipiell nicht wissen, was es ist? Und wie wollt ihr etwas in die Künstliche Intelligenz und die Roboter einbauen, das sich unserem Verstehen entzieht? Und schließlich: wie wollt ihr das selbstgesteckte Ziel erreichen, menschliches Verhalten vorherzusagen, wenn sich der Zufall doch der Berechenbarkeit entzieht ?

Minsky

Da pflichte ich bei. Das ist natürlich nicht möglich.

Sokrates

Damit ist aber neuerlich betont, was ich von Anfang an sagen wollte. Der künstliche Mensch, also der KI-bestückte Roboter, kann prinzipiell nie deckungsgleich mit dem natürlichen sein, weil er im Unterschied zu diesem immer nach vorgegebenen Regeln verfährt. Wir können ihm keinen Algorithmus einbauen, der keinem Algorithmus gehorcht. Deswegen bleibt er immer ein Kunstprodukt, das zwar im Hinblick auf einzelne Fähigkeiten die Leistung natürlicher Menschen um Potenzen zu übertreffen vermag, aber ihm dennoch grundsätzlich unterlegen ist, denn weder der natürliche Mensch noch die Natur gehorchen ausschließlich Regeln (Gesetzen). Vielmehr beherrscht der Zufall sie mindestens in gleichem Maße – und zwar ein Zufall, der keineswegs blind und sinnlos ist.

Minsky

Das ist mir zu abstrakt. Ein Beispiel bitte!

Sokrates

Ein Beispiel habe ich vorher schon beschrieben. Die uns bekannten Naturgesetze bestimmen die Bahn, welche eine Rakete von der Erde zum Mars zurücklegen wird. Aber der genaue Zeitpunkt ihres Abschusses hängt vom Wollen eines Herrn Meyer ab, von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln, dem Stand der Technik und nicht zuletzt sogar von den Zufällen des Wetters an der Abschussrampe – und natürlich noch von tausend weiteren Bedingungen, die sich alle nicht im Voraus errechnen lassen. Zufall und Gesetz sind daher in gleichem Maße an diesem wie an jedem anderen Ereignis beteiligt. Jedes Gesetz gilt immer nur unter bestimmten Bedingungen.

Minsky

Aber das schließt doch nicht aus, dass wir im Laufe unserer Forschungen am Ende die ganze Wirklichkeit, einschließlich des darin agierenden Menschen in ihrer durchgehenden Gesetzmäßigkeit durchschauen!

Sokrates

Doch genau das ist damit ausgeschlossen, und zwar nicht aufgrund unzulänglichen menschlichen Wissens, sondern grundsätzlich. Wir stellten zuvor bereits fest, dass das Experiment als solches ein unberechenbarer Eingriff unseres Wollens in die Wirklichkeit ist. Damit aber gelangen wir zu dem Schluss, dass der Zufall nicht nur zufällig neben dem Gesetz besteht, sondern eine zweite Dimension der Wirklichkeit ist, und zwar eine notwendige. Wissenschaft setzt das Experiment und damit den willkürlichen Eingriff in eine dafür offene Wirklichkeit voraus. Wir können das Gesetz nicht ohne die Freiheit (den Zufall) und die Freiheit (den Zufall) nicht ohne das Gesetz konzipieren.

Minsky

Quod erat demonstrandum! Bravo! Jetzt würde ich aber gerne einmal das erstaunliche Experiment vor mir sehen, mit dem du mir diese These beweist. Denn sonst bleibt das alles doch nur Theorie – um nicht das Wort Spekulation zu verwenden. Und außerdem gefällt es mir nicht, dass jetzt auf einmal Freiheit und Zufall austauschbar nebeneinanderstehen, als wären sie ein und dasselbe.

Sokrates

Was den ersten Punkt betrifft, muss ich dich zunächst einmal enttäuschen. Ein solches Experiment kann es nicht geben. Denn Experimente können immer nur Regeln bestätigen oder eben nachweisen, dass wir uns irrten, als wir sie zu bestätigen suchten. Dagegen gibt es kein denkbares Experiment, mit dem wir die Existenz von Regellosigkeit bei bestimmten Ereignissen beweisen könnten. Um bei dem schon genannten Beispiel zu bleiben. Es gibt kein Experiment, mit dem wir nachweisen können, dass die Abfolge der Fußgänger vor dem Fenster nicht doch einem unendlich komplexen Algorithmus gehorcht oder der Zerfall des Radiums nicht ebenfalls einer uns heute noch verborgenen Regel.

Andererseits gibt es aber auch kein denkbares Experiment, mit dem wir das Gegenteil nachweisen könnten, nämlich dass die gesamte Wirklichkeit deterministisch von Gesetzen beherrscht wird, wie selbst der große Bertrand Russell noch glaubte. Eben weil ein solches Experiment unmöglich ist, sprach Karl Popper ja von dem Prinzip der Kausalität als einer metaphysischen Annahme.

Minsky

Gut, damit bekräftigst du aber nur, was ich gerade festgestellt habe, nämlich dass deine These auf reiner Spekulation beruht, weil die experimentierende Wissenschaft sie nicht beweisen kann.

Sokrates

Nein, du irrst auch diesmal! Denn jetzt kommt der Philosoph zu seinem Recht oder auch jeder Wissenschaftler, der nach den Voraussetzungen unseres Denkens fragt. Zuvor haben wir gesehen, dass der Wissenschaftler einen unauflösbaren Widerspruch produziert, wenn er die Freiheit entsorgt. Diese ist – auch wenn wir sie Zufall nennen – eine Denknotwendigkeit. Aber was Freiheit oder Zufall „wirklich“ oder „eigentlich“ ist, werden wir niemals wissen, denn dann hätten wir sie zu etwas Erkennbarem, Regelhaftem gemacht. Wir können aber das unbekannt Neue grundsätzlich nicht auf etwas schon Bekanntes reduzieren.

