Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Der eher durch seine Gefühle geleitete Mensch

lässt sich auf einen Gegenstand ein und macht ihn sich Schritt für Schritt in immer größerer Tiefe zu Eigen. So geht der Künstler vor, so aber findet auch jedes normale Studium statt. Man fühlt sich von einem Gegenstand angezogen, erwirbt in seinem Umgang langsam immer mehr Wissen und Fertigkeiten – und irgendwann wird man dann selbst zu einem Experten. Man hat sich ein Renommee erworben oder doch zumindest amtlich beglaubigte Zeugnisse, die dann auch dazu legitimieren, sich mit Kompetenz über das jeweilige Fach zu äußern.

Wer sich auf diese Weise mit einem Gegenstand identifiziert, für den tritt dieser kaum je als Problem in Erscheinung. Ein klassischer Musiker stellt sich wohl kaum die Frage, ob nicht der bloße Zufall seiner Geburt dafür verantwortlich sei, dass er gerade Bach so sehr liebt und nicht die Musik der Pekingoper. Der mit Kant aufgewachsene Philosoph sieht die Welt mit den Augen des Königsbergers, er fragt sich gewöhnlich nicht, warum er sie nicht zum Beispiel durch die Brille des Vedanta eines Shankararcharya sieht.

Die intensive Gefühlsbindung an einen geliebten Gegenstand schließt den Blick auf Probleme sehr oft geradezu aus. Menschen, die in einer bestimmten Tradition aufwachsen, wehren sich deshalb nicht selten mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, dass jemand von außen diese Tradition anzuzweifeln, sie in Frage zu stellen, sie zu modifizieren wagt. Die verständliche Reaktion einer solchen affektiven Beziehung besteht dann überhaupt in der Losung, die man den Außenseitern entgegenhält: „Unbefugten ist der Zutritt verboten.

Der eher intellektgesteuerte Mensch

geht nur selten den geraden und langsamen Weg einer wachsenden emotionalen Bindung, er fühlt sich im Gegenteil von Problemen und Bruchstellen angezogen, ohne notwendigerweise von vornherein mit einem großen Wissen zu punkten. „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer, 1997) erwies sich als publizistischer Erfolg, aber Jenner hatte niemals ein volkswirtschaftliches Seminar besucht. Was ihn beschäftigte, war nicht das ökonomische Fach als solches, das ihn bis dahin überhaupt nicht interessierte, sondern etwas ganz anderes: ein Problem. Während seines studien- und arbeitsbedingten Aufent­halts in Japan hatte er erlebt, wie dieses Land – ganz so wie heute China – immer mehr industrielle Kapazitäten aus dem Westen ins eigene Land übernahm. Er fragte sich, was eine zunehmende Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien (damals vor allem nach Japan und zu den „ostasiatischen Tigern“) für Deutschland bedeuten würde. Dieses Problem beschäftigte ihn – und erst während der Beschäftigung mit diesem erwarb er als Autodidakt die nötigen ökonomischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet mitreden zu können.

Problemlöser sind fast immer daran zu erkennen,

dass sie die übliche Reihenfolge umdrehen, ja sie geradezu auf den Kopf stellen: nicht das jahrelange Studium, die allmähliche oft liebevolle Vertiefung bis zum staatlichen anerkannten Examen kommt bei ihnen zuerst, sondern an erster Stelle steht das sie herausfordernde, sie faszinierende Problem – und dieses drängt sie dann zu einer genauen, oft stürmischen Eroberung des fraglichen Gegenstands. Zweifellos widerstreitet dieses Vorgehen der oben genannten Losung, denn ein Unbefugter verschafft sich in diesem Fall Zugang. Er tut dies überdies auf ungewohnte, oft als ungehörig empfundene Weise, nämlich ohne vorher bei den ausgewiesenen Autoritäten dafür um Erlaubnis nachzufragen.

Das Risiko eines solchen Vorgehens ist zweifellos sehr groß

Wir wissen, dass jede Menge von inspirierten Spinnern dauernd damit beschäftigt ist, Lösungen für sämtliche Weltprobleme aus allen möglichen esoterischen Hüten zu zaubern. Solche Menschen treten bestenfalls als Problemsteller in Erscheinung – sie weisen auf bestehende Bruch- und Konfliktstellen hin -, aber in den seltensten Fällen treten sie als wirkliche Problemlöser hervor. Man braucht ja nur einen flüchtigen Blick ins Internet zu werfen, um sich auf Anhieb davon zu überzeugen. Andererseits kommt keine Gesellschaft ohne solche Problemsteller und Problemlöser aus, denn die gefühlsmäßig Attachierten pflegen für Probleme und Bruchstellen nicht selten unzugänglich oder ganz blind zu sein. Sie halten an dem Erlernten und an ihrem jeweiligen Fach wie an einer Geliebten fest, deren Schönheit sie niemals in Frage stellen.

Was Jenner betrifft, so hatte er Glück

Prof. Bert Rürup, ein damals renommierter „Wirtschaftsweiser“, der als ökono­mischer Ratgeber für die deutsche Regierung sowie für den Fischerverlag fun­gierte, setzte sich für seine Arbeit ein (deren Thema, die Auslagerung in Zeiten der Coronakrise übrigens neuerlich an Aktualität gewinnt). Dadurch bahnte er ihr den Weg. Die übliche Reaktion gegenüber Außenseitern: „Für Unbefugte ist der Zugang verboten“ wurde durch Prof. Rürups Empfehlung damals außer Kraft gesetzt. Jenner hatte sich in den Reihen der ökonomischen Zunft Zugang verschafft – zumindest für eine gewisse Zeit.

Problemlöser sind allerdings unberechenbar

Sie treten ja überhaupt als solche nur deshalb in Erscheinung, weil sie von Natur aus dazu neigen, vieles in Frage zu stellen, was anderen als selbstverständlich erscheint. Das zeigte sich auch im Fall des frischgebackenen Ökonomen. Jenner war Herrn Rürup zweifellos zu großem Dank verpflichtet (was er freilich erst später bemerkte, als dieser sich bereits in einen Feind verwandelt hatte). Wäre sein Manuskript, statt diesem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten vor Augen zu kommen, in die Hände eines durchschnittlichen Lektors geraten, dann hätte dieser zunächst einmal gefragt: „Ist der Mann überhaupt befugt, sich zu diesem Gegenstand zu äußern“. Diese Frage hätte er natürlich abschlägig beschieden, und das Manuskript wäre mit der üblichen hochmütigen Arroganz vom Verlag abgelehnt worden.

Aber Dankbarkeit war für Jenner kein Grund, ein Vorgehen zu akzeptieren, das ihm ungeheuerlich erschien. Auf einer der ersten Seiten seines zweiten bei S. Fischer veröffentlichten Buchs (Das Ende des Kapitalismus – Triumph oder Kollaps eines Wirtschaftssystems) bezeichnete sich Prof. Rürup als Mitautor – wörtlich: „Fachliche Beratung: Prof. Dr. Dr. h. c. Rürup“. Da sich Jenner auch nach angestrengtester Selbstbefragung an eine solche Beratung partout nicht erin­nern konnte, sah er in dieser Behauptung nun wiederum ein großes Problem, das er persönlich dadurch löste, diese Usurpation öffentlich zurückzuweisen.

Dabei hätte Jenner natürlich wissen müssen, dass sich ein derartiges Vorgehen in Deutschland zwanglos mit dem akademischen Ethos verträgt. Professoren halten es, wie man weiß, für ihr gottgegebenes Recht, die Knochenarbeit von Assistenten verrichten zu lassen und sich, wann immer es ihnen opportun erscheint, mit fremden Geistesfedern zu schmücken. Jenner glaubte gegen diese ehrwürdige Tradition protestieren zu müssen. Das war naiv, denn natürlich hat er dafür bezahlen müssen. Herr Rürup sorgte dafür, dass ihm der Zugang zum S. Fischer Verlag von da an versperrt bleiben sollte.

Problembezogen waren auch zwei weitere ökonomische Arbeiten,

die von großen Verlagen veröffentlicht wurden: „Energiewende – so sichern wir Deutschlands Zukunft“ setzte 2006, als von der drohenden Klimakrise noch kaum die Rede war, ganz auf den Übergang zur Nachhaltigkeit, und zwar mit einem Begriff, der erst nach Fukushima dann auch offiziell Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Jenner sprach wörtlich von einem „nationalen Projekt„. Allerdings hatte er die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in diesem Buch zu schwarz gezeichnet. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in deutschen Schlüs­selindustrien (vor allem der Autobranche) aufgrund von Auslagerung und chinesischer Konkurrenz droht sich erst jetzt abzuzeichnen.

Mit dem 2008 bei Signum veröffentlichten „Pyramidenspiel“ über die Dynamik staatlicher und privater Verschuldung konnte Jenner neuerlich die Aufmerk­samkeit eines ökonomischen Experten, nämlich von Prof. Gerhard Scherhorn, für sich gewinnen. Dieser leitete das Buch überdies mit einem wohlwollenden Vorwort ein. Anders als an den erstgenannten Ökonomen erinnert sich Jenner bis heute voller Hochachtung an diesen Mann, auch wenn er sich nicht an einen Ratschlag hielt, den dieser ihm damals in väterlicher Absicht erteilte. Er solle doch davon Abstand nehmen, riet ihm Prof. Scherhorn, seine Texte (Newsletter) an Gott und die Welt zu verschicken. Das sei unter ernst zu nehmenden Akademikern einfach nicht üblich.

Ein Merkmal von Problemstellern und -lösern

ist ihre Sprunghaftigkeit. Jenner hatte sich Wissen und Interesse an grundlegen­den ökonomischen Fakten angeeignet. Aber die Ökonomie als solche hatte ihn weniger gereizt als die Beschäftigung mit fremden Kulturen, denen er sich ja gleich zu Beginn in seinem Studium zugewandt hatte, also vor allem der indischen, chinesischen und japanischen. Bei seinem letzten Japanaufenthalt aber begann ihn ein Problem zu beunruhigen, welches für ihn dann mit der Zeit das Problem schlechthin werden sollte, obwohl es ihm zunächst dort begegnete, wo es den meisten Menschen als solches gewöhnlich nicht einmal bewusst ist, nämlich in der Sprache.

Ein Deutscher hält es für evident, den Affen mit dem Wort „Affe“ zu bezeichnen, während ein Engländer dazu „monkey“, ein Italiener „scimmia“, ein Japaner „Saru“, ein Chinese „Houzi“ sagt. Der berühmte Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure schloss daraus, dass die Zeichen, welche der Mensch für Begriffe verwendet, arbiträr, d.h. zufällig seien. Diese Auffassung ist freilich eine rein intellektuelle Einsicht, die sich im krassen Widerspruch zu dem befindet, wie der gefühlsgebundene Mensch die Sprache erlebt. In den meisten früheren Kulturen waren die Menschen davon überzeugt, dass die Götter in ihren Worten reden – diese konnten daher niemals bloß zufällig sein.

Dennoch wird sich der Leser fragen, ob es nicht lächerlich sei, in der Beziehung eines Begriffs zu seinem Zeichen überhaupt so etwas wie ein Problem zu sehen?

Nein, in Wirklichkeit ist das viel weniger lächerlich, als es auf den ersten Blick scheint. Wie weit diese Beziehung in Wahrheit reicht, wird sofort klar, sobald wir die Frage auf andere kulturelle „Selbstverständlichkeiten“ beziehen. Man sage einem Muslim, dass der Genuss von Schweinen nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sei als der von Rindern. Oder einem Christen, dass sein Glaube an Jesus Christus ebenso mit dem Zufall seiner Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft erklärt werden könne wie der Glaube eines Hindu an Schiwa oder Wischnu. Beide werden darauf mit Wut reagieren. Offenbar haben wir es hier mit kulturellen Positionen zu tun, welche die Menschen so gegeneinander aufstacheln konnten, dass sie sich immer wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber zunächst blickte Jenner „nur“ auf das Problem der Sprache

denn die nächstliegende Frage lautete ja hier: wenn in jeder von ihnen alle einzelnen Zeichen (Baum, Affe, Wolke, etc.) willkürlich sind, wie de Saussure behauptet, gilt das dann nicht für Sprache insgesamt, nämlich auch für alle ihre Regelmäßigkeiten, die man mit dem Begriff der Grammatik bezeichnet? Wenn jede Sprache insgesamt ein Werk des Zufalls ist, kann es dann überhaupt irgendwelche verbindende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen geben? Zwischen bloßen Zufällen kann es doch keine Ähnlichkeit geben!

Diese Frage wurde für Jenner zu einem Problem, das ihn so sehr faszinierte, dass seine nächste und eine noch dazu sehr ehrgeizige Arbeit daraus entstand. Ebenso wie im Fall der Wirtschaftswissenschaften hatte er sich zuvor mit dem Gegenstand selbst – in diesem Fall mit der Sprachwissenschaft – niemals befasst, obwohl er während Studiums gleich mehrere Sprachen erlernte. Nun aber geriet er sofort in den Bann eines damals führenden Linguisten: nämlich des damaligen Papstes der Linguistik Noam Chomsky, der die Frage auf ähnliche Weise stellte. Gibt es ein universales Sprachvermögen, das allen Menschen gemein ist und sich in einer Universalen Grammatik auch nachweisbar manifestiert? Offenbar würde eine solche Universale Grammatik den sprachlichen Zufall von sprachlicher Notwendigkeit trennen. Zwar würden Menschen in jeder Sprache beliebige Zeichen verwenden, aber die Regeln, die ihre Verbindung in grammatischen Mustern kodifiziert, sind universal und eben nicht zufällig. Solche universalen Muster glaubte Chomsky entdeckt zu haben, aber er rekurrierte dabei auf dieselben Grundbegriffe, wie sie traditionelle Grammatiken aus dem Studium indogermanischer Sprachen gewonnen hatten. Jenner war sich schnell darüber im Klaren, dass dieser Weg in die Irre führte. Chomsky hatte nie verstanden, dass diese Grundbegriffe schon für eine Sprache wie das Chinesische nicht mehr gelten. 1

Jenner war und ist mit Chomsky im Hinblick auf das Ziel einverstanden

Es geht um die Beschreibung der universalen Eigenschaften des menschlichen Sprachvermögens. Wo endet der Zufall, und wo beginnen die allen zugrunde liegenden Strukturgesetze, die eben gerade nicht zufällig sind? Dass natürliche Sprachen ein Tertium comparationis miteinander gemein haben müssen, ist evident – wie sonst wäre es möglich, dass sie (weitgehend, wenn auch keineswegs vollständig!) in einander übersetzt werden können? Dem äußeren Gewand ihrer zufälligen Form liegen Bedeutungen und Bedeutungstrukturen zugrunde, die von allen Menschen als solche begriffen werden. Zwischen 1981 und 1993, als die „Principles of Language“ (im Peter Lang Verlag) erschienen, machte sich Jenner daran, diese nicht-zufälligen „Tiefenstrukturen“ und ihre teils zufällige, teils formal notwendige Verwirklichung in verschiedenen empirischen Sprachen aufzuzeigen. Aus heutiger Sicht erscheint ihm vieles, was er damals schrieb, schwer lesbar und noch schwerer verständlich. Einverstanden ist er erst mit der 2019 erschienenen revidierten Ausgabe der Principles bei Amazon (The Principles of Language: Towards trans-Chomskyan Linguistics).

