An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

Ludwig Boltzmann, der große österreichische Physiker, hat diese elementare Wahrheit für die Naturwissenschaften auf den Begriff gebracht. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig.“

Sehr wohl! Ein Denken ohne nachweisbare Tat,

das sämtliche Phänomene der Natur als ursächlich determiniert sehen wollte, hat es schon 1500 Jahre vor Christus gegeben, nämlich in den sogenannten Brahmana-Texten, wo alle Geschehnisse des Universums als magisch verknüpft mit menschlichem Denken und Handeln gelten. Was der vedische Priester sich vorstellte und dann durch Aufschichten von Opfersteinen und heiliger Butter magisch in Szene setzte, brachte, wie die damaligen Priester glaubten, ganz bestimmte notwendige Folgen hervor. Diese Magier glaubten sich imstande, mit ihren Beschwörungen feindliche Armeen vernichten oder eine Mondfinsternis willkürlich herbeiführen zu können (abgesehen von Krankheit und Unglück, das sie heilen wollten). Von dem Indologen Hermann Oldenberg wurde die damalige Weltsicht als „vorwissenschaftliche Wissenschaft“ bezeichnet, der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sah darin eine Vorwegnahme des wissenschaftlichen Determinismus. Ludwig Boltzmann aber hat den entscheidenden Unterschied zwischen diesem Denken und der beinahe zweitausend Jahre später seit dem 17ten Jahrhundert aufkommenden wissenschaftlichen Weltsicht auf den Begriff gebracht. Das magische Denken richtete nur Unheil im Kopf von Priestern an, aber die Natur blieb unverändert. Feinde wurden von Priestern nie wirklich besiegt, Mondfinsternisse niemals auf nachweisbare Weise herbeigeführt. Irgendwann starb diese abenteuerliche Theorie, weil die Menschen nicht länger an sie glaubten. Sie musste sich sogar gefallen lassen, dass ein amerikanischer Anthropologe sie als sinnfreies „Priestergebrabbel“ bezeichnete. Es ist daher so, wie Boltzmann und die Bibel sagen: An der Tat, d.h. an ihren Früchten, sollt ihr sie erkennen.

Ludwig Boltzmann lebte bis zum Beginn

des vergangenen Jahrhunderts. Mit Recht konnte er von einem spektakulären Erfolg der Naturwissenschaften reden. Innerhalb von nur drei Jahrhunderten hatte dieser die Staaten Europas zu den bei weitem reichsten und mächtigsten der damaligen Zeit gemacht. Nie genoss eine Bevölkerungsmehrheit so großen materiellen Wohlstand wie schon zu seiner Zeit, nie zuvor lebten Menschen so lange und konnten sich so gut gegen Krankheiten schützen, wie dies der Fortschritt der Wissenschaften in kürzester Zeit ermöglicht hatte. Und der technologische Fortschritt hatte Europa auch gewaltige Macht über den Rest der Welt verschafft. Bis 1914 beherrschte Großbritannien ein Viertel der gesamten Landfläche des Globus und errang im Jahr 1921 seine größte Ausdehnung. Insgesamt hatten die industriell aufgerüsteten Staaten eines geographisch winzigen westlichen Zipfel Eurasiens ganze Kontinente erobert (Nordamerika und Australien) und den Rest der Welt einschließlich der beiden Hochkulturen China und Indien ihrer Botmäßigkeit unterworfen. Niemand konnte daran zweifeln, dass die neuen, mit hohem naturwissenschaftlichen Sachverstand entwickelten Waffen die entscheidende Rolle spielten: Sie waren die unmittelbaren Früchte des neuen naturwissenschaftlichen Wissens und Könnens.

Aber Achtung, wie sehen diese Früchte denn heute aus

mehr als ein Jahrhundert nach Boltzmann? Wenn wir den ethischen Maßstab der Bibel und den wissenschaftlichen des großen Naturwissenschaftlers auf die heutige Situation anwenden, zu welchem Schluss müssen wir dann gelangen? Albert Einstein hatte damals die berühmte Formel von der Äquivalenz von Masse und Energie als Theoretiker auf ein Stück Papier geschrieben. Das war ein faustischer Akt, Mephisto aber war sogleich zur Stelle, um eine Frucht daraus zu machen, an der wir die Richtigkeit der Theorie erkennen. Seitdem leben wir mit jenem gewaltigen Arsenal an Massenvernichtungswaffen, mit der die Menschheit sich selbst mehr als hundertfach ausrotten kann. Kein Theoretiker hat dies gewollt, am wenigsten Einstein selbst, der dann später wie kein anderer vor der Wirkung der Bombe warnte und in einer Weltregierung die einzige Möglichkeit sah, mit die tödliche Bedrohung zu überwinden. Aber Disteln tragen nun einmal Dornen. Wenn wir der Logik von Boltzmann folgen, ist es uns nicht erlaubt, einseitig nur von den süßen Früchten der Naturwissenschaften zu schwärmen – dem historisch einzigartigen Reichtum, den sie einem nicht geringen Teil der Weltbevölkerung verschafften -, wir müssen auch den Mut aufbringen, ihre giftigen Früchte zu sehen.

Nein, dazu bedarf es inzwischen nicht einmal besonderen Muts

Eine heile Welt gibt es nur noch in Märchenbüchern, die reale steht derweil auf einer Vielzahl von roten Listen. Von Kalifornien über Australien und Indonesien bis nach Sibirien lodern die Wälder. Zur gleichen Zeit werden die Stürme immer heftiger und Überschwemmungen treten immer häufiger auf. Schon im Jahr 2006 beschwor der Stern Report die beängstigende Perspektive, dass die Landwirtschaft in Teilen Afrikas die Menschen dort nicht mehr ernähren kann und Millionen von Menschen die Festung Europa stürmen.

Doktor Faust, der kühne Theoretiker, hat die abstrakten

Formeln aufs Papier gekritzelt, welche dem modernen Menschen eine Herrschaft über die Natur verschaffen, die bis dahin als Vorrecht Gottes galt. Es war Mephisto an seiner Seite, der jene Tausende begnadeter Ingenieure verkörperte, welche die Geistesblitze der Theorie anschließend in die Tat umsetzte. Das waren, wie Boltzmann sagt, ihre logischen Beweise.

Beide zusammen, Doktor Faustus und Mephistoles, sein Kumpan, verkörpern die zwei Seiten des Menschen, dessen Taten aus guten wie giftigen Früchten bestehen. So zweifelt zum Beispiel niemand an den gewaltigen Fortschritten der Medizin, aber dieser Fortschritt hat uns nicht nur ermöglicht, das Leben um Jahrzehnte zu verlängern und uns bis ins hohe Alter gesund zu erhalten, sondern erlaubt uns ebenso, die Erbsubstanz lebender Wesen nach unserem Willen zu verändern. Schon steht Mephisto bereit, um uns einzuflüstern, dass wir dieses Können nun auch auf den Menschen selbst anwenden, um ein Geschlecht von pseudohumanen Robotern zu erschaffen, die sich als Frankensteinmonster entpuppen könnten. Solche Aussichten sind bedrückend. Unsere Erde wird zu einem furchtbaren Ort, solange wir nicht fähig sind, der überragenden Intelligenz von Dr. Faust und seinem Alter Ego Mephisto etwas ganz anderes an die Seite zu stellen, nämlich Sophia, die glücklicherweise in uns ebenfalls angelegte menschliche Weisheit. Im Sinne des Gemeinwohls muss – heute schon im Sinne des bloßen Überlebens auf einem zunehmend geschundenen Planeten – muss sie bindende ethische Regeln erlassen, um die Menschheit vor sich selbst zu schützen, nämlich vor den giftigen Früchten der wissenschaftlichen Intelligenz.

Denn – vergessen wir nicht – die Tat

ist nicht denkbar ohne den Zugriff auf die Dinge, d.h. auf die Natur und ihre Ressourcen. Ohne die Ausbeutung der in der Erdrinde verborgenen Reserven an Kohle, Öl und Gas hätte es die industrielle Revolution niemals gegeben. Mit gleichem Recht kann man diese daher auch als „fossile Revolution“ bezeichnen. Zu den giftigen Früchten der neuen naturwissenschaftlichen Weltsicht gehört deshalb auch, dass sie Taten von unglaublicher Brutalität gegen die Natur nach sich zog. In der Einleitung zu einem neuen bisher noch unveröffentlichten Buch gebrauche ich den folgenden Vergleich:

„Ist unsere gegenwärtige Situation nicht der einer siegreichen Armee zu vergleichen, die alle Beute eines eroberten Landes in kurzer Zeit an sich riss und sie nun in einem kurzen, besinnungslosen Festrausch verprasst? Seit Beginn der industriellen Revolution, die man mit gleichem Recht die fossile nennen kann, vergeuden wir den Reichtum der Erde und wollen nicht sehen, dass er nur noch für ein oder zwei Generationen reicht – und schon gar nicht wollen wir uns sagen lassen, dass unser Festmahl ringsherum überall Spuren von Gift hinterlässt: in der Luft, im Wasser und im Boden.“

Für empfindliche Ohren sind dies Kassandratöne,

welche die selbstgefälligen Lügen unseres staatlich geförderten „positiven“ Weltbilds gefährden. Doch die ökologische Krise ist eine Tatsache, an der die führenden Ökologen schon längst keinen Zweifel mehr lassen. Herman E. Daly, ehemaliger ökonomischer Mitarbeiter der Weltbank, der bis heute mit seinen Schriften vielen als die größte Autorität auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Erhellung ökologischer Zusammenhänge gilt, hat meiner Analyse seinen ausdrücklichen Beifall gezollt. „Lieber Herr Dr. Jenner, meinen Dank, dass Sie mir Ihr schlüssig begründetes, gut dokumentiertes und klar geschriebenes Buch geschickt haben. Ich hoffe, es wird weithin gelesen. Mit den besten Wünschen, Herman E. Daly.“

Von ökonomischen Experten hatte ich schon früher Lob für meine Schriften erhalten, nämlich von zwei ehemaligen deutschen Wirtschaftsweisen Bert Rürup und Gerhard Scherhorn. Die wohlwollende Beurteilung meiner neuen Arbeit durch Herrn Prof. Daly aber ist für mich besonders bedeutsam, weil ich nur wenige Wissenschaftler kenne, welche sich auch dann noch zur Wahrheit bekennen, wenn diese, wie Al Gore es ausdrückt, „unbequem“ ist und zudem noch gegen jenen Zwang zur politischen Korrektheit verstößt, der unser Denken mittlerweile immer mehr auf das Geleis der Selbstzensur zwingt.

Politisch korrekt ist mein Buch jedenfalls nicht

denn es kam mir nur darauf an, die Tatsachen „gut zu dokumentieren“, die Folgerungen aus ihnen „schlüssig zu begründen“ und möglichst „klar darüber zu schreiben.“ Wer allerdings politische Korrektheit verlangt, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, der schreckt vor manchen ihrer Aussagen zurück, auch wenn deren fachliche Unanfechtbarkeit von einem international gefeierten Ökonomen ausdrücklich gewürdigt wird. Frau Julia Womser, eine Lektorin des dtv-Verlags, mit der ich telefonisch die Zustellung des Manuskripts vereinbart hatte, scheint nicht einsehen zu wollen, dass inzwischen selbst Schülerinnen wie Greta Thunberg die Dramatik unserer heutigen Situation begreifen. Jedenfalls haben die Verstöße meines Buches gegen die politische Korrektheit die Dame offenbar so sehr empört, dass sie es nicht einmal für nötig hielt, die üblichen Formen der Höflichkeit zu wahren: Selbst nach schriftlicher Rückfrage – ein Monat nach Zustellung fragte ich nach, ob Interesse an der Arbeit bestehe – hielt sie es nicht für nötig, mir auch nur eine Antwort auf meine Frage zu erteilen.*1* 

Aber es stimmt ja: Das Buch „Wir schaffen das!“*2*

schreckt vor politischer Unkorrektheit durchaus nicht zurück. Es spricht nicht nur über den Klimawandel und seine jetzt schon klar erkennbaren Folgen ohne alle Beschönigung sondern ebenso über Migration, bedingungsloses Grundeinkommen und ähnliche Themen, die für viele Zeitgenossen zu Kampfbegriffen geworden sind, an denen man andere Menschen entweder als Gesinnungsgenossen oder als zu bekämpfende Feinde erkennt. Ich selbst habe mich nie von dem Standpunkt entfernt, dass sich wissenschaftliche Wahrheitssuche darin erweist, dass über jedes Thema sachlich gesprochen wird – unter sorgfältigem Abwägen des Für und Wider. Dabei geht es um eine offene Diskussion, denn Kritik ist die eigentliche Essenz und Antriebskraft jeder Wissenschaft. Was deren Geist grundsätzlich widerspricht, ist dagegen der populäre Shitstorm ebenso wie das heimliche Strippenziehen im Hintergrund. Letzteres habe ich im Hinblick auf das vorliegende Buch inzwischen auch schon erleben müssen. Ich erwähne diesen an sich für Unbeteiligte ganz unbedeutenden Vorfall aus dem einzigen Grund, weil es inzwischen auch zur politischen Korrektheit gehört, sich duckmäuserisch klein zu machen und Verstöße gegen das Ethos von Wahrheit und Wissenschaft feige zu verschweigen.

Ein Lektor und ein keineswegs unbekannter deutscher Wissenschaftler

sind, wie ich meine, der einen mit seinem guten Ruf, der andere mit seiner Reputation recht leichtfertig umgegangen – auch solche Folgen kann ein politisch unkorrektes Buch bewirken. Oder ist es nicht für den guten Ruf eine ernste Gefahr, wenn ein Lektor zwei Wochen nach meiner Anfrage, ob ein grundsätzliches Interesse an dem Buch bestehe, dem Autor einerseits bescheinigt, dass die „Buchidee .. natürlich zu uns passt und es sicher auch Wert /sic!/ ist, in Deutschland zu erscheinen“, nur um seine Mail dann mit der Standardfloskel zu schließen, „bitte werten Sie diese Absage nicht als Kritik an der Buchqualität.“ All dies, wohlgemerkt, ohne auch nur eine Zeile des Buches gelesen zu haben, denn Herr Hirsch kannte nur deren Titel und die wohlwollende Beurteilung durch einen renommierten Experten – das Manuskript selbst hatte er überhaupt nicht angefordert. Sehr wohl hat er aber von dem Manuskript durch Herrn Niko Paech gewusst, einen geschätzten Autor des Verlags, der das Manuskript von mir bekommen hatte und mich zu der lobenden Stellungnahme von amerikanischer Seite beglückwünschte – „so ein feedback vom Papst /der Wachstumskritik/ hätte ich auch mal gern…“ Prof. Paech wusste auch, dass ich mich an den oekom-Verlag wenden wollte, denn dies hatte ich ihm zuvor in zwei Mails mitgeteilt.*3*

Nun, derartige Intrigen und heimliche Absprachen im Hintergrund sind so alltäglich, dass es sich nicht lohnen würde, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Andererseits möchte ich mir nicht sagen lassen, dass ich aus Duckmäuserei davor die Augen verschließe. Offene Diskussion bedeutet auch, dass man diejenigen bei Namen nennt, die sich davor drücken und lieber hinter den Kulissen tuscheln. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Aber lässt sich denn über die Klimakrise überhaupt noch etwas sagen,

das denen, die informiert sein wollen, nicht ohnehin schon bekannt ist? Wohl eher wenig. Meinem Buch wird man nur in einer Hinsicht eine gewisse Originalität und Bereicherung der Diskussion zubilligen können. Wenn es stimmt, dass die Erschöpfung der Ressourcen und – mehr noch – die stetige Vergiftung der Umwelt durch die Rückstände der industriellen Prozesse (von denen CO2 ja nur eines unter inzwischen Hunderttausenden ist) eine noch weit größere Wende bedeutet als die beiden größten Revolutionen der Vergangenheit, die neolithische und die fossile. Und wenn es ebenso richtig ist, dass die notwendigen Maßnahmen zur Überwindung dieser welthistorischen Krise an und für sich einfach sind und der Wissenschaft wohlbekannt, wie ist es dann zu erklären, dass diese Maßnahmen auf so erbitterten Widerstand stoßen und wir dem Abgrund trotz Pariser Vertrag und unzähligen anderen Bemühungen de facto nur immer schneller entgegenschlittern? Diese Frage verlangt nach einer Antwort – und diese steht denn auch im Vordergrund meines Buches.

1 Man darf sich nicht wundern, dass es angesichts derartigen Verhaltens von Lektorenseite immer üblicher wird, dass Autoren ihre Manuskripte gleichzeitig an mehrere Verlagen senden – andernfalls müssen sie damit rechnen, bis ans Ende ihrer Tage auf eine Antwort zu warten.

2 Die englische Version, die als Kindle bei Amazon vorliegt, trägt einen besseren Titel: „Yes, we can – No, we must“.

3 Die gedankenreichen und oft herausfordernden Überlegungen von Prof. Niko Paech schätze ich sehr. Das war der Grund, warum ich ihm mein Manuskript zuschickte, wobei ich gleichzeitig um Fürsprache beim oekom Verlag bat, falls ihm die Arbeit gefalle, er sei dort mit seinem von mir mehrfach zitierten Buch ja ein geschätzter Autor. Diese Bitte habe ich dann ein zweites Mal ausgesprochen, nachdem er den Empfang des Manuskripts bestätigt hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass Herr Paech auf diese Bitte nicht reagierte. Jedenfalls wandte ich mich unmittelbar danach an Herrn Hirsch vom oekom Verlag, ob er an der Arbeit interessiert sei, dann würde ich ihm das Manuskript zuschicken. Das geschah sowohl in einer Mail wie am selben Tag auch telefonisch. Wenn er mein Publikationsangebot von vornherein ausschlagen musste, weil es keine freien Programmplätze mehr gab, dann hätte er mir dies am Telefon gleich sagen können – und müssen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Absage in Gestalt des üblichen Standardtextes, nämlich dass der Verlag schon andere Bücher in seinem Programm habe und ich das bitte nicht als Aussage über die Qualität meines Buches auffassen solle. Angesichts der Tatsache, dass Herr Hirsch das Manuskript nie bekommen hatte, war dies reine Verhöhnung. Nur Herr Paech, der geschätzte Autor des Verlages, hatte ihm innerhalb dieser beiden Wochen Auskunft über das Buch geben können – Herr Paech hatte zweimal von mir erfahren, dass ich mich an den oekom Verlag wenden wollte.

Der Vorfall ist an und für sich ganz bedeutungslos, verdient aber deswegen erwähnt zu werden, weil er das Gegenteil einer möglicherweise durchaus berechtigten Kritik an meiner Arbeit ist. Wäre diese offen und nicht auf diese „hinter-listige“ Weise vonseiten Herrn Paechs erfolgt, dann wäre ich dankbar dafür gewesen. Was Herrn Hirsch betrifft, so sind Verlage private Unternehmen und haben daher das Recht, auch ohne Angabe von Gründen, anzunehmen oder abzulehnen, wen oder was sie wollen, doch gibt es Regeln der Anständigkeit, die auch ein Herr Hirsch einhalten sollte. Im Hinblick auf Herrn Paech gilt grundsätzlich die Unschuldsvermutung. Immerhin ist bei Gott alles möglich – vielleicht hat der Erzengel Gabriel Herrn Hirsch Einsicht in mein Buch verschafft, sodass er sich in den zwei Wochen ein sachlich fundiertes Urteil darüber bilden konnte.

.

Von Robert Menasse erhielt ich die beiden Mails:

Lieber Gero, gibt es mittlerweile eine Perspektive, wo das Buch nun doch erscheinen wird? Herzliche Grüße, Robert

und:

Lieber Gero, ich hoffe, dass Du das Buch noch nicht herumgeschickt hast. Heute als Autor selbst ein Buch an Verlage zu schicken, ist zu 99% aussichtslos. (Deine 5% sind viel zu optimistisch). Nein, Du musst das Buch einem Agenten/einer Agentin geben. Eine Agentur findet den Verlag, in deinem Fall bei dieser Thematik mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Kennst Du Agenturen? Herzlich, Robert

Schwierige Wahrheit – wohlfeile Lügen

In Zeiten des Internet schrumpft das historische Gedächtnis. Wer erinnert sich heute noch daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nahezu ein halbes Jahrhundert lang das Reich der Aufklärung, der Wahrheit, des Fortschritts repräsentierten, während jenseits des Eisernen Vorhangs Willkür, Gulags und verordnete Lüge herrschten? Dieser Gegensatz wurde durch beiderseitige Propaganda aufgebläht, gewiss, aber die Arbeitslager und die Millionen Menschen die Stalin in den Tod geschickt hatte, waren bittere Realität. Daran war so wenig zu zweifeln, dass Solschenizyns Anklagen weltweit gelesen wurden – auch in Russland. Als Gorbatschow, der erste ehrliche Politiker der Sowjetunion, diese Wahrheit öffentlich anerkannte, war der Zusammenbruch des Regimes nicht mehr aufzuhalten.

Wahrheit in der Politik wirkt wie eine Erlösung.

In Nazideutschland hatte gleich zu Beginn des Regimes die verordnete politische Lüge auf der Tagesordnung gestanden. Nach der Machtergreifung Hitlers waren sein ältester Bundesgenosse Ernst Röhm und dessen Milizen auf einmal unbequem geworden (ein Dorn im Auge der Reichswehr und konservativen Kreisen, auf deren Unterstützung Hitler nicht verzichten konnte). Deswegen erfanden die Nazis die Mär von einem geplanten Putsch und ließen Röhm und an die zweihundert weitere Bürger in einer Nacht- und Nebelaktion ermorden. Das war ein Vorgeschmack auf jenen Nihilismus der Macht, der für mehr als ein Jahrzehnt Deutschland verdunkeln sollte. Hitler und seine Schergen gingen davon aus, dass Lüge und Wahrheit in der Politik (wie auch sonst) keine Bedeutung haben. Was zählt, so ihr Credo, sei einzig die Macht, um derentwillen war ihnen kein Menschenopfer zu groß.

Die Befreiung der Deutschen

von der blutigen Willkürherrschaft Adolf Hitlers war nicht deswegen eine Erlösung, weil die eigene Herrschaft militärisch besiegt worden war. Meist lassen sich Völker immer noch lieber von eigenen Schurken als von fremden Erlösern beherrschen – diese führen ihnen ja das eigene Versagen, die eigene Demütigung vor Augen. Das Aufatmen rührte daher, dass es nun wieder möglich war, die Wirklichkeit zu erkennen und die Wahrheit zu sagen. Wahrheit und Lüge sind eben kein bloßes Erzeugnis der Macht, wie es die Nihilisten behaupten. In den letzten Jahren der Naziherrschaft war jedem Bürger bewusst, dass die andauernden Siegesmeldungen nur noch zynische Lügen waren. Auch gegen den verordneten Rassenhass hatten sich viele Deutsche zumindest auf die Art gewehrt, dass sie der befohlenen Lüge die private Ausnahme entgegensetzten – die ihnen persönlich bekannten Juden seien doch ganz anders als alle übrigen! An diesem kläglichen Rest von Wahrheit durfte man festhalten, ohne das eigene Leben durch offenen Protest in Gefahr zu bringen.

Die Bereitschaft der Deutschen, die US-Amerikaner am Ende des Kriegs mit offenen Armen zu empfangen, beruhte darauf, dass Lüge und Wahrheit eben keine bloßen Kreationen der Macht sind. Die amerikanische, bald darauf auch die bundesdeutsche Demokratie, die jedem Bürger das Recht gewährte, für sich selbst zu entscheiden, was er im täglichen Leben und in der Politik als wahr oder falsch ansah, wurde als ein Ausbruch aus dem Gefängnis staatlich verordneter Lüge erlebt.

Zwischen 1945 bis zum Fall des Eisernen Vorhangs

ist es weitgehend so geblieben. Es waren die Wissenschaftler, die Denker, ja, und auch die Politiker des Westens, die einen Vertrauensvorsprung genossen. Wie sich schon bald nach ’45 herausstellte, galt das nicht nur für den Westen selbst sondern ebenso für den Osten. Denn die Mauern, Drahtverhaue und Wachttürme zwischen Ost und West wurden nicht auf westlicher Seite gebaut, um die Menschen westlicher Demokratien von der Flucht in das Reich Stalins abzuhalten. Sie mussten auf der östlichen Seite errichtet werden, weil so viele Menschen von dort in den Westen drängten. Als die Mauer dann endlich am Ende der achtziger Jahre fiel, eroberte Amerika die ganze Welt wie im Sturm. Jazz, Jeans, die Filme Hollywoods, das Internet und nicht zuletzt amerikanische Wissenschaft und die englische Sprache traten einen Siegeszug über ganz Europa bis nach Asien an.

Wie so oft sollte auch in diesem Fall der Höhepunkt

zugleich der Beginn des Niedergangs sein. Dabei war eigentlich schon viel früher erkennbar, dass keineswegs nur die Finsternis auf der einen Seite, das Licht nur auf der anderen herrschte. Beide Großmächte trugen keine Bedenken, die Randgebiete ihrer jeweiligen Machtbereiche in dauernden Stellvertreterkriegen zu zermürben oder ganz aufzureiben. Der Friede in Europa wurde mit dem Leid in Vietnam, in Chile und vielen afrikanischen Staaten bezahlt. Großmächte stellen Ordnung in ihren Herrschaftsbereichen her – so wie das jeder einzelne Staat in seinem Inneren tut. So war schon das römische Reich vorgegangen. Es hatte den größten Teil der damals bekannten Welt erfolgreich befriedet, so dass man sicher von Britannien bis an die Grenzen des persischen Reichs reisen konnte. Zur gleichen Zeit war die Ausbeutung der unterworfenen Randgebiete durch das Zentrum notorisch und verlief in der Regel äußerst brutal. Aufklärung, Friede und eine Freiheit, welche das Recht einschloss, die Verhältnisse der Wahrheit gemäß zu beschreiben, galten für die Zentren der Macht, nicht für die umkämpften Randgebiete.

Das Jahr 1945 markierte den größten historischen Einschnitt

in der Geschichte Europas. Nach einer mehr als zweitausendjährigen Vorherrschaft hatte sich der Alte Kontinent mit einem 30-jährigen Bürgerkrieg mutwillig aus der Weltmitte hinauskatapuliert. An seiner statt waren nun die USA und die Sowjetunion zu Zentren der Macht worden. So ist es bis heute geblieben (nur dass China bereits im kommenden Jahrzehnt beide Großmächte überflügeln könnte). Anders gesagt, ist Europa nun selbst an den Rand gerückt und militärisch so unbedeutend, dass es ohne äußere Hilfe keinem Übergriff mehr gewachsen ist. 1989 mochte es noch so erscheinen, als hätte auch Russland sich für immer von der einstigen Rolle als Supermacht verabschieden müssen. Äußerlich betrachtet hatten die Vereinigten Staaten den Kalten Krieg durch Totrüstung des Gegners siegreich beendet. Doch der unglaublich schnelle Zerfall des sowjetischen Lagers hatte tieferliegende Gründe. Die Menschen in der DDR (1953), in Ungarn (1956), in Tschechien (1968) und schließlich in Polen (1981) hatten schon früher gezeigt, dass sie den Versprechungen des kommunistischen Regimes nicht länger glaubten. Der eigenen Ideologie zufolge hatte der Kommunismus das Paradies auf Erden gebracht, tatsächlich ging es den Menschen im Westen sehr viel besser. Doch solche Wahrheiten waren tabu. Jenseits des Eisernen Vorhangs hatte man mit der staatlich verordneten Lüge gelebt und musste fürchten, für das Aufzeigen der Wahrheit nach Sibirien verbannt zu werden. Gorbatschow hatte nur den Anstoß zur Auflösung des Regimes gegeben. In Wirklichkeit war dieses  an den eigenen Lügen von selbst zerbrochen – daher der so unglaublich schnelle Zerfall der Sowjetunion.

Das Treffen von Sergejewitsch Gorbatschow, dem großen Russen,

der heute in seiner Heimat als Verräter geächtet ist, mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan war einer der großen Momente der Weltgeschichte. Zwei ehemalige Feinde kommunizierten damals in derselben Sprache der Wahrheit, womit sie der Welt bewiesen, dass es diese als objektive die Menschen verbindende Realität tatsächlich gibt. Beide Männer waren sich des schauerlichen Wahnwitzes bewusst, dass die beiden Lager sich mit Waffen bedrohten, welche jederzeit das Ende der Menschheit auszulösen vermochten. Beide wollten eine neue Friedensordnung begründen – und die ganze Welt glaubte damals, dass dies sehr wohl möglich sei. Dieser Moment erschien wie eine Erlösung von dem Alpdruck potenzieller Selbstvernichtung. Das erklärt, warum er wie ein Aufatmen von den damaligen Menschen erlebt worden ist.

Warum liegt das alles bereits so unendlich fern von uns?

Warum ist aus dem Hoffnungsbringer Gorbatschow im eigenen Land ein geächteter Verräter geworden? Warum wurde Russland unter Putin abermals zu einer bis an die Zähne bewaffneten Großmacht, die auch ohne die kommunistische Heilsbotschaft erneut zum erklärten Gegner des Westens wurde? Und wenn wir schon diese Fragen stellen, warum ihnen nicht gleich eine noch etwas unerfreulichere anschließen? Warum wird die Politik in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump genauso von der Lüge beherrscht wie in Russland unter Wladimir Putin?

Offenbar ist nach dem Fall der Mauer

und der Auflösung der Sowjetunion etwas überaus schiefgelaufen. Die Deutschen hatten unter Hitler ein Regime hervorgebracht, das wenigstens so totalitär, so blutig und grausam war wie die Herrschaft Stalins. Dem besiegten Deutschland aber hatten die Amerikaner mit dem Marschallplan schnell wieder auf die Beine geholfen. Wir sollten niemals vergessen: Selten wurde ein besiegtes Volk so großzügig behandelt wie Deutschland nach seiner Niederlage.

Aber was geschah nach dem Fall der Mauer mit Russland? Das Land lag nicht nur am Boden, es wurde noch bewusst zu Boden gedrückt. Der Westen betrieb eine Wirtschaftspolitik, die Russland mit größeren volkswirtschaftlichen Verlusten bezahlte als selbst die fürchterlichen Leiden des Zweiten Weltkriegs. Damals fiel die Industrieproduktion der Sowjetunion „nur“ um 24 Prozent, in den zehn Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dagegen um nahezu 60 Prozent. Die Neunziger Jahre unter Boris Jelzin wurden von den Russen als äußerste Demütigung erlebt. Statt Dank dafür zu ernten, dass sie unter Gorbatschow die Diktatur freiwillig abgeschüttelt hatten und bereit waren, den Westen als Vorbild anzuerkennen, wurde ihnen der Fuß in den Nacken gesetzt: ganze Industriezweige über Nacht demontiert, Wissenschaftler abgeworben und (unter tatkräftiger Mitwirkung von Jeffrey Sachs) ein Privatisierungsprozess  forciert, der die wichtigsten Ressourcen des Landes an wenige Oligarchen verscherbelte. Damals war es ein offenes Geheimnis, dass man Russlands Ölquellen im Westen aufzukaufen hoffte, um den russischen Bären dann ganz unter eigene Kontrolle zu bringen.

Der kometengleich Aufstieg Wladimir Putins

ist nicht denkbar, ohne die unbedachte Demütigung Russlands durch die Vereinigten Staaten. Die einzigartige Weisheit im Umgang mit dem besiegten Deutschland, welche die Politik der USA nach ’45 ausgezeichnet hatte, kam im Falle des besiegten Russlands nach 1989 nicht mehr in Betracht. Wir müssen uns heute eingestehen, dass der dem Westen zunehmend feindlich gesonnene und dabei außerordentlich erfolgreiche russische Präsident Wladimir Putin ein Geschöpf verfehlter westlicher Politik ist.

Inzwischen sind deren Auswirkungen immer deutlicher zu spüren

Während die politische Lüge bis zum Fall der Mauer unzweifelhaft im Osten viel tiefer verwurzelt war, begann sie sich von da an in beiden Lagern mehr und mehr zu verbreiten. Skrupelloser Macht war es schon immer leichtgefallen, die Lüge an die Stelle von Wahrheit zu setzen. Selbst die Wissenschaft hatte sich politischer Willkür zu fügen. Wer offen gegen die Rassentheorie der Nazis polemisierte, konnte in einem Konzentrationslager enden; wer unter Stalin den Lyssenkoismus in Zweifel zog, musste damit rechnen, sein Leben in einem sibirischen Gulag zu beschließen.

Und wie verhält es sich damit in unserer Zeit, z.B. in den Vereinigten Staaten? Bis in die neunziger Jahre blieb die Leugnung der Darwinschen Deszendenztheorie auf eine kleine Zahl von ungebildeten Spinnern beschränkt, wie sie zu jeder Zeit in jedem Land existieren. Doch seit etwa drei Jahrzehnten sind die ideologisch verblendeten Spinner der wissenschaftsfeindlichen Evangelikalen zu einer breiten Strömung geworden, ohne deren Stimmen ein Donald Trump nicht zum Präsidenten geworden wäre. Zwar wagt selbst dieser Verächter der Wahrheit nicht, die Darwinsche Deszendenzlehre per Dekret als Fake zu erklären, aber ansonsten setzt er sich über wissenschaftliche Erkenntnisse (zu Corona z.B.) souverän hinweg. Wladimir Putin macht ihm vor, wie leicht das geht, wenn er den einhelligen Befund deutscher Experten, dass Alexej Navalny Opfer eines politischen Mordversuchs mit dem Nervengift Novitschok sei, als „unbewiesen“ vom Tische wischt (so wie die ganze vorherige Serie politischer Auftragsmorde niemals zugegeben wurden – angefangen von Sergej Juschenkow (2003 erschossen), Juri Schtschekotschichin (2003 vermutlich vergiftet), Paul Klebnikow (2004 erschossen), Anna Politikowskaja (2006 erschossen)Alexander Litvinenko (2006 mit radioaktivem Polonium vergiftet)Stanislaw Markelow (2009 erschossen)Natalja Estemirowa (2009 erschossen), Boris Nemzow (2015 erschossen), Wladimir Kara-Mursa (2017 vermutlich vergiftet), Sergei und Yulia Skripal (2018 mit Novitschok vergiftet), Pjotr Wersilow (2018 vergiftet) bis eben zu Alexej Navalny (2020 mit Novitschok vergiftet).

Natürlich sind politische Morde keine russische Spezialität. Beide Supermächte hatten niemals Bedenken, sie in den umstrittenen Randgebieten ausführen zu lassen. Die CIA hat ein langes Sündenregister bis hin zum gewaltsamen Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Allende in Chile, dessen einziger Fehler in der Absicht bestanden hatte, ein größeres Maß an sozialer Gerechtigkeit im eigenen Land zu verwirklichen. Im Gegensatz zum heutigen Russland unter Putin haben die USA allerdings im eigenen Territorium die elementaren demokratischen Spielregeln aufrechterhalten – und dieses Privileg galt ebenso für ihre engsten Bündnispartner wie Deutschland. Vieles deutet darauf hin, dass Präsident Trump – ein Bewunderer von Diktatoren wie Kim Jung-Un und Autokraten wie Wladimir Putin – diese Rücksichtnahme für das eigene Land gern außer Kraft setzen würde. Was wir heute sehen, gibt daher keinen Anlass zu Optimismus: Unter Putin und Trump sind sich die beiden Atomsupermächte Russland und USA beklemmend ähnlich geworden.

Ein schwaches Europa

ist dazu verdammt, ein Spielball der Supermächte zu werden. Randgebiete werden mitleidslos aufgerieben. Da hilft keine moralische Überlegenheit, sei sie nun real oder eingebildet – die hat den Schwachen noch nie genützt. Das war so zu Zeiten Roms, und das ist bis heute so geblieben. Europa muss stark sein – es muss stark werden, wenn es diesem Schicksal entgehen will. Angela Merkel hat dies deutlich gesehen, als sie davon sprach, dass Europa die eigene Verteidigungsfähigkeit stärken müsse.

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von Herrn Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg erhalte ich folgende Meldung:

Lieber Gero!

Deinem Artikel über die Wahrheit kann ich zustimmen, bis auf den letzten Satz. Da muss doch deutlich gesagt werden, was mit Verteidigungsbereitschaft gemeint sein soll. Ich verweise auf die beiden Artikel von Bürger und Harmsen (Anhang) die doch deutlich sagen, dass wir uns von der „Wahrheit“ der „nuklearen Sicherheitsdoktrin“ verabschieden müssen, weil die „beiden Lager sich mit Waffen bedrohen, die die Menschheit jederzeit auslöschen können“[1] (Gero Jenner!). Da müssen wir uns schon auf eine neue Wahrheitssuche begeben, die u.a. von Prof. Hanne Birckenbach vorgezeichnet wird, die (im Anhang) dieser sicherheitslogischen, die friedenslogische Konfliktbereinigung gegenüberstellt.

Das dazu, Dir einen recht guten Tag und Friede im Herzen und in der Welt,

Gerhard Loettel MD

[1]  so spitze ich auch die Wahrheit von Bürger zu, der lediglich ein Steinzeitalter als Folge sieht.

Meine Antwort:

Lieber Gerhard Loettel,

dazu würde ich am liebsten gar nichts sagen. Es gibt, wie ich an anderer Stelle in Anlehnung an Adorno schrieb, kein richtiges Handeln im Falschen. Die ganze Welt ist ein Pulverfass, jede Bombe mehr macht sie noch gefährlicher. Aber diejenigen, welche die linke Backe hinhalten, waren immer und sind heute noch genauso in Gefahr, von den Starken vernichtet zu werden. Wenn Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma weißt – ich weiß ihn nicht. Vermutlich muss die Menschheit erst eine Katastrophe erleben, um reif für ein Weltregime zu werden, das dann wirklich dann zum ersten Mal in der Geschichte alles Wettrüsten beenden und die Atomwaffen abschaffen kann.

