Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Vorwort

Dieses Buch ist eines nicht: ein esoterischer Versuch, dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltverständnis unserer Zeit eine neo-obskurantistische Theorie von Wundern entgegenzusetzen. Ein Wunder nach klassischem Verständnis wäre es, wenn sich in einem Friedhof Sargdeckel plötzlich heben und Tote auferstehen. Ein Wunder wäre es auch, wenn aus einem Hühnerei unversehens ein Adler schlüpft, Wasser sich in Wein verwandelt, Gott aus einem brennenden Dornbusch tritt oder es einem Zauberer gelänge, ein Naturgesetz der Physik durch bloße Geistesmacht außer Kraft zu setzen.

Solche und noch viel abenteuerlichere Wunder haben Religionen überall auf der Welt ihren jeweiligen Gottheiten zugeschrieben – und ihre Anhänger haben ihnen inbrünstig geglaubt. Heute ist das nicht länger der Fall. Spätestens seit der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Wissenschaft solche Behauptungen unnachsichtig verspottet und als Aberglauben zurückgewiesen. An dieser Auffassung wird in diesem Buch festgehalten – auch wenn sich zeigen wird, dass die Wissenschaften, wie schon Karl Popper zeigte, keineswegs gegen die Versuchung gefeit sind, ihrerseits mit dem (Aber-)Glauben zu flirten…

Grundsätzlich anders verhält es sich mit dem Wunderbaren

Dieses ist in Wahrheit allgegenwärtig, nur dass die Routine des Alltags die meisten Menschen dafür nahezu vollständig erblinden ließ. In einem fort wird ihnen eingeredet, dass nur der Dumme über die Erscheinungen dieser Welt erstaunt. Ein wissenschaftlich aufgeklärter, gebildeter Mensch wisse, dass in der Natur alles auf die allernatürlichste Weise geschehe. Ein Dichter, Saint-Exupéry, musste den Kleinen Prinzen auf einen Asteroiden versetzen, um uns, den Menschen, die eigene, unglaubliche Situation in den Weiten des Alls wieder bewusst zu machen. Immanuel Kant musste den Sternenhimmel beschwören und das moralische Gesetz in der eigenen Brust, um dem Geheimnis des Lebens neuerlich zu begegnen und seine Leser zum Erschauern zu bringen. Das allerdings hielt er nicht lange durch; gleich darauf war Kant wieder bemüht, das Geheimnis in bannende Formeln zu pressen. Das Erschauern vor einer Wirklichkeit, die mächtiger ist als menschliche Vernunft, die sie zähmen will, ist das Privileg von geistiger Offenheit. Diese öffnet die Augen für Geheimnisse, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte zu enträtseln sucht und bis heute niemals zu enträtseln vermochte. Anders gesagt, öffnet sie die Augen für das Wunderbare der menschlichen Existenz.

Wer sich diesem Geheimnis ohne Scheuklappen stellt,

der ist sich bewusst, dass uns DIE WAHRHEIT unerreichbar bleibt, auch wenn sich uns unendlich viele Teilwahrheiten erschließen. Das wissenschaftlich gesicherte Fakten- und Gesetzeswissen ist nach zwei Jahrhunderten industrieller Revolution zu einem reißenden Strom angeschwollen, der von Tag zu Tag breiter wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als wäre der moderne Mensch gerade im Begriff, auch noch die letzten Rätsel seines Daseins zu lösen. Anderseits gibt es zu denken, dass er von dieser Überzeugung bereits vor mehr als hundert Jahren durchdrungen war, als sein Wissen ungleich geringer als heute war. 1899 veröffentlichte Ernst Haeckel ein Buch mit dem Titel Die Welträthsel. Da behauptete der Autor nicht mehr und nicht weniger, als dass alle Geheimnisse dieser Welt von der Wissenschaft bereits grundsätzlich gelöst worden seien. Nur was das kantische „Ding an sich“ eigentlich sei, bleibe ein Rätsel; das aber könne man wohl damit erklären, dass dieses seltsame Dinge eine bloße Erfindung ist.