Auch hier war Jenner als Unbefugter

in ein ihm ursprünglich fremdes Gebiet eingedrungen. Aber diesmal hatte er nicht das Glück, einen aufgeschlossenen Gönner für eine Untersuchung zu finden, die so offensichtlich der herrschenden Lehrmeinung widersprach. Vielmehr war er mit der in diesen Fällen typischen Reaktion konfrontiert: „Unbefugten ist der Zutritt verboten!“. 2 Da hatten renommierte Wissenschaftler die kostbarste Zeit eines kurzen menschlichen Lebens an die schier übermenschliche Aufgabe verschenkt, ein wenig Licht in die weitgehend unverständliche Scholastik eines Noam Chomsky zu bringen, und ein Außenseiter erklärt diese Mühe einfach für überflüssig, macht sich gewissermaßen über ehrbare Wissenschaftler lustig, wenn er behauptet, dass schon die Grundbegriffe der Generativen Grammatik in die Irre führen, weil sie gerade nicht universal sind. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß, sie lautete: „Nicht einmal ignorieren!“ 3

Und doch war es ja keineswegs abwegig, bei einem Sprachwissenschaftler eine gewisse Kenntnis seines Gegenstands, also empirischer Sprachen, vorauszuset­zen. Von Chomsky heißt es, dass er außer Englisch nur Spanisch beherrsche und ein wenig Hebräisch, während Jenner in Sanskrit promovierte, Russisch, Japanisch und Chinesisch liest und versteht und an der Sorbonne (Paris), an der Università degli Studi in Rom und an der School for Oriental and African Studies in London studierte. Chomsky selbst lässt einen derartigen Einwand aber keineswegs gelten. Er glaubt, auf Nebensächlichkeiten wie die Kenntnis empirischer Sprachen durchaus verzichten zu können, da er in seinem Inneren, wie er wörtlich bekennt, einen „Homunkulus“ mit sich trage – und diesen brauche er nur zu studieren, um alles an der Sprache Wesentliche in sich selbst zu entdecken – da komme es auf real existierende Sprachen eben in Wirklichkeit gar nicht an! 4

Das Problem von Zufall und Freiheit

ließ Jenner danach nicht mehr los. In der Sprache hatte er es zuerst entdeckt, bevor es für ihn zu einem Problem viel grundsätzlicher Art werden sollte. Mit seinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ wagte er sich nun in ein Terrain, das ihn zwar von jeher beschäftigt hatte, aber eben bis dahin nicht als besondere Herausforderung.

Wir sahen: in der Sprache ist die Existenz des Zufalls unbestreitbar, niemand vermag zu begründen, warum ein Begriff wie Baum gerade mit dem im Deutschen üblichen Laut „realisiert“ wird, wo doch unendlich viele andere Laute möglich wären. Umso merkwürdiger musste es Jenner erscheinen, dass es in der europäischen Wissenschaft seit dem 17ten Jahrhundert eine dogmatisch vertretene Lehrmeinung, den Determinismus, gibt, welche den Zufall grundsätzlich leugnet und ihn allein mit menschlicher Unwissenheit erklärt. In Wahrheit werde die gesamte Natur einschließlich des Menschen – so besagt diese Doktrin – ausschließlich von Gesetzen beherrscht. Es gebe in der Natur keinen Zufall. Auch menschliche Freiheit wird in dieser Sicht als Illusion abgetan – genauer gesagt, als subjektive Täuschung.

Schöpferische Vernunft“ ist im ersten Teil eine historische Arbeit. Das Buch verfolgt die Leugnung von Zufall und Freiheit durch die philosophische Geistesgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre. Sie zeigt, warum gerade die Wissenschaft so sehr auf der Leugnung der Freiheit bestand und dass sie selbst als die Quantenphysik die Existenz des Zufalls endlich akzeptierte, mit diesem doch nichts anzufangen weiß. Der Zufall wird als schlechterdings sinnlos und blind abgetan.

Dagegen vertritt Jenner im Hinblick auf Zufall und Freiheit

eine der ganzen bisherigen Tradition widerstreitende Auffassung. „Wir können die Notwendigkeit ohne Freiheit (Zufall) nicht einmal denken. Eine deterministische Wissenschaft ist ein logischer Selbstwiderspruch, weil sie immer schon Freiheit voraussetzen muss.“ Die Schöpferische Vernunft tritt in seiner Sicht gleichrangig an die Seite der die Gesetze erkennenden Vernunft.

Jenner betrachtet „Schöpferische Vernunft“ als sein bestes und originellstes Werk, weil es zum ersten Mal Freiheit neben Notwendigkeit als logisch unverzichtbare Dimension begründet und damit eine Änderung auch unseres Weltbilds notwendig macht. „Tantum possumus quantum scimus“ (wir können immer nur so viel, wie wir wissen) – diese seit Francis Bacon akzeptierte Aussage über den Menschen war seiner Meinung nach immer schon falsch. Jeder Mensch kann und bewirkt in jedem Augenblick seines Lebens weit mehr als er weiß. Schöpferische Vernunft ist ein Buch, dessen Ziel darin besteht, zugleich die Reichweite und die Grenzen der menschlichen Vernunft zu erhellen und auszuloten.

In der menschlichen Geschichte manifestiert sich

der Gegensatz zur Notwendigkeit nicht als Zufall, sondern als menschliche Freiheit. Denn der wesentliche Unterschied zwischen Freiheit und Zufall besteht darin, dass wir den Zufall, dem wir in der Natur begegnen, nicht verstehen, während wir sehr wohl die Motive anderer Menschen nachempfinden und ihrer wie auch unserer Freiheit daher einen Sinn zu geben vermögen. Warum die Welt überhaupt existiert und so ist, wie sie ist, das werden wir nie enträtseln, auch wenn wir ihre Ordnung in Tausenden von Gesetzen beschreiben. Deshalb steht in der Natur die Notwendigkeit (als Gesamtheit aller Gesetze) einem Zufall gegenüber, den wir als blind und sinnlos empfinden, nicht weil er das unabhängig von unserem Denken wirklich so ist, sondern weil wir ihm keinen menschlichen Sinn zuteilen können.

Andererseits ist menschliche Geschichte für uns gerade deshalb so faszinierend, weil Menschen das eigene Handeln stets nach einem Sinn ausrichten. Notwendigkeit gibt es natürlich auch hier. Wir können in der Natur nur überleben, wenn wir uns ihren Gesetzen fügen, aber wir können die Gesetze zu selbstbestimmten Zwecken benutzen – und seit der industriellen Revolution tun wir das in einem bis dahin niemals gekannten Maße.

Die drei Bücher

Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – das Schicksal der Menschheit im 21ten Jahrhundert“ sowie „Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken“ und schließlich „Homo IN-sapiens – eine kleine Geschichte menschlichen Schwachsinns“ hat Jenner wieder in der Eigenschaft eines Problemstellers geschrieben, der sich tastend um den Sinn der Geschichte bemüht. Wir erinnern uns, in der Sprache ging es ihm darum, universale Gemeinsamkeiten jenseits der beliebigen Zeichen aufzuspüren.

Dieselbe Aufgabe aber stellte er sich nun im Hinblick auf die über die Sprache hinausreichenden Unterschiede und Gegensätze in der Kultur – sind nicht die unendlich vielen Essens-, Verhaltens- und Glaubensvorschriften letztlich gleich beliebig?

Die Frage lautete auch diesmal: Können wir einen überkulturellen Sinn in der Geschichte erkennen? Im Hinblick auf das allgegenwärtige Böse scheint dieser Sinn so wenig fassbar wie der Zufall in der Natur. Doch das ist gewiss nicht das letzte Wort. Immerhin können wir nach den Motiven der menschlichen Akteure fragen, und – wenn wir sie finden – das Böse bis zu einem gewissen Grade erklären.

Im Hinblick auf das Ziel der Geschichte

aber erscheint es Jenner nicht nur möglich, sondern geradezu geboten, eine Problemlösung anzubieten (von Immanuel Kant bis zu Arnold Toynbee war diese auch schon von anderen begründet worden).

Seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist das Überleben der Menschen als Spezies in Gefahr. Mit dem Riesenarsenal bestehender Nuklearbomben und ballistischer Raketen hat er es ebenso in der Hand seine irdische Existenz zu beenden wie durch die Zerstörung der Umwelt. Das Ziel der Geschichte steht uns daher zum ersten Mal in der Geschichte ganz klar vor Augen: wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam verhüten, dass dieses kentert und uns allesamt in den Abgrund reißt. Konkret bedeutet dies, dass wir unser Wirtschaftssystem und unsere Politik radikal ändern müssen. Das Problem der Freiheit wird daher auf einmal ganz konkret, weil es unmittelbar mit Krieg und Frieden zusammenhängt, denn der Mensch steht ja nicht nur der Natur gegenüber, sondern auch seinen Mitmenschen. Das Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche, militärische und politische Macht ist hier jener Faktor, der uns immer wieder in den Schwachsinn zu treiben droht.

Der intellektgesteuerte Mensch,

der als Problemsteller und manchmal auch als Problemlöser Bruchstellen, Konflikte und Widersprüche benennt, kann den Schwachsinn nur benennen. Er kann aufzeigen, wie Homo insapiens gegen den eigenen Vorteil handelt und dabei sogar das eigene Überleben riskiert. Intelligenz besitzt er im Überfluss, die Intelligenz von Wissenschaft und Technik hat das Antlitz der Erde innerhalb von nur drei Jahrhundert radikal umgestaltet. Diese Intelligenz aber macht ihn durchaus nicht zum Homo sapiens. Dazu ist etwas anderes nötig, nämlich Weisheit, die den Gefühlen entspringt, also der Sympathie für den anderen Menschen, der gegenseitigen Achtung und Hilfe. Solange das unselige Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht nicht beendet wird, dürfen wir kaum hoffen, dass Homo sapiens – der weise und nicht bloß intelligente Mensch – Geschichte endlich in eine andere Richtung lenkt.

Für seinen groß angelegten Geschichtsentwurf

ist Jenner trotz mehrfachem Versuch bei keinem großen Verlag Interesse erregen können, obwohl Meinhard Miegel, ein bekannter Autor, dessen Schriften Jenner immer sehr schätzte, sich gegenüber dem Autor mit Lob über Stil und Inhalt der „Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ äußerte. Es müsse unbedingt veröffentlicht werden, er wolle dies gegebenenfalls mit einem Druckkostenzuschuss unterstützen. Nicht nur Herr Miegel begrüßte die neue Arbeit, sondern Prof. Karl Acham, ein renommierter Österreichischer Soziologieprofessor, verbürgte sich sogar mit einem ausgiebigen Vorwort für dessen wissenschaftliche Seriosität.

Prof. Acham empfahl ihm den Springer Verlag für Soziologie in der Meinung, dass sein Vorwort dem Autor dort die Tür öffnen würde. Diesmal aber kam es ganz anders als damals beim Fischer Verlag. Gerade einmal zwei Tage nach Anlangen des Manuskripts beim Verlag (als ohne Prüfung) wurde es zurückgewiesen. Man kann sich denken, wie eine solche Reaktion zu erklären ist. Natürlich darf ein Lektor sich weder auf die eigene Meinung noch auf die eines ausländischen Gutachters verlassen. Wie im Kolosseum, wo Daumen nach oben oder Daumen nach unten über Leben und Tod eines Gladiators entschieden – geht es um das Placet eines jener Halbgötter am deutschen Professorenhimmel, die sich bei solchen Entscheidungen das letzte Wort vorbehalten – natürlich anonym, niemand kann sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Offenbar hat die Losung „Unbefugten ist der Zutritt verboten“ sich in diesem Fall durchgesetzt.

Seitdem veröffentlicht Jenner bei Amazon

In gewisser Weise scheint diese Art der Publikation dem Naturell des Autors sogar entgegenzukommen, denn er findet ja nicht nur an anderen manches auszusetzen, sondern ebenso auch an sich selbst, sodass er in einem fort an den eigenen Schriften retuschiert, sie erweitert oder auch ganze Passagen wieder hinauswirft. Nichts wurmt ihn so sehr, wie wenn man ihm einen Fehler in der Rezeption der Fakten oder gar im Argument nachweisen kann (und das ist bisweilen leider durchaus möglich. Da Jenner ein Einzelkämpfer ist, schleichen sich schon hier und da Fehler ein). 5 Jedenfalls kommt die Veröffentlichung bei Amazon dieser Neigung zur Selbstkorrektur entgegen, denn Änderungen sowohl in der Printedition wie bei der Kindle-Ausgabe lassen sich am eigenen Computer innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligen – ein Vorgehen, das bei anderen Verlagen völlig undenkbar wäre.

<1 Jenners These, wonach die Grundbegriffe der Chomskyschen Universalen Grammatik (Verb, Nomen etc.) nicht universal sind, ist entweder richtig oder falsch. Man sollte meinen, dass ernsthafte Wissenschaftler sie entweder akzeptieren oder widerlegen. Doch weiß Jenner von keinem Linguisten, der sich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt hätte. So sehr ist das Orchideenfach Linguistik inzwischen zu einem Paradigma erstarrt, wie Thomas Kuhn es beschrieb, dass niemand deren Voraussetzungen mehr untersucht. Zwar mehren sich in letzter Zeit die Angriffe auf Chomsky, aber jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeworfen: Das legitime Ziel, Sprache überhaupt in den Blick zu bekommen und nicht nur Einzelsprachen, wird in Frage gestellt. 

