Jung und Alt

Dass man mich aufgrund meines Geburtsdatums unter die älteren, vielleicht sogar die alten Menschen zu rechnen hat, interessiert niemanden – mich schon gar nicht. Aber es interessiert ein bösartiges Wesen von mikroskopischer Größe, das sich seine Opfer vor allem unter Leuten meines Alters wählt. Und für den modernen Wohlfahrtsstaat steht gleichfalls viel auf dem Spiel, denn für diesen kam – zumindest behaupten das böse Zungen – das Virus gerade zur rechten Zeit. Jammern die Apokalyptiker nicht schon seit Jahren, dass es bis zum Zusammenbruch unseres Rentensystem nicht mehr lang dauern würde, weil immer weniger Junge immer mehr Alte auf ihren Schultern tragen? Nun aber macht sich das possierliche kleine Ding dafür stark, dass die ältere Generation zu vorzeitigem Abgang gezwungen wird. Allerdings ist an einem so simplen Beispiel wie dem gezielten Wüten des Virus gegen die Alten auch zu erkennen, dass der Mensch zwar denkt, aber der Teufel doch immer lenkt, denn die jungen Leute sind von der Krise zwar selten tödlich, aber im Hinblick auf ihre Zukunftsaussichten doch insgesamt viel stärker betroffen. Der weltweite Einbruch des Wirtschaftsgeschehens wird ihnen noch schwer zu schaffen machen.

Wie gesagt, interessiert es niemanden,

dass irgendeiner von uns diese oder jene Altersschwelle erreicht. Aber über den Unterschied von Alt und Jung zu reflektieren, ist vielleicht nicht ohne Interesse. Unsereiner lehnt sich zurück und stellt sich nachdenklich die Frage, was denn so übrigbleibt von einem doch keineswegs kurzen Leben? Der junge Mensch kommt nicht auf den Gedanken, sich danach zu fragen. Er lebt von Hoffnungen auf die Zukunft. Er stellt sich vor, was alles noch aus und mit ihm werden kann – für ihn ist Zukunft ein Versprechen und eine Verheißung. Der alte Mensch hingegen blickt auf all die Verwandlungen und Häutungen zurück, die hinter ihm liegen, und versucht ihnen im Rückblick einen Sinn zu geben. Er fragt sich, ob die Versprechungen gehalten wurden und die Verheißungen sich erfüllten. Weil das Leben für den jungen Menschen ein offener Horizont ist, steckt er diesen mit seinen Erwartungen ab, mit anderen Worten, er möchte durch sein Tun in das Geschehen eingreifen, es aktiv verändern. Junge Menschen sind aufs Neue aus, sie neigen zum Radikalismus, denn es erscheint ihnen als Mangel an Fantasie, Initiative und Lebenskraft, einfach weiter auf bereits ausgefahrenen Gleisen zu fahren.

Ältere Menschen sympathisieren selten mit Radikalismus. Im besten Fall haben sie aus eigener Lebenskraft und Fantasie ein paar bescheidene Initiativen verwirklicht; ihnen ist es eher darum zu tun, das, was sie als ihre Errungenschaften betrachten, für die Zukunft zu erhalten. Diesen Gegensatz zwischen Alt und Jung pflegt die Volksweisheit so auszudrücken, dass selbst Menschen, die sich in der Jugend sehr radikal gebärden, im Alter meist zu Konservativen werden (manche konservieren dabei den eigenen Radikalismus).

Ich denke aber, dass diese Regel

für unsere Zeit nicht mehr gilt – oder richtiger gesagt, dass sie nicht länger gelten darf. Denn konservativ sind heute jene Leute – und es ist leider immer noch eine überwältigende Mehrheit -, welche das Leben nach der Coronakrise genauso fortführen wollen, wie es vor der Krise gewesen ist. Es sollen dann – ganz wie zuvor – ebenso viele Flugzeuge, Autos, Kreuzfahrtschiffe wieder CO2produzieren, möglichst aber noch mehr, denn sonst wäre es mit dem ewigen Wachstum vorbei. Es sollen noch mehr Waren erzeugt, noch mehr Müll abgestoßen, noch mehr Landschaft mit Autobahnen versiegelt, noch mehr Ackerflächen mit Monokulturen bedeckt und mit Pestiziden, Kunstdünger und genetisch veränderten Pflanzen behandelt werden. So sieht die Zukunft für jene aus, für die das Vergangene der einzige Maßstab ist. Diese Art Konservativismus kann sich die Menschheit nicht länger leisten, weil sie dann den Rest an Ressourcen verschleudert, die letzten Arten wildlebender Tiere ausrottet und das Klima so stark verändert, dass sie die eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Gewiss, das Alter neigt zum Pessimismus

Die Klage, dass mit der neuen Zeit alles schlechter werde, scheint so alt wie die Menschheit selbst zu sein. Sie beruht aber auf einer optischen Täuschung. Die junge Generation verändert die Welt, gibt ihr ein neues Gesicht; die Alten hingegen kennen die Wirklichkeit, wie sie früher war, haben sie so lieben gelernt oder sich zumindest an sie gewöhnt und sehen daher im Neuen vor allem die Zerstörung all dessen, was ihnen über Jahrzehnte ans Herz gewachsen war. Insofern beruht der Pessimismus des Alters schlicht auf der Unfähigkeit, sich an das Neue zu gewöhnen und seinen Eigenwert zu erkennen.

Und doch scheint es in unserer Zeit objektive Gründe für einen gerechtfertigten Pessimismus zu geben. Die globale Vermüllung von Luft durch CO2, Wasser durch Plastik und Erde durch Kunstdünger und Pestizide ist schließlich ein unleugbares Faktum. Manche beklagen zudem, dass Industrialisierung die Welt zunehmend hässlich macht. Schauen wir uns die deutschen Lande zur Zeit Goethes an, so war noch alles wundersam klein und überschaubar. Im Jahre 1786 lebten in einer Stadt wie Weimar gerade einmal 6200 Menschen, und es gab viele aus heutiger Sicht romantische Winkel und Rückzugsgebiete, wie man sie gegenwärtig nur noch in Museumsstädtchen wie Rothenburg ob der Tauber künstlich am Leben erhält. Auch wenn das Leben für viele Menschen damals sehr viel härter und beschwerlicher war, die Natur war vor zwei Jahrhunderten noch sehr viel besser erhalten. Erst das vergangene Jahrhundert hat weltweit Städte hervorgebracht, die eher Betonwüsten gleichen und baumlose Landschaften, deren Monokulturen unter einer Decke von Pestiziddünsten gleichsam begraben liegen. So viele No-go Areale wie in unserer Zeit, vor denen man lieber die Augen schließt und die Nase verstopft, hat es auf unserem Globus zu keiner früheren Zeit gegeben. Dem ist freilich hinzuzufügen, dass typischerweise nur alte Menschen so sprechen, weil nur sie sich daran erinnern, wie es in der Vergangenheit einmal war. Junge wachsen in der neuen Welt auf und besitzen die wunderbare und lebensnotwendige Fähigkeit, Augen für alles zu haben, was ihnen daran gefällt.

Ein Vergleich mag illustrieren,

was ich damit meine. Ich könnte mir keine schlimmere Aussicht vorstellen, als den Rest meines Lebens irgendwo in Grönland inmitten von Schnee- und Eiswüsten zu verbringen, aber die Inuit, die in diesen Landschaften geboren und darin groß geworden sind, haben den Zauber der vielen Verwandlungen von Schnee und Eis für sich entdeckt und der Kargheit eine Fülle von Gefühlen und Namen verliehen, wie es nur Menschen vermögen, die gleichsam mit ihrer Umgebung verwachsen sind, so als wäre diese ein Teil ihrer selbst. Es ist das Vorrecht jeder neuen Generation, dass sie die Welt, die sie mit wachen Sinnen erlebt, auf ihre Weise beseelt und selbst das Kargste in eine Fülle verwandelt. Was die Älteren nur noch als einen Verlust erleben, wird für die Jungen zu einer Entdeckungsreise. Mag die Welt in objektiver Betrachtung während der vergangenen zweihundert Jahre auch nachweisbar um einiges hässlicher geworden sein – manche würden sagen – sehr viel hässlicher und uniformer -, so wiegt die subjektive Sicht, die doch überall wieder neue Schönheiten entdeckt, doch mindestens ebenso schwer.

Als Deutschlands ehemaliger Kanzler Helmut Schmidt

den berühmt-berüchtigten Satz aussprach: Wer Visionen hat, sollte den Arzt aufsuchen, war er schon über fünfzig alt, da fallen manchen Leuten solche Sätze schon ein. Es liegt eben nahe, Visionäre ebenso wie Radikale eher unter den Jungen zu suchen. Der Realismus hingegen, d.h. die Fähigkeit, die Wirklichkeit so widersprüchlich, facettenreich und komplex zu sehen, wie sie tatsächlich ist – sie also nicht so umzudeuten, wie man sie gerne sehen möchte -, scheint mir weniger an das Alter gebunden zu sein. Gerade die großen Veränderer – man denke an weltgeschichtliche Akteure wie Julius Cäsar, Napoleon oder Winston Churchill zeichnen sich bei aller Konsequenz des Wollens durch einen bemerkenswert nüchternen Blick auf die Wirklichkeit aus. Der Handelnde, der die Realität mit seinen Wunschvorstellungen verwechselt, ist unfähig, Widerstände zu überwinden, weil er sie gar nicht erst als solche richtig erkennt. Nur realitätsblinde Visionäre sind gut beraten, zum Arzt zu gehen, weil ihnen das Gespür für das Wirkliche fehlt.

Das Alter zieht sich aus dem aktiven Handeln zurück,

es besinnt sich auf das Denken. Aus der Perspektive der Jugend kann man das als einen Verlust verstehen. Aber es liegt darin auch eine gewaltige Chance. Goethe hat einmal gesagt: Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende. So ist es. Wer handelt, setzt seinen Willen immer auch gegen den Widerstand seiner Mitmenschen durch. Der Betrachtende aber nimmt eine Distanz gegenüber den Dingen ein. Diese Distanz wirkt sich auf die Einschätzung der Möglichkeiten menschlichen Handelns aus. Man braucht nicht erst in die Geschichte zu blicken, es genügt die Bekanntschaft mit der Gegenwart, um überall großes Unrecht zu erkennen. Im Kampf dagegen kann der Handelnde daher schon ein gutes Gewissen haben. Aber das Alter verfügt über eine weitere Einsicht, die der Jugend fast immer fehlt. Was schlecht ist, wissen wir tausendfach, aber es gibt kein Rezept für eine vollkommene Welt. Angenommen wir hätten es gefunden und es vielleicht sogar verwirklicht, so würde uns in vor lauter Perfektion binnen kurzem so tödlich langweilig sein, dass wir jedes Verbrechen begehen, nur um aus dem Paradies zu fliehen. Es ist kein Zufall, dass Dante so viel von der Hölle zu schreiben wusste, und ihm – wie allen Dichtern und Denkern einschließlich Karl Marx – so wenig einfällt, wenn er das vollkommene Sein beschreibt.

Das Alter kann und will nicht vergessen,

weil das Leben mehr und mehr zu einer Erinnerung wird, denn seine aktive Veränderung liegt ja schon in den Händen der Jungen. Das hat seine unbestreitbaren Vorteile – es liegt darin auch ein Akt der Befreiung und sogar der Beglückung. Der Betrachtende will nichts von den Dingen, und sie wollen nichts von ihm. Er lässt sie leben und sprechen, und überlässt sich ganz den Eindrücken, die ihn dabei bewegen. Schopenhauer hat den Glückszustand einer solchen Betrachtung in einer unvergleichlichen Passage ausgedrückt. „Wenn man… sein Individuum, seinen Willen, vergisst und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; …dann ist … der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr Individuum …sondern er ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis.“

Das ist das Vorrecht des Alters, dass es zumindest einige solcher glückhaften Augenblicke erlebt, in denen es zum reinen, willenlosen Subjekt der Erkenntnis wird.

Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

Seit 1945 durften die USA noch bis vor kurzem behaupten, auf fast allen Gebieten der Wissenschaft den Ton anzugeben. Dann kam erst George Bush Junior und dann das weit größere Übel: der ehemalige und ewige Schauspieler Donald Trump mit seiner Politik der systematischen Lüge. Inzwischen rückt China als neue Weltmacht der Wissenschaft (und einer messianischen Wissenschaftsgläubigkeit) auf. Der Stern der USA ist im schnellen Sinkflug begriffen.

Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet

Das heißt nicht, dass sie DIE WAHRHEIT in den Blick bekäme: Wahrheit, wie sie Menschen als Sinn oder Ziel des Lebens verstehen. Darüber weiß Wissenschaft im Gegenteil sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen, dennoch vereinigt sie Menschen im Hinblick auf das Verständnis von Wirklichkeit. Noch vor fünfhundert Jahren haben die Eliten Frankreichs, Japans, Chinas oder Indiens einander nichts zu sagen gewusst, denn mit den praktischen Belangen der Lebensbeherrschung, die auf der ganzen Welt denselben Naturgesetzen gehorchen, hatten sich vor allem die niedrigen Schichten zu befassen. Bauern in Deutschland, Indien oder China hätten sich über die Belange der Feldbearbeitung mit Ihresgleichen verständigen können, aber die Eliten lebten in anderen Sphären, bestimmt von Ehre, Ehrgeiz und vor allem der Religion, die in jedem Land ganz anderen Göttern und Moralvorschriften gehorchte.

Heute können sich die Eliten

Chinas, der USA, Indiens und Europas über eine Fülle von Gegenständen sachkundig unterhalten, ganz gleich ob es sich um Finanz, Konzerne, Computer und Panzer oder die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft handelt. Letztere, die Wissenschaft, wurde denn auch, und zwar spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu einer – nein, sie wurde zu der universalen Menschheitssprache.

Das heißt aber keinesfalls, dass der gegenseitige Austausch und eine gemeinsame Sprache die Menschen einander zwangsläufig näherbringen. Das stimmt schon für die Vergangenheit nicht. Das indische Kastensystem zum Beispiel brachte Menschen in engste Berührung, die in ein und derselben Sprache kommunizierten und Berufe ausübten, welche die Angehörigen unterschiedlicher Kasten (wie zum Beispiele Barbiere und Brahmanen) täglich in hautnahe Berührung brachten, aber diese Menschen durften nicht miteinander speisen und einander schon gar nicht heiraten. Die Brahmanen wollten Herren, die anderen Kasten sollten Knechte bleiben – dieser fundamentale Gegensatz der Interessen sorgte dafür, dass die enge Berührung und die gemeinsame Sprache keine Annäherung bewirkten.

So ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass westliche Wissenschaft inzwischen von den Chinesen nicht nur übernommen, sondern mit zunehmendem Erfolg im eigenen Land perfektioniert wird, besagt keinesfalls, dass der Unterschied der Interessen zwischen den USA und China dadurch überbrückt werden könnte. Wissenschaft, in der man sich auf Wahrheit grundsätzlich einigen kann, weil ihre Voraussagen zutreffen oder nicht, ein Handy funktioniert oder eben nicht funktioniert – das ist das eine. Interessen sind etwas ganz anderes, weil es keine objektive Grundlage gibt, um sie als berechtigt anzuerkennen oder als unberechtigt zurückzuweisen. Bei Interessen entscheidet letztlich eine ganze andere Instanz als die Wahrheit – es entscheidet die Macht.

Leider kann aber auch Wissenschaft der Macht hörig werden

und ist es tatsächlich auch immer wieder geworden. In den Worten ihres großen Theoretikers Thomas S. Kuhn wird sie in diesem Fall zu einem dogmatisch gegen jeden Widerspruch verteidigten „Paradigma“. Ein solches Paradigma war zum Beispiel das vorkopernikanische geozentrische Weltbild. Giordano Bruno wurde verbrannt, viele andere wurden verfolgt oder ebenfalls hingerichtet, weil sie das herrschende Paradigma in Zweifel zogen. Dabei war dieses Weltbild nicht einmal falsch, denn prinzipiell lässt sich jeder Punkt des Weltalls willkürlich als Mittelpunkt setzen, um von da aus die Bahnen anderer Himmelskörper zu beschreiben und zu errechnen. Selbst ein lunazentrisches Weltbild wäre denkbar und könnte zu durchaus richtigen Voraussagen von Sonnen- und (partiellen) Erdfinsternissen führen. Ein lunazentrisches Weltbild wäre ebenso wenig falsch wie das geozentrische – es wäre nur so außerordentlich komplex, dass es den Fortschritt der Astronomie noch stärker als das geozentrische behindert hätte. Die Ersetzung des Letzteren durch die Lehre des Kopernikus stellte daher einen historischen Durchbruch dar.

Bekanntlich hat die Verurteilung Galileos im 20ten Jahrhundert noch Bertolt Brecht inspiriert. Aber es war nicht allein die Kirche, welche sich der neuen Lehre so lange und so hartnäckig widersetzte, weil sie sich mit Stellen aus ihren heiligen Texten nicht vereinbaren ließ, es waren auch viele Wissenschaftler, diejenigen nämlich, welche im alten Weltbild erzogen waren und es an ihre Schüler vermittelt hatten. Mit ihrem Ruhm, ihrem über Jahre erworbenen Wissen, ihren Denkgewohnheiten hingen sie daran. Wie sehr dieses Festhalten am Gewohnten auch für die scheinbar strengsten Wissenschaften und Wissenschaftler gilt, hatte Einstein einmal angedeutet, als er meinte, dass die alte Generation von Physikern erst aussterben müsse, damit er selbst von einer neuen verstanden werde.

Oft ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis

nicht von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Wie schon gesagt, war das geozentrische Weltbild nicht falsch, sondern es war lediglich unbequem. Auch die klassische Physik, wie sie Newton begründet hatte, ist nicht falsch; Einstein konnte nur zeigen, dass sie Grenzbereiche des Wirklichen nicht zu erklären vermag (ein Faktum, das durch die Quantenphysik noch untermauert wurde).

Manchmal hat das Festhalten an einem Paradigma jedoch durchaus gravierende praktische Folgen. Der österreichische Chirurg Ignaz Semmelweiß führte den zu seiner Zeit häufigen Tod gebärender Frauen aufgrund von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene zurück. Er stellte einen Katalog von Vorschriften auf, um durch Reinlichkeit und Desinfektion den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern – Vorschriften, die heute als vorbildlich gelten. Zu seiner Zeit hegten die Kollegen von Semmelweiß jedoch andere Ansichten über die Ursachen von Krankheiten und die dadurch bewirkten Todesfälle. Sie verwarfen dessen Theorie als spekulativen Unsinn. Semmelweiß starb 1865 unter ungeklärten Umständen in einer Wiener Irrenanstalt. Durch seine Theorie hatte er seinen Kollegen – wenn auch nur indirekt – Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein vorgeworfen. Das haben sie ihm bis zuletzt nicht verziehen. Eher nahmen sie den Tod vieler Frauen in Kauf, als dass sie sich in ihrer Berufsehre kränken ließen.

Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein

beherrschen die Wissenschaft heute genauso, wie sie es schon in der Vergangenheit taten. Das ist die wesentliche Erkenntnis, zu der Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gelangte. Ich möchte sie mit einem weiteren Beispiel belegen, das einerseits wirklich harmlos ist, weil in diesem Fall niemand an den genannten Übeln zugrunde geht. Andererseits illustriert es aber auch recht deutlich die Lüge, welche nicht nur in der Politik sondern eben auch in der Wissenschaft eine unübersehbare Rolle spielt.

Linguistik wurde seit Beginn der 80er Jahre

für einige Jahre zu einer Art von Hoffnungsträger für die gesamten Kulturwissenschaften. Noam Chomsky erregte weltweites Aufsehen mit einer Theorie, die es scheinbar ermöglichte, mit Hilfe weniger Formeln die Prinzipien zu erklären, die den Sprecher einer beliebigen Sprache dazu befähigen, eine prinzipiell unendliche Menge richtiger Sätze zu bilden. Die Generative und die Generelle Grammatik wurden geboren – und eine Zeitlang sah es so aus, als wäre die Sprache jener Teil der Kultur, der es den Geisteswissenschaften erlaubt, mit Hilfe einer Handvoll von Regeln sämtliche kulturellen Erscheinungen aus wenigen Prinzipien genauso herzuleiten, wie dies den Naturwissenschaften im Hinblick auf das Reich des Unbelebten ja schon weit früher gelungen war. Anders gesagt, rückte die Linguistik in den 80er und 90er Jahren für kurze Zeit zu einer Starwissenschaft auf.

Was ist von dieser Begeisterung geblieben?

Mit einem einzigen Wort lässt sich diese Frage kurz und bündig beantworten: Nichts! Selbst einer der engagiertesten Verehrer von Chomsky, Steven Pinker, sieht in der Theorie seines Meisters eine schwer verdauliche Scholastik. Andere sind sehr viel deutlicher und haben aufgezeigt, dass Chomsky selbst es war, der in den vergangenen Jahrzehnten einen Baustein seiner Theorie nach dem andere demontierte. Selbst wenn sie das Ziel, die wissenschaftliche Begründung einer Generellen und Generativen Grammatik, als legitim erklären, sind die meisten Kritiker sich darin einig, dass die Methode Chomskys sich dazu als ungeeignet und unfruchtbar erweist. Zu den Anhängern Chomskys zählen natürlich all jene, die ihn als ihren Lehrer sehen, Linguisten wie Steven Pinker, Ray Jackendoff oder J. Mendivil-Giro, um nur einige Namen willkürlich herauszugreifen. Zu seinen zum Teil vernichtenden Kritikern gehören Christopher Hallpike, Giorgio Graffi, John Colarusso, Nikolaus Allott, David Golumbia, Roland Hausser, John Goldsmith, Per Linell, Tristan Tondino, Christina Behme – um wiederum nur wenige Namen aus der Menge der Wissenschaftler willkürlich herauszugreifen, die ein Gutteil ihres Lebens damit verbrachten, die scholastischen Begriffsakrobatien Noam Chomskys zu durchforsten oder – noch schwerer – seine Scholastik überhaupt zu verstehen. Diese Leute sind mittlerweile mit dem gegenteiligen Anliegen beschäftigt, Chomskys Thesen der Reihe nach zu dekonstruieren.

Als wissenschaftliche Theorie ist Chomskys Lehre tot,

oder richtiger gesagt, hat sie sich als Lüge erwiesen, denn anders als das geozentrische Weltbild ist sie nicht nur unbequem sondern falsch, weil sie keines ihrer Versprechen zu halten vermochte. Sie erklärt nämlich weder den generativen noch den generellen Aspekt menschlicher Sprache. Doch die Leute, die dieser Lüge den besten Teil ihres Lebens gewidmet haben und ihre Schüler damit infizierten, möchten sich so wenig wie damals die Kollegen von Semmelweiß vorwerfen lassen, dass sie sich Jahre lang irrten. Deswegen wenden nun viele von ihnen ihre überlegene Intelligenz an das gegenteilige Unterfangen, den scholastischen Jargon Chomskys auf die Kritik Chomskys anzuwenden. Die damit verbundene Gefahr hatte der wunderbar scharfsichtige William James schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt, als er – damals im Hinblick auf deutsche Kulturwissenschaftler – folgende Beobachtung protokollierte: „The forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and excentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively.”

Das ist das typische Verhalten einer Elite,

und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich fühle mich dadurch an ein scholastisches Unternehmen erinnert, das vor beinahe dreitausend Jahren ersonnen und in den sogenannten „Brahmana-Texten“ niedergelegt wurde. Eine Elite von hochgeachteten und hochbezahlten Priestern beschrieb darin mit akribischer Genauigkeit, wie man durch ein ganz bestimmtes Aufschichten von Ziegeln, ihrem Begießen mit Butter und unter dem Gemurmel verschiedener Mantras alle nur erdenklichen Krankheiten heilen, Feinde vertreiben, Dürren verhindern und Regen herbeizaubern konnte. Ein nord-amerikanischer Indologe bezeichnete die Texte – offenbar in einem Anfall von intellektueller Verzweiflung – als das „Gebrabbel von Irrsinnigen“, obwohl ein hohes Niveau systematischer Intelligenz und Wissens zu ihren Merkmalen gehört.

Noam Chomsky hat als Theoretiker der Politik einige Texte von großer Klarheit und Überzeugungskraft geschaffen. Der Gegensatz zu seinen unfruchtbaren linguistischen Haarspaltereien ist daher nur so zu erklären, dass er mit seiner Methode scheitern musste, und es daher fortwährender intellektueller Winkelzüge, Kehrtwenden und Verschleierungstaktiken bedurfte, um sie dennoch aufrechtzuerhalten. Wie werden Wissenschaftler, die ihn heute schon so gnadenlos kritisieren, in ein oder zwei Jahrzehnten über seine Lehre denken? Ich nehme an, dass man seine Theorie (mitsamt den dazu abgegebenen in der Regel fast ebenso scholastischen Kommentaren) dann genauso als „irrsinniges Gebrabbel“ bezeichnen wird  – trotz oder gerade wegen ihres hochgestochenen wissenschaftlichen Jargons. Es muss eben, wie Einstein sagte, eine neue Generation einen frischen Blick auf die Wirklichkeit werfen. Erst dann kann es zu einem Umdenken kommen. Jetzt sind noch die Vertreter der alten Lehre im Amt und viel zu sehr von ihrem eigenen Wissen durchdrungen, um den akademischen Dünkel durch Wahrheitsbewusstsein zu überwinden.

Dabei gibt es immer auch Außenseiter

manchmal große wie Nikolaus Kopernikus, manchmal kleinere wie Ignaz Semmelweiß, die sich dem Paradigma entgegenstellen. Auch in der Linguistik hat es einen derartigen Außenseiter gegeben, und zwar schon früh zu Beginn der achtziger Jahre. Der Betreffende erkannte, dass über Generelle oder Universale Grammatik schwer zu sprechen sei, wenn man außer der eigenen Muttersprache gerade noch etwas Hebräisch und Spanisch beherrscht. Von einem Zoologen erwartet man, dass er Hunderte von Tieren, von einem Botaniker, dass er Tausende von Pflanzen kennt, um in seinem Gebiet zuhause zu sein. Mutet es da nicht wie ein Wunder an, dass es für Chomsky und die meisten seiner linguistischen Gefolgsleute genügt, gerade ihre Muttersprache, das Englische, zu beherrschen und sich trotzdem souverän über Universale Grammatik zu äußern?

Der Meister selbst erblickte darin nach eigenem Bekunden freilich durchaus keinen Nachteil. Wörtlich behauptete er, in seinem Inneren über einen Homunkulus zu verfügen, der ihm schon das Richtige sagen würde.*1* Dagegen ist natürlich schwer zu argumentieren, wenn man den Homunkulus nicht in der eigenen Brust verspürt. Der genannte Außenseiter konnte sich eines solchen Männchens in seiner Brust nicht rühmen, er zog es vor, sich auf die Vernunft zu verlassen. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre, konnte er den Nachweis erbringen, dass die Theorie Chomskys auf Treibsand begründet war, weil sie hybride Grundbegriffe der traditionellen Grammatik benutzt, die gerade nicht universal sind, nämlich Verben und Nomina. Das seien formale Klassen, die in Sprachen wie Englisch und Chinesisch mit unterschiedlichen semantischen Inhalten gefüllt sind, sodass man nur von englischen, chinesischen, japanischen Verben bzw. Nomina reden dürfe. Wenn diese Kritik an falsch gewählten Grundbegriffen zutreffend war, dann erwies sich alle weitere Beschäftigung mit einer Theorie, die auf genau diesen Bausteinen aufgebaut war, als durchaus überflüssig.

Die Begeisterung über die scheinbar Universale Grammatik

Chomskyscher Provenienz war zu jener Zeit allerdings noch so überwältigend groß, dass die Stimme des Außenseiters schlicht übergangen wurde. Ja, dieser Einwurf wurde als so störend empfunden, dass man seine anfängliche Erwähnung als Linguist in Wikipedia nachträglich wieder rückgängig machte. Nicht nur, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung mit seinen Argumenten kam.*2* Indem man den Betreffenden aus der Liste der Linguisten strich, wollte man ihn überhaupt als linguistisch nicht-existent deklarieren.

Solche Strategien sind,

wie wir sahen, nicht nur in der Politik sondern auch in der Wissenschaft völlig normal – und in den meisten Fällen überdies auch ziemlich belanglos. Für die Missachtung von Semmelweiß mussten viele Frauen ihr Leben lassen, aber die scholastischen Verirrungen eines Noam Chomsky richten nur in den Köpfen einer Handvoll von Universitätsprofessoren schwere Verwüstungen an, das Schicksal der restlichen Menschheit bleibt davon glücklicherweise ganz unbetroffen.

Nein, vielleicht doch nicht ganz, denn die Wissenschaft verändert dabei ihren Charakter. Man vergesse nicht: Es gibt ja auch einen erstaunlich erfolgreichen Zweig der modernen Linguistik: die maschinelle Übersetzung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Die Erfolge auf diesem Gebiet muss man als schlechterdings atemberaubend bezeichnen. Seit Lebensbedingungen und Sprachen sich weltweit immer mehr angleichen, fallen immer mehr von jenen kulturellen Unterschieden weg, die das Übersetzen früher einmal so schwierig machten. Wirtschaftliche und wissenschaftliche Texte lassen sich heute maschinell zum Teil geradezu perfekt übersetzen. Nur literarische Texte – und hier vor allem Gedichte – spotten diesen Bemühungen, weil sie sich nicht standardisieren lassen. Wenn ein Schriftsteller Standardware erzeugt, dann sind sie leicht übersetzbar, aber meist eben auch ohne Wert.

Die automatisierte Übersetzung ist nicht weniger als ein großer Triumph

der instrumentellen Intelligenz – hier gilt dieselbe Regel wie in den angewandten Naturwissenschaften – entweder es funktioniert oder es funktioniert eben nicht. Die Qualität einer Übersetzung und damit das Kriterium der Wahrheit (der zugrundeliegenden Algorithmen) lässt sich eindeutig ermitteln. Diese Eindeutigkeit fehlt in den nicht-instrumentellen – den verstehenden – Kulturwissenschaften. Und in jenen Kreisen, die wie es William James schon damals beschrieb „voneinander, füreinander und gegeneinander schreiben“, wird sie nicht einmal gesucht. Daher der grassierende Kahlschlag in den heutigen Geisteswissenschaften. Viele Politiker sehen die Berechtigung von Disziplinen nicht länger ein, wenn sie keinen erkennbaren Wert für die Allgemeinheit besitzen; Posten und Bereiche werden in den Humanwissenschaften so stark reduziert, dass diese heute nur noch die Rolle missachteter Mauerblümchen spielen. Ein gerütteltes Maß von Schuld an dieser Entwicklung muss man der linguistischen Scholastik eines Chomsky beimessen, denn was von dem ganzen, ursprünglich so weltbewegenden Ereignis der Chomskyschen Generellen und Generativen Grammatik übrig blieb, ist eben keinesfalls eine bessere Erkenntnis der Sprache, sondern ein schwer- bis unverständlicher wissenschaftlicher Jargon – die leere Hülse einer Insidersprache, welche linguistische Adepten erlernen müssen, wollen sie zum Kreis der Eingeweihten gehören.*3*

Bleibt am Ende nur noch hinzuzufügen,

dass es der Zufall gerade so fügt, dass der betreffende Außenseiter mit dem Verfasser dieser Zeilen identisch ist. Sein Buch „Principles of Language“ ist niemandem zu empfehlen, dem es um die Schönheit der Sprache geht, denn es ist darin nur von deren logischer Struktur sowie den universalen Zwängen die Rede, denen jede Sprache unterworfen ist (das trifft natürlich generell auf alle linguistischen Texte zu, die sich mit den abstrakten Regelmäßigkeiten von Sprache befassen). Die „Principles“ untersuchen das logische Knochengerüst der Sprache, nicht ihr lebendiges, verführerisch in unendlich vielen Nuancen blühendes Fleisch.

Wer sich allerdings für die Logik der Sprache interessiert, der wird durch dieses Buch reichlich belohnt, denn es zeigt die Grenze zwischen Zufall und Gesetzlichkeit auf, die in der Sprache ebenso wie in der Kultur überhaupt existiert, aber in der Sprache leichter zu bestimmen ist. Dabei wird systematisch zwischen immaterieller Bedeutung und deren materieller Manifestation durch Lautsequenzen unterschieden, die im Prozess der Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer ausgetauscht werden.

Das Fazit der „Principles“ gibt Chomsky recht: Ja, es gibt eine Generative und Generelle Grammatik – generativ ist Sprache, weil Kinder fähig sind, unendlich viele Aussagen zu bilden, auch solche, die sie zuvor niemals hörten. Generell ist sie, weil die Aussagen verschiedener Sprachen ineinander übersetzt werden können. Beides sind empirische Tatsachen. Aber Sprache ist nicht generativ und generell gemäß dem so verblüffend einfachen und deshalb so verführerischen Modell, das Chomsky in seinen berühmten kopfstehenden Bäumen entworfen hat. Danach steht ganz oben ein S (sentence), aus dem ein Sprecher mit Hilfe weniger allgemeiner Regeln und eines Lexikons dann beliebige konkrete Sätze abzuleiten vermag. Jede besondere Einzelsprache fügt den generellen Regeln dann nur noch einige spezifische hinzu, um die Unterschiede zu anderen Sprachen zu definieren.*4* Dies ist die zündende Idee des Chomskyschen Modells, ihr eigentlicher Kern, während alles Übrige nur Beiwerk ist.

Chomskys trügerische Bäume verdanken ihre Faszination,

der Tatsache, dass sie aus Sprache eine Art simples Computerspiel machen. Und nur diese außerordentliche Faszination, welche die Genese der Sprache so umfassend zu erklären schien wie die Naturwissenschaften die Welt der toten Dinge, macht begreiflich, warum niemand auf den elementaren logischen Fehler aufmerksam wurde, der in diesen täuschend einfachen Bäumen steckt. Tatsache ist, dass das Baum-Modell schon im Ansatz falsch ist – es vermengt die Tiefenebene der immateriellen Wirklichkeitsanalyse und die materielle Manifestation dieser Ebene mit Hilfe akustischer (oder sonstiger) Zeichen. Die immaterielle Wirklichkeitsanalyse findet schon bei Tieren auch ohne Verwendung von materiellen Zeichen statt, und sie entwickelt sich bei Menschen von einem primitiven Niveau (wie z.B. in der Piranha-Sprache Amazoniens) bis zu den komplexesten Bedeutungsstrukturen. Diesen liegt eine generelle konzeptuelle Grundstruktur zugrunde, deshalb lassen sich Sätze einer evolutionär primitiveren Sprache mühelos in eine evolutionär entwickeltere übersetzen; in der Gegenrichtung ist das aber in bestimmten Bereichen nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich (wie will man einen modernen Text über Mathematik in eine Sprache übersetzen, wo nicht mehr als die Konzepte für zwei oder drei existieren?).

