Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

Seit 1945 durften die USA noch bis vor kurzem behaupten, auf fast allen Gebieten der Wissenschaft den Ton anzugeben. Dann kam erst George Bush Junior und dann das weit größere Übel: der ehemalige und ewige Schauspieler Donald Trump mit seiner Politik der systematischen Lüge. Inzwischen rückt China als neue Weltmacht der Wissenschaft (und einer messianischen Wissenschaftsgläubigkeit) auf. Der Stern der USA ist im schnellen Sinkflug begriffen.

Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet

Das heißt nicht, dass sie DIE WAHRHEIT in den Blick bekäme: Wahrheit, wie sie Menschen als Sinn oder Ziel des Lebens verstehen. Darüber weiß Wissenschaft im Gegenteil sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen, dennoch vereinigt sie Menschen im Hinblick auf das Verständnis von Wirklichkeit. Noch vor fünfhundert Jahren haben die Eliten Frankreichs, Japans, Chinas oder Indiens einander nichts zu sagen gewusst, denn mit den praktischen Belangen der Lebensbeherrschung, die auf der ganzen Welt denselben Naturgesetzen gehorchen, hatten sich vor allem die niedrigen Schichten zu befassen. Bauern in Deutschland, Indien oder China hätten sich über die Belange der Feldbearbeitung mit Ihresgleichen verständigen können, aber die Eliten lebten in anderen Sphären, bestimmt von Ehre, Ehrgeiz und vor allem der Religion, die in jedem Land ganz anderen Göttern und Moralvorschriften gehorchte.

Heute können sich die Eliten

Chinas, der USA, Indiens und Europas über eine Fülle von Gegenständen sachkundig unterhalten, ganz gleich ob es sich um Finanz, Konzerne, Computer und Panzer oder die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft handelt. Letztere, die Wissenschaft, wurde denn auch, und zwar spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu einer – nein, sie wurde zu der universalen Menschheitssprache.

Das heißt aber keinesfalls, dass der gegenseitige Austausch und eine gemeinsame Sprache die Menschen einander zwangsläufig näherbringen. Das stimmt schon für die Vergangenheit nicht. Das indische Kastensystem zum Beispiel brachte Menschen in engste Berührung, die in ein und derselben Sprache kommunizierten und Berufe ausübten, welche die Angehörigen unterschiedlicher Kasten (wie zum Beispiele Barbiere und Brahmanen) täglich in hautnahe Berührung brachten, aber diese Menschen durften nicht miteinander speisen und einander schon gar nicht heiraten. Die Brahmanen wollten Herren, die anderen Kasten sollten Knechte bleiben – dieser fundamentale Gegensatz der Interessen sorgte dafür, dass die enge Berührung und die gemeinsame Sprache keine Annäherung bewirkten.

So ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass westliche Wissenschaft inzwischen von den Chinesen nicht nur übernommen, sondern mit zunehmendem Erfolg im eigenen Land perfektioniert wird, besagt keinesfalls, dass der Unterschied der Interessen zwischen den USA und China dadurch überbrückt werden könnte. Wissenschaft, in der man sich auf Wahrheit grundsätzlich einigen kann, weil ihre Voraussagen zutreffen oder nicht, ein Handy funktioniert oder eben nicht funktioniert – das ist das eine. Interessen sind etwas ganz anderes, weil es keine objektive Grundlage gibt, um sie als berechtigt anzuerkennen oder als unberechtigt zurückzuweisen. Bei Interessen entscheidet letztlich eine ganze andere Instanz als die Wahrheit – es entscheidet die Macht.

Leider kann aber auch Wissenschaft der Macht hörig werden

und ist es tatsächlich auch immer wieder geworden. In den Worten ihres großen Theoretikers Thomas S. Kuhn wird sie in diesem Fall zu einem dogmatisch gegen jeden Widerspruch verteidigten „Paradigma“. Ein solches Paradigma war zum Beispiel das vorkopernikanische geozentrische Weltbild. Giordano Bruno wurde verbrannt, viele andere wurden verfolgt oder ebenfalls hingerichtet, weil sie das herrschende Paradigma in Zweifel zogen. Dabei war dieses Weltbild nicht einmal falsch, denn prinzipiell lässt sich jeder Punkt des Weltalls willkürlich als Mittelpunkt setzen, um von da aus die Bahnen anderer Himmelskörper zu beschreiben und zu errechnen. Selbst ein lunazentrisches Weltbild wäre denkbar und könnte zu durchaus richtigen Voraussagen von Sonnen- und (partiellen) Erdfinsternissen führen. Ein lunazentrisches Weltbild wäre ebenso wenig falsch wie das geozentrische – es wäre nur so außerordentlich komplex, dass es den Fortschritt der Astronomie noch stärker als das geozentrische behindert hätte. Die Ersetzung des Letzteren durch die Lehre des Kopernikus stellte daher einen historischen Durchbruch dar.

Bekanntlich hat die Verurteilung Galileos im 20ten Jahrhundert noch Bertolt Brecht inspiriert. Aber es war nicht allein die Kirche, welche sich der neuen Lehre so lange und so hartnäckig widersetzte, weil sie sich mit Stellen aus ihren heiligen Texten nicht vereinbaren ließ, es waren auch viele Wissenschaftler, diejenigen nämlich, welche im alten Weltbild erzogen waren und es an ihre Schüler vermittelt hatten. Mit ihrem Ruhm, ihrem über Jahre erworbenen Wissen, ihren Denkgewohnheiten hingen sie daran. Wie sehr dieses Festhalten am Gewohnten auch für die scheinbar strengsten Wissenschaften und Wissenschaftler gilt, hatte Einstein einmal angedeutet, als er meinte, dass die alte Generation von Physikern erst aussterben müsse, damit er selbst von einer neuen verstanden werde.

Oft ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis

nicht von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Wie schon gesagt, war das geozentrische Weltbild nicht falsch, sondern es war lediglich unbequem. Auch die klassische Physik, wie sie Newton begründet hatte, ist nicht falsch; Einstein konnte nur zeigen, dass sie Grenzbereiche des Wirklichen nicht zu erklären vermag (ein Faktum, das durch die Quantenphysik noch untermauert wurde).

Manchmal hat das Festhalten an einem Paradigma jedoch durchaus gravierende praktische Folgen. Der österreichische Chirurg Ignaz Semmelweiß führte den zu seiner Zeit häufigen Tod gebärender Frauen aufgrund von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene zurück. Er stellte einen Katalog von Vorschriften auf, um durch Reinlichkeit und Desinfektion den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern – Vorschriften, die heute als vorbildlich gelten. Zu seiner Zeit hegten die Kollegen von Semmelweiß jedoch andere Ansichten über die Ursachen von Krankheiten und die dadurch bewirkten Todesfälle. Sie verwarfen dessen Theorie als spekulativen Unsinn. Semmelweiß starb 1865 unter ungeklärten Umständen in einer Wiener Irrenanstalt. Durch seine Theorie hatte er seinen Kollegen – wenn auch nur indirekt – Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein vorgeworfen. Das haben sie ihm bis zuletzt nicht verziehen. Eher nahmen sie den Tod vieler Frauen in Kauf, als dass sie sich in ihrer Berufsehre kränken ließen.

Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein

beherrschen die Wissenschaft heute genauso, wie sie es schon in der Vergangenheit taten. Das ist die wesentliche Erkenntnis, zu der Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gelangte. Ich möchte sie mit einem weiteren Beispiel belegen, das einerseits wirklich harmlos ist, weil in diesem Fall niemand an den genannten Übeln zugrunde geht. Andererseits illustriert es aber auch recht deutlich die Lüge, welche nicht nur in der Politik sondern eben auch in der Wissenschaft eine unübersehbare Rolle spielt.

Linguistik wurde seit Beginn der 80er Jahre

für einige Jahre zu einer Art von Hoffnungsträger für die gesamten Kulturwissenschaften. Noam Chomsky erregte weltweites Aufsehen mit einer Theorie, die es scheinbar ermöglichte, mit Hilfe weniger Formeln die Prinzipien zu erklären, die den Sprecher einer beliebigen Sprache dazu befähigen, eine prinzipiell unendliche Menge richtiger Sätze zu bilden. Die Generative und die Generelle Grammatik wurden geboren – und eine Zeitlang sah es so aus, als wäre die Sprache jener Teil der Kultur, der es den Geisteswissenschaften erlaubt, mit Hilfe einer Handvoll von Regeln sämtliche kulturellen Erscheinungen aus wenigen Prinzipien genauso herzuleiten, wie dies den Naturwissenschaften im Hinblick auf das Reich des Unbelebten ja schon weit früher gelungen war. Anders gesagt, rückte die Linguistik in den 80er und 90er Jahren für kurze Zeit zu einer Starwissenschaft auf.

Was ist von dieser Begeisterung geblieben?

Mit einem einzigen Wort lässt sich diese Frage kurz und bündig beantworten: Nichts! Selbst einer der engagiertesten Verehrer von Chomsky, Steven Pinker, sieht in der Theorie seines Meisters eine schwer verdauliche Scholastik. Andere sind sehr viel deutlicher und haben aufgezeigt, dass Chomsky selbst es war, der in den vergangenen Jahrzehnten einen Baustein seiner Theorie nach dem andere demontierte. Selbst wenn sie das Ziel, die wissenschaftliche Begründung einer Generellen und Generativen Grammatik, als legitim erklären, sind die meisten Kritiker sich darin einig, dass die Methode Chomskys sich dazu als ungeeignet und unfruchtbar erweist. Zu den Anhängern Chomskys zählen natürlich all jene, die ihn als ihren Lehrer sehen, Linguisten wie Steven Pinker, Ray Jackendoff oder J. Mendivil-Giro, um nur einige Namen willkürlich herauszugreifen. Zu seinen zum Teil vernichtenden Kritikern gehören Christopher Hallpike, Giorgio Graffi, John Colarusso, Nikolaus Allott, David Golumbia, Roland Hausser, John Goldsmith, Per Linell, Tristan Tondino, Christina Behme – um wiederum nur wenige Namen aus der Menge der Wissenschaftler willkürlich herauszugreifen, die ein Gutteil ihres Lebens damit verbrachten, die scholastischen Begriffsakrobatien Noam Chomskys zu durchforsten oder – noch schwerer – seine Scholastik überhaupt zu verstehen. Diese Leute sind mittlerweile mit dem gegenteiligen Anliegen beschäftigt, Chomskys Thesen der Reihe nach zu dekonstruieren.

Als wissenschaftliche Theorie ist Chomskys Lehre tot,

oder richtiger gesagt, hat sie sich als Lüge erwiesen, denn anders als das geozentrische Weltbild ist sie nicht nur unbequem sondern falsch, weil sie keines ihrer Versprechen zu halten vermochte. Sie erklärt nämlich weder den generativen noch den generellen Aspekt menschlicher Sprache. Doch die Leute, die dieser Lüge den besten Teil ihres Lebens gewidmet haben und ihre Schüler damit infizierten, möchten sich so wenig wie damals die Kollegen von Semmelweiß vorwerfen lassen, dass sie sich Jahre lang irrten. Deswegen wenden nun viele von ihnen ihre überlegene Intelligenz an das gegenteilige Unterfangen, den scholastischen Jargon Chomskys auf die Kritik Chomskys anzuwenden. Die damit verbundene Gefahr hatte der wunderbar scharfsichtige William James schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt, als er – damals im Hinblick auf deutsche Kulturwissenschaftler – folgende Beobachtung protokollierte: „The forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and excentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively.”

Das ist das typische Verhalten einer Elite,

und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich fühle mich dadurch an ein scholastisches Unternehmen erinnert, das vor beinahe dreitausend Jahren ersonnen und in den sogenannten „Brahmana-Texten“ niedergelegt wurde. Eine Elite von hochgeachteten und hochbezahlten Priestern beschrieb darin mit akribischer Genauigkeit, wie man durch ein ganz bestimmtes Aufschichten von Ziegeln, ihrem Begießen mit Butter und unter dem Gemurmel verschiedener Mantras alle nur erdenklichen Krankheiten heilen, Feinde vertreiben, Dürren verhindern und Regen herbeizaubern konnte. Ein nord-amerikanischer Indologe bezeichnete die Texte – offenbar in einem Anfall von intellektueller Verzweiflung – als das „Gebrabbel von Irrsinnigen“, obwohl ein hohes Niveau systematischer Intelligenz und Wissens zu ihren Merkmalen gehört.

Noam Chomsky hat als Theoretiker der Politik einige Texte von großer Klarheit und Überzeugungskraft geschaffen. Der Gegensatz zu seinen unfruchtbaren linguistischen Haarspaltereien ist daher nur so zu erklären, dass er mit seiner Methode scheitern musste, und es daher fortwährender intellektueller Winkelzüge, Kehrtwenden und Verschleierungstaktiken bedurfte, um sie dennoch aufrechtzuerhalten. Wie werden Wissenschaftler, die ihn heute schon so gnadenlos kritisieren, in ein oder zwei Jahrzehnten über seine Lehre denken? Ich nehme an, dass man seine Theorie (mitsamt den dazu abgegebenen in der Regel fast ebenso scholastischen Kommentaren) dann genauso als „irrsinniges Gebrabbel“ bezeichnen wird  – trotz oder gerade wegen ihres hochgestochenen wissenschaftlichen Jargons. Es muss eben, wie Einstein sagte, eine neue Generation einen frischen Blick auf die Wirklichkeit werfen. Erst dann kann es zu einem Umdenken kommen. Jetzt sind noch die Vertreter der alten Lehre im Amt und viel zu sehr von ihrem eigenen Wissen durchdrungen, um den akademischen Dünkel durch Wahrheitsbewusstsein zu überwinden.

Dabei gibt es immer auch Außenseiter

manchmal große wie Nikolaus Kopernikus, manchmal kleinere wie Ignaz Semmelweiß, die sich dem Paradigma entgegenstellen. Auch in der Linguistik hat es einen derartigen Außenseiter gegeben, und zwar schon früh zu Beginn der achtziger Jahre. Der Betreffende erkannte, dass über Generelle oder Universale Grammatik schwer zu sprechen sei, wenn man außer der eigenen Muttersprache gerade noch etwas Hebräisch und Spanisch beherrscht. Von einem Zoologen erwartet man, dass er Hunderte von Tieren, von einem Botaniker, dass er Tausende von Pflanzen kennt, um in seinem Gebiet zuhause zu sein. Mutet es da nicht wie ein Wunder an, dass es für Chomsky und die meisten seiner linguistischen Gefolgsleute genügt, gerade ihre Muttersprache, das Englische, zu beherrschen und sich trotzdem souverän über Universale Grammatik zu äußern?

Der Meister selbst erblickte darin nach eigenem Bekunden freilich durchaus keinen Nachteil. Wörtlich behauptete er, in seinem Inneren über einen Homunkulus zu verfügen, der ihm schon das Richtige sagen würde.*1* Dagegen ist natürlich schwer zu argumentieren, wenn man den Homunkulus nicht in der eigenen Brust verspürt. Der genannte Außenseiter konnte sich eines solchen Männchens in seiner Brust nicht rühmen, er zog es vor, sich auf die Vernunft zu verlassen. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre, konnte er den Nachweis erbringen, dass die Theorie Chomskys auf Treibsand begründet war, weil sie hybride Grundbegriffe der traditionellen Grammatik benutzt, die gerade nicht universal sind, nämlich Verben und Nomina. Das seien formale Klassen, die in Sprachen wie Englisch und Chinesisch mit unterschiedlichen semantischen Inhalten gefüllt sind, sodass man nur von englischen, chinesischen, japanischen Verben bzw. Nomina reden dürfe. Wenn diese Kritik an falsch gewählten Grundbegriffen zutreffend war, dann erwies sich alle weitere Beschäftigung mit einer Theorie, die auf genau diesen Bausteinen aufgebaut war, als durchaus überflüssig.

Die Begeisterung über die scheinbar Universale Grammatik

Chomskyscher Provenienz war zu jener Zeit allerdings noch so überwältigend groß, dass die Stimme des Außenseiters schlicht übergangen wurde. Ja, dieser Einwurf wurde als so störend empfunden, dass man seine anfängliche Erwähnung als Linguist in Wikipedia nachträglich wieder rückgängig machte. Nicht nur, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung mit seinen Argumenten kam.*2* Indem man den Betreffenden aus der Liste der Linguisten strich, wollte man ihn überhaupt als linguistisch nicht-existent deklarieren.

Solche Strategien sind,

wie wir sahen, nicht nur in der Politik sondern auch in der Wissenschaft völlig normal – und in den meisten Fällen überdies auch ziemlich belanglos. Für die Missachtung von Semmelweiß mussten viele Frauen ihr Leben lassen, aber die scholastischen Verirrungen eines Noam Chomsky richten nur in den Köpfen einer Handvoll von Universitätsprofessoren schwere Verwüstungen an, das Schicksal der restlichen Menschheit bleibt davon glücklicherweise ganz unbetroffen.

Nein, vielleicht doch nicht ganz, denn die Wissenschaft verändert dabei ihren Charakter. Man vergesse nicht: Es gibt ja auch einen erstaunlich erfolgreichen Zweig der modernen Linguistik: die maschinelle Übersetzung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Die Erfolge auf diesem Gebiet muss man als schlechterdings atemberaubend bezeichnen. Seit Lebensbedingungen und Sprachen sich weltweit immer mehr angleichen, fallen immer mehr von jenen kulturellen Unterschieden weg, die das Übersetzen früher einmal so schwierig machten. Wirtschaftliche und wissenschaftliche Texte lassen sich heute maschinell zum Teil geradezu perfekt übersetzen. Nur literarische Texte – und hier vor allem Gedichte – spotten diesen Bemühungen, weil sie sich nicht standardisieren lassen. Wenn ein Schriftsteller Standardware erzeugt, dann sind sie leicht übersetzbar, aber meist eben auch ohne Wert.