<2 Jenners Habilitationsschrift über Linguistik, welche die Hauptthese bereits enthielt, wurde „aus formalen Gründen“ abgelehnt, obwohl ein Gutachter (Prof. Peter Hartmann aus Konstanz) sich im Gutachtergremium für sie eingesetzt hatte. Prof. Bernfried Schlerath, der damalige Ordinarius an der Freien Universität aber ließ nicht mit sich spaßen. Und das aus verständlichen Gründen: Jenner hatte nie auch nur eine einzige Stunde zu seinen Füßen gesessen.

<3 Chomsky ist in seinen politischen Schriften ebenso klar wie in seinen linguistischen unklar. Vermutlich ist er deshalb aus dem zweiten in den ersten Bereich geflohen. Seiner Scholastik steht auch ein Linguist wie Steven Pinker ablehnend gegenüber. Dieser überzeugt durch erstaunliches Wissen, eine klare Sprache und kluge Argumentation. Jenner kritisiert Pinker aus einem anderen Grund: er hält ihn für unehrlich. Seine Idee von einer vorsprachlichen Sprache (Mentalese) liegt ganz auf der Linie Jenners, und die sich daraus ergebende Schlussfolgerung scheint offensichtlich. Pinker müsste ebenso wie er Chomskys Grundbegriffe der Generativen Grammatik durch vorsprachliche ersetzen. Aber davor schreckt Pinker zurück, dann wäre er ja in Gefahr, sich von Chomsky ganz loszusagen und sich an die Seite eines immer noch ignorierten Außenseiters zu stellen. Hier erweist sich neuerlich die Macht der von Kuhn so eindringlich beschriebenen Paradigmen. Kuhn hatte den Dogmatismus in den Naturwissenschaften in ihren Paradigmen aufgespürt. Er hätte ein sehr viel leichteres Spiel in den Geisteswissenschaften gehabt. Wenn eine Firma neue Geräte gemäß den bekannten Naturgesetzen plant und produziert, dann kann man sich darauf verlassen, dass die zur Anwendung gelangenden Gesetze wahr sind – andernfalls würden die Geräte schlicht nicht funktionieren. Aber in den Geisteswissenschaften können die krausesten Theorien entstehen, ohne dass die Konfrontation mit der Wirklichkeit ihre Verfechter zu Revisionen zwingt.

<4 Die Homunkulus-Wissenschaft, wie sie der späte Chomsky betreibt, wird von David Golumbia in dem Aufsatz „The Language of Science and the Science of Language – Chomskys Cartesianism“ als Verstoß gegen die Grundsätze einer empirischen Wissenschaft in Frage gestellt.

<5 Jenner ist ein Einzelkämpfer, seine letzten Bücher sind weder durch die Hände eines Lektors gegangen, noch hat er Freunde gebeten, sie durchzusehen. Manchmal haben sich deswegen auch Fehler eingeschlichen, die ihm sehr peinlich waren. So hat er zum Beispiel das Anthropozän irrtümlich nicht in dem von seinem Erfinder Paul Josef Crutzen gemeinten Sinn zur Bezeichnung des Industriezeitalters verwendet, sondern es auf die gesamte Geschichte bezogen, seit der Mensch seine Umwelt aktiv veränderte. Das geschah bereits zur Zeit der Jäger und Sammler, als diese die Megafauna global weitgehend ausrotteten. Jenner hat diesen Fehler korrigiert, indem er den Begriff des „Großen Anthropozäns“ verwendet.

Der Autor Egon W. Kreutzer schreibt:

Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Innenleben, Gero Jenner! Irgendwann, und wohl ohne meinen diesbezüglichen Antrag, ist meine Mail-Adresse in den Verteiler Ihrer Newsletter geraten. Was Sie schreiben, sammelt sich als Essenz in meinem Bewusstsein an. Ich könnte nichts davon im Wortsinn wieder hervorkramen, doch es eröffnet mir beim Lesen die Wahrnehmung neuer Perspektiven, und lässt mich später die neu entdeckten Standpunkte selbst wieder einnehmen. Herzlichen Dank für alles! Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

Der Komponist und Freund Franz Zebinger:

Lieber Gero, mit Faszination habe ich eben das Resümee deines Schaffens – und Lebens (wo ja das eine ins andere greift) gelesen! Herzlichen Dank dafür! Vieles verstehe ich nach dieser deiner Selbstanalyse besser. Deine Feststellung, dass die diplomierten Fachleute Outsider einfach nicht ein- und zulassen, kann ich auch für mich als Komponisten ohne einschlägiges Fachstudium bestätigen. Kein renommierter Verlag hat meine Kompositionen jemals gedruckt. Wie du mit Amazon ganz gut leben kannst, kann auch ich mich mittels meines Schreibprogramms Sibelius bestens „verwirklichen“ und meine Musik interessierten Menschen vermitteln.
Ganz herzliche Grüße aus der Klausur, die uns Schöpferischen eigentlich sowieso adäquat und deswegen nicht bedrückend ist!
Franz

Herr Dr. Dirk-Michael Harmsen schreibt mir Folgendes:

Lieber Herr Jenner,

seit vielen Monaten lese ich schon Ihren Blog. Der gestgrige hat mir insofern besonders gefallen, weil Sie auf humorvolle Weise auf sich selbst (zurück)blicken und Höhen und Tiefen Ihres geistigen, schriftstellerischen Lebens Ihren Lesern schildern. So macht das Lesen autobiografischer Notizen Spaß. 

Vielen Dank und … bleiben Sie gesund in diesen pandemischen Zeiten,
Dirk Harmsen

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt)

Minsky

Wir leben in einer außerordentlichen Zeit, weil wir über den Menschen nicht mehr zu philosophieren brauchen, sprich zu phantasieren, um sein Wesen bis auf den Grund zu erkunden. Die exakten Wissenschaften geben uns zum ersten Mal die Mittel an die Hand, um mit Zahlen und unwiderleglichen Beweisen uns selbst sozusagen auf den Begriff zu bringen. Was die Naturwissenschaften seit dreihundert Jahren geleistet haben, nämlich dass sie die Natur für den Menschen erst berechenbar machten, damit wir sie anschließend beherrschen, das wird jetzt auch für den Menschen möglich. Ich sage es noch einmal: zum ersten Mal in der Geschichte.

Sokrates

Mit anderen Worten: ihr braucht uns nicht mehr. Wir sind Fantasten, die allerlei Fabeln und Mythen über den Menschen in Umlauf brachten. Jetzt aber kommt ihr mit euren Messgeräten, und am Ende werdet ihr eine Handvoll Gleichungen aufstellen, die euch erlauben, selbst noch die Gedanken eines Menschen für die nächsten vierzehn Tage vorauszusagen – so wie ihr jetzt schon das Wetter für zwei Wochen voraussagen könnt und die Bahn des Jupiter sogar für die nächsten Jahrtausende.

Minsky

So ist es, aber ich zögere keinesfalls, eure vergangenen Leistungen zu rühmen. Die Gespräche, die einer wie du damals im alten Athen mit gescheiten jungen Männern führtest, habe ich in meiner Jugend gern gelesen. So viel Poesie und Begeisterung, wirklich beeindruckend! Aber seien wir ehrlich, deine Aufteilung des Staates nach Lehr-, Wehr- und Nährstand blieb völlig folgenlos. Dein Schüler Plato blieb sein Leben lang ohne politischen Einfluss; in Syrakus dachte der dortige Diktator gar nicht daran, sein System zu übernehmen. Ihr Philosophen habt die Welt mit Erzählungen versorgt, aber eure praktische Wirkung war bis zum heutigen Tag gleich null, weil sie nicht auf strenger Wissenschaft beruht. Deshalb verschwindet ihr jetzt auch aus den Universitäten, während die Naturwissenschaften Hochkonjunktur genießen.

Sokrates

Also glaubst du, dass ihr schon bald Denken und Verhalten des Menschen so gut beschreiben könnt, dass ihr ein Gemeinwesen am Reißbrett planen könnt, damit alles so verlässlich und vorhersehbar verläuft wie in einem Termitenstaat? Ich fühle mich an Watson und Skinner, die Gründer des Behaviorismus, erinnert, die diese triste Utopie schon vor einem Jahrhundert verkündeten.

Minsky

Das ist nun aber eine boshafte Formulierung, weil du damit ja ausdrücken willst, dass Freiheit in einem solchen Staat nicht existiert. Aber Freiheit ist eine Illusion, die ihr nur als solche noch nicht begriffen habt. Solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann es keine Freiheit geben, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – und dann ist er ebenso wenig frei. Die Rede vom Termitenstaat ist daher nichts anderes als irreführender Unsinn. Der Mensch ist niemals frei gewesen, auch wenn er sich einbildet es zu sein. Was wir, die Wissenschaftler vom Menschen, jetzt tun, ist nur, dass wir seine Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren.

Sokrates

Ich gebe zu, da habt ihr schon sehr viel Großartiges geleistet.

I Der künstliche Mensch beweist, dass wir auf dem besten Wege sind, den natürlichen völlig zu enträtseln

Minsky

Nicht wahr? Das verdient wirklich große Bewunderung. Unsere praktischen Erfolge liefern nicht weniger als den Beweis, dass wir im Begriff sind, den Menschen vollständig zu entschlüsseln. Unsere größten Rechenmaschinen führen Aufgaben innerhalb von Sekunden aus, welche Menschen selbst in Jahrtausenden nicht zu lösen vermögen. Unsere Schachroboter, ausgerüstet mit künstlicher Intelligenz, schlagen inzwischen jeden menschlichen Spieler, unsere Roboterärzte liefern bessere Diagnosen als unsere universitätsgeprüften Doktoren, unsere KI bestückten künstlichen Rechtsanwälte verfügen über mehr Wissen und daher auch über mehr Kompetenz als jeder natürliche Jurist, unsere Leitsysteme in den Flugzeugen machen Piloten aus Fleisch und Blut heute schon überflüssig – und reduzieren die Unfallhäufigkeit auf jenes Minimum, dass allenfalls noch durch schadhafte Technik verursacht wird (wie beim Menschen z.B. durch Herzversagen). Die von Künstlicher Intelligenz gesteuerten Autos werden schon bald fließenden Verkehr ermöglichen, der noch dazu nahezu unfallfrei sein wird.

Sokrates

Wenn ich dich recht verstehe, ist es euer Ziel, den fehlbaren, vergleichsweise unendlich langsam reagierenden, in seinem Wissen beschränkten Menschen durch sein vollkommenes Gegenstück zu ersetzen, nämlich durch ein künstliches Gehirn in einem künstlichen Roboter, der ihm in jeder Hinsicht weit überlegen ist.

Minsky

Ja, und auf diesem Weg sind wir schon so weit vorangeschritten, dass die meisten heute noch existierenden Berufe in einigen Jahren nicht mehr benötigt werden. Piloten sind jetzt schon ein entbehrlicher Luxus, Lastwagen-, Bus- und Taxifahrer werden es morgen sein. In der Diagnostik sind auch die Ärzte schon weitgehend überflüssig, nur in der Therapie spielen sie noch eine gewisse Rolle, aber Roboter werden auch hier schon bald die besseren Chirurgen sein. Dolmetscher werden kaum mehr gebraucht, da Übersetzungsmaschinen inzwischen hervorragende Arbeit leisten. Hier sehe ich bei allem Fortschritt, auf den wir sehr stolz sein können, ein gewisses Problem.

Sokrates

Ich pflichte dir bei, dass darin vielleicht sogar ein gewaltiges Problem liegen wird. Aber viel interessanter erscheint es mir, der grundsätzlichen Frage nachzugehen, ob euer Optimismus berechtigt ist, dass ihr den Menschen bald vollständig entschlüsseln und durch einen künstlichen Supermenschen ersetzen werdet.

Darüber möchte ich mit dir reden, weil ich diese These nicht nur für übertrieben halte, so als bräuchtet ihr einfach etwas mehr Zeit für die weitere Forschung. Nein, ich halte sie für grundsätzlich und für nachweisbar falsch. Mehr noch, ich halte sie für eine große und noch dazu gefährliche Illusion – trotz aller unbestreitbaren praktischen Erfolge, die ihr aufgrund dieser Arbeitshypothese bis heute errungen habt und zweifellos noch erringen werdet.

Minsky

Aha, da spricht der Philosoph, der seine Spekulation unserem Wissen entgegenhält. Auf Spekulationen lasse ich mich aber nicht ein. Faktum ist, dass wir unserem Ziel, den natürlichen durch den künstlichen Menschen zu ersetzen, jetzt schon ganz nahe sind. Wir wissen nur noch nicht ganz genau, auf welchem von zwei Wegen wir es am schnellsten erreichen. Die einen setzen darauf, die elementaren Regeln der Logik zur Grundlage der Künstlichen Intelligenz zu machen, also von wenigen Grundbeziehungen auszugehen, um diese immer mehr zu verfeinern, bis wir alle Operationen des menschlichen Gehirns auf diese Art nicht nur vollziehen, sondern sie auch viel schneller und umfassender ausführen können (logic-based symbolic processing).

Andere wollen eher pragmatisch vorgehen, indem sie alle möglichen praktisch erprobten Problemlösungsverfahren miteinander vereinen (deep learning). Aber das Ziel bleibt letztlich doch immer dasselbe. Am Ende haben wir einen Supermenschen geschaffen, der nicht nur alles ebenso kann, was jeder beliebig gewählte Mensch aus einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden vermag, sondern noch sehr viel größere Fähigkeiten besitzt, da sein Wissen und seine Reaktionsfähigkeit einer nahezu grenzenlosen Steigerung fähig sind.

Sokrates

Was dieser Mensch kann, werdet ihr dann also genau vorhersagen können?

Minsky

Selbstverständlich. Darin liegt ja der Zweck unserer Forschungen. Da wir diesen Supermenschen selbst erschaffen haben, sind wir natürlich auch in der Lage, seine möglichen Denkvorgänge und seine überhaupt möglichen Handlungen vorauszusagen. Du wirst zugeben, dass dies ein Durchbruch von historischen Ausmaßen ist. Wir haben zwar bisher die unbelebte Natur beherrscht, aber der Mensch schien sich unseren Anstrengungen zu entziehen. Er blieb für uns unberechenbar. Anders der Supermensch, den wir mit Künstlicher Intelligenz ausrüsten. Er ist für uns völlig berechenbar, da wir ihn selbst programmieren. Weil sein Gehirn das des natürlichen Menschen noch übertrifft, werden wir auf diesem Umweg dann auch den natürlichen Menschen entschlüsseln. Es ist wahr: Behavioristen wie Watson und Skinner hatten die Richtung schon aufgezeigt. Wir aber verfügen nun auch über die technischen Mittel, um den völlig berechen- und programmierbaren Menschen tatsächlich zu erschaffen.