Doch mit den Unterschieden auf der Ebene der konzeptuellen Struktur ist die Komplexität der Sprache noch keineswegs erschöpft, denn auf Grundlage ein und derselben immateriellen Wirklichkeitsanalyse in konzeptuellen Strukturen lassen sich ganz verschiedene materielle Verwirklichungen, also Zeichensysteme, aufbauen. Aus Chomskys verführerisch einfachem Baum, der der Sprache Gewalt antut und überhaupt nichts erklärt, wird die Generelle und Generative Grammatik zu einem komplexen Ensemble, das sich noch dazu in fortwährender evolutionärer Entfaltung befindet.

In seinem Buch „The Language Instinct“ hat Steven Pinker einige Jahre nach dem Autor der „Principles“ die vorsprachliche Wirklichkeitsanalyse richtig als das generelle und generative Substrat erkannt und als „Mentalese“ bezeichnet, ein Substrat, das allen Sprachen zugrunde liegt. Aber es blieb bei dieser einsamen Erkenntnis. Es ist Pinker nicht gelungen, daraus die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Chomsky’s heillos simplistisches und logisch unhaltbares Sprachmodell erweist sich als hartnäckiges Paradigma, welches bis heute den Fortschritt der Wissenschaften behindert.

1 Siehe David Golumbia: „The Language of Science and the Science of Language: Chomsky’s Cartesianism“

2 Das ist nicht ganz richtig. Der Linguist John Goldsmith von der University of Chicago sah sich in einer Diskussion mit dem Autor schließlich zu dem Zugeständnis genötigt, dass Verben, Nomina etc. als universale Kategorien nicht tauglich seien.

3 Fachsprachen haben natürlich ihren Sinn, wenn sie durch den Gegenstand selbst gefordert werden. Keine Naturwissenschaft kommt heute ohne eine spezifische Fachsprache aus, die aber durch Ergebnisse gerechtfertigt sein muss, die sich eben nur auf diese Weise erzielen lassen. Wenn eine Fachsprache keine Ergebnisse bringt, dann ist sie nur Geheimjargon wie einst das Latein oder in Indien das Sanskrit oder das Altslawische und dient allein dazu, den Abstand zu den Laien aufrechtzuerhalten.

4 Zum Beispiel den Unterschied in der Wortstellung, die für die Englisch eine Mittelstellung des Verbs, also SVO, im Japanischen dagegen dessen Endstellung vorschreibt: SOV.

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From Prof. Hallpike I got the following commentary by mail:

Dear Mr Jenner,

Thank you for this, which is most entertaining – “the babble of madmen” indeed! In which one can also include, for example, Skinner and the Behaviourists, and Levi-Strauss and the structuralists.) It’s really fascinating to see how dogma overtakes so many branches of science and learning generally. Those believe that Darwinian Selectionism can explain cultural evolution provide another example in my own field. I have also been thinking some more about Chomsky and recursion. As I understand it, mathematical recursion is nothing more than an iterative procedure by which one constructs a series, like the natural numbers or the Fibonnacci  series, which go on for ever. This “going on for ever”, however, which apparently Chomsky and followers thought an essential feature of language creativity is quite different from and irrelevant to the structural complexity both of grammar and meaning achievable by the repeated nesting of clauses within a sentence, which could actually be quite short. From what you say this basic difference between the two recursions was actually glossed over?

Yours

Christopher Hallpike

My return mail:

Dear Mr. Hallpike,

I am glad you took no offence at my somewhat harsh comment on certain intellectual games in academia, a comment which was indeed meant to amuse. Even more amusing are comments by followers of Chomsky that interpret his thoughts in blatantly contradictory ways:

Mendivil-Giro („Is Universal Grammar ready for retirement?“): „The mathematical concept of recursion was quasi-synonymous with computability, so that recursive was considered equivalent to computable… what Chomsky… postulates as the central characteristic of human language is recursion in the computational sense, not the existence of sentences within sentences or the existence of noun phrases inside noun phrases“ (my italics).

Pinker („The Language Instinct“): „Recall that all you need for recursion is an ability to embed a noun phrase inside another noun phrase or a clause within a clause“ (my italics). Is there a better proof of Chomskyan vagueness than such opposing interpretations?

Yours

Gero Jenner

Gerechtigkeit – Warum ist sie so schwer zu erreichen?

Für einen seriösen Denker empfiehlt es sich nicht, über „die Natur“ des Menschen zu reflektieren, denn solche Aussagen pflegen sich fast immer als spekulativ zu erweisen, meist sagen sie nur etwas über die Natur des jeweiligen Autors. Dennoch werde ich mit zwei Sätzen beginnen, die genau dies bezwecken: etwas über Grundtendenzen unserer conditio humana zu sagen. Ich verbinde damit die Erwartung, dass die weiteren Ausführungen meine These belegen.

1) Es gehört zur Natur des Menschen, dass er gerne gelobt, beachtet und gewürdigt wird.

2) es gehört zur Natur des Menschen, dass er es nicht gerne sieht und oft als kränkend empfindet, wenn nur andere gelobt, beachtet und gewürdigt werden – nicht aber er selbst.

Angenommen, dass beide Sätze allgemeine Gültigkeit besitzen, dann ist damit ein Grundproblem aufgezeigt, welches besagt, dass das Ideal der Gerechtigkeit nie ein für alle Mal realisiert werden kann, denn beide Sätze stehen in offenkundigem Widerspruch zueinander. Je mehr eine Gesellschaft der ersten Forderung nachgibt, umso stärkere Abstriche muss sie von der zweiten machen – und umgekehrt. Wir haben es mit einer Abwandlung des Widerspruchs von Freiheit und Gleichheit zu tun.

Wenn von Lob, Beachtung und Würdigung die Rede ist,

dann können diese natürlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise erfolgen. Eine Würdigung kann aus einem bewundernden Blick, einem Händedruck, einem Bündel von Geldscheinen, einem ehrfurchtgebietenden Titel, einem hohen Einkommen, einer Medaille oder der Eintragung in das Buch der Rekorde bestehen. Gesellschaften haben Tausende unterschiedlicher Arten erfunden, um ihre Mitglieder einerseits zu bestrafen und sie andererseits zu belohnen. Robert Knox, im 17. Jahrhundert der Gefangene des Königs Rajasingha von Kandy (Ceylon), schreibt, dass unter den Adligen am Hof nichts so begehrt war wie ein hochtrabender Titel – je länger und blumiger, umso größer die Nähe zum König. Dabei wusste jeder, dass sein Leben umso stärker gefährdet war, je näher er der Majestät rückte. Der höchste Titel war eine Garantie, auf Geheiß des bösartigen Herrschers für irgendein, oft ganz fiktives Vergehen von Elefanten zertrampelt zu werden. Das geschah regelmäßig, und alle wussten es – und trotzdem strebten alle Adligen nach Titeln: je bombastischer umso besser, und alle wollten dem König so nah wie möglich kommen. Es war wie die Faszination der Motten durch das Licht.

An dem Bedürfnis, sich vor anderen ins Licht zu stellen,

hat sich bis heute nichts geändert. Es liegt allem Wettbewerb zugrunde. Andererseits ist das Bedürfnis, von anderen als gleichwertig geschätzt, nicht missachtet und als minderwertig gekränkt zu werden, mindestens ebenso stark in uns verankert. Es liegt der Kooperation zugrunde, welche nur möglich ist, wenn der einzelne sich in seiner Rolle – wie auch immer diese beschaffen ist – von anderen gewürdigt sieht. Zwischen den beiden Extremen eines die Menschen in fortwährendem Kampf gegeneinanderhetzenden (aggressiven) Wettbewerbs und einer Kooperation, welche wie in einem Ameisenstaat jedem eine bestimmte Aufgabe zuerteilt, pendeln Gesellschaften hin und her.

Die Befreiung des einzelnen durch die Industrielle Revolution

seit dem 18. Jahrhundert hat einer immer größeren Zahl an Menschen die Möglichkeit verschafft, aufgrund von eigener Leistung, eigenem Können, eigener Intelligenz und Zielstrebigkeit anerkannt und gewürdigt zu werden – in der Regel unmittelbar durch höheren Gelderwerb. Was anfangs Befreiung war, hat aber schnell zu wachsender Ungleichheit geführt, weil die Tüchtigsten (und nicht selten die Rücksichtslosesten) immer mehr vom gemeinsamen Kuchen für sich zu beanspruchen vermochten. Geld, Anerkennung und Macht konzentrierten sich in immer weniger Händen und machten die anfängliche Befreiung wieder zunichte – man nennt das Refeudalisierung. Anders gesagt, wurden dem einzelnen durch den Wettbewerb zunächst größere Freiheit verschafft, die er aber danach immer mehr einbüßte, weil die Übermacht einer kleinen Zahl ihn zu einer Ohnmacht verdammt, die er als zunehmende Kränkung seines Selbstwertgefühls erfährt (These 2). Die USA, wo sich Einkommen und Vermögen auf das oberste ein Prozent konzentrieren, sind auf diesem Wege besonders weit fortgeschritten.

Die Konzentration von Macht, Vermögen und Anerkennung

in wenigen Händen hat nie einen stabilen sozialen Zustand ermöglicht – schon gar nicht in einer Zeit wie der unsrigen, die sich aufgrund ihrer außerordentlichen organisatorischen und technologischen Komplexität so leicht durch Sabotage destabilisieren lässt. Daher übt die Vorstellung einer Gesellschaft so große Anziehungskraft, in der niemand Kränkung erleiden muss, weil alle den gleichen Zugang zu Anerkennung und sozialer Würdigung genießen.

Der christliche Urkommunismus

und viele Sekten der verschiedensten Religionen haben Gleichheit in geistiger und materieller Hinsicht als Ideal gepredigt und in kleineren Gemeinschaften auch durchzusetzen vermocht. Marx und neuerdings Thomas Piketty haben sie für alle Gesellschaften, ganz gleich welcher Größe, gefordert. Mao blieb es vorbehalten, das Ideal mit den Mitteln nicht nur der ideologischen Propaganda sondern der physischen Macht durchzusetzen. Wie bekannt wurden dem Experiment Millionen von Toten geopfert. Dieses verlief deshalb so besonders blutig, weil es dem unter These 1 genannten Bedürfnis widersprach, einem Bedürfnis, das seinerseits auf dem Faktum gründet, dass die Menschen verschieden sind und es daher als unzumutbar empfinden, wenn man ihnen geistig wie materiell denselben Lebensstil aufzwingen will.

Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung

erklärt die Explosion kreativer Fähigkeiten kaum dass Deng Xiao Ping den Chinesen in den 80er Jahren erlaubte, die maoistische Zwangsjacke abzuwerfen. Jeder sah sich auf einmal aufgefordert, sein Wissen, sein Können, seine Durchsetzungskraft zu entfalten (solange er damit nicht in Widerspruch zu den Zielen des Staates geriet). Nicht anders als in Europa zu Beginn der Industriellen Revolution war dies ein Akt der Befreiung, der die Welt augenblicklich und machtvoll veränderte.

Aber auch in China

(nicht nur in den USA und in Europa) ist die Zahl der Milliardäre in kurzer Zeit sprunghaft angestiegen. Auch dort droht die anfängliche Befreiung eine Kaste von Superreichen hervorzubringen, die den Aufstieg ihrer Mitmenschen durch ein Übergewicht an Macht, Einfluss und Finanzkraft immer stärker behindern. Diese Kaste ist bereits auf dem Weg, denselben Pfad der Refeudalisierung einzuschlagen, den das obere ein Prozent in den USA schon sehr weit gegangen ist.

Warum ist es so ungeheuer schwierig, in der Mitte haltzumachen und beide Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen: das Bedürfnis nach Kooperation und das Bedürfnis nach Wettbewerb? Warum dieses ewige Hin und Her zwischen extremer Ballung von Reichtum, denen dann blutige soziale Revolutionen folgen, die für eine Neuverteilung sorgen?

Die klassenlose Gesellschaft

Theoretisch ist das Problem ja erstaunlich leicht zu lösen. Schon Plato hatte vorgeschlagen, den Eltern die Kinder wegzunehmen, wie man dies ja in Sparta zu seiner Zeit praktizierte. Unter dieser Voraussetzung beginnt jede Generation von neuem. Denn jedes Kind soll genau jene Stellung einnehmen, die ihm aufgrund seiner Fähigkeiten gebührt. Erbschaften, die unfehlbar zum Entstehen von Klassen oder gar Kasten führen, dürfen nicht von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Gewiss, Sparta war einer der schlimmsten Unrechtstaaten der Weltgeschichte, denn den Reichtum der oberen fünf Prozent frei geborener Spartaner mussten 95 Prozent rechtloser Heloten erwirtschaften. Aber das Prinzip der sozialen Bestimmung allein aufgrund individueller Fähigkeiten bleibt davon unberührt. Würden wir ein solches System auf die heutige Zeit übertragen, dann brauchten wir uns über Refeudalisierung und das eine allbeherrschende Prozent an der Spitze des Staats keine Sorgen zu machen. Marx, Piketty und Mao müssten keine klassenlose Gesellschaft fordern, weil diese dann von selbst auf ganz natürliche Weise zustande käme: Talent und Können sind in jeder Generation ja auf andere Köpfe verteilt. Und natürlich müssten wir nicht einmal Plato folgen und die Grausamkeit begehen, den Eltern die eigenen  Kinder wegzunehmen. Es genügt, die Erbschaftssteuer auf hundert Prozent heraufzusetzen, um denselben Effekt zu erreichen: eine klassenlose Gesellschaft.

Doch auch dieses bescheidenere Ziel wurde niemals erreicht,

und zwar deswegen nicht, weil es wiederum zu einem menschlichen Bedürfnis in Widerspruch steht, das sich nicht unterdrücken lässt: der Fürsorge der Eltern für ihre Kinder. Jeder normale Mensch hält es für selbstverständlich, dass die Eltern die eigenen Kinder mit Liebe behandeln, wobei Liebe nicht nur in guten Worten sondern in allen möglichen Zuwendungen materieller Art besteht. Es wurde immer als widernatürlich und als extremer Mangel an Liebe gesehen, dass ein Vater seine Kinder enterbt.

Das ist das eine. Andererseits aber halten wir es für ungerecht, dass jemand nur deshalb, reich, angesehen, einflussreich ist, weil er die Voraussetzungen dazu als Erbe von seinen Eltern empfing. Hier haben wir es demnach erneut mit einem Widerspruch zu tun, der in der Natur des Menschen liegt. Und wiederum sehen wir Gesellschaften zwischen zwei Extremen pendeln. Einige ganz wenige – vor allem kleinere Gemeinschaften und Sekten – lehnen alle unverdienten Begünstigungen durch Erbschaften ab, dazu gehörte Sparta. Aber in bevölkerungsreichen Gesellschaften hat sich diese Strategie als undurchführbar erwiesen. Denn die Aussicht, nicht nur für das eigene Ego zu arbeiten sondern die ganze Familie, die eigenen Kinder und Enkel daran teilhaben zu lassen, scheint einer der mächtigsten Handlungsantriebe zu sein, während umgekehrt die sichere Aussicht, das alles mit dem eigenen Tod an den Staat oder an andere unbekannte Menschen zu verlieren, die eigene Initiative zu lähmen droht.

Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass es auch in diesem Fall äußerst schwierig ist, das richtige Gleichgewicht zu finden. Ideale wurden bisher nur in Gesellschaften verwirklicht, die wir nachträglich als unmenschlich bewerten; das gilt für den Kommunismus in Sparta und unter Mao und für den neoliberalen Kapitalismus in den USA von heute. Jede Gesellschaft versucht aufs Neue, den richtigen Abstand zwischen den Extremen zu finden, aber keine hat bisher eine endgültige Lösung entwickelt. Das Problem der Gerechtigkeit begleitet den Menschen durch seine ganze Geschichte.

** Das Gebot der Gleichheit in Sparta hatte seinen offensichtlichen Grund. Eine herrschende Minderheit von etwa fünf Prozent kann eine versklavte Mehrheit von 95 Prozent nur dann dauerhaft unterjochen, wenn sie innerhalb der eigenen Reihen keinen Dissens aufkommen lässt. Gleichheit der freien Spartaner war daher das erste Gebot, um die Ungleichheit der anderen aufrechtzuerhalten. Wir fühlen uns an das Vorgehen von Staaten in Kriegszeiten erinnert. Wenn sie in ihren Bürgern die Bereitschaft wachrufen wollen, sich für das Vaterland zu opfern, sehen sich herrschende Kreise genötigt, ihnen mehr Rechte einzuräumen – eine Konzession, die in Friedenszeiten dann schnell wieder vergessen wird.

Knox, Robert (??): An Historical Relation of the Island Ceylon. (1681) Public Domain Book.

Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

Steven Pinker: Bitte schön, mit Toten rede ich nicht; ihr habt eure Zeit gehabt, jetzt geben die Lebenden den Ton an. Was ihr damals geliefert habt, war nichts als Dichtung, will sagen Fantasterei. Ich habe an Hand von belastbaren Zahlen bewiesen, dass heute nahezu alles weit besser ist als in der Vergangenheit. Die Menschen leben länger, sie töten sich weniger, sie essen besser, haben weniger Krankheiten als je zuvor – und das obwohl ihre Zahl in zweihundert Jahren um das Siebenfache gestiegen ist.*1* Gibt es einen besseren Beweis, um Euch Schwarzmaler und Untergangspropheten, lebende wie tote, ad absurdum zu führen?

Huxley: Oh gewiss, den Beweis gibt es. Er wird uns gerade geliefert. Während ihr dem Menschen das Paradies vorgaukelt, breiten sich Seuchen in immer kürzeren Abständen und mit immer größeren Verheerungen aus. Erst unter den Tieren. „Hunderttausende eng zusammengepferchte Tiere, die darauf warten, zum Schlachthof gebracht zu werden: ideale Bedingungen für die Mutation von Mikroben zu tödlichen Krankheitserregern.“*2* Dagegen kommt man nur an, indem man sie vollstopft mit Antibiotika (mit denen wir dann anschließend auch uns selbst vergiften). Trotzdem müssen in kurzen Abständen ganze Populationen von Schweinen, Rindern, Hühnern, Gänsen etc. gekeult, gemetzelt, vergast und vergraben werden.

Pinker: Na und? Das ist doch nicht mehr als ein technisches Problem, das wir auf diese Weise erfolgreich beseitigen. Das Kranke wird ausgemerzt, das Gesunde bleibt übrig, wo ist da das Problem?

Huxley: Das Problem beseitigen wir nie, solange der Lebensraum für Tier und Mensch immer enger wird. Wir selbst werden unsere Zahl innerhalb von nur dreihundert Jahren ja verzehnfacht haben. Die Entstehung von epidemischen Seuchen wie Cholera, Pest, Grippe, Typhus und Pocken setzt eine gewisse Bevölke­rungsdichte voraus, um eine effektive Übertragung von Krankheitskeimen zu erlauben. Die haben wir längst erreicht. Bis zum heutigen Tag wurde Europa regelmäßig von Seuchen heimgesucht. Keine war so mörderisch wie die sogenannte Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920. Diese von Soldaten in Amerika und Europa durch das Influenzavirus H1N1 verbreitete Epidemie tötete innerhalb eines einzigen Jahres fast so viele Menschen wie der Schwarze Tod innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, nämlich zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, weit mehr als die 40 Millionen Soldaten, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen.

Aber im Vergleich zu damals könnte sich das Problem in Zukunft um vieles verschärft. Inzwischen verlangen nicht nur westliche Wohlstandsbürger nach immer mehr Fleisch sondern China und bald auch Afrika und die ganze übrige Menschheit. Und um diesen Hunger nach Fleisch zu befriedigen, benötigen wir für alle Nutztiere zusammen eine Fläche, die jetzt schon der Größe des afrikanischen Kontinents entspricht. *3*

Anders gesagt, stellen wir genau jene Bedingungen her, unter denen die Schädlinge florieren, und zwar nicht nur unter den Tieren sondern ebenso auch im Rest der Landwirtschaft. Den Monokulturen unter den Tieren entsprechen die Monokulturen unter den Pflanzen. Auch diese werden von Seuchen verheert. Inzwischen belasten wir die uns umgebende wirtschaftlich genutzte Fläche mit Unmengen von Giften, und zwar jedes Jahr mit neuen und stärkeren, um die Ernten vor Heerscharen von dauernd mutierenden Schädlingen zu retten. Wo einst das Volk der Dichter und Denker die Natur in romantischen Versen besang, schlagen uns heute widerliche Pestdünste entgegen. Wer wird noch mit Wohlgefallen durch frisch mit Pestiziden bespritzte Weinbaugebiete oder durch Obstanlagen spazieren? Dort lässt der Teufel seine Furze knallen, das sind Gefilde von bestialischem Gestank.

Pinker: O ja, ich sehe schon Aldous, Du bist ein griesgrämiger Spielverderber. Du mäkelst an den Kinderkrankheiten herum, die es natürlich von jeher gab und die es mit Sicherheit auch in Zukunft immer geben wird, statt vor den großartigen Errungenschaften unserer Zeit in Ehrfurcht zu erschauern, wahren Höhenflügen des menschlichen Geistes, die uns bis ins Atom und in das Genom lebender Arten ins Allerkleinste hinab und bis in den Kosmos hinauf ins Allergrößte führten. Aber Du kannst ganz beruhigt sein, irgendwann werden unsere Pflanzenschutzexperten geruchlose Gifte erfinden und dann kann man so sensible Romantiker und Dichterlinge wie euch von neuem in die Weingärten schicken, damit ihr die Trauben mit Versen bekränzt. Den Wein trinkt ihr doch sowieso, jedenfalls kenne ich keine nüchternen Dichter. Ich sage Euch, wir Wissenschaftler haben bisher noch alle Schwierigkeiten bemeistert.

Huxley: Nein, das habt ihr nicht. Ihr seid so trunken von eurem Geist und faustischem Machen, dass ihr das Menetekel, obwohl es ganz nahe ist, nicht einmal in den Blick bekommt. Es geht ja nicht mehr allein um die Tiere, es geht um uns, es geht um die Menschen, denn unsere explodierende Zahl hat dafür gesorgt, dass neben die Massentierhaltung längst schon die Massenmenschhaltung getreten ist. In den großen Betonmetropolen der Welt lebt unsere Spezies inzwischen auf ähnlich engem Raum zusammengepresst wie die Tierpopulationen, die wir täglich verspeisen. Was wir den Tieren antun, das haben wir anschließend immer auch uns selbst angetan. Die Coronakrise hat zwar nicht dazu geführt, dass wir uns gegenseitig in Nacht- und Nebelaktionen massenschlachten, aber wochen- oder monatelang sperren wir uns in unseren Wohnkasernen ein, um uns nur nicht durch gegenseitigen Kontakt zu verseuchen.

Pinker: Und was soll dieses Gejammer? Am Ende werden wir einen Impfstoff erfinden – und damit ist das Problem überwunden.

Huxley: Gewiss werden wir einen Impfstoff erfinden, vielleicht sogar geruchlose Gifte. Aber das heißt doch nur, dass wir gezwungen sind, in immer schnellerem Tempo die Gegenmittel zu suchen, mit denen wir die von uns selbst erzeugten Schäden beseitigen. Aus der Ära einer fortschrittlichen Gesellschaft, die mit immer neuen Erfindungen, das Leben der Menschen verbessert, sind wir seit dem vergangenen Jahrhundert in die Ära der Risikogesellschaft übergewechselt, wo wir uns vorsehen müssen, dass aus einem Atomkraftwerk nicht eine Atombombe wird (Tschernobyl oder Fukushima). Im 21. Jahrhundert aber sind wir in die Ära der Reparaturgesellschaft eingetreten, wo wir vor allem damit beschäftigt sind, die von uns in zweihundert Jahren Industrialisierung verursachten Schäden an Luft (CO2), Böden (Zerstörung des Humus) und Wasser (Plastikmüll) wenigstens einzudämmen.

Das aber ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der immer teurer und aufwändiger wird. Da die Weltbevölkerung einerseits immer größer wurde, andererseits immer besser ernährt werden will, brauchen wir mehr und mehr Energie, nur um unsere elementaren leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute erkennen wir, dass die sogenannte industrielle Revolution vor allem eine Energierevolution ist. Die in Millionen Jahren im Boden gespeicherten Energiereserven des Planeten haben wir rücksichtslos geplündert – und tun es auch heute noch. Nur deswegen ist innerhalb von nur zweihundert Jahren alles exponentiell gewachsen: der Energieverbrauch ebenso wie der materielle Lebensstandard gemessen am BSP.

Energieverbrauch: Im Jahr 1800 belief sich dieser Verbrauch auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill).

BSP: Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven ist offensichtlich. Natürlich wären Kohle und Öl ohne die Erfindung von Dampfmaschine, Diesel- und Elektromotor nie zur Wirkung gelangt. Aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und Nutzung fossiler Rohstoffe bilden eine unauflösliche Einheit. Nur, weil wir den Planeten gnadenlos plünderten, geht es uns heute so gut.

Pinker: Richtig. Es geht uns heute so gut wie nie in der Geschichte. Das habe ich in meinem wegweisenden Buch „Enlightenment Now“ an vielen Indikatoren nachgewiesen.

Huxley: Gewiss, das Buch ist eine einzige Lobeshymne auf den menschlichen Erfindungsgeist, aber die dunkle Kehrseite der Medaille bleibt leider ganz ausgespart. Jeder objektive Beobachter muss doch begreifen, dass das weltgeschichtliche Experiment mit den im Erdmantel verborgenen Energiereserven sich als Strohfeuer erweisen wird, da ihm keine dreihundert Jahre beschieden sind, denn die Vorräte gehen rapide zur Neige – und schlimmer noch die Rückstände aus der Verbrennung (CO2) heizen den Globus so auf, das die Meere die großen Küstenstädte unter Wasser setzen und Millionen von Menschen vertreiben werden. Den Scheitel der Gaußschen Normalverteilung von Aufstieg und Niedergang haben wir bereits überschritten. Selbst wenn unsere Vorräte unbegrenzt wären, dürfen wir sie nicht länger nutzen, weil wir den Klimawandel dadurch nur weiter beschleunigen. Unser Reichtum ist so eng an die fossile Verbrennung gekoppelt, dass man nur staunen kann, wie sehr in den meisten Regierungen und selbst unter Ökonomen noch immer die Optimisten den Ton angeben – Optimisten, die sich mit seltsamer Naivität an die Mär vom ewigen Wachstum klammern.

Ob man wir es wahrhaben wollen oder nicht: mit dem Wachstum ist es vorbei, sobald sich unser Vorrat an fossilem Gold erschöpft. Vielleicht – so eine naheliegende Befürchtung – werden wir dann sogar in die Armut früherer Epochen zurückgestoßen. Das ist jedenfalls die Meinung, welche das wissenschaftliche Autorenkollektiv unter der Leitung von Ugo Bardi vertritt.*4* Auf jeden Fall steht uns eine Lebensweise bevor, bei der wir mit jener Energiemenge auskommen müssen, welche die Sonne für unser Territorium bereithält. Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*

Pinker: Wie ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber dann wird uns die Fusionsenergie zur Hilfe kommen, indem sie uns für alle Zeit mit einem Füllhorn an Energie überschüttet. Siehst Du denn nicht, mein Lieber, dass wir die bisher einzige Art auf dem Globus und vielleicht im ganzen Kosmos sind, die den Geist zur Entfaltung brachte und daher auf jedes Problem am Ende die richtige technische Antwort findet? Für mich ist das nicht weniger als die eigentliche Definition dessen, was uns überhaupt erst zu Menschen macht: Wir sind die problemlösende Spezies.

Huxley: Und ich bedauere, Dir abermals widersprechen zu müssen. Wir sind die problemblinde Spezies, denn wir stehen ganz nahe am Abgrund, nur das es beinahe niemand in der Bevölkerung merkt – oder richtiger: merken will. „Hören Sie sich in dieser Zeit der Krise die Nachrichten, die gewählten Politiker oder die Wirtschafts- und Politikexperten an. Sie werden praktisch keinen Hinweis auf den Klimawandel hören…, auf Waldbrände, den Verlust der biologischen Vielfalt, die Verschmutzung der Ozeane, den Anstieg des Meeresspiegels, die Abholzung der Tropenwälder, die Verschlechterung der Land-/Bodensituation, die Ausdehnung des Menschen in die Wildnis usw. usw., und es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Trends miteinander und mit der Pandemie in Verbindung stehen.“*6*

Deine Vision von der unbegrenzten Fusionsenergie, lieber Steven, würde nämlich erst recht das Ende bedeuten. Energie dient ja vor allem dazu, um Stoffe umzuwandeln. Inzwischen gehen alle von uns benötigten Stoffe jedoch rapide zur Neige: Kupfer, seltene Erden, Phosphor, ja selbst der für den Beton benötigte Sand. Eine unbegrenzte Energiezufuhr würde nur bewirken, dass wir alle noch vorhandenen Ressourcen sozusagen in einem einzigen wilden Festschmaus verbrauchen – woraufhin wir uns denn am Ende nackt auf einem kahlen Planeten drängen. Zwar brauchen wir immer mehr Energie, um die Nahrung für bald zehn Milliarden Menschen hervorzubringen, aber die dazu benötigte Energie geht uns aus. Übrigens auch die grüne Energie. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.*7*

Pinker: Hör auf! Solche Schwarzmalerei, Aldous, ist ein Verbrechen an den jetzt lebenden Menschen und an künftigen Generationen. Sie verdüstert den Geist und lähmt die Erfindungskraft. Der beste Beweis dafür, dass der Mensch eine einzige Erfolgsstory ist, liegt doch in unserer Zahl. Wir sind Überlebenskünstler. Während zur Zeit der Jäger und Sammler nur Horden von allenfalls bis zu hundert Menschen die Savannen durchstreiften, schießen inzwischen Millionenstädte auf sämtlichen Kontinenten aus dem Boden. Charles Darwin, nach Newton zweifellos der größte Wissenschaftler, hat uns vor anderthalb Jahrhunderten die richtige Theorie dazu geschenkt. Wer im Lebenskampf besser gerüstet ist, der setzt sich durch, bekommt die größte Nachkommenschaft und beherrscht den Globus.

Huxley: Bedaure, dass ich abermals widersprechen muss. Darwins Theorie kann nicht stimmen, denn der Gegenbeweis durch die vorhandenen Fakten steht uns doch in Gestalt der Statistik vor Augen. Würden wir alle Säugetiere auf eine Waage stellen, ist der Mensch nur mit 36% der gesamten Biomasse vertreten. Mit insgesamt gerade einmal 4% sind Elefanten, Tiger, Robben, Wale etc. schon praktisch ausgerottet. Die große Masse von 60% bilden Rinder, Schweine, Hühner und Co., also die Nutztiere. Offensichtlich repräsentierten diese die bei weitem erfolgreichsten Arten – mit der Theorie Darwins lässt sich das nur über intellektuelle Hilfskonstruktionen in Einklang bringen. Wir selbst und unsere Nutztiere haben uns innerhalb von nur zweihundert Jahren wie Heuschrecken und Lemminge vermehrt und sollten eigentlich wissen, womit eine solche Bevölkerungsexplosion regelmäßig endet, nämlich in einem Bevölkerungskollaps. Darwin hin oder her – ich sehe nicht, wie man darin einen Erfolg sehen kann.

Pinker: Ach, darauf willst Du hinaus. Die Natur wird sich selber helfen – mit Kriegen, Seuchen, Hungersnöten usw., damit dann am Ende eine kleine Schar übrigbleibt, die dann wieder jagen und sammeln geht, so wie vor zehntausend Jahren? Die Leier kenne ich, davon will ich nichts hören. Um Dir die Wahrheit bei dieser Gelegenheit einmal rundheraus ins Gesicht zu sagen. Ich bin ja sonst für die Freiheit und gegen die Zensur, aber solchen Spielverderbern und Miesmachern wie euch sollte man schlicht das Wort verbieten.

Dabei würde ein kleines Gedankenexperiment doch schon genügen, um euch zu zeigen, wie wenig dramatisch unsere Situation in Wirklichkeit ist. Würden wir alle sieben Milliarden Menschen in eurem Zwergstaat Österreich unterbringen, dann kämen auf jeden einzelnen immer noch 12m2, also sechs mal zwei Meter, das entspricht einem günstigen Wert für Gefängnisse, in denen so mancher Zeitgenosse sein ganzes Leben zubringen muss. Da kann doch von Übervölkerung überhaupt keine Rede sein. An eurer Schwarzmalerei stört mich vor allem, dass sie geistig so unfruchtbar ist. Wenn ihr euch schon berufen glaubt, jede Errungenschaft unser großartigen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation kritisch zu hinterfragen, dann sagt doch bitte, wie es besser zu machen wäre. Kritik allein ist eine Krankheit, die niemandem nützt, solange sie nicht zugleich mit einem Rezept zur Heilung verabreicht wird.

