Die Hegelei in den Köpfen – eine deutsche Passion

Von Hegel über Marx und Feyerabend bis hin zu – Robert Menasse

Wer möchte nicht gern hinten mitaufsitzen, wenn der Weltgeist, verkörpert in Herrn Prof. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, hoch zu Ross im Galopp durch die Weltgeschichte prescht! Da wird mancher junge Mensch mitgerissen – nicht nur ein Robert Menasse. Denn da hat einer dauernd das große Ganze im Blick, und alles erschließt sich einer siegreichen Vernunft – selbst das Schauerliche hat seinen Platz: die Bomben, die Leichen und was es sonst noch an Unappetitlichem gibt. Denn der Weltgeist bedient sich der List der Vernunft, genauer gesagt hat er bei Herrn Hegel nachgelesen und befolgt brav die Gebote der Dialektik, wo das Schlechte aus dem Guten und ebenso das Gute aus dem Schlechten hervorsprießen kann. Denn in der Weltgeschichte ist alles Wirkliche vernünftig, der Weltgeist selbst kann daher auch nur vernünftig sein. Spätestens, wenn der junge Mensch die Dialektik, d.h. die List der Vernunft, begriffen hat, geht sein anfängliches Aufatmen in stürmische Begeisterung über. Da wird ihm der Kosmos aus der Perspektive des Adlers erklärt.

Im 18ten und vollends im 19ten Jahrhundert, zu Hegels Lebenszeit, herrschte Aufbruchsstimmung in ganz Europa und besonders in Preußen. Der Hegelsche Weltgeist war im Begriff, sich am Fortschritt einen Rausch zu holen; Vernunft schien die Welt zu beherrschen; alles konnte nur gut und immer besser werden. Aus Sklaverei, Dumpfsinn und Aberglauben werden die Menschen im Laufe ihres geschichtlichen Werdens in Richtung Freiheit geführt: das schien einen Aufstieg ohne Ende zu verheißen. Hegel brachte dieses Lebensgefühl auf den Begriff, indem er mit flachem Optimismus die realen Schrecken der Geschichte als List der Vernunft verniedlichte. Viele meinten, der deutsche Philosoph habe die im 17ten Jahrhundert begonnene, im 18ten voll entfaltete Aufklärung erst zur Vollendung gebracht.

Nein, Prof. Hegel hat die Aufklärung verraten,

und zwar gleich auf mehrfache Weise. Arthur Schopenhauer hat diese Erkenntnis mit der ihm eigenen Unverblümtheit ausgesprochen: Hegel, von obenher durch die Machthaber als der akkreditierte große Philosoph angestellt, war ein plattköpfiger, geschmackloser, ekelhafter, ungebildeter Scharlatan… der es in der Frechheit des Zusammenschreibens und Aufkochens des tollsten mystifizierenden Unsinns zum Gipfel der Dreistigkeit gebracht hat. Hegels unheilvoller Einfluss habe die geistige Verderbnis einer ganzen Generation bewirkt. Der so geistvolle Schopenhauer ließ wie kein anderer die deutsche Sprache in allen Nuancen bildhaften Denkens erglänzen – allein schon daher befand er sich in radikalem Gegensatz zu Hegel, der sie bis zur Abgeschmacktheit in die Breite trat und in schwindelerregenden Abstraktionen von allem Verstand und aller Verständlichkeit befreite. Aber Schopenhauer hat die Jugend von seiner Philosophie bis heute nicht zu begeistern vermocht. Ihm zufolge wird die Welt von einem grundbösen, sinnfreien Willen beherrscht. Nur im Rückzug von der Welt, in der Stille der Kontemplation könne der Mensch sich selbst und das Wesen der Dinge begreifen.

Auf eine leicht entflammbare Jugend wirkt eine solche Philosophie wie eine kalte Dusche; sie verlangt Optimismus, daher begab sie sich lieber in die Seminare des Herrn Hegel. Auch Kant verlangt zu viel eigenes Mitdenken; bei Fichte streikten selbst Schiller und Goethe und lächelten gemeinsam über die jüngsten Absurditäten aus Jena, wo das Ich gerade das Nicht-Ich geboren hatte, und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollte der geniale, selbstquälerische Nietzsche mit seiner Verherrlichung der reinen Macht im Zarathustra ein Leben lang ein furchtbar einsamer Denker bleiben, der später zu seinem Unglück auch noch von einem brutalen Regime für eigene Zwecke vereinnahmt wurde. Im Gegensatz dazu verabfolgt Hegel seinen Anhängern ein billiges Aphrodisiakum. Anspruchsloseren Geistern wird eine Art intellektueller Erlösung geboten, noch dazu mit der Ahnung, dass das leicht lesbare, aber mystisch verschwommene sprachliche Kauderwelsch des Herrn Professor möglicherweise in unauslotbare Tiefen führt. Denn es ist ja ein geschichtliches Faktum, dass der allwissende Weltgeist auf seinem tollen Ritt durch die deutsche Geschichte Generationen von bravo schreienden deutschen Nationalisten hinter sich herriss – wie man seit dessen kürzlichem Auftritt im Rundfunk weiß (27. 9. 2026, 14 Uhr), eben auch jetzt noch den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse.