Die automatisierte Übersetzung ist nicht weniger als ein großer Triumph

der instrumentellen Intelligenz – hier gilt dieselbe Regel wie in den angewandten Naturwissenschaften – entweder es funktioniert oder es funktioniert eben nicht. Die Qualität einer Übersetzung und damit das Kriterium der Wahrheit (der zugrundeliegenden Algorithmen) lässt sich eindeutig ermitteln. Diese Eindeutigkeit fehlt in den nicht-instrumentellen – den verstehenden – Kulturwissenschaften. Und in jenen Kreisen, die wie es William James schon damals beschrieb „voneinander, füreinander und gegeneinander schreiben“, wird sie nicht einmal gesucht. Daher der grassierende Kahlschlag in den heutigen Geisteswissenschaften. Viele Politiker sehen die Berechtigung von Disziplinen nicht länger ein, wenn sie keinen erkennbaren Wert für die Allgemeinheit besitzen; Posten und Bereiche werden in den Humanwissenschaften so stark reduziert, dass diese heute nur noch die Rolle missachteter Mauerblümchen spielen. Ein gerütteltes Maß von Schuld an dieser Entwicklung muss man der linguistischen Scholastik eines Chomsky beimessen, denn was von dem ganzen, ursprünglich so weltbewegenden Ereignis der Chomskyschen Generellen und Generativen Grammatik übrig blieb, ist eben keinesfalls eine bessere Erkenntnis der Sprache, sondern ein schwer- bis unverständlicher wissenschaftlicher Jargon – die leere Hülse einer Insidersprache, welche linguistische Adepten erlernen müssen, wollen sie zum Kreis der Eingeweihten gehören.*3*

Bleibt am Ende nur noch hinzuzufügen,

dass es der Zufall gerade so fügt, dass der betreffende Außenseiter mit dem Verfasser dieser Zeilen identisch ist. Sein Buch „Principles of Language“ ist niemandem zu empfehlen, dem es um die Schönheit der Sprache geht, denn es ist darin nur von deren logischer Struktur sowie den universalen Zwängen die Rede, denen jede Sprache unterworfen ist (das trifft natürlich generell auf alle linguistischen Texte zu, die sich mit den abstrakten Regelmäßigkeiten von Sprache befassen). Die „Principles“ untersuchen das logische Knochengerüst der Sprache, nicht ihr lebendiges, verführerisch in unendlich vielen Nuancen blühendes Fleisch.

Wer sich allerdings für die Logik der Sprache interessiert, der wird durch dieses Buch reichlich belohnt, denn es zeigt die Grenze zwischen Zufall und Gesetzlichkeit auf, die in der Sprache ebenso wie in der Kultur überhaupt existiert, aber in der Sprache leichter zu bestimmen ist. Dabei wird systematisch zwischen immaterieller Bedeutung und deren materieller Manifestation durch Lautsequenzen unterschieden, die im Prozess der Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer ausgetauscht werden.

Das Fazit der „Principles“ gibt Chomsky recht: Ja, es gibt eine Generative und Generelle Grammatik – generativ ist Sprache, weil Kinder fähig sind, unendlich viele Aussagen zu bilden, auch solche, die sie zuvor niemals hörten. Generell ist sie, weil die Aussagen verschiedener Sprachen ineinander übersetzt werden können. Beides sind empirische Tatsachen. Aber Sprache ist nicht generativ und generell gemäß dem so verblüffend einfachen und deshalb so verführerischen Modell, das Chomsky in seinen berühmten kopfstehenden Bäumen entworfen hat. Danach steht ganz oben ein S (sentence), aus dem ein Sprecher mit Hilfe weniger allgemeiner Regeln und eines Lexikons dann beliebige konkrete Sätze abzuleiten vermag. Jede besondere Einzelsprache fügt den generellen Regeln dann nur noch einige spezifische hinzu, um die Unterschiede zu anderen Sprachen zu definieren.*4* Dies ist die zündende Idee des Chomskyschen Modells, ihr eigentlicher Kern, während alles Übrige nur Beiwerk ist.

Chomskys trügerische Bäume verdanken ihre Faszination,

der Tatsache, dass sie aus Sprache eine Art simples Computerspiel machen. Und nur diese außerordentliche Faszination, welche die Genese der Sprache so umfassend zu erklären schien wie die Naturwissenschaften die Welt der toten Dinge, macht begreiflich, warum niemand auf den elementaren logischen Fehler aufmerksam wurde, der in diesen täuschend einfachen Bäumen steckt. Tatsache ist, dass das Baum-Modell schon im Ansatz falsch ist – es vermengt die Tiefenebene der immateriellen Wirklichkeitsanalyse und die materielle Manifestation dieser Ebene mit Hilfe akustischer (oder sonstiger) Zeichen. Die immaterielle Wirklichkeitsanalyse findet schon bei Tieren auch ohne Verwendung von materiellen Zeichen statt, und sie entwickelt sich bei Menschen von einem primitiven Niveau (wie z.B. in der Piranha-Sprache Amazoniens) bis zu den komplexesten Bedeutungsstrukturen. Diesen liegt eine generelle konzeptuelle Grundstruktur zugrunde, deshalb lassen sich Sätze einer evolutionär primitiveren Sprache mühelos in eine evolutionär entwickeltere übersetzen; in der Gegenrichtung ist das aber in bestimmten Bereichen nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich (wie will man einen modernen Text über Mathematik in eine Sprache übersetzen, wo nicht mehr als die Konzepte für zwei oder drei existieren?).

Doch mit den Unterschieden auf der Ebene der konzeptuellen Struktur ist die Komplexität der Sprache noch keineswegs erschöpft, denn auf Grundlage ein und derselben immateriellen Wirklichkeitsanalyse in konzeptuellen Strukturen lassen sich ganz verschiedene materielle Verwirklichungen, also Zeichensysteme, aufbauen. Aus Chomskys verführerisch einfachem Baum, der der Sprache Gewalt antut und überhaupt nichts erklärt, wird die Generelle und Generative Grammatik zu einem komplexen Ensemble, das sich noch dazu in fortwährender evolutionärer Entfaltung befindet.

In seinem Buch „The Language Instinct“ hat Steven Pinker einige Jahre nach dem Autor der „Principles“ die vorsprachliche Wirklichkeitsanalyse richtig als das generelle und generative Substrat erkannt und als „Mentalese“ bezeichnet, ein Substrat, das allen Sprachen zugrunde liegt. Aber es blieb bei dieser einsamen Erkenntnis. Es ist Pinker nicht gelungen, daraus die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Chomsky’s heillos simplistisches und logisch unhaltbares Sprachmodell erweist sich als hartnäckiges Paradigma, welches bis heute den Fortschritt der Wissenschaften behindert.

1 Siehe David Golumbia: „The Language of Science and the Science of Language: Chomsky’s Cartesianism“

2 Das ist nicht ganz richtig. Der Linguist John Goldsmith von der University of Chicago sah sich in einer Diskussion mit dem Autor schließlich zu dem Zugeständnis genötigt, dass Verben, Nomina etc. als universale Kategorien nicht tauglich seien.

3 Fachsprachen haben natürlich ihren Sinn, wenn sie durch den Gegenstand selbst gefordert werden. Keine Naturwissenschaft kommt heute ohne eine spezifische Fachsprache aus, die aber durch Ergebnisse gerechtfertigt sein muss, die sich eben nur auf diese Weise erzielen lassen. Wenn eine Fachsprache keine Ergebnisse bringt, dann ist sie nur Geheimjargon wie einst das Latein oder in Indien das Sanskrit oder das Altslawische und dient allein dazu, den Abstand zu den Laien aufrechtzuerhalten.

4 Zum Beispiel den Unterschied in der Wortstellung, die für die Englisch eine Mittelstellung des Verbs, also SVO, im Japanischen dagegen dessen Endstellung vorschreibt: SOV.

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From Prof. Hallpike I got the following commentary by mail:

Dear Mr Jenner,

Thank you for this, which is most entertaining – “the babble of madmen” indeed! In which one can also include, for example, Skinner and the Behaviourists, and Levi-Strauss and the structuralists.) It’s really fascinating to see how dogma overtakes so many branches of science and learning generally. Those believe that Darwinian Selectionism can explain cultural evolution provide another example in my own field. I have also been thinking some more about Chomsky and recursion. As I understand it, mathematical recursion is nothing more than an iterative procedure by which one constructs a series, like the natural numbers or the Fibonnacci  series, which go on for ever. This “going on for ever”, however, which apparently Chomsky and followers thought an essential feature of language creativity is quite different from and irrelevant to the structural complexity both of grammar and meaning achievable by the repeated nesting of clauses within a sentence, which could actually be quite short. From what you say this basic difference between the two recursions was actually glossed over?

Yours

Christopher Hallpike

My return mail:

Dear Mr. Hallpike,

I am glad you took no offence at my somewhat harsh comment on certain intellectual games in academia, a comment which was indeed meant to amuse. Even more amusing are comments by followers of Chomsky that interpret his thoughts in blatantly contradictory ways:

Mendivil-Giro („Is Universal Grammar ready for retirement?“): „The mathematical concept of recursion was quasi-synonymous with computability, so that recursive was considered equivalent to computable… what Chomsky… postulates as the central characteristic of human language is recursion in the computational sense, not the existence of sentences within sentences or the existence of noun phrases inside noun phrases“ (my italics).

Pinker („The Language Instinct“): „Recall that all you need for recursion is an ability to embed a noun phrase inside another noun phrase or a clause within a clause“ (my italics). Is there a better proof of Chomskyan vagueness than such opposing interpretations?

Yours

Gero Jenner

Schöne Neue Coronawelt – Eine hitzige Debatte zwischen Steven Pinker und Aldous Huxley

Aldous Huxley: Habe ich nicht schon hinreichend klar gemacht, was ich über Optimisten aus Prinzip und ideologische Perfektionisten denke, als ich ein Meisterwerk der Weltliteratur zu dem Thema verfasste? Glaub nur nicht, dass ein Mann des Geistes jemals Abschied vom Denken nimmt und sich hier oben sozusagen auf sein Altenteil setzt. Tatsächlich verfolge ich mit Besorgnis alles, was dort unten so vor sich geht. Coronavirus ist doch nur eine der vielen Bedrohungen. Homo sapiens insapientissimus scheint alles zu unternehmen, um sich selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen. Aber ihr scheint das ja nicht einmal zu ahnen.*0*

Steven Pinker: Bitte schön, mit Toten rede ich nicht; ihr habt eure Zeit gehabt, jetzt geben die Lebenden den Ton an. Was ihr damals geliefert habt, war nichts als Dichtung, will sagen Fantasterei. Ich habe an Hand von belastbaren Zahlen bewiesen, dass heute nahezu alles weit besser ist als in der Vergangenheit. Die Menschen leben länger, sie töten sich weniger, sie essen besser, haben weniger Krankheiten als je zuvor – und das obwohl ihre Zahl in zweihundert Jahren um das Siebenfache gestiegen ist.*1* Gibt es einen besseren Beweis, um Euch Schwarzmaler und Untergangspropheten, lebende wie tote, ad absurdum zu führen?

Huxley: Oh gewiss, den Beweis gibt es. Er wird uns gerade geliefert. Während ihr dem Menschen das Paradies vorgaukelt, breiten sich Seuchen in immer kürzeren Abständen und mit immer größeren Verheerungen aus. Erst unter den Tieren. „Hunderttausende eng zusammengepferchte Tiere, die darauf warten, zum Schlachthof gebracht zu werden: ideale Bedingungen für die Mutation von Mikroben zu tödlichen Krankheitserregern.“*2* Dagegen kommt man nur an, indem man sie vollstopft mit Antibiotika (mit denen wir dann anschließend auch uns selbst vergiften). Trotzdem müssen in kurzen Abständen ganze Populationen von Schweinen, Rindern, Hühnern, Gänsen etc. gekeult, gemetzelt, vergast und vergraben werden.

Pinker: Na und? Das ist doch nicht mehr als ein technisches Problem, das wir auf diese Weise erfolgreich beseitigen. Das Kranke wird ausgemerzt, das Gesunde bleibt übrig, wo ist da das Problem?

Huxley: Das Problem beseitigen wir nie, solange der Lebensraum für Tier und Mensch immer enger wird. Wir selbst werden unsere Zahl innerhalb von nur dreihundert Jahren ja verzehnfacht haben. Die Entstehung von epidemischen Seuchen wie Cholera, Pest, Grippe, Typhus und Pocken setzt eine gewisse Bevölke­rungsdichte voraus, um eine effektive Übertragung von Krankheitskeimen zu erlauben. Die haben wir längst erreicht. Bis zum heutigen Tag wurde Europa regelmäßig von Seuchen heimgesucht. Keine war so mörderisch wie die sogenannte Spanische Grippe zwischen 1918 und 1920. Diese von Soldaten in Amerika und Europa durch das Influenzavirus H1N1 verbreitete Epidemie tötete innerhalb eines einzigen Jahres fast so viele Menschen wie der Schwarze Tod innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, nämlich zwischen 50 und 100 Millionen Menschen, weit mehr als die 40 Millionen Soldaten, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen.

Aber im Vergleich zu damals könnte sich das Problem in Zukunft um vieles verschärft. Inzwischen verlangen nicht nur westliche Wohlstandsbürger nach immer mehr Fleisch sondern China und bald auch Afrika und die ganze übrige Menschheit. Und um diesen Hunger nach Fleisch zu befriedigen, benötigen wir für alle Nutztiere zusammen eine Fläche, die jetzt schon der Größe des afrikanischen Kontinents entspricht. *3*

Anders gesagt, stellen wir genau jene Bedingungen her, unter denen die Schädlinge florieren, und zwar nicht nur unter den Tieren sondern ebenso auch im Rest der Landwirtschaft. Den Monokulturen unter den Tieren entsprechen die Monokulturen unter den Pflanzen. Auch diese werden von Seuchen verheert. Inzwischen belasten wir die uns umgebende wirtschaftlich genutzte Fläche mit Unmengen von Giften, und zwar jedes Jahr mit neuen und stärkeren, um die Ernten vor Heerscharen von dauernd mutierenden Schädlingen zu retten. Wo einst das Volk der Dichter und Denker die Natur in romantischen Versen besang, schlagen uns heute widerliche Pestdünste entgegen. Wer wird noch mit Wohlgefallen durch frisch mit Pestiziden bespritzte Weinbaugebiete oder durch Obstanlagen spazieren? Dort lässt der Teufel seine Furze knallen, das sind Gefilde von bestialischem Gestank.

Pinker: O ja, ich sehe schon Aldous, Du bist ein griesgrämiger Spielverderber. Du mäkelst an den Kinderkrankheiten herum, die es natürlich von jeher gab und die es mit Sicherheit auch in Zukunft immer geben wird, statt vor den großartigen Errungenschaften unserer Zeit in Ehrfurcht zu erschauern, wahren Höhenflügen des menschlichen Geistes, die uns bis ins Atom und in das Genom lebender Arten ins Allerkleinste hinab und bis in den Kosmos hinauf ins Allergrößte führten. Aber Du kannst ganz beruhigt sein, irgendwann werden unsere Pflanzenschutzexperten geruchlose Gifte erfinden und dann kann man so sensible Romantiker und Dichterlinge wie euch von neuem in die Weingärten schicken, damit ihr die Trauben mit Versen bekränzt. Den Wein trinkt ihr doch sowieso, jedenfalls kenne ich keine nüchternen Dichter. Ich sage Euch, wir Wissenschaftler haben bisher noch alle Schwierigkeiten bemeistert.

Huxley: Nein, das habt ihr nicht. Ihr seid so trunken von eurem Geist und faustischem Machen, dass ihr das Menetekel, obwohl es ganz nahe ist, nicht einmal in den Blick bekommt. Es geht ja nicht mehr allein um die Tiere, es geht um uns, es geht um die Menschen, denn unsere explodierende Zahl hat dafür gesorgt, dass neben die Massentierhaltung längst schon die Massenmenschhaltung getreten ist. In den großen Betonmetropolen der Welt lebt unsere Spezies inzwischen auf ähnlich engem Raum zusammengepresst wie die Tierpopulationen, die wir täglich verspeisen. Was wir den Tieren antun, das haben wir anschließend immer auch uns selbst angetan. Die Coronakrise hat zwar nicht dazu geführt, dass wir uns gegenseitig in Nacht- und Nebelaktionen massenschlachten, aber wochen- oder monatelang sperren wir uns in unseren Wohnkasernen ein, um uns nur nicht durch gegenseitigen Kontakt zu verseuchen.

Pinker: Und was soll dieses Gejammer? Am Ende werden wir einen Impfstoff erfinden – und damit ist das Problem überwunden.

Huxley: Gewiss werden wir einen Impfstoff erfinden, vielleicht sogar geruchlose Gifte. Aber das heißt doch nur, dass wir gezwungen sind, in immer schnellerem Tempo die Gegenmittel zu suchen, mit denen wir die von uns selbst erzeugten Schäden beseitigen. Aus der Ära einer fortschrittlichen Gesellschaft, die mit immer neuen Erfindungen, das Leben der Menschen verbessert, sind wir seit dem vergangenen Jahrhundert in die Ära der Risikogesellschaft übergewechselt, wo wir uns vorsehen müssen, dass aus einem Atomkraftwerk nicht eine Atombombe wird (Tschernobyl oder Fukushima). Im 21. Jahrhundert aber sind wir in die Ära der Reparaturgesellschaft eingetreten, wo wir vor allem damit beschäftigt sind, die von uns in zweihundert Jahren Industrialisierung verursachten Schäden an Luft (CO2), Böden (Zerstörung des Humus) und Wasser (Plastikmüll) wenigstens einzudämmen.

Das aber ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der immer teurer und aufwändiger wird. Da die Weltbevölkerung einerseits immer größer wurde, andererseits immer besser ernährt werden will, brauchen wir mehr und mehr Energie, nur um unsere elementaren leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute erkennen wir, dass die sogenannte industrielle Revolution vor allem eine Energierevolution ist. Die in Millionen Jahren im Boden gespeicherten Energiereserven des Planeten haben wir rücksichtslos geplündert – und tun es auch heute noch. Nur deswegen ist innerhalb von nur zweihundert Jahren alles exponentiell gewachsen: der Energieverbrauch ebenso wie der materielle Lebensstandard gemessen am BSP.

Energieverbrauch: Im Jahr 1800 belief sich dieser Verbrauch auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill).

BSP: Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven ist offensichtlich. Natürlich wären Kohle und Öl ohne die Erfindung von Dampfmaschine, Diesel- und Elektromotor nie zur Wirkung gelangt. Aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und Nutzung fossiler Rohstoffe bilden eine unauflösliche Einheit. Nur, weil wir den Planeten gnadenlos plünderten, geht es uns heute so gut.

