Delta – Verliert die Demokratie den Kampf gegen Diktatur und Autokratie?

Auch wenn wir es von Populisten in beiden Lagern gewöhnlich so hören, stehen sich hier nicht das Reich des Guten und des Bösen gegenüber. US-Amerikaner und Chinesen sprechen unterschiedliche Sprachen, aber Studenten und Wissenschaftler wechseln mühelos von einem Land zum anderen. Nachdem Englisch zur Lingua Franca wurde und die Chinesen die meisten ihrer Institutionen dem westlichen Vorbild anglichen, sind die Ähnlichkeiten zwischen ihnen bedeutend größer als alles Trennende. „Chinesen genießen heute nahezu völlige Bewegungsfreiheit. Sie können ein Haus erwerben, eine Ausbildung wählen, ein Job oder ein Geschäft beginnen, sich einer Kirche anschließen (solange es sich um Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus oder Protestantismus handelt), sich kleiden, wie sie mögen, offen homosexuelle Neigung bekunden, ohne in einer Strafkolonie zu enden, nach eigenem Belieben ins Ausland reisen und sogar Kritik an der Partei üben, solange sie deren Herrschaft nicht in Frage stellen. Selbst Unfreiheit ist nicht mehr das, was sie einmal war“ (Norberg).

Inzwischen gelten diese Freiheiten allerdings nur noch für Chinesen ohne negative Einträge auf einem Sozialkreditkonto, das für jeden Bürger des Reichs auf Abruf die Bilanz von Wohlverhalten und negativen Einträgen zeigt. Xi Jinping ist es gelungen, die orwellsche Vision des perfekten Überwachungsstaats über ein Milliardenvolk zu verhängen. Dabei haben 99 Prozent nichts zu befürchten sondern profitieren von Sicherheit, Wohlstand und Aufstieg. Das restliche ein Prozent hingegen, welches gegen die Vorschriften der Partei und deren Führung aufbegehrt, hat mit Unterdrückung und Verfolgung bis hin zu physischer Vernichtung zu rechnen. Das gilt für die Han-Chinesen selbst ebenso wie für die unterworfenen Uiguren und Tibeter. Die Partei ist überzeugt, den Menschen das Glück zu bringen (und hat dies in einem materiellen Sinne auch zweifellos getan). Wer sich ihr widersetzt, wird daher zu seinem Glück gezwungen. Eine überwältigende Mehrheit – wenn auch nicht gerade 99 Prozent – scheinen das System gutzuheißen, solange es ihnen und ihrem Land einen so sichtbaren Aufschwung beschert. Die Verfolgung einer kritischen Minderheit erscheint ihnen da als ein geringes Opfer. Im Westen haben wir uns dagegen den Schutz der Außenseiter, Systemkritiker bis hin zu den Systemgegnern verschrieben. Das ist ein Akt der Toleranz, der uns moralisch jedem Überwachungsstaat überlegen macht – allerdings nur so lange, wie die Freiheit der Kritiker und Außenseiter nicht die Freiheit einer staatlichen Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit bedroht. In diesem Fall nämlich zerbrechen Staaten an inneren Widerständen. Leider ist genau das heute bereits der Fall.

Wie sich zum Beispiel an dem Vorgehen gegen die Seuche zeigt

Auch wenn die Regierung Chinas das aus propagandistischen Gründen in einem fort in die Welt posaunt, müssen wir anerkennen, dass sie imstande ist, die zum Wohl der Bevölkerung notwendigen Maßnahmen in kurzer Zeit zu ergreifen und durchzusetzen. Auch hier zeigt sich allerdings der für das Regime bezeichnende Gegensatz von verlogener Rücksichtslosigkeit und positiver Entschlossenheit. Als der Arzt Li Wenliang Ende 2019 seine Kollegen auf den Ausbruch einer neuen Seuche (später Covid19 genannt) aufmerksam machte, hielt die Partei das noch für ein Unruhe erzeugendes Gerücht, das sie sofort unterdrückte. Als die Fälle danach aber zu einer Lawine anschwollen und außer Kontrolle zu geraten drohten, handelte sie generalstabsmäßig nach den Vorschriften der Epidemiologen. Eine Millionenstadt wurde abgeriegelt, und die Menschen zunächst einmal in ihren Wohnungen eingesperrt: der Staat führe Krieg gegen das Virus, konnte drei Monate später aber auch den Sieg verkünden. Die Wirtschaft fand nach so kurzer Unterbrechung zu ihrem früheren Wachstum zurück und Chinas Menschen konnten sicher wieder frei und unbesorgt im ganzen Land bewegen.