Minsky

Also ist Freiheit doch wirklich nichts anderes als bloßer Zufall, mithin blind und sinnlos!

Sokrates

Nein, das eben gerade nicht. Wir können ihr nur in vielen Fällen keinen Sinn erteilen, den wir verstehen – und in diesem Fall wird sie für uns zu einem Zufall. Aus der Perspektive eines sehr fernen Beobachters kosmischen Geschehnisse ist die willkürlich herbeigeführte Explosion einer Atombombe ein bloßer Zufall, nicht anders als das Bersten einer Supernova. Aus der Perspektive von Wissenschaftlern, die damit ein Experiment durchführen, handelt es sich dagegen um ein sinnvolles Ereignis.

Die Evolution des Kosmos vom Urplasma bis zum menschlichen Geist erscheint der heutigen Wissenschaft als Resultat einer unendlichen Abfolge von blinden und sinnlosen Zufällen, womit das ganze Werden der Natur einschließlich aller Lebewesen dann auch gern zusammenfassend als sinnlos apostrophiert wird. Aber der Zoologe Rupert Riedl wendet mit Recht dagegen ein: „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos.“

Wir sagen also nur, dass Zufall für uns ist, was wir nicht verstehen, während der Sinn auf unser eigenes zweckhaftes Handeln beschränkt ist. Aber hier manifestiert er sich auch in fortwährend neuer Gestalt. Die „Schöpferische Vernunft“ erschafft stets neue Manifestationen von Sinn. In nichts anderem besteht letztlich die Geschichte des Menschen. Denn dieser Sinn ist heute nicht derselbe wie in den Zeiten der Jäger und Sammler oder bei Kopfjägern und Nomaden. Diese Unterschiede können wir nicht imitieren, indem wir Robotern einen Zufallsgenerator einbauen, dann handeln sie entweder nur nach dem Sinn von gestern oder sie handeln schlechterdings blind und sinnlos. Der künstliche Supermensch kann immer nur eine Karikatur des natürlichen sein.

***In diesem Aufsatz fasse ich einige der Schlussfolgerungen zusammen, zu denen ich in meinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ gekommen bin. Was in diesem Aufsatz ganz fehlt, ist mangels Platz natürlich die historische Perspektive, die einen breiten Raum in meinem Buch einnimmt.

Von Herrn Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg erreicht mich dazu folgende Reaktion:

Lieber Gero Jenner !

Vielen Dank für Ihren vortrefflichen Sokrates-Artikel. Ganz der Gero Jenner in seinem Element und glasklare Definitionen, danke.

Als kleines Dankeschön möchte/werde  ich Ihnen einige Betrachtungen über die gegenwärtige Konfliktlage per Post zusenden. Das  Konvolut wird demnächst erweitert als Büchlein auf dem Markt erscheinen.

Ihnen alles Gute und Gesundheit in dieser Corona-Zeit. Hoffentlich beschert sie uns eine Krone an neuem Miteinander, Denken  und Frieden.

Herzlich Ihr Gerhard Loettel

Von Herr Elmar Klink erhalte ich per Mail folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner,

das ist natürlich ein hochinteressantes fiktives Zwiegespräch, das Sie da führen lassen. Ich befasse mich auch schon seit längerem mit der Thematik Künstliche Intelligenz (schrieb dazu auch einen längeren Essay, der in meiner Datensammlung leider verschütt ging). Ich halte es aber weniger mit Minsky als mit Joseph Weizenbaum, einem der großen Computer-Pioniere. Vorstufen der KI durchziehen bereits auf breiter Front die heutige Gesellschaft, Wissenschaft, Technologie und Dienstleistung. Sie wird so oder so kommen.

Solange sie eine rein dienende Funktion hat, wäre sie zu akzeptieren. Sobald sie aber anfinge, wie jedes komplexere „neuronale Netzwerk“ ähnlich einem autonomen Gehirn eigenständig morphogene Qualität und Wirkung zu erzeugen (der Computer HAL 9000 in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, den die Frage an seinen Schöpfer, Dr. Chandra, bewegt: Werde ich träumen?), wird sie zum großen Problem und zur Gefahr (siehe etwa Rupert Sheldrake, engl. Biochemiker: „Das schöpferische Universum“, worin er seine morphogenetische Feldtheorie entwickelt).

Denn zwischan Mensch und Maschine steht eine entscheidende Inkompatibilität: das menschliche Gehirn funktioniert (zum Glück für jeden Schlaganfall-Betroffenen) analog, die KI ist gnadenlos digital, entweder 1 oder 0. Im Analogen liegt die Humanität, das Menschliche. Etwas kann sowohl als auch sein. Das Gehirn ist in der Lage, in gewissem Ausmaß ausgeschaltete oder ausgefallene Teile analog zu ersetzen. Isaac Asimov schrieb die bemerkenswerte Erzählung „Der Zweihundertjährige“ (auch verfilmt als „Der 200 Jahre Mann“ mit Robin Williams als Hausroboter), der m. E. das Thema gut auf den Punkt bringt: Der hochentwickelte Cyborg-Organismus will nichts anderes als MENSCH werden und am Ende in Würde sterben können. In einem anderen SF-Film „Dark Star“ von John Carpenter („Assault“; „Halloween“; „The Fog – Nebel des Grauens“) betreibt ein Raumschiffkommander Phänomenologie mit einer Weltzerstörungsbombe, um sie von falschen Daten zu überzeugen. Die intelligente Bombe überlegt es sich zunächst. Kommt dann aber zum Schluss, am Anfang gab es nur sie und das Licht <<Bumm>> und sie explodiert.