Mehr als ein Jahrhundert musste vergehen,

bis ein anderer großer Denker den genialischen Schwätzer Hegel ein zweites Mal, und diesmal viel gründlicher entlarvte. Der Autor des berühmten Werkes Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde schlägt in die gleiche Kerbe wie Schopenhauer, aber er lehnt nicht nur ab, sondern argumentiert und begründet im Einzelnen. Dieser wohl größte Denker, dessen Österreich sich rühmen darf – das eben genannte Werk eine Pflichtlektüre für jeden Demokraten – hat mit Hegel gründlicher abgerechnet als irgend jemand vor oder nach ihm. Doch ich möchte einen Schritt weiter gehen, nachdem ich oben von dem Verrat gesprochen habe, den Hegel an der Aufklärung übte. Der direkte Vergleich mit der Aufklärung fehlt bei Schopenhauer und wird auch von Karl Popper nicht ausdrücklich vollzogen. Wie man weiß, bestand die Kritik der Aufklärer in einem Zwei-Frontenkrieg. Einerseits richtete sie sich gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, soweit diese auf ererbten Privilegien beruhte. Im 17ten und auch noch im 18ten Jahrhundert wurde den Menschen ihr jeweiliger Rang als König, Tagelöhner oder Bettler durch Geburt zugeteilt. Das Schicksal jedes Menschen sollte diesem aber in die eigene Hand gelegt werden, das war die revolutionäre, für uns Heutige selbstverständliche Forderung der rebellischen Aufklärer. Persönliches Wissen und Können – und diese allein – sollten über das Schicksal eines Menschen entscheiden.

Die zweite Front betraf dieses Wissen und Können selbst. Man wusste, dass die Weltbilder früherer Kulturen freie Erfindungen waren. Bei der einen war die Welt aus einem Ei entstanden, bei der anderen auf dem Rücken einer Schildkröte erbaut; die Juden schrieben ihre Entstehung einem siebentägigen Urlaub ihres Gottes Jehova zu. Es sollte und konnte aber ein Wissen geben, wie der große Newton es gerade gefunden hatte, ein beweisbares Wissen, das sich im besten Fall durch das Experiment von jedermann jederzeit wiederholen und demonstrieren ließ. Da hatte man es nicht länger mit den subjektiven Schöpfungen der Fantasie zu tun, wie sie in Sagen, Märchen, Mythen und Glaubenssätzen überliefert sind, sondern mit objektiver Erkenntnis.

Hegel hat beide Richtungen der Aufklärung verraten. Wenn seine Behauptung stimmt: Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig, dann ist jede Auflehnung gegen das Bestehende und die selbsterschaffenen Privilegien der Herrschenden unvernünftig – sie kann und darf daher auch nicht wirklich sein. Hegelianer wenden zwar ein, „wirklich“ bedeute bei Hegel keineswegs jedes faktisch Bestehende. Das ist richtig. Gerade darin liegt aber das Problem: Hegel stattet einen philosophisch definierten Begriff von Wirklichkeit mit einer normativen Vernünftigkeit aus und macht damit aus der Geschichte einen Prozess, dessen Ausgang philosophisch bereits mitgedacht ist. Wenn der Satz überhaupt einen Sinn haben soll, wird Stillhalten zur ersten Bürgerpflicht, auch wenn Hegel stets brilliert, wenn es um das Schwenken von Nebelkerzen geht, denn wenn eine Revolution erfolgreich war, dann wurde sie eben genau dadurch wirklich und eo ipso vernünftig. Anders gesagt, wird der Begriff der Vernunft jedes möglichen Inhaltes entleert. Da bleibt dann nur noch die Verklärung des Staats als eines Ens Realissimum. Hegel: Diese substanzielle Einheit /des Staates/ ist absoluter, unbewegter Selbstzweck, in welchem die Freiheit zu ihrem höchsten Recht kommt, so wie dieser Endzweck das höchste Recht gegen die Einzelnen hat, deren höchste Pflicht es ist, Mitglieder des Staates zu sein. Ein Satz von geradezu fantastischer, man möchte sagen, von absoluter Sinnlosigkeit, wo Freiheit und bedingungslose Unterwerfung (substanzielle Einheit) in dialektischer Zauberei in eins gesetzt werden. Ganz nebenbei – aber natürlich keineswegs unabsichtlich – wird der preußische Machtapparat zum Endzweck der Geschichte hochstilisiert.

Aber nein doch, wirft sich jetzt vielleicht ein jugendlicher Verteidiger Hegels

ins Zeug – da könnte es sich zum Beispiel um Robert Menasse handeln, der sich ja im Rückblick auf das eigene Leben unlängst als Verehrer des großen Dialektikers Hegel geoutet hat. Das sei doch eine viel zu einfache Sicht, gerade Hegel konnte in Preußen nicht das Endziel der Geschichte sehen. Niemand habe so wie er den Gedanken der Entwicklung hervorgehoben. Als größter Sohn der Aufklärung erweise er sich doch eben darin, dass er Licht und Erlösung aus der Finsternis in die Zukunft projiziere.