An Haeckels Buch – dem mit Abstand größten populärwissenschaftlichen Erfolg der deutschen Buchgeschichte – ist zu erkennen, dass die behauptete Enträtselung wenig bis gar nichts mit dem Umfang des tatsächlichen vorhandenen empirischen Wissens einer Zeit und eines Autors zu tun hat. Diese erstaunliche Erkenntnis wird uns schlagartig zu Bewusstsein gebracht, wenn wir einen noch viel größeren Sprung vollziehen, nämlich in die Vergangenheit vor zweieinhalbtausend Jahre. Damals waren die beiden griechischen Philosophen Demokrit und Leukipp zutiefst davon überzeugt, das gesamte Weltgeschehen auf die unterschiedlichen Relationen von kleinsten materiellen Teilchen, die sie „Atome“ nannten, zurückführen und vollständig erklären zu können. Sie setzten eine mechanistische Religion in die Welt, um mit ihr die Götter und zusammen mit diesen auch gleich noch den sinnenden, wollenden Menschen zu entsorgen. Schon damals, als menschliches Wissen im Vergleich zum heutigen nahe bei null lag, nahmen sie die berühmt-berüchtigte Formel von Laplace ahnend vorweg (vgl. Kap. Wissenschaftsreligion: die Entzauberung von Mensch und Natur).

Nicht erst die moderne Wissenschaft

hat den Wunsch nach gottgleichem Wissen zum Vater des Gedankens gemacht. Ganz gleich wie groß oder beschränkt das tatsächliche Wissen war, immer gab es tollkühne Theoretiker, die sich imstande wähnten, jenen Sessel irgendwo im All zu besetzen, auf dem der Mensch zuvor den göttlichen Schöpfer der Welt thronen sah. Hätten sie diesen Anspruch auf die erfolgreiche Lösung aller Rätsel zu Recht erhoben, dann wäre es dem Menschen nicht nur gelungen, das Wunder sondern auch noch das Wunderbare für alle Zeit zu verbannen – als entsorgte Antiquität unaufge­klärter Köpfe. Welches Geheimnis bleibt denn noch, wenn wir die Welt restlos entziffern, sie vollständig in Formeln beschreiben und mit ihrer Hilfe die Zukunft entschlüsseln, um dann menschliches Handeln ebenso verlässlich wie die Bahnen der Planeten voraussagen zu können?

In Wahrheit haben wir es

mit einer bloßen Wunschvorstellung zu tun; ich werde von „Wissenschaftsreligion“ sprechen. Gerade die größten Wissenschaftler sind sich bewusst, dass ein gelöstes Problem sofort ein Dutzend neue Probleme beschwört. Je heller der Strahl, den der erkennende Geist in das ihn umgehende Dunkel wirft, desto mehr weiten sich die Räume, die dieser Lichtkegel erfasst – desto mehr dehnt sich daher auch das Dunkel aus, das sich jenseits dieses Lichtkegels befindet. Wissenschaft ist der Versuch, mit den endlichen Mitteln der erkennenden Vernunft in das Unendliche vorzustoßen. Das Wunderbare wird auf diese Weise niemals erschöpft.