Huxley: Diesen Einwand akzeptiere ich. Da bin ich ganz deiner Meinung, aber ich verlange nun auch, dass Du die ungeheure Schwierigkeit begreifst, vor der wir heute stehen. Die plötzliche Vermehrung einer Art über die biologische Tragfähigkeit des Ökosystems hinaus, ist ein Unglück, für das es in der Natur leider unendlich viele Beispiele gibt. Lemminge und Heuschrecken habe ich schon erwähnt, aber bei Bakterien und Viren ist eine exponentiell-explosionsartige Vermehrung die Regel. Stets hilft die Natur sich auf die brutale Art: sie lässt den Überschuss untergehen. Wir Menschen haben uns gegen diese Grausamkeit nie aufgelehnt, solange sie andere Arten betraf. Da erschien sie uns ganz „natürlich“. Nun aber stehen wir selbst mit unseren bald zehn Milliarden Individuen einem Ökosystem gegenüber, das dieser Last nicht länger gewachsen ist. „Selbst bei den derzeitigen globalen Durchschnittswerten des Verbrauchs (etwa ein Drittel des kanadischen Durchschnitts) übersteigt die menschliche Bevölkerung bei weitem die langfristige Tragfähigkeit der Erde.  Wir bräuchten fast fünf erdähnliche Planeten, um allein die gegenwärtige Weltbevölkerung bei durchschnittlichen kanadischen materiellen Standards unbegrenzt zu versorgen.“*8*

Ja, wir haben es materiell sehr viel besser als die ganze Menschheit vor unserer Zeit – da hast Du völlig recht. Aber sobald wir begreifen, dass uns dies nur gelang, weil wir den Planeten in kurzer Zeit wie die Heuschrecken kahlgefressen haben, sieht das Bild doch ganz anders aus. Nur wir, die Du als Schwarzmaler und Kassandras schmähst, weisen auf die Gefahr. Wir sagen so laut wir können, dass die Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert alles unternehmen müsse, damit die Natur nicht die übliche Prozedur der brutalen Vernichtung des Überschusses so an uns vollzieht, wie sie das schon immer an Heuschrecken tat. Oder dass sie uns selbst nicht etwa zu ihrem Vollstrecker macht, weil wir mit Kriegen um die letzten Rohstoffe uns gegenseitig vernichten. „Es gibt keine Ausnahmen vom 1. Gesetz exponentieller Vermehrung: Diese zerstört unweigerlich die Bedingungen, die die Vermehrung begünstigt haben, und löst damit den Zusammenbruch aus.“*9*

Pinker: Na schön, dann kommen wir jetzt ja doch noch zur Hauptsache. Sag mir also,  wie die Welt nach Deiner Meinung aussehen soll. Entweder zurück zur Bedürfnislosigkeit der Steinzeitmenschen oder eine radikale Verminderung unserer Kopfzahl, wie es die Natur bei den Heuschrecken macht. Darauf läuft Dein Rezept doch hinaus?

Huxley: Es wundert mich, dass Du den Menschen so unbefangen mit Heuschrecken vergleichst, obwohl Du doch seine durch Aufklärung gewonnene Vernunft als ein ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnendes Merkmal siehst. Dir sind die wissenschaftlichen Untersuchungen sicher bekannt, die an einer Fülle von Fakten belegen, dass wir den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard bei einer Bevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen nur noch eine kurze Zeit aufrechterhalten können. Noch in diesem Jahrhundert wird das energetische Strohfeuer erlöschen. Wollen wir diesen Kollaps vermeiden und eine nachhaltige Welt begründen, dann erreichen wir dieses Ziel nur auf zweierlei Art: entweder reduzieren wir unseren Naturverbrauch auf etwa ein Fünftel, oder es dürfen nur noch zwei Milliarden Menschen den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard genießen.

Pinker: Bravo, ich wusste schon, darauf läuft es bei euch hinaus. Entweder der radikale Verzicht, indem wir alle eine Existenz von Bettlern führen oder fünf der vorhandenen sieben Milliarden Menschen werden schlicht als überflüssig erklärt. Vielleicht entsorgt ihr sie auf dem Mars?

Huxley: Ja, ja, das ist der übliche Spott, wenn das Denken vor einer existenziellen Bedrohung in den Fluchtreflex fällt. Ich weiß schon, Du denkst an das unselige Buch von Ilya Trojanow „Der überflüssige Mensch“. Aber keiner, der sich für eine sinnvolle Bevölkerungspolitik einsetzt – das hatte seinerzeit schon Bertrand Russell getan – hat auch nur einen Augenblick daran gedacht, Bevölkerungspolitik in dem Sinne misszuverstehen, dass man irgendeinen Teil der bereits lebenden Menschen als überflüssig erklärt. Ein derart abwegiger (und verbrecherischer) Einfall kann nur Demagogen einfallen. Es geht darum, durch Geburtenbegrenzung auf dieses Ziel hinzuarbeiten, so wie man es in China mit Erfolg bereits tat. Mit seiner fallenden Geburtenrate hat auch Europa der Welt ein nachahmenswertes Beispiel geliefert.

Pinker: Ach wirklich? Und warum jammern Unternehmen, Politik und Pensionisten in einem fort darüber, dass ihnen die Arbeitskräfte fehlen und künftig sogar das Geld, um die Pensionisten zu erhalten? Und warum lässt man in Europa aus aller Welt Fremde über die Grenzen strömen, nur um die fallenden Geburtsraten auf diese Art auszugleichen? Da freut sich keiner über das Beispiel, alle scheinen in dem demographischen Rückgang nichts als ein nationales Unglück zu sehen.

Huxley: Da muss ich Dir leider recht geben. Führende Wissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass eine radikale Beschränkung der Geburten die einzig vernünftige Politik darstellt, wenn wir der ökologischen Katastrophe entgehen wollen. Alles: die Überfischung der Meere und ihre rapide Vermüllung mit Plastik, die Vergiftung der Atmosphäre mit CO2, die baldige Erschöpfung der Energiereserven, die zunehmende Bedrohung durch alle Arten von Seuchen in einer total überfüllten Welt, all dies lässt sich nur überwinden, wenn es einer konsequenten Bevölkerungspolitik gelingt, die Geburtenzahl innerhalb dieses Jahrhunderts auf einen Bruchteil zu reduzieren. Statt jedoch das chinesische und europäische Beispiel der Welt als Lösung des gegenwärtig größten Menschheitsproblems vor Augen zu stellen, jammern wir über die Gefährdung der Renten. Statt den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Geburtenüberschuss alle Nachhaltigkeit vereitelt, eine radikal andere Politik zu empfehlen und sie von uns aus zu unterstützen, öffnen wir unsere Grenzen und ermuntern diese Länder im Gegenteil noch dazu, bei ihrer bisherigen Bevölkerungspolitik zu bleiben.

Pinker: Verstehe ich dich recht, wir sollen die Grenzen schließen? Da spricht auf einmal der inhumane, brutale Nationalegoist. Der lässt andere jenseits der Grenzen eher sterben, als dass er ihnen die Einwanderung erlaubt

Huxley: Ich gebe zu, dass Du da einen wunden Punkt berührst – und einen noch dazu intellektuell außerordentlich problematischen. Lassen wir die Migration einen Augenblick beiseite und betrachten dasselbe Problem unter einer anderen Perspektive, wo wir uns vielleicht eher einigen können.

Es scheint mir offensichtlich, dass jeder Staat in Zukunft den von ihm produzierten Müll selbst entsorgen muss. Immer mehr Staaten (die man einst als Dritte Welt von oben herab behandelte) weigern sich inzwischen, das eigene Territorium damit zu vergiften. Diese Entwicklung sollten wir bejahen. Nur dadurch dass wir gezwungen sind, mit dem Problem selbst fertig zu werden, finden wir zu Strategien der Müllvermeidung. Die Verantwortung für das eigene Handeln muss wieder bei dem Handelnden selber liegen, ganz gleich ob Individuum, Unternehmen oder Staat. Was für den Müll gilt, sollte aber ebenso für die industrielle Produktion überhaupt gültig sein. Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir im Ernstfall alles Lebensnotwendige wenn nicht im  eigenen Land so doch innerhalb der existierenden Staatenbünde wie z.B. der Europäischen Union produzieren sollten. Wir dürfen uns nicht in existenzielle Abhängigkeit bringen, indem wir uns auf eine Werkbank am anderen Ende der Welt verlassen.*10* Zwar würde in einer idealen Welt, wie sie die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft beschreibt, ein völlig freier Handel allen Menschen den größten Wohlstand bescheren, aber wir haben bisher nie in einer solchen Welt gelebt, und wir werden auch erst unter einer künftigen Weltregierung dazu gelangen.

Ja, und damit komme ich zu Punkt drei. Jeder Staat (oder Staatenbund) sollte nur so viele Menschen auf seinem Gebiet beherbergen wie dort nachhaltig leben können. Dieser Schluss scheint mir unausweichlich zu sein.

Pinker: Sehr interessant und überaus seltsam. Weißt Du auch, was Du damit sagst? Das ist ein Programm, um 150 Jahre Globalisierung rückgängig zu machen. Du willst zurück in die Welt, wie sie es vor tausend Jahren gab, als China, Indien, Europa, Australien und Amerika entweder nichts voneinander wussten oder zumindest so gut wie nichts voneinander brauchten, um ihre unmittelbaren materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Huxley: Wenn das so einfach wäre! Habe ich nicht gerade zuvor bemerkt, dass wir hier einer großen Herausforderung gegenüberstehen? Jede der drei Großmächte kann jeden beliebigen Punkt auf der Erde mit nuklearen, chemischen und biologischen Waffen so verseuchen, dass die gesamte Menschheit davon betroffen ist. Diese Globalisierung durch den unseligen „Fortschritt“ der Waffentechnik ist nicht mehr rückgängig zu machen. Selbst wenn in Zukunft jeder Staat oder Staatenbund wieder ganz allein die Verantwortung für das eigene Territorium und die darauf lebenden Menschen zu tragen hätte, würde das gemeinsame Überleben dennoch davon abhängen, dass keiner dem anderen schadet. Das aber ist nur durch Frieden, Kooperation und Verträge zu erreichen. Anders gesagt, müssen wir ein Kunststück zustandebringen, das die vorangehenden Generationen nicht einmal ahnten. Regionalisierung einerseits, d.h. Verantwortung vor Ort, und zugleich Globalisierung andererseits, da wir alle Passagiere desselben von Kentern bedrohten Bootes sind.

Pinker: Schon wieder die übliche Übertreibung und Panikmache! In den Zeiten des dreißigjährigen Krieges glaubten die Menschen das Heil in dem richtigen Glauben zu sehen. Mein lieber Freund Richard Dawkins hat den heillosen Schwachsinn der damaligen und heutigen Glaubenskämpfer in seinem großartigen Buch „Der Gotteswahn“ angeprangert. Ein Jahrhundert nach dem dreißigjährigen Glaubensmorden hat die Aufklärung diesen Irrsinn zum ersten Mal als solchen entlarvt. Dann aber kam Karl Marx und setzte einen neuen Wahn in die Welt. Angeblich müssten die Arbeiter nur die Maschinen besitzen, mit denen sie produzieren, damit sie glücklich werden. Sowjetrussland hat uns gezeigt, dass sie nicht um einen Deut glücklicher sondern im Vergleich mit den USA nur zu armseligen Bettlern wurden. Jetzt besteht der neueste Wahn darin, unseren Fortschritt ökologisch kaputtzureden!

Huxley: Wir reden nichts ökologisch kaputt, sondern zeigen die Fakten auf. In den „Glücklichen Breiten“ (Lucky Latitudes), die sich in der Alten Welt in einem Streifen von etwa 20 bis 35 Grad nördlich und in der Neuen Welt zwischen 15 Grad südlich bis 20 Grad nördlich befinden, erbrachte das Sammeln der frühen Jäger-Sammler die größte Ausbeute. Für eine einzige an Arbeitsenergie verausgabte Kalorie wurden fünfzig Kalorien durch die Nahrung gewonnen. Diese Bilanz ist heute in ihr gerades Gegenteil umgeschlagen. 22 000 Kalorien werden zum Beispiel benötigt, um 100g Rindfleisch mit einem Kaloriengehalt von 270 Kalorien zu erzeugen. Statt für eine einzige Kalorie Arbeit mit fünfzig Kalorien Nahrung belohnt zu werden, stecken wir heute 81 Kalorien in die Arbeit, um nur eine einzige Kalorie Nahrung dabei zu gewinnen. Größtenteils werden die eingesetzten Kalorien aus fossilen Brennstoffen gewonnen, um in Traktoren, Düngemitteln etc. zum Einsatz zu gelangen – eine verheerende Energiebilanz. Jeder denkende Mensch muss begreifen, dass es so nicht weitergeht. Die grüne Revolution vervierfachte den Ernteertrag zwischen 1950 und 2000; nur so war es überhaupt möglich, die in diesem Zeitraum von ca. 1,5 auf sechs Milliarden sprunghaft gestiegene Zahl von Menschen weitgehend zu ernähren. Hätte man den landwirtschaftlichen Ertrag nicht auf diese Weise gesteigert, sodass es stattdessen bei den alten Methoden geblieben wäre, dann müsste eine Fläche gerodet und beackert werden, die der gesamten Fläche der Vereinigten Staaten plus Kanada und China entspricht, um die heutige Weltbevölkerung zu ernähren.*10*

Die Bereitschaft, aus diesen Tatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, ist aber bisher nur bei einigen Wissenschaftlern vorhanden. An dieser Stelle kommt daher etwas ganz anderes ins Spiel. Aus dem elementaren Problem der Ökologie wird eine soziale Frage – man kann auch sagen, eine solche des Bewusstseins. Solange eine Minderheit in Macht und Reichtum schwelgt, wird die Mehrheit keine Einbuße hinnehmen wollen. So gesehen hatte Marx jedenfalls recht.

Pinker: Nein, auch das ist noch zu einfach gesehen. Solange die Supermächte jeden Machtzuwachs des anderen so misstrauisch beäugen wie konkurrierende Unternehmen, wird keine von ihnen auf den geringsten Vorteil verzichten wollen, wenn dieser dem Konkurrenten einen Gewinn beschert. Es ist doch eine tolle Naivität zu glauben, dass die großen Mächte zwar Milliarden in Waffen investieren, um nur nicht hinter den Rivalen zurückzubleiben, aber bereit sein werden, ihren Ressourcenverbrauch freiwillig zu drosseln, nur weil sie auf eure Sirenentöne lauschen. Also hier, mein Lieber, verrät sich doch die ganze Weltfremdheit von euch heillosen Idealisten.

Ich schlage etwas mehr Realismus vor. Wir haben etwas viel Wirksameres und auch Demokratischeres entwickelt als den freiwilligen Verzicht auf Rohstoffe und Vermüllung. Das solltest du eigentlich so gut wie jeder andere wissen.  Wir haben den Markt, der selbst auf Regierungen keine Rücksicht nimmt. Der Markt regelt alle wirtschaftlichen Transaktionen über die Preise. Deswegen brauchen wir für die Umwelt nichts zu befürchten. Wenn Öl zu teuer wird und die Müllentsorgung unbezahlbar, dann stellt sich die Industrie ganz von selbst auf andere Energieformen um. Der Markt und die Preise – das ist die verwirklichte globale Vernunft, die sich selbst zähmt und sich selbst regelt. Solange der Markt intakt ist, haben wir nichts zu befürchten!

Huxley: Steven, jetzt bringst Du mich aber zum Lachen! Du nennst mich einen Idealisten, wo Du doch selbst nichts anderes bist als ein konservativer Fantast. Haben die dahin schmelzenden Gletscher vielleicht einen Preis? Werden die in Massen aussterbenden Wildtiere in das Kalkül des Marktes einbezogen? Schlägt die Industrie das COin der Luft und das sich aufheizende Klima auf ihre Preise? Hat die Ungleichheit, welche die einen zu Multimilliardären, die anderen zu Hungernden gemacht, den Markt jemals in Unruhe versetzt?

Nein, nicht der Markt wird benötigt sondern starke Regierungen, welche die Interessen der künftigen ebenso wie die der jetzt lebenden Menschen berücksichtigen.  Das gegenwärtige Unglück könnte dabei allerdings hilfreich sein. Solange der Weltmarkt, d.h. die internationale Konkurrenz, den Ton angab, war an Regionalisierung nicht zu denken. Jetzt aber müssen sich die großen Wirtschaftsblöcke auf sich selbst besinnen. Das ist eine gewaltige Chance. Alle redeten davon, dass die Umwelt den wachsenden Flugverkehr nicht verkraftet. Nun ist diese Industrie eingebrochen. Corona tut beinahe alles, was die Retter der Umwelt seit Jahren predigen und verlangen. Das Virus hat den Energieumsatz wesentlich reduziert, Abgase wurden auf einen Minimalwert vermindert, weil der Verkehr zum Erliegen kam, der Himmel über den Städten wurde wieder blau, die Tiere wagen sich erstaunt aus ihren Verstecken vor. Corona zwingt der Welt den Wechsel auf.

Pinker: Das hört sich gerade so an, als hättet ihr Ökologen so eine Krise herbeigesehnt.

Huxley: Wenn es ohne eine kleinere Krise nicht gelingt, die Welt vor der ganz großen zu retten, welche das Überleben der Spezies insgesamt gefährdet, dann wird man diese Frage wohl bejahen müssen, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Mensch aus Fehlern am ehesten lernt. Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Corona liefert übrigens den augenscheinlichen Beweis für den heilsamen Aspekt der Globalisierung. Das gemeinsame Unglück könnte zu einer gemeinsamen Chance werden.

Pinker: Das genügt nicht. Der Mensch braucht Hoffnung und ein positives Narrativ. Mit meinem wegweisenden Buch über die Aufklärung habe ich solche Hoffnung vermittelt. Wir können stolz sein auf alles, was wir in Wissenschaft und Technik geleistet habe. Ihr dagegen nehmt den Menschen die Hoffnung.

Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten? Ist dir niemals der Gedanke gekommen, dass ein Pfau, ein Nilpferd, ein Löwe, eine Narzisse, Rose oder Orchidee größere und ungleich komplexere Erfindungen sind als selbst unsere schnellsten Supercomputer? Diese Welt der unglaublichen Schönheit und Komplexität möchten wir bewahren. Ich kenne kein größeres positives Narrativ als diese gemeinsame Aufgabe.

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*0* Ein vielleicht noch überzeugenderer Partner in diesem Streit mit Steven Pinker wäre wohl der ehemalige deutsche Psychiater und Neurologe Hoimar v. Ditfurth gewesen, der allerdings außerhalb der Grenzen Deutschlands wenig bekannt ist. In seinem (bereits 1985!) erschienenen Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit“ hat Ditfurth nicht nur das Potenzial zur atomaren, biologischen und chemischen Selbstauslöschung im Einzelnen beschrieben sondern auch den Hauptgrund für die Gefährdung unserer Spezies ausgemacht: die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung. Ich würde diesem so außerordentlich gut informierten, intelligenten und sympathischen Mann nur einen Vorwurf machen. Er hat keinen Ausweg aus der Situation gesehen und seinen eigenen Untergang – der erfolgte vier Jahre nach der Veröffentlichung des genannten Buches – mit dem Untergang der Welt gleichgesetzt.

*1* Steven Pinker (2018), Enlightenment Now.

*2*  Des centaines de milliers de bêtes entassées les unes sur les autres en attendant d’être conduites à l’abattoir : voilà des conditions idéales pour que les microbes se muent en agents pathogènes mortels. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*3*  Pour assouvir son appétit carnivore, l’homme a rasé une surface équivalant à celle du continent africain (8) afin de nourrir et d’élever des bêtes destinées à l’abattage. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*4* Bardi (2014): Der geplünderte Planet.,

*5* Siehe Jenner (2019): Reflections.

*6* William E. Rees (2020): The Earth Is Telling Us We Must Rethink Our Growth Society (https://thetyee.ca/Analysis/2020/04/06/The-Earth-Is-Telling-Us-We-Must-Rethink-Our-Growth-Society/).

*7* Zit. aus Jenner (2019): Sinn und Ziel.

*8* William E. Rees, op. cit.

*9* Rees, op. cit.: Now here’s the thing. H. sapiens has recently experienced a genuine population explosion. It took all of human evolutionary history, at least 200,000 years, for our population to reach its first billion early in the 19th Century. Then, in just two hundred years, (less than 1/1000thas much time) we blossomed to over seven billion at the beginning of this century.  This unprecedented outbreak is attributable to H. sapiens’ technological ingenuity, e.g., modern medicine and especially the use of fossil fuels. (The latter enabled the continuous increases in food production and provided access to all the other resources needed to expand the human enterprise.) 

The problem is that Earth is a finite planet, a human Petri dish on which the seven-fold increase in human numbers, vastly augmented by a 100-fold increase in gross world product (consumption), is systematically destroying prospects for continued civilized existence.

*10* Diesen Imperativ hatte ich schon in meinem ersten Wirtschaftsbuch vertreten: „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer 1997; jetzt neu bei Amazon aufgelegt „Nach der Coronakrise – keine Arbeitslosigkeit durch Auslagerung und Automation“).

11 Zit. aus Jenner (2019), Sinn.

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Von Franz Nahrada erhalte ich per Mail folgende Mitteilung:

Da gibts eine sachliche Fehlstelle – ich hätte den Pinter schärfer antworten lassen:

Huxley: „Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*“

Pinker: Wir ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber gleichzeitig ist dieser Planet voller Energie, ich rede nicht vom Erdkern, sondern von der Oberfläche:  „In einer halben Stunde schickt die Sonne mehr Energie zur Erde als Menschen im Jahr verbrauchen“

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Meine Antwort:

Es ist wahr, dass die Sonne gewaltige Mengen an Energie zur Erde schickt. insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr, während der gesamte humane Energieverbrauch im Jahr 2012 etwa 559,8 Exajoules betrug – von der Sonne also innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt wurde. Der Einwand von Herrn Nahrada zeugt aber von einer sehr oberflächlichen Lektüre, denn eines der Hauptargumente des Artikels besteht ja gerade darin, dass uns ein Füllhorn an Energie erst recht in den Abgrund leiten würde. Man muss schon sehr auf die eigenen Positionen eingeschworen sein, um eine Hauptthese einfach zu übersehen!

Von Herrn Pfarrer Gerhard W. Loettel aus Magdeburg erhalte ich folgende Zuschrift:

Lieber Gero !

Da muss ich Dir mal ein ganz großes Kompliment machen. Und das gleich zweimal. Denn mit dem Buch vom Dawkingswahn und dem Pinker- Huxley- Interview sind Dir zwei ganz große Würfe gelungen. Da kannst Du stolz sein, dass Du das mit Deiner weitläufigen (Aus)Bildung und dazu einem großen Schuss Weisheit geschafft hast uns ein theatrum mundi vorzuführen, von dem wir unheimlich viel lernen können. Das eine ist ein theatrum mundi über einen sehr großen Weltzeitabschnitt und dazu Weltgebietsabschnitt und  das andere, das Interview eine gekonnte Zusammenfassung des derzeitigen  Bildes unserer Versagens und unsrer Fehler mitsamt den Gefahren – aber auch Chancen – die daraus erwachsen (können). Danke für beides.

Ich bin ja so glücklich, das Du  mit dem Buch(das ich erst angefangen habe) meine Sicht teilst, wir müssen den Machtreligionen und ihrer Humanignoranz ebenso den Kampf ansagen, wie den Machtwissenschaften, die beide auf Intoleranz und Einseitigkeit aufbauen und damit viel Unheil anstifteten. Und dafür aber der Weisheit wieder mehr Spielräume verschaffen.

Ich habe das auf meine nicht so gebildete Art versucht mit Betrachtungen wie „Frage nach Gott, dass er wahr wird“ oder „Der Doppeltaspekt des Geistes“ oder „Erfülltes Leben“. In allen Büchern habe ich versucht den Weisheitscharakter über die dogmatischen Positionen  zu erheben und z.B. die „Sache Jesu“ und seine Weisheit über die Geschichtsposition seines Sterbens und „Auferstehens“ (Kreuz und Auferstehung als das zu glaubende Glaubens- und Erlösungs-ereignis). Es gibt da sogar eine Gruppe in Deutschland, die sich dieser Position unter dem Titel „Reich Gottes Jetzt“ zu nähern versucht und die Dogmatik und die Theophilosophie des Paulus arg in Kritik bringt.

Nun werde ich mit großer Freude von Deinen  Bemühungen um die Wiederkehr mystischer Weisheit in unsere Geisteswelt lesen und sie mir zu eigen machen. Ich selbst bringe demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Inspiration rettet die Welt- von Engeln und Feldern“, das in etwa auch Deine Intentionen aufnimmt.

Sei ganz lieb gegrüßt, ich werde Dein Buch unserem Freund Friedrich wärmstens empfehlen, mit Dank und der Hoffnung auf währenden Frieden ( Pinker- Huxley), Gerhard

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Rückmeldung:

Lieber Gero Jenner,

Vielen Dank für Ihren geistreichen Disput zur aktuellen Weltlage! Sie sind der einzige mir bekannte „Berufsphilosoph“, der sich regelmäßig bemüht, sich mit  den dringendsten Problemen unserer Gegenwart unvoreingenommen und streitbar auseinanderzusetzen und Ansätze zur „Problemlösung“ zu finden. Bitte entschuldigen Sie, wenn sich ein kleiner Industriephysiker, der sich lebenslänglich nur mit der Entwicklung mikroelektronischer Bauelemente und Schaltkreise beschäftigt hat, erkühnt, zu Ihrem Disput etwas hinzuzufügen (siehe Anhang!). Ich habe in der DDR von 1961 bis 1990 und in der BRD und den USA von 1991-2014 in der Industrieforschung gearbeitet und habe damit das Privileg persönlicher Erfahrungen mit beiden Wirtschafts-und Gesellschaftssystemen. Trotz Einschränkungen der Reisefreiheit, unnötiger staatlicher Reglementierungen und deutlich geringerer Konsummöglichkeiten betrachtete und betrachte ich auch heute noch das sozialistische System der DDR als das kleinere Übel und als das eigentlich Zukunftsfähigere.

Übrigens war ich in der DDR in keiner Partei und habe meine kritische Meinung zu vielen Missständen immer frei geäußert, ohne dass mir daraus (außer vielleicht bezüglich der Karriere) irgendein Schaden erwachsen ist.

Mit freundlichem Gruß

Karl Ernst Ehwald

Meine leider sehr prosaische Ergänzung zu dem wunderbaren und den Kern der Dinge treffenden Streitgespräch:

(Das Folgende bezieht sich auf die Passage: Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten?) 

Allerdings wird man in unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft in vieler Hinsicht umdenken müssen, um diese Aufgabe lösen zu können. Die notwendige Abkehr vom unbegrenzten Wachstum erfordert zwingend eine wirksame gesellschaftliche (staatliche) Kontrolle des gesamten Wirtschaftslebens im Sinne einer am Bedarf orientierten Rahmenplanung bezüglich Warenproduktion, Warenverteilung und Geldumlauf. Das wird letztlich ohne eine Enteignung der Großproduzenten und Banken und Überführung derselben in Gemeineigentum nicht möglich sein. In dieser Hinsicht müssen wir der Vision von Karl Marx bezüglich einer künftigen Gesellschaft zustimmen. Paradoxerweise glaubte aber Marx, dass die Vergesellschaftung der Produktion in einer sozialistischen Gesellschaft durch Aufhebung der entfremdeten Lohnarbeit und bewusste Mitarbeit aller am Gemeinwohl die Arbeitsproduktivität und den Wohlstand durch technischen Fortschritt noch über das im Kapitalismus mögliche Maß steigern würden. Wie das realsozialistische Experiment in der Sowjetunion und Osteuropa zeigte, war das nach erheblichen Anfangserfolgen im Zuge einer nachholenden Industrialisierung auf Dauer eher umgekehrt. Wegen fehlender Konkurrenz und großer Sicherheit am Arbeitsplatz (keine nennenswerte Arbeitslosigkeit) war die technische Innovation und die Konsumtionszunahme in diesen „bedarfsorientierten“ Wirtschaften des Ostblocks systematisch langsamer, als in den reichen westlichen Ländern, allerdings bei deutlich gerechterer Verteilung der erzeugten Güter (der Direktor eines Halbleiter-Großbetriebes mit 8000 Beschäftigten in Frankfurt (Oder) verdiente mit ca. 5000-6000 Ostmark z.b. maximal 5 mal so viel, wie ein einfacher Schichtarbeiter im Reinraum und wohnte neben mir in einer normalen Plattenbauwohnung). Die gebremste Entwicklung der Konsumption war nicht gewollt, aber eine klare Folge der sozialistischen Planwirtschaft. Natürlich spielte daneben auch die fehlenden Möglichkeit, ärmere Länder auszubeuten, eine Rolle, ebenso wie das gegen die Länder des Ostblocks verhängte Wirtschaftsembargo. Das änderte aber nichts an der grundsätzlichen Unwilligkeit und Unfähigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft, es dem Westen bezüglich Warenangebot und Konsumanreiz gleich zu tun. Wo der direkte Verglich zum Westen fehlte, wie in manchen Teilen der sowjetischen Provinz, lebten viele Menschen trotz vergleichsweise sehr ärmlicher Verhältnisse nicht weniger glücklich und zum Teil kulturvoller, als in Deutschland, abgesehen von der Minderheit der politischen Aktivisten bzw. Systemkritiker. 

Fazit: Obige Erfahrungen geben mir die Hoffnung, dass ein bescheideneres, aber dennoch erfülltes Leben in einer künftigen nichtkapitalistischen Gesellschaft, bei der das Konkurrenzdenken durch die Verhältnisse bewusst gebremst oder auf Ziele außerhalb unnötigen Konsums (Sport, gesellschaftliches Ansehen) gelenkt wird, wieder möglich ist. Peter Scholl-Latour meinte vor etwa 10 Jahren, Staaten wie China und Russland könnten in diese Richtung wegen ihrer diesbezüglichen Erfahrungen und ihrer autoritären Struktur bei Bedarf jederzeit umsteuern. Hoffentlich hatte er recht!

Natürlich ist die Frage der realen Mitgestaltungsmöglichkeit des öffentlichen Lebens und der Gesetzgebung durch den daran interessierten Teil der Bevölkerung in autoritär regierten Ländern wie Russland, China, Iran, Kuba usw. keineswegs gut gelöst, trotz mancher Versuche in dieser Richtung. Dasselbe trifft aber auf die Parteidemokratien der meisten kapitalistischen Staaten zu. Die Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit (Gemeinnutz vor Eigennutz) und Mitgestaltungsmöglichkeit der Bürger war und ist ein Problem jeder menschlichen Gesellschaft und wird vermutlich nie ideal, bestenfalls einigermaßen brauchbar, gelöst werden. 

Meine Replik:

Lieber Herr Ehwald,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Auf einen Vergleich zwischen den beiden deutschen Systemen oder überhaupt dem sozialistischen und kapitalistischen kam es mir nicht an. Ich bin überzeugt, dass Ersteres genauso gegen die Natur gewütet haben würde wie Letzteres, wenn es dazu die Zeit und die Mittel gehabt hätte. Gegen die Menschen ist Stalin jedenfalls nach meiner Einschätzung ungleich brutaler vorgegangen als selbst die brutalsten Kapitalisten. Wenn das Leben für viele im Rückblick in der DDR recht erträglich anmutet, dann darf man auch nicht vergessen, dass man mit den Deutschen vorsichtig umgehen musste, um  sie dem Sozialismus nicht zu entfremden. Das verschaffte ihnen Vorteile, die sie anderswo nicht genossen. Aber ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, dass alle im Augenblick vorhandenen Gesellschaftssysteme unfähig sind, mit den großen Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. In meinen Büchern „Sinn und Ziel“ sowie „Frieden und Krieg“ habe ich immerhin Auswege aufzuzeigen versucht. Was davon zu halten ist oder auch nicht, wird die Zukunft zeigen.


Nochmals vielen Dank für Ihre Überlegungen
Gero Jenner

Warum ich leider nicht modern bin – Plädoyer für ein machofrei deutsch Neusprech

Um eines gleich zu Anfang klar zu stellen, ich halte es für eine der wenigen wirklich großartigen Errungenschaft unserer Zeit, dass die Frauen dem Manne gleichgestellt werden sollen (sie sind es ja noch nicht). Jeder, der daran etwas ändern will oder sich diesem Fortschritt verweigert, sollte nicht nur als Macho sondern schlicht als ein Dummkopf gelten, denn er hat nicht einmal begriffen, dass die Frauen den Männern heute schon an den Universitäten den Rang ablaufen. Niemand wird mich daher mit jenen Betonköpfen aus dem Lager rechtsaußen verwechseln, die ihre Patriarchenrolle nur zu gern auch heute noch weiterspielen.

Aber muss man die Sprache dafür büßen lassen,

dass der Mann seine Stellung so lang missbrauchte? Nein, in dieser Hinsicht will ich nicht modern sein. Ich werde auch weiterhin von Nutzern, Menschen und Mitgliedern reden. Ich werde mich also weigern, Worte wie Nutzer*Innen zu verwenden, weil ich dann auch Mensch*Innen oder gar Mitglied*Innen sagen müsste. Aus dem gleichen Grund halte es auch für unnötig, die Sprache mit Klammern zu verunzieren wie etwa ein(e) gute(r) Kolleg(e/in). Ich nehme in Kauf, damit militante Feministinnen beiderlei Geschlechts vor den Kopf zu stoßen, denen eine solche Weigerung meinerseits völlig genügt, um auf den Macho in mir zu schließen und vielleicht sogar noch den Kryptosexisten in mir zu entdecken. Den Feldzug gegen die Sprache der Patriarchen sehen diese Eiferer(innen) ja als ihre Lebensaufgabe an und alle, die sich dem „Gendering“ widersetzen, als ihre persönlichen Feinde.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen,

dass wir uns auf diesem Gebiet so lächerlich machen, wie schon Mark Twain feststellte, als er sich darüber lustig machte, dass es im Deutschen wahlweise DER Kopf, DIE Birne oder DAS Haupt heißen kann? Wie kann ein und dasselbe Objekt, in diesem Fall der menschliche Schädel, so fragte sich Twain, im Deutschen sowohl eine Affinität zum Weiblichen wie zum Männlichen oder zu einer Sache aufweisen? Offenbar geht diese Unterscheidung auf radikale Antifeministinnen in der Urzeit der indogermanischen Sprachen zurück. Mit gleichem Eifer, wie man heute alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufheben will, haben unsere fernen Ahnen damals eine Entdeckung gefeiert, die ihnen vermutlich als epochal erschien. Sie glaubten, als durchgängiges Wirklichkeitsprinzip die Differenz der Geschlechter entdeckt zu haben. DIE Stute, DER Hengst, DAS Fohlen setzten sie zu den Unterschieden in Beziehung, die sie an sich selbst entdeckten: DIE Frau, DER Mann, DAS Kind. Aber nicht genug damit. In ihrer Besessenheit von dieser Entdeckung dehnten sie diese Dreiteilung nicht nur auf alle belebten Dinge aus sondern selbst noch auf die unbelebten.  Vermutlich gab es bei ihnen schließlich einige Sexisten, die nun das weibliche Wort DIE Mähne oder DIE Gurke nicht auszusprechen vermochten, ohne dass eine Vulva in ihrem Unterbewussten aufblitzte oder ein Penis, wenn sie männliche Wörter wie DER Baum, DER Salat oder DER Strauch vor Augen hatten.