Leider ein Fehlschluss! Hegel hat nicht nur dem Aufstand gegen das Privileg den Rücken gekehrt, auch den Entwicklungsgedanken hat er gründlich missverstanden. Zwar trifft es wohl zu, wenn Nietzsche von den Deutschen sagt. Wir Deutsche sind Hegelianer, auch wenn es nie einen Hegel gegeben hätte, insofern wir (im Gegensatz zu allen Lateinern) dem Werden, der Entwicklung instinktiv einen tieferen Sinn und reicheren Werth zumessen als dem, was ‚ist‘. Aber Nietzsche hat Hegel, wenn überhaupt, wohl nur oberflächlich gelesen – wie hätte dieser große Meister der Sprache vor dessen ausgelatschtem unerträglichen Stil nicht im Horror zurückschrecken müssen? Doch Hegel begreift den Entwicklungsgedanken völlig falsch, nämlich gerade nicht im Sinne der Aufklärung.

Die Aufklärer sahen den Fortschritt der Menschheit

in den Entdeckungen der Naturwissenschaften, dieser Fortschritt gehörte für sie zu den unbestreitbaren Errungenschaften. Ein moralisches Vorwärtsschreiten war für sie ebenso wichtig, aber keinesfalls ausgemacht. Da standen den Völkern lange Kämpfe bevor, und niemand wusste, ob und wann man sie gewinnen würde.

Bei Hegel wird diese Reihenfolge willkürlich auf den Kopf gestellt: der moralische Fortschritt von den frühesten Zeiten bis heute steht für ihn fest, da sein Weltgeist keine andere Aufgabe hat, als die Menschheit in das Reich der Freiheit zu führen – was immer das heißen mag. Leider widerstreitet Hegels Geschichtsphilosophie allen bekannten Fakten diametral, sie ist – um es unverblümt auszudrücken – hanebüchener Unsinn. Nach allem, was wir heute wissen, haben die Menschen gerade am Anfang ihrer Geschichte ein Maß an Freiheit genossen wie dann durch Jahrtausende nie wieder. In den kleinen Horden der nomadisierenden Jäger und Sammler war jedes Individuum für die Gruppe überlebenswichtig; das hatte eine Gleichheit zur Folge wie sie in den fünf Jahrtausenden der großen Agrargesellschaften zwischen 3000 vor Christus und 1800 nach unserer Zeitrechnung völlig verloren ging. Hegels historische Fantasiekonstruktionen gaukeln unbedarften Geistern ein flach-optimistisches Weltbild vor: Alles beginnt in der Finsternis und endet im Licht – wahr ist daran absolut nichts.

Liegt die Faszination dieser radikalen Vereinfachung,

wo der Weltgeist mit jedem neuen Jahrhundert alles stetig schöner und besser macht, einfach nur in der Kraft ihrer populistischen Verführung? Ich glaube, dass diese Erklärung nicht ausreicht. Warum das so ist, lehrt uns die deutsche Romantik. Sie hat einige der schönsten Töne deutscher Dichtung gefunden, man denke nur an Joseph von Eichendorff. Die Romantik muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, in ihrem Denken vielfach ins Reaktionäre abgeglitten zu sein. Friedrich von Hardenberg, alias Novalis, sehnte sich in ein Mittelalter zurück, wo die Welt noch verzaubert und nicht durch die aufkommenden Wissenschaften verödet und sinnentleert war. In seinem 1799 verfassten Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ brachte er diese Verödung und Sinnentleerung auf den Begriff: /Die wissenschaftliche Denkungsart/ dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Not oben an, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.

Hier wurde der gefühlsmäßig bedingte Aufstand gegen die neue Weltanschauung von einem zum Dichter mutierten Naturwissenschaftler auf den Begriff gebracht. Novalis wusste, wovon er sprach. Was zählt der Mensch mit seiner Fantasie, seinen Gefühlen und seinem Enthusiasmus in einer Welt, die allein der Mechanik der Gesetze gehorcht? In einer solchen Welt werden Natur und Mensch ihrerseits zu bloßen Apparaten entwertet. Novalis drückt diese Erkenntnis in dem Bild einer „selbst mahlenden Mühle“ aus. Und genau gegen diese Mechanisierung von Geist und Leben protestierten er und die deutsche Romantik. Im letzten Jahrzehnt des 18ten Jahrhunderts werden das schöpferische Ich und die Freiheit in den Mittelpunkt eines neuen Lebensgefühls gestellt. Hegel hat sich dieses Lebensgefühl zu eigen gemacht, es in einen bequemen Optimismus umgewandelt und in seinem Weltgeist, diesem säkularisierten Lieben Gott, verkörpert.

Mit diesem programmatischen Optimismus

waren Populismus und Wunschdenken in die Philosophie eingezogen. Der norddeutsch-nüchterne Kant erreichte nur akademische Denker, hingegen war der hegelianische Populismus bei der Staatsmacht ebenso beliebt wie unter Studenten. Wie es Popper unverblümt ausdrückt, war Hegels Erfolg der Beginn der ‚Periode der Unredlichkeit‘… und des Zeitalters der Verantwortungslosigkeit…; er war der Beginn einer Periode zunächst intellektueller und später, als eine der Folgen, sittlicher Unredlichkeit; er war der Beginn eines neuen Zeitalters, das durch die Magie hochtönender Worte und die Macht des Jargons beherrscht wird.