Wie schmählich hat der Westen im Vergleich zu China versagt!

Statt eines kurzen aber entschiedenen Eingriffs hat er jahrelanges Siechtum in Kauf genommen, das heute wohl noch längst nicht beendet ist. Dabei war die Impfung gegen gefährliche Seuchen auch in den Ländern Europas einmal vorgeschrieben und konnte ohne Massenproteste durchgeführt werden. Im Jahr 1807 führte das Königreich Bayern als erster deutscher Staat eine Impfpflicht ein, der sich in den folgenden Jahrzehnten weitere Staaten anschlossen. 1874 wurden dann im Deutschen Reich alle Deutschen durch das Reichsimpfgesetz verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren (Wiederholungsimpfung) gegen die Pocken impfen zu lassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der DDR ab 1953 eine gesetzliche Impfpflicht, die bis 1970 sukzessive ausgeweitet wurde: Neben den Pocken wurde unter anderem gegen Tuberkulose (1953), Kinderlähmung (1961), Diphtherie (1961), Wundstarrkrampf (1961) und Keuchhusten (1964, dann in Form des DTP-Impfstoffes) verpflichtend geimpft, ab 1970 war auch die Impfung gegen Masern gesetzlich vorgesehen.

In der Bundesrepublik gab es von 1946 bis 1954 eine Impfpflicht gegen Diphtherie und Scharlach, zudem bestand in den Jahren 1949 bis Ende 1975 eine allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken. Rechtsgrundlage der damaligen Pockenimpfpflicht war noch immer das Reichsimpfgesetz von 1874.

Einige der gefährlichsten Seuchen wurden dadurch ganz oder weitgehend ausgerottet, sodass dagegen heute nicht einmal mehr geimpft werden muss – ein lebensrettender medizinischer Erfolg, der ausschließlich der damaligen Impfpflicht geschuldet ist.

Die Chinesen, ein Milliardenvolk, haben fertiggebracht,

und zwar innerhalb weniger Monate, wozu auch westliche Länder noch im 19. Jahrhundert fähig waren (ich überlasse es dem Leser zu entscheiden, ob man damals in deutschsprachigen Ländern – mit Ausnahme der Schweiz – in Autokratien oder Diktaturen lebte). Warum sind wir dazu heute nicht mehr imstande? Warum gibt es im Augenblick in einem Milliardenvolk täglich allenfalls ein Dutzend Fälle von Corona (die meisten noch dazu von außen eingeführt), während wir uns damit abfinden müssen, dass uns bald die nächste Welle überrollen und viele töten wird? Der Gegensatz zwischen China und der westlichen Welt besteht nicht im Wissen. Unsere pharmazeutischen Firmen und epidemiologischen Experten sind den Chinesen vorläufig wohl noch überlegen. Der Unterschied besteht auch nicht wesentlich darin, dass es bei uns nur Freiheit, bei ihnen dagegen nur Unterdrückung gäbe. Ein Stich in den Arm, der mich und die meinen vor einem möglichen Tod oder einer wahrscheinlichen Krankheit schützt, stellt eine viel geringere Beeinträchtigung meiner Freiheitsrechte dar als zum Beispiel die Tatsache, dass in der westlichen Führungsmacht, den USA, jeder sich eine Schusswaffe zulegen darf und damit die Sicherheit der Gemeinschaft massiv beeinträchtigt. Auch Steuern, gegen die sich die Reichen mit einer Vielzahl legaler Tricks erfolgreich wehren können, bedeuten eine Einschränkung von Freiheitsrechten, aber sie erzeugen weit weniger Widerstand als obligatorisches Impfen. Selbst Zebrastreifen schränken meine persönliche Freiheit merklich ein, da sie mir verbieten, die Straße an beliebigen Stellen zu überqueren. Aber außer Anarchisten, deren höchster Wert in der eigenen möglichst schrankenlosen Freiheit besteht, hat sich darüber bisher noch niemand ernsthaft beschwert. Wie im heutigen China hatte man im Deutschland des 19. Jahrhunderts der Wissenschaft noch vertraut und ebenso dem Staat, wenn er deren Vorschriften folgte. Wenn die Experten (oder jedenfalls eine überwältigende Mehrheit unter ihnen) mit Fakten belegen können, dass im Fall einer Impfung weniger als einer von Tausend aufgrund der Impfung selbst sterben wird, während eine hundertfach größere Zahl ohne Impfung sicher zugrunde geht, dann galt es als ausgemacht, dass die Gegner dieser für die Gemeinschaft als ganze notwendigen Maßnahme aus moralischer Sicht egohungrige Populisten, aus politischer Sicht gefährliche Quertreiber und aus wissenschaftlicher Perspektive arme Irre (man könnte auch sagen: unwissende Idioten) sind.

