Das Luziferprinzip

(Gespräch zwischen Luzifer, Howard Bloom und einem gewissen GJ – die kursiv gesetzten Aussagen sind Bloom-Zitate)

LUZ: Herr Bloom, Sie sind ein gnadenloser Aufdecker menschlicher Schwächen und kritisieren Schönfärber wie Erich Fromm, die dem Menschen, so sagen Sie, eine falsche Größe andichten wollen. Fromm, der psychoanalytische Guru der sechziger Jahre, machte die Idee, dass das Individuum sein eigenes Universum kontrollieren kann, zu einer äußerst populären Vorstellung. Fromm sagte uns, dass das Bedürfnis nach /Kommunikation mit/ anderen Menschen ein Charakterfehler sei, ein Zeichen von Unreife. Besitzanspruch in einer romantischen Beziehung sei /überhaupt/ eine Krankheit. Eifersucht ein Charakterfehler von höchstem Ausmaß. Ein reifes Individuum sei eines, das durch diese Welt… /mit/ einem unzerstörbaren Gefühl für den eigenen Wert.. gehen kann…. Infolgedessen habe es kein Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung, nach denen sich nur die Schwachen sehnen.

GJ: Wenn Sie Fromm kritisieren, stellt sich aber schon die Frage, warum Fromms Schriften in die meisten Sprachen der Welt übersetzt und von Millionen Menschen bewundert wurden, während Ihr Buch, The Lucifer Principle, den meisten entweder ganz unbekannt ist oder von denen, die es kennen, nur mit einer Pinzette angefasst wird?

LUZ: Wie mein Name besagt, bin ich ein Lichtbringer, der die Augen der Einfältigen blendet. Viele können vor Schrecken dann nur noch blinzeln. Selbst der Alte liebt ja die Illusion. Deswegen konnte ER es partout nicht dulden, dass Eva in den gewissen Apfel biss. Eure Professoren aber empören sich, dass ein Außenseiter in ihre Gehege dringt. Herr Bloom ist ein erfolgsverwöhntes Genie der PR-Industrie. Er hat Rockstars wie Michael Jackson, John Cougar Mellencamp und viele andere Koryphäen der Musikwelt vertreten. Wenn ein solcher Außenseiter behauptet, er wisse mehr über Mensch und Natur als sie selbst, die staatlich geprüften Leute vom Fach, dann rümpfen sie entrüstet die Nase.

GJ: Aber das würde das große Publikum nicht daran hindern, seine Thesen begierig aufzugreifen. Offenbar wollen die Menschen nichts von Aufklärern wissen, welche ihre liebgewordenen Ideale mitleidslos demontieren. Dagegen lieben sie Männer wie Erich Fromm, weil sie mit ihren Thesen Begeisterung erwecken. Was ist uns damit gedient, dass da jemand kommt, der uns unsere Schwächen und unsere Hilflosigkeit zu zeigt? Herr Bloom steht in der Tradition von Thomas Hobbes. Der wurde für seinen scharfen Verstand bewundert, aber niemand hat ihn dafür geliebt.

HB: Es geht mir nicht darum, den Menschen zu verkleinern. Oder arbeiten die Neurologen an unserer Verkleinerung, wenn sie nachweisen, dass unsere Gene unser Verhalten ebenso sehr bestimmen wie das jeder anderen biologischen Art? Mir geht es darum, die menschliche Selbsterkenntnis zu stärken. Wenn ich euch dabei von einigen liebgewordenen Illusionen befreie, dann ist das ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt, denn wer sich Illusionen macht, hat ein falsches Bild von der Wirklichkeit. Ideen können den erhabensten Idealismus und die niederträchtigste Grausamkeit auslösen. Mein Buch soll zeigen, wie der Wettbewerb zwischen Gruppen das Geheimnis unserer selbstzerstörerischen Emotionen Depression, Angst und Hoffnungslosigkeit erklären kann – ebenso wie unsere wilde Sucht nach Mythologie, wissenschaftlicher Theorie, Ideologie und Religion und unsere noch verstörendere Sucht – nach Hass. Die größten menschlichen Übel sind nicht die, die Individuen im Privaten begehen, die winzigen Übertretungen gegen irgendeine willkürliche soziale Norm, die wir Sünden nennen. Die ultimativen Übel sind die Massenmorde, die in Revolutionen und Kriegen geschehen, die groß angelegten Grausamkeiten, die entstehen, wenn eine Ansammlung von Menschen versucht, eine andere zu beherrschen: die Taten der sozialen Gruppe.

LUZ: Herr Bloom macht euch bewusst, wie sehr ihr von mir abhängig seid. Bei der Schöpfung der Welt habe ich mich mit dem Alten sorgfältig abgesprochen, als ich das Böse in eure Seele pflanzte.

HB: Das Böse ist.. /Teil/ der Schöpfung, Wir haben es versäumt zu sehen, dass unsere besten Eigenschaften uns oft zu den Handlungen führen, die wir am meisten verabscheuen – Mord, Folter, Völkermord und Krieg. Wir müssen direkt in das blutige Gesicht der Natur blicken und erkennen, dass sie uns das Böse aus einem bestimmten Grund auferlegt hat. Und wir müssen diesen Grund verstehen, um sie zu überlisten. Übrigens ist das Böse keineswegs nur eine Männersache. Die Guerillakommandos des Leuchtenden Pfads in Peru wurden fast ausschließlich von Frauen angeführt. 

GJ: Herr Bloom, was ist so neu daran, dass Sie das Böse aufdecken? Die Kirche hat von der Erbsünde gesprochen, alle Religionen beschäftigen sich mit dem Bösen und wie der Mensch es überwinden soll. Die moderne Wissenschaft aber hat längst vor Ihnen zu einer wertfreien Betrachtungsweise gefunden. Sie zeigt, dass den Tieren Tatzen und Klauen und dem Menschen die Intelligenz zuwächst, weil Individuen im Kampf ums Überleben stehen, und derjenige einen Vorteil gewinnt, der in diesem Kampf den anderen überlegen ist.

HB: Die Religionen haben das Böse an einen menschenfernen Ort projiziert. meistens in die Hölle, die Wissenschaften haben der Erkenntnis einen großen Dienst erwiesen, indem sie die Mechanismen der natürlichen Selektion erhellten. Sie zeigen, dass die Evolution größere Klauen und eine höhere Intelligenz nicht nur zum Spiel erfand sondern als Waffen, die den damit ausgestatteten Individuen Lebensvorteile verschaffen. Auch das Böse steht im Dienste der natürlichen Selektion.

GJ: Erich Fromm forderte eine wettbewerbsfreie Gesellschaft, in der sich jeder entfaltet, aber ohne diesen Vorteil auf Kosten seiner Nachbarn zu erringen. Was ist daran falsch? Da stellt der große Psychoanalytiker uns doch eine Gesellschaft vor Augen, in der jeder wohlmeinende Mensch ein erstrebenswertes Ideal sehen muss.

LUZ: Aber ein törichtes Ideal, weil es euch den Blick dafür verstellt, wie die Wirklichkeit in Wahrheit beschaffen ist.

HB: Tatsächlich ist Gleichheit ohne Wettbewerb schon im Tierreich nicht aufzufinden. Strenge Hackordnungen existieren bei Hühnern ebenso wie bei Schimpansen und Gorillas. Das hat die Natur so gewollt. Die stärksten, durchsetzungsfähigsten und intelligentesten Individuen sollen ihr Erbgut an ihre Nachkommenschaft weitergeben. Alle anderen sollen und müssen sich unterordnen. Diese Tatsachen sind der Wissenschaft mindestens seit Darwin bekannt. Aber die heutige Wissenschaft hat einen schwerwiegenden Fehler begangen, indem sie die natürliche Selektion ausschließlich auf Individuen bezog. Ich schließe mich Thomas Hobbes an und zeige, dass die Hackordnung in noch viel stärkerem Maße Gruppen, Nationen und Supermächte gegeneinanderstellt. Seit es menschliche Gruppen gibt, verhalten diese sich genauso wie alle anderen Primatenhorden: Sie kämpfen gegeneinander. Auch das ist natürliche Selektion, von der übrigens schon Darwin wusste. /Er/ sah den Wettbewerb auf mehreren Ebenen stattfinden, einschließlich dem, der zwischen Individuen und dem, der zwischen Gruppen auftritt. Als er über Ameisen sprach, erkannte er an, dass die Evolution Individuen leicht dazu bringen könnte, ihr Eigeninteresse dem der größeren sozialen Einheit zu opfern. In seinen späteren Schriften schlug er vor, dass ein ähnlicher Prozess unter Menschen stattfindet.

GJ: Bitte, wie kann es im Sinne der Evolution sein, dass Staaten einander blutig bekämpfen, ihre Gegner zu Tode quälen oder ganze Völker ausrotten? Das ist doch ein so furchtbares Bild der Natur, wie es bisher nur Schopenhauer entwarf, für den der Wille – heute würden wir sagen: die Evolution – das Prinzip des reinen und sinnlosen Bösen war.

LUZ: Schopenhauer war Realist. Er hat an meiner Existenz niemals gezweifelt. Andererseits irrte er sich, wie nur ein deutscher Philosoph irren kann. Das reine Böse ist nicht sinnlos – bei Gott, das soll mir keiner nachsagen dürfen. Die Natur verfolgt sehr wohl einen Sinn. Sie verhilft nicht nur den stärksten, durchsetzungsfähigsten und intelligentesten Individuen zum Sieg sondern ebenso auch den stärksten Gruppen und Nationen. Und bei diesen steigert sie den Opferwillen ihrer einzelnen Glieder.

GJ: Sehen Sie denn nicht den krassen Widerspruch zum Selbsterhaltungstrieb, wie ihn die moderne Wissenschaft postuliert? Individuen, deren höchster Zweck in der eigenen Selbsterhaltung liegt, werden sich doch nicht freiwillig für andere opfern.

HB: Es stimmt eben nicht, dass Selbsterhaltung der einzige Trieb ist, auch sein Gegenteil, der Todestrieb, ist uns eingebaut. Bereits 1897 stellte der bahnbrechende französische Soziologe Emile Durkheim eine Reihe von Statistiken zusammen, die den Anstieg der Suizide nach den Börsencrashs von 1873 und 1882 belegten, und prägte den Begriff „altruistischer Selbstmord“. Durkheim schien zu ahnen, dass der Selbstmörder sich… selbst zerstörte, um die breitere soziale Gruppe von einer Last zu befreien. Der Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss, ein Verwandter und Anhänger Durkheims, war noch spezifischer. Er stellte eine gelegentliche „gewaltsame Negation des Selbsterhaltungstriebes durch den sozialen Instinkt“ fest. Tatsache ist, dass Selbstzerstörungsmechanismen nicht existieren sollten, wäre der Überlebensinstinkt der individuellen Selektion die einzig uns beherrschende Kraft. Aber /schon/ Tiere aller Arten werden mit einem.. Arsenal an eingebauten Giftpillen geboren. Wenn es der Gruppe nützt, werden die Einzelnen erbarmungslos geopfert.

Für die Natur ist das einzelne Individuum eben kein Wert an sich sondern eine Figur im großen Schachspiel der sich gegeneinander behauptenden Kollektive. Die einzelne Figur wird geopfert, wenn dies der Gruppe nützt oder sie ihren Zweck für die Gruppe nicht länger erfüllt. E. O. Wilson führt in seinem grundlegenden Buch „Soziobiologie“ zahlreiche Beispiele für Verhaltensweisen an, bei denen sich Individuen zum Wohle des größeren Ganzen aufopfern. Aber die gegenwärtige Theorie fährt fort, diese /Tatsachen/ wegzuerklären.

GJ: Wir haben es Konrad Lorenz nicht verziehen, dass er uns beständig mit Enten, Gänsen und anderem Getier verglich. Angeblich wirklichkeitsnahe Realisten wie der österreichische Ethologe haben schlicht übersehen, dass es das Privileg des Menschen ist, sich selbst und die Natur zu überwinden. Unsere Größe ist doch gerade darauf begründet, dass jeder von uns mehr ist als seine Vergangenheit.

HB: Aber haben wir uns selbst und unsere Vergangenheit überwunden? Keineswegs. Nach wie vor kämpfen menschliche Gruppen, Nationen und Supermächte genauso mit Stärke und Intelligenz um den Vorrang wie unsere tierischen Vorfahren, z.B. die Ratten. /Deren herzlicher Umgang/ erstreckt sich nur auf die Familie. Ratten machen gnadenlos Jagd auf Mitglieder eines rivalisierenden Clans. Und wenn ein Nichtverwandter zufällig in ihr Nest stolpert, fallen die heimeligen Tierchen, die sich eben noch umarmt haben, über den Gast mit den fremden Genen her und reißen ihn in Stücke. /Die große amerikanische Ethnologin/ Margaret Mead sagt, dass jede menschliche Gruppe eine einfache Regel aufstellt: Du sollst keine Mitglieder unserer Gruppe töten, aber alle anderen sind Freiwild. Laut Mead sagt jede Gruppe, dass alle Menschen Brüder sind und erklärt, dass es nicht in Frage kommt, Menschen zu ermorden. Die meisten Gruppen haben jedoch sehr seltsame Mittel, um zu definieren, wer ein Mensch ist /und wer ein Unmensch, Barbar, Außenseiter, Heide, Kapitalist, Kommunist usw./.

Aber zweifellos haben wir uns in zweifacher Hinsicht weit über unsere tierischen Vorfahren erhoben. Aus den Klauen, Tatzen und Fangzähnen sind zehnfach überschallschnelle Interkontinentalraketen mit Nuklearköpfen geworden. Und diese apokalyptischen Tatzen wachsen inzwischen auch mittleren Staaten wie Iran oder Zwergstaaten wie Nordkorea und Israel. Vier der sieben Nationen, die beim Bau der Bombe führend sind – Iran, Libyen, Nordkorea und Algerien – sehen Amerika als ihren Hauptfeind. Das ist aber nicht alles. Neben den physischen bedienen wir uns zusätzlich noch geistiger Waffen, die mindestens ebenso wirksam sind.

GJ: Welch eine schaurige Doktrin. Worin sollen diese geistigen Waffen bestehen?

HB: Das sind unsere Ideen, die ich mit Richard Dawkins Meme nenne. Jede Religion ist ein Netz aus Ideen, welche Menschen miteinander verbindet, und zwar oft auf Gedeih und Verderb so eng und augenblicklich, dass es sie zu einem einzigen Superorganismus zusammenkettet, der dann – von einem gemeinsamen Willen getrieben – die Wirklichkeit oft völlig verändert und umgestaltet.Menschen greifen nach Ideen, weil Ideen sie zu Gruppen… zusammenschweißen. /Ideen/ bieten den Trost von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe. Das ist die Art, wie Meme die Menschen zu ihrer Macht verführen. Hinter dieser Verführung aber erblicken wir eine andere Realität. Eine Ideologie ist gewöhnlich /nicht mehr als/ eine vornehme Maske für das Verlangen einer Gruppe, anderen sozialen Gruppen Macht und Ressourcen zu nehmen.

LUC: Keine Religion hat diese Wirkung so sichtbar vollbracht wie der Islam. Er hat Barmherzigkeit nach innen und Verfolgung nach außen gepredigt. Seinen Anhängern /erlegt er/ eine Reihe von bewundernswerten Pflichten auf: zum Beispiel die Zakat, die Abgabe regelmäßiger, substanzieller Beiträge an die Armen. Allah verlangt von seinen Anhängern auch, „denen, die glauben, frohe Botschaft zu bringen und rechtschaffen zu handeln“, „die Wahrheit nicht mit Falschheit zu verdecken und die Wahrheit nicht zu verschweigen, wenn ihr sie wisst“ und „eure Eltern und Verwandten und Waisen und die Bedürftigen mit Güte zu behandeln.“

Ganz anders das Vorgehen gegenüber den Nichtgläubigen. Im Jahr 624 n. Chr. verkündete der Prophet das Konzept des Dschihad – des heiligen Krieges. Er sagte in dem heiligen Buch, dem Koran: „Ich werde den Herzen der Ungläubigen Schrecken einflößen: Schlagt ihnen über den Nacken und schlagt ihnen alle Fingerspitzen ab… Und tötet sie, wo immer ihr sie erwischt.“ Elias Canetti nennt den Islam in seinem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Buch „Masse und Macht“ eine „Killer-Religion“, wörtlich: „eine Religion des Krieges.“

Der Gründer der Iranischen Republik, Ayatollah Khomeini teilt diese Meinung. „Der Islam erlaubt keinen Frieden zwischen… einem Moslem und einem Ungläubigen.“ Und: „Jede nicht-religiöse [d.h. nicht-islamische] Macht, in welcher Form oder Gestalt auch immer, ist notwendigerweise eine atheistische Macht, das Werkzeug des Satans.“ Khomeinis Werke befürworten die rigorose Bekehrung oder Ermordung all derer, die sich nicht Allahs heiligem Mem anschließen. Sie rufen sie zum heiligen Krieg gegen die Nationen des Westens auf.

HB: Ideen sind eure spezielle Erfindung. In ihrer Wirksamkeit sind sie ebenso mächtig oft sogar mächtiger als physische Waffen – und viel furchtbarer noch dazu. Wenn auf dem Schulhof, in einer Firma oder einer Fußballmannschaft Individuen um einen höheren Platz in der Rangordnung ringen, begnügen sie sich mit Schwitzkasten und Puffen oder es wird an den Stühlen des Alphamännchens gesägt. Der Kampf ist vergleichsweise harmlos, obwohl es auch hier stets Verlierer und Sieger gibt. Aber wo im Wettstreit der Gruppen, Nationen und Supermächte Meme zum Einsatz gelangen – also Ideen und Ideologien, Religionen, Doktrinen und Dogmen -, da bleiben ganze Schlachtfelder voller Leichen zurück. Die Nazis haben die furchtbare Idee von Untermenschen erfunden, um ihre so gebrandmarkten Mitmenschen dann mit gutem Gewissen ausrotten zu können. Die Marxisten erfanden das zu vernichtende Böse in Gestalt des Bourgeois, also jedes Menschen mit Eigentum – sei er auch nur ein einfacher Bauer oder ein unbedeutender Fabrikant. Mohammed erfand die Ungläubigen und gab sie den Gläubigen zum Abschlachten frei. Was die mittelalterlichen Christen betrifft, so wateten die Kreuzfahrer mit Inbrunst im Blut der muslimischen Heiden. Aber sie alle setzten nur fort, was die Menschen seit Beginn der Kultur immer schon taten: Sie teilten die Welt in zwei grundlegend verschiedene Hälften, wo die „Unsrigen“ den „Anderen“ gegenüberstehen.

LUZ: Als erster ist Howard Bloom dahintergekommen, dass der Alte und meine Wenigkeit euch über Ideen den Weg zur Vollkommenheit ebnen. Das Überleben der Tüchtigsten treibt die Evolution voran – nicht nur mit Zähnen und Klauen sondern auch noch mit Hilfe der allerverrücktesten Meme. Ihrer moralischen Maskerade entkleidet, sind die Slogans von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit oft Waffen, die diejenigen, die eine hierarchische Überlegenheit anstreben, benutzen, um die anderen…  in die unteren Ränge der Hackordnung zu drängen. Selbst die Idee der christlichen Nächstenliebe hat euch als Waffe gedient, um die Vernichtung all jener zu betreiben, die sich nicht zum Christentum bekannten.