Pinker: Richtig. Es geht uns heute so gut wie nie in der Geschichte. Das habe ich in meinem wegweisenden Buch „Enlightenment Now“ an vielen Indikatoren nachgewiesen.

Huxley: Gewiss, das Buch ist eine einzige Lobeshymne auf den menschlichen Erfindungsgeist, aber die dunkle Kehrseite der Medaille bleibt leider ganz ausgespart. Jeder objektive Beobachter muss doch begreifen, dass das weltgeschichtliche Experiment mit den im Erdmantel verborgenen Energiereserven sich als Strohfeuer erweisen wird, da ihm keine dreihundert Jahre beschieden sind, denn die Vorräte gehen rapide zur Neige – und schlimmer noch die Rückstände aus der Verbrennung (CO2) heizen den Globus so auf, das die Meere die großen Küstenstädte unter Wasser setzen und Millionen von Menschen vertreiben werden. Den Scheitel der Gaußschen Normalverteilung von Aufstieg und Niedergang haben wir bereits überschritten. Selbst wenn unsere Vorräte unbegrenzt wären, dürfen wir sie nicht länger nutzen, weil wir den Klimawandel dadurch nur weiter beschleunigen. Unser Reichtum ist so eng an die fossile Verbrennung gekoppelt, dass man nur staunen kann, wie sehr in den meisten Regierungen und selbst unter Ökonomen noch immer die Optimisten den Ton angeben – Optimisten, die sich mit seltsamer Naivität an die Mär vom ewigen Wachstum klammern.

Ob man wir es wahrhaben wollen oder nicht: mit dem Wachstum ist es vorbei, sobald sich unser Vorrat an fossilem Gold erschöpft. Vielleicht – so eine naheliegende Befürchtung – werden wir dann sogar in die Armut früherer Epochen zurückgestoßen. Das ist jedenfalls die Meinung, welche das wissenschaftliche Autorenkollektiv unter der Leitung von Ugo Bardi vertritt.*4* Auf jeden Fall steht uns eine Lebensweise bevor, bei der wir mit jener Energiemenge auskommen müssen, welche die Sonne für unser Territorium bereithält. Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*

Pinker: Wie ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber dann wird uns die Fusionsenergie zur Hilfe kommen, indem sie uns für alle Zeit mit einem Füllhorn an Energie überschüttet. Siehst Du denn nicht, mein Lieber, dass wir die bisher einzige Art auf dem Globus und vielleicht im ganzen Kosmos sind, die den Geist zur Entfaltung brachte und daher auf jedes Problem am Ende die richtige technische Antwort findet? Für mich ist das nicht weniger als die eigentliche Definition dessen, was uns überhaupt erst zu Menschen macht: Wir sind die problemlösende Spezies.

Huxley: Und ich bedauere, Dir abermals widersprechen zu müssen. Wir sind die problemblinde Spezies, denn wir stehen ganz nahe am Abgrund, nur das es beinahe niemand in der Bevölkerung merkt – oder richtiger: merken will. „Hören Sie sich in dieser Zeit der Krise die Nachrichten, die gewählten Politiker oder die Wirtschafts- und Politikexperten an. Sie werden praktisch keinen Hinweis auf den Klimawandel hören…, auf Waldbrände, den Verlust der biologischen Vielfalt, die Verschmutzung der Ozeane, den Anstieg des Meeresspiegels, die Abholzung der Tropenwälder, die Verschlechterung der Land-/Bodensituation, die Ausdehnung des Menschen in die Wildnis usw. usw., und es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese Trends miteinander und mit der Pandemie in Verbindung stehen.“*6*

Deine Vision von der unbegrenzten Fusionsenergie, lieber Steven, würde nämlich erst recht das Ende bedeuten. Energie dient ja vor allem dazu, um Stoffe umzuwandeln. Inzwischen gehen alle von uns benötigten Stoffe jedoch rapide zur Neige: Kupfer, seltene Erden, Phosphor, ja selbst der für den Beton benötigte Sand. Eine unbegrenzte Energiezufuhr würde nur bewirken, dass wir alle noch vorhandenen Ressourcen sozusagen in einem einzigen wilden Festschmaus verbrauchen – woraufhin wir uns denn am Ende nackt auf einem kahlen Planeten drängen. Zwar brauchen wir immer mehr Energie, um die Nahrung für bald zehn Milliarden Menschen hervorzubringen, aber die dazu benötigte Energie geht uns aus. Übrigens auch die grüne Energie. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.*7*

Pinker: Hör auf! Solche Schwarzmalerei, Aldous, ist ein Verbrechen an den jetzt lebenden Menschen und an künftigen Generationen. Sie verdüstert den Geist und lähmt die Erfindungskraft. Der beste Beweis dafür, dass der Mensch eine einzige Erfolgsstory ist, liegt doch in unserer Zahl. Wir sind Überlebenskünstler. Während zur Zeit der Jäger und Sammler nur Horden von allenfalls bis zu hundert Menschen die Savannen durchstreiften, schießen inzwischen Millionenstädte auf sämtlichen Kontinenten aus dem Boden. Charles Darwin, nach Newton zweifellos der größte Wissenschaftler, hat uns vor anderthalb Jahrhunderten die richtige Theorie dazu geschenkt. Wer im Lebenskampf besser gerüstet ist, der setzt sich durch, bekommt die größte Nachkommenschaft und beherrscht den Globus.

Huxley: Bedaure, dass ich abermals widersprechen muss. Darwins Theorie kann nicht stimmen, denn der Gegenbeweis durch die vorhandenen Fakten steht uns doch in Gestalt der Statistik vor Augen. Würden wir alle Säugetiere auf eine Waage stellen, ist der Mensch nur mit 36% der gesamten Biomasse vertreten. Mit insgesamt gerade einmal 4% sind Elefanten, Tiger, Robben, Wale etc. schon praktisch ausgerottet. Die große Masse von 60% bilden Rinder, Schweine, Hühner und Co., also die Nutztiere. Offensichtlich repräsentierten diese die bei weitem erfolgreichsten Arten – mit der Theorie Darwins lässt sich das nur über intellektuelle Hilfskonstruktionen in Einklang bringen. Wir selbst und unsere Nutztiere haben uns innerhalb von nur zweihundert Jahren wie Heuschrecken und Lemminge vermehrt und sollten eigentlich wissen, womit eine solche Bevölkerungsexplosion regelmäßig endet, nämlich in einem Bevölkerungskollaps. Darwin hin oder her – ich sehe nicht, wie man darin einen Erfolg sehen kann.

Pinker: Ach, darauf willst Du hinaus. Die Natur wird sich selber helfen – mit Kriegen, Seuchen, Hungersnöten usw., damit dann am Ende eine kleine Schar übrigbleibt, die dann wieder jagen und sammeln geht, so wie vor zehntausend Jahren? Die Leier kenne ich, davon will ich nichts hören. Um Dir die Wahrheit bei dieser Gelegenheit einmal rundheraus ins Gesicht zu sagen. Ich bin ja sonst für die Freiheit und gegen die Zensur, aber solchen Spielverderbern und Miesmachern wie euch sollte man schlicht das Wort verbieten.

Dabei würde ein kleines Gedankenexperiment doch schon genügen, um euch zu zeigen, wie wenig dramatisch unsere Situation in Wirklichkeit ist. Würden wir alle sieben Milliarden Menschen in eurem Zwergstaat Österreich unterbringen, dann kämen auf jeden einzelnen immer noch 12m2, also sechs mal zwei Meter, das entspricht einem günstigen Wert für Gefängnisse, in denen so mancher Zeitgenosse sein ganzes Leben zubringen muss. Da kann doch von Übervölkerung überhaupt keine Rede sein. An eurer Schwarzmalerei stört mich vor allem, dass sie geistig so unfruchtbar ist. Wenn ihr euch schon berufen glaubt, jede Errungenschaft unser großartigen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation kritisch zu hinterfragen, dann sagt doch bitte, wie es besser zu machen wäre. Kritik allein ist eine Krankheit, die niemandem nützt, solange sie nicht zugleich mit einem Rezept zur Heilung verabreicht wird.

Huxley: Diesen Einwand akzeptiere ich. Da bin ich ganz deiner Meinung, aber ich verlange nun auch, dass Du die ungeheure Schwierigkeit begreifst, vor der wir heute stehen. Die plötzliche Vermehrung einer Art über die biologische Tragfähigkeit des Ökosystems hinaus, ist ein Unglück, für das es in der Natur leider unendlich viele Beispiele gibt. Lemminge und Heuschrecken habe ich schon erwähnt, aber bei Bakterien und Viren ist eine exponentiell-explosionsartige Vermehrung die Regel. Stets hilft die Natur sich auf die brutale Art: sie lässt den Überschuss untergehen. Wir Menschen haben uns gegen diese Grausamkeit nie aufgelehnt, solange sie andere Arten betraf. Da erschien sie uns ganz „natürlich“. Nun aber stehen wir selbst mit unseren bald zehn Milliarden Individuen einem Ökosystem gegenüber, das dieser Last nicht länger gewachsen ist. „Selbst bei den derzeitigen globalen Durchschnittswerten des Verbrauchs (etwa ein Drittel des kanadischen Durchschnitts) übersteigt die menschliche Bevölkerung bei weitem die langfristige Tragfähigkeit der Erde.  Wir bräuchten fast fünf erdähnliche Planeten, um allein die gegenwärtige Weltbevölkerung bei durchschnittlichen kanadischen materiellen Standards unbegrenzt zu versorgen.“*8*

Ja, wir haben es materiell sehr viel besser als die ganze Menschheit vor unserer Zeit – da hast Du völlig recht. Aber sobald wir begreifen, dass uns dies nur gelang, weil wir den Planeten in kurzer Zeit wie die Heuschrecken kahlgefressen haben, sieht das Bild doch ganz anders aus. Nur wir, die Du als Schwarzmaler und Kassandras schmähst, weisen auf die Gefahr. Wir sagen so laut wir können, dass die Menschheit im beginnenden 21. Jahrhundert alles unternehmen müsse, damit die Natur nicht die übliche Prozedur der brutalen Vernichtung des Überschusses so an uns vollzieht, wie sie das schon immer an Heuschrecken tat. Oder dass sie uns selbst nicht etwa zu ihrem Vollstrecker macht, weil wir mit Kriegen um die letzten Rohstoffe uns gegenseitig vernichten. „Es gibt keine Ausnahmen vom 1. Gesetz exponentieller Vermehrung: Diese zerstört unweigerlich die Bedingungen, die die Vermehrung begünstigt haben, und löst damit den Zusammenbruch aus.“*9*

Pinker: Na schön, dann kommen wir jetzt ja doch noch zur Hauptsache. Sag mir also,  wie die Welt nach Deiner Meinung aussehen soll. Entweder zurück zur Bedürfnislosigkeit der Steinzeitmenschen oder eine radikale Verminderung unserer Kopfzahl, wie es die Natur bei den Heuschrecken macht. Darauf läuft Dein Rezept doch hinaus?

Huxley: Es wundert mich, dass Du den Menschen so unbefangen mit Heuschrecken vergleichst, obwohl Du doch seine durch Aufklärung gewonnene Vernunft als ein ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnendes Merkmal siehst. Dir sind die wissenschaftlichen Untersuchungen sicher bekannt, die an einer Fülle von Fakten belegen, dass wir den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard bei einer Bevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen nur noch eine kurze Zeit aufrechterhalten können. Noch in diesem Jahrhundert wird das energetische Strohfeuer erlöschen. Wollen wir diesen Kollaps vermeiden und eine nachhaltige Welt begründen, dann erreichen wir dieses Ziel nur auf zweierlei Art: entweder reduzieren wir unseren Naturverbrauch auf etwa ein Fünftel, oder es dürfen nur noch zwei Milliarden Menschen den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard genießen.

Pinker: Bravo, ich wusste schon, darauf läuft es bei euch hinaus. Entweder der radikale Verzicht, indem wir alle eine Existenz von Bettlern führen oder fünf der vorhandenen sieben Milliarden Menschen werden schlicht als überflüssig erklärt. Vielleicht entsorgt ihr sie auf dem Mars?

Huxley: Ja, ja, das ist der übliche Spott, wenn das Denken vor einer existenziellen Bedrohung in den Fluchtreflex fällt. Ich weiß schon, Du denkst an das unselige Buch von Ilya Trojanow „Der überflüssige Mensch“. Aber keiner, der sich für eine sinnvolle Bevölkerungspolitik einsetzt – das hatte seinerzeit schon Bertrand Russell getan – hat auch nur einen Augenblick daran gedacht, Bevölkerungspolitik in dem Sinne misszuverstehen, dass man irgendeinen Teil der bereits lebenden Menschen als überflüssig erklärt. Ein derart abwegiger (und verbrecherischer) Einfall kann nur Demagogen einfallen. Es geht darum, durch Geburtenbegrenzung auf dieses Ziel hinzuarbeiten, so wie man es in China mit Erfolg bereits tat. Mit seiner fallenden Geburtenrate hat auch Europa der Welt ein nachahmenswertes Beispiel geliefert.

Pinker: Ach wirklich? Und warum jammern Unternehmen, Politik und Pensionisten in einem fort darüber, dass ihnen die Arbeitskräfte fehlen und künftig sogar das Geld, um die Pensionisten zu erhalten? Und warum lässt man in Europa aus aller Welt Fremde über die Grenzen strömen, nur um die fallenden Geburtsraten auf diese Art auszugleichen? Da freut sich keiner über das Beispiel, alle scheinen in dem demographischen Rückgang nichts als ein nationales Unglück zu sehen.

Huxley: Da muss ich Dir leider recht geben. Führende Wissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass eine radikale Beschränkung der Geburten die einzig vernünftige Politik darstellt, wenn wir der ökologischen Katastrophe entgehen wollen. Alles: die Überfischung der Meere und ihre rapide Vermüllung mit Plastik, die Vergiftung der Atmosphäre mit CO2, die baldige Erschöpfung der Energiereserven, die zunehmende Bedrohung durch alle Arten von Seuchen in einer total überfüllten Welt, all dies lässt sich nur überwinden, wenn es einer konsequenten Bevölkerungspolitik gelingt, die Geburtenzahl innerhalb dieses Jahrhunderts auf einen Bruchteil zu reduzieren. Statt jedoch das chinesische und europäische Beispiel der Welt als Lösung des gegenwärtig größten Menschheitsproblems vor Augen zu stellen, jammern wir über die Gefährdung der Renten. Statt den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, wo der Geburtenüberschuss alle Nachhaltigkeit vereitelt, eine radikal andere Politik zu empfehlen und sie von uns aus zu unterstützen, öffnen wir unsere Grenzen und ermuntern diese Länder im Gegenteil noch dazu, bei ihrer bisherigen Bevölkerungspolitik zu bleiben.

Pinker: Verstehe ich dich recht, wir sollen die Grenzen schließen? Da spricht auf einmal der inhumane, brutale Nationalegoist. Der lässt andere jenseits der Grenzen eher sterben, als dass er ihnen die Einwanderung erlaubt

Huxley: Ich gebe zu, dass Du da einen wunden Punkt berührst – und einen noch dazu intellektuell außerordentlich problematischen. Lassen wir die Migration einen Augenblick beiseite und betrachten dasselbe Problem unter einer anderen Perspektive, wo wir uns vielleicht eher einigen können.

Es scheint mir offensichtlich, dass jeder Staat in Zukunft den von ihm produzierten Müll selbst entsorgen muss. Immer mehr Staaten (die man einst als Dritte Welt von oben herab behandelte) weigern sich inzwischen, das eigene Territorium damit zu vergiften. Diese Entwicklung sollten wir bejahen. Nur dadurch dass wir gezwungen sind, mit dem Problem selbst fertig zu werden, finden wir zu Strategien der Müllvermeidung. Die Verantwortung für das eigene Handeln muss wieder bei dem Handelnden selber liegen, ganz gleich ob Individuum, Unternehmen oder Staat. Was für den Müll gilt, sollte aber ebenso für die industrielle Produktion überhaupt gültig sein. Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir im Ernstfall alles Lebensnotwendige wenn nicht im  eigenen Land so doch innerhalb der existierenden Staatenbünde wie z.B. der Europäischen Union produzieren sollten. Wir dürfen uns nicht in existenzielle Abhängigkeit bringen, indem wir uns auf eine Werkbank am anderen Ende der Welt verlassen.*10* Zwar würde in einer idealen Welt, wie sie die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft beschreibt, ein völlig freier Handel allen Menschen den größten Wohlstand bescheren, aber wir haben bisher nie in einer solchen Welt gelebt, und wir werden auch erst unter einer künftigen Weltregierung dazu gelangen.

Ja, und damit komme ich zu Punkt drei. Jeder Staat (oder Staatenbund) sollte nur so viele Menschen auf seinem Gebiet beherbergen wie dort nachhaltig leben können. Dieser Schluss scheint mir unausweichlich zu sein.

Pinker: Sehr interessant und überaus seltsam. Weißt Du auch, was Du damit sagst? Das ist ein Programm, um 150 Jahre Globalisierung rückgängig zu machen. Du willst zurück in die Welt, wie sie es vor tausend Jahren gab, als China, Indien, Europa, Australien und Amerika entweder nichts voneinander wussten oder zumindest so gut wie nichts voneinander brauchten, um ihre unmittelbaren materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Huxley: Wenn das so einfach wäre! Habe ich nicht gerade zuvor bemerkt, dass wir hier einer großen Herausforderung gegenüberstehen? Jede der drei Großmächte kann jeden beliebigen Punkt auf der Erde mit nuklearen, chemischen und biologischen Waffen so verseuchen, dass die gesamte Menschheit davon betroffen ist. Diese Globalisierung durch den unseligen „Fortschritt“ der Waffentechnik ist nicht mehr rückgängig zu machen. Selbst wenn in Zukunft jeder Staat oder Staatenbund wieder ganz allein die Verantwortung für das eigene Territorium und die darauf lebenden Menschen zu tragen hätte, würde das gemeinsame Überleben dennoch davon abhängen, dass keiner dem anderen schadet. Das aber ist nur durch Frieden, Kooperation und Verträge zu erreichen. Anders gesagt, müssen wir ein Kunststück zustandebringen, das die vorangehenden Generationen nicht einmal ahnten. Regionalisierung einerseits, d.h. Verantwortung vor Ort, und zugleich Globalisierung andererseits, da wir alle Passagiere desselben von Kentern bedrohten Bootes sind.

