Das Luziferprinzip

(Gespräch zwischen Luzifer, Howard Bloom und einem gewissen GJ – die kursiv gesetzten Aussagen sind Bloom-Zitate)

LUZ: Howard, Du bist ein gnadenloser Aufdecker menschlicher Schwächen und kritisieren Schönfärber wie Erich Fromm, die dem Menschen, wie Du sagst, eine falsche Größe andichten wollen. Fromm, der psychoanalytische Guru der sechziger Jahre, machte die Idee, dass das Individuum sein eigenes Universum kontrollieren kann, zu einer äußerst populären Vorstellung. Fromm sagte uns, dass das Bedürfnis nach /Kommunikation mit/ anderen Menschen ein Charakterfehler sei, ein Zeichen von Unreife. Besitzanspruch in einer romantischen Beziehung sei /überhaupt/ eine Krankheit. Eifersucht ein Charakterfehler von höchstem Ausmaß. Ein reifes Individuum sei eines, das durch diese Welt… /mit/ einem unzerstörbaren Gefühl für den eigenen Wert.. gehen kann…. Infolgedessen habe es kein Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung, nach denen sich nur die Schwachen sehnen.

GJ: Wenn Sie Fromm kritisieren, stellt sich aber schon die Frage, warum Fromms Schriften in die meisten Sprachen der Welt übersetzt und von Millionen Menschen bewundert wurden, während Ihr Buch, The Lucifer Principle, den meisten entweder ganz unbekannt ist oder von denen, die es kennen, nur mit einer Pinzette angefasst wird?

LUZ: Wie mein Name besagt, bin ich ein Lichtbringer, der die Augen der Einfältigen blendet. Viele können vor Schrecken dann nur noch blinzeln. Selbst der Alte liebt ja die Illusion. Deswegen konnte ER es partout nicht dulden, dass Eva in den gewissen Apfel biss. Eure Professoren aber empören sich, dass ein Außenseiter in ihre Gehege dringt. Howard ist ein erfolgsverwöhntes Genie der PR-Industrie. Er hat Rockstars wie Michael Jackson, John Cougar Mellencamp und viele andere Koryphäen der Musikwelt vertreten. Wenn ein solcher Außenseiter behauptet, er wisse mehr über Mensch und Natur als sie selbst, die staatlich geprüften Leute vom Fach, dann rümpfen sie entrüstet die Nase.

GJ: Aber das würde das große Publikum nicht daran hindern, seine Thesen begierig aufzugreifen. Offenbar wollen die Menschen nichts von Aufklärern wissen, welche ihre liebgewordenen Ideale mitleidslos demontieren. Dagegen lieben sie Männer wie Erich Fromm, weil sie mit ihren Thesen Begeisterung erwecken. Was ist uns damit gedient, dass da jemand kommt, der uns unsere Schwächen und unsere Hilflosigkeit zu zeigt? Herr Bloom steht in der Tradition von Thomas Hobbes. Der wurde für seinen scharfen Verstand bewundert, aber niemand hat ihn dafür geliebt.

HB: Es geht mir nicht darum, den Menschen zu verkleinern. Oder arbeiten die Neurologen an unserer Verkleinerung, wenn sie nachweisen, dass unsere Gene unser Verhalten ebenso sehr bestimmen wie das jeder anderen biologischen Art? Mir geht es darum, die menschliche Selbsterkenntnis zu stärken. Wenn ich euch dabei von einigen liebgewordenen Illusionen befreie, dann ist das ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt, denn wer sich Illusionen macht, hat ein falsches Bild von der Wirklichkeit. Ideen können den erhabensten Idealismus und die niederträchtigste Grausamkeit auslösen. Mein Buch soll zeigen, wie der Wettbewerb zwischen Gruppen das Geheimnis unserer selbstzerstörerischen Emotionen Depression, Angst und Hoffnungslosigkeit erklären kann – ebenso wie unsere wilde Sucht nach Mythologie, wissenschaftlicher Theorie, Ideologie und Religion und unsere noch verstörendere Sucht – nach Hass. Die größten menschlichen Übel sind nicht die, die Individuen im Privaten begehen, die winzigen Übertretungen gegen irgendeine willkürliche soziale Norm, die wir Sünden nennen. Die ultimativen Übel sind die Massenmorde, die in Revolutionen und Kriegen geschehen, die groß angelegten Grausamkeiten, die entstehen, wenn eine Ansammlung von Menschen versucht, eine andere zu beherrschen: die Taten der sozialen Gruppe.

LUZ: Howard macht euch bewusst, wie sehr ihr von mir abhängig seid. Bei der Schöpfung der Welt habe ich mich mit dem Alten sorgfältig abgesprochen, als ich das Böse in eure Seele pflanzte.

HB: Das Böse ist.. /Teil/ der Schöpfung, Wir haben es versäumt zu sehen, dass unsere besten Eigenschaften uns oft zu den Handlungen führen, die wir am meisten verabscheuen – Mord, Folter, Völkermord und Krieg. Wir müssen direkt in das blutige Gesicht der Natur blicken und erkennen, dass sie uns das Böse aus einem bestimmten Grund auferlegt hat. Und wir müssen diesen Grund verstehen, um sie zu überlisten. Übrigens ist das Böse keineswegs nur eine Männersache. Die Guerillakommandos des Leuchtenden Pfads in Peru wurden fast ausschließlich von Frauen angeführt. 

GJ: Herr Bloom, was ist so neu daran, dass Sie das Böse aufdecken? Die Kirche hat von der Erbsünde gesprochen, alle Religionen beschäftigen sich mit dem Bösen und wie der Mensch es überwinden soll. Die moderne Wissenschaft aber hat längst vor Ihnen zu einer wertfreien Betrachtungsweise gefunden. Sie zeigt, dass den Tieren Tatzen und Klauen und dem Menschen die Intelligenz zuwächst, weil Individuen im Kampf ums Überleben stehen, und derjenige einen Vorteil gewinnt, der in diesem Kampf den anderen überlegen ist.

HB: Die Religionen haben das Böse an einen menschenfernen Ort projiziert. meistens in die Hölle, die Wissenschaften haben der Erkenntnis einen großen Dienst erwiesen, indem sie die Mechanismen der natürlichen Selektion erhellten. Sie zeigen, dass die Evolution größere Klauen und eine höhere Intelligenz nicht nur zum Spiel erfand sondern als Waffen, die den damit ausgestatteten Individuen Lebensvorteile verschaffen. Auch das Böse steht im Dienste der natürlichen Selektion.

GJ: Erich Fromm forderte eine wettbewerbsfreie Gesellschaft, in der sich jeder entfaltet, aber ohne diesen Vorteil auf Kosten seiner Nachbarn zu erringen. Was ist daran falsch? Da stellt der große Psychoanalytiker uns doch eine Gesellschaft vor Augen, in der jeder wohlmeinende Mensch ein erstrebenswertes Ideal sehen muss.

LUZ: Aber ein törichtes Ideal, weil es euch den Blick dafür verstellt, wie die Wirklichkeit in Wahrheit beschaffen ist.

HB: Tatsächlich ist Gleichheit ohne Wettbewerb schon im Tierreich nicht aufzufinden. Strenge Hackordnungen existieren bei Hühnern ebenso wie bei Schimpansen und Gorillas. Das hat die Natur so gewollt. Die stärksten, durchsetzungsfähigsten und intelligentesten Individuen sollen ihr Erbgut an ihre Nachkommenschaft weitergeben. Alle anderen sollen und müssen sich unterordnen. Diese Tatsachen sind der Wissenschaft mindestens seit Darwin bekannt. Aber die heutige Wissenschaft hat einen schwerwiegenden Fehler begangen, indem sie die natürliche Selektion ausschließlich auf Individuen bezog. Ich schließe mich Thomas Hobbes an und zeige, dass die Hackordnung in noch viel stärkerem Maße Gruppen, Nationen und Supermächte gegeneinanderstellt. Seit es menschliche Gruppen gibt, verhalten diese sich genauso wie alle anderen Primatenhorden: Sie kämpfen gegeneinander. Auch das ist natürliche Selektion, von der übrigens schon Darwin wusste. /Er/ sah den Wettbewerb auf mehreren Ebenen stattfinden, einschließlich dem, der zwischen Individuen und dem, der zwischen Gruppen auftritt. Als er über Ameisen sprach, erkannte er an, dass die Evolution Individuen leicht dazu bringen könnte, ihr Eigeninteresse dem der größeren sozialen Einheit zu opfern. In seinen späteren Schriften schlug er vor, dass ein ähnlicher Prozess unter Menschen stattfindet.

GJ: Bitte, wie kann es im Sinne der Evolution sein, dass Staaten einander blutig bekämpfen, ihre Gegner zu Tode quälen oder ganze Völker ausrotten? Das ist doch ein so furchtbares Bild der Natur, wie es bisher nur Schopenhauer entwarf, für den der Wille – heute würden wir sagen: die Evolution – das Prinzip des reinen und sinnlosen Bösen war.

LUZ: Schopenhauer war Realist. Er hat an meiner Existenz niemals gezweifelt. Andererseits irrte er sich, wie nur ein deutscher Philosoph irren kann. Das reine Böse ist nicht sinnlos – bei Gott, das soll mir keiner nachsagen dürfen. Die Natur verfolgt sehr wohl einen Sinn. Sie verhilft nicht nur den stärksten, durchsetzungsfähigsten und intelligentesten Individuen zum Sieg sondern ebenso auch den stärksten Gruppen und Nationen. Und bei diesen steigert sie den Opferwillen ihrer einzelnen Glieder.

GJ: Sehen Sie denn nicht den krassen Widerspruch zum Selbsterhaltungstrieb, wie ihn die moderne Wissenschaft postuliert? Individuen, deren höchster Zweck in der eigenen Selbsterhaltung liegt, werden sich doch nicht freiwillig für andere opfern.

HB: Es stimmt eben nicht, dass Selbsterhaltung der einzige Trieb ist, auch sein Gegenteil, der Todestrieb, ist uns eingebaut. Bereits 1897 stellte der bahnbrechende französische Soziologe Emile Durkheim eine Reihe von Statistiken zusammen, die den Anstieg der Suizide nach den Börsencrashs von 1873 und 1882 belegten, und prägte den Begriff „altruistischer Selbstmord“. Durkheim schien zu ahnen, dass der Selbstmörder sich… selbst zerstörte, um die breitere soziale Gruppe von einer Last zu befreien. Der Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss, ein Verwandter und Anhänger Durkheims, war noch spezifischer. Er stellte eine gelegentliche „gewaltsame Negation des Selbsterhaltungstriebes durch den sozialen Instinkt“ fest. Tatsache ist, dass Selbstzerstörungsmechanismen nicht existieren sollten, wäre der Überlebensinstinkt der individuellen Selektion die einzig uns beherrschende Kraft. Aber /schon/ Tiere aller Arten werden mit einem.. Arsenal an eingebauten Giftpillen geboren. Wenn es der Gruppe nützt, werden die Einzelnen erbarmungslos geopfert.