Und Wissenschaft ist bekanntlich

nicht die einzige Art und Weise, wie wir uns der uns umgebenden Wirklichkeit nähern. Sie kann es nicht sein, da sie nur dem intellektuell-erkennenden Vermögen Entfaltung bietet. Gefühle und Empfindungen dürfen dabei prinzipiell keine Rolle spielen, denn sie sind lediglich „subjektiv“ – an das jeweilige Wünschen und Wollen gebunden. Die wissenschaftliche Wahrheit aber soll grundsätzlich unabhängig von unserem Wünschen und Wollen sein, sie soll die uns gegenüberstehende Wirklichkeit „objektiv“ erfassen, also gleichgültig davon, ob diese uns emotional berührt oder nicht. Ein Stück Traubenzucker auf meiner Zunge kann Entzücken bewirken, die chemische Formel C6H12O6 aber lässt meine Gefühle kalt. Denn die Formel geht ausschließlich aus den Forderungen des analytischen Verstandes hervor. Daher hat Wissenschaft für den Menschen nur einen instrumentellen Wert (obwohl der Akt der Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ihren Urheber sehr wohl emotional sehr stark bewegen kann). Sie gibt uns Sicherheit im Umgang mit den Dingen der Welt; ihre größten Erfolge erzielt sie, wenn sie uns erlaubt, die Zukunft aufgrund unseres Wissens zu planen oder vorauszusagen. Nur auf indirekte Art steht auch sie damit im Dienste menschlicher Gefühle, denn Sicherheit gehört zu den elementaren Bedürfnissen, da sie uns von der Angst vor dem Unplanbaren, dem Unberechen- und dem Unvorhersehbaren befreit.

Dennoch wäre der Mensch der Fülle

seines Menschseins beraubt, wenn es für ihn nur Wissenschaft gäbe, also die Anwendung seiner analytischen Fähigkeiten, um die Wirklichkeit objektiv zu beschreiben – ohne Ansehen der eigenen Gefühle. Außer der wissenschaftlichen gibt es noch eine zweite Art, mit Wirklichkeit umzugehen; diese ist von der wissenschaftlichen radikal unterschieden. Auch dabei haben wir es aber mit einer Form der Erkenntnis zu tun, nur eben einer ganz anders gearteten. Statt vorhandene Wirklichkeit zu entschlüsseln, besteht diese Erkenntnis darin, dass sie Wirklichkeit selbsttätig hervorbringt. Sie kreiert ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit statt sie nur zu erkennen.

Natürlich spreche ich von der Kunst

In ihr manifestiert sich nicht etwa das Wunder – das wurde von den Wissenschaften zu Recht entsorgt – sondern das Wunderbare. Auch wenn Kunst keineswegs mit dem Schönen identisch ist (darüber wird noch zu sprechen sein), besteht sie doch sehr oft in dessen Hervorbringung. Schönheit ist keine Beschreibung des Wirklichen aufgrund intellektueller Analyse, sie ist schon gar keine emotional unbeteiligte Zeugenschaft. Schönheit ist die Projektion unserer intellektuellen zusammen mit unseren emotionalen Kräften, um neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Kunst macht uns zu Schöpfern, weil das Schöne eine neue Wahrheit und Wirklichkeit ist, die sich aus der vorhandenen nicht ablesen lässt, sondern unmittelbar aus dem Inneren des Menschen, aus seinem Hirn und seinem Herzen, stammt. Wissenschaft hingegen ist keine neue Wahrheit sondern Wahrheit, die sich darauf be­schränkt, in zugleich analytischer und generalisierender Form zu erfassen, was in der Wirklichkeit objektiv in unendlich vielen Einzelereignissen bereits vorhanden ist. Ein Naturgesetz ist keine Erfindung des Menschen – sie ist Findung von etwas bereits Daseiendem.

Greifen wir willkürlich eines von unendlich vielen Beispielen

für das Schöne heraus: Beethovens neunte Symphonie. Aus wissenschaftlicher Perspektive begreifen wir mühelos, warum uns die Zuführung von Kalorien am Leben erhält. Aber wie sollen wir begreifen, dass bloße Schwingungen der Luft, erzeugt von einem Blasen durch Röhren und das Kratzen von Rosshaaren auf metallischen Saiten – denn aus nichts anderem besteht diese wie auch alle anderen Symphonien – uns in Ekstase versetzen können. Das ist und bleibt ein unlösbares Geheimnis: Inbegriff des Schönen und eben des Wunderbaren. Wir brauchen keine Aufhebung der Naturgesetze, wir benötigen kein Wunder, damit uns dieses Geheimnis erschüttert. Wir brauchen nur auf das lächelnde Gesicht eines Menschen zu blicken, wenn er, von Rhythmus und Melodie bezwungen, etwas Unsichtbares, Ungreifbares erfährt, das ihn stärker berührt als die alltäglichen Akte seiner physischen Existenz.