GJ: Wie primitiv dieser Sozialdarwinismus! Wir aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts haben dieses krankhafte Denken doch längst überwunden! Außerdem ist die Vorstellung ja nicht einmal neu, dass Ideen – vor allem solche der Religion – mächtige Waffe sind. Max Weber sah „die protestantische Ethik“ als Waffe, die dem Kapitalismus zum Sieg verhalf. Und in seinem berühmten Werk „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ verfocht Émile Durkheim eine noch grundsätzlichere Position. Bei ihm dienen Ideen demselben Zweck wie z. B. die Kriegstänze früher Stammesgesellschaften vor dem Beginn einer Schlacht. Sie sollen Individuen so programmieren, dass all ihre Energien auf dasselbe Ziel gerichtet sind, den Gegner auszulöschen.

HB: Das Maß für den Erfolg eines Netzes von Memen – eines Mythos… oder Dogmas – /ist/ nicht seine Wahrheit.., sondern wie gut es als sozialer Klebstoff dient. Wenn ein Glaubenssystem diese Funktion gut genug erfüllt, kann es das Wachstum eines Superorganismus von enormer Größe auslösen, selbst wenn sich seine grundlegendsten Lehren als völlig falsch erweisen.

GJ: Aber das ist doch graue Vergangenheit! In modernen säkularen Gesellschaften wie den Staaten Europas spielen religiöse Dogmen und Mythen allenfalls eine Nebenrolle. Jeder einzelne darf sich bei uns seine ganz persönliche Weltanschauung zusammenbasteln. Die Vorstellung, dass uns irgendwelche Ideen zusammenschweißen oder gar als Waffen dienen, um damit andere zu unterdrücken oder gar zu bekämpfen, weisen wir mit Recht als absurd zurück.

LUZ: Absurd, weil ihr Meister des Vergessens seid. Es ist gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass die teuflische Idee des Nazismus aus den Köpfen getilgt worden ist. Gerade einmal drei Jahrzehnte sind vergangen, dass der nicht weniger blutrünstige Kommunismus stalinistischer Prägung dasselbe Schicksal erlitt. Ihr wollt nicht sehen, dass jederzeit von neuem entstehen kann, was einen Großteil der Welt noch vor wenigen Jahren mit eisernem Griff beherrschte.

HB: Kämpferische Ideen erleben derzeit eine Renaissance. Ein Blick in das Internet beweist das zur Genüge. Und dafür gibt es leider auch einen guten Grund.

GJ: Der wäre?

HB: Menschen können in der Vereinzelung nicht existieren. Der prononcierte Individualismus, wie Erich Fromm ihn als Ideal beschwor, war nie mehr als ein Märchen. Wir sind nicht die unabhängigen Individuen, die wir gerne sein würden. sondern die entbehrlichen Teile eines Organismus, der viel größer ist als wir selbst. Jeder von uns ist durch unsichtbare Fäden in den Superorganismus eingenäht. Wir sind Zellen im Gefüge von Familie, Firma und Land. Wenn diese sozialen Bindungen durchtrennt werden, beginnen wir zu schrumpfen und zu sterben.

GJ: Aber da verfangen Sie sich doch abermals in einem Widerspruch. Einerseits stehen die Mitglieder jeder Gruppe – und zwar von Hühnern über die Primaten bis hin zu uns Menschen – im Wettbewerb, d.h. im ständigen Kampf, mit- und gegeneinander. Anderseits sollen sie aber so fest aneinanderkleben, dass selbst die unteren Ränge nicht ohne die Gruppe leben können. Wie passt das zusammen?

HB: Es passt sogar diabolisch gut zusammen, denn die Frustration der Schlechtweggekommenen wird auf die äußeren Feinde gelenkt. Wenn es um die „Anderen“, die Nicht- oder Untermenschen geht, dann stehen alle plötzlich ganz nah beieinander. Dann jagt die Propaganda gerade den unteren Schichten Schauer des Patriotismus über den Rücken. Auf einmal werden sie gebraucht – dieses Bewusstsein ihres plötzlichen Werts pflegt sie so zu begeistern, dass sie sich von ihren Herren gern auf die Schlachtbank führen lassen. Je mehr Frustration die unteren Schichten in Friedenszeiten erdulden, mit umso größerer Bereitschaft lassen sie sich gegen den gemeinsamen Feind abrichten. Die Ablenkung von Frustration und Wut gegen den äußeren Gegner war immer schon das Mittel der Wahl, um eine Horde zusammenzuhalten.

GJ: Das ist eine machiavellistische Theorie. Dann müsste es heute viele Gesellschaften mit einem ungeheuer großen Gewaltpotential geben.

HB: Gewiss, vor allem im Nahen Osten, wo eine Bevölkerungsmehrheit keine Arbeit findet. Dort hatte sich die Frustration vor einigen Jahren im Arabischen Frühling entladen. Aber es sind nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit, welche die jungen Menschen auf die Barrikaden trieben. Oft geht es weniger um das Brot als um das Selbstgefühl: die Idee, die man von sich selber hat. Wir gehen davon aus, dass Menschen sich /vor allem/ nach Nahrung, Kleidung und Obdach sehnen, aber wir vergessen, dass sie sich /noch mehr/ nach etwas viel Lebenswichtigerem sehnen: /nach/ Status und Prestige.

LUC: Iran vor der Revolution liefert dafür ein eindringliches Beispiel.

HB: Richtig. Dem Iran ging es unter amerikanischer Vormundschaft sehr gut. Die Armut ging zurück, Bildung und Gesundheitsfürsorge verbreiteten sich im Land, Frauen erhielten neue Freiheiten, und der Lebensstandard stieg in die Höhe. Die amerikanischen Politiker waren stolz auf ihre Errungenschaften. Gemessen an der Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft hatten die USA dem Iran geholfen, Wunder zu vollbringen. Aber sowohl unser Außenministerium als auch der Schah hatten vergessen, dass Stolz, Würde und das Bedürfnis nach Dominanz – der Trieb der Hackordnung – viel dringender sein können als die Forderungen des Körpers. Obwohl das Land einen Großteil seines Fortschritts den Amerikanern verdankte, sagte ein pöbelnder Geistlicher, die Yankees hätten die Iraner in Ketten gelegt und ihrer Selbstachtung beraubt. Der Kleriker verstand die Bedürfnisse der Hackordnung weit besser als der Schah. Die Väter unserer Außenpolitik meinen, dass wir durch die Linderung von Hunger, Armut und Krankheit dem Drang zum Blutvergießen den Boden entziehen und die Dritte Welt dazu bringen können, uns zu lieben. Die Philosophie hat nicht funktioniert.

LUZ: Der geschenkte Wohlstand war in ihren Augen nichts wert. Sie jagten den Shah zum Teufel und riefen nach einem geifernden Ayatollah, der sie zwar in Armut und Terror stürzte, aber ihnen zu dem enthusiasmierende Gefühl verhalf, als einzige im Besitz einer wunderbaren Heilslehre zu sein. Der Ayatollah hatte die Hackordnung auf den Kopf gestellt. Die Amerikaner, die Kinder des Teufels, standen /jetzt/ ganz unten. Und die Iraner – die Gesegneten Allahs – waren oben.

HB: /So war es, und/ die Lektion ist einfach: Denjenigen zu helfen, die weniger Glück haben als wir selbst, ist eine moralische Notwendigkeit, aber erwarten Sie nicht, dass dies Stabilität bringt. Und erwarten Sie gewiss keine Dankbarkeit oder Frieden.

GJ: Achtung. Da haben wir doch soeben die übliche Islamhetze gehört, wie sie in Deutschland vor einigen Jahren der unselige Thilo Sarrazin betrieb.

LUZ: Eure blauäugigen Intellektuellen wollten die Wahrheit damals so wenig hören wie heute.

GJ: Wenn die Wahrheit sich als ein Gift für das friedliche Zusammenleben der Menschen erweist, müssen wir sie verschweigen. Es gibt doch eine überwältigende Mehrheit unter den Muslimen, die nichts anderes wollen, als in Frieden mit ihren Nachbarn leben. Sarrazin sagte die Wahrheit, als er eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Belegen dafür zitierte, dass eine Religion, die den Kampf gegen die Ungläubigen predigt, keine gute Voraussetzung für eine Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bietet. Aber diese Wahrheit war wenig „hilfreich“, wie Kanzlerin Merkel richtig bemerkte. Und viele Deutschen fühlten sich in ihrer Selbsteinschätzung verletzt, weil jemand ihr Verhältnis zu den Migranten anders verstand, als ihrem Wunschdenken entsprach. Dieses Wunschdenken war ihnen mehr wert als die stocknüchterne und zutiefst ernüchternde Analyse des Berliner Senators.

LUZ: Ihr glaubtet, dass man in die Zukunft am besten mit geschlossenen Augen geht. So gesehen, hättet ihr die Naziverbrechen auch längst vergessen müssen.

GJ: Hier in Europa wollen wir keine Botschaften hören, die uns den ewigen Kampf und einen nie endenden Wettbewerb predigen.

HB: Ihr bildet euch ein, eine Insel zu sein, während die Supermächte ihre Raketen gegeneinander richten, Cyberkriege führen und ihre Truppen an euren Grenzen aufmarschieren. Wie Vogel Strauß glaubt ihr aus der Gefahr zu sein, wenn ihr den Kopf nur bemüht im Sand vergrabt. /Aber/ Schonung ist für Körper und Gehirn gleichbedeutend mit dem Tod; energische Aktivität hingegen ist das Leben selbst. Der Mensch hat das Bedürfnis, Ziele energisch zu verfolgen, mit Problemen zu ringen und sie zu meistern. Die Nation, die sich nach oben bewegt, umarmt das Abenteuer. Das Land, das sich nach unten bewegt, gibt das Fremde auf und vergräbt den Kopf im Vertrauten. Es versucht, in der Zeit rückwärts zu marschieren.

LUZ: Alle verfolgen das Ziel, mit den anderen gleichauf und ihnen möglichst voraus zu sein. Hegel hat dieses Spiel schon vor zweihundert Jahren durchschaut. Die ultimative Tragödie sei nicht der Kampf eines leicht zu erkennenden Guten gegen ein eindeutig verabscheuungswürdiges Böses. Die Tragödie sei der Kampf zwischen zwei Kräften, die beide gut sind, ein Kampf, bei dem nur einer gewinnen kann.

HB: Von der ersten bis zur letzten Seite läuft die Botschaft meines Buches auf die Forderung hinaus: Öffnet die Augen für die Wirklichkeit, wie sie ist, dann seid ihr am ehesten imstande, die Wirklichkeit zu erschaffen, wie ihr sie haben wollt! Illusionen machen blind für die Erfordernisse des Handelns.

GJ: Herr Bloom, Sie demonstrieren diese Forderung am Beispiel der Vereinigten Staaten, welche. wie Sie sagen, blind in den Abstieg taumeln, obwohl ihnen die Geschichte der gefallenen britischen Weltmacht mit größter Deutlichkeit alle Fehler vor Augen hält, die sie gerade jetzt zum zweiten Mal begehen.

HB: Bis 1870 war Großbritannien ohne Frage die stärkste Nation auf der Erde, doch hatte sie am wenigsten für militärische Ausrüstung ausgegeben. Von 1815 bis 1865 waren gerade einmal 3 Prozent des Bruttosozialprodukts in den Militärhaushalt geflossen. Ihre Stärke kam von der Spinnmaschine, dem dampfbetriebenen Webstuhl, dem Cunard-Dampfer und der Eisenbahn. Aber Großbritannien vergaß, dass industrielle Innovation der Schlüssel zu seiner Macht war. Es verlor seine wirtschaftliche Überlegenheit seit den siebziger Jahren des 19ten Jahrhunderts an Deutschland. Die britische Weltmacht ruhte sich auf ihren Lorbeeren aus, von da an war sie weit weniger innovativ als Deutschland.

Das /britische/ Großkapital wehrte sich durch kontraproduktive Fusionen und Übernahmen, und die Kluft zwischen Arm und Reich wurde zunehmend größer, während England in der Hackordnung der Nationen zugleich immer weiter nach unten rutschte. /In dieser Situation träumten/ die taumelnden britischen Industrie-Titanen.. davon, ihre alte Position mit Gewalt zu halten. Von 1880 bis 1900 steigerte Großbritannien die Tonnage seiner Kriegsschiffe um 64 Prozent und verdoppelte nahezu die Anzahl an Männern, die es unter Waffen hielt.

Heute scheint Amerika den Weg zu gehen, der die Briten in den Untergang führte. Im Jahr 1945 produzierten die Vereinigten Staaten 40 Prozent der weltweiten Waren. Mitte der achtziger Jahre war unser Anteil nur noch halb so groß. Bis in die frühen siebziger Jahre waren wir der größte Exporteur der Welt. Heute sind wir der größte Importeur. Unsere Staatsdefizite steigen ins Unermessliche, und die Menge an Geld, die wir uns von den Bürgern anderer Länder geliehen haben, ist so groß, dass wir jetzt die größten Schuldner seit der prähistorischen Erfindung des Kredits sind. Währenddessen stiegen unsere Militärbudgets in den achtziger Jahren dramatisch an. Wie die Engländer unter Victoria haben wir versucht, uns mit der Vorstellung zu täuschen, dass Waffen die wahre Quelle der Stärke sind. 

LUZ: Und währenddessen drängen zwei sehr ehrgeizige Aufsteiger nach oben: Wladimir Putin und Xi Jinping. Das hat Herr Bloom damals aber nicht wissen können, denn sein großes Buch ist schon 1997 erschienen. Da stand noch Japans Stern hoch am Himmel, aber Japan war zu klein, um die Vereinigten Staaten ernsthaft herauszufordern. Wir aber erleben eine ganz andere Konfrontation, und diesmal geht es genauso zu wie bei den Schimpansen, wenn dort die bestehende Hackordnung ins Wanken kommt. Die beiden Prätendenten in China und Russland nutzen jede Gelegenheit, um nach den Beinen des amerikanischen Alphatieres zu schnappen. China setzt den Vertrag über Hongkong außer Kraft, beansprucht dreist das gesamte Südchinesische Meer und späht nach einer Gelegenheit, um Taiwan in sein Staatsgebiet einzugliedern. Auch Russland betreibt eine zunehmend aggressive Politik – wenn auch als Reaktion auf die NATO-Erweiterung. Putin hat die Krim völkerrechtswidrig annektiert und stützt die Ostukraine, damit diese mit militärischen Nadelstichen den Westen in Atem hält.

GJ: Einen Augenblick! Warum soll Russland den Westen weiter in Atem halten? Es hat doch erreicht, was es erreichen wollte. Niemand wird ihm die Krim mehr streitig machen.

HB: Der Sieger ist nie zufrieden, denn  jeder Gewinn macht ihn nur aggressiver. Der Testosteronspiegel steigt bei den Gewinnern und sinkt bei den Verlierern. Testosteron macht Gewinner unruhig, selbstbewusst und aggressiv. Nationen, die sich nach oben bewegen, wagen das Abenteuer. Aber ein Land, das sich nach unten bewegt, gibt das Ungewohnte auf und vergräbt den Kopf im Vertrauten. Es versucht, in der Zeit rückwärts zu marschieren.

LUZ: Wie unser Freund Howard Bloom uns an vielen Beispielen zeigt, wird zum aggressiven Abenteuer vor allem durch Meme aufgerufen, womit eine Nation die eigene Einzigartigkeit beschwört. Gewöhnlich heißt das bei euch Chauvinismus.

GJ: Da stimme ich zu. Putin schweißt die Russen zusammen, indem er sie bei jeder Gelegenheit in die Rolle von Opfern drängt. „Wir haben Europa vom Faschismus befreit, aber der Westen erkennt unsere Leistung nicht an sondern fälscht die Geschichte, um unsere Verdienste zu schmälern.“ Putin unterschlägt dabei, dass die von Hitler heimtückisch überfallene Sowjetunion zwar sich selbst befreite, aber Osteuropa anschließend nur statt des nationalsozialistischen den stalinistischen Totalitarismus und Terror bescherte. Von Polen bis Ungarn wurde die russische Besatzung keineswegs als Befreiung erlebt, sondern Ostdeutsche, Tschechen, Ungarn und Polen wehrten sich in Aufständen gegen die sowjetische Knute. Diese Wahrheit wird unter Putin zur böswilligen Geschichtsfälschung umgedeutet.

LUZ: Mein Freund Putin ist ein begnadeter Meister der Propaganda. Nicht zufällig kommt er aus dem Geheimdienst. Der Tag des Siegs über den Faschismus, der 9. Mai wird mit Pomp, Fanfaren, feierlichen Bekenntnissen zum Vaterland, mit der Verklärung der Heimat und großer öffentlicher Rührung gefeiert. So atemberaubend pompös wie unter den Nazis, im heutigen China oder in Nordkorea zelebriert man jetzt auch in Russland, was man bei euch im Westen kaum mehr kennt, weil jeder einzelne eine isolierte Privatexistenz führt: das ozeanische Gefühl einer kollektiven Schicksalsverbundenheit. Man beschwört die Zugehörigkeit zur großen slawischen Brudergemeinschaft, durchlebt die Schauer einer ins Glorreiche überhöhten Vergangenheit, lässt sich bei endlosen Bekenntnissen zu Heimat und Vaterland von einer Gänsehaut überrieseln. Das ist die positive Seite des kollektiven Gefühlsüberschwangs. Wenn das Glaubenssystem einen genügend großen Superorganismus zusammenhält, .. /können/ die Gläubigen in der Tat ein Stück vom Himmel kosten.

HB: Die wenigsten sehen die Kehrseite der Medaille. Sie ahnen nicht, dass der Sinn dieser kollektiven Ekstase wie schon bei Schimpansen und unseren Ahnen, wenn sie ihre Kriegstänze aufführten, immer derselbe ist: die Bereitschaft das eigene Leben auf Zuruf für die Gemeinschaft auf einem Schlachtfeld zu opfern.

Nehmt euch in Acht, sage ich euch. Die russische Kriegsmaschine besteht nicht nur aus überschallschnellen Raketen, gegen die selbst die Abwehrbasen der USA vorläufig machtlos sind, sie besteht vor allem aus Menschen, welche sich im Bewusstsein einig sind, dass die übrige Welt gegen sie ist und es daher ihre Mission sei, einem dekadenten und übelwollenden Westen zu beweisen, dass das russische Volk vor niemandem zurückweichen wird.

GJ: Daran ist etwas wahr. Selbst wer die russischen Lügen durchschaut, fühlt sich seltsam berührt durch die Intensität, womit die Propaganda ein neues kollektives Einheitsgefühl beschwört. Die quälenden Selbstzweifel unter Gorbatschow und Jelzin nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind einem kämpferischen Selbstbewusstsein gewichen, seit Putin das Ruder führt. Ich möchte aber doch bemerken, dass Patriotismus, wenn er sich in der Liebe zu den Menschen, zur eigenen Heimat und zu den positiven Aspekten der gemeinsamen Geschichte bekundet, einem achtenswerten Gefühl Ausdruck verleiht. Bedauernswert erscheinen mir eher diejenigen Menschen, die von den eigenen Landsleuten, der eigenen Heimat und ihrer Geschichte nichts wissen wollen – wie das für viele Deutsche gilt.