Wenn der Westen den Kampf gegen China und die Autokratien verliert,

dann nicht, weil er die persönliche Freiheit zu einem Ideal verklärt – es könnte kein schöneres geben -, sondern weil er den Sinn und das Ziel von Freiheit nicht länger versteht. Er verwechselt sie mit der Ermächtigung seiner Bürger, zum eigenen Nutzen beliebig gegen die Interessen der Gemeinschaft zu handeln. Was den Besitz von Schusswaffen betrifft, so ist diese Verwechslung offenkundig (jedenfalls für Menschen außerhalb der USA). Es macht keinen Sinn, Toleranz gegenüber egomanischen Populisten, gefährlichen Quertreibern und unwissenden Idioten auch dann noch zu predigen, wenn dadurch die physische und mentale Stabilität einer Gesellschaft in Gefahr gerät. Auf ihrem Höhepunkt, der sich jeder Zeit wiederholen kann, hat die Seuche unsere Gesellschaften so stark gelähmt, wie das sonst nur in Kriegszeiten geschieht. Wenn die Mehrzahl der medizinischen Experten sich dafür verbürgen kann, dass wir den Feind – in diesem Fall unsichtbare Viren – auf eine so einfache Maßnahme wie obligatorisches Impfen wirksam besiegen können, dann sollte ein westlicher so wie jeder andere Staat darin die Verpflichtung sehen, das Impfen wieder obligatorisch zu machen wie er es in der Vergangenheit tat. China praktiziert das mit größtem Erfolg und hat schon jetzt nahezu seine ganze Bevölkerung durchgeimpft – immerhin mehr als ein Fünftel der Menschheit. Über den hilflosen Westen, der seine Menschen sterben lässt, gießt es seinen Hohn und seinen Spott aus.

Gerade jetzt springen die Zahl der Deltainfektionen

in Japan, England, den USA und Kanada neuerlich in die Höhe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie das bei uns ebenso tun. Wenn wir nicht zu der Einsicht gelangen, dass im Fall eines temporären Kriegszustands der Schutz der Gemeinschaft, also einer überwältigenden Mehrheit, Vorrang gegenüber dem Willen von Populisten, Quertreibern, armen Irren und unwissenden Idioten hat, dann werden mit der Zeit immer größere Teile der Bevölkerung ein autokratisches Regime herbeiwünschen, das in Zeiten der Not mit Entschlossenheit zu handeln versteht.

Der Prozess ist bereits im Gange, und zwar gerade bei jenen, die wir am lautesten schreien hören: den Populisten, Quertreibern und armen Irren.

Prof. Michael Kilian, ehemals Landesverfassungsrichter, schreibt dazu:

Lieber Herr Dr. Jenner,
danke, ich denke ähnlich wie Sie. Und damals sagte man noch plastisch – und treffend – Reichs(=Bundes)seuchengesetz, und nicht – wie heute bei Gesetzesbezeichnungen üblich – Bundesinfektionsschutzgesetz. Ich wurde noch mehrmals gegen Kinderlähmung geimpft. 

Beste Grüße,

Ihr Michael Kilian

Die Schriftstellerin Salomea Genin schreibt folgende Zeilen:

Guten Morgen Herr Jenner,

Soweit ich weiß, gab es bis Oktober 2019 ein Gesetz, dass vorschrieb, alle Impfungen mussten ein Jahr lang und auch an Tieren getestet, bevor sie bei Menschen angewandt werden. Dieses Gesetz wurde noch vor Corona außer Kraft gesetzt. Das erfuhr ich, von einer Person, die im Krankenhaus arbeitet. Die heutigen Impfungen wurden nur drei Monate getestet und auch nicht mehr an Tieren. Sind viele an den Impfungen gestorben und nicht an Corona?

