Ob wir das schaffen – Eine andere, bessere Welt?

Wenn Zeitgenossen über die düsteren Jahre der Naziherrschaft sprechen, dann wollen sie uns bewusst oder unbewusst glauben machen, dass sie selbst gegen das Gift der menschenverachtenden Propaganda immun gewesen wären. Tatsache ist dagegen, dass gute 99 Prozent der Deutschen keinen offenen Widerstand leisteten und eine Mehrheit von ihnen bei den großen Aufmärschen mitgeklatscht und mitgebrüllt haben, auch wenn nicht wenige inneren, wortlosen Widerstand leisteten. Die Wahrscheinlichkeit liegt daher weit unter einem Prozent, dass diejenigen, die heute vorgeben, so genau zu wissen, wie sie selbst sich damals verhalten hätten, das eigene Leben durch offenen Widerstand tatsächlich auf Spiel gesetzt hätten.

Haben die Menschen das Pech,

in einer Diktatur zu leben, welche jeden Widerstand schon im Keim erstickt, so bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, als den Mund zu verschließen, wenn sie nicht sich selbst und sogar die eigenen Angehörigen unmittelbarer Gefahr aussetzen wollen. Nur unkritische Nachgeborene bilden sich ein, sie selbst hätten zu den wenigen Opponenten oder gar Widerstandskämpfern gehört. Da verhalten sie sich ähnlich den Leuten, die an Wiedergeburten glauben. Fragt man sie, was sie denn in früheren Existenzen gewesen seien, so hat man es fast immer mit ehemaligen Napoleonen, Cäsaren oder Großen Alexandern zu tun, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass sie bloß zu der überwältigenden Mehrheit armseliger Knechte, Sklaven oder Bauern gehörten, zweifellos sehr viel größer ist.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen,

dass wir Menschen soziale Wesen sind, die es als unendlich schmerzhaft empfinden, nicht irgendwo dazuzugehören, und es auf Dauer schwer ertragen, von ihren Mitmenschen scheel angesehen oder gar als Außenseiter geschnitten zu werden. Es ist nicht bloß äußerer Druck, der Konformität mit anderen bewirkt, sondern dieser Druck kommt bei jedem von uns ebenso auch aus dem Inneren. Ohne eine gemeinsame Sprache bis hin zu gemeinsamen Überzeugungen und – natürlich auch! – einer dadurch bewirkten gemeinsamen Identität können Menschen nicht leben. Genau deshalb ist es ein so furchtbares Unglück, wenn ein verbrecherisches Regime dieses Bedürfnis nach Gemeinsamkeit von Sprache, Überzeugungen und Identität für die eigenen Zwecke missbraucht.

Nur um auf keinen Fall unter ihresgleichen als Sonderlinge zu gelten, übernehmen viele auch Meinungen und Handlungsweisen, die sie zuvor weit von sich gewiesen hätten. Der Hass, den Hitler gegen die Juden schürte, mochte vielen anstößig erscheinen, umso mehr suchten sie daher nach Gründen, um das eigene Stillschweigen zu rechtfertigen. War Deutschland im Ausland nicht wieder zu hohem Ansehen gelangt? War es dem Regime nicht gelungen, innerhalb kürzester Zeit die furchtbare Arbeitslosigkeit zu beenden? Die wenigsten begriffen, dass man um die daraus entstandenen Schulden zu tilgen, erst die Juden enteignen und bald ganz Europa ausrauben musste.

Auch Regime, die im Vergleich zur Hitlerherrschaft

unendlich viel weniger Leid und Schaden anrichten, können auf das Bedürfnis nach Anerkennung zählen, solange sie zur gleichen Zeit bei den Bürgern mit unbestreitbaren Leistungen punkten. Wladimir Putin hat das (vom Westen beförderte) Chaos der Neunziger Jahre tatkräftig beendet; er hat der Wirtschaft seines Landes trotz westlichen Sanktionen einen bemerkenswerten Aufschwung verschafft und Russland mit einer höchst effektiven Rüstung wieder eine Supermacht werden lassen, die sich vor niemandem fürchten muss, aber umgekehrt mit ihren neuesten neunfach überschallschnellen Atomraketen die übrige Welt in Angst und Schrecken versetzt. Das danken die Russen ihrem Führer, dafür nehmen sie die Verbrechen des Regimes in Kauf: die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim und die nicht abreißende Kette von Morden und Mordanschlägen an widerständigen Oppositionellen.

Nicht anders ist es in China

Wer glaubt, dass das dortige Einparteiensystem auf tönernen Füßen steht, der macht sich ein völlig falsches Bild von dem rasant aufsteigenden Land. In Wirklichkeit ist die amerikanische Demokratie im Augenblick viel stärker der Gefahr eines Zusammenbruchs ausgesetzt als das Regime in Peking. Während ein Bürgerkrieg und endgültiger Übergang der größten westlichen Demokratie zu einem autoritären System unter Präsidenten von der Art eines Donald Trump inzwischen durchaus möglich erscheint, zeigt China der Welt ein Modell an Stabilität. Die muslimischen Minderheiten in Xinjiang und die Menschen in Tibet werden zwar rücksichtslos unterdrückt, aber dies geschieht ohne Einspruch von Seiten der Mehrheit, weil die Regierung sich rühmen kann, besser als jedes andere Regime einem noch vor einem halben Jahrhundert bitterarmen Volk materiellen Wohlstand beschert zu haben. Aller Voraussicht nach wird das Milliardenvolk schon im kommenden Jahr 75 Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts erreichen.

Alles in China ist neu, monumental und nirgendwo glaubt man so vorbehaltlos an die Segnungen der Wissenschaft. Bei der Bekämpfung von Covid-19 hat sich das Land strikt an die Empfehlungen der Experten gehalten und dabei einen durchschlagenden Erfolg erzielt, während westliche Länder, allen voran die USA, durch inneren Dissens zu entschlossenem Handeln völlig unfähig sind. In den USA bröckelt die Infrastruktur und ist wie in Ländern der Dritten Welt von Verfall bedroht. Einzig die amerikanische Wissenschaft ist immer noch auf vielen Gebieten führend, aber mehr und mehr muss sie sich gegen eine Übermacht von mittelalterlichen Kreationisten und Fake News Propagandisten behaupten. Chinas Regierung aber bringt die Opposition mit einem Argument zum Schweigen, das einer Mehrheit im Land bis heute unmittelbar einleuchtend erscheint: Wir machen euch reich und auf der ganzen Welt bewundert – was wollt ihr mehr? Dagegen hat die US-amerikanische Plutokratie vor allem sich selbst reich gemacht, lässt es aber zu, dass eine Mehrheit relativ ärmer wird. Kein Wunder also, dass die Demokratie in ihrer ältesten Heimat immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert.

Diktaturen halten sich solange an der Macht,

wie eine Mehrheit ihren Versprechungen glaubt. Deswegen sollten Nachgeborene die Ehrlichkeit aufbringen, sich an die Gesetze der Wahrscheinlichkeit zu halten. 99 Prozent liegen auf jener Seite der Waage, wo wir uns selbst in jedem Regime befinden, das den offenen Widerspruch mit Arbeitslager oder gar Tod bedroht: Wir befinden uns auf der Seite der Mitläufer und Opportunisten. Es wäre schon sehr viel, wenn wir dann nicht zu den Mitbrüllern gehören sondern wenigsten in unserem Inneren Distanz bewahren – in Diktaturen ist das die einzige Art von Widerstand, die zumindest nicht das eigene Leben gefährdet.