LUZ: Mein Freund Wladimir Putin hat ein noch viel größeres Kunststück vollbracht. Er nährt und befeuert das Ressentiment. „Wir gegen den Rest der Welt“ – das ist das neue Lebensgefühl, das die Russen zusammenschweißt. Da der Staat einen Großteil seiner Mittel in die Militärmaschinerie steckt, geht es vielen Russen unter Putin objektiv schlechter. Aber eine geschickte Propaganda hat dennoch ihr Ziel erreicht. Nicht die Regierung wird von den Frustrierten für diese Situation verantwortlich gemacht sondern der feindselige Westen. Putin bedient sich eines Instruments, das die Chinesen unter Xi nicht weniger gut beherrschen. Man pervertiert den Patriotismus zu einer scharfen Waffe, indem man ihn zum Chauvinismus steigert. Längst sind die Chinesen überzeugt, die bessere Wirtschaft, die effizientere Regierung zu besitzen und überhaupt die besseren Menschen zu sein, die es natürlich verdienen, an der Spitze der Weltgemeinschaft zu stehen.

HB: Aber aufgepasst! Sie sind nicht etwa so dumm, das offen zuzugeben. Im Gegenteil reden Russen wie Chinesen immer nur davon, dass es in Zukunft kein Alphatier, keine Hackordnung, kein Oben und Unten mehr geben soll. Niemals würden sie selbst die Weltherrschaft anstreben. Ihnen gehe es einzig um eine multipolare Welt, in der keiner nach der Herrschaft über die anderen greift. Wir wissen allerdings aus der Geschichte, dass der Aufstand gegen den Hegemon stets auf diese Weise verläuft. Die Beta- und Gammamännchen machen sich klein, sie beschönigen ihren Drang an die Spitze, indem sie ihn als Segen für alle Beteiligten hinstellen und ihre wahren Intentionen verschleiern.

GJ: Dann würde sich das ewige Spiel nur in alle Ewigkeit wiederholen? Irgendwann ist das Alphatier an der Spitze – in diesem Fall die Vereinigten Staaten – so schwach, dass es abdanken muss, um China oder Russland Platz zu machen – genauso wie in der Vergangenheit Rom, Habsburg und Großbritannien abdanken mussten?

LUZ: Innerhalb einer Gruppe zieht sich das Alphamännchen auf das Altenteil zurück, wenn es von einem Aufsteiger überwunden wird. Das geht den Rest der Welt nichts an. Aber zwischen modernen Supermächten werden Aufstieg und Niedergang nicht durch Bisse sondern durch Schwerte, Gewehre und jetzt durch Raketen und Bomben entschieden. So hat es der Alte in seiner Weisheit eingerichtet. Herr Bloom nennt das „natürliche Selektion“ zwischen Superorganismen, welche durch Ideen (Meme) zusammengehalten werden. Evolution ist nicht nur ein Wettbewerb zwischen Individuen. Sie ist ein Wettbewerb zwischen Netzwerken, zwischen Netzen, zwischen Gruppenseelen.

HB: Richtig. Aber Raketen und Bomben setzen eine starke Wirtschaft voraus. Deswegen müssen die Vereinigten Staaten alles tun, um die technologische Innovation zu beschleunigen und der Wirtschaft ihre Stärke zurückzugeben. Wir müssen im technologischen Rennen an der Spitze bleiben, denn dieses Rennen und die damit verbundene Konkurrenz werden ja weitergehen. Das ist unser unabänderliches Schicksal. Mit unserem Traum von der Beseitigung der Konkurrenz versuchen wir, die Hackordnung wegzuwünschen. Tatsache ist aber, dass wir weiterhin in Strukturen der Hackordnung leben werden, ob wir es wollen oder nicht. /Und/ die brutale Tatsache ist, dass unsere Position umso niedriger sein wird, je mehr wir uns aus dem Wettbewerb heraushalten. Das gilt für unser Leben als Individuen, und es gilt noch mehr für unser Leben als Nation. Wer nicht oben ist, der sinkt hinunter.

GJ: Falsch! An einer Stelle sagen Sie selbst, dass dieser Spuk aufhören muss. Die Evolution hat unserer Spezies etwas Neues geschenkt – die Vorstellungskraft. Mit dieser Gabe haben wir vom Frieden geträumt. Unsere Aufgabe – vielleicht die einzige, die uns retten wird – ist es, das, was wir geträumt haben, in die Realität umzusetzen. Eine Welt zu schaffen, in der es keine Gewalt mehr gibt.

Hier geben sprechen Sie selbst die Wahrheit aus. Sie sehen aber nicht, dass wir diese Welt hier und jetzt schaffen müssen, d.h. in den kommenden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, weil wir dank unser Intelligenz die potenzielle Gewalt soweit gesteigert haben, dass wir zum ersten Mal in unserer Geschichte imstande sind, uns selbst und noch dazu alles Leben auf dem Planeten auszulöschen. Auch wenn das Spiel unter Individuen weitergeht, unter Nationen, die sich mit einem Knopfdruck gegenseitig vernichten können, darf es nicht weitergehen: Wir müssen das Wettrennen der Nationen beenden.

In dieser Notwendigkeit liegt der Bruch mit aller bisherigen Geschichte. Bis gestern war es noch möglich, dass die herrschende Nation von einer anderen jüngeren, kräftigeren vom Thron gestoßen wurde. Seit Hunderttausenden von Jahren hat dieses eiserne Gesetz unter Menschen wie im Tierreich gegolten und die „natürliche Selektion“ gefördert. Aber im 21. Jahrhundert kann und darf dieses Gesetz nicht länger gelten. Denn der Sieg mit heutigen Waffen selektioniert nicht länger den Stärksten sondern er bringt uns alle um: den Sieger ebenso wie die Besiegten.

HB: Gewiss, das ist allen durchaus bewusst – natürlich auch Xi, Biden und Putin, aber das Bedürfnis an der Spitze der Tafel den Vorsitz über die anderen zu führen, hat deswegen keineswegs abgenommen. Daher beschwöre ich meine Landsleute, den Wettbewerb und den technologischen Fortschritt mit aller Macht anzukurbeln. /Gewisse/ selbsternannte Verfechter des öffentlichen Interesses versuchen, kritische Bereiche des wissenschaftlichen Fortschritts zu stoppen. In vielen intellektuellen Kreisen ist selbst der Begriff des Fortschritts zu einem Schimpfwort geworden. Das ist eine verhängnisvolle Entwicklung. Wenn wir wollen, dass die USA weiterhin an der Spitze der Weltgemeinschaft stehen, erreichen wir das nur über Wettbewerb und technologischen Fortschritt.

LUZ: Lieber Herr Bloom, angesichts meiner Begabung in die Zukunft zu schauen, erlaube ich mir eine kleine Warnung. Der Fortschritt könnte euch teuer zu stehen kommen. Es gibt nicht einmal eine Garantie, dass das Inferno nicht durch den bloßen Zufall – will sagen: den technologischen Zufall – entfesselt wird. Angesichts immer kürzerer Vorwarnzeiten gegen einen atomaren Erstschlag von Seiten des Gegners habt ihr Computer dazu programmiert, bei einer entsprechenden Meldung (für deren Überprüfung die Zeit nicht mehr reicht) den Gegenschlag automatisch auszuführen. Im Sinne des Überlebens müsst ihr einen „Fortschritt“ bändigen, der euch nicht an die Spitze führt sondern alle zusammen ins Nichts katapultiert.

GJ: Wenn ich Herrn Bloom recht verstehe, hat sich seit der Steinzeit bis heute in unserer psychischen Disposition nichts Wesentliches geändert. In jeder Gruppe will einer an der Spitze stehen – das nennt man Wettbewerb. In der Weltgemeinschaft will eine Nation den Ton angeben – das nennt man das Rennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht. Nun ist aber aufgrund unseres unglaublichen technologischen Fortschritts etwas radikal Neues in die Welt getreten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügt jede Supermacht über ausreichend Bomben, um den Globus für uns alle unbewohnbar zu machen. Ein Sieg der einen über die andere bedeutet daher keine Ablöse wie in der Vergangenheit sondern den kollektiven Untergang.

Ich schließe aus dieser grundsätzlich neuen Lage, dass es für die Vernunft nur einen einzigen Ausweg gibt: die Einigung auf ein gemeinsames Weltregiment. Nur wird diese Einigung umso schwieriger, je mehr Amerikaner, Russen und Chinesen den Hass gegeneinander schüren. Diesen Hass müssen wir bekämpfen. Denn unsere Aufgabe – vielleicht die einzige, die uns retten wird – ist es, das, was wir geträumt haben, in die Realität umzusetzen.

GJ und Luzifer: Herr Bloom, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Sahra Wagenknecht – eine Gerechte inmitten von Selbstgerechten

(Debatte zwischen dem Teufel, Frau Wagenknecht und einem gewissen GJ. Originalzitate von SW sind kursiv gedruckt)

GJ: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.

MEPH: Ob wir unter der lachenden Frühlingssonne auch nur einen einzigen Gerechten finden?

GJ eilt auf eine hohe Gestalt in der lustwandelnden Menge zu.

MEPH (flüsternd): Achtung! Das ist kein deutsches Gretchen, das ist eine germanisch-iranische Walküre!

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?

SW: Bin weder Fräulein weder schön kann ungeleitet nach Hause gehn.

Doch die heitere Stimmung macht mich milde. Zu einem Gespräch, meine Herren, bin ich bereit, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Als emanzipierte Frau halte ich Männer nicht für grundsätzlich dumm. Aber kein Me-Too! Ich rate Ihnen sehr, das nicht an mir zu probieren!

Gemeinsam begeben sich die drei an einen einladend geschmückten Tisch im Garten eines Straßencafés.

GJ: Darf ich Ihnen meinen Freund Herrn Gottseibeiuns M. präsentieren? Er ist ein großer Entlarver, aber Sie, liebe Frau Wagenknecht, haben einen noch viel schärferen Blick. Sie haben den Heuchlern den linken Glanzfirnis abgekratzt.

SW: Es scheint, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, ohne Aggression und mit einem Mindestmaß an Anstand und Respekt über ihre Probleme zu diskutieren. An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind emotionalisierte Empörungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten. Das ist beängstigend.

MEPH: Und ich dachte immer, die Linken ständen für soziale Gerechtigkeit, für Brüderlichkeit mit der ganzen Welt, für Uneigennützigkeit und Einsatz für die Schwachen. Wer das zu Heuchelei erklärt, setzt der sich nicht selbst ins Abseits?

SW: Laut Piketty gibt es zwei große Gruppen, die in den 1950er und 1960er Jahren linke Parteien im weitesten Sinne wählten und /sie/ 1990–2020 nicht mehr /wählen/. Das sind zum einen die Industriearbeiter und zum anderen einfache Angestellte im Dienstleistungsbereich, bei denen es sich seit den Neunzigern natürlich vielfach auch um ehemalige Industriearbeiter oder deren Kinder handelt. Heute sind es die Bessergebildeten und in zunehmendem Maße auch die Besserverdienenden, die links wählen, während die untere Hälfte der Bevölkerung den Wahlen entweder fernbleibt oder für Parteien aus dem konservativen und rechten Spektrum stimmt. In Deutschland haben die Grünen mittlerweile die FDP als Partei der Besserverdiener abgelöst.

MEPH: Liebe Frau, Ihre Meinungen stoßen bei mir auf viel Sympathie. Aber dasselbe könnten ja auch die Rechten behaupten, zum Beispiel die AfD.

GJ: Einspruch! In Wahrheit sagt unser Gast etwas anderes, nämlich dass linke Heuchelei den Aufstand der extremen Rechten überhaupt erst möglich machte.

SW: Es hätte keinen Donald Trump und auch keine AfD gegeben, wenn ihre Gegner ihnen nicht den Boden bereitet hätten. Linksliberale Intoleranz und rechte Hassreden sind kommunizierende Röhren, die sich gegenseitig brauchen, gegenseitig verstärken und voneinander leben. Statt die /Menschen/ … mit einem für sie attraktiven Programm anzusprechen, haben SPD und Linke der AfD zu ihren Wahlsiegen verholfen und sie zur führenden »Arbeiterpartei« gemacht. Die politische Rechte ist der große Gewinner des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Wähler rechter Parteien in ihrer Mehrzahl selbst nicht Überzeugung, sondern Protest als Wahlmotiv angeben. /Diese Tatsache/ verweist darauf, dass Wirtschaftsliberalismus, Globalisierung und Sozialabbau viele Menschen schlechtergestellt oder zumindest größeren Unsicherheiten und Lebensängsten ausgesetzt haben. Dass der linksliberale publizistische Mainstream ihnen außerdem das Gefühl gegeben hat, dass ihre Werte und ihre Lebensweise nicht mehr respektiert, sondern moralisch abgewertet werden. Dazu passt, dass gerade AfD-Anhänger in Umfragen immer wieder den »weit verbreiteten Egoismus, das fehlende Miteinander und das Macht- und Profitstreben« in unserer heutigen Gesellschaft kritisieren. Dabei fällt vor allem ein Umstand ins Auge, der eigentlich jedem Linken, der noch irgendeine Verbindung zur eigenen Tradition hat, schlaflose Nächte bereiten müsste: Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien.. auch die AfD verdankt ihre Wahlerfolge zu erheblichen Teilen der Arbeiterschaft. Dass eher Unterprivilegierte als Wohlhabende rechts wählen, gilt sogar dann, wenn die betreffende Partei für eine wirtschaftsliberale, auf Privatisierungen und Sozialabbau orientierte Politik eintritt, wie es die AfD mehrheitlich tut, ebenso die FPÖ oder.. Donald Trump. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 gaben 69 Prozent der befragten AfD-Wähler an, die Partei aus Enttäuschung über alle anderen gewählt zu haben. Auch bei der Thüringen-Wahl von 2019 bestätigte mehr als jeder zweite AfD-Wähler, die Wahlentscheidung aus Enttäuschung über die anderen Parteien getroffen zu haben.

GJ: Anders gesagt, sehen Sie die Schuldigen in jener akademischen Mittelschicht, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehört. Sie sprechen von einer Lifestyle-Linken, die hinter der trügerischen Fassade des Liberalismus eine erschreckende Illiberalität verbirgt.

SW: Besonders die Grünen sind heute in den meisten Ländern die Partei der akademischen Mittelschicht, die von Softwareprogrammierern und Marketingfachleuten und von Journalisten und höheren Beamten gleichermaßen gewählt wird. In Reinform verkörpern /sie/ dieses Lifestyle-linke Politikangebot, aber auch in den sozialdemokratischen, sozialistischen und anderen linken Parteien ist es in den meisten Ländern zur dominierenden Strömung geworden. Für das politisch-kulturelle Weltbild des Lifestyle-Linken hat sich in jüngerer Zeit der Begriff des Linksliberalismus etabliert, wobei Linksilliberalismus wesentlich passender wäre. Was den Lifestyle-Linken in den Augen vieler Menschen und vor allem der weniger Begünstigten so unsympathisch macht, ist seine offensichtliche Neigung, seine Privilegien für persönliche Tugenden zu halten und seine Weltsicht und Lebensweise zum Inbegriff von Progressivität und Verantwortung zu verklären. Über Zuwanderung als große Bereicherung für unsere Gesellschaft möchte man nicht ausgerechnet von Freunden des Multikulturalismus belehrt werden, die genau darauf achten, dass das eigene Kind eine Schule besucht, in der es mit anderen Kulturen nur im Literatur- und Kunstunterricht Bekanntschaft machen muss. Auch der Begriff White Trash (weißer Abfall) für die weiße amerikanische Arbeiterschicht wurde von Linksliberalen verbreitet. Wenig sympathisch macht den Lifestyle-Linken natürlich auch, dass er fortwährend eine offene, tolerante Gesellschaft einfordert, selbst aber im Umgang mit abweichenden Sichten oft eine erschreckende Intoleranz an den Tag legt, die sich mit der der äußersten Rechten durchaus messen kann. Für Kampagnen, deren erklärtes Ziel darin besteht, unliebsame Intellektuelle mundtot zu machen und sozial zu vernichten, gibt es mittlerweile sogar einen Begriff: cancel culture. Ein weiterer typischer Zug des Lifestyle-Linken: eine moralisch unantastbare Haltung zu zeigen ist für ihn wichtiger, als seine Anliegen auch umzusetzen. Die richtige Gesinnung wiegt schwerer, als das Richtige zu tun.

MEPH: Aber das ist doch eine uralte Geschichte! Wie viele Ketzer hat die Kirche des sanften Herrn Jesus Christus gefoltert, zerstückelt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, obwohl sie moralisch oft die besseren Menschen waren, deren einziger Fehler darin bestand, irgendeinem Dogma zu widersprechen! Von jeher kam es darauf an, sich zu einem Verein zu bekennen und dessen Fahne zu schwenken. Solange man Opportunist war, gehörte man zu den ehrsamen Bürgern und aufrechten Gläubigen, selbst Todsünden durfte man sich dann ungeschoren erlauben. Die richtige Gesinnung zählt, die richtige Tat war Nebensache.

GJ: Frau Wagenknecht kritisiert aber nicht nur, sie sagt auch deutlich, was alles falsch gemacht worden ist. Das erst verleiht ihren Worten Gewicht. 

SW: Wer von der eigenen Regierung erwartet, sie solle sich in erster Linie um das Wohl der hiesigen Bevölkerung kümmern und diese vor internationaler Dumpingkonkurrenz und anderen negativen Folgen der Globalisierung schützen – ein Grundsatz, der unter traditionellen Linken selbstverständlich war – gilt heute als nationalsozial, gern auch mit der Endung -istisch.

MEPH: Und das ist er ja auch! Ein echt Weltsozialer setzt sich dafür ein, dass nicht er selbst und sein Nachbar noch reicher werden als ohnehin schon der Fall, sondern dass die Schlechtweggekommenen überall auf der Welt profitieren. Wenn Betriebe aus den USA oder Deutschland nach China abwandern, dann ist ihm das recht, selbst wenn hier Tausende von Stellen verloren gehen, denn bei uns wird der Reichtum nur auf hohem Niveau reduziert, während er in China, Indien oder Afrika überhaupt erst entsteht. Dieselbe Haltung drückt sich auch darin aus, dass man Migration zulässt und damit Menschen ein besseres Leben verschafft, die darauf in ihren Heimatländern nie hoffen dürften. Es lebe die kosmopolitische Gesinnung!

GJ: Sie wenden dagegen ein, dass auch der scheinbare Altruist, der sich für Migration einsetzt – möglichst sogar eine unbegrenzte -, dies entweder aufgrund von Unwissenheit tut oder weil er damit ganz handfeste eigene Interessen verteidigt.

SW: Überall war die Öffnung für Migration die Reaktion auf sinkende Arbeitslosigkeit und deren Folge, dass die Arbeiter und ihre Gewerkschaften stärker und kämpferischer wurden. Die wichtigste Interessengruppe, die seit jeher ein ausgeprägtes Interesse an Migration hat, für deren Förderung und Erleichterung kräftig lobbyiert und oftmals sogar selbst die Rekrutierung im Ausland übernimmt, ist das Unternehmerlager. Und immer ging es dabei vor allem um eins: um billige Arbeitskräfte und die Spaltung der Arbeitnehmerschaft. 2,5 Millionen sogenannte Gastarbeiter arbeiteten in Deutschland, als der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt 1973 diese Politik mit einem kompletten Anwerbestopp beendete. In der heutigen SPD würde er dafür wohl als AfD-nah angegiftet. Heute stehen heimische Arbeitnehmer und Zuwanderer in vielen Bereichen in unmittelbarer Konkurrenz, mit allen negativen Folgewirkungen. Immerhin ist der deutsche Niedriglohnsektor einer der größten in ganz Europa. Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet heute in diesem Bereich.