Die Thematik wäre hochinteressant, um sich einzuklinken in ein „sokratisches Gespräch“, einer Methode, auf die ich bei dem Kantianer und ethischen Sozialisten Leonard Nelson stieß. Aber es übersteigt momentan mein sonstiges Schreib- und Themenpensum. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt…

Freundlichen Gruß

Elmar Klink, Bremen

Meine Replik:

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Er erhellt aber nicht eigentlich das Problem, ob die Künstliche Intelligenz die menschliche irgendwann zu ersetzen imstande sein wird. Ob das Gehirn eher nach analogem oder nach digitalem Muster funktioniert, ist da auch keine entscheidende Frage, sondern ob es möglich ist, es als eine Maschine zu betrachten, deren Ablauf wir theoretisch vorausberechnen könnten.

Das ist die Grundfrage – die Frage nach der menschlichen Freiheit – auf die ich eine Antwort geben wollte und, wie ich meine, in meinem Buch auch gegeben habe – sehr viel vollständiger natürlich als in diesem kurzen Essay. Anders gesagt, die vielleicht ganz lustige äußere Form eines Dialogs zwischen Außerirdischen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage nach der menschlichen Freiheit für unsere Theorie der Erkenntnis die größte Relevanz besitzt. GJ

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

Wie man weiß, wissen sich Demagogen und Populisten dieser angeborenen Neigung virtuos zu bedienen, wenn sie ihre Klientel mit emotional gesättigten Versprechungen oder umgekehrt mit Hassparolen verführen. Gemeinsam für eine Sache die Emotionen zu schüren, kommt dem menschlichen Herdentrieb entgegen – sich gemeinsam gegen sie zu empören aber schweißt sogar noch enger zusammen. Zu Mündigkeit und Vernunft wird der Mensch erst dadurch langsam und oft sehr mühsam herangezogen, dass er vor dem Urteilen die Fakten nicht nur erkennt, sondern sie selbst dann noch anerkennt, wenn sie ihm missfallen.

Soweit sollte man den Lehrern also Beifall zollen, wenn sie ihren Schülern die wichtige Lektion erteilen: „Eignet euch erst einmal gründliche Kenntnisse an, bevor ihr euch anmaßt, ein eigenes Urteil zu fällen.“

Andererseits sollte uns aber die Frage erlaubt sein,

wie denn ein Mensch aussehen würde, der sich diese scheinbar goldene Regel derart zu Herzen nähme, dass er sich nur noch um das Faktenwissen bemüht? Die Antwort liegt auf der Hand, ist aber reichlich ernüchternd. Wir hätten es mit einer wandelnden Enzyklopädie zu tun. Bekanntlich können sich diese Werke des gesammelten Faktenwissens weder für etwas begeistern, noch sind sie fähig, sich zu empören. Sie sind emotional aseptische Container von reinem Wissen. Macht sie diese Freiheit von Gefühlen zu Trägern der Vernunft? Ich denke, dass niemand diese Frage bejahen wird. Denn die reinen Fakten über Welt und Mensch sagen überhaupt nichts darüber aus, wie wir uns zu ihnen verhalten sollen. Wir können nur hoffen, dass die Lehrer dies sehr wohl wissen und daher nicht etwa den Ehrgeiz haben, ihre Schüler in wandelnde Enzyklopädien zu transformieren!

Aber existieren nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut,

die jenem Ideal am nächsten kommen, welches den Lehrern so sehr am Herzen liegt? Menschen, die sich des Urteilens und Bewertens ganz enthalten oder zumindest enthalten wollen, weil es ihnen allein um die Fakten geht? Allerdings! Diesen Menschentypus gibt es spätestens seit dem 17ten Jahrhundert, und er hat sich seitdem geradezu exponentiell über den Globus verbreitet, sodass er eines Tages überhaupt die Mehrheit bilden könnte. Jeder weiß natürlich, von wem hier die Rede ist, von den Wissenschaftlern – vor allem von jenen, die sich mit den Fakten der Natur befassen.

In den Lehrbüchern von Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften usw. ist von gut und böse, schön oder hässlich keine Rede. Der eigentliche Durchbruch der Wissenschaften bestand gerade darin, dass der Mensch ausschließlich nach den objektiven Gesetzen fragte, welche dem Sein der Dinge zugrunde liegen, also nach den „Naturgesetzen“, ohne sein eigenes subjektives Wünschen und Wollen in diese ihm gegenüberstehende Wirklichkeit hineinzutragen.

Das war die große Leistung, die erst im Europa des 17ten Jahrhunderts gelang, denn bis dahin hatte der Mensch genau das Gegenteil getan. Er hatte sein eigenes Wollen, Wünschen, Hassen und Hoffen in die Natur hineingetragen, indem er sie sich nach seinem eigenen Bild vorstellte, nämlich so, als wäre sie wie er selbst von diesen Kräften gesteuert. Die Wissenschaft hat gut und böse, schön und hässlich, diese elementaren Kategorien menschlichen Wertens, ganz aus der Natur hinausgedrängt und diese selbst zu einem Apparat transformiert, den sie in die Schraubzwinge ihres expandierenden Faktenwissens spannte. Erst nach diesem revolutionären Schritt gelang es dem Menschen, die Herrschaft über die Natur an sich zu reißen.

Das theoretische Fundament für diese Revolution unserer Weltsicht

hatte Galileo Galilei gegen Ende des 16ten Jahrhunderts geschaffen, als er zwischen „primären“ und „sekundären“ Eigenschaften der Dinge einen prinzipiellen Unterschied postulierte. Form, Größe, Zahl sowie Ruhe oder Bewegung gehören, so Galilei, zu den innewohnenden Eigenschaften der Dinge, während Geschmack, Geruch oder Töne Empfindungen seien, die in uns selbst entstehen, wenn wir mit den Dingen umgehen.*1*