Dr. Alexander Dill schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner, ich habe mich sehr gefreut, dass Sie erwähnt haben, dass die USA unter/mit Jelzin das russische Volksvermögen rauben wollten. Ich habe dies in einem Fernsehinterviewmit dem russischen Fernsehen letzten September gesagt:https://www.youtube.com/watch?time_continue=233&v=5mwZ93brnN0 Dieses wurde bisher 652.000 mal aufgerufen und hatte 1800 Kommentare. Ich weiß nicht, was Sie mit ‘stark’ für Europa meinen, wenn man zwei der stärksten Militärmächte mit überlegener Technologie und in Russland unbezwingbarem Stolz und Kampfeswillen gegenübersteht. Wenn in den USA täglich ein Schwarzer von der Polizei erschossen wird, gibt es keinerlei Sanktionen und NATO-Sitzungen. Wie Russland mit seinen Regimekritikern umgeht, kann uns allenfalls alsMenschenrechtsaktivisten interessieren, nicht aber als Staat in der diplomatischen Beziehung. Zur Zeit werden bei uns Demos in Berlin verboten und verteufelt, während sie für Minsk und Hong Kong gefordert werden. Europa – das ist auf EU-Ebene fast ausschliesslich Korruption. Ich sage dies als akkreditierter Lobbyist im EU Transparenzregister: http://ec.europa.eu/transparencyregister/public/consultation/displaylobbyist.do?id=761002330576-14. Europa würde durch die Beendigung der Korruption gestärkt. Durch die Beendigung der Rüstung und durch Investition in Technologie, Bildung und Umweltschutz. Aber nicht als Militärmacht gegen Russland.  Russland möchte seit Jahrzehnten Teil der EU werden. Die Türkei auch. Beides würde einen Grossteil der Probleme an den Aussengrenzen lösen. Selbst der Nahostkonflikt wäre schnell vorbei, wenn Russland und die Türkei in der EU wären. Und für die Menschenrechte in der EU, Herr Jenner, können Sie ja einmal maltesische und slowakische Journalisten konsultieren, Julien Assange im Londoner Gefängnis oder auch gerne die katalonischen Politiker im Gefängnis in Madrid. Oder politische Gefangene in der Bundesrepublik Deutschland, die von Amnesty International zur Betreuung mit der Begründung abgelehnt werden, es gäbe keine politischen Gefangenen in Deutschland. Europa ist keine Werte-, sondern eine Wirtschaftsgemeinschaft. Als solche soll und kann es ‘stark’ sein. Als Militär- oder Wertemacht nicht.

Herzlicher Gruß Ihres Dr. Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

ich schaue mir regelmäßig das englischsprachige Russia Today aber ebenso die beiden russisch-sprachigen Kanäle Perviy Kanal und Rossiya 24 an. Letztere sind streng zensuriert und geistig eher dürftig. Man sieht und hört den Journalisten an, wie sie gehorsam nach der Pfeife ihres Herrn tanzen müssen. RT (Russia Today) ist auch stark tendenziös, aber dennoch oft sehr interessant, weil westliche Dissidenten (wie Sie) dabei zu Worte kommen. Wladimir Putin weiß, warum er die Zügel im einen Fall so straff, im anderen so locker hält: Im eigenen Land sorgt er für intellektuelle Totenstille, aber den westlichen Liberalismus bringt man am besten um, indem man die Hähne gegeneinander antreten lässt. Was ich damit sagen will? Ich kann keinen Gefallen an Ihrem Vorschlag finden, Russland und die Türkei in die EU aufzunehmen. Damals, als Mitterand sich für diese Idee einsetzte, war Putin noch nicht an der Macht und es gab auch noch keinen Erdogan, als die Türkei zum Beitrittskandidaten wurde. Denken Sie, was mit Ihnen und anderen Intellektuellen geschehen wird, die so gern wider den Stachel löcken. Sie wären doch, wenn die intellektuelle Totenstille sich auch über Europa ausbreitet, der erste Kandidat für eine Behandlung mit Nowitschok, einen Schuss in den Nacken oder eine Einquartierung in einem türkischen Verließ! Aber es ist leider wahr, viele – gerade auch viele Intellektuelle – sehnen sich auch bei uns nach einer starken Hand. Diesem Bedürfnis vermag ich nicht zu folgen. Dennoch sind wir in einem Punkt sicher einig. Wenn wir das unheilvolle Wettrennen der Nationen beenden wollen, brauchen wir das Gespräch und den Kompromiss – anders geht es nicht.

Verzeihen Sie, dass ich auf Ihre Argumente nur so knapp antworte, andernfalls würde die Antwort weit mehr Platz in Anspruch nehmen als mein bescheidener Artikel.

Von Eginald Schlattner, dem bedeutenden rumänischen Schriftsteller deutscher Sprache, bekomme ich folgende Meldung:

Guten Morgen! Ganz Ihrer Meinung. Meinung, zu wenig gesagt.  Ihre Darstellung ist eine enzyklopädische Abhandlung.

Adam Tooze – Rückblick eines Kenners auf zehn Jahre Weltwirtschaftskrise

Vor kurzem (am 14. August) hatte ich das Glück, ein Interview mit dem britischen Historiker Adam Tooze im Österreichischen Rundfunk zu verfolgen. Ich war so beeindruckt, dass ich mir das Buch „Crashed. How a Decade of Financial Crises Changed the World“ (Allen Lane 2018) umgehend verschaffte – und so ist mit zwei Jahren Verspätung ein wichtiges Werk auch bei mir angekommen. Folgende Überlegungen sind aus der Lektüre hervorgegangen:

Wenn ein Autor großes Detailwissen mit der Fähigkeit verbindet, Dinge in ihrem Zusammenhang und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu sehen, dann beschert er dem Leser Aha-Erlebnisse. Das ist in dem Buch „Crashed“ von der ersten bis zur letzten Seite der Fall. Freilich ist Geschichtswissenschaft ohne einen wertenden Standpunkt des Autors nicht denkbar. Über ein Uhrwerk, eine chemische Verbindung oder ein Virus kann die Wissenschaft wertfrei reden, aber nicht über die Weltwirtschaft. Deswegen sollte man gleich zu Anfang bemerken, welche Position der Historiker in diesem Buch bezieht.

Tooze macht kein Geheimnis daraus, dass er sich dem linken Lager der amerikanischen Politik verbunden fühlt. Der Leser wird daher mit dem ganzen Ausmaß der ökonomischen und sozialen Zerstörungen konfrontiert, welche die Krise von 2008 und die darauffolgende Eurokrise bewirkten. Hier wird nichts beschönigt; diese beiden Krisen, so Tooze, hätten noch größere Verheerungen angerichtet als die Große Depression von 1929.*1* Das gilt für die USA, *2* aber mehr noch für die übrige Welt, vor allem das südliche Europa.*3*

Ausgegangen war die Subprime-Krise von den Vereinigten Staaten, und zwar speziell von den führenden amerikanischen Finanzinstituten, welche die Gier wohlhabender Anleger durch offenkundigen Betrug sowohl in den USA wie in Europa bedienten.*4* Von den großen Rating-Agenturen wurde der Betrug durch falsche Bewertung zusätzlich tatkräftig unterstützt.*5*

Soweit sind die Ausführungen des britischen Historikers nicht neu, interessant wird es, wenn Tooze den Mechanismus der Krise analysiert, nämlich die Kreditschöpfung einer Handvoll großer Investmentbanken.*6* Diese Institutionen seien, so der Historiker, keineswegs auf das Geld der Sparer angewiesen. Wie Notenbanken es bei der staatlichen Geldschöpfung immer schon tun, können sie Geld und Kredit gegen reale Werte erzeugen (wobei in diesem Fall Immobilien eine besondere Rolle spielten)*7*. Eine Krise bricht dann allerdings in dem Augenblick aus, da dem geschöpften Geld entweder keine Sachwerte entsprechen (dann kommt es ohne eine „Sterilisierung“ des Überschusses zu Inflation) – oder wenn umgekehrt die bestehenden Sachwerte in Zweifel geraten (das war beim Kollaps der Subprime-Immobilien der Fall).*8* Bei dieser neuen und modernen Art von Finanzkrise konnte es daher keinen Run auf die Banken geben, stattdessen kam es zu einem Einfrieren des Innerbankenverkehrs. Keine Bank konnte mehr sicher sein, dass die Wertpapiere der anderen tatsächlich noch einen Wert besaßen. Diese Erkenntnisse sind wichtig, weil sie besagen, dass die Schöpfung von Geld und Kredit – gleichgültig ob durch die Notenbanken oder von privaten Großbanken vorgenommen – diese niemals aus dem Nichts erzeugt, sondern in Entsprechung zu materiellen Werten. In dem Augenblick, wo das Vertrauen in diese Werte verlorengeht (wie bei den Subprime Immobilien der Fall), gerät das moderne Bankensystem ebenso aus den Fugen wie das klassische durch den Run der Sparer auf ihre Hausbanken. Nachdem die Subprime-Titel allen Wert eingebüßt hatten, blieben amerikanische Staatspapiere der letzte bis heute unangefochtene Anker der Stabilität.*9*

Eine überzeugende Hauptthese von Adam Tooze besagt, dass wir die Eurokrise als bloße Fortsetzung der Krise von 2008 verstehen müssen, welche ihrerseits durch neoliberale Deregulierung zustande kam.*10* An diesem Punkt tritt der britische Historiker als scharfer Kritiker in Erscheinung. Während die Amerikaner die richtigen Maßnahmen getroffen hätten, um das amerikanische Bankensystem überraschend schnell wieder funktionsfähig zu machen,*11* sei das den Europäern zunächst keineswegs gelungen.*12* Erst als die EZB unter Mario Draghi die amerikanische Medizin übernommen habe, sei die Gefahr einer Auflösung der Eurozone schließlich abgewehrt worden.*13* Prof. Tooze ist ein Kenner Europas und besonders Deutschlands, wo er eine Zeitlang studierte. Wenn er den Deutschen Provinzialismus, Unbelehrbarkeit und ein hegemoniales Auftreten gegenüber dem Rest Europas vorwirft,*14* dann ist das sehr ernst zu nehmen.

An diesem Punkt fühle ich mich berechtigt, der Darstellung des Experten zwar nicht zu widersprechen – keiner weiß so gut um die Fakten Bescheid wie er – aber doch eine andere Wertung vorzunehmen, die sich mit den Fakten gleich gut verträgt. Tooze singt ein Hohes Lied auf die Expertise der amerikanischen Finanz- und Politelite (die beiden Großparteien angehört und wie durch eine Drehtür vom privaten in den öffentlichen Bereich und umgekehrt wechselt)*15*. Aber es war diese Elite, so möchte ich doch betonen, welche die Welt zweimal in den Abgrund führte. Es war ihre Rücksichtslosigkeit und Gier, welche die Krise von 1929 ermöglichte und dadurch – wie ein anderer eminenter Historiker, Eric Hobsbawm, ausdrücklich betont – die wichtigste Ursache für den Aufstieg Hitlers und für den Ausbruch des zweiten Weltkriegs schuf.*16* Und es war, woran Tooze keinen Zweifel lässt, die Gier dieser Elite, welche die Krise von 2008 sowohl in den USA wie in Europa ermöglichte.*17*

Daher muss man es überraschend finden, wie sehr der britische Historiker die Leistung derselben Elite, welche das Unglück zu verantworten hat, bei dessen Bewältigung rühmt und dieser Leistung die Unfähigkeit der Europäer gegenüberstellt.*18* Ich denke, dass man Franklin D. Roosevelt mit Recht dafür loben kann, dass er mit dem berühmten New Deal den Kampf gegen das Monopol und die wachsende Ungleichheit begonnen hatte.*19* Aber was tat die amerikanische finanziell-politische Expertenelite, als sie die Krise von 2008 niederschlug? Sie hatte die bestehenden Mono- und Oligopole und die wachsende Ungleichheit zunächst einmal geschaffen*20*, aber diese bei der Bewältigung der Krise nicht etwa vermindert, sondern im Gegenteil noch vermehrt. Mit anderen Worten, hat sie die Symptome der Krise beseitigt aber keineswegs deren Ursachen. Gewiss, die Finanzjongleure, welche für die Krise verantwortlich waren, haben erfolgreich dafür gesorgt, dass es nicht zu einem Zusammenbruch kam oder gar – wie in den dreißiger Jahren – zur Machtergreifung eines Diktators und zu einem Krieg. Das ist eine gewaltige Leistung – die Wirtschaftswissenschaft hat aus der letzten Krise gelernt. Der Kardinalfehler einer deflationären Politik wurde vermieden. Aber die nächste große Krise kann sich jederzeit ereignen, weil nur die Symptome beseitigt wurden. Sollte man nicht der Meinung sein, dass es die Aufgabe einer Elite sei, die Ursachen zu derartigen Krisen – Oligopole und wachsende Ungleichheit – gar nicht erst entstehen zu lassen? Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn die Brandstifter zu Feuerwehrleuten werden?*21*

Zumindest hätte man doch erwarten dürfen, dass die für die Krise verantwortliche US-amerikanische Elite die eigenen Fehler eingesteht. Doch das ist bis heute nicht der Fall. Deswegen ist auch Trump, der Schreckliche, bis zu einem gewissen Grade im Recht, wenn er am selben Tag, als Biden mit seiner Antrittsrede als Kandidat glanzvoll in Erscheinung trat, den Geburtsort Joe Bidens in Pennsylvania für eine Rede wählte, um dort mit dämonischer Hellsicht den schwachen Punkt seiner Gegner freizulegen. „Biden verspricht euch, in jeder Stunde seiner Amtszeit als Präsident für das Wohl der Amerikaner zu wirken. Was hat er denn während des vergangenen halben Jahrhunderts getan, als bei euch in Pennsylvanien die Arbeitsplätze nach Asien verlegt worden sind?“

Solange eine Elite ihre Fehler nicht eingesteht, gewinnt sie ihre Glaubwürdigkeit nicht zurück. Das gilt, wie ich meine, auch für einen ihrer hervorragenden Vertreter, den Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen Arbeitsminister unter Clinton, Robert Reich, der in seinem Buch „The Work of Nations“ die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für die Auslagerung amerikanischer Industrien lieferte, aber inzwischen zu einem Kritiker von Ungleichheit und Monopolen wurde *22* – ohne allerdings seinen Anteil an dieser Entwicklung zuzugeben. Reich wollte die Amerikaner zu „Symbolanalytikern“ machen. Das ist ihm auch gelungen – der gesamte Finanzsektor, wo das große Geld gemacht wird, ist von ihnen bevölkert, aber der Durchschnittsamerikaner hat seine einst gut bezahlte Arbeit an die Chinesen verloren.

Tooze ist fasziniert vom hohen technischen Können der US-Finanzexperten und er belächelt die provinzielle Sturheit der Deutschen, die sich noch einbildeten, die Amerikaner belehren zu müssen, obwohl sie doch – zumal im Umgang mit Griechenland – so ziemlich alles falsch gemacht hätten.*23* Jedem hätte von Anfang an klar sein müssen, dass Griechenland seine Schulden nicht bedienen konnte und daher ein teilweiser oder auch ganzer Schuldenerlass (restructuring, haircut zu Lasten der privaten Gläubiger), wie ihn der IWF ja schließlich auch forderte, von vornherein die einzig richtige Lösung gewesen wäre. Stattdessen hätten Schäuble und Merkel pedantisch auf einer Rückzahlung der Schulden beharrt, nur dann seien Hilfsgelder zu rechtfertigen. Das sei aber von Anfang an absurd gewesen, da die Milliarden an Hilfsgeldern vonseiten des IWF und der Eurogruppe nicht den Griechen zugutekamen sondern nahezu ausschließlich an die Gläubigerbanken in Deutschland und Frankreich weitergereicht worden seien. Die Menschen in Griechenland wurden einer Tortur ausgesetzt, um ein warnendes Exempel für alle anderen potenziellen Austrittkandidaten zu statuieren: „Seht mal, das ist der Preis, den jeder zu zahlen hat, der die Spielregeln der Eurozone verletzt!“

Die monumentale Arbeit von Adam Tooze belegt, wie eng die finanzielle und ökonomische Verflechtung der Leitwährungs-Weltmacht USA mit dem Rest der Welt bereits gediehen ist.*24* Konkret hat dies zur Folge, dass Krisenerschütterungen der führenden Weltmacht (und zwar jeder führenden Macht, nicht nur der USA – so möchte ich ergänzen), zwangsläufig auf den Rest der Welt übergreifen. Als amerikanische Wertpapiere (die Subprime-Obligationen) ins Wanken gerieten, fror der Interbankenverkehr in Europa ein. Anschließend war es dann aber auch die FED als „lender of last resort“, welche allein fähig war, durch Drucken von Dollars dieser Versteinerung ein Ende zu bereiten. Wer sich abhängig macht, der liefert sich, ob er will oder nicht, eben auch den Spielregeln des Zentrums aus. Das hat Tooze für die Abhängigkeit der Welt von Amerika und der Dollarleitwährung einleuchtend demonstriert. Diese Abhängigkeit gilt aber – das halte ich für ebenso zwangsläufig – ganz genauso für das Verhältnis der Eurozone (und in einem geringeren Maße ganz Europas) zu der in dieser Region führenden Wirtschaftsmacht Deutschland – ganz gleich ob Deutschland das so beabsichtigt oder nicht.

Die Frage von Tooze, ob Merkel und Schäuble damals richtig gehandelt haben, als sie Griechenland einer so mörderischen Tortur aussetzten, bleibt dennoch im Raum. Ein Schuldenerlass, also ein offizieller Staatsbankrott, wie ihn, wenn ich mich recht erinnere, Hans-Werner Sinn frühzeitig forderte, hätte vermutlich sehr viel weniger Opfer gekostet. Griechenland hätte sich aus der Eurozone befristet verabschieden müssen, seine Kreditwürdigkeit wäre auf mindestens ein Jahrzehnt erschüttert – das wäre für alle übrigen Euroskeptiker ausreichend abschreckend gewesen. Bei der Bewältigung der Krise wäre es dann aber auf die eigene Kraft angewiesen. Die Griechen hätten einsehen müssen, dass ihr Unglück allein von ihnen selbst verursacht war. Es hätte für sie keinen Grund gegeben, andere dafür verantwortlich zu machen. Jedenfalls hätte diese Alternative den Vorteil gehabt, ihnen die zusätzliche Demütigung der von der Troika aus IWF, EZB und Kommission aufgezwungenen Tortur zu ersparen. Ich meine sogar, dass in diesem Fall dem Rest Europas, in erster Linie also Deutschland, eine viel bessere Rolle zugefallen wäre, denn sie hätten den Griechen nun freiwillig ein gewisses Maß an Hilfe zukommen lassen können. Da Griechenland seine Schulden ohnehin nicht bezahlen konnte und niemals bezahlen wird (wie der IWF frühzeitig erkannte), wäre eine Restrukturierung der Schulden oder ein vollständiger Schuldenerlass, sprich ein Staatsbankrott, die ehrlichere und wahrscheinlich auch eine sehr viel bessere Lösung gewesen, denn Griechenlands Wirtschaft war zu klein, um ganz Europa in den Sog zu reißen.

Adam Tooze spricht in seiner Analyse des Jahrzehnts zwischen 2008 und 2018 ausschließlich über akute Krisen – nicht über jene, die schon seit mindestens einem halben Jahrhundert im Untergrund schwelen. Deswegen sucht man in seiner 700 Seiten umfassenden Monografie vergebens nach Vokabeln wie „Ökologie“ oder „ökologische Nachhaltigkeit“, obwohl das Bewusstsein von einer bevorstehenden Umweltkrise von den Vereinigten Staaten ausgegangen und es ein amerikanischer Präsident – Jimmy Carter – gewesen war, der die große Umweltstudie „Global 2000“ in Auftrag gegeben hatte. Überdies war es Vizepräsident Al Gore, der in der Zerstörung der Umwelt die größte und folgenreichste Herausforderung unserer Zeit erblickte, und es war Präsident Obama, der ihm darin folgte. Warum finden wir in dem sonst so umfassenden Buch von Adam Tooze nur fünf beiläufige Hinweise auf die Klimakrise? Leider erweist sich Tooze damit als Realist, der die globale politisch-ökonomische Realität getreu widerspiegelt. Während der Weltfinanzkrise von 2008 sowie der bald darauffolgenden Eurokrise wurde die Umwelt schlicht vergessen – und dasselbe gilt heute für unsere Reaktion auf Covid-19. Man dachte und denkt ausschließlich daran, den ins Stottern geratenen fossilen Wohlstandsmotor wieder zum Laufen zu bringen – möglichst genauso schnell oder noch schneller als vorher. Auf diese, nach allem, was wir wissen, größten Krise der kommenden Zeit sind die Eliten keineswegs vorbereitet. Ihre Devise lautet: Alles so weiter wie bisher (einschließlich wachsender Ungleichheit und Umweltzerstörung)! Ich nehme an, dass Prof. Adam Tooze diese Wahrheit, ohne zu Zögern, zugeben würde.

Alle Zitate sind der ebook-Version von „Crashed“ mit Angabe der Position entnommen:

*1* On a global level, industrial output, stock markets and trade were all falling at least as fast in 2008-2009 as they had in 1929 (3456).

*2*  Across the country, class, not race, was the most important determinant of an American’s life chances, and the big story of his second term as president was rural white working-class despair. It was Appalachia—West Virginia and Kentucky—held back by structural change, educational failure and immobility, that lurched into the headlines (9176). Among white Americans, deaths from /drug/ overdose increased by 297 percent between 2010 and 2014 alone. Unlike in any other developed society, life expectancy among working-class white Americans had been decreasing since the early 2000s. In modern history the only obvious parallel was with Russia in the desperate aftermath of the fall of the Soviet Union (9181)…by 2013 the population of the urban core of Detroit had shrunk to 688,000, of whom 550,000 were African American. They were left behind in a city that was literally falling into ruin, burdened with debts running into the tens of billions of dollars (9067). As the crisis cut a swath across America, 65,000 homes in Detroit were foreclosed. Of those, 36,400 were considered of so little value that they were simply abandoned, joining a total stock of 140,000 blighted properties (9075). While the banks and lenders were bailed out, 9.3 million American families lost their homes to foreclosure, surrendered their home to a lender or were forced to resort to a distress sale (5938). As 2010 began, 3.7 million families were more than ninety days past due on their mortgage payments. Millions more were struggling to make ends meet, one or two months behind on their payments. Over the next twelve months 1.178 million homes would slide into foreclosure, the worst year of the crisis… The contrast in fortunes between Wall Street and Main Street was increasingly intolerable. The big banks had been bailed out. Some of the most unscrupulous bosses might face legal action, but they were not facing personal ruin. They retired to lifestyles of wealth and comfort.46 None had gone to jail… The bonus season in 2009 was better than ever, netting $145 billion for the executives at the top (6385). As 2010 began, 3.7 million families were more than ninety days past due on their mortgage payments. Millions more were struggling to make ends meet, one or two months behind on their payments. Over the next twelve months 1.178 million homes would slide into foreclosure, the worst year of the crisis… The contrast in fortunes between Wall Street and Main Street was increasingly intolerable. The big banks had been bailed out. Some of the most unscrupulous bosses might face legal action, but they were not facing personal ruin. They retired to lifestyles of wealth and comfort.46 None had gone to jail… The bonus season in 2009 was better than ever, netting $145 billion for the executives at the top (6385). The financial crisis of 2008 had revealed how in extremis national economic policy was subordinated to the needs of a cluster of giant transnational banks. Now, in the face of a dismal recovery, the correspondence between economic growth and the progress of a national society was being challenged from the bottom up. Could the national economy any longer be plausibly presented as a project common to all Americans? (9158). Obama insisted, there must be no more evasion, “this increasing inequality is most pronounced in our country …. [S]tatistics show … that our levels of income inequality rank near countries like Jamaica and Argentina” (9170).

*3*  Greece, Portugal, Ireland and Spain were driven into depressions the likes of which had not been seen since the 1930s (6608). In 2008 Greek unemployment had been 8 percent. Four years later it was rising inexorably toward 25 percent. Half of young Greeks were without jobs. In a nation of ten million, a quarter of a million people were fed daily at church-run food banks and soup kitchens (8717). As the housing market collapsed, Spain’s unemployment rate shot up. Of the 6.6 million increase in unemployment in the eurozone between 2007 and 2012, 3.9 million was accounted for by Spain—60 percent of that grim total. As bad as Greece’s situation was, it was small by comparison and accounted for only 12 percent of the increase in eurozone unemployment. Most catastrophic of all was Spain’s youth unemployment rate, which by the summer of 2012 had surged to 55 percent (8769).

*4*  The crisis… was… fully native to Western capitalism /genauer den USA/- a meltdown on Wall Street driven by toxic securitized subprime mortgages that threatened to take Europe down with it (Tooze 2018, 975). The competitive race for profit and market share among the banks… unleashed a regulatory race to the bottom (1821). The idea that social Europe” had deviated in any essential way from the logic of turbocharged financial capitalism” as exemplified by America was an illusion. In fact, Europe’s financial capitalism was even more spectacularly overgrown and it owed a large part of its growth to its deep entanglement in the American boom (2666). …every member of the eurozone was at least three times more overbanked” than the United States (2559).

*5*  … S&P had delivered just one more demonstration of how broken the ratings agencies were. It was their AAA certifications, handed out to hundreds of billions of subprime MBS /mortgage-backed securities/, that had helped to precipitate the crisis in 2008. It was their serial downgrades that were setting the pace of the crisis in the eurozone (8003). The regulators were utterly subservient to the logic of the businesses they were supposed to be regulating (1861). 

*6*  The overwhelming majority of private credit creation is done by a tight-knit corporate oligarchy… At a global level twenty to thirty banks matter. Allowing for nationally significant banks, the number worldwide is perhaps a hundred big financial firms (500).

*7*  Investment banks don’t have deposits. They borrow the money they lend on wholesale markets from other banks or institutional funds (1165). In modern finance, credit is not a fixed sum constrained by the ‚fundamentals‘ of the ‚real economy‘. It is an elastic quantity, which in an asset price boom can easily become self-expanding on a transnational scale (2436). Real estate is not only the largest single form of wealth, it is also the most important form of collateral for borrowing (998). Almost all human history can be written as the search for and the production of different forms of safe assets (1261). Without valuation the assets could not be used as collateral. Without collateral there was no funding. And if there was no funding all the banks were in trouble, no matter how large their exposure to real estate. In a general liquidity freeze, the equivalent of a giant bank run, no bank was safe (3150).

*8*  By the magic of independent probabilities, the worse the quality of the debt that entered into the tranching and pooling process, the more dramatic the effect. Substantial portions of undocumented, low-rated, high-yield debt emerged as AAA. In any boom, irresponsible, near criminal or outright fraudulent behavior is to be expected (1413). It was a bank run without deposit withdrawals. There had been no deposits. There was nothing to withdraw. For banks to find themselves a trillion dollars short, all that needed to happen was for major providers of funding to withdraw from the money markets (3190).

*9*  On a global scale over the next five years, the United States would be the only source of safe, Treasury-grade assets for investors worldwide. Whatever you might think of the Trump administration, if you needed to park a large volume of funds in safe government debt, there was no alternative to US Treasurys (11511). A huge class of AAA-rated private label securities had shown itself to be far from safe, so the demand for Treasurys was huge (6018).

*10*  It wasn’t the sovereign debt crisis of 2010 that halted Europe’s growth, it was the transatlantic banking crisis of 2008 (3351). America’s securitized mortgage system had been designed from the outset to suck foreign capital into US financial markets and foreign banks had not been slow to see the opportunity (1583). …foreigners owned a large portion of America’s houses. By 2008 roughly a quarter of all securitized mortgages were held by foreign investors (1586). …by far the largest purchasers of US assets, by far the largest foreign lenders to the United States prior to the crisis, were not Asian but European (1673). By the early 1980s both Britain and the United States had abolished all restrictions on capital movements and this was followed in October 1986 by Thatcher’s Big Bang” deregulation (1743). …the competitive race for profit and market share among the banks in turn unleashed a regulatory race to the bottom (1821).

*11*  Never before outside wartime had states intervened on such a scale and with such speed. It was a devastating blow to the complacent belief in the great moderation, a shocking overturning of prevailing laissez-faire ideology (3529).

*12*  In the United States and the UK the central banks were pushing liquidity into the banking system. By contrast, in the eurozone, it was the balance sheets of the banks that absorbed the sovereign debt (6037). … the failure to build new capital would leave the European banks in no position to absorb any further shocks. While the United States began to stabilize, in Europe the banking crisis of 2008 would merge a year later with a new crisis: a panic in the eurozone public debt market. The connecting thread between the crisis of subprime and the crisis of the eurozone was the fragility of Europe’s bank balance sheets (6573). As the Financial Times put it, the failure of the eurozone to restore stability on its own terms meant that by April 2010, the ‚rescue‘ of the euro, ‚the ultimate expression of European integration‘, depended on outsiders in international institutions and the US administration” (7037). Whereas tiny Latvia had needed only a few billion euros, now the IMF pledged 250 billion. It was by far the largest commitment the IMF had ever made to any program. The $1 trillion pledged to the IMF at the London G20 that was supposed to mark the advent of a new age of global firefighting would be deployed to rescue Europe (7115)

*13*  In retrospect, Draghi’s whatever it takes” speech has come to be seen as the turning point of the eurozone crisis. In the aftermath, markets immediately calmed (8910). ‚Whatever it takes‘ was, in fact, a form of surrender. The eurozone was finally giving in to what Anglophone economic commentators had been calling for all along. If only the ECB had moved to the Fed model earlier, as Obama had spelled out at Cannes, the worst of the eurozone crisis might have been avoided. What Draghi now promised was what Geithner, Bernanke and Obama had been preaching to the Europeans since 2010: Do it our way.”… The eurozone was saved by its belated Americanization (8989). Though the ECB did not purchase newly issued government debt, what it did do was to repo sovereign euro bonds.27 As the eurozone deficits ballooned, the ECB operated what was known informally as the “grand bargain.”28 It supplied hundreds of billions of euros in cheap liquidity to Europe’s banks in the form of the socalled Long-Term Refinancing Operation initiated in May 2009.29 The banks then bought sovereign bonds“ (6028).

*14*  In the spring of 2009 France and Germany had lectured the UK and the United States about financial stability. A year later they were reduced to calling on the IMF to help not just Greece but the eurozone as a whole (6611). In the space of barely three weeks, the German chancellor managed to tell the press that politicians should be responsible to markets and to tell the pope that politicians should make policy for the people” regardless of those markets (8064).

*15*  The revolving door that feeds government in America regularly rotates between public service and the corporate world (11398). Both the number one and number two positions at the Treasury were to be filled by men—Steve Mnuchin and Jim Donovan—with Goldman Sachs pedigree. Dina Powell, who moved to the influential assistant position at the White House, had formerly headed the bank’s philanthropic efforts. National Economic Council director Gary Cohn was formerly Goldman’s president.

*16* But for it /the Great Slump / there would certainly have been no Hitler“… „Would fascism have become very significant in world history but for the Great Slump? Probably not. Italy alone was not a promising base from which to shake the world…. It was patently the Great Slump which turned Hitler from a phenomenon of the political fringe into the potential, and eventually the actual, master of the country (Hobsbawm (1996), p. 86, 130).

*17*  Political choice, ideology and agency are everywhere across this narrative with highly consequential results, not merely as disturbing factors but as vital reactions to the huge volatility and contingency generated by the malfunctioning of the giant systems” and machines” and apparatuses of financial engineering (11989). The idea that ’social Europe‘ had deviated in any essential way from the logic of turbocharged ‚financial capitalism‘ as exemplified by America was an illusion. In fact, Europe’s financial capitalism was even more spectacularly overgrown and it owed a large part of its growth to its deep entanglement in the American boom (2666).

*18*  In the spring of 2010, Schäuble’s scheme was shot down, by friendly fire. Chancellor Merkel was no European federalist. She had no desire to reopen the terms of the Lisbon Treaty for which she had fought so hard and which was only just coming into operation (6923). She /Merkel/ was not about to endow Brussels with its own monetary fund. She was far too skeptical of Europe’s capacity for self-discipline (6925). A committee of the EU, the ECB and the IMF would make up the soon to be infamous “troika,” dictating policy to Greece and the other “program countries.” What was ruled out was restructuring. On that Washington sided with the French and the ECB. Existing Greek debt would be paid off with new loans from the troika, whether or not the result was sustainable (6997).

*19* Throughout the Nation, opportunity was limited by monopoly… For too many of us the political equality we once had won was meaningless in the face of economic inequality… A small group had concentrated into their own hands an almost complete control over other people’s property, other people’s money, other people’s labor – other people’s lives. For too many of us life was no longer free, liberty no longer real… Franklin D. Roosevelt 1932

*20*  Globalization had pushed top incomes up and lower incomes down. Since the 1990s, the impact of these factors had only increased. Imports of cheap manufacturers opened up by NAFTA and Chinese accession to the WTO benefited consumers, but depressed wages and robbed blue-collar Americans of secure manufacturing jobs and the health and retirement benefits that went with them. By 2013, experts close to the American labor movement estimated that the trade deficit with China had cost 3.2 million jobs and the competition of low-wage foreign labor had depressed the wages of the 100 million American workers without college education by $180 billion (9187). Between 1977 and 2014 the share of national income going to the top 1 percent before taxes and benefits had risen by 88.8 percent. After fiscal redistribution their share increased by 81.4 percent. Nor did the tax and welfare state prevent the share of the bottom 50 percent from declining from 25.6 to 19.4 percent (9202).

*21* Die Brandstifter von Goldman Sachs: On April 16, 2010, the SEC announced that it would be bringing charges against Goldman Sachs for misleading the investors to whom it had sold inferior quality mortgage-backed securities (6402). The revolving door that feeds government in America regularly rotates between public service and the corporate world (11398). Die Feuerwehrleute von Goldman Sachs: In his early days as Treasury secretary, Geithner was quite commonly described as being formerly of Goldman Sachs (6216). In 1993 /Robert/ Rubin had moved from his position at the top of Wall Street, as cochairman at Goldman Sachs, to serve as the first head of the National Economic Council, which Bill Clinton had called into existence as a counterpart to the National Security Council. Two years later Rubin was appointed Treasury secretary (690). Hank Paulson, like Rubin, moved to the Treasury from the CEO job at Goldman Sachs. (948) It was surely more than coincidence that MontiDraghi and Otmar Issing, Merkel’s favorite economic adviser, had all worked for Goldman. (8401) It was Draghi—an American-trained economist; a Goldman Sachs associate; a paid-up member of the global financial community; a “friend of Ben” /Bernanke/; an internationalized, urbane Italian, not a provincial German—who delivered this conclusion to the agonizing story of the eurozone crisis (8992). Both the number one and number two positions at the Treasury were to be filled by men—Steve Mnuchin and Jim Donovan—with Goldman Sachs pedigree. Dina Powell, who moved to the influential assistant position at the White House, had formerly headed the bank’s philanthropic efforts. National Economic Council director Gary Cohn was formerly Goldman’s president (11382).

Schon Harald Schumann hatte vom „Plutokratenfilz“ gesprochen (Global Countdown, 2008, S. 121).

*22*  What Reich now recognized was that much of this was “insufficient,” if not “beside the point,” because it overlooked a “critically important phenomenon: the increasing concentration of political power in a corporate and financial elite that has been able to influence the rules by which the economy runs …. The problem is not the size of government but whom the government is for” (9236)

*23*  If there was any justification for the protracted torture of Greece, it was the fear that an immediate debt restructuring would unleash contagion to other sovereign debtors across the eurozone and destabilize Europe’s banks, thus causing a far wider crisis (7372). Restructuring would have had immediate and devastating implications for the Greek banking system, not to mention broader spillover effects.” This was what was ultimately decisive (7159). …restructuring was an unpopular option with the creditors. As recently as 2007 Greece’s bonds had traded at virtually the same yield as Germany’s. They were widely held. At the end of 2009, of Greece’s 293 billion euros in public debt outstanding, 206 billion were foreign owned, 90 billion were held by European banks and roughly the same amount by pension and insurance funds (6644).

*24*  What drives global trade are not the relationships between national economies but multinational corporations coordinating far-flung value chains (424). … the world economy is not run by medium-sized “Mittelstand” entrepreneurs but by a few thousand massive corporations, with interlocking shareholdings controlled by a tiny group of asset managers (562). In 2008 that flow of dollars grew to such proportions that it rendered any effort to write a separate history of the American and European crises anachronistic and profoundly misleading“ (4333). Obama was left to remark: “We now live in a global economy where everything is interconnected, and that means that when you have problems in Europe and in Spain and in Italy and in Greece, those problems wash over into our shores” (8016). Greenspan declared, because “(we) are fortunate that, thanks to globalization, policy decisions in the US have been largely replaced by global market forces. National security aside, it hardly makes any difference who will be the next president. The world is governed by market forces.”… As Fed chair he had made the markets into the ultimate arbiter of American economic policy“ (11293).

Ich möchte hinzufügen, dass das Buch auch reich an Information über Asien und Russland ist, die ich in dieser knappen Besprechung nicht berücksichtigen konnte.

„Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ – Bemerkungen über ein erstaunliches Buch von Daniela Dahn

Es gibt Bücher – und sie bilden leider die große Mehrheit -, die man überfliegt, weil sie nicht mehr als nur Fakten bieten, die wir zur Kenntnis nehmen. Es gibt andere, bei denen jeder Satz wichtig ist, weil er eine Einstellung bekundet, das Verhältnis eines Menschen zur Welt ausdrückt und damit auch vom Leser eine Stellungnahme verlangt. Eine solches Buch habe ich vor kurzem lesen dürfen, seine Autorin ist Daniela Dahn. Sie schreibt über das Unrecht, das der deutsche Westen den Bürgern des Ostens angetan hat, und sie fordert den Westen auf, über das eigene Versagen nachzudenken. Was mich an diesem Buch so erfreut – auch wenn seine Thesen alles andere als erfreulich sind -, ist seine Ehrlichkeit. In Zeiten der generellen Unehrlichkeit, wo Argumente als Waffen im Kampf der Parteiungen dienen, ist das eine erfrischende Wohltat. Lassen wir die Autorin selber zu Worte kommen.

Über die ehemalige DDR und die heutigen neuen Bundesländer

Die Möglichkeiten, vermögend zu werden oder große Erbschaften zu machen, waren in der DDR genauso begrenzt wie die, großen Luxus zu kaufen. Das war nicht nur ein Nachteil. Es erleichterte den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Auch die Pädagogik der DDR konnte sich sehen lassen. Die Finnen machten kein Geheimnis daraus, dass ihr nach der ersten Pisastudie allgemein gelobtes Bildungssystem von der DDR übernommen war. Überrascht hat mich nicht der Fakt, ich hatte zumindest schon gehört, dass Entwicklungsländer wegen der guten Didaktik komplette DDR-Mathematik- und Physik-Lehrbücher übernommen hatten.

Auch an Emanzipation der Frauen fehlte es nicht. Wie erfrischend, wenn Daniela Dahn die neue politische Korrektheit der Me-too-Bewegung belächelt. Wir Ostfrauen waren viel zu selbstbewusst, als dass ungewollte Anmache ein gravierendes Problem für uns war. Natürlich gab es die, und auch bei uns waren die meisten Chefs Männer. Doch leider bestanden auch in diesem Fall die Westdeutschen darauf, alles besser zu wissen. Die Emanzipation der Frauen wurde umgehend zur Scheinemanzipation erklärt. Das überlegene moderne Familiengesetz, das einige Entwicklungsländer weitgehend übernommen hatten, wurde wie alle Gesetze unbesehen entsorgt.

