Globale Arena: China und die Dialektik der Unfreiheit

Wäre die Welt eine Rennbahn, in der die Nationen um Sieg und Medaillen eifern, dann würden wir die mächtig nach vorn preschenden Aufholer bewundern. Dazu gehören China und Indien, Russland würde sich gern dazugesellen. Nur scheinbar immer noch die Spitze behauptend, sehen wir die Länder des Westens von den stärksten inneren Widersprüchen und sozialen Spannungen zerrissen. Das gilt vor allem für die Vereinigten Staaten.

Die westlichen Länder selbst ziehen eine andere Sichtweise vor: die inneren Widersprüche und Proteste werden als Beweis für die Freiheit gesehen, die sie ihren Bürgern gewähren. Mehr und mehr sieht dies freilich nach Schönfärberei und Lüge aus – wie etwa der beschämende Umgang mit der Seuche beweist. Statt über den unglaublichen Fortschritt ihrer Medizin zu jubeln, der es westlichen Ländern erlaubt hätte, bei entsprechender Durchimpfung innerhalb eines einzigen Jahres Corona weitgehend auszumerzen, gehen unbelehrbare Dummköpfe massenhaft auf die Straße, um sich selbst und den anderen zu beweisen, dass Freiheit für sie darin besteht, sich in dauernden Straßenkämpfen mit der Polizei gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Aus der Perspektive der erfolgreichsten Mannschaften

auf der globalen Renn-Arena ist ein solches Verständnis von Freiheit nichts anderes als ein Zeichen von moralischem und geistigem Niedergang. Entsprechend gehen die chinesische und russische Propaganda selbstgewiss davon aus, dass die Zeit westlicher Vorherrschaft kurz vor ihrem Ende stehe: Politik und Gesellschaft des Westens erscheinen in dieser Sicht nur noch als degeneriert. Wohlgemerkt, das ist nicht nur die Auffassung der Partei; inzwischen hält die Mehrheit der Bevölkerung Chinas und einer Reihe anderer Länder diese Analyse für zutreffend. Immerhin ist es Peking – zumindest bisher – mit durchschlagendem Erfolg gelungen, die eigene Milliardenbevölkerung vor der Seuche zu schützen, und zwar indem sie sich ausschließlich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierte. Welch Paradox: diese Wissenschaft stammt aus dem Westen, und aus dem Westen kommen nach wie vor die wirksamsten und am besten überprüften Impfpräparate; aber ein falsches, selbstzerstörerisches Verständnis von Freiheit macht es westlichen Ländern inzwischen unmöglich, sie mit dem gleichen Erfolg wie ein Land anzuwenden, das sich selbst bis heute noch offiziell zu einem Entwicklungsland deklariert (durchaus zu Unrecht, aber politisch sehr geschickt). Während der spektakuläre Erfolg im Kampf gegen die Seuche China weiterhin ein ungebrochenes Wachstum beschert, wagt man es in westlichen Nationen nicht einmal, das Wort „Impfpflicht“ in den Mund zu nehmen – das wäre ja Diktatur! -, und das, obwohl uns eine so einfache Maßnahme ungezählte Tote, mehrere Lockdowns und den wirtschaftlichen Niedergang erspart haben würde.

Das Rennen der Nationen findet nicht nur in diesem Bereich,

also beim Umgang mit einer gefährlichen Seuche statt. Wirtschaft, Militär und politische Freiheit, sämtliche Dimensionen des sozialen und staatlichen Lebens sind davon betroffen. Was aber von den meisten ganz übersehen wird, ist die gegenseitige Abhängigkeit der Teilnehmer an diesem planetarischen Rennen: die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit. Noch bis vor fünfhundert Jahren lebten die großen Kulturen weitgehend abgeschieden voneinander. Das indische Mogulreich unter Akbar, aber selbst noch das China Qianlongs brauchten sich ebenso wenig um die Vorgänge in Europa zu kümmern wie Heinrich der Vierte von England um das, was zu seiner Zeit im fernen China oder in Indien geschah. Aber heute trennen uns globale Distanzen nicht länger. Zum Beispiel wird das politische Handeln und das Programm der chinesischen Partei unmittelbar von der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ausrichtung der Amerikaner bestimmt. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: die Chinesen haben ein autoritäres System, weil die Amerikaner auf größtmögliche Freiheit pochen.

Unübersehbar war diese gegenseitige Abhängigkeit

im Wettrennen der Nationen zum ersten Mal am Aufstieg Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erkennen. Japan hätte nie eigene Industrien aufbauen können; das winzige Eiland wäre nie zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Erde aufgerückt (inzwischen wurde es von China aus dieser Position verdrängt), wenn es seinen eigenen Bürgern damals nicht viel von ihrer Freiheit genommen hätte – mit anderen Worten, ohne den Übergang zu einem autoritären Regime. Obwohl sämtliche Industrieprodukte des Westens, also der damaligen Weltmacht England, aber auch deutsche und amerikanische Produkte um Klassen besser waren, verbot Japan deren Einfuhr und Konsum im eigenen Land. Die erst im Aufbau befindlichen eigenen Unternehmen hätten andernfalls keine Chance gehabt. Jeder Staat, der sich im internationalen Wettrennen gegenüber weit überlegenen Bewerbern behaupten will, sieht sich zu diesem autoritären Eingriff genötigt: er beschränkt die gegenwärtige Freiheit seiner Bürger, um ihnen dafür in der Zukunft umso größere Freiheit ermöglichen zu können.

Die USA selbst sind diesen Weg

während des 19. Jahrhunderts gegangen, nur so hatten sie eine Chance, sich gegenüber der damaligen Weltmacht England zu behaupten. Japan und China sind ihnen auf diesem Pfad gefolgt. Solange es im Wettrennen der Nationen große Unterschiede der technologischen Entwicklung gibt, ist Freiheit ein Luxus, den sich nur die jeweils an der Spitze befindlichen Staaten leisten können. Das scheint evident, doch die Nutznießer dieser Freiheit ziehen es vor, diese offenkundige Wahrheit zu unterschlagen. Ja, sie geben sich sogar gewaltige Mühe, die ihnen so nützliche Freiheit der übrigen Welt mit Sirenengesang aufzudrängen. Sie tun dies scheinbar aus Philanthropie, tatsächlich aber weil das ihren eigenen Interessen entspricht. Damals, als Japan seine Industrien aufbaute, hätten englische, deutsche und amerikanische Unternehmen sehr profitiert, wenn die Bürger Japans frei gewesen wären, sich zwischen ihren eigenen (damals noch vergleichsweise miserablen) und den viel besseren Produkten der führenden Industrieländer zu entscheiden. Die englische Propaganda schwärzte den Protektionismus Japans und anderer Länder daher als ein Zeichen politischer Rückständigkeit an. Beflissen blenden die jeweiligen Spitzenrenner dabei aus, dass aufholenden Staaten gar keine andere Wahl bleibt, als die Freiheit ihrer Bürger zum Teil drastisch zu beschränken.

Die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit

zeigt sich unmittelbar, sobald die Aufholer der Spitze nahekommen. In diesem Augenblick vollzieht sich ein radikaler Wandel: gleichsam über Nacht ändert sich ihre Einstellung zur Freiheit. Bis zur großen Depression vom Ende der zwanziger Jahre waren die USA ein entschieden protektionistischer Staat. Wenige Jahre später wurden sie nach Ende des zweiten Weltkriegs zum größten Propagandisten ökonomischer Freiheit und zum wortmächtigsten Gegner des Protektionismus. Kein Wunder, denn die Industrien ihrer Wettbewerber waren weitgehend ausgeschaltet und sie selbst übernahmen die technologische Führung gleich auf mehreren Gebieten bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Für den Aufstieg Chinas

und den Niedergang der Vereinigten Staaten gibt es keinen deutlicheren Beweis als die sich rapide ändernde Einstellung beider Nationen zur ökonomischen Freiheit. Während die USA seit Donald Trump neuerlich protektionistisch werden, kann sich dasselbe China, das seine eigenen Industrien noch bis vor kurzem mit einem hohen Schutzwall umgeben hatte, inzwischen immer größere Schritte in Richtung zum ökonomischen Liberalismus erlauben. Chinesische Erzeugnisse sind auf dem Weltmarkt so konkurrenzfähig geworden, dass es nun umgekehrt westliche Länder sind, die in die Defensive geraten und zunehmend lauter nach Schutzmaßnahmen rufen. Das Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung bleibt natürlich nicht ohne politische Folgen. Es ist alles andere als ein Zufall, dass nicht nur in den USA sondern ebenso in Europa die Entwicklung nicht in eine Stärkung der Demokratie sondern in Richtung autoritärer Regime weist. Die Dialektik von Freiheit und Unfreiheit beweist einmal mehr, dass kein einzelner Staat dieser Welt heute noch souverän über das eigene Schicksal verfügt. Auf der Weltarena sind die Nationen des Globus in einem Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten gefangen. Den Bürgern wird zwar von ihren Politikern eingeredet, dass ihr Schicksal ganz bei ihnen selbst und ihrer politischen Führung liege. Doch das wird immer mehr zu einer Selbsttäuschung und Selbstbeweihräucherung.

Im globalen Wettrennen um die ökonomische,

politische und militärische Macht ist es aber nicht nur das Bedürfnis, an der Spitze zu bleiben oder sie zu erreichen, welche den Staaten eine bestimmte Art des Handelns aufzwingt – auch der Stand der technologischen Entwicklung hat tiefgreifende Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft. Seit es möglich wurde, nicht nur große Errungenschaften wie den Computer in Hinterhofgaragen zu erfinden und zu entwickeln sondern ebenso auch Massenvernichtungswaffen wie Nervengifte und Bomben, deren Rezept jeder im Internet abrufen kann – und zwar ohne Kenntnis von Polizei, Staat und Öffentlichkeit (der erste, der das in aller Schärfe erkannte, war Hoimar v. Ditfurth) – sind Staaten de facto zu immer größerer Überwachung ihrer eigenen Bürger gezwungen. Der sogenannte technische Fortschritt geht hier Hand in Hand mit sozialer Rückentwicklung bis hin zum orwellschen Überwachungsstaat. Sicher waren die ersten Reaktionen auf die Bedrohung durch den Terror weit übertrieben und dienten manchen Politikern als willkommener Vorwand, um sich selbst und dem Staat größere Macht zu verschaffen. Dennoch bleibt unbestreitbar, dass neue Technologien und ihr bequemer Missbrauch durch einzelne Kriminelle (sowie die Geheimdienste anderer Staaten) die Freiheit langfristig unterminieren und die Gesellschaft in die Richtung von Polizeistaaten drängen müssen. China geht in dieser Hinsicht der Welt mit schlechtem Beispiel voran, doch geben sich andere Staaten wie die USA und Großbritannien ihrerseits jede Mühe, die eigenen Bürger möglichst umfassend zu kontrollieren.

Zwischen der führenden Weltmacht und dem Herausforderer

besteht dabei durchaus keine Symmetrie. Erstere ist gewohnt zu herrschen und zu befehlen und agiert daher meist allzu selbstbewusst bis hin zur Tollpatschigkeit; Letzerer ist auf den Gegner fixiert und verfolgt jede seine Aktionen mit größter Wachsamkeit, wobei er sich jeden Schachzug sorgfältig überlegt. Wie gut die Chinesen die USA und umgekehrt wie wenig die USA China kennen, ergibt sich schon aus der Zahl der Studenten im jeweils anderen Land. 2019/20 schickte China insgesamt eine halbe Million von ihnen nach den USA und Kanada, aber nur elftausend Studenten aus den USA kamen nach China. Anders gesagt, weiß China sehr viel mehr vom Westen als dieser von dem fernöstlichen Land.

Die chinesischen Strategen sind daher auch bestens informiert über die zerstörerischen Spannungen in den Gesellschaften des Westens. Sie wissen, dass der „Kapitalismus“, obwohl er den Reichtum dieser Gesellschaften begründete, von einer wachsenden Zahl von Menschen als das größte Feindbild überhaupt verurteilt wird, weil er die Gräben zwischen Arm und Reich zunehmend vertieft. Welch ein genialer Schachzug, dass Xi Jinping sich jetzt im Sinne sozialer Gerechtigkeit gegen die großen Unternehmen des eigenen Landes stellt! Nachdem er die größte Armut im eigenen Land weitgehend beseitigt hat und in kürzester Zeit ein Rentensystem für die ganze Bevölkerung aus dem Boden stampfte, tut er jetzt genau das, was alle westlichen Reformer seit zwei Jahrhunderten fordern: im Namen der Bevölkerungsmehrheit besteht er darauf, den überbordenden Reichtum einer Minderheit einzudämmen. Noch vor zwanzig Jahren hätte eine solche Maßnahme Chinas rapiden industriellen Aufstieg lähmen können, denn der totale Einsatz, die bis zur Selbstaufopferung reichende Arbeitsbereitschaft, welche das Wettrennen mit den technologisch weit überlegenen Staaten des Westens gerade den Tüchtigsten und Intelligentesten abverlangte, hätten an einer solchen Maßnahme scheitern können. Deswegen kopierte China ja auch das wirtschaftliche Erfolgsrezept des Westens (und legte den Kommunismus de facto ad acta, obwohl es sich nach wie vor als kommunistisches Regime bezeichnet). Inzwischen ist Chinas Industrie jedoch so stark gewachsen, sie ist so gefestigt, so vielfältig und überdies hat ein höchst effizientes Ausbildungssystem so viele fähige Köpfe hervorgebracht, dass Xi den überraschenden Schachzug in Richtung Sozialstaat wagen durfte. Damit ist das Reich der Mitte im Begriff, den Westen nun auch ideologisch und praktisch auf einem zentralen Feld nicht nur ein- sondern vielleicht schon bald in forschem Tempo zu überholen. Das Land wird gewiss nicht kommunistisch im Sinne von Marx, aber es wird für größere Gleichheit sorgen.

Das wird das Ansehen Chinas im Ausland wesentlich stärken

Wir sollten uns keine Illusionen machen, der Protest gegen den sogenannten Kapitalismus – oder sagen wir besser, gegen soziale Ungleichheit und Ungleichbehandlung – ist der ideologische Zündstoff, welcher westliche Staaten innerlich zu zerreißen droht. Zwar stehen die meist unsichtbaren und unscheinbaren Konzernherren und Milliardäre gegenwärtig weniger im Fadenkreuz der Proteste – das war in großem Maßstab zuletzt bei der Occupy-Wallstreet-Bewegung unter Präsident Obama der Fall –; der Protest gegen die Ungleichbehandlung richtet sich stattdessen gegen die Vorherrschaft der Weißen, der Christen, der Protestanten, der Heteros usw., um für die Rechte und Chancen der tatsächlich oder angeblich Unterprivilegierten zu streiten. Das können Schwarze, Schwule, Latinos, Afghanen oder Asylanten sein. Das Protestpotenzial in westlichen Gesellschaften kann sich auf vielfältige Weise zu jeder Zeit entladen.