Sokrates

Dann wäre es also in Zukunft ein Leichtes, mein und dein Denken vorherzusagen? Ich verstehe, wenn schon der Supermensch berechenbar ist, dann gilt das natürlich umso mehr für uns beide, die wir im Vergleich nur recht bescheidene Hirnstrukturen aufweisen.

Minsky

So ist es! Wir müssen uns endlich von der absurden Annahme befreien, dass zwar die ganze äußere Natur berechen- und weitgehend auch beherrschbar ist, aber dass wir selbst gleichsam außerhalb der Natur stehen, und, wie man früher glaubte, deshalb prinzipiell unberechenbar seien. Das ist nichts als ein dummes, unwissenschaftliches Vorurteil. Wir Menschen sind doch genauso Natur und daher ihren Gesetzen auch genauso ausgeliefert. Wenn wir die Abläufe der Natur vorhersagen können, dann muss das ebenso im Hinblick auf die Abläufe in unserem Gehirn möglich sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wissen, was in meinem oder deinem Hirn morgen oder in einer Woche geschieht und was wir beide in Zukunft tun oder lassen werden. 

Sokrates

Und ich bestehe nochmals darauf, dass ein kritischer Wissenschaftler die These von der vollständigen Berechenbarkeit von Mensch und Natur grundsätzlich ablehnen muss, wenn er seriöser Wissenschaftler bleiben will. Oder anders gesagt, dass er keiner mehr ist, wenn er eine solche These vertritt.

II Ein Roboter kann keine Experimente anstellen

Minsky

Philosophen sind immer für Überraschungen gut. Diese wunderliche Behaup­tung bedarf der Erklärung.

Sokrates

Das ist weniger schwer, als du vielleicht glaubst. Die empirischen Wissenschaften stellen bekanntlich Experimente an, um ihre theoretischen Aussagen über die Wirklichkeit praktisch zu überprüfen. Ich frage dich: gehen sie dabei nicht von der ihnen als selbstverständlich erscheinenden Voraussetzung aus, dass sich Experimente zu beliebiger Zeit, an beliebigem Ort, in beliebiger Größe und Komplexität durchführen lassen? Mit anderen Worten, setzen sie dabei nicht voraus, dass sie kraft ihres Wollens reale Vorgänge jederzeit willkürlich herbeiführen können?

Minsky

Das ist richtig, darin besteht ja ein Experiment.

Sokrates

Wenn es aber das Wollen eines Menschen ist, dass ein Experiment stattfindet, dann ist dessen Eintreten in diesem Moment und an diesem bestimmten Ort (z. B. in einem Labor) doch nicht durch die Geschichte des Universums oder dessen Gesamtzustand determiniert? Wir müssen vielmehr behaupten, dass es im Hinblick auf diesen ganz zufällig ist, da es sein Zustandekommen ja allein dem Wollen eines bestimmten Wissenschaftlers verdankt?

Minsky

Das wird man wohl sagen müssen.

Sokrates

Gut, dass wir da einer Meinung sind, denn von Laplace bis zu Bertrand Russell wurde in der gesamten Geschichte der Neuzeit eine ganz andere Auffassung vertreten. In klassischer Form hat der französische Mathematiker Laplace diese gegenüber Napoleon vertreten: „Eine Intelligenz, die in einem bestimmten Moment alle Kräfte erfasste, welche die Natur beherrschen, und darüber hinaus die respektive Lage der Elemente, aus denen sie besteht, würde – vorausgesetzt, dass sie groß genug wäre, um alle diese Daten der Analyse zu unterwerfen – in einer einzigen Formel die Bewegungen der größten Körper des Universums und die der kleinsten Atome gleichermaßen erfassen: nichts wäre ungewiss für sie. Zukunft und Vergangenheit würden ihr deutlich vor Augen stehen.“

Du siehst, dass es nach dieser Auffassung keine Ereignisse geben kann, die nicht aus der Geschichte und dem Gesamtzustand des Universums ableitbar wären. Eine vollkommende Intelligenz soll sogar imstande sein, aus dessen heutigem Zustand die ganze Zukunft zu erschließen. Wenn du meinst, dass die Forschung an Robotern mit künstlicher Intelligenz uns bald erlauben wird, auch menschliche Gedanken und Handlungen vorauszusagen, dann folgst du dieser These.

Minsky

Warte einen Augenblick, das musst du noch etwas konkreter begründen.

III Ein unauflösbarer logischer Widerspruch!

Sokrates

Ja, gewiss, deine Schöne Neue Welt sollten wir wirklich etwas näher beschreiben. Ich weiß, wir sitzen jetzt schon in Flugzeugen, die automatisch gesteuert werden und morgen werden wir in Autos sitzen, die ihr Ziel selbständig ansteuern, aber immerhin bleibt uns noch die Wahl, das Auto an selbstbestimmte Ziele zu dirigieren, z.B. nach Bonn oder Rom. Dein künstlicher Supermensch aber hat diese Wahl nicht mehr, denn ihr wollt sein Verhalten ja genauso voraussagen wie eine Mondfinsternis. Mit Laplace glaubt auch ihr zu wissen, dass er im Grunde so wenig frei ist wie der Mond und die unbelebte Natur. Das heißt aber doch, dass die Wissenschaft von morgen, nicht nur die Gesetze zu kennen beansprucht, nach denen unsere Flugzeuge und Autos funktionieren, sondern ebenso die Gesetze, welche die Hirne der sie benutzenden Menschen lenken. Wie für den Rest der Natur glaubt sie voraussagen zu können, wie sie in Zukunft denken und welche Befehle sie dem Körper erteilen werden.

Und deshalb stürzt ihr auf einmal in eine logische Falle – ich meine in einen unaufhebbaren Widerspruch.

Minsky

Aha? Und wo glaubst du denn den zu finden?

Sokrates

Im Wissenschaftler selbst, der zugleich zum Subjekt und zum Objekt der Voraussage wird. Er soll dann nämlich voraussehen können, was er selbst in Zukunft denken wird. Bei eurem Schachspieler, bei euren Roboterärzten, bei euren mit Künstlicher Intelligenz ausgestatteten Anwälten ist das jetzt schon möglich, denn ihr habt sie ja programmiert. Ihr wisst daher genau über die möglichen Alternativen ihres Verhaltens Bescheid und könnt vorhersagen, wie sie unter gegebenen Bedingungen reagieren, wie sie reagieren müssen. Aber da ihr behauptet, dass diese künstlichen Wesen die Essenz des Menschen sozusagen auf vollkommene Weise verkörpern, gilt das natürlich doppelt für uns, die weit unvollkommeneren natürlichen Menschen. Euer Forscher behauptet also, dass er irgendwann an den Punkt gelangt, wo er mit Laplace’scher Intelligenz nicht nur sein späteres Verhalten, sondern sogar noch alle seine künftigen Forschungsergebnisse voraussagen kann.

Minsky

Das ist schon richtig, aber es wird natürlich noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die Forschung tatsächlich dahin gelangt. Deswegen macht es doch wenig Sinn, jetzt schon darüber zu sprechen.

Sokrates

Nein, im Gegenteil, es macht sogar den größten Sinn anzunehmen, dass euer Ziel bereits erreicht worden ist, denn nur dann können wir darüber reden, welche Folgen sich daraus zwangsläufig ergeben – ich meine den logischen Selbstwiderspruch.

Minsky

Ich weiß schon, was du sagen willst. Wenn ich genau voraussagen könnte, was ich morgen und in aller Zukunft tun werde, dann werde ich das sicher auf keinen Fall mehr tun wollen, weil ja aller Reiz der Neuheit verloren ist. Denn ich würde ja auch meine Gefühle und Empfindungen im Voraus kennen. Mein künftiges Leben wäre ganz und gar überflüssig – ich wäre nur noch eine willenlose Maschine ohne eigenen Antrieb. 

Aber du begehst einen Denkfehler. Wir können die deterministische Ansicht eines Laplace nicht deswegen beiseiteschieben, weil sie uns so wenig gefällt.

Sokrates

Nein, wir müssen sie deswegen zurückweisen, weil sie erkennbar falsch ist. Die Freiheit von Mensch und Natur wird durch das wissenschaftliche Experiment erwiesen, denn dieses bettet ein vom Menschen geplantes Ereignis in die bestehende Wirklichkeit ein, ohne dass es sich aus dieser ableiten ließe oder gar von dieser determiniert worden ist. Seine Existenz beruht allein auf einem Akt des menschlichen Wollens, ohne diesen gäbe es das Ereignis nicht – nicht an diesem bestimmten Ort, zu dieser bestimmten Zeit mit diesen bestimmten Charakteristiken. Die Rakete fliegt nach Gesetzen, die wir der Natur abgelauscht haben zum Mond, aber dass es am Montag, den 23. Juni dazu kommt, gehorcht keinem Naturgesetz, sondern wird vom Direktor der NASA oder einer anderen Behörde verordnet.

Minsky

Ich gebe zu, dass Experimente eine offene Wirklichkeit zur Voraussetzung haben, eine Wirklichkeit, in die menschliches Wollen souverän einzugreifen vermag. Aber die Evolution der Natur findet doch völlig unabhängig von unserem Wollen statt. Da nützt es uns doch gar nichts, menschenerdachte Experimente zu ihrer Erklärung heranzuziehen.

Sokrates

Einspruch! Es nützt uns sogar sehr viel, um nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass wir die Wirklichkeit niemals vollständig erklären, wenn wir nur Gesetze und deren deterministische Wirkung Gesetze vor Augen haben.

Schau bitte her: dieselbe Unableitbarkeit, wie wir sie eben für das Experiment festgestellt haben, begegnet uns in der Evolution der Natur. Aus der Kenntnis des Urplasmas nach dem Anfangszustand des Universums lassen sich die 83 primordialen Elemente nicht ableiten, sie gehorchen nur den Anfangsbedin­gungen. Aus den Elementen lassen sich nicht die Moleküle ableiten, sie sind nur den bis dahin geltenden Gesetzen unterworfen. Aus den Molekülen der anorganischen Natur können wir die organischen Stoffe und das Leben nicht ableiten, obwohl beide den Gesetzen von Physik und Chemie unterworfen bleiben. Aus der Biologie können wir nicht den Geist errechnen, obwohl dieser sich nicht über die Gesetze des biologischen Lebens hinwegsetzen kann.

Lass es mich bildhaft so ausdrücken: ein kosmischer Experimentator könnte all dies erdacht haben, ebenso wie ein irdischer Wissenschaftler ein Experiment erdenkt. Beide sind bei der Kreation neuer Wirklichkeiten durch die Gesetze der vorhandenen eingeschränkt, und doch schaffen sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort etwas Neues, das sich aus dem Vorhandenen nicht herleiten lässt.

Was ich damit noch einmal bekräftigen will? Die Vorstellung eines Laplace und all seiner Nachfolger bis hin zu Bertrand Russell müssen wir mit aller Entschiedenheit als falsch zurückzuweisen. Wir leben in einer offenen Welt, wo ständig neue Wirklichkeiten entstehen, die sich aus den Gesetzen der ihnen voraufgehenden nicht erschließen lassen, obwohl sie auf ihnen aufruhen und sie voraussetzen.

IV Euer künstlicher Supermensch kann nicht agieren, er kann nur re-agieren

Minsky

Interessant, überraschend und für mich auf den ersten Blick auch überlegenswert, obwohl du damit einer dreihundertjährigen Tradition widersprichst, die allerdings, wie du natürlich weißt, durch die Erkenntnisse der Quantenphysik inzwischen relativiert worden ist. Dort werden der Zufall und das unableitbar Neue ja sehr wohl akzeptiert. Aber das möchte ich nur nebenbei bemerken. Wichtiger scheint mir, dass du dich jetzt endlich wieder unserem Thema zuwendest. Was haben Experiment und das Neue in der Natur mit der Künstlichen Intelligenz und Robotern zu tun?

Sokrates

Du fragst? Aber der Zusammenhang liegt doch klar zutage! Hast du nicht vorher darauf bestanden, dass der Mensch ein Teil der Natur sei? Darin gebe ich dir natürlich recht. Dann muss aber, was für Letztere gilt, auch auf den Menschen zutreffen. Wenn also neue Wirklichkeit jederzeit innerhalb der bestehenden durch das Experiment oder überhaupt jede Art von menschlicher Handlung hervorgebracht werden kann, dann muss es solche Inseln des Neuen ebenso auch im menschlichen Denken geben. Wir müssen davon ausgehen, dass uns beständig Gedanken einfallen (und zu Handlungen führen), die wir nicht aus der Vergangenheit unseres Denkens oder aus dessen Gesamtzustand ableiten können. Anders gesagt, werden wir aus diesem Grund auch nie fähig sein, zukünftiges Denken aus dessen Jetztzustand abzuleiten.

Minsky

Na schön, aber einmal angenommen, du hättest mit dieser Aussage recht, dann sehe ich trotzdem nicht, welche Bedeutung dies für den künstlichen Menschen hat. Um es einmal rundheraus zu sagen: ich verstehe überhaupt nicht, wie du an unserem großen Projekt herummäkeln kannst, dem Projekt, endlich den vollkommenen Menschen zu erschaffen, den künstlichen Supermenschen, der alle Vorzüge des natürlichen besitzt, aber ohne an dessen Unzulänglichkeiten zu leiden. Was ist an diesem großartigen Projekt auszusetzen?

Sokrates

Ich protestiere nicht gegen dieses euer Ziel. Ich behaupte nur, dass ihr es niemals erreichen werdet, weil ihr es grundsätzlich nicht erreichen könnt. Der künstliche mit digitaler Intelligenz ausgerüstete Roboter, unterscheidet sich nämlich dadurch von seinem natürlichen Gegenbild, dass er immer nur reagieren kann.