Diese Zweiteilung der Erkenntnis in objektiv – in der Sache – und subjektiv – im Menschen liegend – wurde nach Galilei noch vertieft, denn der Gedanke, dass ästhetische und ethische Maßstäbe wie schön und hässlich, gut und böse ebenfalls ihren Ursprung im Menschen aber nicht in den Dingen haben, musste sich ja als evident aufdrängen. Eben deshalb fällt es keinem Wissenschaftler ein, ein Wasserstoffatom als moralisch gut zu qualifizieren oder den Quantensprung eher als hässlich. Die Wissenschaft hat alles subjektive Urteilen und Werten prinzipiell aus der eigenen Sphäre verbannt. Sie hat den lateinischen Wahlspruch „de gustibus non disputandum“ weit über den harmlosen Alltagsgebrauch hinaus ausgedehnt. Den Lateinern ging es nur darum, dass wir uns nicht über Geschmacksfragen streiten, weil jeder von uns dabei gern seine eigenen Präferenzen verteidigt. Die Wissenschaft ging seit Galilei einen entscheidenden Schritt über diese harmlose Mahnung hinaus, indem sie alles menschliche Werten und Urteilen als subjektiv und damit letztlich beliebig verwarf.*2*

Wäre die Wissenschaft mit dieser Überzeugung im Recht,

dann müsste der Mensch sich selbst als eine Fehlentwicklung der Evolution bezeichnen, denn welchen Nutzen verschafft ihm die subjektive Neigung, seine eigenen Werturteile auf die Menschen und die Dinge in seinem Umfeld zu beziehen? Wäre er nicht besser als wandelnde Enzyklopädie auf die Welt gekommen? Warum begeistert er sich für das Schöne und verschmäht, was ihm hässlich erscheint? Warum fragt er nach Gerechtigkeit und verurteilt Betrug und Egoismus, wenn es sich doch um subjektive und letztlich beliebige Werte handelt, die er nur subjektiv aus sich selber schöpft? Sollte der Mensch sich nicht ausschließlich an Fakten und Wahrscheinlichkeiten orientieren?

Der Soziologe Max Horkheimer hat das Problem mit den folgenden Worten charakterisiert: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen /wie ihn die europäische Tradition seit Galilei geformt und erzogen hat, GJ/ gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch“ (1967, 33).

Diese Feststellung ist bemerkenswert, zeigt sie doch, dass irgendetwas in unserer Weltsicht nicht stimmt oder vielleicht sogar ausgesprochen falsch sein könnte.

Würden die Lehrer es ernst mit dem Vorsatz

meinen, den Schülern das Werten abzugewöhnen, um sie ausschließlich mit Fakten vollzustopfen, so hätten sie unsere Schulen zu Ausbildungsstätten für künftige Wissenschaftler gemacht. Allerdings würden sie darin einigermaßen leichtsinnig verfahren, denn sie hätten darüber hinweggesehen, dass Wissenschaftler immer auch Menschen sind. Als solche mögen sie noch so umsichtig im Werten und Urteilen sein, ganz abgewöhnen können sie sich aber weder das eine noch das andere.

Ich meine das nicht aufgrund jenes naheliegenden und mir reichlich billig erscheinenden Einwands, der sich manchem Leser vielleicht sofort aufdrängen wird. Man hört ja immer wieder, selbst von gescheiten Zeitgenossen, dass wir nicht von Objektivität reden sollten, denn diese sei in Wahrheit nichts als ein Hirngespinst. Selbst die angeblich „objektive“ Wissenschaft könne uns immer nur subjektive Ausblicke auf die Wirklichkeit bieten. *3*

Ich bedaure, das als logischen Unsinn bezeichnen zu müssen. Die Zahl der Sonnentrabanten hängt ebenso wenig von unserem subjektiven Wollen und Wünschen ab, wie das relative Gewicht von Eisen und Kupfer. Zwar werden die Gesetze der Natur notwendig mit den Mitteln konventioneller Begriffe beschrieben, wir können unterschiedliche Maßeinheiten wählen und natürlich auch ganz unterschiedliche Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit erhellen, aber die Wirklichkeit selbst ändert sich nicht aufgrund der Art unserer Beschreibung (nur scheinbar bildet die Quantenphysik hier eine Ausnahme). Unsere Theorien über die Wirklichkeit bleiben „objektiv richtig“, wenn die dadurch möglichen Voraussagen zutreffend sind und sie sind „objektiv falsch“, wenn das nicht der Fall ist. Die Tatsache, dass wir so viele Maschinen erfunden haben, die exakt die Aufgaben erfüllen, die sie verrichten sollen, ist der beste Beweis dafür, dass wir das Sosein der Natur richtig verstanden haben. Im Gegensatz zur Auffassung des Idealisten Gottlieb Fichte gibt es die Natur außerhalb aller Vorstellungen, die wir uns von ihr machen – genau darauf beruht ihre Objektivität.

Bis zum 17ten Jahrhundert kam diese objektive Eigenständigkeit

der Natur nicht in den Blick. Bis dahin wurde die Natur als das Spielfeld von Göttern und Geistern gesehen, die sie mit ihrem Wollen und Wünschen beherrschen. Der Mensch hatte sein eigenes Wesen in die Natur hinausprojiziert.*4* Wie er selbst vom eigenen Willen wurde die Natur vom Wollen geistiger Mächte gelenkt. Wenn er sich in ihr zurechtfinden, sie beeinflussen wollte, dann musste er erkennen, was Götter und Geister für gut oder böse, schön oder hässlich halten. Anders gesagt, musste er ihren Willen und ihre Absichten studieren. „Lern die verborgenen geistigen Kräfte (Götter und Geister) des Kosmos kennen, dann kommst du zurecht mit Mensch und Natur.“

Denn die Regelmäßigkeiten der Natur, ihre sogenannten Gesetze, waren in dieser vorwissenschaftlichen Sicht eben gerade nicht unabhängig von Wollen und Wünschen: die Götter konnten sie durch andere Gesetze ablösen oder durch Wunder jederzeit annullieren. Der Mensch aber konnte dies bewirken, indem er die Götter durch Gebet und Opfer für sich gewann oder magisch auf sie einzuwirken suchte.

Die Wissenschaftler haben mit diesem Weltbild Schluss gemacht,

indem sie auf der objektiven Eigenständigkeit, kurz der Objektivität der Natur, beharrtenGötter, Mythen, Märchen und Kunst, diese Projektionen mensch­lichen Wertens und Wünschen, haben sie ganz aus der außermenschlichen Wirklichkeit verbannt.