Für die Natur ist das einzelne Individuum eben kein Wert an sich sondern eine Figur im großen Schachspiel der sich gegeneinander behauptenden Kollektive. Die einzelne Figur wird geopfert, wenn dies der Gruppe nützt oder sie ihren Zweck für die Gruppe nicht länger erfüllt. E. O. Wilson führt in seinem grundlegenden Buch „Soziobiologie“ zahlreiche Beispiele für Verhaltensweisen an, bei denen sich Individuen zum Wohle des größeren Ganzen aufopfern. Aber die gegenwärtige Theorie fährt fort, diese /Tatsachen/ wegzuerklären.

GJ: Wir haben es Konrad Lorenz nicht verziehen, dass er uns beständig mit Enten, Gänsen und anderem Getier verglich. Angeblich wirklichkeitsnahe Realisten wie der österreichische Ethologe haben schlicht übersehen, dass es das Privileg des Menschen ist, sich selbst und die Natur zu überwinden. Unsere Größe ist doch gerade darauf begründet, dass jeder von uns mehr ist als seine Vergangenheit.

HB: Aber haben wir uns selbst und unsere Vergangenheit überwunden? Keineswegs. Nach wie vor kämpfen menschliche Gruppen, Nationen und Supermächte genauso mit Stärke und Intelligenz um den Vorrang wie unsere tierischen Vorfahren, z.B. die Ratten. /Deren herzlicher Umgang/ erstreckt sich nur auf die Familie. Ratten machen gnadenlos Jagd auf Mitglieder eines rivalisierenden Clans. Und wenn ein Nichtverwandter zufällig in ihr Nest stolpert, fallen die heimeligen Tierchen, die sich eben noch umarmt haben, über den Gast mit den fremden Genen her und reißen ihn in Stücke. /Die große amerikanische Ethnologin/ Margaret Mead sagt, dass jede menschliche Gruppe eine einfache Regel aufstellt: Du sollst keine Mitglieder unserer Gruppe töten, aber alle anderen sind Freiwild. Laut Mead sagt jede Gruppe, dass alle Menschen Brüder sind und erklärt, dass es nicht in Frage kommt, Menschen zu ermorden. Die meisten Gruppen haben jedoch sehr seltsame Mittel, um zu definieren, wer ein Mensch ist /und wer ein Unmensch, Barbar, Außenseiter, Heide, Kapitalist, Kommunist usw./.

Luz: Aber zweifellos habt ihr euch in zweifacher Hinsicht weit über eure tierischen Vorfahren erhoben. Aus den Klauen, Tatzen und Fangzähnen sind zehnfach überschallschnelle Interkontinentalraketen mit Nuklearköpfen geworden. Und diese apokalyptischen Tatzen wachsen inzwischen auch mittleren Staaten wie Iran oder Zwergstaaten wie Nordkorea und Israel.

HB: Vier der sieben Nationen, die beim Bau der Bombe führend sind – Iran, Libyen, Nordkorea und Algerien – sehen Amerika als ihren Hauptfeind. Das ist aber nicht alles. Neben den physischen bedienen wir uns zusätzlich noch geistiger Waffen, die mindestens ebenso wirksam sind.

GJ: Welch eine schaurige Doktrin. Worin sollen diese geistigen Waffen bestehen?

HB: Das sind unsere Ideen, die ich mit Richard Dawkins Meme nenne. Jede Religion ist ein Netz aus Ideen, welche Menschen miteinander verbindet, und zwar oft auf Gedeih und Verderb so eng und augenblicklich, dass es sie zu einem einzigen Superorganismus zusammenkettet, der dann – von einem gemeinsamen Willen getrieben – die Wirklichkeit oft völlig verändert und umgestaltet.Menschen greifen nach Ideen, weil Ideen sie zu Gruppen… zusammenschweißen. /Ideen/ bieten den Trost von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe. Das ist die Art, wie Meme die Menschen zu ihrer Macht verführen. Hinter dieser Verführung aber erblicken wir eine andere Realität. Eine Ideologie ist gewöhnlich /nicht mehr als/ eine vornehme Maske für das Verlangen einer Gruppe, anderen sozialen Gruppen Macht und Ressourcen zu nehmen.

LUC: Keine Religion hat diese Wirkung so sichtbar vollbracht wie der Islam. Er hat Barmherzigkeit nach innen und Verfolgung nach außen gepredigt. Seinen Anhängern /erlegt er/ eine Reihe von bewundernswerten Pflichten auf: zum Beispiel die Zakat, die Abgabe regelmäßiger, substanzieller Beiträge an die Armen. Allah verlangt von seinen Anhängern auch, „denen, die glauben, frohe Botschaft zu bringen und rechtschaffen zu handeln“, „die Wahrheit nicht mit Falschheit zu verdecken und die Wahrheit nicht zu verschweigen, wenn ihr sie wisst“ und „eure Eltern und Verwandten und Waisen und die Bedürftigen mit Güte zu behandeln.“

Ganz anders das Vorgehen gegenüber den Nichtgläubigen. Im Jahr 624 n. Chr. verkündete der Prophet das Konzept des Dschihad – des heiligen Krieges. Er sagte in dem heiligen Buch, dem Koran: „Ich werde den Herzen der Ungläubigen Schrecken einflößen: Schlagt ihnen über den Nacken und schlagt ihnen alle Fingerspitzen ab… Und tötet sie, wo immer ihr sie erwischt.“ Elias Canetti nennt den Islam in seinem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Buch „Masse und Macht“ eine „Killer-Religion“, wörtlich: „eine Religion des Krieges.“

Der Gründer der Iranischen Republik, Ayatollah Khomeini teilt diese Meinung. „Der Islam erlaubt keinen Frieden zwischen… einem Moslem und einem Ungläubigen.“ Und: „Jede nicht-religiöse [d.h. nicht-islamische] Macht, in welcher Form oder Gestalt auch immer, ist notwendigerweise eine atheistische Macht, das Werkzeug des Satans.“ Khomeinis Werke befürworten die rigorose Bekehrung oder Ermordung all derer, die sich nicht Allahs heiligem Mem anschließen. Sie rufen sie zum heiligen Krieg gegen die Nationen des Westens auf.

HB: Ideen sind die spezielle Erfindung des Homo sapiens und in ihrer Wirksamkeit ebenso mächtig oft sogar mächtiger als physische Waffen – und viel furchtbarer noch dazu. Wenn auf dem Schulhof, in einer Firma oder einer Fußballmannschaft Individuen um einen höheren Platz in der Rangordnung ringen, begnügen sie sich mit Schwitzkasten und Puffen oder es wird an den Stühlen des Alphamännchens gesägt. Der Kampf ist vergleichsweise harmlos, obwohl es auch hier stets Verlierer und Sieger gibt. Aber wo im Wettstreit der Gruppen, Nationen und Supermächte Meme zum Einsatz gelangen – also Ideen und Ideologien, Religionen, Doktrinen und Dogmen -, da bleiben ganze Schlachtfelder voller Leichen zurück. Die Nazis haben die furchtbare Idee von Untermenschen erfunden, um ihre so gebrandmarkten Mitmenschen dann mit gutem Gewissen ausrotten zu können. Die Marxisten erfanden das zu vernichtende Böse in Gestalt des Bourgeois, also jedes Menschen mit Eigentum – sei er auch nur ein einfacher Bauer oder ein unbedeutender Fabrikant. Mohammed erfand die Ungläubigen und gab sie den Gläubigen zum Abschlachten frei. Was die mittelalterlichen Christen betrifft, so wateten die Kreuzfahrer mit Inbrunst im Blut der muslimischen Heiden. Aber sie alle setzten nur fort, was die Menschen seit Beginn der Kultur immer schon taten: Sie teilten die Welt in zwei grundlegend verschiedene Hälften, wo die „Unsrigen“ den „Anderen“ gegenüberstehen.

LUZ: Als erster ist mein Freund Howard dahintergekommen, dass der Alte und meine Wenigkeit euch über Ideen den Weg zur Vollkommenheit ebnen. Das Überleben der Tüchtigsten treibt die Evolution voran – nicht nur mit Zähnen und Klauen sondern auch noch mit Hilfe der allerverrücktesten Meme. Ihrer moralischen Maskerade entkleidet, sind die Slogans von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit oft Waffen, die diejenigen, die eine hierarchische Überlegenheit anstreben, benutzen, um die anderen…  in die unteren Ränge der Hackordnung zu drängen. Selbst die Idee der christlichen Nächstenliebe hat euch als Waffe gedient, um die Vernichtung all jener zu betreiben, die sich nicht zum Christentum bekannten.

GJ: Wie primitiv dieser Sozialdarwinismus! Wir aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts haben dieses krankhafte Denken doch längst überwunden! Außerdem ist die Vorstellung ja nicht einmal neu, dass Ideen – vor allem solche der Religion – mächtige Waffe sind. Max Weber sah „die protestantische Ethik“ als Waffe, die dem Kapitalismus zum Sieg verhalf. Und in seinem berühmten Werk „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ verfocht Émile Durkheim eine noch grundsätzlichere Position. Bei ihm dienen Ideen demselben Zweck wie z. B. die Kriegstänze früher Stammesgesellschaften vor dem Beginn einer Schlacht. Sie sollen Individuen so programmieren, dass all ihre Energien auf dasselbe Ziel gerichtet sind, den Gegner auszulöschen.

HB: So ist es. Das Maß für den Erfolg eines Netzes von Memen – eines Mythos… oder Dogmas – /ist/ nicht seine Wahrheit.., sondern wie gut es als sozialer Klebstoff dient. Wenn ein Glaubenssystem diese Funktion gut genug erfüllt, kann es das Wachstum eines Superorganismus von enormer Größe auslösen, selbst wenn sich seine grundlegendsten Lehren als völlig falsch erweisen.

GJ: Aber das ist doch graue Vergangenheit! In modernen säkularen Gesellschaften wie den Staaten Europas spielen religiöse Dogmen und Mythen allenfalls eine Nebenrolle. Jeder einzelne darf sich bei uns seine ganz persönliche Weltanschauung zusammenbasteln. Die Vorstellung, dass uns irgendwelche Ideen zusammenschweißen oder gar als Waffen dienen, um damit andere zu unterdrücken oder gar zu bekämpfen, weisen wir mit Recht als absurd zurück.

LUZ: Absurd, weil ihr Meister des Vergessens seid. Es ist gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass die teuflische Idee des Nazismus aus den Köpfen getilgt worden ist. Gerade einmal drei Jahrzehnte sind vergangen, dass der nicht weniger blutrünstige Kommunismus stalinistischer Prägung dasselbe Schicksal erlitt. Ihr wollt nicht sehen, dass jederzeit von neuem entstehen kann, was einen Großteil der Welt noch vor wenigen Jahren mit eisernem Griff beherrschte.

HB: Kämpferische Ideen erleben derzeit eine Renaissance. Ein Blick in das Internet beweist das zur Genüge. Und dafür gibt es leider auch einen guten Grund.

GJ: Der wäre?