Aus physikalischer Perspektive sind bloße Schwingungen von Luftmolekülen nahezu irreal. Dennoch kann ihre Wirkung so überwältigend sein, dass manche von uns ihr tägliches Leben überhaupt nur deswegen ertragen, weil sie die Musik zeitweise in eine andere, höhere Daseinsform katapultiert – in das Wunderbare. Auch das ist offenbar eine Form der Erkenntnis, denn sie prägt uns selbst ebenso wie unser Erleben der äußeren Dinge. Die Welt verwandelt sich für uns durch die Erfahrung des Schönen.

Die Berührung mit dem Wunderbaren

macht den Alltag erträglich, sie verzaubert die Wirklichkeit. Andererseits ist deren Entzauberung dafür verantwortlich, dass vielen Menschen das eigene Leben und die umgebende Welt nur schwer erträglich erscheinen. Hat man den Wissenschaften zu Recht vorgeworfen, dass sie dafür verantwortlich sind, weil sie die Welt entzaubern?

Nein, so einfach ist es gewiss nicht. Nur teilweise ist es richtig, wenn wir die Wissenschaften für diese Ernüchterung verantwortlich machen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie der Welt viel von ihrem Zauber genommen haben. Vor William Harvey (1578 – 1657) war das Herz ein geheimnisvolles Organ – für viele Völker und Zeiten der Sitz übernatürlicher Kräfte. Nach Harvey war das Herz nur noch eine Pumpe. Das war einerseits ein gewaltiger Erkenntnissprung – Ausweitung von überprüfbarer Wahrheit, andererseits war es ein emotionaler Verlust: eine Pumpe eignet sich nicht länger für ausschweifende poetische Gleichnisse. Für die Dichtung war das Herz seitdem entzaubert, verloren. Dieselbe Banalisierung der Wirklichkeit aufgrund der sukzessiven Wahrheitsfortschritte des analytischen Verstandes betraf bald immer größere Bereiche der uns umgebenden Welt, z.B. die Himmels­körper. Bis zum Aufkommen der modernen Astronomie und der Spektroskopie galten Planeten und Sterne als Sitze der Götter oder wurden sogar als deren Verkörperung gesehen. Heute sind sie nur noch fliegende Klumpen von unterschiedlicher chemischer Struktur. Für unsere Gefühle sind sie erkaltet. Einen Auf­enthalt auf einem dieser trostlosen Gebilde würden wir selbst unseren ärgsten Feinden nicht wünschen, geschweige denn den Göttern (sofern wir noch an sie glauben).

Was für eine radikale Entzauberung! Wenn wir um uns blicken, dann sehen wir, dass die wissenschaftliche Erklärung sich wie ein grauer Mehltau auf die Dinge legte und sie ihrer Poesie beraubte. Das Herz wurde zur Pumpe, die gesamte uns umgebende Wirklichkeit zu einer Maschine von mehr oder weniger großer Komplexität.

Doch etwa seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts

ist etwas Seltsames, eher Unerwartetes, geschehen. Durch die Quantenphysik wurde die Physik so außerordentlich komplex, dass ihre Theorien und Produkte uns genau deswegen wieder mit einer Art Zauber berühren. Newtons allgemeine Himmelsmechanik, welche die Bewegung von Sternen ebenso wie die eines Apfels auf unserem Planeten beschreibt, war (fast) für jedermann verständlich. In ihrer mechanischen Verlässlichkeit wirkte sie einerseits als Offenbarung für den forschenden Intellekt, andererseits als kalte Ernüchterung für das Gefühl. In dem bis dahin von Leben durchpulsten Kosmos vermochte der Mensch nach Newton nur noch ein großes Uhrwerk zu sehen, das man zwar verstehen aber nicht lieben konnte. Wer liebt schon ein so totes Ding wie einen nach sturen Regeln funktionierenden Mechanismus?

