(5) Das Gewohnte und das Gewöhnliche

Unser Verhältnis zu Wunder und Wunderbarem ist ambivalent. Einerseits sehnen wir uns nach dem Außerordentlichen, verschlingen alle Berichte und Gerüchte über das Auftreten irgendeines nicht für möglich gehaltenen Geschehens, andererseits fürchten wir uns davor, weil das Ungeplante, Ungewollte, Unvorhergesehene unsere Sicherheit bedroht. Die Haltung der Wissenschaften ist demgegenüber von Eindeutigkeit bestimmt. Sie verpönt das Wunder und verspottet alle, die daran glauben. Wenn die Geltung der Naturgesetze per definitionem keine Ausnahme kennt, kann es keine Wunder geben.

Auch das Wunderbare verwirft sie als anrüchig, es sei denn, dass sie die Formeln, womit sie physikalische Vorgänge beschreibt, z.B. die berühmte Gleichung Einsteins, die das Verhältnis von Masse und Energie quantifiziert, selbst als Ausdruck einer überwältigend wunderbaren Einfachheit zum Gegenstand der Ehrfurcht und Bewunderung erhebt. Die meisten Wissenschaftler würden jedoch im selben Augenblick darauf bestehen, dass auch diese Formel nur zum Ausdruck bringt, dass alles in der Welt auf ganz natürliche Art geschieht. Sich wundern und staunen könne man allenfalls über die außerordentliche Intelligenz jener Menschen, denen es als ersten gelang die Maschinerie der Natur zu durchschauen und sie in so eleganten und einfachen Formeln darzustellen.

Diskussionen über das Wunderbare in der Natur

finden in der Wissenschaft allenfalls unter Experten statt, z.B. wenn diese sich um ein Verständnis der Quantentheorie bemühen. Immerhin fühlte sich einer der größten Fachleute auf diesem Gebiet, der Physiker Richard Feynman, zu der Bemerkung veranlasst: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Quantentheorie verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“

Kein Zweifel, hier stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare. Eine Theorie, welche in der Praxis brauchbare statistische Vorhersagen physikalischer Vorgänge erlaubt, ist der verstehenden Vernunft dennoch unzugänglich. So illustriert es auch die sogenannte Kopenhagener Deutung mit der populären Metapher der schwarzen Box. Solange wir sie nicht öffnen, ist die darin befindliche Katze sowohl tot wie lebendig. Sobald wir sie öffnen, ist sie nur noch eines von beiden: entweder tot oder lebendig.

Wer das Paradox von der Katze verstehen will,

die zugleich tot und lebendig ist, darf sich nicht mit der Metapher begnügen. Er muss ein jahrelanges Studium der Quantenphysik absolvieren. So könnte es scheinen, als bliebe die Begegnung mit dem Wunderbaren den Experten vorbehalten. Fühlen wir uns bei diesem Tatbestand nicht gleich an frühere, dunkle Zeiten erinnert? So war es doch auch schon bei dem Vorgänger der Wissenschaft, der Religion. Über eineinhalb Jahrtausende war die Lektüre der Bibel nur den Experten erlaubt, das heißt den Priestern. Damit das Volk sich nicht anmaßte, über deren oft groteske und widersprüchliche Inhalte ein eigenes Urteil zu fällen, sollte ihm nicht nur die Bibel unzugänglich bleiben, aus demselben Grund wurden auch die Predigten in einer dem Laien unverständlichen Sprache, dem Latein, gehalten. Wenn sich Unbefugte dennoch erdreisteten, in das Gehege der damaligen priesterlichen Monopolisten der Wahrheit einzudringen, riskierten sie die Verfolgung als Ketzer, unter Umständen sogar den Tod auf dem Scheiterhaufen.

Die Naturwissenschaften sind dem Verständnis des Laien inzwischen nicht weniger weit entrückt. Mit dem Cordon sanitaire ihrer jeweiligen Fachsprache schließen sie sich wirksam gegen die Laien ab. So muss – und soll – der Eindruck entstehen, als hätte nur derjenige das Recht, über Gott und Natur zu reden, der dazu die nötigen Fachseminare absolviert und ein entsprechendes Diplom erworben hat.

Demgegenüber besteht die demokratische Aufgabe

des kritischen Denkens in dem Nachweis, dass auch die höchsten Türme der Religion und der Wissenschaft auf dem Sockel weniger Grundwahrheiten errichtet sind, die jeder Mensch zu verstehen vermag. Nach dem Wunderbaren müssen wir nicht erst in der Quantentheorie suchen – es offenbart sich viel offenkundiger und mit weit größerer Anschaulichkeit gerade im Alltäglichen und Gewohnten. Dafür die Augen zu öffnen, war das Ziel der kantschen „reinen Vernunft“ in der Konfrontation mit ihren Antinomien.

Nehmen wir einen Vorgang von scheinbar äußerster Banalität: die absichtsvolle Bewegung meines Arms, weil ich das gerade in diesem Moment so will. Oder den Aufbruch einer Armee von Tankern an die ukrainische Grenze, weil Wladimir Putin das gerade so befiehlt. Bloße Gedanken setzen auf dem Globus in jeder Sekunde die größten materiellen Geschehnisse in Gang, obwohl nach den Lehrbüchern der Physik auch die kleinste materielle Veränderung oder Bewegung grundsätzlich von Naturgesetzen abhängig ist und von ihnen verursacht wird. Die Gedanken im Kopf von Wladimir Putin oder der Milliarden Akteure, die das Geschehen in unserer Welt ständig verändern, sind allerdings auf kein uns bekanntes Naturgesetz zurückzuführen.

Dieser offenkundige Widerspruch,

diese Konfrontation mit dem Wunderbaren, die sich bisher jeder Erklärung entzieht, wird kaum je zur Sprache gebracht. Die Experten haben sich darüber verständigt, dass Probleme von dieser Art zur Philosophie gehören und sie daher nichts angehen. Probleme, die im Augenblick noch ganz unlösbar erscheinen, werden schlicht verleugnet oder verdrängt. So wie die Vertreter der Religion die Widersprüche und Rätsel der Bibel vor dem Volk verbargen, damit diese nicht Zweifel an ihrem vermeintlich höheren Wissen hegten, unterdrücken die Experten der Wissenschaft die elementarsten Rätsel der uns umgebenden Wirklichkeit aus genau demselben Grund. Die Experten schweigen über das Wunderbare. Das bewahrt sie davor, ihr Unwissen einzugestehen.

Das Gewohnte ist dennoch alles andere als gewöhnlich

Diese Einsicht drängt sich uns in demselben Augenblick auf, da wir begreifen, dass es keineswegs identisch mit dem Verstandenen ist. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Solange die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe sei, gab es für sie ein Oben ebenso wie ein Unten. Der Himmel über meinem Kopf gab die Richtung nach oben an. Wer den Rand der Scheibe erreichte, würde dort in die Tiefe fallen – er stürzt nach unten. Inzwischen wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und es daher weder oben noch unten gibt. Oder richtiger gesagt, bezeichnet der Himmel über den Köpfen der Australier für diese ebenso die Richtung nach oben, wie für uns auf der entgegengesetzten Seite der Kugel. Das aber bedeutet, dass die uns geläufige Vorstellung von oben und unten für den Weltraum nicht gelten kann. Diese Vorstellung ist für uns ebenso unbegreiflich wie die Gravitation, die uns Deutsche genauso fest am Planeten kleben lässt wie die Australier auf seiner entgegengesetzten Seite.

Das Paradox besteht auch in diesem Fall darin, dass die Gravitation die allergewohnteste Tatsache ist, an welche im alltäglichen Leben niemand einen Gedanken verschwendet. Dennoch könnten wir die Aussage Richard Feynmans mit gleichem Recht auf die Gravitation beziehen: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Gravitation verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“ Zwar vermag die Physik die Wirkungen der Gravitation quantitativ mit größter Genauigkeit für jede Entfernung vom Erdmittelpunkt anzugeben. Dennoch entzieht sich diese unsichtbare Kraft unserem Verstehen. Wir wissen, dass sie existiert und exakt messbare Wirkungen hat, aber warum sie da ist und wieso es dieser unsichtbaren Kraft gelingt, uns verlässlich auf dem Globus festzuhalten und darüber hinaus auch die Bahnen ferner Himmelskörper zu steuern, darüber wissen wir nichts. Manche (wie beispielsweise Karl Popper) haben daraus den Schluss gezogen, dass Fragen nach dem Wesen physikalischer Erscheinungen überhaupt unzulässig seien und dass man sie deshalb als unwissenschaftlich verbieten solle. Die Essenz einer Kraft, also was sie denn eigentlich sei, brauche uns nicht zu interessieren, es genüge, dass wir ihre Wirkungen im Detail beschreiben und sie für unsere Zwecke nutzen.

Andere haben das anders gesehen

Zu diesen anderen gehört kein Geringerer als Immanuel Kant, der sich mit einem ähnlichen Problem auseinandersetzte, nämlich der Ausdehnung des Raums. Dessen Erfahrung gehört zu den gewohnten Tatsachen des Lebens, über die wir uns selten oder nie den Kopf zerbrechen. Wenn dies aber einmal geschieht, dann stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare – Kant nannte es „Antinomie“ (eine Sackgasse für Anschauung oder Denken). Wir können uns nicht damit abfinden, dass die Welt endlich sei, denn nach jeder Grenze erwarten wir weitere Räume. Ihre Unendlichkeit können wir uns aber ebenso wenig vorstellen, denn Unendlichkeit ist für uns schlechthin unfassbar. Kant stieß hier unmittelbar auf das Wunderbare einer Welt, die sich unserem Verstehen entzieht. So hat er es in dem Kapitel Über die Antinomien der reinen Vernunft dargestellt. Darüber wird noch zu reden sein (vgl. Kap. Pioniere der Antignosis)

Tatsache ist, dass unsere Fähigkeit,

die uns umgebende Wirklichkeit zu begreifen, keineswegs grenzenlos ist – genau deswegen erschüttert uns ja die von Kant so vortrefflich geschilderte Antinomie des Raums, den wir uns weder endlich noch unendlich vorstellen können. Unsere Sinne und unser Begreifen sind nur für die Mittlere Welt zwischen dem Unendlich-Kleinen der Atome und dem Unendlich-Großen des Alls gemacht. Die Quantenphysik hat schon vor mehr als einem Jahrhundert gezeigt, dass wir das Allerkleinste nicht verstehen, die moderne Astrophysik weist auf Schwarze Löcher hin, sogenannte Singularitäten, wo die in der Mittleren Welt geltenden Naturgesetze nicht länger gelten. Genau aus diesem Grund sind diese Punkte singulär. Es wird nicht ausgeschlossen, dass aus ihnen Universen mit völlig anderen Gesetzmäßigkeiten entstehen.Vermutlich wird es darüber einen ewigen Streit der Experten geben. Der braucht uns aber nicht zu interessieren. Wir müssen nicht erst die Mittlere Welt in Richtung des Allergrößten bzw. des Allerkleinsten verlassen, um auf das Wunderbare zu stoßen, in Wahrheit sind wir davon auf allen Seiten umringt. Wir nehmen es nur deswegen nicht wahr, weil wir das Gewohnte mit dem Verstehbaren verwechseln und es dadurch zu etwas Gewöhnlichem machen. (Kapitel aus meinem Buch Das Wunderbare und seine Feinde).

Corona-Krieg

In einem anklagenden Artikel begehrt Herr Ole Skambraks, studierter Politikwissenschaftler und Redakteur in deutschen Rundfunkanstalten, gegen den Mainstream auf. Seiner Meinung nach leben wir heute schon in einem Überwachungsstaat, wo abweichende Meinungen nicht mehr zur Sprache kommen, z.B. über Corona. Einige Passagen in seinem Schreiben haben mir zu denken gegeben, z.B.

„Warum hat Bremen mit Abstand die höchste Inzidenz (113 am 4.10.21) und gleichzeitig mit Abstand die höchste Impfquote in Deutschland (79 %).“

Das finde auch ich sehr merkwürdig. Andererseits widerspricht diese Meldung den Zahlen, die ich aus Vereinigten Staaten höre, wonach die Inzidenz dort am größten sei, wo am wenigsten geimpft worden ist (ausgenommen die Bundesstaaten, wo aufgrund einer minimalen Impfquote die Seuche zuvor am stärksten gewütet und Resistenzen erzeugt – aber natürlich auch die meisten Todesopfer unter älteren Menschen gefordert hatte).

„Dr. Kobi Haviv, Direktor des Herzog-Krankenhauses in Jerusalem, spricht davon, dass 85 % bis 90 % der schwer Erkrankten auf seiner Intensivstation doppelt geimpft sind.“ Und:

„Eine der großen Geschichten aus Israel [ist]: ‘Impfstoffe funktionieren, aber nicht gut genug‘.“

So hat es – wenn auch weit weniger drastisch – der aufmerksame Beobachter von vornherein gehört. Entscheidend ist daher, wie gut bzw. wie schlecht die Impfungen aus statistischer Sicht funktionieren. Die Balance, zwischen der es in einem solchen Fall abzuwägen gilt, ist die zwischen mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen der Impfung auf der einen und vermiedenen schweren Erkrankungen oder Todesfällen durch die Impfung auf der anderen Seite. Wenn diese Balance eindeutig für die Impfung spricht (und diese auch wirksamer ist als alle bisher eingesetzten Medikamente), dann ist für mich das weitere Vorgehen klar entschieden. Ich billige zwar jedem das Recht zu, sich frei für oder gegen das eigene Überleben zu entscheiden, aber nicht das Recht, die übrigen Bürger für vermeidbare, überaus kostpielige Behandlungen auf Intensivstationen zahlen zu lassen oder für die noch viel größeren Kosten eines ebenso vermeidbaren wirtschaftlichen Stillstands.

„Ultrapotente Antikörper“ oder eine „Super-Immunität“ wurde bei Menschen gefunden, die sich im letzten Jahr mit SARS- CoV-2 infiziert hatten.“

Das kann schon sein, aber das ist ein geringer Trost für Menschen, die sterben, bevor sie eine Chance haben, diese Antikörper zu entwickeln.

„Immerhin hat Gesundheitsminister Jens Spahn nun angekündigt, dass auch ein Antikörpernachweis zulässig werden soll. Um offiziell als immun zu gelten, muss aber immer noch eine Impfung folgen. Wer versteht diese Logik?“

Diese Logik verstehe ich nicht und halte sein Vorgehen für unvertretbar. Ebenso wenig verstehe ich folgende Ablehnung:

„Die Abgeordnete Emanuelle Ménard hat folgenden Zusatz im Gesetzestext gefordert: Der digitale Impfpass „endet, wenn die Verbreitung des Virus keine ausreichende Gefahr mehr darstellt, um seine Anwendung zu rechtfertigen.“ Ihr Änderungsvorschlag wurde abgelehnt.“

Für mich wie auch für Herrn Skambraks, der nach Ausweis seines Lebenslaufes nicht zu den epidemiologischen Fachleuten zählt, gilt m. E. dasselbe wie für 99,99 Prozent aller übrigen Deutschen. Wir müssen uns auf das Urteil der Experten verlassen, so wie das für immer größere Bereiche unserer überkomplexen Gesellschaft gilt. Und noch schlimmer: wir müssen uns – wie in der Demokratie generell – auf das Urteil der Mehrheit unter ihnen verlassen, denn abweichende Meinungen gibt es immer und überall. Alles andere würde ich als laienhafte Anmaßung bewerten. Wenn eine Mehrheit dieser Fachleute der Meinung ist, dass durch obligatorisches Impfen viele Todesfälle vermieden werden, dann würde ich dieses Verdikt ebenfalls akzeptieren, wie es ja bei Pocken- und anderen Impfungen in der Vergangenheit ohnehin schon in vielen Staaten akzeptiert worden ist.

Ich tue das nicht, weil ich Fachleute für Halbgötter halte. Auch 90 Prozent Fachleute können sich irren, sie könnten theoretisch sogar samt und sonders von der Pharmaindustrie bestochen sein. Solange das jedoch nicht erwiesen ist, bleibt mir schlicht nichts anderes übrig, als ihnen zu vertrauen – so wie ich darauf vertraue, dass Tausende von Produkten, auf die ich mich täglich verlasse, die erwartete Funktion auch richtig ausführen. Ich bleibe also dabei, dass 99,99 Prozent der Bundesbürger sich notgedrungen auf das Fachurteil einer Expertenmehrheit verlassen müssen – und dies gilt natürlich genauso für das Vorgehen der Regierung.

In meinen Vertrauen werde ich dadurch bestärkt, dass die Rivalen des Westens, China und Russland, die sonst keine Gelegenheit versäumen uns alle möglichen Übel vorzuwerfen (umgekehrt gilt das in ziemlich dem gleichen Maße), in diesem Fall genau dasselbe propagieren: eine möglichst schnelle Durchimpfung ihrer Bevölkerungen. Haben sie sich auch von ihren Experten und ihren Pharmauntnehmen täuschen lassen?

Lassen Sie mich abschließend zum Kern der Anklage von Herrn Skambraks kommen. Deutschland sei auf dem Weg in den Überwachungsstaat, wo widersprechende Meinungen systematisch ausgeschaltet werden.

„Man darf nicht jedem Spinner eine Bühne geben“, lautet die schnelle Antwort /auf die Unterdrückung widersprechender Ansichten und Fakten/. Die false balance, der Umstand, dass seriöse wie auch unseriöse Meinungen gleichermaßen gehört werden, müsse vermieden werden. – Ein Totschlagargument, das zudem unwissenschaftlich ist.“

Ja, es ist ganz und gar unwissenschaftlich, da ist Herrn Skambraks unbedingt recht zu geben. Die Wissenschaft lebt davon, dass jeder durch Fakten gut belegte Einwand gehört wird. In der Wissenschaft gibt es keine „false balance“. Jedes Argument gilt so lange als richtig, wie es nicht widerlegt worden ist. Darauf beruht der Fortschritt der Wissenschaften.

Aber die Politik geht einen anderen Weg – muss einen anderen Weg gehen, denn ihre Aufgabe besteht darin, eine Wahl zu treffen, um zu Entscheidungen zu gelangen. In der Politik gibt es daher sehr wohl eine „false balance“. Haben wissenschaftliche Experten ein bestimmtes Vorgehen mehrheitlich als richtig abgesegnet, dann kann eine Regierung dieses Vorgehen nur dann für den Bürger akzeptabel machen, wenn nicht Tausende von Stimmen aus dem Internet oder den Medien in einem fort Zweifel an ihrem Vorgehen säen. Wie kann man von den Bürgern verlangen, dass sie sich impfen lassen, wenn die Einwände einer Minderheit ebenso laut in ihren Ohren tönen wie das Urteil ihrer Befürworter? Oder wollen wir dem Taxichauffeur, dem Gastwirt, dem Jurastudenten, den Geschäftsleuten vielleicht zumuten, dass sie alle erst einmal alle vorhandenen Quellen über Corona studieren (ohne dabei doch jemals zu Experten zu werden?).

Und liegt der Fall nicht ganz ähnlich auf so vielen anderen Gebieten? Noch einmal: der durchschnittliche Deutsche ist wie Sie und ich ein Laie auf dem Gebiet der Epidemiologie. Deswegen halte ich es für richtig, wenn wir – ebenso wie die Regierung – der Mehrheit der Experten folgen. Wir tun dies übrigens sehr wohl auf Gebieten – ich nehme an, das gilt auch für Herrn Skambrak -, auf denen wir uns durchaus ein kompetentes Urteil zutrauen, also keine Laien sind. Wollen wir, dass die Medien – Fernsehen oder Druckmedien – den radikalen Parolen der AfD genauso viel Raum einräumen wie denen von CDU oder SPD? Das wäre meiner Ansicht nach eine sehr falsche Balance!

Sankt Sebastian (Kurz) – ein österreichischer Märtyrer?

„An allem soll ich schuld sein,“ mit dieser Entgegnung auf den Vorwurf der Korruption steckte der Immer-Noch-Kanzler Österreichs, Sebastian Kurz, seine Verteidigungslinie ab. Seit der Koalitionspartner der ÖVP, die Grünen, ihm Amtsunfähigkeit bescheinigen, weil er von nun an vor allem damit beschäftigt sein würde, sich gegenüber der Justiz zu rechtfertigen, die ihm systematische Veruntreuung von Steuergeldern für Anzeigenkampagnen zugunsten der eigenen Partei und Person vorwirft, ist abzusehen, dass er am Dienstag kommender Woche durch ein Misstrauensvotum der Opposition einschließlich seines Koalitionspartners, die Grünen, gestürzt werden wird.

Ist der kometenhafte Aufstieg von Sebastian Kurz zum jüngsten Kanzler Österreichs damit beendet?

Die Antwort hängt davon ab, ob und wie schnell es der Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft gelingt seine Schuld so eindeutig zu beweisen, dass er als vorbestrafter Politiker keine Chance auf ein Comeback haben wird. Nach allem, was aus den beschlagnahmten Chats zwischen Kurz und seinen politischen Gefolgsleuten bisher bekannt ist, dürfte ein solches Urteil sehr wahrscheinlich, ja beinahe sicher, sein. Der Faktor Zeit spielt jedoch eine entscheidende Rolle. Sollte es, wie absehbar, ein Jahr oder noch länger dauern, bis die Justiz ein abschließendes Urteil fällt, dann könnte die Zwischenzeit für Österreich sehr wohl eine schwelende Staatskrise bedeuten. Nehmen wir an, dass nach der Abwahl von Kurz am kommenden Dienstag durch ein Misstrauensvotum der drei Oppositionsparteien SPÖ, FPÖ und Neos sowie der Grünen die österreichische Regierung insgesamt abtreten muss, weil die Minister der ÖVP in unverbrüchlicher Loyalität zu Kurz ihre weitere Mitarbeit aufkündigen. In diesem Fall könnte eine neue Koalition aus Opposition und Grünen die Verantwortung übernehmen, vermutlich mit der designierten Vorsitzenden der SPÖ, Rendi-Wagner, an der Spitze. Eine solche Koalition der schroffen Gegensätze wäre ein Unglück für Österreich, denn sie würde in kürzester Zeit scheitern, und zwar nicht nur an den Hohnattacken der ÖVP, allen voran an denen ihres abgewählten Märtyrers Sebastian Kurz, sondern mehr noch an innerer Selbstzerfleischung.

Man mache sich einmal klar, welche Personen da zusammenkommen. Frau Rendi-Wagner, die Vorsitzende der SPÖ, ist eine ehrliche, sehr gebildete, klardenkende Frau – mit anderen Worten, eine positiv denkende Intellektuelle -, deren einziger, aber leider entscheidender Makel darin besteht, dass sie nur jene überzeugt, die ebenso ehrlich, gebildet sind und so klar denken wie sie. Das ist aber eine verschwindende Minderheit, zu der die Arbeiterschaft, also die klassische Klientel der SPÖ, wohl eher nicht gehört. Herbert Kickl, der Führer der österreichischen Freien Demokraten, zeichnet sich seinerseits durch ein besonderes Verständnis von Wahrheit aus – wahr ist, was er selber sagt und vertritt. Allein an diesem Widerspruch würde die neue Koalition in kurzer Zeit zerbrechen und jeden Kredit einbüßen – und da sind die grundlegend andersartigen Positionen der Grünen und Neos noch nicht einmal zur Sprache gebracht.