Man kann es auch so ausdrücken, populistisches Wunschdenken hat das philosophische Denken unter moralische Imperative gestellt. Der Weltgeist kann gar nicht anders, als die Menschheit in Richtung immer vollkommenerer Freiheit zu führen – was immer das heißen mag. Wer sich ein solches Programm auferlegt, erfindet sich seine private Wirklichkeit und erblindet für die reale vor seinen Augen. Dieses Abgleiten in die Unredlichkeit wird aber bei Hegel selbst wie bei seinen Jüngern gern mit dem Prachtgewand moralischer Überlegenheit kaschiert, zum Beispiel bei Paul Feyerabend. Die Einwände des Denkens haben für diesen Mann keine Bedeutung, wenn sie moralischen Imperativen im Wege stehen. Wie Hegel macht er sich damit auf Anhieb Freunde, auch gerade unter jungen Menschen – und wie Robert Menasse beweist, nicht nur unter diesen. Zeugt es nicht von einer erhabenen Gesinnung, wenn er „unaufgeklärten“ Zeitgenossen das Recht abspricht, die Weltbilder anderer Kulturen für unterlegen oder gar minderwertig zu halten? Erweist sich Paul Feyerabend nicht mit solchem Einspruch als ein Verteidiger menschlicher Gleichheit und Gleichberechtigung? Wir wissen, Feyerabend war ein abtrünniger Schüler Karl Poppers, der sich gegen den, wie er es nannte, Methodenzwang wehrte, also gegen die Vorstellung, als würde unsere gegenwärtige Weltsicht uns einen Vorsprung vor denen anderer Kulturen und ihren Weltsichten verschaffen.

Als moralische Intention leuchtet dieser Protest ein,

umso mehr als wir heute – im Gegensatz zu Hegel – kaum noch zu behaupten wagen, früheren Zeiten in moralischer Hinsicht überlegen zu sein. Als vermeintlich erkenntnistheoretische Einsicht ist der Einspruch Feyerabends aber nichts Besseres als ein marktschreierischer „epistemologischer Anarchismus“. Jeder Historiker weiß, dass die magischen Weltbilder früherer Kulturen den Menschen geholfen haben, sich ein Bild von der Wirklichkeit zu machen, das ihr Zusammenleben und Verhalten zueinander und gegenüber der sie umgebenden Natur nicht selten auf harmonische Weise gelenkt hat. Moralisch war das Leben dort möglicherweise viel befriedigender als bei uns. Aber das hat diese Kulturen nicht davor bewahrt, von technisch überlegenen Kolonisatoren in ferner Vergangenheit bis zum heutigen Tag überwunden und oft auch völlig ausgelöscht zu werden. Dazu kam es nicht, weil die Eroberer die bessere Magie besaßen, sondern weil sie die Natur und ihre Gesetze besser kannten, und zum Beispiel die besseren Waffen hatten. Anders gesagt, verfügten sie über ein objektiv überlegenes Wissen und Können. Denn die Natur und ihre Gesetze gelten unabhängig von allem menschlichem Wunschdenken – in genau diesem Sinn sind sie „objektiv“ (auch wenn der Prozess unserer Naturerkenntnis dieses Wissen ständig ausweitet und nicht selten auch modifiziert). Nein, dem Methodenzwang muss man sich nicht fügen, aber wenn wir überleben wollen, müssen wir das gesicherte Wissen über die Natur und ihre Erkenntnisse akzeptieren – es bildet für uns die einzige objektiv (also unabhängig von unserem Wollen und Wünschen bestehende) Realität.

Menasse feiert Paul Feyerabend als ein Idol, weil dieser, wie er meint, seine Gefolgschaft von allem Dogmatismus heile. Nach üblicher Auffassung besteht Dogmatismus darin, Aussagen als wahr zu bezeichnen, die entweder nicht überprüft worden sind (aber überprüft werden könnten), wie zum Beispiel die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe sei, oder in Aussagen, die sich jeder Überprüfbarkeit entziehen, wie etwa die Annahme, dass die Sünde mit dem Verspeisen des Apfels durch Eva in die Welt gekommen sei. In diesem generellen Rahmen bewegt sich ein philosophischer Gegensatz, der sich aus ferner Vergangenheit bis in die Neuzeit erstreckt.

Weder Feyerabend noch sein Schüler Menasse haben begriffen,

dass es neben dem positiven Dogmatismus ebenso dessen negatives Gegenbild gibt. Positiv ist der Dogmatismus des All-Objektiven, wonach alles Geschehen auf dieser Welt unpersönlichen Gesetzen gehorcht – und es daher weder Zufall noch Freiheit geben könne. Dieser „mechanistische“ Determinismus reicht von Spinoza bis zu den Naturwissenschaften des 19ten Jahrhunderts, wurde aber auch noch darüber hinaus von keinem Geringeren als von Bertrand Russell mit Nachdruck vertreten.1

Die negative Variante des Dogmatismus ist der All-Subjektivismus, wo der Wille göttlicher oder menschlicher Wesen absolut gesetzt wird. Fast alle früheren Religionen haben die Entstehung der Welt und ihre Evolution aus dem Willen von göttlichen Subjekten oder einem Weltengott hergeleitet. Wird das Wollen des Menschen dabei zu einem Nichts verkleinert, während man das Wollen Gottes allmächtig setzt, dann konnte auch diese Weltanschauung in den Determinismus abgleiten, zum Beispiel in den muslimischen Fatalismus, wo das Schicksal eines Menschen nicht von dessen eigenem Wollen, sondern allein von dem übermächtigen Willen Allahs abhängt.