HB: Menschen können in der Vereinzelung nicht existieren. Der prononcierte Individualismus, wie Erich Fromm ihn als Ideal beschwor, war nie mehr als ein Märchen. Wir sind nicht die unabhängigen Individuen, die wir gerne sein würden. sondern die entbehrlichen Teile eines Organismus, der viel größer ist als wir selbst. Jeder von uns ist durch unsichtbare Fäden in den Superorganismus eingewoben. Wir sind Zellen im Gefüge von Familie, Firma und Land. Wenn diese sozialen Bindungen durchtrennt werden, beginnen wir zu schrumpfen und zu sterben.

GJ: Aber da verfangen Sie sich doch abermals in einem Widerspruch. Einerseits stehen die Mitglieder jeder Gruppe – und zwar von Hühnern über die Primaten bis hin zu uns Menschen – im Wettbewerb, d.h. im ständigen Kampf, mit- und gegeneinander. Anderseits sollen sie aber so fest aneinanderkleben, dass selbst die unteren Ränge nicht ohne die Gruppe leben können. Wie passt das zusammen?

HB: Es passt sogar diabolisch gut zusammen, denn die Frustration der Schlechtweggekommenen wird auf die äußeren Feinde gelenkt. Wenn es um die „Anderen“, die Nicht- oder Untermenschen geht, dann stehen alle plötzlich ganz nah beieinander. Dann jagt die Propaganda gerade den unteren Schichten Schauer des Patriotismus über den Rücken. Auf einmal werden sie gebraucht – dieses Bewusstsein ihres plötzlichen Werts pflegt sie so zu begeistern, dass sie sich von ihren Herren gern auf die Schlachtbank führen lassen. Je mehr Frustration die unteren Schichten in Friedenszeiten erdulden, mit umso größerer Bereitschaft lassen sie sich gegen den gemeinsamen Feind abrichten. Die Ablenkung von Frustration und Wut gegen den äußeren Gegner war immer schon das Mittel der Wahl, um eine Horde zusammenzuhalten.

GJ: Das ist eine machiavellistische Theorie. Dann müsste es heute viele Gesellschaften mit einem ungeheuer großen Gewaltpotential geben.

HB: Gewiss, vor allem im Nahen Osten, wo eine Bevölkerungsmehrheit keine Arbeit findet. Dort hatte sich die Frustration vor einigen Jahren im Arabischen Frühling entladen. Aber es sind nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit, welche die jungen Menschen auf die Barrikaden trieben. Oft geht es weniger um das Brot als um das Selbstgefühl: die Idee, die man von sich selber hat. Wir gehen davon aus, dass Menschen sich /vor allem/ nach Nahrung, Kleidung und Obdach sehnen, aber wir vergessen, dass sie sich /noch mehr/ nach etwas viel Lebenswichtigerem sehnen: /nach/ Status und Prestige.

LUC: Iran vor der Revolution liefert dafür ein eindringliches Beispiel.

HB: Richtig. Dem Iran ging es unter amerikanischer Vormundschaft sehr gut. Die Armut ging zurück, Bildung und Gesundheitsfürsorge verbreiteten sich im Land, Frauen erhielten neue Freiheiten, und der Lebensstandard stieg in die Höhe. Die amerikanischen Politiker waren stolz auf ihre Errungenschaften. Gemessen an der Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft hatten die USA dem Iran geholfen, Wunder zu vollbringen. Aber sowohl unser Außenministerium als auch der Schah hatten vergessen, dass Stolz, Würde und das Bedürfnis nach Dominanz – der Trieb der Hackordnung – viel dringender sein können als die Forderungen des Körpers. Obwohl das Land einen Großteil seines Fortschritts den Amerikanern verdankte, sagte ein pöbelnder Geistlicher, die Yankees hätten die Iraner in Ketten gelegt und ihrer Selbstachtung beraubt. Der Kleriker verstand die Bedürfnisse der Hackordnung weit besser als der Schah. Die Väter unserer Außenpolitik meinen, dass wir durch die Linderung von Hunger, Armut und Krankheit dem Drang zum Blutvergießen den Boden entziehen und die Dritte Welt dazu bringen können, uns zu lieben. Die Philosophie hat nicht funktioniert.

LUZ: Der geschenkte Wohlstand war in ihren Augen nichts wert. Sie jagten den Shah zum Teufel und riefen nach einem geifernden Ayatollah, der sie zwar in Armut und Terror stürzte, aber ihnen zu dem enthusiasmierende Gefühl verhalf, als einzige im Besitz einer wunderbaren Heilslehre zu sein. Der Ayatollah hatte die Hackordnung auf den Kopf gestellt. Die Amerikaner, die Kinder des Teufels, standen /jetzt/ ganz unten. Und die Iraner – die Gesegneten Allahs – waren oben.

HB: /So war es, und/ die Lektion ist einfach: Denjenigen zu helfen, die weniger Glück haben als wir selbst, ist eine moralische Notwendigkeit, aber erwarten Sie nicht, dass dies Stabilität bringt. Und erwarten Sie gewiss keine Dankbarkeit oder Frieden.

GJ: Achtung. Da haben wir doch soeben die übliche Islamhetze gehört, wie sie in Deutschland vor einigen Jahren der unselige Thilo Sarrazin betrieb.

LUZ: Eure blauäugigen Intellektuellen wollten die Wahrheit damals so wenig hören wie heute.

GJ: Wenn die Wahrheit sich als ein Gift für das friedliche Zusammenleben der Menschen erweist, müssen wir sie verschweigen. Es gibt doch eine überwältigende Mehrheit unter den Muslimen, die nichts anderes wollen, als in Frieden mit ihren Nachbarn leben. Sarrazin sagte die Wahrheit, als er eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Belegen dafür zitierte, dass eine Religion, die den Kampf gegen die Ungläubigen predigt, keine gute Voraussetzung für eine Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bietet. Aber diese Wahrheit war wenig „hilfreich“, wie Kanzlerin Merkel richtig bemerkte. Und viele Deutschen fühlten sich in ihrer Selbsteinschätzung verletzt, weil jemand ihr Verhältnis zu den Migranten anders verstand, als ihrem Wunschdenken entsprach. Dieses Wunschdenken war ihnen mehr wert als die stocknüchterne und zutiefst ernüchternde Analyse des Berliner Senators.

LUZ: Ihr glaubtet, dass man in die Zukunft am besten mit geschlossenen Augen geht. So gesehen, hättet ihr die Naziverbrechen auch längst vergessen müssen.

GJ: Hier in Europa wollen wir keine Botschaft hören, die uns den ewigen Kampf und einen nie endenden Wettbewerb predigt.

HB: Ihr bildet euch ein, eine Insel zu sein, während die Supermächte ihre Raketen gegeneinander richten, Cyberkriege führen und ihre Truppen an euren Grenzen aufmarschieren. Wie Vogel Strauß glaubt ihr aus der Gefahr zu sein, wenn ihr den Kopf nur bemüht im Sand vergrabt. /Aber/ Schonung ist für Körper und Gehirn gleichbedeutend mit dem Tod; energische Aktivität hingegen ist das Leben selbst. Der Mensch hat das Bedürfnis, Ziele energisch zu verfolgen, mit Problemen zu ringen und sie zu meistern. Die Nation, die sich nach oben bewegt, umarmt das Abenteuer. Das Land, das sich nach unten bewegt, gibt das Fremde auf und vergräbt den Kopf im Vertrauten. Es versucht, in der Zeit rückwärts zu marschieren.

LUZ: Alle verfolgen das Ziel, mit den anderen gleichauf und ihnen möglichst voraus zu sein. Hegel hat dieses Spiel schon vor zweihundert Jahren durchschaut. Die ultimative Tragödie sei nicht der Kampf eines leicht zu erkennenden Guten gegen ein eindeutig verabscheuungswürdiges Böses. Die Tragödie sei der Kampf zwischen zwei Kräften, die beide gut sind, ein Kampf, bei dem nur einer gewinnen kann.

HB: Von der ersten bis zur letzten Seite läuft die Botschaft meines Buches auf die Forderung hinaus: Öffnet die Augen für die Wirklichkeit, wie sie ist, dann seid ihr am ehesten imstande, die Wirklichkeit zu erschaffen, wie ihr sie haben wollt! Illusionen machen blind für die Erfordernisse des Handelns.

GJ: Herr Bloom, Sie demonstrieren diese Forderung am Beispiel der Vereinigten Staaten, welche. wie Sie sagen, blind in den Abstieg taumeln, obwohl ihnen die Geschichte der gefallenen britischen Weltmacht mit größter Deutlichkeit alle Fehler vor Augen hält, die sie gerade jetzt zum zweiten Mal begehen.

HB: Bis 1870 war Großbritannien ohne Frage die stärkste Nation auf der Erde, doch hatte sie am wenigsten für militärische Ausrüstung ausgegeben. Von 1815 bis 1865 waren gerade einmal 3 Prozent des Bruttosozialprodukts in den Militärhaushalt geflossen. Ihre Stärke kam von der Spinnmaschine, dem dampfbetriebenen Webstuhl, dem Cunard-Dampfer und der Eisenbahn. Aber Großbritannien vergaß, dass industrielle Innovation der Schlüssel zu seiner Macht war. Es verlor seine wirtschaftliche Überlegenheit seit den siebziger Jahren des 19ten Jahrhunderts an Deutschland. Die britische Weltmacht ruhte sich auf ihren Lorbeeren aus, von da an war sie weit weniger innovativ als Deutschland.

Das /britische/ Großkapital wehrte sich durch kontraproduktive Fusionen und Übernahmen, und die Kluft zwischen Arm und Reich wurde zunehmend größer, während England in der Hackordnung der Nationen zugleich immer weiter nach unten rutschte. /In dieser Situation träumten/ die taumelnden britischen Industrie-Titanen.. davon, ihre alte Position mit Gewalt zu halten. Von 1880 bis 1900 steigerte Großbritannien die Tonnage seiner Kriegsschiffe um 64 Prozent und verdoppelte nahezu die Anzahl an Männern, die es unter Waffen hielt.

Heute scheint Amerika den Weg zu gehen, der die Briten in den Untergang führte. Im Jahr 1945 produzierten die Vereinigten Staaten 40 Prozent der weltweiten Waren. Mitte der achtziger Jahre war unser Anteil nur noch halb so groß. Bis in die frühen siebziger Jahre waren wir der größte Exporteur der Welt. Heute sind wir der größte Importeur. Unsere Staatsdefizite steigen ins Unermessliche, und die Menge an Geld, die wir uns von den Bürgern anderer Länder geliehen haben, ist so groß, dass wir jetzt die größten Schuldner seit der prähistorischen Erfindung des Kredits sind. Währenddessen stiegen unsere Militärbudgets in den achtziger Jahren dramatisch an. Wie die Engländer unter Victoria haben wir versucht, uns mit der Vorstellung zu täuschen, dass Waffen die wahre Quelle der Stärke sind. 