Anders gesagt, wäre eine solche Koalition ein Unglück für Österreich, weil eine Mehrheit sich wohl schon nach ein, zwei Monaten nach einem starken Kanzler Kurz zurücksehnen würde, der sich nun erst recht zum Märtyrer stilisiert. Gegen eine derartige öffentliche Stimmung anzukämpfen – Sehnsucht nach Sankt Sebastian einerseits und wachsende Unzufriedenheit mit der neuen Koalitionsregierung auf der anderen Seite -, würde die Arbeit der Justiz zumindest erschweren. Das wäre wohl auch bei einer Neuwahl der Fall, die wohl immer noch eindeutig zugunsten der ÖVP ausgehen würde. Die Orbanisierung Österreichs mittels Anzeigenkauf hat ja zweifellos ihre Früchte getragen …

Einen wirklichen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation sehe ich nur darin, dass die Volkspartei ÖVP sich auf ihre demokratische Tradition und christlichen Werte besinnt und endlich den Bann abschüttelt, dem sie der zweifellos sehr gescheite, überaus geschickte, auch charismatische Populist Sebastian Kurz unterworfen hat. Er hat seine Partei in einem Handstreich gefügig gemacht und zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet. An die Stelle ihrer traditionellen Meinungsvielfalt hat er die verordnete Linie einer über Chats und verschworene Zirkel operierenden „Familie“ gesetzt, deren Machenschaften erst jetzt ans Tageslicht dringen. Wer darauf hofft, dass dieser Spuk möglichst bald ein Ende hat, der wird diesmal nicht auf SPÖ, Neos und Grüne setzen sondern auf die Selbsterneuerungskräfte in der Volkspartei ÖVP. Nur wenn die Gegner einer undemokratischen Orbanisierung Österreichs innerhalb dieser Partei endlich aus dem Schatten treten und den Mut aufbringen, sich gegen einen Mann zu stellen, der eine rote Linie nicht nur des politischen Anstands sondern der demokratischen Verfassung mutwillig und skrupellos übertreten hat, bleibt das Land vor politischer Selbstzerfleischung bewahrt. Nur in diesem Fall würde Alexander van der Bellen, der österreichische Bundespräsident, wohl recht mit seiner optimistischen Annahme behalten, dass es sich nicht um eine Staatskrise handelt.

Steuerreform

Es lohnt sich, Gedanken folgerichtig zu Ende zu denken, z.B. die Steuerreform. Wie sieht ein Steuersystem aus, das zugleich sozial gerecht und ökologisch treffsicher ist und allen Bürgern ein Mindesteinkommen garantiert? Schon vor eineinhalb Jahrhunderten hielt John Stuart Mill einzig die Besteuerung des Konsums für sozial gerecht. Welch ein Unsinn die Leistung zu besteuern, gleichgültig ob die eines Arbeiters oder eines Managers – Leistung kommt der Gemeinschaft zugute! Aber durch den Konsum von Gütern, deren Gesamtmenge immer und notwendig begrenzt ist, beschränkt jeder von uns den Konsum seiner Mitmenschen. Eine progressive Konsumsteuer ist aber erst mit heutigen technischen Mitteln denkbar. Vor zehn Jahren hatte ich ein solches System in „Wohlstand und Armut“ (Metropolis) vorgeschlagen. Nie wird es in dieser logisch kompromisslosen Form verwirklicht werden, aber die Richtung ist vorgezeichnet. Nur in einem Punkt bin ich nicht weit genug gegangen. Herman Daly, der große amerikanische Vordenker der Ökologie, ging noch einen entscheidenden Schritt weiter. Nicht durch Steuern sondern nur durch Deckelung, so Daly, ist der Ressourcenverbrauch einzudämmen, also durch stetig sinkende Obergrenzen, z.B. für den Verbrauch von Kohle, Öl, Gas. (auch als Amazon Veröffentlichung). Siehe:

Steuerreform

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Von Herrn Prof. Paul Kellermann erhalte ich folgenden Kommentar:

Stimme Ihnen zu. Der Einzige, der heutzutage immer wieder für Konsumsteuer argumentierte, war nach meinem Wissen Götz Werner (DM-Gründer).

Meine Antwort:

Ich weiß nicht, wie Sie über Herrn Werner denken. Ich halte ihn für einen ausgemachten Populisten. Grundeinkommen sollte für jeden modernen Staat eine Selbstverständlichkeit sein – das ist eine Pflicht der Gesellschaft gegenüber den Individuen. Aber ein bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Verirrung, weil sie nur auf die Rechte des Individuums gegenüber der Gesellschaft pocht, aber über dessen Pflichten hinwegsieht. Zwischen dem Ganzen und seinen Teilen – der Gesellschaft und den Individuen – muss es aber ein Geben und Nehmen geben, wenn eine Gesellschaft Bestand haben soll.

Wie gesagt, ist die Idee einer Konsumsteuer bereits eineinhalb Jahrhunderte alt. Aber sie war bisher nie zu verwirklichen. Tausende von Betrieben zu besteuern sowie die Menschen, die in ihnen arbeiten, bot sich an und war mit geringem Aufwand auszuführen, aber wie sollte man den Konsum von Millionen Bürgern erfassen und ihn noch dazu progressiv besteuern? Theoretisch lässt sich zwar der Konsum aus der Differenz zwischen Einkommen und Ersparnis berechnen, aber dabei sind dem Betrug Tür und Tor geöffnet.

Die Originalität meines Beitrags besteht darin, dass ich konkret zeige, wie das mit heutigen technischen Mitteln zum ersten Mal in der Geschichte sehr wohl möglich ist.

Deutschland – eine Bananenrepublik?

Von ihren Kritikern wird die repräsentative Demokratie verdächtigt, die Wähler zu entmündigen, weil es diesen verwehrt sei, direkt über Gesetzesvorhaben abzustimmen. Dieser Vorwurf lässt die grundlegend veränderte soziale Realität außer Acht. Wir leben nicht mehr in der griechischen Antike und den germanischen Thing, wo freie Männer (Frauen waren noch ausgeschlossen) über Krieg und Frieden und andere gemeinschaftliche Belange entschieden. Moderne Gesellschaften sind so komplex geworden, dass die meisten Entscheidungen ein Fachwissen erfordern, das nur noch von Spezialisten erbracht werden kann. Wir brauchen nur an den Klimawandel zu denken. Nahezu alle halbwegs aufgeklärten Bürger sehen ein, dass die weitere Vergiftung der Atmosphäre mit CO2 ein großes Übel ist, das wir so schnell wie möglich abstellen sollten, aber die weitreichenden Folgen unbedachter Maßnahmen sind nur einer kleinen Zahl bewusst. Wenn wir das Klima wirklich retten wollen, dann müssen wir unsere Wirtschaft und unser bisheriges Leben vollständig ändern. Auf massive, für die meisten Menschen noch ganz unvorstellbare Art werden diese Maßnahmen in Produktion, Verkehr, Energiewirtschaft und vor allem in Arbeit und Einkommen eingreifen.

Die direkte Demokratie ist ein Ideal,

das sich nur unter der Voraussetzung verwirklichen lässt, dass alle Bürger über sämtliche anstehenden Problem gleich gut informiert sind. Das war aber schon zur Zeit der antiken Demokratie nicht mehr der Fall – und ist es seitdem immer weniger. Seit der industriellen Revolution lebt der Mensch in einer technologischen Wissensgesellschaft von exponentiell gewachsenem Fachwissen und Fachkompetenzen. Auch scheinbar so einfache Probleme, ob und bis zu welchem Grade ein Staat sich verschulden darf, setzen ein umfassendes Wissen voraus, das auch von den populären Wissensanbietern, den Medien, allenfalls bruchstückhaft oder populistisch verzerrt übermittelt wird, weil der durch seine Arbeit gewöhnlich stark beanspruchte Bürger verständlicherweise nicht mehr bereit oder auch nur in der Lage ist, sich persönlich mit Problemen zu befassen, die in ihrer Vielfalt unüberschaubar geworden sind. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: der Übergang von der direkten zur repräsentativen Demokratie wurde durch die soziale Entwicklung zur Wissensgesellschaft erzwungen. Wer die erstere als Lösung unserer Probleme heute noch propagiert, ist ein gefährlicher Populist, denn er will, dass Laien über Fachprobleme entscheiden.

Aber ist damit nicht der Verdacht ausgesprochen,

dass Demokratie heute überhaupt nicht mehr funktionsfähig sei, eben weil die meisten anstehenden Probleme sich dem durchnittlichen Wähler nicht mehr erschließen und ihn auch die Medien – als vierte Instanz neben Exekutive, Legislative und Judikative – kaum noch wirkliche Aufklärung bieten?

Nein, diese Schlussfolgerung wäre ganz falsch, denn in einer tieferliegenden, und gerade deswegen wesentlichen Hinsicht sind die Bürger sehr wohl letzte und höchste Instanz: nämlich in ihren Werturteilen. Ob eine Mehrheit weitere Zuwanderung gutheißt oder ob sie sich vom Mitleid dazu bestimmen lässt, die Grenzen weit zu öffnen; ob die Menschen materielle Gleichheit eher wollen als eine besondere Förderung der Talente, also größere Ungleichheit; ob die Innenstädte von Verkehr freigehalten werden sollen oder man dem Auto überall Vorfahrt einräumen soll; ob die Ehe auf Männer und Frauen beschränkt bleiben soll oder für alle gelten; ob für religiöse Minderheiten dieselben Rechte wie für die traditionell vorherrschende Religion gelten sollen; ob Politiker sich durch ihr Amt persönlich bereichern dürfen – diese und ähnliche Fragen hängen von Werturteilen ab, über die jeder Bürger gleichberechtigt urteilen kann, weil Wertmaßstäbe kein Fachwissen erfordern.

Es verhält sich mit Werten genau umgekehrt: Sie bilden die eigentliche Grundlage allen Expertenwissens. Die industrielle Revolution und die von ihr bewirkte exponentielle Expansion unseres wissenschaftlich-technischen Wissens entsprang ja selbst einer neuen Wertorientierung. Seit jener Zeit hofft der Mensch, das Glück statt im Himmel in der Verbesserung der irdischen Zustände zu finden.

Die Zweiteilung der Entscheidungsfindung

in modernen westlichen Demokratien ist daher auf die historisch entwickelte moderne Gesellschaft zugeschnitten. Der Bürger soll letzte Instanz in Fragen moralischer Werturteile bleiben. Die Mehrheit der Menschen innerhalb eines Territoriums soll darüber entscheiden, wie sie sich ihr Miteinander und ihre Zukunft wünschen. Über die technischen Fragen, wie und ob diese Vorstellungen dann konkret zu verwirklichen sind, entscheiden Parlamentsausschüsse und Ministerialbürokratien, die – im Idealfall – über das nötige Wissen verfügen. Die Zweiteilung der demokratischen Entscheidungsfindung in grundlegende Wertentscheidungen einerseits, an der alle Bürger teilhaben sollen, und fachliche Kompetenz andererseits, welche sie an Fachausschüsse und fachlich kompetente Bürokratien delegieren, ergibt sich als unmittelbare und unvermeidliche Folge aus den Bedingungen einer technisch hoch-, man darf wohl schon sagen, überkomplexen Gesellschaft.

Da jeder Bürger das aktive wie passive Wahlrecht besitzt,

lässt die repräsentative Demokratie es durchaus zu, dass auch Menschen ohne alles Wissen zu Politikern oder sogar zu Staatshäuptern werden. Sie lässt es ebenso zu, dass Demagogen, welche die Demokratie abschaffen wollen, eine große Gefolgschaft hinter sich scharen. Gemildert aber nicht wirklich gebannt wird diese Gefahr durch ein Bildungssystem, das bis zum Beginn der fachlichen Ausbildung an den Universitäten ein möglichst umfassendes Allgemeinwissen vermittelt. Je größer der Anteil der Bürger, die zumindest über die Grundfähigkeit verfügen, Fachwissen von Scharlatanerie zu unterscheiden, umso besser die Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie.

Das allein genügt aber nicht, um die Gefahr eines legalen Übergangs in die Diktatur zu verhindern (wie sie in Russland bereits vollzogen wurde und in Polen und Ungarn gerade angebahnt wird). Es ist ja immer möglich, dass eine Mehrheit der Bürger die Überzeugung vertritt, nur ein starker Mann mit unbegrenzten Kompetenzen sei imstande, die anstehenden Probleme zu lösen. Hier kommt die Judikatur als dritter Pfeiler einer funktionierenden Demokratie ins Spiel. Ihr fällt die für den Fortbestand der Demokratie unverzichtbare Aufgabe zu, durch die Verteidigung der Verfassung die Möglichkeit auszuschalten, dass Freiheit mit freiheitlichen, also legalen, Mitteln von ihren Gegnern beseitigt wird.

Werturteile unterliegen einer großen Schwankungsbreite

nicht selten sind sie einander sogar entgegengesetzt. Deshalb stellen Koalitionen ein geeignetes demokratisches Mittel dar, um auch Minderheiten ein Mitspracherecht zu gewähren. Haben die beiden stärksten Parteien etwa gleich viele Wählerstimmen auf sich vereinigt, wie das nach der diesjährigen Bundestagswahl für die SPD und die Christdemokraten gilt, dann haben unter normalen Umständen beide die Möglichkeit und das Recht, nach Koalitionen zu suchen, die einer von ihnen die Regierungsverantwortung sichern. Dadurch wird der Wählerauftrag nicht verzerrt – im Gegenteil: er spiegelt sich in den möglichen Koalitionsvarianten.

Diese grundlegenden Überlegungen zur repräsentativen Demokratie habe ich vorausschicken wollen, um auf die brandaktuelle Gefahr hinzuweisen, dass man in Deutschland die demokratischen Spielregeln vergessen könnte und das Land mutwillig in Richtung Bananenrepublik steuert

Denn die demokratische Grundkompetenz

wird dem Bürger genommen, wenn man seine Wertentscheidung in Frage stellt. Was immer man von den beiden Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und Armin Laschet halten mag – tut in diesem Zusammenhang nichts zur Sache. Was zählt, ist einzig die Tatsache, dass der eine einen enormen Stimmenzuwachs verzeichnen konnte, während der andere seiner Partei ein Stimmentief bescherte wie noch nie seit deren Gründung im Jahr 1945. Der Wähler hat in diesem Fall eine eindeutige Wertentscheidung getroffen. Er will keinen Kanzler Armin Laschet. Dass die beiden führenden Parteien in etwa gleich viele Stimmen auf sich vereinigen konnten, ist vor diesem Hintergrund unbedeutend. Sie spiegelt gerade nicht den Wählerwillen. Das tut einzig der enorme Stimmenzuwachs für den einen und der gewaltige Stimmenverlust für den anderen Kandidaten.

Von einigen Seiten kann man hören,

dass solche Einwände nicht gelten, weil Politik kaum etwas mit Moral zu tun hat. Man dürfe Armin Laschet deswegen auch nicht dafür tadeln, dass er alle Hebel in Bewegung setzt, um seine politische Zukunft zu retten. Wer so spricht, ist ein Zyniker, der die Demokratie verachtet. Er will den Wähler der einzig realen Kompetenz berauben, den dieser in der repräsentativen Demokratie ausüben darf aber auch ausüben muss, wenn diese einen Sinn haben soll. Immerhin gibt es hochrangige Politiker wie Michael Kretschmer, den Ministerpräsidenten von Sachsen, der sich weigert mit den Wölfen zu heulen. Und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder räumt wenigstens ein: „Aus Platz zwei ergibt sich kein Anspruch auf eine Regierungsbildung.“ Auf diese Stimmen sollten Demokraten hören. Es darf nicht sein, dass ein Politiker – gleich welcher Partei – aus persönlicher Machtversessenheit den Wählerwillen und damit den demokratischen Anstand verhöhnt.

Machen wir uns nicht vor!

Der nächste Schritt in Richtung, der uns weg von der Demokratie und hin zu einer Bananenrepublikführt, wäre die Anfechtung der Wahl selbst, wie sie unter Donald Trump in einer der ältesten Demokratien betrieben wurde. Es ist bedauerlich, dass Angela Merkel, die sich einen so souveränen, einen so bewundernswerten Abgang aus der Politik verschaffte, dem eindeutigen Verlierer Armin Laschet die Stange hielt, ihm zumindest nicht widersprach, als er sich als Kanzlerkandidat ins Spiel gebracht hat. Dass die Grünen und die FDP bei diesem unguten, undemokratischen Treiben die Chance wittern, für sich ein Maximum an Forderungen herauszuschinden, ist begreiflich, wenn auch demokratiepolitisch keineswegs zu entschuldigen.

Über diesen Verletzungen demokratischer Anstandsregeln

sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Demokratie in unserer Zeit noch weit größeren Herausforderungen gegenübersteht. Den Bürgern soll das Recht zustehen, über Werte zu entscheiden und damit der Politik die Richtung vorzugeben, während die Ministerialbürokratien und Parlamentsausschüsse diese Richtung und diese Werte dann technisch umsetzen sollen. Wie aber soll das geschehen, wenn der technische Apparat moderner Volkswirtschaften sich so weit verselbständig hat, dass die Freiheit der Bürger dadurch zwangsläufig immer mehr eingeschränkt wird?

Autobahnen, Hochspannungsleistungen und ausufernde Windparks

machen die Landschaft nicht schöner – das ist kein Geheimnis, aber es ist eine unausbleibliche Entwicklung, wenn unser Energiehunger gestillt werden soll. Ebenso hat eine kleingliedrige Landwirtschaft die Natur einst verschönert, während großflächige Plantagen und endlose Felder sie in eine Agrarwüste verwandeln – auch das die unausbleibliche Folge der Übervölkerung des Planeten, die außerdem noch dafür verantwortlich ist, dass wir die Ernten durch den Einsatz genetisch veränderter, pestizidabhängiger Nutzpflanzen zusätzlich steigern mussten, um den weltweit wachsenden Bedarf zu stillen. Das sind Entwicklungen, die niemand wollte – die auch nicht die Auswirkungen eines bestimmten Wirtschaftssystems wie des Kapitalismus oder des Neoliberalismus sind. Vielmehr haben sie sich daraus ergeben, dass die Zahl der Menschen sich innerhalb von zwei Jahrhunderten um das Achtfache vermehrte und alle von ihnen den höchsten heute möglichen Lebensstandard erstreben.

Dieser verselbständigte technisch-ökonomische Apparat

hat unsere Freiheit zunehmend eingeengt. Dasselbe trifft auch auf die Leute zu, welche die Hebel des Apparats betätigen und dafür sorgen, dass wir nicht verhungern, unsere Arbeit haben und unsere Einkommen und Pensionen beziehen. Das Bild der Demokratie, das oben entworfen wurde, ist eine ideale Abstraktion, welche der tatsächlichen Verteilung von Macht nicht gerecht wird. Neben Exekutive, Legislative und Judikative gibt es noch die „Privative“ – den privaten Sektor -, der über Lobbyisten und Medien mehr Macht ausübt als Parlamentsausschüsse und Ministerialbürokratien zusammen. In den USA ist die Macht der Privative offensichtlich. Präsidentschaftskandidaten müssen den Spießrutenlauf eines von Jahr zu Jahr teureren Wahlkampfs bestehen, der nur mit den Spenden der großen Konzern zu gewinnen ist. Kein amerikanischer Präsident kann gegen die Großindustrie regieren aber sehr wohl gegen die kleinen Leute.

In Deutschland ist die Entwicklung zur Plutokratie weniger weit fortgeschritten. Der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft zusammen mit digitaler Automatisierung könnte die Arbeiterschaft aber so stark dezimieren, dass die Gewerkschaften als Gegengewicht so stark an Macht verlieren wie jenseits des Atlantiks. Die größte Gefahr für die Demokratie liegt nicht bei Leuten wie Armin Laschet, welche ihre Spielregeln überschreiten, sondern bei der vierten Macht, der Privative, welche sie überhaupt außer Kraft setzen könnte und die Regierung zu ihrem Sprachrohr macht.

*******************Kommentare****************

Lieber Herr Jenner,

wiederum hat mich die analytische Schärfe Ihres Beitrags zum Demokratieverständnis allgemein und zu Deutschland speziell unmittelbar nach den Bundestagswahlen begeistert. Volle Zustimmung gibt es zu Ihrer skeptischen Einschätzung Direkte Demokratie. Ich würde dem hinzufügen, dass dort der populistische Effekt durch narzistische Mehrheiten und mangelnde (politische, allgemeine) Bildung – im Kantschen Sinne Voraussetzung für Mündigkeit – verstärkt wird.

Der Menschheit drohen – hierzu hatten wir und bereits einmal verständigt, zwei Apokalypsen: Die (schnelle) nukleare und (in Zeitlupe) die ökologische infolge Klimakollaps, Artensterben, Vergiftung, Übernutzung. Zukunftsfähiges Regieren wird jedoch ausgebremst durch die Übermacht der „Private“. Ketzerische Zungen sprechen von einer Lobbykratie, zu der gegenwärtige Demokratie verkommen sei und bei der die Medien – insbesondere durch Verbreitung von alternativen Fakten und Halbwahrheiten –  eine unrühmliche Rolle einnehmen. 

Gibt es keine Alternative zur Ökodiktatur? Wie gefällt Ihnen „unser“ auf Überlegungen von Hildegard Hamm-Brücher aufbauendes Konzept der Personendemokratie, siehe Anhang? Dort hätten (m.E.) „redliche“ Personen wie Sarah Wagenknecht, Rolf Mützenich, Robert Habeck eine Chance gewählt zu werden. Auch würde das für und wieder einer 5% – Hürde gegenstandslos. 

Die strenge ökologische Ausrichtung der (Welt)Gesellschaft zwingt zu einem materiell bescheidenen Lebensstil. Er ließe sich mit der Verheißung von dann gewährtem Zeitwohlstand – dank Bedingungslosem Grundeinkommen 10…15 Wochenstunden Erwerbstätigkeit (Zeit für Begegnungen/Feiern, Lernen, Dialog, Familie, Ehrenamt, Hobby, Abenteuer, Gemüseanbau, Kleintierhaltung) „schmackhaft“ machen.

