Das Wunderbare und seine Feinde (2)

Demokratische Antignosis

In diesem Buch möchte ich den Leser dazu ermuntern, seinen Blick für das Wunderbare zu schärfen. Mein Vorgehen wird allerdings nicht darin bestehen, Autoritäten zu zitieren oder Behauptungen aufzustellen. Vielmehr soll meine Anleitung darin bestehen, das eigene Denken anzuregen. Selbständiges Denken ist das Vorrecht jedes Menschen, jeder kann sich darauf einlassen und jeder dabei gewinnen, wenn er sich in diesem Prozess von herrschenden Vorurteilen oder angesagten Tabus befreit.

Ausdrücklich appelliere ich daher an ein demokratisches Vermögen, denn das reine Denken ist keine Fähigkeit, welche Experten für sich beanspruchen dürfen. Das reine oder elementare Denken bildet jene intellektuelle Grundlage, die auch die Grundlage allen Expertenwissens bildet. Diese Tatsache gerät nur zu leicht aus dem Blick. Gewiss – um mit Sachverstand über irgendein Gebiet der Physik, Chemie, Astronomie etc. zu reden, bedarf es eines Studiums von mehreren Jahren, und auch dann bleibt das Wissen selbst des größten Gelehrten immer noch bruchstückhaft, so immens ist inzwischen der Bereich des auf allen Gebieten Wissbaren geworden. Seit Leibniz und Voltaire gibt es den Universalgelehrten nicht mehr; dafür ist jedes individuelle Gedächtnis zu klein. Doch die Prinzipien, die allem menschlichen Wissen – und eben auch allem Expertenwissen – zugrunde liegen, sind einfach und elementar und gehören zur Auffassungsgabe jedes Menschen. Genau deswegen sind die Wissenschaften ja für alle Menschen erlernbar – alle besitzen die dafür notwendigen Voraussetzungen der „reinen Vernunft“.

Diese elementaren Voraussetzungen

sind so universal, dass nach einem Untergang der gegenwärtig lebenden Menschheit eine neue Generation, die dann wieder vom Nullpunkt beginnen müsste, Wissenschaft in Theorie und Praxis von neuem hervorbringen würde. Alle konventionellen Festlegungen wie Länge, Gewicht, Zeit, Temperatur etc. würden möglicherweise anders festgelegt werden (schon heute unterscheiden sich Celsius von Fahrenheit, Zoll von Zentimetern usw.), aber nach Umrechnung dieser konventionellen Einheiten würden die Gesetze der Natur die gleiche Form wie zuvor besitzen, und zwar aus einem naheliegenden Grund: wir abstrahieren sie aus einer außerhalb von uns selbst, unabhängig von unserem Wünschen und Wollen bestehenden Wirklichkeit.

Es ist von entscheidender Bedeutung,

diese demokratische Grundlage menschlichen Denkens hervorzuheben, denn ihr gegenüber – und diese Grundlage oft genug leugnend – stehen Ansprüche der Macht, die es in der Wissenschaft ganz genauso gibt wie in allen übrigen menschlichen Tätigkeiten. Ich sagte schon, dass sich jeder lächerlich machen würde, der sich über Details der Quantentheorie verbreitet, ohne sich das entsprechende Wissen in jahrelangem Studium angeeignet zu haben. In einem solchen Fall ist Spott nur zu berechtigt. Er wird aber zu einem Machtmissbrauch, wenn Spezialisten sich dagegen wehren, dass der Generalist die elementaren, demokratischen Grundlagen der Erkenntnis erhellt, welche allem und deshalb auch seinem Wissen zugrunde liegen. Dann schreiben sie sich ein Monopol von Wahrheit und Erkenntnis zu, dass sie genau deshalb nicht haben können, weil die Grundlagen ihres Vorgehens im Denken aller Menschen angelegt sind.

Das reine oder elementare Denken,

das man früher einmal mit dem heute eher verbrauchten Begriff der Philosophie umschrieb – führt den Menschen nicht nur zu einer wissenschaftlich verstandenen Wirklichkeit, die ihm als objektive Instanz gegenübertritt, es führt ihn genauso auch zu sich selbst. Zwar kann er auch sich selbst auf wissenschaftliche Art verstehen, nämlich wie ein Objekt, da er aus demselben Stoff gemacht ist wie die ihn umgebende Natur. Für den Arzt ist mein Körper eine Maschine, die er aufgrund seiner physikalischen, chemischen, biologischen, neuronalen und psychologischen Kenntnisse zu diagnostizieren und unter Umständen zu reparieren vermag. Wenn er die Körper-Maschine wieder in ihren normalen Zustand zurückversetzt, sprechen wir von einer Heilung. Die Naturgesetze innerhalb meines Körpers unterscheiden sich nicht von den außerhalb vor mir geltenden. Deshalb haben hier Wunder ebenso wenig Platz wie in der uns umgebenden Natur. Ein Toter ist noch niemals auferstanden, ein abgeschlagener Kopf noch nie nachgewachsen, kein Mensch widersteht einem Kugelhagel.

Und doch treffen wir gerade hier auf das Wunderbare,

das den meisten Menschen nur deshalb verborgen bleibt, weil es ihnen so alltäglich, gewohnt und deshalb gewöhnlich erscheint. Die Wissenschaft geht davon aus, dass ein Stein sich in einem bestimmten Moment von der Felswand löst, weil ganz bestimmte, eindeutig festlegbare natürliche Ursachen dafür verantwortlich sind. Würden sie diese Ursachen vollständig kennen, dann wären sie in der Lage, in jedem Einzelfall genau vorhersagen zu können, wann und warum ein solches Ereignis geschieht. Auf jeden Fall können wir heute schon Ursachen und Wirkungen derart genau bestimmen, dass eine Rakete zum Mars sekundengenau gerade zu der Zeit und an dem Ort eintrifft, wie die Theorie es vorausgesagt hat. Dagegen vermag niemand – meist nicht einmal ich selbst – vorauszusagen, was ich in einer halben Stunde unternehmen werde.