Ich selbst war schon frühzeitig nicht sonderlich modern

Ich kann mich erinnern, dass schon in den sechziger Jahren, als ich noch studierte, fragebogenbewehrte Mitstudenten auf Gesinnungsschnüffelei ausgingen. Mich wollte einer von ihnen damals überzeugen, dass es absolut keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen gebe. Er hatte ja recht – die noch bestehenden Unterschiede waren schon damals in stetem Rückgang begriffen. Inzwischen sorgt hormongesättigte Fleischnahrung dafür, dass Männern die Brüste wachsen, während sie bei Frauen ihre frühere Üppigkeit sichtbar verlieren. Die Unterschiede sind also ganz objektiv im Schwinden. Was die untere Etage betrifft, so können wir auch in diesem Punkte beruhigt sein. Die hartnäckig noch fortbestehenden sogenannten primären Geschlechtsmerkmale lassen sich inzwischen operativ ziemlich mühelos korrigieren.

Aber es stimmt:

Die deutsche Sprache ist immer noch eine Bastion der Rückständigkeit, da sie so viele Überbleibsel des petrifizierten Machismos birgt. Wenn es schon schwer zu ertragen ist, dass es DER Mensch und nicht DIE Mensch(in) heißt, warum dann nicht auch DEN Nagel aus seiner Zwangsjacke erlösen, indem man ihn forsch zu einer Nagel(in) macht? Die Wirklichkeit ist ja leider schwer zu verändern – immer noch verdienen Frauen merklich weniger als die Männer -, aber die Sprache leistet keinen Widerstand, da können die Eiferer ihre Macht austoben. Sie tun es mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und mit gezücktem Skalpell. Da wird es nun in der Tat auch so richtig grauslich. Waren es zuerst nur sternäugige Idealist(in)en, die aus dem Menschen eine Mensch(in) machten, traten nun auch die Professor(inn)en auf den Plan und brachten System in die Sache. Und schließlich kam dann der Staat, denn die deutsche (österreichische) Bürokratie ist ja niemals faul, wenn es darum geht, zu regulieren und zu verbieten. Vor dem von oben verordneten Gendering haben Denk- und Sprachfreiheit keine Chance.

Ich bin in diesem Punkt leider gar nicht modern,

denn ich behaupte, dass diese Hässlichkeitschirurgen, die da so eigenmächtig mit ihrem operativen Besteck am lebendigen Leib der Sprache schnippeln, in Wirklichkeit unwissende Irre(innen) sind. Denn sie wissen schlicht nicht, was sie da tun. Mag Benjamin Lee Whorf ruhig das Gegenteil behaupten (denn Beweise hat er ja nie geliefert), es ist einfach nicht wahr, dass sprachliche Formen einen nachweisbaren Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Das indische Sanskrit und die meisten Folgesprachen des Subkontinents gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, welche genau wie das Deutsche die übliche Dreiteilung in Männlich, Weiblich, Sächlich praktizieren. Das Chinesische hingegen gehört zu den Sino-Tibetischen Sprachen und ist ganz frei von aller geschlechtsbezogenen Klassifizierung. Dennoch lässt sich im Hinblick auf die patriarchalische Herrschaft des Mannes kaum ein Unterschied in der Vergangenheit beider Kulturen erkennen. Frauen der oberen Schicht waren hier wie dort genötigt, dem Mann durch Selbstmord ins Grab zu folgen. In China wurden sie überdies noch leiblich an den Füßen verstümmelt, damit sie – stark behindert in ihrer Bewegung – dem Mann als puppenhafte Prestigeobjekte dienten. Der radikale Unterschied zwischen den beiden Sprachen hat also nachweislich nicht die geringste Auswirkung auf das Verhalten geübt. Ein deutlicherer historischer Beweis gegen den Unfug der modischen Sprachmalträtierung lässt sich kaum führen.

Nein, diese Art von Modernität

ist mir zuwider, denn es kommt auf das Verhalten an und nicht auf sprachliche Formen, bei denen sich niemand mehr etwas denkt. Oder wird jemand ernsthaft behaupten, dass DIE Gurke uns an Brüste denken lässt und DER Tisch an einen Knaben? Und wenn die blindwütigen Eiferer schon nichts von der Vergangenheit Chinas oder Indiens wissen wollen, warum werfen sie ihren Blick dann nicht in die Gegenwart? Genau wie das Chinesische hat das Englische schon vor Jahrhunderten das indogermanische Erbe der Dreiteilung getilgt. DER Bleistift und DIE Füllfeder sind bei uns männlich bzw. weiblich, während pencil und fontain pen im Englischen völlig geschlechtslos sind. Hat diese radikale Abwendung vom indogermanischen Paradigma einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen in der englischen Sprachgemeinschaft gehabt? Das wird man bezweifeln dürfen, denn man muss sich doch fragen, warum  gerade in den USA mit ihrer offiziellen Prüderie und einer inoffiziell blühenden Pornokultur Heuchelei in sexuellen Dingen so tief verwurzelt ist? „Bloody“ und vor allem „fucking“ gehören dort zu den am häufigsten verwendeten Alltagswörtern, aber aus der Struktur des Englischen kann man diese Neigung eben gerade nicht herleiten. Zu denken sollte auch geben, dass sexuelle Übergriffe, wie sie die MeToo-Bewegung anprangert, gerade im englischen Sprachraum – weit mehr als im deutschen – bis vor kurzem zu den Vorrechten des Mannes gehörten. Wiederum sucht man vergebens nach einer Verbindung zur Struktur der Sprache.

Die Sprachverhunzer(innen) richten aber noch zusätzlichen Schaden an,

weil sie das, was sie vermeiden wollen, im Gegenteil zusätzlich verstärken. Der „generische Plular“ sorgte im Deutschen bisher dafür, dass jeder unter „Schülern“ selbsterständlich sowohl männliche wie weibliche (Exemplare) verstand. Nachdem die Spracheiferer aber damit begonnen haben, auf dem doppelten Ausdruck „Schüler und Schülerinnen“ oder „Schüler(innen) zu bestehen,  wird dieses Verständnis zunehmend in den Hintergrund gedrängt, sodass man unter Schülern tatsächlich nur noch die männlichen (Exemplare) versteht. Es ist schon abzusehen, dass wir in sämtlichen philosophischen Texten, wo bisher von „dem Menschen“ die Rede war, in Zukunft die Doppelbezeichnung „der Mensch und die Menschin“ bzw. (der/ die) Mensch(in) verwenden müssen. Dieses Unglück verdanken wir den emsigen Sprachverhunzer(innen).

Da wir aber gerade beim Englischen waren

Dieser Sprache ist es gelungen, die leidige Klassifizierung nach de(m/r) Geschlecht(in) schon vor Jahrhunderten in aller Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die man/frau hierzulande so anfällig ist. Ganz ohne das Zutun von Feminist(in)en hatte die englische Sprache die drei geschlechtsbezogenen Artikel(innen) – die Entsprechungen zu DER, DIE, DAS/ EINER, EINE, EINES – zu einem einzigen geschlechtslosen zusammengefasst: THE/ A, wodurch es sich nicht nur alle weitere Mühe sondern auch noch sprachwütige Feminist(inn)en beiderlei Geschlechts ersparte.

In ein machofrei deutsch Neusprech übersetzt, würde der voraufgehende letzte Absatz etwa folgendermaßen lauten:

Also, da wir gerade bei Englisch sind. De Sprache ist gelungen, de leidig Klassifizierung nach de Geschlecht schon vor Jahrhunderten in all Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die se hierzulande so anfällig sind. Ganz ohne de Zutun von Feministe hatte de englisch Sprache die drei geschlechtsbezogen Artikel zu ein einzig geschlechtslos zusammengefasst – und ersparte sich damit all weiter Mühe und noch dazu de sprachwütig Feministe.

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PS: Leider muss man auch immer damit rechnen, missverstanden zu werden. Ich halte es nicht nur für richtig, sondern im Sinne der Gerechtigkeit auch für unbedingt geboten, dass der Text der österreichischen Nationalhymne geändert wurde. Dort hieß es: „Heimat bist du großer Söhne,Volk, begnadet für das Schöne.“ Das deutsche Wort „Söhne“ ist kein generischer Plural, der auch die Töchter umfasst, sondern es sind hier ausschließliche männliche Wesen gemeint – und darin liegt eine unverzeihliche Missachtung der Frau. Hier geht es also um die Sache und nicht um den sprachlichen Ausdruck.

Leider ist es inzwischen so weit gekommen, dass zwischen beiden kaum mehr unterschieden wird. Die Rechtsextremen haben das Thema für sich entdeckt und zum Stammtischfutter für dürftige Geister gemacht. Doch so wie ich mich weigere, auf deutsche Sprache und Musik zu verzichten, nur weil Hitler beide für seine Zwecke missbrauchte, werde ich mich nicht davon abhalten lassen, sine ira et studio über Missstände zu reden, die nicht schon deswegen akzeptiert werden müssen, weil Finsterlinge darüber ihre finstere Meinung haben. Prompt habe ich denn auch ein Lob von der falschen Seite bekommen, das mich, obwohl mit dem Segen Gottes verknüpft, keineswegs froher stimmt:

Sehr geehrter Herr Jenner, danke für Ihr Schreiben! Wie gut, dass Sie der Mode widersprechen die auch viele Leute der Kirche mitmachen. Und ergänzend: Auch im Ungarischen gibt es keine der-die-das. Es bleibt auch ohne dies schwer genug! Gott segne Sie! + Andreas Laun, Weihbischof emertius in Salzburg.

Bischof Laun hatte sich anlässlich der letzten österreichischen Präsidentenwahl für Norbert Hofer von der FPÖ ausgesprochen und den mit Recht von allen hochverehrten Alexander van der Bellen als „links-extremen Kandidaten“ geschmäht. Sollten wir auf selbständiges Denken über gewisse Themen besser verzichten, weil diese von der falschen Seite besetzt worden sind? Muss ich, weil ich für Alexander van der Bellen und mit aller Entschiedenheit gegen Leute wie Norbert Hofer bin, für die Verhunzung der Sprache sein? Ich glaube, wir sollten uns unser Denken von keiner Seite diktieren lassen – weder von rechts noch von links oder irgendwelchen anderen Ideologen. Ich werde mir jedenfalls auch künftig erlauben, Freunden heftig zu widersprechen, wenn ich ihre Meinungen für irrig halte, und umgekehrt meinen Feinden klatschend Beifall zu bezeugen, wenn sie hin und wieder auch einmal das Richtige sagen. In Menschlich-Allzumenschliches hatte sich Nietzsche einst an „freie Geister“ gerichtet. Wir sollten das Privileg, freie Geister zu sein, ebenso für uns selbst in Anspruch nehmen.

Der Wahn!

Den Wirtschaftstreibenden wird antizyklisches Verhalten empfohlen. In Zeiten blühender Konjunktur, solle man Schulden abbauen, in Zeiten des Niedergangs eher Schulden machen. Was mich betrifft, so schien es mir geraten, die gegenwärtige Coronakrise antizyklisch zu meistern. Ringsumher sehe ich Leute, welche die Welt und sich selbst vor dem Virus retten wollen. Da nahm ich mir vor, mich vor dem Denken über das Virus zu retten, das inzwischen nicht nur die Körper infiziert sondern auch noch die Hirne. Was könnte in dieser Situation erzwungener Selbst-Isolation besser sein, als daraus eine Zeit der Selbst-Besinnung zu machen?

Vor acht Jahren hatte ich ein Manuskript beiseitegelegt, zu dem mich die Lektüre von Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ angeregt hatte – ein Weltbestseller, der seinen Erfolg wohl vor allem der Tatsache verdankt, in zweierlei Hinsicht eine Position von größter Eindeutigkeit zu beziehen. Die erste: Religionen seien nicht nur überhaupt überflüssig sondern eine Gefahr – die wohl größte, der sich der Mensch in seiner Geschichte ausgesetzt habe. Religionen hätten falsches Wissen immer wieder mit Fanatismus verteidigt. Sie setzen Autorität gegen eigenes Denken, unterjochen den einzelnen, statt ihn zur Mündigkeit aufzurufen.

Seine zweite Grundthese hat der britische Evolutionsbiologen nicht minder klar formuliert. In unserer Zeit sei der Mensch endlich in die Epoche der siegreichen Wissenschaft eingetreten, die dem religiösen Irrsinn ein Ende setzt. Wissenschaft vermag alle Fragen zu lösen, die dem Menschen bis dahin unlösbar erschienen.

Ich nehme an, dass das Problem des Coronavirus irgendwann von der medizinischen Wissenschaft gelöst werden wird – wenn nicht in diesem Jahr, dann in einem der folgenden. Aber niemand wird so naiv sein, anzunehmen, dass die Menschheit selbst in ferner Zukunft ein Stadium erreichen wird, wo sie sämtliche Probleme bemeistert. Sie würde ein solches Stadium, wenn es denn möglich wäre, vermutlich als ebenso unerträglich bewerten wie die Probleme selbst, denn wäre das nicht einen Stillstand allen Denkens und Handelns nach sich ziehen?

In meinem Bestreben, antizyklisch über derartige Fragen zu denken, besann ich mich darauf, dass Albert Einstein – ein Wissenschaftler, der es an Rang und geistiger Weise denn doch mit einem Richard Dawkins mühelos aufnehmen kann – ein ganz anderes Verhältnis als Letzterer zur Religion bezogen hatte und dass dies auch für andere große Physiker wie beispielsweise Niels Bohr, Max Born, David Bohm oder Erwin Schrödinger gilt. Ich nahm das Manuskript zur Hand und der Titel war augenblicklich gefunden:

Der Dawkinswahn oder die Antwort der Mystik – Duell zwischen Wissenschaft und Religion?

Wie zu erkennen, habe ich meiner Neigung zur Polemik nicht ganz entsagen können, obwohl ich Dawkins geist- und kenntnisreiches, streckenweise auch von britischem Witz belebtes Buch mit größter Spannung gelesen hatte. Dawkins Wahn liegt an einer anderen Stelle, wo man ihn auch immer bei sich selbst fürchten muss. Er sieht den Balken im Auge des Gegners – dort sieht er ihn überdeutlich und zerlegt dessen Argumente nach allen Regeln der Kunst. Aber im eigenen Auge sieht er ihn nicht. Sein hohes Lied auf die Wissenschaft verbirgt, dass diese gerade, wenn sie am größten ist, nämlich kritisch gegen sich selbst, auch um ihre Grenzen weiß. Darum geht es in meinem ganz und gar antizyklischen Buch; es geht um die Grenzen der Religion und des Wissens und welcher Bereich möglicherweise jenseits dieser Grenzen liegt. Ich spreche darüber auf dem rückwärtigen Buchumschlag:

Die Menschheit hat bisher zwei universale Sprachen erfunden, die zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten verstanden wurden – die Sprache der Fakten (heute Wissenschaft genannt) und die Sprache der Intuition (Mystik), doch wurden und werden beide zu Zwecken der Macht missbraucht. Macht-Religion und Macht-Wissenschaft haben das Bild der Wirklichkeit verzerrt. Es ist an der Zeit, dass kritische Wissenschaft sich zurückbesinnt auf die Grenzen der Ratio und selbstkritische Religion auf ihre mystischen Ursprünge. Das ist keine Absage an die scharfe Intelligenz eines Richard Dawkins, wohl aber an einen unkritischen Wahn.

Der Untertitel der deutschen Ausgabe stellt die Frage: „Duell zwischen Wissenschaft und Religion?“ Wir wissen, dass es dieses Duell seit dem 17ten Jahrhundert gibt. Es wird keineswegs mit Dawkins enden – bis zum heutigen Tag stehen Macht-Wissenschaft und Macht-Religion einander unversöhnt und unversöhnbar gegenüber. Aber diese Gegnerschaft gilt gerade nicht für das Verhältnis von kritischer Wissenschaft zu selbstkritischer Religion, nämlich zur Mystik. Aldous Huxley hatte die Mystik als „Philosophia perennis“ bezeichnet: eine ewige und universale Philosophie. Was verbindet die Mystik der Upanishaden, des Islam, des Zen und des Christentums mit der kritischen Wissenschaft? Auf diese Frage will das Buch eine Antwort geben.

P.S: Ich habe das Buch auf deutsch und englisch bei Amazon publiziert und zwar im Kindleformat und als Taschenbuchausgabe. Zwar ist mir bewusst, dass gerade unter meinen Lesern so mancher vor einem Kauf bei Amazon zurückschreckt. Ich räume auch ein, dass es dafür triftige Gründe gibt, andererseits sollte man nicht vergessen, dass Amazon als Verlag wohl der einzige ist, der jedem Zugang bietet, der ein Buch schreiben und gestalten kann, also der einzige wirklich demokratische Verlag. Ein kritischer, sachkundiger, vorurteilsfreier Lektor in einem renommierten Verlag ist zwar unersetzbar, aber wie viele Verlage können sich heute noch diesen Luxus leisten? Die meisten animieren ihre Lektoren dazu, ihr Urteil an den zu erwartenden Verkaufszahlen zu orientieren. Wer über Mystik und kritische Wissenschaft schreibt, richtet sich aber an nachdenkliche Menschen, also an eine Minderheit. Ich bin Amazon dankbar, dass es mir dafür eine Plattform bietet.

Kommentar von Karl-Markus Gauß:

Sehr geehrter Herr Jenner,
ich zähle zu den dankbaren Empfängern Ihrer für mich stets interessanten Ausführungen zu den Fragen unserer Zeit. Ich verstehe aber nicht, warum Sie sich in der Einbegleitung dieses Mal gar so sarkastisch und bitter über die Europäische Datenschutz-Grundverordnung äußern, die ja keineswegs ein Anschlag auf die freie Kommunikation darstellt, sondern den Empfängern unerbetener Massenpost endlich die Möglichkeit einräumt, sich derlei zu verbieten. Ich bin jedenfalls froh, nicht weiterhin täglich dreißig Mails zu erhalten, in denen mich Firmen für Herrenbekleidung über ihre neueste Kollektion,  esoterische Apotheker über ihre Wundermittel zum Abnehmen oder Zunehmen, Reiseveranstalter über günstige Flugreisen und irgendwelche Finanzdienstleister über erfolgversprechende Aktien unterrichten; zumal ich keine neuen Anzüge oder Wunderarzneien erstehen, Kreuzfahrtreisen antreten und Aktien erwerben möchte.
Alles Gute, Ihr Karl-Markus Gauß

Meine Antwort:

Lieber Herr Gauß,
ich freue mich sehr, dass Ihnen meine Texte gefallen. Ihre Erkundungen über verstreute Ethnien und andere kuriose Zeitgenossen habe ich gleichfalls immer mit Spannung und Gewinn gelesen. Aber bitte verraten Sie mir, was ich so Abträgliches über den Datenschutz verbreite – ich war mir dessen (vermutlich aus Naivität) bisher gar nicht bewusst.
Nichts für ungut, sondern im Gegenteil: alles Gute

Gero Jenner

P. S.: Der Text, der unter dieser Mail zu lesen ist, dient allein dazu, mich rechtlich abzusichern. Ich dachte, dass ein wenig Witz nicht schaden würde, aber er ist gewiss nicht gegen die Intentionen der EDG gerichtet!

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Der eher durch seine Gefühle geleitete Mensch

lässt sich auf einen Gegenstand ein und macht ihn sich Schritt für Schritt in immer größerer Tiefe zu Eigen. So geht der Künstler vor, so aber findet auch jedes normale Studium statt. Man fühlt sich von einem Gegenstand angezogen, erwirbt in seinem Umgang langsam immer mehr Wissen und Fertigkeiten – und irgendwann wird man dann selbst zu einem Experten. Man hat sich ein Renommee erworben oder doch zumindest amtlich beglaubigte Zeugnisse, die dann auch dazu legitimieren, sich mit Kompetenz über das jeweilige Fach zu äußern.

Wer sich auf diese Weise mit einem Gegenstand identifiziert, für den tritt dieser kaum je als Problem in Erscheinung. Ein klassischer Musiker stellt sich wohl kaum die Frage, ob nicht der bloße Zufall seiner Geburt dafür verantwortlich sei, dass er gerade Bach so sehr liebt und nicht die Musik der Pekingoper. Der mit Kant aufgewachsene Philosoph sieht die Welt mit den Augen des Königsbergers, er fragt sich gewöhnlich nicht, warum er sie nicht zum Beispiel durch die Brille des Vedanta eines Shankararcharya sieht.

Die intensive Gefühlsbindung an einen geliebten Gegenstand schließt den Blick auf Probleme sehr oft geradezu aus. Menschen, die in einer bestimmten Tradition aufwachsen, wehren sich deshalb nicht selten mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, dass jemand von außen diese Tradition anzuzweifeln, sie in Frage zu stellen, sie zu modifizieren wagt. Die verständliche Reaktion einer solchen affektiven Beziehung besteht dann überhaupt in der Losung, die man den Außenseitern entgegenhält: „Unbefugten ist der Zutritt verboten.

Der eher intellektgesteuerte Mensch

geht nur selten den geraden und langsamen Weg einer wachsenden emotionalen Bindung, er fühlt sich im Gegenteil von Problemen und Bruchstellen angezogen, ohne notwendigerweise von vornherein mit einem großen Wissen zu punkten. „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer, 1997) erwies sich als publizistischer Erfolg, aber Jenner hatte niemals ein volkswirtschaftliches Seminar besucht. Was ihn beschäftigte, war nicht das ökonomische Fach als solches, das ihn bis dahin überhaupt nicht interessierte, sondern etwas ganz anderes: ein Problem. Während seines studien- und arbeitsbedingten Aufent­halts in Japan hatte er erlebt, wie dieses Land – ganz so wie heute China – immer mehr industrielle Kapazitäten aus dem Westen ins eigene Land übernahm. Er fragte sich, was eine zunehmende Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien (damals vor allem nach Japan und zu den „ostasiatischen Tigern“) für Deutschland bedeuten würde. Dieses Problem beschäftigte ihn – und erst während der Beschäftigung mit diesem erwarb er als Autodidakt die nötigen ökonomischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet mitreden zu können.

Problemlöser sind fast immer daran zu erkennen,

dass sie die übliche Reihenfolge umdrehen, ja sie geradezu auf den Kopf stellen: nicht das jahrelange Studium, die allmähliche oft liebevolle Vertiefung bis zum staatlichen anerkannten Examen kommt bei ihnen zuerst, sondern an erster Stelle steht das sie herausfordernde, sie faszinierende Problem – und dieses drängt sie dann zu einer genauen, oft stürmischen Eroberung des fraglichen Gegenstands. Zweifellos widerstreitet dieses Vorgehen der oben genannten Losung, denn ein Unbefugter verschafft sich in diesem Fall Zugang. Er tut dies überdies auf ungewohnte, oft als ungehörig empfundene Weise, nämlich ohne vorher bei den ausgewiesenen Autoritäten dafür um Erlaubnis nachzufragen.

Das Risiko eines solchen Vorgehens ist zweifellos sehr groß

Wir wissen, dass jede Menge von inspirierten Spinnern dauernd damit beschäftigt ist, Lösungen für sämtliche Weltprobleme aus allen möglichen esoterischen Hüten zu zaubern. Solche Menschen treten bestenfalls als Problemsteller in Erscheinung – sie weisen auf bestehende Bruch- und Konfliktstellen hin -, aber in den seltensten Fällen treten sie als wirkliche Problemlöser hervor. Man braucht ja nur einen flüchtigen Blick ins Internet zu werfen, um sich auf Anhieb davon zu überzeugen. Andererseits kommt keine Gesellschaft ohne solche Problemsteller und Problemlöser aus, denn die gefühlsmäßig Attachierten pflegen für Probleme und Bruchstellen nicht selten unzugänglich oder ganz blind zu sein. Sie halten an dem Erlernten und an ihrem jeweiligen Fach wie an einer Geliebten fest, deren Schönheit sie niemals in Frage stellen.

Was Jenner betrifft, so hatte er Glück

Prof. Bert Rürup, ein damals renommierter „Wirtschaftsweiser“, der als ökono­mischer Ratgeber für die deutsche Regierung sowie für den Fischerverlag fun­gierte, setzte sich für seine Arbeit ein (deren Thema, die Auslagerung in Zeiten der Coronakrise übrigens neuerlich an Aktualität gewinnt). Dadurch bahnte er ihr den Weg. Die übliche Reaktion gegenüber Außenseitern: „Für Unbefugte ist der Zugang verboten“ wurde durch Prof. Rürups Empfehlung damals außer Kraft gesetzt. Jenner hatte sich in den Reihen der ökonomischen Zunft Zugang verschafft – zumindest für eine gewisse Zeit.

Problemlöser sind allerdings unberechenbar

Sie treten ja überhaupt als solche nur deshalb in Erscheinung, weil sie von Natur aus dazu neigen, vieles in Frage zu stellen, was anderen als selbstverständlich erscheint. Das zeigte sich auch im Fall des frischgebackenen Ökonomen. Jenner war Herrn Rürup zweifellos zu großem Dank verpflichtet (was er freilich erst später bemerkte, als dieser sich bereits in einen Feind verwandelt hatte). Wäre sein Manuskript, statt diesem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten vor Augen zu kommen, in die Hände eines durchschnittlichen Lektors geraten, dann hätte dieser zunächst einmal gefragt: „Ist der Mann überhaupt befugt, sich zu diesem Gegenstand zu äußern“. Diese Frage hätte er natürlich abschlägig beschieden, und das Manuskript wäre mit der üblichen hochmütigen Arroganz vom Verlag abgelehnt worden.

Aber Dankbarkeit war für Jenner kein Grund, ein Vorgehen zu akzeptieren, das ihm ungeheuerlich erschien. Auf einer der ersten Seiten seines zweiten bei S. Fischer veröffentlichten Buchs (Das Ende des Kapitalismus – Triumph oder Kollaps eines Wirtschaftssystems) bezeichnete sich Prof. Rürup als Mitautor – wörtlich: „Fachliche Beratung: Prof. Dr. Dr. h. c. Rürup“. Da sich Jenner auch nach angestrengtester Selbstbefragung an eine solche Beratung partout nicht erin­nern konnte, sah er in dieser Behauptung nun wiederum ein großes Problem, das er persönlich dadurch löste, diese Usurpation öffentlich zurückzuweisen.

Dabei hätte Jenner natürlich wissen müssen, dass sich ein derartiges Vorgehen in Deutschland zwanglos mit dem akademischen Ethos verträgt. Professoren halten es, wie man weiß, für ihr gottgegebenes Recht, die Knochenarbeit von Assistenten verrichten zu lassen und sich, wann immer es ihnen opportun erscheint, mit fremden Geistesfedern zu schmücken. Jenner glaubte gegen diese ehrwürdige Tradition protestieren zu müssen. Das war naiv, denn natürlich hat er dafür bezahlen müssen. Herr Rürup sorgte dafür, dass ihm der Zugang zum S. Fischer Verlag von da an versperrt bleiben sollte.

Problembezogen waren auch zwei weitere ökonomische Arbeiten,

die von großen Verlagen veröffentlicht wurden: „Energiewende – so sichern wir Deutschlands Zukunft“ setzte 2006, als von der drohenden Klimakrise noch kaum die Rede war, ganz auf den Übergang zur Nachhaltigkeit, und zwar mit einem Begriff, der erst nach Fukushima dann auch offiziell Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Jenner sprach wörtlich von einem „nationalen Projekt„. Allerdings hatte er die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in diesem Buch zu schwarz gezeichnet. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in deutschen Schlüs­selindustrien (vor allem der Autobranche) aufgrund von Auslagerung und chinesischer Konkurrenz droht sich erst jetzt abzuzeichnen.

Mit dem 2008 bei Signum veröffentlichten „Pyramidenspiel“ über die Dynamik staatlicher und privater Verschuldung konnte Jenner neuerlich die Aufmerk­samkeit eines ökonomischen Experten, nämlich von Prof. Gerhard Scherhorn, für sich gewinnen. Dieser leitete das Buch überdies mit einem wohlwollenden Vorwort ein. Anders als an den erstgenannten Ökonomen erinnert sich Jenner bis heute voller Hochachtung an diesen Mann, auch wenn er sich nicht an einen Ratschlag hielt, den dieser ihm damals in väterlicher Absicht erteilte. Er solle doch davon Abstand nehmen, riet ihm Prof. Scherhorn, seine Texte (Newsletter) an Gott und die Welt zu verschicken. Das sei unter ernst zu nehmenden Akademikern einfach nicht üblich.

Ein Merkmal von Problemstellern und -lösern

ist ihre Sprunghaftigkeit. Jenner hatte sich Wissen und Interesse an grundlegen­den ökonomischen Fakten angeeignet. Aber die Ökonomie als solche hatte ihn weniger gereizt als die Beschäftigung mit fremden Kulturen, denen er sich ja gleich zu Beginn in seinem Studium zugewandt hatte, also vor allem der indischen, chinesischen und japanischen. Bei seinem letzten Japanaufenthalt aber begann ihn ein Problem zu beunruhigen, welches für ihn dann mit der Zeit das Problem schlechthin werden sollte, obwohl es ihm zunächst dort begegnete, wo es den meisten Menschen als solches gewöhnlich nicht einmal bewusst ist, nämlich in der Sprache.

Ein Deutscher hält es für evident, den Affen mit dem Wort „Affe“ zu bezeichnen, während ein Engländer dazu „monkey“, ein Italiener „scimmia“, ein Japaner „Saru“, ein Chinese „Houzi“ sagt. Der berühmte Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure schloss daraus, dass die Zeichen, welche der Mensch für Begriffe verwendet, arbiträr, d.h. zufällig seien. Diese Auffassung ist freilich eine rein intellektuelle Einsicht, die sich im krassen Widerspruch zu dem befindet, wie der gefühlsgebundene Mensch die Sprache erlebt. In den meisten früheren Kulturen waren die Menschen davon überzeugt, dass die Götter in ihren Worten reden – diese konnten daher niemals bloß zufällig sein.

Dennoch wird sich der Leser fragen, ob es nicht lächerlich sei, in der Beziehung eines Begriffs zu seinem Zeichen überhaupt so etwas wie ein Problem zu sehen?

Nein, in Wirklichkeit ist das viel weniger lächerlich, als es auf den ersten Blick scheint. Wie weit diese Beziehung in Wahrheit reicht, wird sofort klar, sobald wir die Frage auf andere kulturelle „Selbstverständlichkeiten“ beziehen. Man sage einem Muslim, dass der Genuss von Schweinen nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sei als der von Rindern. Oder einem Christen, dass sein Glaube an Jesus Christus ebenso mit dem Zufall seiner Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft erklärt werden könne wie der Glaube eines Hindu an Schiwa oder Wischnu. Beide werden darauf mit Wut reagieren. Offenbar haben wir es hier mit kulturellen Positionen zu tun, welche die Menschen so gegeneinander aufstacheln konnten, dass sie sich immer wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber zunächst blickte Jenner „nur“ auf das Problem der Sprache

denn die nächstliegende Frage lautete ja hier: wenn in jeder von ihnen alle einzelnen Zeichen (Baum, Affe, Wolke, etc.) willkürlich sind, wie de Saussure behauptet, gilt das dann nicht für Sprache insgesamt, nämlich auch für alle ihre Regelmäßigkeiten, die man mit dem Begriff der Grammatik bezeichnet? Wenn jede Sprache insgesamt ein Werk des Zufalls ist, kann es dann überhaupt irgendwelche verbindende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen geben? Zwischen bloßen Zufällen kann es doch keine Ähnlichkeit geben!

Diese Frage wurde für Jenner zu einem Problem, das ihn so sehr faszinierte, dass seine nächste und eine noch dazu sehr ehrgeizige Arbeit daraus entstand. Ebenso wie im Fall der Wirtschaftswissenschaften hatte er sich zuvor mit dem Gegenstand selbst – in diesem Fall mit der Sprachwissenschaft – niemals befasst, obwohl er während Studiums gleich mehrere Sprachen erlernte. Nun aber geriet er sofort in den Bann eines damals führenden Linguisten: nämlich des damaligen Papstes der Linguistik Noam Chomsky, der die Frage auf ähnliche Weise stellte. Gibt es ein universales Sprachvermögen, das allen Menschen gemein ist und sich in einer Universalen Grammatik auch nachweisbar manifestiert? Offenbar würde eine solche Universale Grammatik den sprachlichen Zufall von sprachlicher Notwendigkeit trennen. Zwar würden Menschen in jeder Sprache beliebige Zeichen verwenden, aber die Regeln, die ihre Verbindung in grammatischen Mustern kodifiziert, sind universal und eben nicht zufällig. Solche universalen Muster glaubte Chomsky entdeckt zu haben, aber er rekurrierte dabei auf dieselben Grundbegriffe, wie sie traditionelle Grammatiken aus dem Studium indogermanischer Sprachen gewonnen hatten. Jenner war sich schnell darüber im Klaren, dass dieser Weg in die Irre führte. Chomsky hatte nie verstanden, dass diese Grundbegriffe schon für eine Sprache wie das Chinesische nicht mehr gelten. 1

Jenner war und ist mit Chomsky im Hinblick auf das Ziel einverstanden

Es geht um die Beschreibung der universalen Eigenschaften des menschlichen Sprachvermögens. Wo endet der Zufall, und wo beginnen die allen zugrunde liegenden Strukturgesetze, die eben gerade nicht zufällig sind? Dass natürliche Sprachen ein Tertium comparationis miteinander gemein haben müssen, ist evident – wie sonst wäre es möglich, dass sie (weitgehend, wenn auch keineswegs vollständig!) in einander übersetzt werden können? Dem äußeren Gewand ihrer zufälligen Form liegen Bedeutungen und Bedeutungstrukturen zugrunde, die von allen Menschen als solche begriffen werden. Zwischen 1981 und 1993, als die „Principles of Language“ (im Peter Lang Verlag) erschienen, machte sich Jenner daran, diese nicht-zufälligen „Tiefenstrukturen“ und ihre teils zufällige, teils formal notwendige Verwirklichung in verschiedenen empirischen Sprachen aufzuzeigen. Aus heutiger Sicht erscheint ihm vieles, was er damals schrieb, schwer lesbar und noch schwerer verständlich. Einverstanden ist er erst mit der 2019 erschienenen revidierten Ausgabe der Principles bei Amazon (The Principles of Language: Towards trans-Chomskyan Linguistics).