Demnach gibt es Situationen, in denen Menschen weitgehend ohnmächtig sind

Das ist eine wichtige Lehre, weil man heute über kein Thema reden darf, ohne sogleich mit dem Einwand konfrontiert zu werden: Aber was können wir denn tun? Während der meisten Epochen menschlicher Geschichte konnten 95% aller Menschen wenig bis gar nichts tun, wenn man darunter eine Änderung der politischen und sozialen Ordnung versteht. Sie konnten sich – auch unter den Nazis – allenfalls die innere Freiheit bewahren. Gab es in den dreizehn Jahren des Dritten Reichs für die einzelnen die geringste Möglichkeit, eine andere bessere Welt zu schaffen? Nein, nicht die geringste! Es gab nur die Möglichkeit, sich ein Bewusstsein für Anstand und Wahrheit im eigenen Kopf zu bewahren und dieses Ideal in die Zeit danach zu retten.

Was hat dieser Blick in die Vergangenheit mit unserer Gegenwart zu tun?

Auf den ersten Blick sehr wenig, auf den zweiten aber sehr viel. Niemand muss bei uns um sein Leben fürchten, selbst wenn er die abenteuerlichsten oder auch rundheraus irrsinnige Ansichten vertritt, wie das zum Beispiel für die Proselyten der QAnon-Bewegung gilt. Das geht in westlichen Staaten soweit, dass der Präsident einer Weltmacht offen elementare Wahrheiten der Wissenschaft missachten und diskreditieren darf. Nicht nur aberwitzige Meinungen, sondern offensichtliche Fakes haben in den Vereinigten Staaten und weltweit im Internet das öffentliche Leben erobert und werden von orientierungslosen Massen nicht nur geduldet sondern frenetisch beklatscht, wenn sie von höchster politischer Stelle kommen.

Das ist die erste Gemeinsamkeit mit einer düsteren Vergangenheit

In Deutschland denken wir unwillkürlich an die johlenden Mengen, die damals Goebbels oder Hitler zujubelten. Aber den Abschied von der Freiheit des Denkens und dem Respekt vor dem Widerspruch haben wir bei uns schon vor einem Jahrzehnt verloren. Ein markanter Einschnitt in der geistigen Geschichte Deutschlands war der Umgang mit Thilo Sarrazin. Man musste die Meinungen des ehemaligen sozialdemokratischen Senators keineswegs billigen, aber mit Voltaire hätten wir sagen müssen, dass er nicht nur das Recht besaß, sie zu äußern, sondern dass man seine Befürchtungen ernst nehmen sollte.

Aber darum ging es gar nicht, sondern man fand es unverzeihlich, dass Sarrazin das sorgfältig gepflegte Selbstbildnis der Deutschen in Frage stellte, wonach sie ihre Vergangenheit gründlich „bewältigt“ hätten und sich jetzt nicht nur der größten Toleranz allen Fremden gegenüber rühmen durften sondern auch in größter Harmonie mit ihnen lebten. Das bestritt Sarrazin und bestand noch dazu darauf, dass in der Jugend erworbene kulturelle Unterschiede so gravierend sein können, dass daraus durchaus ein ernstes, schwer überwindbares Hindernis für gedeihliches Zusammenleben entstehen kann. Das wollten selbstgerechte deutsche Intellektuelle auf keinen Fall hören. Eine wirkliche geistige Auseinandersetzung mit den Thesen von Sarrazin war von vornherein unerwünscht. Was man stattdessen hörte, war in Deutschland wie Österreich ein Bocksgesang der Empörten, in dem die selbstdeklarierten Verteidiger der politischen Korrektheit einem Mann die eigene Verachtung bewiesen, der doch nur wiederholte, was seriöse Wissenschaftler in unbeachteten Fachartikeln längst vor ihm gesagt und mit Zahlen bewiesen hatten. Nur dass Sarrazin sich an einer Stelle dazu verstieg, Kultur mit Biologie zu verwechseln und den Juden ein spezielles Gen attestierte, konnte man ihm als wissenschaftlich unhaltbar vorwerfen

Einzig die deutsche Kanzlerin brachte einen triftigen Einwand vor

Das Buch sei „nicht hilfreich“, sagte sie. Das stimmt. Auf die denkbar knappste Formel brachte sie damit das überaus schwierige Problem der unbequemen, manchmal auch wirklich zerstörerischen Wahrheit auf den Punkt. Wie schon gesagt, hatte Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ (zu neunzig Prozent!) nur Einsichten vorgebracht, die in Fachkreisen überhaupt nicht umstritten waren. Doch ist es nicht zu leugnen, dass seine Erkenntnisse keineswegs hilfreich waren, wenn man Fremde erfolgreich integrieren und ihr Vertrauen gewinnen wollte.

Darf man daraus die Folgerung ableiten, dass wir solche Erkenntnisse unterdrücken sollen? Nein, den großen Schaden hat nicht das Buch sondern erst der Aufschrei der Empörten bewirkt. Hätte es die darauf folgende Hexenjagd nicht gegeben, dann hätte das Buch „Deutschland schafft sich ab“ kaum größeren Schaden angerichtet, wohl aber die Regierung davor bewahrt, leichtsinnig mehr Fremde im Land aufzunehmen als die Bevölkerung ohne Misstrauen, ohne Fremdenhass sondern im Gegenteil mit andauernder Hilfsbereitschaft aufzunehmen. bereit ist. Der nüchterne Beamte Sarrazin, dem aller Fanatismus fremd ist, wollte wohl auch nie mehr erreichen.

Das landesweite Empörungsgeröhre der Selbstgerechten,

zu denen damals vor allem Leute zählten, die nicht notwendig mit einem Mehr an Wissen und argumentativer Intelligenz brillierten aber umso mehr auf ihre moralische Überlegenheit pochten, markiert in Deutschland den neuerlichen Beginn einer geistigen Unfreiheit, die man andernorts als „politische Korrektheit“ bezeichnet. Die rapiden Fortschritte dieses neuen Drucks zur Konformität sind mittlerweile überall zu erkennen. Und zwar gerade auch bei Problemen, die uns gegenwärtig viel mehr beschäftigen als die Einwanderung. Was die Fremden betrifft, so haben wir es – zumindest vorläufig – vielleicht wirklich „geschafft“, aus ihnen gute und gleichberechtigte Bürger zu machen, die eine Bereicherung für die eigene Gesellschaft sind und es bleiben könnten. Vorausgesetzt natürlich, dass in den kommenden Jahren nicht Millionen von neuen Asylsuchenden abermals nach Europa strömen und der Fremdenhass dann neuerlich aufkocht. Dagegen gibt es andere Krisen, die uns viel stärker bedrohen. Ob wir auch deren Bewältigung schaffen, ist keineswegs ausgemacht.

Hier denke ich natürlich in erster Linie an die große Umwelt- und Klimakrise,

die uns auch bleiben wird, wenn von Corona längst keine Rede mehr sein wird. Darin liegt die eigentliche Gefahr für die Zukunft. Aber was geschieht? Auf groteske Weise wird die Diskussion von Tabus und Sprech- bis zu Denkverboten beherrscht. Die Freiheit, die noch vor einem halben Jahrhundert galt, wird von den Empörten, den Wunschdenkern, den Populisten, den Heuchlern und den Reptilienbeschwörern politischer Korrektheit mutwillig zerstört.