LUZ: Und währenddessen drängen zwei sehr ehrgeizige Aufsteiger nach oben: Wladimir Putin und Xi Jinping. Das hat Howard damals aber nicht wissen können, denn sein großes Buch ist schon 1997 erschienen. Da stand noch Japans Stern hoch am Himmel, aber Japan war zu klein, um die Vereinigten Staaten ernsthaft herauszufordern. Wir aber erleben eine ganz andere Konfrontation, und diesmal geht es genauso zu wie bei den Schimpansen, wenn dort die bestehende Hackordnung ins Wanken kommt. Die beiden Prätendenten in China und Russland nutzen jede Gelegenheit, um nach den Beinen des amerikanischen Alphatieres zu schnappen. China setzt den Vertrag über Hongkong außer Kraft, beansprucht dreist das gesamte Südchinesische Meer und späht nach einer Gelegenheit, um Taiwan in sein Staatsgebiet einzugliedern. Auch Russland betreibt eine zunehmend aggressive Politik – wenn auch als Reaktion auf die NATO-Erweiterung. Putin hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert und stützt die Ostukraine, damit diese mit militärischen Nadelstichen den Westen in Atem hält.

GJ: Einen Augenblick! Warum soll Russland den Westen weiter in Atem halten? Es hat doch erreicht, was es erreichen wollte. Niemand wird ihm die Krim mehr streitig machen.

HB: Der Sieger ist nie zufrieden, denn  jeder Gewinn macht ihn nur aggressiver. Der Testosteronspiegel steigt bei den Gewinnern und sinkt bei den Verlierern. Testosteron macht Gewinner unruhig, selbstbewusst und aggressiv. Nationen, die sich nach oben bewegen, wagen das Abenteuer. Aber ein Land, das sich nach unten bewegt, gibt das Ungewohnte auf und vergräbt den Kopf im Vertrauten. Es versucht, in der Zeit rückwärts zu marschieren.

LUZ: Wie unser Freund Howard uns an vielen Beispielen zeigt, wird zum aggressiven Abenteuer vor allem durch Meme aufgerufen, womit eine Nation die eigene Einzigartigkeit beschwört. Gewöhnlich heißt das bei euch Chauvinismus.

GJ: Da stimme ich zu. Putin schweißt die Russen zusammen, indem er sie bei jeder Gelegenheit in die Rolle von Opfern drängt. „Wir haben Europa vom Faschismus befreit, aber der Westen erkennt unsere Leistung nicht an sondern fälscht die Geschichte, um unsere Verdienste zu schmälern.“ Putin unterschlägt dabei, dass die von Hitler heimtückisch überfallene Sowjetunion zwar sich selbst befreite, aber Osteuropa anschließend nur statt des nationalsozialistischen den stalinistischen Totalitarismus und Terror bescherte. Von Polen bis Ungarn wurde die russische Besatzung keineswegs als Befreiung erlebt, sondern Ostdeutsche, Tschechen, Ungarn und Polen wehrten sich in Aufständen gegen die sowjetische Knute. Diese Wahrheit wird unter Putin zur böswilligen Geschichtsfälschung umgedeutet.

LUZ: Mein Freund Putin ist ein begnadeter Meister der Propaganda. Nicht zufällig kommt er aus dem Geheimdienst. Der Tag des Siegs über den Faschismus, der 9. Mai wird mit Pomp, Fanfaren, feierlichen Bekenntnissen zum Vaterland, mit der Verklärung der Heimat und großer öffentlicher Rührung gefeiert. So atemberaubend pompös wie unter den Nazis, im heutigen China oder in Nordkorea zelebriert man jetzt auch in Russland, was man bei euch im Westen kaum mehr kennt, weil jeder einzelne eine isolierte Privatexistenz führt: das ozeanische Gefühl einer kollektiven Schicksalsverbundenheit. Man beschwört die Zugehörigkeit zur großen slawischen Brudergemeinschaft, durchlebt die Schauer einer ins Glorreiche überhöhten Vergangenheit, lässt sich bei endlosen Bekenntnissen zu Heimat und Vaterland von einer Gänsehaut überrieseln. Das ist die positive Seite des kollektiven Gefühlsüberschwangs. Wenn das Glaubenssystem einen genügend großen Superorganismus zusammenhält, .. /können/ die Gläubigen in der Tat ein Stück vom Himmel kosten.

HB: Die wenigsten sehen die Kehrseite der Medaille. Sie ahnen nicht, dass der Sinn dieser kollektiven Ekstase wie schon bei Schimpansen und unseren Ahnen, wenn sie ihre Kriegstänze aufführten, immer derselbe ist: die Bereitschaft das eigene Leben auf Zuruf für die Gemeinschaft auf einem Schlachtfeld zu opfern.

Nehmt euch in Acht, sage ich euch. Die russische Kriegsmaschine besteht nicht nur aus überschallschnellen Raketen, gegen die selbst die Abwehrbasen der USA vorläufig machtlos sind, sie besteht vor allem aus Menschen, welche sich im Bewusstsein einig sind, dass die übrige Welt gegen sie ist und es daher ihre Mission sei, einem dekadenten und übelwollenden Westen zu beweisen, dass das russische Volk vor niemandem zurückweichen wird.

GJ: Daran ist etwas wahr. Selbst wer die russischen Lügen durchschaut, fühlt sich seltsam berührt durch die Intensität, womit die Propaganda ein neues kollektives Einheitsgefühl beschwört. Die quälenden Selbstzweifel unter Gorbatschow und Jelzin nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind einem kämpferischen Selbstbewusstsein gewichen, seit Putin das Ruder führt. Ich möchte aber doch bemerken, dass Patriotismus, wenn er sich in der Liebe zu den Menschen, zur eigenen Heimat und zu den positiven Aspekten der gemeinsamen Geschichte bekundet, einem achtenswerten Gefühl Ausdruck verleiht. Bedauernswert erscheinen mir eher diejenigen Menschen, die von den eigenen Landsleuten, der eigenen Heimat und ihrer Geschichte nichts wissen wollen – wie das für viele Deutsche gilt.

LUZ: Mein Freund Wladimir Putin hat ein noch viel größeres Kunststück vollbracht. Er nährt und befeuert das Ressentiment. „Wir gegen den Rest der Welt“ – das ist das neue Lebensgefühl, das die Russen zusammenschweißt. Da der Staat einen Großteil seiner Mittel in die Militärmaschinerie steckt, geht es vielen Russen unter Putin objektiv schlechter. Aber eine geschickte Propaganda hat dennoch ihr Ziel erreicht. Nicht die Regierung wird von den Frustrierten für diese Situation verantwortlich gemacht sondern der feindselige Westen. Putin bedient sich eines Instruments, das die Chinesen unter Xi nicht weniger gut beherrschen. Man pervertiert den Patriotismus zu einer scharfen Waffe, indem man ihn zum Chauvinismus steigert. Längst sind die Chinesen überzeugt, die bessere Wirtschaft, die effizientere Regierung zu besitzen und überhaupt die besseren Menschen zu sein, die es natürlich verdienen, an der Spitze der Weltgemeinschaft zu stehen.

HB: Aber aufgepasst! Sie sind nicht etwa so dumm, das offen zuzugeben. Im Gegenteil reden Russen wie Chinesen immer nur davon, dass es in Zukunft kein Alphatier, keine Hackordnung, kein Oben und Unten mehr geben soll. Anders als die Amerikaner würden sie selbst niemals die Weltherrschaft anstreben. Ihnen gehe es einzig um eine multipolare Welt, in der keiner nach der Herrschaft über die anderen greift. Wir wissen allerdings aus der Geschichte, dass der Aufstand gegen den Hegemon stets auf diese Weise verläuft. Die Beta- und Gammamännchen machen sich klein, sie beschönigen ihren Drang an die Spitze, indem sie ihn als Segen für alle Beteiligten hinstellen und ihre wahren Intentionen verschleiern.

GJ: Dann würde sich das ewige Spiel nur in alle Ewigkeit wiederholen? Irgendwann ist das Alphatier an der Spitze – in diesem Fall die Vereinigten Staaten – so schwach, dass es abdanken muss, um China oder Russland Platz zu machen – genauso wie in der Vergangenheit Rom, Habsburg und Großbritannien abdanken mussten?

LUZ: Innerhalb einer Gruppe zieht sich das Alphamännchen auf das Altenteil zurück, wenn es von einem Aufsteiger überwunden wird. Das geht den Rest der Welt nichts an. Aber zwischen modernen Supermächten werden Aufstieg und Niedergang nicht durch Bisse sondern durch Schwerte, Gewehre und jetzt durch Raketen und Bomben entschieden. So hat es der Alte in seiner Weisheit eingerichtet. Howard nennt das „natürliche Selektion“ zwischen Superorganismen, welche durch Ideen (Meme) zusammengehalten werden. Evolution ist nicht nur ein Wettbewerb zwischen Individuen. Sie ist ein Wettbewerb zwischen Netzwerken, zwischen Netzen, zwischen Gruppenseelen.

HB: Richtig. Aber Raketen und Bomben setzen eine starke Wirtschaft voraus. Deswegen müssen die Vereinigten Staaten alles tun, um die technologische Innovation zu beschleunigen und der Wirtschaft ihre Stärke zurückzugeben. Wir müssen im technologischen Rennen an der Spitze bleiben, denn dieses Rennen und die damit verbundene Konkurrenz werden ja weitergehen. Das ist unser unabänderliches Schicksal. Mit unserem Traum von der Beseitigung der Konkurrenz versuchen wir, die Hackordnung wegzuwünschen. Tatsache ist aber, dass wir weiterhin in Strukturen der Hackordnung leben werden, ob wir es wollen oder nicht. /Und/ die brutale Tatsache ist, dass unsere Position umso niedriger sein wird, je mehr wir uns aus dem Wettbewerb heraushalten. Das gilt für unser Leben als Individuen, und es gilt noch mehr für unser Leben als Nation. Wer nicht oben ist, der sinkt hinunter.

GJ: Falsch! An einer Stelle sagen Sie selbst, dass dieser Spuk aufhören muss. Die Evolution hat unserer Spezies etwas Neues geschenkt – die Vorstellungskraft. Mit dieser Gabe haben wir vom Frieden geträumt. Unsere Aufgabe – vielleicht die einzige, die uns retten wird – ist es, das, was wir geträumt haben, in die Realität umzusetzen. Eine Welt zu schaffen, in der es keine Gewalt mehr gibt.

In diesem Satz sprechen Sie selbst eine entscheidende Einsicht aus. Sie sehen aber nicht, dass wir diese Welt hier und jetzt schaffen müssen, d.h. in den kommenden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, weil wir dank unser Intelligenz die potenzielle Gewalt soweit gesteigert haben, dass wir zum ersten Mal in unserer Geschichte imstande sind, uns selbst und noch dazu alles Leben auf dem Planeten auszulöschen. Auch wenn das Spiel unter Individuen weitergeht, unter Nationen, die sich mit einem Knopfdruck gegenseitig vernichten können, darf es nicht weitergehen: Wir müssen das Wettrennen der Nationen beenden.

In dieser Notwendigkeit liegt der Bruch mit aller bisherigen Geschichte. Bis gestern war es noch möglich, dass die herrschende Nation von einer anderen jüngeren, kräftigeren vom Thron gestoßen wurde. Seit Hunderttausenden von Jahren hat dieses eiserne Gesetz unter Menschen wie im Tierreich gegolten und die „natürliche Selektion“ gefördert. Aber im 21. Jahrhundert kann und darf dieses Gesetz nicht länger gelten. Denn der Sieg mit heutigen Waffen selektioniert nicht länger den Stärksten sondern er bringt uns alle um: den Sieger ebenso wie die Besiegten.