Auch hier war Jenner als Unbefugter

in ein ihm ursprünglich fremdes Gebiet eingedrungen. Aber diesmal hatte er nicht das Glück, einen aufgeschlossenen Gönner für eine Untersuchung zu finden, die so offensichtlich der herrschenden Lehrmeinung widersprach. Vielmehr war er mit der in diesen Fällen typischen Reaktion konfrontiert: „Unbefugten ist der Zutritt verboten!“. 2 Da hatten renommierte Wissenschaftler die kostbarste Zeit eines kurzen menschlichen Lebens an die schier übermenschliche Aufgabe verschenkt, ein wenig Licht in die weitgehend unverständliche Scholastik eines Noam Chomsky zu bringen, und ein Außenseiter erklärt diese Mühe einfach für überflüssig, macht sich gewissermaßen über ehrbare Wissenschaftler lustig, wenn er behauptet, dass schon die Grundbegriffe der Generativen Grammatik in die Irre führen, weil sie gerade nicht universal sind. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß, sie lautete: „Nicht einmal ignorieren!“ 3

Und doch war es ja keineswegs abwegig, bei einem Sprachwissenschaftler eine gewisse Kenntnis seines Gegenstands, also empirischer Sprachen, vorauszuset­zen. Von Chomsky heißt es, dass er außer Englisch nur Spanisch beherrsche und ein wenig Hebräisch, während Jenner in Sanskrit promovierte, Russisch, Japanisch und Chinesisch liest und versteht und an der Sorbonne (Paris), an der Università degli Studi in Rom und an der School for Oriental and African Studies in London studierte. Chomsky selbst lässt einen derartigen Einwand aber keineswegs gelten. Er glaubt, auf Nebensächlichkeiten wie die Kenntnis empirischer Sprachen durchaus verzichten zu können, da er in seinem Inneren, wie er wörtlich bekennt, einen „Homunkulus“ mit sich trage – und diesen brauche er nur zu studieren, um alles an der Sprache Wesentliche in sich selbst zu entdecken – da komme es auf real existierende Sprachen eben in Wirklichkeit gar nicht an! 4

Das Problem von Zufall und Freiheit

ließ Jenner danach nicht mehr los. In der Sprache hatte er es zuerst entdeckt, bevor es für ihn zu einem Problem viel grundsätzlicher Art werden sollte. Mit seinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ wagte er sich nun in ein Terrain, das ihn zwar von jeher beschäftigt hatte, aber eben bis dahin nicht als besondere Herausforderung.

Wir sahen: in der Sprache ist die Existenz des Zufalls unbestreitbar, niemand vermag zu begründen, warum ein Begriff wie Baum gerade mit dem im Deutschen üblichen Laut „realisiert“ wird, wo doch unendlich viele andere Laute möglich wären. Umso merkwürdiger musste es Jenner erscheinen, dass es in der europäischen Wissenschaft seit dem 17ten Jahrhundert eine dogmatisch vertretene Lehrmeinung, den Determinismus, gibt, welche den Zufall grundsätzlich leugnet und ihn allein mit menschlicher Unwissenheit erklärt. In Wahrheit werde die gesamte Natur einschließlich des Menschen – so besagt diese Doktrin – ausschließlich von Gesetzen beherrscht. Es gebe in der Natur keinen Zufall. Auch menschliche Freiheit wird in dieser Sicht als Illusion abgetan – genauer gesagt, als subjektive Täuschung.

Schöpferische Vernunft“ ist im ersten Teil eine historische Arbeit. Das Buch verfolgt die Leugnung von Zufall und Freiheit durch die philosophische Geistesgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre. Sie zeigt, warum gerade die Wissenschaft so sehr auf der Leugnung der Freiheit bestand und dass sie selbst als die Quantenphysik die Existenz des Zufalls endlich akzeptierte, mit diesem doch nichts anzufangen weiß. Der Zufall wird als schlechterdings sinnlos und blind abgetan.

Dagegen vertritt Jenner im Hinblick auf Zufall und Freiheit

eine der ganzen bisherigen Tradition widerstreitende Auffassung. „Wir können die Notwendigkeit ohne Freiheit (Zufall) nicht einmal denken. Eine deterministische Wissenschaft ist ein logischer Selbstwiderspruch, weil sie immer schon Freiheit voraussetzen muss.“ Die Schöpferische Vernunft tritt in seiner Sicht gleichrangig an die Seite der die Gesetze erkennenden Vernunft.

Jenner betrachtet „Schöpferische Vernunft“ als sein bestes und originellstes Werk, weil es zum ersten Mal Freiheit neben Notwendigkeit als logisch unverzichtbare Dimension begründet und damit eine Änderung auch unseres Weltbilds notwendig macht. „Tantum possumus quantum scimus“ (wir können immer nur so viel, wie wir wissen) – diese seit Francis Bacon akzeptierte Aussage über den Menschen war seiner Meinung nach immer schon falsch. Jeder Mensch kann und bewirkt in jedem Augenblick seines Lebens weit mehr als er weiß. Schöpferische Vernunft ist ein Buch, dessen Ziel darin besteht, zugleich die Reichweite und die Grenzen der menschlichen Vernunft zu erhellen und auszuloten.

In der menschlichen Geschichte manifestiert sich

der Gegensatz zur Notwendigkeit nicht als Zufall, sondern als menschliche Freiheit. Denn der wesentliche Unterschied zwischen Freiheit und Zufall besteht darin, dass wir den Zufall, dem wir in der Natur begegnen, nicht verstehen, während wir sehr wohl die Motive anderer Menschen nachempfinden und ihrer wie auch unserer Freiheit daher einen Sinn zu geben vermögen. Warum die Welt überhaupt existiert und so ist, wie sie ist, das werden wir nie enträtseln, auch wenn wir ihre Ordnung in Tausenden von Gesetzen beschreiben. Deshalb steht in der Natur die Notwendigkeit (als Gesamtheit aller Gesetze) einem Zufall gegenüber, den wir als blind und sinnlos empfinden, nicht weil er das unabhängig von unserem Denken wirklich so ist, sondern weil wir ihm keinen menschlichen Sinn zuteilen können.

Andererseits ist menschliche Geschichte für uns gerade deshalb so faszinierend, weil Menschen das eigene Handeln stets nach einem Sinn ausrichten. Notwendigkeit gibt es natürlich auch hier. Wir können in der Natur nur überleben, wenn wir uns ihren Gesetzen fügen, aber wir können die Gesetze zu selbstbestimmten Zwecken benutzen – und seit der industriellen Revolution tun wir das in einem bis dahin niemals gekannten Maße.

Die drei Bücher

Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – das Schicksal der Menschheit im 21ten Jahrhundert“ sowie „Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken“ und schließlich „Homo IN-sapiens – eine kleine Geschichte menschlichen Schwachsinns“ hat Jenner wieder in der Eigenschaft eines Problemstellers geschrieben, der sich tastend um den Sinn der Geschichte bemüht. Wir erinnern uns, in der Sprache ging es ihm darum, universale Gemeinsamkeiten jenseits der beliebigen Zeichen aufzuspüren.

Dieselbe Aufgabe aber stellte er sich nun im Hinblick auf die über die Sprache hinausreichenden Unterschiede und Gegensätze in der Kultur – sind nicht die unendlich vielen Essens-, Verhaltens- und Glaubensvorschriften letztlich gleich beliebig?

Die Frage lautete auch diesmal: Können wir einen überkulturellen Sinn in der Geschichte erkennen? Im Hinblick auf das allgegenwärtige Böse scheint dieser Sinn so wenig fassbar wie der Zufall in der Natur. Doch das ist gewiss nicht das letzte Wort. Immerhin können wir nach den Motiven der menschlichen Akteure fragen, und – wenn wir sie finden – das Böse bis zu einem gewissen Grade erklären.

Im Hinblick auf das Ziel der Geschichte

aber erscheint es Jenner nicht nur möglich, sondern geradezu geboten, eine Problemlösung anzubieten (von Immanuel Kant bis zu Arnold Toynbee war diese auch schon von anderen begründet worden).

Seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist das Überleben der Menschen als Spezies in Gefahr. Mit dem Riesenarsenal bestehender Nuklearbomben und ballistischer Raketen hat er es ebenso in der Hand seine irdische Existenz zu beenden wie durch die Zerstörung der Umwelt. Das Ziel der Geschichte steht uns daher zum ersten Mal in der Geschichte ganz klar vor Augen: wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam verhüten, dass dieses kentert und uns allesamt in den Abgrund reißt. Konkret bedeutet dies, dass wir unser Wirtschaftssystem und unsere Politik radikal ändern müssen. Das Problem der Freiheit wird daher auf einmal ganz konkret, weil es unmittelbar mit Krieg und Frieden zusammenhängt, denn der Mensch steht ja nicht nur der Natur gegenüber, sondern auch seinen Mitmenschen. Das Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche, militärische und politische Macht ist hier jener Faktor, der uns immer wieder in den Schwachsinn zu treiben droht.

Der intellektgesteuerte Mensch,

der als Problemsteller und manchmal auch als Problemlöser Bruchstellen, Konflikte und Widersprüche benennt, kann den Schwachsinn nur benennen. Er kann aufzeigen, wie Homo insapiens gegen den eigenen Vorteil handelt und dabei sogar das eigene Überleben riskiert. Intelligenz besitzt er im Überfluss, die Intelligenz von Wissenschaft und Technik hat das Antlitz der Erde innerhalb von nur drei Jahrhundert radikal umgestaltet. Diese Intelligenz aber macht ihn durchaus nicht zum Homo sapiens. Dazu ist etwas anderes nötig, nämlich Weisheit, die den Gefühlen entspringt, also der Sympathie für den anderen Menschen, der gegenseitigen Achtung und Hilfe. Solange das unselige Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht nicht beendet wird, dürfen wir kaum hoffen, dass Homo sapiens – der weise und nicht bloß intelligente Mensch – Geschichte endlich in eine andere Richtung lenkt.

Für seinen groß angelegten Geschichtsentwurf

ist Jenner trotz mehrfachem Versuch bei keinem großen Verlag Interesse erregen können, obwohl Meinhard Miegel, ein bekannter Autor, dessen Schriften Jenner immer sehr schätzte, sich gegenüber dem Autor mit Lob über Stil und Inhalt der „Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ äußerte. Es müsse unbedingt veröffentlicht werden, er wolle dies gegebenenfalls mit einem Druckkostenzuschuss unterstützen. Nicht nur Herr Miegel begrüßte die neue Arbeit, sondern Prof. Karl Acham, ein renommierter Österreichischer Soziologieprofessor, verbürgte sich sogar mit einem ausgiebigen Vorwort für dessen wissenschaftliche Seriosität.

Prof. Acham empfahl ihm den Springer Verlag für Soziologie in der Meinung, dass sein Vorwort dem Autor dort die Tür öffnen würde. Diesmal aber kam es ganz anders als damals beim Fischer Verlag. Gerade einmal zwei Tage nach Anlangen des Manuskripts beim Verlag (als ohne Prüfung) wurde es zurückgewiesen. Man kann sich denken, wie eine solche Reaktion zu erklären ist. Natürlich darf ein Lektor sich weder auf die eigene Meinung noch auf die eines ausländischen Gutachters verlassen. Wie im Kolosseum, wo Daumen nach oben oder Daumen nach unten über Leben und Tod eines Gladiators entschieden – geht es um das Placet eines jener Halbgötter am deutschen Professorenhimmel, die sich bei solchen Entscheidungen das letzte Wort vorbehalten – natürlich anonym, niemand kann sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Offenbar hat die Losung „Unbefugten ist der Zutritt verboten“ sich in diesem Fall durchgesetzt.

Seitdem veröffentlicht Jenner bei Amazon

In gewisser Weise scheint diese Art der Publikation dem Naturell des Autors sogar entgegenzukommen, denn er findet ja nicht nur an anderen manches auszusetzen, sondern ebenso auch an sich selbst, sodass er in einem fort an den eigenen Schriften retuschiert, sie erweitert oder auch ganze Passagen wieder hinauswirft. Nichts wurmt ihn so sehr, wie wenn man ihm einen Fehler in der Rezeption der Fakten oder gar im Argument nachweisen kann (und das ist bisweilen leider durchaus möglich. Da Jenner ein Einzelkämpfer ist, schleichen sich schon hier und da Fehler ein). 5 Jedenfalls kommt die Veröffentlichung bei Amazon dieser Neigung zur Selbstkorrektur entgegen, denn Änderungen sowohl in der Printedition wie bei der Kindle-Ausgabe lassen sich am eigenen Computer innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligen – ein Vorgehen, das bei anderen Verlagen völlig undenkbar wäre.

<1 Jenners These, wonach die Grundbegriffe der Chomskyschen Universalen Grammatik (Verb, Nomen etc.) nicht universal sind, ist entweder richtig oder falsch. Man sollte meinen, dass ernsthafte Wissenschaftler sie entweder akzeptieren oder widerlegen. Doch weiß Jenner von keinem Linguisten, der sich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt hätte. So sehr ist das Orchideenfach Linguistik inzwischen zu einem Paradigma erstarrt, wie Thomas Kuhn es beschrieb, dass niemand deren Voraussetzungen mehr untersucht. Zwar mehren sich in letzter Zeit die Angriffe auf Chomsky, aber jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeworfen: Das legitime Ziel, Sprache überhaupt in den Blick zu bekommen und nicht nur Einzelsprachen, wird in Frage gestellt. 

<2 Jenners Habilitationsschrift über Linguistik, welche die Hauptthese bereits enthielt, wurde „aus formalen Gründen“ abgelehnt, obwohl ein Gutachter (Prof. Peter Hartmann aus Konstanz) sich im Gutachtergremium für sie eingesetzt hatte. Prof. Bernfried Schlerath, der damalige Ordinarius an der Freien Universität aber ließ nicht mit sich spaßen. Und das aus verständlichen Gründen: Jenner hatte nie auch nur eine einzige Stunde zu seinen Füßen gesessen.

<3 Chomsky ist in seinen politischen Schriften ebenso klar wie in seinen linguistischen unklar. Vermutlich ist er deshalb aus dem zweiten in den ersten Bereich geflohen. Seiner Scholastik steht auch ein Linguist wie Steven Pinker ablehnend gegenüber. Dieser überzeugt durch erstaunliches Wissen, eine klare Sprache und kluge Argumentation. Jenner kritisiert Pinker aus einem anderen Grund: er hält ihn für unehrlich. Seine Idee von einer vorsprachlichen Sprache (Mentalese) liegt ganz auf der Linie Jenners, und die sich daraus ergebende Schlussfolgerung scheint offensichtlich. Pinker müsste ebenso wie er Chomskys Grundbegriffe der Generativen Grammatik durch vorsprachliche ersetzen. Aber davor schreckt Pinker zurück, dann wäre er ja in Gefahr, sich von Chomsky ganz loszusagen und sich an die Seite eines immer noch ignorierten Außenseiters zu stellen. Hier erweist sich neuerlich die Macht der von Kuhn so eindringlich beschriebenen Paradigmen. Kuhn hatte den Dogmatismus in den Naturwissenschaften in ihren Paradigmen aufgespürt. Er hätte ein sehr viel leichteres Spiel in den Geisteswissenschaften gehabt. Wenn eine Firma neue Geräte gemäß den bekannten Naturgesetzen plant und produziert, dann kann man sich darauf verlassen, dass die zur Anwendung gelangenden Gesetze wahr sind – andernfalls würden die Geräte schlicht nicht funktionieren. Aber in den Geisteswissenschaften können die krausesten Theorien entstehen, ohne dass die Konfrontation mit der Wirklichkeit ihre Verfechter zu Revisionen zwingt.

<4 Die Homunkulus-Wissenschaft, wie sie der späte Chomsky betreibt, wird von David Golumbia in dem Aufsatz „The Language of Science and the Science of Language – Chomskys Cartesianism“ als Verstoß gegen die Grundsätze einer empirischen Wissenschaft in Frage gestellt.

<5 Jenner ist ein Einzelkämpfer, seine letzten Bücher sind weder durch die Hände eines Lektors gegangen, noch hat er Freunde gebeten, sie durchzusehen. Manchmal haben sich deswegen auch Fehler eingeschlichen, die ihm sehr peinlich waren. So hat er zum Beispiel das Anthropozän irrtümlich nicht in dem von seinem Erfinder Paul Josef Crutzen gemeinten Sinn zur Bezeichnung des Industriezeitalters verwendet, sondern es auf die gesamte Geschichte bezogen, seit der Mensch seine Umwelt aktiv veränderte. Das geschah bereits zur Zeit der Jäger und Sammler, als diese die Megafauna global weitgehend ausrotteten. Jenner hat diesen Fehler korrigiert, indem er den Begriff des „Großen Anthropozäns“ verwendet.

Der Autor Egon W. Kreutzer schreibt:

Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Innenleben, Gero Jenner! Irgendwann, und wohl ohne meinen diesbezüglichen Antrag, ist meine Mail-Adresse in den Verteiler Ihrer Newsletter geraten. Was Sie schreiben, sammelt sich als Essenz in meinem Bewusstsein an. Ich könnte nichts davon im Wortsinn wieder hervorkramen, doch es eröffnet mir beim Lesen die Wahrnehmung neuer Perspektiven, und lässt mich später die neu entdeckten Standpunkte selbst wieder einnehmen. Herzlichen Dank für alles! Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

Der Komponist und Freund Franz Zebinger:

Lieber Gero, mit Faszination habe ich eben das Resümee deines Schaffens – und Lebens (wo ja das eine ins andere greift) gelesen! Herzlichen Dank dafür! Vieles verstehe ich nach dieser deiner Selbstanalyse besser. Deine Feststellung, dass die diplomierten Fachleute Outsider einfach nicht ein- und zulassen, kann ich auch für mich als Komponisten ohne einschlägiges Fachstudium bestätigen. Kein renommierter Verlag hat meine Kompositionen jemals gedruckt. Wie du mit Amazon ganz gut leben kannst, kann auch ich mich mittels meines Schreibprogramms Sibelius bestens „verwirklichen“ und meine Musik interessierten Menschen vermitteln.
Ganz herzliche Grüße aus der Klausur, die uns Schöpferischen eigentlich sowieso adäquat und deswegen nicht bedrückend ist!
Franz

Herr Dr. Dirk-Michael Harmsen schreibt mir Folgendes:

Lieber Herr Jenner,

seit vielen Monaten lese ich schon Ihren Blog. Der gestgrige hat mir insofern besonders gefallen, weil Sie auf humorvolle Weise auf sich selbst (zurück)blicken und Höhen und Tiefen Ihres geistigen, schriftstellerischen Lebens Ihren Lesern schildern. So macht das Lesen autobiografischer Notizen Spaß. 

Vielen Dank und … bleiben Sie gesund in diesen pandemischen Zeiten,
Dirk Harmsen

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt)

Minsky

Wir leben in einer außerordentlichen Zeit, weil wir über den Menschen nicht mehr zu philosophieren brauchen, sprich zu phantasieren, um sein Wesen bis auf den Grund zu erkunden. Die exakten Wissenschaften geben uns zum ersten Mal die Mittel an die Hand, um mit Zahlen und unwiderleglichen Beweisen uns selbst sozusagen auf den Begriff zu bringen. Was die Naturwissenschaften seit dreihundert Jahren geleistet haben, nämlich dass sie die Natur für den Menschen erst berechenbar machten, damit wir sie anschließend beherrschen, das wird jetzt auch für den Menschen möglich. Ich sage es noch einmal: zum ersten Mal in der Geschichte.

Sokrates

Mit anderen Worten: ihr braucht uns nicht mehr. Wir sind Fantasten, die allerlei Fabeln und Mythen über den Menschen in Umlauf brachten. Jetzt aber kommt ihr mit euren Messgeräten, und am Ende werdet ihr eine Handvoll Gleichungen aufstellen, die euch erlauben, selbst noch die Gedanken eines Menschen für die nächsten vierzehn Tage vorauszusagen – so wie ihr jetzt schon das Wetter für zwei Wochen voraussagen könnt und die Bahn des Jupiter sogar für die nächsten Jahrtausende.

Minsky

So ist es, aber ich zögere keinesfalls, eure vergangenen Leistungen zu rühmen. Die Gespräche, die einer wie du damals im alten Athen mit gescheiten jungen Männern führtest, habe ich in meiner Jugend gern gelesen. So viel Poesie und Begeisterung, wirklich beeindruckend! Aber seien wir ehrlich, deine Aufteilung des Staates nach Lehr-, Wehr- und Nährstand blieb völlig folgenlos. Dein Schüler Plato blieb sein Leben lang ohne politischen Einfluss; in Syrakus dachte der dortige Diktator gar nicht daran, sein System zu übernehmen. Ihr Philosophen habt die Welt mit Erzählungen versorgt, aber eure praktische Wirkung war bis zum heutigen Tag gleich null, weil sie nicht auf strenger Wissenschaft beruht. Deshalb verschwindet ihr jetzt auch aus den Universitäten, während die Naturwissenschaften Hochkonjunktur genießen.

Sokrates

Also glaubst du, dass ihr schon bald Denken und Verhalten des Menschen so gut beschreiben könnt, dass ihr ein Gemeinwesen am Reißbrett planen könnt, damit alles so verlässlich und vorhersehbar verläuft wie in einem Termitenstaat? Ich fühle mich an Watson und Skinner, die Gründer des Behaviorismus, erinnert, die diese triste Utopie schon vor einem Jahrhundert verkündeten.

Minsky

Das ist nun aber eine boshafte Formulierung, weil du damit ja ausdrücken willst, dass Freiheit in einem solchen Staat nicht existiert. Aber Freiheit ist eine Illusion, die ihr nur als solche noch nicht begriffen habt. Solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann es keine Freiheit geben, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – und dann ist er ebenso wenig frei. Die Rede vom Termitenstaat ist daher nichts anderes als irreführender Unsinn. Der Mensch ist niemals frei gewesen, auch wenn er sich einbildet es zu sein. Was wir, die Wissenschaftler vom Menschen, jetzt tun, ist nur, dass wir seine Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren.

Sokrates

Ich gebe zu, da habt ihr schon sehr viel Großartiges geleistet.

I Der künstliche Mensch beweist, dass wir auf dem besten Wege sind, den natürlichen völlig zu enträtseln

Minsky

Nicht wahr? Das verdient wirklich große Bewunderung. Unsere praktischen Erfolge liefern nicht weniger als den Beweis, dass wir im Begriff sind, den Menschen vollständig zu entschlüsseln. Unsere größten Rechenmaschinen führen Aufgaben innerhalb von Sekunden aus, welche Menschen selbst in Jahrtausenden nicht zu lösen vermögen. Unsere Schachroboter, ausgerüstet mit künstlicher Intelligenz, schlagen inzwischen jeden menschlichen Spieler, unsere Roboterärzte liefern bessere Diagnosen als unsere universitätsgeprüften Doktoren, unsere KI bestückten künstlichen Rechtsanwälte verfügen über mehr Wissen und daher auch über mehr Kompetenz als jeder natürliche Jurist, unsere Leitsysteme in den Flugzeugen machen Piloten aus Fleisch und Blut heute schon überflüssig – und reduzieren die Unfallhäufigkeit auf jenes Minimum, dass allenfalls noch durch schadhafte Technik verursacht wird (wie beim Menschen z.B. durch Herzversagen). Die von Künstlicher Intelligenz gesteuerten Autos werden schon bald fließenden Verkehr ermöglichen, der noch dazu nahezu unfallfrei sein wird.

Sokrates

Wenn ich dich recht verstehe, ist es euer Ziel, den fehlbaren, vergleichsweise unendlich langsam reagierenden, in seinem Wissen beschränkten Menschen durch sein vollkommenes Gegenstück zu ersetzen, nämlich durch ein künstliches Gehirn in einem künstlichen Roboter, der ihm in jeder Hinsicht weit überlegen ist.

Minsky

Ja, und auf diesem Weg sind wir schon so weit vorangeschritten, dass die meisten heute noch existierenden Berufe in einigen Jahren nicht mehr benötigt werden. Piloten sind jetzt schon ein entbehrlicher Luxus, Lastwagen-, Bus- und Taxifahrer werden es morgen sein. In der Diagnostik sind auch die Ärzte schon weitgehend überflüssig, nur in der Therapie spielen sie noch eine gewisse Rolle, aber Roboter werden auch hier schon bald die besseren Chirurgen sein. Dolmetscher werden kaum mehr gebraucht, da Übersetzungsmaschinen inzwischen hervorragende Arbeit leisten. Hier sehe ich bei allem Fortschritt, auf den wir sehr stolz sein können, ein gewisses Problem.

Sokrates

Ich pflichte dir bei, dass darin vielleicht sogar ein gewaltiges Problem liegen wird. Aber viel interessanter erscheint es mir, der grundsätzlichen Frage nachzugehen, ob euer Optimismus berechtigt ist, dass ihr den Menschen bald vollständig entschlüsseln und durch einen künstlichen Supermenschen ersetzen werdet.

Darüber möchte ich mit dir reden, weil ich diese These nicht nur für übertrieben halte, so als bräuchtet ihr einfach etwas mehr Zeit für die weitere Forschung. Nein, ich halte sie für grundsätzlich und für nachweisbar falsch. Mehr noch, ich halte sie für eine große und noch dazu gefährliche Illusion – trotz aller unbestreitbaren praktischen Erfolge, die ihr aufgrund dieser Arbeitshypothese bis heute errungen habt und zweifellos noch erringen werdet.

Minsky

Aha, da spricht der Philosoph, der seine Spekulation unserem Wissen entgegenhält. Auf Spekulationen lasse ich mich aber nicht ein. Faktum ist, dass wir unserem Ziel, den natürlichen durch den künstlichen Menschen zu ersetzen, jetzt schon ganz nahe sind. Wir wissen nur noch nicht ganz genau, auf welchem von zwei Wegen wir es am schnellsten erreichen. Die einen setzen darauf, die elementaren Regeln der Logik zur Grundlage der Künstlichen Intelligenz zu machen, also von wenigen Grundbeziehungen auszugehen, um diese immer mehr zu verfeinern, bis wir alle Operationen des menschlichen Gehirns auf diese Art nicht nur vollziehen, sondern sie auch viel schneller und umfassender ausführen können (logic-based symbolic processing).

Andere wollen eher pragmatisch vorgehen, indem sie alle möglichen praktisch erprobten Problemlösungsverfahren miteinander vereinen (deep learning). Aber das Ziel bleibt letztlich doch immer dasselbe. Am Ende haben wir einen Supermenschen geschaffen, der nicht nur alles ebenso kann, was jeder beliebig gewählte Mensch aus einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden vermag, sondern noch sehr viel größere Fähigkeiten besitzt, da sein Wissen und seine Reaktionsfähigkeit einer nahezu grenzenlosen Steigerung fähig sind.

Sokrates

Was dieser Mensch kann, werdet ihr dann also genau vorhersagen können?

Minsky

Selbstverständlich. Darin liegt ja der Zweck unserer Forschungen. Da wir diesen Supermenschen selbst erschaffen haben, sind wir natürlich auch in der Lage, seine möglichen Denkvorgänge und seine überhaupt möglichen Handlungen vorauszusagen. Du wirst zugeben, dass dies ein Durchbruch von historischen Ausmaßen ist. Wir haben zwar bisher die unbelebte Natur beherrscht, aber der Mensch schien sich unseren Anstrengungen zu entziehen. Er blieb für uns unberechenbar. Anders der Supermensch, den wir mit Künstlicher Intelligenz ausrüsten. Er ist für uns völlig berechenbar, da wir ihn selbst programmieren. Weil sein Gehirn das des natürlichen Menschen noch übertrifft, werden wir auf diesem Umweg dann auch den natürlichen Menschen entschlüsseln. Es ist wahr: Behavioristen wie Watson und Skinner hatten die Richtung schon aufgezeigt. Wir aber verfügen nun auch über die technischen Mittel, um den völlig berechen- und programmierbaren Menschen tatsächlich zu erschaffen.

Sokrates

Dann wäre es also in Zukunft ein Leichtes, mein und dein Denken vorherzusagen? Ich verstehe, wenn schon der Supermensch berechenbar ist, dann gilt das natürlich umso mehr für uns beide, die wir im Vergleich nur recht bescheidene Hirnstrukturen aufweisen.

Minsky

So ist es! Wir müssen uns endlich von der absurden Annahme befreien, dass zwar die ganze äußere Natur berechen- und weitgehend auch beherrschbar ist, aber dass wir selbst gleichsam außerhalb der Natur stehen, und, wie man früher glaubte, deshalb prinzipiell unberechenbar seien. Das ist nichts als ein dummes, unwissenschaftliches Vorurteil. Wir Menschen sind doch genauso Natur und daher ihren Gesetzen auch genauso ausgeliefert. Wenn wir die Abläufe der Natur vorhersagen können, dann muss das ebenso im Hinblick auf die Abläufe in unserem Gehirn möglich sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wissen, was in meinem oder deinem Hirn morgen oder in einer Woche geschieht und was wir beide in Zukunft tun oder lassen werden. 

Sokrates

Und ich bestehe nochmals darauf, dass ein kritischer Wissenschaftler die These von der vollständigen Berechenbarkeit von Mensch und Natur grundsätzlich ablehnen muss, wenn er seriöser Wissenschaftler bleiben will. Oder anders gesagt, dass er keiner mehr ist, wenn er eine solche These vertritt.

II Ein Roboter kann keine Experimente anstellen

Minsky

Philosophen sind immer für Überraschungen gut. Diese wunderliche Behaup­tung bedarf der Erklärung.

Sokrates

Das ist weniger schwer, als du vielleicht glaubst. Die empirischen Wissenschaften stellen bekanntlich Experimente an, um ihre theoretischen Aussagen über die Wirklichkeit praktisch zu überprüfen. Ich frage dich: gehen sie dabei nicht von der ihnen als selbstverständlich erscheinenden Voraussetzung aus, dass sich Experimente zu beliebiger Zeit, an beliebigem Ort, in beliebiger Größe und Komplexität durchführen lassen? Mit anderen Worten, setzen sie dabei nicht voraus, dass sie kraft ihres Wollens reale Vorgänge jederzeit willkürlich herbeiführen können?

Minsky

Das ist richtig, darin besteht ja ein Experiment.

Sokrates

Wenn es aber das Wollen eines Menschen ist, dass ein Experiment stattfindet, dann ist dessen Eintreten in diesem Moment und an diesem bestimmten Ort (z. B. in einem Labor) doch nicht durch die Geschichte des Universums oder dessen Gesamtzustand determiniert? Wir müssen vielmehr behaupten, dass es im Hinblick auf diesen ganz zufällig ist, da es sein Zustandekommen ja allein dem Wollen eines bestimmten Wissenschaftlers verdankt?

Minsky

Das wird man wohl sagen müssen.

Sokrates

Gut, dass wir da einer Meinung sind, denn von Laplace bis zu Bertrand Russell wurde in der gesamten Geschichte der Neuzeit eine ganz andere Auffassung vertreten. In klassischer Form hat der französische Mathematiker Laplace diese gegenüber Napoleon vertreten: „Eine Intelligenz, die in einem bestimmten Moment alle Kräfte erfasste, welche die Natur beherrschen, und darüber hinaus die respektive Lage der Elemente, aus denen sie besteht, würde – vorausgesetzt, dass sie groß genug wäre, um alle diese Daten der Analyse zu unterwerfen – in einer einzigen Formel die Bewegungen der größten Körper des Universums und die der kleinsten Atome gleichermaßen erfassen: nichts wäre ungewiss für sie. Zukunft und Vergangenheit würden ihr deutlich vor Augen stehen.“

Du siehst, dass es nach dieser Auffassung keine Ereignisse geben kann, die nicht aus der Geschichte und dem Gesamtzustand des Universums ableitbar wären. Eine vollkommende Intelligenz soll sogar imstande sein, aus dessen heutigem Zustand die ganze Zukunft zu erschließen. Wenn du meinst, dass die Forschung an Robotern mit künstlicher Intelligenz uns bald erlauben wird, auch menschliche Gedanken und Handlungen vorauszusagen, dann folgst du dieser These.

Minsky

Warte einen Augenblick, das musst du noch etwas konkreter begründen.

III Ein unauflösbarer logischer Widerspruch!

Sokrates

Ja, gewiss, deine Schöne Neue Welt sollten wir wirklich etwas näher beschreiben. Ich weiß, wir sitzen jetzt schon in Flugzeugen, die automatisch gesteuert werden und morgen werden wir in Autos sitzen, die ihr Ziel selbständig ansteuern, aber immerhin bleibt uns noch die Wahl, das Auto an selbstbestimmte Ziele zu dirigieren, z.B. nach Bonn oder Rom. Dein künstlicher Supermensch aber hat diese Wahl nicht mehr, denn ihr wollt sein Verhalten ja genauso voraussagen wie eine Mondfinsternis. Mit Laplace glaubt auch ihr zu wissen, dass er im Grunde so wenig frei ist wie der Mond und die unbelebte Natur. Das heißt aber doch, dass die Wissenschaft von morgen, nicht nur die Gesetze zu kennen beansprucht, nach denen unsere Flugzeuge und Autos funktionieren, sondern ebenso die Gesetze, welche die Hirne der sie benutzenden Menschen lenken. Wie für den Rest der Natur glaubt sie voraussagen zu können, wie sie in Zukunft denken und welche Befehle sie dem Körper erteilen werden.

Und deshalb stürzt ihr auf einmal in eine logische Falle – ich meine in einen unaufhebbaren Widerspruch.

Minsky

Aha? Und wo glaubst du denn den zu finden?

Sokrates

Im Wissenschaftler selbst, der zugleich zum Subjekt und zum Objekt der Voraussage wird. Er soll dann nämlich voraussehen können, was er selbst in Zukunft denken wird. Bei eurem Schachspieler, bei euren Roboterärzten, bei euren mit Künstlicher Intelligenz ausgestatteten Anwälten ist das jetzt schon möglich, denn ihr habt sie ja programmiert. Ihr wisst daher genau über die möglichen Alternativen ihres Verhaltens Bescheid und könnt vorhersagen, wie sie unter gegebenen Bedingungen reagieren, wie sie reagieren müssen. Aber da ihr behauptet, dass diese künstlichen Wesen die Essenz des Menschen sozusagen auf vollkommene Weise verkörpern, gilt das natürlich doppelt für uns, die weit unvollkommeneren natürlichen Menschen. Euer Forscher behauptet also, dass er irgendwann an den Punkt gelangt, wo er mit Laplace’scher Intelligenz nicht nur sein späteres Verhalten, sondern sogar noch alle seine künftigen Forschungsergebnisse voraussagen kann.

Minsky

Das ist schon richtig, aber es wird natürlich noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die Forschung tatsächlich dahin gelangt. Deswegen macht es doch wenig Sinn, jetzt schon darüber zu sprechen.

Sokrates

Nein, im Gegenteil, es macht sogar den größten Sinn anzunehmen, dass euer Ziel bereits erreicht worden ist, denn nur dann können wir darüber reden, welche Folgen sich daraus zwangsläufig ergeben – ich meine den logischen Selbstwiderspruch.