Dasselbe gilt für andere westliche Staaten. Bereits 2016 wurden im Vereinigten Königreich 20 Prozent aller Jobs für Niedrigqualifizierte von Ausländern erledigt. Die Belegschaften von Abfüll- und Verpackungsfabriken bestanden zu 43 Prozent aus Migranten, in der Fertigungsindustrie waren es 33 Prozent. Ein großer Getränkehersteller in London hatte seine ganze Belegschaft in Litauen angeheuert. Dass die Migrationsfrage damit zur Schlüsselfrage der Brexit-Debatte wurde, war nach dieser Vorgeschichte wenig erstaunlich. ›Leave Europe‹ bedeutet, die Kontrolle über die Migration zu gewinnen; ›Remain‹ dagegen unbegrenzte Einwanderung, sinkende Löhne und kulturelle Spannungen.

Eine Untersuchung über Migration in die Vereinigten Staaten belegt einen direkten Zusammenhang zwischen dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad in einzelnen Branchen und der Nicht-Beschäftigung von Zuwanderern. Obwohl die USA jenseits der Einwanderung Hochqualifizierter nahezu keine legale Migration zulassen, ist.. die illegale Migration politisch gewollt und wurde deshalb über Jahrzehnte weder von den Demokraten noch den Republikanern unterbunden.

Was die Folgen für das Lohnniveau betrifft, so werden sie durch die Statistiken übrigens eher verschleiert. Soweit /diese Folgen/.. überhaupt analysiert werden, wird in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau einer Volkswirtschaft als Referenzgröße genommen. Die dann nachweisbaren Auswirkungen sind meist gering. Denn es sind eben nicht alle, sondern vor allem die Beschäftigten ohne höhere Qualifikation, die unter der Konkurrenz zu leiden haben. Deshalb beeinflusst Migration auch nicht die Gehälter der Sterneköche, genauso wenig wie die der Journalisten, Werbegrafiker, Oberstudienräte oder anderer Berufsgruppen der sogenannten Wissensökonomie. Im Gegenteil, für sie ist die Auswirkung eher positiv, weil viele Dienstleistungen billiger werden: von der Putzhilfe über den Zusteller, der die online bestellten Päckchen in die schicke Altbauwohnung schleppt, bis zur Kellnerin, die in der Sushi-Bar die Spezialitäten serviert. Für die akademisch gebildete Mittelschicht steigt also durch mehr Migration die Kaufkraft der eigenen Einkommen.

MEPH: Frau Wagenknecht, Sie sind eine Seiltänzerin. Geschickt lavieren sie zwischen Links und Rechts, zwischen einer- und andererseits. Einerseits verteidigen Sie den Kapitalismus, solange er den Arbeitern gute Löhne verschafft, andererseits ist er schlecht, weil er die Reichen noch reicher macht. Den Wettbewerb halten sie einerseits für gut, solange er den am wenigsten kaufkräftigen Schichten billige Konsumgüter verschafft, andererseits ist er auch wieder schlecht, wenn er das Überleben der Stärkeren auf Kosten der Schwachen fördert. Wo stehen Sie eigentlich? Einerseits sind Sie links, andererseits vertreten Sie Positionen, die man bisher nur bei den Rechten fand. Einerseits kommen sie von der Linken – Sie sahen sich selbst sogar eine Zeitlang als Kommunistin -, andererseits tadeln Sie aber Ihre eigenen Leute und mussten deshalb Ihre Stellung als stellvertretende Fraktionsvorsitz aufgeben. Sie verdammen einerseits den furchtbaren Lügner Donald Trump, andererseits loben Sie seine Zollpolitik.

SW: Donald Trump.. wurden seine Pöbeleien, seine unflätigen Beschimpfungen und sexistischen Sprüche nicht nur nachgesehen, sie waren sein Erfolgsgeheimnis. Mit alldem profilierte er sich als Underdog, als Außenseiter und Gegenspieler des politischen Establishments, der von genau den gleichen Kräften gehasst und bekämpft wurde, von denen sich die nicht-akademische amerikanische Bevölkerung schon seit vielen Jahren verraten und verachtet fühlte. Der gemeinsame Gegner trug ihm die Sympathien vom Arbeiter über den konservativen Südstaatler bis zum strengreligiösen Kirchgänger ein, der ihn eigentlich für einen gottlosen Rüpel hätte halten müssen. Das ist das eine. Andererseits hat er zwar wenig für die Arbeiter und die Ärmeren getan, aber während Demokraten wie Republikaner die De-Industrialisierung des Landes und die Zerstörung der Industriearbeitsplätze jahrzehntelang mit völliger Gleichgültigkeit hingenommen haben, hat er das Thema in den Mittelpunkt gestellt und der Globalisierung mit seiner Zollpolitik den Kampf angesagt. Das eine ist so richtig wie das andere.

Was nun mein Verhältnis zum Kapitalismus betrifft, so ist der Anreiz, neue Produkte zu entwickeln und arbeitssparender zu produzieren, .. der Grund dafür, dass.. /der Kapitalismus/ 150 Jahre lang die technologische Entwicklung vorangetrieben und die materiellen Grundlagen für unseren gesellschaftlichen Wohlstand vervielfacht hat. Das ist die positive Seite dieses Wirtschaftssystem. /Der Kapitalismus/.. funktioniert also am besten in wettbewerbsintensiven Industrien, in denen Gesetze und starke Gewerkschaften für steigende Löhne und hohe Sozial- und Umweltstandards sorgen. Wenn diese Bedingungen fehlen, sieht es aber völlig anders aus. Alles in allem ist der Kapitalismus für eine Ökonomie, die von Dienstleistungen dominiert wird, keine vorteilhafte Wirtschaftsordnung. Die digitalen Technologien sind für kapitalistisches Wirtschaften denkbar ungeeignet, weil sie aufgrund des Monopolisierungstrends zu extrem hohen Gewinnspannen bei gleichzeitig beispielloser Marktmacht führen. Heute ist Kapitalismus vielerorts kein ökonomisches Rezept zur Förderung von Wohlstand und Wohlergehen sondern das gerade Gegenteil. Ein Extrembeispiel ist der ärmste Bezirk im schottischen Glasgow, in dem besonders viele Menschen leben, die durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte aus der Bahn geworfen wurden. Hier beträgt die Lebenserwartung aktuell gerade noch 54 Jahre, 30 Jahre weniger als in den reichen Londoner Vierteln Kensington und Chelsea. In den USA ist die Lebenserwartung von Frauen und vor allem Männern aus der alten Mittelklasse und der Arbeiterschaft seit Jahren rückläufig. Wo liegt der Widerspruch, wenn ich beides zugleich aufzeige?

GJ: Ich gebe Ihnen recht. Sie vertreten eine stimmige Position.

SW: Und jetzt zu meiner Beurteilung von Rechts versus Links. Rechts im originären Verständnis ist die Befürwortung von Krieg, Sozialabbau und großer Ungleichheit. Das aber sind Positionen, die auch viele Grüne und linksliberale Sozialdemokraten teilen.

GJ: Eine harsche Kritik. Sie denken an die Befürwortung des Jugoslawienkriegs durch Joschka Fischer?

SW: Zum Beispiel. Sich von reaktionären Traditionen zu verabschieden, ist etwas ganz anderes als die Auflösung aller Gemeinsamkeiten und den Zerfall der Gesellschaft in ein gleichgültiges Nebeneinander vereinzelter Individuen und egoistischer Kleingruppen als progressive Modernisierung zu bejubeln. Die meisten Menschen lieben ihre Heimat und identifizieren sich mit ihrem Land, und sie wollen dafür nicht angefeindet oder moralisch herabgewürdigt werden. Wenn die Linksliberalen der Renationalisierung der Politik den Kampf ansagen, dann übersetzen sie das damit, dass die Linke den Sozialstaat nicht mehr verteidigt. Für Menschen, die sich an Gemeinschaften orientieren, ist ihre Familie nicht irgendeine Familie, ihre Heimatregion nicht irgendein Landstrich und ihr Land etwas anderes als andere Länder. Deshalb fühlen sie sich Staatsbürgern des eigenen Landes enger verbunden als Menschen, die woanders leben, und sie wollen nicht, dass die Politik oder die Wirtschaft in ihrem Land von außen gesteuert wird. Wer so denkt und die geschilderten Werte hochhält, wird heute konservativ genannt. Der Begriff ist nicht falsch. Menschen, die so denken, wollen tatsächlich ein Wertesystem erhalten und vor Zerstörung bewahren, das im globalisierten Kapitalismus unserer Zeit unter massivem Druck steht und teilweise bereits zerbrochen ist. All diese Einstellungen, die nach Umfragen von Mehrheiten geteilt werden, kann man als aufgeklärt konservativ bezeichnen. Sie sind mit einer grundsätzlich liberalen Grundeinstellung problemlos vereinbar. In einem tieferen Sinne sind sie sogar links. Denn sie entsprechen der Lebenswelt, den Traditionen und auch den sozialen Interessen der Beschäftigten in nichtakademischen Industrie- und Serviceberufen und der klassischen Mittelschicht. Eines sind sie in jedem Fall nicht: rechts. Auf keinen Fall ist die Sehnsucht nach sozialen Bindungen … /das/ Ergebnis einer Unterwerfung, wie einer der Vordenker des Linksliberalismus, Michel Foucault, behauptet hat. Die Prägung des Menschen durch seine Geschichte und nationale Kultur ist daher auch kein Gefängnis, aus dem man ihn befreien muss. Der Wertkonservatismus, der sich an Zugehörigkeit und Gemeinschaft orientiert, hat aber nicht nur die meisten konservativen Parteien zum Gegner, sondern auch den Linksliberalismus: Letzterem gelten Menschen mit wertkonservativen Einstellungen als rückwärtsgewandt und sie werden verdächtigt, überholte Vorurteile und Ressentiments zu pflegen. Aber wertkonservativ und zugleich links zu sein ist kein Widerspruch. Zugespitzt könnte man ein solches Programm als linkskonservativ bezeichnen, auch wenn dieser Begriff mit dem Risiko lebt, von beiden Seiten abgelehnt zu werden.

MEPH: Und doch sind Sie mit Ihrer abwägenden Art von einer- und andererseits seltsam aus der Zeit gefallen! Junge Leute wollen kein Jein. Die wollen Eindeutigkeit und sie wollen dreinschlagen, wenn Ihnen Politik und Wirtschaft nicht länger passen.

GJ: Und das tun sie ja auch mit den endlosen Hasstiraden, die uns aus der Giftküche der Social Media entgegenschäumen. Da lob ich mir den klaren, ehrlichen Blick auf die Wirklichkeit, den uns Frau Wagenknecht bietet. Nur die Empörten, die Dummen und die Verbrecher beziehen eindeutige Positionen. Vernunft wägt ab.

MEPH: Haben die Vernünftigen jemals Weltpolitik gemacht? Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Frau Wagenknecht ist aber keine Minerva und nicht einmal eine Eule, sie betört uns mit ihren idealistischen Visionen. Ginge es nach ihr, so müsste man dem Nationalstaat nur wieder mit den Instrumenten ausstatten, welche in den drei Nachkriegsjahrzehnten einen vergleichsweise gerechten Kapitalismus ermöglichten – und schon würde sich alles zum Guten wenden.

SW: Ja, der Nationalstaat ist kein Auslaufmodell. Die linke… /Position/ besteht darin, den Nationalstaat nicht nur als obsolet, sondern darüber hinaus als gefährlich, nämlich potenziell aggressiv und kriegslüstern darzustellen. Von einer Handlungsunfähigkeit der Nationalstaaten kann /aber/.. keine Rede sein. In jeder großen Krise, egal ob gerade die Banken kollabieren oder Corona die Wirtschaft in den Abgrund zieht, entpuppten sich die totgesagten Nationalstaaten sogar als die einzigen handlungsfähigen Akteure. Nicht die internationalen Organisationen, sondern die großen Nationalstaaten sind mächtig genug, die Einhaltung bestimmter Regeln auch außerhalb ihres Territoriums zu erzwingen. Besonders rücksichtslos wird diese Macht mittlerweile von den Vereinigten Staaten eingesetzt. Die Nationalstaaten sind.. auch die einzige Instanz, die gegenwärtig in nennenswertem Umfang Marktergebnisse korrigiert, Einkommen umverteilt und soziale Absicherungen bereitstellt. Die Mär vom schwachen Nationalstaat in unserer globalisierten Welt ist also vor allem eins: eine Zwecklüge der Regierungen, um die Verantwortung für die Abkehr von den einstigen Schutz- und Sicherheitsversprechen des Staates auf Sachzwänge abzuwälzen. Laut einer Befragung des World Value Survey zwischen 2010 und 2014 liegt der Anteil der EU-Bürger, die sich zuerst als Europäer und dann erst als Bürger ihres Nationalstaats fühlen, in den verschiedenen europäischen Ländern zwischen 4 und 6 Prozent. Den höchsten Wert gibt es in Deutschland mit 10 Prozent. Es hilft nichts: Die höchste Ebene, auf der Institutionen für gemeinschaftliches Handeln und gemeinsame Problemlösungen existieren, die auch noch demokratisch kontrolliert werden können, ist auf absehbare Zeit nicht Europa und schon gar nicht die Welt. Es ist der viel gescholtene und voreilig für tot erklärte Nationalstaat.

MEPH: Und doch zeigen Sie in Ihrem Buch doch gerade, dass der Nationalstaat den Schwachen nicht länger hilft. Sie widersprechen sich und betreiben Agitation gegen Europa, womit Sie die Kräfte des rechten Lagers stärken.

SW: Eine böswillige Unterstellung. Ich zeige nur, dass der neoliberale konzerngesteuerte Nationalstaat, der die Solidarität mit den eigenen Bürgern gekündigt hat, den Schwachen nicht länger hilft. Und ich zeige, dass auch Europa seine Pflicht gegenüber den einfachen Bürgern nicht mehr erfüllt. Seit 2011 das sogenannte Europäische Semester eingeführt wurde, in dessen Rahmen die EU-Kommission direkten Einfluss auf die nationalen Haushaltspläne nehmen kann, forderte sie europäische Staaten insgesamt 63 (!) Mal zu Kürzungen im Gesundheitswesen und zur verstärkten Privatisierung von Krankenhäusern auf. Rund 50 Mal forderte die EU-Kommission Regierungen auf, Maßnahmen zu ergreifen, um Lohnwachstum zu unterbinden. 38 Mal erteilte sie Anweisungen zur Einschränkung des Kündigungsschutzes und zum Abbau anderer Arbeitnehmerrechte. Und der Europäische Gerichtshof unterstützt diese Politik. Der rote Faden, der sich durch /seine/ sozialökonomischen Urteile.. zieht, ist unverkennbar: Sie begünstigen große transnationale Konzerne und sie verschlechtern die Bedingungen für Arbeitnehmer und Mittelstand. Die Europäische Union sei heute, schlussfolgert Thomas Piketty, zu einem Thema geworden, das die Bildungs- und Wirtschaftseliten verbinde, also Oberschicht und akademische Mittelschicht, während es auf der Gegenseite die klassische Mittelschicht, die Arbeiter und einfache Servicebeschäftigte zusammenführt, die sich in den meisten Ländern in ihrer Ablehnung des derzeitigen Europa einig sind. 

MEPH: Frau Wagenknecht. Die Globalisierung wurde nicht in Europa, sie wurde von den USA gemacht. Diese Tatsache blenden sie aus.

SW: Die Globalisierung der Produktion war.. ein unter dem Druck der Konzerne politisch ermöglichter Prozess. Ihr Motiv waren nicht Produktivitätsfortschritte, sondern Interessen. Sie hob nicht den allgemeinen Wohlstand, sondern machte einige reicher und viele ärmer.  Es wird geschätzt, dass ein Fünftel bis ein Viertel der verlorenen Industriearbeitsplätze auf das Outsourcing zurückgeht. Hatten zu Beginn der siebziger Jahre große Automobilbauer noch etwa 60 Prozent der Wertschöpfung in Eigenregie vollzogen, lag diese Quote am Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch zwischen 20 und 30 Prozent. Allein bis 1983, innerhalb der ersten fünf Jahre der Regierung Thatcher, verschwand ein Drittel aller britischen Industriearbeitsplätze. In Großbritannien und Frankreich ging bis 2012 jeder zweite Industriearbeitsplatz verloren, in Deutschland war es jeder vierte. Am stärksten betroffen waren die Branchen Textil, Schiffbau, Bergbau und Stahl.

MEPH: Da ist Ihnen aber ein Irrtum unterlaufen – und noch dazu ein sehr großer. Die Globalisierung hat nicht einige reicher und viele ärmer sondern genau umgekehrt: sie hat viele reicher und einige ärmer gemacht. Beinahe ein Viertel der Menschheit, nämlich Japan, China und die Asiatischen Tiger sind reich geworden und Indien ist im Begriff, ihnen zu folgen. Nur die alten Industrienationen USA und Europa, bevölkerungsmäßig ein Bruchteil der Menschheit, haben Verluste hinnehmen müssen, weil viele ihrer Industrien von den Asiaten übernommen wurden. Wer an die ganze Menschheit denkt und nicht an jenen kleinen Teil, der ohnehin schon seit zwei Jahrhunderten die größten Vorteile genießt, kann diese Entwicklung nur begrüßen.

SW: Es waren Politiker, die die Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben und den Weg für internationale Direktinvestitionen geöffnet haben. Es waren Politiker, die darauf verzichteten, die Unterschiede in den Produktionskosten durch Zölle auszugleichen oder auch nur das internationale Steuerdumping einzudämmen. Es waren Politiker, die sich um Investitionsschutzabkommen und den weltweiten Schutz von Marken-, Patent- und Urheberrechten bemühten, um die Auslandsinvestments der Konzerne in einen möglichst vorteilhaften rechtlichen Rahmen einzubetten. Sie taten das, weil Wirtschaftsunternehmen und ihre Lobbyisten all ihren Einfluss, ihr Geld und ihre ökonomische Macht zum Einsatz brachten, um die entsprechenden Entscheidungen herbeizuführen. Aber die Politik hätte das nicht tun müssen. Die Globalisierung hat den Reichtum der Oberschicht und der Wirtschaftseliten extrem vergrößert.

GJ: Da stimme ich Frau Wagenknecht zu. Dieses Vorgehen war nicht das Ergebnis eines altruistisch bewegten Weltbürgertums. Amerikanische Unternehmen machten China reich, sie legten den Grundstein für den Aufstieg der kommenden Weltmacht, die Amerika von der ersten Stelle verdrängen wird, aber sie taten das nicht etwa aus Kosmopolitismus und Nächstenliebe. Sie taten es aus kurzfristigem Interesse und langfristiger Dummheit, denn sie selbst haben den mächtigen Rivalen dadurch überhaupt erst geschaffen und aufgepäppelt.

SW: Die Chiffre der Weltoffenheit und das linksliberale Weltbürger-Gehabe sind.. vor allem eins: eine besonders trickreiche, weil mit edlen Motiven versehene Rechtfertigung genau der Entwicklung, die wir seit gut dreißig Jahren erleben: eine Rechtfertigung für die Freiheit globalen Renditestrebens, das durch keine staatlichen Einschränkungen mehr behindert wird, Auch das zeigt, dass das zelebrierte Weltbürgertum vor allem ein Alibi ist, um sich der Bindungen und damit auch der empfundenen Verpflichtungen gegenüber den weniger privilegierten Bevölkerungsschichten im eigenen Land zu entledigen.