In säkularisierter Gestalt begegnet uns dieser All-Subjektivismus neuerlich in Hegels Weltgeist, der keine anderen Schranken kennt als die eigene souveräne Selbstbestimmung. Die Kirche gab sich damit zufrieden: dieser Weltgeist war nichts anderes als das säkulare Gegenstuck zum allmächtigen Gott. Da er sich bei Bedarf aber auch in „großen Menschen“ wie Napoleon etc. manifestierte, kam die Freiheit des Menschen bei Hegel auch nicht zu kurz. Bei Paul Feyerabend wird aus dieser Verherrlichung einer schrankenlosen Freiheit des Wollens das bekannte „anything goes“, wo sich die widerständige Objektivität einer von unserem Wünschen und Wollen unabhängigen Natur weitgehend verflüchtigt. Diese Verherrlichung des Wollens anstatt einer „seelenlosen Naturmechanik“ bringt in naiven Köpfen nicht weniger hervor als einen die Realität vernebelnden Freiheitsrausch – eine solche Lehre wird leicht zu einem Versprechen auf menschliche Allmacht.2 Die Dogmatiker des All-Subjektiven erkennen nicht, wie sehr auch dieser negative Dogmatismus sie blind für die Wirklichkeit macht. Vieles auf dieser Welt lässt sich – glücklicherweise – verändern, wenn das entsprechende Wollen vorhanden ist, aber vieles eben auch nicht. Denn die Wirklichkeit ist ungleich komplexer als das verzerrte Abbild, das sich in den Hirnen der Dogmatiker spiegelt. Politische Kompetenz besteht darin, in jedem Moment der Geschichte die Grenze zwischen objektiven Widerständen und menschlicher Freiheit zu erkennen, Populismus besteht darin, diese Grenze zu verwischen oder sie zu leugnen.3

Den Jüngern Hegels ist beides geblieben:

das moralische Sendungsbewusstsein ebenso wie die Unehrlichkeit. Hellsichtiger als irgendwer sonst – zum Beispiel auch als die eigentlich der Nächstenliebe verpflichtete christliche Kirche – hatte Karl Marx erkannt, was eine unmenschliche Ausbeutung für die davon betroffenen Arbeiter in den Kinderjahren des Kapitalismus bedeutet hat. Die Verbrechen an den in den neuen Fabriken wie Sklaven behandelten Menschen klar erkannt und unzweideutig gebrandmarkt zu haben, darin liegt bis heute die Größe des deutschen Sozialreformers. Aber zu seinem Unglück war Marx in Hegels Dialektik geschult. So konnte er den armen Proletarier einerseits zum menschlichen Ideal verklären und diesen Menschen andererseits vor die Tür seines Hauses setzen, wenn er ihm persönlich zu nahekam. Helene („Lenchen“) Demuth war Marx‘ langjährige Hausangestellte und hatte 1851 einen Sohn, Frederick Demuth – manche sehen in ihm einen unehelichen Spross des Hausherrn. Durch die Haustür durfte der junge Mann das Marxsche Haus später nicht mehr betreten, seine Mutter traf er nur in der Küche. Engels war menschlicher gesinnt. Mit einer irischen Arbeiterfrau namens Mary Burns unterhielt er mehr als ein bloßes „Verhältnis“. Ihr plötzlicher Tod traf ihn daher mit besonderer Härte. Was an diesem Tag geschah, kommentiert Lewis Mumford mit folgenden Worten: Doch es kam der Tag, an dem Engels durch Marx’ gefühllose Bemerkungen zum Tod des Mädchens, das er geliebt hatte und mit dem er /zwanzig Jahre/ zusammengelebt hatte, zutiefst verletzt wurde: ein Tag, an dem ihn das Mitgefühl und Verständnis einiger seiner Freunde aus der Geschäftswelt /daher umso mehr/ berührte. Dieser Tag war für Engels fast schon ein Erwachen: fast, aber nicht ganz; der Dogmatiker setzte sich durch.