Dieses Problem löst China auf eigene Art

Im Pekinger Volkskongress kann man zwischen lauter grauen Männern und Frauen in westlichem Outfit hier und da exotische Schmetterlinge mit buntverziertem Kopfschmuck entdecken. Das sind die „Indianer“ Chinas, sprich die ursprünglichen Ethnien, die neben der Mehrheit der Han-Chinesen einst einen großen Beitrag zum kulturellen Reichtum des Landes geleistet haben. Ich sage „einst“, denn heute werden diese Menschen in die gesichtslosen Mietskasernenquader umgesiedelt, welche wie hässliche Pilze überall aus dem chinesischen Boden schießen. In spätestens ein, zwei Jahrzehnten wird von der einstmaligen kulturellen Lebensvielfalt außer exotischem Kopfschmuck und anderen musealen Artefakten nichts übrigbleiben. Nichts und niemand kann dieser erzwungenen Gleichmacherei durch die Kommunistische Partei widerstehen. Wenn sich einzelne Volksgruppen wie die Uiguren ernsthaft widersetzen, wird das Regime erbarmungslos, denn wie und wodurch der Mensch glücklich wird, das bestimmt ausschließlich die Partei (d.h. die Mehrheit der Han-Chinesen). Dann wird zu drastischen Maßnahmen gegriffen: Arbeitslager und ethnic cleansing – so wie übrigens die USA es im Umgang mit der indigenen Bevölkerung zwei Jahrhunderte lang praktizierten (von uns Deutschen ganz zu schweigen, die wir im vergangenen Jahrhundert im Umgang mit Menschen, die uns in jeder Hinsicht zum Verwechseln ähnlich waren, noch weniger Gnade zeigten).

Der Handelnde ist immer gewissenlos,

wie Goethe einmal sagte. Die Mächtigsten treiben die Gewissenlosigkeit auf die Spitze. Aber leider ist es nicht bloß ein moralischer Defekt, der sie dazu treibt. Wäre das Übel so einfach zu diagnostizieren, dann ließe es sich möglicherweise ebenso einfach kurieren. Es ist das unselige Wettrennen der Nationen und in einem nicht geringen Maß ist es auch noch der sogenannte technologische Fortschritt, der für viele gegenwärtige Übel unmittelbar verantwortlich ist. Dieses Wettrennen und diese Verfügbarkeit der Technik in den falschen Händen führt die Welt immer näher zu einer Katastrophe, die schließlich alle zu Verlierern macht. Nur eine übergeordnete Instanz – Uno oder wie immer sie heißen mag – kann diesem Rennen ein Ende machen.

Von Herrn Prof. Dr. Siegfried Wendt erhalte ich folgende Zeilen:

Lieber Herr Jenner,

auch wenn ich nicht jeden der Texte, die Sie mir in letzter Zeit zugeschickt haben, kommentiert habe, haben diese mich doch sehr begeistert. Als ganz besonders wertvoll möchte ich Ihren neuesten Text bewerten. Ihre Texte entspringen ganz offensichtlich Ihrer Sorge um die Zukunft der Menschheit. Diese ist es auch, die mich ab und zu zum Formulieren von Aufsätzen treibt…

Mit besten Grüßen

Ihr Siegfried Wendt

Meine Antwort:

Lieber Herr Wendt,

„Sorge um die Menschheit“, das ist vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen. Das sollte ja eher das Anliegen des Lieben Gottes sein, der scheint sich aber aus zu diesem Geschäft schon lange verabschiedet zu haben. Mir genügt es, über einige Dinge zu größerer Klarheit gelangt zu sein und wenn ich diese Klarheit auch anderen vermitteln kann, scheint mir damit schon viel gewonnen.

Alles Gute

Gero Jenner

Delta – Verliert die Demokratie den Kampf gegen Diktatur und Autokratie?

Auch wenn wir es von Populisten in beiden Lagern gewöhnlich so hören, stehen sich hier nicht das Reich des Guten und des Bösen gegenüber. US-Amerikaner und Chinesen sprechen unterschiedliche Sprachen, aber Studenten und Wissenschaftler wechseln mühelos von einem Land zum anderen. Nachdem Englisch zur Lingua Franca wurde und die Chinesen die meisten ihrer Institutionen dem westlichen Vorbild anglichen, sind die Ähnlichkeiten zwischen ihnen bedeutend größer als alles Trennende. „Chinesen genießen heute nahezu völlige Bewegungsfreiheit. Sie können ein Haus erwerben, eine Ausbildung wählen, ein Job oder ein Geschäft beginnen, sich einer Kirche anschließen (solange es sich um Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus oder Protestantismus handelt), sich kleiden, wie sie mögen, offen homosexuelle Neigung bekunden, ohne in einer Strafkolonie zu enden, nach eigenem Belieben ins Ausland reisen und sogar Kritik an der Partei üben, solange sie deren Herrschaft nicht in Frage stellen. Selbst Unfreiheit ist nicht mehr das, was sie einmal war“ (Norberg).

Inzwischen gelten diese Freiheiten allerdings nur noch für Chinesen ohne negative Einträge auf einem Sozialkreditkonto, das für jeden Bürger des Reichs auf Abruf die Bilanz von Wohlverhalten und negativen Einträgen zeigt. Xi Jinping ist es gelungen, die orwellsche Vision des perfekten Überwachungsstaats über ein Milliardenvolk zu verhängen. Dabei haben 99 Prozent nichts zu befürchten sondern profitieren von Sicherheit, Wohlstand und Aufstieg. Das restliche ein Prozent hingegen, welches gegen die Vorschriften der Partei und deren Führung aufbegehrt, hat mit Unterdrückung und Verfolgung bis hin zu physischer Vernichtung zu rechnen. Das gilt für die Han-Chinesen selbst ebenso wie für die unterworfenen Uiguren und Tibeter. Die Partei ist überzeugt, den Menschen das Glück zu bringen (und hat dies in einem materiellen Sinne auch zweifellos getan). Wer sich ihr widersetzt, wird daher zu seinem Glück gezwungen. Eine überwältigende Mehrheit – wenn auch nicht gerade 99 Prozent – scheinen das System gutzuheißen, solange es ihnen und ihrem Land einen so sichtbaren Aufschwung beschert. Die Verfolgung einer kritischen Minderheit erscheint ihnen da als ein geringes Opfer. Im Westen haben wir uns dagegen den Schutz der Außenseiter, Systemkritiker bis hin zu den Systemgegnern verschrieben. Das ist ein Akt der Toleranz, der uns moralisch jedem Überwachungsstaat überlegen macht – allerdings nur so lange, wie die Freiheit der Kritiker und Außenseiter nicht die Freiheit einer staatlichen Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit bedroht. In diesem Fall nämlich zerbrechen Staaten an inneren Widerständen. Leider ist genau das heute bereits der Fall.

Wie sich zum Beispiel an dem Vorgehen gegen die Seuche zeigt

Auch wenn die Regierung Chinas das aus propagandistischen Gründen in einem fort in die Welt posaunt, müssen wir anerkennen, dass sie imstande ist, die zum Wohl der Bevölkerung notwendigen Maßnahmen in kurzer Zeit zu ergreifen und durchzusetzen. Auch hier zeigt sich allerdings der für das Regime bezeichnende Gegensatz von verlogener Rücksichtslosigkeit und positiver Entschlossenheit. Als der Arzt Li Wenliang Ende 2019 seine Kollegen auf den Ausbruch einer neuen Seuche (später Covid19 genannt) aufmerksam machte, hielt die Partei das noch für ein Unruhe erzeugendes Gerücht, das sie sofort unterdrückte. Als die Fälle danach aber zu einer Lawine anschwollen und außer Kontrolle zu geraten drohten, handelte sie generalstabsmäßig nach den Vorschriften der Epidemiologen. Eine Millionenstadt wurde abgeriegelt, und die Menschen zunächst einmal in ihren Wohnungen eingesperrt: der Staat führe Krieg gegen das Virus, konnte drei Monate später aber auch den Sieg verkünden. Die Wirtschaft fand nach so kurzer Unterbrechung zu ihrem früheren Wachstum zurück und Chinas Menschen konnten sicher wieder frei und unbesorgt im ganzen Land bewegen.

Wie schmählich hat der Westen im Vergleich zu China versagt!

Statt eines kurzen aber entschiedenen Eingriffs hat er jahrelanges Siechtum in Kauf genommen, das heute wohl noch längst nicht beendet ist. Dabei war die Impfung gegen gefährliche Seuchen auch in den Ländern Europas einmal vorgeschrieben und konnte ohne Massenproteste durchgeführt werden. Im Jahr 1807 führte das Königreich Bayern als erster deutscher Staat eine Impfpflicht ein, der sich in den folgenden Jahrzehnten weitere Staaten anschlossen. 1874 wurden dann im Deutschen Reich alle Deutschen durch das Reichsimpfgesetz verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren (Wiederholungsimpfung) gegen die Pocken impfen zu lassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der DDR ab 1953 eine gesetzliche Impfpflicht, die bis 1970 sukzessive ausgeweitet wurde: Neben den Pocken wurde unter anderem gegen Tuberkulose (1953), Kinderlähmung (1961), Diphtherie (1961), Wundstarrkrampf (1961) und Keuchhusten (1964, dann in Form des DTP-Impfstoffes) verpflichtend geimpft, ab 1970 war auch die Impfung gegen Masern gesetzlich vorgesehen.

In der Bundesrepublik gab es von 1946 bis 1954 eine Impfpflicht gegen Diphtherie und Scharlach, zudem bestand in den Jahren 1949 bis Ende 1975 eine allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken. Rechtsgrundlage der damaligen Pockenimpfpflicht war noch immer das Reichsimpfgesetz von 1874.

Einige der gefährlichsten Seuchen wurden dadurch ganz oder weitgehend ausgerottet, sodass dagegen heute nicht einmal mehr geimpft werden muss – ein lebensrettender medizinischer Erfolg, der ausschließlich der damaligen Impfpflicht geschuldet ist.

Die Chinesen, ein Milliardenvolk, haben fertiggebracht,

und zwar innerhalb weniger Monate, wozu auch westliche Länder noch im 19. Jahrhundert fähig waren (ich überlasse es dem Leser zu entscheiden, ob man damals in deutschsprachigen Ländern – mit Ausnahme der Schweiz – in Autokratien oder Diktaturen lebte). Warum sind wir dazu heute nicht mehr imstande? Warum gibt es im Augenblick in einem Milliardenvolk täglich allenfalls ein Dutzend Fälle von Corona (die meisten noch dazu von außen eingeführt), während wir uns damit abfinden müssen, dass uns bald die nächste Welle überrollen und viele töten wird? Der Gegensatz zwischen China und der westlichen Welt besteht nicht im Wissen. Unsere pharmazeutischen Firmen und epidemiologischen Experten sind den Chinesen vorläufig wohl noch überlegen. Der Unterschied besteht auch nicht wesentlich darin, dass es bei uns nur Freiheit, bei ihnen dagegen nur Unterdrückung gäbe. Ein Stich in den Arm, der mich und die meinen vor einem möglichen Tod oder einer wahrscheinlichen Krankheit schützt, stellt eine viel geringere Beeinträchtigung meiner Freiheitsrechte dar als zum Beispiel die Tatsache, dass in der westlichen Führungsmacht, den USA, jeder sich eine Schusswaffe zulegen darf und damit die Sicherheit der Gemeinschaft massiv beeinträchtigt. Auch Steuern, gegen die sich die Reichen mit einer Vielzahl legaler Tricks erfolgreich wehren können, bedeuten eine Einschränkung von Freiheitsrechten, aber sie erzeugen weit weniger Widerstand als obligatorisches Impfen. Selbst Zebrastreifen schränken meine persönliche Freiheit merklich ein, da sie mir verbieten, die Straße an beliebigen Stellen zu überqueren. Aber außer Anarchisten, deren höchster Wert in der eigenen möglichst schrankenlosen Freiheit besteht, hat sich darüber bisher noch niemand ernsthaft beschwert. Wie im heutigen China hatte man im Deutschland des 19. Jahrhunderts der Wissenschaft noch vertraut und ebenso dem Staat, wenn er deren Vorschriften folgte. Wenn die Experten (oder jedenfalls eine überwältigende Mehrheit unter ihnen) mit Fakten belegen können, dass im Fall einer Impfung weniger als einer von Tausend aufgrund der Impfung selbst sterben wird, während eine hundertfach größere Zahl ohne Impfung sicher zugrunde geht, dann galt es als ausgemacht, dass die Gegner dieser für die Gemeinschaft als ganze notwendigen Maßnahme aus moralischer Sicht egohungrige Populisten, aus politischer Sicht gefährliche Quertreiber und aus wissenschaftlicher Perspektive arme Irre (man könnte auch sagen: unwissende Idioten) sind.

Wenn der Westen den Kampf gegen China und die Autokratien verliert,

dann nicht, weil er die persönliche Freiheit zu einem Ideal verklärt – es könnte kein schöneres geben -, sondern weil er den Sinn und das Ziel von Freiheit nicht länger versteht. Er verwechselt sie mit der Ermächtigung seiner Bürger, zum eigenen Nutzen beliebig gegen die Interessen der Gemeinschaft zu handeln. Was den Besitz von Schusswaffen betrifft, so ist diese Verwechslung offenkundig (jedenfalls für Menschen außerhalb der USA). Es macht keinen Sinn, Toleranz gegenüber egomanischen Populisten, gefährlichen Quertreibern und unwissenden Idioten auch dann noch zu predigen, wenn dadurch die physische und mentale Stabilität einer Gesellschaft in Gefahr gerät. Auf ihrem Höhepunkt, der sich jeder Zeit wiederholen kann, hat die Seuche unsere Gesellschaften so stark gelähmt, wie das sonst nur in Kriegszeiten geschieht. Wenn die Mehrzahl der medizinischen Experten sich dafür verbürgen kann, dass wir den Feind – in diesem Fall unsichtbare Viren – auf eine so einfache Maßnahme wie obligatorisches Impfen wirksam besiegen können, dann sollte ein westlicher so wie jeder andere Staat darin die Verpflichtung sehen, das Impfen wieder obligatorisch zu machen wie er es in der Vergangenheit tat. China praktiziert das mit größtem Erfolg und hat schon jetzt nahezu seine ganze Bevölkerung durchgeimpft – immerhin mehr als ein Fünftel der Menschheit. Über den hilflosen Westen, der seine Menschen sterben lässt, gießt es seinen Hohn und seinen Spott aus.

Gerade jetzt springen die Zahl der Deltainfektionen

in Japan, England, den USA und Kanada neuerlich in die Höhe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie das bei uns ebenso tun. Wenn wir nicht zu der Einsicht gelangen, dass im Fall eines temporären Kriegszustands der Schutz der Gemeinschaft, also einer überwältigenden Mehrheit, Vorrang gegenüber dem Willen von Populisten, Quertreibern, armen Irren und unwissenden Idioten hat, dann werden mit der Zeit immer größere Teile der Bevölkerung ein autokratisches Regime herbeiwünschen, das in Zeiten der Not mit Entschlossenheit zu handeln versteht.

Der Prozess ist bereits im Gange, und zwar gerade bei jenen, die wir am lautesten schreien hören: den Populisten, Quertreibern und armen Irren.

Prof. Michael Kilian, ehemals Landesverfassungsrichter, schreibt dazu:

Lieber Herr Dr. Jenner,
danke, ich denke ähnlich wie Sie. Und damals sagte man noch plastisch – und treffend – Reichs(=Bundes)seuchengesetz, und nicht – wie heute bei Gesetzesbezeichnungen üblich – Bundesinfektionsschutzgesetz. Ich wurde noch mehrmals gegen Kinderlähmung geimpft. 

Beste Grüße,

Ihr Michael Kilian

Die Schriftstellerin Salomea Genin schreibt folgende Zeilen:

Guten Morgen Herr Jenner,

Soweit ich weiß, gab es bis Oktober 2019 ein Gesetz, dass vorschrieb, alle Impfungen mussten ein Jahr lang und auch an Tieren getestet, bevor sie bei Menschen angewandt werden. Dieses Gesetz wurde noch vor Corona außer Kraft gesetzt. Das erfuhr ich, von einer Person, die im Krankenhaus arbeitet. Die heutigen Impfungen wurden nur drei Monate getestet und auch nicht mehr an Tieren. Sind viele an den Impfungen gestorben und nicht an Corona?