Der Gegensatz zwischen dem Verhalten des Steins

und dem eines Menschen scheint auf den ersten Blick unüberbrückbar. Offenbar gehorcht der Stein sklavisch jenen Gesetzen, die wir in der gesamten Natur nachweisen. Er hat keinen eigenen Willen, keine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu verändern. Er wird ausschließlich von Kräften dirigiert, auf die er selbst keinen Einfluss hat – so die Sicht der klassischen Naturwissenschaft. Inzwischen lässt die Quantentheorie immerhin gewisse Zweifel an dieser Auffassung zu. Seit sie den Zufall einführte, spricht sie dem Stein (genauer gesagt, den Elementarteilchen, aus denen er besteht) eine gewisse Eigeninitiative zu, wenn auch eine unendlich kleine. Theoretisch ist es inzwischen durchaus denkbar, dass der Stein nicht nur sklavisch äußeren Gesetzen gehorcht sondern in Einzelfällen, die Initiative zu seinem Sturz von der Felswand bei ihm selbst liegen muss, weil einige seiner Atome durch ihre erratische, unvorhersehbare Bewegung den Sturz erst ermöglicht haben…

Wie der Stein unterliegen auch der Mensch und andere Lebewesen Tausenden von Abhängigkeiten. Fehlen Kalorien in ihrer Ernährung, sterben sie an Entkräftung, mangelt es an Kalzium, dann verkümmern ihre Knochen, sind sie einem Übermaß an ultravioletter Strahlung ausgesetzt, entstehen auf der menschlichen Haut krebsartige Melanome. Überdies sind wir uns nur selten bewusst, wie eng die Grenzbedingungen unserer Existenz auf diesem Planeten tatsächlich sind. Die Luft muss einen Mindestanteil an Sauerstoff besitzen und darf ein Maximum an CO2 oder Stickstoff nicht überschreiten. Noch dazu ist der Temperaturbereich, der uns und allen anderen Lebewesen das Überleben auf Gaia ermöglicht, ein sehr enger Korridor – und überhaupt spielt sich Leben nur in einem hauchdünnen, nicht mehr als zehn Kilometer umspannenden Bereich zwischen der harten Oberfläche des Erdballs und der umgebenden Unendlichkeit ab. So gesehen, schränken die Naturgesetze mögliches Leben radikal ein. Wir sind Teil der Natur und ihren Gesetzen so unausweichlich unterworfen, dass schon geringe Änderungen an den bestehenden physischen Parametern unsere Existenz auf dem Globus vollständig auslöschen könnten.

Doch das ist keineswegs alles

Auch wenn das Leben denselben Naturgesetzen unterliegt, schließen diese Gesetze Zufall und Freiheit nicht aus. Mit sinngelenktem Wollen greifen wir beständig in die Wirklichkeit um uns ein, um sie (zum Guten oder zum Bösen) nach eigenen Wünschen zu gestalten. Diese Veränderung geschieht nicht gegen die Gesetze der Natur, aber sie lässt sich auch keinesfalls aus ihnen herleiten oder begründen.

Dies ist das Wunderbare schlechthin, denn in einer Welt, wo alles Geschehen ausnahmslos gesetzmäßig determiniert verläuft, dürfte es ein derartiges Eingreifen des Wollens auf die Welt der äußeren Dinge eigentlich gar nicht geben. Haben wir nicht eben noch festgestellt, dass das Vorgehen des Wissenschaftlers darin besteht, die Wirklichkeit – unabhängig von eigenem Wollen und Wünschen – so zu beschreiben und zu erklären, wie sie „objektiv“ also tatsächlich ist? Aber wenn diese Tatsächlichkeit (außer im interstellaren Raum jenseits unseres Globus) gar nicht besteht, weil hier auf der Erde lebende Wesen durch ihr Wollen und Wünschen in einem fort in die Wirklichkeit eingreifen und sie gestalten, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild! Das Wollen – menschliches Wollen ebenso wie das unserer tierischen Mitbewohner – ist de facto eine wirklichkeitsgestaltende Kraft neben den Naturgesetzen. Noch dazu eine Kraft von so gewaltigem Ausmaß und so immenser Energie, dass sie uns in die Lage versetzt, unseren eigenen Lebensraum in ein Paradies zu verwandeln oder ihn umgekehrt so zu vergiften und zu zerstören, dass er für alles Leben schon bald unbewohnbar sein könnte.

Solchen Einsichten von der Macht menschlichen Wollens

braucht sich der wissenschaftliche Spezialist nicht zu verschließen, dennoch gehören sie nicht zu seinem und zu keinem anderen Fachgebiet – sie gehören zum reinen, elementaren Denken, das allen Menschen gemeinsam ist. Das Wunderbare führt nicht nur zu geistiger Expansion – wie gerade gezeigt, kann es auch das Schreckliche und Bedrohliche sein. Das ist der Grund, warum es uns zugleich zu begeistern und zu erschüttern vermag. Hier liegt auch der Grund, warum es überhaupt einen Sinn macht, sich mit so grundsätzlichen Fragen zu befassen. Der Spezialist, jeder Spezialist, beschäftigt sich mit bestimmten Problemen theoretischer oder praktischer Art. Dafür wird er geachtet und honoriert. Wenn seine Leistungen das übliche Maß bedeutend überschreiten, wird er unter Umständen sogar mit dem höchsten Preis ausgezeichnet, den die heutige Menschheit zu vergeben hat, mit dem Nobelpreis. Das wirft eine wichtige Frage auf.

Was leistet ein Generalist,

wenn er auf das reine elementare Denken zurückgreift, sozusagen auf die menschlichen Anfangsgründe im Umgang mit der Natur? Wir werden sehen, dass er auf etwas völlig anderes verweist: auf die Grenzen, welche die menschliche Erkenntnis nicht zu überschreiten vermag. Grenzen – das Wort stößt im ersten Augenblick ab. Da kann leicht der Eindruck entstehen, als würde der Erkenntnis ein schlechter Dienst erwiesen. Der gelehrten Wissensgewissheit, dem Unterwerfung heischenden Wissenshochmut, wie er in jeder und vor allem gerade in unserer Zeit existiert, hält er die Grenzpfähle entgegen, über die unser Wissen und die Erklärung des Wirklichen nicht hinausgelangen.

Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass demokratische Antignosis nicht etwa nur jene zeitbedingten Grenzen im Auge hat, wie sie in jeder Entwicklungsphase durch den Stand unseres jeweiligen Wissens bedingt sind. Nein, sie spricht von grundsätzlichen Grenzen, die sich aus der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens selbst ergeben. Einer Ameise trauen wir nicht zu, dass sie eine vollständige Theorie von der Welt besitzt, ihre Sinne und Intelligenz sind ausschließlich für ihren Lebensbereich gemacht. Nach geltender Lehre ist aber auch der Mensch ein Produkt der Evolution. Wir besitzen Sinne und einen geistigen Apparat, die für die Orientierung der für uns relevanten Wirklichkeits­bereiche gemacht sind. Daraus ergeben sich offenkundige Grenzen, die wir mit unseren Sinnen teilweise überschreiten, indem wir sie durch allerlei Instrumente gleichsam verlängern. Auch unsere Vernunft können wir durch Künstliche Intelligenz quantitativ erweitern, aber wir können sie nicht qualitativ verändern, denn dann würden wir als Menschen die Künstliche Intelligenz nicht länger verstehen.

Ich spreche von demokratischer Antignosis

als derjenigen Erkenntnis, welche die eigenen Grenzen nicht nur intuitiv beschreibt sondern deren Evidenz zwingend demonstriert.*1* Demokratisch ist diese Erkenntnis, weil sie die Grundlage allen spezialisierten Wissens bildet und daher jedermann zugänglich ist. Als „Antignosis“ bezeichne ich sie, weil sie keinesfalls identisch mit jener ähnlichen Lehre ist, die sich als Agnostizismus einer langen Geschichte rühmen darf. Agnostizismus besteht in dem meist zögernden Eingeständnis, dass wir vieles nicht wissen und vielleicht nicht einmal wissen können. Agnostizismus ist ein anderes Wort für Verzicht, und der wird immer nur als Mangel erlebt und verschafft keine Befriedigung.

Dagegen weiß die Antignosis sehr viel mehr als der Agnostizismus. Sie zeigt nämlich auf, nein, sie beweist mit den Mitteln des reinen Denkens, dass menschliche Erkenntnis prinzipiell begrenzt ist, sodass wir vieles grundsätzlich nicht wissen können. Doch ist das keineswegs ein Verzicht. Es wird sich zeigen, dass darin keine Beschränkung liegt sondern die Rückkehr zu einer von Vorurteilen der Hybris befreiten Welt. Denn im Umkehrschluss zeigt die demokratische Antignosis, dass wir in einer Welt, die wir völlig enträtselt haben, weder leben könnten noch leben wollen. Eine solche Welt würde alle Horizonte blockieren und alls Freiheit ersticken. Dass eine demokratische Antignosis nebenbei auch den Hochmut der Experten in seine Schranken weist, mag manchem als erwünschte Nebenwirkung erscheinen.

1 Ich brauche nicht zu betonen, dass ich die Begriffe Gnosis und Antignosis in ihrem ursprünglichen Sinn verwende. Gnosis ist das griechische Wort für Erkenntnis, also nicht nur einer bestimmten Art der Gotteserkenntnis, welche um die Zeitwende entstand. Unter radikaler Gnosis verstehe ich den Anspruch der Wissenschaftsreligion, die göttliche Allwissenheit für den Menschen zu reklamieren. Antignosis wird damit zu einer Aufgabe einer kritischen Deutung menschlicher Erkenntnis. Wenn sie streng verfährt, dann wird daraus eine kritische wissenschaftliche Selbstreflexion.

Prof. Siegfried Wendt schreibt mir:

Lieber Herr Jenner,

beim Lesen Ihres sehr einleuchtenden Textes musste ich doch auch an die Aussage des Komödienautors und Schauspielers Curt Götz denken, der gesagt hat: „Allen ist das Denken erlaubt – vielen bleibt es erspart.“

Mit herzlichem Gruß

Siegfried Wendt

Prof. Michael Kilian schickt mir folgende Mail:

Lieber Herr Dr. Jenner,
herzlichen Dank für die Fortsetzung Ihres schönen Beitrags.
Wie sagt Shakespeare: „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt“.
Und die Bibel: Was hülfe es dem Menschen, wenn er alle Welt gewönne (= auch das Weltwissen) und nähme doch Schaden an seiner Seele. 

Anbei eine kleine Gegengabe aus jüngster Zeit, Ihr Michael Kilian 

Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Vorwort

Dieses Buch ist eines nicht: ein esoterischer Versuch, dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltverständnis unserer Zeit eine neo-obskurantistische Theorie von Wundern entgegenzusetzen. Ein Wunder nach klassischem Verständnis wäre es, wenn sich in einem Friedhof Sargdeckel plötzlich heben und Tote auferstehen. Ein Wunder wäre es auch, wenn aus einem Hühnerei unversehens ein Adler schlüpft, Wasser sich in Wein verwandelt, Gott aus einem brennenden Dornbusch tritt oder es einem Zauberer gelänge, ein Naturgesetz der Physik durch bloße Geistesmacht außer Kraft zu setzen.