Doch 1900 entwarf Max Planck die Grundidee der Quantenmechanik und eineinhalb Jahrzehnte später trat Albert Einstein mit der Allgemeinen Relativitätstheorie auf den Plan. Wie ihre größten Kenner übereinstimmend verkünden, lässt sich die Quantentheorie nicht mehr anschaulich machen und auf diese Weise verstehen – die Wirklichkeit des Atoms entspricht nicht mehr der Wirklichkeit der Mittleren Welt, in der wir leben (vgl. Kap. Die verpasste Revolution der Quantenphysik).

Dieses Versagen der menschlichen Anschauung gegenüber der fremdartigen Wirklichkeit des Allerkleinsten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das Bild der Natur von einem Uhrwerk und toter Mechanik hatte damit auf einmal ausgedient. Plötzlich war das Rätsel zurückgekehrt, denn für die Naturwissenschaft gibt es kein größeres Geheimnis, als wenn sie zugeben muss, die Welt nicht länger erklären zu können (selbst wenn sie sich immer noch manipulieren lässt – sonst wäre die neue Theorie überhaupt überflüssig). So dürfen wir heute behaupten, dass gerade die königliche Disziplin der Wissenschaften, die Physik, die Natur zwar einerseits radikal entzauberte, ihr andererseits aber auch wieder etwas von ihrem Rätsel zurückgab – Nichtverstehen ist identisch mit dem Geheimnis.

Diese Wiederverzauberung gilt nicht nur für die Theorie,

sie gilt auch für viele moderne Produkte, die wir ihr zu verdanken haben. Wir brauchen nur an Computer oder Handys zu denken, um uns davon einen Begriff zu machen. Die Menschen wären ihnen nicht so verfallen, sie würden nicht so süchtig mit diesen Dingen arbeiten und spielen, wenn diese Geräte ihnen nicht geheimnisvoll und geradezu unerschöpflich erscheinen würden. Wie ein klassisches Telefon funktioniert, war auch für den Laien noch leicht zu begreifen. Es hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die Übertragung von Sprache; darin erschöpfte sich sein Gebrauch. Ein Smartphone aber bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle dieser und anderer Funktionen; es stellt nicht nur eine intellektuelle Herausforderung dar sondern hält darüber hinaus auch noch die Gefühle in Bann, wenn seine Nutzer sich in aufregenden Spielen verlieren. Für viele Menschen fällt die neueste Wissenschaft hier plötzlich wieder mit der ältesten Magie und Zauberei zusammen, denn allenfalls einer von tausend weiß, wie solche Geräte tatsächlich funktionieren.

Wir leben in einer paradoxen Zeit

Ich sagte gerade, dass die Kunst neue, nie dagewesene Wirklichkeiten erschafft, während die Wissenschaft bestehende Wirklichkeiten beschreibt. Diese Feststellung scheint logisch unanfechtbar, sie scheint den Tatsachen aber dennoch zu widersprechen. Zwar trifft es zweifellos zu, dass bis ins 18. Jahrhundert die Gestaltung der Wirklichkeit überall in der Welt überwiegend durch die Kunst erfolgte. Tempel und Kathedralen, Gärten und Schlösser sind die sichtbarsten Beispiele für diese Transformation der Wirklichkeit durch den Menschen. Rechnet man noch den Bereich des Unsichtbaren hinzu, nämlich Musik und Dichtung, dann ist die Evidenz für die wirklichkeitsgestaltende Macht der Kunst überwältigend.