Die Mutter und der Bruder eines guten Freundes kämpften lange mit Krebs und starben: Die Mutter drei Monate bevor Corona ausbrach und der Bruder mittendrin. Die Todeszertifikate durften ihm nicht ausgehändigt werden, weil sie alle plötzlich direkt ans Statistikamt abgeführt werden mussten. Da kam das Gerücht auf, dass die Krankenhäuser viel Geld dafür bekamen, dass sie nicht die wirkliche Ursache sondern immer nur Corona auf diese Zertifikate schreiben. Bekam er sie nicht, weil die Todesursache als Corona angegeben wurde und er wusste, dass das nicht stimmt?

In den letzten 18 Monaten sind 20 Krankenhäuser geschlossen worden – mitten in der Pandemie!

Diese ganze Pandemie begann mit einer Berichterstattung, wie ich sie in der DDR erlebt habe: Von einem Tag zum anderen waren alle Nachrichten-Sendungen zu 90 % voll von diesem einen Thema. Zuerst wurde gesagt, dass die Menschen an Corona sterben und nach einer Woche bis heute heißt es, dass sie „mit und an“ Corona sterben. Da ich diese Berichterstattung in Frage stelle, werde ich zum Corona-Leugner erklärt! Was ich nicht bin!

Ich habe weder die Kraft noch die Fähigkeit diese „Gerüchte“ zu überprüfen. Ich hätte noch andere Fragen, die kein Mensch mir beantworten kann. Ich lasse mich bestimmt nicht impfen.

Mit freundlichen Grüßen – Salomea Genin

Meine Replik:

Diese Zeilen sind bemerkenswert, weil sie ein tiefes Misstrauen gegen den Staat bezeugen, obwohl außer Zweifel steht, dass die Menschen in Europa immer noch sicherer leben als fast in allen anderen Staaten der Welt. Obwohl die Medizin gerade bei uns die größten Erfolge erzielen konnte, vertraut man den Experten nicht länger sondern schenkt lieber alle möglichen Gerüchten Gehör – so groß ist die Verunsicherung. Ich sehe darin eine innere Erosion. In Russland und China reibt man sich dabei die Hände und tut viel, um diesen Erosionsprozess des Westens noch zu befördern.

Herr Lehle aus Rothenburg schickt mir folgende Mail:

Sehr geehrter Dr. Gero Jenner,

mit Erschrecken las ich gerade Ihren Corona-Artikel.

Mein erster Impuls war, Ihnen Fakten beispielsweise über Schweden (keine Übersterblichkeit 2020, wenn wachsende Alterung der Gesellschaft letzten 10 Jahre berücksichtigt wird, absolute Zahlen der Verstorbenen täuscht daher) zuzuschicken, aber es dürfte sinnlos sein. Wenn Sie nach über einen Jahr die Fakten weiter nicht wissen, dann wollen Sie in ihrem Weltuntergangs-Kult verbleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Georg Lehle

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Lehle,
haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, dass die Experten in China, Japan, Holland, England und den USA (Fauci) dann alle die falschen Daten haben und nur Sie – Sie sind mir freilich nicht als Epidemiologe bekannt – über die „wahren Fakten“ verfügen? Wollen Sie behaupten, dass diese Leute uns alle in voller Absicht betrügen?
Versuchen Sie doch bitte, sich selbst gegenüber etwas kritischer zu sein!
Alles Gute
Gero Jenner

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. F. J. Radermacher schickt mir folgende höchst aufschlussreiche Nachricht:

Hallo Herr Jenner,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Beste Grüße

F. J. Radermacher

Das Urteil

Mit dem Urteilsspruch gegen den Ölkonzern Shell, der diesen zwingt, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 45% zu reduzieren, bricht eine neue Ära an. Zum ersten Mal liegt das Schicksal eines Großkonzerns nicht mehr ausschließlich in dessen eigenen Händen und wird auch nicht vom Staat beschützt oder eingeschränkt, sondern es ist die Zivilgesellschaft, die seine Handlungsfreiheit bestimmt. Jetzt schon ist abzusehen, dass dies nur der erste Schritt in einer Folge von Gerichtsverfahren sein wird, wodurch die Zivilgesellschaft die Machtvollkommenheit auch der größten Konzerne beschränkt, wenn deren Wirtschaftsgefahren sich mit den Klimazielen nicht vereinbaren lässt.

Das ist nicht nur eine gute, es ist eine sensationelle Nachricht,

denn damit ist der erste Schritt in eine von vielen ersehnte Richtung getan. Trotzdem besteht kein Grund für übertriebene Euphorie. Die zivilen Klimaretter – und das gilt selbst für Greta Thunberg und die Fridays for Future-Bewegung – scheinen nicht wirklich zu wissen, welche Berge sie da versetzen wollen. Ihren immensen materiellen Reichtum verdankt die heutige Welt einem historisch einmaligen Strohfeuer, nämlich der fossilen (und in weit geringerem Maße der nicht weniger gefährlichen nuklearen) Energie. Was schon der gesunde Menschenverstand jedem sagen muss, das haben die Experten längst bewiesen: das gigantische Ausmaß an Energie, das durch die Ausbeutung von fossilen, über Jahrmillionen gespeicherten Reserven innerhalb von nur zweihundert Jahren weitgehend verfeuert wurde, kann natürlich nur zu einem Bruchteil durch erneuerbare Energien ersetzt werden, wie sie jeweils in einem einzigen Jahr anfallen. In einer künftigen Welt ohne Gas, Öl, Kohle und Atomreaktoren sind wir daher zu einer radikalen Einschränkung unseres bisherigen Konsums und Lebensstandards gezwungen. Diese Einsicht wird allgemein verdrängt – auch von den Grünen – und durch Wunschdenken ersetzt. Andererseits wird kein vernünftiger Mensch bezweifeln, dass eine noch so große Einschränkung des Lebensstandards ein geringes Opfer ist, wenn wir sie mit einer Zukunft vergleichen, wo die großen Küstenmetropolen unter Wasser liegen, die Wälder durch Feuerstürme vernichtet werden, der Mensch seine bisherigen Lebensgrundlagen verliert.

Die gute Nachricht wird also keineswegs dadurch aufgehoben,

dass uns das Wunschdenken nur zu leicht den Blick dafür verstellt, dass wir zwar das Klima, aber keinesfalls unseren bisherigen Lebensstandard retten können. Wir sollten uns eben nur eingestehen, dass der Sieg über einen Konzern nur dann einen Sinn ergibt, wenn er zugleich ein Sieg über unsere Lebensgewohnheiten ist, denn die Konzerne produzieren bekanntlich für Konsumenten, d.h. für jeden von uns.

Die schlechte Nachricht ist von anderer Art

sie betrifft nicht weniger als den Nutzen dieses und aller noch zu erwartenden Siege. Denn es ist nicht nur möglich, sondern unter den bisherigen Bedingungen einer globalisierten Welt sogar absolut sicher, dass wir zwar ohne weiteres Shell und Dutzende anderer Konzerne in die Knie zwingen können, aber ohne dass der Ausstoß an CO2 dadurch im Geringsten vermindert wird.

Diese paradoxe Wahrheit lässt sich am besten am Beispiel der weltweiten nuklearen und ballistischen Aufrüstung demonstrieren, welche uns anders als die Klimakrise nicht mit einem schleichenden sondern mit einem plötzlichen Tod bedroht. Darüber redet freilich so gut wie niemand. Gerade die größten möglichen Katastrophen werden beharrlich aus dem Bewusstsein verdrängt, es gibt daher auch keine Greta Thunberg, welche die Welt gegen diese Gefahr mobilisiert. Der Grund leuchtet ein. Zwar ist jede Atombombe genau eine zu viel, aber es nützt nichts, wenn ein einzelner Staat auf ihren Besitz verzichtet, dann sind seine Gegner nur froh, dass sie die Oberhand haben. Offensichtlich kann nur eine übergeordnete Autorität, die UNO oder eine Weltregierung eine allgemeine Abrüstung verfügen.

Dieses Dilemma scheint auch für die Begrenzung des fossilen Verbrauchs

zu gelten. Es nützt nichts, wenn Europa seine Unternehmen zwingt, auf fossile Energien zu verzichten, wenn zur selben Zeit China, Indien und bald auch Afrika und der Rest der Welt ihre einzige Chance zur Erhöhung des eigenen Lebensstandards darin erblicken, die fossilen Lager, vor allem die reichlich vorhandene Kohle, umso mehr auszubeuten, zumal die Reserven sich durch den Verzicht der anderen für sie vergrößern. Genau diese Entwicklung findet gegenwärtig statt.

Und sie könnte verheerende Konsequenzen haben

Die USA haben sich bereits zugunsten von China weitgehend deindustrialisiert, Europa ist im Begriff, dies mit etwas Verspätung gleichfalls zu tun. Mit anderen Worten, bilden wir uns nur ein, etwas für das Klima zu tun, in Wahrheit tun wir etwas gegen uns selbst – wir bauen die eigenen Industrien ab. In meinem Buch „Ob wir das schaffen“ habe ich keinen anderen Ausweg aus diesem Dilemma gesehen als genau jenen, welcher auch für die Abrüstung gilt: nur eine übergeordnete Autorität, die UNO oder eine Weltregierung, ist in der Lage, allen Staaten (und Konzernen) die Reduktion ihrer umweltschädlichen Aktivitäten zu verordnen. Diese Lösung leuchtet zwar ein, befriedigend aber ist sie sicher nicht. Einerseits werden die Skeptiker sagen, dass die Vision einer Weltregierung vorerst nicht mehr als eine Fata Morgana sei. Andererseits sehen die Klimaretter darin ein Gift, das ihre Kräfte lähmt. Sie wollen ja hier und jetzt handeln. Und es stimmt ja auch, dass hier und jetzt gehandelt werden muss!

Nun gibt es tatsächlich eine gute Nachricht

Das Paradox der nuklearen Abrüstung lässt sich nicht eins zu eins auf das Paradox der fossilen Abrüstung übertragen, denn in Letzterer gibt es einen erkennbaren Ausweg. Die Zivilgesellschaft Europas darf sich nicht darauf beschränken, den Unternehmen CO2-Auflagen zu machen. Das allein bringt gar nichts, außer dass wir die eigene Wirtschaft ruinieren. Aber wenn wir zur gleichen Zeit eine zweite Strategie betreiben, dann entgehen wir dieser Notlage. Wir müssen zugleich dafür sorgen, dass von außen keine Produkte nach Europa gelangen, die unter Verletzung solcher Auflagen entstehen. Diese Produkte müssen entweder ganz abgewehrt oder durch Zölle so verteuert werden, dass die eigenen Industrien über Ausgleichszahlungen ihre Wettbewerbsnachteile ausgleichen. Nur so können wir – auch ohne UNO oder Weltregierung – ausländische Industrien, z.B. chinesische, dazu zwingen, unser Beispiel zu übernehmen. Aber damit ist auch gesagt, dass der Protest sich nicht allein gegen Konzerne sondern ebenso gegen einen verderblichen Freihandel richten muss – also gegen den Staat, der dessen Regeln bestimmt. Nur wenn beides zur gleichen Zeit und mit gleichem Erfolg geschieht, können wir hoffen, dass die Klimabewegung nicht zu einem Motor heimischer Deindustrialisierung verkommt, welche aus globaler Perspektive nichts bewirkt, während er in Europa nur Armut erzeugt.

Auf Illusionen sollten wir allerdings verzichten

Der bisherige Lebensstandard wird sich auch unter diesen Bedingungen nicht aufrechterhalten lassen. Natürlich wird China auf europäische Zölle sofort reagieren, indem es unter anderem die Einfuhr deutscher Autos oder europäischer Airbusse beschränkt und diese – wozu es jetzt schon in der Lage ist – durch heimische Produkte ersetzt. Wir wissen aber, dass gerade Deutschland einen wesentlichen Teil seines gegenwärtigen Wohlstands dem Export verdankt. Auf vieles werden wir also verzichten müssen. Darüber redet freilich niemand, weil sich mit reinem Wunschdenken so viel besser leben lässt. Aber, wie schon gesagt, ist der Verzicht gering gegenüber den Opfern, die uns eine zerstörte Natur auferlegt. Die neue Ära, die gerade jetzt beginnt, wird den erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel einleiten oder den schon begonnenen Niedergang Europas beschleunigen – wobei China und Russland die lachenden Dritten sind.

Herr Egon W. Kreutzer schreibt mir folgenden, etwas zu langen Beitrag, den ich trotzdem zur Gänze abdrucke:

Sehr geehrter Herr Jenner,

als Abonnent Ihres Newsletters kann ich Ihnen nur für Ihre Analysen und Einsichten, Ihre konstruktive Kritik und die damit verbundenen Vorschläge, bzw. Handlungsempfehlungen danken.

Auch die Art, wie Sie die Themen angehen und stilistisch behandeln, stellt für mich einen wichtigen Qualitätsmaßstab dar und gibt mir Impulse für die eigene Arbeit.

So sehe ich auch Ihren jüngsten Artikel zum Urteil gegen Shell als einen gelungenen Beitrag an, mit dem Sie die möglichen und wahrscheinlichen Auswirkungen heraus- und zur Diskussion stellen.

Ich habe mich heute mit dem gleichen Thema befasst und in etwa die gleichen Schlussfolgerungen gezogen.

Der Unterschied besteht darin, dass ich über meine umfänglichen Recherchen zu dem geworden bin, was man heute einen „Klimaleugner“ nennt. Der Begriff ist natürlich so falsch, wie ein Begriff nur falsch sein kann, denn ich leugne weder irgendein Klima der Vergangenheit, noch das der Gegenwart. Allerdings erscheint mir die Hypothese, aus der Korrelation zwischen dem Verlauf der Industrialisierung und der seit dem Ende der kleinen Eiszeit aufgetretene Erwärmung könne eine Kausalität abgeleitet werden, als bisher unbewiesen; der Aufruf an die Menschheit, durch extremen Verzicht, wie Sie es selbst ausführen, eine Klimakrise zu verhindern, als eine absurde Reaktion auf ein erdgeschichtlich immer wieder auftretendes Phänomen, das öfter als es dem IPCC lieb sein kann, gletscherfreie Alpen und ein weithin grünes Grönland hervorgebracht hat, ohne dass sich deshalb die Küstenlinien um dutzende oder gar hunderte Kilometer ins höher gelegene Binnenland verschoben hätten. Zur Zeit der römischen Vorherrschaft in Europa war es, so weit man das aus schriftlichen Berichten und Artefakten rekonstruieren kann, wärmer als heute.

Die nach meinem Dafürhalten richtige Reaktion der Menschheit auf klimatische Veränderung ist jene Reaktion, die, seit es Menschen gibt, immer das Überleben der Art gesichert hat, nämlich die Anpassung, das Vermeiden der Nachteile und die Nutzung der Vorteile. Unser Planet ist laut NASA-Satelliten-Daten in den letzten vierzig Jahren – dank CO2-Zuwachs – um etwa die doppelte Fläche der USA grüner geworden. Ein Effekt, durch den es überhaupt erst möglich machte, bei wachsender Weltbevölkerung im Kampf gegen den Hunger Fortschritte zu erzielen. 