Solche und noch viel abenteuerlichere Wunder haben Religionen überall auf der Welt ihren jeweiligen Gottheiten zugeschrieben – und ihre Anhänger haben ihnen inbrünstig geglaubt. Heute ist das nicht länger der Fall. Spätestens seit der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Wissenschaft solche Behauptungen unnachsichtig verspottet und als Aberglauben zurückgewiesen. An dieser Auffassung wird in diesem Buch festgehalten – auch wenn sich zeigen wird, dass die Wissenschaften, wie schon Karl Popper zeigte, keineswegs gegen die Versuchung gefeit sind, ihrerseits mit dem (Aber-)Glauben zu flirten…

Grundsätzlich anders verhält es sich mit dem Wunderbaren

Dieses ist in Wahrheit allgegenwärtig, nur dass die Routine des Alltags die meisten Menschen dafür nahezu vollständig erblinden ließ. In einem fort wird ihnen eingeredet, dass nur der Dumme über die Erscheinungen dieser Welt erstaunt. Ein wissenschaftlich aufgeklärter, gebildeter Mensch wisse, dass in der Natur alles auf die allernatürlichste Weise geschehe. Ein Dichter, Saint-Exupéry, musste den Kleinen Prinzen auf einen Asteroiden versetzen, um uns, den Menschen, die eigene, unglaubliche Situation in den Weiten des Alls wieder bewusst zu machen. Immanuel Kant musste den Sternenhimmel beschwören und das moralische Gesetz in der eigenen Brust, um dem Geheimnis des Lebens neuerlich zu begegnen und seine Leser zum Erschauern zu bringen. Das allerdings hielt er nicht lange durch; gleich darauf war Kant wieder bemüht, das Geheimnis in bannende Formeln zu pressen. Das Erschauern vor einer Wirklichkeit, die mächtiger ist als menschliche Vernunft, die sie zähmen will, ist das Privileg von geistiger Offenheit. Diese öffnet die Augen für Geheimnisse, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte zu enträtseln sucht und bis heute niemals zu enträtseln vermochte. Anders gesagt, öffnet sie die Augen für das Wunderbare der menschlichen Existenz.

Wer sich diesem Geheimnis ohne Scheuklappen stellt,

der ist sich bewusst, dass uns DIE WAHRHEIT unerreichbar bleibt, auch wenn sich uns unendlich viele Teilwahrheiten erschließen. Das wissenschaftlich gesicherte Fakten- und Gesetzeswissen ist nach zwei Jahrhunderten industrieller Revolution zu einem reißenden Strom angeschwollen, der von Tag zu Tag breiter wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als wäre der moderne Mensch gerade im Begriff, auch noch die letzten Rätsel seines Daseins zu lösen. Anderseits gibt es zu denken, dass er von dieser Überzeugung bereits vor mehr als hundert Jahren durchdrungen war, als sein Wissen ungleich geringer als heute war. 1899 veröffentlichte Ernst Haeckel ein Buch mit dem Titel Die Welträthsel. Da behauptete der Autor nicht mehr und nicht weniger, als dass alle Geheimnisse dieser Welt von der Wissenschaft bereits grundsätzlich gelöst worden seien. Nur was das kantische „Ding an sich“ eigentlich sei, bleibe ein Rätsel; das aber könne man wohl damit erklären, dass dieses seltsame Dinge eine bloße Erfindung ist.

An Haeckels Buch – dem mit Abstand größten populärwissenschaftlichen Erfolg der deutschen Buchgeschichte – ist zu erkennen, dass die behauptete Enträtselung wenig bis gar nichts mit dem Umfang des tatsächlichen vorhandenen empirischen Wissens einer Zeit und eines Autors zu tun hat. Diese erstaunliche Erkenntnis wird uns schlagartig zu Bewusstsein gebracht, wenn wir einen noch viel größeren Sprung vollziehen, nämlich in die Vergangenheit vor zweieinhalbtausend Jahre. Damals waren die beiden griechischen Philosophen Demokrit und Leukipp zutiefst davon überzeugt, das gesamte Weltgeschehen auf die unterschiedlichen Relationen von kleinsten materiellen Teilchen, die sie „Atome“ nannten, zurückführen und vollständig erklären zu können. Sie setzten eine mechanistische Religion in die Welt, um mit ihr die Götter und zusammen mit diesen auch gleich noch den sinnenden, wollenden Menschen zu entsorgen. Schon damals, als menschliches Wissen im Vergleich zum heutigen nahe bei null lag, nahmen sie die berühmt-berüchtigte Formel von Laplace ahnend vorweg (vgl. Kap. Wissenschaftsreligion: die Entzauberung von Mensch und Natur).

Nicht erst die moderne Wissenschaft

hat den Wunsch nach gottgleichem Wissen zum Vater des Gedankens gemacht. Ganz gleich wie groß oder beschränkt das tatsächliche Wissen war, immer gab es tollkühne Theoretiker, die sich imstande wähnten, jenen Sessel irgendwo im All zu besetzen, auf dem der Mensch zuvor den göttlichen Schöpfer der Welt thronen sah. Hätten sie diesen Anspruch auf die erfolgreiche Lösung aller Rätsel zu Recht erhoben, dann wäre es dem Menschen nicht nur gelungen, das Wunder sondern auch noch das Wunderbare für alle Zeit zu verbannen – als entsorgte Antiquität unaufge­klärter Köpfe. Welches Geheimnis bleibt denn noch, wenn wir die Welt restlos entziffern, sie vollständig in Formeln beschreiben und mit ihrer Hilfe die Zukunft entschlüsseln, um dann menschliches Handeln ebenso verlässlich wie die Bahnen der Planeten voraussagen zu können?

In Wahrheit haben wir es

mit einer bloßen Wunschvorstellung zu tun; ich werde von „Wissenschaftsreligion“ sprechen. Gerade die größten Wissenschaftler sind sich bewusst, dass ein gelöstes Problem sofort ein Dutzend neue Probleme beschwört. Je heller der Strahl, den der erkennende Geist in das ihn umgehende Dunkel wirft, desto mehr weiten sich die Räume, die dieser Lichtkegel erfasst – desto mehr dehnt sich daher auch das Dunkel aus, das sich jenseits dieses Lichtkegels befindet. Wissenschaft ist der Versuch, mit den endlichen Mitteln der erkennenden Vernunft in das Unendliche vorzustoßen. Das Wunderbare wird auf diese Weise niemals erschöpft.