Unehrlichkeit ist die dunkle Kehrseite der Dialektik, die bei Hegel in der Identität des Nichtidentischen gipfelt. Bei Marx macht sie sich zusätzlich darin bemerkbar, dass er vor den vermeintlich ewigen und ehernen Gesetzen der Naturwissenschaft bereitwillig in die Knie ging. Denn ein solches ehernes und ewiges Gesetz brauchte der Dogmatiker unbedingt auch für seine neue Sozialtheorie, damit sie über jede Polemik erhaben sein würde. Das Endziel der Geschichte ist bei ihm nicht wie bei Hegel eine nebelhaft verstandene Freiheit, sondern die Herrschaft des Proletariats. Diese erhebt er zu einem Geschichtsgesetz, angeblich genauso zeitlos gültig wie ein Naturgesetz. Dass die Hegelsche Freiheit bei ihm in Diktatur umschlägt, nämlich die des Proletariats, ist ein Meisterstück der Dialektik: die Identität des Nichtidentischen. Fassen wir zusammen: Hegel hatte eine empirisch falsche Geschichtstheorie, Marx hat in seiner Gefolgschaft eine ebenso empirisch falsche Sozialtheorie aufgestellt. Statt, wie von Marx vorausgesagt, die Welt zu beherrschen, erscheint der Proletarier bekanntlich in unserer Zeit auf der roten Liste aussterbender Arten. Und die Sozialdemokratie wurde erst zu einer überzeugenden Bewegung, nachdem sie sich von Marx losgesagt hatte und sich ausschließlich dem Kampf gegen das Unrecht verschrieb. Denn darin allein besteht das noch heute bewundernswerte Erbe des deutschen Reformers.

Die von Popper zu Recht beklagte und von Robert Menasses

naiver Hegelbewunderung unterschlagene Unredlichkeit drückt sich aber auch noch in anderen Bewegungen aus, die sich unmittelbar auf Hegel und Marx beziehen. In der Dialektik der Aufklärungstellen sich Max Horkheimer und Theodor Adorno die Frage, warum die Aufklärung, die den Menschen doch aus der Umklammerung von Mythen, Aberglauben und Fremdherrschaft befreien sollte, in neue Formen von Herrschaft und Unfreiheit umschlagen konnte. Die Begründer der Frankfurter Schule hatten das Grauen der Nazizeit durchlebt. In den Verbrechen dieser Zeit nur eine List der Vernunft zu sehen, deren sich der Weltgeist zu seinen erhabenen Zwecken bedient, schien vor diesem Hintergrund eine Unmöglichkeit. Da versagte die hohe Kunst der Hegelschen und Marxschen Dialektik, welche es bis dahin noch ziemlich mühelos erlaubte, Freiheit in Diktatur umzudeuten oder den edlen Proletarier in verachtetes Dienstpersonal. Und da verbietet sich auch, den Staat als Identität des Nichtidentischen zu begreifen, denn dann ist ihm schlechthin alles erlaubt. So braucht er in unserer Zeit nicht davor zurückzuschrecken, einen souveränen Staat zu überfallen, dessen Grenzen zu wahren er zuvor vertraglich versprochen hatte (nämlich im Budapester Memorandum von 1993). Dass der Aggressor noch eine Woche vor dem Überfall diese Absicht als lächerliche Unterstellung weit von sich wies, firmiert dann allenfalls als unbedeutende Kleinigkeit. Wladimir Putin hat sich die Kunstgriffe der Dialektik ebenso zu eigen gemacht wie vor ihm Hitler und Stalin. Ein faschistischer, inzwischen das ganze Staatsbudget für Bomben und Soldaten verausgabender militaristischer Staat erklärt der Welt mit unüberbietbarer Impertinenz und Schamlosigkeit, dass es sein Staatszweck sei, die freien Bürger eines souveränen Landes zu entnazifizieren und zu entmilitarisieren.

Die Frankfurter Schule war eine Intellektuellenbewegung, die sich auf eigene Weise auf die Kunstgriffe der Dialektik verstand. Hatte Hegel sich an einer „Theodizee“ des Bösen versucht, indem er dieses als List der Vernunft aus der Wirklichkeit hinwegretuschierte, so war ein solches Schönfärben der Wirklichkeit nach der Nazizeit nicht mehr möglich. Stattdessen beklagt sich die Dialektik der Aufklärung bitter über das angebliche Versagen der Vernunft, weil das von der Aufklärung gepriesene Gute eben auch Böses bewirken kann.

Mit dem Konzept der instrumentellen Vernunft

berührt Die Dialektik der Aufklärung allerdings ein echtes Problem, welches das Weltbild der neuen Wissenschaften unmittelbar betrifft. Man darf nicht vergessen, dass deren hervorragendste Proponenten fast durchgehend Gegner der bestehenden Religionen und sozialen Ordnung waren. Aufklärung entstand, wie schon gesagt, als Auflehnung gegen ererbte Privilegien und gegen allen Glauben, der sich nicht in beweisbares Wissen umwandeln lässt. Aber wie stand es um dieses Wissen? Würde es jemals so umfassend sein, wie das religiöse, das auf den Schultern eines allwissenden Gottes ruht?

Wir sahen: diese Frage beantworteten fast alle Naturwissenschaftler bis Ende des 19ten Jahrhunderts auf eindeutige und aus heutiger Sicht entschieden dogmatische Weise. Ja, sagten sie, die Wissenschaften machen den Glauben überflüssig, denn ihr Wissen sei potenziell unendlich, da alles Geschehen der Natur ausnahmslos Gesetzen gehorche: ein in sämtlichen Naturgesetzen geschulter Geist könne (so sagte es Pierre-Simon de Laplace) theoretisch die ganze Zukunft vorherbestimmen (nicht anders als der allwissende Gott).