Die Mutter und der Bruder eines guten Freundes kämpften lange mit Krebs und starben: Die Mutter drei Monate bevor Corona ausbrach und der Bruder mittendrin. Die Todeszertifikate durften ihm nicht ausgehändigt werden, weil sie alle plötzlich direkt ans Statistikamt abgeführt werden mussten. Da kam das Gerücht auf, dass die Krankenhäuser viel Geld dafür bekamen, dass sie nicht die wirkliche Ursache sondern immer nur Corona auf diese Zertifikate schreiben. Bekam er sie nicht, weil die Todesursache als Corona angegeben wurde und er wusste, dass das nicht stimmt?

In den letzten 18 Monaten sind 20 Krankenhäuser geschlossen worden – mitten in der Pandemie!

Diese ganze Pandemie begann mit einer Berichterstattung, wie ich sie in der DDR erlebt habe: Von einem Tag zum anderen waren alle Nachrichten-Sendungen zu 90 % voll von diesem einen Thema. Zuerst wurde gesagt, dass die Menschen an Corona sterben und nach einer Woche bis heute heißt es, dass sie „mit und an“ Corona sterben. Da ich diese Berichterstattung in Frage stelle, werde ich zum Corona-Leugner erklärt! Was ich nicht bin!

Ich habe weder die Kraft noch die Fähigkeit diese „Gerüchte“ zu überprüfen. Ich hätte noch andere Fragen, die kein Mensch mir beantworten kann. Ich lasse mich bestimmt nicht impfen.

Mit freundlichen Grüßen – Salomea Genin

Meine Replik:

Diese Zeilen sind bemerkenswert, weil sie ein tiefes Misstrauen gegen den Staat bezeugen, obwohl außer Zweifel steht, dass die Menschen in Europa immer noch sicherer leben als fast in allen anderen Staaten der Welt. Obwohl die Medizin gerade bei uns die größten Erfolge erzielen konnte, vertraut man den Experten nicht länger sondern schenkt lieber alle möglichen Gerüchten Gehör – so groß ist die Verunsicherung. Ich sehe darin eine innere Erosion. In Russland und China reibt man sich dabei die Hände und tut viel, um diesen Erosionsprozess des Westens noch zu befördern.

Herr Lehle aus Rothenburg schickt mir folgende Mail:

Sehr geehrter Dr. Gero Jenner,

mit Erschrecken las ich gerade Ihren Corona-Artikel.

Mein erster Impuls war, Ihnen Fakten beispielsweise über Schweden (keine Übersterblichkeit 2020, wenn wachsende Alterung der Gesellschaft letzten 10 Jahre berücksichtigt wird, absolute Zahlen der Verstorbenen täuscht daher) zuzuschicken, aber es dürfte sinnlos sein. Wenn Sie nach über einen Jahr die Fakten weiter nicht wissen, dann wollen Sie in ihrem Weltuntergangs-Kult verbleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Georg Lehle

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Lehle,
haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, dass die Experten in China, Japan, Holland, England und den USA (Fauci) dann alle die falschen Daten haben und nur Sie – Sie sind mir freilich nicht als Epidemiologe bekannt – über die „wahren Fakten“ verfügen? Wollen Sie behaupten, dass diese Leute uns alle in voller Absicht betrügen?
Versuchen Sie doch bitte, sich selbst gegenüber etwas kritischer zu sein!
Alles Gute
Gero Jenner

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. F. J. Radermacher schickt mir folgende höchst aufschlussreiche Nachricht:

Hallo Herr Jenner,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Beste Grüße

F. J. Radermacher

Migration und Verlogenheit

Unter Verlogenheit verstehe ich eine Haltung, welche Maßnahmen, die offensichtlich gegen die eigenen Prinzipien verstoßen, hinter einer Fassade von Moral verbirgt. Die europäische Immigrations- oder besser Anti-Immigrationspolitik ist dafür ein grelles und beschämendes Beispiel. Tatsache ist, dass eine weit überwiegende Mehrheit der Bürger Europas keine weitere Zuwanderung will. Das wissen die Regierungsorgane – also die nationalen Regierungen, Parlamente, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament -, denn diese Tatsache wird ihnen durch den Ausgang von Wahlen, in denen Migration (oder Fremdenfeindlichkeit) zum Thema wird, deutlich zu Bewusstsein gebracht. Daher ist die Politik nach Kräften bestrebt, Einwanderung zu drosseln, zum Beispiel, indem sie mehr als drei Milliarden Euro an die Türkei bezahlt (richtiger: sie damit besticht), damit diese im Osten Europas einen Riegel vor weitere unerwünschte Einwanderung schiebt.