Bertrand Russell, damals weltweit hochgeachtetes Sprachrohr eines linken Weltgewissens, durfte noch aussprechen, was heute Anathema ist, nämlich dass die Menschheit sich selbst durch ungehemmte Vermehrung zugrunde richtet und dass die Natur sich an ihr rächen wird, wenn wir nicht fähig sind, dagegen mit den Mitteln der Intelligenz vorzugehen, nämlich durch eine gezielte Familienplanung. Dann würde die Natur eben die üblichen apokalyptischen Reiter auf uns hetzen, nämlich Kriege, Seuchen etc. So wie Russell darf das heute niemand mehr sagen. Die Freiheit dazu wurde zerstört, nicht zuletzt durch intelligente Verdreher der Wahrheit wie einen bekannten österreichischen Schriftsteller der, die Warnung eines Russell einfach populistisch verbog, indem er das Schreckbild des „überflüssigen Menschen“ beschwor, so als würde Familienplanung bedeuten, dass wir damit unsere Mitmenschen aus der Welt schaffen wollen.

Arnold Toynbee, einer der größten Historiker der Moderne, durfte sich noch die Feststellung erlauben, dass die in Großbritannien erfundene industriell-fossile Revolution voraussichtlich nicht mehr sein werde als ein Intermezzo der Geschichte, weil die Menschheit in Zukunft ihren Ressourcenverbrauch neuerlich auf ein ökologisch akzeptables Minimum einschränken muss und die Vergiftung der Natur bei der Umwandlung dieser Ressourcen uns ohnehin schon vor unüberwindbare Grenzen stellt.

Der hellsichtigste Denker, dessen gesamtes Lebenswerk

in der Warnung vor der ökologischen Katastrophe und in deren Abwendung sah, ist aber zweifellos Herman Daly, der daher zu Recht als „Papst“ der ökologischen Aufklärung gilt. Daly hat sich niemals gescheut, die Wahrheit kompromisslos auszusprechen. So begründete er etwa, dass gegen die Verschleuderung der Ressourcen keine der üblichen Maßnahmen wie Steuern helfen sondern nur Obergrenzen ihres Verbrauchs. Diese könnten aber nur eingehalten werden, wenn die Staaten ihre Wirtschaften voneinander entkoppeln, so dass jeder von ihnen verantwortlich für den Verbrauch und die dadurch erzeugten Gifte zeichnet. Daly hat auch klar erkannt, dass die Definition von Ausbeutung von Karl Marx zu eng gefasst worden ist. Zu Ausbeutung kommt es auch, wenn wohlhabende Schichten die Vermehrung der ärmeren begünstigen, um sich so einen fortwährenden Nachschub an billigen Arbeitskräften zu sichern (Kinderreiche wurden im alten Rom nicht zufällig „Proleten“ genannt). Das alles durfte man als Wissenschaftler zu seiner Zeit noch sagen. Heute sträuben sich bei solchen Erkenntnissen die Haare der Heuchler, Verharmloser und Schönredner.

Am heftigsten wird der Widerstand aber dann,

wenn ohne Beschönigung davon die Rede ist, dass wir eine grüne Revolution – !unter den herrschenden politischen Bedingungen! – von vornherein gar nicht „schaffen“ können, weil wir – und zwar jeder von uns – genauso ohnmächtig sind wie unter dem Regime der Nationalsozialisten. Zwar können wir im Kleinen unendlich viel tun – das konnten auch die Menschen im Nationalsozialismus – es war ja schon viel, wenn jeder in seiner Familie für Frieden sorgte. Nur war es eine Illusion zu glauben, dass man auf diese Weise die Verbrechen des Regimes verhindern konnte.

In exakt derselben Situation befinden wir uns heute. Zwar können wir die Grünen wählen, auf Flugreisen verzichten, auf Fahrräder umsteigen und uns sogar den Genuss von Fleisch versagen, aber die Klimakrise bis hin zur Klimakatastrophe werden wir auf diese Art nicht verhindern. Warum das so ist, lässt sich zwingend an der Dynamik der Macht aufzeigen.

Die Machtspirale

Die führenden Supermächte USA, Russland und China, aber auch manche kleinere Staaten wie Indien, Pakistan, Iran oder Nordkorea, sind so aufeinander fixiert, dass sie beständig die Stärke, d.h. den Rüstungsstand und die Wirtschaftskraft, ihrer Rivalen abtasten, um entweder zu ihnen aufzuschließen oder wenigstens nicht hinter ihnen zurückzubleiben. Es ist völlig undenkbar, dass einer dieser Staaten freiwillig die Arena dieses Rennens verlässt, es sei denn dass ihm eine Weltmacht Schutz gewährt oder ein wirtschaftlicher Kollaps ihn dazu nötigt. Die Sowjetunion kollabierte 1989, aber das neue Russland hatte danach nichts Eiligeres tun, als die Arena des globalen Wettrüstens neuerlich zu betreten. Europa hat sich nur deshalb leisten können, im Hinblick auf militärische Stärke hinterherzuhinken, weil man bis zu Obama darauf vertraute, dass die USA niemals zulassen würden, dass es unter die Herrschaft Russlands gerät.

Die Spirale von militärischer und wirtschaftlicher Macht vereitelt, dass irgendeiner den Verbrauch der Ressourcen vermindert, wenn ihm daraus ein Nachteil im weltweiten Wettlauf erwächst. Es heißt, dass allein das amerikanische Militär mit seinen Flugzeugträgern und Jets einer der Hauptkonsumenten von fossilen Treibstoffen ist – von allen anderen Ressourcen ganz zu schweigen. Daraus lässt sich zwingend folgern, dass eine ernsthafte Verminderung des Ressourcenverbrauchs schlichtweg unmöglich ist, solange die globale Spirale der Macht sich weiterdreht.

Sie wird sich ja fürs Erste nur noch schneller drehen, da ein Staat wie China durchaus nicht daran denkt, der amerikanischen Forderung nachzukommen, sich gemeinsam mit den USA und Russland über Fragen einer gemeinsamen Abrüstung zu verständigen. Nicht nur will China erst einmal so reich wie der Westen werden, es will auch erst einmal gleich mächtig werden, indem es sein Militär auch in nuklearer Hinsicht mit einem zumindest gleich großen Atombombenarsenal wie die USA und Russland hochrüstet. Dasselbe trifft aber auch auf die enorme Aufrüstung Indiens zu und generell auf alle Staaten, sobald sie wirtschaftlich erstarken. An eine Verminderung des Ressourcenverbrauchs und der damit einhergehenden zunehmenden Umweltvergiftung ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Nur Corona hat eine – ganz und gar unfreiwillige – Zäsur bewirkt, allerdings gerade nicht in China, dem Land, von dem die größte Belastung der Umwelt ausgeht.

Dreizehn Jahre lang wäre es eine Illusion gewesen, 

hätten die Deutschen daran geglaubt, an den politischen oder sozialen Verhältnissen in ihrem Land etwas zu ändern. Sie waren de facto zur Ohnmacht verurteilt. Sehen wir von Corona ab, so ist unser Leben heute unendlich viel leichter, aber an der großen Krise, welche heute die ganze Welt bedroht, vermag keiner von uns etwas zu ändern, weil der Verbrauch an Ressourcen und die Vergiftung der Natur von den großen Akteuren betrieben wird, die keinen Verzicht zulassen, der ihnen einen Nachteil vor den Rivalen verschafft. Natürlich könnte ein einzelner Staat wie Österreich oder auch ganz Europa sich aus dem Rennen ausklinken und sämtliche Verfahren verbieten, welche die Natur nachweisbar belasten. Aber die Folge wäre dann, dass dieser Einzelstaat oder Europa die eigene Wettbewerbsfähigkeit so sehr vermindern, dass sein Export zusammenbricht, weil alle anderen, die diesen Weg nicht beschreiten, seine Waren auf dem Weltmarkt verdrängen. Das wäre ein Alleingang, den man mit Schwäche bezahlt. Schwache Staaten aber sind – das wissen wir, die ehemaligen Kolonialmächte, am besten – ein leichtes Opfer der Starken.