Gewiss tut er das in vielen Bereichen unendlich viel besser als sein natürliches Vorbild. Aber seine Leistung ist auch prinzipiell genau darauf beschränkt. Der Schachroboter reagiert nach programmiertem Algorithmus auf den Zug eines Gegners, die Diagnoseroboter werten nach eingebautem Programm die Fotos des Radiologen aus. Der Flugpilot reagiert mit größter Verlässlichkeit auf die Gesamtheit von Situationen, mit denen er zuvor gefüttert wurde. Aber kein künstlicher Mensch schafft neue Wirklichkeiten – und das aus einem einfachen, logisch zwingenden Grund: Programmierer sind grundsätzlich nicht in der Lage, aus dem Alten das Neue, also aus dem ihnen Bekannten das ihnen Unbekannte abzuleiten. Der Mensch aber bringt genau das in einem fort zuwege: er erschafft das Neue. Denk nur daran, wie es ihm in den vergangenen zweihundert Jahren gelang, die natürliche und soziale Wirklichkeit radikal umzugestalten.

Minsky

Nein, ich kann keinesfalls zustimmen, dass die Künstliche Intelligenz das nicht ganz genauso vermag. Es gibt das Gesetz und es gibt den Zufall. Gesetze geben das Regelmaß vor, aber einen Zufallsgenerator kann man der künstlichen Intelligenz sehr wohl einbauen. Dann reagiert der Roboter nicht nur auf äußere Reize und Bedingungen, sondern er betätigt sich wie der natürliche Mensch, indem er neue, unvorhersehbare Handlungen setzt. Ich behaupte also, dass wir den natürlichen Menschen auch in dieser Hinsicht imitieren und vermutlich sogar übertreffen können.

V Der Zufall ist koexistent mit den Gesetzen

Sokrates

Ja, damit kommen wir zu einem Schlüsselbegriff unserer gemeinsamen Untersuchung: dem Zufall.

Minsky

Richtig, und dieser Begriff befreit uns auch von der Freiheit, die objektiv gesehen ein Nichts ist, da sie allein auf subjektiver Täuschung beruht. Ich sagte schon: solange der Mensch nach Gesetzen handelt, kann er nicht frei sein, handelt er aber nicht nach Gesetzen, dann folgt er dem Zufall – dann ist er natürlich ebenso wenig frei. Ich sagte schon, wir Wissenschaftler vom Menschen tun nichts anderes, als dass wir die menschliche Unfreiheit am Beispiel der Künstlichen Intelligenz und des Roboters demonstrieren. Wir nehmen uns dazu den Zufall vor, den wir mit Hilfe des Zufallsgenerators künstlich erzeugen

Sokrates

Ich weiß, das glaubt ihr, aber in Wirklichkeit, seid ihr dazu gar nicht imstande.

Minsky

Wieso nicht? Willst du bestreiten, dass es Zufallsgeneratoren gibt?

Sokrates

Nein, das bestreite ich keineswegs, nur produzieren sie keinen Zufall. Zunächst einmal ist der Zufall, den sie erzeugen, von vornherein radikal eingeschränkt. Ein echter Zufall wäre es, wenn sich auf meinem Konto plötzlich eine Milliarde Dollar befänden oder mich ein Windstoß in die Hängematte in meinem Garten trüge. Aber davon ist beim Zufallsgenerator ja keine Rede. Er vermag nur Zahlenfolgen zu produzieren.

Minsky

Aber es genügt doch, dass diese völlig regellos sind.

Sokrates

Allerdings, das würde zu Demonstrationszwecken schon genügen, doch sind sie gerade nicht regellos, wenn Wissenschaftler sie systematisch hervorbringen wollen.

Minsky

Wieder so eine deiner Behauptungen.

Sokrates

Ich frage dich. Können wir mit Hilfe einer Regel etwas Regelloses erzeugen?

Minsky

Natürlich nicht.

Sokrates

Aber nichts anderes geschieht doch, wenn wir einen Generator planen, der den regellosen Zufall hervorbringen soll, denn alle Planung beruht auf Regeln.

Minsky

Nun schön, das sehe ich ein. Kein Algorithmus ist imstande, eine Folge hervorzubringen, die keinem Algorithmus gehorcht. Das ist elementare Logik. Aber du hast trotzdem eines vergessen. Wir können einen solchen Apparat zum Beispiel durchs Fenster schauen lassen, wenn sich dort der übliche Fußgängerverkehr ereignet. Lass einen Sensor die Größe jedes vorbeigehenden Passanten messen und diese mit der Sekundenzahl multiplizieren, die seit dem Erscheinen des letzten Fußgängers verging. Dann haben wir einen echten Zufall. Denn wir können uns kein Gesetz vorstellen, dass die Häufigkeit, die unterschiedliche Größe und die zeitliche Distanz zwischen den Fußgängern bestimmt.

Oder nimm einen anderen Fall. Wir kennen die Halbwertzeit, nach der nur noch die halbe Menge von strahlendem Radium vorhanden sein wird, aber den Zeitpunkt, wann ein einzelnes Alphateilchen ausgeschickt wird, kennen wir nicht. Der gehorcht dem Zufall. Wir könnten den Zufallsgenerator also auch mit diesen zufälligen Zeitpunkten füttern, um eine durch nichts zu berechnende Zahlenfolge hervorzubringen.

Sokrates

Sehr richtig, aber weißt du auch, was das heißt? Du sagt damit doch nichts anderes – und zwar zu Recht -, als dass der Mensch immer nur das Nicht-Zufällige, also irgendeine Regel hervorbringen kann. Um den Zufall zu imitieren, muss er ihn der Natur entnehmen.

VI Der Zufall bleibt für uns ein reines, undeutbares Geheimnis. Das gilt für den Zufall in der außermenschlichen Natur wie beim Menschen. Da fällt etwas zu, das wir nicht erklären können.

Minsky

Und was willst du damit so Großartiges sagen? Sind das nicht lauter Spitzfindigkeiten, die uns keinen Schritt weiterführen?

Sokrates

Im Gegenteil, das ist eine grundlegende Einsicht. Sie besagt nämlich, dass der Zufall für uns ein reines Geheimnis ist. Wir verstehen nur die Regel, wir erkennen nur das Gesetz, aber alles Regellose, alles Gesetzlose ist für uns Terra incognita.

Minsky

Richtig, und genau deswegen kümmert sich die Wissenschaft ja auch nicht weiter darum, sondern spricht vom „blinden, sinnlosen Zufall“, den sie ganz aus ihrem geistigen Horizont verdrängt.

Sokrates

Aber wie können wir etwas blind und sinnlos nennen, von dem wir prinzipiell nicht wissen, was es ist? Und wie wollt ihr etwas in die Künstliche Intelligenz und die Roboter einbauen, das sich unserem Verstehen entzieht? Und schließlich: wie wollt ihr das selbstgesteckte Ziel erreichen, menschliches Verhalten vorherzusagen, wenn sich der Zufall doch der Berechenbarkeit entzieht ?

Minsky

Da pflichte ich bei. Das ist natürlich nicht möglich.

Sokrates

Damit ist aber neuerlich betont, was ich von Anfang an sagen wollte. Der künstliche Mensch, also der KI-bestückte Roboter, kann prinzipiell nie deckungsgleich mit dem natürlichen sein, weil er im Unterschied zu diesem immer nach vorgegebenen Regeln verfährt. Wir können ihm keinen Algorithmus einbauen, der keinem Algorithmus gehorcht. Deswegen bleibt er immer ein Kunstprodukt, das zwar im Hinblick auf einzelne Fähigkeiten die Leistung natürlicher Menschen um Potenzen zu übertreffen vermag, aber ihm dennoch grundsätzlich unterlegen ist, denn weder der natürliche Mensch noch die Natur gehorchen ausschließlich Regeln (Gesetzen). Vielmehr beherrscht der Zufall sie mindestens in gleichem Maße – und zwar ein Zufall, der keineswegs blind und sinnlos ist.

Minsky

Das ist mir zu abstrakt. Ein Beispiel bitte!

Sokrates

Ein Beispiel habe ich vorher schon beschrieben. Die uns bekannten Naturgesetze bestimmen die Bahn, welche eine Rakete von der Erde zum Mars zurücklegen wird. Aber der genaue Zeitpunkt ihres Abschusses hängt vom Wollen eines Herrn Meyer ab, von den jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln, dem Stand der Technik und nicht zuletzt sogar von den Zufällen des Wetters an der Abschussrampe – und natürlich noch von tausend weiteren Bedingungen, die sich alle nicht im Voraus errechnen lassen. Zufall und Gesetz sind daher in gleichem Maße an diesem wie an jedem anderen Ereignis beteiligt. Jedes Gesetz gilt immer nur unter bestimmten Bedingungen.

Minsky

Aber das schließt doch nicht aus, dass wir im Laufe unserer Forschungen am Ende die ganze Wirklichkeit, einschließlich des darin agierenden Menschen in ihrer durchgehenden Gesetzmäßigkeit durchschauen!

Sokrates

Doch genau das ist damit ausgeschlossen, und zwar nicht aufgrund unzulänglichen menschlichen Wissens, sondern grundsätzlich. Wir stellten zuvor bereits fest, dass das Experiment als solches ein unberechenbarer Eingriff unseres Wollens in die Wirklichkeit ist. Damit aber gelangen wir zu dem Schluss, dass der Zufall nicht nur zufällig neben dem Gesetz besteht, sondern eine zweite Dimension der Wirklichkeit ist, und zwar eine notwendige. Wissenschaft setzt das Experiment und damit den willkürlichen Eingriff in eine dafür offene Wirklichkeit voraus. Wir können das Gesetz nicht ohne die Freiheit (den Zufall) und die Freiheit (den Zufall) nicht ohne das Gesetz konzipieren.

Minsky

Quod erat demonstrandum! Bravo! Jetzt würde ich aber gerne einmal das erstaunliche Experiment vor mir sehen, mit dem du mir diese These beweist. Denn sonst bleibt das alles doch nur Theorie – um nicht das Wort Spekulation zu verwenden. Und außerdem gefällt es mir nicht, dass jetzt auf einmal Freiheit und Zufall austauschbar nebeneinanderstehen, als wären sie ein und dasselbe.

Sokrates

Was den ersten Punkt betrifft, muss ich dich zunächst einmal enttäuschen. Ein solches Experiment kann es nicht geben. Denn Experimente können immer nur Regeln bestätigen oder eben nachweisen, dass wir uns irrten, als wir sie zu bestätigen suchten. Dagegen gibt es kein denkbares Experiment, mit dem wir die Existenz von Regellosigkeit bei bestimmten Ereignissen beweisen könnten. Um bei dem schon genannten Beispiel zu bleiben. Es gibt kein Experiment, mit dem wir nachweisen können, dass die Abfolge der Fußgänger vor dem Fenster nicht doch einem unendlich komplexen Algorithmus gehorcht oder der Zerfall des Radiums nicht ebenfalls einer uns heute noch verborgenen Regel.

Andererseits gibt es aber auch kein denkbares Experiment, mit dem wir das Gegenteil nachweisen könnten, nämlich dass die gesamte Wirklichkeit deterministisch von Gesetzen beherrscht wird, wie selbst der große Bertrand Russell noch glaubte. Eben weil ein solches Experiment unmöglich ist, sprach Karl Popper ja von dem Prinzip der Kausalität als einer metaphysischen Annahme.

Minsky

Gut, damit bekräftigst du aber nur, was ich gerade festgestellt habe, nämlich dass deine These auf reiner Spekulation beruht, weil die experimentierende Wissenschaft sie nicht beweisen kann.

Sokrates

Nein, du irrst auch diesmal! Denn jetzt kommt der Philosoph zu seinem Recht oder auch jeder Wissenschaftler, der nach den Voraussetzungen unseres Denkens fragt. Zuvor haben wir gesehen, dass der Wissenschaftler einen unauflösbaren Widerspruch produziert, wenn er die Freiheit entsorgt. Diese ist – auch wenn wir sie Zufall nennen – eine Denknotwendigkeit. Aber was Freiheit oder Zufall „wirklich“ oder „eigentlich“ ist, werden wir niemals wissen, denn dann hätten wir sie zu etwas Erkennbarem, Regelhaftem gemacht. Wir können aber das unbekannt Neue grundsätzlich nicht auf etwas schon Bekanntes reduzieren.

Minsky

Also ist Freiheit doch wirklich nichts anderes als bloßer Zufall, mithin blind und sinnlos!

Sokrates

Nein, das eben gerade nicht. Wir können ihr nur in vielen Fällen keinen Sinn erteilen, den wir verstehen – und in diesem Fall wird sie für uns zu einem Zufall. Aus der Perspektive eines sehr fernen Beobachters kosmischen Geschehnisse ist die willkürlich herbeigeführte Explosion einer Atombombe ein bloßer Zufall, nicht anders als das Bersten einer Supernova. Aus der Perspektive von Wissenschaftlern, die damit ein Experiment durchführen, handelt es sich dagegen um ein sinnvolles Ereignis.

Die Evolution des Kosmos vom Urplasma bis zum menschlichen Geist erscheint der heutigen Wissenschaft als Resultat einer unendlichen Abfolge von blinden und sinnlosen Zufällen, womit das ganze Werden der Natur einschließlich aller Lebewesen dann auch gern zusammenfassend als sinnlos apostrophiert wird. Aber der Zoologe Rupert Riedl wendet mit Recht dagegen ein: „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos.“

Wir sagen also nur, dass Zufall für uns ist, was wir nicht verstehen, während der Sinn auf unser eigenes zweckhaftes Handeln beschränkt ist. Aber hier manifestiert er sich auch in fortwährend neuer Gestalt. Die „Schöpferische Vernunft“ erschafft stets neue Manifestationen von Sinn. In nichts anderem besteht letztlich die Geschichte des Menschen. Denn dieser Sinn ist heute nicht derselbe wie in den Zeiten der Jäger und Sammler oder bei Kopfjägern und Nomaden. Diese Unterschiede können wir nicht imitieren, indem wir Robotern einen Zufallsgenerator einbauen, dann handeln sie entweder nur nach dem Sinn von gestern oder sie handeln schlechterdings blind und sinnlos. Der künstliche Supermensch kann immer nur eine Karikatur des natürlichen sein.

***In diesem Aufsatz fasse ich einige der Schlussfolgerungen zusammen, zu denen ich in meinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ gekommen bin. Was in diesem Aufsatz ganz fehlt, ist mangels Platz natürlich die historische Perspektive, die einen breiten Raum in meinem Buch einnimmt.

Von Herrn Pfarrer Gerhard Loettel aus Magdeburg erreicht mich dazu folgende Reaktion:

Lieber Gero Jenner !