Und Wissenschaft ist bekanntlich

nicht die einzige Art und Weise, wie wir uns der uns umgebenden Wirklichkeit nähern. Sie kann es nicht sein, da sie nur dem intellektuell-erkennenden Vermögen Entfaltung bietet. Gefühle und Empfindungen dürfen dabei prinzipiell keine Rolle spielen, denn sie sind lediglich „subjektiv“ – an das jeweilige Wünschen und Wollen gebunden. Die wissenschaftliche Wahrheit aber soll grundsätzlich unabhängig von unserem Wünschen und Wollen sein, sie soll die uns gegenüberstehende Wirklichkeit „objektiv“ erfassen, also gleichgültig davon, ob diese uns emotional berührt oder nicht. Ein Stück Traubenzucker auf meiner Zunge kann Entzücken bewirken, die chemische Formel C6H12O6 aber lässt meine Gefühle kalt. Denn die Formel geht ausschließlich aus den Forderungen des analytischen Verstandes hervor. Daher hat Wissenschaft für den Menschen nur einen instrumentellen Wert (obwohl der Akt der Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ihren Urheber sehr wohl emotional sehr stark bewegen kann). Sie gibt uns Sicherheit im Umgang mit den Dingen der Welt; ihre größten Erfolge erzielt sie, wenn sie uns erlaubt, die Zukunft aufgrund unseres Wissens zu planen oder vorauszusagen. Nur auf indirekte Art steht auch sie damit im Dienste menschlicher Gefühle, denn Sicherheit gehört zu den elementaren Bedürfnissen, da sie uns von der Angst vor dem Unplanbaren, dem Unberechen- und dem Unvorhersehbaren befreit.

Dennoch wäre der Mensch der Fülle

seines Menschseins beraubt, wenn es für ihn nur Wissenschaft gäbe, also die Anwendung seiner analytischen Fähigkeiten, um die Wirklichkeit objektiv zu beschreiben – ohne Ansehen der eigenen Gefühle. Außer der wissenschaftlichen gibt es noch eine zweite Art, mit Wirklichkeit umzugehen; diese ist von der wissenschaftlichen radikal unterschieden. Auch dabei haben wir es aber mit einer Form der Erkenntnis zu tun, nur eben einer ganz anders gearteten. Statt vorhandene Wirklichkeit zu entschlüsseln, besteht diese Erkenntnis darin, dass sie Wirklichkeit selbsttätig hervorbringt. Sie kreiert ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit statt sie nur zu erkennen.

Natürlich spreche ich von der Kunst

In ihr manifestiert sich nicht etwa das Wunder – das wurde von den Wissenschaften zu Recht entsorgt – sondern das Wunderbare. Auch wenn Kunst keineswegs mit dem Schönen identisch ist (darüber wird noch zu sprechen sein), besteht sie doch sehr oft in dessen Hervorbringung. Schönheit ist keine Beschreibung des Wirklichen aufgrund intellektueller Analyse, sie ist schon gar keine emotional unbeteiligte Zeugenschaft. Schönheit ist die Projektion unserer intellektuellen zusammen mit unseren emotionalen Kräften, um neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Kunst macht uns zu Schöpfern, weil das Schöne eine neue Wahrheit und Wirklichkeit ist, die sich aus der vorhandenen nicht ablesen lässt, sondern unmittelbar aus dem Inneren des Menschen, aus seinem Hirn und seinem Herzen, stammt. Wissenschaft hingegen ist keine neue Wahrheit sondern Wahrheit, die sich darauf be­schränkt, in zugleich analytischer und generalisierender Form zu erfassen, was in der Wirklichkeit objektiv in unendlich vielen Einzelereignissen bereits vorhanden ist. Ein Naturgesetz ist keine Erfindung des Menschen – sie ist Findung von etwas bereits Daseiendem.

Greifen wir willkürlich eines von unendlich vielen Beispielen

für das Schöne heraus: Beethovens neunte Symphonie. Aus wissenschaftlicher Perspektive begreifen wir mühelos, warum uns die Zuführung von Kalorien am Leben erhält. Aber wie sollen wir begreifen, dass bloße Schwingungen der Luft, erzeugt von einem Blasen durch Röhren und das Kratzen von Rosshaaren auf metallischen Saiten – denn aus nichts anderem besteht diese wie auch alle anderen Symphonien – uns in Ekstase versetzen können. Das ist und bleibt ein unlösbares Geheimnis: Inbegriff des Schönen und eben des Wunderbaren. Wir brauchen keine Aufhebung der Naturgesetze, wir benötigen kein Wunder, damit uns dieses Geheimnis erschüttert. Wir brauchen nur auf das lächelnde Gesicht eines Menschen zu blicken, wenn er, von Rhythmus und Melodie bezwungen, etwas Unsichtbares, Ungreifbares erfährt, das ihn stärker berührt als die alltäglichen Akte seiner physischen Existenz.

Aus physikalischer Perspektive sind bloße Schwingungen von Luftmolekülen nahezu irreal. Dennoch kann ihre Wirkung so überwältigend sein, dass manche von uns ihr tägliches Leben überhaupt nur deswegen ertragen, weil sie die Musik zeitweise in eine andere, höhere Daseinsform katapultiert – in das Wunderbare. Auch das ist offenbar eine Form der Erkenntnis, denn sie prägt uns selbst ebenso wie unser Erleben der äußeren Dinge. Die Welt verwandelt sich für uns durch die Erfahrung des Schönen.

Die Berührung mit dem Wunderbaren

macht den Alltag erträglich, sie verzaubert die Wirklichkeit. Andererseits ist deren Entzauberung dafür verantwortlich, dass vielen Menschen das eigene Leben und die umgebende Welt nur schwer erträglich erscheinen. Hat man den Wissenschaften zu Recht vorgeworfen, dass sie dafür verantwortlich sind, weil sie die Welt entzaubern?