Jeder ehrliche Beobachter der internationalen Szene weiß natürlich seit langem, dass sich Migranten nur mit Gewalt zurückhalten lassen. Menschen, die im eigenen Land keine Zukunft sehen, weil sie politisch bedroht sind oder um das ökonomische Überleben fürchten (eine nicht weniger existenzielle Herausforderung!), sind verständlicherweise zu allem bereit. Sie auf- und fernzuhalten, lässt sich daher nur mit entsprechender Gegengewalt erreichen. Auch das weiß die EU. Sie ist aber zufrieden, wenn nicht sie selbst sondern andere sich dabei die Hände beschmutzen, damit sie nicht von ihrem moralischen Podest heruntersteigen muss. Ich nenne das Verlogenheit. Gewalt wird nicht dadurch vermindert oder annehmbarer, dass man ihre Ausführung anderen überlässt.

Dieselbe Verlogenheit drückt sich im Umgang Europas mit den Flüchtlingslagern in Griechenland, Libyen oder Tunesien aus. Natürlich herrschen dort unmenschliche Zustände (genauso wie in den Lagern der USA zur mexikanischen Grenze). Die Länder Nordafrikas werden ganz genauso wie die Türkei von Europa dafür bezahlt, dass sie das Nötige tun, um die Menschenlawine aus den geschundenen Ländern im Nahen Osten ebenso wie aus den bitterarmen und vom Klimawandel besonders betroffenen Ländern südlich der Sahara aufzuhalten. Sie tun dies, indem sie die Flüchtlinge wie Aussätzige oder Verbrecher behandeln, denn junge Abenteurer, die sich anderswo ein besseres Leben erhoffen oder gar verzweifelte Menschen, die nichts zu verlieren haben, werden eben nur auf diese Art abgeschreckt. Würde man sie in den Auffanglagern mit Samthandschuhen anfassen, dann dürfen wir sicher sein, dass sich diese sensationelle Neuigkeit per Handy gleich um die ganze Welt verbreitet und der Menschenstrom augenblicklich zu einer Völkerwanderung schwillt.

Wer sich gegen die Lüge sträubt, kann diese Tatsachen nicht leugnen. Die meisten lassen sich aber gern mit Lügen besänftigen. Denn sie wollen zwar keine weiteren Fremden im eigenen Land, aber dennoch ein reines Gewissen haben. Daher sind sie durchaus bereit, große Summen für die Abwehr der Migranten zu zahlen, wollen sich aber keinesfalls eingestehen, dass die Abwehr von Verzweifelten und jugendlichen Abenteurern nur mit Gewalt und unter Verstoß gegen die Menschenrechte durchgesetzt werden kann. Kann man darin etwas anderes als Verlogenheit erblicken?

Solange es den grellen Unterschied zwischen Armen und Reichen (Ländern) gibt, wird sich an der Situation nichts ändern. Wir müssen uns daher fragen, was wichtiger ist, das reine Gewissen oder die Abwehr einer uneingeschränkten Migration? Offenbar ist nicht beides zur gleichen Zeit zu haben. Für moralische Absolutisten, die jede Art von Gewalt gegen ihre Mitmenschen ablehnen, ist die Antwort natürlich von vornherein klar. Die augenblickliche Verteilung aller Flüchtlinge aus Asien oder Afrika von Griechenland, Italien und Spanien über ganz Europa ist für sie eine selbstverständliche Forderung. Wären sie konsequent, müssten sie sogar noch viel weiter gehen. Ohne Zweifel ist es unmenschlich, Bootsflüchtlinge der Gefahr des Ertrinkens auszusetzen. Der konsequente moralische Absolutist müsste sich für eine Brücke über das Mittelmeer einsetzen, z.B. bei Gibraltar.