Bleibt uns dann nur Ohnmacht und der sicherer Weg

in die selbstgemachte Katastrophe? Nein. So wie viele Deutsche nach den dreizehn düsteren Jahren ihrer Geschichte das Bild von einer besseren, anderen Welt in sich bewahrten und dieses für einige Jahrzehnte auch – wie immer unvollkommen – in die Wirklichkeit übersetzten, so wird die globale Gemeinschaft, die heute mehr verflochten ist als jemals zuvor, den letzten Schritt zu einer globalen Einheit gehen müssen, um wieder Herr des eigenen Geschicks zu werden. Erst dann, wenn dieses Rennen, dieser Kampf der Menschheit gegen sich selbst, beendet wird, werden wir die lebensbedrohende Krise der fossil-industriellen Zivilisation in den Griff bekommen.

Was wir tun müssen, damit das geschieht, wissen wir jetzt bereits ganz genau. Mein Buch „Ob wir das schaffen? – Eine andere bessere Welt?“ sagt darüber ebenso wenig Neues, wie die meisten Bücher, die nach Herman Dalys grundlegenden Arbeiten geschrieben wurden. Aber eines wird ganz neu und in all seinen Facetten beleuchtet: Das Buch zeigt im Einzelnen auf, warum wir – d.h. jeder Staat auf der Erde, so grün er sich auch gebärdet – unter den herrschenden politischen Bedingungen(!) völlig unfähig sind, dieses Programm so in die Tat umzusetzen, dass der Ressourcenverbrauch und die Naturzerstörung dadurch wirklich beendet werden.

Das hört niemand gern,

weil wir uns, selbst gerade wenn wir ohnmächtig sind, so gerne mit Illusionen beschwichtigen, um unser Gewissen auf diese Art zu beruhigen. Aber diese Scheinberuhigung ist einer der Hauptgründe dafür, warum wir der Katastrophe blind entgegeneilen. „Ob wir das schaffen? – Eine andere bessere Welt?“ ist ein illusionsloser Aufruf zur Ehrlichkeit und zur Schärfung des Gewissens. Dass der ehrlichste und illusionsloseste aller Warner, Herman Daly, ihm sein besonderes Lob aussprach: „Dear Dr Gero Jenner, Thanks for sending me your cogently reasoned, well informed, and clearly written book. I hope it is widely read. Best wishes, Herman Daly“ (14. Juli 2020), mag immerhin ein zusätzlicher Grund sein, die Scheu vor Tabus, Denkverboten und politischer Unkorrektheit zu überwinden, denn darum geht es in diesem Buch.

Von Herrn Prof. Michael Kilian erhalte ich folgende Rückmeldung:

Lieber Herr Dr. Jenner,
wie immer treffend.
Hätte die CDU Herbert Gruhl, einer der ihren, damals zugehört, wäre es nie zu der Partei der Grünen gekommen. G. hatte ebenfalls für eine Gleichgewichtswirtschaft plädiert. 

Gruhl wurde verlacht, er kam für die „Politikstrategen“ zu früh. 

Neben Toynbee kann man natürlich auch Spengler nennen; bei allem, was man gegen ihn vorbringt, im Grunde hat er recht. Auch Alain Peyrefittes frühes China-Buch wurde übersehen. 

Ich habe schon als Schüler, vor der Ölkrise, mich gefragt, warum man Nebenbahnen – für immer, da der Grund verkauft wurde – stlllegt, und heute ist man froh über jede, die man noch retten kann. Keiner der damaligen „Planer“ hätte einem Schuljungen zugestimmt. 

Schade, dass corona weitere Treffen im Plautz-Garten verhindert.
Herzlichen Gruß, Michael Kilian

Prof. Siegfried Wendt schreibt diese Zeilen:

Lieber Herr Jenner,

mit Ihrem Text haben Sie Befürchtungen, die bei mir bisher nur diffus vorhanden waren, ins helle Licht gerückt. Damit haben Sie die Ausgangsbasis verändert, von der ich ausgehen muss, falls ich noch weitere wirtschaftspolitische Aufsätze schreibe.

Herzlichen Dank für die Zusendung.

Mit besten Grüßen

Siegfried Wendt

In eigener Angelegenheit:

Ich erhalte immer wieder Zuschriften, dass man ja gern nach meinen Büchern greifen würde, aber bei Amazon bestellen? Ich verstehe, dass man einiges an Amazon aussetzen kann – ich bin der erste, der darin einstimmt. Aber ich weiß nicht, ob wir, wenn wir denselben moralischen Maßstab anlegen, noch deutsche Volkswagen kaufen dürften, denn der Dieselbetrug hat doch alles in den Schatten gestellt, was Amazon sich geleistet hat! Jedenfalls bin ich der Buchsparte von Amazon dankbar, dass ich dort publizieren kann. Die Thesen meines letzten Buches gehen so gegen den Strich der üblichen Selbstbeweihräucherung, dass ich in einem deutschen Verlag keine Chancen habe – trotz des ausdrücklichen Lobs durch den berühmtesten Ökologen unserer Zeit.

Beherrschen wir noch unsere Neue Künstliche Welt? (Dekomplexion I)

Sämtliche Staaten, die dazu die Mittel haben, sehen in der Digitalisierung der Information und ihrer Übermittlung ihre wichtigste technische Aufgabe für die Zukunft. Auf diese Weise lassen sich wachsende Datenmengen in immer kürzeren Zeitintervallen verwerten. Atomkraftwerke, ballistische Raketen, Drohnen, fahrerlose PKWs, chirurgische Eingriffe können aus der Ferne gesteuert werden. Die staatliche Überwachung ganzer Bevölkerungen ist ebenso möglich wie die Beeinflussung des Wahlverhaltens von perfekt durchleuchteten Bürgern.

Natürlich ist es schon seit Jahrtausenden triviale Wahrheit, dass man Messer dazu verwenden kann, Kürbisse aufzuschneiden oder Menschen zu erstechen. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass wir uns mit Hilfe von Google einerseits einen Ausblick auf Tausende von Tatsachen verschaffen, während wir uns zugleich der permanenten Beobachtung durch den amerikanischen Konzern unterwerfen. Die Digitalisierung verdient also nicht deswegen kritisch beleuchtet zu werden, weil sie ebenso wie alle anderen technologischen Durchbrüche nicht nur gebraucht sondern genauso auch missbraucht werden kann. Ich möchte einen ganz anderen Aspekt in den Blickpunkt rücken, weil dieser so gut wie nie beachtet wird: die zunehmende Komplexität der neuen, künstlich von uns geschaffenen Welt.

Diese Komplexität bedeutet zunächst einmal,

dass eine überwältigende Mehrheit von Zeitgenossen die Dinge, mit denen sie täglich hantiert, nicht länger versteht. Während ein Auto noch der analogen Welt zugehört, sodass die meisten von uns sich darüber im klaren sind, wie und warum es sich überhaupt bewegt, haben mehr als neunundneunzig von hundert Mitmenschen keine Ahnung von den Vorgängen in einem Handy. Gewiss, auf den ersten Blick muss auch diese Tatsache uns nicht verstören. Unser Körper und unser Gehirn leisten uns täglich die erstaunlichsten Dienste, doch selbst die größten Koryphäen von Medizin und Neurologie haben bis heute erst einen Teil jener Vorgänge enträtselt, die sich in jedem Moment darin abspielen.