Nein, so einfach ist es gewiss nicht. Nur teilweise ist es richtig, wenn wir die Wissenschaften für diese Ernüchterung verantwortlich machen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie der Welt viel von ihrem Zauber genommen haben. Vor William Harvey (1578 – 1657) war das Herz ein geheimnisvolles Organ – für viele Völker und Zeiten der Sitz übernatürlicher Kräfte. Nach Harvey war das Herz nur noch eine Pumpe. Das war einerseits ein gewaltiger Erkenntnissprung – Ausweitung von überprüfbarer Wahrheit, andererseits war es ein emotionaler Verlust: eine Pumpe eignet sich nicht länger für ausschweifende poetische Gleichnisse. Für die Dichtung war das Herz seitdem entzaubert, verloren. Dieselbe Banalisierung der Wirklichkeit aufgrund der sukzessiven Wahrheitsfortschritte des analytischen Verstandes betraf bald immer größere Bereiche der uns umgebenden Welt, z.B. die Himmels­körper. Bis zum Aufkommen der modernen Astronomie und der Spektroskopie galten Planeten und Sterne als Sitze der Götter oder wurden sogar als deren Verkörperung gesehen. Heute sind sie nur noch fliegende Klumpen von unterschiedlicher chemischer Struktur. Für unsere Gefühle sind sie erkaltet. Einen Auf­enthalt auf einem dieser trostlosen Gebilde würden wir selbst unseren ärgsten Feinden nicht wünschen, geschweige denn den Göttern (sofern wir noch an sie glauben).

Was für eine radikale Entzauberung! Wenn wir um uns blicken, dann sehen wir, dass die wissenschaftliche Erklärung sich wie ein grauer Mehltau auf die Dinge legte und sie ihrer Poesie beraubte. Das Herz wurde zur Pumpe, die gesamte uns umgebende Wirklichkeit zu einer Maschine von mehr oder weniger großer Komplexität.

Doch etwa seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts

ist etwas Seltsames, eher Unerwartetes, geschehen. Durch die Quantenphysik wurde die Physik so außerordentlich komplex, dass ihre Theorien und Produkte uns genau deswegen wieder mit einer Art Zauber berühren. Newtons allgemeine Himmelsmechanik, welche die Bewegung von Sternen ebenso wie die eines Apfels auf unserem Planeten beschreibt, war (fast) für jedermann verständlich. In ihrer mechanischen Verlässlichkeit wirkte sie einerseits als Offenbarung für den forschenden Intellekt, andererseits als kalte Ernüchterung für das Gefühl. In dem bis dahin von Leben durchpulsten Kosmos vermochte der Mensch nach Newton nur noch ein großes Uhrwerk zu sehen, das man zwar verstehen aber nicht lieben konnte. Wer liebt schon ein so totes Ding wie einen nach sturen Regeln funktionierenden Mechanismus?

Doch 1900 entwarf Max Planck die Grundidee der Quantenmechanik und eineinhalb Jahrzehnte später trat Albert Einstein mit der Allgemeinen Relativitätstheorie auf den Plan. Wie ihre größten Kenner übereinstimmend verkünden, lässt sich die Quantentheorie nicht mehr anschaulich machen und auf diese Weise verstehen – die Wirklichkeit des Atoms entspricht nicht mehr der Wirklichkeit der Mittleren Welt, in der wir leben (vgl. Kap. Die verpasste Revolution der Quantenphysik).

Dieses Versagen der menschlichen Anschauung gegenüber der fremdartigen Wirklichkeit des Allerkleinsten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das Bild der Natur von einem Uhrwerk und toter Mechanik hatte damit auf einmal ausgedient. Plötzlich war das Rätsel zurückgekehrt, denn für die Naturwissenschaft gibt es kein größeres Geheimnis, als wenn sie zugeben muss, die Welt nicht länger erklären zu können (selbst wenn sie sich immer noch manipulieren lässt – sonst wäre die neue Theorie überhaupt überflüssig). So dürfen wir heute behaupten, dass gerade die königliche Disziplin der Wissenschaften, die Physik, die Natur zwar einerseits radikal entzauberte, ihr andererseits aber auch wieder etwas von ihrem Rätsel zurückgab – Nichtverstehen ist identisch mit dem Geheimnis.

Diese Wiederverzauberung gilt nicht nur für die Theorie,

sie gilt auch für viele moderne Produkte, die wir ihr zu verdanken haben. Wir brauchen nur an Computer oder Handys zu denken, um uns davon einen Begriff zu machen. Die Menschen wären ihnen nicht so verfallen, sie würden nicht so süchtig mit diesen Dingen arbeiten und spielen, wenn diese Geräte ihnen nicht geheimnisvoll und geradezu unerschöpflich erscheinen würden. Wie ein klassisches Telefon funktioniert, war auch für den Laien noch leicht zu begreifen. Es hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die Übertragung von Sprache; darin erschöpfte sich sein Gebrauch. Ein Smartphone aber bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle dieser und anderer Funktionen; es stellt nicht nur eine intellektuelle Herausforderung dar sondern hält darüber hinaus auch noch die Gefühle in Bann, wenn seine Nutzer sich in aufregenden Spielen verlieren. Für viele Menschen fällt die neueste Wissenschaft hier plötzlich wieder mit der ältesten Magie und Zauberei zusammen, denn allenfalls einer von tausend weiß, wie solche Geräte tatsächlich funktionieren.

Wir leben in einer paradoxen Zeit

Ich sagte gerade, dass die Kunst neue, nie dagewesene Wirklichkeiten erschafft, während die Wissenschaft bestehende Wirklichkeiten beschreibt. Diese Feststellung scheint logisch unanfechtbar, sie scheint den Tatsachen aber dennoch zu widersprechen. Zwar trifft es zweifellos zu, dass bis ins 18. Jahrhundert die Gestaltung der Wirklichkeit überall in der Welt überwiegend durch die Kunst erfolgte. Tempel und Kathedralen, Gärten und Schlösser sind die sichtbarsten Beispiele für diese Transformation der Wirklichkeit durch den Menschen. Rechnet man noch den Bereich des Unsichtbaren hinzu, nämlich Musik und Dichtung, dann ist die Evidenz für die wirklichkeitsgestaltende Macht der Kunst überwältigend.