Aber ich bestehe darauf, dass man nicht ganze Bevölkerungsschichten in die Arbeitslosigkeit entlassen darf. Dann wird es Revolutionen geben wie im Nahen Osten und im Ansatz auch schon in den USA. Das wäre eine Horrorvision für Rechts und Links gleichermaßen. Wenn die Linken nicht für die Benachteiligten Partei ergreifen, dann werden es eben die Rechten tun. Während die Parteien, die in Polen unter dem Label links firmierten, einem Wildwest-Kapitalismus mit extremer Ungleichheit den Boden bereitet hatten, beschloss die viel gescholtene PiS nach ihrem Wahlsieg 2015 das größte Sozialprogramm der jüngeren polnischen Geschichte. Dazu gehörte als wichtigste Maßnahme ein Kindergeld von 500 Zloty pro Monat, umgerechnet rund 120 Euro, eine mit Blick auf das polnische Pro-Kopf-Einkommen gewaltige Summe. Allein diese Maßnahme hat die Armutsquote in Polen um 20 bis 40 Prozent reduziert, bei Kindern sogar um 70 bis 90 Prozent. Welche linke Partei kann in jüngerer Zeit solche Erfolge vorweisen? Wie unsympathisch man die PiS sonst immer finden mag und wie reaktionär deren Positionen in vielen Fragen tatsächlich sind, dieses Paket steht für eine couragierte Sozialpolitik, wie man sie sich von allen sozialdemokratischen und linken Parteien in Westeuropa wünschen würde.

GJ: Einverstanden! Genau diese Politik hat China ganz genauso betrieben und deswegen kann die dortige Diktatur bis heute auf die Loyalität ihrer Bevölkerung vertrauen.

SW: So ist es. Während in China 82 Prozent und in Indien 79 Prozent Vertrauen in die genannten Institutionen /Staat, Wirtschaft und Medien/ haben, sind es in den USA nur 47 Prozent, in Deutschland 46 Prozent und in Großbritannien 42 Prozent.

MEPH: Sie loben nicht nur die Regierungen in Polen und Ungarn sondern selbst noch die chinesische Diktatur. Wie können Sie sich da noch wundern, dass viele Sie für eine verkappte Rechte halten?

SW: Eine böswillige Unterstellung! Ich versuche nur zu verstehen, warum Menschen mit einer Regierung zufrieden sind, welche Ihre Interessen vertritt und warum sie umgekehrt Regierungen – gleichgültig ob links oder rechts – ihre Stimme verweigern, die diese Interessen ignorieren.

GJ: China hat zwei Drittel der weltweiten industriellen Produktion übernommen, weil es nach wie vor über ein gewaltiges Reservoir an disziplinierten Billigarbeitern verfügt. Was Deutschland vor einem halben Jahrhundert einmal war, aber inzwischen immer weniger ist: ein Sozialstaat, genau das ist China heute. Millionen Menschen wurden aus der Armut erlöst, inzwischen erfreut sich das Milliardenvolk sogar einer Krankenversicherung für alle. Bei uns aber müssen immer mehr Menschen auf den gewohnten Lebensstandard verzichten.

MEPH: Dann hätten eure Politiker also das Gemeinwohl verraten? Diese Sicht kann ich nicht teilen. Nein, es gab Gründe für den von ihnen eingeleiteten Umbau der Wirtschaft. Der ehemalige Justizminister Horst Ehmke bezeichnete Daimler Benz damals als eine Bank mit angegliederter Autoabteilung. „Die Firma Daimler-Benz hat im Jahre 1981 an ihren Einnahmen aus Vermögen, vor allem an Zinseinnahmen, mehr verdient als am Verkauf der Lkw- und Pkw-Produktion“, gab er am 13. Oktober 1982 vor dem Deutschen Bundestag zu Protokoll. Ähnlich verhielt es sich damals in den Vereinigten Staaten. „General Motors… verdient heute mehr Geld mit Hypotheken als mit dem Verkauf von Autos“ (Roszak, Alarmstufe rot, S. 67). Die Märkte waren gesättigt, führende Industrien verdienten nichts mehr in der Realwirtschaft, deshalb ließen sie sich auf Finanzspekulationen ein. Da traten Wirtschaftswissenschaftler wie Robert Reich auf die Bühne und verkündeten der Welt, dass die Vorortproduktion (local content) ein Fehler sei. Der sogenannte Washington Consensus erhob diese Lehrmeinung zum Dogma und forderte eine neue ökonomische Ordnung. Das war die entscheidende Wende zur Globalisierung. Ihr Europäer habt da nur ohnmächtig zuschauen können. Nachdem die USA einmal begonnen hatten, immer größere Bereiche der industriellen Fertigung nach China auszulagern, blieb deutschen Unternehmen gar keine andere Wahl als diese Strategie zu übernehmen, andernfalls wären deutsche Produkte aufgrund zu hoher Preise auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Anders als Sie, Frau Wagenknecht, uns einreden wollen, waren die deutschen Politiker und die deutsche Wirtschaft in dieser Situation die Getriebenen. Der Nationalstaat war gegenüber dieser Entwicklung zur Ohnmacht verdammt.

GJ: Nicht ganz. Deutsche Politiker hätten die Globalisierung verweigern können. Dann wäre der deutsche Export eben auf Europa beschränkt geblieben. Zu Beginn der Neunziger Jahre waren die Auswirkungen dieses Verzichts noch überschaubar. Drei Viertel des deutschen Exports gingen damals noch nach Europa, der Verlust hätte sich somit auf den vierten Teil des damaligen Exports beschränkt. Diesen Vorschlag hatte ich in meinem Buch „Die Arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer) gemacht. Meinhard Miegel kommentierte ihn mit den Worten: „Versuchen Sie mal, deutsche Industrielle zu einem Verzicht zu bewegen.“

MEPH: Dieser Verzicht war schon deswegen nicht zu erwarten, weil die Globalisierung für eine Mehrheit der Menschheit segensreich war und es immer noch ist. Chinesen und Inder würden die Thesen von Frau Wagenknecht schlicht als absurd bezeichnen – und genau deswegen haben sie ja auch so großes Vertrauen in ihre Regierungen. Zugleich aber müsst ihr die Tatsache akzeptieren, dass Auslagerung, wenn ein Staat (in diesem Fall die USA) einmal damit begonnen hat, von den übrigen Staaten akzeptiert werden muss, um auf dem Weltmarkt präsent zu bleiben. Vor diesem Faktum verschließt Frau Wagenknecht beflissen die Augen, weil es nicht in ihr Bild vom souveränen Nationalstaat passen will. Damit stimmt auch ihr harsches Urteil über die Agenda 2010 des damaligen deutschen Kanzlers Gerhard Schröder zusammen.

SW: Wirtschaftsliberale wie Schröder oder Blair haben sich im Umgang mit Konzernvorständen und Unternehmerverbänden von ihren konservativen Kollegen in der Regel nur durch ihre noch größere Unterwürfigkeit unterschieden. /Die Existenz/ des Niedriglohnsektors/ geht /zum Teil/.. auf die Arbeitsmarktreformen in der Zeit der SPD-Grünen-Koalition unter Gerhard Schröder zurück, die viele Schutzrechte von Beschäftigten aufgehoben und den Unternehmen die Möglichkeit gegeben hatte, großflächig reguläre Vollzeitjobs durch irreguläre Beschäftigungsverhältnisse zu ersetzen.

MEPH: Wieder klammert Frau Wagenknecht einen wesentlichen Teil der ökonomischen Realität einfach aus. Nachdem der Washington Consensus die Auslagerung salonfähig machte, hing die Höhe der in Deutschland gezahlten Löhne eben nicht mehr ausschließlich von den Wettbewerbsbedingungen in Europa ab sondern ebenso von den Vorgaben des Weltmarkts. Wenn Billiglohnländer dort Produkte zu weit geringeren Preisen absetzten, dann mussten deutsche Exportunternehmen die Löhne zu Hause drücken oder sie wurden vom Markt gedrängt. Diesem äußeren Zwang standen die betreffenden Unternehmen so machtlos wie die Gewerkschaften gegenüber. Das will Frau Wagenknecht nicht sehen (ebenso wie Heiner Flassbeck und viele andere). Sie scheint ganz zu vergessen, dass diese Verdrängung bereits in vollem Gange war, deswegen verspottete ja der Rest der Welt das damalige Deutschland als „den kranken Mann Europas“. Mit der Agenda 2010 hat Schröder damals nur die Notbremse gezogen. Indem er den deutschen Sozialstaat verbilligte, verschaffte er dem deutschen Export einen gewaltigen Aufschwung aber um den Preis im eigenen Land einen Niedriglohnsektor, den größten in Europa, zu installieren. Für eine linke Partei wie die SPD war es ein furchtbares Unglück, dass gerade ein Kanzler aus ihrer Reihe sich zu einem solchen Schritt entschloss.

GJ: Solange Deutschland mit Innovationen brillierte, war es dem äußeren Lohndruck noch wenig unterworfen, denn für innovative Produkte können Unternehmen zumindest zeitweise Monopolpreise verlangen. Aber Innovation lässt sich nicht verordnen. Die Chinesen melden inzwischen weltweit die meisten Patente an.

MEPH: Frau Wagenknecht pflegt noch eine Reihe anderer Illusionen. Auch ohne Auslagerung wird es kein Zurück zu den Zuständen vor einem halben Jahrhundert geben. Ich wundere mich sehr darüber, dass der Begriff „Automation“ in Ihrem Buch nicht ein einziges Mal erscheint. Aber gerade diese von Ihnen, Frau Wagenknecht, aus gutem Grund unterschlagene Automation macht Ihre Vision zuschanden. Arbeiter und Angestellte, deren Funktion in der Ausübung geistiger oder körperlicher Routinevorgänge bestand, werden in der modernen Wirtschaft nicht länger gebraucht, weil ein Großteil ihrer Tätigkeiten inzwischen von Robotern und künstlicher Intelligenz erledigt wird. Wer nicht gebraucht wird, dem wird aber auch kein Lohn gezahlt. Natürlich kann man kein Unternehmen und keinen Staat dazu zwingen, Roboter und künstliche Intelligenz einzusetzen, aber wenn er diese Entwicklung verschläft oder verweigert, bleibt er technologisch zurück und seine Unternehmen produzieren weniger effizient und teurer. Aus diesem Grunde sind Digitalisierung und der Siegeszug der arbeitsvernichtenden Roboter nicht länger aufzuhalten. Davon sind aber sämtliche klassischen Berufe der Arbeiterschaft und der Angestellten betroffen – also jener Teil der Bevölkerung der während der drei von Frau Wagenknecht als Vorbild gerühmten drei Nachkriegsjahrzehnte einmal die Mehrheit gebildet hatte. Aufgrund des technischen Fortschritts ist diese Mehrheit jetzt schon weitgehend weggebröckelt. Wie können Sie da noch hoffen, dass deren Vertretung, die Gewerkschaften, in Zukunft noch eine Rolle spielen? Wie wollen Sie mit den Instrumenten der Vergangenheit, die Herausforderungen dieser ganz neuen Zukunft meistern?

SW: Privates Eigentum und Gewinnstreben /kann/ nur da den technologischen Fortschritt voranbringen und damit die Wohlstandspotenziale der Wirtschaft erhöhen, wo der Wettbewerb funktioniert und klare Regeln und Gesetze dafür sorgen, dass Kosten nicht zulasten von Beschäftigten und Umwelt gesenkt werden können. 

GJ: Das ist leider nicht wahr. Aufgrund der Agenda 2010 wurde Deutschland insgesamt reicher, es gab wieder Wachstum, nur die weniger begünstigten Schichten, die Globalisierungsverlierer, haben gelitten. Und wie gesagt, während die Globalisierung die Verlierer in Old Europe und den Vereinigten Staaten ärmer macht, ist nahezu ein Viertel der Menschheit seitdem wohlhabender geworden – insgesamt wurde die Welt also reicher.

MEPH: Weswegen Frau Wagenknecht ja auch nur aus Old Europe und vielleicht auch noch aus den Vereinigten Staaten Beifall für ihre Thesen erhält. Aber meine Zweifel reichen noch tiefer. Etwas anderes – etwas wirklich Erschreckendes – hat sie nämlich ganz übersehen. Seit der industriellen Revolution ging die Welt etwa zwei Jahrhunderte lang davon aus, dass Ressourcen in unbegrenzter Menge vorhanden seien. Auf dieser Hoffnung beruhte die Forderung nach ewigem Wachstum, das irgendwann alle Menschen des Globus reich machen würde. Auf diese Illusion muss die Menschheit inzwischen verzichten. Jetzt schon verbraucht sie mehr als nur einen einzigen Globus (weil sie in zunehmendem Tempo die nicht erneuerbaren fossilen Energiereserven verzehrt). Wenn aber ein nicht mehr vermehrbarer Rest aufgezehrt wird, dann haben wir es mit einem Nullsummenspiel zu tun. Was die einen zu viel verbrauchen, muss den anderen jetzt und in Zukunft fehlen. In einer Welt mit begrenzten Ressourcen wird der Reichtum für alle zur Fata Morgana. Das Wachstum der einen geht zwangsläufig zu Lasten der anderen. Diesen Einwand gegen das Wachstum müsstet ihr selbst dann noch akzeptieren, wenn es die Klimakrise nicht gäbe.

SW: Ach ja, die Klimakrise. »Fridays for Future« und der linksliberale Mainstream hatten die Klimadebatte zu einer Lifestyle-Debatte gemacht und die Forderung nach einer CO2-Steuer in den Mittelpunkt gestellt. Das als Reaktion auf die/se/ Bewegung von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket belastet überproportional die untere Mitte und die Ärmeren sowie Menschen, die in ländlichen Regionen leben. Wollen wir, um Umwelt und Klima zu retten, viele Annehmlichkeiten des Lebens wieder zu einem Luxusgut machen, das sich nur noch Privilegierte leisten können – oder stattdessen lieber nachhaltig und mit anderen Technologien produzieren?

GJ: Bitte, das ist doch wohl die falsche Alternative. Das bisherige Wachstum führt auf den Zusammenbruch zu, wenn wir den Ressourcenverbrauch nicht radikal beschränken. An anderer Stelle geben Sie selbst das ja auch zu: Woher soll die Energie kommen, die unsere Wirtschaft am Laufen hält, unsere Fahrzeuge antreibt und unsere Häuser mit Wärme und Strom versorgt, wenn wir auf fossile Energieträger verzichten und auch nicht zum Atomstrom zurückkehren wollen? Wer glaubt, dieses Problem durch ein paar mehr Windräder und Solarpanels auf dem heutigen technologischen Stand lösen zu können, hat sich offenbar nie mit dem Energiebedarf einer Gesellschaft wie der unsrigen und auch nicht damit beschäftigt, dass dunkle, windarme Tage in unseren Breiten trotz Klimawandels sehr häufig sind. Indirekt geben Sie an dieser Stelle also selber zu, dass Klimawandel und versiegende Ressourcen den Verzicht erzwingen. Die Frage ist eben nur, wer soll da verzichten? Sie setzen sich für die Ärmsten der Gesellschaft ein – und da stehe ich ganz an Ihrer Seite. Wenn der Verzicht nicht zu Aufständen innerhalb der Staaten und zu Ressourcenkriegen zwischen ihnen führen soll, dann muss er für alle gelten.

MEPH: Sehr richtig, aber diesen Verzicht auch durchzusetzen, dazu ist der Nationalstaat nicht in der Lage. Wenn er die Unternehmen im eigenen Land so besteuert, dass den Armen ernstlich geholfen wird, verlagern sie ihren Sitz ins Ausland; wenn er die Reichen zur Kasse bittet, ergreifen sie mit ihrem Kapital die Flucht; wenn er dem Talent – den Wissenschaftlern, Informatikern, Ärzten etc. – die Gehälter zum Zweck der Umverteilung kürzt, sucht es sich seine Arbeitsplätze an anderen Orten. Nur neue Mauern zwischen den Staaten – eine weltweite Deglobalisierung – könnte solches Ausweichen verhindern. Aber das wäre nur unter Bedingungen möglich, die heute gerade nicht existieren. Jeder Staat müsste die für seinen Wohlstand erforderlichen Ressourcen im eigenen Land finden können; es dürfte die Abfallprodukte nicht geben, mit denen er die Luft und die Meere des ganzen Globus verseucht und die Raketen und Bomben, womit er die ganze übrige Welt bedroht.

Die Technologie hat euch die Globalisierung aufgezwungen – nicht die Böswilligkeit von Politikern. Ihr sitzt alle im gleichen Boot, weil ihr den Globus seit einem Jahrhundert, so klein gemacht habt, dass jeder in Echtzeit wissen kann, was im selben Augenblick nicht nur sein Nachbar am selben Ort sondern die Menschen auf der anderen Seite des Globus tun und bezwecken. Die durch Technik bewirkte Globalisierung ist euer Verhängnis.

SW: Ich beharre darauf, dass es trotzdem immer noch den Gegensatz von nah und ferne gibt. Eine Schlüsselkategorie zur Abgrenzung von Gemeinschaften ist die Unterscheidung von zugehörig und nicht zugehörig. In einer intakten Familie fühlen wir uns anderen Familienmitgliedern enger verbunden als Menschen, die nicht zur Familie gehören. Wir sind eher bereit, Familienmitglieder zu unterstützen als Fremde. Und wir haben ein größeres Vertrauen, dass wir nicht ausgenutzt und hintergangen werden. Das ist kein moralisch fragwürdiges, sondern ein normales menschliches Verhalten. Je mehr wir uns Menschen verbunden fühlen, desto größer ist die Hemmschwelle, sie über den Tisch zu ziehen. Genau.. /diese Nähe/ schafft eine Basis für Vertrauen.

GJ: Gewiss, und Sie bringen auch ein treffendes Zitat des großen Rousseau: »Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tataren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.«

Dennoch, ob wir es wollen oder nicht, die Technologie hat alle Menschen auf der Welt durch den ständig anschwellenden Fluss an Ressourcen, Waren, Informationen und leider auch Müll und Bomben einander so nahe gebracht, dass sie heute für ihr Überleben gezwungen sind, den Fernsten ebenso zu vertrauen wie den Nächsten in ihrer unmittelbaren Umgebung, denn alle sind heute gleichermaßen imstande, Luft und Meere zu vergiften, die Atmosphäre zu verstrahlen und die letzten Gletscher zum Schmelzen zu bringen. Man kann darin ein Verhängnis sehen, weil der Nationalstaat und seine Menschen die Kontrolle über das eigene Schicksal weitgehend verloren haben. Man kann diese Abhängigkeit leugnen, wie Frau Wagenknecht es tut. Oder man kann der übrigen Welt das Evangelium einer ewig wachsenden und noch dazu grünen Wirtschaft verheißen, wie China es tut und sich damit rühmt, dass es in unserer Zeit der stärkste Motor für die Industrieproduktion, den Welthandel und einen globalen Wohlstand sei.