Anders gesagt, war die natürliche Welt für den Menschen von jeher ein großes Rätsel, aber dieses Unverständnis hat schon Steinzeitmenschen nicht daran gehindert, sie ihren Bedürfnissen zu unterwerfen. Die wahrscheinlich niemals vollständig erklärte Komplexität der natürlichen Welt zwischen Atom und kosmischen Galaxien hat menschliches Überleben zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt. Doch wie verhält es sich mit der von uns selbst erschaffenen künstlichen Welt aus Computern, Robotern, nuklear getriebenen Interkontinental Raketen und Co.? Ist deren wachsende Komplexität ebenso unerheblich im Hinblick auf die individuelle und soziale Existenz des Menschen? Offenbar nicht. Die künstliche Welt konfrontiert uns heute mit existenziellen Problemen, die es in der Vergangenheit niemals gab.

Wir stoßen hier auf ein erstes Grundgesetz

Die Zahl derer, welche aufgrund ihrer geistigen Fähigkeiten und deren Ausbildung in der Lage sind, die Hard- und Software dieser künstlichen Welt zu entwickeln, zu warten und zu überwachen, muss zwangsläufig im gleichen Umfang schrumpfen, wie deren Komplexität sich erhöht.

Das ist eine unabwendbare Folge, die sich mit Zwangsläufigkeit aus der Tatsache ergibt, dass die Gaußsche Normalverteilung der technischen Intelligenz nicht von unserem Bedarf abhängt sondern eine Konstante ist (in jeder Bevölkerung gibt es nur soundso viel Prozent an Menschen, deren technischer IQ einen bestimmten Wert überschreitet). Von vornherein kommt daher nur ein Bruchteil der Bevölkerung als Pioniere und wartendes Personal für diesen Bedarf in Frage. Auch wenn in Staaten mit großen Bevölkerungen wie Indien oder China dieses Potential vermutlich noch längst nicht ausgeschöpft ist, läuft das erste Grundgesetz doch darauf hinaus, dass dieser Bruchteil an Menschen in Zukunft mehr und mehr zusammenschmilzt, weil zunehmende Komplexität die Ansprüche an die technische Intelligenz steil in die Höhe schraubt. Nicht nur die heutigen 99 Prozent Menschen werden die Handys der n-ten Generation nicht mehr verstehen, sondern auch das verbliebene Restprozent wird immer kleiner werden.

Denn Komplexität wird auf doppelte Weise gesteigert

Im analogen Zeitalter bedurfte es keiner besonderen technischen Fähigkeiten, um beispielsweise eine Bank zu leiten. Diese Situation hat sich heute grundlegend geändert. Jedes Geldinstitut in unserer Zeit muss damit rechnen, von einem Moment auf den anderen funktionsunfähig zu werden, wenn nicht hochbezahlte Spezialisten rund um die Uhr die Programme einrichten, warten und auf den neuesten Stand der Technik bringen, welche die Geldflüsse elektronisch steuern und kontrollieren. Da dies längst über den nationalen Bereich hinaus notwendig ist, sorgt die internationale Vernetzung für eine weitere Steigerung von Komplexität.

Und nicht nur das. Spezialisten – einerseits geniale Amateure, andererseits von konkurrierenden Staaten ebenso hochbezahlte Experten – setzen alles daran, sich unerlaubten Zugang zu ihren Systemen zu verschaffen. Diese fortwährenden Attacken stellen einen weiteren Motor dar, um die Komplexität bestehender Systeme spiralartig in die Höhe zu schrauben. Nicht allein Banken sind diesem Zwang ausgesetzt sondern sämtliche produzierenden Betriebe, die aus diesem Grund auch immer größer werden, weil sie sich andernfalls solche Spezialisten in der nötigen Zahl gar nicht mehr leisten könnten.

Daraus ergibt sich ein zweites Grundgesetz

Der Zwang zur Größe resultiert auch aus den Kosten wachsender Komplexität. Die Folgen für die Gesellschaft beginnen sich jetzt schon abzuzeichnen. Sie sind alles andere als harmlos. Ich kann mich noch gut erinnern, welchen Spaß es mir als Kind bereitet hatte, auf dem Tisch eines Lokals viereckige Bierdeckel zu einem Turm aufzubauen, der bis zu fünf Etagen hochwachsen konnte aber in der Regel schon nach der dritten zusammensackte. Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn die uns umgebende künstliche Welt mit jedem Jahr höhere Türme an Komplexität aufweist? Die Gefahr eines Systemkollapses wächst mit jeder Etage, die wir den Turm höher bauen. Damit es nicht dazu kommt, müssen die Ansprüche an Wartung und Überwachung mindestens in gleichem Umfang gesteigert werden.

Hier tritt ein drittes Grundgesetz in Wirkung

nämlich der Zwang zu einer massiven Ausweitung der technischen Ausbildung, vor allem in der Informatik, damit das in der Bevölkerung vorhandene Potential an technischer Intelligenz soweit irgend möglich genutzt wird. Angefangen bei der Grundschule (vielleicht sogar schon im Kindergarten) bis hin zu den Universitäten wird die technische Ausbildung einen immer größeren Raum einnehmen und die klassischen Fächer, in erster Linie natürlich die Wissenschaften des Geistes, mehr und mehr in den Hintergrund drängen – ein Prozess, den wir gegenwärtig überall auf der Welt beobachten.

Diese durch wachsende Komplexität der Systeme erzwungene Tendenz steht allerdings in merkwürdigem Gegensatz zu den Intentionen, denen sie ihren Ursprung verdankt. Wir glaubten einmal, dass die Technik das Leben vereinfachen, dem Menschen gewissermaßen die lästigen materiellen Alltagssorgen abnehmen würde, um seinen Geist für höhere Zwecke zu befreien.

In vieler Hinsicht wurden diese Erwartungen ja auch erfüllt. Für eine Mutter in Wien bedeutet es zweifelsfrei eine ungeheure Erleichterung, dass sie zu jeder beliebigen Zeit mit ihrem Sohn in New York telefonieren oder ihm einen Geldbetrag elektronisch überweisen kann. Zumindest in seiner Anfangsphase war der technische Fortschritt wirklich nichts anderes als das: ein atemberaubendes Voranstürmen in eine bis dahin nur von Märchenerzählern imaginierte Welt.

Inzwischen liegt diese Märchenzeit hinter uns. Nicht nur die Revolution, auch Komplexität frisst ihre Kinder. Zum Beispiel wissen wir: Schnelle Brüter könnten die Uranvorräte wesentlich strecken. Das ist der Grund, warum vor allem China an dieser Technologie festhält und sie vorantreibt. Andere Staaten wie Deutschland haben sich von ihr abgewandt, weil die außerordentlich hohe Komplexität solcher Anlagen das Risiko nuklearer Verseuchung extrem in die Höhe schraubt.