Minsky

Ich weiß schon, was du sagen willst. Wenn ich genau voraussagen könnte, was ich morgen und in aller Zukunft tun werde, dann werde ich das sicher auf keinen Fall mehr tun wollen, weil ja aller Reiz der Neuheit verloren ist. Denn ich würde ja auch meine Gefühle und Empfindungen im Voraus kennen. Mein künftiges Leben wäre ganz und gar überflüssig – ich wäre nur noch eine willenlose Maschine ohne eigenen Antrieb. 

Aber du begehst einen Denkfehler. Wir können die deterministische Ansicht eines Laplace nicht deswegen beiseiteschieben, weil sie uns so wenig gefällt.

Sokrates

Nein, wir müssen sie deswegen zurückweisen, weil sie erkennbar falsch ist. Die Freiheit von Mensch und Natur wird durch das wissenschaftliche Experiment erwiesen, denn dieses bettet ein vom Menschen geplantes Ereignis in die bestehende Wirklichkeit ein, ohne dass es sich aus dieser ableiten ließe oder gar von dieser determiniert worden ist. Seine Existenz beruht allein auf einem Akt des menschlichen Wollens, ohne diesen gäbe es das Ereignis nicht – nicht an diesem bestimmten Ort, zu dieser bestimmten Zeit mit diesen bestimmten Charakteristiken. Die Rakete fliegt nach Gesetzen, die wir der Natur abgelauscht haben zum Mond, aber dass es am Montag, den 23. Juni dazu kommt, gehorcht keinem Naturgesetz, sondern wird vom Direktor der NASA oder einer anderen Behörde verordnet.

Minsky

Ich gebe zu, dass Experimente eine offene Wirklichkeit zur Voraussetzung haben, eine Wirklichkeit, in die menschliches Wollen souverän einzugreifen vermag. Aber die Evolution der Natur findet doch völlig unabhängig von unserem Wollen statt. Da nützt es uns doch gar nichts, menschenerdachte Experimente zu ihrer Erklärung heranzuziehen.

Sokrates

Einspruch! Es nützt uns sogar sehr viel, um nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass wir die Wirklichkeit niemals vollständig erklären, wenn wir nur Gesetze und deren deterministische Wirkung Gesetze vor Augen haben.

Schau bitte her: dieselbe Unableitbarkeit, wie wir sie eben für das Experiment festgestellt haben, begegnet uns in der Evolution der Natur. Aus der Kenntnis des Urplasmas nach dem Anfangszustand des Universums lassen sich die 83 primordialen Elemente nicht ableiten, sie gehorchen nur den Anfangsbedin­gungen. Aus den Elementen lassen sich nicht die Moleküle ableiten, sie sind nur den bis dahin geltenden Gesetzen unterworfen. Aus den Molekülen der anorganischen Natur können wir die organischen Stoffe und das Leben nicht ableiten, obwohl beide den Gesetzen von Physik und Chemie unterworfen bleiben. Aus der Biologie können wir nicht den Geist errechnen, obwohl dieser sich nicht über die Gesetze des biologischen Lebens hinwegsetzen kann.

Lass es mich bildhaft so ausdrücken: ein kosmischer Experimentator könnte all dies erdacht haben, ebenso wie ein irdischer Wissenschaftler ein Experiment erdenkt. Beide sind bei der Kreation neuer Wirklichkeiten durch die Gesetze der vorhandenen eingeschränkt, und doch schaffen sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort etwas Neues, das sich aus dem Vorhandenen nicht herleiten lässt.

Was ich damit noch einmal bekräftigen will? Die Vorstellung eines Laplace und all seiner Nachfolger bis hin zu Bertrand Russell müssen wir mit aller Entschiedenheit als falsch zurückzuweisen. Wir leben in einer offenen Welt, wo ständig neue Wirklichkeiten entstehen, die sich aus den Gesetzen der ihnen voraufgehenden nicht erschließen lassen, obwohl sie auf ihnen aufruhen und sie voraussetzen.

IV Euer künstlicher Supermensch kann nicht agieren, er kann nur re-agieren

Minsky

Interessant, überraschend und für mich auf den ersten Blick auch überlegenswert, obwohl du damit einer dreihundertjährigen Tradition widersprichst, die allerdings, wie du natürlich weißt, durch die Erkenntnisse der Quantenphysik inzwischen relativiert worden ist. Dort werden der Zufall und das unableitbar Neue ja sehr wohl akzeptiert. Aber das möchte ich nur nebenbei bemerken. Wichtiger scheint mir, dass du dich jetzt endlich wieder unserem Thema zuwendest. Was haben Experiment und das Neue in der Natur mit der Künstlichen Intelligenz und Robotern zu tun?

Sokrates

Du fragst? Aber der Zusammenhang liegt doch klar zutage! Hast du nicht vorher darauf bestanden, dass der Mensch ein Teil der Natur sei? Darin gebe ich dir natürlich recht. Dann muss aber, was für Letztere gilt, auch auf den Menschen zutreffen. Wenn also neue Wirklichkeit jederzeit innerhalb der bestehenden durch das Experiment oder überhaupt jede Art von menschlicher Handlung hervorgebracht werden kann, dann muss es solche Inseln des Neuen ebenso auch im menschlichen Denken geben. Wir müssen davon ausgehen, dass uns beständig Gedanken einfallen (und zu Handlungen führen), die wir nicht aus der Vergangenheit unseres Denkens oder aus dessen Gesamtzustand ableiten können. Anders gesagt, werden wir aus diesem Grund auch nie fähig sein, zukünftiges Denken aus dessen Jetztzustand abzuleiten.

Minsky

Na schön, aber einmal angenommen, du hättest mit dieser Aussage recht, dann sehe ich trotzdem nicht, welche Bedeutung dies für den künstlichen Menschen hat. Um es einmal rundheraus zu sagen: ich verstehe überhaupt nicht, wie du an unserem großen Projekt herummäkeln kannst, dem Projekt, endlich den vollkommenen Menschen zu erschaffen, den künstlichen Supermenschen, der alle Vorzüge des natürlichen besitzt, aber ohne an dessen Unzulänglichkeiten zu leiden. Was ist an diesem großartigen Projekt auszusetzen?

Sokrates

Ich protestiere nicht gegen dieses euer Ziel. Ich behaupte nur, dass ihr es niemals erreichen werdet, weil ihr es grundsätzlich nicht erreichen könnt. Der künstliche mit digitaler Intelligenz ausgerüstete Roboter, unterscheidet sich nämlich dadurch von seinem natürlichen Gegenbild, dass er immer nur reagieren kann.

Gewiss tut er das in vielen Bereichen unendlich viel besser als sein natürliches Vorbild. Aber seine Leistung ist auch prinzipiell genau darauf beschränkt. Der Schachroboter reagiert nach programmiertem Algorithmus auf den Zug eines Gegners, die Diagnoseroboter werten nach eingebautem Programm die Fotos des Radiologen aus. Der Flugpilot reagiert mit größter Verlässlichkeit auf die Gesamtheit von Situationen, mit denen er zuvor gefüttert wurde. Aber kein künstlicher Mensch schafft neue Wirklichkeiten – und das aus einem einfachen, logisch zwingenden Grund: Programmierer sind grundsätzlich nicht in der Lage, aus dem Alten das Neue, also aus dem ihnen Bekannten das ihnen Unbekannte abzuleiten. Der Mensch aber bringt genau das in einem fort zuwege: er erschafft das Neue. Denk nur daran, wie es ihm in den vergangenen zweihundert Jahren gelang, die natürliche und soziale Wirklichkeit radikal umzugestalten.

Minsky

Nein, ich kann keinesfalls zustimmen, dass die Künstliche Intelligenz das nicht ganz genauso vermag. Es gibt das Gesetz und es gibt den Zufall. Gesetze geben das Regelmaß vor, aber einen Zufallsgenerator kann man der künstlichen Intelligenz sehr wohl einbauen. Dann reagiert der Roboter nicht nur auf äußere Reize und Bedingungen, sondern er betätigt sich wie der natürliche Mensch, indem er neue, unvorhersehbare Handlungen setzt. Ich behaupte also, dass wir den natürlichen Menschen auch in dieser Hinsicht imitieren und vermutlich sogar übertreffen können.

V Der Zufall ist koexistent mit den Gesetzen

Sokrates

Ja, damit kommen wir zu einem Schlüsselbegriff unserer gemeinsamen Untersuchung: dem Zufall.

Minsky

Richtig, und dieser Begriff befreit uns auch von der Freiheit, die objektiv gesehen ein Nichts ist, da sie allein auf subjektiver Täuschung beruht. Ich sagte schon: solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann er nicht frei sein, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – dann ist er natürlich ebenso wenig frei. Ich sagte schon, wir Wissenschaftler vom Menschen tun nichts anderes, als dass wir die menschliche Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren. Wir nehmen uns dazu den Zufall vor, den wir mit Hilfe des Zufallsgenerators künstlich erzeugen

Sokrates

Ich weiß, das glaubt ihr, aber in Wirklichkeit, seid ihr dazu gar nicht imstande.

Minsky

Wieso nicht? Willst du bestreiten, dass es Zufallsgeneratoren gibt?

Sokrates

Nein, das bestreite ich keineswegs, nur produzieren sie keinen Zufall. Zunächst einmal ist der Zufall, den sie erzeugen, von vornherein radikal eingeschränkt. Ein echter Zufall wäre es, wenn sich auf meinem Konto plötzlich eine Milliarde Dollar befänden oder mich ein Windstoß in die Hängematte in meinem Garten trüge. Aber davon ist beim Zufallsgenerator ja keine Rede. Er vermag nur Zahlenfolgen zu produzieren.

Minsky

Aber es genügt doch, dass diese völlig regellos sind.

Sokrates

Allerdings, das würde zu Demonstrationszwecken schon genügen, doch sind sie gerade nicht regellos, wenn Wissenschaftler sie systematisch hervorbringen wollen.

Minsky

Wieder so eine deiner Behauptungen.

Sokrates

Ich frage dich. Können wir mit Hilfe einer Regel etwas Regelloses erzeugen?

Minsky

Natürlich nicht.

Sokrates

Aber nichts anderes geschieht doch, wenn wir einen Generator planen, der den regellosen Zufall hervorbringen soll, denn alle Planung beruht auf Regeln.

Minsky

Nun schön, das sehe ich ein. Kein Algorithmus ist imstande, eine Folge hervorzubringen, die keinem Algorithmus gehorcht. Das ist elementare Logik. Aber du hast trotzdem eines vergessen. Wir können einen solchen Apparat zum Beispiel durchs Fenster schauen lassen, wenn sich dort der übliche Fußgängerverkehr ereignet. Lass einen Sensor die Größe jedes vorbeigehenden Passanten messen und diese mit der Sekundenzahl multiplizieren, die seit dem Erscheinen des letzten Fußgängers verging. Dann haben wir einen echten Zufall. Denn wir können uns kein Gesetz vorstellen, dass die Häufigkeit, die unterschiedliche Größe und die zeitliche Distanz zwischen den Fußgängern bestimmt.

Oder nimm einen anderen Fall. Wir kennen die Halbwertzeit, nach der nur noch die halbe Menge von strahlendem Radium vorhanden sein wird, aber den Zeitpunkt, wann ein einzelnes Alphateilchen ausgeschickt wird, kennen wir nicht. Der gehorcht dem Zufall. Wir könnten den Zufallsgenerator also auch mit diesen zufälligen Zeitpunkten füttern, um eine durch nichts zu berechnende Zahlenfolge hervorzubringen.

Sokrates

Sehr richtig, aber weißt du auch, was das heißt? Du sagt damit doch nichts anderes – und zwar zu Recht -, als dass der Mensch immer nur das Nicht-Zufällige, also irgendeine Regel hervorbringen kann. Um den Zufall zu imitieren, muss er ihn der Natur entnehmen.

VI Der Zufall bleibt für uns ein reines, undeutbares Geheimnis. Das gilt für den Zufall in der außermenschlichen Natur wie beim Menschen. Da fällt etwas zu, das wir nicht erklären können.

Minsky

Und was willst du damit so Großartiges sagen? Sind das nicht lauter Spitzfindigkeiten, die uns keinen Schritt weiterführen?

Sokrates

Im Gegenteil, das ist eine grundlegende Einsicht. Sie besagt nämlich, dass der Zufall für uns ein reines Geheimnis ist. Wir verstehen nur die Regel, wir erkennen nur das Gesetz, aber alles Regellose, alles Gesetzlose ist für uns Terra incognita.

Minsky

Richtig, und genau deswegen kümmert sich die Wissenschaft ja auch nicht weiter darum, sondern spricht vom „blinden, sinnlosen Zufall“, den sie ganz aus ihrem geistigen Horizont verdrängt.

Sokrates

Aber wie können wir etwas blind und sinnlos nennen, von dem wir prinzipiell nicht wissen, was es ist? Und wie wollt ihr etwas in die Künstliche Intelligenz und die Roboter einbauen, das sich unserem Verstehen entzieht? Und schließlich: wie wollt ihr das selbstgesteckte Ziel erreichen, menschliches Verhalten vorherzusagen, wenn sich der Zufall doch der Berechenbarkeit entzieht ?

Minsky

Da pflichte ich bei. Das ist natürlich nicht möglich.

Sokrates

Damit ist aber neuerlich betont, was ich von Anfang an sagen wollte. Der künstliche Mensch, also der KI-bestückte Roboter, kann prinzipiell nie deckungsgleich mit dem natürlichen sein, weil er im Unterschied zu diesem immer nach vorgegebenen Regeln verfährt. Wir können ihm keinen Algorithmus einbauen, der keinem Algorithmus gehorcht. Deswegen bleibt er immer ein Kunstprodukt, das zwar im Hinblick auf einzelne Fähigkeiten die Leistung natürlicher Menschen um Potenzen zu übertreffen vermag, aber ihm dennoch grundsätzlich unterlegen ist, denn weder der natürliche Mensch noch die Natur gehorchen ausschließlich Regeln (Gesetzen). Vielmehr beherrscht der Zufall sie mindestens in gleichem Maße – und zwar ein Zufall, der keineswegs blind und sinnlos ist.

Minsky

Das ist mir zu abstrakt. Ein Beispiel bitte!

Sokrates

Ein Beispiel habe ich vorher schon beschrieben. Die uns bekannten Naturgesetze bestimmen die Bahn, welche eine Rakete von der Erde zum Mars zurücklegen wird. Aber der genaue Zeitpunkt ihres Abschusses hängt vom Wollen eines Herrn Meyer ab, von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln, dem Stand der Technik und nicht zuletzt sogar von den Zufällen des Wetters an der Abschussrampe – und natürlich noch von tausend weiteren Bedingungen, die sich alle nicht im Voraus errechnen lassen. Zufall und Gesetz sind daher in gleichem Maße an diesem wie an jedem anderen Ereignis beteiligt. Jedes Gesetz gilt immer nur unter bestimmten Bedingungen.

Minsky

Aber das schließt doch nicht aus, dass wir im Laufe unserer Forschungen am Ende die ganze Wirklichkeit, einschließlich des darin agierenden Menschen in ihrer durchgehenden Gesetzmäßigkeit durchschauen!

Sokrates

Doch genau das ist damit ausgeschlossen, und zwar nicht aufgrund unzulänglichen menschlichen Wissens, sondern grundsätzlich. Wir stellten zuvor bereits fest, dass das Experiment als solches ein unberechenbarer Eingriff unseres Wollens in die Wirklichkeit ist. Damit aber gelangen wir zu dem Schluss, dass der Zufall nicht nur zufällig neben dem Gesetz besteht, sondern eine zweite Dimension der Wirklichkeit ist, und zwar eine notwendige. Wissenschaft setzt das Experiment und damit den willkürlichen Eingriff in eine dafür offene Wirklichkeit voraus. Wir können das Gesetz nicht ohne die Freiheit (den Zufall) und die Freiheit (den Zufall) nicht ohne das Gesetz konzipieren.

Minsky

Quod erat demonstrandum! Bravo! Jetzt würde ich aber gerne einmal das erstaunliche Experiment vor mir sehen, mit dem du mir diese These beweist. Denn sonst bleibt das alles doch nur Theorie – um nicht das Wort Spekulation zu verwenden. Und außerdem gefällt es mir nicht, dass jetzt auf einmal Freiheit und Zufall austauschbar nebeneinanderstehen, als wären sie ein und dasselbe.

Sokrates

Was den ersten Punkt betrifft, muss ich dich zunächst einmal enttäuschen. Ein solches Experiment kann es nicht geben. Denn Experimente können immer nur Regeln bestätigen oder eben nachweisen, dass wir uns irrten, als wir sie zu bestätigen suchten. Dagegen gibt es kein denkbares Experiment, mit dem wir die Existenz von Regellosigkeit bei bestimmten Ereignissen beweisen könnten. Um bei dem schon genannten Beispiel zu bleiben. Es gibt kein Experiment, mit dem wir nachweisen können, dass die Abfolge der Fußgänger vor dem Fenster nicht doch einem unendlich komplexen Algorithmus gehorcht oder der Zerfall des Radiums nicht ebenfalls einer uns heute noch verborgenen Regel.

Andererseits gibt es aber auch kein denkbares Experiment, mit dem wir das Gegenteil nachweisen könnten, nämlich dass die gesamte Wirklichkeit deterministisch von Gesetzen beherrscht wird, wie selbst der große Bertrand Russell noch glaubte. Eben weil ein solches Experiment unmöglich ist, sprach Karl Popper ja von dem Prinzip der Kausalität als einer metaphysischen Annahme.

Minsky

Gut, damit bekräftigst du aber nur, was ich gerade festgestellt habe, nämlich dass deine These auf reiner Spekulation beruht, weil die experimentierende Wissenschaft sie nicht beweisen kann.

Sokrates

Nein, du irrst auch diesmal! Denn jetzt kommt der Philosoph zu seinem Recht oder auch jeder Wissenschaftler, der nach den Voraussetzungen unseres Denkens fragt. Zuvor haben wir gesehen, dass der Wissenschaftler einen unauflösbaren Widerspruch produziert, wenn er die Freiheit entsorgt. Diese ist – auch wenn wir sie Zufall nennen – eine Denknotwendigkeit. Aber was Freiheit oder Zufall „wirklich“ oder „eigentlich“ ist, werden wir niemals wissen, denn dann hätten wir sie zu etwas Erkennbarem, Regelhaftem gemacht. Wir können aber das unbekannt Neue grundsätzlich nicht auf etwas schon Bekanntes reduzieren.

Minsky

Also ist Freiheit doch wirklich nichts anderes als bloßer Zufall, mithin blind und sinnlos!

Sokrates

Nein, das eben gerade nicht. Wir können ihr nur in vielen Fällen keinen Sinn erteilen, den wir verstehen – und in diesem Fall wird sie für uns zu einem Zufall. Aus der Perspektive eines sehr fernen Beobachters kosmischen Geschehnisse ist die willkürlich herbeigeführte Explosion einer Atombombe ein bloßer Zufall, nicht anders als das Bersten einer Supernova. Aus der Perspektive von Wissenschaftlern, die damit ein Experiment durchführen, handelt es sich dagegen um ein sinnvolles Ereignis.

Die Evolution des Kosmos vom Urplasma bis zum menschlichen Geist erscheint der heutigen Wissenschaft als Resultat einer unendlichen Abfolge von blinden und sinnlosen Zufällen, womit das ganze Werden der Natur einschließlich aller Lebewesen dann auch gern zusammenfassend als sinnlos apostrophiert wird. Aber der Zoologe Rupert Riedl wendet mit Recht dagegen ein: „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos.“

Wir sagen also nur, dass Zufall für uns ist, was wir nicht verstehen, während der Sinn auf unser eigenes zweckhaftes Handeln beschränkt ist. Aber hier manifestiert er sich auch in fortwährend neuer Gestalt. Die „Schöpferische Vernunft“ erschafft stets neue Manifestationen von Sinn. In nichts anderem besteht letztlich die Geschichte des Menschen. Denn dieser Sinn ist heute nicht derselbe wie in den Zeiten der Jäger und Sammler oder bei Kopfjägern und Nomaden. Diese Unterschiede können wir nicht imitieren, indem wir Robotern einen Zufallsgenerator einbauen, dann handeln sie entweder nur nach dem Sinn von gestern oder sie handeln schlechterdings blind und sinnlos. Der künstliche Supermensch kann immer nur eine Karikatur des natürlichen sein.

***In diesem Aufsatz fasse ich einige der Schlussfolgerungen zusammen, zu denen ich in meinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ gekommen bin. Was in diesem Aufsatz ganz fehlt, ist mangels Platz natürlich die historische Perspektive, die einen breiten Raum in meinem Buch einnimmt.

Von Herrn Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg erreicht mich dazu folgende Reaktion:

Lieber Gero Jenner !

Vielen Dank für Ihren vortrefflichen Sokrates-Artikel. Ganz der Gero Jenner in seinem Element und glasklare Definitionen, danke.

Als kleines Dankeschön möchte/werde  ich Ihnen einige Betrachtungen über die gegenwärtige Konfliktlage per Post zusenden. Das  Konvolut wird demnächst erweitert als Büchlein auf dem Markt erscheinen.

Ihnen alles Gute und Gesundheit in dieser Corona-Zeit. Hoffentlich beschert sie uns eine Krone an neuem Miteinander, Denken  und Frieden.

Herzlich Ihr Gerhard Loettel

Von Herr Elmar Klink erhalte ich per Mail folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner,

das ist natürlich ein hochinteressantes fiktives Zwiegespräch, das Sie da führen lassen. Ich befasse mich auch schon seit längerem mit der Thematik Künstliche Intelligenz (schrieb dazu auch einen längeren Essay, der in meiner Datensammlung leider verschütt ging). Ich halte es aber weniger mit Minsky als mit Joseph Weizenbaum, einem der großen Computer-Pioniere. Vorstufen der KI durchziehen bereits auf breiter Front die heutige Gesellschaft, Wissenschaft, Technologie und Dienstleistung. Sie wird so oder so kommen.

Solange sie eine rein dienende Funktion hat, wäre sie zu akzeptieren. Sobald sie aber anfinge, wie jedes komplexere „neuronale Netzwerk“ ähnlich einem autonomen Gehirn eigenständig morphogene Qualität und Wirkung zu erzeugen (der Computer HAL 9000 in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, den die Frage an seinen Schöpfer, Dr. Chandra, bewegt: Werde ich träumen?), wird sie zum großen Problem und zur Gefahr (siehe etwa Rupert Sheldrake, engl. Biochemiker: „Das schöpferische Universum“, worin er seine morphogenetische Feldtheorie entwickelt).

Denn zwischan Mensch und Maschine steht eine entscheidende Inkompatibilität: das menschliche Gehirn funktioniert (zum Glück für jeden Schlaganfall-Betroffenen) analog, die KI ist gnadenlos digital, entweder 1 oder 0. Im Analogen liegt die Humanität, das Menschliche. Etwas kann sowohl als auch sein. Das Gehirn ist in der Lage, in gewissem Ausmaß ausgeschaltete oder ausgefallene Teile analog zu ersetzen. Isaac Asimov schrieb die bemerkenswerte Erzählung „Der Zweihundertjährige“ (auch verfilmt als „Der 200 Jahre Mann“ mit Robin Williams als Hausroboter), der m. E. das Thema gut auf den Punkt bringt: Der hochentwickelte Cyborg-Organismus will nichts anderes als MENSCH werden und am Ende in Würde sterben können. In einem anderen SF-Film „Dark Star“ von John Carpenter („Assault“; „Halloween“; „The Fog – Nebel des Grauens“) betreibt ein Raumschiffkommander Phänomenologie mit einer Weltzerstörungsbombe, um sie von falschen Daten zu überzeugen. Die intelligente Bombe überlegt es sich zunächst. Kommt dann aber zum Schluss, am Anfang gab es nur sie und das Licht <<Bumm>> und sie explodiert.

Die Thematik wäre hochinteressant, um sich einzuklinken in ein „sokratisches Gespräch“, einer Methode, auf die ich bei dem Kantianer und ethischen Sozialisten Leonard Nelson stieß. Aber es übersteigt momentan mein sonstiges Schreib- und Themenpensum. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt…

Freundlichen Gruß

Elmar Klink, Bremen

Meine Replik:

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Er erhellt aber nicht eigentlich das Problem, ob die Künstliche Intelligenz die menschliche irgendwann zu ersetzen imstande sein wird. Ob das Gehirn eher nach analogem oder nach digitalem Muster funktioniert, ist da auch keine entscheidende Frage, sondern ob es möglich ist, es als eine Maschine zu betrachten, deren Ablauf wir theoretisch vorausberechnen könnten.

Das ist die Grundfrage – die Frage nach der menschlichen Freiheit – auf die ich eine Antwort geben wollte und, wie ich meine, in meinem Buch auch gegeben habe – sehr viel vollständiger natürlich als in diesem kurzen Essay. Anders gesagt, die vielleicht ganz lustige äußere Form eines Dialogs zwischen Außerirdischen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage nach der menschlichen Freiheit für unsere Theorie der Erkenntnis die größte Relevanz besitzt. GJ

Kostprobe Weltuntergang oder Wo blieb der Schnee von gestern?

Wir sind gerade dabei, einen echten Zusammenbruch zu erleben, den Kollaps des Gewohnten, weil sich die Welt diesmal hinterrücks und über Nacht verändert und nicht auf schleichend unmerkliche Art, wie sie das gewöhnlich zu tun pflegt. Verschreckt kauern die Leute in ihren Wohnhöhlen, die Straßen sind leer, der Verkehr steht still, Flugzeuge sind vom Himmel verschwunden.

Das ruft in mir die Erinnerung

an jene Zeiten wach, als man die Wirklichkeit immer schon in ihrer ganzen Unberechenbarkeit erlebte. In Tausendundeiner Nacht zieht eine Karawane durch die Wüste, und plötzlich taucht wie eine Fata Morgana die Ruine eines Palastes und ein zerborstener Springbrunnen auf. Bei diesem Anblick raufen sich die Menschen die Haare, weil sie die Freude und Pracht zu sehen glauben, die da einmal herrschte, und wie nun alles zu Staub geworden ist. Nirgendwo habe ich das Gefühl der Vergänglichkeit und die tiefe – und zugleich so süße – Melancholie ähnlich tief empfunden wie in diesen Texten der Araber.

Und jetzt auf einmal erleben wir selbst,

wie unsere eigene Welt von einem Tag auf den anderen gleichsam erstarrt. Dabei hatten wir doch alles von A gleich Auto bis Z gleich Zukunft vollständig durchversichert! Was konnte uns da eigentlich noch passieren? Das Gefühl der Vergänglichkeit wehte uns niemals an, das hatten wir vollständig aus unserem Bewusstsein hinausgedrängt. Alles war bei uns ja immer ganz neu – das Alte wurde bedenkenlos auf den Müll expediert, ja, und das geschah selbst mit alten Menschen, von deren Tod wir so wenig wissen wollten wie von dem eigenen.

Und alles das ist jetzt auf einmal ganz anders,

plötzlich wissen wir, wovon die Araber sprachen, wenn sie den „Zerstörer aller Freuden und Trenner der Vereinigungen“ in heiligem Pathos beschwören. Obwohl unser eigenes Ungemach im Vergleich eher harmlos anmutet – es bricht ja „nur“ gerade die Wirtschaft zusammen, und „nur“ die Ältesten sind wirklich bedroht -, ahnen wir in einem solchen Moment vielleicht, wie es den Juden zweitausend Jahre lang erging. Sie mussten in jedem Augenblick damit rechnen, dass ihre Welt zusammenbrach. Meines Wissens haben sie sich in ihrer Literatur eher mit der scharfen Waffe des Witzes gegen das Leid gewehrt. Nur in ihren Gesängen, spüren wir dieselbe tiefe Innigkeit der Melancholie.

Wir spüren es ebenso in den Gesängen eines Francois Villon, in diesem wunderbaren Vers: Mais où sont les neiges d’antan? Aber wo ist nur der Schnee von gestern geblieben? Bis vor kurzem war uns dieser Vers und das Gefühl der Vergänglichkeit völlig fremd. Der Schnee von gestern interessierte uns nicht, wir haben immer nur um das Kalb des Neuen getanzt.

Aber nun – nein, ein Weltuntergang

wird auch dies nicht werden. Vielleicht haben wir nach einem Jahr wieder alles vollständig vergessen, und das Leben verläuft wieder so wie zuvor, nur einige unter uns werden die Erinnerung nicht loswerden können, dass diese Normalität in unserer modernen Risikogesell­schaft von vornherein gefährdet ist. Das gilt nicht nur für unsere angebliche Sicherheit, unsere vermeintliche Unangreifbarkeit, unsere hartnäckig verteidigten Gewissheiten, sondern es gilt selbst noch für unsere Probleme von gestern. Auch diese erscheinen auf einmal ganz irreal. Ja, wenn der rote Hahn auf dem eigenen Dach sitzt, ist sogar der Kampf gegen den Neoliberalismus passé. All die vielen Blogger und Weltverbesserer, die in den vergangenen Friedensjahren sich unablässig bemühten, ihren Mitbürgern klar zu machen, dass sie in der schlechtesten aller Welten leben, wären jetzt schon froh, wenn man sie nur wieder aus dem Gefängnis ihrer Wohnungen befreit und ihnen wieder die Begegnung mit anderen Menschen erlaubt. Denn auf einmal haben wir ein echtes und hautnahes Problem, bis dahin waren viele Probleme nur eingebildet.

Ja, und selbst echte

und gestern noch virulente Probleme, verschwinden wie von einem Schwarzen Loch aufgesogen. Fragt jetzt noch irgendwer nach Greta Thunberg und all den schulschwänzenden Schülern, die doch auf ein viel größeres Problem aufmerksam machten, nämlich die Zerstörung der Ökosphäre? Greta könnte jetzt wochenlang vor den Parlamenten sitzen, niemand würde sie jetzt noch beachten. Ja, wir hören geradezu, wie Putin und Trump so richtig tief aufatmen: „Gott sei Dank, dieser Spuk ist endlich verflogen“.

Und die Europäische Kommission? Die spricht nicht mehr über grüne Offensiven, jetzt geht es um Wichtigeres, nämlich darum, dass nicht am Ende noch der ganze Laden auseinanderfliegt, ich meine das Europäische Projekt, denn jeder Staat riegelt die eigenen Grenzen ja gerade gegen die anderen ab, und jeder ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass Solidarität und Hilfe für die anderen nur noch Fremdwörter sind.

Ich weiß von dieser Untergangsstimmung

ein besonderes Lied zu sind, denn ich dürfte der einzige in Österreich und in Deutschland einer aus höchstens einer Handvoll von Leuten sein, die Nachrichten täglich in chinesischer, russischer und japanischer Sprache (auf CVTV-4, 1TVRUS, NHK und JSTV 2) verfolgen und außerdem noch in größeren Abständen Sendungen und Printartikel unserer nahen und fernen Nachbarn Frankreich, England, Italien und USA. Die Japaner und die Italiener des Veneto scheinen nach den Chinesen die einzigen zu sein, die durch eine entschlossene Politik der Eindämmung Coronavirus in den Griff zu bekommen scheinen. Die russischen und chinesischen Kommentare zeichnen sich durch eine gewisse Genugtuung darüber aus, dass der Westen sich offenbar in Auflösung befinde.

Das Bombardement mit schlechten Nachrichten

aus aller Welt richtet in meinem Kopf keine Verheerungen an. Ich weiß, selbst Italien hat in ferner Vergangenheit schon viel Schlimmeres erlitten. Man denke an Florenz um die Mitte des 14. Jahrhundert. Was die Menschen damals durchmachen mussten, kam dem Jüngsten Gericht sehr viel näher. Damals wütete der Tod ohne Ansehen der Person, er tötete fast jeden zweiten Einwohner. Die Menschen wurden durch eitrige, übelriechende Beulen am ganzen Körper entstellt, Kinder und Erwachsene, Bettler, Priester und Adlige fielen der Krankheit gleichermaßen zum Opfer, und die Totengräber in ihren schwarzen Kleidern mit langen Schnäbeln auf den Masken verwandelten die Stadt in eine surreale Hölle.

In dieser größten Not konzipierte Giovanni Boccaccio

seinen Dekamerone. Einige junge Männer und Frauen feierten den Mut zum Leben trotz oder gerade wegen des Untergangs. Das war nach dem grässlichen Unglück der Beginn der größten Epoche in der Geschichte Italiens, es war eine echte Neugeburt, es war jene „Wiedergeburt“, die wir gewöhnlich als Renaissance bezeichnen.

Welch ein Trost auch in unserer Situation!

Vernunft contra Virus – die Krise aus der Sicht eines besorgten Zeitgenossen

Coronavirus stellt eine so massive Bedrohung dar, dass es außer Virologen und Politikern auch medizinisch unbedarften Laien erlaubt sein muss, sich eigene Gedanken zu machen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Covid-19 sind inzwischen so gut dokumentiert, dass außer den zwei bekannten Verläufen dieser Epidemie eine dritte Alternative – zumindest theoretisch ins Auge gefasst werden könnte. Die beiden bekannten sind erstens, der „Natürliche Ausbruch“, und zweitens, die „Angeordnete Quarantäne“, wie sie seit kurzem nahezu weltweit praktiziert wird. Die dritte sollte in England verwirklicht werden, man könnte sie als „Beschleunigte Immunisierung“ beschreiben.

Erste Alternative: das „Naturereignis“

Die Pest, welche Boccaccio um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts beschrieb, hat in ganz Europa zwischen einem Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung an Opfern gefordert. Mit den damaligen Mitteln der Medizin war es unmöglich, sie einzudämmen, und das traf auch noch auf die sogenannte Spanische Grippe zu, die mehr Menschen dahingerafft hat als der Erste Weltkrieg, der ihr voranging. Im Mittelalter wie zu Beginn des 20sten Jahrhunderts sah sich keine Regierung imstande, die Ausbreitung derartiger Seuchen einzudämmen, geschweige denn zu verhindern. Die Krankheit wütete so lange, bis sie alle Menschen ohne ausreichende Immunresistenz ausgemerzt hatte, denn Heilmittel gab es damals weder gegen die Pest noch gegen die Grippe. Immerhin praktizierte man in Venedig bei einem Ausbruch der Pest jenseits der Stadt eine vierzigtägige (quaranta) Isolation aller Zureisenden. Daher der Name Quarantäne.