Pinker: Schon wieder die übliche Übertreibung und Panikmache! In den Zeiten des dreißigjährigen Krieges glaubten die Menschen das Heil in dem richtigen Glauben zu sehen. Mein lieber Freund Richard Dawkins hat den heillosen Schwachsinn der damaligen und heutigen Glaubenskämpfer in seinem großartigen Buch „Der Gotteswahn“ angeprangert. Ein Jahrhundert nach dem dreißigjährigen Glaubensmorden hat die Aufklärung diesen Irrsinn zum ersten Mal als solchen entlarvt. Dann aber kam Karl Marx und setzte einen neuen Wahn in die Welt. Angeblich müssten die Arbeiter nur die Maschinen besitzen, mit denen sie produzieren, damit sie glücklich werden. Sowjetrussland hat uns gezeigt, dass sie nicht um einen Deut glücklicher sondern im Vergleich mit den USA nur zu armseligen Bettlern wurden. Jetzt besteht der neueste Wahn darin, unseren Fortschritt ökologisch kaputtzureden!

Huxley: Wir reden nichts ökologisch kaputt, sondern zeigen die Fakten auf. In den „Glücklichen Breiten“ (Lucky Latitudes), die sich in der Alten Welt in einem Streifen von etwa 20 bis 35 Grad nördlich und in der Neuen Welt zwischen 15 Grad südlich bis 20 Grad nördlich befinden, erbrachte das Sammeln der frühen Jäger-Sammler die größte Ausbeute. Für eine einzige an Arbeitsenergie verausgabte Kalorie wurden fünfzig Kalorien durch die Nahrung gewonnen. Diese Bilanz ist heute in ihr gerades Gegenteil umgeschlagen. 22 000 Kalorien werden zum Beispiel benötigt, um 100g Rindfleisch mit einem Kaloriengehalt von 270 Kalorien zu erzeugen. Statt für eine einzige Kalorie Arbeit mit fünfzig Kalorien Nahrung belohnt zu werden, stecken wir heute 81 Kalorien in die Arbeit, um nur eine einzige Kalorie Nahrung dabei zu gewinnen. Größtenteils werden die eingesetzten Kalorien aus fossilen Brennstoffen gewonnen, um in Traktoren, Düngemitteln etc. zum Einsatz zu gelangen – eine verheerende Energiebilanz. Jeder denkende Mensch muss begreifen, dass es so nicht weitergeht. Die grüne Revolution vervierfachte den Ernteertrag zwischen 1950 und 2000; nur so war es überhaupt möglich, die in diesem Zeitraum von ca. 1,5 auf sechs Milliarden sprunghaft gestiegene Zahl von Menschen weitgehend zu ernähren. Hätte man den landwirtschaftlichen Ertrag nicht auf diese Weise gesteigert, sodass es stattdessen bei den alten Methoden geblieben wäre, dann müsste eine Fläche gerodet und beackert werden, die der gesamten Fläche der Vereinigten Staaten plus Kanada und China entspricht, um die heutige Weltbevölkerung zu ernähren.*10*

Die Bereitschaft, aus diesen Tatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen, ist aber bisher nur bei einigen Wissenschaftlern vorhanden. An dieser Stelle kommt daher etwas ganz anderes ins Spiel. Aus dem elementaren Problem der Ökologie wird eine soziale Frage – man kann auch sagen, eine solche des Bewusstseins. Solange eine Minderheit in Macht und Reichtum schwelgt, wird die Mehrheit keine Einbuße hinnehmen wollen. So gesehen hatte Marx jedenfalls recht.

Pinker: Nein, auch das ist noch zu einfach gesehen. Solange die Supermächte jeden Machtzuwachs des anderen so misstrauisch beäugen wie konkurrierende Unternehmen, wird keine von ihnen auf den geringsten Vorteil verzichten wollen, wenn dieser dem Konkurrenten einen Gewinn beschert. Es ist doch eine tolle Naivität zu glauben, dass die großen Mächte zwar Milliarden in Waffen investieren, um nur nicht hinter den Rivalen zurückzubleiben, aber bereit sein werden, ihren Ressourcenverbrauch freiwillig zu drosseln, nur weil sie auf eure Sirenentöne lauschen. Also hier, mein Lieber, verrät sich doch die ganze Weltfremdheit von euch heillosen Idealisten.

Ich schlage etwas mehr Realismus vor. Wir haben etwas viel Wirksameres und auch Demokratischeres entwickelt als den freiwilligen Verzicht auf Rohstoffe und Vermüllung. Das solltest du eigentlich so gut wie jeder andere wissen.  Wir haben den Markt, der selbst auf Regierungen keine Rücksicht nimmt. Der Markt regelt alle wirtschaftlichen Transaktionen über die Preise. Deswegen brauchen wir für die Umwelt nichts zu befürchten. Wenn Öl zu teuer wird und die Müllentsorgung unbezahlbar, dann stellt sich die Industrie ganz von selbst auf andere Energieformen um. Der Markt und die Preise – das ist die verwirklichte globale Vernunft, die sich selbst zähmt und sich selbst regelt. Solange der Markt intakt ist, haben wir nichts zu befürchten!

Huxley: Steven, jetzt bringst Du mich aber zum Lachen! Du nennst mich einen Idealisten, wo Du doch selbst nichts anderes bist als ein konservativer Fantast. Haben die dahin schmelzenden Gletscher vielleicht einen Preis? Werden die in Massen aussterbenden Wildtiere in das Kalkül des Marktes einbezogen? Schlägt die Industrie das COin der Luft und das sich aufheizende Klima auf ihre Preise? Hat die Ungleichheit, welche die einen zu Multimilliardären, die anderen zu Hungernden gemacht, den Markt jemals in Unruhe versetzt?

Nein, nicht der Markt wird benötigt sondern starke Regierungen, welche die Interessen der künftigen ebenso wie die der jetzt lebenden Menschen berücksichtigen.  Das gegenwärtige Unglück könnte dabei allerdings hilfreich sein. Solange der Weltmarkt, d.h. die internationale Konkurrenz, den Ton angab, war an Regionalisierung nicht zu denken. Jetzt aber müssen sich die großen Wirtschaftsblöcke auf sich selbst besinnen. Das ist eine gewaltige Chance. Alle redeten davon, dass die Umwelt den wachsenden Flugverkehr nicht verkraftet. Nun ist diese Industrie eingebrochen. Corona tut beinahe alles, was die Retter der Umwelt seit Jahren predigen und verlangen. Das Virus hat den Energieumsatz wesentlich reduziert, Abgase wurden auf einen Minimalwert vermindert, weil der Verkehr zum Erliegen kam, der Himmel über den Städten wurde wieder blau, die Tiere wagen sich erstaunt aus ihren Verstecken vor. Corona zwingt der Welt den Wechsel auf.

Pinker: Das hört sich gerade so an, als hättet ihr Ökologen so eine Krise herbeigesehnt.

Huxley: Wenn es ohne eine kleinere Krise nicht gelingt, die Welt vor der ganz großen zu retten, welche das Überleben der Spezies insgesamt gefährdet, dann wird man diese Frage wohl bejahen müssen, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Mensch aus Fehlern am ehesten lernt. Die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Corona liefert übrigens den augenscheinlichen Beweis für den heilsamen Aspekt der Globalisierung. Das gemeinsame Unglück könnte zu einer gemeinsamen Chance werden.

Pinker: Das genügt nicht. Der Mensch braucht Hoffnung und ein positives Narrativ. Mit meinem wegweisenden Buch über die Aufklärung habe ich solche Hoffnung vermittelt. Wir können stolz sein auf alles, was wir in Wissenschaft und Technik geleistet habe. Ihr dagegen nehmt den Menschen die Hoffnung.

Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten? Ist dir niemals der Gedanke gekommen, dass ein Pfau, ein Nilpferd, ein Löwe, eine Narzisse, Rose oder Orchidee größere und ungleich komplexere Erfindungen sind als selbst unsere schnellsten Supercomputer? Diese Welt der unglaublichen Schönheit und Komplexität möchten wir bewahren. Ich kenne kein größeres positives Narrativ als diese gemeinsame Aufgabe.

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*0* Ein vielleicht noch überzeugenderer Partner in diesem Streit mit Steven Pinker wäre wohl der ehemalige deutsche Psychiater und Neurologe Hoimar v. Ditfurth gewesen, der allerdings außerhalb der Grenzen Deutschlands wenig bekannt ist. In seinem (bereits 1985!) erschienenen Buch „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit“ hat Ditfurth nicht nur das Potenzial zur atomaren, biologischen und chemischen Selbstauslöschung im Einzelnen beschrieben sondern auch den Hauptgrund für die Gefährdung unserer Spezies ausgemacht: die exponentielle Zunahme der Weltbevölkerung. Ich würde diesem so außerordentlich gut informierten, intelligenten und sympathischen Mann nur einen Vorwurf machen. Er hat keinen Ausweg aus der Situation gesehen und seinen eigenen Untergang – der erfolgte vier Jahre nach der Veröffentlichung des genannten Buches – mit dem Untergang der Welt gleichgesetzt.

*1* Steven Pinker (2018), Enlightenment Now.

*2*  Des centaines de milliers de bêtes entassées les unes sur les autres en attendant d’être conduites à l’abattoir : voilà des conditions idéales pour que les microbes se muent en agents pathogènes mortels. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*3*  Pour assouvir son appétit carnivore, l’homme a rasé une surface équivalant à celle du continent africain (8) afin de nourrir et d’élever des bêtes destinées à l’abattage. (https://www.monde-diplomatique.fr/2020/03/SHAH/61547#nb9)

*4* Bardi (2014): Der geplünderte Planet.,

*5* Siehe Jenner (2019): Reflections.

*6* William E. Rees (2020): The Earth Is Telling Us We Must Rethink Our Growth Society (https://thetyee.ca/Analysis/2020/04/06/The-Earth-Is-Telling-Us-We-Must-Rethink-Our-Growth-Society/).

*7* Zit. aus Jenner (2019): Sinn und Ziel.

*8* William E. Rees, op. cit.

*9* Rees, op. cit.: Now here’s the thing. H. sapiens has recently experienced a genuine population explosion. It took all of human evolutionary history, at least 200,000 years, for our population to reach its first billion early in the 19th Century. Then, in just two hundred years, (less than 1/1000thas much time) we blossomed to over seven billion at the beginning of this century.  This unprecedented outbreak is attributable to H. sapiens’ technological ingenuity, e.g., modern medicine and especially the use of fossil fuels. (The latter enabled the continuous increases in food production and provided access to all the other resources needed to expand the human enterprise.) 

The problem is that Earth is a finite planet, a human Petri dish on which the seven-fold increase in human numbers, vastly augmented by a 100-fold increase in gross world product (consumption), is systematically destroying prospects for continued civilized existence.

*10* Diesen Imperativ hatte ich schon in meinem ersten Wirtschaftsbuch vertreten: „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer 1997; jetzt neu bei Amazon aufgelegt „Nach der Coronakrise – keine Arbeitslosigkeit durch Auslagerung und Automation“).

11 Zit. aus Jenner (2019), Sinn.

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Von Franz Nahrada erhalte ich per Mail folgende Mitteilung:

Da gibts eine sachliche Fehlstelle – ich hätte den Pinter schärfer antworten lassen:

Huxley: „Es leuchtet ein, dass uns die Entdeckung der fossilen Rohstoffe – also die über Jahrmillionen in Kohle und Öl gespeicherte Sonnenenergie – einen weit größeren Verbrauch erlaubte als die aktuelle Sonneneinstrahlung. „Man kann die Rechnung aufstellen, dass auf dem Höhepunkt der nationalen Kohleförderung in den 1920er Jahren in England Kohle in derart großen Mengen produziert wurde, dass sie fast die gleiche Menge Wärme hätte erzeugen können wie durch das Abbrennen des globalen Waldbestands“ (Bardi, meine Hervorhebung).*5*“

Pinker: Wir ihr Kassandras einander doch ähnlich seid! Euer Markenzeichen, das ist die Phantasielosigkeit. Vielleicht geht es mit Öl und Gas ja wirklich zu Ende, und vielleicht werden wir das reichlich am Meeresboden vorhandene Methan nicht nutzen können, um das Klima vor weiteren CO2-Emission zu schützen. Das kann schon sein. Aber gleichzeitig ist dieser Planet voller Energie, ich rede nicht vom Erdkern, sondern von der Oberfläche:  „In einer halben Stunde schickt die Sonne mehr Energie zur Erde als Menschen im Jahr verbrauchen“

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Meine Antwort:

Es ist wahr, dass die Sonne gewaltige Mengen an Energie zur Erde schickt. insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr, während der gesamte humane Energieverbrauch im Jahr 2012 etwa 559,8 Exajoules betrug – von der Sonne also innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt wurde. Der Einwand von Herrn Nahrada zeugt aber von einer sehr oberflächlichen Lektüre, denn eines der Hauptargumente des Artikels besteht ja gerade darin, dass uns ein Füllhorn an Energie erst recht in den Abgrund leiten würde. Man muss schon sehr auf die eigenen Positionen eingeschworen sein, um eine Hauptthese einfach zu übersehen!

Von Herrn Pfarrer Gerhard W. Loettel aus Magdeburg erhalte ich folgende Zuschrift:

Lieber Gero !

Da muss ich Dir mal ein ganz großes Kompliment machen. Und das gleich zweimal. Denn mit dem Buch vom Dawkingswahn und dem Pinker- Huxley- Interview sind Dir zwei ganz große Würfe gelungen. Da kannst Du stolz sein, dass Du das mit Deiner weitläufigen (Aus)Bildung und dazu einem großen Schuss Weisheit geschafft hast uns ein theatrum mundi vorzuführen, von dem wir unheimlich viel lernen können. Das eine ist ein theatrum mundi über einen sehr großen Weltzeitabschnitt und dazu Weltgebietsabschnitt und  das andere, das Interview eine gekonnte Zusammenfassung des derzeitigen  Bildes unserer Versagens und unsrer Fehler mitsamt den Gefahren – aber auch Chancen – die daraus erwachsen (können). Danke für beides.

Ich bin ja so glücklich, das Du  mit dem Buch(das ich erst angefangen habe) meine Sicht teilst, wir müssen den Machtreligionen und ihrer Humanignoranz ebenso den Kampf ansagen, wie den Machtwissenschaften, die beide auf Intoleranz und Einseitigkeit aufbauen und damit viel Unheil anstifteten. Und dafür aber der Weisheit wieder mehr Spielräume verschaffen.

Ich habe das auf meine nicht so gebildete Art versucht mit Betrachtungen wie „Frage nach Gott, dass er wahr wird“ oder „Der Doppeltaspekt des Geistes“ oder „Erfülltes Leben“. In allen Büchern habe ich versucht den Weisheitscharakter über die dogmatischen Positionen  zu erheben und z.B. die „Sache Jesu“ und seine Weisheit über die Geschichtsposition seines Sterbens und „Auferstehens“ (Kreuz und Auferstehung als das zu glaubende Glaubens- und Erlösungs-ereignis). Es gibt da sogar eine Gruppe in Deutschland, die sich dieser Position unter dem Titel „Reich Gottes Jetzt“ zu nähern versucht und die Dogmatik und die Theophilosophie des Paulus arg in Kritik bringt.

Nun werde ich mit großer Freude von Deinen  Bemühungen um die Wiederkehr mystischer Weisheit in unsere Geisteswelt lesen und sie mir zu eigen machen. Ich selbst bringe demnächst ein Buch heraus mit dem Titel „Inspiration rettet die Welt- von Engeln und Feldern“, das in etwa auch Deine Intentionen aufnimmt.

Sei ganz lieb gegrüßt, ich werde Dein Buch unserem Freund Friedrich wärmstens empfehlen, mit Dank und der Hoffnung auf währenden Frieden ( Pinker- Huxley), Gerhard

Von Herrn Karl Ernst Ehwald erhalte ich folgende Rückmeldung:

Lieber Gero Jenner,

Vielen Dank für Ihren geistreichen Disput zur aktuellen Weltlage! Sie sind der einzige mir bekannte „Berufsphilosoph“, der sich regelmäßig bemüht, sich mit  den dringendsten Problemen unserer Gegenwart unvoreingenommen und streitbar auseinanderzusetzen und Ansätze zur „Problemlösung“ zu finden. Bitte entschuldigen Sie, wenn sich ein kleiner Industriephysiker, der sich lebenslänglich nur mit der Entwicklung mikroelektronischer Bauelemente und Schaltkreise beschäftigt hat, erkühnt, zu Ihrem Disput etwas hinzuzufügen (siehe Anhang!). Ich habe in der DDR von 1961 bis 1990 und in der BRD und den USA von 1991-2014 in der Industrieforschung gearbeitet und habe damit das Privileg persönlicher Erfahrungen mit beiden Wirtschafts-und Gesellschaftssystemen. Trotz Einschränkungen der Reisefreiheit, unnötiger staatlicher Reglementierungen und deutlich geringerer Konsummöglichkeiten betrachtete und betrachte ich auch heute noch das sozialistische System der DDR als das kleinere Übel und als das eigentlich Zukunftsfähigere.

Übrigens war ich in der DDR in keiner Partei und habe meine kritische Meinung zu vielen Missständen immer frei geäußert, ohne dass mir daraus (außer vielleicht bezüglich der Karriere) irgendein Schaden erwachsen ist.

Mit freundlichem Gruß

Karl Ernst Ehwald

Meine leider sehr prosaische Ergänzung zu dem wunderbaren und den Kern der Dinge treffenden Streitgespräch:

(Das Folgende bezieht sich auf die Passage: Huxley: Gibt es eine größere Hoffnung als eine Welt, deren Schönheit wir für uns und kommende Generationen erhalten?) 