Seltsam genug sehen sich moralische Absolutisten gern als entschiedene Verteidiger der Demokratie. Für den sich daraus ergebenden Widerspruch pflegen sie aber blind zu sein. Es ist ihnen zwar sehr daran gelegen, den Leuten jenseits der Grenze zu helfen, aber für die in ihrer Sicht unaufgeklärte Mehrheit im eigenen Land haben sie im besten Fall wenig Verständnis, im schlechtesten nur offene Verachtung. Wie schon gesagt, ist eine überwältigende Mehrheit in allen Ländern Europas strikt gegen weitere Einwanderung. Die Gründe für diese Haltung liegen durchaus auf der Hand. Einwanderer der ersten Generation sind bereit, große Entbehrungen in Kauf zu nehmen, um in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Sie sind daher bei den Unternehmern beliebt, bei Arbeitern, Arbeitslosen und prekär Angestellten hingegen als gefährliche Konkurrenz gefürchtet (eine berechtigte Furcht, die von Populisten gerne in Fremdenhass umgemünzt wird). Wie bekannt, ist der Sieg Donald Trumps nicht unwesentlich mit dem Ressentiment des „White Trash“ zu erklären, der genau diese Konkurrenz fürchtete und daher in einer durchgehenden Mauer an der Grenze zu Mexiko eine Lösung für seine Probleme sah. Dagegen stehen die moralischen Absolutisten in keiner Konkurrenzsituation zu den Flüchtlingen. Im Gegenteil profitieren sie von den billigen Paketzustellern, Dienstboten und Laufburschen aller Art. Anders gesagt, können sie sich den aufgeklärten Kosmopolitismus und das Bedürfnis nach einem reinen Gewissen leisten – sie gehören ja überwiegend zum gebildeten, geschützten und privilegierten Teil der Gesellschaft.

Wir müssen uns damit abfinden, dass wir nicht mehr beides zugleich haben werden, das reine Gewissen und die Abwehr von Menschen an unseren Grenzen. Wenn wir sie abwehren, nehmen wir die Anwendung von Gewalt in Kauf, ja und auch Unmenschlichkeit, denn Verzweifelte (ebenso wie Abenteurer) sind natürlich ihrerseits zu Gewalt bereit – manchmal zu jeder Art von Gewalt bis hin zum Terror. Es ist nichts als Verlogenheit, wenn wir uns einbilden, die Situation dadurch zu verbessern, dass wir andere dafür bezahlen, dass sie die Drecksarbeit für uns übernehmen. Ein reines Gewissen könnten wir nur um den Preis erringen, der Menschenlawine aus den vielen längst übervölkerten Teilen der Erde Tür und Tor zu öffnen.

Aber was würden wir damit erreichen? In ökologischer Perspektive liegen die Länder Europas schon bei ihrem jetzigen Bevölkerungsstand weit über der Nachhaltigkeitsgrenze. Einige verbrauchen bis zu fünf Planeten. Nicht mehr sondern weniger Menschen ist – ökologisch gesehen – die einzig richtige Strategie für die Zukunft.

Die Entscheidung für oder gegen offene Grenzen gehört damit zu den großen Gewissensfragen unserer Zeit. Diese Entscheidung ist umso schmerzlicher, als die Menschen jenseits der Grenzen das gleiche Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben wie wir. Die moralischen Absolutisten machen es sich aber allzu leicht, wenn sie auf Grundlage dieser Überzeugung die Migration vorbehaltlos bejahen. Sie können dann zwar ein reines Gewissen pflegen – allerdings nur um den Preis, die widerständige Wirklichkeit ganz aus ihrem Sichtfeld zu verbannen. Der Preis ist hoch – er besteht in mehr oder weniger bewusster Verlogenheit.

Dagegen haben es die Gegner offener Grenzen sehr viel schwerer. Sie wissen, dass ein uneingeschränkter Zustrom von Fremden Widerstand provoziert – Volksaufstände, sozialen Zerfall bis hin zu Bürgerkriegen (in den Vereinigten Staaten ist der soziale Zerfall bereits im Gang). Der illusionslose Blick auf die Wirklichkeit macht die Realisten – nennen wir sie einmal so – alles andere als glücklich, wissen sie doch nur zu gut, dass Flüchtlinge sich in einer Welt, wo der Klimawandel viele schon bald zu noch größerer Armut verdammt, nur mit Gewalt abwehren lassen. Für die Realisten ist nicht Verlogenheit das Problem sondern das Eingeständnis, dass es in diesen Fragen nie ein reines Gewissen geben kann oder wird.

Das Dilemma drückt sich unmittelbar und faktisch in dem unaufhörlichen Kampf beider Lager aus. Die Realisten sind bereit, die Grenzstaaten außerhalb der Europäischen Union für ihre Hilfsdienste zu bestechen und beide Augen zuzudrücken, wenn diese die Flüchtlinge an den Grenzen zurückknüppeln. Verlogen sind sie nur, wenn sie sich dabei einreden: Das seien eben die (dafür bezahlten) Schergen und keinesfalls wir. Und verlogen ist auch das Bemühen, von dieser Brutalität möglichst nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. 