Und dennoch ist dies nicht die ganze Geschichte. Bei der Entzauberung der Welt haben die Wissenschaftler definit an einem Punkt Halt machen müssen – bei sich selbst. Denn genau hier spielen Wollen und Wünschen zwangsläufig die entscheidende Rolle. Der Wissenschaftler muss subjektiv davon überzeugt sein, dass es für ihn selbst ebenso wie für die Menschheit wichtig sei, das objektive Sein der Natur zu enträtseln, nur dann wird er sich der gewaltigen Mühe solcher Faktensuche und -deutung unterziehen. Viele von ihnen zwingen sich dabei zu einem Leben, das die größte Ähnlichkeit mit der Askese mittel­alterlicher Mönche aufweist.

In dieser Überzeugung kommt die persönliche Subjektivität

ins Spiel. Aber sie genügt keinesfalls, um Wissenschaft zu ermöglichen. Neigungen und Absichten pflegen so unterschiedlich wie Individuen zu sein. Mag sich jemand auch noch so leidenschaftlich für den Stammbaum des Mannes im Mond interessieren, das nützt ihm gar nichts, wenn er die Allgemeinheit von der Relevanz des Themas nicht zu überzeugen vermag. Seit dem 18ten Jahrhundert waren immer mehr Menschen bereit, Forschungen zu unterstützen, weil deren Ergebnisse ihr Leben so sehr erleichterten. Ohne diese positive Einstellung zur Wissenschaft, d.h. ohne die kollektive Bewertung des neuen Umgangs mit der Natur als richtig und gut, wäre es nie zu diesem Aufstieg der Wissenschaften gekommen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung. Auch wenn der Mensch ganz von sich selbst absieht, um das objektive Sosein der Natur zu erkunden, tut er es notwendig immer aus subjektiven Motiven, weil er das eigene Leben verbessern oder bereichern will. Hätte sich umgekehrt herausgestellt, dass die Wissenschaft das Leben der Menschen nur verschlechtert, wäre sie niemals zu Einfluss gelangt.*5* Denn in der Vergangenheit sind Weltdeutungen ja regelmäßig an ihrem Misser­folg gescheitert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. 1890 erwiesen sich die Geisterhemden der Indianer im berüchtigten Massaker von „Wounded Knee“ als völlig wirkungslos gegen die Gewehrkugeln der Weißen. Aber sie waren von den heimischen Sehern als absolut sicherer Schutz gepriesen worden.

Weil der Mensch gar nicht anders kann,

als das eigene Tun und Denken nach moralischen oder ästhetischen Kriterien zu bewerten, ist es sehr wohl denkbar, dass die Gesellschaft eines Tages die Wissenschaft nicht mehr fördern wird – jedenfalls nicht im bisher üblichen Aus­maß. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat davon gesprochen, dass wir heute in einer Risikogesellschaft leben. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen sind die Risiken längst Realität geworden. Wissenschaft und Technik sind in zunehmen­dem Maße damit beschäftigt, die weitgehend unvorhergesehenen, teilweise katastrophalen Folgen zu reparieren, die sie selbst hervorgebracht haben. Spätestens seit der Klimakrise leben wir daher in einer Reparaturgesell­schaft: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun korrigieren.

Die Welt, welche die Wissenschaften für uns erschaffen haben,

entspricht einerseits den tiefsten Hoffnungen und Wünschen des Menschen. Hungersnöte wurden weitgehend beseitigt, die meisten Krankheiten erfolgreich bekämpft, das Leben verlängert und durch viele erstaunliche Erfindungen auch wesentlich erleichtert. Genau dieser unzweifelhafte Fortschritt hat ja der neuen wissenschaftlichen Weltsicht ihren durchschlagenden Erfolg garantiert. Aber seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten die Schatten­seiten dieser Entwicklung immer deutlicher in Erscheinung. Mehr als 4000 ato­mare Sprengkörper, Dutzende letaler Nervengifte, Hunderte biologischer und chemischer Kampfmittel liegen bereit, um die Menschheit gleich mehrfach aus­zurotten. Doch selbst, wenn Optimisten deren Einsatz für wenig wahrscheinlich halten, ist nicht mehr darüber hinwegzusehen, dass die Rückstände und Gifte der industriellen Produktion Luft, Böden und Meere immer stärker verseuchen – die Luft mit Kohlendioxid sogar schon auf unumkehrbare Weise. So hat das industrielle Anthropozän zugleich mit dem materiellen Fortschritt alle Mittel bereitgestellt, um den Fortschritt zum denkbar größten Rückschritt zu machen, nämlich zu einer potenziellen Katastrophe, welche nicht nur die Umwelt, sondern zugleich damit das Überleben der menschlichen Spezies selbst gefähr­det.

In dieser weltgeschichtlich, völlig neuen und einzigartigen Situation

werden wir uns neuerlich darauf besinnen müssen, dass letztlich menschliches Werten, Wünschen und Hoffen die Grundlage unseres Lebens bilden. De gustibus est disputandum! Die Menschheit wird sich fragen müssen, welches Leben sie sich für die Zukunft wünscht, denn davon hängt ihre Zukunft ab. Dabei kommt sie nicht umhin, ihre bisherige Weltanschauung kritisch zu beleuchten. Wissen­schaft und Technik sind keine vom Leben losgelösten Bereiche, sondern müssen dem Wohl des Menschen dienen. Tun sie es nicht oder nicht länger, dann werden sie genauso eingeschränkt werden müssen, wie das mit allen anderen Erscheinungen geschieht, wenn sie die Gesellschaft zu schädigen drohen.