Ich bezeichne die Hybris, das Klima gestalten zu können, zu wollen, ja zu müssen, als eine Art Neuauflage des Verharrens im Irrtum des geozentrischen Weltbildes und als einen der größten Irrwege, auf den die Menschheit je geführt wurde.

Nun liegt es mir fern, Sie mit diesen kargen Zeilen auffordern zu wollen, Ihre Überzeugung abzuschwören und ab sofort den Klimaleugnern beizutreten. Was ich mit diesen Zeilen bezwecke, ist nur der Versuch, in Ihnen den ersten winzig kleinen Zweifel an der Lehre vom menschengemachten Klimawandel zu erwecken. Denn, sollte mir das gelungen sein, werden Sie selbst alles tun, um vom Zweifel wieder zur Gewissheit zu gelangen. Der beste Weg dahin ist es, sich mit den Argumenten und Prognosen der Protagonisten der Dekarbonisierung zu befassen. Von da aus ergeben sich weiterführende Fragen ganz  von selbst.

Mit besten Grüßen

Egon W. Kreutzer

Meine Replik:

Weder Sie noch ich, Herr Kreutzer, sind ausgebildete Klimaexperten. Wie 99,999…% der restlichen Menschheit können wir uns daher nur auf das Urteil von Fachleuten verlassen. So gesehen aber ist meine Haltung eindeutig und lässt gerade in diesem Fall nicht den geringsten Zweifel zu. Alle für mich vertrauenswürdigen Experten sind sich darin einig, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Aber selbst angenommen, diese Leute würden sich sämtlich irren, dann wäre es immer noch besser, etwas zu tun, als sich in Sicherheit zu wiegen und die Möglichkeit einer Katastrophe zu riskieren. Denn einer solchen Katastrophe wären wir ja auch ausgesetzt, wenn das fossile Feuer nicht für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht werden könnte; allein die zunehmende Naturvermüllung und -vergiftung reicht aus, um eine Wende zu erzwingen. Die sollte somit aufgrund intellektueller Redlichkeit erfolgen (und nicht etwa aufgrund einer Bewegung wie Fridays for Future, die auch aus Massenhysterie geboren sein könnte).

Herr Prof. Heinrich Wohlmeyer aus Wien schickt mir folgende Mail:

Danke !
Wenn wir nicht das Bestimmungslandprinzip einfordern und so den Wettbewerb nach unten (race to the bottom) umdrehen, werden Ihre Befürchtungen wahr werden.
Beste Grüße
Ihr Heinrich Wohlmeyer

Prof. F. J. Radermacher ist nicht zufrieden:

Sehr geehrter Herr Jenner,

danke für Ihre Nachricht. 

Aber als regelmäßiger Leser bin ich jetzt erstmalig enttäuscht. 

Haben sie ganz die Hoffnung auf technischen Fortschritt aufgegeben und haben Sie bedacht, dass Ihre Begeisterung über eine CO2-Grenzausgleichsabgabe – die nicht WTO-konform ist und wohl auch nicht kommen wird – ein weiteres Mal die Kosten der Anpassungsmaßnahmen auf die Entwicklungs- und Schwellenländer abwälzen würde?

Ich lege Dokumente bei, die vielleicht helfen, einen anderen Blick auf die Themen zu enwickeln.

Beste Grüße

F. J. Radermacher

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Radermacher,

Sie bereiten mir große Freude mit Ihrer Versicherung, dass ich Sie nicht schon früher sondern erst jetzt enttäusche. Da ich mir einige Skepsis gegenüber den vorherrschenden Überzeugungen erlaube, hat manch anderer schon vorher seinen Protest angemeldet.

Z.B. weil ich sowenig an die Erlösung durch neue Wunder der Technik glaube, von denen Sie sich, wie ich den vier beigelegten vier Aufsätzen entnehme, sehr viel versprechen. Nicht dass ich solche Wunder an sich für unwahrscheinlich halte. Nehmen wir den Extremfall eines Energiefüllhorns, das uns der Durchbruch bei der Fusionstechnik ja durchaus bescheren könnte. Was wäre die Folge eines derartigen technologischen Wunders? Für den Konsum eingesetzt dient Energie, wie wir wissen, der Umwandlung von Rohstoffen in Fertigprodukte. Ein Füllhorn an Energie würde die verbliebenen Rohstoffreserven daher in noch schnellerem Tempo aufzehren und uns noch mehr Müll in Boden, Luft und Wasser bescheren. Ich kann Ihnen daher nicht zustimmen, wenn Sie sagen: „Die entscheidenden Beiträge zur Erreichung des 2°C-Ziels werden nach allen historischen Erfahrungen aus dem Umfeld neuer Technologien kommen.“ Nein, ein energetisches Wunder würde den Planeten vollends ruinieren, zumal ein Großteil der Welt verständlicherweise so leben möchte wie wir. Um Sie nochmals zu zitieren: „Die CO2-Emissionen steigen insofern nicht wegen der Unzulänglichkeiten der handelnden Politiker, sondern aus systemischen Gründen, weil die große Mehrheit der Menschen so lebt wie sie lebt und weil sie so leben wollen – in der Tendenz sogar eher noch besser/intensiver. Es gibt außerdem immer mehr Menschen und immer mehr Menschen wollen immer mehr Wohlstand.“

Was den zweiten Punkt Ihrer Kritik, die Schwellenländer, angeht, so ist China, wohin der Westen den größten Teil der eigenen Produktion (unter viel geringeren Sozial- und Umweltstandards ausgelagert hat) längst kein Schwellenland mehr sondern ein Goliath, vor dem wir uns inzwischen fürchten müssen. Wenn wir die Handelsregeln nicht rechtzeitig umschreiben, werden wir mehr als nur unsere eigene Deindustrialisierung besiegeln.

Aber, Sie haben natürlich recht, es nützt nichts, wenn nur Deutschland seine CO2-Emissionen auf null reduziert, zumal es im Inland nur mit 2% zu den CO2-Emissionen beiträgt (denn der hohe CO2-Gehalt der aus dem Ausland importierten Industrieprodukte wird ja nicht mitgezählt). Zu Recht bemerken Sie: „Die Konkurrenzsituation Deutschlands auf den Weltmärkten verschlechtert sich massiv, wenn andere offenbar keine nationale Budgetgrenzen für sich sehen, wir in Deutschland aber immer weiter der Fiktion folgen, durch Einhaltung enger, selbst gesetzter Budgetgrenzen für unseren eigenen Aktivitäten, das allenfalls in internationaler Kooperation verfolgbare 1,5°C-Ziel bzw. das 2°C-Ziel erreichen zu können.“ „Es spricht /also/ bei nüchterner Betrachtung viel dafür, dass unsere Reduktionspläne keinen signifikanten Einfluss auf das Erreichen des 2°C-Ziels haben – vom 1,5°C-Ziel erst gar nicht zu reden.“ Sie wenden sich damit – wie ich meine zu Recht – gegen das Urteil des deutschen Verfassungsgerichtes zum Klimaschutz.

Wenn Technik zwar die Effizienz steigern kann, aber nur mit Rebound-Effekten, sodass der Ressourcenfluss im Endeffekt noch gesteigert wird, dann kommt zur Rettung des Planeten meines Erachtens nur eine Strategie in Frage. Herman Daly hat schon vor Jahrzehnten brillant darüber geschrieben, William Rees, der Erfinder des ökologischen Fußabdrucks, hat die Forderung an die Zukunft auf eine Formel gebracht, wenn er feststellt, dass nur ein Viertel der jetzt existierenden Menschheit mit dem jetzigen materiellen Lebensstandard nachhaltig leben kann. Ich ziehe daraus den Umkehrschluss, dass die Menschheit in ihrer jetzigen Zahl auf drei Vierteil ihres Konsums verzichten muss, wenn Sie den Globus nicht ruinieren will.

Wenn die Klimafachleute im Recht sind, dann steht die Menschheit vor der größten Herausforderung überhaupt, denn ein solches Ziel ist entweder gar nicht oder nur unter einer Weltregierung zu erreichen, die allen dieselben Opfer auferlegt.

Sahra Wagenknecht – eine Gerechte inmitten von Selbstgerechten

(Debatte zwischen dem Teufel, Frau Wagenknecht und einem gewissen GJ. Originalzitate von SW sind kursiv gedruckt)

GJ: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.

MEPH: Ob wir unter der lachenden Frühlingssonne auch nur einen einzigen Gerechten finden?

GJ eilt auf eine hohe Gestalt in der lustwandelnden Menge zu.

MEPH (flüsternd): Achtung! Das ist kein deutsches Gretchen, das ist eine germanisch-iranische Walküre!

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?

SW: Bin weder Fräulein weder schön kann ungeleitet nach Hause gehn.

Doch die heitere Stimmung macht mich milde. Zu einem Gespräch, meine Herren, bin ich bereit, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Als emanzipierte Frau halte ich Männer nicht für grundsätzlich dumm. Aber kein Me-Too! Ich rate Ihnen sehr, das nicht an mir zu probieren!

Gemeinsam begeben sich die drei an einen einladend geschmückten Tisch im Garten eines Straßencafés.

GJ: Darf ich Ihnen meinen Freund Herrn Gottseibeiuns M. präsentieren? Er ist ein großer Entlarver, aber Sie, liebe Frau Wagenknecht, haben einen noch viel schärferen Blick. Sie haben den Heuchlern den linken Glanzfirnis abgekratzt.

SW: Es scheint, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, ohne Aggression und mit einem Mindestmaß an Anstand und Respekt über ihre Probleme zu diskutieren. An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind emotionalisierte Empörungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten. Das ist beängstigend.

MEPH: Und ich dachte immer, die Linken ständen für soziale Gerechtigkeit, für Brüderlichkeit mit der ganzen Welt, für Uneigennützigkeit und Einsatz für die Schwachen. Wer das zu Heuchelei erklärt, setzt der sich nicht selbst ins Abseits?

SW: Laut Piketty gibt es zwei große Gruppen, die in den 1950er und 1960er Jahren linke Parteien im weitesten Sinne wählten und /sie/ 1990–2020 nicht mehr /wählen/. Das sind zum einen die Industriearbeiter und zum anderen einfache Angestellte im Dienstleistungsbereich, bei denen es sich seit den Neunzigern natürlich vielfach auch um ehemalige Industriearbeiter oder deren Kinder handelt. Heute sind es die Bessergebildeten und in zunehmendem Maße auch die Besserverdienenden, die links wählen, während die untere Hälfte der Bevölkerung den Wahlen entweder fernbleibt oder für Parteien aus dem konservativen und rechten Spektrum stimmt. In Deutschland haben die Grünen mittlerweile die FDP als Partei der Besserverdiener abgelöst.

MEPH: Liebe Frau, Ihre Meinungen stoßen bei mir auf viel Sympathie. Aber dasselbe könnten ja auch die Rechten behaupten, zum Beispiel die AfD.

GJ: Einspruch! In Wahrheit sagt unser Gast etwas anderes, nämlich dass linke Heuchelei den Aufstand der extremen Rechten überhaupt erst möglich machte.

SW: Es hätte keinen Donald Trump und auch keine AfD gegeben, wenn ihre Gegner ihnen nicht den Boden bereitet hätten. Linksliberale Intoleranz und rechte Hassreden sind kommunizierende Röhren, die sich gegenseitig brauchen, gegenseitig verstärken und voneinander leben. Statt die /Menschen/ … mit einem für sie attraktiven Programm anzusprechen, haben SPD und Linke der AfD zu ihren Wahlsiegen verholfen und sie zur führenden »Arbeiterpartei« gemacht. Die politische Rechte ist der große Gewinner des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Wähler rechter Parteien in ihrer Mehrzahl selbst nicht Überzeugung, sondern Protest als Wahlmotiv angeben. /Diese Tatsache/ verweist darauf, dass Wirtschaftsliberalismus, Globalisierung und Sozialabbau viele Menschen schlechtergestellt oder zumindest größeren Unsicherheiten und Lebensängsten ausgesetzt haben. Dass der linksliberale publizistische Mainstream ihnen außerdem das Gefühl gegeben hat, dass ihre Werte und ihre Lebensweise nicht mehr respektiert, sondern moralisch abgewertet werden. Dazu passt, dass gerade AfD-Anhänger in Umfragen immer wieder den »weit verbreiteten Egoismus, das fehlende Miteinander und das Macht- und Profitstreben« in unserer heutigen Gesellschaft kritisieren. Dabei fällt vor allem ein Umstand ins Auge, der eigentlich jedem Linken, der noch irgendeine Verbindung zur eigenen Tradition hat, schlaflose Nächte bereiten müsste: Die rechten Parteien sind die neuen Arbeiterparteien.. auch die AfD verdankt ihre Wahlerfolge zu erheblichen Teilen der Arbeiterschaft. Dass eher Unterprivilegierte als Wohlhabende rechts wählen, gilt sogar dann, wenn die betreffende Partei für eine wirtschaftsliberale, auf Privatisierungen und Sozialabbau orientierte Politik eintritt, wie es die AfD mehrheitlich tut, ebenso die FPÖ oder.. Donald Trump. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 gaben 69 Prozent der befragten AfD-Wähler an, die Partei aus Enttäuschung über alle anderen gewählt zu haben. Auch bei der Thüringen-Wahl von 2019 bestätigte mehr als jeder zweite AfD-Wähler, die Wahlentscheidung aus Enttäuschung über die anderen Parteien getroffen zu haben.

GJ: Anders gesagt, sehen Sie die Schuldigen in jener akademischen Mittelschicht, die zu den Gewinnern der Globalisierung gehört. Sie sprechen von einer Lifestyle-Linken, die hinter der trügerischen Fassade des Liberalismus eine erschreckende Illiberalität verbirgt.

SW: Besonders die Grünen sind heute in den meisten Ländern die Partei der akademischen Mittelschicht, die von Softwareprogrammierern und Marketingfachleuten und von Journalisten und höheren Beamten gleichermaßen gewählt wird. In Reinform verkörpern /sie/ dieses Lifestyle-linke Politikangebot, aber auch in den sozialdemokratischen, sozialistischen und anderen linken Parteien ist es in den meisten Ländern zur dominierenden Strömung geworden. Für das politisch-kulturelle Weltbild des Lifestyle-Linken hat sich in jüngerer Zeit der Begriff des Linksliberalismus etabliert, wobei Linksilliberalismus wesentlich passender wäre. Was den Lifestyle-Linken in den Augen vieler Menschen und vor allem der weniger Begünstigten so unsympathisch macht, ist seine offensichtliche Neigung, seine Privilegien für persönliche Tugenden zu halten und seine Weltsicht und Lebensweise zum Inbegriff von Progressivität und Verantwortung zu verklären. Über Zuwanderung als große Bereicherung für unsere Gesellschaft möchte man nicht ausgerechnet von Freunden des Multikulturalismus belehrt werden, die genau darauf achten, dass das eigene Kind eine Schule besucht, in der es mit anderen Kulturen nur im Literatur- und Kunstunterricht Bekanntschaft machen muss. Auch der Begriff White Trash (weißer Abfall) für die weiße amerikanische Arbeiterschicht wurde von Linksliberalen verbreitet. Wenig sympathisch macht den Lifestyle-Linken natürlich auch, dass er fortwährend eine offene, tolerante Gesellschaft einfordert, selbst aber im Umgang mit abweichenden Sichten oft eine erschreckende Intoleranz an den Tag legt, die sich mit der der äußersten Rechten durchaus messen kann. Für Kampagnen, deren erklärtes Ziel darin besteht, unliebsame Intellektuelle mundtot zu machen und sozial zu vernichten, gibt es mittlerweile sogar einen Begriff: cancel culture. Ein weiterer typischer Zug des Lifestyle-Linken: eine moralisch unantastbare Haltung zu zeigen ist für ihn wichtiger, als seine Anliegen auch umzusetzen. Die richtige Gesinnung wiegt schwerer, als das Richtige zu tun.