Dagegen bemühen sich die moralischen Absolutisten gerade um Aufdeckung und Öffentlichkeit. Beständig sind sie auf der Suche nach Menschenrechtsverletzungen bei Frontex und in den Flüchtlingslagern, um sie mit lauten Aufschreien an die Öffentlichkeit zu tragen. So liegen in Europa Realismus und moralischer Anspruch in unversöhnlichem und dauerndem Kampf. Es scheint mir ein besonderes Unglück zu sein, dass dieses echte und existenzielle Dilemma meist nur auf der Ebene von rechtsextremem Fremdenhass gegenüber linkem Kosmopolitismus zum Ausdruck gelangt und diskutiert wird. Aber darum geht es nicht – wie übrigens das praktische Vorgehen europäischer Staaten deutlich beweist, wenn diese gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland anwerben und mit offenen Armen empfangen. Solange Fremde nicht durch eine zu große Zahl und mangelnde Integrationsbereitschaft die heimische Bevölkerung überfordern, können sie eine große Bereicherung sein. Fast alle modernen Staaten sind auf diese Weise entstanden – ein Faktum, das eine kursorische Durchsicht der Telefonbücher schnell bestätigt. Es kann nur darum gehen – das aber ist überaus wichtig -, einen ungeregelten und zu großen Zustrom innerhalb kurzer Zeit zu verhindern, weil dieser für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft eine massive Bedrohung ist.

Frau Dr. Gabriele Matzner, österreichische Ex-Botschafterin, meldet sich mit folgendem Beitrag:

Danke, interessant.
Diese Verlogenheit gibt es ohne Zweifel.
Und einer der (Hinter)gründe besteht darin, dass die „Herrschenden“ (samt subventionierten Medien) aus populistischen-demagogischen Erwägungen gegenüber dem Volk Ausländer-Weg-Raus propagieren (und sich dann auf diese, von ihnen geschaffene Stimmung stützen), während sie gleichzeitig verschweigen, wie normal Migration seit Menschengedenken ist und wie nötig wir Zuwanderer für alles Mögliche brauchen, immer gebraucht haben, massenhaft haben.
Dass es Asylwerber/Flüchtlinge (teils angebliche) nun sind, liegt bekanntlich daran, dass das die einzige Migrationsmöglichkeit ist, und dies, dank der widersprüchlichen und unsinnigen Aussperrpolitik (der EU). Die meisten, die kommen (wollen), wollen kein „Asyl“, sie wollen – vorübergehend – arbeiten, sich ausbilden, Geld sparen (auch zwecks Heimsendung), und dann heimkehren (SO erfreulich ist das Leben in Europa auch wieder nicht, auch das ist eine Legende der Xenophobie).
Das ist seit vielen Jahren bekannt. Und der Öffentlichkeit unbekannt.
Und: außer Gewalt gäbe es noch andere Möglichkeiten, Menschen von Europa fernzuhalten, nämlich eine andere (europäische/westliche/sonstige) Politik gegenüber den Herkunftsländern/regionen als die bisher geübte.
Bei Interesse bin ich gerne bereit, dies näher auszuführen. Als ex-Diplomatin hätte ich dazu einige Informationen/Überlegungen.
KK (Kanzler Kurz) &andere, sprechen gerne von „Hilfe vor Ort“, das ist der größte Hohn, gerade Österreich tut seit Jahr und Tag praktisch NICHTS dazu, auch das bleibt dem Publikum verborgen.
beste Wünsche und mögen diese Gedanken freundlich aufgenommen werden.
G. Matzner

Der österreichische Botschaft i.R. Dr. Heimo Kellner schreibt:

Australia has the answer : don’t let them in. What Australia can do we should also be able to. 

Fritz Goergen, ehemaliger Bundesgeschäftsführer der FDP schreibt Folgendes:

Lieber Herr Jenner,
in Ihrer Betrachtung fehlt eine wesentliche negative Wirkung des von Ihnen beschriebenen Cocktails von Verlogenheit: Die Legalitäten sorgen durch ihr Verhalten für einen illegalen Korridor, der so teuer und gefährlich ist, dass er zu einer einseitigen Auswahl von Migranten führt: Glücksrittern.
Herzlich, Fritz Goergen

Jenner: Nicht ganz. Ich spreche von den jugendlichen Abenteurern, ihren Glücksrittern.