Doch diese Macht der Kunst über die Wirklichkeit wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts gebrochen. Seitdem sind es die Produkte der Wissenschaften, welche die uns umgehende Natur so stark verwandeln, dass die Menschen früherer Zeiten ihre damalige Welt in der heutigen kaum mehr wiedererkennen würden. Es sind Tausende neuer durch Wissenschaft hervorgebrachte Apparate – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und Tausende von Fabriken zu deren Herstellung, die das Aussehen unserer Städte und Landschaften ebenso bestimmen wie unser tägliches Leben. Offenbar besteht die eigentliche, die für jedermann sichtbare Leistung der Wissenschaften nicht darin, dass sie die Ordnung der Natur an ihren Gesetzen objektiv richtig beschreiben, sondern dass sie die Natur auf eine nie dagewesene Art in kurzer Zeit radikal transformieren – weit umfassender als das jemals die Kunst vermochte.

Wie passt das zusammen: Wissenschaft als die Gesamtheit

aller objektiven (für jedermann nachprüfbaren) Aussagen über die uns umgebende Welt einerseits und auf der anderen Seite Wissenschaft als das bisher wirksamste Instrument zur Erschaffung neuer, nie dagewesener Wirklichkeiten, also als ein Instrument zur Entfesselung menschlicher Freiheit?

Wie wir noch sehen werden, passt das überhaupt nicht zusammen, sondern wir stoßen gerade hier auf das Wunderbare, das Wissenschaft selbst nicht zu erklären vermag. Die Entfesselung menschlicher Freiheit durch eine Wissenschaft, welche Freiheit ganz leugnet oder sie mit einem sinnlosen Zufall identifiziert, ist das vielleicht größte Paradox unserer Zeit (siehe Kap. Demokratische Antignosis in unserer Zeit).

So gesehen ist es ein eher bescheidenes Paradox,

dass die talentiertesten und ehrgeizigsten Köpfe seit mindestens einem Jahrhundert in die Wissenschaften drängen, und zwar in die Wissenschaften von der Natur, weil deren Nutzen für die Steigerung von Reichtum, Macht und Ansehen eines Staates so evident sind. Dagegen verkümmern die Kunst und die Wissenschaften des Geistes schon seit Jahrzehnten. Sie werden an immer kürzerer Leine gehalten, weil ihr materieller Nutzen vergleichsweise begrenzt ist.

Welch ein Gegensatz zur Vergangenheit? Während Geist und Talent vor fünfhundert Jahren zu den Künsten strebten und Italien zu dem Wunder machten, das es aufgrund so vieler Zeugnisse der Schönheit bis heute geblieben ist, widmen die herausragenden Köpfe der heutigen Zeit ihre ganze Kraft den Naturwissenschaften und allem, was mit diesen zusammenhängt. Doch die Wissenschaften erzeugen zwar intellektuelle Fülle, sie steigern das analytische Vermögen und verwandeln uns in Verstandesmenschen mit steigendem Intelligenzquotienten, aber sie hinterlassen eine spirituelle und emotionale Leere, da sie das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Wärme und spiritueller Geborgenheit nicht befriedigen. In ihrer theoretischen Grundlegung haben sie keinen Platz für ethisches Sollen und ästhetische Schönheit. Was den Menschen als ganzen am meisten betrifft, das entzieht sich ihrem Zugriff und ihrem Interesse (so kunstsinnig einzelne Wissenschaftler persönlich auch gewesen sein mögen und oft heute noch sind). Wir verstehen zwar, warum Wunder keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltanschauung haben. Wenn die Gesetze der Natur per definitionem ewig und unverbrüchlich sind, dann stellt ihre Durchbrechung einen logischen Widersinn dar. Aber warum ist seit dem Aufkommen der Wissenschaften auch das Wunderbare ganz aus dem Blickfeld verschwunden? Mit Logik ist diese Tatsache nicht zu begründen – sie gehört zu den Vorurteilen der Wissenschaft als einer neuen säkularisierten Religion.

Diese Vorurteile aufzudecken, ist keine Aufgabe für Experten, die ja eher bestrebt sind, ihr Wissen wie ein Monopol zu verwalten. Sie ist eine Aufgabe jenes menschlichen Grundvermögens, das Kant als „reine Vernunft“ bezeichnet hatte. Ich werde im nächsten Kapitel von „demokratischer Antignosis“ sprechen.