Solange es keinen Impfstoff gibt

und dessen marktreife Entwicklung wird mit ziemlicher Sicherheit mindestens noch ein halbes, wenn nicht ein ganzes Jahr dauern, soll der soziale Verkehr durch angeordnete Quarantäne (oder maximale Einschränkung des Sozialkontakts) eingeschränkt werden, um die Übertragung des Virus von Person zu Person zu verhindern. Da chinesischen Statistiken zufolge die Sterblichkeitsrate aufgrund von Covid-19 etwa zwei Prozent beträgt, würden bei einer Bevölkerung von achtzig Millionen (in Deutschland) an die 1,6 Millionen Menschen in kurzer Zeit am Virus sterben, falls dessen Ausbreitung wie ein Lauffeuer innerhalb von ein oder zwei Monaten die gesamte Einwohnerschaft erfasst. Der Tod würde die Menschen in ihren Häusern und auf der Straße ereilen, da die Intensivstationen nur einen Bruchteil an Betten anbieten können, nämlich in Deutschland insgesamt nur etwa 28 000 (von denen in normalen Zeiten mehr als 70% ohnehin durch andere Krankheitsfälle belegt sind, siehe https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-in-deutschland-bis-wann-reichen-die-krankenhaus-betten-16676537.html), sodass tatsächlich den 1,6 Millionen Todkranken ingesamt nur etwa 8 400 Betten gegenüberstehen.

Angenommen, die chinesischen Statistiker hätten sich um den Faktor hundert geirrt, weil viele Infizierte nicht getestet und daher auch nicht als solche erkannt worden sind, dann würden in Wahrheit nur 0,02% lebensbedrohliche Fälle die Krankenhäuser belagern. Doch wären das immer noch 16 600 Fälle, also immer noch das Doppelte von dem, was das deutsche Gesundheitssystem verkraften könnte.

Zweite Alternative: „Angeordnete Quarantäne“

Der Zweck dieser Alternative liegt darin, die Ausbreitung des Virus so zu verlangsamen, dass die Zahl der Schwerkranken möglichst die Zahl der vorhandenen Betten in den Intensivstationen nicht überschreitet. In China scheint das gelungen zu sein (zumal neue Hospitäler in großer Zahl innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft worden sind); in Italien sieht es nicht danach aus.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine Einsicht, die nicht nur für Italien, sondern auch für China gilt. Selbst wenn es gelänge, die Übertragung durch strengste Quarantäne in Schach zu halten, bleibt die Anfälligkeit für das Virus solange erhalten, bis mindestens 60% der Bevölkerung gegen das Virus Immunität erlangen, also die entsprechenden Antikörper entwickelt, wobei dies aufgrund natürlicher Ansteckung oder auf künstlichem Wege durch Impfung geschieht. Aus diesem Grund muss China, auch wenn es im eigenen Land die Ansteckung auf null reduziert, die Grenzen gegen das Ausland weiterhin abriegeln, weil neunundneunzig Prozent der Bevölkerung nach wie vor ohne Immunschutz sind (sie wurden durch strikte Quarantäne nur gegen Ansteckung geschützt). Die Gefahr neuer Ausbrüche von Covid-19 ist also auch im fernen Osten durchaus nicht gebannt.

Dennoch kann die Politik der Quarantäne am Ende erfolgreich sein, wenn die Drosselung der Ansteckung bis zu dem Zeitpunkt gelingt, wo ein Impfstoff in ausreichender Menge vorhanden ist und die Immunisierung von mindestens sechzig Prozent der Bevölkerung dann auf dem Wege künstlicher aber ungefährlicher Ansteckung (eben durch Impfung) gelingt. Da dies wohl mindestens bis zu einem Jahr dauern wird, läuft Alternative 2 dann aber möglicherweise darauf hinaus, dass das soziale und wirtschaftliche Leben sowie der Verkehr über die Grenzen während dieser Zeit einer weitgehenden Lähmung unterliegen – mit unabsehbaren Folgen.

Alternative drei: „Beschleunigte Immunisierung“

Es gibt eine dritte Alternative, die diese Lähmung vermeidet. Aufgrund der in China vorhandenen Daten wissen wir, dass durch Covid-19 vor allem über 60 Jahre alte Menschen gefährdet sind. Etwa ein Viertel aller über achtzig Jahre alten Menschen stirbt an der Ansteckung – zwischen 60 und 80 gilt das nur noch für sechs Prozent und unterhalb von sechzig Jahren ist der Prozentsatz sehr gering. Generell gilt eine Wahrscheinlichkeit von 27,4% für über Sechzigjährige an Corvid-19 zu sterben, während sie für unter 60-jährige nur etwa ein Zehntel, nämlich 2,3%, beträgt (https://ourworldindata.org/coronavirus).

Wenn diese Zahlen stimmen, muss man sich fragen, ob es nicht sinnvoll sein könnte, eine strenge Quarantäne auf die über Sechzigjährigen zu beschränken, statt sie auf die gesamte Bevölkerung auszudehnen. Bezogen auf Deutschland würde Alternative 3 zum Beispiel bedeuten, dass nicht 83 Millionen Menschen in Isolation gehalten und die Grenzen dicht gemacht werden, sondern nur 24 Millionen, also weniger als ein Drittel, und der Verkehr würde keinen Einschränkungen unterliegen. Die Quarantäne ist in diesem Fall vergleichsweise einfach durchzuführen, denn dieses Drittel älterer Menschen befindet sich entweder bereits in Pension oder in Altersheimen, wo eine solche Isolierung Quarantäne die geringsten Probleme bereitet.

Umgekehrt gilt für zwei Drittel der Bevölkerung (in Deutschland etwa 59 Mio) keine Quarantäne. Die Sterblichkeitsrate würde allerdings immer noch den astronomischen Wert von (59*2,3/100=) 1,36 Millionen erreichen. Selbst wenn man eine zu schnelle Ausbreitung des Virus dadurch verhindert, dass alle Arbeit, die zuhause getan werden kann, bis zum Tag x auch tatsächlich dort erfolgt, wären die Spitäler total überlastet. Denn der Tag x wird ja erst dann erreicht, wenn eine Immunität für 60% der Bevölkerung erreicht ist, also für alle Menschen bis zu sechzig Jahren, über die keine Quarantäne verhängt worden ist.

Da Covid-19 hochgradig ansteckend ist, sich also ohne entsprechende Gegenmaßnahmen innerhalb von Wochen über die ungeschützten zwei Drittel der Bevölkerung ausbreiten würde, wäre mit deren 60%igen Immunisierung vermutlich innerhalb von drei bis vier Monaten zu rechnen – länger allenfalls dann, wenn für eine größere Zahl an Beschäftigten Arbeit im eigenen Haus zur Vorschrift erhoben wird. Der Spuk wäre dann zwar endgültig vorbei, aber um den Preis, dass in Deutschland mit mehr als einer Million Toten zu rechnen ist – und für diese Menschen, die ja gewöhnlich vorher in Krankenhäusern behandelt werden, stehen im Durchschnitt selbst in einem medizinisch so gut gerüsteten Land wie Deutschland nur etwa 8400 Intensivbetten zur Verfügung (30% von 28 000, siehe oben). Anders gesagt, würde der Bedarf an Betten das Angebot um mehr als das Hundertfache übertreffen.*1* Seltsamerweise befürwortet der renommierte Österreichische Journalist Michael Lingens diese Alternative für das eigene Land (https://www.lingens.online/2020/03/16/was-spricht-fuers-radikale-britische-modell/).

Hochrangige Experten wie William Hanage,

Professor für Epidemiologie an der Universität Harvard, halten das britische Modell für einen schlechten Scherz, wobei sie allerdings von der Form ausgehen, wie sie in England zunächst zur Diskussion gestellt wurde, nämlich als „Herdenimmunisierung“, bei der man die Dinge schlicht sich selbst überlässt. Prof. Hanage macht dagegen geltend: „We talk about vaccines generating herd immunity, so why is this different? Because this is not a vaccine. This is an actual pandemic that will make a very large number of people sick, and some of them will die. Even though the mortality rate is likely quite low, a small fraction of a very large number is still a large number“ (natürlich gilt dies weit weniger, wenn über sechzigjährige Menschen in Quarantäne bleiben, doch auch dann würde das System laut Prof. Hanage kollabieren). „This would be expected to happen, even if we make the generous assumption that the government were entirely successful in restricting the virus to the low-risk population. At the peak of the outbreak the numbers requiring critical care would be greater than the number of beds available. This is made worse by the fact that people who are badly ill tend to remain so for a long time, which increases the burden.“

(https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/mar/15/epidemiologist-britain-herd-immunity-coronavirus-covid-19).

So gesehen scheint allein Alternative zwei in Frage zu kommen. Da wir aber wissen, dass mindestens sechzig Prozent der Bevölkerung auf natürliche oder künstliche Art (durch Impfung) immunisiert werden müssen, hängt auch in diesem Fall alles davon ab, ob der Impfstoff rechtzeitig zur Verfügung steht. Wenn nicht, könnten die Verluste in zwei unter Umständen sogar noch größer ausfallen als in Alternative drei, denn dann wären das soziale und wirtschaftliche Leben auf unbestimmte Dauer gelähmt. Die Tatsache, dass China kaum noch neue Fälle aufweist und auch in Südkorea die Zahl der Neuerkrankungen sinkt, ist da kein Gegenbeweis, denn die Bevölkerung ist, wie gesagt, heute fast so wenig immun gegen Covid-19 wie zu Anfang der Epidemie. Wenn der Impfstoff oder andere effiziente Heilmittel länger als ein halbes Jahr auf sich warten lässt, könnte es durchaus sein, dass Regierungen zu einem späteren Zeitpunkt von Alternative zwei auf drei umsteigen: das britische Modell.1. Der enorme Gegensatz zwischen Bedarf und Angebot an Intensivbetten relativiert auch die Vorwürfe gegen neoliberale Sparmaßnahmen (so gerechtfertigt diese in anderer Hinsicht auch sind). Auf eine derartige Krise kann sich kein Staat in normalen Zeiten vorbereiten.

1. Der enorme Gegensatz zwischen Bedarf und Angebot an Intensivbetten relativiert auch die Vorwürfe gegen neoliberale Sparmaßnahmen (so gerechtfertigt diese in anderer Hinsicht auch sind). Auf eine derartige Krise kann sich kein Staat in normalen Zeiten vorbereiten.

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Ich verdanke es meinem Sohn Igmar Jenner und Herrn Prof. William E. Rees, dass ich der dritten Alternative, die ich in einem ersten Entwurf noch positiv beurteilt hatte, eine entschiedene Absage erteilte. Hier mein Schreiben auf den entsprechenden Einwand von Herrn Rees:

Dear Bill,

I forgot to respond to your objection:

„As for your ‚alternative 3‘, it is actually quite brilliant in practical if not entirely in political terms. You acknowledge yourself that there would inevitably be some deaths among the younger set, deaths that might otherwise be prevented. Would it not be rather difficult for any politician to propose something that s/he knows will result in some extra mortality even if the long-term benefit/cost ratio greatly exceeds one? (There are plenty of other circumstances in which we make this kind of decision — such as setting speed limits — but most are less sensitive and put much of the potential for negative consequences on the affected citizens. However, if you as my leader choose not to isolate me and I die, that’s your fault!) It would be particularly difficult to appease relatives of these ’sacrifices‘ for the greater economic good.“

I agree with you that no politician could justify himself to the population if he did not do everything in the first days and weeks of the crisis to prevent avoidable deaths. I am, however, afraid that he rather fears the desastrous impression produced by masses of dying people in and in front of crowded hospitals. Normal dying, not seen on television screens hardly touches anybody. We know that tens of thousands of deaths due to car crashes occur every year in all major industrialized countries. Everyone knows the fact without apparently feeling really bothered because this is part of „normality“ and is happening quietly. Hospitals and undertakers have long since adjusted for it and, cynically, even GDP is benefiting from it.

Hence my objection to the word „indefinitely“ in the British Corona Virus Report (concerning the duration of alternative 2). I am afraid that we will hardly be able to live in quarantine for more than two months at most, after which rules will be gradually relaxed as soon as hospitals can cope with the number of deaths. After all, people don’t bear to lead the life of prisoners and they want to work and to live. I am sure that after a relatively short period of time, they will adapt to Corona in the same way as they did and do to car accidents.

I am not saying this out of cynicism or because I believe that the economy should be more important than life – my own life or that of others -, but because, as biological beings, we are constantly living with risk and often with victims. We only forgot about this basic fact because we have become so rich during the last century. Just think that in the poorest parts of Japan, sons used to carry their old mothers and fathers to mountains to die there when food was no longer sufficient for them and their children. If we were to avoid all risk on principle, we would not be allowed to board any airplane, we would not be allowed to let our children out of sight for a moment while playing, etc.

But, to be sure, I completely agree with you that at the present moment nothing else should apply as alternative 2, but it will not surprise me if the world soon stops doing so and gradually changes to alternative 3.

Best regards Gero

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Von Frau Dr. Ute Finckh-Krämer erreicht mich per Mail folgende Nachricht:

Frankreich hat vorgestern gemeldet, dass die Hälfte der 300 Kranken, die wegen Corona auf Intensivstationen lagen, unter 60 Jahre alt waren. Wenig bis keine Toten gibt es in den chinesischen Veröffentlichungen nur bei unter 30jährigen. Das ist in keinem Industrieland auch nur annähernd 60% der Bevölkerung.

Herzliche Grüße von Ute Finckh-Krämer

Meine Antwort:

Was die chinesischen Daten betrifft, so liefern die mir bekannten Statistiken ein anderes Bild. Siehe https://ourworldindata.org/coronavirus. Aber es stimmt jedenfalls, dass Alternative 3 vorerst nicht in Frage kommt.

Hierzu noch einmal Dr. Ute Finckh-Krämer:

Sehr geehrter Herr Jenner,danke für den Link – eine schöne Zusammenstellung von Zahlen, die sonst mühsam einzeln zusammengesucht werden müssen. Die französischen Zahlen sind bei folgenden Annahmen (die ich für plausibel halte) mit den Daten aus China kompatibel: Menschen zwischen 25 und 60 haben eine deutlich höhere Infektionsrate als über 60jährige, weil die Hauptansteckungsquelle direkte persönliche Kontakte sind und die entsprechende Altersgruppe viele enge Kontakte mit Menschen außerhalb der direkten Familie hat – im Beruf, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Clubs, beim Sport etc. Schwere Verläufe kommen bei Menschen dieser Altersgruppe auch vor, wenn sie dann aber intensivmedizinisch behandelt werden, haben sie eine sehr hohe Chance, wieder gesund zu werden. Mit zunehmendem Alter sinkt diese Chance. Und durch andere Krankheiten bereits stark geschwächte Hochbetagte werden oft gar nicht mehr in eine Intensivstation verlegt – weil die Chance, dass sie den zusätzlichen Infekt überstehen können, sehr gering ist oder sie es einfach nicht mehr wollen. Oder sie so schnell sterben, dass sie erst nach dem Tod auf Corona getestet wurden. Daher kann man aus der Altersverteilung bei den Todesfällen nicht auf die Altersverteilung derer, die intensivmedizinisch behandelt werden, zurückschließen.

Herzliche Grüße von Ute Finckh-Krämer

 

Von Herrn Ulrich Scharfenorth erhielt ich per eMail folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner, ihr Virus-Beitrag war interessant. Aber zwei Dinge haben mich sehr gestört:

1) die plakative, m. E. auch unüberlegte und aus dem westlichen Mainstream abgeleitete Bewertung von Putin

2) die neuerdings angehängten Kommentare von irgendwelchen Leuten, die man für bedeutend halten kann, aber nicht muss. 

zu1) Putin ist ein Machthaber, der das auch bleiben will – keine Frage. Ob es zulässig ist, dass er endlos regiert, entscheiden nicht wir – mit Blick durch die liberale (und teils verkommene) Brille. Sondern das russische Volk https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-weiser-voraussicht. Unser Denken und Handeln auf andere übertragen zu wollen, es zum Maßstab für die Restwelt zu machen, ist arrogant und dumm. Es ist Putin zu verdanken, dass Russland überhaupt noch existiert, denn zur JelzinZeit waren die Chikago-Boys drauf und dran, das Land zu filettieren (ich erinnere an Naomi Klein: die Schockstrategie). Russland sollte als Kraft ausgeschaltet werden. Putin hat dafür gesorgt, dass sich ausländische Konzerne in keines der strategisch bedeutenden Unternehmen einkaufen können und damit eine einzigartige Unabhängigkeit Russlands vor den räuberischen Giganten bewahrt. Russland wurde bei den Verträgen zur Deutschen Einheit von den Westmächten über den Tisch gezogen. Die hatten mündlich zugesagt, dass die Nato Abstand zu Russland halten würde. Im Gegensatz dazu hat eine teuflische Einkreisung statgefunden, und der westen täte nichts lieber als auch noch Georgien und die Ukraine in die Nato zu lancieren. Große Teil des russischen Volkes haben es gelernt, zwischen offensichtlicher, übertriebener und zuweilen ekelhafter Propaganda und gesicherten Fakten zu unterscheiden. Und nicht jeder russische, staatlich geführte Sender verbreitet Unsinn.

Ich behaupte, dass Putin – schon weil er aus seiner Dresdener Zeit eine Beziehung zu Deutschland hatte – sich vor vielen Jahren gern an Europa, und besonders an Deutschland angelehnt, sprich: gern mit Europa kooperiert hätte (ich weiß, Sie ziehen jetzt die KGB-Karte!). Aber ein Teil der Europäer – und hier besonders ein Teil der Deutschen – hat erneut das infernalische Brüllen „die Russen kommen“ angestimmt. Bis heute ist hier zu Lande kaum angekommen, dass es im Zweiten Weltkrieg auch ein zweites fürchterliches Brüllen gegeben hat – in der Sowjetunion: Die Deutschen kommen! (in einem ungerechten, einem Angriffskrieg, in welchem Menschen in Kirchen eingespert und verbrannt wurden, in welchem unzählige russische Frauen vergewaltigt wurden (s. Reemtsma https://en.wikipedia.org/wiki/Wehrmachtsausstellung). Aber das wissen Sie sicher alles….

Ihre Bewertung des „großen Vaterländischen Krieges“, die Bewertung der Befreiung an sich, ist einfach unerträglich. Ein Glück, dass die Sowjetarmee bis nach Berlin gekommen ist und dem dritten Reich den Garaus gemacht hat. Das war keine Tat, die nur der Sowjetunion nützte. Das war zugleich eine Tat, die uns vom Schlimmsten, was Deutschland je erlebt hat, befreite. Ich bin bis heute sehr froh darüber. Die rigide Herrschaft des NKWD im Osten Deutschland ist in Teilen unverzeilich.  Sie hat aber maßgeblich mit dem Widerstand verbliebener Strukturen, natürlich auch bürgerlicher Liberaler zu tun. Und das war natürlich auch ein Machtgebaren. Doch mit dem, was die Nazis in ihren Lagern praktiziert haben, kann das nicht verglichen werden https://www.freitag.de/autoren/karsten-krampitz/1949-kirchenskandal

Nach Stalin hat sich das Bild in der DDR grundlegend verändert – auch wenn das hier im Westen Deutschlands nicht zur Kenntnis genommen wird https://www.stoerfall-zukunft.de/?s=Zerrbild+DDR – mit der Folge, dass im Osten Deutschlands ständig neue AfD-Anhänger generiert werden. In Westdeutschland sind unzählige Führer der alten Garde übernommen worden https://www.stoerfall-zukunft.de/2556-2/. Adenauer, der schon in den Zwanziger Jahren mit den Nazis kooperieren wollte, hat das einfach hingenommen. War das ein soviel besserer Verlauf? (materiell ja, aber ansonsten?)

Gottlob hat sich in Westdeutschland – im wesentlichen bedingt durch die 68er Bewegung – die Demokratie (besser gesagt: ein großer Teil dessen, was wir mit dem Begriff verbinden) durchgesetzt. Doch viele Nachfahren der alten Nazis sprechen die alte Sprache (der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch ...).

Ich habe bis 1990 in der DDR gelebt und zwanzig Jahre mit den Sowjets große Industrievorhaben verhandelt – ich weiß, wovon ich spreche.

Putin hat für sein Land viel getan. Vor allem hat er den Menschen ihr Selbstwertgefühl zurückgegeben. Was vom überwiegenden Teil der Bevölkerung auch honoriert wird. Denken Sie nur an all die Russen, die zu Sowjetzeiten in Mietwohnungen gehaust haben. Denen wurden die Wohnungen nach der Wende als Eigentum übereignet. Dazu hat jeder Bürger Anteilsscheine am produktiven Volksvermögen erhalten (der Wert entsprach anfangs dem eines großen Autos/Wolga). 

Die Lebenserwartung der Russen hat sich positiv entwickelt. Zumindest in den Städten gibt es einen wachsenden Mittelstand. Demonstrationen sind in Russland grundsätzlich erlaubt. Da gibt es zuweilen Probleme, und es wird geknüppelt, aber man darf demonstrieren und sich auch durchsetzen. Dabei ist es – wie oben schon bemerkt – Unsinn, westliche Maßstäbe an russisches Recht/an russische Gegenbeheiten und Verhaltensweisen zu legen. Wir sind beileibe nicht der Nabel der Welt.  

Was ist dagegen mit uns DDR-Bürgern geschehen. Wir wurden – was unser Volkseigentum betrifft –  enteignet, oft aus den Wohnstätten vertrieben, weil reiche Westerben ihre Ansprüche geltend machten (Sie wissen das alles … und sie kennen diese falsche Entscheidung:Rückgabe vor Entschädigung).

Russland als ein Land darzustellen, dass fast ausschließlich von seinen Rohstoffen lebt, ist ebenso falsch. Ich weiß, dass es in Russland eine hoch entwickelte Stahl- Auto- und MaschinenbauIndustrie gibt (ich kenne das ehemalige deutsche AufsichtsratsMitglied von Severstal persönlich), dazu eine starke, exportorientierte Rüstungsindustrie mit den z.T. modernsten Waffen weltweit (was ich als AntiMilitarist ablehne, in diesem Kontext aber anführen muss) und einen modernen Wissenschaftsbetrieb (alle großen Raketen fliegen von Baikonur) usw. und so fort.

Um Russland und seine Führung verstehen zu können, sollten Sie vor allem ein Buch lesen: Karl Schlögel: das sowjetische Jahrhundert https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/kg/zeitgeschichte/lehrstuhlteam/schloegel/index.html

zu 2) Sie haben es m. E. nicht nötig, Kommentare, von denen man nicht weiß, nach welchen Kriterien sie ausgesucht wurden, beizufügen. Für mich hat das einen (verzeihen Sie das offene Wort!) störenden, eitlen Beigeschmack. Ihre Texte treffen fast immer den Kern der Sache! Und ich schließe mich ihnen oft an (s. meine Newsletter). Belassen Sie es doch bei ihren eigenen Beiträgen …. sorry, das ist nur ein unmaßgeblicher Vorschlag.

Schöne Grüße und halten Sie Abstand!

Ulrich Scharfenorth

Meine Replik:

Hier kommen so viele Einwände zusammen, dass ich mehrere schon geschriebene oder neue Aufsätze aufzählen müsste, um darauf angemessen zu entgegnen. Ich beschränke mich daher auf zwei Aspekte.

Erstens: Wir sind uns darin einig, dass Russland ein überaus wichtiger Faktor in der Weltpolitik ist, und dass wir daher ein gutes Verhältnis zu diesem großen Nachbarn pflegen müssen. Das ist für mich ein kategorischer Imperativ. Ebenso wie übrigens ein gleich gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten.

Zweitens: Sie raten mir überdies eine korrekte politische Linie an, ich solle doch bitte Abstand halten, ich nehme an von Einflüsterern, die mich auf die falsche Bahn lenken könnten. Aber, lieber Herr Scharfenorth, ich bin nicht ganz sicher, ob Sie selbst sich noch ganz auf der richtigen Bahn befinden, denn Ihre Darstellung Russlands und seines neuen Zaren könnte nahezu ohne jede Korrektur auch von Putin selber stammen oder von seinem Sprachrohr „Russia Today“. Ich werde mir auch in Zukunft erlauben, mir mein Urteil weder von Donald Trump noch von Wladimir Putin insinuieren zu lassen. Ich weiß, dass man damit zwischen die ideologisch auch in Deutschland inzwischen hoch aufgeheizten Fronten gerät, aber meine geistige Unabhängigkeit ist mir das wert.

Herzliche Grüße, Gero Jenner

Und noch einmal Herr Scharfenorth,

Lieber Herr Jenner, danke für Ihre sachliche Antwort und dass Sie nicht verschnupft sind. Prinzipiell teile ich Ihre Auffassung, was die Unabhängigkeit in Sachen Informationsbeschaffung und Deutung angeht. 

Zu Putin haben wir eben eine etwas unterschiedliche Haltung, was nicht problematisch ist. Das, was man heute im deutschen Fernsehen über Putin hört und sieht (Ihr Hinweis), sind Halbbilder. Grundsätzlich haben sich die Verächtlichmacher hier zu Lande durchgesetzt, was m. E. sehr problematisch ist. Denn Russland gehört nun mal zu Europa – ganz gleich von wem es derzeit und zukünftig regiert wird. Klar: Es läuft aus der offiziellen russischen Presse viel Propaganda. Das kommt uns zuweilen sehr durchsichtig und primitiv vor. Leider ist die westliche Berichterstattung, die fast ausschließlich auf den Infos von Dissidenten basiert, nicht besser (das sind tatsächlich nur sehr wenige in Russland, obwohl die westlichen Kameras immer das Gegenteil erzoomen wollen – Verstehen Sie mich bitte richtig: die Opposition ist wichtig und ich unterstütze das auch, weil nur im Dialog etwas Ordentliches wachsen kann). Das ist wie in Sachen Kuba. Es ist unsere Aufgabe, durch Überkreuzvergleiche das Wahrscheinliche zu ermitteln und unorthodox zu reagieren. Dass Sie meine Auffassung mit der von Putin gleichsetzen, erstaunt mich etwas. Denn an den meisten aufgeführten Fakten lässt sich nicht rütteln. Ich kenne sie 1:1 von einem Freund, der in der Sowjetunion studiert hat und mit Russland ständig (auch familiär) in Kontakt ist. Hinzu kommen die Infos von Prof. Dr. Döring (ehemaliges Aufsichtsratsmitglied bei Severstal), dessen Statements zur Arbeit der Treuhandanstalt vor kurzem im Fernsehen lief. Er war direkter Mitarbeiter von Rohwedder.

Gleichwie – jeder recherchiert auf seine Weise und lässt sich nichts aufdrücken. Richtig so!

Großes Lob für „Der Thymos ….“ Sie haben die Sache auf den Punkt gebracht und die WELTREGIERUNG beschworen. Theoretisch richtig. Aber … wir werden Letztere m. E. nicht bekommen- nicht zu unseren Lebzeiten und ohne totale Katastrophe. Meine Theorie – das wissen Sie sicher – ist sowieso, dass die an der Macht Befindlichen eine vernunftgesteuerte Lösung für die Menschheit weder ansteuern, noch hinbekommen. Und dass die netten, freundlichen, humanen Vertreter unserer Spezies nie an die Macht gelangen. Allenfalls die Katastrophe, die eine mögliche Auslöschung der Menschheit impliziert, kann die, die das Sagen haben, zu einer zeitweiligen Änderung ihrer Lebens- und Handlungsweise zwingen …. Hierzu kann man natürlich wochenlang diskutieren, aber …

Was mein Hinweis auf Abstand angeht, so meinte ich den coronabedingten Abstand …. das war sicher undeutlich formuliert.

Viele Grüße und danke!

Ulrich Scharfenorth

Das Virus in unseren Köpfen

Beinahe täglich schaue ich mir den einen oder anderen Beitrag des russischsprachigen Senders 1TVRUS im Fernsehen an, weil es mir wichtig ist, über die Stimmung im Land unseres größten Nachbarn Bescheid zu wissen. Die englischsprachigen Sendungen von RT (Russia Today) sind da weniger aufschlussreich, weil sie von vornherein auf westliche Erwartungen abgestellt sind. „Vremja pokazhet“ (die Zeit bringt es zutage) richtet sich an das russische Publikum. Es ist eine Talkshow, in der es so wild zugeht wie in keiner anderen mir bekannten. Die Diskutanten schreien einander regelmäßig nieder, so als würde die Lautstärke über die Qualität der Meinung entscheiden.

Gestern kam auch dort – wie sollte es anders sein? – die Corona-Epidemie zur Sprache, aber auf eine Art, die mich überraschte. Denn diese Krankheit gibt klugen Leuten Gelegenheit, sich ganz besonders klug und überlegen zu fühlen. Sie fragen sich zum Beispiel, ob es nicht ein Zeichen von kollektiver – vor allem westlicher – Geistesverwirrung sei, sich so viel aus einer Art Grippe zu machen, wo doch andere Krankheiten wie etwa die Tuberkulose weit höhere Opferzahlen fordern, ohne dass man sich bisher besonders darüber aufgeregt hätte. Da werde doch nichts anderes – so glaubten es einige besonders gescheite Diskutanten zu wissen – als Panik in den Köpfen gezüchtet!

Nein!, hätte ich diesen Leuten

am liebsten zugerufen. Eine viel größere Gefahr liegt in dem Besserwisservirus von Leuten, welche vor einer recht simplen Wahrheit die Augen schließen. Das Gesundheitssystem jedes Landes – gerade auch dasjenige eines wenig wohlhabenden Staates wie Russland – ist auf eine durchschnittliche Zahl von Patienten eingerichtet. Es weist (X mal) hundert Betten auf, wenn im Schnitt (X mal) hundert Patienten pro Monat erwartet werden. Die längst bekannten Krankheiten wie Tuberkulose, Diabetes, Schlaganfall – aber auch Grippe – sind da von vornherein eingerechnet. Es würde das Budget jedes Staates übermäßig belasten, wenn die Bettenzahl auch nur um zehn Prozent größer wäre, jeder weiß ja, dass eine zeitgemäße medizinische Ausrüstung gewaltige finanzielle Mittel verschlingt. Aus diesem Grunde versucht jeder Staat die Bettenzahl auf das im Durchschnitt notwendige Minimum zu begrenzen.

Die Eigenart von Coronavirus oder Covid-19 besteht nun aber darin, dass seine Ausbreitung – sofern man nicht die schärfsten Gegenmaßnahmen ergreift – in kurzer Zeit, und zwar exponentiell, eine so große Zahl an schweren Krankheitsfällen, zumal unter bejahrten Menschen, erzeugt, dass die Zahl benötigter Betten (mit kostspieliger Intensivausrüstung) sozusagen über Nacht auf (X mal) zweihundert oder mehr in die Höhe schnellt. Mit einer solchen Entwicklung sieht sich ein Staat sonst nur im Kriegsfall konfrontiert. Denn gleichgültig ob demokratisch oder autoritär regiert, kann er sich auf keinen Fall leisten, todkranke Menschen vor den Hospitälern sterben zu lassen. Deshalb hat China in bewundernswerter Anstrengung über Nacht Tausende von zusätzlichen Hospitalsplätzen aus dem Boden gestampft, und deswegen werden jetzt überall auf der Welt Kindergärten, Schulen und Universitäten geschlossen, damit das höchst aggressive Virus sich nicht erst unter jungen Leuten verbreitet (wo es kaum Schaden bewirkt), aber anschließend von diesen auf die Alten übertragen wird, welche dann das Gesundheitssystem zum Kollabieren bringen.

Das Besserwisservirus in den Köpfen derer,

die in all dem nur eine Panikmache erblicken, ist mindestens eine ebenso große Gefahr wie Covid-19. Aber noch mehr gibt das Virus der absichtsvollen Ahnungs­losigkeit zu denken. Denn das große Ereignis dieser Tage, ein Ereignis, das Russland endgültig in die Bahn eines undemokratischen, autokratischen Staates lenkt, wird in der Talkshow „Vremja pokazhet“ ja kaum besprochen oder wenn, dann eben unter vorgetäuschter Ahnungslosigkeit. Wie schön, kann man da hören, dass Russland endlich eine neue Verfassung bekommt, in der etwas geschrieben steht, was man in solchen Staatsdokumenten gewöhnlich verge­bens sucht, nämlich dass alle Menschen Anrecht auf ein Mindestlohn besitzen und dass die Höhe der Pension jährlich wenigstens mit der Inflation Schritt halten soll. In Russland herrscht Verzückung über diesen, wie es heißt, gewaltigen sozialen Fortschritt. Natürlich ist mit keinem Wort davon die Rede, wie ein Staat solche Versprechen einhalten soll, zumal wenn er wie unser großer östlicher Nachbar für seine Sozialausgaben wesentlich von Öleinkünften abhängig ist, die im Falle einer Depression auch weitgehend austrocknen können.

Aber darum geht es auch gar nicht

Es geht – und das wissen alle, aber kaum jemand wagt es in Russland öffentlich zu sagen – es geht um eine Änderung, die in zweiter Lesung des Parlaments sozusagen beiläufig vorgeschlagen wurde, worin aber von vornherein der einzige Sinn dieses Verfassungsprojektes lag. Die neue Verfassung soll Wladimir Putin die Möglichkeit geben, auch über das Jahr 2024 hinaus, dem letzten Jahr seiner Präsidentschaft, weiterhin an der Macht zu bleiben. Für diesen Zweck wurde das Parlament und das russische Volk mit Mindestlohn und Pensionsindexierung geködert – eine russische Operette und Politfarce der ganz eigenen Art.

Vergessen wir nicht: Präsident Putin ist bei einer Mehrheit

im eigenen Land sehr beliebt. Viele Russen verehren ihn wie einen neuen Zaren. Auch im Ausland schlägt ihm die Bewunderung all derjenigen entgegen, die sich wiederum einen Führer wünschen, mindestens aber eine starke Hand. Putins Beliebtheit beruht ganz wesentlich darauf, dass er vielen seiner Landsleute das verlorene Selbstbewusstsein zurückgab. Alle haben wir damals Michail Sergeje­witsch Gorbatschow zugejubelt, als dieser die Sowjetunion liquidierte. Zu Anfang der 90er Jahre stand wohl auch eine Mehrheit von Russen auf der Seite dieses mutigen Reformers, weil alle hofften, dass der Westen die Bereitschaft zur Wende entsprechend honorieren würde. Aber genau das ist nicht geschehen. Stattdessen wurde Russland gedemütigt und musste in den neunziger Jahren das Trauma eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs erleiden, ohne dass der Westen dem Land Hilfe gewährte. Im Gegenteil, man drängte den damaligen Präsidenten Jelzin, die Ölquellen zu privatisieren, damit sie von westlichen Konzernen aufgekauft werden konnten. Und später wurde noch zusätzlich Salz in die russische Wunde gestreut. Barack Obama, der doch sonst keineswegs stumpf gegenüber den Gefühlen anderer Menschen war, erlaubte sich, leichtfertig zu verkünden, dass Russland nichts weiter sei als eine unbedeutende „Regionalmacht“. Im Hinblick auf die Wirtschaft traf und trifft diese Aussage zweifellos zu. Das russische Nationalprodukt liegt etwa auf gleicher Höhe mit dem von Spanien, obwohl das Land mehr als dreißigmal größer ist und eine etwa dreimal so große Zahl an Menschen beherbergt.