HB: Gewiss, das ist allen durchaus bewusst – natürlich auch Xi, Biden und Putin, aber das Bedürfnis an der Spitze der Tafel den Vorsitz über die anderen zu führen, hat deswegen keineswegs abgenommen. Daher beschwöre ich meine Landsleute, den Wettbewerb und den technologischen Fortschritt mit aller Macht anzukurbeln. /Gewisse/ selbsternannte Verfechter des öffentlichen Interesses versuchen, kritische Bereiche des wissenschaftlichen Fortschritts zu stoppen. In vielen intellektuellen Kreisen ist selbst der Begriff des Fortschritts zu einem Schimpfwort geworden. Das ist eine verhängnisvolle Entwicklung. Wenn wir wollen, dass die USA weiterhin an der Spitze der Weltgemeinschaft stehen, erreichen wir das nur über Wettbewerb und technologischen Fortschritt.

LUZ: Lieber Howard, angesichts meiner Begabung in die Zukunft zu schauen, erlaube ich mir eine kleine Warnung. Der Fortschritt könnte euch teuer zu stehen kommen. Es gibt nicht einmal eine Garantie, dass das Inferno nicht durch den bloßen Zufall – will sagen: den technologischen Zufall – entfesselt wird. Angesichts immer kürzerer Vorwarnzeiten gegen einen atomaren Erstschlag von Seiten des Gegners habt ihr Computer dazu programmiert, bei einer entsprechenden Meldung (für deren Überprüfung die Zeit nicht mehr reicht) den Gegenschlag automatisch auszuführen. Im Sinne des Überlebens müsst ihr einen „Fortschritt“ bändigen, der euch nicht an die Spitze führt sondern alle zusammen ins Nichts katapultiert.

GJ: Wenn ich Herrn Bloom recht verstehe, hat sich seit der Steinzeit bis heute in unserer psychischen Disposition nichts Wesentliches geändert. In jeder Gruppe will einer an der Spitze stehen – das nennt man Wettbewerb. In der Weltgemeinschaft will eine Nation den Ton angeben – das nennt man das Rennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht. Nun ist aber aufgrund unseres unglaublichen technologischen Fortschritts etwas radikal Neues in die Welt getreten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügt jede Supermacht über ausreichend Bomben, um den Globus für uns alle unbewohnbar zu machen. Ein Sieg der einen über die andere bedeutet daher keine Ablöse wie in der Vergangenheit sondern den kollektiven Untergang.

Ich schließe aus dieser grundsätzlich neuen Lage, dass es für die Vernunft nur einen einzigen Ausweg gibt: die Einigung auf ein gemeinsames Weltregiment. Nur wird diese Einigung umso schwieriger, je mehr Amerikaner, Russen und Chinesen den Hass gegeneinander schüren. Diesen Hass müssen wir bekämpfen. Denn unsere Aufgabe – vielleicht die einzige, die uns retten wird – ist es, das, was wir geträumt haben, in die Realität umzusetzen.

GJ und Luzifer: Herr Bloom, Howard wir danken Ihnen, Dir, für dieses Gespräch!

Dr. Andreas Laun, emeritierter Salzburger Weihbischof, beehrt mich mit folgendem gedankenreichen Kommentar:

Wer sind Sie? Was sind diese Texte?

Meine Replik:

Herr Bischof Andreas Laun weiß sehr wohl wer ich bin.  An anderer Stelle (https://www.gerojenner.com/wp/warum-ich-leider-nicht-modern-bin-plaedoyer-fuer-ein-machofrei-deutsch-neusprech) hat er mich, weil er glaubte reaktionäre Tendenzen an mir zu entdecken, huldvoll mit seinem Segen bedacht:

Sehr geehrter Herr Jenner, danke für Ihr Schreiben! Wie gut, dass Sie der Mode widersprechen die auch viele Leute der Kirche mitmachen. Und ergänzend: Auch im Ungarischen gibt es keine der-die-das. Es bleibt auch ohne dies schwer genug! Gott segne Sie! + Andreas Laun, Weihbischof emeritus in Salzburg.

Von Dr. Alexander Dill kommt diese Reaktion:

Ich freue mich, auf diese Art von Dr. Laun zu hören. Seine beiden Fragen zeigen, dass er noch geistig aktiv ist. Das war in seiner Dienstzeit leider nicht so, die ich teilweise miterleben durfte.Viele Menschen beginnen erst im höheren Alter, sich fundamentale Fragen zu stellen. Das ist insofern gut, weil sie dann erfahren dürfen, dass es auf diese keineAntworten gibt. In ihrem jüngeren Leben hätte sie dies verunsichert, was förderlich gewesen wäre, zumindest für ihre Opfer. Nun naht der Tag der Abrechnung und viele in Salzburg wissen, wohin Dr. Laun kommen wird: dorthin, wo er andere hin empfahl.

Dr. Helmut de Craigher anwortet mit folgender Mail:

Lieber Gero Jenner,

danke für die heftige, amüsant-schauerliche Diskussionsszene!

Etliche Erkenntnisse sind fundamental, viele Nebenargumente enthalten bekannte, ganz bewusst polemische Entgleisungen.

Fundamental scheint mir:

1) Keine Gemeinschaft kann auf Dauer ohne wahre Aufklärung über die Wirklichkeit überleben. Jeder Organismus braucht richtige Erkenntnis der Fress- und Feindumgebung auf der physischen und psychischen Ebene – und braucht die Selbsterkenntnis der eigenen (kollektiven) Psyche.

==> HB: Von der ersten bis zur letzten Seite läuft die Botschaft meines Buches auf die Forderung hinaus: Öffnet die Augen für die Wirklichkeit, wie sie ist, dann seid ihr am ehesten imstande, die Wirklichkeit zu erschaffen, wie ihr sie haben wollt! Illusionen machen blind für die Erfordernisse des Handelns. 

2) Gemeinschaften sind Organismen, die sich nach dem Innen- und Außenmuster als Freund/Feind definieren. Menschen können dieses Freund/Feind-Muster aber fast beliebig zur Erzeugung aggressiver oder defensiver Verhaltensweisen manipulieren.

3) Aber wir wissen auch, dass ideell erzeugte Großorganismen durch Mißbrauch der Regeln 1 und 2 sich zur ökonomischen Unfruchtbarkeit sowie zur ökonomischen, politischen und kulturellen Selbstzerstörung verurteilen können. Das könnte man im Einzelnen am Islam, am Kommunismus oder am westlichen Kapitalismus nachweisen.

Fazit: Es gibt in der historischen Erfahrung überall wahre und unwahre, richtige und unrichtige, konstruktive und destruktive Anwendungen dieser Regeln. Wenn Menschen nur aus der Geschichte lernten! Braucht es feindliche Aliens oder einen atomaren Krieg, um den Zusammenschluss einer allen Menschen einigermaßen wohlgesonnenen menschlichen Weltregierung zu versuchen? Nein, es braucht das, was einmal Europa groß gemacht hat – trotz aller Missbräuche und Egoismen: eine Idee. Ohne Idee scheint der Massenselbstmord einer menschlich übervökerten und schlecht bewirtschafteten Welt als unvermeidbar. 

Welche Idee? Aus dem Gesagten folgt zwingend: Es kann nur die in Leben und Tod durchgehaltene Idee des Christus sein, der Diener aller und Opfer aller zu deren Heil wurde. Des Herrschers, der das Leiden aller selbst trägt. Das wäre die einzige Idee, die sich konsequent den Programmierungen der wechselseitigen Zerstörung entzieht, ohne weinerlich Schmerz mit dem Bösen zu verwechseln…

Gruß und viel Erfolg beim weiteren amüsanten Schreiben!
Ihr

H. de Craigher.

Zu Gast bei Mephisto – Was unterscheidet Schimpansen von Alphamännern?

ER: Von Zeit zu Zeit säh‘ ich den Alten gern!

Ich: Warum der Konjunktiv?

ER: Die Frage verrät den Ahnungslosen. Wissen die Aufgeklärten nicht längst, dass es IHN nicht mehr gibt, nur meine eigene Existenz steht nach wie vor außer Zweifel. An Gottes Wirken glaubt schon keiner mehr, aber dass Unsereiner sich die Hände ganz gerne schmutzig macht… Denk nur an die Abstammungslehre.

Also bitte, erwidere ich, der Mensch stammt nicht vom Affen ab! Darüber sind wir uns hoffentlich einig!

Und doch verlaufen die Linien strikt parallel. Unter Schimpansen herrscht Hierarchie, stets macht das Alphamännchen den Ton. Und es beißt ohne Bedenken, wenn der Ton nicht verstanden wird. So ist es bei euch geblieben, nur dass ihr euch nicht mit Steinen, Stöcken und einem beißwilligen Gebiss bekriegt sondern mit Bomben.

Aha, räume ich zögernd ein. Sie wollen mir einreden, dass unsere Alphamänner – und hin und wieder auch eine -frau – bloß nackte Affen sind?

ER: Bitte schön, die Regeln der Höflichkeit sind mir geläufig. Gern hätte ich mehr Respekt für die Primaten, die sich sapiens nennen, aber dann blicke ich auf all die Kims, die Khomeinis, die Putin und Trumps dieser Welt, und gleich fällt es mir schwer, den geringsten Unterschied zu euren behaarten Verwandten auszumachen. Gewiss, bei den einfachen Leuten, da sieht es anders aus. Da wimmelt das Tagesleben, da sammelt und sichtet man, paart und vermehrt sich, weint und lacht, und einige genießen sogar das Leben, aber über ihnen thronen wie eh und je die Oberaffen mit bleckenden Zähnen und fuchteln mit Bomben.

Welch traurige Vision, sage ich, die fällt nur dem Teufel ein. Als hätte das Leben keinen anderen Sinn als Droh- und Vernichtungsgebärden gegenüber den Nachbarn. Sind wir nicht alle Menschen? Außerdem haben die fortschrittlichsten Staaten die Demokratie übernommen, die zähmt unsere atavistischen Machtgelüste.

ER: Mein Freund, du bringst mich zum Lachen! Macht lässt sich nicht zähmen, sie ist überall dort, wo es Schwäche gibt – und davon gibt es stets sehr viel mehr als genug. Vorläufig sind die USA noch die stärkste Macht auf dem Globus. Sie können sich eine Demokratie und das ständige Gerangel von zwei Parteien um die Macht im Staate erlauben, aber China würde weiterhin so ohnmächtig sein wie in den vergangenen zweihundert Jahren, würde es seinen Bürgern demokratische Vielfalt und den Dissens erlauben. Die führende Macht würde dann jede innere Schwäche sofort zu ihren eigenen Zwecken nutzen. Gegen die Starken wehren sich die Schwachen durch ein autokratisches oder sogar diktatorisches Regime. Und außerdem schließen sie sich noch gegen die führende Macht zu Allianzen zusammen. Putin und Xi haben ihre Staaten in Diktaturen verwandelt, weil sie sich die demokratische Vielfalt nicht leisten können, ohne unter äußerem und innerem Druck zu zerfallen. Das sind – wenn ich es in aller Bescheidenheit einmal so nennen darf – die Elixiere des Teufels, die man bei euch  Realpolitik nennt.