MEPH: Eine blauäugige Vision, die man auch als Betrug bezeichnen kann, weil China sehr wohl um die schwindenden Ressourcen weiß. Zur gleichen Zeit unternimmt es nämlich alles in seiner Macht, um weltweit Land aufzukaufen und sich den Zugang zu den Ressourcen in Afrika ebenso wie in Lateinamerika zu sichern. Der Kampf um die verbliebenen Schätze hat längst begonnen. Aber ich muss meinen Vorwurf noch steigern, dass Frau Wagenknecht blind für die wirklichen Herausforderungen ist, jene nämlich, welche die Lage der Ärmsten auch in den reichen Staaten des Westens in Zukunft noch zusätzlich verschlimmern werden. Was wir schon seit einigen Jahrzehnten beobachten, ist ein weltweites Rennen um die besten Köpfe. Seit der digitalen Revolution wird Technik ja mit jedem Tag nur immer komplexer. Die am höchsten entwickelten Computerprogramme sind schon heute so umfangreich, dass mit ihnen beschriebene DIN-A4 Seiten einen Stapel in der Höhe des Eiffelturms ergeben. In positiver Sicht können wir das als eine Vergeistigung unserer Zivilisation bezeichnen. In negativer Perspektive läuft diese Entwicklung darauf hinaus, dass immer weniger Menschen für diese Berufe in Frage kommen, denn die Gausssche Normalverteilung von Intelligenz bleibt ja dieselbe. Der Pool, aus dem hier geschöpft werden kann, ist also begrenzt. Die Unterschiede der Bezahlung müssen daher zwangsläufig größer werden, weil die exzeptionelle Begabung ein seltenes Gut darstellt. Eure Gesellschaft ist in Gefahr an Komplexität zu scheitern oder gar zu zerbrechen. Während eine schrumpfende Minderheit von Hochbegabten den technologischen „Fortschritt“ aufrechterhält, sieht sich eine Mehrheit immer mehr ins Abseits gedrängt.

Sowenig der Nationalstaat, mag er sich noch so sehr um soziale Gerechtigkeit bemühen, die Automation rückgängig machen kann, so wenig kann er gegen die Tendenz wachsender Komplexität ausrichten.

SW: Sachzwänge! Ich weiß schon, so reden all jene, die auch für die unerträglichsten Verhältnissen eine Erklärung finden, die sie dann dazu berechtigt, die Hände in den Schoß zu legen: da könne man eben nichts mehr tun.

GJ: Gegen diesen Vorwurf nehme ich meinen Freund in Schutz. Er behauptet nur, dass der Nationalstaat ohnmächtig gegen diese Entwicklung sei. Ob wir das wollen oder nicht, es ist Technologie, die unseren Globus so sehr verengt und uns gnadenlos ihren Gesetzen ausliefert. Nirgendwo ist dieser Zwang so evident wie bei den Waffen. Jeder Staat, der es sich leisten kann, ist heute im Besitz einer Rüstung, womit er zumindest seine Nachbarn vernichten kann. Die drei Supermächte aber können mit ihren Bomben die ganze Menschheit auslöschen und den Globus für Tausende von Jahren unbewohnbar machen. Der einzelne Staat kann dagegen nichts unternehmen. Würde er sich aus christlicher Nächstenliebe dazu entschließen, das eigene Waffenarsenal komplett zu neutralisieren, darf er mit Sicherheit damit rechnen, unter die Knute seiner bisherigen Gegner zu geraten. In der bisherigen Geschichte wurde noch nie ein Staat belohnt, wenn er nach dem Schlag auf die rechte Backe auch noch die linke präsentierte. Also rüsten alle Staaten nur immer weiter auf – und werden für einander immer gefährlicher. Inzwischen genügt ein Funke, um einen Weltbrand zu entfachen. Diese seit Beginn des neuen Jahrhunderts uns immer stärker bedrohende Gefahr kann kein einzelner Staat abwenden sondern ausschließlich die Supermächte. Entweder gelingt es ihnen, ein gemeinsames Regiment zu beschließen oder sie stürzen einander und den Rest der Welt ins Verderben.

MEPH: Liebe Frau, Sie haben nicht gesehen oder nicht sehen wollen, dass der Nationalstaat dieses drängendste Problem des neuen Jahrhunderts nicht lösen kann. Aber dasselbe gilt auch für die Klimakrise, den Ressourcenverbrauch und die Vermüllung der Umwelt. Jeder einzelne Nationalstaat, aber auch jeder Staatenbund wie die Europäische Union, erleidet Nachteile, wenn er allein auf fossile Brennstoffe und Atomkraft verzichtet, denn die Erneuerbaren allein können ihren Bedarf nicht decken – wie Sie selbst ja auch einräumen. Auch hier ist der Nationalstaat zur Hilflosigkeit verdammt. Für die größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts gibt es deshalb nur eine einzige Lösung. Die Staaten müssen sich zusammensetzen und Regeln für die ganze Welt beschließen. Nur ein Verzicht, der alle zugleich betrifft, hat eine Chance auch von allen anerkannt und befolgt zu werden. Indem Sie den Nationalstaat eine Lösungskompetenz zuschreiben, die er in unserer Zeit nicht mehr haben kann, beschreiben Sie Zustände, die der Vergangenheit angehören, ohne uns eine realistische Perspektive für die Zukunft zu geben.

GJ: Halt, dieses Urteil geht mir zu weit. Frau Wagenknecht ist eine Gerechte unter den Selbstgerechten, weil sie die Heuchelei der Lifestyle-Linken entlarvt. Sie wehrt sich gegen den Zerfall der Gesellschaft, der nicht nur die USA bedroht sondern auch Europa, indem sie sich an die Seite der Globalisierungsverlierer stellt.

Sahra Wagenknecht zu GJ:

Wer ist denn dieser angriffslustige Herr, der mich so sehr bedrängt?

GJ: Das ist Gottseibeiuns M., mein persönlicher Schatten und selbsternannter Freund.

MEPH: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

GJ und sein Begleiter gemeinsam:

Frau Dr. Wagenknecht. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner,

ein recht witziger Trialog. „Mephisto“ und Sie haben die Trumpisierende Sarah ziemlich in die Ecke getrieben.

Was in der historischen Beschreibung des Trialogs gefehlt hat, war der Kollaps des Sowjetimperiums und die daraus resultierende Arroganz der Neoliberalen. Als ich Vorsitzender der Bundestags-Enquetekommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ war, hab ich als erstes die FAZ gebeten, uns mitzuteilen, wie oft das Wort Globalisierung in der FAZ aufgetaucht sei. Die Antwort kam rasch und professionell:

image001.png

(Folie für meine Vorträge. Die erste FAZ-Antwort reichte nur bis 1999. die Balken 2000 und 2001 wurden uns später nachgereicht)

Unsere fast einstimmige Erklärung war: Solange es das Sowjetimperium gab, musste „das Kapital“ den Sozialstaat tolerieren, weil man nur mit ihm den sozial-philosophischen Kampf zwischen Marktwirtschaft und Kommunismus gewinnen konnte (zugegeben: Pinochet, Thatcher und Reagan haben sich nicht an diese Regel gehalten und haben schon in den 80er Jahren den „Washington Konsens“ durchgesetzt – aber dieser adressierte eigentlich nur die Welt-Nord-Süd-Beziehungen, nicht die Sozialstaaten in Kontinental-Westeuropa).

Trump hätte in den 80er Jahren keine Mehrheit bekommen. Reagan und Thatcher waren  zwar Nationalisten, aber zugleich Globalisierer, und Thatcher hat nicht im Traum an einen Brexit gedacht. 

Die Globalisierung hat (wie „Mephisto“ richtig sagt) die Regierung Schröder praktisch zur Agenda 2010 gezwungen. Dass für Lafontaine und Wagenknecht Schröder der Intimfeind wurde, spricht nicht für deren Weltanalysequalität.

Beste Grüße

Ernst Weizsäcker

Prof. Günther Schmid schreibt mir:

Originell und interessant – aber Ihr letzter Satz?
Freundliche Grüße aus Berlin,
Günther Schmid

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Nachricht:

Lieber Gero Jenner,

Herzlichen Dank für diesen ebenso geistreichen und humorvollen, als auch tiefschürfenden Artikel im Zusammenhang mit Sarah Wagenknechts neuestem Buch! Sie treffen, wie fast immer, voll ins Schwarze. Ein ausgezeichnetes Bild zum gegenwärtigen Zustand der westlichen „Intelligenzia“ und unserer Parteilandschaften. Die von Sarah und Ihnen angeprangerte linksliberale Intoleranz (siehe Die Grünen!) ist übrigens neben der von dieser Intoleranz profitierenden Rüstungsbranche eine der Haupttriebkräfte der gegenwärtig beängstigend steigenden internationalen Spannungen zwischen den sogenannten autoritären Regimen wie China, Russland, Iran usw. auf der einen Seite und dem sogenannten freiheitlichen Westen. Gerade zur Bewahrung unserer schönen Erde vor ökologischem Kollaps und/oder Krieg muss diese verbohrte linke Intoleranz bekämpft werden.

Als unverbesserliches Mitglied der LINKEN und deren von Sarah Wagenknecht mitgegründeten Kommunistischer Plattform (KPF) aus Frankfurt(oder) und dennoch eifriger Leser Ihrer Aufsätze mit freundlichen Gruß

Karl Ernst Ehwald

Herr Ulrich Scharfenorth schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner, da haben Sie ja wieder weit ausgeholt. Leider läuft das Dreiergespräch auch auf eine Kontroverse mit S.W. hinaus. Ich hätte es besser gefunden, wenn Sie ihre Denkweise mit der von Wagenknecht noch dichter zusammengeführt hätten. Denn im Grunde sind die Vorschläge von S. W. für eine moderne Wirtschaftsordnung überaus diskussionswürdig – auch wenn Madame das Wort Automatisierung nicht erwähnt. Aber dafür werden die Begriffe Innovation, Digitalisierung und Industrie 4.0 – sie sind Voraussetzung und Bestandteil der Automatiserung  und damit integraler Bestandteile modernen Wirtschaftens – zig mal in „Reichtum ohne Gier“ bewertet und „abgearbeitet“. Ich denke Sie stellen auch auf dieses Buch ab – obwohl Sie es nicht beim Namen nennen. Klar: Wagenknecht glaubt, dass Paradigmenwechsel nur in den Nationalstaaten – in denen der Wähler direkt Druck machen kann – nicht aber in einer schlecht fassbaren EU (geschweige denn auf Basis der UNO) vollzogen werden können. Dann schlicht und ergreifend:  Unter der Voraussetzung, dass die Macht der KonzernMultis zurückgedreht, sprich: die Globalisierung gestoppt wird. Wagenknecht fordert, dass Innovationen in der Wirtschaft nicht zur Arbeitsplatzvernichtung führen darf, resp. dass alte Arbeitsplätze durch neue ersetzt werden müssten, dass in der Gesellschaft auch für niedrig qualifizierte Tätigkeiten Platz bleiben müsse. 

Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich von Ihrem. Denn an ein Zurückdrehen der Globalisierung, an den Erhalt des Gros der Arbeitsplätze (vor allem der gering bezahlten), glauben Sie nicht. Und Paradigmenwechsel gehen  – wenn ich Sie richtig verstanden habe – nur, wenn sie synchron auf der ganzen Welt (keinesfalls aber nationalstaatlich) angeschoben und verwirklicht werden. Beiden Projektionen liegen ernstzunehmende Analysen, ethische Abwägungen und Wünsche zugrunde. Fragt sich, wo und wie eine sinnvolle Verknüpfung möglich ist. 

Was die Bewertung von Kanzler Schröder angeht, so seh ich diesen ausschließlich als Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft (er hat etwas weise getan, was man allenfalls einem CDU-Granden zugetraut hätte). Hartz IV hat den Niedriglohnsektor möglich gemacht und die Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt gesichert. Man mag das gut finden, wenn man dem Gusto des Neoliberalismus, der den eigenen Wohlstand, sprich: den für die Abgesicherten und Besserverdienenden sichert, folgt. Für mich hat Schröder zwar viele Arbeitsplätze und ein Grundeinkommen für Arbeitslose gesichert, aber der ursprünglichen  SPD-Klientel, der Arbeiterschaft, einen Dorn ins Gesicht getrieben. Denn die Einkünfte im Niedriglohnsektor sind nach Schröders Handkantenschlag um 20% gesunken. Da lief nichts in Richtung von mehr Menschlichkeit. Da standen die Erfolge, die Profite der deutschen Multis im Mittelpunkt – Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.  

Sie haben diese Dinge ja mehr als einmal thematisiert. Die Globalisierung als Tummelplatz der Platzhirsche und Totengräber vieler Mittelständler, die dem Gegenstrom billiger Importe nicht gewachsen waren.

Mehr will ich hier nicht anmerken. Eine ausführliche Diskusson würde wieder mal ein Buch füllen. Ich fände es aber wichtig, die brauchbaren Hinweise von Wagenknecht ins Denken zu integrieren. Denn diese Frau ist intelligent, wegweisender als all die anderen, die uns derzeit in der Politik begegnen. Vielleicht schicken Sie ihr Papier + ihr Buch mal direkt an ihre Adresse. Wäre doch interessant zu erfahren, wie die Dame darauf reagiert. 

Mit herzlichen Grüße aus Ratingen!

Ulrich Scharfenorth

Meine kurze Replik, denn die Antwort steht im Aufsatz selbst:

Lieber Herr Scharfenorth,

wie der Titel besagt, befasse ich mich ausschließlich mit dem Buch über die Selbstgerechten – daher stammen auch alle kursiv gedruckten Zitate. Mein Ansatz unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem von Frau Wagenknecht, denn jeder vernünftige Mensch kann nur wünschen, dass Arbeitsplätze im Lande bleiben. Mein Buch „Die Arbeitslose Gesellschaft“ forderte genau das – und zwar schon in den Neunziger Jahren. Meine These ist nur, dass die technikgetriebene Globalisierung dies nicht mehr zulässt, selbst dann nicht, wenn die alten Industrienationen keine „böswilligen Politiker“ hätten. Alles Gute, Gero Jenner

Dr. Alexander Dill schreibt mir folgende, recht geheimnisvolle Mail, in der er zu Recht einen Fehler beim Schreiben des Vornamens rügt (Sarah statt Sahra):

Lieber Herr Jenner, bei mir steht stolz ein von ihr signiertes Exemplar von “Freiheit statt Kapitalismus”,in dem sie mich mehrfach zitiert. Nachdem ich ihren Werdegang nun seit 10 Jahren verfolge – sie hat mich inspiriert, selbst eine überparteiliche Sitzung im Deutschen Bundestag abzuhalten (2018) und eine Bundespressekonferenz zu geben (2019) – möchte ich feststellen: 1) Kein politisches oder diskursives Talent kann die Dynamik des Systems    beeinflussen. Selbst Systemkenntnis (Herbert von Arnim, Gero Jenner,  Sahra Wagenknecht, Alexander Dill, Richard David Precht) findet keinen Ansatz der Beeinflussung. 2) Es gibt dafür bisher keine besondere Erklärung – ausser vielleicht der Soziologie des Wu-Wei im Tao-Te-King von Lao-Tse. 3) Wir müssen uns deshalb ernsthaft fragen, ob politisches und publizistisches Engagement mehr sind als eitler Selbstzweck. 4) Bitte schreiben Sie ihren Vornamen richtig Smiley Herzlicher Gruß von Ihrem Dr. Alexander Dill Basel Institute of Commons and Economics

Von Herrn Gerhard Loettel, Pfarrer in Magdeburg bekommen ich folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner !

Bravo, da haben Sie ja mal wieder einen Text analysiert und beantwortet, wie nur Sie es können. Denn ehrlich gesagt, ich selbst finde mich durch diese komplexe-komplizierte Darstellung nicht durch.  So sind mir auch die Lehren –selbst durch Ihre Analyse – teils versperrt. Nur so viel habe ich verstanden, dass Sie einige der Gedanken von Frau Wagenknecht durchaus für bedenkenswert halten, aber Sie erkennen auch die Ungereimtheiten in dieser Darstellung, z.B. dass der Nationalstaat alle die Globalprobleme lösen könnte/sollte.

Mir geht es viel einfacher um eine Frage um die Gerechtigkeit bzw. Machbarkeit von sozialen und/oder ethischen Vorstellungen: „Soll ich – als Christ oder Humanist , der sieht in wlcher verzweifelten –oder gar lebensbedrohlicher Situation – sich ein Migrant befindet, immer erst einmal recherschieren, ob sich mit der Hilfe oder die Aufnahme eines solchen Migranten andere oder meine Situation verschlimmert? Oder anders gefragt, kann ich guten Gewissens einen Krieg  (Eingreiftruppeneinsatz) ablehnen oder mache ich mich schuldig, nicht auf die Vorteile (?) eines Krieges gesehen zu haben (u.U. „wir verteidigen m Hindukusch auch unsere wirtschaftlichen Interessen“ (Köhler ))?

Mit solchen Spitzfindigkeiten kann ich mich nicht abfinden.

Gerhard Loettel

Meine Replik:

Lieber Herr Loettel,
Da werfen Sie eine entscheidende Frage auf, die nicht nur Christen beschäftigt. Jeder Mensch wird in Friedenszeiten (in Kriegen ist alles anders!) ein Baby aus dem Wasser vor dem Ertrinken retten, auch wenn es  nicht zur eigenen Familie gehört. Was aber wird er tun, wenn auf einer Höhe jemand steht und ein Baby nach dem anderen hinunterwirft? Was die Türkei eine Zeitlang machte, war genau das. Was die Schlepper tun, ist auch nicht grundsätzlich anders. Sie sehen, die Probleme sind wirklich komplex.
Alles Gute
Gero Jenner

Zu Gast bei Mephisto – Was unterscheidet Schimpansen von Alphamännern?

ER: Von Zeit zu Zeit säh‘ ich den Alten gern!

Ich: Warum der Konjunktiv?

ER: Die Frage verrät den Ahnungslosen. Wissen die Aufgeklärten nicht längst, dass es IHN nicht mehr gibt, nur meine eigene Existenz steht nach wie vor außer Zweifel. An Gottes Wirken glaubt schon keiner mehr, aber dass Unsereiner sich die Hände ganz gerne schmutzig macht… Denk nur an die Abstammungslehre.

Also bitte, erwidere ich, der Mensch stammt nicht vom Affen ab! Darüber sind wir uns hoffentlich einig!

Und doch verlaufen die Linien strikt parallel. Unter Schimpansen herrscht Hierarchie, stets macht das Alphamännchen den Ton. Und es beißt ohne Bedenken, wenn der Ton nicht verstanden wird. So ist es bei euch geblieben, nur dass ihr euch nicht mit Steinen, Stöcken und einem beißwilligen Gebiss bekriegt sondern mit Bomben.

Aha, räume ich zögernd ein. Sie wollen mir einreden, dass unsere Alphamänner – und hin und wieder auch eine -frau – bloß nackte Affen sind?

ER: Bitte schön, die Regeln der Höflichkeit sind mir geläufig. Gern hätte ich mehr Respekt für die Primaten, die sich sapiens nennen, aber dann blicke ich auf all die Kims, die Khomeinis, die Putin und Trumps dieser Welt, und gleich fällt es mir schwer, den geringsten Unterschied zu euren behaarten Verwandten auszumachen. Gewiss, bei den einfachen Leuten, da sieht es anders aus. Da wimmelt das Tagesleben, da sammelt und sichtet man, paart und vermehrt sich, weint und lacht, und einige genießen sogar das Leben, aber über ihnen thronen wie eh und je die Oberaffen mit bleckenden Zähnen und fuchteln mit Bomben.