Vielen Dank für Ihren vortrefflichen Sokrates-Artikel. Ganz der Gero Jenner in seinem Element und glasklare Definitionen, danke.

Als kleines Dankeschön möchte/werde  ich Ihnen einige Betrachtungen über die gegenwärtige Konfliktlage per Post zusenden. Das  Konvolut wird demnächst erweitert als Büchlein auf dem Markt erscheinen.

Ihnen alles Gute und Gesundheit in dieser Corona-Zeit. Hoffentlich beschert sie uns eine Krone an neuem Miteinander, Denken  und Frieden.

Herzlich Ihr Gerhard Loettel

Von Herr Elmar Klink erhalte ich per Mail folgenden Kommentar:

Lieber Herr Jenner,

das ist natürlich ein hochinteressantes fiktives Zwiegespräch, das Sie da führen lassen. Ich befasse mich auch schon seit längerem mit der Thematik Künstliche Intelligenz (schrieb dazu auch einen längeren Essay, der in meiner Datensammlung leider verschütt ging). Ich halte es aber weniger mit Minsky als mit Joseph Weizenbaum, einem der großen Computer-Pioniere. Vorstufen der KI durchziehen bereits auf breiter Front die heutige Gesellschaft, Wissenschaft, Technologie und Dienstleistung. Sie wird so oder so kommen.

Solange sie eine rein dienende Funktion hat, wäre sie zu akzeptieren. Sobald sie aber anfinge, wie jedes komplexere „neuronale Netzwerk“ ähnlich einem autonomen Gehirn eigenständig morphogene Qualität und Wirkung zu erzeugen (der Computer HAL 9000 in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, den die Frage an seinen Schöpfer, Dr. Chandra, bewegt: Werde ich träumen?), wird sie zum großen Problem und zur Gefahr (siehe etwa Rupert Sheldrake, engl. Biochemiker: „Das schöpferische Universum“, worin er seine morphogenetische Feldtheorie entwickelt).

Denn zwischan Mensch und Maschine steht eine entscheidende Inkompatibilität: das menschliche Gehirn funktioniert (zum Glück für jeden Schlaganfall-Betroffenen) analog, die KI ist gnadenlos digital, entweder 1 oder 0. Im Analogen liegt die Humanität, das Menschliche. Etwas kann sowohl als auch sein. Das Gehirn ist in der Lage, in gewissem Ausmaß ausgeschaltete oder ausgefallene Teile analog zu ersetzen. Isaac Asimov schrieb die bemerkenswerte Erzählung „Der Zweihundertjährige“ (auch verfilmt als „Der 200 Jahre Mann“ mit Robin Williams als Hausroboter), der m. E. das Thema gut auf den Punkt bringt: Der hochentwickelte Cyborg-Organismus will nichts anderes als MENSCH werden und am Ende in Würde sterben können. In einem anderen SF-Film „Dark Star“ von John Carpenter („Assault“; „Halloween“; „The Fog – Nebel des Grauens“) betreibt ein Raumschiffkommander Phänomenologie mit einer Weltzerstörungsbombe, um sie von falschen Daten zu überzeugen. Die intelligente Bombe überlegt es sich zunächst. Kommt dann aber zum Schluss, am Anfang gab es nur sie und das Licht <<Bumm>> und sie explodiert.

Die Thematik wäre hochinteressant, um sich einzuklinken in ein „sokratisches Gespräch“, einer Methode, auf die ich bei dem Kantianer und ethischen Sozialisten Leonard Nelson stieß. Aber es übersteigt momentan mein sonstiges Schreib- und Themenpensum. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt…

Freundlichen Gruß

Elmar Klink, Bremen

Meine Replik:

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Er erhellt aber nicht eigentlich das Problem, ob die Künstliche Intelligenz die menschliche irgendwann zu ersetzen imstande sein wird. Ob das Gehirn eher nach analogem oder nach digitalem Muster funktioniert, ist da auch keine entscheidende Frage, sondern ob es möglich ist, es als eine Maschine zu betrachten, deren Ablauf wir theoretisch vorausberechnen könnten.

Das ist die Grundfrage – die Frage nach der menschlichen Freiheit – auf die ich eine Antwort geben wollte und, wie ich meine, in meinem Buch auch gegeben habe – sehr viel vollständiger natürlich als in diesem kurzen Essay. Anders gesagt, die vielleicht ganz lustige äußere Form eines Dialogs zwischen Außerirdischen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frage nach der menschlichen Freiheit für unsere Theorie der Erkenntnis die größte Relevanz besitzt. GJ

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

Wie man weiß, wissen sich Demagogen und Populisten dieser angeborenen Neigung virtuos zu bedienen, wenn sie ihre Klientel mit emotional gesättigten Versprechungen oder umgekehrt mit Hassparolen verführen. Gemeinsam für eine Sache die Emotionen zu schüren, kommt dem menschlichen Herdentrieb entgegen – sich gemeinsam gegen sie zu empören aber schweißt sogar noch enger zusammen. Zu Mündigkeit und Vernunft wird der Mensch erst dadurch langsam und oft sehr mühsam herangezogen, dass er vor dem Urteilen die Fakten nicht nur erkennt, sondern sie selbst dann noch anerkennt, wenn sie ihm missfallen.

Soweit sollte man den Lehrern also Beifall zollen, wenn sie ihren Schülern die wichtige Lektion erteilen: „Eignet euch erst einmal gründliche Kenntnisse an, bevor ihr euch anmaßt, ein eigenes Urteil zu fällen.“

Andererseits sollte uns aber die Frage erlaubt sein,

wie denn ein Mensch aussehen würde, der sich diese scheinbar goldene Regel derart zu Herzen nähme, dass er sich nur noch um das Faktenwissen bemüht? Die Antwort liegt auf der Hand, ist aber reichlich ernüchternd. Wir hätten es mit einer wandelnden Enzyklopädie zu tun. Bekanntlich können sich diese Werke des gesammelten Faktenwissens weder für etwas begeistern, noch sind sie fähig, sich zu empören. Sie sind emotional aseptische Container von reinem Wissen. Macht sie diese Freiheit von Gefühlen zu Trägern der Vernunft? Ich denke, dass niemand diese Frage bejahen wird. Denn die reinen Fakten über Welt und Mensch sagen überhaupt nichts darüber aus, wie wir uns zu ihnen verhalten sollen. Wir können nur hoffen, dass die Lehrer dies sehr wohl wissen und daher nicht etwa den Ehrgeiz haben, ihre Schüler in wandelnde Enzyklopädien zu transformieren!

Aber existieren nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut,

die jenem Ideal am nächsten kommen, welches den Lehrern so sehr am Herzen liegt? Menschen, die sich des Urteilens und Bewertens ganz enthalten oder zumindest enthalten wollen, weil es ihnen allein um die Fakten geht? Allerdings! Diesen Menschentypus gibt es spätestens seit dem 17ten Jahrhundert, und er hat sich seitdem geradezu exponentiell über den Globus verbreitet, sodass er eines Tages überhaupt die Mehrheit bilden könnte. Jeder weiß natürlich, von wem hier die Rede ist, von den Wissenschaftlern – vor allem von jenen, die sich mit den Fakten der Natur befassen.

In den Lehrbüchern von Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften usw. ist von gut und böse, schön oder hässlich keine Rede. Der eigentliche Durchbruch der Wissenschaften bestand gerade darin, dass der Mensch ausschließlich nach den objektiven Gesetzen fragte, welche dem Sein der Dinge zugrunde liegen, also nach den „Naturgesetzen“, ohne sein eigenes subjektives Wünschen und Wollen in diese ihm gegenüberstehende Wirklichkeit hineinzutragen.

Das war die große Leistung, die erst im Europa des 17ten Jahrhunderts gelang, denn bis dahin hatte der Mensch genau das Gegenteil getan. Er hatte sein eigenes Wollen, Wünschen, Hassen und Hoffen in die Natur hineingetragen, indem er sie sich nach seinem eigenen Bild vorstellte, nämlich so, als wäre sie wie er selbst von diesen Kräften gesteuert. Die Wissenschaft hat gut und böse, schön und hässlich, diese elementaren Kategorien menschlichen Wertens, ganz aus der Natur hinausgedrängt und diese selbst zu einem Apparat transformiert, den sie in die Schraubzwinge ihres expandierenden Faktenwissens spannte. Erst nach diesem revolutionären Schritt gelang es dem Menschen, die Herrschaft über die Natur an sich zu reißen.

Das theoretische Fundament für diese Revolution unserer Weltsicht

hatte Galileo Galilei gegen Ende des 16ten Jahrhunderts geschaffen, als er zwischen „primären“ und „sekundären“ Eigenschaften der Dinge einen prinzipiellen Unterschied postulierte. Form, Größe, Zahl sowie Ruhe oder Bewegung gehören, so Galilei, zu den innewohnenden Eigenschaften der Dinge, während Geschmack, Geruch oder Töne Empfindungen seien, die in uns selbst entstehen, wenn wir mit den Dingen umgehen.*1*

Diese Zweiteilung der Erkenntnis in objektiv – in der Sache – und subjektiv – im Menschen liegend – wurde nach Galilei noch vertieft, denn der Gedanke, dass ästhetische und ethische Maßstäbe wie schön und hässlich, gut und böse ebenfalls ihren Ursprung im Menschen aber nicht in den Dingen haben, musste sich ja als evident aufdrängen. Eben deshalb fällt es keinem Wissenschaftler ein, ein Wasserstoffatom als moralisch gut zu qualifizieren oder den Quantensprung eher als hässlich. Die Wissenschaft hat alles subjektive Urteilen und Werten prinzipiell aus der eigenen Sphäre verbannt. Sie hat den lateinischen Wahlspruch „de gustibus non disputandum“ weit über den harmlosen Alltagsgebrauch hinaus ausgedehnt. Den Lateinern ging es nur darum, dass wir uns nicht über Geschmacksfragen streiten, weil jeder von uns dabei gern seine eigenen Präferenzen verteidigt. Die Wissenschaft ging seit Galilei einen entscheidenden Schritt über diese harmlose Mahnung hinaus, indem sie alles menschliche Werten und Urteilen als subjektiv und damit letztlich beliebig verwarf.*2*

Wäre die Wissenschaft mit dieser Überzeugung im Recht,

dann müsste der Mensch sich selbst als eine Fehlentwicklung der Evolution bezeichnen, denn welchen Nutzen verschafft ihm die subjektive Neigung, seine eigenen Werturteile auf die Menschen und die Dinge in seinem Umfeld zu beziehen? Wäre er nicht besser als wandelnde Enzyklopädie auf die Welt gekommen? Warum begeistert er sich für das Schöne und verschmäht, was ihm hässlich erscheint? Warum fragt er nach Gerechtigkeit und verurteilt Betrug und Egoismus, wenn es sich doch um subjektive und letztlich beliebige Werte handelt, die er nur subjektiv aus sich selber schöpft? Sollte der Mensch sich nicht ausschließlich an Fakten und Wahrscheinlichkeiten orientieren?

Der Soziologe Max Horkheimer hat das Problem mit den folgenden Worten charakterisiert: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen /wie ihn die europäische Tradition seit Galilei geformt und erzogen hat, GJ/ gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch“ (1967, 33).

Diese Feststellung ist bemerkenswert, zeigt sie doch, dass irgendetwas in unserer Weltsicht nicht stimmt oder vielleicht sogar ausgesprochen falsch sein könnte.

Würden die Lehrer es ernst mit dem Vorsatz

meinen, den Schülern das Werten abzugewöhnen, um sie ausschließlich mit Fakten vollzustopfen, so hätten sie unsere Schulen zu Ausbildungsstätten für künftige Wissenschaftler gemacht. Allerdings würden sie darin einigermaßen leichtsinnig verfahren, denn sie hätten darüber hinweggesehen, dass Wissenschaftler immer auch Menschen sind. Als solche mögen sie noch so umsichtig im Werten und Urteilen sein, ganz abgewöhnen können sie sich aber weder das eine noch das andere.

Ich meine das nicht aufgrund jenes naheliegenden und mir reichlich billig erscheinenden Einwands, der sich manchem Leser vielleicht sofort aufdrängen wird. Man hört ja immer wieder, selbst von gescheiten Zeitgenossen, dass wir nicht von Objektivität reden sollten, denn diese sei in Wahrheit nichts als ein Hirngespinst. Selbst die angeblich „objektive“ Wissenschaft könne uns immer nur subjektive Ausblicke auf die Wirklichkeit bieten. *3*

Ich bedaure, das als logischen Unsinn bezeichnen zu müssen. Die Zahl der Sonnentrabanten hängt ebenso wenig von unserem subjektiven Wollen und Wünschen ab, wie das relative Gewicht von Eisen und Kupfer. Zwar werden die Gesetze der Natur notwendig mit den Mitteln konventioneller Begriffe beschrieben, wir können unterschiedliche Maßeinheiten wählen und natürlich auch ganz unterschiedliche Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit erhellen, aber die Wirklichkeit selbst ändert sich nicht aufgrund der Art unserer Beschreibung (nur scheinbar bildet die Quantenphysik hier eine Ausnahme). Unsere Theorien über die Wirklichkeit bleiben „objektiv richtig“, wenn die dadurch möglichen Voraussagen zutreffend sind und sie sind „objektiv falsch“, wenn das nicht der Fall ist. Die Tatsache, dass wir so viele Maschinen erfunden haben, die exakt die Aufgaben erfüllen, die sie verrichten sollen, ist der beste Beweis dafür, dass wir das Sosein der Natur richtig verstanden haben. Im Gegensatz zur Auffassung des Idealisten Gottlieb Fichte gibt es die Natur außerhalb aller Vorstellungen, die wir uns von ihr machen – genau darauf beruht ihre Objektivität.

Bis zum 17ten Jahrhundert kam diese objektive Eigenständigkeit

der Natur nicht in den Blick. Bis dahin wurde die Natur als das Spielfeld von Göttern und Geistern gesehen, die sie mit ihrem Wollen und Wünschen beherrschen. Der Mensch hatte sein eigenes Wesen in die Natur hinausprojiziert.*4* Wie er selbst vom eigenen Willen wurde die Natur vom Wollen geistiger Mächte gelenkt. Wenn er sich in ihr zurechtfinden, sie beeinflussen wollte, dann musste er erkennen, was Götter und Geister für gut oder böse, schön oder hässlich halten. Anders gesagt, musste er ihren Willen und ihre Absichten studieren. „Lern die verborgenen geistigen Kräfte (Götter und Geister) des Kosmos kennen, dann kommst du zurecht mit Mensch und Natur.“

Denn die Regelmäßigkeiten der Natur, ihre sogenannten Gesetze, waren in dieser vorwissenschaftlichen Sicht eben gerade nicht unabhängig von Wollen und Wünschen: die Götter konnten sie durch andere Gesetze ablösen oder durch Wunder jederzeit annullieren. Der Mensch aber konnte dies bewirken, indem er die Götter durch Gebet und Opfer für sich gewann oder magisch auf sie einzuwirken suchte.