Nein, sage ich, das nennt man immer noch Lüge. Nirgendwo klaffen Wort und Tat so weit auseinander wie bei den Schwachen. Da höre ich, wie Xi in bewegten und bewegenden Worten von einer neuen Weltordnung spricht. Da werde es dann keine Hegemonialmacht mehr geben sondern nur gleichberechtigte Nationen, von denen keine die Herrschaft über die andere erstrebt, denn China gehe es einzig um Frieden und Harmonie. Zur gleichen Zeit verteufelt er den Dalai Lama, lässt Millionen von Uiguren „umerziehen“, zertrampelt Hong Kongs politische Freiheit, möchte lieber heute als morgen auf gleiche Art mit Taiwan verfahren und erstrebt die Herrschaft über das gesamte Südchinesische Meer – all das im Namen von Harmonie und Frieden.

ER: Richtig. So machen es die Alphamänner überall auf der Welt. Für einen zusätzlichen Zipfel Land und ein paar weitere steuerzahlende Untertanen beißen und bomben sie, und nach vollbrachter Tat soll man sie auch noch als unsterbliche Gesichtshelden feiern.

Ich: Gewiss, auf diese Kunst versteht sich auch der russische Präsident. Bei jeder Gelegenheit beschwert er sich über die unbarmherzige Verfolgung durch einen russenfeindlichen Westen. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, die Krim zu besetzen und den Ostteil der Ukraine faktisch aus dieser herauszulösen.

ER: Putin trauert der Gewaltherrschaft Stalins nach, denn im Zusammenbruch der Sowjetunion erblickt er die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie ich diesen Meister der Verstellung bewundere! Ganz wie Kollege Xi verbreitet er das Märchen, seiner Regierung gehe es nur um Kooperation und Frieden. Die große Sowjetunion habe, so wird er nicht müde der Welt zu verkünden, der Menschheit einen einzigartigen Dienst erwiesen: Sie hat die Welt vom Faschismus befreit.

Geschichtsfälschung! protestiere ich. Die Russen haben den heimtückischen, brutalen Überfall Hitlers abgewehrt. Im „großen vaterländischen Krieg“ haben sie ihr Land unter den fürchterlichsten Opfern von einem gnadenlosen Aggressor befreit – das ist ein historischer Sieg, auf den sie stolz sein können, zumal sie damit auch dem Dritten Reich den Todesstoß versetzten. Aber Europa haben sie durchaus nicht befreit, denn an die Stelle des deutschen Totalitarismus haben sie nur den russischen Totalitarismus stalinscher Prägung gesetzt. Mit offenen Armen wurden sie anfangs von den unterworfenen Völkern empfangen. Aber was haben sie den von ihnen besetzten Ländern anschließend gebracht? Eine neue Art von Versklavung. Putin darf sich nicht wundern, dass Osteuropa bis heute eine panische Furcht vor dieser Art von Befreiung hat.

ER: Bravo für soviel Einsicht. So war und so ist es, weil Homo sapiens eben nur ein nackter Affe ist. In dieser Eigenschaft kommt ihr übrigens ganz ohne meine Beihilfe aus. Ihr bringt euren Untergang auch ganz allein zustande.

Untergang? frage ich. Was sollen diese apokalyptischen Töne?

ER: Wie begriffsstutzig ihr alleswissenden Fortschrittsromantiker doch seid.

Ach, von Zeit zu Zeit säh‘ ich den Alten wahrhaft gern. Für die neue Ära reichen meine bescheidenen Kräfte nicht aus. Ich kann euch nicht retten, meine Künste habt ihr alle schon erlernt. Nur der Alte wäre allenfalls noch imstande…

Nein, rufe ich und stoße die Tasse auf dem Gartentisch um, der mich von meinem Gegenüber trennt. Dabei verschütte ich den Kaffee und muss mitansehen, wie sich die braune Flüssigkeit über die eben noch makellos weiße Tischdecke ergießt.

Nein, von Untergang kann nur ein Teufel faseln. Die Menschen sind viel zu intelligent, das haben wir den Affen voraus.

ER: Grotesker Irrtum. Gerade eure Intelligenz macht euch so brandgefährlich. Den großen Präsidenten der Russischen Föderation bewundere ich beinahe so wie mich selbst. Er ist der gescheiteste lebende Politiker auf dem Globus. Über alles ist er bis zum I-Tüpfelchen informiert, nichts entgeht seiner Wachsamkeit. Was seine Bomben anrichten können, das weiß er genau – anders als jener abgewählte Lügner und geniale Trottel aus dem Weißen Haus in Washington D.C., der zwischen Phantasie und Realität nicht unterscheiden konnte.*1* Den lügenden Donald hatte ich in mein Herz geschlossen, er hätte die Welt aus purer Dummheit ins Verderben geschickt, aber Wladimir Putin hat ein Recht auf meine Bewunderung. Er ist der nackte Alpha-Affe schlechthin, so wie man ihn sonst nur in den Märchen findet. Er könnte die Welt mit Intelligenz zugrunde richten.

Bitte schön, wende ich gegen den Zyniker ein. Ich bin ein Putinversteher. Muss es den Mann nicht unendlich wurmen, dass er für Obama und Biden nur der Vertreter einer drittrangigen Regionalmacht ist, obwohl er das eigene Haus bis unter den First mit ultraschallschnellen Raketen und dem weltgrößten Nukleararsenal gefüllt hat? Und wer unter seinen westlichen Kollegen könnte sich mit ihm in Judo, im Eishockey, auf dem Motorrad oder auch nur in der Größe des Bizeps messen? Putin ist der verkörperte Superman, der von der Welt Unterwerfung fordert. Im eigenen Land hat er dieses Ziel ja ohnehin schon erreicht. Alle Gegenstimmen wurden der Reihe nach ausgemerzt, die Opposition vernichtet, alle reden dem Herrn nach dem Mund. In Russland herrscht Grabesstille. Das russische Militär steht inzwischen bereit, dem neuen Zaren bis in den Tod zu folgen.

ER: Ich sehe, dass du lernfähig bist. Ja, dieser Mann verträgt keinen Widerspruch. Er ist nicht nur intelligent (und manchmal sogar charmant). Wie so viele von Statur kleine Leute ist er noch dazu höchst sensibel. Bis in seine Träume verfolgt ihn nur der eine und einzige Wunsch, seinen stolzen Rivalen jenseits des Atlantiks und in Europa zu zeigen, dass man einen wie ihn nicht ungestraft kränken kann. Er wird den Globus den nuklearen Winter bringen, er wird mir seine Seele und sein ganzes Land mit allen Bewohnern zum Opfer bringen, wenn ihr ihn in seiner Eitelkeit zu sehr verletzt. Und du wirst sehen, sobald der erste Schuss in Europa fällt, wird eure ganze Greisen- und Spaßgesellschaft auf der Stelle fahnenflüchtig.

Oh, werfe ich ein, soll ich vielleicht Mitleid mit einem Diktator haben, da selbst Ihr Euch um seine Eitelkeit Sorgen macht? So viel Einseitigkeit gereicht Euch nicht zur Ehre. Oder wollt ihr bestreiten, dass dieses Regime mit einer Unverfrorenheit lügt, wie sie nur Donald Trump überboten hatte? Ein Dissident nach dem anderen wurde umgebracht, aber stets hat das Regime jede Schuld abgeleugnet. Keine Beweise! so heißt der ewige Refrain. Als ob ein Urteilsspruch nur dann gültig wäre, wenn der Angeklagte den Schuldbeweis akzeptiert! Trump hat sich aus Lügen nie etwas gemacht, weil es für ihn ohnehin keine Wahrheit gab sondern nur erfolgreiche Äußerungen und deren Gegenteil. Aber Putin und seine Leute kennen die Wahrheit ganz genau – schon immer hatten die Russen dafür ein sehr feines Gespür. Wer mit den geistigen Giganten dieses Landes vertraut ist, mit großen Schriftstellern wie Tolstoi und Dostojewski, der weiß, dass diese um nichts so sehr gerungen haben wie um die Wahrheit. Bringt ein russischer Außenminister wie Sergey Lawrow daher die Ungeheuerlichkeit über die Lippen, den Deutschen die Vergiftung Nawalnys anzuhängen, dann weiß er ganz genau, was er tut. Er zeigt damit, dass er sich nichts daraus macht, die Deutschen und die Weltöffentlichkeit bewusst zu verhöhnen. Das tut man nur, wenn man Brücken abbrechen will – zur Not auch um den grausigen Preis eines Krieges.

ER: Und wenn es so wäre? Habt ihr, haben allen voran die Amerikaner nicht Russland ins Mark getroffen mit der Demütigung der neunziger Jahre? Damals war Gorbatschow bereit, der eigenen Vergangenheit abzuschwören und Glasnost und Perestroika, also Rechenschaftspflicht und demokratischen Umbau, zum Programm eines neuen Russland zu machen. Dafür habt ihr ihn im Westen zwar wie einen Heiligen verehrt, aber Hilfe habt ihr ihm nicht gewährt. Russland erlebte einen Kollaps, zugleich ökonomisch und seelisch. Mit dem Segen des Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs, der mit gewohnter amerikanischer Naivität dem Lande schlicht das Evangelium der Privatisierung verordnete, wurde es ausgeplündert von profitgeilen Oligarchen. Gerade noch rechtzeitig bevor es diesen gelang, seine Ölquellen an westliche Anbieter zu verhökern, kam Putin an die Macht, um den nationalen Ausverkauf zu beenden. Dennoch wünschte dieser selbst noch im Jahre 2001 eine Annäherung an den Westen, vor allem an Europa. Doch Russland lag damals am Boden, Annäherung hätte Hilfe bedeutet – und dazu war niemand im Westen bereit. So wuchsen aus der Demütigung Russlands russische Ressentiments, und Putin bekam mit der Zeit ein ganz neues Gesicht. In seinem Stolz bis ins Mark verletzt, begann Russland nun damit, die vielen Fehler des Westens aufzuspüren – vor allem dessen oft schamlose Lügen. 1953 hatte sich Präsident Eisenhower von den Briten dazu verleiten lassen, das aus demokratischen Wahlen hervorgegangene Mossadegh-Regime im Iran zu stürzen, nur weil dieses die Ölquellen, seinen einzigen Reichtum, zu nationalisieren wagte. Die spätere Außenministerin Madeleine Albright besaß immerhin genug Anstand und Mut, diesen Eingriff in die Souveränität eines Staates nachträglich als schweren Fehler zu tadeln. 1973 wurde mit Hilfe der CIA die ebenfalls demokratisch gewählte Regierung Salvador Allende in Chile gestürzt. Verbindungen zum Rivalen Sowjetunion konnte man ihr nicht nachsagen, es genügte, dass ökonomische Interessen der USA gefährdet schienen. Und wie sollen wir einen Krieg bewerten, der von vornherein auf Fake-News beruhte, nämlich auf Massenvernichtungswaffen, welche Saddam Hussein, dieser ehemalige Verbündete der Vereinigten Staaten, angeblich besaß? Er hatte das Misstrauen der Supermacht auf sich gezogen, weil er mit dem Gedanken spielte, sich vom Dollar unabhängig zu machen. In diesem Fall war der Krieg nicht nur verlogen, er war darüber hinaus auch noch unendlich dumm, denn die sunnitische Minderheit um Saddam Hussein hatte Iran erfolgreich im Schach gehalten. Nach seinem Sturz wurde das Land der fanatischen Ayatollahs zum größten Herausforderer der USA.