Doch diese Macht der Kunst über die Wirklichkeit wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts gebrochen. Seitdem sind es die Produkte der Wissenschaften, welche die uns umgehende Natur so stark verwandeln, dass die Menschen früherer Zeiten ihre damalige Welt in der heutigen kaum mehr wiedererkennen würden. Es sind Tausende neuer durch Wissenschaft hervorgebrachte Apparate – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und Tausende von Fabriken zu deren Herstellung, die das Aussehen unserer Städte und Landschaften ebenso bestimmen wie unser tägliches Leben. Offenbar besteht die eigentliche, die für jedermann sichtbare Leistung der Wissenschaften nicht darin, dass sie die Ordnung der Natur an ihren Gesetzen objektiv richtig beschreiben, sondern dass sie die Natur auf eine nie dagewesene Art in kurzer Zeit radikal transformieren – weit umfassender als das jemals die Kunst vermochte.

Wie passt das zusammen: Wissenschaft als die Gesamtheit

aller objektiven (für jedermann nachprüfbaren) Aussagen über die uns umgebende Welt einerseits und auf der anderen Seite Wissenschaft als das bisher wirksamste Instrument zur Erschaffung neuer, nie dagewesener Wirklichkeiten, also als ein Instrument zur Entfesselung menschlicher Freiheit?

Wie wir noch sehen werden, passt das überhaupt nicht zusammen, sondern wir stoßen gerade hier auf das Wunderbare, das Wissenschaft selbst nicht zu erklären vermag. Die Entfesselung menschlicher Freiheit durch eine Wissenschaft, welche Freiheit ganz leugnet oder sie mit einem sinnlosen Zufall identifiziert, ist das vielleicht größte Paradox unserer Zeit (siehe Kap. Demokratische Antignosis in unserer Zeit).

So gesehen ist es ein eher bescheidenes Paradox,

dass die talentiertesten und ehrgeizigsten Köpfe seit mindestens einem Jahrhundert in die Wissenschaften drängen, und zwar in die Wissenschaften von der Natur, weil deren Nutzen für die Steigerung von Reichtum, Macht und Ansehen eines Staates so evident sind. Dagegen verkümmern die Kunst und die Wissenschaften des Geistes schon seit Jahrzehnten. Sie werden an immer kürzerer Leine gehalten, weil ihr materieller Nutzen vergleichsweise begrenzt ist.

Welch ein Gegensatz zur Vergangenheit? Während Geist und Talent vor fünfhundert Jahren zu den Künsten strebten und Italien zu dem Wunder machten, das es aufgrund so vieler Zeugnisse der Schönheit bis heute geblieben ist, widmen die herausragenden Köpfe der heutigen Zeit ihre ganze Kraft den Naturwissenschaften und allem, was mit diesen zusammenhängt. Doch die Wissenschaften erzeugen zwar intellektuelle Fülle, sie steigern das analytische Vermögen und verwandeln uns in Verstandesmenschen mit steigendem Intelligenzquotienten, aber sie hinterlassen eine spirituelle und emotionale Leere, da sie das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Wärme und spiritueller Geborgenheit nicht befriedigen. In ihrer theoretischen Grundlegung haben sie keinen Platz für ethisches Sollen und ästhetische Schönheit. Was den Menschen als ganzen am meisten betrifft, das entzieht sich ihrem Zugriff und ihrem Interesse (so kunstsinnig einzelne Wissenschaftler persönlich auch gewesen sein mögen und oft heute noch sind). Wir verstehen zwar, warum Wunder keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltanschauung haben. Wenn die Gesetze der Natur per definitionem ewig und unverbrüchlich sind, dann stellt ihre Durchbrechung einen logischen Widersinn dar. Aber warum ist seit dem Aufkommen der Wissenschaften auch das Wunderbare ganz aus dem Blickfeld verschwunden? Mit Logik ist diese Tatsache nicht zu begründen – sie gehört zu den Vorurteilen der Wissenschaft als einer neuen säkularisierten Religion.

Diese Vorurteile aufzudecken, ist keine Aufgabe für Experten, die ja eher bestrebt sind, ihr Wissen wie ein Monopol zu verwalten. Sie ist eine Aufgabe jenes menschlichen Grundvermögens, das Kant als „reine Vernunft“ bezeichnet hatte. Ich werde im nächsten Kapitel von „demokratischer Antignosis“ sprechen.

Der Soziologe Dr. Alexander Dill schreibt dazu Folgendes:

Lieber Herr Jenner

Ich entdecke bei Ihnen zunehmend mein eigenes Denken, eine romantische und arg selbstverliebte Skepsis gegenüber der vermeintlichen Aufklärung, so, wie einst die Frankfurter Schule, dann Peter Sloterdjik und die postmodernen Franzosen. Bei Ihnen kommt das eher British daher. Sehr fashionable und highly sophisticated. Das Wunderbare ist ja auch das Unwahrscheinlichste, nämlich die eigene Existenz. Da wir wenig bis nichts über das Wissen wissen (Wissen kann man übrigens nicht googeln), steht das Wunderbare in der heroischen Reihe der großen Rätsel, zusammen mit Gott, dem Anderen, dem Du, der Zeit und der Unendlichkeit. Dazu gibt es ein längeres Video mit mir aus der Schweiz, in dem ich eine Geschichte des Wissens als Einleitung biete: https://www.youtube.com/watch?v=Ey9MSXOPijk.

Wunderbar ist auch, dass Fritz Goergen hier mitliest, der mich unter seinem vorigen Namen Fritz Fliszar als Doktorstipendiat in die Friedrich Naumann Stiftung aufnahm.

Herzlicher Gruß Ihres Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

wenn es uns gelänge, eine Diskussion über die Sache zu führen, indem Sie mich – je nachdem – loben, heftig kritisieren, eigene Vorschläge vorbringen usw., dann würde ich das sehr begrüßen, denn das Thema liegt zweifellos in der Luft. Aber hüten wir uns, einander Etiketten aufzudrücken (Romantiker mit britischer Orientierung, Epigone der Frankfurter Schule etc.). Daran denke ich nämlich, wenn ich über die Feinde des Wunderbaren rede. Für die gibt es nichts, was sie nicht verstehen, weil sie die gesamte Wirklichkeit sorgfältig in etikettierten Schubladen abgelegt haben. Wenn man solchen Leuten begegnet, wird aus jeder Diskussion eine Art von Beauty Contest, ein Ego-Gefecht, wo jeder der oder die Schönste bzw. Intelligenteste sein möchte. Will man die Wirklichkeit als das erfahren, was sie in Wahrheit ist, dann muss man erst einmal die Ego-Blase sprengen, in der man „arg selbstverliebt“ gefangen ist (a propos, Sie wissen natürlich, wie verbreitet die Neigung ist, anderen genau jene Fehler zuzuschreiben, die man an sich selbst entdeckt). Übrigens kommen solche eher psychologischen Abschweifungen in meinem Buch eher selten vor. Es geht um elementare Logik – demokratische Antignosis – wie ich das nenne.