Mit herzlichen Grüßen aus dem sonnigen Jena verbleibt

Ihr H. Oberländer

Meine Antwort:

Lieber Herr Oberländer, das von ihnen vorgeschlagene Modell einer Personendemokratie leuchtet ein; es würde frühere Modelle, welche das Wahlrecht vom pekuniären oder sozialen Status abhängig machte, durch das Kriterium der Kompetenz ersetzen. Aber wie bringt man die notwendig auf den meisten Gebieten inkompetente Mehrheit dazu, über die Kompetenz ihrer Vertreter zu entscheiden? Oder soll diese Mehrheit nicht mehr entscheiden dürfen – das liefe dann auf eine Einschränkung oder Abschaffung der Demokratie hinaus. Vergessen Sie nicht, dass die Menschen aufgrund unterschiedlicher Kompetenz auf unterschiedlichenGebieten zwangsläufig immer ungleicher werden; die einzige Gemeinsamkeit, welche sie überhaupt noch zusammenhält, ist (neben der gemeinsamen Sprache) die jedem durch die Wahl seiner Vertreter gegebene Möglichkeit, für bestimmte Wertvorstellungen (von einer besseren Gesellschaft) zu stimmen. Die bestehende Zweiteilung in Kompetenzzentren (Ministerialbürokratien, Parlamentsausschüsse, beratende ökonomische Fachorganisationen usw.) auf der einen und auf der anderen Seite, eine nach Wertvorstellungen entscheidende Mehrheit, die durch eine funktioniernde Judikatur vor undemokratischen Anwandlungen geschützt bleibt, scheint mir da immer noch die bessere Lösung zu sein.

Auf die bestehende – von niemandem beabsichtigte, geschweige denn gewollte – Technodiktatur, welche eine inzwischen nicht mehr übersehbare Vergiftung von Luft, Wasser und Boden zur Folge hat, werden wir wohl nur noch mit einer Ökodiktatur antworten können. Wie diese im besten und im schlechtesten Fall aussehen könnte, hat, wie mir scheint, außer Herman Daly nur der Unterzeichnete in allen, auch weniger erfreulichen, Konsequenzen durchdacht. Siehe meine Arbeit „Ob wir das schaffen?“. Ihr Gero Jenner

Lieber Gero Jenner,

wieder einmal danke für Ihre durchdachten Reflexionen.

Bereits Seneca war der Überzeugung, daß Mehrheitsentscheidungen nur dann Sinn machen, wenn alle Abstimmenden Experten im Thema sind. Alles andere führt seiner Meinung nach ins Chaos. (siehe Seneca: Vom glückseligen Leben, Abschnitt 2; Lesezeit: 3 Minuten).

ALOHA, viele Grüße

Ihr Roland Günther

Hohlspiegel

Mahnruf eines nicht ganz unbekannten österreichischen Künstlers, der sich an die Weisheiten der Hopi-Indianer hält.

Lieber Gero,

… Dem Wirklichkeitsbegriff der Main-Stream-Berichterstattung habe ich längst abgeschworen und wundere mich immer mehr, wie jemand (damit bin ich G. J. gemeint) eine Pharma-Impf-Diktatur als Lösung dieser „Plan-demie“ gutheißen kann. Wer immer noch glaubt, daß es hier um den Schutz unserer Gesundheit geht, der hat wohl noch nie etwas von Klaus Schwab und seinem „Great Reset“ gehört, oder von der „Agenda 21“. /Das sind/ Umerziehungsprogramme, die an die /der/ Substanz unserer Demokratischen Freiheits- und Unversehrtheisgesetze rütteln und dies scheint erst der Anfang einer transhumanen Horrorvision zu sein … Ich halte mich also mehr an die Hopi-Indianer …

Lieber Manfred,

Ich bewundere Dich als großen Kenner Japans, und so darf ich wohl bekennen, dass Du mir mit den obigen Zeilen ein Satori-Erlebnis der besonderen Art bescherst: eine Erleuchtung, die mich schlagartig über meine bisherige Naivität aufklärt. Ja, ich habe es zugelassen, dass man meine Freiheit und Unversehrtheit beschädigt. Wie so viele andere auch habe ich mich als Kind (wir tragen ja alle die Narben am Arm) ohne Widerspruch gegen die Pocken (und andere Krankheiten) impfen lassen statt lustvoll an dieser und anderen Seuchen zu krepieren und meinen Mitmenschen das hohe eigene Freiheitsbewusstsein zusätzlich dadurch zu demonstrieren, dass ich mich für sie in einen Ansteckungsherd verwandle und sie gleichfalls lustvoll krepieren lasse. Du hat recht, die eigene Freiheit muss über alles gehen!

Ja, Du wirst es kaum glauben, aber so dumm bin ich damals gewesen. Die Impfungen vor meinen Reisen nach Indien habe ich sogar freiwillig gesucht, ohne vorher bei Klaus Schwab und den Hopi-Indianern nachzufragen. Die hätten mich doch sicher darüber aufgeklärt, dass ich mich in meiner Dummheit allein den Interessen der Pharmaindustrie unterwerfe.

Aber so war es eben: in meiner Naivität habe ich der Medizin und den Epidemiologen geglaubt – den Fachleuten also. Dabei hätte ich wissen müssen, dass Künstler, Hopi-Indianer und vor allem Du eine Wesensschau betreiben, die unendlich viel tiefer reicht.

Weißt Du, da kommt mir sogar eine Idee. Du könntest den Freiheitsbegriff noch wesentlich vertiefen, indem Du ihn auf den Lieben Gott beziehst. Dann hättest Du nicht nur das Wissen der Epidemiologen sondern auch noch das der fortschrittlichen Theologen in Frage gestellt.

Der liebe Gott, so könntest Du etwa sagen, hat uns doch Krankheiten und Seuchen mit Bedacht und bester Absicht geschickt, damit wir die Chance haben, früher zu ihm ins Paradies zu gelangen! Darf die Medizin sich erlauben, SEINE Freiheit zu beschneiden, indem sie mit ihren Impfstoffen und Medikamenten willkürlich in sein Werk eingreift?

Du siehst, lieber Manfred. Nun bin ich doch endlich im Begriff – zugegeben: mit ziemlicher Verspätung -, eigenständig zu denken und mich an den Weisheiten der Hopis, von Klaus Schwab und nicht zuletzt Deiner Person zu orientieren. Wohin mich das wohl noch führen wird?

Dr. med. Kay Rohmann aus Düsseldorf schickt mir folge Mail:

Sehr geehrter Herr Jenner,
Ihre Replik demonstriert eindrucksvoll die Angst vor den unabwendbaren Grundverfügbarkeiten des Menschen, nämlich Krankheit und Tod. Aber auch die Unterwerfung unter das Diktat einer politisch instrumentalisierten Wissenschaft, hier Medizin. Übrigens nach Verwendung der Pest als Waffe zur Erstürmung belagerter Städte und eventueller Brunnenvergiftungen mit Kadavern ein in der Neuzeit bislang nicht eingesetztes Instrument zur Gestaltung einer Gesellschaft. Sie sind doch ein intelligenter Mensch, was Sie in Ihren vielfältigen Aufsätzen unter Beweis gestellt haben. Sie müssten doch zumindest annehmen können, dass das menschliche, evolutionsbedingt perfektionierte Immunsystem bislang auf jedes Virus dergestalt reagiert hat, dass es dies letztendlich überwunden hat. Ebenso werden Sie einräumen können, dass Multimorbidität, sei sie demographisch oder zivilisationsbedingt, die unbestrittene Voraussetzung war, an einem viralen Infektgeschehen zu versterben. Vielleicht sind Sie in Unkenntnis darüber, dass es bislang keine effektive antivirale Therapie gibt. Denken Sie nur an HIV, an dessen Therapie seit Jahrzehnten erfolglos geforscht wird.Sich jetzt der kollektiven Erwartung zu unterwerfen, dass neuartige Impfstoffe, die keinerlei Langzeitbeobachtungen nachweisen können, die Heilsbringers Exitstrategie seien, ist naiv und beweist einmal mehr: die Kluft zwischen menschlicher Existenz und nicht beeinflussbaren Verfügbarkeiten lässt sich nur durch Glauben überbrücken.
Mit einem freundlichen Gruß, Kay Rohmann

Meine Antwort:

Ja, ja, ich bin doch ein intelligenter Mensch, aber leider eben doch nicht intelligent genug. Aber im Ernst: Herrn Rohmann ist ein Hals-Nasen-Ohrenarzt, kein Epidemiologe. Wie wir alle ist also auch er auf die Aussagen der Fachleute angewiesen. Wenn weltweit 95 Prozent der Experten sich unmissverständlich für das Impfen erklären und die Statistik in sämtlichen Ländern ebenso unmissverständlich beweist, dass überall wo geimpft wird, nur ein Bruchteil der Menschen sterben, dann ist damit jede weitere Diskussion überflüssig. Dass nahezu alle Medikamente – auch Impfstoffe – nie einen absoluten Schutz bieten und manchmal auch unerfreuliche Nebenwirkungen haben, ist eine Binsenwahrheit. Worauf es ankommt, ist der Saldo. Wenn viel mehr Leben durch sie gerettet werden, also ohne ihre Anwendung verloren gehen, ist das ein ausreichendes Argument, dem sich kein Laie verschließen darf.

Pfarrer Gerhard Lotete meldet sich mit folgenden Worten:

Lieber Gero ! Ich glaube  Dich richtig verstanden zu haben, wenn auch bei einigen Irritationen auftreten könn(t)en. Das betrifft die Hopi- Indiander- Aussagen. Augenscheinlich benutzt sie Dein Gegenpart als Hinweis darauf: man könne sich statt wissenschftlicher Beweise eher den spiritistischen Instiutionen einer Urbevöllkerung anvertrauen. Soweit so gut, aber es löst bei manchen auch die Vision einer Verunglimpfung einer Völkergruppe aus. Das müsse doch nicht sein.

Soweit dazu, was ich da höre. Es bringt jedoch nicht Dein Anliegen in Verruf, den gesunden Menschenverstand und die historischen Belange zu unterschätzen.

Gruß Gerhard

Lieber Gerhard,

ich habe mein Leben mit dem Studium fremder Kulturen (Indien, China, Japan) verbracht. Nicht läge mir ferner, nichts würde mir als größere Dummheit erscheinen, als eine Verunglimpfung. Natürlich habe ich die berühmte Studie der amerikanischen Ethnologin Ruth Benedict über die Zunis gelesen. Aber wie Du richtig siehst, bin ich gegen hochtrabende Schwafelei allergisch.

Bruno Kathollnig, Dichter und Denker schickt mir folgende Zeilen:

Sehr geehrter Herr Jenner!

Herrlich, Ihre Antwort!

Fast schon Poesie, welche den Nagel auf den Kopf träfe, wäre da nicht esoterische Kopflosigkeit im Spiel!

Alles Gute!

Bruno Kathollnig

Globale Arena: China und die Dialektik der Unfreiheit

Wäre die Welt eine Rennbahn, in der die Nationen um Sieg und Medaillen eifern, dann würden wir die mächtig nach vorn preschenden Aufholer bewundern. Dazu gehören China und Indien, Russland würde sich gern dazugesellen. Nur scheinbar immer noch die Spitze behauptend, sehen wir die Länder des Westens von den stärksten inneren Widersprüchen und sozialen Spannungen zerrissen. Das gilt vor allem für die Vereinigten Staaten.

Die westlichen Länder selbst ziehen eine andere Sichtweise vor: die inneren Widersprüche und Proteste werden als Beweis für die Freiheit gesehen, die sie ihren Bürgern gewähren. Mehr und mehr sieht dies freilich nach Schönfärberei und Lüge aus – wie etwa der beschämende Umgang mit der Seuche beweist. Statt über den unglaublichen Fortschritt ihrer Medizin zu jubeln, der es westlichen Ländern erlaubt hätte, bei entsprechender Durchimpfung innerhalb eines einzigen Jahres Corona weitgehend auszumerzen, gehen unbelehrbare Dummköpfe massenhaft auf die Straße, um sich selbst und den anderen zu beweisen, dass Freiheit für sie darin besteht, sich in dauernden Straßenkämpfen mit der Polizei gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Aus der Perspektive der erfolgreichsten Mannschaften

auf der globalen Renn-Arena ist ein solches Verständnis von Freiheit nichts anderes als ein Zeichen von moralischem und geistigem Niedergang. Entsprechend gehen die chinesische und russische Propaganda selbstgewiss davon aus, dass die Zeit westlicher Vorherrschaft kurz vor ihrem Ende stehe: Politik und Gesellschaft des Westens erscheinen in dieser Sicht nur noch als degeneriert. Wohlgemerkt, das ist nicht nur die Auffassung der Partei; inzwischen hält die Mehrheit der Bevölkerung Chinas und einer Reihe anderer Länder diese Analyse für zutreffend. Immerhin ist es Peking – zumindest bisher – mit durchschlagendem Erfolg gelungen, die eigene Milliardenbevölkerung vor der Seuche zu schützen, und zwar indem sie sich ausschließlich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte. Welch Paradox: diese Wissenschaft stammt aus dem Westen, und aus dem Westen kommen nach wie vor die wirksamsten und am besten überprüften Impfpräparate; aber ein falsches, selbstzerstörerisches Verständnis von Freiheit macht es westlichen Ländern inzwischen unmöglich, sie mit dem gleichen Erfolg wie ein Land anzuwenden, das sich selbst bis heute noch offiziell zu einem Entwicklungsland deklariert (durchaus zu Unrecht, aber politisch sehr geschickt). Während der spektakuläre Erfolg im Kampf gegen die Seuche China weiterhin ein ungebrochenes Wachstum beschert, wagt man es in westlichen Nationen nicht einmal, das Wort „Impfpflicht“ in den Mund zu nehmen – das wäre ja Diktatur! -, und das, obwohl uns eine so einfache Maßnahme ungezählte Tote, mehrere Lockdowns und den wirtschaftlichen Niedergang erspart haben würde.

Das Rennen der Nationen findet nicht nur in diesem Bereich,

also beim Umgang mit einer gefährlichen Seuche statt. Wirtschaft, Militär und politische Freiheit, sämtliche Dimensionen des sozialen und staatlichen Lebens sind davon betroffen. Was aber von den meisten ganz übersehen wird, ist die gegenseitige Abhängigkeit der Teilnehmer an diesem planetarischen Rennen: die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit. Noch bis vor fünfhundert Jahren lebten die großen Kulturen weitgehend abgeschieden voneinander. Das indische Mogulreich unter Akbar, aber selbst noch das China Qianlongs brauchten sich ebenso wenig um die Vorgänge in Europa zu kümmern wie Heinrich der Vierte von England um das, was zu seiner Zeit im fernen China oder in Indien geschah. Aber heute trennen uns globale Distanzen nicht länger. Zum Beispiel wird das politische Handeln und das Programm der chinesischen Partei unmittelbar von der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ausrichtung der Amerikaner bestimmt. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: die Chinesen haben ein autoritäres System, weil die Amerikaner auf größtmögliche Freiheit pochen.

Unübersehbar war diese gegenseitige Abhängigkeit

im Wettrennen der Nationen zum ersten Mal am Aufstieg Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erkennen. Japan hätte nie eigene Industrien aufbauen können; das winzige Eiland wäre nie zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Erde aufgerückt (inzwischen wurde es von China aus dieser Position verdrängt), wenn es seinen eigenen Bürgern damals nicht viel von ihrer Freiheit genommen hätte – mit anderen Worten, ohne den Übergang zu einem autoritären Regime. Obwohl sämtliche Industrieprodukte des Westens, also der damaligen Weltmacht England, aber auch deutsche und amerikanische Produkte um Klassen besser waren, verbot Japan deren Einfuhr und Konsum im eigenen Land. Die erst im Aufbau befindlichen eigenen Unternehmen hätten andernfalls keine Chance gehabt. Jeder Staat, der sich im internationalen Wettrennen gegenüber weit überlegenen Bewerbern behaupten will, sieht sich zu diesem autoritären Eingriff genötigt: er beschränkt die gegenwärtige Freiheit seiner Bürger, um ihnen dafür in der Zukunft umso größere Freiheit ermöglichen zu können.

Die USA selbst sind diesen Weg

während des 19. Jahrhunderts gegangen, nur so hatten sie eine Chance, sich gegenüber der damaligen Weltmacht England zu behaupten. Japan und China sind ihnen auf diesem Pfad gefolgt. Solange es im Wettrennen der Nationen große Unterschiede der technologischen Entwicklung gibt, ist Freiheit ein Luxus, den sich nur die jeweils an der Spitze befindlichen Staaten leisten können. Das scheint evident, doch die Nutznießer dieser Freiheit ziehen es vor, diese offenkundige Wahrheit zu unterschlagen. Ja, sie geben sich sogar gewaltige Mühe, die ihnen so nützliche Freiheit der übrigen Welt mit Sirenengesang aufzudrängen. Sie tun dies scheinbar aus Philanthropie, tatsächlich aber weil das ihren eigenen Interessen entspricht. Damals, als Japan seine Industrien aufbaute, hätten englische, deutsche und amerikanische Unternehmen sehr profitiert, wenn die Bürger Japans frei gewesen wären, sich zwischen ihren eigenen (damals noch vergleichsweise miserablen) und den viel besseren Produkten der führenden Industrieländer zu entscheiden. Die englische Propaganda schwärzte den Protektionismus Japans und anderer Länder daher als ein Zeichen politischer Rückständigkeit an. Beflissen blenden die jeweiligen Spitzenrenner dabei aus, dass aufholenden Staaten gar keine andere Wahl bleibt, als die Freiheit ihrer Bürger zum Teil drastisch zu beschränken.

Die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit

zeigt sich unmittelbar, sobald die Aufholer der Spitze nahekommen. In diesem Augenblick vollzieht sich ein radikaler Wandel: gleichsam über Nacht ändert sich ihre Einstellung zur Freiheit. Bis zur großen Depression vom Ende der zwanziger Jahre waren die USA ein entschieden protektionistischer Staat. Wenige Jahre später wurden sie nach Ende des zweiten Weltkriegs zum größten Propagandisten ökonomischer Freiheit und zum wortmächtigsten Gegner des Protektionismus. Kein Wunder, denn die Industrien ihrer Wettbewerber waren weitgehend ausgeschaltet und sie selbst übernahmen die technologische Führung gleich auf mehreren Gebieten bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Für den Aufstieg Chinas

und den Niedergang der Vereinigten Staaten gibt es keinen deutlicheren Beweis als die sich rapide ändernde Einstellung beider Nationen zur ökonomischen Freiheit. Während die USA seit Donald Trump neuerlich protektionistisch werden, kann sich dasselbe China, das seine eigenen Industrien noch bis vor kurzem mit einem hohen Schutzwall umgeben hatte, inzwischen immer größere Schritte in Richtung zum ökonomischen Liberalismus erlauben. Chinesische Erzeugnisse sind auf dem Weltmarkt so konkurrenzfähig geworden, dass es nun umgekehrt westliche Länder sind, die in die Defensive geraten und zunehmend lauter nach Schutzmaßnahmen rufen. Das Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung bleibt natürlich nicht ohne politische Folgen. Es ist alles andere als ein Zufall, dass nicht nur in den USA sondern ebenso in Europa die Entwicklung nicht in eine Stärkung der Demokratie sondern in Richtung autoritärer Regime weist. Die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit beweist einmal mehr, dass kein einzelner Staat dieser Welt heute noch souverän über das eigene Schicksal verfügt. Auf der Weltarena sind die Nationen des Globus in einem Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten gefangen. Den Bürgern wird zwar von ihren Politikern eingeredet, dass ihr Schicksal ganz bei ihnen selbst und ihrer politischen Führung liege. Doch das wird immer mehr zu einer Selbsttäuschung und Selbstbeweihräucherung.

Im globalen Wettrennen um die ökonomische,

politische und militärische Macht ist es aber nicht nur das Bedürfnis, an der Spitze zu bleiben oder sie zu erreichen, welche den Staaten eine bestimmte Art des Handelns aufzwingt – auch der Stand der technologischen Entwicklung hat tiefgreifende Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft. Seit es möglich wurde, nicht nur große Errungenschaften wie den Computer in Hinterhofgaragen zu erfinden und zu entwickeln sondern ebenso auch Massenvernichtungswaffen wie Nervengifte und Bomben, deren Rezept jeder im Internet abrufen kann – und zwar ohne Kenntnis von Polizei, Staat und Öffentlichkeit (der erste, der das in aller Schärfe erkannte, war Hoimar v. Ditfurth) – sind Staaten de facto zu immer größerer Überwachung ihrer eigenen Bürger gezwungen. Der sogenannte technische Fortschritt geht hier Hand in Hand mit sozialer Rückentwicklung bis hin zum orwellschen Überwachungsstaat. Sicher waren die ersten Reaktionen auf die Bedrohung durch den Terror weit übertrieben und dienten manchen Politikern als willkommener Vorwand, um sich selbst und dem Staat größere Macht zu verschaffen. Dennoch bleibt unbestreitbar, dass neue Technologien und ihr bequemer Missbrauch durch einzelne Kriminelle (sowie die Geheimdienste anderer Staaten) die Freiheit langfristig unterminieren und die Gesellschaft in die Richtung von Polizeistaaten drängen müssen. China geht in dieser Hinsicht der Welt mit schlechtem Beispiel voran, doch geben sich andere Staaten wie die USA und Großbritannien ihrerseits jede Mühe, die eigenen Bürger möglichst umfassend zu kontrollieren.

Zwischen der führenden Weltmacht und dem Herausforderer

besteht dabei durchaus keine Symmetrie. Erstere ist gewohnt zu herrschen und zu befehlen und agiert daher meist allzu selbstbewusst bis hin zur Tollpatschigkeit; Letzerer ist auf den Gegner fixiert und verfolgt jede seine Aktionen mit größter Wachsamkeit, wobei er sich jeden Schachzug sorgfältig überlegt. Wie gut die Chinesen die USA und umgekehrt wie wenig die USA China kennen, ergibt sich schon aus der Zahl der Studenten im jeweils anderen Land. 2019/20 schickte China insgesamt eine halbe Million von ihnen nach den USA und Kanada, aber nur elftausend Studenten aus den USA kamen nach China. Anders gesagt, weiß China sehr viel mehr vom Westen als dieser von dem fernöstlichen Land.

Die chinesischen Strategen sind daher auch bestens informiert über die zerstörerischen Spannungen in den Gesellschaften des Westens. Sie wissen, dass der „Kapitalismus“, obwohl er den Reichtum dieser Gesellschaften begründete, von einer wachsenden Zahl von Menschen als das größte Feindbild überhaupt verurteilt wird, weil er die Gräben zwischen Arm und Reich zunehmend vertieft. Welch ein genialer Schachzug, dass Xi Jinping sich jetzt im Sinne sozialer Gerechtigkeit gegen die großen Unternehmen des eigenen Landes stellt! Nachdem er die größte Armut im eigenen Land weitgehend beseitigt hat und in kürzester Zeit ein Rentensystem für die ganze Bevölkerung aus dem Boden stampfte, tut er jetzt genau das, was alle westlichen Reformer seit zwei Jahrhunderten fordern: im Namen der Bevölkerungsmehrheit besteht er darauf, den überbordenden Reichtum einer Minderheit einzudämmen. Noch vor zwanzig Jahren hätte eine solche Maßnahme Chinas rapiden industriellen Aufstieg lähmen können, denn der totale Einsatz, die bis zur Selbstaufopferung reichende Arbeitsbereitschaft, welche das Wettrennen mit den technologisch weit überlegenen Staaten des Westens gerade den Tüchtigsten und Intelligentesten abverlangte, hätten an einer solchen Maßnahme scheitern können. Deswegen kopierte China ja auch das wirtschaftliche Erfolgsrezept des Westens (und legte den Kommunismus de facto ad acta, obwohl es sich nach wie vor als kommunistisches Regime bezeichnet). Inzwischen ist Chinas Industrie jedoch so stark gewachsen, sie ist so gefestigt, so vielfältig und überdies hat ein höchst effizientes Ausbildungssystem so viele fähige Köpfe hervorgebracht, dass Xi den überraschenden Schachzug in Richtung Sozialstaat wagen durfte. Damit ist das Reich der Mitte im Begriff, den Westen nun auch ideologisch und praktisch auf einem zentralen Feld nicht nur ein- sondern vielleicht schon bald in forschem Tempo zu überholen. Das Land wird gewiss nicht kommunistisch im Sinne von Marx, aber es wird für größere Gleichheit sorgen.