Du siehst, lieber Freund, es hat seine Gründe, wenn die Russen, denen du mit Recht eine große Hellhörigkeit für Lügen bescheinigst, sich dieses Instruments auf einmal mit vollendeter Schamlosigkeit bedienen. Sie haben sich diese Kunst von euch abgeschaut. Denn eine Lehre muss ich dir auf deinen Weg mitgeben: Feinde werden einander zunehmend ähnlich, je mehr sie einander bekämpfen. Zuletzt pflegen sie überhaupt den gleichen Stil und begehen die gleichen Verbrechen. Der arabische Frühling zum Beispiel…

Ich unterbreche den eifernden Mann.

Der arabische Frühling, wende ich ein, ist ein gutes Beispiel, um deine kalte Objektivität zu widerlegen. Als in Tunesien, dann in Ägypten und schließlich in Libyen und in Syrien das Volk auf die Barrikaden stieg, um ihre unmenschlich korrupten Regime zu stürzen, da stand der Westen auf seiner Seite. Und diesmal gab es für ihn (außer in Libyen) nichts zu holen. Man hatte schlicht ein Herz für die unterdrückten Massen und gönnte ihnen jene Freiheit und Demokratie, nach denen sie sich so sehr sehnten. Barack Obama hielt damals eine seiner großen Reden in Kairo.

ER: Oh ja, auf Reden verstand sich der Mann. Aber die Reden haben nichts verbessert. Der Frühling wurde zu einem Winter von Chaos und Massenflucht, von Hunderttausenden Toten und einer noch viel größeren Armut. Die Russen sind durchaus im Recht, wenn sie die Zerstörung des Nahen Ostens als eines der größten Verbrechen der jüngeren Geschichte bezeichnen und den Westen dafür verantwortlich machen, weil dieser die Aufstände nicht nur unterstützte sondern zusätzlich Öl ins Feuer goss. Putin konnte sich vor der Weltöffentlichkeit als Retter positionieren. Zumindest in Syrien hat er Chaos und Bürgerkrieg dank seiner Entschlossenheit beendet. Seitdem profiliert sich Russland gegenüber dem Westen als moralische Instanz.

Ich: Welcher Zynismus! Wie kann man moralisch verteidigen, dass Russland eines der repressivsten, brutalsten, blutigsten Regime am Leben hält? Putin hat Friedhofsstille auf Kosten der Menschlichkeit hergestellt.

ER: Friedhofsstille gewiss. Aber eine solche Stille ist den Menschen immer noch lieber als Chaos und ein nicht endender Krieg. Oder willst du etwa den Westen von seiner Schuld freisprechen, obwohl er mit seiner leichtfertigen Unterstützung des arabischen Frühlings so viel von diesem Unrecht überhaupt erst entstehen ließ?

Ich: Nein, im Gegenteil. Es war geschichtsblinde Dummheit, die das Handeln im Westen bestimmte. Im gesamten Nahen Osten hatte es eine Bevölkerungsexplosion gegeben. Auf vier junge Menschen, die eine Familie gründen wollten, kam im Schnitt ein einziger freier Posten. Drei junge Leute waren also von Anfang an zur Arbeitslosigkeit verdammt und schrien nach Revolution. Angesichts dieser aussichtslosen Lage erfüllten die furchtbaren Diktatoren dieser Länder eine traurige Funktion: Sie mussten den Deckel auf dem brodelnden Kessel halten. Das haben die Menschen im Westen so wenig begriffen wie die protestierenden arabischen Massen in den Ländern des Nahen Ostens. Sie sahen nicht, dass keine Änderung des Regimes an der Situation etwas ändern kann, solange in einem Land zu viele Menschen über zu wenig Ressourcen verfügen. Daher – und nicht aufgrund der ermunternden Zurufe aus dem Westen – ist die ganze Revolution kläglich verpufft oder musste in Blut und Tränen enden. Am Ende hat nur eine neue Generation von Diktatoren die Stelle ihrer Vorgänger eingenommen.

ER: Bravo, mein Lieber, endlich bist du soweit, dir deine Klugheit von Unsereinem abzuschauen. Gib nur Acht, dass du solche Erkenntnisse nicht allzu laut verkündest. Damit machst du dich unbeliebt bei euren sternenäugigen Idealisten, die für alles eine Patentlösung besitzen. Dass es in einem Land – oder vielleicht sogar auf dem ganzen Globus – irgendwann nicht mehr reicht, wenn es zu viele Menschen gibt, davon wollen eure Weltverbesserer nichts wissen. Auch die schönste Rede von Demokratie und Freiheit, die ein so überzeugender Präsident wie Obama halten konnte, bleibt ist gegen dieses Faktum zu Ohnmacht verdammt. Ihr wollt partout nicht begreifen, dass ihr biologische Wesen seid wie eure Ahnen die Schimpansen, mit denen ihr weit mehr als nur den Kult um die Alphamänner teilt.

Ich: Gut, dass Du mir neuerlich das Stichwort gibst: Alphamänner. Sag mir, wie ist es zu erklären, dass „Sleepy Joe“, der nackte Affe an der Spitze des amerikanischen Staats, dieser stolpernde und manchmal hilflos stotternde Greis *2*, innerhalb der ersten hundert Tage seiner Regierung mehr in Bewegung setzte und für das Ansehen seines Landes bewirkte als sein russischer Gegenpart, der ihn an Intelligenz, Geistesgegenwart und schierem Wissen so sehr überragt? Wie ist es möglich, dass die Welt nach dem furchtbaren Trump wieder mit Vertrauen auf Amerika blickt, weil Joe Biden moralische Größe hat, während das einst so geistesmächtige Russland von seinem zweifellos charismatischen Führer so auf gemeinsames Lügen verpflichtet wurde, dass einer, der wie Nawalny gegen die allgegenwärtige Korruption Einspruch erhebt, zum x-ten Opfer eines Mordanschlags wird? Biden gesteht vor aller Welt, dass die Vereinigten Staaten unter offensichtlichen Übeln leiden: unter Rassismus, einer profitversessenen National Rifle Organization und greller sozialer Ungleichheit. Putin dagegen bringt Leute um oder ins Zuchthaus, die an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Einen Mann wie Nawalny kann er in seinem Land nicht dulden, obwohl – oder gerade weil – dieser sein getreues Spiegelbild ist. Er ist genauso glühender Nationalist (denn ohne diese Eigenschaft kommt man in Russland nicht an), aber ein lautstarker Gegner der von Putin als politisches Herrschaftsmittel geförderten Korruption. In den Spaßgesellschaften des Westens, wo der Opportunismus der lebenslang Feigen blüht, genügen Zahnschmerzen, damit die Leute am Sinn des Lebens zweifeln. Da fehlt alles Verständnis für einen Helden, der für die eigenen Überzeugungen bewusst in die Höhle des Löwen geht und dabei den Tod riskiert. Dieses Russland der heiligen Fanatiker mag uns befremden, aber mich versöhnt die Existenz so todesmutiger Helden mit der traurigen Tatsache, dass das einzige, womit die einstige Geistesgroßmacht Russland heute der Welt imponiert – oder sagen wir besser, ihr den größten Schrecken einflößt – die mehrfach überschallschnellen Zirkon-Raketen sind und seine modernisierten Nuklearwaffen und natürlich die Ansage des russischen Präsidenten, dass Russland auf eine ernste Herausforderung (sprich auf einen konventionellen Angriff, wo die NATO dem Land überlegen ist) grundsätzlich asymmetrisch, also mit Atombomben, antworten wird. 

ER: Der russische Führer weiß, dass man ihn nicht liebt, also will er wenigstens gefürchtet werden. Das ist die verständliche Reaktion einer leichtfertig gedemütigten Macht, und deshalb haben sich Russland und China darauf verständigt, sich gemeinsam gegen den Westen zur Wehr zu setzen.

Ich: Womit wir wieder bei den Schimpansen wären, wo sich die Kleinen gegen das herrschende Alphamänner verbünden.

ER: So ist es. Im Vergleich zu Putin und Xi mag Joe Biden moralisch viel ehrlicher und beinahe eine Lichtgestalt sein, aber als amerikanischer Alphamann lässt er an seiner Schimpansen-Natur so wenig Zweifel wie vor ihm Trump und alle anderen Präsidenten der vergangenen hundert Jahre. Amerika und seine Führung seien von der Vorsehung dazu bestimmt, der Welt die Richtung aufzuzeigen. Dabei sollte Biden doch eigentlich wissen, dass keiner seiner beiden Rivalen diesen Anspruch akzeptiert und die Rolle von Untergebenen übernimmt. Da bricht das Schimpansen-Erbe selbst bei einem sehr alten Mann wieder in voller Stärke durch. Das Vorrücken des einen verlangt ein Nachgeben des anderen – ein ewiges Nullsummenspiel.

Nein, widerspreche ich, diese Weltsicht ist zu primitiv. Unsere Erde ist groß genug, um allen auf dem Globus die gewünschte Entfaltung zu bieten. Ob ich groß sein darf oder klein bleiben muss, hängt nicht vom Wohlergehen bzw. der Unterdrückung meines Nachbarn ab.

Er: Lieber Freund, nichts gegen den Idealismus, aber aus dir spricht Sancta Simplicitas! Die Welt ist groß genug für die kleinen Leute, aber für die Alphamänner ist sie im Gegenteil viel zu eng, weil es an der Spitze eben nur einen von ihnen geben kann. Siehst du, ein Vordringen des ehemaligen Warschauer Paktes lief notwendig auf eine Schwächung der NATO und eine Erweiterung der NATO ebenso zwangsläufig auf eine Schwächung des Warschauer Paktes hinaus – in unserer Zeit auf die Schwächung der russischen Union und Chinas. Westdeutschland und Südkorea waren nur deswegen frei, weil sie sich an die Seite Amerikas stellten und die USA ihnen Schutz gegen die Sowjetunion bot. Vasallentum gegen Schutz, das ist der Preis, den die Kleinen an die Großen entrichten müssen. Manchmal werden sie auch einfach zwischen den Großen zerrieben wie das unselige Vietnam oder heute der ganze Mittlere Osten. Dabei hat der blutige Vietnamkrieg den Amerikanern ihre bis dahin größte Niederlage beschert, weil sie ein korruptes, den Vietnamesen selbst verhasstes Regime unterstützten. Da konnten Russen und Chinesen in aller Ruhe beiseite stehen und zusehen, wie die Amerikaner verbluteten. Auch so baut man den eigenen Einfluss aus.