Heute behaupten das nur noch die ewig Gestrigen (zu denen der sonst so brillante Bertrand Russell noch bis zu seinem Tode zählte)1. Der Zufall, der dem Wissen und damit auch der Macht des Menschen klare, unüberschreitbare Grenzen setzt, wurde von der Wissenschaft erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Quantenphysik entdeckt. Dass er im sozialen Geschehen allgegenwärtig ist – diese elementare Erkenntnis wird aber bis heute beflissen verdrängt. Es war dieses beklemmende Bild einer Welt als tote Maschine, das Novalis so sehr in Schrecken versetzte.

Die Vernunft der Aufklärung hat die Grenzen

ihres eigenen Weltbilds erst spät erkannt – das allein ist der Vorwurf, den man ihr zu Recht machen darf. Dass die Naturwissenschaften objektive, nämlich von allem Wunschdenken unabhängige Gesetze der Natur erkunden und nutzen, stellt aber ebenso eine unbestreitbare Erweiterung der Erkenntnis dar wie das Vorgehen der Sozialwissenschaften, welche die „Quasigesetze“ aufzeigen, die der Mensch sich als soziales Wesen selbst auferlegt, um die Hobbessche Anarchie ungeregelten Zusammenlebens durch Gebote und Verbote zu bändigen. Weit entfernt davon das Denken von Dogmatismus zu befreien, hat Paul Feyerabend mit seinem „anything goes“ einem populistischen Anarchismus das Wort geredet, den es in der Natur niemals gab und in der Gesellschaft nicht geben darf. Da braucht man nicht mit Hobbes einen Leviathan zu erfinden, um vor Anarchie zu schützen. Eine Demokratie kann das, wenn sie auf Einverständnis beruht, viel wirksamer tun. Karl Popper hat darüber ungleich tiefer nachgedacht als sein rebellischer Schüler.4 Schade, dass ein sonst so kluger Schriftsteller wie Robert Menasse, der sich in seinen letzten Romanen überzeugend für das europäische Projekt, also für eine Europa verbindende überstaatliche Ordnung, einsetzt, schon in seiner frühen Verteidigung Jörg Haiders eine unverkennbare Sympathie für populistische Verführer bewies.5 Und es ist noch bedauerlicher, dass Menasse bis heute so anfällig für die gefährlichen Spielereien der Dialektik bleibt und für das geistestötende Gift der Identität der Identität und der Nichtidentität. Als Jugendsünde ist das allenfalls begreif- und entschuldbar, aber nicht als Bekenntnis eines gereiften Mannes.

1 Russell: Man geht davon aus, dass Materie aus Elektronen und Protonen besteht, die eine endliche Größe haben und von denen es in der Welt nur eine endliche Anzahl gibt. Wahrscheinlich verlaufen ihre Veränderungen nicht kontinuierlich… Die Gesetze dieser Veränderungen lassen sich offenbar in einer kleinen Anzahl sehr allgemeiner Prinzipien zusammenfassen, die die Vergangenheit und die Zukunft der Welt bestimmen, sobald ein kleiner Ausschnitt ihrer Geschichte bekannt ist… Einige glauben, dass Physiologie niemals auf Physik reduziert werden kann, aber ihre Argumente sind nicht sonderlich überzeugend, weshalb es geraten erscheint, sie für falsch zu halten. Die großen Denker der Aufklärung – Hobbes, Descartes, Montesquieu, Voltaire, Kant, Holbach, Condorcet etc. – haben sich nicht zufällig zum Determinismus bekannt. In ihrer Opposition gegen die Religion und alles unbeweisbare Wissen sollte das beweisbare Wissen der neuen Wissenschaften dieselbe Allwissenheit für sich beanspruchen dürfen wie der allwissende Gott der Religion. Es ist aber bemerkenswert, dass die Vorstellung eines allwissenden Gottes nur im Monotheismus existiert, nicht in polytheistischen Religionen wie denen der alten Griechen oder Inder. In der Schöpfungshymne des Rgveda heißt es wörtlich: Diese Schöpfung–woher sie entstanden ist/ob sie geschaffen wurde oder nicht/der sie überblickt im höchsten Himmel/Der weiß es wohl–oder weiß auch er es nicht? Dieser Agnostizismus im Hinblick auf die letzten Fragen kommt unserem heutigen Weltbild erstaunlich nah.

2 Dieses Thema hat mich mehr als jedes andere beschäftigt. Siehe: Jenner, Gero (2018c): Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet). Amazon. ISBN: 9781081062453).

3 Der reine Idealismus leugnet alle Widerständigkeit der Wirklichkeit, da wir diese angeblich selbst erschaffen. Bischof Berkeley und in Deutschland Fichte, in Indien der Vedanta haben diese Lehre von absoluter Freiheit geschaffen. Dichter und Romanciers haben sich ihr stets nahegefühlt, weil sie selbst ja – zumindest auf dem Papier – auch Schöpfer von Welten sind. sind. In gewisser Weise sind alle Dichter Idealisten, weil sie Wirklichkeiten erschaffen, aber eben deswegen taugen sie selten als politische Lenker.  Als Romancier darf Menasse einem Feyerabend huldigen – tut er das als politischer Denker, ist er nicht ernst zu nehmen.