Dahn beschönigt nicht, aber sie besteht darauf, Fakten nicht noch künstlich aufzublasen, auch wenn diese die Stasi betreffen. Zu keinem Zeitpunkt /waren/ mehr als 0,5 Prozent der 17 Millionen DDR-Bürger Opfer gezielter, operativer Berichterstattung… Hier kommt es allerdings nicht so sehr auf den tatsächlichen Umfang der Observationen an sondern darauf, welche Folgen diese für entschiedene Oppositionelle hatten. Im heutigen Russland und in China kommen sie reihenweise auf mysteriöse Weise um oder verschwinden. Wie war es in der DDR (Stichwort Bautzen)?

Frau Dahn wehrt sich gegen eine oft bewusst vorgenommene Fälschung der Fakten. Bis in die 1980er Jahre sei /so wurde von westlichen Quellen behauptet/.. der Völkermord an den Juden in der DDR ein «gänzlich unterdrücktes Thema» gewesen. So viel Desinformation macht sprachlos. Ich habe es genau umgekehrt wahrgenommen: Die DDR-Kultur hat dieses Thema früher und häufiger als in der Bundesrepublik aufgegriffen, kontinuierlich über die Jahre verfolgt, und das in einem Umfang, der bei vielen Menschen Überdruss auslöste... /einem Vortrag von Marion Neiss/ war zu entnehmen, dass von 1945 bis 1989, im selben Zeitraum also, in dem in der DDR die beschämenden 85 Schändungen passierten, in Westdeutschland 1400 Übergriffe auf jüdische Friedhöfe stattgefunden hatten… Aus einer repräsentativen Spiegel-Umfrage ging 1992 hervor, dass die Einwohner der neuen Bundesländer nur zu 4 Prozent antisemitisch seien, die der alten aber zu 16 Prozent. «Durchgängig äußern sich Ostdeutsche weniger antisemitisch, rechtsradikal und ausländerfeindlich als die Westdeutschen», hieß es da.

Frau Dahn redet Klartext, auch wenn sie über die ökonomische Entwicklung des Ostens spricht, die alles in allem ein eklatanter Misserfolg sei. Am Anfang der kurzen Rohwedder-Ära /August 1990 – April 1991/ wurde der Gesamtwert des DDR-Volkseigentums noch zwischen 600 Milliarden und 1 Billion DM taxiert. Am Ende der Treuhandtätigkeit war es gelungen, den Wert einer gesamten Volkswirtschaft, mit ihren riesigen, exportstarken und nicht selten mit Westtechnik ausgerüsteten Kombinaten, mit dem schuldenfreien Grund und Boden und allen volkseigenen Immobilien zu einem Wert von minus 330 Milliarden DM herunterzufälschen… Innerhalb kürzester Zeit gelangten in.. kolonialer Manier 95 Prozent des Volkseigentums in die Hände westlicher Unternehmer… /und/ in Ostdeutschland selbst sind immer noch 80 Prozent der Führungspositionen von Westlern besetzt. Egon Bahr kommentierte damals bitter: «In Ostdeutschland sind feudale, frühmittelalterliche Eigentumsstrukturen geschaffen worden, wie sie selbst in Afrika und im Orient vor zwei Generationen überwunden wurden… Der Süden Italiens hat gegenüber dem Norden ein Leistungsbilanzdefizit von knapp 13 Prozent, der Osten Deutschlands aber gegenüber dem Westen eines von mindestens 45 Prozent… Ein Vollbeschäftigter verdient im Schnitt monatlich immer noch 1000 Euro weniger als im Westen. Und: Die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland entspricht heute der von 1905. Vorindustriell. Das ist ein Menetekel… Ein wesentlicher Grund für diesen Zusammenbruch: Die osteuropäischen Märkte waren nicht weggebrochen, wie immer behauptet wird, sondern weggenommen… Statt die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Unternehmen … zu stärken, brachen 80 Prozent der DDR-Industrie zusammen.

Denn: Statt «zu einem hohen Beschäftigungsstand» führte die überstürzte Währungsunion zum Abbau von vier Millionen Arbeitsplätzen, während zur selben Zeit in Westdeutschland zwei Millionen neue geschaffen wurden… Die Zahl der bundesdeutschen Millionäre verdoppelte sich auf über eine Million, während im Osten mit der ersehnten D-Mark die Zahl der Arbeitslosen von null auf vier Millionen stieg…

Das Fazit der Autorin: Statt vom Erbe der DDR zu übernehmen, was an ihm gut und erhaltenswert war, wurde dieses Erbe insgesamt als wertlos verworfen und den DDR-Bürgern durch westdeutsche Arroganz alle Selbstachtung genommen – auch in geistiger Hinsicht: «Selbst mit den neugegründeten Verlagen zusammen werden in den ostdeutschen Bundesländern heute nur noch 2,2 Prozent der gesamten deutschen Buchproduktion erzeugt.» Leipzig, jahrhundertelang die «Nummer eins der deutschen Buchstädte, rangiert inzwischen auf Platz 16 hinter Göttingen, Saarbrücken und Heidelberg». Die Erinnerung an DDR-Kultur wurde so Gedanke um Gedanke ausgelöscht. Und systematisch ausgelöscht wurden selbst noch harmlose Zeugnisse der Vergangenheit wie Straßennamen: In Dresden sind fast 100 Straßen und Plätze umbenannt worden, oft zugunsten des auf Prunk versessenen sächsischen Adels. Namenlos wurden die vielen Schicksale der von den Nazis zu Tode gefolterten und hingerichteten Kommunisten.

BRD:

Daniela Dahn liegt es fern, mit Ressentiment über das vereinigte Deutschland zu sprechen, aber sie erlaubt sich, an staatlich und durch die Westpresse verbreiteten Vorurteilen kräftig zu rütteln. Im Osten Deutschlands sind nicht, wie Kanzler Kohl damals versprach, blühende Landschaften entstanden sondern sterbende – und eine Bevölkerung von Deklassierten. Daher sollte man sich über die Folgen nicht verwundern: Die Quittung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD… Die von Negt vorhergesagte Rebellion hat sich schließlich in Fremdenfeindlichkeit, Pegida und AfD entladen. Ein «neuer Nationalismus der Deklassierten» – genau das ist eingetroffen… Bevor der Rechtsextremismus die Mitte der Gesellschaft erreicht hat, kam er aus der Mitte des Staates… Und: Die Hauptverantwortung für das Erstarken des Rechtsextremismus im Osten trägt die politische Klasse im Westen.

Ich füge dieser in meinen Augen völlig richtigen Analyse hinzu, dass Le Monde Diplomatique die Wahl von Trump ähnlich beurteilt. In den „Swing States“ des Rust Belt waren es die durch Auslagerung in die Arbeitslosigkeit getriebenen Weißen (White Trash, wie man sie zusätzlich noch verhöhnte), welche Trump, den Schrecklichen, zum Präsidenten machten.

In diesem Zusammenhang wirft Daniela Dahn den Westdeutschen auch ein gutes Maß Heuchelei und falsche Selbstgerechtigkeit vor: Ohne die Vorarbeit des /nach dem Krieg von Adenauer beflissen geschützten/ Juristen Globke wäre der Holocaust nicht möglich gewesen /denn dieser hatte unter Hitler dafür die juristischen Voraussetzungen geschaffen/… Das erste Gesetz, das im Bundestag verabschiedet wurde, war 1950 das Amnestie-Gesetz für NS-Täter!… Zwei Drittel der 9000 westdeutschen Richter und Staatsanwälte hatten schon unter Hitler gedient. Und die Autorin wirft einen Blick auf die Auswirkung dieser Geisteshaltung auf die Gegenwartspolitik.

Gegenüber der Ukraine und Russland

Zweifellos war die trickreiche Zurücknahme der Krim ins eigene Staatsgebiet von russischer Seite ein eklatanter Verstoß gegen das mit der Ukraine getroffene Budapester Memorandum. Dieser Rechtsbruch hat die Zweifel, wie sehr man sich auf die Zusagen von Großmächten verlassen kann, auf gefährliche Weise verstärkt.

Aber das Vorgehen des Westens gegenüber der Ukraine war nicht weniger kurzsichtig – um es zurückhaltend auszudrücken. Statt dass der Westen den geschwächten Ländern diese Basis /eines weiteren Handels mit dem Osten/ gegönnt und zusätzlich attraktive Angebote aus Europa gemacht hätte, bestand er darauf, Kiew müsse sich entscheiden, mit wem es zusammenarbeiten wolle: entweder Fortschritt aus dem Westen oder Despotie aus Russland. Diesen fatalen Zwang kann man nicht unter Fehler abbuchen. Hier setzte sich vielmehr die von US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski beschriebene Absicht durch, in Eurasien keine Allianzen zu dulden, die den US-Führungsanspruch in Frage stellen… Die Folgen sind unübersehbar: Die EU ist dabei, die einstige Kornkammer der Sowjetunion zu ihrer eigenen zu machen. Das ist mit fortschreitender Deindustrialisierung verbunden. Heute ist die Ukraine das ärmste Land Europas… Es gibt nur sieben Länder in der Welt, die meisten davon in Afrika, in denen mehr einheimische Böden von Ausländern kontrolliert werden als in der Ukraine.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte der Westen aber auch Russland selbst nicht besser behandelt. Er habe eine Wirtschaftspolitik /betrieben/, propagiert und gefördert von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds, unter der Russland beispielsweise größere volkswirtschaftliche Verluste erlitt als während des 2. Weltkrieges. In dieser Zeit fiel die Industrieproduktion der Sowjetunion um 24 Prozent, in den zehn Jahren nach ihrer Auflösung um fast 60 Prozent.

Gegen politische Korrektheit und für Ehrlichkeit

Bevor ich auf die allgemeinen Schlussfolgerungen zu sprechen komme, die Daniela Dahn in ihrem Buch aus diesen Erkenntnissen zieht und die ich nicht mehr teile, möchte ich noch etwas zum Mut dieser Frau sagen, die keine Bedenken hat, den Mainstream politischer Korrektheit souverän zu missachten, z.B. das furchtbare Gendering, das inzwischen zu einer Orgie von Kleingeisterei ausartet. Diese Kleingeisterei und Heuchelei bringt sie mit einem einzigen Satz auf den Punkt, wenn sie sagt: Ein Zusammenhang von Jahrzehnten der sprachverschandelnden Lippenbekenntnisse und echtem Bewusstseinswandel ist nicht nachweisbar. Und: Wenn ich die Wahl habe zwischen politisch korrekt und sprachlich schön, entscheide ich mich zugegebenermaßen für das Schöne. Das ist auch weiblich. Eine erlösende Wahrheit!

Daniela Dahn entscheidet sich auch sonst für das Schöne und für das Menschliche, zum Beispiele wenn es um muslimische Kleidungsvorschriften für Frauen geht. Seither /nachdem sie selbst im Yemen sich darin kleiden musste/ halte ich Burka oder Nikab für eine spezifische Form der Gewalt gegen Frauen. Diese weder vom Koran noch von der Sunna geforderte Sitte erfüllt für mich den Straftatbestand der Körperverletzung, wenn nicht der Folter… 

Auch zu einem der größten Verbrechen der jüngeren Geschichte, dem Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001, äußert sie sich. Widersprüche und Fehlstellen – so kommt zum Beispiel der Einsturz des dritten Hochhauses, des WTC 7, in das kein Flugzeug flog, /in dem offiziellen Bericht/ gar nicht vor. Der Report veranschaulicht, dass es eine umfassende Untersuchung aller Umstände und offenen Fragen nie gab. In die Aufdeckung des Clinton-Lewinsky-Sexskandals ist achtmal mehr Geld investiert worden als in die Analyse des Tages, der die Welt veränderte… Ich habe einige der Recherchen über die Widersprüche zum offiziellen Abschlussbericht zum 11. September (9/11 Commission Report von 2004) interessiert zur Kenntnis genommen, ohne mich selbst daran zu beteiligen. Dazu fehlten mir die Zeit und die Kraft, vielleicht auch der Mut.

Vielleicht auch der Mut – von wie vielen anderen hört man ein so ehrliches Bekenntnis?

Warum ich trotz Daniela Dahn der Partei „Die Linke“ nicht beitreten werde

Die nun folgenden Einwände verstehe ich als Diskussionsbeitrag, denn ehrliche Autoren kritisiert man nicht sondern zählt auf ihre intellektuelle Offenheit. Es heißt in ihrem Buch: Irgendetwas Anerkennendes angesichts des Blutzolls von Abermillionen Toten, den die Sowjetsoldaten für die Befreiung von unserem Faschismus gezahlt haben, ist mir nicht begegnet.

Das wäre allerdings unverzeihlich, wenn es sich tatsächlich um Befreiung gehandelt hätte – Präsident Putin sieht das ganz genauso wie die Autorin. Neuerdings wird Stalin in Russland daher auch immer mehr als Befreier und Gegner des Faschismus rehabilitiert, was ich für eine krude Geschichtsfälschung halte, in Wahrheit hat Stalin Hitler bewundert und wollte bis zuletzt nicht glauben, dass dieser sein Land überfallen würde. Gewiss hat sich die Sowjetunion heldenhaft gegen den tückischen Überfall des Hitlerregimes gewehrt und dabei weit größere Opfer erlitten als die westlichen Alliierten – soweit die historische Wahrheit. Befreit hat sie sich und andere dabei nicht vom Totalitarismus sondern von einem brutalen Aggressor. Denn Stalins Regime war genauso totalitär, genauso mörderisch wie Hitlers sogenannter Nationalsozialismus – ich denke, dass braucht nach Hannah Arendt nicht weiter belegt zu werden. Wie kann ein totalitäres Regime andere Staaten vom Totalitarismus befreien, d.h. ihnen die Freiheit bringen? Tatsächlich wurde die sowjetische Diktatur nur über den Ostblock ausgedehnt. Die Aufstände in der DDR, in Ungarn, der Tschechoslowakei und in Polen und schließlich der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes beweisen, dass diese Länder Befreiung und Freiheit grundsätzlich anders verstanden haben.

Diese Wahrheit erscheint mir so evident – und die vom russischen Präsidenten seit einiger Zeit betriebene Geschichtsrevision so offensichtlich -, dass ich nicht ganz verstehe, wenn es im Buch weiter heißt: Wie viel Gehirnwäsche habt ihr eigentlich über euch ergehen lassen, um bis heute die Mär zu glauben, die Amerikaner hätten euch nach dem Krieg Freiheit und Demokratie gebracht? Es ging immer nur um: Kapitalismus first. Die Demokratie fand da ihre Grenzen, wo sie sich der Freiheit des Kapitals nicht unterordnete.

Nein, das stimmt in dieser Verkürzung nicht. Freiheit und Demokratie – genau das haben die Amerikaner (damals!!) gebracht, ja, und den Kapitalismus, der bis in die neunziger Jahre von der Bevölkerungsmehrheit durchaus nicht als Schimpfwort verstanden wurde sondern als ein Synonym für jenen Wohlstand, den die Ostblockstaaten bekanntlich genauso für sich ersehnten. Dort gab es Aufstände, aber mir ist nicht bekannt, dass sich Westeuropa jemals in gleicher Weise gegen Amerikas Dominanz empörte (seit Trump, dem Schrecklichen, könnte sich das freilich ändern).

Daniela Dahn verwendet das Wort Kapitalismus durchgängig so, wie es immer breitere Kreise heute verstehen, nämlich als das Übel schlechthin. Wenn sie sagt, die Amerikaner hätten immer zuerst an das Kapital und dessen Freiheit gedacht, dann meint sie, dass sie von jeher nur der Gier gehorchten. Doch diese Sichtweise missachtet die historische Wahrheit. Seit ihrer Unabhängigkeit im 18ten Jahrhundert waren die Amerikaner von der Überzeugung durchdrungen, dass der mündige Einzelne ohne Bevormundung durch den Staat die größte Freiheit für sich und seine Mitmenschen verwirklicht. Der lange Zeit so charakteristische Optimismus der Amerikaner hatte hier seinen Ursprung – im dem Vertrauen auf die Kraft des freien Individuums (Max Weber hat dessen religiöse Wurzeln beschrieben).

Wie wir heute erkennen, lag diesem Vertrauen eine große Naivität zugrunde, denn es hat dazu geführt, dass die reichsten acht Menschen nicht weniger als die Hälfte des gesamten globalen Vermögens besitzen.*1* Aber vor fünfzig Jahren, als es schien, dass ewiges Wachstum die ganze Welt immer wohlhabender machen würde, hat man sich über die Konzentration der Vermögen wenig Gedanken gemacht. Man sollte sich daher fragen, warum wir erst seit etwa zwanzig Jahren so hellhörig für die Kritik an den Amerikanern im Besonderen und dem Kapitalismus im Allgemeinen geworden sind? Diese historische Analyse vermisse ich in dem Buch von Daniela Dahn, stattdessen wird eine ideologische Bewertung des Kapitalismus vorgenommen. Allerdings muss ich Frau Dahn auch in diesem Fall das Kompliment zuerkennen, dass sie gleich auf den Kern der Sache kommt, also auf die Eigentumsfrage und den Wettbewerb.

Kapitalismus:

Privates Eigentum und Wettbewerb bilden die beiden Grundpfeiler des Kapitalismus – alles, was ihn, so würde ich es ausdrücken, abwechselnd zu einer Kraft der stürmischen Entfaltung oder zu einer Kraft der Zerstörung macht. Denn man muss ja blind für die historische Realität sein, um nicht auch seine reichtumschaffende Dynamik zu erkennen. Unter Mao wurde die Gleichmacherei zum ideologischen Prinzip erhoben und Wettbewerb, welcher zwangsläufig zu Ungleichheit führt, war verboten. Offenbar verträgt der Mensch die Zwangsjacke staatlich verordneter Gleichheit sehr schlecht, denn Maos Herrschaft war noch blutiger als die Stalins. Als Deng Xiao Ping dann plötzlich privates Eigentum und Wettbewerb zuließ, zeigte sich, was die Menschen wirklich wollten: Alle bisher unterdrückten Kräfte wurden schlagartig entfesselt. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten entwickelte sich China zu einer Supermacht. Seitdem sind die Chinesen so verliebt in den Kapitalismus, dass sie ihn der Welt als Sozialismus nach chinesischer Art verkaufen! Muss man da noch über die von Lenin bis Stalin verordnete Eigentumslosigkeit in den Kolchosen sprechen, welche überall im Lande zu Sabotage und Misswirtschaft führte, weil eben niemand Verantwortung für etwas trägt oder tragen will, das ihm nicht gehört? Muss man noch davon reden, dass Landreformen, welche die Massen zu verantwortlichen Eigentümern machten und zu Nutznießern eigener Leistung, überall den gleichen Aufschwung bewirkten?*2* Frau Dahn mag dies nicht zugeben sondern erklärt, die /westlich-kapitalistische/ Profitmacherei stand unter dem Vorbehalt, nicht nur einer kleinen Clique, sondern möglichst vielen Menschen mehr Wohltaten bieten zu müssen als die Kommunisten. Also in ihren Augen war dies nicht mehr als Taktik, um gegenüber den Kommunisten nicht schlechter dazustehen, aber diese Erklärung, liebe Frau Dahn, scheint doch reichlich gewunden.

Dennoch ist es völlig richtig, dass der Kapitalismus regelmäßig zu einer Kraft der Zerstörung wird. In China kann davon vorerst noch keine Rede sein, denn dank Wettbewerb und privatem Eigentum geht es den Massen dort mit jedem Jahr etwas besser – zum Teil sogar sehr viel besser -, doch gerade in den industriell hochentwickelten Staaten des Westens verhält es sich seit einiger Zeit gerade umgekehrt: den Massen geht es schlechter.

Der Grund scheint offensichtlich. Bleiben Eigentum und Wettbewerb sich selbst überlassen, dann werden die Intelligentesten und die Rücksichtlosesten und natürlich auch die Besitzer von Kapital zunehmend reicher und mächtiger, die Ungleichheit nimmt daher immer mehr zu. Während in einer Anfangsphase Privatisierung und Wettbewerb ein ganzes Volk mobilisieren und seinen Wohlstand gleichsam über Nacht heben können, schlägt mit zunehmender Ungleichheit und abnehmendem oder gar stagnierendem Wachstum dieser Prozess in sein Gegenteil um. Wenige werden weiterhin immer reicher, aber nun auf Kosten der Mehrheit, die im Gegenteil ärmer wird.*3*

Es sind nicht Eigentum und Wettbewerb an sich, welche für diesen Umschlag verantwortlich sind sondern die Tatsache, dass es bisher keinem Staat gelungen ist, beide im Sinne des Gemeinwohls so zu kontrollieren, dass sie ausschließlich ihre segensreiche Wirkung entfalten. Die große Frage ist, wie die grundfalsche kapitalistische Funktionslogik von Profitmaximierung durch Wachstumszwang, von Privilegierung der Privilegierten und Schwächung der Schwachen durchbrochen werden kann. Das ist allerdings die entscheidende Frage, und sie ist in einer globalisierten Welt schwerer zu beantworten als jemals zuvor, denn wir alle sind inzwischen Opfer

Im Wettrennen der Nationen um größere wirtschaftliche (und militärische) Macht:

Frau Dahn ist Realist genug, um sich der von der Globalisierung ausgehenden Zwänge bewusst zu sein. Sie erkennt, dass lokal begrenzte Alternativmodelle sich gegenüber der erbarmungslosen Logik des Marktes nicht durchzusetzen vermögenDas Problem ist nur, /gleichgültig/ ob Weinbau-Kooperative oder /kapitalistische Unternehmen/.. – sie alle unterliegen der brutalen Konkurrenz- und Marktlogik, die fordert, sich gegen andere zu behaupten oder unterzugehen… Und: dass private Anteilseigner, nur weil sie kleiner sind und sich mit anderen Kleinen zusammengetan haben, es sich deshalb schon leisten können, Tag und Nacht an das Gemeinwohl zu denken, ist eine linke Illusion.

Ja, so ist es, und was im Kleinen für Christian Felbers Gemeinwohlökonomie gilt und für viele andere Initiativen, welche unsere Welt schöner machen könnten, gilt auch für den Staat als ganzen, zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland. Nicht nur unter den drei Supermächten hat ein Wettrennen um die größere ökonomische (und militärische Macht) eingesetzt, das sich von Jahr zu Jahr verschärft, weil der Kampf um schwindende Ressourcen längst begonnen hat, sondern inzwischen sind weltweit sämtliche Staaten daran beteiligt. An einen Schutz der Schwachen, an Umverteilung oder gar daran, ein sinnvolles Leben allem anderen voranzustellen, ist unter solchen Bedingungen kaum mehr zu denken. Die Staaten werden nicht eigentlich vom Kapitalismus beherrscht, der eine bloße Methode zur Erlangung ökonomischer Stärke ist, sondern von dem Ziel, dem diese Methode dienen soll, nämlich der Erhaltung oder mindesten der Wahrung ihrer Stärke. Aber da Kapitalismus in aufstrebenden Staaten wie China und in kaum mehr wachsenden wie den Vereinigten Staaten jeweils andere Folgen hat, erstarkt im einen Fall die Mehrheit, im anderen dagegen nur noch eine Minderheit Superreicher.

Nehmen wir an, dass Frau Dahn Recht damit hätte, dass das Gemeineigentum, wie es ihrer Meinung nach in der ehemaligen DDR existierte, eine bessere Gesellschaft ermöglicht. Eine überzeugendere Option als die wirklichen Gemeineigentums hat sich mir nicht erschlossen. Ein Eigentum also, das nicht separaten Gruppen gehört, die damit immer separate Interessen verfolgen, sondern tatsächlich allen. Wenn dies wirklich das erhoffte Allheilmittel ist, dann müsste sich zeigen lassen, dass damit das Verantwortungsbewusstsein gestärkt und die Leistung – denn im Wettlauf der Nationen kommt es leider genau darauf an! – gehoben wird. Das Beispiel der DDR scheint diese Schlussfolgerung nicht nahezulegen. Ich bin daher ziemlich sicher, dass – unter den gegenwärtig herrschenden Bedingungen! – kein Staat die Theorie, geschweige denn die Praxis des Gemeineigentums übernehmen wird, aus Furcht dann im Wettlauf der Nationen zurückzufallen.

Ich bin mit Frau Dahn einer Meinung, dass wir in einer Zeit großer Krisen leben, aber diesen werden wir erst entgehen, wenn das Wettrennen der Nationen an ein Ende gelangt, denn, solange es besteht, gibt es kein richtiges Leben im falschen: Wir sind nicht mehr Herren unseres Schicksal sondern Getriebene.*4*

1. Laut einer Oxfam-Studie von 2016 verfügen gegenwärtig gerade einmal acht Privilegierte – Bill Gates, Amancio Ortega, Warren Buffett, Carlos Slim Helú, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Ellison und Michael Bloomberg – über das gleiche Vermögen wie 3,6 Milliarden der ärmsten Menschen, also die Hälfte der gegenwärtig lebenden Menschheit!

2. Das wohl beste Buch zu diesem Thema stammt von Daron Acemoglu und James A. Robinson (2012): Why Nations Fail. New York: Crown Publishers.

3. Es ist ein längst vor Thomas Piketti erhelltes Faktum, dass die Mehrheit für eine reiche Minderheit zahlen muss, sobald die Wachstumsrate unterhalb der Rate für Zinsen und Dividenden liegt.

4. Da es mir um eine Würdigung der Gedanken von Daniela Dahn und nicht um die Darstellung meiner eigenen VorsteIlungen geht, komme ich auf das „Wettrennen der Nationen“ nur in einer für den Leser vermutlich unbefriedigenden Weise zu sprechen. Ausführlich behandle ich das Thema in meinen letzten Büchern (Von Sinn und Ziel der GeschichteFrieden und Krieg; sowie in satirischer Überspitzung: Homo In-sapiens).

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Von Herrn K. E. Ehwald erhalte ich per Mail folgende Antwort:

Lieber Gero Jenner,

mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel über Daniela Dahns neues Buch „Der Schnee von gestern ist die Sindflut von heute“ gelesen. Ich erlaube mir aber dennoch, einigen Punkten Ihrer insgesamt sehr treffenden und wohlwollenden Ausführungen zu diesem Buch zu widersprechen.

1. Die sogenannte Nomenklatura lebte (mit einigen Ausnahmen wie Willi Stoph) keineswegs in einem dem westlichen Lebensstil entsprechender Politiker vergleichbaren Wohlstand, sondern relativ bescheiden. !971-1979 lebte ich mit Frau und 3 Kindern als glücklicher „privilegierter“ Inhaber einer 85 m2 Plattenbau-Wohnung aus dem Sonderkontingent des Werkes für Fernsehelektronik in Berlin-Köpenick. Eine Etage unter uns (In einer 115 m2 Wohnung noch privilegierter) lebte, ebenfalls mit 3 Kindern), die Familie des späteren kurzzeitigen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, der allerdings (ich glaube seit 1977) als Sekretär des ZK der SED dann zwangsweise (wohl aus Personenschutzgründen) samt Familie in ein kleines Einfamilienhaus in das Regierungsviertel bei Wandlitz im Norden Berlins umziehen musste. Bis dahin arbeitete seine Frau in einer nahegelegen Grundschule als  Unterstufenlehrerin, beide holten zu Fuß abwechselnd ihre aus der Schule oder dem Kindergarten ab, beteiligten sich an der Pflege der Grünanlagen und bemühten sich um eine nicht abgehobene Erziehung ihre Kinder. Viele bekannte Wissenschaftler, Künstler und Kleine Handwerksmeister in der DDR hätten über diesen Wohlstande nur gelacht.

2. Sehr viele Wissenschaftler, Ärzte, Wirtschaftsfunktionäre und dergleichen, aber auch viele einfache Arbeiter, arbeiteten in der DDR (und auch in der UdSSR) auf ihrem Gebiet selbstlos und engagiert, trotz hoher sozialer Sicherheit und niedriger materieller Anreize. Sonst hätte das System nicht so lange stabil funktioniert. Natürlich war, systembedingt und durch fehlende echte Konkurrenz, des fehlenden Anreizes, durch Werbung, ständige  modische Neuheiten usw. den Konsum zu steigern, das Waren- und Dienstleistungsangebot relativ ärmlich. Darüber haben wir schon im Zusammenhang mit Ihrem Aufsatz zur schönen neuen  Corona Welt diskutiert. Das heißt aber nicht, dass deswegen das Leben weniger lebenswert war, was viele Menschen erst nach dem Systemwechsel bemerkten, als die Anfangseuphorie verflogen war. 

3. Mein Fazit: Daniela Dahn hat nach meinen Lebenserfahrungen auch in den von Ihnen kritisierten Punkten recht, wenn sie das System gesellschaftlichen Eigentums als notwendige, wenn auch nicht hinreichend Voraussetzung für eine bessere Welt ohne die langfristig tödliche Konkurrenz des westlichen neoliberalen kapitalistischen Systems betrachtet.

4. Nach meiner Auffassung sind die derzeitigen politischen Systeme in China, aber auch seit dem Jahr 2001 wieder in Russland, ein ernstzunehmender Versuch, das Lebensniveau den reichen westlichen Industriestaaten durch zeitweises Zulassen  von Konkurrenz und sozialer Ungleichheit sowie durch nachholende industrielle Modernisierung wenigstens anzunähern, aber unter klarer Priorität staatlicher (gesellschaftlicher) Vorgaben im Sinne des Gemeinwohls gegenüber den „Oligarchen“. Man wird aber zur Lösung der ökologischen Probleme in naher Zukunft umsteuern müssen (und hoffentlich auch können), in Richtung auf eine moderne Planwirtschaft.

Ihr ergebener K. E. Ehwald

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Von Herrn Jörg Chemnitz erhalte ich folgende Mail:

Lieber Gero Jenner,

mit großem Interesse lese ich immer wieder Ihre Artikel, die ich wegen der überwiegend differenzierten Ausführungen schätze.
So auch der über Daniela Dahns Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“.
Schon in Ihrem Artikel war ich etwas verwundert darüber, wie einfach Sie das Konzept des Gemeineigentums mit dem Scheitern des sozialistischen Experiments in DDR bzw. Sowjetunion als untauglich abtun. Daher war ich erfreut, dass Sie einen Leserbrief angehängt haben, der die gegenteilige Ansicht vertritt.

Und ich bin ein wenig verwundert, dass Sie nicht Konsequenzen daraus gezogen haben. Für mich stellt es sich so dar, dass Sie beide Recht haben und auch nicht.
Das sozialistische Experiment ohne privates Eigentum hat seine Nachteile deutlich gezeigt, ebenso wie der außer Kontrolle geratene neoliberale Kapitalismus. Wettbewerb und Innovationskraft des Kapitalismus hingegen sind positive Kräfte, ebenso wie der Gemeinwohlgedanke des Gemeineigentums.

Die Zweischneidigkeit des Kapitalismus benennen Sie selbst:
„Privates Eigentum und Wettbewerb bilden die beiden Grundpfeiler des Kapitalismus – alles, was ihn, so würde ich es ausdrücken, abwechselnd zu einer Kraft der stürmischen Entfaltung oder zu einer Kraft der Zerstörung macht.“
Genau, und … diese positiven und negativen Kräfte gilt es auszugleichen.

Mir scheint die Lösung eigentlich simpel: Die positive Kraft des privaten Eigentums wirkt solange, bis die Kapitalkonzentration die Wirkung ins Negative verkehrt. Also muss die Kapitalkonzentration begrenzt werden. (bzw. da das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wieder reduziert werden.) D.h. ein Spitzensatz der Einkommenssteuer von 99% (und Enteignung übergroßer Vermögen). Feinheiten der Definition von „übergroß“ und ab wann der Spitzensatz gelten soll, erspare ich mir. Mir geht es ums Prinzip. Hingegen möchte ich noch einen Gedanken hinzufügen, der diese rein finanzielle Betrachtung etwas erweitert: Steuern kommt für mich von dem gleichlautenden Verb, die Bemessung von Steuern sollte daher auch ethische,
soziale, ökologische Faktoren einbeziehen, wie etwa in Felbers
Gemeinwohlökonomie.

Ein Problem dabei stellt der Machtkampf der Nationen um schwindende Ressourcen dar. Doch denke ich auch das wäre für ein Land wie Deutschland durch intelligente(s) „Steuern“ lösbar.
Statt des mühsamen Versuchs, Stärke über den Zugriff auf Ressourcen zu sichern, sollte die Innovationskraft dazu genutzt werden, sich von knapp werdenden Ressourcen unabhängig zu machen. Im Prinzip wie beim Umstieg von fossilen auf regenerative Energiequellen, nur konsequenter. Das würde eine Führungsrolle in Wissenschaft und innovativen Technologien –
zumindest fördern.
Und Deutschland ist zwar keine Weltmacht, aber groß genug, um andere Nationen zumindest zum Nachdenken über Nachahmung zu animieren. 

Herzliche Grüße

Jörg Chemnitz

Meine Replik auf beide Kommentare:

Falls man Herrn Ehwalds Bemerkungen über den eigenen Lebensstandard verallgemeinern darf, würde meine Bemerkung über den westlichen Lebensstandard einer privilegierten Nomenklatura der Korrektur bedürfen (ich habe die entsprechende Passage deshalb auch gelöscht). Im übrigen gibt es inzwischen viele Entwürfe für eine bessere Gesellschaft – ich selbst habe mich in meinen Büchern an diesen Versuchen beteiligt. Wir unterschätzen aber, wie sehr unsere Freiheit in einer globalisierten, bis auf die Zähne bewaffneten Welt inzwischen eingeschränkt ist. Aber dies hier ist nicht der Ort, um Wunschdenken zurechtzurücken, denn das habe ich an anderer Stelle ausgiebig getan.

.

Von Prof. Dr. Michal Kilian kommt folgender Kommentar:

Lieber Herr Dr. Jenner,
danke wieder für die Zusendung mit der glänzenden Rezension. 

Da ich von 1992 bis 2014 in der ehem. DDR gelebt habe, könnte ich zu Manchem (nicht zu allem) etwas sagen. Nur ein Aspekt: die sog. linksliberale Elite des Westens hat der DDR-Bevölkerung bis heute nicht verziehen, dass sie ihren Traum vom 3. Weg vermasselt hat. Daher der Hass und die Verachtung. Ich lese gerade Victor Klemperers TBer 1945-1960 zum zweiten Mal, da sieht man deutlich, welche Fehler die SMA und die SED damals gegenüber der Bevölkerung gemacht haben. 

Vieles in der DDR hätte man erhalten können, das ist sicher richtig. Und was die Treuhand gemacht hat, war in der Regel unsäglich. Auch hätte man die SED-Mitglieder  so weit wie möglich gewinnen können und müssen, denn dies war i.W. der aktivere Teil. Die Studenten, die wir aus der DDR übernahmen und nach westlichem System (unter Stress auf beiden Seiten) prüften, erwiesen sich als der beste Jahrgang, den wir je hatten. Die DDR wußte schon, wen sie zum Jurastudium zuließ – eben doch eine Art Auslese, fast alle sind etwas geworden. Auf bescheidenem Niveau war die Bevölkerung mit ihrem Leben zufrieden und verstand, zu feiern. Es wäre gut, das der heutigen Bevölkerung das, was nach corona an Erfahrungen bleibt, und was daraus zu lernen war, in Zukunft beherzigt. Ich bin in den neuen Ländern jedenfalls nicht einmal dumm angegangen worden und habe mich immer wohl geführt und bin auf die Leute zugegangen. Und es kam immer Positives zurück. Sogar durch Herrn Schabowski, den ich zu meinem Seminar einlud. Die Arroganz des Westens ist in keiner Weise gerechtfertigt und zeigt nur die ewige deutsche Zwietracht. 

Zum Schluß: was die Russen mit der Krim gemacht haben, war zu erwarten gewesen. Sie waren Siegermacht und haben 1990 ff. alles verloren. Nur eine Verlierermacht wie wir konnte erleichtert auf die Ostgebiete verzichten. Der russische Patriotismus kann dies nicht. Aber hier fehlt den westlichen Medien jegliches historische Einfühlungsvermögen (und woher soll es auch kommen). Offenbar hat man hier den Krimkrieg – was wunderts – völlig vergessen. Und dass sich die Chinesen  an ihre Behandlung durch den Westen erinnern (vom Opiumkrieg über die ungleichen Verträge bis 1903 ff.) errinnern, haben nur wir vergessen. Die Geschichte vergisst aber nichts, außer ein geschichtsvergessenes Volk wie das deutsche.  

Schönen Abend und herzliche Grüße, Ihr
Michael Kilian

Und noch der Zusatz:

Letzter Nachtrag zu Frau Dahn:
Das Herunterspielen der Stasi-Überwachung kann man nicht so stehen lassen. Ich habe eine Beziksverwaltung (Halle) mir angesehen: schlicht erschreckend. Die Stasi hatte am Schluß ca. 110 000 Planstellen einschließlich ihrer eigenen bewaffneten Kräfte  (gut 10 000) und ohne die IMs und geheimen Informanten. Und dies bei knapp 17 Mio. Einwohnern. Die Gestapo verfügte bei 70-80 Millionen über gut 20 000 Beamtenstellen. Von den Aktenmassen gar nicht zu reden. 

Grüße, M. Kilian

Von Dr. Johannes Heinrichs erhalte ich folgende Nachricht:

Vielen Dank für Ihren neuen, guten Beitrag, Herr Jenner. Ich würde mir aber wünschen, dass Sie den Begriff „Kapitalismus“ schärfer fassten, vielleicht von der Zins- oder Rendite-Problematik, von der Selbstvermehrung des Geldes her. Vielleicht haben Sie es anderswo. 

Auf den Titel des Buches von Daniela Dahn wurde ich jetzt erst aufmerksam. Er lehnt sich klar an an meine damals neuartige Formulierung in „Revolution der Demokratie“, 2003, S. 270; 2. Aufl. 2014, S. 245: „Ist das nicht für kritische und junge Leute alles schon Schnee von Gestern? (…) Mag sein, aber der Schnee von Gestern kann die Überschwemmungen und Verwüstungen von Heute und Morgen liefern.“ Ich nehme nicht an, dass ich in dem Buch genannt werde.

Herzliche Grüße! Ihr
Johannes Heinrichs

Meine Replik:

Lieber Herr Heinrichs. Besser als durch privates Eigentum und Wettbewerb kann man den Kapitalismus nicht fassen, da stimme ich Frau Dahn zu, denn die Vermehrung durch Zinsen, Pacht, Dividende etc. versteht sich auf dieser Grundlage von selbst. Der „Schnee von gestern“ wird in vielen Arbeiten beschworen. Ich glaube nicht, dass ein Autor sich da irgendwo „anlehnen“ oder gar abschreiben muss. Wenn wir beginnen wollten, auch für Metaphern Urheberrecht einzufordern… Viele Grüße. Gero Jenner

Herr Dr. Manfred Lotze schreibt Folgendes aus Hamburg:

Guten Tag Herr Jenner!