Das wird das Ansehen Chinas im Ausland wesentlich stärken

Wir sollten uns keine Illusionen machen, der Protest gegen den sogenannten Kapitalismus – oder sagen wir besser, gegen soziale Ungleichheit und Ungleichbehandlung – ist der ideologische Zündstoff, welcher westliche Staaten innerlich zu zerreißen droht. Zwar stehen die meist unsichtbaren und unscheinbaren Konzernherren und Milliardäre gegenwärtig weniger im Fadenkreuz der Proteste – das war in großem Maßstab zuletzt bei der Occupy-Wallstreet-Bewegung unter Präsident Obama der Fall –; der Protest gegen die Ungleichbehandlung richtet sich stattdessen gegen die Vorherrschaft der Weißen, der Christen, der Protestanten, der Heteros usw., um für die Rechte und Chancen der tatsächlich oder angeblich Unterprivilegierten zu streiten. Das können Schwarze, Schwule, Latinos, Afghanen oder Asylanten sein. Das Protestpotenzial in westlichen Gesellschaften kann sich auf vielfältige Weise zu jeder Zeit entladen.

Dieses Problem löst China auf eigene Art

Im Pekinger Volkskongress kann man zwischen lauter grauen Männern und Frauen in westlichem Outfit hier und da exotische Schmetterlinge mit buntverziertem Kopfschmuck entdecken. Das sind die „Indianer“ Chinas, sprich die ursprünglichen Ethnien, die neben der Mehrheit der Han-Chinesen einst einen großen Beitrag zum kulturellen Reichtum des Landes geleistet haben. Ich sage „einst“, denn heute werden diese Menschen in die gesichtslosen Mietskasernenquader umgesiedelt, welche wie hässliche Pilze überall aus dem chinesischen Boden schießen. In spätestens ein, zwei Jahrzehnten wird von der einstmaligen kulturellen Lebensvielfalt außer exotischem Kopfschmuck und anderen musealen Artefakten nichts übrigbleiben. Nichts und niemand kann dieser erzwungenen Gleichmacherei durch die Kommunistische Partei widerstehen. Wenn sich einzelne Volksgruppen wie die Uiguren ernsthaft widersetzen, wird das Regime erbarmungslos, denn wie und wodurch der Mensch glücklich wird, das bestimmt ausschließlich die Partei (d.h. die Mehrheit der Han-Chinesen). Dann wird zu drastischen Maßnahmen gegriffen: Arbeitslager und ethnic cleansing – so wie übrigens die USA es im Umgang mit der indigenen Bevölkerung zwei Jahrhunderte lang praktizierten (von uns Deutschen ganz zu schweigen, die wir im vergangenen Jahrhundert im Umgang mit Menschen, die uns in jeder Hinsicht zum Verwechseln ähnlich waren, noch weniger Gnade zeigten).

Der Handelnde ist immer gewissenlos,

wie Goethe einmal sagte. Die Mächtigsten treiben die Gewissenlosigkeit auf die Spitze. Aber leider ist es nicht bloß ein moralischer Defekt, der sie dazu treibt. Wäre das Übel so einfach zu diagnostizieren, dann ließe es sich möglicherweise ebenso einfach kurieren. Es ist das unselige Wettrennen der Nationen und in einem nicht geringen Maß ist es auch noch der sogenannte technologische Fortschritt, der für viele gegenwärtige Übel unmittelbar verantwortlich ist. Dieses Wettrennen und diese Verfügbarkeit der Technik in den falschen Händen führt die Welt immer näher zu einer Katastrophe, die schließlich alle zu Verlierern macht. Nur eine übergeordnete Instanz – Uno oder wie immer sie heißen mag – kann diesem Rennen ein Ende machen.

Von Herrn Prof. Dr. Siegfried Wendt erhalte ich folgende Zeilen:

Lieber Herr Jenner,

auch wenn ich nicht jeden der Texte, die Sie mir in letzter Zeit zugeschickt haben, kommentiert habe, haben diese mich doch sehr begeistert. Als ganz besonders wertvoll möchte ich Ihren neuesten Text bewerten. Ihre Texte entspringen ganz offensichtlich Ihrer Sorge um die Zukunft der Menschheit. Diese ist es auch, die mich ab und zu zum Formulieren von Aufsätzen treibt…

Mit besten Grüßen

Ihr Siegfried Wendt

Meine Antwort:

Lieber Herr Wendt,

„Sorge um die Menschheit“, das ist vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen. Das sollte ja eher das Anliegen des Lieben Gottes sein, der scheint sich aber aus zu diesem Geschäft schon lange verabschiedet zu haben. Mir genügt es, über einige Dinge zu größerer Klarheit gelangt zu sein und wenn ich diese Klarheit auch anderen vermitteln kann, scheint mir damit schon viel gewonnen.

Alles Gute

Gero Jenner

(4) An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Der Zusammenhang zwischen rechtem Denken und richtigem Handeln wird nicht nur durch diesen Spruch aus dem Evangelium des Matthäus betont. Denn es liegt ja nahe, dass jede Religion, ja jede Weltanschauung überhaupt, diese Verbindung als selbstverständlich betrachtet. Wären unser Denken und unsere Überzeugungen ohne allen Einfluss auf unser Handeln, würden wir sie zu Recht als überflüssig betrachten. Ein Gutteil der Skepsis, die der moderne Mensch dem kritischen Denken (und der Philosophie im Allgemeinen) entgegenbringt, beruht auf der argwöhnischen Frage: wozu sind sie gut? Sind sie geeignet, unser Verhalten zur Wirklichkeit und damit auch diese selbst zu verändern?

Gemessen an dieser Frage, waren Religion und Wissenschaft

einerseits sehr erfolgreich, andererseits sind sie kläglich gescheitert. Religionen sind in erster Linie Handlungsanweisungen; sie schreiben den Menschen Gesetze für richtiges Handeln vor.*1* Dieses leiten sie nicht aus der Willkür einzelner Menschen ab sondern aus dem Willen von übermenschlichen Wesen – Göttern und Geistern – oder einer übermenschlichen Ordnung. Im Idealfall, d.h. wenn ihre Gesetze buchstabengetreu befolgt worden wären, würden innerhalb einer religiösen Gemeinschaft vollkommener Frieden und unverbrüchliche Solidarität bis hin zur gegenseitigen Aufopferung herrschen. Für das Christentum gilt das im besonderen Maße. Im Gegensatz zu allen früheren Religionen hat das Neue Testament dieses Ideal über alle Stammesgrenzen und Nationalitäten hinaus erweitert, um die ganze Menschheit in eine gegenseitige Liebe und Solidarität einzubeziehen.

Da es Religionen vor allem um die Regelung

des zwischenmenschlichen Verhaltens geht, akzeptieren sie die Natur so wie sie von Gott geschaffen wurde. An ihr etwas zu ändern, kann schon deswegen nicht ihr Anliegen sein, weil sich darin eine Kritik an der göttlichen Schöpfung bekunden würde. Zwischen ihren Aussagen über die Natur und ihren Richtlinien für das menschliche Leben besteht daher ein deutlicher Unterschied. Während die Handlungsanweisungen an die Gläubigen den Kern aller Religionen bilden und das tägliche Verhalten mehr oder weniger stark bestimmen, sind ihre meist fantastischen Aussagen über die Entstehung der Welt oder die Erklärung natürlicher Phänomene nur insofern von Belang als die Akzeptanz dieser Sätze als äußerer Glaubensbeweis und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen dient. Ob jemand an die Erschaffung der Welt vor 6000 Jahren, an jungfräuliche Geburten, an die Verwandlung von Wasser in Wein glaubt oder nicht, ist für sein praktisches Verhalten gegenüber anderen Menschen ohne Belang.

Ganz anders Technik und Wissenschaft

Im Gegensatz zur Religion stellen sie keine Handlungsanweisungen gegenüber anderen Menschen auf sondern gegenüber der Natur. Da sie sich nur mit dem was ist befassen, d.h. mit dem Sein, wurden sie von Anfang an in diese Richtung gedrängt. Denn menschliches Sollen kann aus dem Sein nicht abgeleitet werden. Keine noch so umfassende Analyse menschlicher Gesellschaften kann uns beweisen, dass wir besser daran tun, unseren Nachbarn zu lieben als ihn zu hassen. Statistiken, die das Sein abbilden, können uns zwar belehren, dass Menschen in Friedenszeiten glücklicher sind, wenn sie die erste Alternative befolgen, aber in Kriegszeiten und auch im alltäglichen Wettbewerb, wie er etwa die Wirtschaft selbst in Friedenszeiten beherrscht, wäre uneingeschränkte Liebe ein Weg zum Misserfolg. Schon gar nichts sagen Statistiken darüber aus, welches Verhalten für den einzelnen in einer bestimmten Situation das richtige ist. Gegenüber menschlichem Sollen bleibt die Wissenschaft zwangsläufig stumm.

Diese Feststellung erlaubt uns,

eine vorläufige – zugegeben noch recht oberflächliche – Antwort auf die Frage nach den Früchten von Religion und Wissenschaft zu geben. Religionen haben eine äußerst wichtige Funktion dadurch erfüllt, dass sie dem Handeln des Menschen Grenzen setzten – es einem Sollen unterwarfen. Ohne diese Grenzen hätte niemand davor zurückschrecken müssen, seinen Nachbarn zu ermorden, ihn zu berauben, seine Frau zu missbrauchen. Ich behaupte nicht, dass nur die Religion solche Grenzen zu setzen vermag, sondern nur, dass vor allem sie es war, die diese Aufgabe in der Vergangenheit erfüllte. In historischer Sicht war dies der Kern ihrer Mission, während alles, was sie darüber hinaus an Erklärungen über die Welt aufstellte, als Zutat erscheint, die aus heutiger Sicht nicht nur überwiegend falsch und daher wertlos ist sondern den Menschen aktiv daran hinderte, die ihn umgebende Natur eingehender zu erforschen. Religion war im besten Fall ein wichtiges Instrument, um das Verhalten von Menschen gegenüber anderen Menschen zu ordnen, aber nie war sie ein geeignetes Mittel, um zu einem tieferen Verständnis der Natur zu gelangen. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Evangelikalen von Nordamerika verwerfen die Deszendenzlehre von Charles Darwin.

Mit der Wissenschaft verhält es sich genau umgekehrt

Sie hat sich als ein hervorragendes Instrument erwiesen, um die Natur zu erkunden. Hier hat sie bis heute ihre größten Triumphe erfochten, doch versagt sie kläglich, wenn es darum geht, Regeln für das Verhalten von Mensch und Gesellschaft aufzustellen. Das Sollen liegt außerhalb ihrer Kompetenz.

Diese vorläufige Betrachtung zusammenfassend dürfen wir sagen, dass Religionen während ihrer ganzen Geschichte für den Aberglauben verantwortlich waren – ein falsches Verständnis der außermenschlichen Wirklichkeit -, während die Wissenschaften zwar ein beweisbar richtiges – und in diesem Sinne objektives – Verstehen der außermenschlichen Welt herstellten, aber den Menschen völlig im Stich lassen mussten, wenn es um seine ureigene Sphäre geht.

Ich halte diese Betrachtungsweise für vorläufig

und in gewissem Grade auch für oberflächlich, weil sie sehr viel näher am Ideal als an der komplexen historischen Wirklichkeit ist. Wir brauchen das Ideal selbst nur in reiner Form zu betrachten, um diesen Abstand zu ermessen. Wie schon gesagt, sähe die Welt anders aus, hätten die Gläubigen die Lehren der Religion ernst genommen. Innerhalb ihrer Gemeinschaften wären weder Neid, Hass, Zorn noch Anmaßung und alle jene menschlichen Eigenschaften aufgekommen, welche den inneren Frieden gefährden. Da das Christentum die Feindesliebe verlangt, wäre selbst der Krieg mit anderen Völkern für alle Zeit unmöglich gewesen.

Doch die Bändigung des Bösen wurde, wie wir wissen, von keiner Religion in keinem Volk jemals erreicht. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass es sich um ein grundsätzliches Scheitern handelt. Es muss tiefgreifende Widerstände in der menschlichen Natur selber geben, die sich jeder endgültigen Normierung erfolgreich widersetzen – durch welche Anweisungen auch immer. Gewiss, ohne solche Handlungsanweisungen wäre die Gesellschaft im Chaos versunken, weil jeder so handelt wie es ihm ohne Rücksicht auf die anderen gefällt. Aber diese tiefgreifenden Widerstände haben es dennoch verhindert, dass Religionen jemals ihr selbstgestecktes Ziel erreichten. Sie haben Gesellschaften und Individuen befriedet, aber den idealen Menschen, die ideale Gesellschaft haben sie bis zum heutigen Tag niemals hervorgebracht.

Und was haben die Wissenschaften erreicht?

Sie haben uns gelehrt, wie wir die Ordnungen der Natur – ihre Gesetze – erkennen, ohne dass wir uns dabei von unserem Wünschen und Wollen beirren lassen. Das ist ein gewaltiger Fortschritt in der Erkenntnis der Wahrheit. Wissenschaft und Technik haben einerseits die Voraussetzungen für einen historisch einmalig hohen Lebensstandard geschaffen: Elektrizität und fließendes Wasser in jedem Haus, Mobilität zu Wasser, auf den Straßen und in der Luft. Andererseits schenkten sie uns auch die Hilfsmittel, um die menschliche Fruchtbarkeit zu begrenzen, denn Menschen tendieren wie jede andere biologische Art dazu, sich über die Tragfähigkeit der Umwelt hinaus zu vermehren. Anders gesagt, hat uns das wissenschaftliche Denken vollkommen darüber aufgeklärt, was wir tun müssten, um unser materielles Leben zu einem Aufenthalt wie in Eldorado zu machen. Theoretisch ist dieses Wissen um die materiellen Grundlagen unserer Existenz so vollkommen wie das Wissen der Religion über das vollkommene Verhältnis zwischen den Menschen. Doch in beiden Fällen sind Theorie und Praxis durch einen Abgrund voneinander getrennt. Ökologen wie William Rees, neben Mathis Wackernagel der Erfinder des ökologischen Fußabdrucks, haben bewiesen, dass maximal zwei Milliarden Menschen den westlichen Lebensstandard mit erneuerbaren Energien auf Dauer genießen können.

Spätestens seit Beginn des neuen Jahrhunderts

sind wir uns bewusst, dass wir im Begriff sind, die Erde für künftige Generationen nicht in ein Paradies sondern in eine Hölle zu verwandeln, da wir sie mit bald zehn Milliarden Menschen rücksichtslos ausbeuten und vergiften. Unsere anfängliche Frage nach den Früchten, an dem wir unser Verständnis der Welt zu messen haben, erhält dadurch auf einmal eine Antwort, die weit hinausgeht über unser anfängliches noch vorläufiges Fazit.

Gewiss, Religionen sind immer wieder ein Instrument der Verfolgung gegenüber Ungläubigen mit anderen Handlungsanweisungen gewesen. Ihr Verständnis der außermenschlichen Wirklichkeit war in der Regel grotesk und hat den richtigen Umgang mit der Natur verhindert, andererseits wäre es ihnen nie möglich gewesen, das Überleben des Menschen auf dem Planeten zu gefährden oder überhaupt in Frage zu stellen. Genau dies aber hat die wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht nur ermöglicht sondern in Aussicht gestellt. Der größte Durchbruch dieser Erkenntnis, die Formel E=M x c2, also die Umwandlung von Masse in Energie, ist symbolischer Ausdruck für eine existenzielle Gefahr, die bis dahin nicht existierte, will sagen, vor diesem Biss in den Apfel der Erkenntnis. Die Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen und des Menschen durch den Menschen ist zum ersten Mal zu einer realen Möglichkeit geworden. 

So gesehen, erscheinen die Vorwürfe gegen die Religion,

geradezu harmlos, wie sie ein Richard Dawkins in seinem Bestseller Der Gotteswahn auf fünfhundert Seiten mit bissigem Witz ausbreitet. Wie gesagt, haben Religionen zwischen den Völkern viel Verfolgung und Unfrieden gestiftet, aber niemals das Überleben der menschlichen Art gefährdet. Aber Wissenschaft und Technik haben uns zum ersten Mal in der Geschichte die Mittel zur Verfügung gestellt, um genau dies zu bewirken, nämlich Unseresgleichen en masse zu ermorden und unsere Heimat, den Planeten, für Menschen auf Jahrtausende unbewohnbar zu machen. Ein Buch mit dem Titel Der Wissenschaftswahn wurde noch nicht geschrieben, aber es könnte auf weit mehr als fünfhun­dert Seiten all die bedrohlichen Wirkungen aufzählen, welche erst durch die Wissenschaft in die Welt gekommen sind. Wenn wir Theorien an ihren Früchten erkennen sollen, dann fällt der Vergleich jedenfalls nicht zu Gunsten des wissenschaftlichen Weltbildes aus, wie es seit drei Jahrhunderten erst Europa und inzwischen die ganze Welt beherrscht.

1 Eine Ausnahme von dieser Regel bildet nur die Mystik, die wie die Wissenschaft eine Erkenntnislehre sein will. Die Mystik ist gleich weit von der Religion wie von der Wissenschaft entfernt und doch beiden gleich nah. Siehe Jenner Der Dawkinswahn und die Antwort der Mystik.

Von Prof. Dr. Ernest Gnan erhalte ich folgende Meldung:

Sehr geehrter Herr Dr Jenner,

absolut interessanter Artikel. Sehe das Thema Überbevölkerung wie von Ihnen zitiert. Doch es sind auch die Religionen, die die Überbevölkerung und die rücksichtslose Ausnutzung der Erde ermutigen (wachset und mehret euch und macht euch die Erde untertan, Kirche und Empfängnisverhütung, Kirche und Abtreibung, Kirche und Sterbehilfe, Kirche und Migration, Islam und Frauenrolle/bildung etc.)

Mit freundlichen GrüßenErnest Gnan
Prof Dr Ernest Gnan Secretary General, SUERF – The European Money and Finance Forum 

(3) Die Schatten des Wunderbaren

Jede Zeit, jedes Volk lebt von Ideen, für die es sich begeistert, für die es sich zu leben lohnt. Unsere Epoche lebt seit etwa zweihundert Jahren von der Leitidee, dass der Mensch aus eigener intellektueller Kraft die Welt nicht nur vollständig zu erkennen sondern sie auch perfekt zu beherrschen vermag. Der deutsche Philosoph Max Scheler drückte es 1926 auf folgende Weise aus: „Es ist … ein neuer Wille zur Herrschaft über Natur … in schärfstem Gegensatz zur liebevollen Hingabe an sie …, der jetzt das Primat in allem erkennenden Verhalten gewinnt. Herrschaftswille … Das Ziel und der Grundwert, der die neue Technik leitet, ist nicht der, ökonomisch oder sonst nützliche Maschinen zu ersinnen, deren Nutzen man schon vorher erkennen und abmessen könnte. Er geht auf etwas viel Höheres. Er geht auf das Ziel, – wenn ich so sagen darf -, alle möglichen Maschinen zu konstruieren, und zwar zunächst nur als Gedanken und als Plan, durch die man Natur zu irgendwelchen, sei es nützlichen, sei es unnützlichen Zwecken leiten und lenken könnte, wenn man es wünschte.“

Holt man diese Idee von dem Sockel der Erhabenheit herab, auf dem sie üblicherweise thront, dann müssten wir etwas prosaischer formulieren, dass die heutigen Menschen überzeugt davon sind, immer neue, immer erstaunlichere Apparate zu erzeugen, die ihr Leben nicht nur erleichtern, es sicherer und bequemer machen sondern mehr und mehr auch ihren Lebensinhalt bilden; die Beschäftigung mit ihnen erfüllt das tägliche Leben. Das trifft gewiss auf das Auto zu, gilt aber in besonderem Maße für die jeweils jüngsten Erzeugnisse der Technik wie Computer und Handy. Die Digitalisierung aller automatisierbaren Vorgänge ist nur der vorläufig letzte Trumpf auf diesem scheinbar unaufhaltsamen Weg technologischen Fortschritts. Der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter soll nach Meinung der Enthusiasten den Menschen nicht nur nachahmen sondern ihn überhaupt ersetzen.

Auf eine vereinfachte Formel gebracht,

könnte man sagen, dass sich in unserer Zeit das Wunderbare in den neuesten Apparaten verkörpert sowie in dem wissenschaftlichen Denken, das ihnen zugrunde liegt. Apparate beherrschen nicht nur jene, die sie als Konsumenten passiv nutzen, sondern bestimmen auch das Leben einer wachsenden Zahl von Menschen, die als Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler aktiv für ihre Hervorbringung verantwortlich sind. Wie sehr der Traum des technologisch Fantastischen und Wunderbaren den Menschen dabei als Pate über die Schulter schaut, lässt sich an jener für unsere Zeit typischen Literatur erkennen, die solche Träume in immer größere Höhen schraubt. Natürlich spreche ich von Science-Fiction. Hier feiert die technologische Fantasie ihre weitaus tollsten Feste. Wir malen uns all die unglaublichen Geräte aus, die wir in Zukunft noch erschaffen werden, um damit auch die fernsten Winkel des Alls und unser tägliches Leben zu kolonisieren. Wir berauschen uns daran, welche Siege der neue gottgleiche Mensch – Homo Deus – noch erringen wird, nämlich Siege über eine Natur, die dabei nur noch in der Rolle eines willenlosen Sklaven erscheint.

Die Selbstbetörung durch das technisch Wunderbare

ist an ihrer Maßlosigkeit zu erkennen. Das bloße Mittel zum Zweck wird schließlich zum eigentlichen Zweck verdreht: zum Selbst- und zum Lebenszweck. Seit Erfindung von Hacke und Pflug sind Apparate sinnvoll, wenn sie das Leben erleichtern und dabei helfen, uns größere Freiheit für eine schönere, eine geistige Welt zu erschaffen. Behält man dieses letzte Ziel im Auge, bekommt Technik einen für den Menschen heilsamen Sinn. In dem Augen­blick aber, wo die Berauschung durch den technologischen Fortschritt diesen in einen Erlösungswahn und eine Obsession verkehrt, werden Technik und Wissenschaft zu einer Bedrohung: Sie wenden sich gegen den Menschen.