Auch hier besteht natürlich die Gefahr,

dass die Menschheit – erschüttert von den Verwüstungen, welche die „materialistische Weltsicht“ bewirkte – das Kind mit dem Bad ausschüttet und in Aberglauben, Esoterik und die Verleugnung von Wahrheit zurückfällt. Der gewissenhafte Blick auf die Fakten, den die Wissenschaft seit drei Jahrhunderten zur Grundlage ihres Vorgehens machte, stellt aber eine Errungenschaft dar, hinter die es kein Zurück geben darf. Nur dieser Blick klärt uns darüber auf, welche Möglichkeiten sich dem menschlichen Wollen eröffnen und wo es auf unüberschreitbare Grenzen stößt. Geisterhemden schützen nicht gegen Kugeln, die Ausbeutung der Ressourcen kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weiter gehen. Die Vergiftung der Umwelt mit den Rückständen der industriellen Produktion stößt gleichfalls auf eine Grenze. Sie muss radikal eingeschränkt werden, wenn wir in dieser Welt überleben wollen. Die Zahl der Menschen oder ihr Ressourcenverbrauch muss der Belastbarkeit des Planeten entsprechen.

Es ist wissenschaftlicher Geist, der Geist der Vernunft, der solche Fragen stellt, aber diese Vernunft ruht auf menschlichem Wollen und Wünschen. Vernunft kann niemals wertfrei sein, denn Wertfreiheit schert sich nicht um das Schicksal des Menschen. Der Natur ist es gleichgültig, ob es uns gibt oder nicht. 

Diese Überlegungen verdanken ihren Ursprung

einem eher banalen Umstand. Eine gute Bekannte, eine Lehrerin, kritisierte den von mir sehr geschätzten Autor eines historischen Werks mit den Worten, dass dieser nie von Bewertungen absehen würde.*6* So sehr war sie von dem Vorsatz durchdrungen, ihren Schülern das Werten abzugewöhnen, dass sie es auch dort nicht erträgt, wo es Fakten überhaupt erst mit Leben erfüllt, nämlich in der Darstellung der Historie – oder allgemein in den Geisteswissenschaften. Gewiss würde ich sehr skeptisch werden, wenn ein Chemiker Kohlenwasserstoffe nach schön und hässlich unterscheidet. In der Regel taucht die Wirklichkeit bei ihm nur in Gestalt von Symbolen und Formeln auf, die frei von aller emotionalen Wirkung sind und sein sollen. Das gilt heute allgemein für die Sprache der Naturwissen­schaften, die sich von der emotional gefärbten Sprache des Alltags in dieser Hinsicht radikal unterscheidet.*7*

Die Geisteswissenschaften aber untersuchen

den Menschen gerade nicht wie ein Arzt, Physiologe oder Genetiker als physisches Wesen, das den Gesetzen von Chemie, Physik etc. so unterworfen ist wie der Rest der Natur – sie wollen ihn auf eine zweite und andere Art verstehen: als psychische Entität (Wilhelm Dilthey). Das aber setzt voraus, dass wir die anderen Menschen – gleich welcher Zeit oder Herkunft – so wie uns selbst als wollende und wünschende Wesen begreifen. Die bloße Aufzählung von Fakten ergibt noch keine Geschichte und erklären kann sie diese schon gar nicht. Wir verstehen die Menschen nur so weit, wie es uns gelingt, uns in sie hineinzuversetzen, indem wir uns fragen, wie wir selbst uns unter ähnlichen Umständen verhalten würden. Das gelingt immer nur bis zu einem gewissen Grade – wenn es nicht gelingt, wird ihr Verhalten zu einem bloßen Faktum, das uns fremd und unbegreiflich gegenübersteht. Bei Menschen, deren Kulturen uns nur oberflächlich bekannt sind, ist das recht oft der Fall. Haben wir es mit anderen Arten zu tun, so ist es sogar die Regel. Was in Hunden und Katzen vorgeht, verstehen wir nur auf sehr unvollkom­mene Weise, auch wenn wir noch so viele Fakten über ihr Verhalten zusam­mentragen. Und wie ein Corona Virus die Welt erlebt, verstehen wir überhaupt nicht. Das Virus existiert für uns nur als ein wertfreies Faktum so wie eine Heckenschere oder Waschmaschine.

Große Historiker sind Meister des Verstehens

Sie transformieren Fakten in Ereignisse, die uns etwas angehen, weil wir uns in ihnen wiedererkennen, in ihnen Vorbild oder Warnung sehen. Wenn Historie zum bloßen wertfreien Faktum wird, ist sie uns so fremd wie Viren oder eine Mondfinsternis. Dann entbehrt sie für uns jedes Interesses, denn anders als das Faktum der Naturwissenschaft weist die historische Tatsache nicht einmal den praktischen Nutzen auf, als Instrument der Naturbeherrschung zu dienen. Das sollten die Lehrer beherzigen, wenn sie ihren Schülern die Jagd nach den Fakten einimpfen. Gewiss – ohne die Kenntnis der Fakten sind wir blind für die Wirklichkeit, aber ohne, dass wir die Fakten nach dem Sinn bewerten, den sie im Hinblick auf unser Wollen und Wünschen besitzen, werden sie zu einem leeren Ballast.*8*

1 „Die Philosophie ist in dem großen Buch geschrieben, welches von jeher vor unseren Augen liegt: ich meine das Universum. Aber ihren Sinn verstehen wir solange nicht, als wir nicht die Sprache erlernt und die Symbole erfasst haben, in denen sie abgefasst ist. Dieses Buch ist in der Sprache der Mathematik verfasst und seine Symbole sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne ihre Hilfe ist es unmöglich ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt man ergebnislos durch ein dunkles Labyrinth.“ (Galileo, 1842; Vol. IV, S.171)

„Ich glaube also nicht, dass die äußeren Dinge, um in uns Geschmacksempfindungen, Gerüche oder Töne wachzurufen, anderes als Größe, Gestalt, Zahl und langsame oder schnelle Bewegung voraussetzen. Hätten wir Ohren, Zungen und Nasen entfernt, so würden, so meine ich, zwar Gestalt, Zahl und Bewegung bleiben, aber nicht die Gerüche, die Geschmacksempfindungen oder die Töne. Denn außerhalb des Lebewesens sind diese nach meiner Meinung nichts anderes als Namen…“ (Galileo, 1936; II, S.801)