MEPH: Aber das ist doch eine uralte Geschichte! Wie viele Ketzer hat die Kirche des sanften Herrn Jesus Christus gefoltert, zerstückelt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, obwohl sie moralisch oft die besseren Menschen waren, deren einziger Fehler darin bestand, irgendeinem Dogma zu widersprechen! Von jeher kam es darauf an, sich zu einem Verein zu bekennen und dessen Fahne zu schwenken. Solange man Opportunist war, gehörte man zu den ehrsamen Bürgern und aufrechten Gläubigen, selbst Todsünden durfte man sich dann ungeschoren erlauben. Die richtige Gesinnung zählt, die richtige Tat war Nebensache.

GJ: Frau Wagenknecht kritisiert aber nicht nur, sie sagt auch deutlich, was alles falsch gemacht worden ist. Das erst verleiht ihren Worten Gewicht. 

SW: Wer von der eigenen Regierung erwartet, sie solle sich in erster Linie um das Wohl der hiesigen Bevölkerung kümmern und diese vor internationaler Dumpingkonkurrenz und anderen negativen Folgen der Globalisierung schützen – ein Grundsatz, der unter traditionellen Linken selbstverständlich war – gilt heute als nationalsozial, gern auch mit der Endung -istisch.

MEPH: Und das ist er ja auch! Ein echt Weltsozialer setzt sich dafür ein, dass nicht er selbst und sein Nachbar noch reicher werden als ohnehin schon der Fall, sondern dass die Schlechtweggekommenen überall auf der Welt profitieren. Wenn Betriebe aus den USA oder Deutschland nach China abwandern, dann ist ihm das recht, selbst wenn hier Tausende von Stellen verloren gehen, denn bei uns wird der Reichtum nur auf hohem Niveau reduziert, während er in China, Indien oder Afrika überhaupt erst entsteht. Dieselbe Haltung drückt sich auch darin aus, dass man Migration zulässt und damit Menschen ein besseres Leben verschafft, die darauf in ihren Heimatländern nie hoffen dürften. Es lebe die kosmopolitische Gesinnung!

GJ: Sie wenden dagegen ein, dass auch der scheinbare Altruist, der sich für Migration einsetzt – möglichst sogar eine unbegrenzte -, dies entweder aufgrund von Unwissenheit tut oder weil er damit ganz handfeste eigene Interessen verteidigt.

SW: Überall war die Öffnung für Migration die Reaktion auf sinkende Arbeitslosigkeit und deren Folge, dass die Arbeiter und ihre Gewerkschaften stärker und kämpferischer wurden. Die wichtigste Interessengruppe, die seit jeher ein ausgeprägtes Interesse an Migration hat, für deren Förderung und Erleichterung kräftig lobbyiert und oftmals sogar selbst die Rekrutierung im Ausland übernimmt, ist das Unternehmerlager. Und immer ging es dabei vor allem um eins: um billige Arbeitskräfte und die Spaltung der Arbeitnehmerschaft. 2,5 Millionen sogenannte Gastarbeiter arbeiteten in Deutschland, als der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt 1973 diese Politik mit einem kompletten Anwerbestopp beendete. In der heutigen SPD würde er dafür wohl als AfD-nah angegiftet. Heute stehen heimische Arbeitnehmer und Zuwanderer in vielen Bereichen in unmittelbarer Konkurrenz, mit allen negativen Folgewirkungen. Immerhin ist der deutsche Niedriglohnsektor einer der größten in ganz Europa. Jeder fünfte Beschäftigte arbeitet heute in diesem Bereich.

Dasselbe gilt für andere westliche Staaten. Bereits 2016 wurden im Vereinigten Königreich 20 Prozent aller Jobs für Niedrigqualifizierte von Ausländern erledigt. Die Belegschaften von Abfüll- und Verpackungsfabriken bestanden zu 43 Prozent aus Migranten, in der Fertigungsindustrie waren es 33 Prozent. Ein großer Getränkehersteller in London hatte seine ganze Belegschaft in Litauen angeheuert. Dass die Migrationsfrage damit zur Schlüsselfrage der Brexit-Debatte wurde, war nach dieser Vorgeschichte wenig erstaunlich. ›Leave Europe‹ bedeutet, die Kontrolle über die Migration zu gewinnen; ›Remain‹ dagegen unbegrenzte Einwanderung, sinkende Löhne und kulturelle Spannungen.

Eine Untersuchung über Migration in die Vereinigten Staaten belegt einen direkten Zusammenhang zwischen dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad in einzelnen Branchen und der Nicht-Beschäftigung von Zuwanderern. Obwohl die USA jenseits der Einwanderung Hochqualifizierter nahezu keine legale Migration zulassen, ist.. die illegale Migration politisch gewollt und wurde deshalb über Jahrzehnte weder von den Demokraten noch den Republikanern unterbunden.

Was die Folgen für das Lohnniveau betrifft, so werden sie durch die Statistiken übrigens eher verschleiert. Soweit /diese Folgen/.. überhaupt analysiert werden, wird in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau einer Volkswirtschaft als Referenzgröße genommen. Die dann nachweisbaren Auswirkungen sind meist gering. Denn es sind eben nicht alle, sondern vor allem die Beschäftigten ohne höhere Qualifikation, die unter der Konkurrenz zu leiden haben. Deshalb beeinflusst Migration auch nicht die Gehälter der Sterneköche, genauso wenig wie die der Journalisten, Werbegrafiker, Oberstudienräte oder anderer Berufsgruppen der sogenannten Wissensökonomie. Im Gegenteil, für sie ist die Auswirkung eher positiv, weil viele Dienstleistungen billiger werden: von der Putzhilfe über den Zusteller, der die online bestellten Päckchen in die schicke Altbauwohnung schleppt, bis zur Kellnerin, die in der Sushi-Bar die Spezialitäten serviert. Für die akademisch gebildete Mittelschicht steigt also durch mehr Migration die Kaufkraft der eigenen Einkommen.

MEPH: Frau Wagenknecht, Sie sind eine Seiltänzerin. Geschickt lavieren sie zwischen Links und Rechts, zwischen einer- und andererseits. Einerseits verteidigen Sie den Kapitalismus, solange er den Arbeitern gute Löhne verschafft, andererseits ist er schlecht, weil er die Reichen noch reicher macht. Den Wettbewerb halten sie einerseits für gut, solange er den am wenigsten kaufkräftigen Schichten billige Konsumgüter verschafft, andererseits ist er auch wieder schlecht, wenn er das Überleben der Stärkeren auf Kosten der Schwachen fördert. Wo stehen Sie eigentlich? Einerseits sind Sie links, andererseits vertreten Sie Positionen, die man bisher nur bei den Rechten fand. Einerseits kommen sie von der Linken – Sie sahen sich selbst sogar eine Zeitlang als Kommunistin -, andererseits tadeln Sie aber Ihre eigenen Leute und mussten deshalb Ihre Stellung als stellvertretende Fraktionsvorsitz aufgeben. Sie verdammen einerseits den furchtbaren Lügner Donald Trump, andererseits loben Sie seine Zollpolitik.

SW: Donald Trump.. wurden seine Pöbeleien, seine unflätigen Beschimpfungen und sexistischen Sprüche nicht nur nachgesehen, sie waren sein Erfolgsgeheimnis. Mit alldem profilierte er sich als Underdog, als Außenseiter und Gegenspieler des politischen Establishments, der von genau den gleichen Kräften gehasst und bekämpft wurde, von denen sich die nicht-akademische amerikanische Bevölkerung schon seit vielen Jahren verraten und verachtet fühlte. Der gemeinsame Gegner trug ihm die Sympathien vom Arbeiter über den konservativen Südstaatler bis zum strengreligiösen Kirchgänger ein, der ihn eigentlich für einen gottlosen Rüpel hätte halten müssen. Das ist das eine. Andererseits hat er zwar wenig für die Arbeiter und die Ärmeren getan, aber während Demokraten wie Republikaner die De-Industrialisierung des Landes und die Zerstörung der Industriearbeitsplätze jahrzehntelang mit völliger Gleichgültigkeit hingenommen haben, hat er das Thema in den Mittelpunkt gestellt und der Globalisierung mit seiner Zollpolitik den Kampf angesagt. Das eine ist so richtig wie das andere.

Was nun mein Verhältnis zum Kapitalismus betrifft, so ist der Anreiz, neue Produkte zu entwickeln und arbeitssparender zu produzieren, .. der Grund dafür, dass.. /der Kapitalismus/ 150 Jahre lang die technologische Entwicklung vorangetrieben und die materiellen Grundlagen für unseren gesellschaftlichen Wohlstand vervielfacht hat. Das ist die positive Seite dieses Wirtschaftssystem. /Der Kapitalismus/.. funktioniert also am besten in wettbewerbsintensiven Industrien, in denen Gesetze und starke Gewerkschaften für steigende Löhne und hohe Sozial- und Umweltstandards sorgen. Wenn diese Bedingungen fehlen, sieht es aber völlig anders aus. Alles in allem ist der Kapitalismus für eine Ökonomie, die von Dienstleistungen dominiert wird, keine vorteilhafte Wirtschaftsordnung. Die digitalen Technologien sind für kapitalistisches Wirtschaften denkbar ungeeignet, weil sie aufgrund des Monopolisierungstrends zu extrem hohen Gewinnspannen bei gleichzeitig beispielloser Marktmacht führen. Heute ist Kapitalismus vielerorts kein ökonomisches Rezept zur Förderung von Wohlstand und Wohlergehen sondern das gerade Gegenteil. Ein Extrembeispiel ist der ärmste Bezirk im schottischen Glasgow, in dem besonders viele Menschen leben, die durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte aus der Bahn geworfen wurden. Hier beträgt die Lebenserwartung aktuell gerade noch 54 Jahre, 30 Jahre weniger als in den reichen Londoner Vierteln Kensington und Chelsea. In den USA ist die Lebenserwartung von Frauen und vor allem Männern aus der alten Mittelklasse und der Arbeiterschaft seit Jahren rückläufig. Wo liegt der Widerspruch, wenn ich beides zugleich aufzeige?

GJ: Ich gebe Ihnen recht. Sie vertreten eine stimmige Position.

SW: Und jetzt zu meiner Beurteilung von Rechts versus Links. Rechts im originären Verständnis ist die Befürwortung von Krieg, Sozialabbau und großer Ungleichheit. Das aber sind Positionen, die auch viele Grüne und linksliberale Sozialdemokraten teilen.

GJ: Eine harsche Kritik. Sie denken an die Befürwortung des Jugoslawienkriegs durch Joschka Fischer?

SW: Zum Beispiel. Sich von reaktionären Traditionen zu verabschieden, ist etwas ganz anderes als die Auflösung aller Gemeinsamkeiten und den Zerfall der Gesellschaft in ein gleichgültiges Nebeneinander vereinzelter Individuen und egoistischer Kleingruppen als progressive Modernisierung zu bejubeln. Die meisten Menschen lieben ihre Heimat und identifizieren sich mit ihrem Land, und sie wollen dafür nicht angefeindet oder moralisch herabgewürdigt werden. Wenn die Linksliberalen der Renationalisierung der Politik den Kampf ansagen, dann übersetzen sie das damit, dass die Linke den Sozialstaat nicht mehr verteidigt. Für Menschen, die sich an Gemeinschaften orientieren, ist ihre Familie nicht irgendeine Familie, ihre Heimatregion nicht irgendein Landstrich und ihr Land etwas anderes als andere Länder. Deshalb fühlen sie sich Staatsbürgern des eigenen Landes enger verbunden als Menschen, die woanders leben, und sie wollen nicht, dass die Politik oder die Wirtschaft in ihrem Land von außen gesteuert wird. Wer so denkt und die geschilderten Werte hochhält, wird heute konservativ genannt. Der Begriff ist nicht falsch. Menschen, die so denken, wollen tatsächlich ein Wertesystem erhalten und vor Zerstörung bewahren, das im globalisierten Kapitalismus unserer Zeit unter massivem Druck steht und teilweise bereits zerbrochen ist. All diese Einstellungen, die nach Umfragen von Mehrheiten geteilt werden, kann man als aufgeklärt konservativ bezeichnen. Sie sind mit einer grundsätzlich liberalen Grundeinstellung problemlos vereinbar. In einem tieferen Sinne sind sie sogar links. Denn sie entsprechen der Lebenswelt, den Traditionen und auch den sozialen Interessen der Beschäftigten in nichtakademischen Industrie- und Serviceberufen und der klassischen Mittelschicht. Eines sind sie in jedem Fall nicht: rechts. Auf keinen Fall ist die Sehnsucht nach sozialen Bindungen … /das/ Ergebnis einer Unterwerfung, wie einer der Vordenker des Linksliberalismus, Michel Foucault, behauptet hat. Die Prägung des Menschen durch seine Geschichte und nationale Kultur ist daher auch kein Gefängnis, aus dem man ihn befreien muss. Der Wertkonservatismus, der sich an Zugehörigkeit und Gemeinschaft orientiert, hat aber nicht nur die meisten konservativen Parteien zum Gegner, sondern auch den Linksliberalismus: Letzterem gelten Menschen mit wertkonservativen Einstellungen als rückwärtsgewandt und sie werden verdächtigt, überholte Vorurteile und Ressentiments zu pflegen. Aber wertkonservativ und zugleich links zu sein ist kein Widerspruch. Zugespitzt könnte man ein solches Programm als linkskonservativ bezeichnen, auch wenn dieser Begriff mit dem Risiko lebt, von beiden Seiten abgelehnt zu werden.

MEPH: Und doch sind Sie mit Ihrer abwägenden Art von einer- und andererseits seltsam aus der Zeit gefallen! Junge Leute wollen kein Jein. Die wollen Eindeutigkeit und sie wollen dreinschlagen, wenn Ihnen Politik und Wirtschaft nicht länger passen.

GJ: Und das tun sie ja auch mit den endlosen Hasstiraden, die uns aus der Giftküche der Social Media entgegenschäumen. Da lob ich mir den klaren, ehrlichen Blick auf die Wirklichkeit, den uns Frau Wagenknecht bietet. Nur die Empörten, die Dummen und die Verbrecher beziehen eindeutige Positionen. Vernunft wägt ab.

MEPH: Haben die Vernünftigen jemals Weltpolitik gemacht? Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Frau Wagenknecht ist aber keine Minerva und nicht einmal eine Eule, sie betört uns mit ihren idealistischen Visionen. Ginge es nach ihr, so müsste man dem Nationalstaat nur wieder mit den Instrumenten ausstatten, welche in den drei Nachkriegsjahrzehnten einen vergleichsweise gerechten Kapitalismus ermöglichten – und schon würde sich alles zum Guten wenden.