Dieses Stadium haben wir inzwischen erreicht. Das beweisen gigantische Unternehmungen wie die Flüge zum Mars und dessen in Aussicht gestellte Besiedelung. Dieser Planet – sowie sämtliche in erreichbarer Nähe befindliche Himmelskörper – ist eine wüstenartige Kugel, auf der menschliches Überleben nur unter einer übergestülpten Käseglocke mit künstlicher Atmosphäre überhaupt möglich ist. Menschliche Existenz lässt sich dort nur unter Bedingungen fristen, die denen von Kriminellen in einem Hochsicherheitsgefängnis nicht nur ähneln sondern sie an Härte noch übertreffen. Bisher ist es niemandem eingefallen, eine Hütte in den heißesten Teilen der Sahara zu errichten oder auf den kältesten Eisbergen in der Antarktis. Woher also der Überschwang, der selbst halbwegs vernünftig denkende Menschen dazu verleitet, sich die Zukunft in der lebensfeindlichen Hölle des Mars mit Hingabe auszumalen?

Diese Obsession, dieser seltsame Wahn lässt sich nur damit erklären, dass wir die Verdammnis mit dem Purpur der Hochtechnologie kaschieren.

Nirgendwo lässt sich so deutlich wie hier erfahren, wie sehr der moderne Mensch von Technik und Wissenschaft verhext und besessen ist. Er erklärt sich bereit, wie ein Sträfling unter unsäglichen Bedingungen zu vegetieren (das tägliche Leben auf den Raumstationen gleicht ja einer ähnlichen Tortur), sofern das nur im Namen von Wissenschaft und Technik geschieht, denn heute glauben die Menschen so an die Wissenschaft wie früher an einen seligmachenden Gott. Dieser irrationale Glaube behauptet sich selbst noch in einer Zeit, wo vieles uns darauf vorbereitet, dass unsere technische Zivilisation uns das Leben auf dem Planeten schon bald zur Hölle machen könnte.

Wenn eine Zeit sich an Idealen berauscht,

die für sie das Wunderbare repräsentieren, wird alles was diesen Rausch gefährdet und zur Ernüchterung führen könnte, verpönt, verspottet, als reaktionär oder „unwissenschaftlich“ diskreditiert – wobei das letztgenannte Urteil in einer wissenschaftshörigen, von Wissenschaft besessenen Zeit wohl als das härteste überhaupt gelten darf. Dabei kann die Ernüchterung von verschiedenen Seiten ausgehen. Sie kann in der vorsichtigen Relativierung eines herrschenden Absolutheitsanspruchs bestehen oder in einer radikalen Antithese. Ich möchte alles, was unter diese Ernüchterung fällt, in einem einzigen Begriff zusammenfassen, dem des Schattens.*1*

Der Schatten zum vorherrschenden

wissenschaftlichen Weltverständnis wird in erster Linie durch Religion, Schönheit, Geschichte und kritische Philosophie repräsentiert.

Dass Religion der Schatten des wissenschaftlichen Weltbildes ist – ihre radikale Antithese -, ist eine gut bekannte Tatsache der Geschichte. Das Weltbild der Wissenschaften ist eine Schöpfung der Aufklärung, und diese hatte das neue rationale Denken und Wissen von vornherein in einen schroffen Gegensatz nicht nur zum irrationalen Aberglauben sondern zu allem Glauben gesetzt, weil dieser durch Experiment und Beweis nicht zu erhärten ist. Mit anderen Worten: das neue Weltbild entwickelte sich im Kampf mit der Religion.

Eine radikale Antithese zum techno-wissenschaftlichen Weltbild bildet, wie zuvor bereits angedeutet, auch die Kunst, die nicht nur auf völlig anderen Voraussetzungen beruht sondern auch ganz andere Ziele verfolgt. Schönheit ist eine menschliche Kategorie – warum für die Menschen des Westens die Kunst eines Johann Sebastian Bach so bedeutsam ist, für die Chinesen aber die Peking Oper, lässt sich aus keinem Gesetz ableiten. Denn anders als das Gesetzeswissen von Technik und Wissenschaft entspringt Kunst menschlicher Freiheit und Wahl. So ist es nicht verwunderlich, dass sie im wissenschaftlichen Weltbild keine Heimat hat – aus der Alltagswirklichkeit als gestaltendes Prinzip ist sie deswegen auch nahezu völlig verschwunden. Weil Schönheit immer weniger zählt, werden Landschaften in Agrarwüsten, Wälder in Nutzhölzer verwandelt, überall weicht Schönheit dem Nutzen und dem Profit. Und dieselbe Missachtung des menschlichen Bedürfnisses nach Schönheit gilt ebenso für unsere Wohnstätten und Städte. Im besten Fall erfüllen diese die Forderung nach Nützlichkeit, weil sie Stätten der Produktion und Aufbewahrungsorte für Menschen sind.

Bloßer Nutzen und bloße Schönheit sind unversöhnliche Rivalen: je mehr Wissenschaft und Technik während der letzten drei Jahrhunderte im Vormarsch waren, umso stärker haben sie die Kunst an den Rand unseres Lebens und aus unseren Landschaften und Städten gedrängt. Schönheit ist in Theorie und Praxis eine radikale Antithese zu bloßer Nützlichkeit.

Nicht anders verhält es sich mit der Geschichte,

auch sie existiert nur noch als Schatten unserer wissenschaftsgläubigen Zeit. Eine Ausnahme – und zwar von charakteristischer Art – bildet nur die materielle, messbare Erforschung der Geschichte. Diese hat im Gegenteil gerade während der letzten Dezennien erstaunliche Fortschritte zu verzeichnen. Mit immer größerer Genauigkeit wird erforscht, an welchen Krankheiten die Steinzeit­menschen litten, wie früh sie starben, welche Waffen sie benutzten und wovon sie sich ernährten. Über die physisch-mate­riellen Bedingungen in der Vergangenheit haben wir mittlerweile ein nahezu unendliches, nicht mehr überschaubares und auf weiten Strecken nur noch für den Spezialisten interessantes Wissen erlangt. Was hingegen kaum mehr jemanden interessiert, weil es sich nicht messen und wissenschaftlich exakt darstellen lässt, sind das Denken, Fühlen und die Weltanschauung früherer Generationen, deren Erforschung im 19. Jahrhundert bis um die Mitte des zwanzigsten noch das Hauptinteresse gebildet hatten. Die heutige ganz auf das Materielle und Messbare versessene Forschung interessiert sich dafür so wenig wie ein junger Mensch unserer Zeit für das Wissen seiner Eltern – und zwar aus dem gleichen naheliegenden Grund. Aus technischer Sicht ist deren Wissen veraltet und überholt. Es zählt nicht länger, nur Menschen, die den letzten Stand der Technik beherrschen, verfügen über ein brauchbares, nützliches, verwertbares Wissen. Aus Sicht einer wissenschaftsgläubigen Welt sind das Denken und die Weltanschauung früherer Zeiten schlicht ohne Wert und daher belanglos.

Die beiden Schatten von Schönheit

und immaterieller Geistesgeschichte kann man sehr wohl als absolute Gegensätze zu unserer Zeit begreifen. Dagegen steht die kritische Philosophie nur in einem relativierenden Gegensatz zu ihr. Es liegt ihr fern – ja, sie würde es als unverzeihliche Dummheit erachten -, die Leistungen der Wissenschaft und die ihr zugrundeliegenden Voraussetzungen des Denkens zu schmälern oder gar zu verkennen. Die europäische Aufklärung ist eine der größten geistigen Umbrüche in der Geschichte des Menschen. Richtig und sinnvoll eingesetzt, könnte Wissenschaft ein Paradies auf Erden verwirklichen – genau wie die größten Aufklärer, allen voran der geniale, in den Wirren der Revolution umgekommene Mathematiker Marquis von Condorcet, sich das zu jener Zeit ja auch vorstellt hatten.

Allerdings fügt eine kritische Philosophie dieser Feststellung sogleich einen relativierenden Nachsatz hinzu. Auch die Religion hätte, richtig verstanden und sinnvoll eingesetzt, das Paradies auf Erden hervorbringen können. Hätte Christen die Feindesliebe des Neuen Testaments wörtlich verstanden, dann würde es keine Kriege mehr geben. Und das wäre sicher eine größere Annäherung an das Paradies gewesen als alle Erfindungen von Wissenschaft und Technik zusammen …

So wenig eine kritische Philosophie

die Religion in Bausch und Bogen verdammt, so sehr hütet sie sich vor der gegenteiligen Dummheit, indem sie Wissenschaft und Technik in Bausch und Bogen verklärt. Vielmehr sieht sie ihr Ziel darin, die Voraussetzungen unserer Verhexung durch Wissenschaft und Technik kritisch zu beleuchten und deren prinzipielle Grenzen aufzuzeigen – ein Bemühen, dass ich im Vorwort als „demokratische Antignosis“ bezeichnet habe.

Diese kritische Sicht, diese aufsässige Philosophie ist allerdings vorderhand auch nicht mehr als ein Schatten. Sie ist weder tot noch lebendig – ein Zombie, der von der zünftigen Wissenschaft mit äußerstem Misstrauen beargwöhnt wird. „Philosophie“, sagt der US-amerikanische Psychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker, „wird nicht mehr respektiert. Viele Wissenschaftler sehen darin ein Synonym für kraftlose Spekulation.“ Und an anderer Stelle: „(Amerikanische) Universitäten investieren immer weniger in Geisteswissenschaften. Seit 1960 ist deren Anteil auf die Hälfte geschrumpft, Gehälter und Arbeitsbedingungen stagnieren“ (Pinker 2003).

Warum, so fragt ein kritischer Leser

vielleicht an dieser Stelle, warum soll ich mich mit einem Schatten befassen, wenn das Licht, das die Wissenschaften seit mehr als zweihundert Jahren auf die Wirklichkeit werfen, so hell erstrahlt und die Menschheit zum ersten Mal aus ihrem vieltausendjährigen Schlummer gerissen hat?

Aber strahlt dieses Licht wirklich so hell? Wenn es stimmt, dass wir unsere Theorien an ihren Früchten erkennen und messen sollen, dann müsste unsere erste Frage doch lauten: was bieten uns Religion, Schönheit, Geschich­te und kritische Philosophie – und was bieten uns Wissenschaft und Technik? Ist das nicht die alles entscheidende Frage?

1 Diesem Begriff hat C. G. Jung eine spezielle Bedeutung gegeben. Ich fasse ihn hier als das verdrängte, vernachlässigte, entwertete Gegenstück zur offiziellen Wirklichkeitsdeutung auf.

Herr Ingenieur Karl Ernst Ehwald schreibt dazu folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner,

ich bitte um Entschuldigung, wenn die folgenden Zeilen, geschrieben von einem alten Industriephysiker ohne hinreichende philosophische Allgemeinbildung, vielleicht sehr anmaßend klingen. Dennoch will ich versuchen, einige kritische Gedanken zu Ihren sehr anregenden Betrachtungen über das Wunderbare in der uns umgebenden Natur, über das Verhältnis des wunderbaren menschlichen Intellekts zu derselben, über den scheinbaren Widerspruch zwischen Determinismus und Willensfreiheit, über das Wunder unserer Empfänglichkeit für Kunst, das Verhältnis von exakter Naturwissenschaft zur Philosophie und Religion sowie vor allem über die schrecklichen Gefahren, die von der unbegrenzten Nutzung unserer heutigen und künftige technischen Möglichkeiten ausgehen, zu formulieren. Ich konzentriere mich mit auf letzteres.

 Seit der Steinzeit  beeinflusst die Entwicklung der Technik entscheidend die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Formen des Zusammenlebens, der gegenseitigen Abhängigkeiten, die Stellung der Familie in der Gesellschaft, unsere Moralvorstellungen und auch das Verhältnis der Menschen zu traditionellen Werten, zu Kunst und Religion. Wie ich Ihnen schon an anderer Stelle andeutete, glaube ich, dass die seit Beginn des Industriezeitalters ungeheuer erfolgreiche, durch Konkurrenz angetriebene kapitalistische Wirtschaftsweise, bei der das Privateigentum unbegrenzt und heilig ist, heute in eine tödliche Sackgasse führen muss, da sie ohne ständiges Wachstum und ständig steigenden Ressourcenverbrauch nicht lebensfähig ist. Staatliche Reglementierung, Planwirtschaft und Beschränkung des Privateigentums sind meines Erachtens nötig, um langfristig einen globalen Kollaps zu verhindern, die Anwendung von „wunderbarer“ Wissenschaft und Technik sinnvoll zu beschränken. Die „zwar wenig kreativen, aber ziemlich stabilen sozialistischen Gesellschaften des Ostens“ nach 1945 zeigten zumindest eines: Abgesehen von der auf beiden Seiten des „eisernen Vorhangs“ betriebenen unsinnigen Hochrüstung waren sie weniger konsumorientiert, boten aber der Masse der Bevölkerung bezüglich der Teilnahme an  klassischer Literatur, Theater, Klassischer Musik, Volkskunst usw. verhältnismäßig viel und teilweise sehr hochwertiges. Die materialistische Ideologie war hierfür kein Hinderungsgrund. Die viel stärkere Einschränkung politischer und religiöser Freiheiten im Vergleich zum kapitalistischen Westen war die Kehrseite der Medaille. Kein Grund, eine nicht kapitalistische, aber leider auch zwangsweise stärker reglementierende Gesellschaft als Gegenentwurf zum Istzustand nicht wieder anzustreben als das kleinere Übel. Was das Verhältnis der Geisteswissenschaften zu den Naturwissenschaften betrifft, sehe ich keine unüberbrückbare Kluft. sondern häufig Missverständnisse durch in beiden Disziplinen unterschiedlich belegte Begriffsbestimmungen. Hierzu ein Artikel von meinem hochbegabten Studienfreund Prof D,E,Liebscher, der sich auch mit diesen Problemen mal beschäftigt hat, wenn vielleicht auch etwas einseitig vom Standpunkt des theoretischen Physikers. http://www.dierck-e-liebscher.de/lectures/wahres-schönes-gutes.pdf

 Ich habe ihm auch Ihre 3 Assays zum Wunderbaren weitergeleitet und will mit ihm darüber diskutieren.

Mit besten Grüßen

Karl Ernst Ehwald

Das Wunderbare und seine Feinde (2)

Demokratische Antignosis

In diesem Buch möchte ich den Leser dazu ermuntern, seinen Blick für das Wunderbare zu schärfen. Mein Vorgehen wird allerdings nicht darin bestehen, Autoritäten zu zitieren oder Behauptungen aufzustellen. Vielmehr soll meine Anleitung darin bestehen, das eigene Denken anzuregen. Selbständiges Denken ist das Vorrecht jedes Menschen, jeder kann sich darauf einlassen und jeder dabei gewinnen, wenn er sich in diesem Prozess von herrschenden Vorurteilen oder angesagten Tabus befreit.

Ausdrücklich appelliere ich daher an ein demokratisches Vermögen, denn das reine Denken ist keine Fähigkeit, welche Experten für sich beanspruchen dürfen. Das reine oder elementare Denken bildet jene intellektuelle Grundlage, die auch die Grundlage allen Expertenwissens bildet. Diese Tatsache gerät nur zu leicht aus dem Blick. Gewiss – um mit Sachverstand über irgendein Gebiet der Physik, Chemie, Astronomie etc. zu reden, bedarf es eines Studiums von mehreren Jahren, und auch dann bleibt das Wissen selbst des größten Gelehrten immer noch bruchstückhaft, so immens ist inzwischen der Bereich des auf allen Gebieten Wissbaren geworden. Seit Leibniz und Voltaire gibt es den Universalgelehrten nicht mehr; dafür ist jedes individuelle Gedächtnis zu klein. Doch die Prinzipien, die allem menschlichen Wissen – und eben auch allem Expertenwissen – zugrunde liegen, sind einfach und elementar und gehören zur Auffassungsgabe jedes Menschen. Genau deswegen sind die Wissenschaften ja für alle Menschen erlernbar – alle besitzen die dafür notwendigen Voraussetzungen der „reinen Vernunft“.

Diese elementaren Voraussetzungen

sind so universal, dass nach einem Untergang der gegenwärtig lebenden Menschheit eine neue Generation, die dann wieder vom Nullpunkt beginnen müsste, Wissenschaft in Theorie und Praxis von neuem hervorbringen würde. Alle konventionellen Festlegungen wie Länge, Gewicht, Zeit, Temperatur etc. würden möglicherweise anders festgelegt werden (schon heute unterscheiden sich Celsius von Fahrenheit, Zoll von Zentimetern usw.), aber nach Umrechnung dieser konventionellen Einheiten würden die Gesetze der Natur die gleiche Form wie zuvor besitzen, und zwar aus einem naheliegenden Grund: wir abstrahieren sie aus einer außerhalb von uns selbst, unabhängig von unserem Wünschen und Wollen bestehenden Wirklichkeit.

Es ist von entscheidender Bedeutung,

diese demokratische Grundlage menschlichen Denkens hervorzuheben, denn ihr gegenüber – und diese Grundlage oft genug leugnend – stehen Ansprüche der Macht, die es in der Wissenschaft ganz genauso gibt wie in allen übrigen menschlichen Tätigkeiten. Ich sagte schon, dass sich jeder lächerlich machen würde, der sich über Details der Quantentheorie verbreitet, ohne sich das entsprechende Wissen in jahrelangem Studium angeeignet zu haben. In einem solchen Fall ist Spott nur zu berechtigt. Er wird aber zu einem Machtmissbrauch, wenn Spezialisten sich dagegen wehren, dass der Generalist die elementaren, demokratischen Grundlagen der Erkenntnis erhellt, welche allem und deshalb auch seinem Wissen zugrunde liegen. Dann schreiben sie sich ein Monopol von Wahrheit und Erkenntnis zu, dass sie genau deshalb nicht haben können, weil die Grundlagen ihres Vorgehens im Denken aller Menschen angelegt sind.

Das reine oder elementare Denken,

das man früher einmal mit dem heute eher verbrauchten Begriff der Philosophie umschrieb – führt den Menschen nicht nur zu einer wissenschaftlich verstandenen Wirklichkeit, die ihm als objektive Instanz gegenübertritt, es führt ihn genauso auch zu sich selbst. Zwar kann er auch sich selbst auf wissenschaftliche Art verstehen, nämlich wie ein Objekt, da er aus demselben Stoff gemacht ist wie die ihn umgebende Natur. Für den Arzt ist mein Körper eine Maschine, die er aufgrund seiner physikalischen, chemischen, biologischen, neuronalen und psychologischen Kenntnisse zu diagnostizieren und unter Umständen zu reparieren vermag. Wenn er die Körper-Maschine wieder in ihren normalen Zustand zurückversetzt, sprechen wir von einer Heilung. Die Naturgesetze innerhalb meines Körpers unterscheiden sich nicht von den außerhalb vor mir geltenden. Deshalb haben hier Wunder ebenso wenig Platz wie in der uns umgebenden Natur. Ein Toter ist noch niemals auferstanden, ein abgeschlagener Kopf noch nie nachgewachsen, kein Mensch widersteht einem Kugelhagel.

Und doch treffen wir gerade hier auf das Wunderbare,

das den meisten Menschen nur deshalb verborgen bleibt, weil es ihnen so alltäglich, gewohnt und deshalb gewöhnlich erscheint. Die Wissenschaft geht davon aus, dass ein Stein sich in einem bestimmten Moment von der Felswand löst, weil ganz bestimmte, eindeutig festlegbare natürliche Ursachen dafür verantwortlich sind. Würden sie diese Ursachen vollständig kennen, dann wären sie in der Lage, in jedem Einzelfall genau vorhersagen zu können, wann und warum ein solches Ereignis geschieht. Auf jeden Fall können wir heute schon Ursachen und Wirkungen derart genau bestimmen, dass eine Rakete zum Mars sekundengenau gerade zu der Zeit und an dem Ort eintrifft, wie die Theorie es vorausgesagt hat. Dagegen vermag niemand – meist nicht einmal ich selbst – vorauszusagen, was ich in einer halben Stunde unternehmen werde.

Der Gegensatz zwischen dem Verhalten des Steins

und dem eines Menschen scheint auf den ersten Blick unüberbrückbar. Offenbar gehorcht der Stein sklavisch jenen Gesetzen, die wir in der gesamten Natur nachweisen. Er hat keinen eigenen Willen, keine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu verändern. Er wird ausschließlich von Kräften dirigiert, auf die er selbst keinen Einfluss hat – so die Sicht der klassischen Naturwissenschaft. Inzwischen lässt die Quantentheorie immerhin gewisse Zweifel an dieser Auffassung zu. Seit sie den Zufall einführte, spricht sie dem Stein (genauer gesagt, den Elementarteilchen, aus denen er besteht) eine gewisse Eigeninitiative zu, wenn auch eine unendlich kleine. Theoretisch ist es inzwischen durchaus denkbar, dass der Stein nicht nur sklavisch äußeren Gesetzen gehorcht sondern in Einzelfällen, die Initiative zu seinem Sturz von der Felswand bei ihm selbst liegen muss, weil einige seiner Atome durch ihre erratische, unvorhersehbare Bewegung den Sturz erst ermöglicht haben…

Wie der Stein unterliegen auch der Mensch und andere Lebewesen Tausenden von Abhängigkeiten. Fehlen Kalorien in ihrer Ernährung, sterben sie an Entkräftung, mangelt es an Kalzium, dann verkümmern ihre Knochen, sind sie einem Übermaß an ultravioletter Strahlung ausgesetzt, entstehen auf der menschlichen Haut krebsartige Melanome. Überdies sind wir uns nur selten bewusst, wie eng die Grenzbedingungen unserer Existenz auf diesem Planeten tatsächlich sind. Die Luft muss einen Mindestanteil an Sauerstoff besitzen und darf ein Maximum an CO2 oder Stickstoff nicht überschreiten. Noch dazu ist der Temperaturbereich, der uns und allen anderen Lebewesen das Überleben auf Gaia ermöglicht, ein sehr enger Korridor – und überhaupt spielt sich Leben nur in einem hauchdünnen, nicht mehr als zehn Kilometer umspannenden Bereich zwischen der harten Oberfläche des Erdballs und der umgebenden Unendlichkeit ab. So gesehen, schränken die Naturgesetze mögliches Leben radikal ein. Wir sind Teil der Natur und ihren Gesetzen so unausweichlich unterworfen, dass schon geringe Änderungen an den bestehenden physischen Parametern unsere Existenz auf dem Globus vollständig auslöschen könnten.

Doch das ist keineswegs alles

Auch wenn das Leben denselben Naturgesetzen unterliegt, schließen diese Gesetze Zufall und Freiheit nicht aus. Mit sinngelenktem Wollen greifen wir beständig in die Wirklichkeit um uns ein, um sie (zum Guten oder zum Bösen) nach eigenen Wünschen zu gestalten. Diese Veränderung geschieht nicht gegen die Gesetze der Natur, aber sie lässt sich auch keinesfalls aus ihnen herleiten oder begründen.