Viertes Grundgesetz

Jedes extreme Risiko erzwingt ebenso extreme Maßnahmen der Kontrolle und damit den schleichenden Übergang zum Überwachungsstaat, wie er nicht nur in China bereits den Alltag bestimmt. Selbst unter Soziologen ist es üblich, die Überwachung der Bevölkerung durch den Staat vor allem politisch zu deuten, so als würden ihr in erster Linie böse Absichten und Machtgelüste zugrunde liegen. Zweifellos ist das auch oft der Fall, aber ein zunehmend größerer Anteil an der Überwachung der Bürger ist technischen Ursprungs, d.h. er beruht auf der wachsenden Komplexität der von uns selbst geschaffenen künstlichen Welt. Da die Folgen einer Sabotage immer verheerender und immer kostspieliger werden, sind Staaten bestrebt, sie von vornherein durch eine lückenlose Überwachung zu verhindern, deren zwangsläufige Folge aber darin besteht, unsere Freiheit immer stärker zu beengen. Das vierte Grundgesetz besagt:

Schuld daran ist nicht nur Sabotage sondern der technische Fortschritt selbst

Nehmen wir zum Beispiel den Quantencomputer: ein Produkt überragender technischer Intelligenz. Im selben Augenblick, da er zur Marktreife gelangt, sodass jeder Privatmann ihn käuflich erwerben kann, wird er für die Gesellschaft eine ebenso elementare Bedrohung sein wie die vielen Nukleararsenale, deren Entwicklung und Besitz sich inzwischen schon jeder Kleinstaat zu leisten vermag. Von einem Tag auf den anderen werden nämlich Banken ihren Schutz vor Hackern einbüßen, weil die neue Technik alle heute bestehenden Codes in Sekundenschnelle zu knacken vermag. Alles Geld liegt dann sozusagen für alle Welt zum Mitnehmen auf dem Teller.

Natürlich werden Techniker am Ende wiederum Gegenstrategien entwickeln. Die größten Banken sind jetzt schon im Begriff, auf dem Gebiet der Quantenverschlüsselung danach zu suchen. Aber die notwendige Folge wird in einer weiteren Steigerung von Komplexität und astronomischen Kosten bestehen. Mit anderen Worten, nähern wir uns in schnellem Tempo dem Punkt, wo der Turm zusammenbricht, weil eine ins Unüberschaubare gesteigerte Komplexität nicht länger beherrschbar und nicht länger bezahlbar ist.

In der Rüstung ist dieser Punkt bereits erreicht

In der „Schönen neuen künstlichen Welt“ haben wir es inzwischen so weit gebracht, dass mit jedem Tag die Wahrscheinlichkeit wächst, es könnte aufgrund bloßen Zufalls oder menschlichen Versagens „etwas passieren“. Das ergibt sich zwangsläufig daraus, dass die Träger nuklearer Bomben mit jeder neuen Generation schneller und schneller werden – die Vorwarnzeit für den Einschlag von Überschallraketen schrumpft dementsprechend zusammen. Bei einem Erstschlag vonseiten des Gegners steht nach dessen Entdeckung sowohl Russen wie Amerikanern keine halbe Stunde mehr zur Verfügung wie noch vor zwei Jahrzehnten. Seitdem Russland der Welt vor wenigen Tagen den Testflug von „Zircon“, einer Rakete von neunfacher Überschallgeschwindigkeit, erfolgreich vorführte, ist dieser ohnehin minimale Zeitraum auf einige Minuten geschrumpft (je nachdem, von wo die Nuklearmissile abgefeuert werden).

Die Gefahr eines willkürlich herbeigeführten Erstschlags vonseiten einer Supermacht ist glücklicherweise so gering, dass ein Optimist sie ganz vernachlässigen darf. Kein Präsident ist so mächtig, dass er sich nicht zuvor mit seinen Militärs beraten müsste – und die Experten wissen über die zu erwartenden Folgen bestens Bescheid. Ganz anders verhält es sich mit dem Zweitschlag, der aufgrund von Fehlinformationen ausgelöst werden kann und in der Sowjetunion schon einmal, nämlich 1983, nur durch Oberstleutnant Stanislav Petrov im letzten Moment verhindert wurde. Um augenblicklich auf einen Zweitschlag zu reagieren, muss seit Kennedy und der Kubakrise eine (gegenwärtig weibliche) Hilfskraft dem amerikanischen Präsidenten auf Schritt und Tritt mit einem schwarzen Koffer begleiten, damit er in jedem Moment in der Lage ist, den endgültigen Befehl für einen atomaren Zweitschlag zu erteilen. Da der Erstschlag nur dann einen Sinn ergibt, wenn er möglichst das ganze Nukleararsenal des Gegners vernichtet, muss der Zweitschlag gleichfalls von maximaler Stärke sein. Aufgrund des minimalen Zeitfensters von inzwischen fünf Minuten kommt eine ernsthafte Beratung mit den Militärexperten aber jetzt nicht länger in Frage. Der Präsident einer Supermacht muss sich entweder auf die von Computern übermittelten Daten verlassen oder aus dem Bauch darüber entscheiden, ob er den Globus in Schutt und Asche legt!

Ob wir wollen oder nicht, wir müssen ein fünftes Grundgesetz

anerkennen. Die wachsende Komplexität der von uns selbst geschaffenen künstlichen Welt hat unsere Freiheit nur punktuell vermehrt, sie dagegen im Ganzen gesehen radikal eingeschränkt, denn die Selbstauslöschung der humanen Spezies – der maximale Verlust an Freiheit – hängt zum ersten Mal in der Geschichte wie ein Damoklesschwert über den Köpfen. Selbst wenn wir – aus Gründen psychischer Gesundheit – diese Möglichkeit aus unserem Bewusstsein verdrängen, so vermögen wir doch an der Tatsache nichts zu ändern, dass wachsende Komplexität die Menschheit in Richtung eines Systemkollapses drängt und daher zu einer totalen Negation von Freiheit.

Auf dem Gebiet der Rüstung, wo eine Supermacht die andere dazu zwingt, auf wachsende Schnelligkeit und Bedrohung durch den Gegner ihrerseits mit immer schnelleren und letaleren Systemen zu reagieren, ist dieser Zustand einer instabilen Komplexität bereits erreicht. Das Bankensystem wird demnächst dahin gelangen, wenn alle Codes mühelos dechiffriert werden können. Der technische Fortschritt der Genetik zielt gleichfalls in Richtung einer Komplexität, die sich der Beherrschung auch durch Experten zu entziehen droht, da wir wohl nie endgültig wissen werden, wie sich punktuelle Eingriffe in die Erbsubstanz im Ganzen und auf Dauer auswirken.

Aber das inzwischen schon klassische Beispiel

für die möglicherweise fatalen Auswirkungen wachsender Komplexität ist die fossil-industrielle Revolution selbst, deren Hauptmerkmal der zunehmende Hunger auf Ressourcen einerseits ist und andererseits deren Umwandlung in Abfallstoffe, die zu großem Teil aus biologisch nicht abbaubaren Giften bestehen. Wir wissen, dass die Beseitigung von CO2 aus der Luft, von Plastik aus den Meeren, von Elektroschrott, Industriemüll und strahlendem Atommüll aus dem Boden zu den großen ungelösten Problemen unserer Zeit gehören. Wurden anfänglich nur Rohstoffe wie Kohle abgebaut, so sind inzwischen bis zu den seltenen Erden Tausende von anderen Stoffen hinzugetreten. Die Abfallstoffe und potenziellen Gifte gehen aber bereits in die Hunderttausende. So haben wir die Komplexität unserer Eingriffe in die Natur exponentiell gesteigert – und hier lassen sich die Folgen inzwischen nicht länger verdrängen. Der Klimawandel ist nur das sichtbarste Zeichen dafür, dass der von uns errichtete künstliche Turm sehr wohl einstürzen könnte.