Welch traurige Vision, sage ich, die fällt nur dem Teufel ein. Als hätte das Leben keinen anderen Sinn als Droh- und Vernichtungsgebärden gegenüber den Nachbarn. Sind wir nicht alle Menschen? Außerdem haben die fortschrittlichsten Staaten die Demokratie übernommen, die zähmt unsere atavistischen Machtgelüste.

ER: Mein Freund, du bringst mich zum Lachen! Macht lässt sich nicht zähmen, sie ist überall dort, wo es Schwäche gibt – und davon gibt es stets sehr viel mehr als genug. Vorläufig sind die USA noch die stärkste Macht auf dem Globus. Sie können sich eine Demokratie und das ständige Gerangel von zwei Parteien um die Macht im Staate erlauben, aber China würde weiterhin so ohnmächtig sein wie in den vergangenen zweihundert Jahren, würde es seinen Bürgern demokratische Vielfalt und den Dissens erlauben. Die führende Macht würde dann jede innere Schwäche sofort zu ihren eigenen Zwecken nutzen. Gegen die Starken wehren sich die Schwachen durch ein autokratisches oder sogar diktatorisches Regime. Und außerdem schließen sie sich noch gegen die führende Macht zu Allianzen zusammen. Putin und Xi haben ihre Staaten in Diktaturen verwandelt, weil sie sich die demokratische Vielfalt nicht leisten können, ohne unter äußerem und innerem Druck zu zerfallen. Das sind – wenn ich es in aller Bescheidenheit einmal so nennen darf – die Elixiere des Teufels, die man bei euch  Realpolitik nennt.

Nein, sage ich, das nennt man immer noch Lüge. Nirgendwo klaffen Wort und Tat so weit auseinander wie bei den Schwachen. Da höre ich, wie Xi in bewegten und bewegenden Worten von einer neuen Weltordnung spricht. Da werde es dann keine Hegemonialmacht mehr geben sondern nur gleichberechtigte Nationen, von denen keine die Herrschaft über die andere erstrebt, denn China gehe es einzig um Frieden und Harmonie. Zur gleichen Zeit verteufelt er den Dalai Lama, lässt Millionen von Uiguren „umerziehen“, zertrampelt Hong Kongs politische Freiheit, möchte lieber heute als morgen auf gleiche Art mit Taiwan verfahren und erstrebt die Herrschaft über das gesamte Südchinesische Meer – all das im Namen von Harmonie und Frieden.

ER: Richtig. So machen es die Alphamänner überall auf der Welt. Für einen zusätzlichen Zipfel Land und ein paar weitere steuerzahlende Untertanen beißen und bomben sie, und nach vollbrachter Tat soll man sie auch noch als unsterbliche Gesichtshelden feiern.

Ich: Gewiss, auf diese Kunst versteht sich auch der russische Präsident. Bei jeder Gelegenheit beschwert er sich über die unbarmherzige Verfolgung durch einen russenfeindlichen Westen. Das hat ihn aber nicht daran gehindert, die Krim zu besetzen und den Ostteil der Ukraine faktisch aus dieser herauszulösen.

ER: Putin trauert der Gewaltherrschaft Stalins nach, denn im Zusammenbruch der Sowjetunion erblickt er die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie ich diesen Meister der Verstellung bewundere! Ganz wie Kollege Xi verbreitet er das Märchen, seiner Regierung gehe es nur um Kooperation und Frieden. Die große Sowjetunion habe, so wird er nicht müde der Welt zu verkünden, der Menschheit einen einzigartigen Dienst erwiesen: Sie hat die Welt vom Faschismus befreit.

Geschichtsfälschung! protestiere ich. Die Russen haben den heimtückischen, brutalen Überfall Hitlers abgewehrt. Im „großen vaterländischen Krieg“ haben sie ihr Land unter den fürchterlichsten Opfern von einem gnadenlosen Aggressor befreit – das ist ein historischer Sieg, auf den sie stolz sein können, zumal sie damit auch dem Dritten Reich den Todesstoß versetzten. Aber Europa haben sie durchaus nicht befreit, denn an die Stelle des deutschen Totalitarismus haben sie nur den russischen Totalitarismus stalinscher Prägung gesetzt. Mit offenen Armen wurden sie anfangs von den unterworfenen Völkern empfangen. Aber was haben sie den von ihnen besetzten Ländern anschließend gebracht? Eine neue Art von Versklavung. Putin darf sich nicht wundern, dass Osteuropa bis heute eine panische Furcht vor dieser Art von Befreiung hat.

ER: Bravo für soviel Einsicht. So war und so ist es, weil Homo sapiens eben nur ein nackter Affe ist. In dieser Eigenschaft kommt ihr übrigens ganz ohne meine Beihilfe aus. Ihr bringt euren Untergang auch ganz allein zustande.

Untergang? frage ich. Was sollen diese apokalyptischen Töne?

ER: Wie begriffsstutzig ihr alleswissenden Fortschrittsromantiker doch seid.

Ach, von Zeit zu Zeit säh‘ ich den Alten wahrhaft gern. Für die neue Ära reichen meine bescheidenen Kräfte nicht aus. Ich kann euch nicht retten, meine Künste habt ihr alle schon erlernt. Nur der Alte wäre allenfalls noch imstande…

Nein, rufe ich und stoße die Tasse auf dem Gartentisch um, der mich von meinem Gegenüber trennt. Dabei verschütte ich den Kaffee und muss mitansehen, wie sich die braune Flüssigkeit über die eben noch makellos weiße Tischdecke ergießt.

Nein, von Untergang kann nur ein Teufel faseln. Die Menschen sind viel zu intelligent, das haben wir den Affen voraus.

ER: Grotesker Irrtum. Gerade eure Intelligenz macht euch so brandgefährlich. Den großen Präsidenten der Russischen Föderation bewundere ich beinahe so wie mich selbst. Er ist der gescheiteste lebende Politiker auf dem Globus. Über alles ist er bis zum I-Tüpfelchen informiert, nichts entgeht seiner Wachsamkeit. Was seine Bomben anrichten können, das weiß er genau – anders als jener abgewählte Lügner und geniale Trottel aus dem Weißen Haus in Washington D.C., der zwischen Phantasie und Realität nicht unterscheiden konnte.*1* Den lügenden Donald hatte ich in mein Herz geschlossen, er hätte die Welt aus purer Dummheit ins Verderben geschickt, aber Wladimir Putin hat ein Recht auf meine Bewunderung. Er ist der nackte Alpha-Affe schlechthin, so wie man ihn sonst nur in den Märchen findet. Er könnte die Welt mit Intelligenz zugrunde richten.

Bitte schön, wende ich gegen den Zyniker ein. Ich bin ein Putinversteher. Muss es den Mann nicht unendlich wurmen, dass er für Obama und Biden nur der Vertreter einer drittrangigen Regionalmacht ist, obwohl er das eigene Haus bis unter den First mit ultraschallschnellen Raketen und dem weltgrößten Nukleararsenal gefüllt hat? Und wer unter seinen westlichen Kollegen könnte sich mit ihm in Judo, im Eishockey, auf dem Motorrad oder auch nur in der Größe des Bizeps messen? Putin ist der verkörperte Superman, der von der Welt Unterwerfung fordert. Im eigenen Land hat er dieses Ziel ja ohnehin schon erreicht. Alle Gegenstimmen wurden der Reihe nach ausgemerzt, die Opposition vernichtet, alle reden dem Herrn nach dem Mund. In Russland herrscht Grabesstille. Das russische Militär steht inzwischen bereit, dem neuen Zaren bis in den Tod zu folgen.

ER: Ich sehe, dass du lernfähig bist. Ja, dieser Mann verträgt keinen Widerspruch. Er ist nicht nur intelligent (und manchmal sogar charmant). Wie so viele von Statur kleine Leute ist er noch dazu höchst sensibel. Bis in seine Träume verfolgt ihn nur der eine und einzige Wunsch, seinen stolzen Rivalen jenseits des Atlantiks und in Europa zu zeigen, dass man einen wie ihn nicht ungestraft kränken kann. Er wird den Globus den nuklearen Winter bringen, er wird mir seine Seele und sein ganzes Land mit allen Bewohnern zum Opfer bringen, wenn ihr ihn in seiner Eitelkeit zu sehr verletzt. Und du wirst sehen, sobald der erste Schuss in Europa fällt, wird eure ganze Greisen- und Spaßgesellschaft auf der Stelle fahnenflüchtig.

Oh, werfe ich ein, soll ich vielleicht Mitleid mit einem Diktator haben, da selbst Ihr Euch um seine Eitelkeit Sorgen macht? So viel Einseitigkeit gereicht Euch nicht zur Ehre. Oder wollt ihr bestreiten, dass dieses Regime mit einer Unverfrorenheit lügt, wie sie nur Donald Trump überboten hatte? Ein Dissident nach dem anderen wurde umgebracht, aber stets hat das Regime jede Schuld abgeleugnet. Keine Beweise! so heißt der ewige Refrain. Als ob ein Urteilsspruch nur dann gültig wäre, wenn der Angeklagte den Schuldbeweis akzeptiert! Trump hat sich aus Lügen nie etwas gemacht, weil es für ihn ohnehin keine Wahrheit gab sondern nur erfolgreiche Äußerungen und deren Gegenteil. Aber Putin und seine Leute kennen die Wahrheit ganz genau – schon immer hatten die Russen dafür ein sehr feines Gespür. Wer mit den geistigen Giganten dieses Landes vertraut ist, mit großen Schriftstellern wie Tolstoi und Dostojewski, der weiß, dass diese um nichts so sehr gerungen haben wie um die Wahrheit. Bringt ein russischer Außenminister wie Sergey Lawrow daher die Ungeheuerlichkeit über die Lippen, den Deutschen die Vergiftung Nawalnys anzuhängen, dann weiß er ganz genau, was er tut. Er zeigt damit, dass er sich nichts daraus macht, die Deutschen und die Weltöffentlichkeit bewusst zu verhöhnen. Das tut man nur, wenn man Brücken abbrechen will – zur Not auch um den grausigen Preis eines Krieges.

ER: Und wenn es so wäre? Habt ihr, haben allen voran die Amerikaner nicht Russland ins Mark getroffen mit der Demütigung der neunziger Jahre? Damals war Gorbatschow bereit, der eigenen Vergangenheit abzuschwören und Glasnost und Perestroika, also Rechenschaftspflicht und demokratischen Umbau, zum Programm eines neuen Russland zu machen. Dafür habt ihr ihn im Westen zwar wie einen Heiligen verehrt, aber Hilfe habt ihr ihm nicht gewährt. Russland erlebte einen Kollaps, zugleich ökonomisch und seelisch. Mit dem Segen des Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs, der mit gewohnter amerikanischer Naivität dem Lande schlicht das Evangelium der Privatisierung verordnete, wurde es ausgeplündert von profitgeilen Oligarchen. Gerade noch rechtzeitig bevor es diesen gelang, seine Ölquellen an westliche Anbieter zu verhökern, kam Putin an die Macht, um den nationalen Ausverkauf zu beenden. Dennoch wünschte dieser selbst noch im Jahre 2001 eine Annäherung an den Westen, vor allem an Europa. Doch Russland lag damals am Boden, Annäherung hätte Hilfe bedeutet – und dazu war niemand im Westen bereit. So wuchsen aus der Demütigung Russlands russische Ressentiments, und Putin bekam mit der Zeit ein ganz neues Gesicht. In seinem Stolz bis ins Mark verletzt, begann Russland nun damit, die vielen Fehler des Westens aufzuspüren – vor allem dessen oft schamlose Lügen. 1953 hatte sich Präsident Eisenhower von den Briten dazu verleiten lassen, das aus demokratischen Wahlen hervorgegangene Mossadegh-Regime im Iran zu stürzen, nur weil dieses die Ölquellen, seinen einzigen Reichtum, zu nationalisieren wagte. Die spätere Außenministerin Madeleine Albright besaß immerhin genug Anstand und Mut, diesen Eingriff in die Souveränität eines Staates nachträglich als schweren Fehler zu tadeln. 1973 wurde mit Hilfe der CIA die ebenfalls demokratisch gewählte Regierung Salvador Allende in Chile gestürzt. Verbindungen zum Rivalen Sowjetunion konnte man ihr nicht nachsagen, es genügte, dass ökonomische Interessen der USA gefährdet schienen. Und wie sollen wir einen Krieg bewerten, der von vornherein auf Fake-News beruhte, nämlich auf Massenvernichtungswaffen, welche Saddam Hussein, dieser ehemalige Verbündete der Vereinigten Staaten, angeblich besaß? Er hatte das Misstrauen der Supermacht auf sich gezogen, weil er mit dem Gedanken spielte, sich vom Dollar unabhängig zu machen. In diesem Fall war der Krieg nicht nur verlogen, er war darüber hinaus auch noch unendlich dumm, denn die sunnitische Minderheit um Saddam Hussein hatte Iran erfolgreich im Schach gehalten. Nach seinem Sturz wurde das Land der fanatischen Ayatollahs zum größten Herausforderer der USA.

Du siehst, lieber Freund, es hat seine Gründe, wenn die Russen, denen du mit Recht eine große Hellhörigkeit für Lügen bescheinigst, sich dieses Instruments auf einmal mit vollendeter Schamlosigkeit bedienen. Sie haben sich diese Kunst von euch abgeschaut. Denn eine Lehre muss ich dir auf deinen Weg mitgeben: Feinde werden einander zunehmend ähnlich, je mehr sie einander bekämpfen. Zuletzt pflegen sie überhaupt den gleichen Stil und begehen die gleichen Verbrechen. Der arabische Frühling zum Beispiel…

Ich unterbreche den eifernden Mann.

Der arabische Frühling, wende ich ein, ist ein gutes Beispiel, um deine kalte Objektivität zu widerlegen. Als in Tunesien, dann in Ägypten und schließlich in Libyen und in Syrien das Volk auf die Barrikaden stieg, um ihre unmenschlich korrupten Regime zu stürzen, da stand der Westen auf seiner Seite. Und diesmal gab es für ihn (außer in Libyen) nichts zu holen. Man hatte schlicht ein Herz für die unterdrückten Massen und gönnte ihnen jene Freiheit und Demokratie, nach denen sie sich so sehr sehnten. Barack Obama hielt damals eine seiner großen Reden in Kairo.

ER: Oh ja, auf Reden verstand sich der Mann. Aber die Reden haben nichts verbessert. Der Frühling wurde zu einem Winter von Chaos und Massenflucht, von Hunderttausenden Toten und einer noch viel größeren Armut. Die Russen sind durchaus im Recht, wenn sie die Zerstörung des Nahen Ostens als eines der größten Verbrechen der jüngeren Geschichte bezeichnen und den Westen dafür verantwortlich machen, weil dieser die Aufstände nicht nur unterstützte sondern zusätzlich Öl ins Feuer goss. Putin konnte sich vor der Weltöffentlichkeit als Retter positionieren. Zumindest in Syrien hat er Chaos und Bürgerkrieg dank seiner Entschlossenheit beendet. Seitdem profiliert sich Russland gegenüber dem Westen als moralische Instanz.

Ich: Welcher Zynismus! Wie kann man moralisch verteidigen, dass Russland eines der repressivsten, brutalsten, blutigsten Regime am Leben hält? Putin hat Friedhofsstille auf Kosten der Menschlichkeit hergestellt.

ER: Friedhofsstille gewiss. Aber eine solche Stille ist den Menschen immer noch lieber als Chaos und ein nicht endender Krieg. Oder willst du etwa den Westen von seiner Schuld freisprechen, obwohl er mit seiner leichtfertigen Unterstützung des arabischen Frühlings so viel von diesem Unrecht überhaupt erst entstehen ließ?

Ich: Nein, im Gegenteil. Es war geschichtsblinde Dummheit, die das Handeln im Westen bestimmte. Im gesamten Nahen Osten hatte es eine Bevölkerungsexplosion gegeben. Auf vier junge Menschen, die eine Familie gründen wollten, kam im Schnitt ein einziger freier Posten. Drei junge Leute waren also von Anfang an zur Arbeitslosigkeit verdammt und schrien nach Revolution. Angesichts dieser aussichtslosen Lage erfüllten die furchtbaren Diktatoren dieser Länder eine traurige Funktion: Sie mussten den Deckel auf dem brodelnden Kessel halten. Das haben die Menschen im Westen so wenig begriffen wie die protestierenden arabischen Massen in den Ländern des Nahen Ostens. Sie sahen nicht, dass keine Änderung des Regimes an der Situation etwas ändern kann, solange in einem Land zu viele Menschen über zu wenig Ressourcen verfügen. Daher – und nicht aufgrund der ermunternden Zurufe aus dem Westen – ist die ganze Revolution kläglich verpufft oder musste in Blut und Tränen enden. Am Ende hat nur eine neue Generation von Diktatoren die Stelle ihrer Vorgänger eingenommen.

ER: Bravo, mein Lieber, endlich bist du soweit, dir deine Klugheit von Unsereinem abzuschauen. Gib nur Acht, dass du solche Erkenntnisse nicht allzu laut verkündest. Damit machst du dich unbeliebt bei euren sternenäugigen Idealisten, die für alles eine Patentlösung besitzen. Dass es in einem Land – oder vielleicht sogar auf dem ganzen Globus – irgendwann nicht mehr reicht, wenn es zu viele Menschen gibt, davon wollen eure Weltverbesserer nichts wissen. Auch die schönste Rede von Demokratie und Freiheit, die ein so überzeugender Präsident wie Obama halten konnte, bleibt ist gegen dieses Faktum zu Ohnmacht verdammt. Ihr wollt partout nicht begreifen, dass ihr biologische Wesen seid wie eure Ahnen die Schimpansen, mit denen ihr weit mehr als nur den Kult um die Alphamänner teilt.

Ich: Gut, dass Du mir neuerlich das Stichwort gibst: Alphamänner. Sag mir, wie ist es zu erklären, dass „Sleepy Joe“, der nackte Affe an der Spitze des amerikanischen Staats, dieser stolpernde und manchmal hilflos stotternde Greis *2*, innerhalb der ersten hundert Tage seiner Regierung mehr in Bewegung setzte und für das Ansehen seines Landes bewirkte als sein russischer Gegenpart, der ihn an Intelligenz, Geistesgegenwart und schierem Wissen so sehr überragt? Wie ist es möglich, dass die Welt nach dem furchtbaren Trump wieder mit Vertrauen auf Amerika blickt, weil Joe Biden moralische Größe hat, während das einst so geistesmächtige Russland von seinem zweifellos charismatischen Führer so auf gemeinsames Lügen verpflichtet wurde, dass einer, der wie Nawalny gegen die allgegenwärtige Korruption Einspruch erhebt, zum x-ten Opfer eines Mordanschlags wird? Biden gesteht vor aller Welt, dass die Vereinigten Staaten unter offensichtlichen Übeln leiden: unter Rassismus, einer profitversessenen National Rifle Organization und greller sozialer Ungleichheit. Putin dagegen bringt Leute um oder ins Zuchthaus, die an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Einen Mann wie Nawalny kann er in seinem Land nicht dulden, obwohl – oder gerade weil – dieser sein getreues Spiegelbild ist. Er ist genauso glühender Nationalist (denn ohne diese Eigenschaft kommt man in Russland nicht an), aber ein lautstarker Gegner der von Putin als politisches Herrschaftsmittel geförderten Korruption. In den Spaßgesellschaften des Westens, wo der Opportunismus der lebenslang Feigen blüht, genügen Zahnschmerzen, damit die Leute am Sinn des Lebens zweifeln. Da fehlt alles Verständnis für einen Helden, der für die eigenen Überzeugungen bewusst in die Höhle des Löwen geht und dabei den Tod riskiert. Dieses Russland der heiligen Fanatiker mag uns befremden, aber mich versöhnt die Existenz so todesmutiger Helden mit der traurigen Tatsache, dass das einzige, womit die einstige Geistesgroßmacht Russland heute der Welt imponiert – oder sagen wir besser, ihr den größten Schrecken einflößt – die mehrfach überschallschnellen Zirkon-Raketen sind und seine modernisierten Nuklearwaffen und natürlich die Ansage des russischen Präsidenten, dass Russland auf eine ernste Herausforderung (sprich auf einen konventionellen Angriff, wo die NATO dem Land überlegen ist) grundsätzlich asymmetrisch, also mit Atombomben, antworten wird. 