Ich: Glücklicherweise wird dein ruchloser Blick auf die Geschichte durch die bessere Einsicht der damals gegen den Krieg protestierenden Amerikaner ad absurdum geführt. Studenten und schließlich selbst reuige Politiker haben das Morden in Vietnam beendet. Das zeigt doch, dass wir sehr wohl fähig sind, unser Schimpansen-Erbe zu überwinden.

Er: Lieber Freund, deine Einfalt macht dir wenig Ehre. Ich weiß, dass du ein Romantiker bist. Du möchtest die große Philosophie zur Hilfe rufen, die Inspirationen der Dichter, die Intelligenz der großen Naturwissenschaftler. Damit hättet ihr doch, so willst du mir beweisen, das alte Affen-Erbe längst abgeschüttelt. Nein, sage ich dir, das alles schnurrt zu nichts zusammen, sobald es in die Hände eines Alphamannes gelangt. Dann heißt es unweigerlich, dass wir, die Russen, oder wir, die Amerikaner, oder wir, die Chinesen doch letztlich die besten und größten seien (und ihr Deutsche habt euch das ohnehin jahrhundertelang eingebildet). Es gebe eben etwas in der Natur eines Russen, Chinesen oder Amerikaners, was ihn allen anderen überlegen mache und dazu berechtige, ihnen ihre jeweilige Weltsicht als die einzig richtige zu proklamieren: amerikanische Demokratie oder Sozialismus mit chinesischer Färbung oder die Liebe zum großen russischen Vaterland. Schau ihn dir an den nackten Affen in Peking, in Moskau oder in Washington. Mit der gleichen Inbrunst verkündet jeder der eigenen Gefolgschaft, dass er der Bessere sei, wenn nicht überhaupt der Beste.

Verrate ich Dir ein Geheimnis, wenn ich Dir in die Erinnerung rufe, dass selbst ein so großartiger Gelehrter wie euer Max Weber, der alle Kulturen von China über Indien bis Israel in seinem Kopf mit sich trug, dass selbst dieser Mann, als er am Ende seines Lebens mit einer politischen Laufbahn liebäugelte, sich alsbald als glühender deutscher Nationalist entpuppte? Er hatte sich in der ganzen Welt umgesehen und alle ihre Wunder wie kein anderer staunend in sich aufgesogen, aber die einzige Weisheit, die für ihn als Politiker taugte, war am Ende doch die uralt-atavistische eines Schimpansen-Männchens, nämlich das ihr, die Deutschen, die besten seid.

Mein Gast reizt mich zu wachsender Empörung. Das sei eine teuflische Sicht der Dinge, rufe ich aus, und sie widerspreche der historischen Wahrheit. Herder, Goethe, Schiller, Heine und so viele unserer größten Dichter und Denker hätten sich zum Kosmopolitismus bekannt und alle nationale Engstirnigkeit verdammt und verspottet. Ja, und ob es ihm denn ganz entgangen sei, dass die jungen und gebildeten Leute unserer Zeit in der Mehrzahl entschiedene Gegner des Nationalismus seien?

Mit Eurer vermeintlichen Lebensweisheit, halte ich ihm entgegen, seid Ihr doch nicht mehr als ein kümmerlicher Reaktionär, der die aufgeklärte neue Zeit nicht begriffen hat.

ER: Ach ja, die neue Zeit, du bringst mich zum Lachen. Keinen Augenblick haben eure großen Kosmopoliten die herrschenden Mächte daran hindern können, ihre Machtspiele zu inszenieren. Wenn sie Glück hatten, überlebten sie den Einfall der Feinde, so wie Goethe, der von seiner Christiane im letzten Moment vor der Soldateska gerettet wurde, die vom Frauenplan her bei ihm einfiel. Plato hatte weniger Glück, er wurde in die Sklaverei verkauft, aber wie viele andere große Geister wurden schlicht abgeschlachtet! In Deutschland dürft ihr den Hegemon, die Vereinigten Staaten, kritisieren und könnt euch über Russland und China lustig machen. Das ruft die Illusion in euch wach, als lägen euer Land und Europa auf einem anderen Stern, weitab von den Machtspielen der einander belauernden Supermächte. In Wahrheit stehen dies- und jenseits der Grenze zu Russland Raketenbasen schussbereit gegeneinander. Jedes falsche Signal droht den Krieg auszulösen. Ich weiß schon, ihr wollt alle Welt in Brüderlichkeit umarmen, aber euer Kosmopolitismus ist ein Hirngespinst, aus purer Unwissenheit und Arglosigkeit geboren.

Ich: Hast du denn nichts als schwarze Galle auszugießen? Es ist wahr, wir bedrohen uns gegenseitig nicht nur mit immer tödlicheren, immer zielsicheren Vernichtungswaffen, wir bedrohen zur gleichen Zeit auch die Natur mit immer größeren Ansprüchen. Da treffen nicht nur die Eitelkeiten der Alphamänner aufeinander sondern die Bürger verlangen mit jedem Jahr einen größeren Anteil am Wohlstand, d.h. an der Ausbeutung des Globus. So stellt das Rennen um die versiegenden Ressourcen nicht nur die Regierungen gegeneinander sondern ebenso die Menschen, von denen jeder den bisherigen Lebensstandard möglichst vergrößern will – von Verzicht ist da nie die Rede.

ER: Endlich höre ich einmal den Realisten sprechen. Wie der Herr, so das Gscherr.

Ich: Und dennoch gibt es eine große Hoffnung, und jedem Vernünftigen liegt sie deutlich vor Augen. Die Alphamänner müssen sich an einem Tisch zusammensetzen, sie müssen erkennen, dass die Geschichte an einem Endpunkt angekommen ist, wo uns nur noch die Wahl zwischen gegenseitiger Vernichtung und Verständigung bleibt.

ER: Ich lausche ergriffen. Beinahe kommt es mir vor, als würde der Alte sprechen. Ja, der war immer schon ein Phantast. Der glaubte, dass sich das tierische Erbe überwinden lässt. Er stellte sich eine Tafel im Garten Eden vor, wo sich Xi, Putin und Biden in entspannter Atmosphäre zusammensetzen. Die Engel umschweben sie so verführerisch, dass sie ihre Schimpansen-Natur unversehens vergessen. Ich bin zwar einzigartig, sagt ein jeder dem anderen, aber ihr, meine lieben Rivalen, seid es genauso. Deswegen wollen wir von nun an beschließen, den Kampf gegeneinander für alle Zeit zu beenden. Wir schaffen die Massenvernichtungswaffen ab, teilen die Ressourcen und regieren die Welt von nun an gemeinsam.

Wie schön! Mir wird ganz wehmütig zumute. Ja, da höre ich wirklich den Alten reden. Er konnte sich immer erneut zu so wunderbar-phantastischen Vorstellungen versteigen. Stell dir vor, selbst die Deszendenzlehre hat er hartnäckig bestritten. Ich kann mich gut erinnern, wie er sich manchmal vor mir damit gebrüstet hat, Euch separat kreiert zu haben, damals am sechsten Tag. Er war eben nie so ganz auf der Höhe. Ach ja, von Zeit zu Zeit…

*1*  Mephisto sollte sich besser vorsehen, dass man ihn nicht wegen Beleidigung eines Expräsidenten vor den Kadi zerrt. Ist seine Äußerung noch als künstlerische Freiheit zu rechtfertigen? Nun, ich meine, dass man jemanden, der das Trinken eines Desinfektionsmittels als Medizin gegen Covid empfiehlt, sehr wohl als Trottel bezeichnen darf. Und was den Vorwurf der Lüge betrifft, so wurde Trump zwar gewählt, weil er die Wahrheit sah, dass sich niemand unter den angeblich so volksnahen Demokraten um den „White Trash“ in den Rostgürteln kümmern wollte, aber auch diese Wahrheit diente dem gewieften Geschäftemacher nur als Mittel zum Zweck, sich politische Macht zu verschaffen. Empathie mit den Armen ist diesem Mann so fremd wie der Katze ein Mitgefühl für die Maus.

*2* In der Politshow „Vremja pakazhet“ des russischen Senders 1. Kanal werden diese Schwächen mitleidslos breitgetreten, um sich darüber zu mokieren. Dagegen zielen die Attacken im chinesischen Staatsfernsehen (CCTV-4) weniger ad personam als auf die täglichen Proteste gegen die Übergriffe der Polizei, die bewaffneten Überfälle und auf alles, was sich als innerer Zerfall der amerikanischen Gesellschaft verstehen lässt.

Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner !

Eine treffliche und zugleich gräulich gefährlich wahre Satire. Sie zeigt aber zugleich auch, dass unsere Evolution doch uns noch gefährlicher gemacht hat als die Affen. Kein Affen-Alphamännchen hätte oder hätte wollen die Affenheit ausrotten. Das bleibt uns vorbehalten. Zugleich finde ich es vortrefflich gesehen, dass wir die Gefährlichkeit des Putin erst erzeugt und genährt haben: hätten wir auf die  Belange, die Not und die Würde der Russen mehr geachtet und mit ihnen das „Haus Europa aufbauen wollen, sähe manches heute weniger gefährlich aus. Gibt es da noch ein Einsehen in diese Fehlentwicklung und ein Neuanfang? Oder ist die Menschheit zum Untergang verurteilt?Ihr Gerhard Loettel

Von Prof. Dr. Michael Kilian (Jurist) erhalte ich folgende Nachricht:

Lieber Herr Dr. Jenner,
vor Kurzem wurde Frau Baerbock zur Kanzlerkandidatin gewählt (war zu erwarten) und wird derzeit (war auch zu erwarten) von der Presse zur Hoffnungsträgerin aufgebaut. 

In ihrem ersten Interview danach sprache sie sich dafür aus, gegenüber Rußland und China „klare Kante“ zu zeigen.
Von dieser notorischen deutschen Hybris will ich nicht weiter reden, sondern habe an Sie als Chinaexperten folgende Frage:  glauben Sie, dass die chinesische Führung und das Volk, wie da und dort in der Presse unterstellt, den Opiumkrieg, den Kolonialismus, die Missionen, die ungleichen Verträge, die settlements etc. wirklich vergessen haben? Oder gilt auch hier bis heute die Maxime der Franzosen „immer daran denken, nie davon sprechen“?
Mit besten Grüßen, Michael Kilian

Lieber Herr Kilian,

die Chinesen haben mindestens ein so gutes Gedächtnis wie die Franzosen. Die haben nichts vergessen.

Beherrschen wir noch unsere Neue Künstliche Welt?

Sämtliche Staaten, die dazu die Mittel haben, sehen in der Digitalisierung der Information und ihrer Übermittlung ihre wichtigste technische Aufgabe für die Zukunft. Auf diese Weise lassen sich wachsende Datenmengen in immer kürzeren Zeitintervallen verwerten. Atomkraftwerke, ballistische Raketen, Drohnen, fahrerlose PKWs, chirurgische Eingriffe können aus der Ferne gesteuert werden. Die staatliche Überwachung ganzer Bevölkerungen ist ebenso möglich wie die Beeinflussung des Wahlverhaltens von perfekt durchleuchteten Bürgern.

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An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

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Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

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Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

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Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

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Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt).

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De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

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It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. It’s mankind, stupid! weiterlesen

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen