(5) Das Gewohnte und das Gewöhnliche

Unser Verhältnis zu Wunder und Wunderbarem ist ambivalent. Einerseits sehnen wir uns nach dem Außerordentlichen, verschlingen alle Berichte und Gerüchte über das Auftreten irgendeines nicht für möglich gehaltenen Geschehens, andererseits fürchten wir uns davor, weil das Ungeplante, Ungewollte, Unvorhergesehene unsere Sicherheit bedroht. Die Haltung der Wissenschaften ist demgegenüber von Eindeutigkeit bestimmt. Sie verpönt das Wunder und verspottet alle, die daran glauben. Wenn die Geltung der Naturgesetze per definitionem keine Ausnahme kennt, kann es keine Wunder geben.

Auch das Wunderbare verwirft sie als anrüchig, es sei denn, dass sie die Formeln, womit sie physikalische Vorgänge beschreibt, z.B. die berühmte Gleichung Einsteins, die das Verhältnis von Masse und Energie quantifiziert, selbst als Ausdruck einer überwältigend wunderbaren Einfachheit zum Gegenstand der Ehrfurcht und Bewunderung erhebt. Die meisten Wissenschaftler würden jedoch im selben Augenblick darauf bestehen, dass auch diese Formel nur zum Ausdruck bringt, dass alles in der Welt auf ganz natürliche Art geschieht. Sich wundern und staunen könne man allenfalls über die außerordentliche Intelligenz jener Menschen, denen es als ersten gelang die Maschinerie der Natur zu durchschauen und sie in so eleganten und einfachen Formeln darzustellen.

Diskussionen über das Wunderbare in der Natur

finden in der Wissenschaft allenfalls unter Experten statt, z.B. wenn diese sich um ein Verständnis der Quantentheorie bemühen. Immerhin fühlte sich einer der größten Fachleute auf diesem Gebiet, der Physiker Richard Feynman, zu der Bemerkung veranlasst: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Quantentheorie verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“

Kein Zweifel, hier stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare. Eine Theorie, welche in der Praxis brauchbare statistische Vorhersagen physikalischer Vorgänge erlaubt, ist der verstehenden Vernunft dennoch unzugänglich. So illustriert es auch die sogenannte Kopenhagener Deutung mit der populären Metapher der schwarzen Box. Solange wir sie nicht öffnen, ist die darin befindliche Katze sowohl tot wie lebendig. Sobald wir sie öffnen, ist sie nur noch eines von beiden: entweder tot oder lebendig.

Wer das Paradox von der Katze verstehen will,

die zugleich tot und lebendig ist, darf sich nicht mit der Metapher begnügen. Er muss ein jahrelanges Studium der Quantenphysik absolvieren. So könnte es scheinen, als bliebe die Begegnung mit dem Wunderbaren den Experten vorbehalten. Fühlen wir uns bei diesem Tatbestand nicht gleich an frühere, dunkle Zeiten erinnert? So war es doch auch schon bei dem Vorgänger der Wissenschaft, der Religion. Über eineinhalb Jahrtausende war die Lektüre der Bibel nur den Experten erlaubt, das heißt den Priestern. Damit das Volk sich nicht anmaßte, über deren oft groteske und widersprüchliche Inhalte ein eigenes Urteil zu fällen, sollte ihm nicht nur die Bibel unzugänglich bleiben, aus demselben Grund wurden auch die Predigten in einer dem Laien unverständlichen Sprache, dem Latein, gehalten. Wenn sich Unbefugte dennoch erdreisteten, in das Gehege der damaligen priesterlichen Monopolisten der Wahrheit einzudringen, riskierten sie die Verfolgung als Ketzer, unter Umständen sogar den Tod auf dem Scheiterhaufen.

Die Naturwissenschaften sind dem Verständnis des Laien inzwischen nicht weniger weit entrückt. Mit dem Cordon sanitaire ihrer jeweiligen Fachsprache schließen sie sich wirksam gegen die Laien ab. So muss – und soll – der Eindruck entstehen, als hätte nur derjenige das Recht, über Gott und Natur zu reden, der dazu die nötigen Fachseminare absolviert und ein entsprechendes Diplom erworben hat.

Demgegenüber besteht die demokratische Aufgabe

des kritischen Denkens in dem Nachweis, dass auch die höchsten Türme der Religion und der Wissenschaft auf dem Sockel weniger Grundwahrheiten errichtet sind, die jeder Mensch zu verstehen vermag. Nach dem Wunderbaren müssen wir nicht erst in der Quantentheorie suchen – es offenbart sich viel offenkundiger und mit weit größerer Anschaulichkeit gerade im Alltäglichen und Gewohnten. Dafür die Augen zu öffnen, war das Ziel der kantschen „reinen Vernunft“ in der Konfrontation mit ihren Antinomien.

Nehmen wir einen Vorgang von scheinbar äußerster Banalität: die absichtsvolle Bewegung meines Arms, weil ich das gerade in diesem Moment so will. Oder den Aufbruch einer Armee von Tankern an die ukrainische Grenze, weil Wladimir Putin das gerade so befiehlt. Bloße Gedanken setzen auf dem Globus in jeder Sekunde die größten materiellen Geschehnisse in Gang, obwohl nach den Lehrbüchern der Physik auch die kleinste materielle Veränderung oder Bewegung grundsätzlich von Naturgesetzen abhängig ist und von ihnen verursacht wird. Die Gedanken im Kopf von Wladimir Putin oder der Milliarden Akteure, die das Geschehen in unserer Welt ständig verändern, sind allerdings auf kein uns bekanntes Naturgesetz zurückzuführen.

Dieser offenkundige Widerspruch,

diese Konfrontation mit dem Wunderbaren, die sich bisher jeder Erklärung entzieht, wird kaum je zur Sprache gebracht. Die Experten haben sich darüber verständigt, dass Probleme von dieser Art zur Philosophie gehören und sie daher nichts angehen. Probleme, die im Augenblick noch ganz unlösbar erscheinen, werden schlicht verleugnet oder verdrängt. So wie die Vertreter der Religion die Widersprüche und Rätsel der Bibel vor dem Volk verbargen, damit diese nicht Zweifel an ihrem vermeintlich höheren Wissen hegten, unterdrücken die Experten der Wissenschaft die elementarsten Rätsel der uns umgebenden Wirklichkeit aus genau demselben Grund. Die Experten schweigen über das Wunderbare. Das bewahrt sie davor, ihr Unwissen einzugestehen.

Das Gewohnte ist dennoch alles andere als gewöhnlich

Diese Einsicht drängt sich uns in demselben Augenblick auf, da wir begreifen, dass es keineswegs identisch mit dem Verstandenen ist. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Solange die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe sei, gab es für sie ein Oben ebenso wie ein Unten. Der Himmel über meinem Kopf gab die Richtung nach oben an. Wer den Rand der Scheibe erreichte, würde dort in die Tiefe fallen – er stürzt nach unten. Inzwischen wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und es daher weder oben noch unten gibt. Oder richtiger gesagt, bezeichnet der Himmel über den Köpfen der Australier für diese ebenso die Richtung nach oben, wie für uns auf der entgegengesetzten Seite der Kugel. Das aber bedeutet, dass die uns geläufige Vorstellung von oben und unten für den Weltraum nicht gelten kann. Diese Vorstellung ist für uns ebenso unbegreiflich wie die Gravitation, die uns Deutsche genauso fest am Planeten kleben lässt wie die Australier auf seiner entgegengesetzten Seite.

Das Paradox besteht auch in diesem Fall darin, dass die Gravitation die allergewohnteste Tatsache ist, an welche im alltäglichen Leben niemand einen Gedanken verschwendet. Dennoch könnten wir die Aussage Richard Feynmans mit gleichem Recht auf die Gravitation beziehen: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Gravitation verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“ Zwar vermag die Physik die Wirkungen der Gravitation quantitativ mit größter Genauigkeit für jede Entfernung vom Erdmittelpunkt anzugeben. Dennoch entzieht sich diese unsichtbare Kraft unserem Verstehen. Wir wissen, dass sie existiert und exakt messbare Wirkungen hat, aber warum sie da ist und wieso es dieser unsichtbaren Kraft gelingt, uns verlässlich auf dem Globus festzuhalten und darüber hinaus auch die Bahnen ferner Himmelskörper zu steuern, darüber wissen wir nichts. Manche (wie beispielsweise Karl Popper) haben daraus den Schluss gezogen, dass Fragen nach dem Wesen physikalischer Erscheinungen überhaupt unzulässig seien und dass man sie deshalb als unwissenschaftlich verbieten solle. Die Essenz einer Kraft, also was sie denn eigentlich sei, brauche uns nicht zu interessieren, es genüge, dass wir ihre Wirkungen im Detail beschreiben und sie für unsere Zwecke nutzen.

Andere haben das anders gesehen

Zu diesen anderen gehört kein Geringerer als Immanuel Kant, der sich mit einem ähnlichen Problem auseinandersetzte, nämlich der Ausdehnung des Raums. Dessen Erfahrung gehört zu den gewohnten Tatsachen des Lebens, über die wir uns selten oder nie den Kopf zerbrechen. Wenn dies aber einmal geschieht, dann stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare – Kant nannte es „Antinomie“ (eine Sackgasse für Anschauung oder Denken). Wir können uns nicht damit abfinden, dass die Welt endlich sei, denn nach jeder Grenze erwarten wir weitere Räume. Ihre Unendlichkeit können wir uns aber ebenso wenig vorstellen, denn Unendlichkeit ist für uns schlechthin unfassbar. Kant stieß hier unmittelbar auf das Wunderbare einer Welt, die sich unserem Verstehen entzieht. So hat er es in dem Kapitel Über die Antinomien der reinen Vernunft dargestellt. Darüber wird noch zu reden sein (vgl. Kap. Pioniere der Antignosis)

Tatsache ist, dass unsere Fähigkeit,

die uns umgebende Wirklichkeit zu begreifen, keineswegs grenzenlos ist – genau deswegen erschüttert uns ja die von Kant so vortrefflich geschilderte Antinomie des Raums, den wir uns weder endlich noch unendlich vorstellen können. Unsere Sinne und unser Begreifen sind nur für die Mittlere Welt zwischen dem Unendlich-Kleinen der Atome und dem Unendlich-Großen des Alls gemacht. Die Quantenphysik hat schon vor mehr als einem Jahrhundert gezeigt, dass wir das Allerkleinste nicht verstehen, die moderne Astrophysik weist auf Schwarze Löcher hin, sogenannte Singularitäten, wo die in der Mittleren Welt geltenden Naturgesetze nicht länger gelten. Genau aus diesem Grund sind diese Punkte singulär. Es wird nicht ausgeschlossen, dass aus ihnen Universen mit völlig anderen Gesetzmäßigkeiten entstehen.Vermutlich wird es darüber einen ewigen Streit der Experten geben. Der braucht uns aber nicht zu interessieren. Wir müssen nicht erst die Mittlere Welt in Richtung des Allergrößten bzw. des Allerkleinsten verlassen, um auf das Wunderbare zu stoßen, in Wahrheit sind wir davon auf allen Seiten umringt. Wir nehmen es nur deswegen nicht wahr, weil wir das Gewohnte mit dem Verstehbaren verwechseln und es dadurch zu etwas Gewöhnlichem machen. (Kapitel aus meinem Buch Das Wunderbare und seine Feinde).

(4) An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Der Zusammenhang zwischen rechtem Denken und richtigem Handeln wird nicht nur durch diesen Spruch aus dem Evangelium des Matthäus betont. Denn es liegt ja nahe, dass jede Religion, ja jede Weltanschauung überhaupt, diese Verbindung als selbstverständlich betrachtet. Wären unser Denken und unsere Überzeugungen ohne allen Einfluss auf unser Handeln, würden wir sie zu Recht als überflüssig betrachten. Ein Gutteil der Skepsis, die der moderne Mensch dem kritischen Denken (und der Philosophie im Allgemeinen) entgegenbringt, beruht auf der argwöhnischen Frage: wozu sind sie gut? Sind sie geeignet, unser Verhalten zur Wirklichkeit und damit auch diese selbst zu verändern?

Gemessen an dieser Frage, waren Religion und Wissenschaft

einerseits sehr erfolgreich, andererseits sind sie kläglich gescheitert. Religionen sind in erster Linie Handlungsanweisungen; sie schreiben den Menschen Gesetze für richtiges Handeln vor.*1* Dieses leiten sie nicht aus der Willkür einzelner Menschen ab sondern aus dem Willen von übermenschlichen Wesen – Göttern und Geistern – oder einer übermenschlichen Ordnung. Im Idealfall, d.h. wenn ihre Gesetze buchstabengetreu befolgt worden wären, würden innerhalb einer religiösen Gemeinschaft vollkommener Frieden und unverbrüchliche Solidarität bis hin zur gegenseitigen Aufopferung herrschen. Für das Christentum gilt das im besonderen Maße. Im Gegensatz zu allen früheren Religionen hat das Neue Testament dieses Ideal über alle Stammesgrenzen und Nationalitäten hinaus erweitert, um die ganze Menschheit in eine gegenseitige Liebe und Solidarität einzubeziehen.

Da es Religionen vor allem um die Regelung

des zwischenmenschlichen Verhaltens geht, akzeptieren sie die Natur so wie sie von Gott geschaffen wurde. An ihr etwas zu ändern, kann schon deswegen nicht ihr Anliegen sein, weil sich darin eine Kritik an der göttlichen Schöpfung bekunden würde. Zwischen ihren Aussagen über die Natur und ihren Richtlinien für das menschliche Leben besteht daher ein deutlicher Unterschied. Während die Handlungsanweisungen an die Gläubigen den Kern aller Religionen bilden und das tägliche Verhalten mehr oder weniger stark bestimmen, sind ihre meist fantastischen Aussagen über die Entstehung der Welt oder die Erklärung natürlicher Phänomene nur insofern von Belang als die Akzeptanz dieser Sätze als äußerer Glaubensbeweis und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen dient. Ob jemand an die Erschaffung der Welt vor 6000 Jahren, an jungfräuliche Geburten, an die Verwandlung von Wasser in Wein glaubt oder nicht, ist für sein praktisches Verhalten gegenüber anderen Menschen ohne Belang.

Ganz anders Technik und Wissenschaft

Im Gegensatz zur Religion stellen sie keine Handlungsanweisungen gegenüber anderen Menschen auf sondern gegenüber der Natur. Da sie sich nur mit dem was ist befassen, d.h. mit dem Sein, wurden sie von Anfang an in diese Richtung gedrängt. Denn menschliches Sollen kann aus dem Sein nicht abgeleitet werden. Keine noch so umfassende Analyse menschlicher Gesellschaften kann uns beweisen, dass wir besser daran tun, unseren Nachbarn zu lieben als ihn zu hassen. Statistiken, die das Sein abbilden, können uns zwar belehren, dass Menschen in Friedenszeiten glücklicher sind, wenn sie die erste Alternative befolgen, aber in Kriegszeiten und auch im alltäglichen Wettbewerb, wie er etwa die Wirtschaft selbst in Friedenszeiten beherrscht, wäre uneingeschränkte Liebe ein Weg zum Misserfolg. Schon gar nichts sagen Statistiken darüber aus, welches Verhalten für den einzelnen in einer bestimmten Situation das richtige ist. Gegenüber menschlichem Sollen bleibt die Wissenschaft zwangsläufig stumm.

Diese Feststellung erlaubt uns,

eine vorläufige – zugegeben noch recht oberflächliche – Antwort auf die Frage nach den Früchten von Religion und Wissenschaft zu geben. Religionen haben eine äußerst wichtige Funktion dadurch erfüllt, dass sie dem Handeln des Menschen Grenzen setzten – es einem Sollen unterwarfen. Ohne diese Grenzen hätte niemand davor zurückschrecken müssen, seinen Nachbarn zu ermorden, ihn zu berauben, seine Frau zu missbrauchen. Ich behaupte nicht, dass nur die Religion solche Grenzen zu setzen vermag, sondern nur, dass vor allem sie es war, die diese Aufgabe in der Vergangenheit erfüllte. In historischer Sicht war dies der Kern ihrer Mission, während alles, was sie darüber hinaus an Erklärungen über die Welt aufstellte, als Zutat erscheint, die aus heutiger Sicht nicht nur überwiegend falsch und daher wertlos ist sondern den Menschen aktiv daran hinderte, die ihn umgebende Natur eingehender zu erforschen. Religion war im besten Fall ein wichtiges Instrument, um das Verhalten von Menschen gegenüber anderen Menschen zu ordnen, aber nie war sie ein geeignetes Mittel, um zu einem tieferen Verständnis der Natur zu gelangen. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Evangelikalen von Nordamerika verwerfen die Deszendenzlehre von Charles Darwin.

Mit der Wissenschaft verhält es sich genau umgekehrt

Sie hat sich als ein hervorragendes Instrument erwiesen, um die Natur zu erkunden. Hier hat sie bis heute ihre größten Triumphe erfochten, doch versagt sie kläglich, wenn es darum geht, Regeln für das Verhalten von Mensch und Gesellschaft aufzustellen. Das Sollen liegt außerhalb ihrer Kompetenz.

Diese vorläufige Betrachtung zusammenfassend dürfen wir sagen, dass Religionen während ihrer ganzen Geschichte für den Aberglauben verantwortlich waren – ein falsches Verständnis der außermenschlichen Wirklichkeit -, während die Wissenschaften zwar ein beweisbar richtiges – und in diesem Sinne objektives – Verstehen der außermenschlichen Welt herstellten, aber den Menschen völlig im Stich lassen mussten, wenn es um seine ureigene Sphäre geht.

Ich halte diese Betrachtungsweise für vorläufig

und in gewissem Grade auch für oberflächlich, weil sie sehr viel näher am Ideal als an der komplexen historischen Wirklichkeit ist. Wir brauchen das Ideal selbst nur in reiner Form zu betrachten, um diesen Abstand zu ermessen. Wie schon gesagt, sähe die Welt anders aus, hätten die Gläubigen die Lehren der Religion ernst genommen. Innerhalb ihrer Gemeinschaften wären weder Neid, Hass, Zorn noch Anmaßung und alle jene menschlichen Eigenschaften aufgekommen, welche den inneren Frieden gefährden. Da das Christentum die Feindesliebe verlangt, wäre selbst der Krieg mit anderen Völkern für alle Zeit unmöglich gewesen.

Doch die Bändigung des Bösen wurde, wie wir wissen, von keiner Religion in keinem Volk jemals erreicht. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass es sich um ein grundsätzliches Scheitern handelt. Es muss tiefgreifende Widerstände in der menschlichen Natur selber geben, die sich jeder endgültigen Normierung erfolgreich widersetzen – durch welche Anweisungen auch immer. Gewiss, ohne solche Handlungsanweisungen wäre die Gesellschaft im Chaos versunken, weil jeder so handelt wie es ihm ohne Rücksicht auf die anderen gefällt. Aber diese tiefgreifenden Widerstände haben es dennoch verhindert, dass Religionen jemals ihr selbstgestecktes Ziel erreichten. Sie haben Gesellschaften und Individuen befriedet, aber den idealen Menschen, die ideale Gesellschaft haben sie bis zum heutigen Tag niemals hervorgebracht.

Und was haben die Wissenschaften erreicht?

Sie haben uns gelehrt, wie wir die Ordnungen der Natur – ihre Gesetze – erkennen, ohne dass wir uns dabei von unserem Wünschen und Wollen beirren lassen. Das ist ein gewaltiger Fortschritt in der Erkenntnis der Wahrheit. Wissenschaft und Technik haben einerseits die Voraussetzungen für einen historisch einmalig hohen Lebensstandard geschaffen: Elektrizität und fließendes Wasser in jedem Haus, Mobilität zu Wasser, auf den Straßen und in der Luft. Andererseits schenkten sie uns auch die Hilfsmittel, um die menschliche Fruchtbarkeit zu begrenzen, denn Menschen tendieren wie jede andere biologische Art dazu, sich über die Tragfähigkeit der Umwelt hinaus zu vermehren. Anders gesagt, hat uns das wissenschaftliche Denken vollkommen darüber aufgeklärt, was wir tun müssten, um unser materielles Leben zu einem Aufenthalt wie in Eldorado zu machen. Theoretisch ist dieses Wissen um die materiellen Grundlagen unserer Existenz so vollkommen wie das Wissen der Religion über das vollkommene Verhältnis zwischen den Menschen. Doch in beiden Fällen sind Theorie und Praxis durch einen Abgrund voneinander getrennt. Ökologen wie William Rees, neben Mathis Wackernagel der Erfinder des ökologischen Fußabdrucks, haben bewiesen, dass maximal zwei Milliarden Menschen den westlichen Lebensstandard mit erneuerbaren Energien auf Dauer genießen können.

Spätestens seit Beginn des neuen Jahrhunderts

sind wir uns bewusst, dass wir im Begriff sind, die Erde für künftige Generationen nicht in ein Paradies sondern in eine Hölle zu verwandeln, da wir sie mit bald zehn Milliarden Menschen rücksichtslos ausbeuten und vergiften. Unsere anfängliche Frage nach den Früchten, an dem wir unser Verständnis der Welt zu messen haben, erhält dadurch auf einmal eine Antwort, die weit hinausgeht über unser anfängliches noch vorläufiges Fazit.

Gewiss, Religionen sind immer wieder ein Instrument der Verfolgung gegenüber Ungläubigen mit anderen Handlungsanweisungen gewesen. Ihr Verständnis der außermenschlichen Wirklichkeit war in der Regel grotesk und hat den richtigen Umgang mit der Natur verhindert, andererseits wäre es ihnen nie möglich gewesen, das Überleben des Menschen auf dem Planeten zu gefährden oder überhaupt in Frage zu stellen. Genau dies aber hat die wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht nur ermöglicht sondern in Aussicht gestellt. Der größte Durchbruch dieser Erkenntnis, die Formel E=M x c2, also die Umwandlung von Masse in Energie, ist symbolischer Ausdruck für eine existenzielle Gefahr, die bis dahin nicht existierte, will sagen, vor diesem Biss in den Apfel der Erkenntnis. Die Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen und des Menschen durch den Menschen ist zum ersten Mal zu einer realen Möglichkeit geworden. 

So gesehen, erscheinen die Vorwürfe gegen die Religion,

geradezu harmlos, wie sie ein Richard Dawkins in seinem Bestseller Der Gotteswahn auf fünfhundert Seiten mit bissigem Witz ausbreitet. Wie gesagt, haben Religionen zwischen den Völkern viel Verfolgung und Unfrieden gestiftet, aber niemals das Überleben der menschlichen Art gefährdet. Aber Wissenschaft und Technik haben uns zum ersten Mal in der Geschichte die Mittel zur Verfügung gestellt, um genau dies zu bewirken, nämlich Unseresgleichen en masse zu ermorden und unsere Heimat, den Planeten, für Menschen auf Jahrtausende unbewohnbar zu machen. Ein Buch mit dem Titel Der Wissenschaftswahn wurde noch nicht geschrieben, aber es könnte auf weit mehr als fünfhun­dert Seiten all die bedrohlichen Wirkungen aufzählen, welche erst durch die Wissenschaft in die Welt gekommen sind. Wenn wir Theorien an ihren Früchten erkennen sollen, dann fällt der Vergleich jedenfalls nicht zu Gunsten des wissenschaftlichen Weltbildes aus, wie es seit drei Jahrhunderten erst Europa und inzwischen die ganze Welt beherrscht.

1 Eine Ausnahme von dieser Regel bildet nur die Mystik, die wie die Wissenschaft eine Erkenntnislehre sein will. Die Mystik ist gleich weit von der Religion wie von der Wissenschaft entfernt und doch beiden gleich nah. Siehe Jenner Der Dawkinswahn und die Antwort der Mystik.

Von Prof. Dr. Ernest Gnan erhalte ich folgende Meldung:

Sehr geehrter Herr Dr Jenner,

absolut interessanter Artikel. Sehe das Thema Überbevölkerung wie von Ihnen zitiert. Doch es sind auch die Religionen, die die Überbevölkerung und die rücksichtslose Ausnutzung der Erde ermutigen (wachset und mehret euch und macht euch die Erde untertan, Kirche und Empfängnisverhütung, Kirche und Abtreibung, Kirche und Sterbehilfe, Kirche und Migration, Islam und Frauenrolle/bildung etc.)

Mit freundlichen GrüßenErnest Gnan
Prof Dr Ernest Gnan Secretary General, SUERF – The European Money and Finance Forum 

(3) Die Schatten des Wunderbaren

Jede Zeit, jedes Volk lebt von Ideen, für die es sich begeistert, für die es sich zu leben lohnt. Unsere Epoche lebt seit etwa zweihundert Jahren von der Leitidee, dass der Mensch aus eigener intellektueller Kraft die Welt nicht nur vollständig zu erkennen sondern sie auch perfekt zu beherrschen vermag. Der deutsche Philosoph Max Scheler drückte es 1926 auf folgende Weise aus: „Es ist … ein neuer Wille zur Herrschaft über Natur … in schärfstem Gegensatz zur liebevollen Hingabe an sie …, der jetzt das Primat in allem erkennenden Verhalten gewinnt. Herrschaftswille … Das Ziel und der Grundwert, der die neue Technik leitet, ist nicht der, ökonomisch oder sonst nützliche Maschinen zu ersinnen, deren Nutzen man schon vorher erkennen und abmessen könnte. Er geht auf etwas viel Höheres. Er geht auf das Ziel, – wenn ich so sagen darf -, alle möglichen Maschinen zu konstruieren, und zwar zunächst nur als Gedanken und als Plan, durch die man Natur zu irgendwelchen, sei es nützlichen, sei es unnützlichen Zwecken leiten und lenken könnte, wenn man es wünschte.“

Holt man diese Idee von dem Sockel der Erhabenheit herab, auf dem sie üblicherweise thront, dann müssten wir etwas prosaischer formulieren, dass die heutigen Menschen überzeugt davon sind, immer neue, immer erstaunlichere Apparate zu erzeugen, die ihr Leben nicht nur erleichtern, es sicherer und bequemer machen sondern mehr und mehr auch ihren Lebensinhalt bilden; die Beschäftigung mit ihnen erfüllt das tägliche Leben. Das trifft gewiss auf das Auto zu, gilt aber in besonderem Maße für die jeweils jüngsten Erzeugnisse der Technik wie Computer und Handy. Die Digitalisierung aller automatisierbaren Vorgänge ist nur der vorläufig letzte Trumpf auf diesem scheinbar unaufhaltsamen Weg technologischen Fortschritts. Der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter soll nach Meinung der Enthusiasten den Menschen nicht nur nachahmen sondern ihn überhaupt ersetzen.

Auf eine vereinfachte Formel gebracht,

könnte man sagen, dass sich in unserer Zeit das Wunderbare in den neuesten Apparaten verkörpert sowie in dem wissenschaftlichen Denken, das ihnen zugrunde liegt. Apparate beherrschen nicht nur jene, die sie als Konsumenten passiv nutzen, sondern bestimmen auch das Leben einer wachsenden Zahl von Menschen, die als Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler aktiv für ihre Hervorbringung verantwortlich sind. Wie sehr der Traum des technologisch Fantastischen und Wunderbaren den Menschen dabei als Pate über die Schulter schaut, lässt sich an jener für unsere Zeit typischen Literatur erkennen, die solche Träume in immer größere Höhen schraubt. Natürlich spreche ich von Science-Fiction. Hier feiert die technologische Fantasie ihre weitaus tollsten Feste. Wir malen uns all die unglaublichen Geräte aus, die wir in Zukunft noch erschaffen werden, um damit auch die fernsten Winkel des Alls und unser tägliches Leben zu kolonisieren. Wir berauschen uns daran, welche Siege der neue gottgleiche Mensch – Homo Deus – noch erringen wird, nämlich Siege über eine Natur, die dabei nur noch in der Rolle eines willenlosen Sklaven erscheint.

Die Selbstbetörung durch das technisch Wunderbare

ist an ihrer Maßlosigkeit zu erkennen. Das bloße Mittel zum Zweck wird schließlich zum eigentlichen Zweck verdreht: zum Selbst- und zum Lebenszweck. Seit Erfindung von Hacke und Pflug sind Apparate sinnvoll, wenn sie das Leben erleichtern und dabei helfen, uns größere Freiheit für eine schönere, eine geistige Welt zu erschaffen. Behält man dieses letzte Ziel im Auge, bekommt Technik einen für den Menschen heilsamen Sinn. In dem Augen­blick aber, wo die Berauschung durch den technologischen Fortschritt diesen in einen Erlösungswahn und eine Obsession verkehrt, werden Technik und Wissenschaft zu einer Bedrohung: Sie wenden sich gegen den Menschen.

Dieses Stadium haben wir inzwischen erreicht. Das beweisen gigantische Unternehmungen wie die Flüge zum Mars und dessen in Aussicht gestellte Besiedelung. Dieser Planet – sowie sämtliche in erreichbarer Nähe befindliche Himmelskörper – ist eine wüstenartige Kugel, auf der menschliches Überleben nur unter einer übergestülpten Käseglocke mit künstlicher Atmosphäre überhaupt möglich ist. Menschliche Existenz lässt sich dort nur unter Bedingungen fristen, die denen von Kriminellen in einem Hochsicherheitsgefängnis nicht nur ähneln sondern sie an Härte noch übertreffen. Bisher ist es niemandem eingefallen, eine Hütte in den heißesten Teilen der Sahara zu errichten oder auf den kältesten Eisbergen in der Antarktis. Woher also der Überschwang, der selbst halbwegs vernünftig denkende Menschen dazu verleitet, sich die Zukunft in der lebensfeindlichen Hölle des Mars mit Hingabe auszumalen?

Diese Obsession, dieser seltsame Wahn lässt sich nur damit erklären, dass wir die Verdammnis mit dem Purpur der Hochtechnologie kaschieren.

Nirgendwo lässt sich so deutlich wie hier erfahren, wie sehr der moderne Mensch von Technik und Wissenschaft verhext und besessen ist. Er erklärt sich bereit, wie ein Sträfling unter unsäglichen Bedingungen zu vegetieren (das tägliche Leben auf den Raumstationen gleicht ja einer ähnlichen Tortur), sofern das nur im Namen von Wissenschaft und Technik geschieht, denn heute glauben die Menschen so an die Wissenschaft wie früher an einen seligmachenden Gott. Dieser irrationale Glaube behauptet sich selbst noch in einer Zeit, wo vieles uns darauf vorbereitet, dass unsere technische Zivilisation uns das Leben auf dem Planeten schon bald zur Hölle machen könnte.

Wenn eine Zeit sich an Idealen berauscht,

die für sie das Wunderbare repräsentieren, wird alles was diesen Rausch gefährdet und zur Ernüchterung führen könnte, verpönt, verspottet, als reaktionär oder „unwissenschaftlich“ diskreditiert – wobei das letztgenannte Urteil in einer wissenschaftshörigen, von Wissenschaft besessenen Zeit wohl als das härteste überhaupt gelten darf. Dabei kann die Ernüchterung von verschiedenen Seiten ausgehen. Sie kann in der vorsichtigen Relativierung eines herrschenden Absolutheitsanspruchs bestehen oder in einer radikalen Antithese. Ich möchte alles, was unter diese Ernüchterung fällt, in einem einzigen Begriff zusammenfassen, dem des Schattens.*1*

Der Schatten zum vorherrschenden

wissenschaftlichen Weltverständnis wird in erster Linie durch Religion, Schönheit, Geschichte und kritische Philosophie repräsentiert.

Dass Religion der Schatten des wissenschaftlichen Weltbildes ist – ihre radikale Antithese -, ist eine gut bekannte Tatsache der Geschichte. Das Weltbild der Wissenschaften ist eine Schöpfung der Aufklärung, und diese hatte das neue rationale Denken und Wissen von vornherein in einen schroffen Gegensatz nicht nur zum irrationalen Aberglauben sondern zu allem Glauben gesetzt, weil dieser durch Experiment und Beweis nicht zu erhärten ist. Mit anderen Worten: das neue Weltbild entwickelte sich im Kampf mit der Religion.

Eine radikale Antithese zum techno-wissenschaftlichen Weltbild bildet, wie zuvor bereits angedeutet, auch die Kunst, die nicht nur auf völlig anderen Voraussetzungen beruht sondern auch ganz andere Ziele verfolgt. Schönheit ist eine menschliche Kategorie – warum für die Menschen des Westens die Kunst eines Johann Sebastian Bach so bedeutsam ist, für die Chinesen aber die Peking Oper, lässt sich aus keinem Gesetz ableiten. Denn anders als das Gesetzeswissen von Technik und Wissenschaft entspringt Kunst menschlicher Freiheit und Wahl. So ist es nicht verwunderlich, dass sie im wissenschaftlichen Weltbild keine Heimat hat – aus der Alltagswirklichkeit als gestaltendes Prinzip ist sie deswegen auch nahezu völlig verschwunden. Weil Schönheit immer weniger zählt, werden Landschaften in Agrarwüsten, Wälder in Nutzhölzer verwandelt, überall weicht Schönheit dem Nutzen und dem Profit. Und dieselbe Missachtung des menschlichen Bedürfnisses nach Schönheit gilt ebenso für unsere Wohnstätten und Städte. Im besten Fall erfüllen diese die Forderung nach Nützlichkeit, weil sie Stätten der Produktion und Aufbewahrungsorte für Menschen sind.

Bloßer Nutzen und bloße Schönheit sind unversöhnliche Rivalen: je mehr Wissenschaft und Technik während der letzten drei Jahrhunderte im Vormarsch waren, umso stärker haben sie die Kunst an den Rand unseres Lebens und aus unseren Landschaften und Städten gedrängt. Schönheit ist in Theorie und Praxis eine radikale Antithese zu bloßer Nützlichkeit.

Nicht anders verhält es sich mit der Geschichte,

auch sie existiert nur noch als Schatten unserer wissenschaftsgläubigen Zeit. Eine Ausnahme – und zwar von charakteristischer Art – bildet nur die materielle, messbare Erforschung der Geschichte. Diese hat im Gegenteil gerade während der letzten Dezennien erstaunliche Fortschritte zu verzeichnen. Mit immer größerer Genauigkeit wird erforscht, an welchen Krankheiten die Steinzeit­menschen litten, wie früh sie starben, welche Waffen sie benutzten und wovon sie sich ernährten. Über die physisch-mate­riellen Bedingungen in der Vergangenheit haben wir mittlerweile ein nahezu unendliches, nicht mehr überschaubares und auf weiten Strecken nur noch für den Spezialisten interessantes Wissen erlangt. Was hingegen kaum mehr jemanden interessiert, weil es sich nicht messen und wissenschaftlich exakt darstellen lässt, sind das Denken, Fühlen und die Weltanschauung früherer Generationen, deren Erforschung im 19. Jahrhundert bis um die Mitte des zwanzigsten noch das Hauptinteresse gebildet hatten. Die heutige ganz auf das Materielle und Messbare versessene Forschung interessiert sich dafür so wenig wie ein junger Mensch unserer Zeit für das Wissen seiner Eltern – und zwar aus dem gleichen naheliegenden Grund. Aus technischer Sicht ist deren Wissen veraltet und überholt. Es zählt nicht länger, nur Menschen, die den letzten Stand der Technik beherrschen, verfügen über ein brauchbares, nützliches, verwertbares Wissen. Aus Sicht einer wissenschaftsgläubigen Welt sind das Denken und die Weltanschauung früherer Zeiten schlicht ohne Wert und daher belanglos.

Die beiden Schatten von Schönheit

und immaterieller Geistesgeschichte kann man sehr wohl als absolute Gegensätze zu unserer Zeit begreifen. Dagegen steht die kritische Philosophie nur in einem relativierenden Gegensatz zu ihr. Es liegt ihr fern – ja, sie würde es als unverzeihliche Dummheit erachten -, die Leistungen der Wissenschaft und die ihr zugrundeliegenden Voraussetzungen des Denkens zu schmälern oder gar zu verkennen. Die europäische Aufklärung ist eine der größten geistigen Umbrüche in der Geschichte des Menschen. Richtig und sinnvoll eingesetzt, könnte Wissenschaft ein Paradies auf Erden verwirklichen – genau wie die größten Aufklärer, allen voran der geniale, in den Wirren der Revolution umgekommene Mathematiker Marquis von Condorcet, sich das zu jener Zeit ja auch vorstellt hatten.

Allerdings fügt eine kritische Philosophie dieser Feststellung sogleich einen relativierenden Nachsatz hinzu. Auch die Religion hätte, richtig verstanden und sinnvoll eingesetzt, das Paradies auf Erden hervorbringen können. Hätte Christen die Feindesliebe des Neuen Testaments wörtlich verstanden, dann würde es keine Kriege mehr geben. Und das wäre sicher eine größere Annäherung an das Paradies gewesen als alle Erfindungen von Wissenschaft und Technik zusammen …

So wenig eine kritische Philosophie

die Religion in Bausch und Bogen verdammt, so sehr hütet sie sich vor der gegenteiligen Dummheit, indem sie Wissenschaft und Technik in Bausch und Bogen verklärt. Vielmehr sieht sie ihr Ziel darin, die Voraussetzungen unserer Verhexung durch Wissenschaft und Technik kritisch zu beleuchten und deren prinzipielle Grenzen aufzuzeigen – ein Bemühen, dass ich im Vorwort als „demokratische Antignosis“ bezeichnet habe.

Diese kritische Sicht, diese aufsässige Philosophie ist allerdings vorderhand auch nicht mehr als ein Schatten. Sie ist weder tot noch lebendig – ein Zombie, der von der zünftigen Wissenschaft mit äußerstem Misstrauen beargwöhnt wird. „Philosophie“, sagt der US-amerikanische Psychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker, „wird nicht mehr respektiert. Viele Wissenschaftler sehen darin ein Synonym für kraftlose Spekulation.“ Und an anderer Stelle: „(Amerikanische) Universitäten investieren immer weniger in Geisteswissenschaften. Seit 1960 ist deren Anteil auf die Hälfte geschrumpft, Gehälter und Arbeitsbedingungen stagnieren“ (Pinker 2003).

Warum, so fragt ein kritischer Leser

vielleicht an dieser Stelle, warum soll ich mich mit einem Schatten befassen, wenn das Licht, das die Wissenschaften seit mehr als zweihundert Jahren auf die Wirklichkeit werfen, so hell erstrahlt und die Menschheit zum ersten Mal aus ihrem vieltausendjährigen Schlummer gerissen hat?

Aber strahlt dieses Licht wirklich so hell? Wenn es stimmt, dass wir unsere Theorien an ihren Früchten erkennen und messen sollen, dann müsste unsere erste Frage doch lauten: was bieten uns Religion, Schönheit, Geschich­te und kritische Philosophie – und was bieten uns Wissenschaft und Technik? Ist das nicht die alles entscheidende Frage?

1 Diesem Begriff hat C. G. Jung eine spezielle Bedeutung gegeben. Ich fasse ihn hier als das verdrängte, vernachlässigte, entwertete Gegenstück zur offiziellen Wirklichkeitsdeutung auf.

Herr Ingenieur Karl Ernst Ehwald schreibt dazu folgenden Kommentar:

Lieber Gero Jenner,

ich bitte um Entschuldigung, wenn die folgenden Zeilen, geschrieben von einem alten Industriephysiker ohne hinreichende philosophische Allgemeinbildung, vielleicht sehr anmaßend klingen. Dennoch will ich versuchen, einige kritische Gedanken zu Ihren sehr anregenden Betrachtungen über das Wunderbare in der uns umgebenden Natur, über das Verhältnis des wunderbaren menschlichen Intellekts zu derselben, über den scheinbaren Widerspruch zwischen Determinismus und Willensfreiheit, über das Wunder unserer Empfänglichkeit für Kunst, das Verhältnis von exakter Naturwissenschaft zur Philosophie und Religion sowie vor allem über die schrecklichen Gefahren, die von der unbegrenzten Nutzung unserer heutigen und künftige technischen Möglichkeiten ausgehen, zu formulieren. Ich konzentriere mich mit auf letzteres.

 Seit der Steinzeit  beeinflusst die Entwicklung der Technik entscheidend die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Formen des Zusammenlebens, der gegenseitigen Abhängigkeiten, die Stellung der Familie in der Gesellschaft, unsere Moralvorstellungen und auch das Verhältnis der Menschen zu traditionellen Werten, zu Kunst und Religion. Wie ich Ihnen schon an anderer Stelle andeutete, glaube ich, dass die seit Beginn des Industriezeitalters ungeheuer erfolgreiche, durch Konkurrenz angetriebene kapitalistische Wirtschaftsweise, bei der das Privateigentum unbegrenzt und heilig ist, heute in eine tödliche Sackgasse führen muss, da sie ohne ständiges Wachstum und ständig steigenden Ressourcenverbrauch nicht lebensfähig ist. Staatliche Reglementierung, Planwirtschaft und Beschränkung des Privateigentums sind meines Erachtens nötig, um langfristig einen globalen Kollaps zu verhindern, die Anwendung von „wunderbarer“ Wissenschaft und Technik sinnvoll zu beschränken. Die „zwar wenig kreativen, aber ziemlich stabilen sozialistischen Gesellschaften des Ostens“ nach 1945 zeigten zumindest eines: Abgesehen von der auf beiden Seiten des „eisernen Vorhangs“ betriebenen unsinnigen Hochrüstung waren sie weniger konsumorientiert, boten aber der Masse der Bevölkerung bezüglich der Teilnahme an  klassischer Literatur, Theater, Klassischer Musik, Volkskunst usw. verhältnismäßig viel und teilweise sehr hochwertiges. Die materialistische Ideologie war hierfür kein Hinderungsgrund. Die viel stärkere Einschränkung politischer und religiöser Freiheiten im Vergleich zum kapitalistischen Westen war die Kehrseite der Medaille. Kein Grund, eine nicht kapitalistische, aber leider auch zwangsweise stärker reglementierende Gesellschaft als Gegenentwurf zum Istzustand nicht wieder anzustreben als das kleinere Übel. Was das Verhältnis der Geisteswissenschaften zu den Naturwissenschaften betrifft, sehe ich keine unüberbrückbare Kluft. sondern häufig Missverständnisse durch in beiden Disziplinen unterschiedlich belegte Begriffsbestimmungen. Hierzu ein Artikel von meinem hochbegabten Studienfreund Prof D,E,Liebscher, der sich auch mit diesen Problemen mal beschäftigt hat, wenn vielleicht auch etwas einseitig vom Standpunkt des theoretischen Physikers. http://www.dierck-e-liebscher.de/lectures/wahres-schönes-gutes.pdf

 Ich habe ihm auch Ihre 3 Assays zum Wunderbaren weitergeleitet und will mit ihm darüber diskutieren.

Mit besten Grüßen

Karl Ernst Ehwald

Das Wunderbare und seine Feinde (2)

Demokratische Antignosis

In diesem Buch möchte ich den Leser dazu ermuntern, seinen Blick für das Wunderbare zu schärfen. Mein Vorgehen wird allerdings nicht darin bestehen, Autoritäten zu zitieren oder Behauptungen aufzustellen. Vielmehr soll meine Anleitung darin bestehen, das eigene Denken anzuregen. Selbständiges Denken ist das Vorrecht jedes Menschen, jeder kann sich darauf einlassen und jeder dabei gewinnen, wenn er sich in diesem Prozess von herrschenden Vorurteilen oder angesagten Tabus befreit.

Ausdrücklich appelliere ich daher an ein demokratisches Vermögen, denn das reine Denken ist keine Fähigkeit, welche Experten für sich beanspruchen dürfen. Das reine oder elementare Denken bildet jene intellektuelle Grundlage, die auch die Grundlage allen Expertenwissens bildet. Diese Tatsache gerät nur zu leicht aus dem Blick. Gewiss – um mit Sachverstand über irgendein Gebiet der Physik, Chemie, Astronomie etc. zu reden, bedarf es eines Studiums von mehreren Jahren, und auch dann bleibt das Wissen selbst des größten Gelehrten immer noch bruchstückhaft, so immens ist inzwischen der Bereich des auf allen Gebieten Wissbaren geworden. Seit Leibniz und Voltaire gibt es den Universalgelehrten nicht mehr; dafür ist jedes individuelle Gedächtnis zu klein. Doch die Prinzipien, die allem menschlichen Wissen – und eben auch allem Expertenwissen – zugrunde liegen, sind einfach und elementar und gehören zur Auffassungsgabe jedes Menschen. Genau deswegen sind die Wissenschaften ja für alle Menschen erlernbar – alle besitzen die dafür notwendigen Voraussetzungen der „reinen Vernunft“.

Diese elementaren Voraussetzungen

sind so universal, dass nach einem Untergang der gegenwärtig lebenden Menschheit eine neue Generation, die dann wieder vom Nullpunkt beginnen müsste, Wissenschaft in Theorie und Praxis von neuem hervorbringen würde. Alle konventionellen Festlegungen wie Länge, Gewicht, Zeit, Temperatur etc. würden möglicherweise anders festgelegt werden (schon heute unterscheiden sich Celsius von Fahrenheit, Zoll von Zentimetern usw.), aber nach Umrechnung dieser konventionellen Einheiten würden die Gesetze der Natur die gleiche Form wie zuvor besitzen, und zwar aus einem naheliegenden Grund: wir abstrahieren sie aus einer außerhalb von uns selbst, unabhängig von unserem Wünschen und Wollen bestehenden Wirklichkeit.

Es ist von entscheidender Bedeutung,

diese demokratische Grundlage menschlichen Denkens hervorzuheben, denn ihr gegenüber – und diese Grundlage oft genug leugnend – stehen Ansprüche der Macht, die es in der Wissenschaft ganz genauso gibt wie in allen übrigen menschlichen Tätigkeiten. Ich sagte schon, dass sich jeder lächerlich machen würde, der sich über Details der Quantentheorie verbreitet, ohne sich das entsprechende Wissen in jahrelangem Studium angeeignet zu haben. In einem solchen Fall ist Spott nur zu berechtigt. Er wird aber zu einem Machtmissbrauch, wenn Spezialisten sich dagegen wehren, dass der Generalist die elementaren, demokratischen Grundlagen der Erkenntnis erhellt, welche allem und deshalb auch seinem Wissen zugrunde liegen. Dann schreiben sie sich ein Monopol von Wahrheit und Erkenntnis zu, dass sie genau deshalb nicht haben können, weil die Grundlagen ihres Vorgehens im Denken aller Menschen angelegt sind.

Das reine oder elementare Denken,

das man früher einmal mit dem heute eher verbrauchten Begriff der Philosophie umschrieb – führt den Menschen nicht nur zu einer wissenschaftlich verstandenen Wirklichkeit, die ihm als objektive Instanz gegenübertritt, es führt ihn genauso auch zu sich selbst. Zwar kann er auch sich selbst auf wissenschaftliche Art verstehen, nämlich wie ein Objekt, da er aus demselben Stoff gemacht ist wie die ihn umgebende Natur. Für den Arzt ist mein Körper eine Maschine, die er aufgrund seiner physikalischen, chemischen, biologischen, neuronalen und psychologischen Kenntnisse zu diagnostizieren und unter Umständen zu reparieren vermag. Wenn er die Körper-Maschine wieder in ihren normalen Zustand zurückversetzt, sprechen wir von einer Heilung. Die Naturgesetze innerhalb meines Körpers unterscheiden sich nicht von den außerhalb vor mir geltenden. Deshalb haben hier Wunder ebenso wenig Platz wie in der uns umgebenden Natur. Ein Toter ist noch niemals auferstanden, ein abgeschlagener Kopf noch nie nachgewachsen, kein Mensch widersteht einem Kugelhagel.

Und doch treffen wir gerade hier auf das Wunderbare,

das den meisten Menschen nur deshalb verborgen bleibt, weil es ihnen so alltäglich, gewohnt und deshalb gewöhnlich erscheint. Die Wissenschaft geht davon aus, dass ein Stein sich in einem bestimmten Moment von der Felswand löst, weil ganz bestimmte, eindeutig festlegbare natürliche Ursachen dafür verantwortlich sind. Würden sie diese Ursachen vollständig kennen, dann wären sie in der Lage, in jedem Einzelfall genau vorhersagen zu können, wann und warum ein solches Ereignis geschieht. Auf jeden Fall können wir heute schon Ursachen und Wirkungen derart genau bestimmen, dass eine Rakete zum Mars sekundengenau gerade zu der Zeit und an dem Ort eintrifft, wie die Theorie es vorausgesagt hat. Dagegen vermag niemand – meist nicht einmal ich selbst – vorauszusagen, was ich in einer halben Stunde unternehmen werde.

Der Gegensatz zwischen dem Verhalten des Steins

und dem eines Menschen scheint auf den ersten Blick unüberbrückbar. Offenbar gehorcht der Stein sklavisch jenen Gesetzen, die wir in der gesamten Natur nachweisen. Er hat keinen eigenen Willen, keine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu verändern. Er wird ausschließlich von Kräften dirigiert, auf die er selbst keinen Einfluss hat – so die Sicht der klassischen Naturwissenschaft. Inzwischen lässt die Quantentheorie immerhin gewisse Zweifel an dieser Auffassung zu. Seit sie den Zufall einführte, spricht sie dem Stein (genauer gesagt, den Elementarteilchen, aus denen er besteht) eine gewisse Eigeninitiative zu, wenn auch eine unendlich kleine. Theoretisch ist es inzwischen durchaus denkbar, dass der Stein nicht nur sklavisch äußeren Gesetzen gehorcht sondern in Einzelfällen, die Initiative zu seinem Sturz von der Felswand bei ihm selbst liegen muss, weil einige seiner Atome durch ihre erratische, unvorhersehbare Bewegung den Sturz erst ermöglicht haben…

Wie der Stein unterliegen auch der Mensch und andere Lebewesen Tausenden von Abhängigkeiten. Fehlen Kalorien in ihrer Ernährung, sterben sie an Entkräftung, mangelt es an Kalzium, dann verkümmern ihre Knochen, sind sie einem Übermaß an ultravioletter Strahlung ausgesetzt, entstehen auf der menschlichen Haut krebsartige Melanome. Überdies sind wir uns nur selten bewusst, wie eng die Grenzbedingungen unserer Existenz auf diesem Planeten tatsächlich sind. Die Luft muss einen Mindestanteil an Sauerstoff besitzen und darf ein Maximum an CO2 oder Stickstoff nicht überschreiten. Noch dazu ist der Temperaturbereich, der uns und allen anderen Lebewesen das Überleben auf Gaia ermöglicht, ein sehr enger Korridor – und überhaupt spielt sich Leben nur in einem hauchdünnen, nicht mehr als zehn Kilometer umspannenden Bereich zwischen der harten Oberfläche des Erdballs und der umgebenden Unendlichkeit ab. So gesehen, schränken die Naturgesetze mögliches Leben radikal ein. Wir sind Teil der Natur und ihren Gesetzen so unausweichlich unterworfen, dass schon geringe Änderungen an den bestehenden physischen Parametern unsere Existenz auf dem Globus vollständig auslöschen könnten.

Doch das ist keineswegs alles

Auch wenn das Leben denselben Naturgesetzen unterliegt, schließen diese Gesetze Zufall und Freiheit nicht aus. Mit sinngelenktem Wollen greifen wir beständig in die Wirklichkeit um uns ein, um sie (zum Guten oder zum Bösen) nach eigenen Wünschen zu gestalten. Diese Veränderung geschieht nicht gegen die Gesetze der Natur, aber sie lässt sich auch keinesfalls aus ihnen herleiten oder begründen.

Dies ist das Wunderbare schlechthin, denn in einer Welt, wo alles Geschehen ausnahmslos gesetzmäßig determiniert verläuft, dürfte es ein derartiges Eingreifen des Wollens auf die Welt der äußeren Dinge eigentlich gar nicht geben. Haben wir nicht eben noch festgestellt, dass das Vorgehen des Wissenschaftlers darin besteht, die Wirklichkeit – unabhängig von eigenem Wollen und Wünschen – so zu beschreiben und zu erklären, wie sie „objektiv“ also tatsächlich ist? Aber wenn diese Tatsächlichkeit (außer im interstellaren Raum jenseits unseres Globus) gar nicht besteht, weil hier auf der Erde lebende Wesen durch ihr Wollen und Wünschen in einem fort in die Wirklichkeit eingreifen und sie gestalten, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild! Das Wollen – menschliches Wollen ebenso wie das unserer tierischen Mitbewohner – ist de facto eine wirklichkeitsgestaltende Kraft neben den Naturgesetzen. Noch dazu eine Kraft von so gewaltigem Ausmaß und so immenser Energie, dass sie uns in die Lage versetzt, unseren eigenen Lebensraum in ein Paradies zu verwandeln oder ihn umgekehrt so zu vergiften und zu zerstören, dass er für alles Leben schon bald unbewohnbar sein könnte.

Solchen Einsichten von der Macht menschlichen Wollens

braucht sich der wissenschaftliche Spezialist nicht zu verschließen, dennoch gehören sie nicht zu seinem und zu keinem anderen Fachgebiet – sie gehören zum reinen, elementaren Denken, das allen Menschen gemeinsam ist. Das Wunderbare führt nicht nur zu geistiger Expansion – wie gerade gezeigt, kann es auch das Schreckliche und Bedrohliche sein. Das ist der Grund, warum es uns zugleich zu begeistern und zu erschüttern vermag. Hier liegt auch der Grund, warum es überhaupt einen Sinn macht, sich mit so grundsätzlichen Fragen zu befassen. Der Spezialist, jeder Spezialist, beschäftigt sich mit bestimmten Problemen theoretischer oder praktischer Art. Dafür wird er geachtet und honoriert. Wenn seine Leistungen das übliche Maß bedeutend überschreiten, wird er unter Umständen sogar mit dem höchsten Preis ausgezeichnet, den die heutige Menschheit zu vergeben hat, mit dem Nobelpreis. Das wirft eine wichtige Frage auf.

Was leistet ein Generalist,

wenn er auf das reine elementare Denken zurückgreift, sozusagen auf die menschlichen Anfangsgründe im Umgang mit der Natur? Wir werden sehen, dass er auf etwas völlig anderes verweist: auf die Grenzen, welche die menschliche Erkenntnis nicht zu überschreiten vermag. Grenzen – das Wort stößt im ersten Augenblick ab. Da kann leicht der Eindruck entstehen, als würde der Erkenntnis ein schlechter Dienst erwiesen. Der gelehrten Wissensgewissheit, dem Unterwerfung heischenden Wissenshochmut, wie er in jeder und vor allem gerade in unserer Zeit existiert, hält er die Grenzpfähle entgegen, über die unser Wissen und die Erklärung des Wirklichen nicht hinausgelangen.

Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass demokratische Antignosis nicht etwa nur jene zeitbedingten Grenzen im Auge hat, wie sie in jeder Entwicklungsphase durch den Stand unseres jeweiligen Wissens bedingt sind. Nein, sie spricht von grundsätzlichen Grenzen, die sich aus der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens selbst ergeben. Einer Ameise trauen wir nicht zu, dass sie eine vollständige Theorie von der Welt besitzt, ihre Sinne und Intelligenz sind ausschließlich für ihren Lebensbereich gemacht. Nach geltender Lehre ist aber auch der Mensch ein Produkt der Evolution. Wir besitzen Sinne und einen geistigen Apparat, die für die Orientierung der für uns relevanten Wirklichkeits­bereiche gemacht sind. Daraus ergeben sich offenkundige Grenzen, die wir mit unseren Sinnen teilweise überschreiten, indem wir sie durch allerlei Instrumente gleichsam verlängern. Auch unsere Vernunft können wir durch Künstliche Intelligenz quantitativ erweitern, aber wir können sie nicht qualitativ verändern, denn dann würden wir als Menschen die Künstliche Intelligenz nicht länger verstehen.

Ich spreche von demokratischer Antignosis

als derjenigen Erkenntnis, welche die eigenen Grenzen nicht nur intuitiv beschreibt sondern deren Evidenz zwingend demonstriert.*1* Demokratisch ist diese Erkenntnis, weil sie die Grundlage allen spezialisierten Wissens bildet und daher jedermann zugänglich ist. Als „Antignosis“ bezeichne ich sie, weil sie keinesfalls identisch mit jener ähnlichen Lehre ist, die sich als Agnostizismus einer langen Geschichte rühmen darf. Agnostizismus besteht in dem meist zögernden Eingeständnis, dass wir vieles nicht wissen und vielleicht nicht einmal wissen können. Agnostizismus ist ein anderes Wort für Verzicht, und der wird immer nur als Mangel erlebt und verschafft keine Befriedigung.

Dagegen weiß die Antignosis sehr viel mehr als der Agnostizismus. Sie zeigt nämlich auf, nein, sie beweist mit den Mitteln des reinen Denkens, dass menschliche Erkenntnis prinzipiell begrenzt ist, sodass wir vieles grundsätzlich nicht wissen können. Doch ist das keineswegs ein Verzicht. Es wird sich zeigen, dass darin keine Beschränkung liegt sondern die Rückkehr zu einer von Vorurteilen der Hybris befreiten Welt. Denn im Umkehrschluss zeigt die demokratische Antignosis, dass wir in einer Welt, die wir völlig enträtselt haben, weder leben könnten noch leben wollen. Eine solche Welt würde alle Horizonte blockieren und alls Freiheit ersticken. Dass eine demokratische Antignosis nebenbei auch den Hochmut der Experten in seine Schranken weist, mag manchem als erwünschte Nebenwirkung erscheinen.

1 Ich brauche nicht zu betonen, dass ich die Begriffe Gnosis und Antignosis in ihrem ursprünglichen Sinn verwende. Gnosis ist das griechische Wort für Erkenntnis, also nicht nur einer bestimmten Art der Gotteserkenntnis, welche um die Zeitwende entstand. Unter radikaler Gnosis verstehe ich den Anspruch der Wissenschaftsreligion, die göttliche Allwissenheit für den Menschen zu reklamieren. Antignosis wird damit zu einer Aufgabe einer kritischen Deutung menschlicher Erkenntnis. Wenn sie streng verfährt, dann wird daraus eine kritische wissenschaftliche Selbstreflexion.

Prof. Siegfried Wendt schreibt mir:

Lieber Herr Jenner,

beim Lesen Ihres sehr einleuchtenden Textes musste ich doch auch an die Aussage des Komödienautors und Schauspielers Curt Götz denken, der gesagt hat: „Allen ist das Denken erlaubt – vielen bleibt es erspart.“

Mit herzlichem Gruß

Siegfried Wendt

Prof. Michael Kilian schickt mir folgende Mail:

Lieber Herr Dr. Jenner,
herzlichen Dank für die Fortsetzung Ihres schönen Beitrags.
Wie sagt Shakespeare: „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt“.
Und die Bibel: Was hülfe es dem Menschen, wenn er alle Welt gewönne (= auch das Weltwissen) und nähme doch Schaden an seiner Seele. 

Anbei eine kleine Gegengabe aus jüngster Zeit, Ihr Michael Kilian 

Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Vorwort

Dieses Buch ist eines nicht: ein esoterischer Versuch, dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltverständnis unserer Zeit eine neo-obskurantistische Theorie von Wundern entgegenzusetzen. Ein Wunder nach klassischem Verständnis wäre es, wenn sich in einem Friedhof Sargdeckel plötzlich heben und Tote auferstehen. Ein Wunder wäre es auch, wenn aus einem Hühnerei unversehens ein Adler schlüpft, Wasser sich in Wein verwandelt, Gott aus einem brennenden Dornbusch tritt oder es einem Zauberer gelänge, ein Naturgesetz der Physik durch bloße Geistesmacht außer Kraft zu setzen.

Solche und noch viel abenteuerlichere Wunder haben Religionen überall auf der Welt ihren jeweiligen Gottheiten zugeschrieben – und ihre Anhänger haben ihnen inbrünstig geglaubt. Heute ist das nicht länger der Fall. Spätestens seit der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Wissenschaft solche Behauptungen unnachsichtig verspottet und als Aberglauben zurückgewiesen. An dieser Auffassung wird in diesem Buch festgehalten – auch wenn sich zeigen wird, dass die Wissenschaften, wie schon Karl Popper zeigte, keineswegs gegen die Versuchung gefeit sind, ihrerseits mit dem (Aber-)Glauben zu flirten…

Grundsätzlich anders verhält es sich mit dem Wunderbaren

Dieses ist in Wahrheit allgegenwärtig, nur dass die Routine des Alltags die meisten Menschen dafür nahezu vollständig erblinden ließ. In einem fort wird ihnen eingeredet, dass nur der Dumme über die Erscheinungen dieser Welt erstaunt. Ein wissenschaftlich aufgeklärter, gebildeter Mensch wisse, dass in der Natur alles auf die allernatürlichste Weise geschehe. Ein Dichter, Saint-Exupéry, musste den Kleinen Prinzen auf einen Asteroiden versetzen, um uns, den Menschen, die eigene, unglaubliche Situation in den Weiten des Alls wieder bewusst zu machen. Immanuel Kant musste den Sternenhimmel beschwören und das moralische Gesetz in der eigenen Brust, um dem Geheimnis des Lebens neuerlich zu begegnen und seine Leser zum Erschauern zu bringen. Das allerdings hielt er nicht lange durch; gleich darauf war Kant wieder bemüht, das Geheimnis in bannende Formeln zu pressen. Das Erschauern vor einer Wirklichkeit, die mächtiger ist als menschliche Vernunft, die sie zähmen will, ist das Privileg von geistiger Offenheit. Diese öffnet die Augen für Geheimnisse, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte zu enträtseln sucht und bis heute niemals zu enträtseln vermochte. Anders gesagt, öffnet sie die Augen für das Wunderbare der menschlichen Existenz.

Wer sich diesem Geheimnis ohne Scheuklappen stellt,

der ist sich bewusst, dass uns DIE WAHRHEIT unerreichbar bleibt, auch wenn sich uns unendlich viele Teilwahrheiten erschließen. Das wissenschaftlich gesicherte Fakten- und Gesetzeswissen ist nach zwei Jahrhunderten industrieller Revolution zu einem reißenden Strom angeschwollen, der von Tag zu Tag breiter wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als wäre der moderne Mensch gerade im Begriff, auch noch die letzten Rätsel seines Daseins zu lösen. Anderseits gibt es zu denken, dass er von dieser Überzeugung bereits vor mehr als hundert Jahren durchdrungen war, als sein Wissen ungleich geringer als heute war. 1899 veröffentlichte Ernst Haeckel ein Buch mit dem Titel Die Welträthsel. Da behauptete der Autor nicht mehr und nicht weniger, als dass alle Geheimnisse dieser Welt von der Wissenschaft bereits grundsätzlich gelöst worden seien. Nur was das kantische „Ding an sich“ eigentlich sei, bleibe ein Rätsel; das aber könne man wohl damit erklären, dass dieses seltsame Dinge eine bloße Erfindung ist.

An Haeckels Buch – dem mit Abstand größten populärwissenschaftlichen Erfolg der deutschen Buchgeschichte – ist zu erkennen, dass die behauptete Enträtselung wenig bis gar nichts mit dem Umfang des tatsächlichen vorhandenen empirischen Wissens einer Zeit und eines Autors zu tun hat. Diese erstaunliche Erkenntnis wird uns schlagartig zu Bewusstsein gebracht, wenn wir einen noch viel größeren Sprung vollziehen, nämlich in die Vergangenheit vor zweieinhalbtausend Jahre. Damals waren die beiden griechischen Philosophen Demokrit und Leukipp zutiefst davon überzeugt, das gesamte Weltgeschehen auf die unterschiedlichen Relationen von kleinsten materiellen Teilchen, die sie „Atome“ nannten, zurückführen und vollständig erklären zu können. Sie setzten eine mechanistische Religion in die Welt, um mit ihr die Götter und zusammen mit diesen auch gleich noch den sinnenden, wollenden Menschen zu entsorgen. Schon damals, als menschliches Wissen im Vergleich zum heutigen nahe bei null lag, nahmen sie die berühmt-berüchtigte Formel von Laplace ahnend vorweg (vgl. Kap. Wissenschaftsreligion: die Entzauberung von Mensch und Natur).

Nicht erst die moderne Wissenschaft

hat den Wunsch nach gottgleichem Wissen zum Vater des Gedankens gemacht. Ganz gleich wie groß oder beschränkt das tatsächliche Wissen war, immer gab es tollkühne Theoretiker, die sich imstande wähnten, jenen Sessel irgendwo im All zu besetzen, auf dem der Mensch zuvor den göttlichen Schöpfer der Welt thronen sah. Hätten sie diesen Anspruch auf die erfolgreiche Lösung aller Rätsel zu Recht erhoben, dann wäre es dem Menschen nicht nur gelungen, das Wunder sondern auch noch das Wunderbare für alle Zeit zu verbannen – als entsorgte Antiquität unaufge­klärter Köpfe. Welches Geheimnis bleibt denn noch, wenn wir die Welt restlos entziffern, sie vollständig in Formeln beschreiben und mit ihrer Hilfe die Zukunft entschlüsseln, um dann menschliches Handeln ebenso verlässlich wie die Bahnen der Planeten voraussagen zu können?

In Wahrheit haben wir es

mit einer bloßen Wunschvorstellung zu tun; ich werde von „Wissenschaftsreligion“ sprechen. Gerade die größten Wissenschaftler sind sich bewusst, dass ein gelöstes Problem sofort ein Dutzend neue Probleme beschwört. Je heller der Strahl, den der erkennende Geist in das ihn umgehende Dunkel wirft, desto mehr weiten sich die Räume, die dieser Lichtkegel erfasst – desto mehr dehnt sich daher auch das Dunkel aus, das sich jenseits dieses Lichtkegels befindet. Wissenschaft ist der Versuch, mit den endlichen Mitteln der erkennenden Vernunft in das Unendliche vorzustoßen. Das Wunderbare wird auf diese Weise niemals erschöpft.

Und Wissenschaft ist bekanntlich

nicht die einzige Art und Weise, wie wir uns der uns umgebenden Wirklichkeit nähern. Sie kann es nicht sein, da sie nur dem intellektuell-erkennenden Vermögen Entfaltung bietet. Gefühle und Empfindungen dürfen dabei prinzipiell keine Rolle spielen, denn sie sind lediglich „subjektiv“ – an das jeweilige Wünschen und Wollen gebunden. Die wissenschaftliche Wahrheit aber soll grundsätzlich unabhängig von unserem Wünschen und Wollen sein, sie soll die uns gegenüberstehende Wirklichkeit „objektiv“ erfassen, also gleichgültig davon, ob diese uns emotional berührt oder nicht. Ein Stück Traubenzucker auf meiner Zunge kann Entzücken bewirken, die chemische Formel C6H12O6 aber lässt meine Gefühle kalt. Denn die Formel geht ausschließlich aus den Forderungen des analytischen Verstandes hervor. Daher hat Wissenschaft für den Menschen nur einen instrumentellen Wert (obwohl der Akt der Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ihren Urheber sehr wohl emotional sehr stark bewegen kann). Sie gibt uns Sicherheit im Umgang mit den Dingen der Welt; ihre größten Erfolge erzielt sie, wenn sie uns erlaubt, die Zukunft aufgrund unseres Wissens zu planen oder vorauszusagen. Nur auf indirekte Art steht auch sie damit im Dienste menschlicher Gefühle, denn Sicherheit gehört zu den elementaren Bedürfnissen, da sie uns von der Angst vor dem Unplanbaren, dem Unberechen- und dem Unvorhersehbaren befreit.

Dennoch wäre der Mensch der Fülle

seines Menschseins beraubt, wenn es für ihn nur Wissenschaft gäbe, also die Anwendung seiner analytischen Fähigkeiten, um die Wirklichkeit objektiv zu beschreiben – ohne Ansehen der eigenen Gefühle. Außer der wissenschaftlichen gibt es noch eine zweite Art, mit Wirklichkeit umzugehen; diese ist von der wissenschaftlichen radikal unterschieden. Auch dabei haben wir es aber mit einer Form der Erkenntnis zu tun, nur eben einer ganz anders gearteten. Statt vorhandene Wirklichkeit zu entschlüsseln, besteht diese Erkenntnis darin, dass sie Wirklichkeit selbsttätig hervorbringt. Sie kreiert ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit statt sie nur zu erkennen.

Natürlich spreche ich von der Kunst

In ihr manifestiert sich nicht etwa das Wunder – das wurde von den Wissenschaften zu Recht entsorgt – sondern das Wunderbare. Auch wenn Kunst keineswegs mit dem Schönen identisch ist (darüber wird noch zu sprechen sein), besteht sie doch sehr oft in dessen Hervorbringung. Schönheit ist keine Beschreibung des Wirklichen aufgrund intellektueller Analyse, sie ist schon gar keine emotional unbeteiligte Zeugenschaft. Schönheit ist die Projektion unserer intellektuellen zusammen mit unseren emotionalen Kräften, um neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Kunst macht uns zu Schöpfern, weil das Schöne eine neue Wahrheit und Wirklichkeit ist, die sich aus der vorhandenen nicht ablesen lässt, sondern unmittelbar aus dem Inneren des Menschen, aus seinem Hirn und seinem Herzen, stammt. Wissenschaft hingegen ist keine neue Wahrheit sondern Wahrheit, die sich darauf be­schränkt, in zugleich analytischer und generalisierender Form zu erfassen, was in der Wirklichkeit objektiv in unendlich vielen Einzelereignissen bereits vorhanden ist. Ein Naturgesetz ist keine Erfindung des Menschen – sie ist Findung von etwas bereits Daseiendem.

Greifen wir willkürlich eines von unendlich vielen Beispielen

für das Schöne heraus: Beethovens neunte Symphonie. Aus wissenschaftlicher Perspektive begreifen wir mühelos, warum uns die Zuführung von Kalorien am Leben erhält. Aber wie sollen wir begreifen, dass bloße Schwingungen der Luft, erzeugt von einem Blasen durch Röhren und das Kratzen von Rosshaaren auf metallischen Saiten – denn aus nichts anderem besteht diese wie auch alle anderen Symphonien – uns in Ekstase versetzen können. Das ist und bleibt ein unlösbares Geheimnis: Inbegriff des Schönen und eben des Wunderbaren. Wir brauchen keine Aufhebung der Naturgesetze, wir benötigen kein Wunder, damit uns dieses Geheimnis erschüttert. Wir brauchen nur auf das lächelnde Gesicht eines Menschen zu blicken, wenn er, von Rhythmus und Melodie bezwungen, etwas Unsichtbares, Ungreifbares erfährt, das ihn stärker berührt als die alltäglichen Akte seiner physischen Existenz.

Aus physikalischer Perspektive sind bloße Schwingungen von Luftmolekülen nahezu irreal. Dennoch kann ihre Wirkung so überwältigend sein, dass manche von uns ihr tägliches Leben überhaupt nur deswegen ertragen, weil sie die Musik zeitweise in eine andere, höhere Daseinsform katapultiert – in das Wunderbare. Auch das ist offenbar eine Form der Erkenntnis, denn sie prägt uns selbst ebenso wie unser Erleben der äußeren Dinge. Die Welt verwandelt sich für uns durch die Erfahrung des Schönen.

Die Berührung mit dem Wunderbaren

macht den Alltag erträglich, sie verzaubert die Wirklichkeit. Andererseits ist deren Entzauberung dafür verantwortlich, dass vielen Menschen das eigene Leben und die umgebende Welt nur schwer erträglich erscheinen. Hat man den Wissenschaften zu Recht vorgeworfen, dass sie dafür verantwortlich sind, weil sie die Welt entzaubern?

Nein, so einfach ist es gewiss nicht. Nur teilweise ist es richtig, wenn wir die Wissenschaften für diese Ernüchterung verantwortlich machen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie der Welt viel von ihrem Zauber genommen haben. Vor William Harvey (1578 – 1657) war das Herz ein geheimnisvolles Organ – für viele Völker und Zeiten der Sitz übernatürlicher Kräfte. Nach Harvey war das Herz nur noch eine Pumpe. Das war einerseits ein gewaltiger Erkenntnissprung – Ausweitung von überprüfbarer Wahrheit, andererseits war es ein emotionaler Verlust: eine Pumpe eignet sich nicht länger für ausschweifende poetische Gleichnisse. Für die Dichtung war das Herz seitdem entzaubert, verloren. Dieselbe Banalisierung der Wirklichkeit aufgrund der sukzessiven Wahrheitsfortschritte des analytischen Verstandes betraf bald immer größere Bereiche der uns umgebenden Welt, z.B. die Himmels­körper. Bis zum Aufkommen der modernen Astronomie und der Spektroskopie galten Planeten und Sterne als Sitze der Götter oder wurden sogar als deren Verkörperung gesehen. Heute sind sie nur noch fliegende Klumpen von unterschiedlicher chemischer Struktur. Für unsere Gefühle sind sie erkaltet. Einen Auf­enthalt auf einem dieser trostlosen Gebilde würden wir selbst unseren ärgsten Feinden nicht wünschen, geschweige denn den Göttern (sofern wir noch an sie glauben).

Was für eine radikale Entzauberung! Wenn wir um uns blicken, dann sehen wir, dass die wissenschaftliche Erklärung sich wie ein grauer Mehltau auf die Dinge legte und sie ihrer Poesie beraubte. Das Herz wurde zur Pumpe, die gesamte uns umgebende Wirklichkeit zu einer Maschine von mehr oder weniger großer Komplexität.

Doch etwa seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts

ist etwas Seltsames, eher Unerwartetes, geschehen. Durch die Quantenphysik wurde die Physik so außerordentlich komplex, dass ihre Theorien und Produkte uns genau deswegen wieder mit einer Art Zauber berühren. Newtons allgemeine Himmelsmechanik, welche die Bewegung von Sternen ebenso wie die eines Apfels auf unserem Planeten beschreibt, war (fast) für jedermann verständlich. In ihrer mechanischen Verlässlichkeit wirkte sie einerseits als Offenbarung für den forschenden Intellekt, andererseits als kalte Ernüchterung für das Gefühl. In dem bis dahin von Leben durchpulsten Kosmos vermochte der Mensch nach Newton nur noch ein großes Uhrwerk zu sehen, das man zwar verstehen aber nicht lieben konnte. Wer liebt schon ein so totes Ding wie einen nach sturen Regeln funktionierenden Mechanismus?

Doch 1900 entwarf Max Planck die Grundidee der Quantenmechanik und eineinhalb Jahrzehnte später trat Albert Einstein mit der Allgemeinen Relativitätstheorie auf den Plan. Wie ihre größten Kenner übereinstimmend verkünden, lässt sich die Quantentheorie nicht mehr anschaulich machen und auf diese Weise verstehen – die Wirklichkeit des Atoms entspricht nicht mehr der Wirklichkeit der Mittleren Welt, in der wir leben (vgl. Kap. Die verpasste Revolution der Quantenphysik).

Dieses Versagen der menschlichen Anschauung gegenüber der fremdartigen Wirklichkeit des Allerkleinsten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das Bild der Natur von einem Uhrwerk und toter Mechanik hatte damit auf einmal ausgedient. Plötzlich war das Rätsel zurückgekehrt, denn für die Naturwissenschaft gibt es kein größeres Geheimnis, als wenn sie zugeben muss, die Welt nicht länger erklären zu können (selbst wenn sie sich immer noch manipulieren lässt – sonst wäre die neue Theorie überhaupt überflüssig). So dürfen wir heute behaupten, dass gerade die königliche Disziplin der Wissenschaften, die Physik, die Natur zwar einerseits radikal entzauberte, ihr andererseits aber auch wieder etwas von ihrem Rätsel zurückgab – Nichtverstehen ist identisch mit dem Geheimnis.

Diese Wiederverzauberung gilt nicht nur für die Theorie,

sie gilt auch für viele moderne Produkte, die wir ihr zu verdanken haben. Wir brauchen nur an Computer oder Handys zu denken, um uns davon einen Begriff zu machen. Die Menschen wären ihnen nicht so verfallen, sie würden nicht so süchtig mit diesen Dingen arbeiten und spielen, wenn diese Geräte ihnen nicht geheimnisvoll und geradezu unerschöpflich erscheinen würden. Wie ein klassisches Telefon funktioniert, war auch für den Laien noch leicht zu begreifen. Es hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die Übertragung von Sprache; darin erschöpfte sich sein Gebrauch. Ein Smartphone aber bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle dieser und anderer Funktionen; es stellt nicht nur eine intellektuelle Herausforderung dar sondern hält darüber hinaus auch noch die Gefühle in Bann, wenn seine Nutzer sich in aufregenden Spielen verlieren. Für viele Menschen fällt die neueste Wissenschaft hier plötzlich wieder mit der ältesten Magie und Zauberei zusammen, denn allenfalls einer von tausend weiß, wie solche Geräte tatsächlich funktionieren.

Wir leben in einer paradoxen Zeit

Ich sagte gerade, dass die Kunst neue, nie dagewesene Wirklichkeiten erschafft, während die Wissenschaft bestehende Wirklichkeiten beschreibt. Diese Feststellung scheint logisch unanfechtbar, sie scheint den Tatsachen aber dennoch zu widersprechen. Zwar trifft es zweifellos zu, dass bis ins 18. Jahrhundert die Gestaltung der Wirklichkeit überall in der Welt überwiegend durch die Kunst erfolgte. Tempel und Kathedralen, Gärten und Schlösser sind die sichtbarsten Beispiele für diese Transformation der Wirklichkeit durch den Menschen. Rechnet man noch den Bereich des Unsichtbaren hinzu, nämlich Musik und Dichtung, dann ist die Evidenz für die wirklichkeitsgestaltende Macht der Kunst überwältigend.

Doch diese Macht der Kunst über die Wirklichkeit wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts gebrochen. Seitdem sind es die Produkte der Wissenschaften, welche die uns umgehende Natur so stark verwandeln, dass die Menschen früherer Zeiten ihre damalige Welt in der heutigen kaum mehr wiedererkennen würden. Es sind Tausende neuer durch Wissenschaft hervorgebrachte Apparate – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und Tausende von Fabriken zu deren Herstellung, die das Aussehen unserer Städte und Landschaften ebenso bestimmen wie unser tägliches Leben. Offenbar besteht die eigentliche, die für jedermann sichtbare Leistung der Wissenschaften nicht darin, dass sie die Ordnung der Natur an ihren Gesetzen objektiv richtig beschreiben, sondern dass sie die Natur auf eine nie dagewesene Art in kurzer Zeit radikal transformieren – weit umfassender als das jemals die Kunst vermochte.

Wie passt das zusammen: Wissenschaft als die Gesamtheit

aller objektiven (für jedermann nachprüfbaren) Aussagen über die uns umgebende Welt einerseits und auf der anderen Seite Wissenschaft als das bisher wirksamste Instrument zur Erschaffung neuer, nie dagewesener Wirklichkeiten, also als ein Instrument zur Entfesselung menschlicher Freiheit?

Wie wir noch sehen werden, passt das überhaupt nicht zusammen, sondern wir stoßen gerade hier auf das Wunderbare, das Wissenschaft selbst nicht zu erklären vermag. Die Entfesselung menschlicher Freiheit durch eine Wissenschaft, welche Freiheit ganz leugnet oder sie mit einem sinnlosen Zufall identifiziert, ist das vielleicht größte Paradox unserer Zeit (siehe Kap. Demokratische Antignosis in unserer Zeit).

So gesehen ist es ein eher bescheidenes Paradox,

dass die talentiertesten und ehrgeizigsten Köpfe seit mindestens einem Jahrhundert in die Wissenschaften drängen, und zwar in die Wissenschaften von der Natur, weil deren Nutzen für die Steigerung von Reichtum, Macht und Ansehen eines Staates so evident sind. Dagegen verkümmern die Kunst und die Wissenschaften des Geistes schon seit Jahrzehnten. Sie werden an immer kürzerer Leine gehalten, weil ihr materieller Nutzen vergleichsweise begrenzt ist.

Welch ein Gegensatz zur Vergangenheit? Während Geist und Talent vor fünfhundert Jahren zu den Künsten strebten und Italien zu dem Wunder machten, das es aufgrund so vieler Zeugnisse der Schönheit bis heute geblieben ist, widmen die herausragenden Köpfe der heutigen Zeit ihre ganze Kraft den Naturwissenschaften und allem, was mit diesen zusammenhängt. Doch die Wissenschaften erzeugen zwar intellektuelle Fülle, sie steigern das analytische Vermögen und verwandeln uns in Verstandesmenschen mit steigendem Intelligenzquotienten, aber sie hinterlassen eine spirituelle und emotionale Leere, da sie das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Wärme und spiritueller Geborgenheit nicht befriedigen. In ihrer theoretischen Grundlegung haben sie keinen Platz für ethisches Sollen und ästhetische Schönheit. Was den Menschen als ganzen am meisten betrifft, das entzieht sich ihrem Zugriff und ihrem Interesse (so kunstsinnig einzelne Wissenschaftler persönlich auch gewesen sein mögen und oft heute noch sind). Wir verstehen zwar, warum Wunder keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltanschauung haben. Wenn die Gesetze der Natur per definitionem ewig und unverbrüchlich sind, dann stellt ihre Durchbrechung einen logischen Widersinn dar. Aber warum ist seit dem Aufkommen der Wissenschaften auch das Wunderbare ganz aus dem Blickfeld verschwunden? Mit Logik ist diese Tatsache nicht zu begründen – sie gehört zu den Vorurteilen der Wissenschaft als einer neuen säkularisierten Religion.

Diese Vorurteile aufzudecken, ist keine Aufgabe für Experten, die ja eher bestrebt sind, ihr Wissen wie ein Monopol zu verwalten. Sie ist eine Aufgabe jenes menschlichen Grundvermögens, das Kant als „reine Vernunft“ bezeichnet hatte. Ich werde im nächsten Kapitel von „demokratischer Antignosis“ sprechen.

Der Soziologe Dr. Alexander Dill schreibt dazu Folgendes:

Lieber Herr Jenner

Ich entdecke bei Ihnen zunehmend mein eigenes Denken, eine romantische und arg selbstverliebte Skepsis gegenüber der vermeintlichen Aufklärung, so, wie einst die Frankfurter Schule, dann Peter Sloterdjik und die postmodernen Franzosen. Bei Ihnen kommt das eher British daher. Sehr fashionable und highly sophisticated. Das Wunderbare ist ja auch das Unwahrscheinlichste, nämlich die eigene Existenz. Da wir wenig bis nichts über das Wissen wissen (Wissen kann man übrigens nicht googeln), steht das Wunderbare in der heroischen Reihe der großen Rätsel, zusammen mit Gott, dem Anderen, dem Du, der Zeit und der Unendlichkeit. Dazu gibt es ein längeres Video mit mir aus der Schweiz, in dem ich eine Geschichte des Wissens als Einleitung biete: https://www.youtube.com/watch?v=Ey9MSXOPijk.

Wunderbar ist auch, dass Fritz Goergen hier mitliest, der mich unter seinem vorigen Namen Fritz Fliszar als Doktorstipendiat in die Friedrich Naumann Stiftung aufnahm.

Herzlicher Gruß Ihres Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

wenn es uns gelänge, eine Diskussion über die Sache zu führen, indem Sie mich – je nachdem – loben, heftig kritisieren, eigene Vorschläge vorbringen usw., dann würde ich das sehr begrüßen, denn das Thema liegt zweifellos in der Luft. Aber hüten wir uns, einander Etiketten aufzudrücken (Romantiker mit britischer Orientierung, Epigone der Frankfurter Schule etc.). Daran denke ich nämlich, wenn ich über die Feinde des Wunderbaren rede. Für die gibt es nichts, was sie nicht verstehen, weil sie die gesamte Wirklichkeit sorgfältig in etikettierten Schubladen abgelegt haben. Wenn man solchen Leuten begegnet, wird aus jeder Diskussion eine Art von Beauty Contest, ein Ego-Gefecht, wo jeder der oder die Schönste bzw. Intelligenteste sein möchte. Will man die Wirklichkeit als das erfahren, was sie in Wahrheit ist, dann muss man erst einmal die Ego-Blase sprengen, in der man „arg selbstverliebt“ gefangen ist (a propos, Sie wissen natürlich, wie verbreitet die Neigung ist, anderen genau jene Fehler zuzuschreiben, die man an sich selbst entdeckt). Übrigens kommen solche eher psychologischen Abschweifungen in meinem Buch eher selten vor. Es geht um elementare Logik – demokratische Antignosis – wie ich das nenne.

(Ihr Youtube Video ist leider akustisch schlecht aufgenommen, zum Teil schwer zu verstehen)

Herzliche Grüße

Gero Jenner

Der Schauspieler Fritz Stavenhagen schreibt:

Sehr geehrter Herr Jenner,
seit etlichen Jahren erhalte, lese und genieße ich Ihre Abhandlungen zu politischen, historischen, philosophischen Themen. Zum Wunderbaren Ihrer letzten ist mir eingefallen, dass ich zu der von Ihnen angesprochenen Entzauberung der Wirklichkeit durch die Naturwissenschaften im Rahmen meiner kleinen „Einführung in die Lyrik“ speziell zur Herzproblematik einiges gefunden und referiert habe, das die ausschließliche Funktion des Herzens als Pumpe in Frage stellt, wenn nicht widerlegt. Ich bin nicht Wissenschaftler sondern Künstler geworden. So haben mich die Forschungen und Erkenntnisse der Kardiologen nicht nur brennend interessiert, sondern auch zutiefst befriedigt und bestätigt. Ich erlaube mir, Ihnen mein Büchlein anzuhängen und möchte insbesondere auf das letzte Kapitel verweisen (Seite 74ff).

Mit den besten Grüßen 
Fritz Stavenhagen

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

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Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen

Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen

Lange muss man suchen, um in der heutigen Sachbuchliteratur einen Autor zu finden, der ihm in der Brillanz des Stils, der Tiefe der Reflexion und dem Umfang der Bildung auch nur entfernt nahe kommt. Die Rede ist von jenem Mann, der in Wien aus dem Fenster des dritten Stocks in der Gentzstraße sprang, als er 1938 die Nazischergen an die Tür klopfen hörte. Noch im Augenblick des bevorstehenden Todes hat er auf seine Art den Wiener Charme definiert, denn während seines Sprungs rief der massige Mann den Leuten auf der Straße noch ein „Achtung!“ zu. Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen weiterlesen

Offener Brief an den Schriftsteller und Wissenschaftler Navid Kermani

Es ist erstaunlich und doch sicher kein Zufall, dass die Juden, die vor der Vernichtung durch die Nazis nur etwa ein Prozent der Bevölkerung Deutschlands und Österreichs ausmachten, etwa die Hälfte der bekanntesten Schriftsteller stellten, und dass sie sich eine solche geistige Vormachtstellung auch in anderen Ländern Europas verschafften. Außenseiter bzw. Menschen, die sich als solche fühlen oder von einer Mehrheit so gesehen werden, eignen sich einen schärferen Blick für ihre Umwelt an als jene Menschen, die aufgrund ihrer Geburt sozusagen einen selbstverständlichen Teil in ihr bilden. Das trifft in hohem Maße auch auf Sie, Herr Kermani, den muslimischen Wissenschaftler und Schriftsteller, zu. Offener Brief an den Schriftsteller und Wissenschaftler Navid Kermani weiterlesen

Religio – mehr als ein schönes Märchen

(auch erschienen in: Tichys Einblick)

Kein Handbuch der Physik, der Chemie, der Neurobiologie sagt etwas darüber aus, was wir zu tun oder zu lassen haben. Auch in den Wissenschaften, die sich mit Mensch und Gesellschaft befassen, werden Werte bestenfalls als objektive Gegebenheiten beschrieben, so wie sie etwa zu verschiedenen historischen Zeiten in Geltung waren, aber sie werden nicht aufgestellt, vorgeschrieben, verpönt oder als zehn Gebote gesetzt. In den Wissenschaften ist dies prinzipiell unmöglich: Aus dem Sein der Welt können wir nicht auf ihr Sollen schließen. Religio – mehr als ein schönes Märchen weiterlesen

Natur und Kultur – warum wir das Fremde lieben und Migration trotzdem ein Problem ist

(auch erschienen in: Tichys Einblick)

Natur und menschliche Gleichheit

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts glaubte Europa der Mittelpunkt der Welt nicht nur im Hinblick auf Fortschritt und Macht zu sein, sondern auch im Hinblick auf seine Menschen, mit deren Hilfe es diesen Fortschritt und diese Machstellung errungen hatte. Es herrschte die Überzeugung, dass seine Menschen von Natur aus der restlichen Menschheit weit überlegen seien. In pseudowissenschaftlicher Art konnte Hitler diesen Glauben noch auf dem Fundament des Darwinismus begründen, denn Darwin hatte vom Überleben der Tüchtigsten keineswegs nur in Bezug auf die Tierwelt gesprochen.*1* So war es von Darwins Lehre denn auch nur ein sehr kurzer Weg, um zu einem Sozialdarwinismus zu gelangen, der die tüchtigsten Rassen mit der Aufgabe betraute, die weniger Tüchtigen der eigenen Herrschaft zu unterwerfen. Natur und Kultur – warum wir das Fremde lieben und Migration trotzdem ein Problem ist weiterlesen

Dekadenz als politisches Phänomen

Nur mit größter Vorsicht sollte man das Wort Dekadenz verwenden. Zu sehr gleicht es einer Fallgrube, aus der einem moralinsaure Düfte entgegen strömen. Wie viele Politiker, von Diktatoren ganz zu schweigen, haben sich über den Sittenverfall ereifert, nur um daraus eine wirksame Waffe gegen ihre Gegner zu schmieden. Deswegen sei hier gleich zu Anfang betont, dass ich Dekadenz nicht in moralischem Sinne verstehe, sondern als ein politisches Phänomen. Dekadenz als politisches Phänomen weiterlesen