Allerdings wird man in unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft in vieler Hinsicht umdenken müssen, um diese Aufgabe lösen zu können. Die notwendige Abkehr vom unbegrenzten Wachstum erfordert zwingend eine wirksame gesellschaftliche (staatliche) Kontrolle des gesamten Wirtschaftslebens im Sinne einer am Bedarf orientierten Rahmenplanung bezüglich Warenproduktion, Warenverteilung und Geldumlauf. Das wird letztlich ohne eine Enteignung der Großproduzenten und Banken und Überführung derselben in Gemeineigentum nicht möglich sein. In dieser Hinsicht müssen wir der Vision von Karl Marx bezüglich einer künftigen Gesellschaft zustimmen. Paradoxerweise glaubte aber Marx, dass die Vergesellschaftung der Produktion in einer sozialistischen Gesellschaft durch Aufhebung der entfremdeten Lohnarbeit und bewusste Mitarbeit aller am Gemeinwohl die Arbeitsproduktivität und den Wohlstand durch technischen Fortschritt noch über das im Kapitalismus mögliche Maß steigern würden. Wie das realsozialistische Experiment in der Sowjetunion und Osteuropa zeigte, war das nach erheblichen Anfangserfolgen im Zuge einer nachholenden Industrialisierung auf Dauer eher umgekehrt. Wegen fehlender Konkurrenz und großer Sicherheit am Arbeitsplatz (keine nennenswerte Arbeitslosigkeit) war die technische Innovation und die Konsumtionszunahme in diesen „bedarfsorientierten“ Wirtschaften des Ostblocks systematisch langsamer, als in den reichen westlichen Ländern, allerdings bei deutlich gerechterer Verteilung der erzeugten Güter (der Direktor eines Halbleiter-Großbetriebes mit 8000 Beschäftigten in Frankfurt (Oder) verdiente mit ca. 5000-6000 Ostmark z.b. maximal 5 mal so viel, wie ein einfacher Schichtarbeiter im Reinraum und wohnte neben mir in einer normalen Plattenbauwohnung). Die gebremste Entwicklung der Konsumption war nicht gewollt, aber eine klare Folge der sozialistischen Planwirtschaft. Natürlich spielte daneben auch die fehlenden Möglichkeit, ärmere Länder auszubeuten, eine Rolle, ebenso wie das gegen die Länder des Ostblocks verhängte Wirtschaftsembargo. Das änderte aber nichts an der grundsätzlichen Unwilligkeit und Unfähigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft, es dem Westen bezüglich Warenangebot und Konsumanreiz gleich zu tun. Wo der direkte Verglich zum Westen fehlte, wie in manchen Teilen der sowjetischen Provinz, lebten viele Menschen trotz vergleichsweise sehr ärmlicher Verhältnisse nicht weniger glücklich und zum Teil kulturvoller, als in Deutschland, abgesehen von der Minderheit der politischen Aktivisten bzw. Systemkritiker. 

Fazit: Obige Erfahrungen geben mir die Hoffnung, dass ein bescheideneres, aber dennoch erfülltes Leben in einer künftigen nichtkapitalistischen Gesellschaft, bei der das Konkurrenzdenken durch die Verhältnisse bewusst gebremst oder auf Ziele außerhalb unnötigen Konsums (Sport, gesellschaftliches Ansehen) gelenkt wird, wieder möglich ist. Peter Scholl-Latour meinte vor etwa 10 Jahren, Staaten wie China und Russland könnten in diese Richtung wegen ihrer diesbezüglichen Erfahrungen und ihrer autoritären Struktur bei Bedarf jederzeit umsteuern. Hoffentlich hatte er recht!

Natürlich ist die Frage der realen Mitgestaltungsmöglichkeit des öffentlichen Lebens und der Gesetzgebung durch den daran interessierten Teil der Bevölkerung in autoritär regierten Ländern wie Russland, China, Iran, Kuba usw. keineswegs gut gelöst, trotz mancher Versuche in dieser Richtung. Dasselbe trifft aber auf die Parteidemokratien der meisten kapitalistischen Staaten zu. Die Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit (Gemeinnutz vor Eigennutz) und Mitgestaltungsmöglichkeit der Bürger war und ist ein Problem jeder menschlichen Gesellschaft und wird vermutlich nie ideal, bestenfalls einigermaßen brauchbar, gelöst werden. 

Meine Replik:

Lieber Herr Ehwald,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Auf einen Vergleich zwischen den beiden deutschen Systemen oder überhaupt dem sozialistischen und kapitalistischen kam es mir nicht an. Ich bin überzeugt, dass Ersteres genauso gegen die Natur gewütet haben würde wie Letzteres, wenn es dazu die Zeit und die Mittel gehabt hätte. Gegen die Menschen ist Stalin jedenfalls nach meiner Einschätzung ungleich brutaler vorgegangen als selbst die brutalsten Kapitalisten. Wenn das Leben für viele im Rückblick in der DDR recht erträglich anmutet, dann darf man auch nicht vergessen, dass man mit den Deutschen vorsichtig umgehen musste, um  sie dem Sozialismus nicht zu entfremden. Das verschaffte ihnen Vorteile, die sie anderswo nicht genossen. Aber ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, dass alle im Augenblick vorhandenen Gesellschaftssysteme unfähig sind, mit den großen Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. In meinen Büchern „Sinn und Ziel“ sowie „Frieden und Krieg“ habe ich immerhin Auswege aufzuzeigen versucht. Was davon zu halten ist oder auch nicht, wird die Zukunft zeigen.


Nochmals vielen Dank für Ihre Überlegungen
Gero Jenner

Jenner über Jenner: Abriss einer geistigen Biographie

Als Menschen werden wir von Gefühlen und von unserem Intellekt gesteuert – immer ist beides im Spiel, auch wenn es manchmal so scheint, als hätten wir es mit reinen Gefühlsmenschen oder reinen Intellektuellen zu tun. Ein Mathematiker etwa, dessen Formeln dem Durchschnittsmenschen so kalt, leblos und abweisend erscheinen wie eine Gefängnismauer, kann über die Schönheit, Eleganz und Einfachheit einer neuen Gleichung so in Ekstase geraten wie ein Musiker, wenn er Bach oder Mozart spielt. Hier gibt es kein Entweder-Oder, aber es gibt ganz sicher vorherrschende Neigungen.

Der eher durch seine Gefühle geleitete Mensch

lässt sich auf einen Gegenstand ein und macht ihn sich Schritt für Schritt in immer größerer Tiefe zu Eigen. So geht der Künstler vor, so aber findet auch jedes normale Studium statt. Man fühlt sich von einem Gegenstand angezogen, erwirbt in seinem Umgang langsam immer mehr Wissen und Fertigkeiten – und irgendwann wird man dann selbst zu einem Experten. Man hat sich ein Renommee erworben oder doch zumindest amtlich beglaubigte Zeugnisse, die dann auch dazu legitimieren, sich mit Kompetenz über das jeweilige Fach zu äußern.

Wer sich auf diese Weise mit einem Gegenstand identifiziert, für den tritt dieser kaum je als Problem in Erscheinung. Ein klassischer Musiker stellt sich wohl kaum die Frage, ob nicht der bloße Zufall seiner Geburt dafür verantwortlich sei, dass er gerade Bach so sehr liebt und nicht die Musik der Pekingoper. Der mit Kant aufgewachsene Philosoph sieht die Welt mit den Augen des Königsbergers, er fragt sich gewöhnlich nicht, warum er sie nicht zum Beispiel durch die Brille des Vedanta eines Shankararcharya sieht.

Die intensive Gefühlsbindung an einen geliebten Gegenstand schließt den Blick auf Probleme sehr oft geradezu aus. Menschen, die in einer bestimmten Tradition aufwachsen, wehren sich deshalb nicht selten mit aller Entschiedenheit gegen die Zumutung, dass jemand von außen diese Tradition anzuzweifeln, sie in Frage zu stellen, sie zu modifizieren wagt. Die verständliche Reaktion einer solchen affektiven Beziehung besteht dann überhaupt in der Losung, die man den Außenseitern entgegenhält: „Unbefugten ist der Zutritt verboten.

Der eher intellektgesteuerte Mensch

geht nur selten den geraden und langsamen Weg einer wachsenden emotionalen Bindung, er fühlt sich im Gegenteil von Problemen und Bruchstellen angezogen, ohne notwendigerweise von vornherein mit einem großen Wissen zu punkten. „Die arbeitslose Gesellschaft“ (S. Fischer, 1997) erwies sich als publizistischer Erfolg, aber Jenner hatte niemals ein volkswirtschaftliches Seminar besucht. Was ihn beschäftigte, war nicht das ökonomische Fach als solches, das ihn bis dahin überhaupt nicht interessierte, sondern etwas ganz anderes: ein Problem. Während seines studien- und arbeitsbedingten Aufent­halts in Japan hatte er erlebt, wie dieses Land – ganz so wie heute China – immer mehr industrielle Kapazitäten aus dem Westen ins eigene Land übernahm. Er fragte sich, was eine zunehmende Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien (damals vor allem nach Japan und zu den „ostasiatischen Tigern“) für Deutschland bedeuten würde. Dieses Problem beschäftigte ihn – und erst während der Beschäftigung mit diesem erwarb er als Autodidakt die nötigen ökonomischen Kenntnisse, um auf dem Gebiet mitreden zu können.

Problemlöser sind fast immer daran zu erkennen,

dass sie die übliche Reihenfolge umdrehen, ja sie geradezu auf den Kopf stellen: nicht das jahrelange Studium, die allmähliche oft liebevolle Vertiefung bis zum staatlichen anerkannten Examen kommt bei ihnen zuerst, sondern an erster Stelle steht das sie herausfordernde, sie faszinierende Problem – und dieses drängt sie dann zu einer genauen, oft stürmischen Eroberung des fraglichen Gegenstands. Zweifellos widerstreitet dieses Vorgehen der oben genannten Losung, denn ein Unbefugter verschafft sich in diesem Fall Zugang. Er tut dies überdies auf ungewohnte, oft als ungehörig empfundene Weise, nämlich ohne vorher bei den ausgewiesenen Autoritäten dafür um Erlaubnis nachzufragen.

Das Risiko eines solchen Vorgehens ist zweifellos sehr groß

Wir wissen, dass jede Menge von inspirierten Spinnern dauernd damit beschäftigt ist, Lösungen für sämtliche Weltprobleme aus allen möglichen esoterischen Hüten zu zaubern. Solche Menschen treten bestenfalls als Problemsteller in Erscheinung – sie weisen auf bestehende Bruch- und Konfliktstellen hin -, aber in den seltensten Fällen treten sie als wirkliche Problemlöser hervor. Man braucht ja nur einen flüchtigen Blick ins Internet zu werfen, um sich auf Anhieb davon zu überzeugen. Andererseits kommt keine Gesellschaft ohne solche Problemsteller und Problemlöser aus, denn die gefühlsmäßig Attachierten pflegen für Probleme und Bruchstellen nicht selten unzugänglich oder ganz blind zu sein. Sie halten an dem Erlernten und an ihrem jeweiligen Fach wie an einer Geliebten fest, deren Schönheit sie niemals in Frage stellen.

Was Jenner betrifft, so hatte er Glück

Prof. Bert Rürup, ein damals renommierter „Wirtschaftsweiser“, der als ökono­mischer Ratgeber für die deutsche Regierung sowie für den Fischerverlag fun­gierte, setzte sich für seine Arbeit ein (deren Thema, die Auslagerung in Zeiten der Coronakrise übrigens neuerlich an Aktualität gewinnt). Dadurch bahnte er ihr den Weg. Die übliche Reaktion gegenüber Außenseitern: „Für Unbefugte ist der Zugang verboten“ wurde durch Prof. Rürups Empfehlung damals außer Kraft gesetzt. Jenner hatte sich in den Reihen der ökonomischen Zunft Zugang verschafft – zumindest für eine gewisse Zeit.

Problemlöser sind allerdings unberechenbar

Sie treten ja überhaupt als solche nur deshalb in Erscheinung, weil sie von Natur aus dazu neigen, vieles in Frage zu stellen, was anderen als selbstverständlich erscheint. Das zeigte sich auch im Fall des frischgebackenen Ökonomen. Jenner war Herrn Rürup zweifellos zu großem Dank verpflichtet (was er freilich erst später bemerkte, als dieser sich bereits in einen Feind verwandelt hatte). Wäre sein Manuskript, statt diesem ausgewiesenen Wirtschaftsexperten vor Augen zu kommen, in die Hände eines durchschnittlichen Lektors geraten, dann hätte dieser zunächst einmal gefragt: „Ist der Mann überhaupt befugt, sich zu diesem Gegenstand zu äußern“. Diese Frage hätte er natürlich abschlägig beschieden, und das Manuskript wäre mit der üblichen hochmütigen Arroganz vom Verlag abgelehnt worden.

Aber Dankbarkeit war für Jenner kein Grund, ein Vorgehen zu akzeptieren, das ihm ungeheuerlich erschien. Auf einer der ersten Seiten seines zweiten bei S. Fischer veröffentlichten Buchs (Das Ende des Kapitalismus – Triumph oder Kollaps eines Wirtschaftssystems) bezeichnete sich Prof. Rürup als Mitautor – wörtlich: „Fachliche Beratung: Prof. Dr. Dr. h. c. Rürup“. Da sich Jenner auch nach angestrengtester Selbstbefragung an eine solche Beratung partout nicht erin­nern konnte, sah er in dieser Behauptung nun wiederum ein großes Problem, das er persönlich dadurch löste, diese Usurpation öffentlich zurückzuweisen.

Dabei hätte Jenner natürlich wissen müssen, dass sich ein derartiges Vorgehen in Deutschland zwanglos mit dem akademischen Ethos verträgt. Professoren halten es, wie man weiß, für ihr gottgegebenes Recht, die Knochenarbeit von Assistenten verrichten zu lassen und sich, wann immer es ihnen opportun erscheint, mit fremden Geistesfedern zu schmücken. Jenner glaubte gegen diese ehrwürdige Tradition protestieren zu müssen. Das war naiv, denn natürlich hat er dafür bezahlen müssen. Herr Rürup sorgte dafür, dass ihm der Zugang zum S. Fischer Verlag von da an versperrt bleiben sollte.

Problembezogen waren auch zwei weitere ökonomische Arbeiten,

die von großen Verlagen veröffentlicht wurden: „Energiewende – so sichern wir Deutschlands Zukunft“ setzte 2006, als von der drohenden Klimakrise noch kaum die Rede war, ganz auf den Übergang zur Nachhaltigkeit, und zwar mit einem Begriff, der erst nach Fukushima dann auch offiziell Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Jenner sprach wörtlich von einem „nationalen Projekt„. Allerdings hatte er die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in diesem Buch zu schwarz gezeichnet. Der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit in deutschen Schlüs­selindustrien (vor allem der Autobranche) aufgrund von Auslagerung und chinesischer Konkurrenz droht sich erst jetzt abzuzeichnen.

Mit dem 2008 bei Signum veröffentlichten „Pyramidenspiel“ über die Dynamik staatlicher und privater Verschuldung konnte Jenner neuerlich die Aufmerk­samkeit eines ökonomischen Experten, nämlich von Prof. Gerhard Scherhorn, für sich gewinnen. Dieser leitete das Buch überdies mit einem wohlwollenden Vorwort ein. Anders als an den erstgenannten Ökonomen erinnert sich Jenner bis heute voller Hochachtung an diesen Mann, auch wenn er sich nicht an einen Ratschlag hielt, den dieser ihm damals in väterlicher Absicht erteilte. Er solle doch davon Abstand nehmen, riet ihm Prof. Scherhorn, seine Texte (Newsletter) an Gott und die Welt zu verschicken. Das sei unter ernst zu nehmenden Akademikern einfach nicht üblich.

Ein Merkmal von Problemstellern und -lösern

ist ihre Sprunghaftigkeit. Jenner hatte sich Wissen und Interesse an grundlegen­den ökonomischen Fakten angeeignet. Aber die Ökonomie als solche hatte ihn weniger gereizt als die Beschäftigung mit fremden Kulturen, denen er sich ja gleich zu Beginn in seinem Studium zugewandt hatte, also vor allem der indischen, chinesischen und japanischen. Bei seinem letzten Japanaufenthalt aber begann ihn ein Problem zu beunruhigen, welches für ihn dann mit der Zeit das Problem schlechthin werden sollte, obwohl es ihm zunächst dort begegnete, wo es den meisten Menschen als solches gewöhnlich nicht einmal bewusst ist, nämlich in der Sprache.

Ein Deutscher hält es für evident, den Affen mit dem Wort „Affe“ zu bezeichnen, während ein Engländer dazu „monkey“, ein Italiener „scimmia“, ein Japaner „Saru“, ein Chinese „Houzi“ sagt. Der berühmte Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure schloss daraus, dass die Zeichen, welche der Mensch für Begriffe verwendet, arbiträr, d.h. zufällig seien. Diese Auffassung ist freilich eine rein intellektuelle Einsicht, die sich im krassen Widerspruch zu dem befindet, wie der gefühlsgebundene Mensch die Sprache erlebt. In den meisten früheren Kulturen waren die Menschen davon überzeugt, dass die Götter in ihren Worten reden – diese konnten daher niemals bloß zufällig sein.

Dennoch wird sich der Leser fragen, ob es nicht lächerlich sei, in der Beziehung eines Begriffs zu seinem Zeichen überhaupt so etwas wie ein Problem zu sehen?

Nein, in Wirklichkeit ist das viel weniger lächerlich, als es auf den ersten Blick scheint. Wie weit diese Beziehung in Wahrheit reicht, wird sofort klar, sobald wir die Frage auf andere kulturelle „Selbstverständlichkeiten“ beziehen. Man sage einem Muslim, dass der Genuss von Schweinen nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt sei als der von Rindern. Oder einem Christen, dass sein Glaube an Jesus Christus ebenso mit dem Zufall seiner Zugehörigkeit zu dieser Religionsgemeinschaft erklärt werden könne wie der Glaube eines Hindu an Schiwa oder Wischnu. Beide werden darauf mit Wut reagieren. Offenbar haben wir es hier mit kulturellen Positionen zu tun, welche die Menschen so gegeneinander aufstacheln konnten, dass sie sich immer wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Aber zunächst blickte Jenner „nur“ auf das Problem der Sprache

denn die nächstliegende Frage lautete ja hier: wenn in jeder von ihnen alle einzelnen Zeichen (Baum, Affe, Wolke, etc.) willkürlich sind, wie de Saussure behauptet, gilt das dann nicht für Sprache insgesamt, nämlich auch für alle ihre Regelmäßigkeiten, die man mit dem Begriff der Grammatik bezeichnet? Wenn jede Sprache insgesamt ein Werk des Zufalls ist, kann es dann überhaupt irgendwelche verbindende Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Sprachen geben? Zwischen bloßen Zufällen kann es doch keine Ähnlichkeit geben!