Versagen der ethischen Kontrolle

Technik ist ein Subsystem innerhalb sozialer Ordnungen und die technische Intelligenz ein Teilbereich innerhalb der geistigen Fähigkeiten des Menschen. Solange Technik dem Menschen dient, will sagen der menschlichen Gesellschaft als ganzer, haben wir Grund ihre Errungenschaften als „Fortschritt“ zu bezeichnen. Sobald sich das technische Subsystem aber verselbständigt und aufgrund seiner wachsenden Komplexität zu einer Gefahr für das soziale System (und das der Natur) als Ganzes wird, kann man seine Errungenschaften nur als „technischen Rückschritt“ bewerten. Die fossil-industrielle Epoche hat mit der großflächigen Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen ein Stadium erreicht, wo dieser „technische Rückschritt“ für alle sichtbar in Erscheinung tritt und (zumindest auf dem Gebiet der Rüstung) sogar das Überleben der Menschheit in Frage stellt.

Im Hinblick auf den menschlichen Körper sprechen wir von Krebs, wenn ein Subsystem außer Kontrolle gerät. Dann sagen wir, dass das Immunsystem, also die Abwehrkräfte des Körpers, versagen. Wenn hingegen die Technik außer Kontrolle gerät, dann ist das Immunsystem der Gesellschaft geschädigt, die ethische Kontrolle versagt, welche alle menschlichen Tätigkeiten daraufhin untersucht und bewertet, ob sie im Hinblick auf das Gemeinwohl Nutzen oder Schaden stiften.

Die ethische Kontrolle des Ganzen

über dessen Teile – seine Subsysteme – sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Im Falle der Technik hat sie deshalb versagt, weil hier ein Tabu im Wege steht, das sich inzwischen zum Dogma verhärtet hat. Das Dogma lautet in etwa so: Jede neue Entdeckung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften stellt eine Erweiterung unseres Wissens dar – was zweifellos richtig ist – und ist deshalb ein Segen für die Menschheit – was zweifellos unrichtig ist.

Die historischen Wurzeln dieses Dogmas sind in der Tatsache begründet, dass die segensreichen Wirkungen des technischen Fortschritts lange Zeit als so überwältigend empfunden wurden, dass der Zweifel daran als bloße Rückständigkeit und Dummheit abgetan werden konnte. So konnte es dazu kommen, dass die Menschheit bei jeder Verleihung eines Nobelpreises an die Koryphäen der Naturwissenschaft in eine Art von Euphorie verfällt, obwohl es die von ihnen gewonnenen neuen Erkenntnisse sind, welche die Komplexität und die daraus resultierende Instabilität der künstlichen Welt mit jedem Jahr steigern. Wir sind auf dem Weg, die natürliche durch die künstliche Welt heillos zu schädigen, aber noch immer gilt es als schlimmste Ketzerei, an der Technik selbst zu zweifeln, obwohl sie diesen Prozess überhaupt erst herbeigeführt hat.

Dekomplexion – das neue Hauptgesetz

Wenn wir nicht an der selbstgeschaffenen Komplexität der neuen künstlichen Welt scheitern wollen, dann kann uns nur Dekomplexion, also der bewusste Abbau von Komplexität, davor bewahren. Damit ist natürlich kein Aufstand gegen die Technik gemeint, so als müssten wir wieder in die frühe Steinzeit regredieren, wo gerade einmal einige Tausend Menschen in kleinen Horden Europa durchstreiften. Technische Intelligenz ist längst unser Schicksal und die künstliche Welt ein Subsystem, auf das wir nicht mehr verzichten können und wollen. Aber dieses System bedarf der strikten Kontrolle, um nicht völlig unbeherrschbar zu werden.

Eine Menschheit, welche die Kontrolle über das Subsystem Technik zurückgewinnt, wird nicht nur die weitere Forschung an nuklearen, biologischen und chemischen Waffen verbieten, sondern sie wird dafür sorgen, dass kein Geld mehr für Forschungen bereitgestellt wird, welche die Entwicklung zum Überwachungsstaat und damit zur Unterdrückung von Freiheit fördern. Wissen an sich, zum Beispiel das Wissen darum, wie wir Menschen en masse umbringen, hat keinen Wert sondern nur Wissen, welches Leben und Freiheit fördert. Daher hat die Gesellschaft nicht nur das Recht sondern die Pflicht, zwischen ethisch wertvollem und ethisch gefährlichem Wissen zu unterscheiden – das eine zu fördern und die Forschung auf dem anderen unter ihre Kontrolle zu bringen. Denn Wissen und Wahrheit sind ethisch eben nicht neutral. Einer menschenfreundlichen Wissenschaft verdanken wir den Dienst an einer Wahrheit, welche seit der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts so viele dogmatische Lügen aus der Welt geschafft hatte. Aber Wissen und Wahrheit, welche der Entwicklung von Waffen der Massenvernichtung dienen oder Komplexität bis zur Unbeherrschbarkeit steigern, stellen alle bisherigen Errungenschaften von Technik und Wissenschaft nachträglich in Frage.

Prof. Siegfried Wendt schreibt dazu:

Lieber Herr Jenner,

Ihr Text über „Dekomplexation“ zeigt mir, dass wir beide „synchron ticken“. Ihre Befürchtungen und die begründenden Argumente muss jeder bestätigen, der nicht „auf mehreren Augen blind ist.“

Mit bestem Gruß

Siegfried Wendt

Herr Pfarrer Gerhard Loettel schreibt mir folgende Zeilen:

Lieber Gero Jenner!

Komplexivierung! Ein großartig angelegter Kassandraruf. Alle meine bisherigen Ängste und Vorstellungen vom Kollaps unserer kulturellen und biotischen Menschheit haben Sie genialerweise hier in einem Artikel zusammengefasst. Danke erst einmal für diese summarische Aufhellung. Ich habe die Ansicht, dass uns die Digitalisierung nur noch schneller in den Abgrund reißt, erstmals von Niko Paech (einem Postwachstumsökonomen) gehört. Nun aber noch einmal detailliert und brutaler von Ihnen. Aber eben ein Kassandraruf! Nun wissen wir aber, dass die Kassandrarufer und ihre Rufe immer wieder nicht gehört werden wollen. Es ist doch so schön. (So wie wir einmal sangen: „Es ist so schön Soldat zu sein, Heidemarie! Nur für die auf dem Feld  Verreckten und zu Krüppel Gemachten war es nicht schön!) Also wie aus der Klemme herauskommen? DEkompexierung, aber wie? Ich selbst versuche das immer damit, dass ich, in Übereinstimmung mit dem Prager Philosophen Milan Machovec, daran appelliere, wir müss(t)en unsere in geschichtlicher Zeit doch einmal vorhanden gewesene „Weisheit“ zurückerlangen, oder wie C.F. von Weizsäcker sagt, aus der Wirklichkeit des in uns angelegten Doppelaspektes des Geistes, den nichtkognitiven, nichtanalytischen Aspekt des Geistes zurückgewinnen, der sich kurzgefasst mit Liebe, Mitgefühl, Empathie usw. bezeichnen lässt. Dazu habe ich die Bücher verfasst „Der Doppelaspekt des Geistes“ aber eben auch vom gleichen Anliegen her, „Die Erde- ein Planet des Lebens?“ und zuletzt „Inspiration rettet die Welt“.

Ob sich damit etwas retten lässt, um zu verhindern, dass ich die Erde in eine Supernova verwandelt? Weizsäcker und andere hoff(t)en ja auf eine sogenannte  „große Transformation“ oder den sog. fulgurativen Bewusstseinswandel“. Kann man darauf vertrauen?

Als ev. Pfarrer bin ich ja nun verpflichtet, auf solche Transformationen als Auswirkung des Heiligen Geistes zu  vertrauen.