Die Wissenschaftler haben mit diesem Weltbild Schluss gemacht,

indem sie auf der objektiven Eigenständigkeit, kurz der Objektivität der Natur, beharrtenGötter, Mythen, Märchen und Kunst, diese Projektionen mensch­lichen Wertens und Wünschen, haben sie ganz aus der außermenschlichen Wirklichkeit verbannt.

Und dennoch ist dies nicht die ganze Geschichte. Bei der Entzauberung der Welt haben die Wissenschaftler definit an einem Punkt Halt machen müssen – bei sich selbst. Denn genau hier spielen Wollen und Wünschen zwangsläufig die entscheidende Rolle. Der Wissenschaftler muss subjektiv davon überzeugt sein, dass es für ihn selbst ebenso wie für die Menschheit wichtig sei, das objektive Sein der Natur zu enträtseln, nur dann wird er sich der gewaltigen Mühe solcher Faktensuche und -deutung unterziehen. Viele von ihnen zwingen sich dabei zu einem Leben, das die größte Ähnlichkeit mit der Askese mittel­alterlicher Mönche aufweist.

In dieser Überzeugung kommt die persönliche Subjektivität

ins Spiel. Aber sie genügt keinesfalls, um Wissenschaft zu ermöglichen. Neigungen und Absichten pflegen so unterschiedlich wie Individuen zu sein. Mag sich jemand auch noch so leidenschaftlich für den Stammbaum des Mannes im Mond interessieren, das nützt ihm gar nichts, wenn er die Allgemeinheit von der Relevanz des Themas nicht zu überzeugen vermag. Seit dem 18ten Jahrhundert waren immer mehr Menschen bereit, Forschungen zu unterstützen, weil deren Ergebnisse ihr Leben so sehr erleichterten. Ohne diese positive Einstellung zur Wissenschaft, d.h. ohne die kollektive Bewertung des neuen Umgangs mit der Natur als richtig und gut, wäre es nie zu diesem Aufstieg der Wissenschaften gekommen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung. Auch wenn der Mensch ganz von sich selbst absieht, um das objektive Sosein der Natur zu erkunden, tut er es notwendig immer aus subjektiven Motiven, weil er das eigene Leben verbessern oder bereichern will. Hätte sich umgekehrt herausgestellt, dass die Wissenschaft das Leben der Menschen nur verschlechtert, wäre sie niemals zu Einfluss gelangt.*5* Denn in der Vergangenheit sind Weltdeutungen ja regelmäßig an ihrem Misser­folg gescheitert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. 1890 erwiesen sich die Geisterhemden der Indianer im berüchtigten Massaker von „Wounded Knee“ als völlig wirkungslos gegen die Gewehrkugeln der Weißen. Aber sie waren von den heimischen Sehern als absolut sicherer Schutz gepriesen worden.

Weil der Mensch gar nicht anders kann,

als das eigene Tun und Denken nach moralischen oder ästhetischen Kriterien zu bewerten, ist es sehr wohl denkbar, dass die Gesellschaft eines Tages die Wissenschaft nicht mehr fördern wird – jedenfalls nicht im bisher üblichen Aus­maß. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat davon gesprochen, dass wir heute in einer Risikogesellschaft leben. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen sind die Risiken längst Realität geworden. Wissenschaft und Technik sind in zunehmen­dem Maße damit beschäftigt, die weitgehend unvorhergesehenen, teilweise katastrophalen Folgen zu reparieren, die sie selbst hervorgebracht haben. Spätestens seit der Klimakrise leben wir daher in einer Reparaturgesell­schaft: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun korrigieren.

Die Welt, welche die Wissenschaften für uns erschaffen haben,

entspricht einerseits den tiefsten Hoffnungen und Wünschen des Menschen. Hungersnöte wurden weitgehend beseitigt, die meisten Krankheiten erfolgreich bekämpft, das Leben verlängert und durch viele erstaunliche Erfindungen auch wesentlich erleichtert. Genau dieser unzweifelhafte Fortschritt hat ja der neuen wissenschaftlichen Weltsicht ihren durchschlagenden Erfolg garantiert. Aber seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten die Schatten­seiten dieser Entwicklung immer deutlicher in Erscheinung. Mehr als 4000 ato­mare Sprengkörper, Dutzende letaler Nervengifte, Hunderte biologischer und chemischer Kampfmittel liegen bereit, um die Menschheit gleich mehrfach aus­zurotten. Doch selbst, wenn Optimisten deren Einsatz für wenig wahrscheinlich halten, ist nicht mehr darüber hinwegzusehen, dass die Rückstände und Gifte der industriellen Produktion Luft, Böden und Meere immer stärker verseuchen – die Luft mit Kohlendioxid sogar schon auf unumkehrbare Weise. So hat das industrielle Anthropozän zugleich mit dem materiellen Fortschritt alle Mittel bereitgestellt, um den Fortschritt zum denkbar größten Rückschritt zu machen, nämlich zu einer potenziellen Katastrophe, welche nicht nur die Umwelt, sondern zugleich damit das Überleben der menschlichen Spezies selbst gefähr­det.

In dieser weltgeschichtlich, völlig neuen und einzigartigen Situation

werden wir uns neuerlich darauf besinnen müssen, dass letztlich menschliches Werten, Wünschen und Hoffen die Grundlage unseres Lebens bilden. De gustibus est disputandum! Die Menschheit wird sich fragen müssen, welches Leben sie sich für die Zukunft wünscht, denn davon hängt ihre Zukunft ab. Dabei kommt sie nicht umhin, ihre bisherige Weltanschauung kritisch zu beleuchten. Wissen­schaft und Technik sind keine vom Leben losgelösten Bereiche, sondern müssen dem Wohl des Menschen dienen. Tun sie es nicht oder nicht länger, dann werden sie genauso eingeschränkt werden müssen, wie das mit allen anderen Erscheinungen geschieht, wenn sie die Gesellschaft zu schädigen drohen.

Auch hier besteht natürlich die Gefahr,

dass die Menschheit – erschüttert von den Verwüstungen, welche die „materialistische Weltsicht“ bewirkte – das Kind mit dem Bad ausschüttet und in Aberglauben, Esoterik und die Verleugnung von Wahrheit zurückfällt. Der gewissenhafte Blick auf die Fakten, den die Wissenschaft seit drei Jahrhunderten zur Grundlage ihres Vorgehens machte, stellt aber eine Errungenschaft dar, hinter die es kein Zurück geben darf. Nur dieser Blick klärt uns darüber auf, welche Möglichkeiten sich dem menschlichen Wollen eröffnen und wo es auf unüberschreitbare Grenzen stößt. Geisterhemden schützen nicht gegen Kugeln, die Ausbeutung der Ressourcen kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weiter gehen. Die Vergiftung der Umwelt mit den Rückständen der industriellen Produktion stößt gleichfalls auf eine Grenze. Sie muss radikal eingeschränkt werden, wenn wir in dieser Welt überleben wollen. Die Zahl der Menschen oder ihr Ressourcenverbrauch muss der Belastbarkeit des Planeten entsprechen.

Es ist wissenschaftlicher Geist, der Geist der Vernunft, der solche Fragen stellt, aber diese Vernunft ruht auf menschlichem Wollen und Wünschen. Vernunft kann niemals wertfrei sein, denn Wertfreiheit schert sich nicht um das Schicksal des Menschen. Der Natur ist es gleichgültig, ob es uns gibt oder nicht. 

Diese Überlegungen verdanken ihren Ursprung

einem eher banalen Umstand. Eine gute Bekannte, eine Lehrerin, kritisierte den von mir sehr geschätzten Autor eines historischen Werks mit den Worten, dass dieser nie von Bewertungen absehen würde.*6* So sehr war sie von dem Vorsatz durchdrungen, ihren Schülern das Werten abzugewöhnen, dass sie es auch dort nicht erträgt, wo es Fakten überhaupt erst mit Leben erfüllt, nämlich in der Darstellung der Historie – oder allgemein in den Geisteswissenschaften. Gewiss würde ich sehr skeptisch werden, wenn ein Chemiker Kohlenwasserstoffe nach schön und hässlich unterscheidet. In der Regel taucht die Wirklichkeit bei ihm nur in Gestalt von Symbolen und Formeln auf, die frei von aller emotionalen Wirkung sind und sein sollen. Das gilt heute allgemein für die Sprache der Naturwissen­schaften, die sich von der emotional gefärbten Sprache des Alltags in dieser Hinsicht radikal unterscheidet.*7*

Die Geisteswissenschaften aber untersuchen

den Menschen gerade nicht wie ein Arzt, Physiologe oder Genetiker als physisches Wesen, das den Gesetzen von Chemie, Physik etc. so unterworfen ist wie der Rest der Natur – sie wollen ihn auf eine zweite und andere Art verstehen: als psychische Entität (Wilhelm Dilthey). Das aber setzt voraus, dass wir die anderen Menschen – gleich welcher Zeit oder Herkunft – so wie uns selbst als wollende und wünschende Wesen begreifen. Die bloße Aufzählung von Fakten ergibt noch keine Geschichte und erklären kann sie diese schon gar nicht. Wir verstehen die Menschen nur so weit, wie es uns gelingt, uns in sie hineinzuversetzen, indem wir uns fragen, wie wir selbst uns unter ähnlichen Umständen verhalten würden. Das gelingt immer nur bis zu einem gewissen Grade – wenn es nicht gelingt, wird ihr Verhalten zu einem bloßen Faktum, das uns fremd und unbegreiflich gegenübersteht. Bei Menschen, deren Kulturen uns nur oberflächlich bekannt sind, ist das recht oft der Fall. Haben wir es mit anderen Arten zu tun, so ist es sogar die Regel. Was in Hunden und Katzen vorgeht, verstehen wir nur auf sehr unvollkom­mene Weise, auch wenn wir noch so viele Fakten über ihr Verhalten zusam­mentragen. Und wie ein Corona Virus die Welt erlebt, verstehen wir überhaupt nicht. Das Virus existiert für uns nur als ein wertfreies Faktum so wie eine Heckenschere oder Waschmaschine.

Große Historiker sind Meister des Verstehens

Sie transformieren Fakten in Ereignisse, die uns etwas angehen, weil wir uns in ihnen wiedererkennen, in ihnen Vorbild oder Warnung sehen. Wenn Historie zum bloßen wertfreien Faktum wird, ist sie uns so fremd wie Viren oder eine Mondfinsternis. Dann entbehrt sie für uns jedes Interesses, denn anders als das Faktum der Naturwissenschaft weist die historische Tatsache nicht einmal den praktischen Nutzen auf, als Instrument der Naturbeherrschung zu dienen. Das sollten die Lehrer beherzigen, wenn sie ihren Schülern die Jagd nach den Fakten einimpfen. Gewiss – ohne die Kenntnis der Fakten sind wir blind für die Wirklichkeit, aber ohne, dass wir die Fakten nach dem Sinn bewerten, den sie im Hinblick auf unser Wollen und Wünschen besitzen, werden sie zu einem leeren Ballast.*8*

1 „Die Philosophie ist in dem großen Buch geschrieben, welches von jeher vor unseren Augen liegt: ich meine das Universum. Aber ihren Sinn verstehen wir solange nicht, als wir nicht die Sprache erlernt und die Symbole erfasst haben, in denen sie abgefasst ist. Dieses Buch ist in der Sprache der Mathematik verfasst und seine Symbole sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne ihre Hilfe ist es unmöglich ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt man ergebnislos durch ein dunkles Labyrinth.“ (Galileo, 1842; Vol. IV, S.171)

„Ich glaube also nicht, dass die äußeren Dinge, um in uns Geschmacksempfindungen, Gerüche oder Töne wachzurufen, anderes als Größe, Gestalt, Zahl und langsame oder schnelle Bewegung voraussetzen. Hätten wir Ohren, Zungen und Nasen entfernt, so würden, so meine ich, zwar Gestalt, Zahl und Bewegung bleiben, aber nicht die Gerüche, die Geschmacksempfindungen oder die Töne. Denn außerhalb des Lebewesens sind diese nach meiner Meinung nichts anderes als Namen…“ (Galileo, 1936; II, S.801)

2 Diese Aburteilung der kulturellen einschließlich der religiösen Sphäre als letztlich beliebig oder gar zufällig war das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Revolution, welche allein die Naturgesetze als „ehern“, „ewig“ und „unverbrüchlich“ gelten ließ. Das lief auf eine Entwertung menschlicher Schöpfungen hinaus – es ist kein Wunder, dass die Menschheit seit drei Jahrhunderten nur noch mit der Erkundung der außermenschlichen Natur und ihrer Gesetze beschäftigt ist, während die Wissenschaften des Geistes, die den Menschen und seine Geschichte betreffen, aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten gestrichen werden.

3 Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch mit dem Goliath unter Österreichs Philosophen erinnern, nämlich Paul-Konrad Liessmann, der (bei einem Treffen am Kulm, Steiermark) genau diese Position vertrat. Er hat es mir, der ich damals die Rolle des David einnahm, wohl nie verziehen, dass ich ihm zu widersprechen wagte.

4 Ich halte die These der Projektion, wie sie im Altertum schon von Xenophanes und in neuerer Zeit von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, einerseits für evident, andererseits für zu kurz gegriffen. Sie scheint mir evident, weil schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Religionen erkennen lässt, dass Menschen Göttern und Geistern ihre eigenen allzumensch­lichen Eigenschaften zugeschrieben haben. Selbst Prof. Hans Küng würde wohl kaum behaupten, dass der Prozess umgekehrt verlaufen sei, nämlich dass die Menschen die allzumenschlichen Eigenschaften real existierender Götter von diesen abgeschaut hätten. Andererseits taugt der Wille (und die Freiheit, welche er impliziert) genauso gut als Prinzip, um die Komplexität der Wirklichkeit zu erklären wie das wissenschaftliche Kausalitätsprinzip, beide sind komplementär (siehe Jenner: Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet).