(Ihr Youtube Video ist leider akustisch schlecht aufgenommen, zum Teil schwer zu verstehen)

Herzliche Grüße

Gero Jenner

Der Schauspieler Fritz Stavenhagen schreibt:

Sehr geehrter Herr Jenner,
seit etlichen Jahren erhalte, lese und genieße ich Ihre Abhandlungen zu politischen, historischen, philosophischen Themen. Zum Wunderbaren Ihrer letzten ist mir eingefallen, dass ich zu der von Ihnen angesprochenen Entzauberung der Wirklichkeit durch die Naturwissenschaften im Rahmen meiner kleinen „Einführung in die Lyrik“ speziell zur Herzproblematik einiges gefunden und referiert habe, das die ausschließliche Funktion des Herzens als Pumpe in Frage stellt, wenn nicht widerlegt. Ich bin nicht Wissenschaftler sondern Künstler geworden. So haben mich die Forschungen und Erkenntnisse der Kardiologen nicht nur brennend interessiert, sondern auch zutiefst befriedigt und bestätigt. Ich erlaube mir, Ihnen mein Büchlein anzuhängen und möchte insbesondere auf das letzte Kapitel verweisen (Seite 74ff).

Mit den besten Grüßen 
Fritz Stavenhagen

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion weiterlesen

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie weiterlesen

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen?

(Die aufwühlenden Gegenwartsprobleme sich selbst überlassend, wende ich mich wieder einer zeitlosen Frage zu, die immer schon im Zentrum meiner Aufmerksamkeit stand: dem Problem menschlicher Freiheit, aber so wie sich dieses uns in heutiger Form präsentiert. Marvin Minsky, der Prophet der Künstlichen Intelligenz, ist seit 2016 verstorben, aber das schließt ja nicht aus, dass er oben im Himmel Sokrates begegnet und ein heftiges Streitgespräch mit ihm führt).

Sokrates gegen Minsky – Können Künstliche Intelligenz und Roboter den Menschen ersetzen? weiterlesen

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

De gustibus EST disputandum weiterlesen

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen

Liebe zur Weisheit (Philosophie) – Grande Dame oder lebender Zombie?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Die Philosophie hat es schwer in unseren Tagen. Wie eine alte Dame von vornehmer Abkunft macht sie noch immer durch herrschaftliches Auftreten und ein gewaltiges Selbstbewusstsein von sich reden – geradeso, als wüsste sie nicht, dass man hinter ihrem Rücken längst über den Zombie spöttelt. Gewiss, an fast allen Universitäten ist Philosophie noch präsent, aber man braucht ihren hochtrabenden griechischen Namen nur ins Deutsche zu übersetzen, um ein herablassendes Lächeln zu provozieren. Was ist da von ‚Weisheitsliebe’ noch übrig? Geht es den Leuten um den Ernst des Lebens, beschäftigen sie sich mit Betriebswirtschaftslehre, Logistik oder Physik. Wenn sie sich amüsieren wollen, haben sie mit Weisheit schon gar nichts im Sinn. Liebe zur Weisheit (Philosophie) – Grande Dame oder lebender Zombie? weiterlesen

Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen

Lange muss man suchen, um in der heutigen Sachbuchliteratur einen Autor zu finden, der ihm in der Brillanz des Stils, der Tiefe der Reflexion und dem Umfang der Bildung auch nur entfernt nahe kommt. Die Rede ist von jenem Mann, der in Wien aus dem Fenster des dritten Stocks in der Gentzstraße sprang, als er 1938 die Nazischergen an die Tür klopfen hörte. Noch im Augenblick des bevorstehenden Todes hat er auf seine Art den Wiener Charme definiert, denn während seines Sprungs rief der massige Mann den Leuten auf der Straße noch ein „Achtung!“ zu. Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen weiterlesen

Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?

Die Frage ist umstritten und scheint doch eine schnelle Antwort zu gewähren: Bei oberflächlicher Betrachtung ist der Mensch das aus der Geschichte lernende Wesen schlechthin. Wer sich die Finger am Feuer verbrennt, hält sie gewiss nicht zum zweiten Mal in eine Flamme. Wer den Samen aufgehen sieht, nachdem er ihn in die Erde säte, hat die Grundzüge der neolithischen Revolution begriffen und damit den Grundstein für jenen gewaltigen Bau des kumulativen Wissens gelegt, der nur in einer Gesellschaft des Lernens entstehen konnte, wo sich das begrenzte Wissen einzelner Individuen zu kollektivem Wissen in Raum und Zeit addiert. Nur aus Erfahrung wird der Mensch klug; die Geschichte, aus der er Erfahrung schöpft, bildet die Grundlage aller Erkenntnis und allen Fortschritts. Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte? weiterlesen

Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren

(auch erschienen in: Tichys Einblick und Forum Freie Gesellschaft)

Eine Wiener Philosophin hat kürzlich im österreichischen Rundfunk mit einem Text von großer sprachlicher Eindringlichkeit für die pluralistische Gesellschaft geworben. Nicht im Kampf der Kulturen, wie Huntington ihn beschwor, liege die eigentliche Bedrohung, sondern im Kampf aller Fundamentalisten gleich welcher Religion und Ideologie gegen die multikulturelle Gesellschaft. Deren Vielfalt sei das einzig positive Ideal unserer Zeit, nicht Homogeneität wie von den Fundamentalisten erstrebt. Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren weiterlesen