An dieser Situation vermochte Putin

nichts zu ändern, obwohl er nun bald zwanzig Jahre Russlands Geschicke lenkt. Nach wie vor beruhen die Staatseinkünfte vor allem auf dem Verkauf von Öl und Gas – der Rest der Wirtschaft ist weitgehend unterentwickelt. Dennoch gelang es dem neuen Zaren geradezu mühelos, die Duma, das russische Parlament, für eine neue Verfassung zu gewinnen, deren einzig realer Zweck darin besteht, die Amtszeit des derzeitigen Präsidenten nach 2024 um weitere zwölf Jahre zu verlängern. Selbst wenn es zu keinen Wahlfälschungen kommt, wird das Volk mit großer Wahrscheinlichkeit für die neue Verfassung stimmen. Putin hat nämlich etwas geschafft, was – allen Behauptungen zum Trotz, dass es den Menschen vor allem um materiellen Wohlstand gehe – für die meisten Russen noch wichtiger ist. Er hat ihnen, wie schon gesagt, Selbstbewusstsein und psychologischen Haltgegeben, nämlich das Gefühl, dass man ihnen im Ausland jetzt wieder Achtung zollt, weil Russland neuerlich eine große, gefährliche, zu fürchtende Atommacht ist – seit jüngstem noch dazu ausgerüstet mit einem überschallschnellen Rake­tensystem, gegen das die bestehenden westlichen Abwehrstationen machtlos sind.

Die Erkenntnis, dass psychische Faktoren

im Miteinander der Staaten eine mindestens ebenso große Rolle wie materielle spielen, sollte jeder, der ernsthaft den Frieden will, keinen Augenblick vergessen. Wenn wir den anderen die Achtung verweigern, welche Solidarität und Mitge­fühl von uns verlangen (und niemand im Westen war dazu in den neunziger Jahren bereit), dann wird man die Achtung eben auf dem Wege der Angst erzwingen. Genau das ist Putin gelungen. Eine Armee, die sich zu Zeiten von Gorbatschow und Jelzin beinahe in Auflösung befand, hat er neuerlich in ein schlagkräftiges und kriegsbereites Instrument umgewandelt und züchtet nun einen Nationalismus – inzwischen muss man schon von einem russischen Chauvinismus sprechen -, der unverkennbar den Zweck verfolgt, den Westen wieder das Fürchten vor dem russischen Bären zu lehren. So hat er sich für die Bezeichnung Russlands als unbedeutende „Regionalmacht“ gerächt.

Putin rächt sich auch weiterhin,

indem er sich hartnäckig bemüht, gegenüber der eigenen Bevölkerung und dem Westen den Beweis zu erbringen, dass der Sowjetunion die Befreiung Europas vom Joch des Faschismus zu danken sei. Ja, Wladimir Putin tut alles, um die Erinnerung an die vermeintliche Befreiung Europas in Militärparaden, an nationalen Feiertagen und bei Gelegenheit seiner öffentlichen Auftritte wieder und wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rufen. Für diese Großtat stehe die Welt bis heute in der Schuld der Russen. Aber statt Russland dafür die gebotene Anerkennung und Dankbarkeit zu zollen, missgönne Europa den Russen diesen unter ungeheuren Opfern erzielten Triumph und verfälsche stattdessen in böswilliger Absicht die Geschichte. So kann man es fast täglich aus russischen Medien hören.

Wahrheit und Lüge werden dabei auf subtile Weise vermischt. Unter ungeheu­ren Opfern – viel größer als die der Westmächte – haben die Russen damals Hitler besiegt, nachdem er ihr Land auf heimtückische Art überfallen hatte. In einem glorreichen Abwehrkampf haben sie ihr eigenes Land gerettet – und das ist für jedes Volk ein Grund zu feiern. Aber befreit haben die Russen nur sich selbst und keineswegs Europa, denn dessen ganzer östlicher Teil hat danach nur das Hitlersche Schreckensregime gegen den nicht weniger blutigen Terror eines Stalin eingetauscht. Die eine Diktatur hat damals die andere, ein skrupelloser Gewaltherrscher den anderen, ein die Freiheit verachtendes Regime das andere abgelöst. Der russische Präsident betreibt offenkundige Geschichtsfälschung, wenn er das Vorgehen Russlands als einen grandiosen Akt der Befreiung preist. Natürlich ist ihm bewusst, dass die ehemaligen Ostblockländer ein gutes Gedächtnis haben und die Vergangenheit deshalb ganz anders sehen, doch das große Geschick des russischen Präsidenten zeigt sich in einer Taktik, die bei Ahnungslosen ihre Wirkung selten verfehlt: man wirft den anderen vor, was man selber tut.

Hier haben wir es mit dem vielleicht gefährlichsten Virus

zu tun, weil es sich der Köpfe mit besonderer Hartnäckigkeit bemächtigt. Es ist das Virus des Ressentiments. Russland, unser großer, in vieler Hinsicht so bewundernswerter Nachbar, wurde in seinem Stolz verletzt. Es ist gedemütigt worden. Ich sage das nicht als Russlandversteher, womit man hierzulande Leute bezeichnet, die alles russische Verhalten irgendwie rechtfertigen und womöglich entschuldigen wollen. Aber unzweifelhaft hängt Putins Erfolg eng mit dem Versagen des Westens zusammen. Der russsische Präsident hat die reale oder empfundene Demütigung seines Landes in einen mächtigen politischen Antrieb verwandelt. Was die AfD in Deutschland erstrebt, nämlich nationale Größe und Macht (und die Erstickung von allem demokratischen Dissens, wenn er diesem Ziel im Wege steht), das ist im heutigen Russland bereits Realität. Wörter wie „Heimat“ und „Vaterland“, „glorreiche Armee“, „Selbstopferung für die Gemeinschaft“ – werden als ideologisch aufgeladene Kampfbegriffe täglich in den russischen Medien und den Reden des russischen Präsidenten beschworen. Allzu naiv glaubten wir in Europa, dass solche Beschwörungen ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Wir haben uns auch nicht besonders gefürchtet, solange die NATO – zumindest technisch – weit überlegen war, aber seit Russland über einen deutlichen ballistischen Vorsprung verfügt, ist die Welt gerade auch für Europa eine andere geworden. Der russische Bär zeigt uns nun erneut seine Muskeln. Da man ihn nicht lieben will, lehrt er uns neuerlich das Fürchten.

Aber letztlich kommt es nicht darauf, wie wir über Russland

und seinen Präsidenten denken. Es kommt darauf an, dass wir beide als das akzeptieren, was sie zweifellos sind: entscheidende Mächte, die über Krieg und Frieden in dieser Welt bestimmen. Ein gutes Verhältnis zu Russland ist daher ebenso unerlässlich wie ein gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Wir sollten alles tun, um das russische Ressentiment gegenüber dem Westen zu entkräften. Allerdings wird uns das nur gelingen, wenn wir diesen Schritt auch im eigenen Land vollziehen. Ressentiment entsteht aufgrund von Ausgrenzung, Demütigung und Verächtlichmachung. Mehrere Millionen Deutsche, die sich zur AfD bekennen, werden bei uns ausgegrenzt, sie werden bei uns gedemütigt und verächtlich gemacht. Diese Menschen mögen politisch gesehen noch so ungebildet und engstirnig sein, grenzt man sie aus, demütigt man sie und macht sie verächtlich, werden sie erst recht zu einer Gefahr. Die Verweigerung des Dialogs war schon immer der Anfang vom Ende der Demokratie.

Statt sich zu fragen,

welche Umstände überhaupt dazu führten, diese Engstirnigkeit hervorzubringen, d.h. nach dem eigenen Versagen zu forschen, geht man den so viel bequemeren Weg der Verteufelung und der Demütigung. Das geschah mit Russland, und das begegnet uns seit einiger Zeit im eigenen Land. Wenn es wahr ist, dass wir spätestens seit diesem Jahrhundert alle Passagiere desselben fragilen Bootes sind, dann kommt aber alles darauf an, das Bewusstsein einer Welt- und Schick­salsgemeinschaft in allen Kreisen und Staaten zu stärken. Die Wahrheit wollen wir hören und sagen dürfen, aber Ausgrenzung, Demütigung und Verächtlich­machung können wir uns – so meine ich – nicht länger leisten.

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Von Herrn Elmar Klink erhielt ich per Mail folgende Nachricht:

Sehr geehrter Herr Jenner,ich bedanke mich für Ihre Text-Zusendung (s. u.) und habe Ihren Beitrag „Leben wir noch in einer Demokratie?“ mit großer Aufmerksamkeit und in vielen Punkten auch ungeteilter Zustimmung gelesen. Ich sehe die doppelte Aufgabe gegenüber den USA und Russland mit Köpfen wie Trump und Putin an der Spitze, die ich nicht gut finde, ähnlich. Den Fehler, Russland (damals Sowjetunion) und die USA zu verkennen, machte auch die Friedensbewegung im Kalten Krieg. Ich war damals Aktiver und Mitträger einer bundesweiten Bürgerinitiative Blockfreies Deutschland im blockfreien Europa und habe über deren Begründer, den Philosophie-Professor, Medienwissenschaftler und Pazifisten, Nikolaus Koch (1912-1991), ein ausführliches Werk-Porträt verfasst. Es war die dezidierte Position der Blockfreiheits-BI (Programm-Schriften: „Blockfreies Europa“ und „Blockfreies Deutschland… – Unsere revolutionäre Aufgabe“), sowohl das Verhältnis zur SU als auch zu den USA zu klären und auf eine andere Plattform zu stellen, wie dies der Großteil der westdeutschen grün-alternativen Friedensbewegung einseitig tat. Wir wollten kritisch-dialogische Verständigung mit beiden Seiten im Sinne eines christlich-liberal-marxistischen Grundkonsenses. Die blockfreie BI formulierte dazu vor allem ein vom Mainstream abweichendes Demokratie-Verständnis im Rahmen einer Identifikation in einem „weltrevolutioären“ Prozess seit dem Aufbruch der Aufklärung und den drei großen Kräften Christentum, Liberalismus und Sozialismus. N. Koch hatte dazu 1986 sein Buch „Situation und Methode – Untersuchung der Zusammenhänge kritischen Grundverhaltens“ vorgelegt, nachdem er zuvor schon seine Grundwerke „Negative Anthropologie – offene Anthropolgie“ (1981) und „Staatsphilosophie und Revolutionstheorie“ (1973) verfasst hatte.  Wir sind mittlerweile wieder im Modus der hochgerüsteten Feindschaft zu Russland wie zu Hochzeiten des Kalten Kriegs und ein hirnloser Präsident wie Donald Trump verhindert, dass man dahinter die große weltrevolutionäre Bedeutung (i. o. g. Sinn) des demokratischen, liberalen Amerika aus dem Blick verliert. Putin sehe ich als nichts anderes als einen machtfixierten, machtgierigen Scharlatan und Geheimstrategen an und mit ihm wird kaum in einem vermittelnden Sinn zu reden sein. Wo sind die russischen Kräfte, auf die man andererseits bauen könnte? Ich sehe sie nirgends am Horizont. Oder muss man noch mind. 12 Jahre ab 2024 auf die biologische Nach-Putin-Ära warten? Irgendwann wird auch dieser Potentat nicht mehr können. Dann könnte es ähnlich gehen wie in den 90er Jahren mit Jugoslawien nach der Ära Tito.   Sie sprechen unter dem Aspekt von Demütigung und Verteufelung schließlich noch am Ende Ihres Textes das demokratische Versagen gegenüber der AfD oder sagen wir ihrer Wählerschaft im Volk an. Da ist sicher einiges dran. Den Blick abwenden, wäre verkehrt, ebenso die Ausgrenzung. Das macht die Rechtspartei nur stärker und liefert ihr eine Opferrolle. Ich wäre deshalb zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch gegen ein Verbot der Partei, dafür ist ihr Millionenrückhalt schon viel zu stark. Das hätte man wenn, dann viel früher tun müssen, aber da war es noch die Lucke- bzw. Petry-Partei, die beide von den Rechten verdrängt wurden. Denn jetzt bestimmt der 7.000-Mitglieder starke „Flügel“ Höckes die Partei und ihre Richtung. So in der Opferposition sehen sich vielleicht auch schon viele ihrer Wähler. Mit den AfD-Köpfen eine Art phänomenologischen Diskurs über Demokratie, Humanismus und Toleranz zu betreiben, halte ich für ziemlich aussichtslos. Man müsste es in Form eines streng logischen Disputs a la Luther in Worms tun, sonst winden sie sich ideologisch aus jeder argumentativen Enge heraus, wie es ihre Vertreter in vielen Talk-Shows ständig tun, und wer wäre dazu in der Lage, diesen konstruktiven Streit öffentlich zu führen bzw. gar noch zu verstehen? Man kann der AfD also nur plausibel und rational Dinge entgegensetzen und ihre rechte Führung kritisieren und sie dadurch entlarven, aber würde das inzwischen den Großteil ihrer Wähler noch stutzig machen und ins Nachdenken bringen? Ich wage das zu bezweifeln.Mit freundlichem Gruß, Elmar Klink

Herr Paul J. Kohtes schrieb Folgendes:

Sehr geehrter Herr Jenner,

ich gehöre zu Ihren oft staunenden und beeindruckten Lesern.

Ob Sie mit Ihrer Einschätzung von Corona & Co ein Opfer Ihrer eigenen Erwartungen geworden sind, kann ich nicht belegen. Aber es spricht vieles dafür. Beim klugen Abwägen wäre Ihnen nämlich aufgefallen, dass Corona in der Realität (bisher?) keineswegs so dramatisch gefährlich ist, sondern sich einfügt in das übliche Grippe- und Influenza-Geschehen, das uns jährlich leider viele Tausende Tote beschert.

Das aktuelle Geschehen ist eher ein Beweis, wie wirklich gefährlich unsere tiefsitzenden Ängste geworden sind. Es spricht vieles dafür, dass wir mit der weltweiten Hysterie eine Pandemie erfinden, die letztlich lediglich einen  Kollaps des globalen Wirtschaftssystems verursacht. Was ja tatsächlich bereits überfällig sein mag – je nach Perspektive. Dann allerdings wäre das Ganze einen klassischen Fall von Selffulfilling Prophecy.

Dass Sie ein solches alternatives Szenario überhaupt nicht in Erwägung gezogen haben, hat mich zu meinem 
Kommentar veranlasst.

Beste Grüße

Paul J. Kohtes

Meine Antwort:

steht bereits im obigen Text:

Die Eigenart von Coronavirus oder Covid-19 besteht nun aber darin, dass seine Ausbreitung – sofern man nicht die schärfsten Gegenmaßnahmen ergreift – in kurzer Zeit, und zwar exponentiell, eine so große Zahl an schweren Krankheitsfällen, zumal unter bejahrten Menschen, erzeugt, dass die Zahl benötigter Betten (mit kostspieliger Intensivausrüstung) sozusagen über Nacht auf (X mal) zweihundert oder mehr in die Höhe schnellt. Mit einer solchen Entwicklung sieht sich ein Staat sonst nur im Kriegsfall konfrontiert.

Leben wir noch in einer Demokratie?

Wir bemessen diese Staatsform vor allem an dem Ausmaß an Freiheit, das eine Regierung ihren Bürgern gewährt. Aus dieser Sicht ergibt sich ein ebenso helles wie düsteres Bild. Niemand hindert mich daran, auch die abwegigsten Meinungen zu vertreten, sogar zum Sturz der Regierung darf ich öffentlich aufrufen, sofern das ohne Beleidigung konkreter Personen und ohne Aufkündigung der demokratischen Verfassung geschieht. Das ist keinesfalls selbstverständlich. In Putins Russland sehen wir Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwinden, in China werden sie unter geklärten Umständen aus dem Wege geräumt. Überdies herrscht in Staaten wie Deutschland und Österreich nicht nur die Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, ebenso wenig ist mir verboten, mein Leben weitgehend nach eigenem Belieben zu gestalten. Ich kann als Single oder in einer homosexuellen Beziehung leben, als akzeptierter Aussteiger irgendwo in der Provinz oder mit langen Haaren oder Ganzkörpertätowierung auf mich aufmerksam machen. In der führenden Demokratie des Westens, in den USA, darf ich sogar Bücher veröffentlichen, in denen ich in allen Einzelheiten beschreibe, wie man am besten die Safes in den Villen der Reichen knackt. Ebenso darf ich die Werkzeuge verkaufen, die dazu am besten geeignet sind. Untersagt ist mir nur die Verwirklichung solcher Rezepte oder die praktische Anwendung der dazu dienlichen Instrumente.

Diese Unterscheidung gilt in den USA allgemein. Kein Gesetz verbietet mir, mich offen zu Hitler, Stalin oder Pol Pot zu bekennen, solange ich keine konkreten Schritte unternehme, um deren Vorstellungen in die Praxis zu übersetzen. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte lehrt, dass es individuelle Freiheit, wie sie in den USA oder generell in zeitgenössischen Demokratien als selbstverständlich erscheint, niemals in gleichem Umfang gegeben hat.

Wir haben daher guten Grund,

dafür dankbar zu, dass wir nicht in Putins Russland oder im China Xi Jinpings zuhause sind, denn da müssten viele, die mit ihren eigenen Meinungen nicht hinter dem Berg halten wollen, ihr Leben in einer Gefängniszelle verbringen – sofern ihnen nicht sogar Schlimmeres droht. Das sind Tatsachen, über die sich kaum streiten lässt. Und dennoch wird man wohl sagen müssen, dass eine solche Dankbarkeit wenig verbreitet ist und bei vielen sogar auf hämisches Lächeln stößt. Eine solche Reaktion scheint erstaunlich, aber ist nicht schwer zu verstehen – wie uns ein weiterer Blick auf Russland zeigt, nämlich der internationale Erfolg von RT oder Russia Today. Es fällt nämlich auf, wie viele ausgewiesene westliche Intellektuelle dort regelmäßig einen Auftritt haben – und zwar nicht nur solche, welche der Politik des neuen russischen Zaren mit Sympathie gegenüberstehen. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ein größeres Publikum mit ihren Gedanken vertraut zu machen, denn die Medien ihres eigenen Landes verweigern ihnen diese Plattform.

Ja, es trifft immer noch zu, dass in westlichen Demokratien

alles gesagt werden darf. Niemand stopft bei uns seriösen Denkern das Maul, sogar lästige Oppositionelle, freischwebende Spinner, radikale Weltverbesserer oder unverbesserliche Reaktionäre dürfen sich ungehindert zu Worte melden – die Frage ist nur, ob das Gesagte überhaupt noch gehört werden kann.

Genau das ist in immer geringerem Maße der Fall. Die Konzentration der Medien in wenigen Händen hat in den Staaten des Westens – allen voran in den USA – einen so hohen Grad erreicht, dass Meinungen von einer Handvoll Pressemogulen gesiebt und gesteuert werden und nur die von ihnen als politisch korrekt bewerteten überhaupt eine Chance haben, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das verbleibende Forum für Meinungen ist das Internet, wo sich bis heute eine nahezu vollkommene individuelle Freiheit ausleben darf, das aber geschieht um den Preis, dass die meisten von ihnen ungehört und unbeachtet im Nichts verhallen. Die nahezu absolute Freiheit auf sozialen Plattformen wie Facebook etc. verträgt sich zwanglos mit einer undemokratischen Steuerung der medienwirksamen Meinung. Endstation dieser Entwicklung könnte sehr wohl eine De-facto-Meinungsdiktatur sein.

Die Tatsache, dass hochrangige US-amerikanische Intellektuelle wie Noam Chomsky in ihrem eigenen Land keine Plattform finden und in RT auftreten, wenn sie gehört werden wollen, deutet darauf hin, dass der Weg in diese Richtung bereits geebnet ist.

Die westlichen Gesellschaften leiden an einem Paradox

Einerseits geht es den dort lebenden Menschen so gut wie niemals zuvor. In keinem System werden sie materiell so verwöhnt wie in der modernen Wohlfahrtsgesellschaft. In früheren Gesellschaften sind Menschen regelmäßig verhungert – wie wir wissen, ist das in manchen anderen Teilen der Welt auch heute noch der Fall. Dagegen tritt ein vorzeitiger Tod bei uns am ehesten aufgrund von Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten ein.

Andererseits erleben wir einen Prozess der schleichenden Entmachtung des demokratischen Souveräns. Dass die eigene Stimme immer weniger zählt, ist vielen deutlich bewusst; der Trend zur Wahlenthaltung legt davon ein unübersehbares Zeugnis ab. Im Hinblick auf die eigene Wahlentscheidung haben die Menschen das gleiche Gefühl wie im Hinblick auf die eigene Meinung: Beide können zwar ungehindert geäußert werden, aber letztlich kommt es kaum darauf an. An den Verhältnissen vermag die eine ebenso wenig wie die andere zu ändern.

Ist diese Resignation berechtigt

oder deutet sie nur auf eine Übersättigung mit Wohltaten hin, die man als selbstverständlich hinnimmt? Es liegt doch immer noch an der Entscheidung des Wählers, ob Frau Merkel oder die AfD, Bernie Sanders oder Donald Trump an die Macht gelangen! Und der Wähler hat es nach wie vor in der Hand, seine Stimme eher für Parteien abzugeben, die ein soziales Regime wie in Schweden oder ein dezidiert neoliberales wie in Großbritannien verwirklichen wollen. Solche Alternativen sind doch bedeutungsvoll! Der demokratische Souverän hat es weiterhin in der Hand, sich mit seiner Stimme für größeren sozialen Frieden im Inneren und größere Achtung von außen einzusetzen.

Und dennoch ist die Ahnung, dass auch die Staaten des Westens ihren Bürgern immer weniger Mitentscheidung über das eigene Schicksal gewähren, mehr als nur Illusion. Wären die Menschen in den demokratischen Staaten des Westens wirklich die Schmiede ihres eigenen Glücks, dann müsste das Barometer der Zufriedenheit in Schweden oder Großbritannien einen höheren Wert als im autokratischen China aufweisen (vor der Corona-Epidemie). Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit der Chinesen blickt der Zukunft mit Optimismus entgegen, die Menschen in westlichen Staaten – gleichgültig ob unter linken oder rechten Regierungen – mit Sorge und Angst.

Aber lassen wir die Psychologie beiseite,

da sie großen Schwankungen unterliegt, und wenden wir uns stattdessen jenen objektiven Bedingungen zu, welche die demokratische Freiheit in zunehmendem Maße begrenzen. Gleichgültig ob demokratisch regiert oder nicht, sämtliche Staaten sehen sich heute dem Zwang ausgesetzt, ihre eigene Politik beständig an der des erfolgreichsten Wettbewerbers zu bemessen und auszurichten. Nicht nur die neuesten Erfindungen der Technik, sondern auch die der effizientesten Organisation von Arbeit oder der wirksamsten Art, die Produktionsstätten internationaler Konzerne ins eigene Land zu locken, verbreiten sich wie ein Lauffeuer über den Globus. Große Unternehmen haben der Konkurrenz schon immer die wirksamsten Strategien abgeschaut, um nur ja nicht zurückzufallen. Dieser äußere Zwang ist so stark, dass sie auf die Bedürfnisse der eigenen Belegschaft wenig oder gar keine Rücksicht nehmen. Doch dasselbe machen heute auch Staaten, die sich immer mehr so verhalten, als wären sie nichts anderes als eine Art Megakonzerne. An die Stelle der demokratischen Eigenbestimmung ist auf diese Weise die undemokratische Fremdbestimmung von außen getreten.

Die fortschreitende Einschränkung der demokratischen

Eigenbestimmung ist keine Machenschaft böswilliger Verschwörer gegen die Demokratie – sie ist das Ergebnis realer Zwänge. Wenn es Deutschland und Österreich nicht gelingt, durch einen Vorsprung an Innovation auf den globalen Märkten präsent zu sein, wird es seinen gegenwärtigen Lebensstandard nicht halten können. Beide Staaten müssen also, um auch weiterhin an der Spitze zu bleiben, ihre Bevölkerung demselben Leistungsdruck und schließlich auch denselben Arbeitsbedingungen unterwerfen wie die erfolgreichsten ihrer Mitbewerber. Sie müssen sogar dieselbe Konzentration von Banken und Konzernen zulassen, sobald Größe im globalen Wettbewerb zu einem Vorteil wird.

Und mehr noch: sie können sich nicht einmal dagegen wehren, ihre eigenen Industrien aufzuopfern, wenn sie dazu von außen gezwungen werden. Die Politik der Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien ist nicht etwa deswegen erfolgt, weil der demokratische Souverän, die Regierung oder selbst die deutschen Industriebosse dies so wollten, sondern weil ihnen dieses Vorgehen von ihrem mächtigsten Wettbewerber diktiert worden ist. Nachdem die Vereinigten Staaten diesen Schritt als erste vollzogen und sich dadurch einen gewaltigen Preisvorteil verschafften, blieb den Europäern nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, andernfalls hätten europäische Produkte auf dem Weltmarkt mit amerikanischen nicht länger konkurrieren können.

Warum spielt der Gegensatz von linkem und rechtem Lager

nach Tony Blair in England oder Gerhard Schröder in Deutschland eine immer geringere Rolle? Keineswegs deshalb, weil diese beiden weltanschaulichen Positionen ihre Geltung eingebüßt hätten. Es macht nach wie vor einen großen Unterschied, ob wir ein Maximum an materieller Gleichheit oder ein Maximum an Freiheit verwirklich wollen. Der Bedeutungsverlust beider Positionen liegt vielmehr daran, dass der einzelne Staat sie gegen die von der Globalisierung ausgehenden Zwänge nicht länger oder nur in sehr eingeschränktem Umfang durchzusetzen vermag. Durch Globalisierung, d.h. weltweiten Wettbewerb, wird der Freiraum für den demokratischen Souverän immer stärker beschnitten. Freiheit existiert nur noch dort, wo es weder um die ökonomische und militärische Stellung einer Nation noch – damit aufs Engste verbunden – um den Lebensstandard der Bevölkerung geht. Österreich konnte sich bei der Wahl seines Präsidenten zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer entscheiden – ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis. Im Frankreich von Francois Hollande konnten Millionen von Menschen für oder gegen die Homoehe auf die Straße gehen – der durch den globalen Wettbewerb ausgelöste Zwang von außen spielte nur insofern eine Rolle, als die Entscheidung für diese Form menschlichen Zusammenlebens in den führenden Staaten des Westens als „progressiv“ einge­schätzt wird. Aber auf den französischen Lebensstandard hätte auch eine Entscheidung gegen die Homoehe keinen Einfluss ausgeübt.

Dagegen hängt es in einer globalisierten Welt

nicht länger von der Entscheidung des demokratischen Souveräns einzelner Staaten ab, ob die Wirtschaft ihres Landes weiterhin einen Pfad des Wachstums verfolgt oder nicht, ob sie von internationalen Konzernen und Banken beherrscht wird oder nicht, ob die Forderungen Greta Thunbergs in ihrem Land zur Anwendung gelangen oder nicht.

Nein – diese Feststellung bedarf der Korrektur. Es hängt immer noch vom demokratischen Souverän ab, denn er hätte theoretisch sehr wohl die Möglichkeit, eine Regierung zu wählen, welche alles weitere Wirtschaftswachstum und damit alle weitere Steigerung des Ressourcenverbrauchs verbietet. Eine demokratische Mehrheit könnte dem eigenen Land sogar eine radikal-grüne Wende verordnen, indem sie unseren gegenwärtigen ökologischen Fußabdruck von mehr als zwei Globen durch eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaft auf den nachhaltigen Verbrauch eines einzigen reduziert. Was das heißt, ist den Experten seit langem bekannt: wir müssten uns zu einer Politik des radikalen Verzichts entschließen.

Doch genau diesen Schritt wird kein einzelner Staat vollziehen

Nicht deswegen, weil seine Regierung oder die Bürger zu dumm dazu wären, seine Notwendigkeit zu erkennen. Schließlich ist der Mensch niemals so töricht gewesen, dass er freiwillig den eigenen Garten verwüstet, wenn er sein Überleben dessen Früchten verdankt. Die wirkliche Situation ist viel schwieriger und viel dramatischer. Der demokratische Souverän verurteilt sich selbst zur Ohnmacht, weil zwei einander entgegengesetzte Erkenntnisse die gleiche Macht über ihn besitzen.

Jeder halbwegs informierte Mensch möchte der ökologischen Zerstörung lieber heute als morgen ein Ende setzen. Aber jeder ist sich zugleich bewusst, dass es dem eigenen Staat – und genauso auch der Natur – gar nichts nützen würde, wenn wir ein Exempel statuieren, das die anderen nicht befolgen. Das gilt für den nachhaltigen Umgang mit der Natur ebenso wie mit dem Umgang mit immer tödlicheren Waffen. Derjenige Staat, der ein christliches Beispiel setzt, indem er von einem Tag auf den anderen seine ganze atomare Rüstung verschrottet, gerät schon am folgenden Tag unter die Kuratel der Schurken, die nicht einen Augenblick daran dachten, ihm dabei zu folgen. Das im Vergleich zu den USA, Russland und bald auch China militärisch lächerlich schwache Europa, das diese Schwäche gern als Beweis für eine moralisch höhere Stellung wertet, könnte diese Haltung einmal bitter bedauern, nämlich dann, wenn es aufgrund seiner Schwäche (wie zuvor schon so viele andere militärisch wehrlose Staaten) zum nächsten Kriegsschauplatz zwischen den Supermächten wird.*1*

Die Fremdbestimmung des demokratischen Souveräns

ist eine Tatsache, der gegenüber die Eingriffe der Brüsseler Kommission in die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu einer Nebensache verblassen. Industriestaaten wie Deutschland oder Österreich lassen sich in allen heute wirklich zentralen Fragen der nationalen Existenz das eigene Handeln von den im globalen Wettbewerb jeweils führenden Staaten ganz genauso diktieren, wie jedes erfolgreiche Unternehmen fortwährend auf seine Konkurrenten blickt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Beständiges Wachstum und der damit verbundene Ausverkauf der Natur bleiben solange kategorische Imperative staatlichen Handelns, wie sie dem einzelnen Staat im Wettrennen der Nationen größere ökonomische Macht und seinen Bürgern einen höheren materiellen Lebensstandard verschaffen. Staaten, die sich von diesem Trend abkoppeln würden, fallen auf das Niveau von Entwicklungsländern zurück oder sehen sich sogar unter die „failed nations“ gereiht.

Diese Angst vor dem Abstieg erklärt, warum zwar jedes Jahr lauter über die Notwendigkeit grüner Politik geredet wird, aber der CO2-Ausstoß – und generell die Naturzerstörung – dennoch mit jedem Jahr größer wird. Jeder halbwegs gebildete Mensch ist sich bewusst, dass fortschreitendes Wachstum – ökonomisch wie militärisch – die Menschheit immer näher in Richtung des eigenen Ruins sowie den des Planeten führt, aber solange das Wettrennen der Nationen anhält, ist keine von ihnen in der Lage, dagegen ernsthaft etwas zu unternehmen.

Die Frage, ob wir noch in Demokratien leben,

lässt daher eine doppelte Antwort zu. Ja, wir haben noch den Ermessensspielraum uns für Merkel und gegen Höcke, für Van der Bellen und gegen Hofer zu entscheiden – und das ist ungeheuer viel. Aber wenn wir nicht von anderen ökonomisch an den Rand gedrückt oder militärisch beherrscht werden wollen, müssen wir uns dem jeweils erfolgreichsten „Vorbild“ anpassen – mit anderen Worten nicht nur einen wesentlichen Teil der eigenen demokratischen Selbstbestimmung gegen eine Bestimmung von außen eintauschen, sondern dies noch dazu in dem Bewusstsein tun, dass es genau dieses Wettrennen ist, welche uns alle zusammen ins Unglück stürzt.

Diese Einsicht läuft auf ein Eingeständnis eigener Ohnmacht hinaus. Aber wir müssen den Mut zur Wahrheit aufbringen, denn nur dann besteht Hoffnung, dass wir einen Ausweg finden. Der kann nur darin bestehen, dass in allen Staaten ein Bewusstsein und die Bereitschaft dafür entsteht, auf einen Teil der eigenen Souveränität zu verzichten, um so das unselige Wettrennen zu beenden, das alle mit der Zerstörung des gemeinsamen Lebensraums und der nuklearen Selbstvernichtung bedroht. Das Wettrennen der Nationen zwingt uns bis heute zu einem unfreiwilligen Verzicht auf Selbstbestimmung, der alle zusammen ins Unglück stürzt. Die bewusste Abtretung von Souveränität zugunsten einer transnationalen Instanz wird uns in Zukunft zu einem freiwilligen Verzichtbewegen, der dieses Unglück verhindert. In einer globalisierten Welt, wo jeder Staat alle anderen durch Ressourcenverbrauch und Umweltvernichtung in Mitleidenschaft zieht, darf Entwicklung nicht länger unabhängig von unseren Bedürfnissen und Absichten verlaufen, denn dann verkommt Demokratie zur Farce. Herr des eigenen Schicksals wird der Mensch erst dann wieder sein, wenn alle in gemeinsamer Verantwortung das kleine Boot bewirtschaften, das (trotz Mars und Mond) wohl immer das einzige für uns bleiben wird.

1 Wie ungern ich diesen Satz ausspreche, denn auf einem Globus, der ohnehin schon einem Pulverfass gleicht, bedeutet jede zusätzliche Atombombe einen weiteren Schritt in Richtung Apokalypse. Nur ist eben der strikte Pazifismus in einem Haibecken auch keine klügere Politik. Das globale Wettrennen der Nationen hat die Menschheit in eine Situation manövriert, aus der sie nur noch eine übernationale Instanz erlösen kann, die eben dieses Wettrennen beendet. Es gibt kein wahres Leben im falschen.