Ihrer Besprechung des Buches, das ich mir gleich nach Erscheinen gekauft und gelesen hatte wie schon mehrere von Daniela Dahn, stimme ich überwiegend zu. Nur Ihre Kritik an der „Bonzenoligarchie“ teile ich nicht, auch Ihre Verteidigung eines „guten“ Kapitalismus nicht. Die Gefahr des Untergangs alles höheren Lebens auf unserem Planeten durch die wahnsinnigen Aufrüstungen und Bedrohungen mit Massenvernichtung sind Teil des Kapitalismus. Sie selbst schreiben in Ihrem letzten Satz:

 „Ich bin mit Frau Dahn einer Meinung, dass wir in einer Zeit großer Krisen leben, aber diesen werden wir erst entgehen, wenn dieses Wettrennen an ein Ende gelangt, denn, solange es besteht, gibt es kein    richtiges Leben im falschen: Wir sind nicht mehr Herren unseres Schicksal sondern Getriebene.*4*“

Rainer Mausfeld belegt an historischen Studien die Gegensätzlichkeit von Demokratie und Gewaltfreiheit einerseits und der militärisch gesicherten Plutokratie mit dem USA-Imperium andererseits. Kennen Sie sein Buch „Warum schweigen die Lämmer?“ oder besser noch einige seiner Vorträge? 

Eine alternative Entwicklung, wie u. a. von Wolfram Elsner in „Das chinesische Jahrhundert“ beschrieben, zu der der „westlichen Wertegemeinschaft“ deutet sich mir in Ihrer Kommentierung nicht an.

Zwei Zitate, die auf die zunehmende Bedrohung weisen, sind Ihnen sicher bekannt:

–  „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ (Jean Jaurès )

–  „Die mechanische Zivilisation hat ihren höchsten Grad der Verwilderung erreicht. Man wird in Zukunft zwischen dem kollektiven Selbstmord und der intelligenten Verwendung wissenschaftlicher Errungenschaften wählen müssen.“ (Albert Camus um 1958)

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Lotze.

(Mitglied der IPPNW und der PDL)

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Lotze. Alle von Ihnen genannten Bücher kenne ich und schätze auch einige von ihnen. Ich fürchte dennoch, dass Sie einen verbreiteten Fehler begehen. Ein Messer kann man zum Schneiden von Brot und von Hälsen verwenden. Nur wird man, weil Letzteres jederzeit möglich ist, auf Messer nicht verzichten wollen. Das gilt auch für sämtliche menschlichen Institutionen – z.B. auch und gerade für Kirche und Religion, die ja im Laufe der Geschichte ebenso zum Heil des Menschen wie zu seinem Verderben wirkten. Und das gilt ganz genauso auch für Wirtschaftssysteme wie Kapitalismus und Kommunismus. Dennoch – da pflichte ich Ihnen bei: Es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Auch die Atomenergie können wir zum Wohl des Menschen wie zu seinem Untergang einsetzen. Aber in diesem Fall wiegt die zweite Alternative so schwer, dass es sicher gut wäre, die Nuklearenergie weltweit zu ächten.

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Die Erkundung von Ordnung (Gesetzen)

stellte immer schon die eigentliche Aufgabe der Erkenntnis dar. Dagegen wurde der Zufall lange Zeit als so störend und überflüssig empfunden, dass man seine Existenz überhaupt in Zweifel zog, und zwar gleich auf doppelte Weise. Beispielsweise konnte man mit Voltaire der Meinung sein, dass er lediglich unser vorläufiges Nichtwissen bezeichne. Diese Meinung kann sich auf handfeste Argumente stützen, denn unendlich vieles, was unseren Vorfahren noch als bloßer Zufall erschien, zum Beispiel Choleraepidemien oder Mondfinsternisse, hat die moderne Wissenschaft inzwischen von ganz bestimmten Ursachen ableiten und somit als gesetzhaft erklären können. Der Schluss lag daher nahe, den Zufall generell als bloße Lücke menschlicher Erkenntnis zu deuten. In dem Maße wie der Fortschritt der Wissenschaften diese Lücke mit Wissen füllt, würden wir ihn daher beseitigen und am Ende überall nur noch gesetzhafte Ordnung erkennen.

Das jedenfalls war die Meinung von Baruch de Spinoza ebenso wie von dessen großem Bewunderer, Albert Einstein, der die eigene Ablehnung des Zufalls bekanntlich in ein berühmtes Diktum gekleidet hat. „Gott würfelt nicht“, sagte Einstein. Mit anderen Worten, Gott schaffe nur Ordnung, denn Ordnung erschließt sich der Vernunft, ist rational. Dagegen haftet dem Zufall der Ruch des Wertlosen, des Irrationalen an. Zweifellos schwingt in seiner Herabsetzung die Vorstellung mit, dass uns hier etwas ganz Unbrauchbares und Überflüssiges begegnet.

Aber der Zufall ist mehr als nur eine Lücke unseres Wissens

Es war eine epochale Entdeckung, dass die Quantenphysik dem Zufall wieder zu einem Bleiberecht im wissenschaftlichen Weltbild verhalf. Die Königsdisziplin der Wissenschaften, die Physik, führte gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts neben der Ordnung und dem Berechenbaren (ausgedrückt in Gesetzen) deren genaues Gegenteil ein, nämlich die Abwesenheit von Ordnung – eben den Zufall. In der Quantenphysik wurde das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik aufgegeben, wonach man jeder bestimmten Wirkung auch eine ganz bestimmte Ursache zurechnen könne. Werner Heisenberg drückte das auf folgende Weise aus. „Zum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker… nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang… Wenn wir den Grund dafür wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert.. /worden ist/, so müssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst gehören, kennen, und das ist sicher unmöglich.“

Der Zufall hat die Welt der klassischen Physik,

die als durch und durch berechenbar vorgestellt wurde, um die Dimension des Unberechenbaren erweitert.*1* Jacques Monod hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er in den folgenden Sätzen über jene Geschichte spricht, die man heute als Evolution bezeichnet, während sie früher einmal als Schöpfungsgeschehen verstanden wurde: „Der Zufall allein ist die Quelle jeder Innovation, jeder Schöpfung in der Biosphäre. Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht.“

Der französische Biochemiker

würde allerdings nicht so emphatisch auf der Alleingültigkeit dieser Hypothese bestanden haben, hätte er nicht deren Gegner vor Augen gehabt, die religiösen „Animisten“, wie er sie nennt, die dem Geschehen der Evolution einen Sinn beilegen wollen. Doch diesen Sinn gebe es eben nicht. Der Wissenschaftler, gleichgültig ob Physiker oder Neurologe, könne in der gesamten Entstehungsgeschichte der Welt nichts anderes erblicken als einen gesetzhaften Mechanismus, der seine Fortentwicklung einem blinden, d.h. sinnlosen, Zufall verdankt. Und um ganz sicher zu gehen, dass jeder Leser das Ausmaß der von ihm behaupteten Sinnlosigkeit auch richtig erfasst, bezeichnet Monod den Zufall noch als „lärmendes Rauschen“ (engl. noise). „Man kann also sagen, dass dieselbe Quelle von zufälligen Störungen, von „Lärm“, die in einem nicht lebenden.. System nach und nach zum Zerfall aller Strukturen führen würde, der Stammvater der Evolution in der Biosphäre ist und für die uneingeschränkte Freiheit der Entfaltung verantwortlich ist.“

In diesen vernichtend trostlosen Zeilen

fasst Monod das Weltbild der modernen Wissenschaften zusammen. Wem sie aber noch nicht trostlos genug sind, der könnte die Absicht des großen Biologen noch mit einer Metapher ergänzen, die das Gemeinte auf bildhafte Art illustriert. In der Sicht der Propheten und Religionsgründer aller Zeiten saß ein Dichter wie Dante an der Schreibmaschine, um die göttliche Komödie zu verfassen, nur dass dieser Dichter Gott selber war, der den Kosmos dabei nach einem Heilsplan erschuf, den seine Geschöpfe verstehen können. Nach Vorstellung der großen Denker seit dem 17ten Jahrhundert fällt diese Rolle dagegen einem Affen zu, der sinnlos auf die Tasten eindrischt, wobei nach Verlauf von Äonen der Zufall die göttliche Komödie bzw. den Kosmos rein mechanisch hervorbringt. Gott repräsentiert im einen Fall die verkörperte Intelligenz und Weisheit, der Affe aber das genaue Gegenteil, die verkörperte Nicht-Intelligenz, einen Fall für das Irrenhaus.

Das Besondere beider Bilder liegt

meiner Auffassung nach darin, dass man sie beide falsch nennen muss – und zwar falsch nach den Maßstäben von Wahrheit und Wissenschaft.*2* Dass das erste der beiden Bilder nicht stimmen kann, wonach Gott ein Universum erschuf, dessen Heilsplan dem Menschen rational zugänglich ist, war den Wissenschaftlern früh aufgefallen – Monod steht da in einer vierhundertjährigen Tradition. Aber auch Albert Schweitzer, großer Theologe und noch größerer Mensch, bekennt sich zu dieser Einsicht. „Die raffinierten und hinterlistigen Versuche, die Welt in optimistisch-ethischem Sinne zu begreifen, haben keinen besseren Erfolg als die naiven. Was unser Denken als Erkenntnis ausgeben will, ist immer nur eine ungerechtfertigte Deutung der Welt. Gegen dieses Eingeständnis wehrt sich das Denken mit dem Mut der Verzweiflung, weil es fürchtet, dem Problem des Lebens dann ratlos gegenüberzustehen. Welchen /moralischen/ Sinn dem Menschendasein geben, wenn wir darauf verzichten müssen, den /moralischen/ Sinn der Welt zu erkennen? Aber es bleibt dem Denken nichts anderes übrig, als sich in die Tatsachen zu fügen“.

Eine eindeutige Stellungnahme! Die größten Religionskritiker hätten sich nicht deutlicher aussprechen können als Albert Schweitzer in diesen Zeilen, wenn er die moralische Deutung der Evolution als „hinterlistig“ bezeichnet. Seit Tausenden von Jahren haben Menschen ihren Göttern Heilspläne zugeschrieben, sie erdachten sich einen Sinn für die Welt, aber der wissenschaftlich nüchterne Beobachter muss feststellen, dass die Tatsachen mit keiner dieser mythologischen Konstruktionen im Einklang stehen.

Aber das Gegenbild vom blinden und sinnlosen Zufall

deswegen weniger falsch? Nein, man muss noch ein viel härteres Wort gebrauchen, mit dem man heute dieselbe Verdammung ausspricht wie in früheren Zeiten mit den Worten „atheistisch“ oder „gottlos“. Das Bild vom Affen, der rein mechanisch auf die Tasten drischt, ist schlicht „unwissenschaftlich“ und bleibt es auch dann noch, wenn man sich mit Monod damit begnügt, den Zufall als „blind“ und „sinnlos“ zu bezeichnen. Unwissenschaftlich heißt in diesem Fall, dass wir mehr behaupten, als wir je wissen können. Denn eine Sache können wir nur dann mit Eigenschaften belegen, wenn wir sie kennen. Doch genau das ist beim Zufall gerade nicht der Fall. Wir wissen nicht, was der Zufall ist und können ihn nicht künstlich erzeugen (schon gar nicht durch einen „Zufallsgenerator“!). Jeder Algorithmus, durch den wir ihn darzustellen versuchen, auch der komplexeste, erzeugt notwendig wiederholbare Ordnungen – also das genaue Gegenteil des Zufälligen. Wer den betreffenden Algorithmus kennt, ist daher auch in der Lage, sein Resultat vorhersagen. Den echten Zufall können wir überhaupt nur dadurch imitieren, dass wir die Wirklichkeit einbeziehen, indem wir einen bestimmten Algorithmus z.B. stets dann auslösen, wenn ein echter Zufall geschieht, z.B. wenn ein mit ihm verbundener Sensor auf der Straße eine Frau mit gelbem Hemd vorbeigehen sieht. Das ist dann ein genauso zufälliges Ereignis, wie wenn ein die Straße überquerender Passant von dem Ziegel erschlagen wird, der ihm plötzlich vom Dach her auf den Kopf fällt (Monod bedient sich dieses Beispiels, um den Zufall zu illustrieren).

Dies ist eine schlichte und dennoch entscheidende Erkenntnis. Sie besagt, dass wir uns vom Zufall grundsätzlich kein Bild und keinen Begriff machen können – oder anders gesagt, dass er das Gegenteil dessen repräsentiert, was wir wissen und sogar (gemäß Heisenberg): was wir wissen können. Der Zufall ist das schlechthin Unbekannte, Undeutbare, das keine Wissenschaft zu erschließen vermag. In diesem Sinne ist und bleibt er für menschliche Erkenntnis ein unlösbares Geheimnis.

Der Philosoph und der kritische Wissenschaftler

sehen sich daher genötigt, Monods Weltbild nicht nur als naiv sondern als wissenschaftlich unhaltbar zu bezeichnen. Die Welt ist nicht sinnloser Zufall und Notwendigkeit, sondern ihre beiden Grunddimensionen sind Ordnung und Geheimnis. Die Wirklichkeit stellt sich uns auf zweifache Weise dar, einerseits als Gegenstand unseres (vermutlich unendlich erweiterbaren) Wissens, andererseits aber auch als grundsätzlich unerkennbar, denn die Grenzen unseres Wissens ergeben sich aus dem unerkennbaren Zufall.

Auch für den gläubigen Menschen hat diese Erkenntnis Folgen. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann muss er sich mit Albert Schweitzer eingestehen, dass er den Sinn, den Gott der Schöpfung gab, nicht versteht. Das heißt aber keinesfalls, dass es keinen Sinn in ihr gibt. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob es etwas an und für sich nicht gibt oder nur für unser Erkennen. Der Biologe Rupert Riedl fand dafür das passende Bild. „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos“ /also jenseits der uns erkennbaren gesetzhaften Ordnungen/. Wissenschaft ist inzwischen imstande, unendliche viele Dinge aufs Genaueste zu erklären, z.B. warum uns eine Biene sticht, ein Vulkan ausbricht oder wie ein Handy funktioniert, aber sie kann uns nichts darüber sagen, warum diese Welt und ihre Ordnungen überhaupt existieren und welchen Sinn menschliche Existenz darin hat.

Der Unterschied wirkt sich auf allen Ebenen aus

Wie anders sieht z.B. Darwins großartige Evolutionsformel aus, sobald wir uns eingestehen, dass der Zufall nicht blind und nicht sinnlos ist sondern wir darin etwas sehen müssen, über das wir prinzipiell keine Aussage machen können, weil er für uns ein unlösbares Geheimnis ist? Darwin erklärt die Entwicklung der Arten aus dem Überlebenskampf, wo Individuen, die besser an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, einen Selektionsvorteil genießen und daher die größere Nachkommenschaft aufweisen. Karl Popper hat diese Theorie bekanntlich als „metaphysisch“ bezeichnet, weil sie sich nicht widerlegen (falzifizieren) lasse und daher auch nicht beweisbar sei. Warum weiße Birkenspanner auf der ebenso weißen Rinde von Birken keinen Selektionsvorteil mehr besaßen, als die Landschaften Englands langsam verrußten und die Falter auf der dunklen Rinde für ihre Fressfeinde plötzlich viel sichtbarer wurden, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die Umwelt, an die sich jedes Lebewesen anpassen muss, ist selten so eindeutig definiert. In der Regel ist sie äußerst komplex und verändert sich in jedem Moment. Von den Lebewesen verlangt sie daher simultane Anpassungen, die sich genauso aller Berechnung entziehen wie die Kräfte der ganzen Welt, die in einem bestimmten Moment auf ein Alpha-Teilchen einwirken. Deshalb hat Darwins Theorie nie geleistet, was der Physiker von seinen Gesetzen verlangt, nämlich Vorhersagen in die Zukunft. Selbst der überzeugteste Darwinist würde nicht wagen, die zukünftige Entwicklung irgendeines bestimmten Lebewesens, geschweige denn die des Menschen, zu prophezeien (es sei denn unter Laborbedingungen, wenn alle Umweltbedingungen künstlich auf ein Minimum reduziert worden sind).

Darwin selbst hat zu seiner Zeit noch nichts von den Mechanismen

gewusst, welche der Selektion ihr „Material“ zur Verfügung stellen, also genetisch unterschiedliche Individuen. Heute beschreiben Biogenetiker längst im Detail die Mechanismen, welche zu unterschiedlicher genetischer Ausstattung führen – z.B. endogene oder umgekehrt von außen bewirkte Fehler bei der Replikation des genetischen Codes. Wichtig ist, dass der Biogenetiker es hier mit zufälligen Veränderungen (z.B. Mutationen) zu tun hat, denn würden sie gesetzhaft verlaufen, dann wäre er ja in der Lage, die künftige Entwicklung eines Lebewesens zu berechnen. Anders gesagt, sind sich die Biogenetiker mit Jacques Monod darin einig, dass hier das Reich des Zufalls beginnt – die Abwesenheit von Gesetzen. Das vermeintliche Grundgesetz Monods lässt sich daher von der Physik ebenso auf die Biologie beziehen: „Die Entwicklung der Arten ist vollständig durch Zufall und Notwendigkeit erklärt.“

Aber was ist das für eine Erklärung, wenn der Zufall für unsere Erkenntnis

reines Geheimnis ist? Sobald wir diese Wahrheit anerkennen, erhält die Formel, welche Darwins – inzwischen wesentlich ergänzte – Lehre zusammenfasst, auf einmal eine ganz verwandelte Form. „Die Entwicklung der Arten wird vollständig durch Geheimnis und Notwendigkeit erklärt.“ Offensichtlich ist das eine contradictio in adjecto, denn diese Formel scheitert an einem inneren Widerspruch. Eine Erklärung kann niemals vollständig sein, wenn sie auf einem unauflösbaren Geheimnis gründet.

Diese Einsicht ist von grundlegender Art, denn sie nötigt uns zu erkenntnistheo­retischer Bescheidenheit. Die Wissenschaft vom Leben kann sich zwar ein voll­kommenes Bild von der Deszendenz der Arten machen, d.h. von ihrer Geschichte. Aber eine vollständige Erklärung ihrer Entwicklung wird sie nie bieten können, eben weil sie als Grundelement die wissenschaftlich undeutbare Dimension des Zufalls in sich birgt.*3*

Die Revolution der Erkenntnis, die mit dem 17ten Jahrhundert begann,

bestand in einer methodisch betriebenen Suche nach Wahrheit, die nun im Prinzip für jedermann auffindbar sein soll. Wissenschaft erkennt kein Machtwort von Autoritäten an, sie ist radikal demokratisch. Aber Wissenschaft war stets in Versuchung, selbst Machtwörter zu sprechen, und genau deshalb war sie von vornherein nicht nur Wahrheitssuche sondern immer auch durch Lüge gefährdet, zumal sie von Anfang an einen mächtigen Gegner hatte: die undemokratische Machtreligion, welche sich nicht auf Vernunft sondern auf vermeintlich unanfechtbare Autoritäten berief.

Um diesen mächtigen Feind zu bekämpfen, wie sie es seit dem 17ten Jahrhundert tat und Monod noch im zwanzigsten, gab und gibt sie vor, den Menschen eine genauso umfassende, totale Erklärung der Wirklichkeit bieten zu können wie es von jeher Anspruch und Absicht der Macht-Religion ist (im Gegensatz zur kritischen Religion, die nicht vorgibt, die letzte Wirklichkeit, also Gott, zu erkennen). In dem Augenblick, wo Wissenschaft diesen Weg beschritt, gleicht sie sich ihrem Gegner an, wird zur dogmatischen Macht-Wissenschaft. Aber immer wieder sind es kritische Wissenschaftler selbst, die sich dagegen wehren. Für den Mathematiker Gödel stand es aus logisch-grundsätzlichen Erwägungen fest, dass kein System über sich selbst hinausgelangt, es scheitert an prinzipieller Unvollständigkeit (Unvollständigkeitstheoreme). Wenn er es dennoch versucht, handelt er, um im Bild des Biologen Rupert Riedel zu bleiben, so wie ein Polizeihund, der sich einbildet, die Rauschgiftszene zu kennen.

Im Unterschied zur Machtreligion,

die, wie Albert Schweitzer vehement kritisiert, hinterlistig eine optimistische Weltsicht vorgaukelt, bietet Machtwissenschaft den Menschen allerdings eine überaus traurige Perspektive. Oder gibt es eine trostlosere Vision als die Philosophie des Nichts-Als, wonach Mensch und Kosmos eben nichts Besseres seien als Mechanismen, deren Entwicklung zudem durch den blinden, sinnlosen Zufall bestimmt wird? Das ist eindeutig jene Art Wertung, die sich Wissenschaftler üblicherweise verbieten, z.B. wenn sie die Verbindung von H und O zu H2O beschreiben. Da ist weder von großartig noch von trostlos die Rede – das Geschehen wird einfach in seiner Faktizität dargestellt. Mehr kann Wissenschaft nicht, wenn sie nicht selbst zur Ideologie werden will.

Wenn wir den Zufall, eine der beiden Grunddimension der Wirklichkeit,

als Geheimnis bezeichnen, dann ist das keine Wertung sondern wir benennen ein Faktum, denn wir wissen nicht, was der Zufall ist, abgesehen davon, dass er für uns das Gegenteil aller erkennbaren Ordnung repräsentiert. Und deswegen müssen wir das Weltbild Monods, das heute auch das der meisten Wissenschaftler ist, entschieden zurückweisen und es durch ein anderes ersetzen. Wirklichkeit ist eine Architektur aus erkennbarer Ordnung und unerkennbarem Geheimnis.

Neu ist diese Erkenntnis nur für die Machtwissenschaft und die Machtreligion. Kritische Religion, zu deren größten Vertretern der Mystiker Meister Eckart gehört, hat immer darum gewusst. Kritische Wissenschaftler wie Kurt Gödel oder der vermeintliche Positivist Karl Popper, der Biologe Rupert Riedl (und viele andere mehr) haben das ebenso erkannt. Aber aus Furcht, die eigenen Grenzen zugeben zu müssen, beharren Machtreligion wie Machtwissenschaft auf der totalen Erklärung, die eine, indem sie der Welt künstlich eine optimistischen Heilsplan unterstellt, die andere, indem sie die Welt zu einem Nichts entwertet.

In unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik

die Wirklichkeit tiefer und umfassender umgestalten als das jemals die Religion vermochte, stehen wir nicht nur vor einer geistigen sondern einer nicht minder großen materiellen Bedrohung. Die größte Errungenschaft unserer Zeit: wissenschaftliche Wahrheitssuche, droht in praktizierte Sinnlosigkeit umzuschlagen, weil unser immenses Wissen und Können uns dazu verführt, den grünen Planeten, auf dem uns die Evolution bis heute ein einzigartiges, wunderbares Zuhause bot, nach und nach unbewohnbar zu machen. Welch ein eklatanter Widerspruch! Homo sapiens, der am höchsten entwickelte Primat, bringt es zwar fertig, jene Fahrzeuge zu erfinden, die ihn zu einem anderen Planeten im Sonnensystem tragen können. Es ist längst nicht mehr unrealistisch, dass er auf den öden Steinwüsten des Mars mit Luft gefüllte Containergefängnisse errichtet, wo er dann ein trauriges und abgeschiedenes Leben wie in einer Sibirischen Strafkolonie führt. Aber er bringt es nicht fertig, seinen eigenen Wohnraum, diese Erde, für eine nachhaltige Existenz zu sichern. Wissenschaft hätte uns die Möglichkeit bieten können, das Leben hier auf der Erde zum Paradies zu machen; wir sind aber im Begriff, die Erde mit ihrer Hilfe in eine unbewohnbare Hölle zu verwandeln.

Nobelpreisträger vom Rang eines Jacques Monod

haben mit der falschen, unwissenschaftlichen Philosophie des Nichts-Als diese Entwicklung geistig vorbereitet. Warum sollte man sich einer sinnlosen Welt, einem sinnlosen Leben gegenüber irgendwelche Hemmungen auferlegen? Diese Einstellung lässt die Zerstörung der Welt ebenso zu wie ihre Erhaltung – beides ist gleich weit von allem Sinn entfernt. Das ist, wie ich es nennen möchte, „falsche Aufklärung“. Wir dürfen uns daher nicht darüber wundern, dass sie eine säkulare Gegenreaktion provoziert. Die Renaissance fundamentalistischer Religionen ebenso wie das erschreckende Wuchern von artifiziellem esoterischen Sinngebräu soll die Leere ausfüllen, welche die Lüge des Nichts-Als in den Köpfen erzeugte. Wie so oft der Fall treibt der Fanatismus der einen den der anderen hervor, denn auch Monod lässt ja keinen Widerspruch zu: „Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht“ (meine Hervorhebung).

Der Dogmatismus der „Machtwissenschaft“

wird auch noch auf andere Art widerlegt. Es hätte genügt, dem Geheimnis des Zufalls einmal nicht im Großen und Ganzen von Kosmos und biologischer Evolution nachzuspüren, wo wir es nie enträtseln werden, sondern in uns selbst. Denn Evolution ereignet sich ja im Hier und Jetzt und in jedem Lebewesen. In dem Augenblick, wo wir ihn uns selbst aufsuchen, erleben wir ihn unmittelbar als sinnvoll, z.B. in der Musik. Ihre elementare Wirkung auf unsere Psyche beruht auf der Resonanz, dem Wiedererkennen. Wir lieben die Schönheit einer musikalischen Architektur, z.B. einer Sonate von Mozart oder Bach, weil sie nicht nur als äußere Tonfolge auf uns einströmt, sondern die Elemente dieser Ordnung bereits in uns vorhanden sind, so dass es zu einer Wiederbegegnung kommt. Der musikalische Genuss kommt ja gleichermaßen von außen wie von innen, ohne Resonanz, d.h. unser aktives Miterleben, würde Musik nichts in uns bewirken.

Aber Musik ist weit mehr als nur bestimmte Ordnung oder Architektur, die wir als Teil unserer Kultur verinnerlicht haben; sie ist zugleich Ausbruch aus dieser Ordnung, unberechenbares Spiel mit den architektonischen Grundelementen. Eine Musik wird schlecht, langweilig oder kitschig, wenn sie uns berechenbar erscheint, weil sie tonal oder rhythmisch nichts Neues zu bieten hat, wir also in jedem Moment ihren weiteren Verlauf schon vorausahnen können. Die große Musik überrascht uns gerade dadurch, dass wir mit größter Intensität wieder-erkennen, und sie uns doch als völlig unberechenbar erscheint, weil wir die auf uns einströmenden Einfälle, Variationen, plötzlichen Entdeckungen eben nicht voraussehen, geschweige denn vorausberechnen können. Dadurch erhält der Zufall, dort wo wir ihn selbst erleben, eine Qualität, die weit hinausreicht über alles bloß Zufällige. Wir erleben ihn als den höchsten Sinn überhaupt, weil er sich als Quelle des Glücks erweist. Er ist Kreation, aber nicht von Sinnlosigkeit sondern von Fülle. Das aber gilt nicht nur für die Musik sondern für alle kulturellen Kreationen, die ja unseren eigenen, den menschlichen Beitrag zur Evolution darstellen. Auch in diesem Fall bleibt das dadurch erfahrene Glück ein Geheimnis, das wir auf keine Formel bringen können, aber seine Wirkung ist deswegen nicht weniger real. Real genug jedenfalls, um das trostlose Weltbild Monods, das dem heute vorherrschenden weitgehend entspricht, entscheidend zu modifizieren.

*1* Dass der Zufall in wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicht von null bis eins reichen kann, also von totaler Unvorhersehbarkeit bis zum sicheren Eintreten eines Ereignisses, besagt nur, dass der Übergang von erkennbarer Ordnung zu unerkennbarem Chaos ein gleitender ist.

*2* Vgl. mein Buch „Schöpferische Vernunft“.

*3*  So wie wir einer potentiellen Unendlichkeit gegenüberstehen, wenn wir die Gesamtheit der Fakten erfassen wollen, an welche ein Lebewesen sich anpassen muss, so haben wir es auch mit einer potentiellen Unendlichkeit von möglichen Reaktionen auf diese Gegebenheiten zu tun. Wir haben Magnetfelder, infrarotes und ultraviolettes Licht, Ultraschall etc. als mögliche sensorische Fähigkeiten bei bestimmten Lebewesen erkannt, womit diese sich Überlebensvorteile verschaffen, aber wir wissen nicht, wie viele andere Phänomen es gibt, welche die Lebewesen zu diesem Zweck noch verwenden könnten. Schon aus diesem Grund fehlt Darwins Lehre die prognostische Fähigkeit.

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Von Herrn Hans Oberländer aus Jena erhalte ich per Mail folgende Rückmeldung:

Sehr geehrter, lieber Herr Jenner,

Ihr letzter Essay beeindruckte mich ungemein. Weil Sie nach meinem Empfinden Evolution in ein bisher so nicht erfahrenes philosophische Licht rückten und so meine Weltanschauung bestärkten – ich zähle mich zu einem „modifizierten intelligent Designer“. Gemeint ist, dass das Göttliche sein großartiges Naturgesetz Evolution nicht einfach „kalt ablaufen“ lässt, sondern Einfluss nimmt. In der Nähe von Bifurcationen verwirklichen sich dann extrem unwahrscheinliche Potentialitäten. Ein beobachtetes Beispiel nannte ich Ihnen wohl bereits: Dass ich Ihnen hier schreiben kann und nicht wie alle anderen Menschen atomar während 40 Jahre Kalter Krieg vernichtet wurde, ist mit kleiner ein tausendel extrem unwahrscheinlich und für mich indirekter Beweis der Existenz des Göttlichen, Urgrund und Schöpfer allen Seins. Mystik in ihren drei Hauptstufen Eingebung, Allbewusstsein, Auftrag ist hierbei bedeutungsvoll, siehe Kurztext „Über Mystik“.

Ich wurde durch Ihr Essay zum Nachdenken angeregt und habe meine Überlegungen Ihrem Text als Fußnoten angefügt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie sollten als respektvolles Weiterdenken verstanden werden. Für mich besteht Geistige Evolution maßgeblich darin, dass jemand eine Idee, ein Konzept entwickelt, welches nicht vollkommen ist, ja (als Erstimpuls) kaum sein kann. Stößt es auf kritische, ja ablehnende Resonanz, führt es zum Effekt des Weiter- oder Konträrdenkens anderer, zu dem es ohne den Erstimpuls nicht gekommen wäre. 

Herzlich grüßt aus Jena Ihr Oberländer

Meine Replik:

Lieber Herr Oberländer,

Göttliches, für den Menschen begreifliches Design (gleichgültig ob modifiziert oder nicht) ist jene vorherrschende Deutung des Weltgeschehens, welche wohl 95% aller Menschen für die einzig richtige hielten, weil es ein verständliches Wunschbild ist. Albert Schweitzer und meine Wenigkeit sind da anderer Meinung. Gewiss, „Geheimnis“ ist weniger befriedigend als Design, aber viel befriedigender als „sinnloser Zufall“ – vor allem aber ist diese Alternative rational begründbar. Sie steht mit allem in Einklang, was wir wissen und wissen können!

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Von Herrn Bernd Winkelmann aus Adelsborn bekomme ich – per Mail – folgende Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Dr. Jenner.

Ihr Aufsatz „Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion“ ist für mich mal wieder Anlass, mich für die Zusendungen Ihrer Schriften zu bedanken. Diese Letzte kam gerade zur rechten Zeit, da ich mich z.Zt. mit diesen Fragen einmal mehr befasse; so in dem Versuch einer kleinen Studie „Gott ist im Werden – Skizzen einer posttheistischen Evolutionstheologie.“

Ich kann Ihren Ausführungen generell zustimmen. Sie sind für mich eine sehr hilfreiche Anregung. 

Hier nur einige eigene Gedanken und Fragen dazu:

  • Wenn „Zufall“ nur das Noch-Nichtwissen von Ursachen-Folge-Ketten ist, dann ist die Welt voll determiniert und es gibt keinen wirklichen Zufall (und auch keinen freien Willen). Auch der Dachziegel, der vom Dach fällt und einen Mann trifft oder nicht trifft, wäre in einer unendlich langen Ursachen-Folge-Kette von Ziegel und Mann bestimmt.
  • Sehr gefällt mir ihre Grunddimension „Ordnung und Geheimnis“. „Geheimnis“, wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Offene, nicht rational Fassbare, aber eben nicht einfach Zufall oder Willkür. „Geheimnis“ meint mehr als „unbekannt“. Im Geheimnis schwingt immer ein „Mysterium“ mit, eine rational nicht fassbare Wahrheit und Kraft, die das Wesentliche ist und mich unmittelbar anspricht. Von Einstein ist ja das Zitat bekannt: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.“
  • Meines Erachtens kommt das dem nahe, was in der Relativitätstheorie, Quantenphysik und Unschärferelation als das Unbestimmbare umschrieben wird, ein „Potentialität“ als Hintergrund der subatomaren Wirklichkeit, die offen ist, „Geheimnis“ ist, eben rational nicht fassbar ist – oder fassbar nur in einer Wissenschaft, die das „Mystische“ einbezieht?
  • Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen von Wirklichkeitserfahrungen: einmal die rationale, verobjektivierende, wie sie in den Naturwissenschaften wie im praktischen Leben üblich und nötig ist; zum anderen die subjektive, intuitive, spirituelle Ebene, wie sie in Wahrheits- und Sinnfragen, im Zwischenmenschlichen, in der Liebe, in Kunst und Spiritualität als „Geheimnis“ erfahren wird. Sie haben zum Schluss Ihres Textes mit dem Hinweis auf die Musik dafür ein schönes Beispiel gegeben. Ich nenne diese Ebene auch Transzendenzerfahrungen. Ich meine, dass wir gleichsam „in einem Meer von Transzendenz schwimmen.“ 
  • Für mich ist es immer wieder unbegreiflich, wie die naturalistischen „Machwissenschaftler“ zwar begeistert von den „Wundern“ und den außerordentlichen „Einfällen der Evolution“ sprechen, zugleich aber behaupten, dass es darin keinen Sinn gibt und nur alles Zufall wäre (z.B. Schmidt-Salomon in „Hoffnung Mensch“). Wie kann es und wozu kann es sinnvolle Einfälle der Evolution, den Kosmos, das Leben  geben, wenn es dahinter keinen Sinn gibt? 
  • Für mich ist die Frage nach einem „Sinn“ im Sein, nach dem Woher und Warum der Evolution, des Kosmos, des Lebens, nach einer sinngebenden Tendenz in allem Sein zwingend. Ich sehe die Evolution und alles Sein als immer größere Entfaltung in wachsender Vielfalt, auch Schönheit und Synergie. Liegt nicht in dieser Entfaltung der Sinn des Seins, der Evolution, des Lebens? Und liegt hierin nicht auch die Aufgabe unseres Lebens? Diese Wahrheit ist rational nicht beweisbar, sie bleibt Geheimnis. Sie kann nur existentiell erfahren werden.
  • Ich meine, dass wir nur von hierher der Trostlosigkeit eines nur zufälligen Kosmos und sinnlosen Seins widerstehen können. Hier liegt wohl auch der wahre Kern aller Religion, so oft sie auch in allen „Machtreligionen“ pervertiert wurde. Und von hierher kann „Gott“ neu gedacht werden, jenseits der alten theistischen Gottesbilder. Heute wäre es Aufgabe der Religion, sich von den alten Weltbildvorstellungen zu lösen und sich auf der hier angedeuteten Ebene neu zu artikulieren.

Seien Sie mit guten Wünschen herzlich gegrüßt von 
Bernd Winkelmann. 

Von Herrn Dr. Hans-Werner Franz aus Dortmund erhalte ich per Mail folgende Nachricht:

Guten Tag, Herr Jenner,

ich ziehe es vor, bei Zufall und Notwendigkeit zu bleiben. Zwar mag die apodiktische Form, in der  Monod sie begründet, umstritten sein, festzustehen scheint mir jedoch, dass Ordnung und Geheimnis nichts erklären. Ordnung entsteht durch Notwendigkeit und Zufall. Geheimnisse sind Geheimnisse sind Geheimnisse, schaffen aber keine Fakten, Zufälle schon.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Werner Franz

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Franz

Völlig richtig haben Sie gesehen, dass der Zufall nichts erklärt. Er stellt im Gegenteil die Grenze für alles Erklären dar. Dies aufzuzeigen ist ja auch der Sinn meines Artikels, der deshalb eine besondere Brisanz im Hinblick auf die vermeintliche „Erklärung“ der Evolution nach Darwin erhält. Anders als Sie annehmen beruht Erklärung allerdings auf dem Nachweis von Ordnung (Gesetzen). Rückblickend auf das Vergangene deckt sie dessen Ordnungen auf. Alfred North Whitehead hat wissenschaftliches Erklären auf die denkbar kürzeste Formel gebracht: „Search for measurable elements among your phenomena, and then search for relationships among these measures of physical quantities“. GJ.

  

Jung und Alt

Dass man mich aufgrund meines Geburtsdatums unter die älteren, vielleicht sogar die alten Menschen zu rechnen hat, interessiert niemanden – mich schon gar nicht. Aber es interessiert ein bösartiges Wesen von mikroskopischer Größe, das sich seine Opfer vor allem unter Leuten meines Alters wählt. Und für den modernen Wohlfahrtsstaat steht gleichfalls viel auf dem Spiel, denn für diesen kam – zumindest behaupten das böse Zungen – das Virus gerade zur rechten Zeit. Jammern die Apokalyptiker nicht schon seit Jahren, dass es bis zum Zusammenbruch unseres Rentensystem nicht mehr lang dauern würde, weil immer weniger Junge immer mehr Alte auf ihren Schultern tragen? Nun aber macht sich das possierliche kleine Ding dafür stark, dass die ältere Generation zu vorzeitigem Abgang gezwungen wird. Allerdings ist an einem so simplen Beispiel wie dem gezielten Wüten des Virus gegen die Alten auch zu erkennen, dass der Mensch zwar denkt, aber der Teufel doch immer lenkt, denn die jungen Leute sind von der Krise zwar selten tödlich, aber im Hinblick auf ihre Zukunftsaussichten doch insgesamt viel stärker betroffen. Der weltweite Einbruch des Wirtschaftsgeschehens wird ihnen noch schwer zu schaffen machen.