Dies ist das Wunderbare schlechthin, denn in einer Welt, wo alles Geschehen ausnahmslos gesetzmäßig determiniert verläuft, dürfte es ein derartiges Eingreifen des Wollens auf die Welt der äußeren Dinge eigentlich gar nicht geben. Haben wir nicht eben noch festgestellt, dass das Vorgehen des Wissenschaftlers darin besteht, die Wirklichkeit – unabhängig von eigenem Wollen und Wünschen – so zu beschreiben und zu erklären, wie sie „objektiv“ also tatsächlich ist? Aber wenn diese Tatsächlichkeit (außer im interstellaren Raum jenseits unseres Globus) gar nicht besteht, weil hier auf der Erde lebende Wesen durch ihr Wollen und Wünschen in einem fort in die Wirklichkeit eingreifen und sie gestalten, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild! Das Wollen – menschliches Wollen ebenso wie das unserer tierischen Mitbewohner – ist de facto eine wirklichkeitsgestaltende Kraft neben den Naturgesetzen. Noch dazu eine Kraft von so gewaltigem Ausmaß und so immenser Energie, dass sie uns in die Lage versetzt, unseren eigenen Lebensraum in ein Paradies zu verwandeln oder ihn umgekehrt so zu vergiften und zu zerstören, dass er für alles Leben schon bald unbewohnbar sein könnte.

Solchen Einsichten von der Macht menschlichen Wollens

braucht sich der wissenschaftliche Spezialist nicht zu verschließen, dennoch gehören sie nicht zu seinem und zu keinem anderen Fachgebiet – sie gehören zum reinen, elementaren Denken, das allen Menschen gemeinsam ist. Das Wunderbare führt nicht nur zu geistiger Expansion – wie gerade gezeigt, kann es auch das Schreckliche und Bedrohliche sein. Das ist der Grund, warum es uns zugleich zu begeistern und zu erschüttern vermag. Hier liegt auch der Grund, warum es überhaupt einen Sinn macht, sich mit so grundsätzlichen Fragen zu befassen. Der Spezialist, jeder Spezialist, beschäftigt sich mit bestimmten Problemen theoretischer oder praktischer Art. Dafür wird er geachtet und honoriert. Wenn seine Leistungen das übliche Maß bedeutend überschreiten, wird er unter Umständen sogar mit dem höchsten Preis ausgezeichnet, den die heutige Menschheit zu vergeben hat, mit dem Nobelpreis. Das wirft eine wichtige Frage auf.

Was leistet ein Generalist,

wenn er auf das reine elementare Denken zurückgreift, sozusagen auf die menschlichen Anfangsgründe im Umgang mit der Natur? Wir werden sehen, dass er auf etwas völlig anderes verweist: auf die Grenzen, welche die menschliche Erkenntnis nicht zu überschreiten vermag. Grenzen – das Wort stößt im ersten Augenblick ab. Da kann leicht der Eindruck entstehen, als würde der Erkenntnis ein schlechter Dienst erwiesen. Der gelehrten Wissensgewissheit, dem Unterwerfung heischenden Wissenshochmut, wie er in jeder und vor allem gerade in unserer Zeit existiert, hält er die Grenzpfähle entgegen, über die unser Wissen und die Erklärung des Wirklichen nicht hinausgelangen.

Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass demokratische Antignosis nicht etwa nur jene zeitbedingten Grenzen im Auge hat, wie sie in jeder Entwicklungsphase durch den Stand unseres jeweiligen Wissens bedingt sind. Nein, sie spricht von grundsätzlichen Grenzen, die sich aus der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens selbst ergeben. Einer Ameise trauen wir nicht zu, dass sie eine vollständige Theorie von der Welt besitzt, ihre Sinne und Intelligenz sind ausschließlich für ihren Lebensbereich gemacht. Nach geltender Lehre ist aber auch der Mensch ein Produkt der Evolution. Wir besitzen Sinne und einen geistigen Apparat, die für die Orientierung der für uns relevanten Wirklichkeits­bereiche gemacht sind. Daraus ergeben sich offenkundige Grenzen, die wir mit unseren Sinnen teilweise überschreiten, indem wir sie durch allerlei Instrumente gleichsam verlängern. Auch unsere Vernunft können wir durch Künstliche Intelligenz quantitativ erweitern, aber wir können sie nicht qualitativ verändern, denn dann würden wir als Menschen die Künstliche Intelligenz nicht länger verstehen.

Ich spreche von demokratischer Antignosis

als derjenigen Erkenntnis, welche die eigenen Grenzen nicht nur intuitiv beschreibt sondern deren Evidenz zwingend demonstriert.*1* Demokratisch ist diese Erkenntnis, weil sie die Grundlage allen spezialisierten Wissens bildet und daher jedermann zugänglich ist. Als „Antignosis“ bezeichne ich sie, weil sie keinesfalls identisch mit jener ähnlichen Lehre ist, die sich als Agnostizismus einer langen Geschichte rühmen darf. Agnostizismus besteht in dem meist zögernden Eingeständnis, dass wir vieles nicht wissen und vielleicht nicht einmal wissen können. Agnostizismus ist ein anderes Wort für Verzicht, und der wird immer nur als Mangel erlebt und verschafft keine Befriedigung.

Dagegen weiß die Antignosis sehr viel mehr als der Agnostizismus. Sie zeigt nämlich auf, nein, sie beweist mit den Mitteln des reinen Denkens, dass menschliche Erkenntnis prinzipiell begrenzt ist, sodass wir vieles grundsätzlich nicht wissen können. Doch ist das keineswegs ein Verzicht. Es wird sich zeigen, dass darin keine Beschränkung liegt sondern die Rückkehr zu einer von Vorurteilen der Hybris befreiten Welt. Denn im Umkehrschluss zeigt die demokratische Antignosis, dass wir in einer Welt, die wir völlig enträtselt haben, weder leben könnten noch leben wollen. Eine solche Welt würde alle Horizonte blockieren und alls Freiheit ersticken. Dass eine demokratische Antignosis nebenbei auch den Hochmut der Experten in seine Schranken weist, mag manchem als erwünschte Nebenwirkung erscheinen.

1 Ich brauche nicht zu betonen, dass ich die Begriffe Gnosis und Antignosis in ihrem ursprünglichen Sinn verwende. Gnosis ist das griechische Wort für Erkenntnis, also nicht nur einer bestimmten Art der Gotteserkenntnis, welche um die Zeitwende entstand. Unter radikaler Gnosis verstehe ich den Anspruch der Wissenschaftsreligion, die göttliche Allwissenheit für den Menschen zu reklamieren. Antignosis wird damit zu einer Aufgabe einer kritischen Deutung menschlicher Erkenntnis. Wenn sie streng verfährt, dann wird daraus eine kritische wissenschaftliche Selbstreflexion.

Prof. Siegfried Wendt schreibt mir:

Lieber Herr Jenner,

beim Lesen Ihres sehr einleuchtenden Textes musste ich doch auch an die Aussage des Komödienautors und Schauspielers Curt Götz denken, der gesagt hat: „Allen ist das Denken erlaubt – vielen bleibt es erspart.“

Mit herzlichem Gruß

Siegfried Wendt

Prof. Michael Kilian schickt mir folgende Mail:

Lieber Herr Dr. Jenner,
herzlichen Dank für die Fortsetzung Ihres schönen Beitrags.
Wie sagt Shakespeare: „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt“.
Und die Bibel: Was hülfe es dem Menschen, wenn er alle Welt gewönne (= auch das Weltwissen) und nähme doch Schaden an seiner Seele. 

Anbei eine kleine Gegengabe aus jüngster Zeit, Ihr Michael Kilian 

Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Vorwort

Dieses Buch ist eines nicht: ein esoterischer Versuch, dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltverständnis unserer Zeit eine neo-obskurantistische Theorie von Wundern entgegenzusetzen. Ein Wunder nach klassischem Verständnis wäre es, wenn sich in einem Friedhof Sargdeckel plötzlich heben und Tote auferstehen. Ein Wunder wäre es auch, wenn aus einem Hühnerei unversehens ein Adler schlüpft, Wasser sich in Wein verwandelt, Gott aus einem brennenden Dornbusch tritt oder es einem Zauberer gelänge, ein Naturgesetz der Physik durch bloße Geistesmacht außer Kraft zu setzen.

Solche und noch viel abenteuerlichere Wunder haben Religionen überall auf der Welt ihren jeweiligen Gottheiten zugeschrieben – und ihre Anhänger haben ihnen inbrünstig geglaubt. Heute ist das nicht länger der Fall. Spätestens seit der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Wissenschaft solche Behauptungen unnachsichtig verspottet und als Aberglauben zurückgewiesen. An dieser Auffassung wird in diesem Buch festgehalten – auch wenn sich zeigen wird, dass die Wissenschaften, wie schon Karl Popper zeigte, keineswegs gegen die Versuchung gefeit sind, ihrerseits mit dem (Aber-)Glauben zu flirten…

Grundsätzlich anders verhält es sich mit dem Wunderbaren

Dieses ist in Wahrheit allgegenwärtig, nur dass die Routine des Alltags die meisten Menschen dafür nahezu vollständig erblinden ließ. In einem fort wird ihnen eingeredet, dass nur der Dumme über die Erscheinungen dieser Welt erstaunt. Ein wissenschaftlich aufgeklärter, gebildeter Mensch wisse, dass in der Natur alles auf die allernatürlichste Weise geschehe. Ein Dichter, Saint-Exupéry, musste den Kleinen Prinzen auf einen Asteroiden versetzen, um uns, den Menschen, die eigene, unglaubliche Situation in den Weiten des Alls wieder bewusst zu machen. Immanuel Kant musste den Sternenhimmel beschwören und das moralische Gesetz in der eigenen Brust, um dem Geheimnis des Lebens neuerlich zu begegnen und seine Leser zum Erschauern zu bringen. Das allerdings hielt er nicht lange durch; gleich darauf war Kant wieder bemüht, das Geheimnis in bannende Formeln zu pressen. Das Erschauern vor einer Wirklichkeit, die mächtiger ist als menschliche Vernunft, die sie zähmen will, ist das Privileg von geistiger Offenheit. Diese öffnet die Augen für Geheimnisse, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte zu enträtseln sucht und bis heute niemals zu enträtseln vermochte. Anders gesagt, öffnet sie die Augen für das Wunderbare der menschlichen Existenz.

Wer sich diesem Geheimnis ohne Scheuklappen stellt,

der ist sich bewusst, dass uns DIE WAHRHEIT unerreichbar bleibt, auch wenn sich uns unendlich viele Teilwahrheiten erschließen. Das wissenschaftlich gesicherte Fakten- und Gesetzeswissen ist nach zwei Jahrhunderten industrieller Revolution zu einem reißenden Strom angeschwollen, der von Tag zu Tag breiter wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als wäre der moderne Mensch gerade im Begriff, auch noch die letzten Rätsel seines Daseins zu lösen. Anderseits gibt es zu denken, dass er von dieser Überzeugung bereits vor mehr als hundert Jahren durchdrungen war, als sein Wissen ungleich geringer als heute war. 1899 veröffentlichte Ernst Haeckel ein Buch mit dem Titel Die Welträthsel. Da behauptete der Autor nicht mehr und nicht weniger, als dass alle Geheimnisse dieser Welt von der Wissenschaft bereits grundsätzlich gelöst worden seien. Nur was das kantische „Ding an sich“ eigentlich sei, bleibe ein Rätsel; das aber könne man wohl damit erklären, dass dieses seltsame Dinge eine bloße Erfindung ist.

An Haeckels Buch – dem mit Abstand größten populärwissenschaftlichen Erfolg der deutschen Buchgeschichte – ist zu erkennen, dass die behauptete Enträtselung wenig bis gar nichts mit dem Umfang des tatsächlichen vorhandenen empirischen Wissens einer Zeit und eines Autors zu tun hat. Diese erstaunliche Erkenntnis wird uns schlagartig zu Bewusstsein gebracht, wenn wir einen noch viel größeren Sprung vollziehen, nämlich in die Vergangenheit vor zweieinhalbtausend Jahre. Damals waren die beiden griechischen Philosophen Demokrit und Leukipp zutiefst davon überzeugt, das gesamte Weltgeschehen auf die unterschiedlichen Relationen von kleinsten materiellen Teilchen, die sie „Atome“ nannten, zurückführen und vollständig erklären zu können. Sie setzten eine mechanistische Religion in die Welt, um mit ihr die Götter und zusammen mit diesen auch gleich noch den sinnenden, wollenden Menschen zu entsorgen. Schon damals, als menschliches Wissen im Vergleich zum heutigen nahe bei null lag, nahmen sie die berühmt-berüchtigte Formel von Laplace ahnend vorweg (vgl. Kap. Wissenschaftsreligion: die Entzauberung von Mensch und Natur).

Nicht erst die moderne Wissenschaft

hat den Wunsch nach gottgleichem Wissen zum Vater des Gedankens gemacht. Ganz gleich wie groß oder beschränkt das tatsächliche Wissen war, immer gab es tollkühne Theoretiker, die sich imstande wähnten, jenen Sessel irgendwo im All zu besetzen, auf dem der Mensch zuvor den göttlichen Schöpfer der Welt thronen sah. Hätten sie diesen Anspruch auf die erfolgreiche Lösung aller Rätsel zu Recht erhoben, dann wäre es dem Menschen nicht nur gelungen, das Wunder sondern auch noch das Wunderbare für alle Zeit zu verbannen – als entsorgte Antiquität unaufge­klärter Köpfe. Welches Geheimnis bleibt denn noch, wenn wir die Welt restlos entziffern, sie vollständig in Formeln beschreiben und mit ihrer Hilfe die Zukunft entschlüsseln, um dann menschliches Handeln ebenso verlässlich wie die Bahnen der Planeten voraussagen zu können?

In Wahrheit haben wir es

mit einer bloßen Wunschvorstellung zu tun; ich werde von „Wissenschaftsreligion“ sprechen. Gerade die größten Wissenschaftler sind sich bewusst, dass ein gelöstes Problem sofort ein Dutzend neue Probleme beschwört. Je heller der Strahl, den der erkennende Geist in das ihn umgehende Dunkel wirft, desto mehr weiten sich die Räume, die dieser Lichtkegel erfasst – desto mehr dehnt sich daher auch das Dunkel aus, das sich jenseits dieses Lichtkegels befindet. Wissenschaft ist der Versuch, mit den endlichen Mitteln der erkennenden Vernunft in das Unendliche vorzustoßen. Das Wunderbare wird auf diese Weise niemals erschöpft.

Und Wissenschaft ist bekanntlich

nicht die einzige Art und Weise, wie wir uns der uns umgebenden Wirklichkeit nähern. Sie kann es nicht sein, da sie nur dem intellektuell-erkennenden Vermögen Entfaltung bietet. Gefühle und Empfindungen dürfen dabei prinzipiell keine Rolle spielen, denn sie sind lediglich „subjektiv“ – an das jeweilige Wünschen und Wollen gebunden. Die wissenschaftliche Wahrheit aber soll grundsätzlich unabhängig von unserem Wünschen und Wollen sein, sie soll die uns gegenüberstehende Wirklichkeit „objektiv“ erfassen, also gleichgültig davon, ob diese uns emotional berührt oder nicht. Ein Stück Traubenzucker auf meiner Zunge kann Entzücken bewirken, die chemische Formel C6H12O6 aber lässt meine Gefühle kalt. Denn die Formel geht ausschließlich aus den Forderungen des analytischen Verstandes hervor. Daher hat Wissenschaft für den Menschen nur einen instrumentellen Wert (obwohl der Akt der Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ihren Urheber sehr wohl emotional sehr stark bewegen kann). Sie gibt uns Sicherheit im Umgang mit den Dingen der Welt; ihre größten Erfolge erzielt sie, wenn sie uns erlaubt, die Zukunft aufgrund unseres Wissens zu planen oder vorauszusagen. Nur auf indirekte Art steht auch sie damit im Dienste menschlicher Gefühle, denn Sicherheit gehört zu den elementaren Bedürfnissen, da sie uns von der Angst vor dem Unplanbaren, dem Unberechen- und dem Unvorhersehbaren befreit.

Dennoch wäre der Mensch der Fülle

seines Menschseins beraubt, wenn es für ihn nur Wissenschaft gäbe, also die Anwendung seiner analytischen Fähigkeiten, um die Wirklichkeit objektiv zu beschreiben – ohne Ansehen der eigenen Gefühle. Außer der wissenschaftlichen gibt es noch eine zweite Art, mit Wirklichkeit umzugehen; diese ist von der wissenschaftlichen radikal unterschieden. Auch dabei haben wir es aber mit einer Form der Erkenntnis zu tun, nur eben einer ganz anders gearteten. Statt vorhandene Wirklichkeit zu entschlüsseln, besteht diese Erkenntnis darin, dass sie Wirklichkeit selbsttätig hervorbringt. Sie kreiert ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit statt sie nur zu erkennen.

Natürlich spreche ich von der Kunst

In ihr manifestiert sich nicht etwa das Wunder – das wurde von den Wissenschaften zu Recht entsorgt – sondern das Wunderbare. Auch wenn Kunst keineswegs mit dem Schönen identisch ist (darüber wird noch zu sprechen sein), besteht sie doch sehr oft in dessen Hervorbringung. Schönheit ist keine Beschreibung des Wirklichen aufgrund intellektueller Analyse, sie ist schon gar keine emotional unbeteiligte Zeugenschaft. Schönheit ist die Projektion unserer intellektuellen zusammen mit unseren emotionalen Kräften, um neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Kunst macht uns zu Schöpfern, weil das Schöne eine neue Wahrheit und Wirklichkeit ist, die sich aus der vorhandenen nicht ablesen lässt, sondern unmittelbar aus dem Inneren des Menschen, aus seinem Hirn und seinem Herzen, stammt. Wissenschaft hingegen ist keine neue Wahrheit sondern Wahrheit, die sich darauf be­schränkt, in zugleich analytischer und generalisierender Form zu erfassen, was in der Wirklichkeit objektiv in unendlich vielen Einzelereignissen bereits vorhanden ist. Ein Naturgesetz ist keine Erfindung des Menschen – sie ist Findung von etwas bereits Daseiendem.

Greifen wir willkürlich eines von unendlich vielen Beispielen

für das Schöne heraus: Beethovens neunte Symphonie. Aus wissenschaftlicher Perspektive begreifen wir mühelos, warum uns die Zuführung von Kalorien am Leben erhält. Aber wie sollen wir begreifen, dass bloße Schwingungen der Luft, erzeugt von einem Blasen durch Röhren und das Kratzen von Rosshaaren auf metallischen Saiten – denn aus nichts anderem besteht diese wie auch alle anderen Symphonien – uns in Ekstase versetzen können. Das ist und bleibt ein unlösbares Geheimnis: Inbegriff des Schönen und eben des Wunderbaren. Wir brauchen keine Aufhebung der Naturgesetze, wir benötigen kein Wunder, damit uns dieses Geheimnis erschüttert. Wir brauchen nur auf das lächelnde Gesicht eines Menschen zu blicken, wenn er, von Rhythmus und Melodie bezwungen, etwas Unsichtbares, Ungreifbares erfährt, das ihn stärker berührt als die alltäglichen Akte seiner physischen Existenz.

Aus physikalischer Perspektive sind bloße Schwingungen von Luftmolekülen nahezu irreal. Dennoch kann ihre Wirkung so überwältigend sein, dass manche von uns ihr tägliches Leben überhaupt nur deswegen ertragen, weil sie die Musik zeitweise in eine andere, höhere Daseinsform katapultiert – in das Wunderbare. Auch das ist offenbar eine Form der Erkenntnis, denn sie prägt uns selbst ebenso wie unser Erleben der äußeren Dinge. Die Welt verwandelt sich für uns durch die Erfahrung des Schönen.

Die Berührung mit dem Wunderbaren

macht den Alltag erträglich, sie verzaubert die Wirklichkeit. Andererseits ist deren Entzauberung dafür verantwortlich, dass vielen Menschen das eigene Leben und die umgebende Welt nur schwer erträglich erscheinen. Hat man den Wissenschaften zu Recht vorgeworfen, dass sie dafür verantwortlich sind, weil sie die Welt entzaubern?

Nein, so einfach ist es gewiss nicht. Nur teilweise ist es richtig, wenn wir die Wissenschaften für diese Ernüchterung verantwortlich machen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie der Welt viel von ihrem Zauber genommen haben. Vor William Harvey (1578 – 1657) war das Herz ein geheimnisvolles Organ – für viele Völker und Zeiten der Sitz übernatürlicher Kräfte. Nach Harvey war das Herz nur noch eine Pumpe. Das war einerseits ein gewaltiger Erkenntnissprung – Ausweitung von überprüfbarer Wahrheit, andererseits war es ein emotionaler Verlust: eine Pumpe eignet sich nicht länger für ausschweifende poetische Gleichnisse. Für die Dichtung war das Herz seitdem entzaubert, verloren. Dieselbe Banalisierung der Wirklichkeit aufgrund der sukzessiven Wahrheitsfortschritte des analytischen Verstandes betraf bald immer größere Bereiche der uns umgebenden Welt, z.B. die Himmels­körper. Bis zum Aufkommen der modernen Astronomie und der Spektroskopie galten Planeten und Sterne als Sitze der Götter oder wurden sogar als deren Verkörperung gesehen. Heute sind sie nur noch fliegende Klumpen von unterschiedlicher chemischer Struktur. Für unsere Gefühle sind sie erkaltet. Einen Auf­enthalt auf einem dieser trostlosen Gebilde würden wir selbst unseren ärgsten Feinden nicht wünschen, geschweige denn den Göttern (sofern wir noch an sie glauben).

Was für eine radikale Entzauberung! Wenn wir um uns blicken, dann sehen wir, dass die wissenschaftliche Erklärung sich wie ein grauer Mehltau auf die Dinge legte und sie ihrer Poesie beraubte. Das Herz wurde zur Pumpe, die gesamte uns umgebende Wirklichkeit zu einer Maschine von mehr oder weniger großer Komplexität.

Doch etwa seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts

ist etwas Seltsames, eher Unerwartetes, geschehen. Durch die Quantenphysik wurde die Physik so außerordentlich komplex, dass ihre Theorien und Produkte uns genau deswegen wieder mit einer Art Zauber berühren. Newtons allgemeine Himmelsmechanik, welche die Bewegung von Sternen ebenso wie die eines Apfels auf unserem Planeten beschreibt, war (fast) für jedermann verständlich. In ihrer mechanischen Verlässlichkeit wirkte sie einerseits als Offenbarung für den forschenden Intellekt, andererseits als kalte Ernüchterung für das Gefühl. In dem bis dahin von Leben durchpulsten Kosmos vermochte der Mensch nach Newton nur noch ein großes Uhrwerk zu sehen, das man zwar verstehen aber nicht lieben konnte. Wer liebt schon ein so totes Ding wie einen nach sturen Regeln funktionierenden Mechanismus?