5 Dass es der Erfolg der neuen wissenschaftlichen Weltdeutung war, welcher ihr das Renommee eintrug, auch logisch „richtig“ zu sein, ist auch die Ansicht von Ludwig Boltzmann. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig“ (1990).

6 Egon Friedell. Ich schätze diesen genialen historischen Dilettanten (als den er sich selbst bezeichnet) gerade wegen seiner Wertungen, denn was die Menge und im Einzelnen wohl auch die Verlässlichkeit der Fakten betrifft, so sind ihm zünftige Historiker natürlich in diesem Punkt überlegen, zumal die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Aber die künstlerische Empathie Friedells und sein Stil sind unübertroffen.

7 In den Anfängen hat es nicht wenige Naturwissenschaftler gegeben, welche die Schönheit von Kristallen oder von vegetativen Formen so überzeugend zu schildern wussten, dass sie gerade dadurch wesentlich zur Begeisterung für ihr jeweiliges Fach beitrugen (man denke etwa an Ernst Häckel).

8 Dieser Essay lässt viele Probleme offen. Wissenschaft besteht ja nicht aus einer bloßen An­sammlung von Fakten, sondern aus Theorien, welche Fakten zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenschließen, das möglichst weite Bereiche der Wirklichkeit zu erklären vermag. Da gesicherte Theorien nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern objek­tive Strukturen beschreiben, müssen auch sie zur Sphäre der Fakten gerechnet werden. Aber wie steht es um die Vernunft, die nach den Grenzen des Kausalitätsprinzips und unseres „objektiven“ Wissens fragt? Darüber habe ich an anderer Stelle einige vielleicht nicht ganz abwegige Überlegungen anzustellen versucht (Jenner, op. cit.).

Von Prof. William E. Rees erhielt ich per eMail folgende Rückmeldung:

Dear Gero –

I was, as usual, intrigued by your latest essay on the proper role of human values, wishes and hopes (about which there will always be disputes). 

In fact, this essay touched a number of nerves. As a scientist (systems ecologist) teaching in a school of planning and public policy, my primary had always been the judicious application of “objective (ecological) knowledge” to questions of human socioeconomic development.  By this I meant reasoned or evidence-based analysis seasoned by consideration of people’s history, desires, beliefs and aspirations.  However, it also meant making the case that policies and plans designed to satisfy people’s hopes and aspirations should be seasoned with hard facts and analysis about the biophysical world. If taken seriously, these would often impose constraints on the hopes and aspirations of client communities – even my colleague economists and social planners would sometimes object.

One colleague was an avowed post-modernist of the type you would regard as tending to ‘throw the baby out with the bathwater.’  To her, scientific data had no special place in decision-making; there was no such thing as objective knowledge. She saw science as just another form of value-based ‘social construct’ that oppressed human ambition, apparently making no distinction between things which could actually be measured in time and space (e.g., water contamination, carbon emissions) and things that were entirely products of the human mind (e.g., democracy, civil rights).  Students who took courses from both of us were often torn between what they saw as conflicting interpretations of ‘what is real’. 

In working with students to resolve this problem, I often remembered something one of my undergraduate professors had emphasized—scientists were obliged to ferret out the objective truth but should stay away from policy and politics.  These were the domains of the value-based ‘humanities’ and social scientists.  In short, budding hard scientists were taught that the biophysical sciences could produce the numbers and discoveries, but it was up to political leaders — including policy wonks and planners — to decide whether and how the science should be applied (inadvertently providing an excuse for scientists working on the development of atomic weaponry). 

It seems that the separation of fact from values is endemic to western-style learning.  I remember being intrigued on discovery that modern neoliberal economic text-books pretend to eschew moral and ethical considerations.  In its efforts to appear ‘scientific’, formal economics (whose theoretical foundations and simplistic models owe a great deal to Newtonian analytic mechanics) ignores such soft considerations as attachment to place, compassion for others, the existence of family and friends, the idea of community, etc., etc.  Again, concern for these things is the domain of politics, not sound economics, and, as all students of economics learn, political intervention in the market introduces gross inefficiencies that undermine the elegant operation of short-term self-interest in market-based decision-making. In effect, values other than efficiency are disallowed.

I have never understood how mainstream economics can see people as ‘self-interested utility maximizers with fixed preferences and unlimited material demands’ as if this were a value-free description of H. sapiens, and markets as the most efficient allocators of essential resources as if privileging efficiency were not itself a value judgement with enormous moral implications.

There is one part of your essay that I might have structured differently.  You note that:

 “…the industrial Anthropocene, while turning out to be a fountainhead of unbelievable material progress, has at the same time created conditions that may transform progress into mankind’s greatest step backwards – a potential catastrophe which threatens not only the environment but also the very survival of our species.”

It seems to me that this phrasing confuses the fact of science-led material progress with the effects generated by shear economic scale and thus obscures the real cause.  The ecological crisis – potential catastrophe – is not the product of science and technology per se, but rather results from excessive population and average per capita resource consumption (i.e., economic growth beyond limits).  Humanity is in overshoot; we are consuming bioresources faster than ecosystems can regenerate and discharging wastes in excess of nature’s capacity to assimilate/neutralize. 

Most importantly, overshoot results from both nature and nurture: H. sapiens, like all other species has a genetically-determined predisposition to expand into accessible habitat and use all available resources (this is our ‘nature’) but  these tendencies are currently being reinforced  by the socially-constructed myth of perpetual economic growth driven by continuous technological progress (this is contemporary ‘nurture’).

Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.  Far from tempering humanity’s primitive expansionist tendencies, the socially-constructed beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify these now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.  

Worse, they combine with another highly-subjective social construct, human exceptionalism, which sees our species as somehow detached from nature and not subject natural laws.  This narrative virtually guarantees the continued dissipative destruction of the ecosphere and the collapse of life-support functions upon which we all depend.

Many thanks again for a thought-provoking essay and the chance to revisit some of my own life experience.

Best, 

Bill

Meine Antwort:

Dear Bill,

Thanks for your thoughtful and benevolent criticism, which points to a problem that I was well aware of even while writing the essay. Can the latter not be understood as a quasi-biblical objection to the presumption of knowledge, as if man had done better never to eat from the tree of knowledge? May it not even be read as an obscurantist criticism of modern science?

No, certainly not. You quote the passage where I decisevely reject such a misinterpretation. Science has provided a new foundation for truth: there is objective knowledge and it would be the worst regression if we were to fall back into superstition and esotericism, as often happens today. But – and this thesis pervades all my work – objective knowledge is not enough, it can only serve to define the limits and possibilities of human freedom (being, however, essential for that very purpose). Basically, I am only saying that scientists are not what some great philosophers of 18th century Enlightenment and their late descendants like Steven Pinker wanted to see in them, namely supermen. Man is more than what he represents as a scientist because apart from the laws of nature (which are the objects of his studies), there is also freedom, about which his theories either know nothing or which he reduces to mere chance.

This fundamental criticism seems important to me, but in your answer you discuss a point of greater practical relevance. Possibly you are quite right that my article may be understood as a warning as if science and technology themselves were responsible for many of present-day predicaments and not just the fact that their application by ten billion people inevitably produces quite different consequences than if they were applied by two billion only. Although I have sought the blame in the „Industrial Anthropocene“ (not directly pointing to science and technology), the suspicion remains.

I admit that this is a difficult point, because science is based on an elementary urge, human curiosity, which is the breeding ground both for everything great and for everything terrible. I am afraid that this elementary urge gives us the same intellectual satisfaction when we apply it to the study of neutron bombs as to that of vaccines. That is why I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science. After all the thirst for knowledge still operates in a boundless field even if only directed to things great.

Oh, I am concluding this letter with a rather trivial remark.

Best Gero

Entgegnung von Herrn Rees:

Gero –

you are exceptionally fast off the mark–and your concluding paragraph is anything but trivial.  

You say: „…I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science.“  

Seems to me that this is the distilled essence of the original essay and perhaps should be inserted/ amplified in such clear  words toward the end.  

Actually, this extract is really what I was trying to get at with my own more clumsy prose. 

I wrote: „Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.“   

This is really an assertion that we have failed to use our ethical/moral sense (and associated values) to steer us toward accepting limits on the application of science (and techno-driven growth).  Hence, our failure to assert certain important human capacities is more to blame for the crisis than is science per se.  

And, again, the result is that the dominant „…beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify [the natural but] now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.“    

With highest regards, 

Bill

Von Prof. Steve Pinker erhielt ich die Nachricht:

Please delete.

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen

Liebe zur Weisheit (Philosophie) – Grande Dame oder lebender Zombie?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Die Philosophie hat es schwer in unseren Tagen. Wie eine alte Dame von vornehmer Abkunft macht sie noch immer durch herrschaftliches Auftreten und ein gewaltiges Selbstbewusstsein von sich reden – geradeso, als wüsste sie nicht, dass man hinter ihrem Rücken längst über den Zombie spöttelt. Gewiss, an fast allen Universitäten ist Philosophie noch präsent, aber man braucht ihren hochtrabenden griechischen Namen nur ins Deutsche zu übersetzen, um ein herablassendes Lächeln zu provozieren. Was ist da von ‚Weisheitsliebe’ noch übrig? Geht es den Leuten um den Ernst des Lebens, beschäftigen sie sich mit Betriebswirtschaftslehre, Logistik oder Physik. Wenn sie sich amüsieren wollen, haben sie mit Weisheit schon gar nichts im Sinn. Liebe zur Weisheit (Philosophie) – Grande Dame oder lebender Zombie? weiterlesen

Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen

Lange muss man suchen, um in der heutigen Sachbuchliteratur einen Autor zu finden, der ihm in der Brillanz des Stils, der Tiefe der Reflexion und dem Umfang der Bildung auch nur entfernt nahe kommt. Die Rede ist von jenem Mann, der in Wien aus dem Fenster des dritten Stocks in der Gentzstraße sprang, als er 1938 die Nazischergen an die Tür klopfen hörte. Noch im Augenblick des bevorstehenden Todes hat er auf seine Art den Wiener Charme definiert, denn während seines Sprungs rief der massige Mann den Leuten auf der Straße noch ein „Achtung!“ zu. Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen weiterlesen

Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?

Die Frage ist umstritten und scheint doch eine schnelle Antwort zu gewähren: Bei oberflächlicher Betrachtung ist der Mensch das aus der Geschichte lernende Wesen schlechthin. Wer sich die Finger am Feuer verbrennt, hält sie gewiss nicht zum zweiten Mal in eine Flamme. Wer den Samen aufgehen sieht, nachdem er ihn in die Erde säte, hat die Grundzüge der neolithischen Revolution begriffen und damit den Grundstein für jenen gewaltigen Bau des kumulativen Wissens gelegt, der nur in einer Gesellschaft des Lernens entstehen konnte, wo sich das begrenzte Wissen einzelner Individuen zu kollektivem Wissen in Raum und Zeit addiert. Nur aus Erfahrung wird der Mensch klug; die Geschichte, aus der er Erfahrung schöpft, bildet die Grundlage aller Erkenntnis und allen Fortschritts. Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte? weiterlesen

Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren

(auch erschienen in: Tichys Einblick und Forum Freie Gesellschaft)

Eine Wiener Philosophin hat kürzlich im österreichischen Rundfunk mit einem Text von großer sprachlicher Eindringlichkeit für die pluralistische Gesellschaft geworben. Nicht im Kampf der Kulturen, wie Huntington ihn beschwor, liege die eigentliche Bedrohung, sondern im Kampf aller Fundamentalisten gleich welcher Religion und Ideologie gegen die multikulturelle Gesellschaft. Deren Vielfalt sei das einzig positive Ideal unserer Zeit, nicht Homogeneität wie von den Fundamentalisten erstrebt. Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren weiterlesen

Zeit der Gesinnungsschnüffler

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 5/2016 und Tichys Einblick)

Es gibt verschiedene Arten einander zu grüßen: Man kann beim Kopf beginnen und mit Argumenten oder sich gegenseitig beschnüffeln, wie es unter unseren vierbeinigen Freunde die Regel ist, nämlich vom Schwanze her. Dann stellt man, noch bevor man überhaupt wissen will, was der andere zu sagen hat, erst einmal fest, ob er links sei oder rechts, ob religiös oder ungläubig, ob hetero oder homo, ob liberal oder autoritär. Zeit der Gesinnungsschnüffler weiterlesen

Traum, Spiel und Esoterik – ein Versuch über den Homo somnians

A state of scepticism and suspense may amuse a few inquisitive minds. But the practice of superstition is so congenial to the multitude, that if they are forcibly awakened, they still regret the loss of their pleasing vision. Edward Gibbon

Im unserem wachen Leben sind wir Bäcker, Physiotherapeuten, Chirurgen, Wirtschaftsanalysten, Banker, Gauner oder Informatiker – kurz, wir sind da auf eine manchmal recht enge Funktion zusammengepresst. Doch in Schlaf und Traum wird jeder zum ganzen Menschen. Traum, Spiel und Esoterik – ein Versuch über den Homo somnians weiterlesen

Flucht aus der Freiheit

Seit Beginn seiner Geschichte hat sich der Mensch an zwei Arten des Wissens orientiert. Das eine lehrte ihn, sich in der Natur zurechtzufinden. Immer tiefer in deren Regelmäßigkeiten eindringend, fasste er dieses Wissen unter dem Namen der „Naturgesetze“ zusammen. Das Gesetzeswissen hat in den Naturwissenschaften und der auf ihnen beruhenden Technik seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen Aufschwung genommen, der zu einer grundlegenden Umgestaltung der menschlichen Umwelt führte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte lebt der Mensch in einer weitgehend von ihm selbst nach eigenen Bedürfnissen geschaffenen Welt. Diese historisch einmalige Einwirkung auf die äußere Natur wäre ohne die Kenntnis der in ihr herrschenden Gesetzmäßigkeiten nicht denkbar. Flucht aus der Freiheit weiterlesen

Wozu ist Wissen gut?

(auch erschienen in: "scharf-links")

Manchmal lohnt es sich, scheinbar dumme Fragen zu stellen, solche, von denen jeder meint, er könne die passende Antwort auf Anhieb aus seinem Ärmel schütteln. Ganz gewiss gehört die im Titel genannte Frage zu dieser Kategorie, die Frage „Wozu ist Wissen gut.“ Wozu ist Wissen gut? weiterlesen