Diese Frage wurde für Jenner zu einem Problem, das ihn so sehr faszinierte, dass seine nächste und eine noch dazu sehr ehrgeizige Arbeit daraus entstand. Ebenso wie im Fall der Wirtschaftswissenschaften hatte er sich zuvor mit dem Gegenstand selbst – in diesem Fall mit der Sprachwissenschaft – niemals befasst, obwohl er während Studiums gleich mehrere Sprachen erlernte. Nun aber geriet er sofort in den Bann eines damals führenden Linguisten: nämlich des damaligen Papstes der Linguistik Noam Chomsky, der die Frage auf ähnliche Weise stellte. Gibt es ein universales Sprachvermögen, das allen Menschen gemein ist und sich in einer Universalen Grammatik auch nachweisbar manifestiert? Offenbar würde eine solche Universale Grammatik den sprachlichen Zufall von sprachlicher Notwendigkeit trennen. Zwar würden Menschen in jeder Sprache beliebige Zeichen verwenden, aber die Regeln, die ihre Verbindung in grammatischen Mustern kodifiziert, sind universal und eben nicht zufällig. Solche universalen Muster glaubte Chomsky entdeckt zu haben, aber er rekurrierte dabei auf dieselben Grundbegriffe, wie sie traditionelle Grammatiken aus dem Studium indogermanischer Sprachen gewonnen hatten. Jenner war sich schnell darüber im Klaren, dass dieser Weg in die Irre führte. Chomsky hatte nie verstanden, dass diese Grundbegriffe schon für eine Sprache wie das Chinesische nicht mehr gelten. 1

Jenner war und ist mit Chomsky im Hinblick auf das Ziel einverstanden

Es geht um die Beschreibung der universalen Eigenschaften des menschlichen Sprachvermögens. Wo endet der Zufall, und wo beginnen die allen zugrunde liegenden Strukturgesetze, die eben gerade nicht zufällig sind? Dass natürliche Sprachen ein Tertium comparationis miteinander gemein haben müssen, ist evident – wie sonst wäre es möglich, dass sie (weitgehend, wenn auch keineswegs vollständig!) in einander übersetzt werden können? Dem äußeren Gewand ihrer zufälligen Form liegen Bedeutungen und Bedeutungstrukturen zugrunde, die von allen Menschen als solche begriffen werden. Zwischen 1981 und 1993, als die „Principles of Language“ (im Peter Lang Verlag) erschienen, machte sich Jenner daran, diese nicht-zufälligen „Tiefenstrukturen“ und ihre teils zufällige, teils formal notwendige Verwirklichung in verschiedenen empirischen Sprachen aufzuzeigen. Aus heutiger Sicht erscheint ihm vieles, was er damals schrieb, schwer lesbar und noch schwerer verständlich. Einverstanden ist er erst mit der 2019 erschienenen revidierten Ausgabe der Principles bei Amazon (The Principles of Language: Towards trans-Chomskyan Linguistics).

Auch hier war Jenner als Unbefugter

in ein ihm ursprünglich fremdes Gebiet eingedrungen. Aber diesmal hatte er nicht das Glück, einen aufgeschlossenen Gönner für eine Untersuchung zu finden, die so offensichtlich der herrschenden Lehrmeinung widersprach. Vielmehr war er mit der in diesen Fällen typischen Reaktion konfrontiert: „Unbefugten ist der Zutritt verboten!“. 2 Da hatten renommierte Wissenschaftler die kostbarste Zeit eines kurzen menschlichen Lebens an die schier übermenschliche Aufgabe verschenkt, ein wenig Licht in die weitgehend unverständliche Scholastik eines Noam Chomsky zu bringen, und ein Außenseiter erklärt diese Mühe einfach für überflüssig, macht sich gewissermaßen über ehrbare Wissenschaftler lustig, wenn er behauptet, dass schon die Grundbegriffe der Generativen Grammatik in die Irre führen, weil sie gerade nicht universal sind. Die Antwort erfolgte auf dem Fuß, sie lautete: „Nicht einmal ignorieren!“ 3

Und doch war es ja keineswegs abwegig, bei einem Sprachwissenschaftler eine gewisse Kenntnis seines Gegenstands, also empirischer Sprachen, vorauszuset­zen. Von Chomsky heißt es, dass er außer Englisch nur Spanisch beherrsche und ein wenig Hebräisch, während Jenner in Sanskrit promovierte, Russisch, Japanisch und Chinesisch liest und versteht und an der Sorbonne (Paris), an der Università degli Studi in Rom und an der School for Oriental and African Studies in London studierte. Chomsky selbst lässt einen derartigen Einwand aber keineswegs gelten. Er glaubt, auf Nebensächlichkeiten wie die Kenntnis empirischer Sprachen durchaus verzichten zu können, da er in seinem Inneren, wie er wörtlich bekennt, einen „Homunkulus“ mit sich trage – und diesen brauche er nur zu studieren, um alles an der Sprache Wesentliche in sich selbst zu entdecken – da komme es auf real existierende Sprachen eben in Wirklichkeit gar nicht an! 4

Das Problem von Zufall und Freiheit

ließ Jenner danach nicht mehr los. In der Sprache hatte er es zuerst entdeckt, bevor es für ihn zu einem Problem viel grundsätzlicher Art werden sollte. Mit seinem Buch „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ wagte er sich nun in ein Terrain, das ihn zwar von jeher beschäftigt hatte, aber eben bis dahin nicht als besondere Herausforderung.

Wir sahen: in der Sprache ist die Existenz des Zufalls unbestreitbar, niemand vermag zu begründen, warum ein Begriff wie Baum gerade mit dem im Deutschen üblichen Laut „realisiert“ wird, wo doch unendlich viele andere Laute möglich wären. Umso merkwürdiger musste es Jenner erscheinen, dass es in der europäischen Wissenschaft seit dem 17ten Jahrhundert eine dogmatisch vertretene Lehrmeinung, den Determinismus, gibt, welche den Zufall grundsätzlich leugnet und ihn allein mit menschlicher Unwissenheit erklärt. In Wahrheit werde die gesamte Natur einschließlich des Menschen – so besagt diese Doktrin – ausschließlich von Gesetzen beherrscht. Es gebe in der Natur keinen Zufall. Auch menschliche Freiheit wird in dieser Sicht als Illusion abgetan – genauer gesagt, als subjektive Täuschung.

Schöpferische Vernunft“ ist im ersten Teil eine historische Arbeit. Das Buch verfolgt die Leugnung von Zufall und Freiheit durch die philosophische Geistesgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre. Sie zeigt, warum gerade die Wissenschaft so sehr auf der Leugnung der Freiheit bestand und dass sie selbst als die Quantenphysik die Existenz des Zufalls endlich akzeptierte, mit diesem doch nichts anzufangen weiß. Der Zufall wird als schlechterdings sinnlos und blind abgetan.

Dagegen vertritt Jenner im Hinblick auf Zufall und Freiheit

eine der ganzen bisherigen Tradition widerstreitende Auffassung. „Wir können die Notwendigkeit ohne Freiheit (Zufall) nicht einmal denken. Eine deterministische Wissenschaft ist ein logischer Selbstwiderspruch, weil sie immer schon Freiheit voraussetzen muss.“ Die Schöpferische Vernunft tritt in seiner Sicht gleichrangig an die Seite der die Gesetze erkennenden Vernunft.

Jenner betrachtet „Schöpferische Vernunft“ als sein bestes und originellstes Werk, weil es zum ersten Mal Freiheit neben Notwendigkeit als logisch unverzichtbare Dimension begründet und damit eine Änderung auch unseres Weltbilds notwendig macht. „Tantum possumus quantum scimus“ (wir können immer nur so viel, wie wir wissen) – diese seit Francis Bacon akzeptierte Aussage über den Menschen war seiner Meinung nach immer schon falsch. Jeder Mensch kann und bewirkt in jedem Augenblick seines Lebens weit mehr als er weiß. Schöpferische Vernunft ist ein Buch, dessen Ziel darin besteht, zugleich die Reichweite und die Grenzen der menschlichen Vernunft zu erhellen und auszuloten.

In der menschlichen Geschichte manifestiert sich

der Gegensatz zur Notwendigkeit nicht als Zufall, sondern als menschliche Freiheit. Denn der wesentliche Unterschied zwischen Freiheit und Zufall besteht darin, dass wir den Zufall, dem wir in der Natur begegnen, nicht verstehen, während wir sehr wohl die Motive anderer Menschen nachempfinden und ihrer wie auch unserer Freiheit daher einen Sinn zu geben vermögen. Warum die Welt überhaupt existiert und so ist, wie sie ist, das werden wir nie enträtseln, auch wenn wir ihre Ordnung in Tausenden von Gesetzen beschreiben. Deshalb steht in der Natur die Notwendigkeit (als Gesamtheit aller Gesetze) einem Zufall gegenüber, den wir als blind und sinnlos empfinden, nicht weil er das unabhängig von unserem Denken wirklich so ist, sondern weil wir ihm keinen menschlichen Sinn zuteilen können.

Andererseits ist menschliche Geschichte für uns gerade deshalb so faszinierend, weil Menschen das eigene Handeln stets nach einem Sinn ausrichten. Notwendigkeit gibt es natürlich auch hier. Wir können in der Natur nur überleben, wenn wir uns ihren Gesetzen fügen, aber wir können die Gesetze zu selbstbestimmten Zwecken benutzen – und seit der industriellen Revolution tun wir das in einem bis dahin niemals gekannten Maße.

Die drei Bücher

Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – das Schicksal der Menschheit im 21ten Jahrhundert“ sowie „Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken“ und schließlich „Homo IN-sapiens – eine kleine Geschichte menschlichen Schwachsinns“ hat Jenner wieder in der Eigenschaft eines Problemstellers geschrieben, der sich tastend um den Sinn der Geschichte bemüht. Wir erinnern uns, in der Sprache ging es ihm darum, universale Gemeinsamkeiten jenseits der beliebigen Zeichen aufzuspüren.

Dieselbe Aufgabe aber stellte er sich nun im Hinblick auf die über die Sprache hinausreichenden Unterschiede und Gegensätze in der Kultur – sind nicht die unendlich vielen Essens-, Verhaltens- und Glaubensvorschriften letztlich gleich beliebig?

Die Frage lautete auch diesmal: Können wir einen überkulturellen Sinn in der Geschichte erkennen? Im Hinblick auf das allgegenwärtige Böse scheint dieser Sinn so wenig fassbar wie der Zufall in der Natur. Doch das ist gewiss nicht das letzte Wort. Immerhin können wir nach den Motiven der menschlichen Akteure fragen, und – wenn wir sie finden – das Böse bis zu einem gewissen Grade erklären.

Im Hinblick auf das Ziel der Geschichte

aber erscheint es Jenner nicht nur möglich, sondern geradezu geboten, eine Problemlösung anzubieten (von Immanuel Kant bis zu Arnold Toynbee war diese auch schon von anderen begründet worden).

Seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts ist das Überleben der Menschen als Spezies in Gefahr. Mit dem Riesenarsenal bestehender Nuklearbomben und ballistischer Raketen hat er es ebenso in der Hand seine irdische Existenz zu beenden wie durch die Zerstörung der Umwelt. Das Ziel der Geschichte steht uns daher zum ersten Mal in der Geschichte ganz klar vor Augen: wir sitzen alle im selben Boot und müssen gemeinsam verhüten, dass dieses kentert und uns allesamt in den Abgrund reißt. Konkret bedeutet dies, dass wir unser Wirtschaftssystem und unsere Politik radikal ändern müssen. Das Problem der Freiheit wird daher auf einmal ganz konkret, weil es unmittelbar mit Krieg und Frieden zusammenhängt, denn der Mensch steht ja nicht nur der Natur gegenüber, sondern auch seinen Mitmenschen. Das Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche, militärische und politische Macht ist hier jener Faktor, der uns immer wieder in den Schwachsinn zu treiben droht.

Der intellektgesteuerte Mensch,

der als Problemsteller und manchmal auch als Problemlöser Bruchstellen, Konflikte und Widersprüche benennt, kann den Schwachsinn nur benennen. Er kann aufzeigen, wie Homo insapiens gegen den eigenen Vorteil handelt und dabei sogar das eigene Überleben riskiert. Intelligenz besitzt er im Überfluss, die Intelligenz von Wissenschaft und Technik hat das Antlitz der Erde innerhalb von nur drei Jahrhundert radikal umgestaltet. Diese Intelligenz aber macht ihn durchaus nicht zum Homo sapiens. Dazu ist etwas anderes nötig, nämlich Weisheit, die den Gefühlen entspringt, also der Sympathie für den anderen Menschen, der gegenseitigen Achtung und Hilfe. Solange das unselige Wettrennen der Nationen um die größere wirtschaftliche und militärische Macht nicht beendet wird, dürfen wir kaum hoffen, dass Homo sapiens – der weise und nicht bloß intelligente Mensch – Geschichte endlich in eine andere Richtung lenkt.

Für seinen groß angelegten Geschichtsentwurf

ist Jenner trotz mehrfachem Versuch bei keinem großen Verlag Interesse erregen können, obwohl Meinhard Miegel, ein bekannter Autor, dessen Schriften Jenner immer sehr schätzte, sich gegenüber dem Autor mit Lob über Stil und Inhalt der „Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ äußerte. Es müsse unbedingt veröffentlicht werden, er wolle dies gegebenenfalls mit einem Druckkostenzuschuss unterstützen. Nicht nur Herr Miegel begrüßte die neue Arbeit, sondern Prof. Karl Acham, ein renommierter Österreichischer Soziologieprofessor, verbürgte sich sogar mit einem ausgiebigen Vorwort für dessen wissenschaftliche Seriosität.

Prof. Acham empfahl ihm den Springer Verlag für Soziologie in der Meinung, dass sein Vorwort dem Autor dort die Tür öffnen würde. Diesmal aber kam es ganz anders als damals beim Fischer Verlag. Gerade einmal zwei Tage nach Anlangen des Manuskripts beim Verlag (als ohne Prüfung) wurde es zurückgewiesen. Man kann sich denken, wie eine solche Reaktion zu erklären ist. Natürlich darf ein Lektor sich weder auf die eigene Meinung noch auf die eines ausländischen Gutachters verlassen. Wie im Kolosseum, wo Daumen nach oben oder Daumen nach unten über Leben und Tod eines Gladiators entschieden – geht es um das Placet eines jener Halbgötter am deutschen Professorenhimmel, die sich bei solchen Entscheidungen das letzte Wort vorbehalten – natürlich anonym, niemand kann sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Offenbar hat die Losung „Unbefugten ist der Zutritt verboten“ sich in diesem Fall durchgesetzt.

Seitdem veröffentlicht Jenner bei Amazon

In gewisser Weise scheint diese Art der Publikation dem Naturell des Autors sogar entgegenzukommen, denn er findet ja nicht nur an anderen manches auszusetzen, sondern ebenso auch an sich selbst, sodass er in einem fort an den eigenen Schriften retuschiert, sie erweitert oder auch ganze Passagen wieder hinauswirft. Nichts wurmt ihn so sehr, wie wenn man ihm einen Fehler in der Rezeption der Fakten oder gar im Argument nachweisen kann (und das ist bisweilen leider durchaus möglich. Da Jenner ein Einzelkämpfer ist, schleichen sich schon hier und da Fehler ein). 5 Jedenfalls kommt die Veröffentlichung bei Amazon dieser Neigung zur Selbstkorrektur entgegen, denn Änderungen sowohl in der Printedition wie bei der Kindle-Ausgabe lassen sich am eigenen Computer innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligen – ein Vorgehen, das bei anderen Verlagen völlig undenkbar wäre.

<1 Jenners These, wonach die Grundbegriffe der Chomskyschen Universalen Grammatik (Verb, Nomen etc.) nicht universal sind, ist entweder richtig oder falsch. Man sollte meinen, dass ernsthafte Wissenschaftler sie entweder akzeptieren oder widerlegen. Doch weiß Jenner von keinem Linguisten, der sich ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt hätte. So sehr ist das Orchideenfach Linguistik inzwischen zu einem Paradigma erstarrt, wie Thomas Kuhn es beschrieb, dass niemand deren Voraussetzungen mehr untersucht. Zwar mehren sich in letzter Zeit die Angriffe auf Chomsky, aber jetzt wird das Kind mit dem Bad ausgeworfen: Das legitime Ziel, Sprache überhaupt in den Blick zu bekommen und nicht nur Einzelsprachen, wird in Frage gestellt. 

<2 Jenners Habilitationsschrift über Linguistik, welche die Hauptthese bereits enthielt, wurde „aus formalen Gründen“ abgelehnt, obwohl ein Gutachter (Prof. Peter Hartmann aus Konstanz) sich im Gutachtergremium für sie eingesetzt hatte. Prof. Bernfried Schlerath, der damalige Ordinarius an der Freien Universität aber ließ nicht mit sich spaßen. Und das aus verständlichen Gründen: Jenner hatte nie auch nur eine einzige Stunde zu seinen Füßen gesessen.

<3 Chomsky ist in seinen politischen Schriften ebenso klar wie in seinen linguistischen unklar. Vermutlich ist er deshalb aus dem zweiten in den ersten Bereich geflohen. Seiner Scholastik steht auch ein Linguist wie Steven Pinker ablehnend gegenüber. Dieser überzeugt durch erstaunliches Wissen, eine klare Sprache und kluge Argumentation. Jenner kritisiert Pinker aus einem anderen Grund: er hält ihn für unehrlich. Seine Idee von einer vorsprachlichen Sprache (Mentalese) liegt ganz auf der Linie Jenners, und die sich daraus ergebende Schlussfolgerung scheint offensichtlich. Pinker müsste ebenso wie er Chomskys Grundbegriffe der Generativen Grammatik durch vorsprachliche ersetzen. Aber davor schreckt Pinker zurück, dann wäre er ja in Gefahr, sich von Chomsky ganz loszusagen und sich an die Seite eines immer noch ignorierten Außenseiters zu stellen. Hier erweist sich neuerlich die Macht der von Kuhn so eindringlich beschriebenen Paradigmen. Kuhn hatte den Dogmatismus in den Naturwissenschaften in ihren Paradigmen aufgespürt. Er hätte ein sehr viel leichteres Spiel in den Geisteswissenschaften gehabt. Wenn eine Firma neue Geräte gemäß den bekannten Naturgesetzen plant und produziert, dann kann man sich darauf verlassen, dass die zur Anwendung gelangenden Gesetze wahr sind – andernfalls würden die Geräte schlicht nicht funktionieren. Aber in den Geisteswissenschaften können die krausesten Theorien entstehen, ohne dass die Konfrontation mit der Wirklichkeit ihre Verfechter zu Revisionen zwingt.