Doch 1900 entwarf Max Planck die Grundidee der Quantenmechanik und eineinhalb Jahrzehnte später trat Albert Einstein mit der Allgemeinen Relativitätstheorie auf den Plan. Wie ihre größten Kenner übereinstimmend verkünden, lässt sich die Quantentheorie nicht mehr anschaulich machen und auf diese Weise verstehen – die Wirklichkeit des Atoms entspricht nicht mehr der Wirklichkeit der Mittleren Welt, in der wir leben (vgl. Kap. Die verpasste Revolution der Quantenphysik).

Dieses Versagen der menschlichen Anschauung gegenüber der fremdartigen Wirklichkeit des Allerkleinsten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das Bild der Natur von einem Uhrwerk und toter Mechanik hatte damit auf einmal ausgedient. Plötzlich war das Rätsel zurückgekehrt, denn für die Naturwissenschaft gibt es kein größeres Geheimnis, als wenn sie zugeben muss, die Welt nicht länger erklären zu können (selbst wenn sie sich immer noch manipulieren lässt – sonst wäre die neue Theorie überhaupt überflüssig). So dürfen wir heute behaupten, dass gerade die königliche Disziplin der Wissenschaften, die Physik, die Natur zwar einerseits radikal entzauberte, ihr andererseits aber auch wieder etwas von ihrem Rätsel zurückgab – Nichtverstehen ist identisch mit dem Geheimnis.

Diese Wiederverzauberung gilt nicht nur für die Theorie,

sie gilt auch für viele moderne Produkte, die wir ihr zu verdanken haben. Wir brauchen nur an Computer oder Handys zu denken, um uns davon einen Begriff zu machen. Die Menschen wären ihnen nicht so verfallen, sie würden nicht so süchtig mit diesen Dingen arbeiten und spielen, wenn diese Geräte ihnen nicht geheimnisvoll und geradezu unerschöpflich erscheinen würden. Wie ein klassisches Telefon funktioniert, war auch für den Laien noch leicht zu begreifen. Es hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die Übertragung von Sprache; darin erschöpfte sich sein Gebrauch. Ein Smartphone aber bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle dieser und anderer Funktionen; es stellt nicht nur eine intellektuelle Herausforderung dar sondern hält darüber hinaus auch noch die Gefühle in Bann, wenn seine Nutzer sich in aufregenden Spielen verlieren. Für viele Menschen fällt die neueste Wissenschaft hier plötzlich wieder mit der ältesten Magie und Zauberei zusammen, denn allenfalls einer von tausend weiß, wie solche Geräte tatsächlich funktionieren.

Wir leben in einer paradoxen Zeit

Ich sagte gerade, dass die Kunst neue, nie dagewesene Wirklichkeiten erschafft, während die Wissenschaft bestehende Wirklichkeiten beschreibt. Diese Feststellung scheint logisch unanfechtbar, sie scheint den Tatsachen aber dennoch zu widersprechen. Zwar trifft es zweifellos zu, dass bis ins 18. Jahrhundert die Gestaltung der Wirklichkeit überall in der Welt überwiegend durch die Kunst erfolgte. Tempel und Kathedralen, Gärten und Schlösser sind die sichtbarsten Beispiele für diese Transformation der Wirklichkeit durch den Menschen. Rechnet man noch den Bereich des Unsichtbaren hinzu, nämlich Musik und Dichtung, dann ist die Evidenz für die wirklichkeitsgestaltende Macht der Kunst überwältigend.

Doch diese Macht der Kunst über die Wirklichkeit wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts gebrochen. Seitdem sind es die Produkte der Wissenschaften, welche die uns umgehende Natur so stark verwandeln, dass die Menschen früherer Zeiten ihre damalige Welt in der heutigen kaum mehr wiedererkennen würden. Es sind Tausende neuer durch Wissenschaft hervorgebrachte Apparate – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und Tausende von Fabriken zu deren Herstellung, die das Aussehen unserer Städte und Landschaften ebenso bestimmen wie unser tägliches Leben. Offenbar besteht die eigentliche, die für jedermann sichtbare Leistung der Wissenschaften nicht darin, dass sie die Ordnung der Natur an ihren Gesetzen objektiv richtig beschreiben, sondern dass sie die Natur auf eine nie dagewesene Art in kurzer Zeit radikal transformieren – weit umfassender als das jemals die Kunst vermochte.

Wie passt das zusammen: Wissenschaft als die Gesamtheit

aller objektiven (für jedermann nachprüfbaren) Aussagen über die uns umgebende Welt einerseits und auf der anderen Seite Wissenschaft als das bisher wirksamste Instrument zur Erschaffung neuer, nie dagewesener Wirklichkeiten, also als ein Instrument zur Entfesselung menschlicher Freiheit?

Wie wir noch sehen werden, passt das überhaupt nicht zusammen, sondern wir stoßen gerade hier auf das Wunderbare, das Wissenschaft selbst nicht zu erklären vermag. Die Entfesselung menschlicher Freiheit durch eine Wissenschaft, welche Freiheit ganz leugnet oder sie mit einem sinnlosen Zufall identifiziert, ist das vielleicht größte Paradox unserer Zeit (siehe Kap. Demokratische Antignosis in unserer Zeit).

So gesehen ist es ein eher bescheidenes Paradox,

dass die talentiertesten und ehrgeizigsten Köpfe seit mindestens einem Jahrhundert in die Wissenschaften drängen, und zwar in die Wissenschaften von der Natur, weil deren Nutzen für die Steigerung von Reichtum, Macht und Ansehen eines Staates so evident sind. Dagegen verkümmern die Kunst und die Wissenschaften des Geistes schon seit Jahrzehnten. Sie werden an immer kürzerer Leine gehalten, weil ihr materieller Nutzen vergleichsweise begrenzt ist.

Welch ein Gegensatz zur Vergangenheit? Während Geist und Talent vor fünfhundert Jahren zu den Künsten strebten und Italien zu dem Wunder machten, das es aufgrund so vieler Zeugnisse der Schönheit bis heute geblieben ist, widmen die herausragenden Köpfe der heutigen Zeit ihre ganze Kraft den Naturwissenschaften und allem, was mit diesen zusammenhängt. Doch die Wissenschaften erzeugen zwar intellektuelle Fülle, sie steigern das analytische Vermögen und verwandeln uns in Verstandesmenschen mit steigendem Intelligenzquotienten, aber sie hinterlassen eine spirituelle und emotionale Leere, da sie das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Wärme und spiritueller Geborgenheit nicht befriedigen. In ihrer theoretischen Grundlegung haben sie keinen Platz für ethisches Sollen und ästhetische Schönheit. Was den Menschen als ganzen am meisten betrifft, das entzieht sich ihrem Zugriff und ihrem Interesse (so kunstsinnig einzelne Wissenschaftler persönlich auch gewesen sein mögen und oft heute noch sind). Wir verstehen zwar, warum Wunder keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltanschauung haben. Wenn die Gesetze der Natur per definitionem ewig und unverbrüchlich sind, dann stellt ihre Durchbrechung einen logischen Widersinn dar. Aber warum ist seit dem Aufkommen der Wissenschaften auch das Wunderbare ganz aus dem Blickfeld verschwunden? Mit Logik ist diese Tatsache nicht zu begründen – sie gehört zu den Vorurteilen der Wissenschaft als einer neuen säkularisierten Religion.

Diese Vorurteile aufzudecken, ist keine Aufgabe für Experten, die ja eher bestrebt sind, ihr Wissen wie ein Monopol zu verwalten. Sie ist eine Aufgabe jenes menschlichen Grundvermögens, das Kant als „reine Vernunft“ bezeichnet hatte. Ich werde im nächsten Kapitel von „demokratischer Antignosis“ sprechen.

Der Soziologe Dr. Alexander Dill schreibt dazu Folgendes:

Lieber Herr Jenner

Ich entdecke bei Ihnen zunehmend mein eigenes Denken, eine romantische und arg selbstverliebte Skepsis gegenüber der vermeintlichen Aufklärung, so, wie einst die Frankfurter Schule, dann Peter Sloterdjik und die postmodernen Franzosen. Bei Ihnen kommt das eher British daher. Sehr fashionable und highly sophisticated. Das Wunderbare ist ja auch das Unwahrscheinlichste, nämlich die eigene Existenz. Da wir wenig bis nichts über das Wissen wissen (Wissen kann man übrigens nicht googeln), steht das Wunderbare in der heroischen Reihe der großen Rätsel, zusammen mit Gott, dem Anderen, dem Du, der Zeit und der Unendlichkeit. Dazu gibt es ein längeres Video mit mir aus der Schweiz, in dem ich eine Geschichte des Wissens als Einleitung biete: https://www.youtube.com/watch?v=Ey9MSXOPijk.

Wunderbar ist auch, dass Fritz Goergen hier mitliest, der mich unter seinem vorigen Namen Fritz Fliszar als Doktorstipendiat in die Friedrich Naumann Stiftung aufnahm.

Herzlicher Gruß Ihres Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

wenn es uns gelänge, eine Diskussion über die Sache zu führen, indem Sie mich – je nachdem – loben, heftig kritisieren, eigene Vorschläge vorbringen usw., dann würde ich das sehr begrüßen, denn das Thema liegt zweifellos in der Luft. Aber hüten wir uns, einander Etiketten aufzudrücken (Romantiker mit britischer Orientierung, Epigone der Frankfurter Schule etc.). Daran denke ich nämlich, wenn ich über die Feinde des Wunderbaren rede. Für die gibt es nichts, was sie nicht verstehen, weil sie die gesamte Wirklichkeit sorgfältig in etikettierten Schubladen abgelegt haben. Wenn man solchen Leuten begegnet, wird aus jeder Diskussion eine Art von Beauty Contest, ein Ego-Gefecht, wo jeder der oder die Schönste bzw. Intelligenteste sein möchte. Will man die Wirklichkeit als das erfahren, was sie in Wahrheit ist, dann muss man erst einmal die Ego-Blase sprengen, in der man „arg selbstverliebt“ gefangen ist (a propos, Sie wissen natürlich, wie verbreitet die Neigung ist, anderen genau jene Fehler zuzuschreiben, die man an sich selbst entdeckt). Übrigens kommen solche eher psychologischen Abschweifungen in meinem Buch eher selten vor. Es geht um elementare Logik – demokratische Antignosis – wie ich das nenne.

(Ihr Youtube Video ist leider akustisch schlecht aufgenommen, zum Teil schwer zu verstehen)

Herzliche Grüße

Gero Jenner

Der Schauspieler Fritz Stavenhagen schreibt:

Sehr geehrter Herr Jenner,
seit etlichen Jahren erhalte, lese und genieße ich Ihre Abhandlungen zu politischen, historischen, philosophischen Themen. Zum Wunderbaren Ihrer letzten ist mir eingefallen, dass ich zu der von Ihnen angesprochenen Entzauberung der Wirklichkeit durch die Naturwissenschaften im Rahmen meiner kleinen „Einführung in die Lyrik“ speziell zur Herzproblematik einiges gefunden und referiert habe, das die ausschließliche Funktion des Herzens als Pumpe in Frage stellt, wenn nicht widerlegt. Ich bin nicht Wissenschaftler sondern Künstler geworden. So haben mich die Forschungen und Erkenntnisse der Kardiologen nicht nur brennend interessiert, sondern auch zutiefst befriedigt und bestätigt. Ich erlaube mir, Ihnen mein Büchlein anzuhängen und möchte insbesondere auf das letzte Kapitel verweisen (Seite 74ff).

Mit den besten Grüßen 
Fritz Stavenhagen

Peter Michael Lingens – ehrlich oder doch nur „seriös“?

In Deutschland kennen allenfalls einige Eingeweihte Peter Michael Lingens oder die Wiener Wochenzeitschrift „Der Falter“, in der er als hochgeachteter Journalist seine wöchentlichen Beiträge schreibt. Das Problem von Seriosität und Ehrlichkeit ist nördlich der Alpen aber nicht weniger akut. Man könnte es, so scheint mir, geradezu als eines der Hauptprobleme unserer Zeit ansehen. So gesehen ist es mehr als dem bloßen Zufall geschuldet, dass ich gerade dieses Blatt und den genannten Autor wähle, um ein grundsätzliches Problem aufzuzeigen.

Ohne Übertreibung darf man behaupten,

dass der Wiener Falter für die österreichische Demokratie eine lebenswichtige Aufgabe erfüllt – er stemmt sich mit aller Kraft gegen die Orban-isierung des Landes. Sebastian Kurz, der derzeitige Kanzler der Republik, zeichnet sich durch überlegene Intelligenz, souveränes Auftreten und, so würde ich sagen, sogar durch persönliches Charisma aus. Das verleiht seiner Politik ein besonderes Gewicht, denn er hat aus seiner Bewunderung für Orban, den ungarischen Potentaten jenseits der Grenze, nie ein Geheimnis gemacht. Natürlich ist dieser Kanzler viel zu intelligent, um sich offen für eine „illiberale Demokratie“ auszusprechen, aber in der Praxis geht er genau in diesem Sinne vor. Während seine Regierung alle ihr gefälligen Printmedien mit großzügigen Anzeigen fördert, man kann auch sagen, besticht und durch Bestechung gefügig macht (ein demokratiepolitischer Skandal, denn sie tut das natürlich auf Kosten der Steuerzahler) ist der Falter auf die Einnahmen durch die verkauften Exemplare angewiesen. Man kann sich denken, wie prekär auch in diesem Fall die Stellung des kritischen Geistes ist.

Die Artikel von Peter Michael Lingens

habe ich immer mit besonderer Aufmerksamkeit und oft auch mit Bewunderung gelesen, weil er zu der bedrohten Spezies jener Journalisten gehört, die außer den beiden Kontrastfarben Schwarz und Weiß auch noch die dazwischenliegenden Grautöne erkennen. Die eigenen Gesinnungsgenossen in den Himmel zu loben, Andersdenkende zu schmähen oder sie in die Hölle zu verdammen – das ist die große Leidenschaft unserer Zeit. Aber das ist nicht Peter Lingens Sache. Er bemüht sich um Gerechtigkeit – genau das macht ihn in meinen Augen so liebenswert. In diesem Bestreben geht er manchmal sogar bis an die Grenzen des Zumutbaren. So etwa hat er in mehreren seiner Artikel die Wirtschaftspolitik eines Donald Trump ausdrücklich gelobt. Wer nicht weiß, dass er den pathologischen Lügner genauso verurteilt wie die anderen Autoren des Blattes, hätte diese Stellungnahmen bei oberflächlicher Lektüre als einen Sympathiebeweis auffassen können. Auch wenn er über die Türkis-Schwarzen in der derzeitigen Regierung spricht, lässt er sich diesen Sinn für Gerechtigkeit nicht durch Protest vernebeln. Lingens erinnert seine Leser daran, dass auch die Sozialdemokraten, als sie die Macht besaßen, keineswegs zimperlich vorgegangen waren. Peter Lingens wird in seinen Stellungnahmen zur Politik gerade dadurch so glaubwürdig, dass sein Sinn für Gerechtigkeit ihn stets daran mahnt, auch die Schwächen jener aufzuzeigen, denen seine eigentliche Sympathie gehört.

Dennoch: seine Ehrlichkeit hat Grenzen

und diese sind durch Seriosität abgezirkelt. Der Falter setzt sich für die Erhaltung der Demokratie ein. Seine besten Journalisten, Florian Klenk und Arnim Thurnherr, sind wie Spürhunde unterwegs, um aufzuzeigen, wie auf Betreiben der derzeitigen Regierung die Unabhängigkeit der Justiz unterminiert, Postenschacher betrieben und Medien bestochen werden. In Autokratien wie Russland oder China ist all dies längst geschehen: die Medien sind kaltgestellt, die Justiz ist von der Regierung abhängig, die wichtigsten Posten werden von oben per Weisung vergeben. In globaler Perspektive ist aber auch die Demokratie bedroht – auch und gerade in einigen jener Staaten, die ihr noch bis vor kurzem als Aushängeschild dienten. In den USA, dem vermeintlichen Vorbild und Verteidiger demokratischer Institutionen, wäre sie beinahe einem Überfall aus dem Hinterhalt zum Opfer gefallen: dem Sturm auf das Kapitol.

Peter Lingens ist leider im Recht,

wenn er das Vorgehen des rechten Teils der derzeitigen Regierung mit ähnlichem Machtgelüsten unter der Sozialdemokratie vergleicht. Das Vorgehen des rechten Lagers ist eben kein historisch einzigartiger Sonderfall. Auch in Demokratien waren die jeweils Mächtigen, und zwar gleichgültig ob linker oder rechter Observanz, stets bestrebt, ihre Macht auszudehnen und sie, wenn möglich, zu perpetuieren. Im Unterschied zu heute gab es allerdings bei der Bevölkerungsmehrheit und in regierungsunabhängigen Institutionen wie der Justiz, der Presse etc. einen starken Rückhalt für die Einhaltung der demokratischen Spielregeln. Es ist dieser Rückhalt, der seit einiger Zeit zu erodieren scheint. Ein charismatischer, hochintelligenter und begabter junger „Führer“ wie der derzeitige österreichische Kanzler könnte ihn sehr wohl in Frage stellen und ungarische Verhältnisse auch in Österreich einführen. Genau aus diesem Grund sind Zeitschriften wie der Wiener Falter für die Demokratie überlebenswichtig.

An diesem Punkt kommt die Seriosität

ins Spiel. Regierungskritische Zeitschriften haben nur dann eine Chance, wenn sie unbedingt seriös sind. Jeder offensichtliche Fehler wäre eine willkommene Blöße für ihre Gegner. Eine Zeitschrift, die sich gegen die Regierung stellt, also gegen die herrschende Macht einschließlich der Mehrheit der übrigen Medien, muss unangreifbar sein. Das ist sie aber nur, solange sie sich auf dasjenige Thema beschränkt, wo ihre Position schwer angreifbar ist, eben auf die Verteidigung der Demokratie und ihrer Institutionen. Dagegen sollte sie nach Möglichkeit alle Themen umschiffen oder auch ganz vermeiden, wo heftige und gut begründete Attacken sie so beschädigen könnten, dass man ihr Hauptanliegen nicht länger ernst nimmt. Ein solches Thema ist die Klimakrise.

Die Klimakrise ist ein neuralgischer Punkt

denn genau hier stellt sich die im Titel genannte Frage von Ehrlichkeit oder Seriosität. Was darf ein Herr Lingens sagen und was wird er auf keinen Fall sagen dürfen, wenn die Seriosität des Falters gewahrt bleiben soll?

Mancher mag diese Frage schon auf den ersten Blick für abwegig halten. Bei uns gibt es doch keine Zensur!, wird man mir entgegenhalten, gerade ein Intellektuellenblatt wie der Falter setzt sich doch aufs Schärfste gegen alle ihre möglichen Formen zur Wehr. Ich bin auch überzeugt, dass keiner der Starjournalisten, weder ein Florian Klenk noch Armin Thurnherr, einem Journalisten ihres Blattes bestimmte Denkinhalte vorschreiben. Sie werden nur eben keinen Artikel erscheinen lassen, der ihr Blatt in Gefahr bringen könnte, auch wenn er der Sache nach völlig richtig ist. Dieser verinnerlichte Imperativ genügt, um zu erklären, was ein Peter Michael Lingens zu einem heißumstrittenen Thema wie der Klimakrise sagen darf und was nicht. Oder – formulieren wir es etwas schärfer – was diesen sonst so ehrlichen Mann dazu zwingt, die Wahrheit zu verschleiern und uns stattdessen Halbwahrheiten aufzutischen.

Halb- und Unwahrheiten – das wäre an und für sich nichts Besonderes; in der Boulevardpresse sind Lügen viel zu alltäglich, als dass man sich noch besonders darüber ereifern könnte. Doch wenn man selbst den Falter und selbst einen so hervorragenden Journalisten wie Herrn Lingens davon nicht freisprechen kann, dann gewinnt dieser Fall eine paradigmatische Bedeutung. Er beleuchtet eine tiefgreifende Krise, die nicht nur das Klima sondern mindestens ebenso die Art betrifft, wie wir darüber reden und reden dürfen.

Die Behauptung der Unwahrheit wäre ungeheuerlich

ohne die entsprechende Begründung, die ich zugleich konkret und allgemein halten möchte, weil es sich um Unwahrheiten handelt, zu denen sich eben auch der Falter – von Blättern geringeren Rangs ganz zu schweigen – genötigt sehen. Herr Lingens hätte drei Möglichkeiten gehabt, um über die Klimakrise zu reden. Zwei davon sind „seriös“ in dem speziellen Sinne, dass er das Blatt dadurch nicht beschädigt, die dritte Alternative ist ehrlich, aber nicht seriös. Sie würde das Blatt in ernste Schwierigkeiten bringen.

Beginnen wir mit der Alternative eins,

die Herr Lingens nicht gewählt hat. Er hätte nahezu beliebig viele Experten zitieren können, um seinen Lesern zu zeigen, welche Strategie gegen die Klimakrise auf keinen Fall in Frage kommt: die Aufrüstung mit Atomkraftwerken, um fossile Energien zu ersetzen. Seit Tschernobyl wissen wir, was ein GAU anrichten kann, seit Fukushima weiß die Welt, dass selbst ein Land der Hochtechnologie wie Japan ohnmächtig gegen die Folgen atomarer Verseuchung ist. Das strahlende Material wird dort gerade in den Pazifik geleitet – mit unabsehbaren Folgen. Nirgendwo gibt es einen absolut sicheren Ort zur Aufbewahrung des strahlenden Rückstände. Würde man die fossil betriebenen Kraftwerke sämtlich durch atomare ersetzen, würde dies zu einer Vervielfältigung der Rückstände und der damit verbundenen nuklearen Verseuchung führen. Österreich und Deutschland haben gutgetan, aus der Atomenergie auszusteigen. Die wenigsten wissen aber – offenbar auch Herr Lingens nicht – dass dieser Weg in den kommenden Jahrzehnten auch jenen Staaten aufgezwungen sein wird, die weiterhin an der atomaren Produktion von Strom festhalten. Denn die Lager für Uran sind weitgehend ausgeschöpft; der heutige Bedarf wird vor allem aus demontierten Atomsprengköpfen gespeist. In dem Augenblick, wo auch dieser Vorrat aufgebraucht ist, wird man wieder Uran abbauen müssen, aber der natürliche Abbau ist schon jetzt außerordentlich teuer. Irgendwann wird er so viel Energie verschlingen, wie man anschließend aus dem Uran gewinnt (Ugo Bardi, 2013, S. 94ff).

So hätte Lingens – auf international anerkannte Experten gestützt – argumentieren können. Anschließend hätte er dann seine Leser mit der Perspektive beschwichtigt, dass das grüne Lager – dem ja seine Sympathie gehört – die richtige Antwort schon seit langem verkündet. Die erneuerbaren Energien müssen zügig ausgebaut werden und Elektroautos an die Stelle der fossil betriebenen Diesel und Benziner treten. Damit wäre das Problem dann grundsätzlich gelöst. Die meisten Leser des Falters hätten diese Antwort für seriös gehalten. Das Blatt hätte dadurch auf jeden Fall gewonnen; selbst in Wirtschaftskreisen ist die Atomlobby nicht stark genug, um den Falter deswegen als ein wirtschaftsfeindliches Blatt zu diskreditieren.