Ich wills versuchen. Schalom, Ihr Gerhard Loettel

Von Prof. Michael Kilian erreicht mich folgende Meldung

Lieber Herr Dr. Jenner,
danke für Ihren wiederum sehr erhellenden Essay, der wahrhaft erschreckende Perspektiven bündig aufzeigt. Da ist man froh, dass man ein einigermaßen normales, friedliches (trotz Kaltem Krieg) Leben schon hinter sich hat. 

Erst neulich hatte ich einen apokalyptischen Traum – und es war unsere Gegend, in der es geschah. 

War da die kath. Kirche im Fall Galilei nicht eigentlich weise gewesen?
Es gab immer wieder Warnungen vor dem faustischen Drang des Menschen (Lessing, Schillers „Bild zu Sais“, auch Goethe, Zauberlehrling) und  unter den größten Wissenschaftlern gabe es auch die größten Skeptiker über den Fortschritt (Einstein, Planck). 

Technik-Kritik hat in Deutschland, dem Hochtechnologie-Land, immer auch ihre Vertreter gehabt (etwa F.G. Jünger und andere). 

Ob Ethik und Recht einen Damm errichten können, wage ich zu bezweifeln. Machtstreben und Ehrgeiz sind stärker an jede Vernunft und jedes Rechtsempfinden. Und ob corona als eine Art Warnung empfunden wird, glaube ich auch nicht. Schon die Entwicklung der drohnentechnik wird zum „Krieg des kleinen Mannes“ führen. 

Herzliche Grüße, ich halte mich am Kogl weiter zurück, genieße die Ruhe, lese und schreibe, 
Michael Kilian

Von Dr. Heinz Busta erhalte ich folgende Nachricht:

Lieber Herr Dr. Jenner !
Mein Freund Wilfried Laska (von der Maschinenfabrik Laska, Linz) schickt mir immer Ihre Veröffentlichungen die ich mit grossem Interesse lese.  Außer Ihrer einmaligen Analysen und Schaffungskraft bewundere ich Ihr Uebersetzungstalent.Ich bin in Eisenerz geboren (auch 1942) und wohne nun schon 52 Jahre in Chicago.  Ich benutze öfters Ihre Veroeffentlichungen um meinen Deutschen Sprachschatz (der leider immer gering war) zu erfrischen.  Als Grazer Bulme und TH Absolventen haben wir letztlich Zoomtreffen aufgenommen und ich habe meinen Kollegen von Ihnen erzählt und ihnen Ihre Veroeffentlichung „Are we still in control …“ uebermittelt.  Einer der Kollegen schrieb: „Einfach grossartig was dieser Gero Jenner analysiert und so verständlich darlegt.“Wie Sie sehen, können das die ersten Keime eines ‚Gero Jenner’s fan club‘ geleitet von Chicago sein.Ueber einige Ihrer Berichte stimme ich, bei der ersten Lesung, nicht immer überein, aber nach einigem Nachdenken werden viele der Zweifel eliminiert.
Ich freu mich schon wenn Wilfried Laska mir Ihren naechsten Bericht schicken wird.
Mit meinen besten Empfehlungen aus Chicago,
Heinz Busta

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

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Schwierige Wahrheit – wohlfeile Lügen

In Zeiten des Internet schrumpft das historische Gedächtnis. Wer erinnert sich heute noch daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nahezu ein halbes Jahrhundert lang das Reich der Aufklärung, der Wahrheit, des Fortschritts repräsentierten, während jenseits des Eisernen Vorhangs Willkür, Gulags und verordnete Lüge herrschten? Dieser Gegensatz wurde durch beiderseitige Propaganda aufgebläht, gewiss, aber die Arbeitslager und die Millionen Menschen die Stalin in den Tod geschickt hatte, waren bittere Realität. Daran war so wenig zu zweifeln, dass Solschenizyns Anklagen weltweit gelesen wurden – auch in Russland. Als Gorbatschow, der erste ehrliche Politiker der Sowjetunion, diese Wahrheit öffentlich anerkannte, war der Zusammenbruch des Regimes nicht mehr aufzuhalten.

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Adam Tooze – Rückblick eines Kenners auf zehn Jahre Weltwirtschaftskrise

Vor kurzem (am 14. August) hatte ich das Glück, ein Interview mit dem britischen Historiker Adam Tooze im Österreichischen Rundfunk zu verfolgen. Ich war so beeindruckt, dass ich mir das Buch „Crashed. How a Decade of Financial Crises Changed the World“ (Allen Lane 2018) umgehend verschaffte – und so ist mit zwei Jahren Verspätung ein wichtiges Werk auch bei mir angekommen. Folgende Überlegungen sind aus der Lektüre hervorgegangen:

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Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

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Kostprobe Weltuntergang oder Wo blieb der Schnee von gestern?

Wir sind gerade dabei, einen echten Zusammenbruch zu erleben, den Kollaps des Gewohnten, weil sich die Welt diesmal hinterrücks und über Nacht verändert und nicht auf schleichend unmerkliche Art, wie sie das gewöhnlich zu tun pflegt. Verschreckt kauern die Leute in ihren Wohnhöhlen, die Straßen sind leer, der Verkehr steht still, Flugzeuge sind vom Himmel verschwunden.

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Das Virus in unseren Köpfen

Beinahe täglich schaue ich mir den einen oder anderen Beitrag des russischsprachigen Senders 1TVRUS im Fernsehen an, weil es mir wichtig ist, über die Stimmung im Land unseres größten Nachbarn Bescheid zu wissen. Die englischsprachigen Sendungen von RT (Russia Today) sind da weniger aufschlussreich, weil sie von vornherein auf westliche Erwartungen abgestellt sind. „Vremja pokazhet“ (die Zeit bringt es zutage) richtet sich an das russische Publikum. Es ist eine Talkshow, in der es so wild zugeht wie in keiner anderen mir bekannten. Die Diskutanten schreien einander regelmäßig nieder, so als würde die Lautstärke über die Qualität der Meinung entscheiden.

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Leben wir noch in einer Demokratie?

Wir bemessen diese Staatsform vor allem an dem Ausmaß an Freiheit, das eine Regierung ihren Bürgern gewährt. Aus dieser Sicht ergibt sich ein ebenso helles wie düsteres Bild. Niemand hindert mich daran, auch die abwegigsten Meinungen zu vertreten, sogar zum Sturz der Regierung darf ich öffentlich aufrufen, sofern das ohne Beleidigung konkreter Personen und ohne Aufkündigung der demokratischen Verfassung geschieht. Leben wir noch in einer Demokratie? weiterlesen

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

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Der Thymos und die Logik – warum wir wissen und doch nicht tun

Francis Fukuyama, der allseits gebildete US-amerikanische Politikwissenschaftler, hat in seinem bekannten Buch, „Das Ende der Geschichte“, deren Betrachtung um eine wichtige Vokabel griechischen Ursprungs bereichert – den Thymos. Der Thymos und die Logik – warum wir wissen und doch nicht tun weiterlesen

Starke Männer, schwache Völker – die ungewisse Zukunft der Demokratie

Ein kritischer Rezensent müsste diesen Essay wohl wie Wikipedia mit dem Hinweis begleiten, dass „es noch an Belegen fehle„. Ich wage es dennoch, ihn zu veröffentlichen, weil ich meinerseits fürchte, dass zu diesem Thema wohl nie genügend Belege vorhanden sind – auf jeden Fall aber sehr viele sehr verschiedene Meinungen. Ich biete nur Impressionen, jeder möge sie auf seine Art und mit seinem – vielleicht besseren – Wissen ergänzen. Starke Männer, schwache Völker – die ungewisse Zukunft der Demokratie weiterlesen