<4 Die Homunkulus-Wissenschaft, wie sie der späte Chomsky betreibt, wird von David Golumbia in dem Aufsatz „The Language of Science and the Science of Language – Chomskys Cartesianism“ als Verstoß gegen die Grundsätze einer empirischen Wissenschaft in Frage gestellt.

<5 Jenner ist ein Einzelkämpfer, seine letzten Bücher sind weder durch die Hände eines Lektors gegangen, noch hat er Freunde gebeten, sie durchzusehen. Manchmal haben sich deswegen auch Fehler eingeschlichen, die ihm sehr peinlich waren. So hat er zum Beispiel das Anthropozän irrtümlich nicht in dem von seinem Erfinder Paul Josef Crutzen gemeinten Sinn zur Bezeichnung des Industriezeitalters verwendet, sondern es auf die gesamte Geschichte bezogen, seit der Mensch seine Umwelt aktiv veränderte. Das geschah bereits zur Zeit der Jäger und Sammler, als diese die Megafauna global weitgehend ausrotteten. Jenner hat diesen Fehler korrigiert, indem er den Begriff des „Großen Anthropozäns“ verwendet.

Der Autor Egon W. Kreutzer schreibt:

Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihr Innenleben, Gero Jenner! Irgendwann, und wohl ohne meinen diesbezüglichen Antrag, ist meine Mail-Adresse in den Verteiler Ihrer Newsletter geraten. Was Sie schreiben, sammelt sich als Essenz in meinem Bewusstsein an. Ich könnte nichts davon im Wortsinn wieder hervorkramen, doch es eröffnet mir beim Lesen die Wahrnehmung neuer Perspektiven, und lässt mich später die neu entdeckten Standpunkte selbst wieder einnehmen. Herzlichen Dank für alles! Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer

Der Komponist und Freund Franz Zebinger:

Lieber Gero, mit Faszination habe ich eben das Resümee deines Schaffens – und Lebens (wo ja das eine ins andere greift) gelesen! Herzlichen Dank dafür! Vieles verstehe ich nach dieser deiner Selbstanalyse besser. Deine Feststellung, dass die diplomierten Fachleute Outsider einfach nicht ein- und zulassen, kann ich auch für mich als Komponisten ohne einschlägiges Fachstudium bestätigen. Kein renommierter Verlag hat meine Kompositionen jemals gedruckt. Wie du mit Amazon ganz gut leben kannst, kann auch ich mich mittels meines Schreibprogramms Sibelius bestens „verwirklichen“ und meine Musik interessierten Menschen vermitteln.
Ganz herzliche Grüße aus der Klausur, die uns Schöpferischen eigentlich sowieso adäquat und deswegen nicht bedrückend ist!
Franz

Herr Dr. Dirk-Michael Harmsen schreibt mir Folgendes:

Lieber Herr Jenner,

seit vielen Monaten lese ich schon Ihren Blog. Der gestgrige hat mir insofern besonders gefallen, weil Sie auf humorvolle Weise auf sich selbst (zurück)blicken und Höhen und Tiefen Ihres geistigen, schriftstellerischen Lebens Ihren Lesern schildern. So macht das Lesen autobiografischer Notizen Spaß. 

Vielen Dank und … bleiben Sie gesund in diesen pandemischen Zeiten,
Dirk Harmsen

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

Wie man weiß, wissen sich Demagogen und Populisten dieser angeborenen Neigung virtuos zu bedienen, wenn sie ihre Klientel mit emotional gesättigten Versprechungen oder umgekehrt mit Hassparolen verführen. Gemeinsam für eine Sache die Emotionen zu schüren, kommt dem menschlichen Herdentrieb entgegen – sich gemeinsam gegen sie zu empören aber schweißt sogar noch enger zusammen. Zu Mündigkeit und Vernunft wird der Mensch erst dadurch langsam und oft sehr mühsam herangezogen, dass er vor dem Urteilen die Fakten nicht nur erkennt, sondern sie selbst dann noch anerkennt, wenn sie ihm missfallen.

Soweit sollte man den Lehrern also Beifall zollen, wenn sie ihren Schülern die wichtige Lektion erteilen: „Eignet euch erst einmal gründliche Kenntnisse an, bevor ihr euch anmaßt, ein eigenes Urteil zu fällen.“

Andererseits sollte uns aber die Frage erlaubt sein,

wie denn ein Mensch aussehen würde, der sich diese scheinbar goldene Regel derart zu Herzen nähme, dass er sich nur noch um das Faktenwissen bemüht? Die Antwort liegt auf der Hand, ist aber reichlich ernüchternd. Wir hätten es mit einer wandelnden Enzyklopädie zu tun. Bekanntlich können sich diese Werke des gesammelten Faktenwissens weder für etwas begeistern, noch sind sie fähig, sich zu empören. Sie sind emotional aseptische Container von reinem Wissen. Macht sie diese Freiheit von Gefühlen zu Trägern der Vernunft? Ich denke, dass niemand diese Frage bejahen wird. Denn die reinen Fakten über Welt und Mensch sagen überhaupt nichts darüber aus, wie wir uns zu ihnen verhalten sollen. Wir können nur hoffen, dass die Lehrer dies sehr wohl wissen und daher nicht etwa den Ehrgeiz haben, ihre Schüler in wandelnde Enzyklopädien zu transformieren!

Aber existieren nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut,

die jenem Ideal am nächsten kommen, welches den Lehrern so sehr am Herzen liegt? Menschen, die sich des Urteilens und Bewertens ganz enthalten oder zumindest enthalten wollen, weil es ihnen allein um die Fakten geht? Allerdings! Diesen Menschentypus gibt es spätestens seit dem 17ten Jahrhundert, und er hat sich seitdem geradezu exponentiell über den Globus verbreitet, sodass er eines Tages überhaupt die Mehrheit bilden könnte. Jeder weiß natürlich, von wem hier die Rede ist, von den Wissenschaftlern – vor allem von jenen, die sich mit den Fakten der Natur befassen.

In den Lehrbüchern von Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften usw. ist von gut und böse, schön oder hässlich keine Rede. Der eigentliche Durchbruch der Wissenschaften bestand gerade darin, dass der Mensch ausschließlich nach den objektiven Gesetzen fragte, welche dem Sein der Dinge zugrunde liegen, also nach den „Naturgesetzen“, ohne sein eigenes subjektives Wünschen und Wollen in diese ihm gegenüberstehende Wirklichkeit hineinzutragen.

Das war die große Leistung, die erst im Europa des 17ten Jahrhunderts gelang, denn bis dahin hatte der Mensch genau das Gegenteil getan. Er hatte sein eigenes Wollen, Wünschen, Hassen und Hoffen in die Natur hineingetragen, indem er sie sich nach seinem eigenen Bild vorstellte, nämlich so, als wäre sie wie er selbst von diesen Kräften gesteuert. Die Wissenschaft hat gut und böse, schön und hässlich, diese elementaren Kategorien menschlichen Wertens, ganz aus der Natur hinausgedrängt und diese selbst zu einem Apparat transformiert, den sie in die Schraubzwinge ihres expandierenden Faktenwissens spannte. Erst nach diesem revolutionären Schritt gelang es dem Menschen, die Herrschaft über die Natur an sich zu reißen.

Das theoretische Fundament für diese Revolution unserer Weltsicht

hatte Galileo Galilei gegen Ende des 16ten Jahrhunderts geschaffen, als er zwischen „primären“ und „sekundären“ Eigenschaften der Dinge einen prinzipiellen Unterschied postulierte. Form, Größe, Zahl sowie Ruhe oder Bewegung gehören, so Galilei, zu den innewohnenden Eigenschaften der Dinge, während Geschmack, Geruch oder Töne Empfindungen seien, die in uns selbst entstehen, wenn wir mit den Dingen umgehen.*1*

Diese Zweiteilung der Erkenntnis in objektiv – in der Sache – und subjektiv – im Menschen liegend – wurde nach Galilei noch vertieft, denn der Gedanke, dass ästhetische und ethische Maßstäbe wie schön und hässlich, gut und böse ebenfalls ihren Ursprung im Menschen aber nicht in den Dingen haben, musste sich ja als evident aufdrängen. Eben deshalb fällt es keinem Wissenschaftler ein, ein Wasserstoffatom als moralisch gut zu qualifizieren oder den Quantensprung eher als hässlich. Die Wissenschaft hat alles subjektive Urteilen und Werten prinzipiell aus der eigenen Sphäre verbannt. Sie hat den lateinischen Wahlspruch „de gustibus non disputandum“ weit über den harmlosen Alltagsgebrauch hinaus ausgedehnt. Den Lateinern ging es nur darum, dass wir uns nicht über Geschmacksfragen streiten, weil jeder von uns dabei gern seine eigenen Präferenzen verteidigt. Die Wissenschaft ging seit Galilei einen entscheidenden Schritt über diese harmlose Mahnung hinaus, indem sie alles menschliche Werten und Urteilen als subjektiv und damit letztlich beliebig verwarf.*2*

Wäre die Wissenschaft mit dieser Überzeugung im Recht,

dann müsste der Mensch sich selbst als eine Fehlentwicklung der Evolution bezeichnen, denn welchen Nutzen verschafft ihm die subjektive Neigung, seine eigenen Werturteile auf die Menschen und die Dinge in seinem Umfeld zu beziehen? Wäre er nicht besser als wandelnde Enzyklopädie auf die Welt gekommen? Warum begeistert er sich für das Schöne und verschmäht, was ihm hässlich erscheint? Warum fragt er nach Gerechtigkeit und verurteilt Betrug und Egoismus, wenn es sich doch um subjektive und letztlich beliebige Werte handelt, die er nur subjektiv aus sich selber schöpft? Sollte der Mensch sich nicht ausschließlich an Fakten und Wahrscheinlichkeiten orientieren?

Der Soziologe Max Horkheimer hat das Problem mit den folgenden Worten charakterisiert: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen /wie ihn die europäische Tradition seit Galilei geformt und erzogen hat, GJ/ gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch“ (1967, 33).

Diese Feststellung ist bemerkenswert, zeigt sie doch, dass irgendetwas in unserer Weltsicht nicht stimmt oder vielleicht sogar ausgesprochen falsch sein könnte.

Würden die Lehrer es ernst mit dem Vorsatz

meinen, den Schülern das Werten abzugewöhnen, um sie ausschließlich mit Fakten vollzustopfen, so hätten sie unsere Schulen zu Ausbildungsstätten für künftige Wissenschaftler gemacht. Allerdings würden sie darin einigermaßen leichtsinnig verfahren, denn sie hätten darüber hinweggesehen, dass Wissenschaftler immer auch Menschen sind. Als solche mögen sie noch so umsichtig im Werten und Urteilen sein, ganz abgewöhnen können sie sich aber weder das eine noch das andere.

Ich meine das nicht aufgrund jenes naheliegenden und mir reichlich billig erscheinenden Einwands, der sich manchem Leser vielleicht sofort aufdrängen wird. Man hört ja immer wieder, selbst von gescheiten Zeitgenossen, dass wir nicht von Objektivität reden sollten, denn diese sei in Wahrheit nichts als ein Hirngespinst. Selbst die angeblich „objektive“ Wissenschaft könne uns immer nur subjektive Ausblicke auf die Wirklichkeit bieten. *3*

Ich bedaure, das als logischen Unsinn bezeichnen zu müssen. Die Zahl der Sonnentrabanten hängt ebenso wenig von unserem subjektiven Wollen und Wünschen ab, wie das relative Gewicht von Eisen und Kupfer. Zwar werden die Gesetze der Natur notwendig mit den Mitteln konventioneller Begriffe beschrieben, wir können unterschiedliche Maßeinheiten wählen und natürlich auch ganz unterschiedliche Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit erhellen, aber die Wirklichkeit selbst ändert sich nicht aufgrund der Art unserer Beschreibung (nur scheinbar bildet die Quantenphysik hier eine Ausnahme). Unsere Theorien über die Wirklichkeit bleiben „objektiv richtig“, wenn die dadurch möglichen Voraussagen zutreffend sind und sie sind „objektiv falsch“, wenn das nicht der Fall ist. Die Tatsache, dass wir so viele Maschinen erfunden haben, die exakt die Aufgaben erfüllen, die sie verrichten sollen, ist der beste Beweis dafür, dass wir das Sosein der Natur richtig verstanden haben. Im Gegensatz zur Auffassung des Idealisten Gottlieb Fichte gibt es die Natur außerhalb aller Vorstellungen, die wir uns von ihr machen – genau darauf beruht ihre Objektivität.

Bis zum 17ten Jahrhundert kam diese objektive Eigenständigkeit

der Natur nicht in den Blick. Bis dahin wurde die Natur als das Spielfeld von Göttern und Geistern gesehen, die sie mit ihrem Wollen und Wünschen beherrschen. Der Mensch hatte sein eigenes Wesen in die Natur hinausprojiziert.*4* Wie er selbst vom eigenen Willen wurde die Natur vom Wollen geistiger Mächte gelenkt. Wenn er sich in ihr zurechtfinden, sie beeinflussen wollte, dann musste er erkennen, was Götter und Geister für gut oder böse, schön oder hässlich halten. Anders gesagt, musste er ihren Willen und ihre Absichten studieren. „Lern die verborgenen geistigen Kräfte (Götter und Geister) des Kosmos kennen, dann kommst du zurecht mit Mensch und Natur.“

Denn die Regelmäßigkeiten der Natur, ihre sogenannten Gesetze, waren in dieser vorwissenschaftlichen Sicht eben gerade nicht unabhängig von Wollen und Wünschen: die Götter konnten sie durch andere Gesetze ablösen oder durch Wunder jederzeit annullieren. Der Mensch aber konnte dies bewirken, indem er die Götter durch Gebet und Opfer für sich gewann oder magisch auf sie einzuwirken suchte.

Die Wissenschaftler haben mit diesem Weltbild Schluss gemacht,

indem sie auf der objektiven Eigenständigkeit, kurz der Objektivität der Natur, beharrtenGötter, Mythen, Märchen und Kunst, diese Projektionen mensch­lichen Wertens und Wünschen, haben sie ganz aus der außermenschlichen Wirklichkeit verbannt.

Und dennoch ist dies nicht die ganze Geschichte. Bei der Entzauberung der Welt haben die Wissenschaftler definit an einem Punkt Halt machen müssen – bei sich selbst. Denn genau hier spielen Wollen und Wünschen zwangsläufig die entscheidende Rolle. Der Wissenschaftler muss subjektiv davon überzeugt sein, dass es für ihn selbst ebenso wie für die Menschheit wichtig sei, das objektive Sein der Natur zu enträtseln, nur dann wird er sich der gewaltigen Mühe solcher Faktensuche und -deutung unterziehen. Viele von ihnen zwingen sich dabei zu einem Leben, das die größte Ähnlichkeit mit der Askese mittel­alterlicher Mönche aufweist.

In dieser Überzeugung kommt die persönliche Subjektivität

ins Spiel. Aber sie genügt keinesfalls, um Wissenschaft zu ermöglichen. Neigungen und Absichten pflegen so unterschiedlich wie Individuen zu sein. Mag sich jemand auch noch so leidenschaftlich für den Stammbaum des Mannes im Mond interessieren, das nützt ihm gar nichts, wenn er die Allgemeinheit von der Relevanz des Themas nicht zu überzeugen vermag. Seit dem 18ten Jahrhundert waren immer mehr Menschen bereit, Forschungen zu unterstützen, weil deren Ergebnisse ihr Leben so sehr erleichterten. Ohne diese positive Einstellung zur Wissenschaft, d.h. ohne die kollektive Bewertung des neuen Umgangs mit der Natur als richtig und gut, wäre es nie zu diesem Aufstieg der Wissenschaften gekommen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung. Auch wenn der Mensch ganz von sich selbst absieht, um das objektive Sosein der Natur zu erkunden, tut er es notwendig immer aus subjektiven Motiven, weil er das eigene Leben verbessern oder bereichern will. Hätte sich umgekehrt herausgestellt, dass die Wissenschaft das Leben der Menschen nur verschlechtert, wäre sie niemals zu Einfluss gelangt.*5* Denn in der Vergangenheit sind Weltdeutungen ja regelmäßig an ihrem Misser­folg gescheitert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. 1890 erwiesen sich die Geisterhemden der Indianer im berüchtigten Massaker von „Wounded Knee“ als völlig wirkungslos gegen die Gewehrkugeln der Weißen. Aber sie waren von den heimischen Sehern als absolut sicherer Schutz gepriesen worden.

Weil der Mensch gar nicht anders kann,

als das eigene Tun und Denken nach moralischen oder ästhetischen Kriterien zu bewerten, ist es sehr wohl denkbar, dass die Gesellschaft eines Tages die Wissenschaft nicht mehr fördern wird – jedenfalls nicht im bisher üblichen Aus­maß. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat davon gesprochen, dass wir heute in einer Risikogesellschaft leben. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen sind die Risiken längst Realität geworden. Wissenschaft und Technik sind in zunehmen­dem Maße damit beschäftigt, die weitgehend unvorhergesehenen, teilweise katastrophalen Folgen zu reparieren, die sie selbst hervorgebracht haben. Spätestens seit der Klimakrise leben wir daher in einer Reparaturgesell­schaft: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun korrigieren.