Wie gesagt, interessiert es niemanden,

dass irgendeiner von uns diese oder jene Altersschwelle erreicht. Aber über den Unterschied von Alt und Jung zu reflektieren, ist vielleicht nicht ohne Interesse. Unsereiner lehnt sich zurück und stellt sich nachdenklich die Frage, was denn so übrigbleibt von einem doch keineswegs kurzen Leben? Der junge Mensch kommt nicht auf den Gedanken, sich danach zu fragen. Er lebt von Hoffnungen auf die Zukunft. Er stellt sich vor, was alles noch aus und mit ihm werden kann – für ihn ist Zukunft ein Versprechen und eine Verheißung. Der alte Mensch hingegen blickt auf all die Verwandlungen und Häutungen zurück, die hinter ihm liegen, und versucht ihnen im Rückblick einen Sinn zu geben. Er fragt sich, ob die Versprechungen gehalten wurden und die Verheißungen sich erfüllten. Weil das Leben für den jungen Menschen ein offener Horizont ist, steckt er diesen mit seinen Erwartungen ab, mit anderen Worten, er möchte durch sein Tun in das Geschehen eingreifen, es aktiv verändern. Junge Menschen sind aufs Neue aus, sie neigen zum Radikalismus, denn es erscheint ihnen als Mangel an Fantasie, Initiative und Lebenskraft, einfach weiter auf bereits ausgefahrenen Gleisen zu fahren.

Ältere Menschen sympathisieren selten mit Radikalismus. Im besten Fall haben sie aus eigener Lebenskraft und Fantasie ein paar bescheidene Initiativen verwirklicht; ihnen ist es eher darum zu tun, das, was sie als ihre Errungenschaften betrachten, für die Zukunft zu erhalten. Diesen Gegensatz zwischen Alt und Jung pflegt die Volksweisheit so auszudrücken, dass selbst Menschen, die sich in der Jugend sehr radikal gebärden, im Alter meist zu Konservativen werden (manche konservieren dabei den eigenen Radikalismus).

Ich denke aber, dass diese Regel

für unsere Zeit nicht mehr gilt – oder richtiger gesagt, dass sie nicht länger gelten darf. Denn konservativ sind heute jene Leute – und es ist leider immer noch eine überwältigende Mehrheit -, welche das Leben nach der Coronakrise genauso fortführen wollen, wie es vor der Krise gewesen ist. Es sollen dann – ganz wie zuvor – ebenso viele Flugzeuge, Autos, Kreuzfahrtschiffe wieder CO2produzieren, möglichst aber noch mehr, denn sonst wäre es mit dem ewigen Wachstum vorbei. Es sollen noch mehr Waren erzeugt, noch mehr Müll abgestoßen, noch mehr Landschaft mit Autobahnen versiegelt, noch mehr Ackerflächen mit Monokulturen bedeckt und mit Pestiziden, Kunstdünger und genetisch veränderten Pflanzen behandelt werden. So sieht die Zukunft für jene aus, für die das Vergangene der einzige Maßstab ist. Diese Art Konservativismus kann sich die Menschheit nicht länger leisten, weil sie dann den Rest an Ressourcen verschleudert, die letzten Arten wildlebender Tiere ausrottet und das Klima so stark verändert, dass sie die eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Gewiss, das Alter neigt zum Pessimismus

Die Klage, dass mit der neuen Zeit alles schlechter werde, scheint so alt wie die Menschheit selbst zu sein. Sie beruht aber auf einer optischen Täuschung. Die junge Generation verändert die Welt, gibt ihr ein neues Gesicht; die Alten hingegen kennen die Wirklichkeit, wie sie früher war, haben sie so lieben gelernt oder sich zumindest an sie gewöhnt und sehen daher im Neuen vor allem die Zerstörung all dessen, was ihnen über Jahrzehnte ans Herz gewachsen war. Insofern beruht der Pessimismus des Alters schlicht auf der Unfähigkeit, sich an das Neue zu gewöhnen und seinen Eigenwert zu erkennen.

Und doch scheint es in unserer Zeit objektive Gründe für einen gerechtfertigten Pessimismus zu geben. Die globale Vermüllung von Luft durch CO2, Wasser durch Plastik und Erde durch Kunstdünger und Pestizide ist schließlich ein unleugbares Faktum. Manche beklagen zudem, dass Industrialisierung die Welt zunehmend hässlich macht. Schauen wir uns die deutschen Lande zur Zeit Goethes an, so war noch alles wundersam klein und überschaubar. Im Jahre 1786 lebten in einer Stadt wie Weimar gerade einmal 6200 Menschen, und es gab viele aus heutiger Sicht romantische Winkel und Rückzugsgebiete, wie man sie gegenwärtig nur noch in Museumsstädtchen wie Rothenburg ob der Tauber künstlich am Leben erhält. Auch wenn das Leben für viele Menschen damals sehr viel härter und beschwerlicher war, die Natur war vor zwei Jahrhunderten noch sehr viel besser erhalten. Erst das vergangene Jahrhundert hat weltweit Städte hervorgebracht, die eher Betonwüsten gleichen und baumlose Landschaften, deren Monokulturen unter einer Decke von Pestiziddünsten gleichsam begraben liegen. So viele No-go Areale wie in unserer Zeit, vor denen man lieber die Augen schließt und die Nase verstopft, hat es auf unserem Globus zu keiner früheren Zeit gegeben. Dem ist freilich hinzuzufügen, dass typischerweise nur alte Menschen so sprechen, weil nur sie sich daran erinnern, wie es in der Vergangenheit einmal war. Junge wachsen in der neuen Welt auf und besitzen die wunderbare und lebensnotwendige Fähigkeit, Augen für alles zu haben, was ihnen daran gefällt.

Ein Vergleich mag illustrieren,

was ich damit meine. Ich könnte mir keine schlimmere Aussicht vorstellen, als den Rest meines Lebens irgendwo in Grönland inmitten von Schnee- und Eiswüsten zu verbringen, aber die Inuit, die in diesen Landschaften geboren und darin groß geworden sind, haben den Zauber der vielen Verwandlungen von Schnee und Eis für sich entdeckt und der Kargheit eine Fülle von Gefühlen und Namen verliehen, wie es nur Menschen vermögen, die gleichsam mit ihrer Umgebung verwachsen sind, so als wäre diese ein Teil ihrer selbst. Es ist das Vorrecht jeder neuen Generation, dass sie die Welt, die sie mit wachen Sinnen erlebt, auf ihre Weise beseelt und selbst das Kargste in eine Fülle verwandelt. Was die Älteren nur noch als einen Verlust erleben, wird für die Jungen zu einer Entdeckungsreise. Mag die Welt in objektiver Betrachtung während der vergangenen zweihundert Jahre auch nachweisbar um einiges hässlicher geworden sein – manche würden sagen – sehr viel hässlicher und uniformer -, so wiegt die subjektive Sicht, die doch überall wieder neue Schönheiten entdeckt, doch mindestens ebenso schwer.

Als Deutschlands ehemaliger Kanzler Helmut Schmidt

den berühmt-berüchtigten Satz aussprach: Wer Visionen hat, sollte den Arzt aufsuchen, war er schon über fünfzig alt, da fallen manchen Leuten solche Sätze schon ein. Es liegt eben nahe, Visionäre ebenso wie Radikale eher unter den Jungen zu suchen. Der Realismus hingegen, d.h. die Fähigkeit, die Wirklichkeit so widersprüchlich, facettenreich und komplex zu sehen, wie sie tatsächlich ist – sie also nicht so umzudeuten, wie man sie gerne sehen möchte -, scheint mir weniger an das Alter gebunden zu sein. Gerade die großen Veränderer – man denke an weltgeschichtliche Akteure wie Julius Cäsar, Napoleon oder Winston Churchill zeichnen sich bei aller Konsequenz des Wollens durch einen bemerkenswert nüchternen Blick auf die Wirklichkeit aus. Der Handelnde, der die Realität mit seinen Wunschvorstellungen verwechselt, ist unfähig, Widerstände zu überwinden, weil er sie gar nicht erst als solche richtig erkennt. Nur realitätsblinde Visionäre sind gut beraten, zum Arzt zu gehen, weil ihnen das Gespür für das Wirkliche fehlt.

Das Alter zieht sich aus dem aktiven Handeln zurück,

es besinnt sich auf das Denken. Aus der Perspektive der Jugend kann man das als einen Verlust verstehen. Aber es liegt darin auch eine gewaltige Chance. Goethe hat einmal gesagt: Der Handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende. So ist es. Wer handelt, setzt seinen Willen immer auch gegen den Widerstand seiner Mitmenschen durch. Der Betrachtende aber nimmt eine Distanz gegenüber den Dingen ein. Diese Distanz wirkt sich auf die Einschätzung der Möglichkeiten menschlichen Handelns aus. Man braucht nicht erst in die Geschichte zu blicken, es genügt die Bekanntschaft mit der Gegenwart, um überall großes Unrecht zu erkennen. Im Kampf dagegen kann der Handelnde daher schon ein gutes Gewissen haben. Aber das Alter verfügt über eine weitere Einsicht, die der Jugend fast immer fehlt. Was schlecht ist, wissen wir tausendfach, aber es gibt kein Rezept für eine vollkommene Welt. Angenommen wir hätten es gefunden und es vielleicht sogar verwirklicht, so würde uns in vor lauter Perfektion binnen kurzem so tödlich langweilig sein, dass wir jedes Verbrechen begehen, nur um aus dem Paradies zu fliehen. Es ist kein Zufall, dass Dante so viel von der Hölle zu schreiben wusste, und ihm – wie allen Dichtern und Denkern einschließlich Karl Marx – so wenig einfällt, wenn er das vollkommene Sein beschreibt.

Das Alter kann und will nicht vergessen,

weil das Leben mehr und mehr zu einer Erinnerung wird, denn seine aktive Veränderung liegt ja schon in den Händen der Jungen. Das hat seine unbestreitbaren Vorteile – es liegt darin auch ein Akt der Befreiung und sogar der Beglückung. Der Betrachtende will nichts von den Dingen, und sie wollen nichts von ihm. Er lässt sie leben und sprechen, und überlässt sich ganz den Eindrücken, die ihn dabei bewegen. Schopenhauer hat den Glückszustand einer solchen Betrachtung in einer unvergleichlichen Passage ausgedrückt. „Wenn man… sein Individuum, seinen Willen, vergisst und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; …dann ist … der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr Individuum …sondern er ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis.“

Das ist das Vorrecht des Alters, dass es zumindest einige solcher glückhaften Augenblicke erlebt, in denen es zum reinen, willenlosen Subjekt der Erkenntnis wird.

Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

Seit 1945 durften die USA noch bis vor kurzem behaupten, auf fast allen Gebieten der Wissenschaft den Ton anzugeben. Dann kam erst George Bush Junior und dann das weit größere Übel: der ehemalige und ewige Schauspieler Donald Trump mit seiner Politik der systematischen Lüge. Inzwischen rückt China als neue Weltmacht der Wissenschaft (und einer messianischen Wissenschaftsgläubigkeit) auf. Der Stern der USA ist im schnellen Sinkflug begriffen.

Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet

Das heißt nicht, dass sie DIE WAHRHEIT in den Blick bekäme: Wahrheit, wie sie Menschen als Sinn oder Ziel des Lebens verstehen. Darüber weiß Wissenschaft im Gegenteil sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen, dennoch vereinigt sie Menschen im Hinblick auf das Verständnis von Wirklichkeit. Noch vor fünfhundert Jahren haben die Eliten Frankreichs, Japans, Chinas oder Indiens einander nichts zu sagen gewusst, denn mit den praktischen Belangen der Lebensbeherrschung, die auf der ganzen Welt denselben Naturgesetzen gehorchen, hatten sich vor allem die niedrigen Schichten zu befassen. Bauern in Deutschland, Indien oder China hätten sich über die Belange der Feldbearbeitung mit Ihresgleichen verständigen können, aber die Eliten lebten in anderen Sphären, bestimmt von Ehre, Ehrgeiz und vor allem der Religion, die in jedem Land ganz anderen Göttern und Moralvorschriften gehorchte.

Heute können sich die Eliten

Chinas, der USA, Indiens und Europas über eine Fülle von Gegenständen sachkundig unterhalten, ganz gleich ob es sich um Finanz, Konzerne, Computer und Panzer oder die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft handelt. Letztere, die Wissenschaft, wurde denn auch, und zwar spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu einer – nein, sie wurde zu der universalen Menschheitssprache.

Das heißt aber keinesfalls, dass der gegenseitige Austausch und eine gemeinsame Sprache die Menschen einander zwangsläufig näherbringen. Das stimmt schon für die Vergangenheit nicht. Das indische Kastensystem zum Beispiel brachte Menschen in engste Berührung, die in ein und derselben Sprache kommunizierten und Berufe ausübten, welche die Angehörigen unterschiedlicher Kasten (wie zum Beispiele Barbiere und Brahmanen) täglich in hautnahe Berührung brachten, aber diese Menschen durften nicht miteinander speisen und einander schon gar nicht heiraten. Die Brahmanen wollten Herren, die anderen Kasten sollten Knechte bleiben – dieser fundamentale Gegensatz der Interessen sorgte dafür, dass die enge Berührung und die gemeinsame Sprache keine Annäherung bewirkten.

So ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass westliche Wissenschaft inzwischen von den Chinesen nicht nur übernommen, sondern mit zunehmendem Erfolg im eigenen Land perfektioniert wird, besagt keinesfalls, dass der Unterschied der Interessen zwischen den USA und China dadurch überbrückt werden könnte. Wissenschaft, in der man sich auf Wahrheit grundsätzlich einigen kann, weil ihre Voraussagen zutreffen oder nicht, ein Handy funktioniert oder eben nicht funktioniert – das ist das eine. Interessen sind etwas ganz anderes, weil es keine objektive Grundlage gibt, um sie als berechtigt anzuerkennen oder als unberechtigt zurückzuweisen. Bei Interessen entscheidet letztlich eine ganze andere Instanz als die Wahrheit – es entscheidet die Macht.

Leider kann aber auch Wissenschaft der Macht hörig werden

und ist es tatsächlich auch immer wieder geworden. In den Worten ihres großen Theoretikers Thomas S. Kuhn wird sie in diesem Fall zu einem dogmatisch gegen jeden Widerspruch verteidigten „Paradigma“. Ein solches Paradigma war zum Beispiel das vorkopernikanische geozentrische Weltbild. Giordano Bruno wurde verbrannt, viele andere wurden verfolgt oder ebenfalls hingerichtet, weil sie das herrschende Paradigma in Zweifel zogen. Dabei war dieses Weltbild nicht einmal falsch, denn prinzipiell lässt sich jeder Punkt des Weltalls willkürlich als Mittelpunkt setzen, um von da aus die Bahnen anderer Himmelskörper zu beschreiben und zu errechnen. Selbst ein lunazentrisches Weltbild wäre denkbar und könnte zu durchaus richtigen Voraussagen von Sonnen- und (partiellen) Erdfinsternissen führen. Ein lunazentrisches Weltbild wäre ebenso wenig falsch wie das geozentrische – es wäre nur so außerordentlich komplex, dass es den Fortschritt der Astronomie noch stärker als das geozentrische behindert hätte. Die Ersetzung des Letzteren durch die Lehre des Kopernikus stellte daher einen historischen Durchbruch dar.

Bekanntlich hat die Verurteilung Galileos im 20ten Jahrhundert noch Bertolt Brecht inspiriert. Aber es war nicht allein die Kirche, welche sich der neuen Lehre so lange und so hartnäckig widersetzte, weil sie sich mit Stellen aus ihren heiligen Texten nicht vereinbaren ließ, es waren auch viele Wissenschaftler, diejenigen nämlich, welche im alten Weltbild erzogen waren und es an ihre Schüler vermittelt hatten. Mit ihrem Ruhm, ihrem über Jahre erworbenen Wissen, ihren Denkgewohnheiten hingen sie daran. Wie sehr dieses Festhalten am Gewohnten auch für die scheinbar strengsten Wissenschaften und Wissenschaftler gilt, hatte Einstein einmal angedeutet, als er meinte, dass die alte Generation von Physikern erst aussterben müsse, damit er selbst von einer neuen verstanden werde.

Oft ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis

nicht von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Wie schon gesagt, war das geozentrische Weltbild nicht falsch, sondern es war lediglich unbequem. Auch die klassische Physik, wie sie Newton begründet hatte, ist nicht falsch; Einstein konnte nur zeigen, dass sie Grenzbereiche des Wirklichen nicht zu erklären vermag (ein Faktum, das durch die Quantenphysik noch untermauert wurde).

Manchmal hat das Festhalten an einem Paradigma jedoch durchaus gravierende praktische Folgen. Der österreichische Chirurg Ignaz Semmelweiß führte den zu seiner Zeit häufigen Tod gebärender Frauen aufgrund von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene zurück. Er stellte einen Katalog von Vorschriften auf, um durch Reinlichkeit und Desinfektion den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern – Vorschriften, die heute als vorbildlich gelten. Zu seiner Zeit hegten die Kollegen von Semmelweiß jedoch andere Ansichten über die Ursachen von Krankheiten und die dadurch bewirkten Todesfälle. Sie verwarfen dessen Theorie als spekulativen Unsinn. Semmelweiß starb 1865 unter ungeklärten Umständen in einer Wiener Irrenanstalt. Durch seine Theorie hatte er seinen Kollegen – wenn auch nur indirekt – Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein vorgeworfen. Das haben sie ihm bis zuletzt nicht verziehen. Eher nahmen sie den Tod vieler Frauen in Kauf, als dass sie sich in ihrer Berufsehre kränken ließen.

Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein

beherrschen die Wissenschaft heute genauso, wie sie es schon in der Vergangenheit taten. Das ist die wesentliche Erkenntnis, zu der Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gelangte. Ich möchte sie mit einem weiteren Beispiel belegen, das einerseits wirklich harmlos ist, weil in diesem Fall niemand an den genannten Übeln zugrunde geht. Andererseits illustriert es aber auch recht deutlich die Lüge, welche nicht nur in der Politik sondern eben auch in der Wissenschaft eine unübersehbare Rolle spielt.

Linguistik wurde seit Beginn der 80er Jahre

für einige Jahre zu einer Art von Hoffnungsträger für die gesamten Kulturwissenschaften. Noam Chomsky erregte weltweites Aufsehen mit einer Theorie, die es scheinbar ermöglichte, mit Hilfe weniger Formeln die Prinzipien zu erklären, die den Sprecher einer beliebigen Sprache dazu befähigen, eine prinzipiell unendliche Menge richtiger Sätze zu bilden. Die Generative und die Generelle Grammatik wurden geboren – und eine Zeitlang sah es so aus, als wäre die Sprache jener Teil der Kultur, der es den Geisteswissenschaften erlaubt, mit Hilfe einer Handvoll von Regeln sämtliche kulturellen Erscheinungen aus wenigen Prinzipien genauso herzuleiten, wie dies den Naturwissenschaften im Hinblick auf das Reich des Unbelebten ja schon weit früher gelungen war. Anders gesagt, rückte die Linguistik in den 80er und 90er Jahren für kurze Zeit zu einer Starwissenschaft auf.

Was ist von dieser Begeisterung geblieben?

Mit einem einzigen Wort lässt sich diese Frage kurz und bündig beantworten: Nichts! Selbst einer der engagiertesten Verehrer von Chomsky, Steven Pinker, sieht in der Theorie seines Meisters eine schwer verdauliche Scholastik. Andere sind sehr viel deutlicher und haben aufgezeigt, dass Chomsky selbst es war, der in den vergangenen Jahrzehnten einen Baustein seiner Theorie nach dem andere demontierte. Selbst wenn sie das Ziel, die wissenschaftliche Begründung einer Generellen und Generativen Grammatik, als legitim erklären, sind die meisten Kritiker sich darin einig, dass die Methode Chomskys sich dazu als ungeeignet und unfruchtbar erweist. Zu den Anhängern Chomskys zählen natürlich all jene, die ihn als ihren Lehrer sehen, Linguisten wie Steven Pinker, Ray Jackendoff oder J. Mendivil-Giro, um nur einige Namen willkürlich herauszugreifen. Zu seinen zum Teil vernichtenden Kritikern gehören Christopher Hallpike, Giorgio Graffi, John Colarusso, Nikolaus Allott, David Golumbia, Roland Hausser, John Goldsmith, Per Linell, Tristan Tondino, Christina Behme – um wiederum nur wenige Namen aus der Menge der Wissenschaftler willkürlich herauszugreifen, die ein Gutteil ihres Lebens damit verbrachten, die scholastischen Begriffsakrobatien Noam Chomskys zu durchforsten oder – noch schwerer – seine Scholastik überhaupt zu verstehen. Diese Leute sind mittlerweile mit dem gegenteiligen Anliegen beschäftigt, Chomskys Thesen der Reihe nach zu dekonstruieren.

Als wissenschaftliche Theorie ist Chomskys Lehre tot,

oder richtiger gesagt, hat sie sich als Lüge erwiesen, denn anders als das geozentrische Weltbild ist sie nicht nur unbequem sondern falsch, weil sie keines ihrer Versprechen zu halten vermochte. Sie erklärt nämlich weder den generativen noch den generellen Aspekt menschlicher Sprache. Doch die Leute, die dieser Lüge den besten Teil ihres Lebens gewidmet haben und ihre Schüler damit infizierten, möchten sich so wenig wie damals die Kollegen von Semmelweiß vorwerfen lassen, dass sie sich Jahre lang irrten. Deswegen wenden nun viele von ihnen ihre überlegene Intelligenz an das gegenteilige Unterfangen, den scholastischen Jargon Chomskys auf die Kritik Chomskys anzuwenden. Die damit verbundene Gefahr hatte der wunderbar scharfsichtige William James schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt, als er – damals im Hinblick auf deutsche Kulturwissenschaftler – folgende Beobachtung protokollierte: „The forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and excentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively.”

Das ist das typische Verhalten einer Elite,

und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich fühle mich dadurch an ein scholastisches Unternehmen erinnert, das vor beinahe dreitausend Jahren ersonnen und in den sogenannten „Brahmana-Texten“ niedergelegt wurde. Eine Elite von hochgeachteten und hochbezahlten Priestern beschrieb darin mit akribischer Genauigkeit, wie man durch ein ganz bestimmtes Aufschichten von Ziegeln, ihrem Begießen mit Butter und unter dem Gemurmel verschiedener Mantras alle nur erdenklichen Krankheiten heilen, Feinde vertreiben, Dürren verhindern und Regen herbeizaubern konnte. Ein nord-amerikanischer Indologe bezeichnete die Texte – offenbar in einem Anfall von intellektueller Verzweiflung – als das „Gebrabbel von Irrsinnigen“, obwohl ein hohes Niveau systematischer Intelligenz und Wissens zu ihren Merkmalen gehört.

Noam Chomsky hat als Theoretiker der Politik einige Texte von großer Klarheit und Überzeugungskraft geschaffen. Der Gegensatz zu seinen unfruchtbaren linguistischen Haarspaltereien ist daher nur so zu erklären, dass er mit seiner Methode scheitern musste, und es daher fortwährender intellektueller Winkelzüge, Kehrtwenden und Verschleierungstaktiken bedurfte, um sie dennoch aufrechtzuerhalten. Wie werden Wissenschaftler, die ihn heute schon so gnadenlos kritisieren, in ein oder zwei Jahrzehnten über seine Lehre denken? Ich nehme an, dass man seine Theorie (mitsamt den dazu abgegebenen in der Regel fast ebenso scholastischen Kommentaren) dann genauso als „irrsinniges Gebrabbel“ bezeichnen wird  – trotz oder gerade wegen ihres hochgestochenen wissenschaftlichen Jargons. Es muss eben, wie Einstein sagte, eine neue Generation einen frischen Blick auf die Wirklichkeit werfen. Erst dann kann es zu einem Umdenken kommen. Jetzt sind noch die Vertreter der alten Lehre im Amt und viel zu sehr von ihrem eigenen Wissen durchdrungen, um den akademischen Dünkel durch Wahrheitsbewusstsein zu überwinden.

Dabei gibt es immer auch Außenseiter

manchmal große wie Nikolaus Kopernikus, manchmal kleinere wie Ignaz Semmelweiß, die sich dem Paradigma entgegenstellen. Auch in der Linguistik hat es einen derartigen Außenseiter gegeben, und zwar schon früh zu Beginn der achtziger Jahre. Der Betreffende erkannte, dass über Generelle oder Universale Grammatik schwer zu sprechen sei, wenn man außer der eigenen Muttersprache gerade noch etwas Hebräisch und Spanisch beherrscht. Von einem Zoologen erwartet man, dass er Hunderte von Tieren, von einem Botaniker, dass er Tausende von Pflanzen kennt, um in seinem Gebiet zuhause zu sein. Mutet es da nicht wie ein Wunder an, dass es für Chomsky und die meisten seiner linguistischen Gefolgsleute genügt, gerade ihre Muttersprache, das Englische, zu beherrschen und sich trotzdem souverän über Universale Grammatik zu äußern?

Der Meister selbst erblickte darin nach eigenem Bekunden freilich durchaus keinen Nachteil. Wörtlich behauptete er, in seinem Inneren über einen Homunkulus zu verfügen, der ihm schon das Richtige sagen würde.*1* Dagegen ist natürlich schwer zu argumentieren, wenn man den Homunkulus nicht in der eigenen Brust verspürt. Der genannte Außenseiter konnte sich eines solchen Männchens in seiner Brust nicht rühmen, er zog es vor, sich auf die Vernunft zu verlassen. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre, konnte er den Nachweis erbringen, dass die Theorie Chomskys auf Treibsand begründet war, weil sie hybride Grundbegriffe der traditionellen Grammatik benutzt, die gerade nicht universal sind, nämlich Verben und Nomina. Das seien formale Klassen, die in Sprachen wie Englisch und Chinesisch mit unterschiedlichen semantischen Inhalten gefüllt sind, sodass man nur von englischen, chinesischen, japanischen Verben bzw. Nomina reden dürfe. Wenn diese Kritik an falsch gewählten Grundbegriffen zutreffend war, dann erwies sich alle weitere Beschäftigung mit einer Theorie, die auf genau diesen Bausteinen aufgebaut war, als durchaus überflüssig.

Die Begeisterung über die scheinbar Universale Grammatik

Chomskyscher Provenienz war zu jener Zeit allerdings noch so überwältigend groß, dass die Stimme des Außenseiters schlicht übergangen wurde. Ja, dieser Einwurf wurde als so störend empfunden, dass man seine anfängliche Erwähnung als Linguist in Wikipedia nachträglich wieder rückgängig machte. Nicht nur, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung mit seinen Argumenten kam.*2* Indem man den Betreffenden aus der Liste der Linguisten strich, wollte man ihn überhaupt als linguistisch nicht-existent deklarieren.

Solche Strategien sind,

wie wir sahen, nicht nur in der Politik sondern auch in der Wissenschaft völlig normal – und in den meisten Fällen überdies auch ziemlich belanglos. Für die Missachtung von Semmelweiß mussten viele Frauen ihr Leben lassen, aber die scholastischen Verirrungen eines Noam Chomsky richten nur in den Köpfen einer Handvoll von Universitätsprofessoren schwere Verwüstungen an, das Schicksal der restlichen Menschheit bleibt davon glücklicherweise ganz unbetroffen.

Nein, vielleicht doch nicht ganz, denn die Wissenschaft verändert dabei ihren Charakter. Man vergesse nicht: Es gibt ja auch einen erstaunlich erfolgreichen Zweig der modernen Linguistik: die maschinelle Übersetzung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Die Erfolge auf diesem Gebiet muss man als schlechterdings atemberaubend bezeichnen. Seit Lebensbedingungen und Sprachen sich weltweit immer mehr angleichen, fallen immer mehr von jenen kulturellen Unterschieden weg, die das Übersetzen früher einmal so schwierig machten. Wirtschaftliche und wissenschaftliche Texte lassen sich heute maschinell zum Teil geradezu perfekt übersetzen. Nur literarische Texte – und hier vor allem Gedichte – spotten diesen Bemühungen, weil sie sich nicht standardisieren lassen. Wenn ein Schriftsteller Standardware erzeugt, dann sind sie leicht übersetzbar, aber meist eben auch ohne Wert.

Die automatisierte Übersetzung ist nicht weniger als ein großer Triumph

der instrumentellen Intelligenz – hier gilt dieselbe Regel wie in den angewandten Naturwissenschaften – entweder es funktioniert oder es funktioniert eben nicht. Die Qualität einer Übersetzung und damit das Kriterium der Wahrheit (der zugrundeliegenden Algorithmen) lässt sich eindeutig ermitteln. Diese Eindeutigkeit fehlt in den nicht-instrumentellen – den verstehenden – Kulturwissenschaften. Und in jenen Kreisen, die wie es William James schon damals beschrieb „voneinander, füreinander und gegeneinander schreiben“, wird sie nicht einmal gesucht. Daher der grassierende Kahlschlag in den heutigen Geisteswissenschaften. Viele Politiker sehen die Berechtigung von Disziplinen nicht länger ein, wenn sie keinen erkennbaren Wert für die Allgemeinheit besitzen; Posten und Bereiche werden in den Humanwissenschaften so stark reduziert, dass diese heute nur noch die Rolle missachteter Mauerblümchen spielen. Ein gerütteltes Maß von Schuld an dieser Entwicklung muss man der linguistischen Scholastik eines Chomsky beimessen, denn was von dem ganzen, ursprünglich so weltbewegenden Ereignis der Chomskyschen Generellen und Generativen Grammatik übrig blieb, ist eben keinesfalls eine bessere Erkenntnis der Sprache, sondern ein schwer- bis unverständlicher wissenschaftlicher Jargon – die leere Hülse einer Insidersprache, welche linguistische Adepten erlernen müssen, wollen sie zum Kreis der Eingeweihten gehören.*3*

Bleibt am Ende nur noch hinzuzufügen,

dass es der Zufall gerade so fügt, dass der betreffende Außenseiter mit dem Verfasser dieser Zeilen identisch ist. Sein Buch „Principles of Language“ ist niemandem zu empfehlen, dem es um die Schönheit der Sprache geht, denn es ist darin nur von deren logischer Struktur sowie den universalen Zwängen die Rede, denen jede Sprache unterworfen ist (das trifft natürlich generell auf alle linguistischen Texte zu, die sich mit den abstrakten Regelmäßigkeiten von Sprache befassen). Die „Principles“ untersuchen das logische Knochengerüst der Sprache, nicht ihr lebendiges, verführerisch in unendlich vielen Nuancen blühendes Fleisch.

Wer sich allerdings für die Logik der Sprache interessiert, der wird durch dieses Buch reichlich belohnt, denn es zeigt die Grenze zwischen Zufall und Gesetzlichkeit auf, die in der Sprache ebenso wie in der Kultur überhaupt existiert, aber in der Sprache leichter zu bestimmen ist. Dabei wird systematisch zwischen immaterieller Bedeutung und deren materieller Manifestation durch Lautsequenzen unterschieden, die im Prozess der Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer ausgetauscht werden.

Das Fazit der „Principles“ gibt Chomsky recht: Ja, es gibt eine Generative und Generelle Grammatik – generativ ist Sprache, weil Kinder fähig sind, unendlich viele Aussagen zu bilden, auch solche, die sie zuvor niemals hörten. Generell ist sie, weil die Aussagen verschiedener Sprachen ineinander übersetzt werden können. Beides sind empirische Tatsachen. Aber Sprache ist nicht generativ und generell gemäß dem so verblüffend einfachen und deshalb so verführerischen Modell, das Chomsky in seinen berühmten kopfstehenden Bäumen entworfen hat. Danach steht ganz oben ein S (sentence), aus dem ein Sprecher mit Hilfe weniger allgemeiner Regeln und eines Lexikons dann beliebige konkrete Sätze abzuleiten vermag. Jede besondere Einzelsprache fügt den generellen Regeln dann nur noch einige spezifische hinzu, um die Unterschiede zu anderen Sprachen zu definieren.*4* Dies ist die zündende Idee des Chomskyschen Modells, ihr eigentlicher Kern, während alles Übrige nur Beiwerk ist.

Chomskys trügerische Bäume verdanken ihre Faszination,

der Tatsache, dass sie aus Sprache eine Art simples Computerspiel machen. Und nur diese außerordentliche Faszination, welche die Genese der Sprache so umfassend zu erklären schien wie die Naturwissenschaften die Welt der toten Dinge, macht begreiflich, warum niemand auf den elementaren logischen Fehler aufmerksam wurde, der in diesen täuschend einfachen Bäumen steckt. Tatsache ist, dass das Baum-Modell schon im Ansatz falsch ist – es vermengt die Tiefenebene der immateriellen Wirklichkeitsanalyse und die materielle Manifestation dieser Ebene mit Hilfe akustischer (oder sonstiger) Zeichen. Die immaterielle Wirklichkeitsanalyse findet schon bei Tieren auch ohne Verwendung von materiellen Zeichen statt, und sie entwickelt sich bei Menschen von einem primitiven Niveau (wie z.B. in der Piranha-Sprache Amazoniens) bis zu den komplexesten Bedeutungsstrukturen. Diesen liegt eine generelle konzeptuelle Grundstruktur zugrunde, deshalb lassen sich Sätze einer evolutionär primitiveren Sprache mühelos in eine evolutionär entwickeltere übersetzen; in der Gegenrichtung ist das aber in bestimmten Bereichen nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich (wie will man einen modernen Text über Mathematik in eine Sprache übersetzen, wo nicht mehr als die Konzepte für zwei oder drei existieren?).

Doch mit den Unterschieden auf der Ebene der konzeptuellen Struktur ist die Komplexität der Sprache noch keineswegs erschöpft, denn auf Grundlage ein und derselben immateriellen Wirklichkeitsanalyse in konzeptuellen Strukturen lassen sich ganz verschiedene materielle Verwirklichungen, also Zeichensysteme, aufbauen. Aus Chomskys verführerisch einfachem Baum, der der Sprache Gewalt antut und überhaupt nichts erklärt, wird die Generelle und Generative Grammatik zu einem komplexen Ensemble, das sich noch dazu in fortwährender evolutionärer Entfaltung befindet.

In seinem Buch „The Language Instinct“ hat Steven Pinker einige Jahre nach dem Autor der „Principles“ die vorsprachliche Wirklichkeitsanalyse richtig als das generelle und generative Substrat erkannt und als „Mentalese“ bezeichnet, ein Substrat, das allen Sprachen zugrunde liegt. Aber es blieb bei dieser einsamen Erkenntnis. Es ist Pinker nicht gelungen, daraus die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Chomsky’s heillos simplistisches und logisch unhaltbares Sprachmodell erweist sich als hartnäckiges Paradigma, welches bis heute den Fortschritt der Wissenschaften behindert.

1 Siehe David Golumbia: „The Language of Science and the Science of Language: Chomsky’s Cartesianism“

2 Das ist nicht ganz richtig. Der Linguist John Goldsmith von der University of Chicago sah sich in einer Diskussion mit dem Autor schließlich zu dem Zugeständnis genötigt, dass Verben, Nomina etc. als universale Kategorien nicht tauglich seien.

3 Fachsprachen haben natürlich ihren Sinn, wenn sie durch den Gegenstand selbst gefordert werden. Keine Naturwissenschaft kommt heute ohne eine spezifische Fachsprache aus, die aber durch Ergebnisse gerechtfertigt sein muss, die sich eben nur auf diese Weise erzielen lassen. Wenn eine Fachsprache keine Ergebnisse bringt, dann ist sie nur Geheimjargon wie einst das Latein oder in Indien das Sanskrit oder das Altslawische und dient allein dazu, den Abstand zu den Laien aufrechtzuerhalten.

4 Zum Beispiel den Unterschied in der Wortstellung, die für die Englisch eine Mittelstellung des Verbs, also SVO, im Japanischen dagegen dessen Endstellung vorschreibt: SOV.

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From Prof. Hallpike I got the following commentary by mail:

Dear Mr Jenner,

Thank you for this, which is most entertaining – “the babble of madmen” indeed! In which one can also include, for example, Skinner and the Behaviourists, and Levi-Strauss and the structuralists.) It’s really fascinating to see how dogma overtakes so many branches of science and learning generally. Those believe that Darwinian Selectionism can explain cultural evolution provide another example in my own field. I have also been thinking some more about Chomsky and recursion. As I understand it, mathematical recursion is nothing more than an iterative procedure by which one constructs a series, like the natural numbers or the Fibonnacci  series, which go on for ever. This “going on for ever”, however, which apparently Chomsky and followers thought an essential feature of language creativity is quite different from and irrelevant to the structural complexity both of grammar and meaning achievable by the repeated nesting of clauses within a sentence, which could actually be quite short. From what you say this basic difference between the two recursions was actually glossed over?

Yours

Christopher Hallpike

My return mail:

Dear Mr. Hallpike,

I am glad you took no offence at my somewhat harsh comment on certain intellectual games in academia, a comment which was indeed meant to amuse. Even more amusing are comments by followers of Chomsky that interpret his thoughts in blatantly contradictory ways:

Mendivil-Giro („Is Universal Grammar ready for retirement?“): „The mathematical concept of recursion was quasi-synonymous with computability, so that recursive was considered equivalent to computable… what Chomsky… postulates as the central characteristic of human language is recursion in the computational sense, not the existence of sentences within sentences or the existence of noun phrases inside noun phrases“ (my italics).

Pinker („The Language Instinct“): „Recall that all you need for recursion is an ability to embed a noun phrase inside another noun phrase or a clause within a clause“ (my italics). Is there a better proof of Chomskyan vagueness than such opposing interpretations?

Yours

Gero Jenner

Gerechtigkeit – Warum ist sie so schwer zu erreichen?

Für einen seriösen Denker empfiehlt es sich nicht, über „die Natur“ des Menschen zu reflektieren, denn solche Aussagen pflegen sich fast immer als spekulativ zu erweisen, meist sagen sie nur etwas über die Natur des jeweiligen Autors. Dennoch werde ich mit zwei Sätzen beginnen, die genau dies bezwecken: etwas über Grundtendenzen unserer conditio humana zu sagen. Ich verbinde damit die Erwartung, dass die weiteren Ausführungen meine These belegen.

1) Es gehört zur Natur des Menschen, dass er gerne gelobt, beachtet und gewürdigt wird.

2) es gehört zur Natur des Menschen, dass er es nicht gerne sieht und oft als kränkend empfindet, wenn nur andere gelobt, beachtet und gewürdigt werden – nicht aber er selbst.