4 Drei Jahre nach der Veröffentlichung der Offenen Gesellschaft und ihrer Feinde entbrannte 1961 der sogenannte Positivismusstreit, und zwar zunächst zwischen Popper und Adorno; dann griffen auch Habermas und Albert ein. Unter einem falschen Stern stand schon sein Beginn, denn Popper hatte sich (darin war er sich mit Adorno einig) klar vom Positivismus distanziert. Aus meiner Sicht hat nur Habermas ein Argument ins Spiel gebracht, welches die Grenzen von Poppers piecemeal social engineering aufzeigt. Gesellschaft wird von Interessen gelenkt – ich spreche von Wollen und Wünschen – Interessen, zu denen ihre Hoffnungen, Utopien bis hin zu Erlösungsvorstellungen gehören. Dieses Element der sozialen Wissenschaften fehlt völlig in den Wissenschaften von der Natur.

5 Menasse in Ein verrücktes Land. Falter Nr. 41, 1995: Zweifellos hat Österreich in den vergangenen zehn Jahren einen Normalisierungsprozess erlebt, der dieses Land erst jetzt mit anderen westlichen Demokratien vergleichbar macht. Dieser Normalisierungsprozess ist im Wesentlichen zwei Politikern zu verdanken: dem klassischen Aufklärer Kurt Waldheim und dem neuen Linken Jörg Haider. In dieser ironischen Formulierung bricht sich wieder die unselige Dialektik Hegels und der Frankfurter Schule Bahn. Kurt Waldheim und Haider erfüllten nach Menasse eine positive Funktion, weil sie das Land aus seiner angeblichen politischen Erstarrung erlösten. Sollen wir heute Herbert Kickl, Alice Weidel oder Marine Le Pen deshalb beklatschen, weil sie die Politik in Europa aufmischen und damit Hegels List der Vernunft umsetzen? Dialektik – ob mit oder ohne ironische Absicht – ist ein verantwortungsloses Jonglieren, eine gehobene intellektuelle Spielerei mit der vermeintlichen Identität des Nichtidentischen. Menasse hätte sich fragen sollen, ob die Sozialpartnerschaft den Menschen Österreichs gedient hat oder ein Haider ihnen besser dienen würde. Das allein wäre eine sachliche Auseinandersetzung gewesen.

Kommentare bitte an Gerojenner@gmail.com

Der Zufall und der Liebe Gott

Anton Zeilinger gewidmet

1. Wenn einer der führenden Wissenschaftler unserer Zeit, der Quantenphysiker Anton Zeilinger, die Entdeckung des Zufalls als die bedeutendste Entdeckung des 20. Jahrhunderts feiert, dann sollte man aufhorchen.*1* Mit dieser Auffassung stellt er sich einer Tradition entgegen, die bis zu den Babyloniern zurückreicht Der Zufall und der Liebe Gott weiterlesen

(5) Das Gewohnte und das Gewöhnliche

Unser Verhältnis zu Wunder und Wunderbarem ist ambivalent. Einerseits sehnen wir uns nach dem Außerordentlichen, verschlingen alle Berichte und Gerüchte über das Auftreten irgendeines nicht für möglich gehaltenen Geschehens, andererseits fürchten wir uns davor, weil das Ungeplante, Ungewollte, Unvorhergesehene unsere Sicherheit bedroht. Die Haltung der Wissenschaften ist demgegenüber von Eindeutigkeit bestimmt. Sie verpönt das Wunder und verspottet alle, die daran glauben. Wenn die Geltung der Naturgesetze per definitionem keine Ausnahme kennt, kann es keine Wunder geben.

(5) Das Gewohnte und das Gewöhnliche weiterlesen

Das Wunderbare und seine Feinde (2)

Demokratische Antignosis

In diesem Buch möchte ich den Leser dazu ermuntern, seinen Blick für das Wunderbare zu schärfen. Mein Vorgehen wird allerdings nicht darin bestehen, Autoritäten zu zitieren oder Behauptungen aufzustellen. Vielmehr soll meine Anleitung darin bestehen, das eigene Denken anzuregen. Das Wunderbare und seine Feinde (2) weiterlesen

Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Das Wunderbare und seine Feinde (1) weiterlesen

Silly question: Are humans free?

No, the question is only stupid because it is thought to be so. Not long ago leading German neurologists like Roth and Singer considered their fellow men expressis verbis naive, if not downright stupid, if they did not want to recognize that from a scientific point of view – man does not possess freedom of will.*1* Silly question: Are humans free? weiterlesen

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion weiterlesen

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

(Näheres in den autobiographischen Notizen Der Einsteiger Amazon. Kindle eBook)

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie weiterlesen

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt).

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen? weiterlesen

De gustibus EST disputandum!

An important, perhaps the most important, task of a good teacher is to dissuade students from making hasty judgments, for it is with this craving that we come into the world, while on the contrary reason only develops very slowly. Infants immediately start crying when they feel unwell and they smile when being treated kindly. But the vocabulary of pubescent young people still contains mainly expressions like super, cool, great or negative ones like poo, disgusting, evil etc. The aversion to independent thinking and the tendency to replace arguments with hasty values and judgments remains in later life – for many people throughout their lives.

De gustibus EST disputandum! weiterlesen

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

De gustibus EST disputandum weiterlesen