Herr Lingens hat Alternative zwei gewählt,

die für den Falter jedenfalls riskanter ist, da sie einen nicht geringen Teil seiner Stammleser irritieren muss. Wie schon gesagt, wer seine Artikel sorgfältig liest, weiß, dass er der grünen Partei große Sympathie entgegenbringt. Gerade daraus leitet er aber das Recht ab, sie ohne Wenn und Aber zu kritisieren. So nimmt er in seinem jüngsten Artikel das Credo der Grünen aufs Korn, wonach die Umstellung des Verkehrs auf das Elektroauto uns die erhoffte Zukunft der Nachhaltigkeit eröffnet. Er bezieht sich dabei auf eine Expertise, die – durchaus schlüssig – beweist, dass für die nächsten Jahrzehnte die Versorgung mit grünem Strom nicht im Entferntesten ausreichen wird, um nach einer vollständigen Umstellung alle Elektroautos damit zu versorgen. Selbst Österreich gewinnt nur etwa ein Drittel seines primären Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen (nicht 80 Prozent wie Lingens schreibt). Betreibt man die Autoflotte aber mit fossilem Strom, dann wird sich der CO2-Ausstoß natürlich nicht vermindern.

Wenn man bedenkt, dass der Übergang zur elektrischen Mobilität

für die Grünen eines der zehn Gebote ist, an die man unbedingt glauben muss, um zu den Ihren zu zählen, dann stellt dieser Artikel nicht weniger als eine frontale Attacke dar. Natürlich ist Lingens auf diesem Gebiet kein Experte; wie jeder von uns muss er sich auf die vorhandenen Expertisen verlassen. Er verlässt sich auf ein Buch des Technikers und Bloggers Kai Ruhsert. Aber er hätte auch eine international geschätzte Autorität wie den ehemaligen Präsidenten des Münchner ifo Instituts Hans-Werner Sinn zitieren können, der in seiner Kritik an den Versprechungen der Grünen noch viel weiter gegangen ist. In einer speziellen Studie hat der renommierte Wirtschaftswissenschaftler nachgewiesen, dass grüne Energien die deutsche Wirtschaft in ihrer jetzigen Form nicht aufrechterhalten können – die Kosten für die Speicherung des ja immer nur zeitweise eingespeisten Solarstroms seien schlicht unbezahlbar – selbst für ein reiches Land wie Deutschland. Um es in seinen eigenen Worten zu sagen: „Die grüne Wende führt ins Nichts“. Tatsächlich muss Deutschland eine Parallelstruktur von weitgehend gasbetriebenen kalorischen Kraftwerken betreiben, um die Ausfälle des Solarstroms zu kompensieren. Kein Wunder, dass der Ausstieg aus Kohle und Kernkraft bisher keine Reduktion der CO2-Belastung gebracht hat.

Herr Lingens vertritt einen von der Wissenschaft

gut abgesicherten Standpunkt. Anders als die Grünen uns gerne glauben machen, wird die Klimakrise nicht auf so einfache Art überwunden, dass wir nur alle auf Elektroautos umsteigen – und schon leben wir in einer besseren Welt. Aber es genügt nicht, eine Illusion als solche zu entlarven. Kein Journalist kann bei bloßer Verneinung stehenbleiben. Nach dieser harschen Kritik am Credo der Grünen ist der Leser verunsichert und will von Herrn Lingens wissen, was er denn, bitte schön, stattdessen zu bieten habe: irgendetwas müssen wir doch tun! Diese Frage ist unabweisbar, ganz gleich, ob es sich um ein Boulevardblatt oder ein intellektuelles Medium wie den Falter handelt. Anders gesagt, ist Herr Lingens gezwungen, darauf eine Antwort zu geben. Man erwartet sie von ihm. Andernfalls hätte er zu dem Thema schweigen müssen. Ich glaube, sein Schweigen wäre für ihn selbst und den Falter die bessere Wahl gewesen.

Herr Lingens spricht sich nämlich für den Atomstrom aus

Das gelingt ihm auch ohne Vorbehalte, weil er die vielen Expertisen, die entschieden dagegensprechen, schlicht übersieht. Sie interessieren ihn nicht, können ihn nicht interessieren, denn nach der Kritik an den Grünen muss er seinen Lesern eine positive Perspektive bieten. Wie offensichtlich der Wunsch der Vater seiner Gedanken wird, erhellt aus einem weiteren Artikel, wo Herr Lingens sich nicht davor scheut, diese Lösung mit Wunderkräften auszustatten, von denen nur er selbst etwas weiß. Er will nämlich wissen, dass „preisgünstige Atom-Kleinkraftwerke nicht nur sehr sicher sind, sondern auch ohne „Endlager“ auskommen, weil sie ihren Abfall zum Fort-Betrieb nützen.“

Den Abfall zum Fort-Betrieb nutzen? Lingens erklärt die neuen Meiler zu einer Art perpetuum mobile, wo sich der ewige Betrieb aus den eigenen Exkrementen speist. Wer hat ihm diesen albernen Unfug aufgeschwatzt? Verwechselt er sie mit schnellen Brütern, den gefährlichsten Atommeilern überhaupt? Und woher bezieht er die abwegige Meinung, dass bloße Verkleinerung diese Kraftwerke sicherer macht? Das Gegenteil ist der Fall. So wie die neuen Mini-Atomsprengköpfe die Schwelle zum Atomkrieg abgesenkt haben, so vervielfältigen kleine Atomkraftwerke das Risiko terroristischer Übergriffe. Den nuklearen Abfall vermindern sie natürlich auf keinen Fall, zehn kleine Meiler produzieren davon eben insgesamt so viel wie ein großer. Die Erschöpfung der noch vorhandenen Uranvorräte können sie nur beschleunigen.

Mit dieser zweiten Alternative

hat Herr Lingens dem Falter keinen Dienst erwiesen. Indem er einfach einen Teil der Evidenz – die Argumente gegen den Atomstrom – souverän missachtet und sich dabei zu lächerlichen Behauptungen versteigt, hat er das Niveau der Diskussion über die Maßnahmen gegen die Klimakrise bedenklich abgesenkt. Sein Beitrag ist unehrlich, allerdings ist er immer noch „seriös“ (im oben beschriebenen Sinn), weil er dem Falter nicht ernsthaft schaden kann. Die Atomlobby wird sich darüber freuen. Und für eine regierungskritische Zeitschrift ist es von überlebenswichtiger Bedeutung, dass sie zumindest einen Teil der Wirtschaft auf ihrer Seite hat.

Kommen wir jetzt zu Alternative drei,

die sich dadurch von den beiden vorangehenden grundlegend unterscheidet, dass sie dem Falter großen Schaden zufügen würde, denn diese These ist radikal – und weder Deutsche noch Österreicher lieben das Radikale, auch dann nicht wenn es die reine Wahrheit ist. Wie diese Alternative beschaffen ist, wird der aufmerksame Leser bereits ahnen. Einerseits besagen gut dokumentierte Expertisen, dass die von den Grünen vorgeschlagene Strategie uns vor der Klimakrise nicht retten wird. Andererseits beweisen uns ebenso gut begründete Studien, dass eine Renaissance der Atomkraftwerke keine Lösung ist. Und damit wird es wirklich gefährlich, denn der Leser will jedenfalls wissen, was denn überhaupt noch zu tun bleibt, wenn die Grünen Illusionen statt Hoffnung verbreiten und wenn die scheinbar einfachste Lösung, die „saubere“ Versorgung mit Atomstrom, schon gar nicht in Frage kommt. Alternativen eins und zwei sind unehrlich, weil sie einen Teil der Wahrheit bewusst unterschlagen. Aber sie sind „seriös“, weil Wirtschaft, Politik und eine überwältigende Bevölkerungsmehrheit noch am ehesten mit ihnen leben können und bereit sind, sie auch gegen die Evidenz der Experten zu glauben. Alternative drei ist ehrlich in dem Sinne, dass sie nichts vom Wissen der Experten verschweigt. Was ich meine, möchte ich mit einem Seitenblick auf einen großen deutschen Intellektuellen verdeutlichen.

Hoimar von Ditfurth

veröffentlichte 1985 ein Buch, das niemals in Druck gegangen wäre, hätte sein Verfasser nicht eine so große Autorität und auch Beliebtheit bei einem breiten Publikum genossen. Ein enzyklopädisches Wissen verband dieser Mann mit der seltenen Fähigkeit, selbst schwierige Probleme so zu erhellen, dass sie auch für Laien verständlich blieben. Anders als in Ländern mit langer demokratischer Tradition pflegt man in Deutschland dieses Vermögen eher geringzuschätzen. Eine unverständliche Sprache war und ist das Vorrecht der Experten wie im Mittelalter der Gebrauch des Latein ein Vorrecht der Priesterschaft. Von Ditfurth sprach und schrieb darüber hinaus noch ein schönes Deutsch. Jedenfalls wurde „Es ist so weit – so lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ gedruckt und rückte zu einem Bestseller auf, der für einen kurzen Augenblick halb Deutschland erstarren ließ, denn die Botschaft des Buches war ungeheuerlich. Es war ein grundehrliches Buch, welches – in einer bis zum heutigen Tag unübertroffenen Weise – schon vor 35 Jahren alle existenziellen Probleme auflistete, welche die Menschheit gegenwärtig bedrohen. Von Ditfurth hielt die Situation für ausweglos.

Ich kann mich noch erinnern, wie eine Radioreporterin ihn fragte, ob er es denn verantworten könne, der jungen Generation durch diese apokalyptische Vision alle Hoffnung zu nehmen? Die Frage schloss die Antwort bereits ein – das Buch war radikal und daher eigentlich nicht „seriös“, so etwas sollte man nicht verbreiten. Gewiss, wie alle Bücher des großen Gelehrten war auch dieses hervorragend recherchiert. Es ist, soweit mir bekannt, bis heute in keinem wesentlichen Punkt relativiert oder gar widerlegt. Nur das Waldsterben ist heute weniger eine Folge des sauren Regens als des Klimawandels (Trockenheit und Feuer) sowie der Vernichtung der Wälder für Ölplantagen und MacDonald-Rinder. Dennoch: seine Radikalität wurde dem Buch zum Verhängnis. Das Publikum, einschließlich der meisten Experten, wollte von einer so niederschmetternden Vision nichts wissen. Man beeilte sich, auch den Autor schnellstens zu vergessen. Auf die berechtigte Frage der Leser: Aber was sollen wir denn tun?, gab von Ditfurth keine Antwort.

Keine Situation ist jemals ausweglos,

in diesem Punkt wünsche ich Hoimar von Ditfurth zu widersprechen. Es gehört zur Freiheit des Menschen, dass er in jeder Situation auch noch anders als gewohnt handeln kann. Aber von Ditfurth hatte recht damit, dass unsere Situation geschichtlich einmalig ist, und dass alle gewohnten Rezepte in dieser neuen Lage versagen. In einem gewaltigen Fest, einem Potlatsch – so möchte ich es ausdrücken – hat der Mensch innerhalb von nur drei Jahrhunderten das fossile Energiereservoir von Millionen Jahren schon nahezu verfeuert und dabei Luft (CO2), Wasser (Plastikmüll in den Meeren) und Boden (mit Kunstdünger und Pestiziden) so sehr vergiftet, dass eine aus dem Gleichgewicht gedrängte Natur sich nun an ihm rächt. Es ist zwar wahr, dass ein Großteil der Menschen gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts einen materiellen Lebensstandard erreichte wie nie zuvor in der Geschichte. Doch jetzt erkennen wir, wie hoch der Preis ist, den wir für dieses Fest zahlen müssen. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts leben wir in einer Reparaturgesellschaft. Zum sicheren Untergang, wie von Ditfurth meinte, sind wir zwar nicht verurteilt – aber gewiss zu einem sehr wahrscheinlichen, wenn es uns nicht gelingt, das Ruder herumzureißen. Und das kann heute nur noch auf radikale Art geschehen. Das Ende des großen Potlatsch bedeutet Verzicht, und zwar radikalen Verzicht – wenn nicht heute, dann eben erzwungenerweise morgen. So sieht die dritte Alternative aus, von der bei Peter Lingens aus gutem Grund keine Rede ist. Man muss die Vokabel Verzicht nur laut genug aussprechen, um von allen Seiten mit empörtem Protest bombardiert zu werden. Die Grünen nehmen die heiße Kartoffel gar nicht erst in den Mund, stattdessen machen sie den Wählern illusionäre Versprechen. Es leuchtet ein, warum ein Journalist wie Peter Michael Lingens sich lieber auf unehrliche Art zum Propagandisten der Atomkraft macht, statt das Wort Verzicht in den Mund zu nehmen. Und wir verstehen, warum ein Artikel, der uns die bittere, radikale Wahrheit sagt, im Falter – noch nicht – abgedruckt werden kann. Die innere Zensur verhindert das.

Die Wahrheit lässt sich aber nicht dauerhaft unterdrücken

Das sollte auch Lingens wissen. Er ist eine Autorität, wenn er sich auf sein in langer Erfahrung gereiftes psychologisches Gespür verlässt. Hier weiß er die Spreu sicher vom Weizen zu trennen, also die politischen Gaukler von jenen, die an mehr als nur an das eigene Ego und die eigene Laufbahn denken. Da verzeiht man ihm selbst die gelegentliche Neigung, dozierend ex cattedra zu sprechen, so als hätte er sich bereits in sein eigenes Standbild verwandelt. Denn seine Beobachtungen über heutige und frühere Politiker sind immer erhellend und von großer Treffsicherheit. Lingens ist ein Menschenbeobachter, ein Mann der Praxis. Es zeichnet ihn aus, dass er dazu auch noch mutig ist. Aus einer Familie von Widerstandskämpfern stammend, ist er als Freund Simon Wiesenthals nicht einmal davor zurückgeschreckt, dem großen Kreisky Paroli zu bieten.

Was die Theorie angeht,

hat er sehr viel weniger Glück. Wenn jemand sich im Kampf für moralische Werte nichts aus Attacken macht, dann bewundert man eine solche Haltung als Charakterstärke. Ganz anders ist es, wenn jemand theoretisiert und sich nichts aus Argumenten macht, die seine Position in Frage stellen. Dann spricht man nicht von Charakterstärke sondern von Dogmatismus. Das eine ist ein Kompliment, das andere ein berechtigter Tadel. Lingens Aussagen zur Wirtschaftstheorie sind oft auf schwer erträgliche Art dogmatisch und, wie wir sahen, mangelt es seinen Empfehlungen zur Überwindung der Klimakrise an der nötigen Ehrlichkeit. Wenn er über Politik spricht, ist Lingens ein Kenner und hat es nicht nötig, mit Aplomb aufzutreten. Dann gehorcht er nur seinem Gerechtigkeitssinn, z.B. wenn er den Rückhalt der autoritären FiS-Regierung in der Bevölkerung Polens damit begründet, dass sie die neoliberalen Maßnahmen ihrer Vorgänger durch eine Politik des sozialen Ausgleichs ersetzte. Wenn er aber als Theoretiker in Erscheinung tritt, hat er genau dies nötig: er kompensiert die eigene Unsicherheit durch den Schein von Unfehlbarkeit.*1*

1  Herr Lingens ist ein schlechter Theoretiker – wenn dies ein persönlicher Angriff ist, wird Herr Lingens sich damit abfinden müssen, da er es seinerseits liebt die Meinungen anderer recht dezidiert als ahnungslos und dumm zu diskreditieren – vor allem, wenn er seine ökonomischen Dogmen vertritt. So wie die Verteidigung der Atomenergie seit kurzem zu seinem intellektuellen „Markenzeichen“ zu werden droht, hat Lingens sich, wenn er als Ökonom auftritt, mit Enthusiasmus für die Staatsverschuldung eingesetzt. Er geht dabei so weit, sogar das Graben und Zuschütten von Löchern zu empfehlen. Ihm zufolge belebt der Staat dadurch immer das Wirtschaftsgeschehen (die betreffende Stelle mit den Löchern scheint er inzwischen jedoch gelöscht zu haben). Um seinen Standpunkt zu erhärten, sucht er auch in diesem Fall nach Wundern. Ähnlich wie er bei der Atomenergie das perpetuum mobile erfindet, dient ihm eine geheimnisvolle „Saldenmechanik“ dazu, der Verschuldung – speziell der Staatsverschuldung – Zauberkraft anzudichten. Saldenmechanik, das ist die schon jedem Erstsemester in BWL geläufige Tatsache, dass den Schulden immer ein gleich hoher Betrag an Guthaben entspricht. Genau darin liegt aber für undogmatische Linke das große Problem, denn in normalen Zeiten müssen die Schulden mit Zinsen zurückgezahlt werden, machen die Armen also ärmer und die Reichen reicher. Im Augenblick leben wir in einer Ausnahmezeit: die Realzinsen liegen unter Null, doch das kann sich jederzeit ändern.

Lieber Herr Lingens, wäre das wirklich ein Patentrezept, dann könnte sich jeder „failed state“ an den eigenen Haaren aus dem Sumpf herausziehen. Er müsste sich nicht einmal mit Fremdkapital verschulden, er brauchte nur Geld zu drucken und es zu verteilen. Selbst wirtschaftliche Laien wissen jedoch, dass Schulden nur dann sinnvoll sind, wenn sie zu Investitionen führen, mit deren späterem Ertrag man zumindest die Schulden bezahlt. Das gelingt selbst Unternehmen nicht immer; Staaten scheitern sehr oft daran, weil das aufgenommene Geld meist nur verwendet wird, um Wahlgeschenke zu verteilen, die wenig oder gar keinen Ertrag ergeben. Dann haben nur kommende Generationen – und zwar gerade der ärmste Teil der Bevölkerung! – unter der Last der Schulden zu leiden. In einem Punkt hat Herr Lingens allerdings recht. Es war richtig, dass der Staat bei der Abwehr der Coronakrise nicht zögerte, viel Geld in die Hand nehmen. Diese Schulden erwirtschaften zwar keinen Ertrag, aber sie haben einen Großteil der verheerenden Folgen (also Ertragsminderungen) abgewehrt, welche die Wirtschaft ohne diese Verschuldung erlitten hätte.

taz-Journalist Andreas Zumach schreibt:

Ehrlich oder seriös ist aber das falsche Gegensatzpaar. Lingens Plädoyer für die Atomkraft ist weder ehrlich noch seriös.

Gruß

Meine Replik:

Sein Plädoyer ist seriös in dem vor mir formulierten Sinn, dass viele an die von ihm vorgeschlagene Lösung glauben, während eine Botschaft des Verzichts und radikalen Umbaus unserer Wirtschaft nur wenige Anhänger zählt und von einer Mehrheit immer noch für unseriös gehalten wird. Da können Experten wie Herman Daly, William Rees oder auch Naomi Klein sich mit noch so guten Argumenten dafür verbürgen. Noch ist die Situation nicht dramatisch genug, um auch den Zweiflern die Augen zu öffnen. Erst wenn das der Fall ist, wird man die Ehrlichen auch als seriös bezeichnen.

Herr Voss aus Odense, Dänemark schreibt folgenden Kommentar:

S.g.H. Jenner,

Ich habe Ihren wie immer elegant und wichtigen Aufsatz an meinen in Wien lebenden Sohn geschickt. Aber trotzdem kann ich nicht anders, als mich kritisch zu verhalten. Zumach bezeichnet das Wortpaar Ehrlich oder Seriös als nicht ganz passend als Gegensatz. Was aber, wenn Atomkraft, die mir auch zuwider ist, in einer der neueren Formen unumgänglich wird? Wenn wir daran denken, dass mit der Sonnen-. und Windenergie der Welt sowohl der gesamte  Verkehr, alle Computer und Alternativvalutas, die Gebäudeerwärmung und –Beleuchtung usw. betrieben werden soll und indirekt Treibmittel für die Schifffahrt, das Fliegen und wahrscheinlich den Lastwagentransport hergestellt werden müssen, dann zweifle ich an der durchführbarkeit dieses gewaltigen Vorhabens. Und was mit der Produktion von Metallen, Zement, dem Ausgraben von allerlei Grundstoffen? Wird die Menge von gewissen Stoffen für die Batterien, für das Leitungsnetz für die Bereitstellung von Strom allerorten und in dem benötigten Umfang ausreichen ohne gewaltige Preisschübe zu generieren? Und die Löhne nicht folgen? Weil ja, wie Sie meinen, keine Schulden gemacht werden sollten? Irgendwann wird die Makroökonomische Buchhaltung doch noch studiert werden müssen. Und vieles wird sich dann als Sinnlos erweisen.

Mit freundlichem Gruss

Peter Voss

Meine Replik:

Lieber Herr Voss,

wie Sie aus meiner Antwort an Herrn Zumach erkennen, habe ich dem Begriff „seriös“ eine ironische Färbung gegeben!

Wenn es stimmt, dass die Menschheit vor ihrer größten Krise steht (aber genau das wollen ja viele nicht wahrhaben, solange ihnen das Dach nicht über den Köpfen brennt), dann muss sie auch Maßnahmen von einmaliger Schärfe ergreifen. Ich fasse dies unter dem Begriff „Verzicht“ zusammen. Sie fragen, was wir uns darunter konkret vorstellen sollen. Gehen dann die Lichter aus? Werden die Menschen verhungern, weil man ihnen keine Löhne mehr zahlt? Sie haben schon Recht: Was nützt es uns, die Natur zu schützen, wenn wir uns dadurch unserer ökonomischen Lebensgrundlage berauben?

Diese Fragen habe ich in meinem Buch Ob wir das schaffen? (englisch: Yes, we can – No, we must!) zu beantworten versucht. Verzeihen Sie, dass ich die Antwort nicht an dieser Stelle zu zwei Sätzen verkürzen kann.

Übrigens bin ich durchaus nicht gegen Schulden. Die moderne Wirtschaft beruht auf ihnen und hat damit spektakuläre Erfahrungen gemacht. Nur müssen es ökonomisch sinnvolle Schulden sein.

Robert Menasse schreibt folgende Zeilen:

Glänzend! Mit einem schweren Makel: den Retro-Ökonomen Hans-Werner Sinn als „Autorität“ ins Treffen zu führen, wirft einen langen Schatten des Zweifels über die „Seriosität“ der Argumentation.

Meine Replik:

Lieber Robert,

danke für das Kompliment.

Jetzt aber lass mich antworten, wie es in ähnlichen Situationen auch Lingens getan hat, den ich ja nur in seiner Eigenschaft als Theoretiker kritisiere. Herr Sinn ist einer der großen Ökonomen Deutschlands, ein Mann, der nicht davor zurückschreckt, auch Unpopuläres zu sagen, wenn er meint, dass die Fakten ihm keine andere Wahl gestatten. Diese Fähigkeit hat er gerade auch in seiner Studie über die Finanzierung der Grünen Wende bewiesen. Vergiss bitte nicht, dass ich Herrn Lingens gerade dafür schätze, dass er neben Schwarz und Weiz auch noch Grautöne kennt.