Angenommen, dass beide Sätze allgemeine Gültigkeit besitzen, dann ist damit ein Grundproblem aufgezeigt, welches besagt, dass das Ideal der Gerechtigkeit nie ein für alle Mal realisiert werden kann, denn beide Sätze stehen in offenkundigem Widerspruch zueinander. Je mehr eine Gesellschaft der ersten Forderung nachgibt, umso stärkere Abstriche muss sie von der zweiten machen – und umgekehrt. Wir haben es mit einer Abwandlung des Widerspruchs von Freiheit und Gleichheit zu tun.

Wenn von Lob, Beachtung und Würdigung die Rede ist,

dann können diese natürlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise erfolgen. Eine Würdigung kann aus einem bewundernden Blick, einem Händedruck, einem Bündel von Geldscheinen, einem ehrfurchtgebietenden Titel, einem hohen Einkommen, einer Medaille oder der Eintragung in das Buch der Rekorde bestehen. Gesellschaften haben Tausende unterschiedlicher Arten erfunden, um ihre Mitglieder einerseits zu bestrafen und sie andererseits zu belohnen. Robert Knox, im 17. Jahrhundert der Gefangene des Königs Rajasingha von Kandy (Ceylon), schreibt, dass unter den Adligen am Hof nichts so begehrt war wie ein hochtrabender Titel – je länger und blumiger, umso größer die Nähe zum König. Dabei wusste jeder, dass sein Leben umso stärker gefährdet war, je näher er der Majestät rückte. Der höchste Titel war eine Garantie, auf Geheiß des bösartigen Herrschers für irgendein, oft ganz fiktives Vergehen von Elefanten zertrampelt zu werden. Das geschah regelmäßig, und alle wussten es – und trotzdem strebten alle Adligen nach Titeln: je bombastischer umso besser, und alle wollten dem König so nah wie möglich kommen. Es war wie die Faszination der Motten durch das Licht.

An dem Bedürfnis, sich vor anderen ins Licht zu stellen,

hat sich bis heute nichts geändert. Es liegt allem Wettbewerb zugrunde. Andererseits ist das Bedürfnis, von anderen als gleichwertig geschätzt, nicht missachtet und als minderwertig gekränkt zu werden, mindestens ebenso stark in uns verankert. Es liegt der Kooperation zugrunde, welche nur möglich ist, wenn der einzelne sich in seiner Rolle – wie auch immer diese beschaffen ist – von anderen gewürdigt sieht. Zwischen den beiden Extremen eines die Menschen in fortwährendem Kampf gegeneinanderhetzenden (aggressiven) Wettbewerbs und einer Kooperation, welche wie in einem Ameisenstaat jedem eine bestimmte Aufgabe zuerteilt, pendeln Gesellschaften hin und her.

Die Befreiung des einzelnen durch die Industrielle Revolution

seit dem 18. Jahrhundert hat einer immer größeren Zahl an Menschen die Möglichkeit verschafft, aufgrund von eigener Leistung, eigenem Können, eigener Intelligenz und Zielstrebigkeit anerkannt und gewürdigt zu werden – in der Regel unmittelbar durch höheren Gelderwerb. Was anfangs Befreiung war, hat aber schnell zu wachsender Ungleichheit geführt, weil die Tüchtigsten (und nicht selten die Rücksichtslosesten) immer mehr vom gemeinsamen Kuchen für sich zu beanspruchen vermochten. Geld, Anerkennung und Macht konzentrierten sich in immer weniger Händen und machten die anfängliche Befreiung wieder zunichte – man nennt das Refeudalisierung. Anders gesagt, wurden dem einzelnen durch den Wettbewerb zunächst größere Freiheit verschafft, die er aber danach immer mehr einbüßte, weil die Übermacht einer kleinen Zahl ihn zu einer Ohnmacht verdammt, die er als zunehmende Kränkung seines Selbstwertgefühls erfährt (These 2). Die USA, wo sich Einkommen und Vermögen auf das oberste ein Prozent konzentrieren, sind auf diesem Wege besonders weit fortgeschritten.

Die Konzentration von Macht, Vermögen und Anerkennung

in wenigen Händen hat nie einen stabilen sozialen Zustand ermöglicht – schon gar nicht in einer Zeit wie der unsrigen, die sich aufgrund ihrer außerordentlichen organisatorischen und technologischen Komplexität so leicht durch Sabotage destabilisieren lässt. Daher übt die Vorstellung einer Gesellschaft so große Anziehungskraft, in der niemand Kränkung erleiden muss, weil alle den gleichen Zugang zu Anerkennung und sozialer Würdigung genießen.

Der christliche Urkommunismus

und viele Sekten der verschiedensten Religionen haben Gleichheit in geistiger und materieller Hinsicht als Ideal gepredigt und in kleineren Gemeinschaften auch durchzusetzen vermocht. Marx und neuerdings Thomas Piketty haben sie für alle Gesellschaften, ganz gleich welcher Größe, gefordert. Mao blieb es vorbehalten, das Ideal mit den Mitteln nicht nur der ideologischen Propaganda sondern der physischen Macht durchzusetzen. Wie bekannt wurden dem Experiment Millionen von Toten geopfert. Dieses verlief deshalb so besonders blutig, weil es dem unter These 1 genannten Bedürfnis widersprach, einem Bedürfnis, das seinerseits auf dem Faktum gründet, dass die Menschen verschieden sind und es daher als unzumutbar empfinden, wenn man ihnen geistig wie materiell denselben Lebensstil aufzwingen will.

Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung

erklärt die Explosion kreativer Fähigkeiten kaum dass Deng Xiao Ping den Chinesen in den 80er Jahren erlaubte, die maoistische Zwangsjacke abzuwerfen. Jeder sah sich auf einmal aufgefordert, sein Wissen, sein Können, seine Durchsetzungskraft zu entfalten (solange er damit nicht in Widerspruch zu den Zielen des Staates geriet). Nicht anders als in Europa zu Beginn der Industriellen Revolution war dies ein Akt der Befreiung, der die Welt augenblicklich und machtvoll veränderte.

Aber auch in China

(nicht nur in den USA und in Europa) ist die Zahl der Milliardäre in kurzer Zeit sprunghaft angestiegen. Auch dort droht die anfängliche Befreiung eine Kaste von Superreichen hervorzubringen, die den Aufstieg ihrer Mitmenschen durch ein Übergewicht an Macht, Einfluss und Finanzkraft immer stärker behindern. Diese Kaste ist bereits auf dem Weg, denselben Pfad der Refeudalisierung einzuschlagen, den das obere ein Prozent in den USA schon sehr weit gegangen ist.

Warum ist es so ungeheuer schwierig, in der Mitte haltzumachen und beide Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen: das Bedürfnis nach Kooperation und das Bedürfnis nach Wettbewerb? Warum dieses ewige Hin und Her zwischen extremer Ballung von Reichtum, denen dann blutige soziale Revolutionen folgen, die für eine Neuverteilung sorgen?

Die klassenlose Gesellschaft

Theoretisch ist das Problem ja erstaunlich leicht zu lösen. Schon Plato hatte vorgeschlagen, den Eltern die Kinder wegzunehmen, wie man dies ja in Sparta zu seiner Zeit praktizierte. Unter dieser Voraussetzung beginnt jede Generation von neuem. Denn jedes Kind soll genau jene Stellung einnehmen, die ihm aufgrund seiner Fähigkeiten gebührt. Erbschaften, die unfehlbar zum Entstehen von Klassen oder gar Kasten führen, dürfen nicht von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Gewiss, Sparta war einer der schlimmsten Unrechtstaaten der Weltgeschichte, denn den Reichtum der oberen fünf Prozent frei geborener Spartaner mussten 95 Prozent rechtloser Heloten erwirtschaften. Aber das Prinzip der sozialen Bestimmung allein aufgrund individueller Fähigkeiten bleibt davon unberührt. Würden wir ein solches System auf die heutige Zeit übertragen, dann brauchten wir uns über Refeudalisierung und das eine allbeherrschende Prozent an der Spitze des Staats keine Sorgen zu machen. Marx, Piketty und Mao müssten keine klassenlose Gesellschaft fordern, weil diese dann von selbst auf ganz natürliche Weise zustande käme: Talent und Können sind in jeder Generation ja auf andere Köpfe verteilt. Und natürlich müssten wir nicht einmal Plato folgen und die Grausamkeit begehen, den Eltern die eigenen  Kinder wegzunehmen. Es genügt, die Erbschaftssteuer auf hundert Prozent heraufzusetzen, um denselben Effekt zu erreichen: eine klassenlose Gesellschaft.

Doch auch dieses bescheidenere Ziel wurde niemals erreicht,

und zwar deswegen nicht, weil es wiederum zu einem menschlichen Bedürfnis in Widerspruch steht, das sich nicht unterdrücken lässt: der Fürsorge der Eltern für ihre Kinder. Jeder normale Mensch hält es für selbstverständlich, dass die Eltern die eigenen Kinder mit Liebe behandeln, wobei Liebe nicht nur in guten Worten sondern in allen möglichen Zuwendungen materieller Art besteht. Es wurde immer als widernatürlich und als extremer Mangel an Liebe gesehen, dass ein Vater seine Kinder enterbt.

Das ist das eine. Andererseits aber halten wir es für ungerecht, dass jemand nur deshalb, reich, angesehen, einflussreich ist, weil er die Voraussetzungen dazu als Erbe von seinen Eltern empfing. Hier haben wir es demnach erneut mit einem Widerspruch zu tun, der in der Natur des Menschen liegt. Und wiederum sehen wir Gesellschaften zwischen zwei Extremen pendeln. Einige ganz wenige – vor allem kleinere Gemeinschaften und Sekten – lehnen alle unverdienten Begünstigungen durch Erbschaften ab, dazu gehörte Sparta. Aber in bevölkerungsreichen Gesellschaften hat sich diese Strategie als undurchführbar erwiesen. Denn die Aussicht, nicht nur für das eigene Ego zu arbeiten sondern die ganze Familie, die eigenen Kinder und Enkel daran teilhaben zu lassen, scheint einer der mächtigsten Handlungsantriebe zu sein, während umgekehrt die sichere Aussicht, das alles mit dem eigenen Tod an den Staat oder an andere unbekannte Menschen zu verlieren, die eigene Initiative zu lähmen droht.

Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass es auch in diesem Fall äußerst schwierig ist, das richtige Gleichgewicht zu finden. Ideale wurden bisher nur in Gesellschaften verwirklicht, die wir nachträglich als unmenschlich bewerten; das gilt für den Kommunismus in Sparta und unter Mao und für den neoliberalen Kapitalismus in den USA von heute. Jede Gesellschaft versucht aufs Neue, den richtigen Abstand zwischen den Extremen zu finden, aber keine hat bisher eine endgültige Lösung entwickelt. Das Problem der Gerechtigkeit begleitet den Menschen durch seine ganze Geschichte.

** Das Gebot der Gleichheit in Sparta hatte seinen offensichtlichen Grund. Eine herrschende Minderheit von etwa fünf Prozent kann eine versklavte Mehrheit von 95 Prozent nur dann dauerhaft unterjochen, wenn sie innerhalb der eigenen Reihen keinen Dissens aufkommen lässt. Gleichheit der freien Spartaner war daher das erste Gebot, um die Ungleichheit der anderen aufrechtzuerhalten. Wir fühlen uns an das Vorgehen von Staaten in Kriegszeiten erinnert. Wenn sie in ihren Bürgern die Bereitschaft wachrufen wollen, sich für das Vaterland zu opfern, sehen sich herrschende Kreise genötigt, ihnen mehr Rechte einzuräumen – eine Konzession, die in Friedenszeiten dann schnell wieder vergessen wird.

Knox, Robert (??): An Historical Relation of the Island Ceylon. (1681) Public Domain Book.

Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

Steven Pinker: Bitte schön, mit Toten rede ich nicht; ihr habt eure Zeit gehabt, jetzt geben die Lebenden den Ton an. Was ihr damals geliefert habt, war nichts als Dichtung, will sagen Fantasterei. Ich habe an Hand von belastbaren Zahlen bewiesen, dass heute nahezu alles weit besser ist als in der Vergangenheit. Die Menschen leben länger, sie töten sich weniger, sie essen besser, haben weniger Krankheiten als je zuvor – und das obwohl ihre Zahl in zweihundert Jahren um das Siebenfache gestiegen ist.*1* Gibt es einen besseren Beweis, um Euch Schwarzmaler und Untergangspropheten, lebende wie tote, ad absurdum zu führen?

Huxley: Oh gewiss, den Beweis gibt es. Er wird uns gerade geliefert. Während ihr dem Menschen das Paradies vorgaukelt, breiten sich Seuchen in immer kürzeren Abständen und mit immer größeren Verheerungen aus. Erst unter den Tieren. „Hunderttausende eng zusammengepferchte Tiere, die darauf warten, zum Schlachthof gebracht zu werden: ideale Bedingungen für die Mutation von Mikroben zu tödlichen Krankheitserregern.“*2* Dagegen kommt man nur an, indem man sie vollstopft mit Antibiotika (mit denen wir dann anschließend auch uns selbst vergiften). Trotzdem müssen in kurzen Abständen ganze Populationen von Schweinen, Rindern, Hühnern, Gänsen etc. gekeult, gemetzelt, vergast und vergraben werden.

Pinker: Na und? Das ist doch nicht mehr als ein technisches Problem, das wir auf diese Weise erfolgreich beseitigen. Das Kranke wird ausgemerzt, das Gesunde bleibt übrig, wo ist da das Problem?

Huxley: Das Problem beseitigen wir nie, solange der Lebensraum für Tier und Mensch immer enger wird. Wir selbst werden unsere Zahl innerhalb von nur dreihundert Jahren ja verzehnfacht haben. Die Entstehung von epidemischen Seuchen wie Cholera, Pest, Grippe, Typhus und Pocken setzt eine gewisse Bevölke­rungsdichte voraus, um eine effektive Übertragung von Krankheitskeimen zu erlauben. Die haben wir längst erreicht. Bis zum heutigen Tag wurde Europa regelmäßig von Seuchen heimgesucht. Keine war so mörderisch wie die sogenannte Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920. Diese von Soldaten in Amerika und Europa durch das Influenzavirus H1N1 verbreitete Epidemie tötete innerhalb eines einzigen Jahres fast so viele Menschen wie der Schwarze Tod innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, nämlich zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, weit mehr als die 40 Millionen Soldaten, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen.

Aber im Vergleich zu damals könnte sich das Problem in Zukunft um vieles verschärft. Inzwischen verlangen nicht nur westliche Wohlstandsbürger nach immer mehr Fleisch sondern China und bald auch Afrika und die ganze übrige Menschheit. Und um diesen Hunger nach Fleisch zu befriedigen, benötigen wir für alle Nutztiere zusammen eine Fläche, die jetzt schon der Größe des afrikanischen Kontinents entspricht. *3*

Anders gesagt, stellen wir genau jene Bedingungen her, unter denen die Schädlinge florieren, und zwar nicht nur unter den Tieren sondern ebenso auch im Rest der Landwirtschaft. Den Monokulturen unter den Tieren entsprechen die Monokulturen unter den Pflanzen. Auch diese werden von Seuchen verheert. Inzwischen belasten wir die uns umgebende wirtschaftlich genutzte Fläche mit Unmengen von Giften, und zwar jedes Jahr mit neuen und stärkeren, um die Ernten vor Heerscharen von dauernd mutierenden Schädlingen zu retten. Wo einst das Volk der Dichter und Denker die Natur in romantischen Versen besang, schlagen uns heute widerliche Pestdünste entgegen. Wer wird noch mit Wohlgefallen durch frisch mit Pestiziden bespritzte Weinbaugebiete oder durch Obstanlagen spazieren? Dort lässt der Teufel seine Furze knallen, das sind Gefilde von bestialischem Gestank.

Pinker: O ja, ich sehe schon Aldous, Du bist ein griesgrämiger Spielverderber. Du mäkelst an den Kinderkrankheiten herum, die es natürlich von jeher gab und die es mit Sicherheit auch in Zukunft immer geben wird, statt vor den großartigen Errungenschaften unserer Zeit in Ehrfurcht zu erschauern, wahren Höhenflügen des menschlichen Geistes, die uns bis ins Atom und in das Genom lebender Arten ins Allerkleinste hinab und bis in den Kosmos hinauf ins Allergrößte führten. Aber Du kannst ganz beruhigt sein, irgendwann werden unsere Pflanzenschutzexperten geruchlose Gifte erfinden und dann kann man so sensible Romantiker und Dichterlinge wie euch von neuem in die Weingärten schicken, damit ihr die Trauben mit Versen bekränzt. Den Wein trinkt ihr doch sowieso, jedenfalls kenne ich keine nüchternen Dichter. Ich sage Euch, wir Wissenschaftler haben bisher noch alle Schwierigkeiten bemeistert.

Huxley: Nein, das habt ihr nicht. Ihr seid so trunken von eurem Geist und faustischem Machen, dass ihr das Menetekel, obwohl es ganz nahe ist, nicht einmal in den Blick bekommt. Es geht ja nicht mehr allein um die Tiere, es geht um uns, es geht um die Menschen, denn unsere explodierende Zahl hat dafür gesorgt, dass neben die Massentierhaltung längst schon die Massenmenschhaltung getreten ist. In den großen Betonmetropolen der Welt lebt unsere Spezies inzwischen auf ähnlich engem Raum zusammengepresst wie die Tierpopulationen, die wir täglich verspeisen. Was wir den Tieren antun, das haben wir anschließend immer auch uns selbst angetan. Die Coronakrise hat zwar nicht dazu geführt, dass wir uns gegenseitig in Nacht- und Nebelaktionen massenschlachten, aber wochen- oder monatelang sperren wir uns in unseren Wohnkasernen ein, um uns nur nicht durch gegenseitigen Kontakt zu verseuchen.

Pinker: Und was soll dieses Gejammer? Am Ende werden wir einen Impfstoff erfinden – und damit ist das Problem überwunden.

Huxley: Gewiss werden wir einen Impfstoff erfinden, vielleicht sogar geruchlose Gifte. Aber das heißt doch nur, dass wir gezwungen sind, in immer schnellerem Tempo die Gegenmittel zu suchen, mit denen wir die von uns selbst erzeugten Schäden beseitigen. Aus der Ära einer fortschrittlichen Gesellschaft, die mit immer neuen Erfindungen, das Leben der Menschen verbessert, sind wir seit dem vergangenen Jahrhundert in die Ära der Risikogesellschaft übergewechselt, wo wir uns vorsehen müssen, dass aus einem Atomkraftwerk nicht eine Atombombe wird (Tschernobyl oder Fukushima). Im 21. Jahrhundert aber sind wir in die Ära der Reparaturgesellschaft eingetreten, wo wir vor allem damit beschäftigt sind, die von uns in zweihundert Jahren Industrialisierung verursachten Schäden an Luft (CO2), Böden (Zerstörung des Humus) und Wasser (Plastikmüll) wenigstens einzudämmen.

Das aber ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der immer teurer und aufwändiger wird. Da die Weltbevölkerung einerseits immer größer wurde, andererseits immer besser ernährt werden will, brauchen wir mehr und mehr Energie, nur um unsere elementaren leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute erkennen wir, dass die sogenannte industrielle Revolution vor allem eine Energierevolution ist. Die in Millionen Jahren im Boden gespeicherten Energiereserven des Planeten haben wir rücksichtslos geplündert – und tun es auch heute noch. Nur deswegen ist innerhalb von nur zweihundert Jahren alles exponentiell gewachsen: der Energieverbrauch ebenso wie der materielle Lebensstandard gemessen am BSP.

Energieverbrauch: Im Jahr 1800 belief sich dieser Verbrauch auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill).

BSP: Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven ist offensichtlich. Natürlich wären Kohle und Öl ohne die Erfindung von Dampfmaschine, Diesel- und Elektromotor nie zur Wirkung gelangt. Aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und Nutzung fossiler Rohstoffe bilden eine unauflösliche Einheit. Nur, weil wir den Planeten gnadenlos plünderten, geht es uns heute so gut.

Pinker: Richtig. Es geht uns heute so gut wie nie in der Geschichte. Das habe ich in meinem wegweisenden Buch „Enlightenment Now“ an vielen Indikatoren nachgewiesen.

Huxley: Gewiss, das Buch ist eine einzige Lobeshymne auf den menschlichen Erfindungsgeist, aber die dunkle Kehrseite der Medaille bleibt leider ganz ausgespart. Jeder objektive Beobachter muss doch begreifen, dass das weltgeschichtliche Experiment mit den im Erdmantel verborgenen Energiereserven sich als Strohfeuer erweisen wird, da ihm keine dreihundert Jahre beschieden sind, denn die Vorräte gehen rapide zur Neige – und schlimmer noch die Rückstände aus der Verbrennung (CO2) heizen den Globus so auf, das die Meere die großen Küstenstädte unter Wasser setzen und Millionen von Menschen vertreiben werden. Den Scheitel der Gaußschen Normalverteilung von Aufstieg und Niedergang haben wir bereits überschritten. Selbst wenn unsere Vorräte unbegrenzt wären, dürfen wir sie nicht länger nutzen, weil wir den Klimawandel dadurch nur weiter beschleunigen. Unser Reichtum ist so eng an die fossile Verbrennung gekoppelt, dass man nur staunen kann, wie sehr in den meisten Regierungen und selbst unter Ökonomen noch immer die Optimisten den Ton angeben – Optimisten, die sich mit seltsamer Naivität an die Mär vom ewigen Wachstum klammern.

Ob man wir es wahrhaben wollen oder nicht: mit dem Wachstum ist es vorbei, sobald sich unser Vorrat an fossilem Gold erschöpft. Vielleicht – so eine naheliegende Befürchtung – werden wir dann sogar in die Armut früherer Epochen zurückgestoßen. Das ist jedenfalls die Meinung, welche das wissenschaftliche Autorenkollektiv unter der Leitung von Ugo Bardi vertritt.*4* Auf jeden Fall steht uns eine Lebensweise bevor, bei der wir mit jener Energiemenge auskommen müssen, welche die Sonne für unser Territorium bereithält. Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*

Pinker: Wie ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber dann wird uns die Fusionsenergie zur Hilfe kommen, indem sie uns für alle Zeit mit einem Füllhorn an Energie überschüttet. Siehst Du denn nicht, mein Lieber, dass wir die bisher einzige Art auf dem Globus und vielleicht im ganzen Kosmos sind, die den Geist zur Entfaltung brachte und daher auf jedes Problem am Ende die richtige technische Antwort findet? Für mich ist das nicht weniger als die eigentliche Definition dessen, was uns überhaupt erst zu Menschen macht: Wir sind die problemlösende Spezies.

Huxley: Und ich bedauere, Dir abermals widersprechen zu müssen. Wir sind die problemblinde Spezies, denn wir stehen ganz nahe am Abgrund, nur das es beinahe niemand in der Bevölkerung merkt – oder richtiger: merken will. „Hören Sie sich in dieser Zeit der Krise die Nachrichten, die gewählten Politiker oder die Wirtschafts- und Politikexperten an. Sie werden praktisch keinen Hinweis auf den Klimawandel hören…, auf Waldbrände, den Verlust der biologischen Vielfalt, die Verschmutzung der Ozeane, den Anstieg des Meeresspiegels, die Abholzung der Tropenwälder, die Verschlechterung der Land-/Bodensituation, die Ausdehnung des Menschen in die Wildnis usw. usw., und es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Trends miteinander und mit der Pandemie in Verbindung stehen.“*6*

Deine Vision von der unbegrenzten Fusionsenergie, lieber Steven, würde nämlich erst recht das Ende bedeuten. Energie dient ja vor allem dazu, um Stoffe umzuwandeln. Inzwischen gehen alle von uns benötigten Stoffe jedoch rapide zur Neige: Kupfer, seltene Erden, Phosphor, ja selbst der für den Beton benötigte Sand. Eine unbegrenzte Energiezufuhr würde nur bewirken, dass wir alle noch vorhandenen Ressourcen sozusagen in einem einzigen wilden Festschmaus verbrauchen – woraufhin wir uns denn am Ende nackt auf einem kahlen Planeten drängen. Zwar brauchen wir immer mehr Energie, um die Nahrung für bald zehn Milliarden Menschen hervorzubringen, aber die dazu benötigte Energie geht uns aus. Übrigens auch die grüne Energie. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.*7*

Pinker: Hör auf! Solche Schwarzmalerei, Aldous, ist ein Verbrechen an den jetzt lebenden Menschen und an künftigen Generationen. Sie verdüstert den Geist und lähmt die Erfindungskraft. Der beste Beweis dafür, dass der Mensch eine einzige Erfolgsstory ist, liegt doch in unserer Zahl. Wir sind Überlebenskünstler. Während zur Zeit der Jäger und Sammler nur Horden von allenfalls bis zu hundert Menschen die Savannen durchstreiften, schießen inzwischen Millionenstädte auf sämtlichen Kontinenten aus dem Boden. Charles Darwin, nach Newton zweifellos der größte Wissenschaftler, hat uns vor anderthalb Jahrhunderten die richtige Theorie dazu geschenkt. Wer im Lebenskampf besser gerüstet ist, der setzt sich durch, bekommt die größte Nachkommenschaft und beherrscht den Globus.

Huxley: Bedaure, dass ich abermals widersprechen muss. Darwins Theorie kann nicht stimmen, denn der Gegenbeweis durch die vorhandenen Fakten steht uns doch in Gestalt der Statistik vor Augen. Würden wir alle Säugetiere auf eine Waage stellen, ist der Mensch nur mit 36% der gesamten Biomasse vertreten. Mit insgesamt gerade einmal 4% sind Elefanten, Tiger, Robben, Wale etc. schon praktisch ausgerottet. Die große Masse von 60% bilden Rinder, Schweine, Hühner und Co., also die Nutztiere. Offensichtlich repräsentierten diese die bei weitem erfolgreichsten Arten – mit der Theorie Darwins lässt sich das nur über intellektuelle Hilfskonstruktionen in Einklang bringen. Wir selbst und unsere Nutztiere haben uns innerhalb von nur zweihundert Jahren wie Heuschrecken und Lemminge vermehrt und sollten eigentlich wissen, womit eine solche Bevölkerungsexplosion regelmäßig endet, nämlich in einem Bevölkerungskollaps. Darwin hin oder her – ich sehe nicht, wie man darin einen Erfolg sehen kann.

Pinker: Ach, darauf willst Du hinaus. Die Natur wird sich selber helfen – mit Kriegen, Seuchen, Hungersnöten usw., damit dann am Ende eine kleine Schar übrigbleibt, die dann wieder jagen und sammeln geht, so wie vor zehntausend Jahren? Die Leier kenne ich, davon will ich nichts hören. Um Dir die Wahrheit bei dieser Gelegenheit einmal rundheraus ins Gesicht zu sagen. Ich bin ja sonst für die Freiheit und gegen die Zensur, aber solchen Spielverderbern und Miesmachern wie euch sollte man schlicht das Wort verbieten.

Dabei würde ein kleines Gedankenexperiment doch schon genügen, um euch zu zeigen, wie wenig dramatisch unsere Situation in Wirklichkeit ist. Würden wir alle sieben Milliarden Menschen in eurem Zwergstaat Österreich unterbringen, dann kämen auf jeden einzelnen immer noch 12m2, also sechs mal zwei Meter, das entspricht einem günstigen Wert für Gefängnisse, in denen so mancher Zeitgenosse sein ganzes Leben zubringen muss. Da kann doch von Übervölkerung überhaupt keine Rede sein. An eurer Schwarzmalerei stört mich vor allem, dass sie geistig so unfruchtbar ist. Wenn ihr euch schon berufen glaubt, jede Errungenschaft unser großartigen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation kritisch zu hinterfragen, dann sagt doch bitte, wie es besser zu machen wäre. Kritik allein ist eine Krankheit, die niemandem nützt, solange sie nicht zugleich mit einem Rezept zur Heilung verabreicht wird.

Huxley: Diesen Einwand akzeptiere ich. Da bin ich ganz deiner Meinung, aber ich verlange nun auch, dass Du die ungeheure Schwierigkeit begreifst, vor der wir heute stehen. Die plötzliche Vermehrung einer Art über die biologische Tragfähigkeit des Ökosystems hinaus, ist ein Unglück, für das es in der Natur leider unendlich viele Beispiele gibt. Lemminge und Heuschrecken habe ich schon erwähnt, aber bei Bakterien und Viren ist eine exponentiell-explosionsartige Vermehrung die Regel. Stets hilft die Natur sich auf die brutale Art: sie lässt den Überschuss untergehen. Wir Menschen haben uns gegen diese Grausamkeit nie aufgelehnt, solange sie andere Arten betraf. Da erschien sie uns ganz „natürlich“. Nun aber stehen wir selbst mit unseren bald zehn Milliarden Individuen einem Ökosystem gegenüber, das dieser Last nicht länger gewachsen ist. „Selbst bei den derzeitigen globalen Durchschnittswerten des Verbrauchs (etwa ein Drittel des kanadischen Durchschnitts) übersteigt die menschliche Bevölkerung bei weitem die langfristige Tragfähigkeit der Erde.  Wir bräuchten fast fünf erdähnliche Planeten, um allein die gegenwärtige Weltbevölkerung bei durchschnittlichen kanadischen materiellen Standards unbegrenzt zu versorgen.“*8*

Ja, wir haben es materiell sehr viel besser als die ganze Menschheit vor unserer Zeit – da hast Du völlig recht. Aber sobald wir begreifen, dass uns dies nur gelang, weil wir den Planeten in kurzer Zeit wie die Heuschrecken kahlgefressen haben, sieht das Bild doch ganz anders aus. Nur wir, die Du als Schwarzmaler und Kassandras schmähst, weisen auf die Gefahr. Wir sagen so laut wir können, dass die Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert alles unternehmen müsse, damit die Natur nicht die übliche Prozedur der brutalen Vernichtung des Überschusses so an uns vollzieht, wie sie das schon immer an Heuschrecken tat. Oder dass sie uns selbst nicht etwa zu ihrem Vollstrecker macht, weil wir mit Kriegen um die letzten Rohstoffe uns gegenseitig vernichten. „Es gibt keine Ausnahmen vom 1. Gesetz exponentieller Vermehrung: Diese zerstört unweigerlich die Bedingungen, die die Vermehrung begünstigt haben, und löst damit den Zusammenbruch aus.“*9*

Pinker: Na schön, dann kommen wir jetzt ja doch noch zur Hauptsache. Sag mir also,  wie die Welt nach Deiner Meinung aussehen soll. Entweder zurück zur Bedürfnislosigkeit der Steinzeitmenschen oder eine radikale Verminderung unserer Kopfzahl, wie es die Natur bei den Heuschrecken macht. Darauf läuft Dein Rezept doch hinaus?

Huxley: Es wundert mich, dass Du den Menschen so unbefangen mit Heuschrecken vergleichst, obwohl Du doch seine durch Aufklärung gewonnene Vernunft als ein ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnendes Merkmal siehst. Dir sind die wissenschaftlichen Untersuchungen sicher bekannt, die an einer Fülle von Fakten belegen, dass wir den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard bei einer Bevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen nur noch eine kurze Zeit aufrechterhalten können. Noch in diesem Jahrhundert wird das energetische Strohfeuer erlöschen. Wollen wir diesen Kollaps vermeiden und eine nachhaltige Welt begründen, dann erreichen wir dieses Ziel nur auf zweierlei Art: entweder reduzieren wir unseren Naturverbrauch auf etwa ein Fünftel, oder es dürfen nur noch zwei Milliarden Menschen den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard genießen.

Pinker: Bravo, ich wusste schon, darauf läuft es bei euch hinaus. Entweder der radikale Verzicht, indem wir alle eine Existenz von Bettlern führen oder fünf der vorhandenen sieben Milliarden Menschen werden schlicht als überflüssig erklärt. Vielleicht entsorgt ihr sie auf dem Mars?

Huxley: Ja, ja, das ist der übliche Spott, wenn das Denken vor einer existenziellen Bedrohung in den Fluchtreflex fällt. Ich weiß schon, Du denkst an das unselige Buch von Ilya Trojanow „Der überflüssige Mensch“. Aber keiner, der sich für eine sinnvolle Bevölkerungspolitik einsetzt – das hatte seinerzeit schon Bertrand Russell getan – hat auch nur einen Augenblick daran gedacht, Bevölkerungspolitik in dem Sinne misszuverstehen, dass man irgendeinen Teil der bereits lebenden Menschen als überflüssig erklärt. Ein derart abwegiger (und verbrecherischer) Einfall kann nur Demagogen einfallen. Es geht darum, durch Geburtenbegrenzung auf dieses Ziel hinzuarbeiten, so wie man es in China mit Erfolg bereits tat. Mit seiner fallenden Geburtenrate hat auch Europa der Welt ein nachahmenswertes Beispiel geliefert.

Pinker: Ach wirklich? Und warum jammern Unternehmen, Politik und Pensionisten in einem fort darüber, dass ihnen die Arbeitskräfte fehlen und künftig sogar das Geld, um die Pensionisten zu erhalten? Und warum lässt man in Europa aus aller Welt Fremde über die Grenzen strömen, nur um die fallenden Geburtsraten auf diese Art auszugleichen? Da freut sich keiner über das Beispiel, alle scheinen in dem demographischen Rückgang nichts als ein nationales Unglück zu sehen.

Huxley: Da muss ich Dir leider recht geben. Führende Wissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass eine radikale Beschränkung der Geburten die einzig vernünftige Politik darstellt, wenn wir der ökologischen Katastrophe entgehen wollen. Alles: die Überfischung der Meere und ihre rapide Vermüllung mit Plastik, die Vergiftung der Atmosphäre mit CO2, die baldige Erschöpfung der Energiereserven, die zunehmende Bedrohung durch alle Arten von Seuchen in einer total überfüllten Welt, all dies lässt sich nur überwinden, wenn es einer konsequenten Bevölkerungspolitik gelingt, die Geburtenzahl innerhalb dieses Jahrhunderts auf einen Bruchteil zu reduzieren. Statt jedoch das chinesische und europäische Beispiel der Welt als Lösung des gegenwärtig größten Menschheitsproblems vor Augen zu stellen, jammern wir über die Gefährdung der Renten. Statt den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Geburtenüberschuss alle Nachhaltigkeit vereitelt, eine radikal andere Politik zu empfehlen und sie von uns aus zu unterstützen, öffnen wir unsere Grenzen und ermuntern diese Länder im Gegenteil noch dazu, bei ihrer bisherigen Bevölkerungspolitik zu bleiben.

Pinker: Verstehe ich dich recht, wir sollen die Grenzen schließen? Da spricht auf einmal der inhumane, brutale Nationalegoist. Der lässt andere jenseits der Grenzen eher sterben, als dass er ihnen die Einwanderung erlaubt

Huxley: Ich gebe zu, dass Du da einen wunden Punkt berührst – und einen noch dazu intellektuell außerordentlich problematischen. Lassen wir die Migration einen Augenblick beiseite und betrachten dasselbe Problem unter einer anderen Perspektive, wo wir uns vielleicht eher einigen können.

Es scheint mir offensichtlich, dass jeder Staat in Zukunft den von ihm produzierten Müll selbst entsorgen muss. Immer mehr Staaten (die man einst als Dritte Welt von oben herab behandelte) weigern sich inzwischen, das eigene Territorium damit zu vergiften. Diese Entwicklung sollten wir bejahen. Nur dadurch dass wir gezwungen sind, mit dem Problem selbst fertig zu werden, finden wir zu Strategien der Müllvermeidung. Die Verantwortung für das eigene Handeln muss wieder bei dem Handelnden selber liegen, ganz gleich ob Individuum, Unternehmen oder Staat. Was für den Müll gilt, sollte aber ebenso für die industrielle Produktion überhaupt gültig sein. Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir im Ernstfall alles Lebensnotwendige wenn nicht im  eigenen Land so doch innerhalb der existierenden Staatenbünde wie z.B. der Europäischen Union produzieren sollten. Wir dürfen uns nicht in existenzielle Abhängigkeit bringen, indem wir uns auf eine Werkbank am anderen Ende der Welt verlassen.*10* Zwar würde in einer idealen Welt, wie sie die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft beschreibt, ein völlig freier Handel allen Menschen den größten Wohlstand bescheren, aber wir haben bisher nie in einer solchen Welt gelebt, und wir werden auch erst unter einer künftigen Weltregierung dazu gelangen.

Ja, und damit komme ich zu Punkt drei. Jeder Staat (oder Staatenbund) sollte nur so viele Menschen auf seinem Gebiet beherbergen wie dort nachhaltig leben können. Dieser Schluss scheint mir unausweichlich zu sein.

Pinker: Sehr interessant und überaus seltsam. Weißt Du auch, was Du damit sagst? Das ist ein Programm, um 150 Jahre Globalisierung rückgängig zu machen. Du willst zurück in die Welt, wie sie es vor tausend Jahren gab, als China, Indien, Europa, Australien und Amerika entweder nichts voneinander wussten oder zumindest so gut wie nichts voneinander brauchten, um ihre unmittelbaren materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Huxley: Wenn das so einfach wäre! Habe ich nicht gerade zuvor bemerkt, dass wir hier einer großen Herausforderung gegenüberstehen? Jede der drei Großmächte kann jeden beliebigen Punkt auf der Erde mit nuklearen, chemischen und biologischen Waffen so verseuchen, dass die gesamte Menschheit davon betroffen ist. Diese Globalisierung durch den unseligen „Fortschritt“ der Waffentechnik ist nicht mehr rückgängig zu machen. Selbst wenn in Zukunft jeder Staat oder Staatenbund wieder ganz allein die Verantwortung für das eigene Territorium und die darauf lebenden Menschen zu tragen hätte, würde das gemeinsame Überleben dennoch davon abhängen, dass keiner dem anderen schadet. Das aber ist nur durch Frieden, Kooperation und Verträge zu erreichen. Anders gesagt, müssen wir ein Kunststück zustandebringen, das die vorangehenden Generationen nicht einmal ahnten. Regionalisierung einerseits, d.h. Verantwortung vor Ort, und zugleich Globalisierung andererseits, da wir alle Passagiere desselben von Kentern bedrohten Bootes sind.

Pinker: Schon wieder die übliche Übertreibung und Panikmache! In den Zeiten des dreißigjährigen Krieges glaubten die Menschen das Heil in dem richtigen Glauben zu sehen. Mein lieber Freund Richard Dawkins hat den heillosen Schwachsinn der damaligen und heutigen Glaubenskämpfer in seinem großartigen Buch „Der Gotteswahn“ angeprangert. Ein Jahrhundert nach dem dreißigjährigen Glaubensmorden hat die Aufklärung diesen Irrsinn zum ersten Mal als solchen entlarvt. Dann aber kam Karl Marx und setzte einen neuen Wahn in die Welt. Angeblich müssten die Arbeiter nur die Maschinen besitzen, mit denen sie produzieren, damit sie glücklich werden. Sowjetrussland hat uns gezeigt, dass sie nicht um einen Deut glücklicher sondern im Vergleich mit den USA nur zu armseligen Bettlern wurden. Jetzt besteht der neueste Wahn darin, unseren Fortschritt ökologisch kaputtzureden!