ER: Der russische Führer weiß, dass man ihn nicht liebt, also will er wenigstens gefürchtet werden. Das ist die verständliche Reaktion einer leichtfertig gedemütigten Macht, und deshalb haben sich Russland und China darauf verständigt, sich gemeinsam gegen den Westen zur Wehr zu setzen.

Ich: Womit wir wieder bei den Schimpansen wären, wo sich die Kleinen gegen das herrschende Alphamänner verbünden.

ER: So ist es. Im Vergleich zu Putin und Xi mag Joe Biden moralisch viel ehrlicher und beinahe eine Lichtgestalt sein, aber als amerikanischer Alphamann lässt er an seiner Schimpansen-Natur so wenig Zweifel wie vor ihm Trump und alle anderen Präsidenten der vergangenen hundert Jahre. Amerika und seine Führung seien von der Vorsehung dazu bestimmt, der Welt die Richtung aufzuzeigen. Dabei sollte Biden doch eigentlich wissen, dass keiner seiner beiden Rivalen diesen Anspruch akzeptiert und die Rolle von Untergebenen übernimmt. Da bricht das Schimpansen-Erbe selbst bei einem sehr alten Mann wieder in voller Stärke durch. Das Vorrücken des einen verlangt ein Nachgeben des anderen – ein ewiges Nullsummenspiel.

Nein, widerspreche ich, diese Weltsicht ist zu primitiv. Unsere Erde ist groß genug, um allen auf dem Globus die gewünschte Entfaltung zu bieten. Ob ich groß sein darf oder klein bleiben muss, hängt nicht vom Wohlergehen bzw. der Unterdrückung meines Nachbarn ab.

Er: Lieber Freund, nichts gegen den Idealismus, aber aus dir spricht Sancta Simplicitas! Die Welt ist groß genug für die kleinen Leute, aber für die Alphamänner ist sie im Gegenteil viel zu eng, weil es an der Spitze eben nur einen von ihnen geben kann. Siehst du, ein Vordringen des ehemaligen Warschauer Paktes lief notwendig auf eine Schwächung der NATO und eine Erweiterung der NATO ebenso zwangsläufig auf eine Schwächung des Warschauer Paktes hinaus – in unserer Zeit auf die Schwächung der russischen Union und Chinas. Westdeutschland und Südkorea waren nur deswegen frei, weil sie sich an die Seite Amerikas stellten und die USA ihnen Schutz gegen die Sowjetunion bot. Vasallentum gegen Schutz, das ist der Preis, den die Kleinen an die Großen entrichten müssen. Manchmal werden sie auch einfach zwischen den Großen zerrieben wie das unselige Vietnam oder heute der ganze Mittlere Osten. Dabei hat der blutige Vietnamkrieg den Amerikanern ihre bis dahin größte Niederlage beschert, weil sie ein korruptes, den Vietnamesen selbst verhasstes Regime unterstützten. Da konnten Russen und Chinesen in aller Ruhe beiseite stehen und zusehen, wie die Amerikaner verbluteten. Auch so baut man den eigenen Einfluss aus.

Ich: Glücklicherweise wird dein ruchloser Blick auf die Geschichte durch die bessere Einsicht der damals gegen den Krieg protestierenden Amerikaner ad absurdum geführt. Studenten und schließlich selbst reuige Politiker haben das Morden in Vietnam beendet. Das zeigt doch, dass wir sehr wohl fähig sind, unser Schimpansen-Erbe zu überwinden.

Er: Lieber Freund, deine Einfalt macht dir wenig Ehre. Ich weiß, dass du ein Romantiker bist. Du möchtest die große Philosophie zur Hilfe rufen, die Inspirationen der Dichter, die Intelligenz der großen Naturwissenschaftler. Damit hättet ihr doch, so willst du mir beweisen, das alte Affen-Erbe längst abgeschüttelt. Nein, sage ich dir, das alles schnurrt zu nichts zusammen, sobald es in die Hände eines Alphamannes gelangt. Dann heißt es unweigerlich, dass wir, die Russen, oder wir, die Amerikaner, oder wir, die Chinesen doch letztlich die besten und größten seien (und ihr Deutsche habt euch das ohnehin jahrhundertelang eingebildet). Es gebe eben etwas in der Natur eines Russen, Chinesen oder Amerikaners, was ihn allen anderen überlegen mache und dazu berechtige, ihnen ihre jeweilige Weltsicht als die einzig richtige zu proklamieren: amerikanische Demokratie oder Sozialismus mit chinesischer Färbung oder die Liebe zum großen russischen Vaterland. Schau ihn dir an den nackten Affen in Peking, in Moskau oder in Washington. Mit der gleichen Inbrunst verkündet jeder der eigenen Gefolgschaft, dass er der Bessere sei, wenn nicht überhaupt der Beste.

Verrate ich Dir ein Geheimnis, wenn ich Dir in die Erinnerung rufe, dass selbst ein so großartiger Gelehrter wie euer Max Weber, der alle Kulturen von China über Indien bis Israel in seinem Kopf mit sich trug, dass selbst dieser Mann, als er am Ende seines Lebens mit einer politischen Laufbahn liebäugelte, sich alsbald als glühender deutscher Nationalist entpuppte? Er hatte sich in der ganzen Welt umgesehen und alle ihre Wunder wie kein anderer staunend in sich aufgesogen, aber die einzige Weisheit, die für ihn als Politiker taugte, war am Ende doch die uralt-atavistische eines Schimpansen-Männchens, nämlich das ihr, die Deutschen, die besten seid.

Mein Gast reizt mich zu wachsender Empörung. Das sei eine teuflische Sicht der Dinge, rufe ich aus, und sie widerspreche der historischen Wahrheit. Herder, Goethe, Schiller, Heine und so viele unserer größten Dichter und Denker hätten sich zum Kosmopolitismus bekannt und alle nationale Engstirnigkeit verdammt und verspottet. Ja, und ob es ihm denn ganz entgangen sei, dass die jungen und gebildeten Leute unserer Zeit in der Mehrzahl entschiedene Gegner des Nationalismus seien?

Mit Eurer vermeintlichen Lebensweisheit, halte ich ihm entgegen, seid Ihr doch nicht mehr als ein kümmerlicher Reaktionär, der die aufgeklärte neue Zeit nicht begriffen hat.

ER: Ach ja, die neue Zeit, du bringst mich zum Lachen. Keinen Augenblick haben eure großen Kosmopoliten die herrschenden Mächte daran hindern können, ihre Machtspiele zu inszenieren. Wenn sie Glück hatten, überlebten sie den Einfall der Feinde, so wie Goethe, der von seiner Christiane im letzten Moment vor der Soldateska gerettet wurde, die vom Frauenplan her bei ihm einfiel. Plato hatte weniger Glück, er wurde in die Sklaverei verkauft, aber wie viele andere große Geister wurden schlicht abgeschlachtet! In Deutschland dürft ihr den Hegemon, die Vereinigten Staaten, kritisieren und könnt euch über Russland und China lustig machen. Das ruft die Illusion in euch wach, als lägen euer Land und Europa auf einem anderen Stern, weitab von den Machtspielen der einander belauernden Supermächte. In Wahrheit stehen dies- und jenseits der Grenze zu Russland Raketenbasen schussbereit gegeneinander. Jedes falsche Signal droht den Krieg auszulösen. Ich weiß schon, ihr wollt alle Welt in Brüderlichkeit umarmen, aber euer Kosmopolitismus ist ein Hirngespinst, aus purer Unwissenheit und Arglosigkeit geboren.

Ich: Hast du denn nichts als schwarze Galle auszugießen? Es ist wahr, wir bedrohen uns gegenseitig nicht nur mit immer tödlicheren, immer zielsicheren Vernichtungswaffen, wir bedrohen zur gleichen Zeit auch die Natur mit immer größeren Ansprüchen. Da treffen nicht nur die Eitelkeiten der Alphamänner aufeinander sondern die Bürger verlangen mit jedem Jahr einen größeren Anteil am Wohlstand, d.h. an der Ausbeutung des Globus. So stellt das Rennen um die versiegenden Ressourcen nicht nur die Regierungen gegeneinander sondern ebenso die Menschen, von denen jeder den bisherigen Lebensstandard möglichst vergrößern will – von Verzicht ist da nie die Rede.

ER: Endlich höre ich einmal den Realisten sprechen. Wie der Herr, so das Gscherr.

Ich: Und dennoch gibt es eine große Hoffnung, und jedem Vernünftigen liegt sie deutlich vor Augen. Die Alphamänner müssen sich an einem Tisch zusammensetzen, sie müssen erkennen, dass die Geschichte an einem Endpunkt angekommen ist, wo uns nur noch die Wahl zwischen gegenseitiger Vernichtung und Verständigung bleibt.

ER: Ich lausche ergriffen. Beinahe kommt es mir vor, als würde der Alte sprechen. Ja, der war immer schon ein Phantast. Der glaubte, dass sich das tierische Erbe überwinden lässt. Er stellte sich eine Tafel im Garten Eden vor, wo sich Xi, Putin und Biden in entspannter Atmosphäre zusammensetzen. Die Engel umschweben sie so verführerisch, dass sie ihre Schimpansen-Natur unversehens vergessen. Ich bin zwar einzigartig, sagt ein jeder dem anderen, aber ihr, meine lieben Rivalen, seid es genauso. Deswegen wollen wir von nun an beschließen, den Kampf gegeneinander für alle Zeit zu beenden. Wir schaffen die Massenvernichtungswaffen ab, teilen die Ressourcen und regieren die Welt von nun an gemeinsam.

Wie schön! Mir wird ganz wehmütig zumute. Ja, da höre ich wirklich den Alten reden. Er konnte sich immer erneut zu so wunderbar-phantastischen Vorstellungen versteigen. Stell dir vor, selbst die Deszendenzlehre hat er hartnäckig bestritten. Ich kann mich gut erinnern, wie er sich manchmal vor mir damit gebrüstet hat, Euch separat kreiert zu haben, damals am sechsten Tag. Er war eben nie so ganz auf der Höhe. Ach ja, von Zeit zu Zeit…

*1*  Mephisto sollte sich besser vorsehen, dass man ihn nicht wegen Beleidigung eines Expräsidenten vor den Kadi zerrt. Ist seine Äußerung noch als künstlerische Freiheit zu rechtfertigen? Nun, ich meine, dass man jemanden, der das Trinken eines Desinfektionsmittels als Medizin gegen Covid empfiehlt, sehr wohl als Trottel bezeichnen darf. Und was den Vorwurf der Lüge betrifft, so wurde Trump zwar gewählt, weil er die Wahrheit sah, dass sich niemand unter den angeblich so volksnahen Demokraten um den „White Trash“ in den Rostgürteln kümmern wollte, aber auch diese Wahrheit diente dem gewieften Geschäftemacher nur als Mittel zum Zweck, sich politische Macht zu verschaffen. Empathie mit den Armen ist diesem Mann so fremd wie der Katze ein Mitgefühl für die Maus.

*2* In der Politshow „Vremja pakazhet“ des russischen Senders 1. Kanal werden diese Schwächen mitleidslos breitgetreten, um sich darüber zu mokieren. Dagegen zielen die Attacken im chinesischen Staatsfernsehen (CCTV-4) weniger ad personam als auf die täglichen Proteste gegen die Übergriffe der Polizei, die bewaffneten Überfälle und auf alles, was sich als innerer Zerfall der amerikanischen Gesellschaft verstehen lässt.

Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner !

Eine treffliche und zugleich gräulich gefährlich wahre Satire. Sie zeigt aber zugleich auch, dass unsere Evolution doch uns noch gefährlicher gemacht hat als die Affen. Kein Affen-Alphamännchen hätte oder hätte wollen die Affenheit ausrotten. Das bleibt uns vorbehalten. Zugleich finde ich es vortrefflich gesehen, dass wir die Gefährlichkeit des Putin erst erzeugt und genährt haben: hätten wir auf die  Belange, die Not und die Würde der Russen mehr geachtet und mit ihnen das „Haus Europa aufbauen wollen, sähe manches heute weniger gefährlich aus. Gibt es da noch ein Einsehen in diese Fehlentwicklung und ein Neuanfang? Oder ist die Menschheit zum Untergang verurteilt?Ihr Gerhard Loettel

Von Prof. Dr. Michael Kilian (Jurist) erhalte ich folgende Nachricht:

Lieber Herr Dr. Jenner,
vor Kurzem wurde Frau Baerbock zur Kanzlerkandidatin gewählt (war zu erwarten) und wird derzeit (war auch zu erwarten) von der Presse zur Hoffnungsträgerin aufgebaut. 

In ihrem ersten Interview danach sprache sie sich dafür aus, gegenüber Rußland und China „klare Kante“ zu zeigen.
Von dieser notorischen deutschen Hybris will ich nicht weiter reden, sondern habe an Sie als Chinaexperten folgende Frage:  glauben Sie, dass die chinesische Führung und das Volk, wie da und dort in der Presse unterstellt, den Opiumkrieg, den Kolonialismus, die Missionen, die ungleichen Verträge, die settlements etc. wirklich vergessen haben? Oder gilt auch hier bis heute die Maxime der Franzosen „immer daran denken, nie davon sprechen“?
Mit besten Grüßen, Michael Kilian

Lieber Herr Kilian,

die Chinesen haben mindestens ein so gutes Gedächtnis wie die Franzosen. Die haben nichts vergessen.

Sind die Deutschen noch zu retten? Homo technikus und der Nationalstaat

Wir sind gewohnt, Einträge auf der roten Liste der ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Arten zu beklagen, zu diesen zählen Dinosaurier, bengalische Tiger, Birkhühner oder Flussperlmuscheln. Doch halte man die Natur nicht für einfallslos. Sie ersetzt das Abgelebte fortwährend durch eine Vielzahl von Neukreationen: statt der Dinosaurier schenkt sie uns jetzt Corona und gleich dazu auch noch eine Vielzahl frisch gekürter Mutanten. Sind die Deutschen noch zu retten? Homo technikus und der Nationalstaat weiterlesen

Vereinigte Staaten im Schuldentaumel – Vorbild für die übrige Welt?

Lieber Herr Lingens /Publizist des Wiener Falter und Ökonom/, ich weiß nicht ob Sie gut daran tun, einen Lobgesang auf die Schönheit der Schulden anzustimmen und dabei das kleine Österreich mit den großen USA zu vergleichen. Vergessen Sie nicht, etwa seit den neunziger Jahren beginnt nicht nur die ganze Welt sondern beginnen selbst viele Amerikaner vom Niedergang ihres Landes zu sprechen (denn die hellsichtigsten Beobachter der USA findet man immer noch in diesen selbst). Vereinigte Staaten im Schuldentaumel – Vorbild für die übrige Welt? weiterlesen

Zukunft – Gottes achter Schöpfungstag?


Wenn wir die Vergangenheit studieren und verstehen wollen, dann immer nur um mit der Gegenwart fertig zu werden und für die Zukunft besser gerüstet zu sein – das ist eine Binsenweisheit. Schwierig wird es nur, wenn die Vergangenheit uns mit so widersprüchlichen Signalen versorgt, dass die Zukunft für uns zum Rätsel wird. Dann kann es passieren, dass unsere Gewissheiten wanken und wir nach ganz neuen Orientierungen und sogar Begriffen suchen. Zukunft – Gottes achter Schöpfungstag? weiterlesen

Hitler privat – ein netter, ganz normaler Mensch?

Fachleute sind von einer eigenen Aura umgeben. Sie wissen fast alles über einen bestimmten Gegenstand, den sie in der Regel ein Leben lang studierten – das scheint sie unangreifbar zu machen. Warum neigt der Volksmund dann aber dazu, ihnen das tiefer gehende Wissen abzusprechen? Berufsblindheit führe nicht selten dazu, aus einem ausgewiesenen Mann des Faches einen Fachidioten zu machen! Hitler privat – ein netter, ganz normaler Mensch? weiterlesen

Max Weber – Jared Diamond – Joseph Henrich

Es gibt grundsätzliche Fragen, die sich jeder Mensch und wohl auch jedes Volk und Epoche stellen. Wer oder was bin ich? Worin besteht meine Eigenart? Warum und wie unterscheide ich mich von den anderen? Max Weber, Jared Diamond und Joseph Henrich haben diese Frage jeder auf seine eigene und doch auf ganz ähnliche Art gestellt. Weber in Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904), Diamond in Guns, Germs and Steel (1997) und Henrich in The WEIRDest People in the World (2019).

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In Rom ging die Freiheit unter. Wie steht es um die Freiheit in den USA?

Ihren Aufstieg verdankte die Weltmacht Rom einer frugal lebenden, opferbereiten Bauernschaft, die außer dem Ältesten, der den Hof übernahm, die anderen Söhne in den Heerdienst schickte. Zu Beginn seiner Entwicklung konnte Rom sich eines großen Kinderreichtums rühmen. Der war die demographische Grundlage für seine erstaunliche Expansion. In Rom ging die Freiheit unter. Wie steht es um die Freiheit in den USA? weiterlesen

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1958 errang ein junger britischer Autor mit seiner satirischen Schrift „Der Aufstieg der Meritokratie“ über Nacht Berühmtheit. Er hatte einen Trend der Zeit richtig erkannt. Im Grunde war dieser Trend allerdings nicht sonderlich neu; er hatte im 18. Jahrhundert begonnen, als die Bürgerlichen mit Hilfe ihres Wissens und Könnens immer mehr jener prestigeträchtigen Plätze eroberten, die dem Adel bis dahin aufgrund ihrer privilegierten Geburt zufielen. Meritokratie – sollen die Technokraten herrschen? weiterlesen

Corona – aber was haben Humanität und China mit der Seuche zu tun?

Von Anfang an standen einander zwei Positionen schroff gegenüber. Es gab und gibt weiterhin, und zwar auch unter Ärzten und Epidemologen, die Auffassung, dass Covid-19 im historischen Vergleich eine harmlose Seuche sei und die Maßnahmen dagegen maßlos überzogen. Für diese Meinung spricht die Tatsache, dass aus statistischer Sicht nur ältere Menschen jenseits der Sechziger eine deutlich erhöhte Mortalität aufweisen, während die Jüngeren in der großen Mehrzahl die Infektion nicht einmal bemerken. Corona – aber was haben Humanität und China mit der Seuche zu tun? weiterlesen