SW: Ja, der Nationalstaat ist kein Auslaufmodell. Die linke… /Position/ besteht darin, den Nationalstaat nicht nur als obsolet, sondern darüber hinaus als gefährlich, nämlich potenziell aggressiv und kriegslüstern darzustellen. Von einer Handlungsunfähigkeit der Nationalstaaten kann /aber/.. keine Rede sein. In jeder großen Krise, egal ob gerade die Banken kollabieren oder Corona die Wirtschaft in den Abgrund zieht, entpuppten sich die totgesagten Nationalstaaten sogar als die einzigen handlungsfähigen Akteure. Nicht die internationalen Organisationen, sondern die großen Nationalstaaten sind mächtig genug, die Einhaltung bestimmter Regeln auch außerhalb ihres Territoriums zu erzwingen. Besonders rücksichtslos wird diese Macht mittlerweile von den Vereinigten Staaten eingesetzt. Die Nationalstaaten sind.. auch die einzige Instanz, die gegenwärtig in nennenswertem Umfang Marktergebnisse korrigiert, Einkommen umverteilt und soziale Absicherungen bereitstellt. Die Mär vom schwachen Nationalstaat in unserer globalisierten Welt ist also vor allem eins: eine Zwecklüge der Regierungen, um die Verantwortung für die Abkehr von den einstigen Schutz- und Sicherheitsversprechen des Staates auf Sachzwänge abzuwälzen. Laut einer Befragung des World Value Survey zwischen 2010 und 2014 liegt der Anteil der EU-Bürger, die sich zuerst als Europäer und dann erst als Bürger ihres Nationalstaats fühlen, in den verschiedenen europäischen Ländern zwischen 4 und 6 Prozent. Den höchsten Wert gibt es in Deutschland mit 10 Prozent. Es hilft nichts: Die höchste Ebene, auf der Institutionen für gemeinschaftliches Handeln und gemeinsame Problemlösungen existieren, die auch noch demokratisch kontrolliert werden können, ist auf absehbare Zeit nicht Europa und schon gar nicht die Welt. Es ist der viel gescholtene und voreilig für tot erklärte Nationalstaat.

MEPH: Und doch zeigen Sie in Ihrem Buch doch gerade, dass der Nationalstaat den Schwachen nicht länger hilft. Sie widersprechen sich und betreiben Agitation gegen Europa, womit Sie die Kräfte des rechten Lagers stärken.

SW: Eine böswillige Unterstellung. Ich zeige nur, dass der neoliberale konzerngesteuerte Nationalstaat, der die Solidarität mit den eigenen Bürgern gekündigt hat, den Schwachen nicht länger hilft. Und ich zeige, dass auch Europa seine Pflicht gegenüber den einfachen Bürgern nicht mehr erfüllt. Seit 2011 das sogenannte Europäische Semester eingeführt wurde, in dessen Rahmen die EU-Kommission direkten Einfluss auf die nationalen Haushaltspläne nehmen kann, forderte sie europäische Staaten insgesamt 63 (!) Mal zu Kürzungen im Gesundheitswesen und zur verstärkten Privatisierung von Krankenhäusern auf. Rund 50 Mal forderte die EU-Kommission Regierungen auf, Maßnahmen zu ergreifen, um Lohnwachstum zu unterbinden. 38 Mal erteilte sie Anweisungen zur Einschränkung des Kündigungsschutzes und zum Abbau anderer Arbeitnehmerrechte. Und der Europäische Gerichtshof unterstützt diese Politik. Der rote Faden, der sich durch /seine/ sozialökonomischen Urteile.. zieht, ist unverkennbar: Sie begünstigen große transnationale Konzerne und sie verschlechtern die Bedingungen für Arbeitnehmer und Mittelstand. Die Europäische Union sei heute, schlussfolgert Thomas Piketty, zu einem Thema geworden, das die Bildungs- und Wirtschaftseliten verbinde, also Oberschicht und akademische Mittelschicht, während es auf der Gegenseite die klassische Mittelschicht, die Arbeiter und einfache Servicebeschäftigte zusammenführt, die sich in den meisten Ländern in ihrer Ablehnung des derzeitigen Europa einig sind. 

MEPH: Frau Wagenknecht. Die Globalisierung wurde nicht in Europa, sie wurde von den USA gemacht. Diese Tatsache blenden sie aus.

SW: Die Globalisierung der Produktion war.. ein unter dem Druck der Konzerne politisch ermöglichter Prozess. Ihr Motiv waren nicht Produktivitätsfortschritte, sondern Interessen. Sie hob nicht den allgemeinen Wohlstand, sondern machte einige reicher und viele ärmer.  Es wird geschätzt, dass ein Fünftel bis ein Viertel der verlorenen Industriearbeitsplätze auf das Outsourcing zurückgeht. Hatten zu Beginn der siebziger Jahre große Automobilbauer noch etwa 60 Prozent der Wertschöpfung in Eigenregie vollzogen, lag diese Quote am Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch zwischen 20 und 30 Prozent. Allein bis 1983, innerhalb der ersten fünf Jahre der Regierung Thatcher, verschwand ein Drittel aller britischen Industriearbeitsplätze. In Großbritannien und Frankreich ging bis 2012 jeder zweite Industriearbeitsplatz verloren, in Deutschland war es jeder vierte. Am stärksten betroffen waren die Branchen Textil, Schiffbau, Bergbau und Stahl.

MEPH: Da ist Ihnen aber ein Irrtum unterlaufen – und noch dazu ein sehr großer. Die Globalisierung hat nicht einige reicher und viele ärmer sondern genau umgekehrt: sie hat viele reicher und einige ärmer gemacht. Beinahe ein Viertel der Menschheit, nämlich Japan, China und die Asiatischen Tiger sind reich geworden und Indien ist im Begriff, ihnen zu folgen. Nur die alten Industrienationen USA und Europa, bevölkerungsmäßig ein Bruchteil der Menschheit, haben Verluste hinnehmen müssen, weil viele ihrer Industrien von den Asiaten übernommen wurden. Wer an die ganze Menschheit denkt und nicht an jenen kleinen Teil, der ohnehin schon seit zwei Jahrhunderten die größten Vorteile genießt, kann diese Entwicklung nur begrüßen.

SW: Es waren Politiker, die die Kapitalverkehrskontrollen aufgehoben und den Weg für internationale Direktinvestitionen geöffnet haben. Es waren Politiker, die darauf verzichteten, die Unterschiede in den Produktionskosten durch Zölle auszugleichen oder auch nur das internationale Steuerdumping einzudämmen. Es waren Politiker, die sich um Investitionsschutzabkommen und den weltweiten Schutz von Marken-, Patent- und Urheberrechten bemühten, um die Auslandsinvestments der Konzerne in einen möglichst vorteilhaften rechtlichen Rahmen einzubetten. Sie taten das, weil Wirtschaftsunternehmen und ihre Lobbyisten all ihren Einfluss, ihr Geld und ihre ökonomische Macht zum Einsatz brachten, um die entsprechenden Entscheidungen herbeizuführen. Aber die Politik hätte das nicht tun müssen. Die Globalisierung hat den Reichtum der Oberschicht und der Wirtschaftseliten extrem vergrößert.

GJ: Da stimme ich Frau Wagenknecht zu. Dieses Vorgehen war nicht das Ergebnis eines altruistisch bewegten Weltbürgertums. Amerikanische Unternehmen machten China reich, sie legten den Grundstein für den Aufstieg der kommenden Weltmacht, die Amerika von der ersten Stelle verdrängen wird, aber sie taten das nicht etwa aus Kosmopolitismus und Nächstenliebe. Sie taten es aus kurzfristigem Interesse und langfristiger Dummheit, denn sie selbst haben den mächtigen Rivalen dadurch überhaupt erst geschaffen und aufgepäppelt.

SW: Die Chiffre der Weltoffenheit und das linksliberale Weltbürger-Gehabe sind.. vor allem eins: eine besonders trickreiche, weil mit edlen Motiven versehene Rechtfertigung genau der Entwicklung, die wir seit gut dreißig Jahren erleben: eine Rechtfertigung für die Freiheit globalen Renditestrebens, das durch keine staatlichen Einschränkungen mehr behindert wird, Auch das zeigt, dass das zelebrierte Weltbürgertum vor allem ein Alibi ist, um sich der Bindungen und damit auch der empfundenen Verpflichtungen gegenüber den weniger privilegierten Bevölkerungsschichten im eigenen Land zu entledigen.

Aber ich bestehe darauf, dass man nicht ganze Bevölkerungsschichten in die Arbeitslosigkeit entlassen darf. Dann wird es Revolutionen geben wie im Nahen Osten und im Ansatz auch schon in den USA. Das wäre eine Horrorvision für Rechts und Links gleichermaßen. Wenn die Linken nicht für die Benachteiligten Partei ergreifen, dann werden es eben die Rechten tun. Während die Parteien, die in Polen unter dem Label links firmierten, einem Wildwest-Kapitalismus mit extremer Ungleichheit den Boden bereitet hatten, beschloss die viel gescholtene PiS nach ihrem Wahlsieg 2015 das größte Sozialprogramm der jüngeren polnischen Geschichte. Dazu gehörte als wichtigste Maßnahme ein Kindergeld von 500 Zloty pro Monat, umgerechnet rund 120 Euro, eine mit Blick auf das polnische Pro-Kopf-Einkommen gewaltige Summe. Allein diese Maßnahme hat die Armutsquote in Polen um 20 bis 40 Prozent reduziert, bei Kindern sogar um 70 bis 90 Prozent. Welche linke Partei kann in jüngerer Zeit solche Erfolge vorweisen? Wie unsympathisch man die PiS sonst immer finden mag und wie reaktionär deren Positionen in vielen Fragen tatsächlich sind, dieses Paket steht für eine couragierte Sozialpolitik, wie man sie sich von allen sozialdemokratischen und linken Parteien in Westeuropa wünschen würde.

GJ: Einverstanden! Genau diese Politik hat China ganz genauso betrieben und deswegen kann die dortige Diktatur bis heute auf die Loyalität ihrer Bevölkerung vertrauen.

SW: So ist es. Während in China 82 Prozent und in Indien 79 Prozent Vertrauen in die genannten Institutionen /Staat, Wirtschaft und Medien/ haben, sind es in den USA nur 47 Prozent, in Deutschland 46 Prozent und in Großbritannien 42 Prozent.

MEPH: Sie loben nicht nur die Regierungen in Polen und Ungarn sondern selbst noch die chinesische Diktatur. Wie können Sie sich da noch wundern, dass viele Sie für eine verkappte Rechte halten?

SW: Eine böswillige Unterstellung! Ich versuche nur zu verstehen, warum Menschen mit einer Regierung zufrieden sind, welche Ihre Interessen vertritt und warum sie umgekehrt Regierungen – gleichgültig ob links oder rechts – ihre Stimme verweigern, die diese Interessen ignorieren.

GJ: China hat zwei Drittel der weltweiten industriellen Produktion übernommen, weil es nach wie vor über ein gewaltiges Reservoir an disziplinierten Billigarbeitern verfügt. Was Deutschland vor einem halben Jahrhundert einmal war, aber inzwischen immer weniger ist: ein Sozialstaat, genau das ist China heute. Millionen Menschen wurden aus der Armut erlöst, inzwischen erfreut sich das Milliardenvolk sogar einer Krankenversicherung für alle. Bei uns aber müssen immer mehr Menschen auf den gewohnten Lebensstandard verzichten.

MEPH: Dann hätten eure Politiker also das Gemeinwohl verraten? Diese Sicht kann ich nicht teilen. Nein, es gab Gründe für den von ihnen eingeleiteten Umbau der Wirtschaft. Der ehemalige Justizminister Horst Ehmke bezeichnete Daimler Benz damals als eine Bank mit angegliederter Autoabteilung. „Die Firma Daimler-Benz hat im Jahre 1981 an ihren Einnahmen aus Vermögen, vor allem an Zinseinnahmen, mehr verdient als am Verkauf der Lkw- und Pkw-Produktion“, gab er am 13. Oktober 1982 vor dem Deutschen Bundestag zu Protokoll. Ähnlich verhielt es sich damals in den Vereinigten Staaten. „General Motors… verdient heute mehr Geld mit Hypotheken als mit dem Verkauf von Autos“ (Roszak, Alarmstufe rot, S. 67). Die Märkte waren gesättigt, führende Industrien verdienten nichts mehr in der Realwirtschaft, deshalb ließen sie sich auf Finanzspekulationen ein. Da traten Wirtschaftswissenschaftler wie Robert Reich auf die Bühne und verkündeten der Welt, dass die Vorortproduktion (local content) ein Fehler sei. Der sogenannte Washington Consensus erhob diese Lehrmeinung zum Dogma und forderte eine neue ökonomische Ordnung. Das war die entscheidende Wende zur Globalisierung. Ihr Europäer habt da nur ohnmächtig zuschauen können. Nachdem die USA einmal begonnen hatten, immer größere Bereiche der industriellen Fertigung nach China auszulagern, blieb deutschen Unternehmen gar keine andere Wahl als diese Strategie zu übernehmen, andernfalls wären deutsche Produkte aufgrund zu hoher Preise auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Anders als Sie, Frau Wagenknecht, uns einreden wollen, waren die deutschen Politiker und die deutsche Wirtschaft in dieser Situation die Getriebenen. Der Nationalstaat war gegenüber dieser Entwicklung zur Ohnmacht verdammt.

GJ: Nicht ganz. Deutsche Politiker hätten die Globalisierung verweigern können. Dann wäre der deutsche Export eben auf Europa beschränkt geblieben. Zu Beginn der Neunziger Jahre waren die Auswirkungen dieses Verzichts noch überschaubar. Drei Viertel des deutschen Exports gingen damals noch nach Europa, der Verlust hätte sich somit auf den vierten Teil des damaligen Exports beschränkt. Diesen Vorschlag hatte ich in meinem Buch „Die Arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer) gemacht. Meinhard Miegel kommentierte ihn mit den Worten: „Versuchen Sie mal, deutsche Industrielle zu einem Verzicht zu bewegen.“

MEPH: Dieser Verzicht war schon deswegen nicht zu erwarten, weil die Globalisierung für eine Mehrheit der Menschheit segensreich war und es immer noch ist. Chinesen und Inder würden die Thesen von Frau Wagenknecht schlicht als absurd bezeichnen – und genau deswegen haben sie ja auch so großes Vertrauen in ihre Regierungen. Zugleich aber müsst ihr die Tatsache akzeptieren, dass Auslagerung, wenn ein Staat (in diesem Fall die USA) einmal damit begonnen hat, von den übrigen Staaten akzeptiert werden muss, um auf dem Weltmarkt präsent zu bleiben. Vor diesem Faktum verschließt Frau Wagenknecht beflissen die Augen, weil es nicht in ihr Bild vom souveränen Nationalstaat passen will. Damit stimmt auch ihr harsches Urteil über die Agenda 2010 des damaligen deutschen Kanzlers Gerhard Schröder zusammen.

SW: Wirtschaftsliberale wie Schröder oder Blair haben sich im Umgang mit Konzernvorständen und Unternehmerverbänden von ihren konservativen Kollegen in der Regel nur durch ihre noch größere Unterwürfigkeit unterschieden. /Die Existenz/ des Niedriglohnsektors/ geht /zum Teil/.. auf die Arbeitsmarktreformen in der Zeit der SPD-Grünen-Koalition unter Gerhard Schröder zurück, die viele Schutzrechte von Beschäftigten aufgehoben und den Unternehmen die Möglichkeit gegeben hatte, großflächig reguläre Vollzeitjobs durch irreguläre Beschäftigungsverhältnisse zu ersetzen.