Huxley: Wir reden nichts ökologisch kaputt, sondern zeigen die Fakten auf. In den „Glücklichen Breiten“ (Lucky Latitudes), die sich in der Alten Welt in einem Streifen von etwa 20 bis 35 Grad nördlich und in der Neuen Welt zwischen 15 Grad südlich bis 20 Grad nördlich befinden, erbrachte das Sammeln der frühen Jäger-Sammler die größte Ausbeute. Für eine einzige an Arbeitsenergie verausgabte Kalorie wurden fünfzig Kalorien durch die Nahrung gewonnen. Diese Bilanz ist heute in ihr gerades Gegenteil umgeschlagen. 22 000 Kalorien werden zum Beispiel benötigt, um 100g Rindfleisch mit einem Kaloriengehalt von 270 Kalorien zu erzeugen. Statt für eine einzige Kalorie Arbeit mit fünfzig Kalorien Nahrung belohnt zu werden, stecken wir heute 81 Kalorien in die Arbeit, um nur eine einzige Kalorie Nahrung dabei zu gewinnen. Größtenteils werden die eingesetzten Kalorien aus fossilen Brennstoffen gewonnen, um in Traktoren, Düngemitteln etc. zum Einsatz zu gelangen – eine verheerende Energiebilanz. Jeder denkende Mensch muss begreifen, dass es so nicht weitergeht. Die grüne Revolution vervierfachte den Ernteertrag zwischen 1950 und 2000; nur so war es überhaupt möglich, die in diesem Zeitraum von ca. 1,5 auf sechs Milliarden sprunghaft gestiegene Zahl von Menschen weitgehend zu ernähren. Hätte man den landwirtschaftlichen Ertrag nicht auf diese Weise gesteigert, sodass es stattdessen bei den alten Methoden geblieben wäre, dann müsste eine Fläche gerodet und beackert werden, die der gesamten Fläche der Vereinigten Staaten plus Kanada und China entspricht, um die heutige Weltbevölkerung zu ernähren.*10*

Die Bereitschaft, aus diesen Tatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, ist aber bisher nur bei einigen Wissenschaftlern vorhanden. An dieser Stelle kommt daher etwas ganz anderes ins Spiel. Aus dem elementaren Problem der Ökologie wird eine soziale Frage – man kann auch sagen, eine solche des Bewusstseins. Solange eine Minderheit in Macht und Reichtum schwelgt, wird die Mehrheit keine Einbuße hinnehmen wollen. So gesehen hatte Marx jedenfalls recht.

Pinker: Nein, auch das ist noch zu einfach gesehen. Solange die Supermächte jeden Machtzuwachs des anderen so misstrauisch beäugen wie konkurrierende Unternehmen, wird keine von ihnen auf den geringsten Vorteil verzichten wollen, wenn dieser dem Konkurrenten einen Gewinn beschert. Es ist doch eine tolle Naivität zu glauben, dass die großen Mächte zwar Milliarden in Waffen investieren, um nur nicht hinter den Rivalen zurückzubleiben, aber bereit sein werden, ihren Ressourcenverbrauch freiwillig zu drosseln, nur weil sie auf eure Sirenentöne lauschen. Also hier, mein Lieber, verrät sich doch die ganze Weltfremdheit von euch heillosen Idealisten.

Ich schlage etwas mehr Realismus vor. Wir haben etwas viel Wirksameres und auch Demokratischeres entwickelt als den freiwilligen Verzicht auf Rohstoffe und Vermüllung. Das solltest du eigentlich so gut wie jeder andere wissen.  Wir haben den Markt, der selbst auf Regierungen keine Rücksicht nimmt. Der Markt regelt alle wirtschaftlichen Transaktionen über die Preise. Deswegen brauchen wir für die Umwelt nichts zu befürchten. Wenn Öl zu teuer wird und die Müllentsorgung unbezahlbar, dann stellt sich die Industrie ganz von selbst auf andere Energieformen um. Der Markt und die Preise – das ist die verwirklichte globale Vernunft, die sich selbst zähmt und sich selbst regelt. Solange der Markt intakt ist, haben wir nichts zu befürchten!

Huxley: Steven, jetzt bringst Du mich aber zum Lachen! Du nennst mich einen Idealisten, wo Du doch selbst nichts anderes bist als ein konservativer Fantast. Haben die dahin schmelzenden Gletscher vielleicht einen Preis? Werden die in Massen aussterbenden Wildtiere in das Kalkül des Marktes einbezogen? Schlägt die Industrie das COin der Luft und das sich aufheizende Klima auf ihre Preise? Hat die Ungleichheit, welche die einen zu Multimilliardären, die anderen zu Hungernden gemacht, den Markt jemals in Unruhe versetzt?

Nein, nicht der Markt wird benötigt sondern starke Regierungen, welche die Interessen der künftigen ebenso wie die der jetzt lebenden Menschen berücksichtigen.  Das gegenwärtige Unglück könnte dabei allerdings hilfreich sein. Solange der Weltmarkt, d.h. die internationale Konkurrenz, den Ton angab, war an Regionalisierung nicht zu denken. Jetzt aber müssen sich die großen Wirtschaftsblöcke auf sich selbst besinnen. Das ist eine gewaltige Chance. Alle redeten davon, dass die Umwelt den wachsenden Flugverkehr nicht verkraftet. Nun ist diese Industrie eingebrochen. Corona tut beinahe alles, was die Retter der Umwelt seit Jahren predigen und verlangen. Das Virus hat den Energieumsatz wesentlich reduziert, Abgase wurden auf einen Minimalwert vermindert, weil der Verkehr zum Erliegen kam, der Himmel über den Städten wurde wieder blau, die Tiere wagen sich erstaunt aus ihren Verstecken vor. Corona zwingt der Welt den Wechsel auf.

Pinker: Das hört sich gerade so an, als hättet ihr Ökologen so eine Krise herbeigesehnt.

Huxley: Wenn es ohne eine kleinere Krise nicht gelingt, die Welt vor der ganz großen zu retten, welche das Überleben der Spezies insgesamt gefährdet, dann wird man diese Frage wohl bejahen müssen, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Mensch aus Fehlern am ehesten lernt. Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Corona liefert übrigens den augenscheinlichen Beweis für den heilsamen Aspekt der Globalisierung. Das gemeinsame Unglück könnte zu einer gemeinsamen Chance werden.

Pinker: Das genügt nicht. Der Mensch braucht Hoffnung und ein positives Narrativ. Mit meinem wegweisenden Buch über die Aufklärung habe ich solche Hoffnung vermittelt. Wir können stolz sein auf alles, was wir in Wissenschaft und Technik geleistet habe. Ihr dagegen nehmt den Menschen die Hoffnung.

Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten? Ist dir niemals der Gedanke gekommen, dass ein Pfau, ein Nilpferd, ein Löwe, eine Narzisse, Rose oder Orchidee größere und ungleich komplexere Erfindungen sind als selbst unsere schnellsten Supercomputer? Diese Welt der unglaublichen Schönheit und Komplexität möchten wir bewahren. Ich kenne kein größeres positives Narrativ als diese gemeinsame Aufgabe.

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*0* Ein vielleicht noch überzeugenderer Partner in diesem Streit mit Steven Pinker wäre wohl der ehemalige deutsche Psychiater und Neurologe Hoimar v. Ditfurth gewesen, der allerdings außerhalb der Grenzen Deutschlands wenig bekannt ist. In seinem (bereits 1985!) erschienenen Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit“ hat Ditfurth nicht nur das Potenzial zur atomaren, biologischen und chemischen Selbstauslöschung im Einzelnen beschrieben sondern auch den Hauptgrund für die Gefährdung unserer Spezies ausgemacht: die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung. Ich würde diesem so außerordentlich gut informierten, intelligenten und sympathischen Mann nur einen Vorwurf machen. Er hat keinen Ausweg aus der Situation gesehen und seinen eigenen Untergang – der erfolgte vier Jahre nach der Veröffentlichung des genannten Buches – mit dem Untergang der Welt gleichgesetzt.

*1* Steven Pinker (2018), Enlightenment Now.

*2*  Des centaines de milliers de bêtes entassées les unes sur les autres en attendant d’être conduites à l’abattoir : voilà des conditions idéales pour que les microbes se muent en agents pathogènes mortels. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*3*  Pour assouvir son appétit carnivore, l’homme a rasé une surface équivalant à celle du continent africain (8) afin de nourrir et d’élever des bêtes destinées à l’abattage. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*4* Bardi (2014): Der geplünderte Planet.,

*5* Siehe Jenner (2019): Reflections.

*6* William E. Rees (2020): The Earth Is Telling Us We Must Rethink Our Growth Society (https://thetyee.ca/Analysis/2020/04/06/The-Earth-Is-Telling-Us-We-Must-Rethink-Our-Growth-Society/).

*7* Zit. aus Jenner (2019): Sinn und Ziel.

*8* William E. Rees, op. cit.

*9* Rees, op. cit.: Now here’s the thing. H. sapiens has recently experienced a genuine population explosion. It took all of human evolutionary history, at least 200,000 years, for our population to reach its first billion early in the 19th Century. Then, in just two hundred years, (less than 1/1000thas much time) we blossomed to over seven billion at the beginning of this century.  This unprecedented outbreak is attributable to H. sapiens’ technological ingenuity, e.g., modern medicine and especially the use of fossil fuels. (The latter enabled the continuous increases in food production and provided access to all the other resources needed to expand the human enterprise.) 

The problem is that Earth is a finite planet, a human Petri dish on which the seven-fold increase in human numbers, vastly augmented by a 100-fold increase in gross world product (consumption), is systematically destroying prospects for continued civilized existence.

*10* Diesen Imperativ hatte ich schon in meinem ersten Wirtschaftsbuch vertreten: „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer 1997; jetzt neu bei Amazon aufgelegt „Nach der Coronakrise – keine Arbeitslosigkeit durch Auslagerung und Automation“).

11 Zit. aus Jenner (2019), Sinn.

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Von Franz Nahrada erhalte ich per Mail folgende Mitteilung:

Da gibts eine sachliche Fehlstelle – ich hätte den Pinter schärfer antworten lassen:

Huxley: „Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*“

Pinker: Wir ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber gleichzeitig ist dieser Planet voller Energie, ich rede nicht vom Erdkern, sondern von der Oberfläche:  „In einer halben Stunde schickt die Sonne mehr Energie zur Erde als Menschen im Jahr verbrauchen“

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Meine Antwort:

Es ist wahr, dass die Sonne gewaltige Mengen an Energie zur Erde schickt. insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr, während der gesamte humane Energieverbrauch im Jahr 2012 etwa 559,8 Exajoules betrug – von der Sonne also innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt wurde. Der Einwand von Herrn Nahrada zeugt aber von einer sehr oberflächlichen Lektüre, denn eines der Hauptargumente des Artikels besteht ja gerade darin, dass uns ein Füllhorn an Energie erst recht in den Abgrund leiten würde. Man muss schon sehr auf die eigenen Positionen eingeschworen sein, um eine Hauptthese einfach zu übersehen!

Von Herrn Pfarrer Gerhard W. Loettel aus Magdeburg erhalte ich folgende Zuschrift:

Lieber Gero !

Da muss ich Dir mal ein ganz großes Kompliment machen. Und das gleich zweimal. Denn mit dem Buch vom Dawkingswahn und dem Pinker- Huxley- Interview sind Dir zwei ganz große Würfe gelungen. Da kannst Du stolz sein, dass Du das mit Deiner weitläufigen (Aus)Bildung und dazu einem großen Schuss Weisheit geschafft hast uns ein theatrum mundi vorzuführen, von dem wir unheimlich viel lernen können. Das eine ist ein theatrum mundi über einen sehr großen Weltzeitabschnitt und dazu Weltgebietsabschnitt und  das andere, das Interview eine gekonnte Zusammenfassung des derzeitigen  Bildes unserer Versagens und unsrer Fehler mitsamt den Gefahren – aber auch Chancen – die daraus erwachsen (können). Danke für beides.

Ich bin ja so glücklich, das Du  mit dem Buch(das ich erst angefangen habe) meine Sicht teilst, wir müssen den Machtreligionen und ihrer Humanignoranz ebenso den Kampf ansagen, wie den Machtwissenschaften, die beide auf Intoleranz und Einseitigkeit aufbauen und damit viel Unheil anstifteten. Und dafür aber der Weisheit wieder mehr Spielräume verschaffen.

Ich habe das auf meine nicht so gebildete Art versucht mit Betrachtungen wie „Frage nach Gott, dass er wahr wird“ oder „Der Doppeltaspekt des Geistes“ oder „Erfülltes Leben“. In allen Büchern habe ich versucht den Weisheitscharakter über die dogmatischen Positionen  zu erheben und z.B. die „Sache Jesu“ und seine Weisheit über die Geschichtsposition seines Sterbens und „Auferstehens“ (Kreuz und Auferstehung als das zu glaubende Glaubens- und Erlösungs-ereignis). Es gibt da sogar eine Gruppe in Deutschland, die sich dieser Position unter dem Titel „Reich Gottes Jetzt“ zu nähern versucht und die Dogmatik und die Theophilosophie des Paulus arg in Kritik bringt.

Nun werde ich mit großer Freude von Deinen  Bemühungen um die Wiederkehr mystischer Weisheit in unsere Geisteswelt lesen und sie mir zu eigen machen. Ich selbst bringe demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Inspiration rettet die Welt- von Engeln und Feldern“, das in etwa auch Deine Intentionen aufnimmt.

Sei ganz lieb gegrüßt, ich werde Dein Buch unserem Freund Friedrich wärmstens empfehlen, mit Dank und der Hoffnung auf währenden Frieden ( Pinker- Huxley), Gerhard

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Rückmeldung:

Lieber Gero Jenner,

Vielen Dank für Ihren geistreichen Disput zur aktuellen Weltlage! Sie sind der einzige mir bekannte „Berufsphilosoph“, der sich regelmäßig bemüht, sich mit  den dringendsten Problemen unserer Gegenwart unvoreingenommen und streitbar auseinanderzusetzen und Ansätze zur „Problemlösung“ zu finden. Bitte entschuldigen Sie, wenn sich ein kleiner Industriephysiker, der sich lebenslänglich nur mit der Entwicklung mikroelektronischer Bauelemente und Schaltkreise beschäftigt hat, erkühnt, zu Ihrem Disput etwas hinzuzufügen (siehe Anhang!). Ich habe in der DDR von 1961 bis 1990 und in der BRD und den USA von 1991-2014 in der Industrieforschung gearbeitet und habe damit das Privileg persönlicher Erfahrungen mit beiden Wirtschafts-und Gesellschaftssystemen. Trotz Einschränkungen der Reisefreiheit, unnötiger staatlicher Reglementierungen und deutlich geringerer Konsummöglichkeiten betrachtete und betrachte ich auch heute noch das sozialistische System der DDR als das kleinere Übel und als das eigentlich Zukunftsfähigere.

Übrigens war ich in der DDR in keiner Partei und habe meine kritische Meinung zu vielen Missständen immer frei geäußert, ohne dass mir daraus (außer vielleicht bezüglich der Karriere) irgendein Schaden erwachsen ist.

Mit freundlichem Gruß

Karl Ernst Ehwald

Meine leider sehr prosaische Ergänzung zu dem wunderbaren und den Kern der Dinge treffenden Streitgespräch:

(Das Folgende bezieht sich auf die Passage: Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten?) 

Allerdings wird man in unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft in vieler Hinsicht umdenken müssen, um diese Aufgabe lösen zu können. Die notwendige Abkehr vom unbegrenzten Wachstum erfordert zwingend eine wirksame gesellschaftliche (staatliche) Kontrolle des gesamten Wirtschaftslebens im Sinne einer am Bedarf orientierten Rahmenplanung bezüglich Warenproduktion, Warenverteilung und Geldumlauf. Das wird letztlich ohne eine Enteignung der Großproduzenten und Banken und Überführung derselben in Gemeineigentum nicht möglich sein. In dieser Hinsicht müssen wir der Vision von Karl Marx bezüglich einer künftigen Gesellschaft zustimmen. Paradoxerweise glaubte aber Marx, dass die Vergesellschaftung der Produktion in einer sozialistischen Gesellschaft durch Aufhebung der entfremdeten Lohnarbeit und bewusste Mitarbeit aller am Gemeinwohl die Arbeitsproduktivität und den Wohlstand durch technischen Fortschritt noch über das im Kapitalismus mögliche Maß steigern würden. Wie das realsozialistische Experiment in der Sowjetunion und Osteuropa zeigte, war das nach erheblichen Anfangserfolgen im Zuge einer nachholenden Industrialisierung auf Dauer eher umgekehrt. Wegen fehlender Konkurrenz und großer Sicherheit am Arbeitsplatz (keine nennenswerte Arbeitslosigkeit) war die technische Innovation und die Konsumtionszunahme in diesen „bedarfsorientierten“ Wirtschaften des Ostblocks systematisch langsamer, als in den reichen westlichen Ländern, allerdings bei deutlich gerechterer Verteilung der erzeugten Güter (der Direktor eines Halbleiter-Großbetriebes mit 8000 Beschäftigten in Frankfurt (Oder) verdiente mit ca. 5000-6000 Ostmark z.b. maximal 5 mal so viel, wie ein einfacher Schichtarbeiter im Reinraum und wohnte neben mir in einer normalen Plattenbauwohnung). Die gebremste Entwicklung der Konsumption war nicht gewollt, aber eine klare Folge der sozialistischen Planwirtschaft. Natürlich spielte daneben auch die fehlenden Möglichkeit, ärmere Länder auszubeuten, eine Rolle, ebenso wie das gegen die Länder des Ostblocks verhängte Wirtschaftsembargo. Das änderte aber nichts an der grundsätzlichen Unwilligkeit und Unfähigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft, es dem Westen bezüglich Warenangebot und Konsumanreiz gleich zu tun. Wo der direkte Verglich zum Westen fehlte, wie in manchen Teilen der sowjetischen Provinz, lebten viele Menschen trotz vergleichsweise sehr ärmlicher Verhältnisse nicht weniger glücklich und zum Teil kulturvoller, als in Deutschland, abgesehen von der Minderheit der politischen Aktivisten bzw. Systemkritiker. 

Fazit: Obige Erfahrungen geben mir die Hoffnung, dass ein bescheideneres, aber dennoch erfülltes Leben in einer künftigen nichtkapitalistischen Gesellschaft, bei der das Konkurrenzdenken durch die Verhältnisse bewusst gebremst oder auf Ziele außerhalb unnötigen Konsums (Sport, gesellschaftliches Ansehen) gelenkt wird, wieder möglich ist. Peter Scholl-Latour meinte vor etwa 10 Jahren, Staaten wie China und Russland könnten in diese Richtung wegen ihrer diesbezüglichen Erfahrungen und ihrer autoritären Struktur bei Bedarf jederzeit umsteuern. Hoffentlich hatte er recht!

Natürlich ist die Frage der realen Mitgestaltungsmöglichkeit des öffentlichen Lebens und der Gesetzgebung durch den daran interessierten Teil der Bevölkerung in autoritär regierten Ländern wie Russland, China, Iran, Kuba usw. keineswegs gut gelöst, trotz mancher Versuche in dieser Richtung. Dasselbe trifft aber auf die Parteidemokratien der meisten kapitalistischen Staaten zu. Die Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit (Gemeinnutz vor Eigennutz) und Mitgestaltungsmöglichkeit der Bürger war und ist ein Problem jeder menschlichen Gesellschaft und wird vermutlich nie ideal, bestenfalls einigermaßen brauchbar, gelöst werden. 

Meine Replik:

Lieber Herr Ehwald,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Auf einen Vergleich zwischen den beiden deutschen Systemen oder überhaupt dem sozialistischen und kapitalistischen kam es mir nicht an. Ich bin überzeugt, dass Ersteres genauso gegen die Natur gewütet haben würde wie Letzteres, wenn es dazu die Zeit und die Mittel gehabt hätte. Gegen die Menschen ist Stalin jedenfalls nach meiner Einschätzung ungleich brutaler vorgegangen als selbst die brutalsten Kapitalisten. Wenn das Leben für viele im Rückblick in der DDR recht erträglich anmutet, dann darf man auch nicht vergessen, dass man mit den Deutschen vorsichtig umgehen musste, um  sie dem Sozialismus nicht zu entfremden. Das verschaffte ihnen Vorteile, die sie anderswo nicht genossen. Aber ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, dass alle im Augenblick vorhandenen Gesellschaftssysteme unfähig sind, mit den großen Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. In meinen Büchern „Sinn und Ziel“ sowie „Frieden und Krieg“ habe ich immerhin Auswege aufzuzeigen versucht. Was davon zu halten ist oder auch nicht, wird die Zukunft zeigen.


Nochmals vielen Dank für Ihre Überlegungen
Gero Jenner

Warum ich leider nicht modern bin – Plädoyer für ein machofrei deutsch Neusprech

Um eines gleich zu Anfang klar zu stellen, ich halte es für eine der wenigen wirklich großartigen Errungenschaft unserer Zeit, dass die Frauen dem Manne gleichgestellt werden sollen (sie sind es ja noch nicht). Jeder, der daran etwas ändern will oder sich diesem Fortschritt verweigert, sollte nicht nur als Macho sondern schlicht als ein Dummkopf gelten, denn er hat nicht einmal begriffen, dass die Frauen den Männern heute schon an den Universitäten den Rang ablaufen. Niemand wird mich daher mit jenen Betonköpfen aus dem Lager rechtsaußen verwechseln, die ihre Patriarchenrolle nur zu gern auch heute noch weiterspielen.

Aber muss man die Sprache dafür büßen lassen,

dass der Mann seine Stellung so lang missbrauchte? Nein, in dieser Hinsicht will ich nicht modern sein. Ich werde auch weiterhin von Nutzern, Menschen und Mitgliedern reden. Ich werde mich also weigern, Worte wie Nutzer*Innen zu verwenden, weil ich dann auch Mensch*Innen oder gar Mitglied*Innen sagen müsste. Aus dem gleichen Grund halte es auch für unnötig, die Sprache mit Klammern zu verunzieren wie etwa ein(e) gute(r) Kolleg(e/in). Ich nehme in Kauf, damit militante Feministinnen beiderlei Geschlechts vor den Kopf zu stoßen, denen eine solche Weigerung meinerseits völlig genügt, um auf den Macho in mir zu schließen und vielleicht sogar noch den Kryptosexisten in mir zu entdecken. Den Feldzug gegen die Sprache der Patriarchen sehen diese Eiferer(innen) ja als ihre Lebensaufgabe an und alle, die sich dem „Gendering“ widersetzen, als ihre persönlichen Feinde.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen,

dass wir uns auf diesem Gebiet so lächerlich machen, wie schon Mark Twain feststellte, als er sich darüber lustig machte, dass es im Deutschen wahlweise DER Kopf, DIE Birne oder DAS Haupt heißen kann? Wie kann ein und dasselbe Objekt, in diesem Fall der menschliche Schädel, so fragte sich Twain, im Deutschen sowohl eine Affinität zum Weiblichen wie zum Männlichen oder zu einer Sache aufweisen? Offenbar geht diese Unterscheidung auf radikale Antifeministinnen in der Urzeit der indogermanischen Sprachen zurück. Mit gleichem Eifer, wie man heute alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufheben will, haben unsere fernen Ahnen damals eine Entdeckung gefeiert, die ihnen vermutlich als epochal erschien. Sie glaubten, als durchgängiges Wirklichkeitsprinzip die Differenz der Geschlechter entdeckt zu haben. DIE Stute, DER Hengst, DAS Fohlen setzten sie zu den Unterschieden in Beziehung, die sie an sich selbst entdeckten: DIE Frau, DER Mann, DAS Kind. Aber nicht genug damit. In ihrer Besessenheit von dieser Entdeckung dehnten sie diese Dreiteilung nicht nur auf alle belebten Dinge aus sondern selbst noch auf die unbelebten.  Vermutlich gab es bei ihnen schließlich einige Sexisten, die nun das weibliche Wort DIE Mähne oder DIE Gurke nicht auszusprechen vermochten, ohne dass eine Vulva in ihrem Unterbewussten aufblitzte oder ein Penis, wenn sie männliche Wörter wie DER Baum, DER Salat oder DER Strauch vor Augen hatten.

Ich selbst war schon frühzeitig nicht sonderlich modern

Ich kann mich erinnern, dass schon in den sechziger Jahren, als ich noch studierte, fragebogenbewehrte Mitstudenten auf Gesinnungsschnüffelei ausgingen. Mich wollte einer von ihnen damals überzeugen, dass es absolut keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen gebe. Er hatte ja recht – die noch bestehenden Unterschiede waren schon damals in stetem Rückgang begriffen. Inzwischen sorgt hormongesättigte Fleischnahrung dafür, dass Männern die Brüste wachsen, während sie bei Frauen ihre frühere Üppigkeit sichtbar verlieren. Die Unterschiede sind also ganz objektiv im Schwinden. Was die untere Etage betrifft, so können wir auch in diesem Punkte beruhigt sein. Die hartnäckig noch fortbestehenden sogenannten primären Geschlechtsmerkmale lassen sich inzwischen operativ ziemlich mühelos korrigieren.

Aber es stimmt:

Die deutsche Sprache ist immer noch eine Bastion der Rückständigkeit, da sie so viele Überbleibsel des petrifizierten Machismos birgt. Wenn es schon schwer zu ertragen ist, dass es DER Mensch und nicht DIE Mensch(in) heißt, warum dann nicht auch DEN Nagel aus seiner Zwangsjacke erlösen, indem man ihn forsch zu einer Nagel(in) macht? Die Wirklichkeit ist ja leider schwer zu verändern – immer noch verdienen Frauen merklich weniger als die Männer -, aber die Sprache leistet keinen Widerstand, da können die Eiferer ihre Macht austoben. Sie tun es mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und mit gezücktem Skalpell. Da wird es nun in der Tat auch so richtig grauslich. Waren es zuerst nur sternäugige Idealist(in)en, die aus dem Menschen eine Mensch(in) machten, traten nun auch die Professor(inn)en auf den Plan und brachten System in die Sache. Und schließlich kam dann der Staat, denn die deutsche (österreichische) Bürokratie ist ja niemals faul, wenn es darum geht, zu regulieren und zu verbieten. Vor dem von oben verordneten Gendering haben Denk- und Sprachfreiheit keine Chance.

Ich bin in diesem Punkt leider gar nicht modern,

denn ich behaupte, dass diese Hässlichkeitschirurgen, die da so eigenmächtig mit ihrem operativen Besteck am lebendigen Leib der Sprache schnippeln, in Wirklichkeit unwissende Irre(innen) sind. Denn sie wissen schlicht nicht, was sie da tun. Mag Benjamin Lee Whorf ruhig das Gegenteil behaupten (denn Beweise hat er ja nie geliefert), es ist einfach nicht wahr, dass sprachliche Formen einen nachweisbaren Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Das indische Sanskrit und die meisten Folgesprachen des Subkontinents gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, welche genau wie das Deutsche die übliche Dreiteilung in Männlich, Weiblich, Sächlich praktizieren. Das Chinesische hingegen gehört zu den Sino-Tibetischen Sprachen und ist ganz frei von aller geschlechtsbezogenen Klassifizierung. Dennoch lässt sich im Hinblick auf die patriarchalische Herrschaft des Mannes kaum ein Unterschied in der Vergangenheit beider Kulturen erkennen. Frauen der oberen Schicht waren hier wie dort genötigt, dem Mann durch Selbstmord ins Grab zu folgen. In China wurden sie überdies noch leiblich an den Füßen verstümmelt, damit sie – stark behindert in ihrer Bewegung – dem Mann als puppenhafte Prestigeobjekte dienten. Der radikale Unterschied zwischen den beiden Sprachen hat also nachweislich nicht die geringste Auswirkung auf das Verhalten geübt. Ein deutlicherer historischer Beweis gegen den Unfug der modischen Sprachmalträtierung lässt sich kaum führen.

Nein, diese Art von Modernität

ist mir zuwider, denn es kommt auf das Verhalten an und nicht auf sprachliche Formen, bei denen sich niemand mehr etwas denkt. Oder wird jemand ernsthaft behaupten, dass DIE Gurke uns an Brüste denken lässt und DER Tisch an einen Knaben? Und wenn die blindwütigen Eiferer schon nichts von der Vergangenheit Chinas oder Indiens wissen wollen, warum werfen sie ihren Blick dann nicht in die Gegenwart? Genau wie das Chinesische hat das Englische schon vor Jahrhunderten das indogermanische Erbe der Dreiteilung getilgt. DER Bleistift und DIE Füllfeder sind bei uns männlich bzw. weiblich, während pencil und fontain pen im Englischen völlig geschlechtslos sind. Hat diese radikale Abwendung vom indogermanischen Paradigma einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen in der englischen Sprachgemeinschaft gehabt? Das wird man bezweifeln dürfen, denn man muss sich doch fragen, warum  gerade in den USA mit ihrer offiziellen Prüderie und einer inoffiziell blühenden Pornokultur Heuchelei in sexuellen Dingen so tief verwurzelt ist? „Bloody“ und vor allem „fucking“ gehören dort zu den am häufigsten verwendeten Alltagswörtern, aber aus der Struktur des Englischen kann man diese Neigung eben gerade nicht herleiten. Zu denken sollte auch geben, dass sexuelle Übergriffe, wie sie die MeToo-Bewegung anprangert, gerade im englischen Sprachraum – weit mehr als im deutschen – bis vor kurzem zu den Vorrechten des Mannes gehörten. Wiederum sucht man vergebens nach einer Verbindung zur Struktur der Sprache.

Die Sprachverhunzer(innen) richten aber noch zusätzlichen Schaden an,

weil sie das, was sie vermeiden wollen, im Gegenteil zusätzlich verstärken. Der „generische Plular“ sorgte im Deutschen bisher dafür, dass jeder unter „Schülern“ selbsterständlich sowohl männliche wie weibliche (Exemplare) verstand. Nachdem die Spracheiferer aber damit begonnen haben, auf dem doppelten Ausdruck „Schüler und Schülerinnen“ oder „Schüler(innen) zu bestehen,  wird dieses Verständnis zunehmend in den Hintergrund gedrängt, sodass man unter Schülern tatsächlich nur noch die männlichen (Exemplare) versteht. Es ist schon abzusehen, dass wir in sämtlichen philosophischen Texten, wo bisher von „dem Menschen“ die Rede war, in Zukunft die Doppelbezeichnung „der Mensch und die Menschin“ bzw. (der/ die) Mensch(in) verwenden müssen. Dieses Unglück verdanken wir den emsigen Sprachverhunzer(innen).

Da wir aber gerade beim Englischen waren

Dieser Sprache ist es gelungen, die leidige Klassifizierung nach de(m/r) Geschlecht(in) schon vor Jahrhunderten in aller Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die man/frau hierzulande so anfällig ist. Ganz ohne das Zutun von Feminist(in)en hatte die englische Sprache die drei geschlechtsbezogenen Artikel(innen) – die Entsprechungen zu DER, DIE, DAS/ EINER, EINE, EINES – zu einem einzigen geschlechtslosen zusammengefasst: THE/ A, wodurch es sich nicht nur alle weitere Mühe sondern auch noch sprachwütige Feminist(inn)en beiderlei Geschlechts ersparte.

In ein machofrei deutsch Neusprech übersetzt, würde der voraufgehende letzte Absatz etwa folgendermaßen lauten:

Also, da wir gerade bei Englisch sind. De Sprache ist gelungen, de leidig Klassifizierung nach de Geschlecht schon vor Jahrhunderten in all Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die se hierzulande so anfällig sind. Ganz ohne de Zutun von Feministe hatte de englisch Sprache die drei geschlechtsbezogen Artikel zu ein einzig geschlechtslos zusammengefasst – und ersparte sich damit all weiter Mühe und noch dazu de sprachwütig Feministe.

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PS: Leider muss man auch immer damit rechnen, missverstanden zu werden. Ich halte es nicht nur für richtig, sondern im Sinne der Gerechtigkeit auch für unbedingt geboten, dass der Text der österreichischen Nationalhymne geändert wurde. Dort hieß es: „Heimat bist du großer Söhne,Volk, begnadet für das Schöne.“ Das deutsche Wort „Söhne“ ist kein generischer Plural, der auch die Töchter umfasst, sondern es sind hier ausschließliche männliche Wesen gemeint – und darin liegt eine unverzeihliche Missachtung der Frau. Hier geht es also um die Sache und nicht um den sprachlichen Ausdruck.

Leider ist es inzwischen so weit gekommen, dass zwischen beiden kaum mehr unterschieden wird. Die Rechtsextremen haben das Thema für sich entdeckt und zum Stammtischfutter für dürftige Geister gemacht. Doch so wie ich mich weigere, auf deutsche Sprache und Musik zu verzichten, nur weil Hitler beide für seine Zwecke missbrauchte, werde ich mich nicht davon abhalten lassen, sine ira et studio über Missstände zu reden, die nicht schon deswegen akzeptiert werden müssen, weil Finsterlinge darüber ihre finstere Meinung haben. Prompt habe ich denn auch ein Lob von der falschen Seite bekommen, das mich, obwohl mit dem Segen Gottes verknüpft, keineswegs froher stimmt:

Sehr geehrter Herr Jenner, danke für Ihr Schreiben! Wie gut, dass Sie der Mode widersprechen die auch viele Leute der Kirche mitmachen. Und ergänzend: Auch im Ungarischen gibt es keine der-die-das. Es bleibt auch ohne dies schwer genug! Gott segne Sie! + Andreas Laun, Weihbischof emertius in Salzburg.

Bischof Laun hatte sich anlässlich der letzten österreichischen Präsidentenwahl für Norbert Hofer von der FPÖ ausgesprochen und den mit Recht von allen hochverehrten Alexander van der Bellen als „links-extremen Kandidaten“ geschmäht. Sollten wir auf selbständiges Denken über gewisse Themen besser verzichten, weil diese von der falschen Seite besetzt worden sind? Muss ich, weil ich für Alexander van der Bellen und mit aller Entschiedenheit gegen Leute wie Norbert Hofer bin, für die Verhunzung der Sprache sein? Ich glaube, wir sollten uns unser Denken von keiner Seite diktieren lassen – weder von rechts noch von links oder irgendwelchen anderen Ideologen. Ich werde mir jedenfalls auch künftig erlauben, Freunden heftig zu widersprechen, wenn ich ihre Meinungen für irrig halte, und umgekehrt meinen Feinden klatschend Beifall zu bezeugen, wenn sie hin und wieder auch einmal das Richtige sagen. In Menschlich-Allzumenschliches hatte sich Nietzsche einst an „freie Geister“ gerichtet. Wir sollten das Privileg, freie Geister zu sein, ebenso für uns selbst in Anspruch nehmen.

Der Wahn!

Den Wirtschaftstreibenden wird antizyklisches Verhalten empfohlen. In Zeiten blühender Konjunktur, solle man Schulden abbauen, in Zeiten des Niedergangs eher Schulden machen. Was mich betrifft, so schien es mir geraten, die gegenwärtige Coronakrise antizyklisch zu meistern. Ringsumher sehe ich Leute, welche die Welt und sich selbst vor dem Virus retten wollen. Da nahm ich mir vor, mich vor dem Denken über das Virus zu retten, das inzwischen nicht nur die Körper infiziert sondern auch noch die Hirne. Was könnte in dieser Situation erzwungener Selbst-Isolation besser sein, als daraus eine Zeit der Selbst-Besinnung zu machen?

Vor acht Jahren hatte ich ein Manuskript beiseitegelegt, zu dem mich die Lektüre von Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ angeregt hatte – ein Weltbestseller, der seinen Erfolg wohl vor allem der Tatsache verdankt, in zweierlei Hinsicht eine Position von größter Eindeutigkeit zu beziehen. Die erste: Religionen seien nicht nur überhaupt überflüssig sondern eine Gefahr – die wohl größte, der sich der Mensch in seiner Geschichte ausgesetzt habe. Religionen hätten falsches Wissen immer wieder mit Fanatismus verteidigt. Sie setzen Autorität gegen eigenes Denken, unterjochen den einzelnen, statt ihn zur Mündigkeit aufzurufen.

Seine zweite Grundthese hat der britische Evolutionsbiologen nicht minder klar formuliert. In unserer Zeit sei der Mensch endlich in die Epoche der siegreichen Wissenschaft eingetreten, die dem religiösen Irrsinn ein Ende setzt. Wissenschaft vermag alle Fragen zu lösen, die dem Menschen bis dahin unlösbar erschienen.

Ich nehme an, dass das Problem des Coronavirus irgendwann von der medizinischen Wissenschaft gelöst werden wird – wenn nicht in diesem Jahr, dann in einem der folgenden. Aber niemand wird so naiv sein, anzunehmen, dass die Menschheit selbst in ferner Zukunft ein Stadium erreichen wird, wo sie sämtliche Probleme bemeistert. Sie würde ein solches Stadium, wenn es denn möglich wäre, vermutlich als ebenso unerträglich bewerten wie die Probleme selbst, denn wäre das nicht einen Stillstand allen Denkens und Handelns nach sich ziehen?

In meinem Bestreben, antizyklisch über derartige Fragen zu denken, besann ich mich darauf, dass Albert Einstein – ein Wissenschaftler, der es an Rang und geistiger Weise denn doch mit einem Richard Dawkins mühelos aufnehmen kann – ein ganz anderes Verhältnis als Letzterer zur Religion bezogen hatte und dass dies auch für andere große Physiker wie beispielsweise Niels Bohr, Max Born, David Bohm oder Erwin Schrödinger gilt. Ich nahm das Manuskript zur Hand und der Titel war augenblicklich gefunden:

Der Dawkinswahn oder die Antwort der Mystik – Duell zwischen Wissenschaft und Religion?