Hitler privat – ein netter, ganz normaler Mensch?

Fachleute sind von einer eigenen Aura umgeben. Sie wissen fast alles über einen bestimmten Gegenstand, den sie in der Regel ein Leben lang studierten – das scheint sie unangreifbar zu machen. Warum neigt der Volksmund dann aber dazu, ihnen das tiefer gehende Wissen abzusprechen? Berufsblindheit führe nicht selten dazu, aus einem ausgewiesenen Mann des Faches einen Fachidioten zu machen! Hitler privat – ein netter, ganz normaler Mensch? weiterlesen

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! weiterlesen

Adam Tooze – Rückblick eines Kenners auf zehn Jahre Weltwirtschaftskrise

Vor kurzem (am 14. August) hatte ich das Glück, ein Interview mit dem britischen Historiker Adam Tooze im Österreichischen Rundfunk zu verfolgen. Ich war so beeindruckt, dass ich mir das Buch „Crashed. How a Decade of Financial Crises Changed the World“ (Allen Lane 2018) umgehend verschaffte – und so ist mit zwei Jahren Verspätung ein wichtiges Werk auch bei mir angekommen. Folgende Überlegungen sind aus der Lektüre hervorgegangen:

Adam Tooze – Rückblick eines Kenners auf zehn Jahre Weltwirtschaftskrise weiterlesen

„Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ – Bemerkungen über ein erstaunliches Buch von Daniela Dahn

Es gibt Bücher – und sie bilden leider die große Mehrheit -, die man überfliegt, weil sie nicht mehr als nur Fakten bieten, die wir zur Kenntnis nehmen. Es gibt andere, bei denen jeder Satz wichtig ist, weil er eine Einstellung bekundet, das Verhältnis eines Menschen zur Welt ausdrückt und damit auch vom Leser eine Stellungnahme verlangt. Eine solches Buch habe ich vor kurzem lesen dürfen, seine Autorin ist Daniela Dahn. Sie schreibt über das Unrecht, das der deutsche Westen den Bürgern des Ostens angetan hat, und sie fordert den Westen auf, über das eigene Versagen nachzudenken. Was mich an diesem Buch so erfreut – auch wenn seine Thesen alles andere als erfreulich sind -, ist seine Ehrlichkeit. In Zeiten der generellen Unehrlichkeit, wo Argumente als Waffen im Kampf der Parteiungen dienen, ist das eine erfrischende Wohltat. Lassen wir die Autorin selber zu Worte kommen.

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Das Virus in unseren Köpfen

Beinahe täglich schaue ich mir den einen oder anderen Beitrag des russischsprachigen Senders 1TVRUS im Fernsehen an, weil es mir wichtig ist, über die Stimmung im Land unseres größten Nachbarn Bescheid zu wissen. Die englischsprachigen Sendungen von RT (Russia Today) sind da weniger aufschlussreich, weil sie von vornherein auf westliche Erwartungen abgestellt sind. „Vremja pokazhet“ (die Zeit bringt es zutage) richtet sich an das russische Publikum. Es ist eine Talkshow, in der es so wild zugeht wie in keiner anderen mir bekannten. Die Diskutanten schreien einander regelmäßig nieder, so als würde die Lautstärke über die Qualität der Meinung entscheiden.

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Erzwungener Verrat – die Illusion von europäischer Macht und Größe

Die USA haben den Vertrag mit Iran mutwillig nur deshalb außer Kraft gesetzt, weil der neue Präsident Trump alles rückgängig machen wollte, was der alte Präsident Obama ihm als Erbe hinterlassen hatte. Erzwungener Verrat – die Illusion von europäischer Macht und Größe weiterlesen

Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus

Mit dem Strom schwimmen Opportunisten, gegen ihn schwimmen mutige Außenseiter. Eine solche Rolle hat der katholische Moraltheologe Martin Rhonheimer, seines Zeichens Ethikprofessor an der Päpstlichen Universität Rom, übernommen. Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus weiterlesen

Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen weiterlesen

Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler?

Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen, denn bevor der Vorsitzende der ÖVP gestern seinen sensationellen Wahlerfolg errang, ließ sich das Urteil der Parteien im Hinblick auf seine Person etwa unter diesem Gegensatz subsumieren. Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler? weiterlesen