2 Diese Aburteilung der kulturellen einschließlich der religiösen Sphäre als letztlich beliebig oder gar zufällig war das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Revolution, welche allein die Naturgesetze als „ehern“, „ewig“ und „unverbrüchlich“ gelten ließ. Das lief auf eine Entwertung menschlicher Schöpfungen hinaus – es ist kein Wunder, dass die Menschheit seit drei Jahrhunderten nur noch mit der Erkundung der außermenschlichen Natur und ihrer Gesetze beschäftigt ist, während die Wissenschaften des Geistes, die den Menschen und seine Geschichte betreffen, aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten gestrichen werden.

3 Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch mit dem Goliath unter Österreichs Philosophen erinnern, nämlich Paul-Konrad Liessmann, der (bei einem Treffen am Kulm, Steiermark) genau diese Position vertrat. Er hat es mir, der ich damals die Rolle des David einnahm, wohl nie verziehen, dass ich ihm zu widersprechen wagte.

4 Ich halte die These der Projektion, wie sie im Altertum schon von Xenophanes und in neuerer Zeit von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, einerseits für evident, andererseits für zu kurz gegriffen. Sie scheint mir evident, weil schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Religionen erkennen lässt, dass Menschen Göttern und Geistern ihre eigenen allzumensch­lichen Eigenschaften zugeschrieben haben. Selbst Prof. Hans Küng würde wohl kaum behaupten, dass der Prozess umgekehrt verlaufen sei, nämlich dass die Menschen die allzumenschlichen Eigenschaften real existierender Götter von diesen abgeschaut hätten. Andererseits taugt der Wille (und die Freiheit, welche er impliziert) genauso gut als Prinzip, um die Komplexität der Wirklichkeit zu erklären wie das wissenschaftliche Kausalitätsprinzip, beide sind komplementär (siehe Jenner: Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet).

5 Dass es der Erfolg der neuen wissenschaftlichen Weltdeutung war, welcher ihr das Renommee eintrug, auch logisch „richtig“ zu sein, ist auch die Ansicht von Ludwig Boltzmann. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig“ (1990).

6 Egon Friedell. Ich schätze diesen genialen historischen Dilettanten (als den er sich selbst bezeichnet) gerade wegen seiner Wertungen, denn was die Menge und im Einzelnen wohl auch die Verlässlichkeit der Fakten betrifft, so sind ihm zünftige Historiker natürlich in diesem Punkt überlegen, zumal die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Aber die künstlerische Empathie Friedells und sein Stil sind unübertroffen.

7 In den Anfängen hat es nicht wenige Naturwissenschaftler gegeben, welche die Schönheit von Kristallen oder von vegetativen Formen so überzeugend zu schildern wussten, dass sie gerade dadurch wesentlich zur Begeisterung für ihr jeweiliges Fach beitrugen (man denke etwa an Ernst Häckel).

8 Dieser Essay lässt viele Probleme offen. Wissenschaft besteht ja nicht aus einer bloßen An­sammlung von Fakten, sondern aus Theorien, welche Fakten zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenschließen, das möglichst weite Bereiche der Wirklichkeit zu erklären vermag. Da gesicherte Theorien nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern objek­tive Strukturen beschreiben, müssen auch sie zur Sphäre der Fakten gerechnet werden. Aber wie steht es um die Vernunft, die nach den Grenzen des Kausalitätsprinzips und unseres „objektiven“ Wissens fragt? Darüber habe ich an anderer Stelle einige vielleicht nicht ganz abwegige Überlegungen anzustellen versucht (Jenner, op. cit.).

Von Prof. William E. Rees erhielt ich per eMail folgende Rückmeldung:

Dear Gero –

I was, as usual, intrigued by your latest essay on the proper role of human values, wishes and hopes (about which there will always be disputes). 

In fact, this essay touched a number of nerves. As a scientist (systems ecologist) teaching in a school of planning and public policy, my primary had always been the judicious application of “objective (ecological) knowledge” to questions of human socioeconomic development.  By this I meant reasoned or evidence-based analysis seasoned by consideration of people’s history, desires, beliefs and aspirations.  However, it also meant making the case that policies and plans designed to satisfy people’s hopes and aspirations should be seasoned with hard facts and analysis about the biophysical world. If taken seriously, these would often impose constraints on the hopes and aspirations of client communities – even my colleague economists and social planners would sometimes object.

One colleague was an avowed post-modernist of the type you would regard as tending to ‘throw the baby out with the bathwater.’  To her, scientific data had no special place in decision-making; there was no such thing as objective knowledge. She saw science as just another form of value-based ‘social construct’ that oppressed human ambition, apparently making no distinction between things which could actually be measured in time and space (e.g., water contamination, carbon emissions) and things that were entirely products of the human mind (e.g., democracy, civil rights).  Students who took courses from both of us were often torn between what they saw as conflicting interpretations of ‘what is real’. 

In working with students to resolve this problem, I often remembered something one of my undergraduate professors had emphasized—scientists were obliged to ferret out the objective truth but should stay away from policy and politics.  These were the domains of the value-based ‘humanities’ and social scientists.  In short, budding hard scientists were taught that the biophysical sciences could produce the numbers and discoveries, but it was up to political leaders — including policy wonks and planners — to decide whether and how the science should be applied (inadvertently providing an excuse for scientists working on the development of atomic weaponry). 