MEPH: Wieder klammert Frau Wagenknecht einen wesentlichen Teil der ökonomischen Realität einfach aus. Nachdem der Washington Consensus die Auslagerung salonfähig machte, hing die Höhe der in Deutschland gezahlten Löhne eben nicht mehr ausschließlich von den Wettbewerbsbedingungen in Europa ab sondern ebenso von den Vorgaben des Weltmarkts. Wenn Billiglohnländer dort Produkte zu weit geringeren Preisen absetzten, dann mussten deutsche Exportunternehmen die Löhne zu Hause drücken oder sie wurden vom Markt gedrängt. Diesem äußeren Zwang standen die betreffenden Unternehmen so machtlos wie die Gewerkschaften gegenüber. Das will Frau Wagenknecht nicht sehen (ebenso wie Heiner Flassbeck und viele andere). Sie scheint ganz zu vergessen, dass diese Verdrängung bereits in vollem Gange war, deswegen verspottete ja der Rest der Welt das damalige Deutschland als „den kranken Mann Europas“. Mit der Agenda 2010 hat Schröder damals nur die Notbremse gezogen. Indem er den deutschen Sozialstaat verbilligte, verschaffte er dem deutschen Export einen gewaltigen Aufschwung aber um den Preis im eigenen Land einen Niedriglohnsektor, den größten in Europa, zu installieren. Für eine linke Partei wie die SPD war es ein furchtbares Unglück, dass gerade ein Kanzler aus ihrer Reihe sich zu einem solchen Schritt entschloss.

GJ: Solange Deutschland mit Innovationen brillierte, war es dem äußeren Lohndruck noch wenig unterworfen, denn für innovative Produkte können Unternehmen zumindest zeitweise Monopolpreise verlangen. Aber Innovation lässt sich nicht verordnen. Die Chinesen melden inzwischen weltweit die meisten Patente an.

MEPH: Frau Wagenknecht pflegt noch eine Reihe anderer Illusionen. Auch ohne Auslagerung wird es kein Zurück zu den Zuständen vor einem halben Jahrhundert geben. Ich wundere mich sehr darüber, dass der Begriff „Automation“ in Ihrem Buch nicht ein einziges Mal erscheint. Aber gerade diese von Ihnen, Frau Wagenknecht, aus gutem Grund unterschlagene Automation macht Ihre Vision zuschanden. Arbeiter und Angestellte, deren Funktion in der Ausübung geistiger oder körperlicher Routinevorgänge bestand, werden in der modernen Wirtschaft nicht länger gebraucht, weil ein Großteil ihrer Tätigkeiten inzwischen von Robotern und künstlicher Intelligenz erledigt wird. Wer nicht gebraucht wird, dem wird aber auch kein Lohn gezahlt. Natürlich kann man kein Unternehmen und keinen Staat dazu zwingen, Roboter und künstliche Intelligenz einzusetzen, aber wenn er diese Entwicklung verschläft oder verweigert, bleibt er technologisch zurück und seine Unternehmen produzieren weniger effizient und teurer. Aus diesem Grunde sind Digitalisierung und der Siegeszug der arbeitsvernichtenden Roboter nicht länger aufzuhalten. Davon sind aber sämtliche klassischen Berufe der Arbeiterschaft und der Angestellten betroffen – also jener Teil der Bevölkerung der während der drei von Frau Wagenknecht als Vorbild gerühmten drei Nachkriegsjahrzehnte einmal die Mehrheit gebildet hatte. Aufgrund des technischen Fortschritts ist diese Mehrheit jetzt schon weitgehend weggebröckelt. Wie können Sie da noch hoffen, dass deren Vertretung, die Gewerkschaften, in Zukunft noch eine Rolle spielen? Wie wollen Sie mit den Instrumenten der Vergangenheit, die Herausforderungen dieser ganz neuen Zukunft meistern?

SW: Privates Eigentum und Gewinnstreben /kann/ nur da den technologischen Fortschritt voranbringen und damit die Wohlstandspotenziale der Wirtschaft erhöhen, wo der Wettbewerb funktioniert und klare Regeln und Gesetze dafür sorgen, dass Kosten nicht zulasten von Beschäftigten und Umwelt gesenkt werden können. 

GJ: Das ist leider nicht wahr. Aufgrund der Agenda 2010 wurde Deutschland insgesamt reicher, es gab wieder Wachstum, nur die weniger begünstigten Schichten, die Globalisierungsverlierer, haben gelitten. Und wie gesagt, während die Globalisierung die Verlierer in Old Europe und den Vereinigten Staaten ärmer macht, ist nahezu ein Viertel der Menschheit seitdem wohlhabender geworden – insgesamt wurde die Welt also reicher.

MEPH: Weswegen Frau Wagenknecht ja auch nur aus Old Europe und vielleicht auch noch aus den Vereinigten Staaten Beifall für ihre Thesen erhält. Aber meine Zweifel reichen noch tiefer. Etwas anderes – etwas wirklich Erschreckendes – hat sie nämlich ganz übersehen. Seit der industriellen Revolution ging die Welt etwa zwei Jahrhunderte lang davon aus, dass Ressourcen in unbegrenzter Menge vorhanden seien. Auf dieser Hoffnung beruhte die Forderung nach ewigem Wachstum, das irgendwann alle Menschen des Globus reich machen würde. Auf diese Illusion muss die Menschheit inzwischen verzichten. Jetzt schon verbraucht sie mehr als nur einen einzigen Globus (weil sie in zunehmendem Tempo die nicht erneuerbaren fossilen Energiereserven verzehrt). Wenn aber ein nicht mehr vermehrbarer Rest aufgezehrt wird, dann haben wir es mit einem Nullsummenspiel zu tun. Was die einen zu viel verbrauchen, muss den anderen jetzt und in Zukunft fehlen. In einer Welt mit begrenzten Ressourcen wird der Reichtum für alle zur Fata Morgana. Das Wachstum der einen geht zwangsläufig zu Lasten der anderen. Diesen Einwand gegen das Wachstum müsstet ihr selbst dann noch akzeptieren, wenn es die Klimakrise nicht gäbe.

SW: Ach ja, die Klimakrise. »Fridays for Future« und der linksliberale Mainstream hatten die Klimadebatte zu einer Lifestyle-Debatte gemacht und die Forderung nach einer CO2-Steuer in den Mittelpunkt gestellt. Das als Reaktion auf die/se/ Bewegung von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket belastet überproportional die untere Mitte und die Ärmeren sowie Menschen, die in ländlichen Regionen leben. Wollen wir, um Umwelt und Klima zu retten, viele Annehmlichkeiten des Lebens wieder zu einem Luxusgut machen, das sich nur noch Privilegierte leisten können – oder stattdessen lieber nachhaltig und mit anderen Technologien produzieren?

GJ: Bitte, das ist doch wohl die falsche Alternative. Das bisherige Wachstum führt auf den Zusammenbruch zu, wenn wir den Ressourcenverbrauch nicht radikal beschränken. An anderer Stelle geben Sie selbst das ja auch zu: Woher soll die Energie kommen, die unsere Wirtschaft am Laufen hält, unsere Fahrzeuge antreibt und unsere Häuser mit Wärme und Strom versorgt, wenn wir auf fossile Energieträger verzichten und auch nicht zum Atomstrom zurückkehren wollen? Wer glaubt, dieses Problem durch ein paar mehr Windräder und Solarpanels auf dem heutigen technologischen Stand lösen zu können, hat sich offenbar nie mit dem Energiebedarf einer Gesellschaft wie der unsrigen und auch nicht damit beschäftigt, dass dunkle, windarme Tage in unseren Breiten trotz Klimawandels sehr häufig sind. Indirekt geben Sie an dieser Stelle also selber zu, dass Klimawandel und versiegende Ressourcen den Verzicht erzwingen. Die Frage ist eben nur, wer soll da verzichten? Sie setzen sich für die Ärmsten der Gesellschaft ein – und da stehe ich ganz an Ihrer Seite. Wenn der Verzicht nicht zu Aufständen innerhalb der Staaten und zu Ressourcenkriegen zwischen ihnen führen soll, dann muss er für alle gelten.

MEPH: Sehr richtig, aber diesen Verzicht auch durchzusetzen, dazu ist der Nationalstaat nicht in der Lage. Wenn er die Unternehmen im eigenen Land so besteuert, dass den Armen ernstlich geholfen wird, verlagern sie ihren Sitz ins Ausland; wenn er die Reichen zur Kasse bittet, ergreifen sie mit ihrem Kapital die Flucht; wenn er dem Talent – den Wissenschaftlern, Informatikern, Ärzten etc. – die Gehälter zum Zweck der Umverteilung kürzt, sucht es sich seine Arbeitsplätze an anderen Orten. Nur neue Mauern zwischen den Staaten – eine weltweite Deglobalisierung – könnte solches Ausweichen verhindern. Aber das wäre nur unter Bedingungen möglich, die heute gerade nicht existieren. Jeder Staat müsste die für seinen Wohlstand erforderlichen Ressourcen im eigenen Land finden können; es dürfte die Abfallprodukte nicht geben, mit denen er die Luft und die Meere des ganzen Globus verseucht und die Raketen und Bomben, womit er die ganze übrige Welt bedroht.

Die Technologie hat euch die Globalisierung aufgezwungen – nicht die Böswilligkeit von Politikern. Ihr sitzt alle im gleichen Boot, weil ihr den Globus seit einem Jahrhundert, so klein gemacht habt, dass jeder in Echtzeit wissen kann, was im selben Augenblick nicht nur sein Nachbar am selben Ort sondern die Menschen auf der anderen Seite des Globus tun und bezwecken. Die durch Technik bewirkte Globalisierung ist euer Verhängnis.

SW: Ich beharre darauf, dass es trotzdem immer noch den Gegensatz von nah und ferne gibt. Eine Schlüsselkategorie zur Abgrenzung von Gemeinschaften ist die Unterscheidung von zugehörig und nicht zugehörig. In einer intakten Familie fühlen wir uns anderen Familienmitgliedern enger verbunden als Menschen, die nicht zur Familie gehören. Wir sind eher bereit, Familienmitglieder zu unterstützen als Fremde. Und wir haben ein größeres Vertrauen, dass wir nicht ausgenutzt und hintergangen werden. Das ist kein moralisch fragwürdiges, sondern ein normales menschliches Verhalten. Je mehr wir uns Menschen verbunden fühlen, desto größer ist die Hemmschwelle, sie über den Tisch zu ziehen. Genau.. /diese Nähe/ schafft eine Basis für Vertrauen.

GJ: Gewiss, und Sie bringen auch ein treffendes Zitat des großen Rousseau: »Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tataren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben.«

Dennoch, ob wir es wollen oder nicht, die Technologie hat alle Menschen auf der Welt durch den ständig anschwellenden Fluss an Ressourcen, Waren, Informationen und leider auch Müll und Bomben einander so nahe gebracht, dass sie heute für ihr Überleben gezwungen sind, den Fernsten ebenso zu vertrauen wie den Nächsten in ihrer unmittelbaren Umgebung, denn alle sind heute gleichermaßen imstande, Luft und Meere zu vergiften, die Atmosphäre zu verstrahlen und die letzten Gletscher zum Schmelzen zu bringen. Man kann darin ein Verhängnis sehen, weil der Nationalstaat und seine Menschen die Kontrolle über das eigene Schicksal weitgehend verloren haben. Man kann diese Abhängigkeit leugnen, wie Frau Wagenknecht es tut. Oder man kann der übrigen Welt das Evangelium einer ewig wachsenden und noch dazu grünen Wirtschaft verheißen, wie China es tut und sich damit rühmt, dass es in unserer Zeit der stärkste Motor für die Industrieproduktion, den Welthandel und einen globalen Wohlstand sei.

MEPH: Eine blauäugige Vision, die man auch als Betrug bezeichnen kann, weil China sehr wohl um die schwindenden Ressourcen weiß. Zur gleichen Zeit unternimmt es nämlich alles in seiner Macht, um weltweit Land aufzukaufen und sich den Zugang zu den Ressourcen in Afrika ebenso wie in Lateinamerika zu sichern. Der Kampf um die verbliebenen Schätze hat längst begonnen. Aber ich muss meinen Vorwurf noch steigern, dass Frau Wagenknecht blind für die wirklichen Herausforderungen ist, jene nämlich, welche die Lage der Ärmsten auch in den reichen Staaten des Westens in Zukunft noch zusätzlich verschlimmern werden. Was wir schon seit einigen Jahrzehnten beobachten, ist ein weltweites Rennen um die besten Köpfe. Seit der digitalen Revolution wird Technik ja mit jedem Tag nur immer komplexer. Die am höchsten entwickelten Computerprogramme sind schon heute so umfangreich, dass mit ihnen beschriebene DIN-A4 Seiten einen Stapel in der Höhe des Eiffelturms ergeben. In positiver Sicht können wir das als eine Vergeistigung unserer Zivilisation bezeichnen. In negativer Perspektive läuft diese Entwicklung darauf hinaus, dass immer weniger Menschen für diese Berufe in Frage kommen, denn die Gausssche Normalverteilung von Intelligenz bleibt ja dieselbe. Der Pool, aus dem hier geschöpft werden kann, ist also begrenzt. Die Unterschiede der Bezahlung müssen daher zwangsläufig größer werden, weil die exzeptionelle Begabung ein seltenes Gut darstellt. Eure Gesellschaft ist in Gefahr an Komplexität zu scheitern oder gar zu zerbrechen. Während eine schrumpfende Minderheit von Hochbegabten den technologischen „Fortschritt“ aufrechterhält, sieht sich eine Mehrheit immer mehr ins Abseits gedrängt.

Sowenig der Nationalstaat, mag er sich noch so sehr um soziale Gerechtigkeit bemühen, die Automation rückgängig machen kann, so wenig kann er gegen die Tendenz wachsender Komplexität ausrichten.

SW: Sachzwänge! Ich weiß schon, so reden all jene, die auch für die unerträglichsten Verhältnissen eine Erklärung finden, die sie dann dazu berechtigt, die Hände in den Schoß zu legen: da könne man eben nichts mehr tun.

GJ: Gegen diesen Vorwurf nehme ich meinen Freund in Schutz. Er behauptet nur, dass der Nationalstaat ohnmächtig gegen diese Entwicklung sei. Ob wir das wollen oder nicht, es ist Technologie, die unseren Globus so sehr verengt und uns gnadenlos ihren Gesetzen ausliefert. Nirgendwo ist dieser Zwang so evident wie bei den Waffen. Jeder Staat, der es sich leisten kann, ist heute im Besitz einer Rüstung, womit er zumindest seine Nachbarn vernichten kann. Die drei Supermächte aber können mit ihren Bomben die ganze Menschheit auslöschen und den Globus für Tausende von Jahren unbewohnbar machen. Der einzelne Staat kann dagegen nichts unternehmen. Würde er sich aus christlicher Nächstenliebe dazu entschließen, das eigene Waffenarsenal komplett zu neutralisieren, darf er mit Sicherheit damit rechnen, unter die Knute seiner bisherigen Gegner zu geraten. In der bisherigen Geschichte wurde noch nie ein Staat belohnt, wenn er nach dem Schlag auf die rechte Backe auch noch die linke präsentierte. Also rüsten alle Staaten nur immer weiter auf – und werden für einander immer gefährlicher. Inzwischen genügt ein Funke, um einen Weltbrand zu entfachen. Diese seit Beginn des neuen Jahrhunderts uns immer stärker bedrohende Gefahr kann kein einzelner Staat abwenden sondern ausschließlich die Supermächte. Entweder gelingt es ihnen, ein gemeinsames Regiment zu beschließen oder sie stürzen einander und den Rest der Welt ins Verderben.