Die Welt, welche die Wissenschaften für uns erschaffen haben,

entspricht einerseits den tiefsten Hoffnungen und Wünschen des Menschen. Hungersnöte wurden weitgehend beseitigt, die meisten Krankheiten erfolgreich bekämpft, das Leben verlängert und durch viele erstaunliche Erfindungen auch wesentlich erleichtert. Genau dieser unzweifelhafte Fortschritt hat ja der neuen wissenschaftlichen Weltsicht ihren durchschlagenden Erfolg garantiert. Aber seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten die Schatten­seiten dieser Entwicklung immer deutlicher in Erscheinung. Mehr als 4000 ato­mare Sprengkörper, Dutzende letaler Nervengifte, Hunderte biologischer und chemischer Kampfmittel liegen bereit, um die Menschheit gleich mehrfach aus­zurotten. Doch selbst, wenn Optimisten deren Einsatz für wenig wahrscheinlich halten, ist nicht mehr darüber hinwegzusehen, dass die Rückstände und Gifte der industriellen Produktion Luft, Böden und Meere immer stärker verseuchen – die Luft mit Kohlendioxid sogar schon auf unumkehrbare Weise. So hat das industrielle Anthropozän zugleich mit dem materiellen Fortschritt alle Mittel bereitgestellt, um den Fortschritt zum denkbar größten Rückschritt zu machen, nämlich zu einer potenziellen Katastrophe, welche nicht nur die Umwelt, sondern zugleich damit das Überleben der menschlichen Spezies selbst gefähr­det.

In dieser weltgeschichtlich, völlig neuen und einzigartigen Situation

werden wir uns neuerlich darauf besinnen müssen, dass letztlich menschliches Werten, Wünschen und Hoffen die Grundlage unseres Lebens bilden. De gustibus est disputandum! Die Menschheit wird sich fragen müssen, welches Leben sie sich für die Zukunft wünscht, denn davon hängt ihre Zukunft ab. Dabei kommt sie nicht umhin, ihre bisherige Weltanschauung kritisch zu beleuchten. Wissen­schaft und Technik sind keine vom Leben losgelösten Bereiche, sondern müssen dem Wohl des Menschen dienen. Tun sie es nicht oder nicht länger, dann werden sie genauso eingeschränkt werden müssen, wie das mit allen anderen Erscheinungen geschieht, wenn sie die Gesellschaft zu schädigen drohen.

Auch hier besteht natürlich die Gefahr,

dass die Menschheit – erschüttert von den Verwüstungen, welche die „materialistische Weltsicht“ bewirkte – das Kind mit dem Bad ausschüttet und in Aberglauben, Esoterik und die Verleugnung von Wahrheit zurückfällt. Der gewissenhafte Blick auf die Fakten, den die Wissenschaft seit drei Jahrhunderten zur Grundlage ihres Vorgehens machte, stellt aber eine Errungenschaft dar, hinter die es kein Zurück geben darf. Nur dieser Blick klärt uns darüber auf, welche Möglichkeiten sich dem menschlichen Wollen eröffnen und wo es auf unüberschreitbare Grenzen stößt. Geisterhemden schützen nicht gegen Kugeln, die Ausbeutung der Ressourcen kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weiter gehen. Die Vergiftung der Umwelt mit den Rückständen der industriellen Produktion stößt gleichfalls auf eine Grenze. Sie muss radikal eingeschränkt werden, wenn wir in dieser Welt überleben wollen. Die Zahl der Menschen oder ihr Ressourcenverbrauch muss der Belastbarkeit des Planeten entsprechen.

Es ist wissenschaftlicher Geist, der Geist der Vernunft, der solche Fragen stellt, aber diese Vernunft ruht auf menschlichem Wollen und Wünschen. Vernunft kann niemals wertfrei sein, denn Wertfreiheit schert sich nicht um das Schicksal des Menschen. Der Natur ist es gleichgültig, ob es uns gibt oder nicht. 

Diese Überlegungen verdanken ihren Ursprung

einem eher banalen Umstand. Eine gute Bekannte, eine Lehrerin, kritisierte den von mir sehr geschätzten Autor eines historischen Werks mit den Worten, dass dieser nie von Bewertungen absehen würde.*6* So sehr war sie von dem Vorsatz durchdrungen, ihren Schülern das Werten abzugewöhnen, dass sie es auch dort nicht erträgt, wo es Fakten überhaupt erst mit Leben erfüllt, nämlich in der Darstellung der Historie – oder allgemein in den Geisteswissenschaften. Gewiss würde ich sehr skeptisch werden, wenn ein Chemiker Kohlenwasserstoffe nach schön und hässlich unterscheidet. In der Regel taucht die Wirklichkeit bei ihm nur in Gestalt von Symbolen und Formeln auf, die frei von aller emotionalen Wirkung sind und sein sollen. Das gilt heute allgemein für die Sprache der Naturwissen­schaften, die sich von der emotional gefärbten Sprache des Alltags in dieser Hinsicht radikal unterscheidet.*7*

Die Geisteswissenschaften aber untersuchen

den Menschen gerade nicht wie ein Arzt, Physiologe oder Genetiker als physisches Wesen, das den Gesetzen von Chemie, Physik etc. so unterworfen ist wie der Rest der Natur – sie wollen ihn auf eine zweite und andere Art verstehen: als psychische Entität (Wilhelm Dilthey). Das aber setzt voraus, dass wir die anderen Menschen – gleich welcher Zeit oder Herkunft – so wie uns selbst als wollende und wünschende Wesen begreifen. Die bloße Aufzählung von Fakten ergibt noch keine Geschichte und erklären kann sie diese schon gar nicht. Wir verstehen die Menschen nur so weit, wie es uns gelingt, uns in sie hineinzuversetzen, indem wir uns fragen, wie wir selbst uns unter ähnlichen Umständen verhalten würden. Das gelingt immer nur bis zu einem gewissen Grade – wenn es nicht gelingt, wird ihr Verhalten zu einem bloßen Faktum, das uns fremd und unbegreiflich gegenübersteht. Bei Menschen, deren Kulturen uns nur oberflächlich bekannt sind, ist das recht oft der Fall. Haben wir es mit anderen Arten zu tun, so ist es sogar die Regel. Was in Hunden und Katzen vorgeht, verstehen wir nur auf sehr unvollkom­mene Weise, auch wenn wir noch so viele Fakten über ihr Verhalten zusam­mentragen. Und wie ein Corona Virus die Welt erlebt, verstehen wir überhaupt nicht. Das Virus existiert für uns nur als ein wertfreies Faktum so wie eine Heckenschere oder Waschmaschine.

Große Historiker sind Meister des Verstehens

Sie transformieren Fakten in Ereignisse, die uns etwas angehen, weil wir uns in ihnen wiedererkennen, in ihnen Vorbild oder Warnung sehen. Wenn Historie zum bloßen wertfreien Faktum wird, ist sie uns so fremd wie Viren oder eine Mondfinsternis. Dann entbehrt sie für uns jedes Interesses, denn anders als das Faktum der Naturwissenschaft weist die historische Tatsache nicht einmal den praktischen Nutzen auf, als Instrument der Naturbeherrschung zu dienen. Das sollten die Lehrer beherzigen, wenn sie ihren Schülern die Jagd nach den Fakten einimpfen. Gewiss – ohne die Kenntnis der Fakten sind wir blind für die Wirklichkeit, aber ohne, dass wir die Fakten nach dem Sinn bewerten, den sie im Hinblick auf unser Wollen und Wünschen besitzen, werden sie zu einem leeren Ballast.*8*

1 „Die Philosophie ist in dem großen Buch geschrieben, welches von jeher vor unseren Augen liegt: ich meine das Universum. Aber ihren Sinn verstehen wir solange nicht, als wir nicht die Sprache erlernt und die Symbole erfasst haben, in denen sie abgefasst ist. Dieses Buch ist in der Sprache der Mathematik verfasst und seine Symbole sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne ihre Hilfe ist es unmöglich ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt man ergebnislos durch ein dunkles Labyrinth.“ (Galileo, 1842; Vol. IV, S.171)

„Ich glaube also nicht, dass die äußeren Dinge, um in uns Geschmacksempfindungen, Gerüche oder Töne wachzurufen, anderes als Größe, Gestalt, Zahl und langsame oder schnelle Bewegung voraussetzen. Hätten wir Ohren, Zungen und Nasen entfernt, so würden, so meine ich, zwar Gestalt, Zahl und Bewegung bleiben, aber nicht die Gerüche, die Geschmacksempfindungen oder die Töne. Denn außerhalb des Lebewesens sind diese nach meiner Meinung nichts anderes als Namen…“ (Galileo, 1936; II, S.801)

2 Diese Aburteilung der kulturellen einschließlich der religiösen Sphäre als letztlich beliebig oder gar zufällig war das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Revolution, welche allein die Naturgesetze als „ehern“, „ewig“ und „unverbrüchlich“ gelten ließ. Das lief auf eine Entwertung menschlicher Schöpfungen hinaus – es ist kein Wunder, dass die Menschheit seit drei Jahrhunderten nur noch mit der Erkundung der außermenschlichen Natur und ihrer Gesetze beschäftigt ist, während die Wissenschaften des Geistes, die den Menschen und seine Geschichte betreffen, aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten gestrichen werden.

3 Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch mit dem Goliath unter Österreichs Philosophen erinnern, nämlich Paul-Konrad Liessmann, der (bei einem Treffen am Kulm, Steiermark) genau diese Position vertrat. Er hat es mir, der ich damals die Rolle des David einnahm, wohl nie verziehen, dass ich ihm zu widersprechen wagte.

4 Ich halte die These der Projektion, wie sie im Altertum schon von Xenophanes und in neuerer Zeit von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, einerseits für evident, andererseits für zu kurz gegriffen. Sie scheint mir evident, weil schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Religionen erkennen lässt, dass Menschen Göttern und Geistern ihre eigenen allzumensch­lichen Eigenschaften zugeschrieben haben. Selbst Prof. Hans Küng würde wohl kaum behaupten, dass der Prozess umgekehrt verlaufen sei, nämlich dass die Menschen die allzumenschlichen Eigenschaften real existierender Götter von diesen abgeschaut hätten. Andererseits taugt der Wille (und die Freiheit, welche er impliziert) genauso gut als Prinzip, um die Komplexität der Wirklichkeit zu erklären wie das wissenschaftliche Kausalitätsprinzip, beide sind komplementär (siehe Jenner: Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet).

5 Dass es der Erfolg der neuen wissenschaftlichen Weltdeutung war, welcher ihr das Renommee eintrug, auch logisch „richtig“ zu sein, ist auch die Ansicht von Ludwig Boltzmann. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig“ (1990).

6 Egon Friedell. Ich schätze diesen genialen historischen Dilettanten (als den er sich selbst bezeichnet) gerade wegen seiner Wertungen, denn was die Menge und im Einzelnen wohl auch die Verlässlichkeit der Fakten betrifft, so sind ihm zünftige Historiker natürlich in diesem Punkt überlegen, zumal die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Aber die künstlerische Empathie Friedells und sein Stil sind unübertroffen.

7 In den Anfängen hat es nicht wenige Naturwissenschaftler gegeben, welche die Schönheit von Kristallen oder von vegetativen Formen so überzeugend zu schildern wussten, dass sie gerade dadurch wesentlich zur Begeisterung für ihr jeweiliges Fach beitrugen (man denke etwa an Ernst Häckel).

8 Dieser Essay lässt viele Probleme offen. Wissenschaft besteht ja nicht aus einer bloßen An­sammlung von Fakten, sondern aus Theorien, welche Fakten zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenschließen, das möglichst weite Bereiche der Wirklichkeit zu erklären vermag. Da gesicherte Theorien nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern objek­tive Strukturen beschreiben, müssen auch sie zur Sphäre der Fakten gerechnet werden. Aber wie steht es um die Vernunft, die nach den Grenzen des Kausalitätsprinzips und unseres „objektiven“ Wissens fragt? Darüber habe ich an anderer Stelle einige vielleicht nicht ganz abwegige Überlegungen anzustellen versucht (Jenner, op. cit.).

Von Prof. William E. Rees erhielt ich per eMail folgende Rückmeldung:

Dear Gero –

I was, as usual, intrigued by your latest essay on the proper role of human values, wishes and hopes (about which there will always be disputes). 

In fact, this essay touched a number of nerves. As a scientist (systems ecologist) teaching in a school of planning and public policy, my primary had always been the judicious application of “objective (ecological) knowledge” to questions of human socioeconomic development.  By this I meant reasoned or evidence-based analysis seasoned by consideration of people’s history, desires, beliefs and aspirations.  However, it also meant making the case that policies and plans designed to satisfy people’s hopes and aspirations should be seasoned with hard facts and analysis about the biophysical world. If taken seriously, these would often impose constraints on the hopes and aspirations of client communities – even my colleague economists and social planners would sometimes object.

One colleague was an avowed post-modernist of the type you would regard as tending to ‘throw the baby out with the bathwater.’  To her, scientific data had no special place in decision-making; there was no such thing as objective knowledge. She saw science as just another form of value-based ‘social construct’ that oppressed human ambition, apparently making no distinction between things which could actually be measured in time and space (e.g., water contamination, carbon emissions) and things that were entirely products of the human mind (e.g., democracy, civil rights).  Students who took courses from both of us were often torn between what they saw as conflicting interpretations of ‘what is real’. 

In working with students to resolve this problem, I often remembered something one of my undergraduate professors had emphasized—scientists were obliged to ferret out the objective truth but should stay away from policy and politics.  These were the domains of the value-based ‘humanities’ and social scientists.  In short, budding hard scientists were taught that the biophysical sciences could produce the numbers and discoveries, but it was up to political leaders — including policy wonks and planners — to decide whether and how the science should be applied (inadvertently providing an excuse for scientists working on the development of atomic weaponry). 

It seems that the separation of fact from values is endemic to western-style learning.  I remember being intrigued on discovery that modern neoliberal economic text-books pretend to eschew moral and ethical considerations.  In its efforts to appear ‘scientific’, formal economics (whose theoretical foundations and simplistic models owe a great deal to Newtonian analytic mechanics) ignores such soft considerations as attachment to place, compassion for others, the existence of family and friends, the idea of community, etc., etc.  Again, concern for these things is the domain of politics, not sound economics, and, as all students of economics learn, political intervention in the market introduces gross inefficiencies that undermine the elegant operation of short-term self-interest in market-based decision-making. In effect, values other than efficiency are disallowed.

I have never understood how mainstream economics can see people as ‘self-interested utility maximizers with fixed preferences and unlimited material demands’ as if this were a value-free description of H. sapiens, and markets as the most efficient allocators of essential resources as if privileging efficiency were not itself a value judgement with enormous moral implications.

There is one part of your essay that I might have structured differently.  You note that:

 “…the industrial Anthropocene, while turning out to be a fountainhead of unbelievable material progress, has at the same time created conditions that may transform progress into mankind’s greatest step backwards – a potential catastrophe which threatens not only the environment but also the very survival of our species.”

It seems to me that this phrasing confuses the fact of science-led material progress with the effects generated by shear economic scale and thus obscures the real cause.  The ecological crisis – potential catastrophe – is not the product of science and technology per se, but rather results from excessive population and average per capita resource consumption (i.e., economic growth beyond limits).  Humanity is in overshoot; we are consuming bioresources faster than ecosystems can regenerate and discharging wastes in excess of nature’s capacity to assimilate/neutralize. 

Most importantly, overshoot results from both nature and nurture: H. sapiens, like all other species has a genetically-determined predisposition to expand into accessible habitat and use all available resources (this is our ‘nature’) but  these tendencies are currently being reinforced  by the socially-constructed myth of perpetual economic growth driven by continuous technological progress (this is contemporary ‘nurture’).

Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.  Far from tempering humanity’s primitive expansionist tendencies, the socially-constructed beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify these now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.  

Worse, they combine with another highly-subjective social construct, human exceptionalism, which sees our species as somehow detached from nature and not subject natural laws.  This narrative virtually guarantees the continued dissipative destruction of the ecosphere and the collapse of life-support functions upon which we all depend.

Many thanks again for a thought-provoking essay and the chance to revisit some of my own life experience.

Best, 

Bill

Meine Antwort:

Dear Bill,

Thanks for your thoughtful and benevolent criticism, which points to a problem that I was well aware of even while writing the essay. Can the latter not be understood as a quasi-biblical objection to the presumption of knowledge, as if man had done better never to eat from the tree of knowledge? May it not even be read as an obscurantist criticism of modern science?

No, certainly not. You quote the passage where I decisevely reject such a misinterpretation. Science has provided a new foundation for truth: there is objective knowledge and it would be the worst regression if we were to fall back into superstition and esotericism, as often happens today. But – and this thesis pervades all my work – objective knowledge is not enough, it can only serve to define the limits and possibilities of human freedom (being, however, essential for that very purpose). Basically, I am only saying that scientists are not what some great philosophers of 18th century Enlightenment and their late descendants like Steven Pinker wanted to see in them, namely supermen. Man is more than what he represents as a scientist because apart from the laws of nature (which are the objects of his studies), there is also freedom, about which his theories either know nothing or which he reduces to mere chance.

This fundamental criticism seems important to me, but in your answer you discuss a point of greater practical relevance. Possibly you are quite right that my article may be understood as a warning as if science and technology themselves were responsible for many of present-day predicaments and not just the fact that their application by ten billion people inevitably produces quite different consequences than if they were applied by two billion only. Although I have sought the blame in the „Industrial Anthropocene“ (not directly pointing to science and technology), the suspicion remains.

I admit that this is a difficult point, because science is based on an elementary urge, human curiosity, which is the breeding ground both for everything great and for everything terrible. I am afraid that this elementary urge gives us the same intellectual satisfaction when we apply it to the study of neutron bombs as to that of vaccines. That is why I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science. After all the thirst for knowledge still operates in a boundless field even if only directed to things great.

Oh, I am concluding this letter with a rather trivial remark.

Best Gero

Entgegnung von Herrn Rees:

Gero –

you are exceptionally fast off the mark–and your concluding paragraph is anything but trivial.  

You say: „…I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science.“  

Seems to me that this is the distilled essence of the original essay and perhaps should be inserted/ amplified in such clear  words toward the end.  

Actually, this extract is really what I was trying to get at with my own more clumsy prose. 

I wrote: „Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.“   

This is really an assertion that we have failed to use our ethical/moral sense (and associated values) to steer us toward accepting limits on the application of science (and techno-driven growth).  Hence, our failure to assert certain important human capacities is more to blame for the crisis than is science per se.  

And, again, the result is that the dominant „…beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify [the natural but] now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.“    

With highest regards, 

Bill

Von Prof. Steve Pinker erhielt ich die Nachricht:

Please delete.

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung weiterlesen