Der Soziologe Dr. Alexander Dill schreibt dazu Folgendes:

Lieber Herr Jenner

Ich entdecke bei Ihnen zunehmend mein eigenes Denken, eine romantische und arg selbstverliebte Skepsis gegenüber der vermeintlichen Aufklärung, so, wie einst die Frankfurter Schule, dann Peter Sloterdjik und die postmodernen Franzosen. Bei Ihnen kommt das eher British daher. Sehr fashionable und highly sophisticated. Das Wunderbare ist ja auch das Unwahrscheinlichste, nämlich die eigene Existenz. Da wir wenig bis nichts über das Wissen wissen (Wissen kann man übrigens nicht googeln), steht das Wunderbare in der heroischen Reihe der großen Rätsel, zusammen mit Gott, dem Anderen, dem Du, der Zeit und der Unendlichkeit. Dazu gibt es ein längeres Video mit mir aus der Schweiz, in dem ich eine Geschichte des Wissens als Einleitung biete: https://www.youtube.com/watch?v=Ey9MSXOPijk.

Wunderbar ist auch, dass Fritz Goergen hier mitliest, der mich unter seinem vorigen Namen Fritz Fliszar als Doktorstipendiat in die Friedrich Naumann Stiftung aufnahm.

Herzlicher Gruß Ihres Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

wenn es uns gelänge, eine Diskussion über die Sache zu führen, indem Sie mich – je nachdem – loben, heftig kritisieren, eigene Vorschläge vorbringen usw., dann würde ich das sehr begrüßen, denn das Thema liegt zweifellos in der Luft. Aber hüten wir uns, einander Etiketten aufzudrücken (Romantiker mit britischer Orientierung, Epigone der Frankfurter Schule etc.). Daran denke ich nämlich, wenn ich über die Feinde des Wunderbaren rede. Für die gibt es nichts, was sie nicht verstehen, weil sie die gesamte Wirklichkeit sorgfältig in etikettierten Schubladen abgelegt haben. Wenn man solchen Leuten begegnet, wird aus jeder Diskussion eine Art von Beauty Contest, ein Ego-Gefecht, wo jeder der oder die Schönste bzw. Intelligenteste sein möchte. Will man die Wirklichkeit als das erfahren, was sie in Wahrheit ist, dann muss man erst einmal die Ego-Blase sprengen, in der man „arg selbstverliebt“ gefangen ist (a propos, Sie wissen natürlich, wie verbreitet die Neigung ist, anderen genau jene Fehler zuzuschreiben, die man an sich selbst entdeckt). Übrigens kommen solche eher psychologischen Abschweifungen in meinem Buch eher selten vor. Es geht um elementare Logik – demokratische Antignosis – wie ich das nenne.

(Ihr Youtube Video ist leider akustisch schlecht aufgenommen, zum Teil schwer zu verstehen)

Herzliche Grüße

Gero Jenner

Der Schauspieler Fritz Stavenhagen schreibt:

Sehr geehrter Herr Jenner,
seit etlichen Jahren erhalte, lese und genieße ich Ihre Abhandlungen zu politischen, historischen, philosophischen Themen. Zum Wunderbaren Ihrer letzten ist mir eingefallen, dass ich zu der von Ihnen angesprochenen Entzauberung der Wirklichkeit durch die Naturwissenschaften im Rahmen meiner kleinen „Einführung in die Lyrik“ speziell zur Herzproblematik einiges gefunden und referiert habe, das die ausschließliche Funktion des Herzens als Pumpe in Frage stellt, wenn nicht widerlegt. Ich bin nicht Wissenschaftler sondern Künstler geworden. So haben mich die Forschungen und Erkenntnisse der Kardiologen nicht nur brennend interessiert, sondern auch zutiefst befriedigt und bestätigt. Ich erlaube mir, Ihnen mein Büchlein anzuhängen und möchte insbesondere auf das letzte Kapitel verweisen (Seite 74ff).

Mit den besten Grüßen 
Fritz Stavenhagen