MEPH: Liebe Frau, Sie haben nicht gesehen oder nicht sehen wollen, dass der Nationalstaat dieses drängendste Problem des neuen Jahrhunderts nicht lösen kann. Aber dasselbe gilt auch für die Klimakrise, den Ressourcenverbrauch und die Vermüllung der Umwelt. Jeder einzelne Nationalstaat, aber auch jeder Staatenbund wie die Europäische Union, erleidet Nachteile, wenn er allein auf fossile Brennstoffe und Atomkraft verzichtet, denn die Erneuerbaren allein können ihren Bedarf nicht decken – wie Sie selbst ja auch einräumen. Auch hier ist der Nationalstaat zur Hilflosigkeit verdammt. Für die größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts gibt es deshalb nur eine einzige Lösung. Die Staaten müssen sich zusammensetzen und Regeln für die ganze Welt beschließen. Nur ein Verzicht, der alle zugleich betrifft, hat eine Chance auch von allen anerkannt und befolgt zu werden. Indem Sie den Nationalstaat eine Lösungskompetenz zuschreiben, die er in unserer Zeit nicht mehr haben kann, beschreiben Sie Zustände, die der Vergangenheit angehören, ohne uns eine realistische Perspektive für die Zukunft zu geben.

GJ: Halt, dieses Urteil geht mir zu weit. Frau Wagenknecht ist eine Gerechte unter den Selbstgerechten, weil sie die Heuchelei der Lifestyle-Linken entlarvt. Sie wehrt sich gegen den Zerfall der Gesellschaft, der nicht nur die USA bedroht sondern auch Europa, indem sie sich an die Seite der Globalisierungsverlierer stellt.

Sahra Wagenknecht zu GJ:

Wer ist denn dieser angriffslustige Herr, der mich so sehr bedrängt?

GJ: Das ist Gottseibeiuns M., mein persönlicher Schatten und selbsternannter Freund.

MEPH: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

GJ und sein Begleiter gemeinsam:

Frau Dr. Wagenknecht. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner,

ein recht witziger Trialog. „Mephisto“ und Sie haben die Trumpisierende Sarah ziemlich in die Ecke getrieben.

Was in der historischen Beschreibung des Trialogs gefehlt hat, war der Kollaps des Sowjetimperiums und die daraus resultierende Arroganz der Neoliberalen. Als ich Vorsitzender der Bundestags-Enquetekommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ war, hab ich als erstes die FAZ gebeten, uns mitzuteilen, wie oft das Wort Globalisierung in der FAZ aufgetaucht sei. Die Antwort kam rasch und professionell:

image001.png

(Folie für meine Vorträge. Die erste FAZ-Antwort reichte nur bis 1999. die Balken 2000 und 2001 wurden uns später nachgereicht)

Unsere fast einstimmige Erklärung war: Solange es das Sowjetimperium gab, musste „das Kapital“ den Sozialstaat tolerieren, weil man nur mit ihm den sozial-philosophischen Kampf zwischen Marktwirtschaft und Kommunismus gewinnen konnte (zugegeben: Pinochet, Thatcher und Reagan haben sich nicht an diese Regel gehalten und haben schon in den 80er Jahren den „Washington Konsens“ durchgesetzt – aber dieser adressierte eigentlich nur die Welt-Nord-Süd-Beziehungen, nicht die Sozialstaaten in Kontinental-Westeuropa).

Trump hätte in den 80er Jahren keine Mehrheit bekommen. Reagan und Thatcher waren  zwar Nationalisten, aber zugleich Globalisierer, und Thatcher hat nicht im Traum an einen Brexit gedacht. 

Die Globalisierung hat (wie „Mephisto“ richtig sagt) die Regierung Schröder praktisch zur Agenda 2010 gezwungen. Dass für Lafontaine und Wagenknecht Schröder der Intimfeind wurde, spricht nicht für deren Weltanalysequalität.

Beste Grüße

Ernst Weizsäcker

Prof. Günther Schmid schreibt mir:

Originell und interessant – aber Ihr letzter Satz?
Freundliche Grüße aus Berlin,
Günther Schmid

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Nachricht:

Lieber Gero Jenner,

Herzlichen Dank für diesen ebenso geistreichen und humorvollen, als auch tiefschürfenden Artikel im Zusammenhang mit Sarah Wagenknechts neuestem Buch! Sie treffen, wie fast immer, voll ins Schwarze. Ein ausgezeichnetes Bild zum gegenwärtigen Zustand der westlichen „Intelligenzia“ und unserer Parteilandschaften. Die von Sarah und Ihnen angeprangerte linksliberale Intoleranz (siehe Die Grünen!) ist übrigens neben der von dieser Intoleranz profitierenden Rüstungsbranche eine der Haupttriebkräfte der gegenwärtig beängstigend steigenden internationalen Spannungen zwischen den sogenannten autoritären Regimen wie China, Russland, Iran usw. auf der einen Seite und dem sogenannten freiheitlichen Westen. Gerade zur Bewahrung unserer schönen Erde vor ökologischem Kollaps und/oder Krieg muss diese verbohrte linke Intoleranz bekämpft werden.

Als unverbesserliches Mitglied der LINKEN und deren von Sarah Wagenknecht mitgegründeten Kommunistischer Plattform (KPF) aus Frankfurt(oder) und dennoch eifriger Leser Ihrer Aufsätze mit freundlichen Gruß

Karl Ernst Ehwald

Herr Ulrich Scharfenorth schreibt folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner, da haben Sie ja wieder weit ausgeholt. Leider läuft das Dreiergespräch auch auf eine Kontroverse mit S.W. hinaus. Ich hätte es besser gefunden, wenn Sie ihre Denkweise mit der von Wagenknecht noch dichter zusammengeführt hätten. Denn im Grunde sind die Vorschläge von S. W. für eine moderne Wirtschaftsordnung überaus diskussionswürdig – auch wenn Madame das Wort Automatisierung nicht erwähnt. Aber dafür werden die Begriffe Innovation, Digitalisierung und Industrie 4.0 – sie sind Voraussetzung und Bestandteil der Automatiserung  und damit integraler Bestandteile modernen Wirtschaftens – zig mal in „Reichtum ohne Gier“ bewertet und „abgearbeitet“. Ich denke Sie stellen auch auf dieses Buch ab – obwohl Sie es nicht beim Namen nennen. Klar: Wagenknecht glaubt, dass Paradigmenwechsel nur in den Nationalstaaten – in denen der Wähler direkt Druck machen kann – nicht aber in einer schlecht fassbaren EU (geschweige denn auf Basis der UNO) vollzogen werden können. Dann schlicht und ergreifend:  Unter der Voraussetzung, dass die Macht der KonzernMultis zurückgedreht, sprich: die Globalisierung gestoppt wird. Wagenknecht fordert, dass Innovationen in der Wirtschaft nicht zur Arbeitsplatzvernichtung führen darf, resp. dass alte Arbeitsplätze durch neue ersetzt werden müssten, dass in der Gesellschaft auch für niedrig qualifizierte Tätigkeiten Platz bleiben müsse. 

Dieser Ansatz unterscheidet sich grundsätzlich von Ihrem. Denn an ein Zurückdrehen der Globalisierung, an den Erhalt des Gros der Arbeitsplätze (vor allem der gering bezahlten), glauben Sie nicht. Und Paradigmenwechsel gehen  – wenn ich Sie richtig verstanden habe – nur, wenn sie synchron auf der ganzen Welt (keinesfalls aber nationalstaatlich) angeschoben und verwirklicht werden. Beiden Projektionen liegen ernstzunehmende Analysen, ethische Abwägungen und Wünsche zugrunde. Fragt sich, wo und wie eine sinnvolle Verknüpfung möglich ist. 

Was die Bewertung von Kanzler Schröder angeht, so seh ich diesen ausschließlich als Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft (er hat etwas weise getan, was man allenfalls einem CDU-Granden zugetraut hätte). Hartz IV hat den Niedriglohnsektor möglich gemacht und die Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt gesichert. Man mag das gut finden, wenn man dem Gusto des Neoliberalismus, der den eigenen Wohlstand, sprich: den für die Abgesicherten und Besserverdienenden sichert, folgt. Für mich hat Schröder zwar viele Arbeitsplätze und ein Grundeinkommen für Arbeitslose gesichert, aber der ursprünglichen  SPD-Klientel, der Arbeiterschaft, einen Dorn ins Gesicht getrieben. Denn die Einkünfte im Niedriglohnsektor sind nach Schröders Handkantenschlag um 20% gesunken. Da lief nichts in Richtung von mehr Menschlichkeit. Da standen die Erfolge, die Profite der deutschen Multis im Mittelpunkt – Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.  

Sie haben diese Dinge ja mehr als einmal thematisiert. Die Globalisierung als Tummelplatz der Platzhirsche und Totengräber vieler Mittelständler, die dem Gegenstrom billiger Importe nicht gewachsen waren.

Mehr will ich hier nicht anmerken. Eine ausführliche Diskusson würde wieder mal ein Buch füllen. Ich fände es aber wichtig, die brauchbaren Hinweise von Wagenknecht ins Denken zu integrieren. Denn diese Frau ist intelligent, wegweisender als all die anderen, die uns derzeit in der Politik begegnen. Vielleicht schicken Sie ihr Papier + ihr Buch mal direkt an ihre Adresse. Wäre doch interessant zu erfahren, wie die Dame darauf reagiert. 

Mit herzlichen Grüße aus Ratingen!

Ulrich Scharfenorth

Meine kurze Replik, denn die Antwort steht im Aufsatz selbst:

Lieber Herr Scharfenorth,

wie der Titel besagt, befasse ich mich ausschließlich mit dem Buch über die Selbstgerechten – daher stammen auch alle kursiv gedruckten Zitate. Mein Ansatz unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem von Frau Wagenknecht, denn jeder vernünftige Mensch kann nur wünschen, dass Arbeitsplätze im Lande bleiben. Mein Buch „Die Arbeitslose Gesellschaft“ forderte genau das – und zwar schon in den Neunziger Jahren. Meine These ist nur, dass die technikgetriebene Globalisierung dies nicht mehr zulässt, selbst dann nicht, wenn die alten Industrienationen keine „böswilligen Politiker“ hätten. Alles Gute, Gero Jenner

Dr. Alexander Dill schreibt mir folgende, recht geheimnisvolle Mail, in der er zu Recht einen Fehler beim Schreiben des Vornamens rügt (Sarah statt Sahra):

Lieber Herr Jenner, bei mir steht stolz ein von ihr signiertes Exemplar von “Freiheit statt Kapitalismus”,in dem sie mich mehrfach zitiert. Nachdem ich ihren Werdegang nun seit 10 Jahren verfolge – sie hat mich inspiriert, selbst eine überparteiliche Sitzung im Deutschen Bundestag abzuhalten (2018) und eine Bundespressekonferenz zu geben (2019) – möchte ich feststellen: 1) Kein politisches oder diskursives Talent kann die Dynamik des Systems    beeinflussen. Selbst Systemkenntnis (Herbert von Arnim, Gero Jenner,  Sahra Wagenknecht, Alexander Dill, Richard David Precht) findet keinen Ansatz der Beeinflussung. 2) Es gibt dafür bisher keine besondere Erklärung – ausser vielleicht der Soziologie des Wu-Wei im Tao-Te-King von Lao-Tse. 3) Wir müssen uns deshalb ernsthaft fragen, ob politisches und publizistisches Engagement mehr sind als eitler Selbstzweck. 4) Bitte schreiben Sie ihren Vornamen richtig Smiley Herzlicher Gruß von Ihrem Dr. Alexander Dill Basel Institute of Commons and Economics

Von Herrn Gerhard Loettel, Pfarrer in Magdeburg bekommen ich folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner !

Bravo, da haben Sie ja mal wieder einen Text analysiert und beantwortet, wie nur Sie es können. Denn ehrlich gesagt, ich selbst finde mich durch diese komplexe-komplizierte Darstellung nicht durch.  So sind mir auch die Lehren –selbst durch Ihre Analyse – teils versperrt. Nur so viel habe ich verstanden, dass Sie einige der Gedanken von Frau Wagenknecht durchaus für bedenkenswert halten, aber Sie erkennen auch die Ungereimtheiten in dieser Darstellung, z.B. dass der Nationalstaat alle die Globalprobleme lösen könnte/sollte.

Mir geht es viel einfacher um eine Frage um die Gerechtigkeit bzw. Machbarkeit von sozialen und/oder ethischen Vorstellungen: „Soll ich – als Christ oder Humanist , der sieht in wlcher verzweifelten –oder gar lebensbedrohlicher Situation – sich ein Migrant befindet, immer erst einmal recherschieren, ob sich mit der Hilfe oder die Aufnahme eines solchen Migranten andere oder meine Situation verschlimmert? Oder anders gefragt, kann ich guten Gewissens einen Krieg  (Eingreiftruppeneinsatz) ablehnen oder mache ich mich schuldig, nicht auf die Vorteile (?) eines Krieges gesehen zu haben (u.U. „wir verteidigen m Hindukusch auch unsere wirtschaftlichen Interessen“ (Köhler ))?

Mit solchen Spitzfindigkeiten kann ich mich nicht abfinden.

Gerhard Loettel

Meine Replik:

Lieber Herr Loettel,
Da werfen Sie eine entscheidende Frage auf, die nicht nur Christen beschäftigt. Jeder Mensch wird in Friedenszeiten (in Kriegen ist alles anders!) ein Baby aus dem Wasser vor dem Ertrinken retten, auch wenn es  nicht zur eigenen Familie gehört. Was aber wird er tun, wenn auf einer Höhe jemand steht und ein Baby nach dem anderen hinunterwirft? Was die Türkei eine Zeitlang machte, war genau das. Was die Schlepper tun, ist auch nicht grundsätzlich anders. Sie sehen, die Probleme sind wirklich komplex.
Alles Gute
Gero Jenner

Sind die Deutschen noch zu retten? Homo technikus und der Nationalstaat

Wir sind gewohnt, Einträge auf der roten Liste der ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Arten zu beklagen, zu diesen zählen Dinosaurier, bengalische Tiger, Birkhühner oder Flussperlmuscheln. Doch halte man die Natur nicht für einfallslos. Sie ersetzt das Abgelebte fortwährend durch eine Vielzahl von Neukreationen: statt der Dinosaurier schenkt sie uns jetzt Corona und gleich dazu auch noch eine Vielzahl frisch gekürter Mutanten. Sind die Deutschen noch zu retten? Homo technikus und der Nationalstaat weiterlesen

Vereinigte Staaten im Schuldentaumel – Vorbild für die übrige Welt?

Lieber Herr Lingens /Publizist des Wiener Falter und Ökonom/, ich weiß nicht ob Sie gut daran tun, einen Lobgesang auf die Schönheit der Schulden anzustimmen und dabei das kleine Österreich mit den großen USA zu vergleichen. Vergessen Sie nicht, etwa seit den neunziger Jahren beginnt nicht nur die ganze Welt sondern beginnen selbst viele Amerikaner vom Niedergang ihres Landes zu sprechen (denn die hellsichtigsten Beobachter der USA findet man immer noch in diesen selbst). Vereinigte Staaten im Schuldentaumel – Vorbild für die übrige Welt? weiterlesen

Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus

Mit dem Strom schwimmen Opportunisten, gegen ihn schwimmen mutige Außenseiter. Eine solche Rolle hat der katholische Moraltheologe Martin Rhonheimer, seines Zeichens Ethikprofessor an der Päpstlichen Universität Rom, übernommen. Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus weiterlesen

Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen weiterlesen

Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler?

Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen, denn bevor der Vorsitzende der ÖVP gestern seinen sensationellen Wahlerfolg errang, ließ sich das Urteil der Parteien im Hinblick auf seine Person etwa unter diesem Gegensatz subsumieren. Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler? weiterlesen

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten. Krugman, Trump und die Geopolitik weiterlesen

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen. Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert weiterlesen