It seems that the separation of fact from values is endemic to western-style learning.  I remember being intrigued on discovery that modern neoliberal economic text-books pretend to eschew moral and ethical considerations.  In its efforts to appear ‘scientific’, formal economics (whose theoretical foundations and simplistic models owe a great deal to Newtonian analytic mechanics) ignores such soft considerations as attachment to place, compassion for others, the existence of family and friends, the idea of community, etc., etc.  Again, concern for these things is the domain of politics, not sound economics, and, as all students of economics learn, political intervention in the market introduces gross inefficiencies that undermine the elegant operation of short-term self-interest in market-based decision-making. In effect, values other than efficiency are disallowed.

I have never understood how mainstream economics can see people as ‘self-interested utility maximizers with fixed preferences and unlimited material demands’ as if this were a value-free description of H. sapiens, and markets as the most efficient allocators of essential resources as if privileging efficiency were not itself a value judgement with enormous moral implications.

There is one part of your essay that I might have structured differently.  You note that:

 “…the industrial Anthropocene, while turning out to be a fountainhead of unbelievable material progress, has at the same time created conditions that may transform progress into mankind’s greatest step backwards – a potential catastrophe which threatens not only the environment but also the very survival of our species.”

It seems to me that this phrasing confuses the fact of science-led material progress with the effects generated by shear economic scale and thus obscures the real cause.  The ecological crisis – potential catastrophe – is not the product of science and technology per se, but rather results from excessive population and average per capita resource consumption (i.e., economic growth beyond limits).  Humanity is in overshoot; we are consuming bioresources faster than ecosystems can regenerate and discharging wastes in excess of nature’s capacity to assimilate/neutralize. 

Most importantly, overshoot results from both nature and nurture: H. sapiens, like all other species has a genetically-determined predisposition to expand into accessible habitat and use all available resources (this is our ‘nature’) but  these tendencies are currently being reinforced  by the socially-constructed myth of perpetual economic growth driven by continuous technological progress (this is contemporary ‘nurture’).

Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.  Far from tempering humanity’s primitive expansionist tendencies, the socially-constructed beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify these now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.  

Worse, they combine with another highly-subjective social construct, human exceptionalism, which sees our species as somehow detached from nature and not subject natural laws.  This narrative virtually guarantees the continued dissipative destruction of the ecosphere and the collapse of life-support functions upon which we all depend.

Many thanks again for a thought-provoking essay and the chance to revisit some of my own life experience.

Best, 

Bill

Meine Antwort:

Dear Bill,

Thanks for your thoughtful and benevolent criticism, which points to a problem that I was well aware of even while writing the essay. Can the latter not be understood as a quasi-biblical objection to the presumption of knowledge, as if man had done better never to eat from the tree of knowledge? May it not even be read as an obscurantist criticism of modern science?

No, certainly not. You quote the passage where I decisevely reject such a misinterpretation. Science has provided a new foundation for truth: there is objective knowledge and it would be the worst regression if we were to fall back into superstition and esotericism, as often happens today. But – and this thesis pervades all my work – objective knowledge is not enough, it can only serve to define the limits and possibilities of human freedom (being, however, essential for that very purpose). Basically, I am only saying that scientists are not what some great philosophers of 18th century Enlightenment and their late descendants like Steven Pinker wanted to see in them, namely supermen. Man is more than what he represents as a scientist because apart from the laws of nature (which are the objects of his studies), there is also freedom, about which his theories either know nothing or which he reduces to mere chance.

This fundamental criticism seems important to me, but in your answer you discuss a point of greater practical relevance. Possibly you are quite right that my article may be understood as a warning as if science and technology themselves were responsible for many of present-day predicaments and not just the fact that their application by ten billion people inevitably produces quite different consequences than if they were applied by two billion only. Although I have sought the blame in the „Industrial Anthropocene“ (not directly pointing to science and technology), the suspicion remains.

I admit that this is a difficult point, because science is based on an elementary urge, human curiosity, which is the breeding ground both for everything great and for everything terrible. I am afraid that this elementary urge gives us the same intellectual satisfaction when we apply it to the study of neutron bombs as to that of vaccines. That is why I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science. After all the thirst for knowledge still operates in a boundless field even if only directed to things great.

Oh, I am concluding this letter with a rather trivial remark.

Best Gero

Entgegnung von Herrn Rees:

Gero –

you are exceptionally fast off the mark–and your concluding paragraph is anything but trivial.  

You say: „…I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science.“  

Seems to me that this is the distilled essence of the original essay and perhaps should be inserted/ amplified in such clear  words toward the end.  

Actually, this extract is really what I was trying to get at with my own more clumsy prose. 

I wrote: „Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.“   

This is really an assertion that we have failed to use our ethical/moral sense (and associated values) to steer us toward accepting limits on the application of science (and techno-driven growth).  Hence, our failure to assert certain important human capacities is more to blame for the crisis than is science per se.  

And, again, the result is that the dominant „…beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify [the natural but] now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.“    

With highest regards, 

Bill

Von Prof. Steve Pinker erhielt ich die Nachricht:

Please delete.

It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. It’s mankind, stupid! weiterlesen

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen

Hatten die Nazis ein Gewissen?

… die Existenz eines universalen menschlichen Gewissens lässt sich sogar auf einer noch elementareren Ebene nachweisen, nämlich in der Herabwürdigung anderer Menschen, einer Praxis, an der sich seit den frühesten Anfängen menschlicher Geschichte bis zum heutigen Tag wenig bis gar nichts geändert hat. Hatten die Nazis ein Gewissen? weiterlesen

Hitler, Arendt, Hoffer. Oder: Das Genie als Prolet

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Er hätte ein typischer Vertreter des Proletariats sein können, denn er gelangte in seinem Leben nie über Gelegenheitsarbeiten als Erntehelfer und Hafenarbeiter hinaus und hatte in seiner Jugend nicht einmal die Schule besuchen können. Anders gesagt, hätte Eric Hoffer für Marx ein Paradebeispiel für den Typus Mensch abgeben müssen, dessen Klassenbewusstsein allein durch das Sein bestimmt wird. Hitler, Arendt, Hoffer. Oder: Das Genie als Prolet weiterlesen

Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte weiterlesen