Wie zu erkennen, habe ich meiner Neigung zur Polemik nicht ganz entsagen können, obwohl ich Dawkins geist- und kenntnisreiches, streckenweise auch von britischem Witz belebtes Buch mit größter Spannung gelesen hatte. Dawkins Wahn liegt an einer anderen Stelle, wo man ihn auch immer bei sich selbst fürchten muss. Er sieht den Balken im Auge des Gegners – dort sieht er ihn überdeutlich und zerlegt dessen Argumente nach allen Regeln der Kunst. Aber im eigenen Auge sieht er ihn nicht. Sein hohes Lied auf die Wissenschaft verbirgt, dass diese gerade, wenn sie am größten ist, nämlich kritisch gegen sich selbst, auch um ihre Grenzen weiß. Darum geht es in meinem ganz und gar antizyklischen Buch; es geht um die Grenzen der Religion und des Wissens und welcher Bereich möglicherweise jenseits dieser Grenzen liegt. Ich spreche darüber auf dem rückwärtigen Buchumschlag:

Die Menschheit hat bisher zwei universale Sprachen erfunden, die zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten verstanden wurden – die Sprache der Fakten (heute Wissenschaft genannt) und die Sprache der Intuition (Mystik), doch wurden und werden beide zu Zwecken der Macht missbraucht. Macht-Religion und Macht-Wissenschaft haben das Bild der Wirklichkeit verzerrt. Es ist an der Zeit, dass kritische Wissenschaft sich zurückbesinnt auf die Grenzen der Ratio und selbstkritische Religion auf ihre mystischen Ursprünge. Das ist keine Absage an die scharfe Intelligenz eines Richard Dawkins, wohl aber an einen unkritischen Wahn.

Der Untertitel der deutschen Ausgabe stellt die Frage: „Duell zwischen Wissenschaft und Religion?“ Wir wissen, dass es dieses Duell seit dem 17ten Jahrhundert gibt. Es wird keineswegs mit Dawkins enden – bis zum heutigen Tag stehen Macht-Wissenschaft und Macht-Religion einander unversöhnt und unversöhnbar gegenüber. Aber diese Gegnerschaft gilt gerade nicht für das Verhältnis von kritischer Wissenschaft zu selbstkritischer Religion, nämlich zur Mystik. Aldous Huxley hatte die Mystik als „Philosophia perennis“ bezeichnet: eine ewige und universale Philosophie. Was verbindet die Mystik der Upanishaden, des Islam, des Zen und des Christentums mit der kritischen Wissenschaft? Auf diese Frage will das Buch eine Antwort geben.

P.S: Ich habe das Buch auf deutsch und englisch bei Amazon publiziert und zwar im Kindleformat und als Taschenbuchausgabe. Zwar ist mir bewusst, dass gerade unter meinen Lesern so mancher vor einem Kauf bei Amazon zurückschreckt. Ich räume auch ein, dass es dafür triftige Gründe gibt, andererseits sollte man nicht vergessen, dass Amazon als Verlag wohl der einzige ist, der jedem Zugang bietet, der ein Buch schreiben und gestalten kann, also der einzige wirklich demokratische Verlag. Ein kritischer, sachkundiger, vorurteilsfreier Lektor in einem renommierten Verlag ist zwar unersetzbar, aber wie viele Verlage können sich heute noch diesen Luxus leisten? Die meisten animieren ihre Lektoren dazu, ihr Urteil an den zu erwartenden Verkaufszahlen zu orientieren. Wer über Mystik und kritische Wissenschaft schreibt, richtet sich aber an nachdenkliche Menschen, also an eine Minderheit. Ich bin Amazon dankbar, dass es mir dafür eine Plattform bietet.

Kommentar von Karl-Markus Gauß:

Sehr geehrter Herr Jenner,
ich zähle zu den dankbaren Empfängern Ihrer für mich stets interessanten Ausführungen zu den Fragen unserer Zeit. Ich verstehe aber nicht, warum Sie sich in der Einbegleitung dieses Mal gar so sarkastisch und bitter über die Europäische Datenschutz-Grundverordnung äußern, die ja keineswegs ein Anschlag auf die freie Kommunikation darstellt, sondern den Empfängern unerbetener Massenpost endlich die Möglichkeit einräumt, sich derlei zu verbieten. Ich bin jedenfalls froh, nicht weiterhin täglich dreißig Mails zu erhalten, in denen mich Firmen für Herrenbekleidung über ihre neueste Kollektion,  esoterische Apotheker über ihre Wundermittel zum Abnehmen oder Zunehmen, Reiseveranstalter über günstige Flugreisen und irgendwelche Finanzdienstleister über erfolgversprechende Aktien unterrichten; zumal ich keine neuen Anzüge oder Wunderarzneien erstehen, Kreuzfahrtreisen antreten und Aktien erwerben möchte.
Alles Gute, Ihr Karl-Markus Gauß

Meine Antwort:

Lieber Herr Gauß,
ich freue mich sehr, dass Ihnen meine Texte gefallen. Ihre Erkundungen über verstreute Ethnien und andere kuriose Zeitgenossen habe ich gleichfalls immer mit Spannung und Gewinn gelesen. Aber bitte verraten Sie mir, was ich so Abträgliches über den Datenschutz verbreite – ich war mir dessen (vermutlich aus Naivität) bisher gar nicht bewusst.
Nichts für ungut, sondern im Gegenteil: alles Gute

Gero Jenner

P. S.: Der Text, der unter dieser Mail zu lesen ist, dient allein dazu, mich rechtlich abzusichern. Ich dachte, dass ein wenig Witz nicht schaden würde, aber er ist gewiss nicht gegen die Intentionen der EDG gerichtet!

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Der eher durch seine Gefühle geleitete Mensch

lässt sich auf einen Gegenstand ein und macht ihn sich Schritt für Schritt in immer größerer Tiefe zu Eigen. So geht der Künstler vor, so aber findet auch jedes normale Studium statt. Man fühlt sich von einem Gegenstand angezogen, erwirbt in seinem Umgang langsam immer mehr Wissen und Fertigkeiten – und irgendwann wird man dann selbst zu einem Experten. Man hat sich ein Renommee erworben oder doch zumindest amtlich beglaubigte Zeugnisse, die dann auch dazu legitimieren, sich mit Kompetenz über das jeweilige Fach zu äußern.

Wer sich auf diese Weise mit einem Gegenstand identifiziert, für den tritt dieser kaum je als Problem in Erscheinung. Ein klassischer Musiker stellt sich wohl kaum die Frage, ob nicht der bloße Zufall seiner Geburt dafür verantwortlich sei, dass er gerade Bach so sehr liebt und nicht die Musik der Pekingoper. Der mit Kant aufgewachsene Philosoph sieht die Welt mit den Augen des Königsbergers, er fragt sich gewöhnlich nicht, warum er sie nicht zum Beispiel durch die Brille des Vedanta eines Shankararcharya sieht.

Die intensive Gefühlsbindung an einen geliebten Gegenstand schließt den Blick auf Probleme sehr oft geradezu aus. Menschen, die in einer bestimmten Tradition aufwachsen, wehren sich deshalb nicht selten mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, dass jemand von außen diese Tradition anzuzweifeln, sie in Frage zu stellen, sie zu modifizieren wagt. Die verständliche Reaktion einer solchen affektiven Beziehung besteht dann überhaupt in der Losung, die man den Außenseitern entgegenhält: „Unbefugten ist der Zutritt verboten.

Der eher intellektgesteuerte Mensch

geht nur selten den geraden und langsamen Weg einer wachsenden emotionalen Bindung, er fühlt sich im Gegenteil von Problemen und Bruchstellen angezogen, ohne notwendigerweise von vornherein mit einem großen Wissen zu punkten. „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer, 1997) erwies sich als publizistischer Erfolg, aber Jenner hatte niemals ein volkswirtschaftliches Seminar besucht. Was ihn beschäftigte, war nicht das ökonomische Fach als solches, das ihn bis dahin überhaupt nicht interessierte, sondern etwas ganz anderes: ein Problem. Während seines studien- und arbeitsbedingten Aufent­halts in Japan hatte er erlebt, wie dieses Land – ganz so wie heute China – immer mehr industrielle Kapazitäten aus dem Westen ins eigene Land übernahm. Er fragte sich, was eine zunehmende Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien (damals vor allem nach Japan und zu den „ostasiatischen Tigern“) für Deutschland bedeuten würde. Dieses Problem beschäftigte ihn – und erst während der Beschäftigung mit diesem erwarb er als Autodidakt die nötigen ökonomischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet mitreden zu können.

Problemlöser sind fast immer daran zu erkennen,

dass sie die übliche Reihenfolge umdrehen, ja sie geradezu auf den Kopf stellen: nicht das jahrelange Studium, die allmähliche oft liebevolle Vertiefung bis zum staatlichen anerkannten Examen kommt bei ihnen zuerst, sondern an erster Stelle steht das sie herausfordernde, sie faszinierende Problem – und dieses drängt sie dann zu einer genauen, oft stürmischen Eroberung des fraglichen Gegenstands. Zweifellos widerstreitet dieses Vorgehen der oben genannten Losung, denn ein Unbefugter verschafft sich in diesem Fall Zugang. Er tut dies überdies auf ungewohnte, oft als ungehörig empfundene Weise, nämlich ohne vorher bei den ausgewiesenen Autoritäten dafür um Erlaubnis nachzufragen.

Das Risiko eines solchen Vorgehens ist zweifellos sehr groß

Wir wissen, dass jede Menge von inspirierten Spinnern dauernd damit beschäftigt ist, Lösungen für sämtliche Weltprobleme aus allen möglichen esoterischen Hüten zu zaubern. Solche Menschen treten bestenfalls als Problemsteller in Erscheinung – sie weisen auf bestehende Bruch- und Konfliktstellen hin -, aber in den seltensten Fällen treten sie als wirkliche Problemlöser hervor. Man braucht ja nur einen flüchtigen Blick ins Internet zu werfen, um sich auf Anhieb davon zu überzeugen. Andererseits kommt keine Gesellschaft ohne solche Problemsteller und Problemlöser aus, denn die gefühlsmäßig Attachierten pflegen für Probleme und Bruchstellen nicht selten unzugänglich oder ganz blind zu sein. Sie halten an dem Erlernten und an ihrem jeweiligen Fach wie an einer Geliebten fest, deren Schönheit sie niemals in Frage stellen.

Was Jenner betrifft, so hatte er Glück

Prof. Bert Rürup, ein damals renommierter „Wirtschaftsweiser“, der als ökono­mischer Ratgeber für die deutsche Regierung sowie für den Fischerverlag fun­gierte, setzte sich für seine Arbeit ein (deren Thema, die Auslagerung in Zeiten der Coronakrise übrigens neuerlich an Aktualität gewinnt). Dadurch bahnte er ihr den Weg. Die übliche Reaktion gegenüber Außenseitern: „Für Unbefugte ist der Zugang verboten“ wurde durch Prof. Rürups Empfehlung damals außer Kraft gesetzt. Jenner hatte sich in den Reihen der ökonomischen Zunft Zugang verschafft – zumindest für eine gewisse Zeit.

Problemlöser sind allerdings unberechenbar

Sie treten ja überhaupt als solche nur deshalb in Erscheinung, weil sie von Natur aus dazu neigen, vieles in Frage zu stellen, was anderen als selbstverständlich erscheint. Das zeigte sich auch im Fall des frischgebackenen Ökonomen. Jenner war Herrn Rürup zweifellos zu großem Dank verpflichtet (was er freilich erst später bemerkte, als dieser sich bereits in einen Feind verwandelt hatte). Wäre sein Manuskript, statt diesem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten vor Augen zu kommen, in die Hände eines durchschnittlichen Lektors geraten, dann hätte dieser zunächst einmal gefragt: „Ist der Mann überhaupt befugt, sich zu diesem Gegenstand zu äußern“. Diese Frage hätte er natürlich abschlägig beschieden, und das Manuskript wäre mit der üblichen hochmütigen Arroganz vom Verlag abgelehnt worden.

Aber Dankbarkeit war für Jenner kein Grund, ein Vorgehen zu akzeptieren, das ihm ungeheuerlich erschien. Auf einer der ersten Seiten seines zweiten bei S. Fischer veröffentlichten Buchs (Das Ende des Kapitalismus – Triumph oder Kollaps eines Wirtschaftssystems) bezeichnete sich Prof. Rürup als Mitautor – wörtlich: „Fachliche Beratung: Prof. Dr. Dr. h. c. Rürup“. Da sich Jenner auch nach angestrengtester Selbstbefragung an eine solche Beratung partout nicht erin­nern konnte, sah er in dieser Behauptung nun wiederum ein großes Problem, das er persönlich dadurch löste, diese Usurpation öffentlich zurückzuweisen.

Dabei hätte Jenner natürlich wissen müssen, dass sich ein derartiges Vorgehen in Deutschland zwanglos mit dem akademischen Ethos verträgt. Professoren halten es, wie man weiß, für ihr gottgegebenes Recht, die Knochenarbeit von Assistenten verrichten zu lassen und sich, wann immer es ihnen opportun erscheint, mit fremden Geistesfedern zu schmücken. Jenner glaubte gegen diese ehrwürdige Tradition protestieren zu müssen. Das war naiv, denn natürlich hat er dafür bezahlen müssen. Herr Rürup sorgte dafür, dass ihm der Zugang zum S. Fischer Verlag von da an versperrt bleiben sollte.

Problembezogen waren auch zwei weitere ökonomische Arbeiten,

die von großen Verlagen veröffentlicht wurden: „Energiewende – so sichern wir Deutschlands Zukunft“ setzte 2006, als von der drohenden Klimakrise noch kaum die Rede war, ganz auf den Übergang zur Nachhaltigkeit, und zwar mit einem Begriff, der erst nach Fukushima dann auch offiziell Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Jenner sprach wörtlich von einem „nationalen Projekt„. Allerdings hatte er die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in diesem Buch zu schwarz gezeichnet. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in deutschen Schlüs­selindustrien (vor allem der Autobranche) aufgrund von Auslagerung und chinesischer Konkurrenz droht sich erst jetzt abzuzeichnen.

Mit dem 2008 bei Signum veröffentlichten „Pyramidenspiel“ über die Dynamik staatlicher und privater Verschuldung konnte Jenner neuerlich die Aufmerk­samkeit eines ökonomischen Experten, nämlich von Prof. Gerhard Scherhorn, für sich gewinnen. Dieser leitete das Buch überdies mit einem wohlwollenden Vorwort ein. Anders als an den erstgenannten Ökonomen erinnert sich Jenner bis heute voller Hochachtung an diesen Mann, auch wenn er sich nicht an einen Ratschlag hielt, den dieser ihm damals in väterlicher Absicht erteilte. Er solle doch davon Abstand nehmen, riet ihm Prof. Scherhorn, seine Texte (Newsletter) an Gott und die Welt zu verschicken. Das sei unter ernst zu nehmenden Akademikern einfach nicht üblich.

Ein Merkmal von Problemstellern und -lösern

ist ihre Sprunghaftigkeit. Jenner hatte sich Wissen und Interesse an grundlegen­den ökonomischen Fakten angeeignet. Aber die Ökonomie als solche hatte ihn weniger gereizt als die Beschäftigung mit fremden Kulturen, denen er sich ja gleich zu Beginn in seinem Studium zugewandt hatte, also vor allem der indischen, chinesischen und japanischen. Bei seinem letzten Japanaufenthalt aber begann ihn ein Problem zu beunruhigen, welches für ihn dann mit der Zeit das Problem schlechthin werden sollte, obwohl es ihm zunächst dort begegnete, wo es den meisten Menschen als solches gewöhnlich nicht einmal bewusst ist, nämlich in der Sprache.

Ein Deutscher hält es für evident, den Affen mit dem Wort „Affe“ zu bezeichnen, während ein Engländer dazu „monkey“, ein Italiener „scimmia“, ein Japaner „Saru“, ein Chinese „Houzi“ sagt. Der berühmte Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure schloss daraus, dass die Zeichen, welche der Mensch für Begriffe verwendet, arbiträr, d.h. zufällig seien. Diese Auffassung ist freilich eine rein intellektuelle Einsicht, die sich im krassen Widerspruch zu dem befindet, wie der gefühlsgebundene Mensch die Sprache erlebt. In den meisten früheren Kulturen waren die Menschen davon überzeugt, dass die Götter in ihren Worten reden – diese konnten daher niemals bloß zufällig sein.

Dennoch wird sich der Leser fragen, ob es nicht lächerlich sei, in der Beziehung eines Begriffs zu seinem Zeichen überhaupt so etwas wie ein Problem zu sehen?

Nein, in Wirklichkeit ist das viel weniger lächerlich, als es auf den ersten Blick scheint. Wie weit diese Beziehung in Wahrheit reicht, wird sofort klar, sobald wir die Frage auf andere kulturelle „Selbstverständlichkeiten“ beziehen. Man sage einem Muslim, dass der Genuss von Schweinen nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sei als der von Rindern. Oder einem Christen, dass sein Glaube an Jesus Christus ebenso mit dem Zufall seiner Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft erklärt werden könne wie der Glaube eines Hindu an Schiwa oder Wischnu. Beide werden darauf mit Wut reagieren. Offenbar haben wir es hier mit kulturellen Positionen zu tun, welche die Menschen so gegeneinander aufstacheln konnten, dass sie sich immer wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber zunächst blickte Jenner „nur“ auf das Problem der Sprache

denn die nächstliegende Frage lautete ja hier: wenn in jeder von ihnen alle einzelnen Zeichen (Baum, Affe, Wolke, etc.) willkürlich sind, wie de Saussure behauptet, gilt das dann nicht für Sprache insgesamt, nämlich auch für alle ihre Regelmäßigkeiten, die man mit dem Begriff der Grammatik bezeichnet? Wenn jede Sprache insgesamt ein Werk des Zufalls ist, kann es dann überhaupt irgendwelche verbindende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen geben? Zwischen bloßen Zufällen kann es doch keine Ähnlichkeit geben!

Diese Frage wurde für Jenner zu einem Problem, das ihn so sehr faszinierte, dass seine nächste und eine noch dazu sehr ehrgeizige Arbeit daraus entstand. Ebenso wie im Fall der Wirtschaftswissenschaften hatte er sich zuvor mit dem Gegenstand selbst – in diesem Fall mit der Sprachwissenschaft – niemals befasst, obwohl er während Studiums gleich mehrere Sprachen erlernte. Nun aber geriet er sofort in den Bann eines damals führenden Linguisten: nämlich des damaligen Papstes der Linguistik Noam Chomsky, der die Frage auf ähnliche Weise stellte. Gibt es ein universales Sprachvermögen, das allen Menschen gemein ist und sich in einer Universalen Grammatik auch nachweisbar manifestiert? Offenbar würde eine solche Universale Grammatik den sprachlichen Zufall von sprachlicher Notwendigkeit trennen. Zwar würden Menschen in jeder Sprache beliebige Zeichen verwenden, aber die Regeln, die ihre Verbindung in grammatischen Mustern kodifiziert, wären universal und eben nicht zufällig. Solche universalen Muster glaubte Chomsky entdeckt zu haben, aber er rekurrierte dabei auf dieselben Grundbegriffe, wie sie traditionelle Grammatiken aus dem Studium indogermanischer Sprachen gewonnen hatten. Jenner war sich schnell darüber im Klaren, dass dieser Weg in die Irre führte. Chomsky hatte nie verstanden, dass diese Grundbegriffe schon für eine Sprache wie das Chinesische nicht mehr gelten. 1

Jenner war und ist mit Chomsky im Hinblick auf das Ziel einverstanden

Es geht um die Beschreibung der universalen Eigenschaften des menschlichen Sprachvermögens. Wo endet der Zufall, und wo beginnen die allen zugrunde liegenden Strukturgesetze, die eben gerade nicht zufällig sind? Dass natürliche Sprachen ein Tertium comparationis miteinander gemein haben müssen, ist evident – wie sonst wäre es möglich, dass sie (weitgehend, wenn auch keineswegs vollständig!) in einander übersetzt werden können? Dem äußeren Gewand ihrer zufälligen Form liegen Bedeutungen und Bedeutungstrukturen zugrunde, die von allen Menschen als solche begriffen werden. Zwischen 1981 und 1993, als die „Principles of Language“ (im Peter Lang Verlag) erschienen, machte sich Jenner daran, diese nicht-zufälligen „Tiefenstrukturen“ und ihre teils zufällige, teils formal notwendige Verwirklichung in verschiedenen empirischen Sprachen aufzuzeigen. Aus heutiger Sicht erscheint ihm vieles, was er damals schrieb, schwer lesbar und noch schwerer verständlich. Einverstanden ist er erst mit der 2019 erschienenen revidierten Ausgabe der Principles bei Amazon (The Principles of Language: Towards trans-Chomskyan Linguistics).

Auch hier war Jenner als Unbefugter

in ein ihm ursprünglich fremdes Gebiet eingedrungen. Aber diesmal hatte er nicht das Glück, einen aufgeschlossenen Gönner für eine Untersuchung zu finden, die so offensichtlich der herrschenden Lehrmeinung widersprach. Vielmehr war er mit der in diesen Fällen typischen Reaktion konfrontiert: „Unbefugten ist der Zutritt verboten!“. 2 Da hatten renommierte Wissenschaftler die kostbarste Zeit eines kurzen menschlichen Lebens an die schier übermenschliche Aufgabe verschenkt, ein wenig Licht in die weitgehend unverständliche Scholastik eines Noam Chomsky zu bringen, und ein Außenseiter erklärt diese Mühe einfach für überflüssig, macht sich gewissermaßen über ehrbare Wissenschaftler lustig, wenn er behauptet, dass schon die Grundbegriffe der Generativen Grammatik in die Irre führen, weil sie gerade nicht universal sind. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß, sie lautete: „Nicht einmal ignorieren!“ 3

Und doch war es ja keineswegs abwegig, bei einem Sprachwissenschaftler eine gewisse Kenntnis seines Gegenstands, also empirischer Sprachen, vorauszuset­zen. Von Chomsky heißt es, dass er außer Englisch nur Spanisch beherrsche und ein wenig Hebräisch, während Jenner in Sanskrit promovierte, Russisch, Japanisch und Chinesisch liest und versteht und an der Sorbonne (Paris), an der Università degli Studi in Rom und an der School for Oriental and African Studies in London studierte. Chomsky selbst lässt einen derartigen Einwand aber keineswegs gelten. Er glaubt, auf Nebensächlichkeiten wie die Kenntnis empirischer Sprachen durchaus verzichten zu können, da er in seinem Inneren, wie er wörtlich bekennt, einen „Homunkulus“ mit sich trage – und diesen brauche er nur zu studieren, um alles an der Sprache Wesentliche in sich selbst zu entdecken – da komme es auf real existierende Sprachen eben in Wirklichkeit gar nicht an! 4

Das Problem von Zufall und Freiheit

ließ Jenner danach nicht mehr los. In der Sprache hatte er es zuerst entdeckt, bevor es für ihn zu einem Problem viel grundsätzlicher Art werden sollte. Mit seinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ wagte er sich nun in ein Terrain, das ihn zwar von jeher beschäftigt hatte, aber eben bis dahin nicht als besondere Herausforderung.

Wir sahen: in der Sprache ist die Existenz des Zufalls unbestreitbar, niemand vermag zu begründen, warum ein Begriff wie Baum gerade mit dem im Deutschen üblichen Laut „realisiert“ wird, wo doch unendlich viele andere Laute möglich wären. Umso merkwürdiger musste es Jenner erscheinen, dass es in der europäischen Wissenschaft seit dem 17ten Jahrhundert eine dogmatisch vertretene Lehrmeinung, den Determinismus, gibt, welche den Zufall grundsätzlich leugnet und ihn allein mit menschlicher Unwissenheit erklärt. In Wahrheit werde die gesamte Natur einschließlich des Menschen – so besagt diese Doktrin – ausschließlich von Gesetzen beherrscht. Es gebe in der Natur keinen Zufall. Auch menschliche Freiheit wird in dieser Sicht als Illusion abgetan – genauer gesagt, als subjektive Täuschung.

Schöpferische Vernunft“ ist im ersten Teil eine historische Arbeit. Das Buch verfolgt die Leugnung von Zufall und Freiheit durch die philosophische Geistesgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre. Sie zeigt, warum gerade die Wissenschaft so sehr auf der Leugnung der Freiheit bestand und dass sie selbst als die Quantenphysik die Existenz des Zufalls endlich akzeptierte, mit diesem doch nichts anzufangen weiß. Der Zufall wird als schlechterdings sinnlos und blind abgetan.

Dagegen vertritt Jenner im Hinblick auf Zufall und Freiheit

eine der ganzen bisherigen Tradition widerstreitende Auffassung. „Wir können die Notwendigkeit ohne Freiheit (Zufall) nicht einmal denken. Eine deterministische Wissenschaft ist ein logischer Selbstwiderspruch, weil sie immer schon Freiheit voraussetzen muss.“ Die Schöpferische Vernunft tritt in seiner Sicht gleichrangig an die Seite der die Gesetze erkennenden Vernunft.

Jenner betrachtet „Schöpferische Vernunft“ als sein bestes und originellstes Werk, weil es zum ersten Mal Freiheit neben Notwendigkeit als logisch unverzichtbare Dimension begründet und damit eine Änderung auch unseres Weltbilds notwendig macht. „Tantum possumus quantum scimus“ (wir können immer nur so viel, wie wir wissen) – diese seit Francis Bacon akzeptierte Aussage über den Menschen war seiner Meinung nach immer schon falsch. Jeder Mensch kann und bewirkt in jedem Augenblick seines Lebens weit mehr als er weiß. Schöpferische Vernunft ist ein Buch, dessen Ziel darin besteht, zugleich die Reichweite und die Grenzen der menschlichen Vernunft zu erhellen und auszuloten.

In der menschlichen Geschichte manifestiert sich

der Gegensatz zur Notwendigkeit nicht als Zufall, sondern als menschliche Freiheit. Denn der wesentliche Unterschied zwischen Freiheit und Zufall besteht darin, dass wir den Zufall, dem wir in der Natur begegnen, nicht verstehen, während wir sehr wohl die Motive anderer Menschen nachempfinden und ihrer wie auch unserer Freiheit daher einen Sinn zu geben vermögen. Warum die Welt überhaupt existiert und so ist, wie sie ist, das werden wir nie enträtseln, auch wenn wir ihre Ordnung in Tausenden von Gesetzen beschreiben. Deshalb steht in der Natur die Notwendigkeit (als Gesamtheit aller Gesetze) einem Zufall gegenüber, den wir als blind und sinnlos empfinden, nicht weil er das unabhängig von unserem Denken wirklich so ist, sondern weil wir ihm keinen menschlichen Sinn zuteilen können.

Andererseits ist menschliche Geschichte für uns gerade deshalb so faszinierend, weil Menschen das eigene Handeln stets nach einem Sinn ausrichten. Notwendigkeit gibt es natürlich auch hier. Wir können in der Natur nur überleben, wenn wir uns ihren Gesetzen fügen, aber wir können die Gesetze zu selbstbestimmten Zwecken benutzen – und seit der industriellen Revolution tun wir das in einem bis dahin niemals gekannten Maße.

Die drei Bücher

Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – das Schicksal der Menschheit im 21ten Jahrhundert“ sowie „Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken“ und schließlich „Homo IN-sapiens – eine kleine Geschichte menschlichen Schwachsinns“ hat Jenner wieder in der Eigenschaft eines Problemstellers geschrieben, der sich tastend um den Sinn der Geschichte bemüht. Wir erinnern uns, in der Sprache ging es ihm darum, universale Gemeinsamkeiten jenseits der beliebigen Zeichen aufzuspüren.

Dieselbe Aufgabe aber stellte er sich nun im Hinblick auf die über die Sprache hinausreichenden Unterschiede und Gegensätze in der Kultur – sind nicht die unendlich vielen Essens-, Verhaltens- und Glaubensvorschriften letztlich gleich beliebig?

Die Frage lautete auch diesmal: Können wir einen überkulturellen Sinn in der Geschichte erkennen? Im Hinblick auf das allgegenwärtige Böse scheint dieser Sinn so wenig fassbar wie der Zufall in der Natur. Doch das ist gewiss nicht das letzte Wort. Immerhin können wir nach den Motiven der menschlichen Akteure fragen, und – wenn wir sie finden – das Böse bis zu einem gewissen Grade erklären.

Im Hinblick auf das Ziel der Geschichte

aber erscheint es Jenner nicht nur möglich, sondern geradezu geboten, eine Problemlösung anzubieten (von Immanuel Kant bis zu Arnold Toynbee war diese auch schon von anderen begründet worden).

Seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist das Überleben der Menschen als Spezies in Gefahr. Mit dem Riesenarsenal bestehender Nuklearbomben und ballistischer Raketen hat er es ebenso in der Hand seine irdische Existenz zu beenden wie durch die Zerstörung der Umwelt. Das Ziel der Geschichte steht uns daher zum ersten Mal in der Geschichte ganz klar vor Augen: wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam verhüten, dass dieses kentert und uns allesamt in den Abgrund reißt. Konkret bedeutet dies, dass wir unser Wirtschaftssystem und unsere Politik radikal ändern müssen. Das Problem der Freiheit wird daher auf einmal ganz konkret, weil es unmittelbar mit Krieg und Frieden zusammenhängt, denn der Mensch steht ja nicht nur der Natur gegenüber, sondern auch seinen Mitmenschen. Das Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche, militärische und politische Macht ist hier jener Faktor, der uns immer wieder in den Schwachsinn zu treiben droht.

Der intellektgesteuerte Mensch,

der als Problemsteller und manchmal auch als Problemlöser Bruchstellen, Konflikte und Widersprüche benennt, kann den Schwachsinn nur benennen. Er kann aufzeigen, wie Homo insapiens gegen den eigenen Vorteil handelt und dabei sogar das eigene Überleben riskiert. Intelligenz besitzt er im Überfluss, die Intelligenz von Wissenschaft und Technik hat das Antlitz der Erde innerhalb von nur drei Jahrhundert radikal umgestaltet. Diese Intelligenz aber macht ihn durchaus nicht zum Homo sapiens. Dazu ist etwas anderes nötig, nämlich Weisheit, die den Gefühlen entspringt, also der Sympathie für den anderen Menschen, der gegenseitigen Achtung und Hilfe. Solange das unselige Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht nicht beendet wird, dürfen wir kaum hoffen, dass Homo sapiens – der weise und nicht bloß intelligente Mensch – Geschichte endlich in eine andere Richtung lenkt.

Für seinen groß angelegten Geschichtsentwurf

ist Jenner trotz mehrfachem Versuch bei keinem großen Verlag Interesse erregen können, obwohl Meinhard Miegel, ein bekannter Autor, dessen Schriften Jenner immer sehr schätzte, sich gegenüber dem Autor mit Lob über Stil und Inhalt der „Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ äußerte. Es müsse unbedingt veröffentlicht werden, er wolle dies gegebenenfalls mit einem Druckkostenzuschuss unterstützen. Nicht nur Herr Miegel begrüßte die neue Arbeit, sondern Prof. Karl Acham, ein renommierter Österreichischer Soziologieprofessor, verbürgte sich sogar mit einem ausgiebigen Vorwort für dessen wissenschaftliche Seriosität.

Prof. Acham empfahl ihm den Springer Verlag für Soziologie in der Meinung, dass sein Vorwort dem Autor dort die Tür öffnen würde. Diesmal aber kam es ganz anders als damals beim Fischer Verlag. Gerade einmal zwei Tage nach Anlangen des Manuskripts beim Verlag (als ohne Prüfung) wurde es schon zurückgewiesen. Man kann sich denken, wie eine solche Reaktion zu erklären ist. Natürlich darf ein Lektor sich weder auf die eigene Meinung noch auf die eines ausländischen Gutachters verlassen. Wie im Kolosseum, wo Daumen nach oben oder Daumen nach unten über Leben und Tod eines Gladiators entschieden – geht es um das Placet eines jener Halbgötter am deutschen Professorenhimmel, die sich bei solchen Entscheidungen das letzte Wort vorbehalten – natürlich anonym, niemand kann sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Offenbar hat die Losung „Unbefugten ist der Zutritt verboten“ sich in diesem Fall durchgesetzt.

Seitdem veröffentlicht Jenner bei Amazon

In gewisser Weise scheint diese Art der Publikation dem Naturell des Autors sogar entgegenzukommen, denn er findet ja nicht nur an anderen manches auszusetzen, sondern ebenso auch an sich selbst, sodass er in einem fort an den eigenen Schriften retuschiert, sie erweitert oder auch ganze Passagen wieder hinauswirft. Nichts wurmt ihn so sehr, wie wenn man ihm einen Fehler in der Rezeption der Fakten oder gar im Argument nachweisen kann (und das ist bisweilen leider durchaus möglich. Da Jenner ein Einzelkämpfer ist, schleichen sich schon hier und da Fehler ein). 5 Jedenfalls kommt die Veröffentlichung bei Amazon dieser Neigung zur Selbstkorrektur entgegen, denn Änderungen sowohl in der Printedition wie bei der Kindle-Ausgabe lassen sich am eigenen Computer innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligen – ein Vorgehen, das bei anderen Verlagen völlig undenkbar wäre.

<1 Jenners These, wonach die Grundbegriffe der Chomskyschen Universalen Grammatik (Verb, Nomen etc.) nicht universal sind, ist entweder richtig oder falsch. Man sollte meinen, dass ernsthafte Wissenschaftler sie entweder akzeptieren oder widerlegen. Doch weiß Jenner von keinem Linguisten, der sich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt hätte. Das Orchideenfach Linguistik ist inzwischen so sehr zu einem Paradigma erstarrt (wie Thomas Kuhn es beschrieb), dass niemand deren Voraussetzungen mehr untersucht. Zwar mehren sich in letzter Zeit die Angriffe auf Chomsky, aber jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeworfen: Das legitime Ziel, Sprache überhaupt in den Blick zu bekommen und nicht nur Einzelsprachen, wird in Frage gestellt. 

<2 Jenners Habilitationsschrift über Linguistik, welche die Hauptthese bereits enthielt, wurde „aus formalen Gründen“ abgelehnt, obwohl ein Gutachter (Prof. Peter Hartmann aus Konstanz) sich im Gutachtergremium für sie eingesetzt hatte. Prof. Bernfried Schlerath, der damalige Ordinarius an der Freien Universität aber ließ nicht mit sich spaßen. Und das aus verständlichen Gründen: Jenner hatte nie auch nur eine einzige Stunde zu seinen Füßen gesessen.

<3 Chomsky schreibt seine politischen Schriften ebenso klar wie er in seinen linguistischen unklar ist. Vermutlich ist er deshalb aus dem zweiten in den ersten Bereich geflohen. Seiner Scholastik steht auch ein Linguist wie Steven Pinker ablehnend gegenüber. Dieser überzeugt durch erstaunliches Wissen, eine klare Sprache und kluge Argumentation. Jenner kritisiert Pinker aus einem anderen Grund: er hält ihn für unehrlich. Seine Idee von einer vorsprachlichen Sprache (Mentalese) liegt ganz auf der Linie Jenners, und die sich daraus ergebende Schlussfolgerung scheint offensichtlich. Pinker müsste ebenso wie er selbst Chomskys Grundbegriffe der Generativen Grammatik durch vorsprachliche ersetzen. Aber davor schreckt Pinker zurück, dann wäre er ja in Gefahr, sich von Chomsky ganz loszusagen und sich an die Seite eines immer noch ignorierten Außenseiters zu stellen. Hier erweist sich neuerlich die Macht der von Kuhn so eindringlich beschriebenen Paradigmen. Kuhn hatte den Dogmatismus in den Naturwissenschaften in ihren Paradigmen aufgespürt. Er hätte ein sehr viel leichteres Spiel in den Geisteswissenschaften gehabt. Wenn eine Firma neue Geräte gemäß den bekannten Naturgesetzen plant und produziert, dann kann man sich darauf verlassen, dass die zur Anwendung gelangenden Gesetze wahr sind – andernfalls würden die Geräte schlicht nicht funktionieren. Aber in den Geisteswissenschaften können die krausesten Theorien entstehen, ohne dass die Konfrontation mit der Wirklichkeit ihre Verfechter zu Revisionen zwingt.

<4 Die Homunkulus-Wissenschaft, wie sie der späte Chomsky betreibt, wird von David Golumbia in dem Aufsatz „The Language of Science and the Science of Language – Chomskys Cartesianism“ als Verstoß gegen die Grundsätze einer empirischen Wissenschaft in Frage gestellt.

<5 Jenner ist ein Einzelkämpfer, seine letzten Bücher sind weder durch die Hände eines Lektors gegangen, noch hat er Freunde gebeten, sie durchzusehen. Manchmal haben sich deswegen auch Fehler eingeschlichen, die ihm sehr peinlich waren. So hat er zum Beispiel das Anthropozän irrtümlich nicht in dem von seinem Erfinder Paul Josef Crutzen gemeinten Sinn zur Bezeichnung des Industriezeitalters verwendet, sondern es auf die gesamte Geschichte bezogen, seit der Mensch seine Umwelt aktiv veränderte. Das geschah bereits zur Zeit der Jäger und Sammler, als diese die Megafauna global weitgehend ausrotteten. Jenner hat diesen Fehler korrigiert, indem er den Begriff des „Großen Anthropozäns“ verwendet.

Der Autor Egon W. Kreutzer schreibt:

Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Innenleben, Gero Jenner! Irgendwann, und wohl ohne meinen diesbezüglichen Antrag, ist meine Mail-Adresse in den Verteiler Ihrer Newsletter geraten. Was Sie schreiben, sammelt sich als Essenz in meinem Bewusstsein an. Ich könnte nichts davon im Wortsinn wieder hervorkramen, doch es eröffnet mir beim Lesen die Wahrnehmung neuer Perspektiven, und lässt mich später die neu entdeckten Standpunkte selbst wieder einnehmen. Herzlichen Dank für alles! Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

Der Komponist und Freund Franz Zebinger:

Lieber Gero, mit Faszination habe ich eben das Resümee deines Schaffens – und Lebens (wo ja das eine ins andere greift) gelesen! Herzlichen Dank dafür! Vieles verstehe ich nach dieser deiner Selbstanalyse besser. Deine Feststellung, dass die diplomierten Fachleute Outsider einfach nicht ein- und zulassen, kann ich auch für mich als Komponisten ohne einschlägiges Fachstudium bestätigen. Kein renommierter Verlag hat meine Kompositionen jemals gedruckt. Wie du mit Amazon ganz gut leben kannst, kann auch ich mich mittels meines Schreibprogramms Sibelius bestens „verwirklichen“ und meine Musik interessierten Menschen vermitteln.
Ganz herzliche Grüße aus der Klausur, die uns Schöpferischen eigentlich sowieso adäquat und deswegen nicht bedrückend ist!
Franz

Herr Dr. Dirk-Michael Harmsen schreibt mir Folgendes:

Lieber Herr Jenner,

seit vielen Monaten lese ich schon Ihren Blog. Der gestgrige hat mir insofern besonders gefallen, weil Sie auf humorvolle Weise auf sich selbst (zurück)blicken und Höhen und Tiefen Ihres geistigen, schriftstellerischen Lebens Ihren Lesern schildern. So macht das Lesen autobiografischer Notizen Spaß. 

Vielen Dank und … bleiben Sie gesund in diesen pandemischen Zeiten,
Dirk Harmsen