Leben wir noch in einer Demokratie?

Wir bemessen diese Staatsform vor allem an dem Ausmaß an Freiheit, das eine Regierung ihren Bürgern gewährt. Aus dieser Sicht ergibt sich ein ebenso helles wie düsteres Bild. Niemand hindert mich daran, auch die abwegigsten Meinungen zu vertreten, sogar zum Sturz der Regierung darf ich öffentlich aufrufen, sofern das ohne Beleidigung konkreter Personen und ohne Aufkündigung der demokratischen Verfassung geschieht. Das ist keinesfalls selbstverständlich. In Putins Russland sehen wir Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwinden, in China werden sie unter geklärten Umständen aus dem Wege geräumt. Überdies herrscht in Staaten wie Deutschland und Österreich nicht nur die Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, ebenso wenig ist mir verboten, mein Leben weitgehend nach eigenem Belieben zu gestalten. Ich kann als Single oder in einer homosexuellen Beziehung leben, als akzeptierter Aussteiger irgendwo in der Provinz oder mit langen Haaren oder Ganzkörpertätowierung auf mich aufmerksam machen. In der führenden Demokratie des Westens, in den USA, darf ich sogar Bücher veröffentlichen, in denen ich in allen Einzelheiten beschreibe, wie man am besten die Safes in den Villen der Reichen knackt. Ebenso darf ich die Werkzeuge verkaufen, die dazu am besten geeignet sind. Untersagt ist mir nur die Verwirklichung solcher Rezepte oder die praktische Anwendung der dazu dienlichen Instrumente.

Diese Unterscheidung gilt in den USA allgemein. Kein Gesetz verbietet mir, mich offen zu Hitler, Stalin oder Pol Pot zu bekennen, solange ich keine konkreten Schritte unternehme, um deren Vorstellungen in die Praxis zu übersetzen. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte lehrt, dass es individuelle Freiheit, wie sie in den USA oder generell in zeitgenössischen Demokratien als selbstverständlich erscheint, niemals in gleichem Umfang gegeben hat.

Wir haben daher guten Grund,

dafür dankbar zu, dass wir nicht in Putins Russland oder im China Xi Jinpings zuhause sind, denn da müssten viele, die mit ihren eigenen Meinungen nicht hinter dem Berg halten wollen, ihr Leben in einer Gefängniszelle verbringen – sofern ihnen nicht sogar Schlimmeres droht. Das sind Tatsachen, über die sich kaum streiten lässt. Und dennoch wird man wohl sagen müssen, dass eine solche Dankbarkeit wenig verbreitet ist und bei vielen sogar auf hämisches Lächeln stößt. Eine solche Reaktion scheint erstaunlich, aber ist nicht schwer zu verstehen – wie uns ein weiterer Blick auf Russland zeigt, nämlich der internationale Erfolg von RT oder Russia Today. Es fällt nämlich auf, wie viele ausgewiesene westliche Intellektuelle dort regelmäßig einen Auftritt haben – und zwar nicht nur solche, welche der Politik des neuen russischen Zaren mit Sympathie gegenüberstehen. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ein größeres Publikum mit ihren Gedanken vertraut zu machen, denn die Medien ihres eigenen Landes verweigern ihnen diese Plattform.

Ja, es trifft immer noch zu, dass in westlichen Demokratien

alles gesagt werden darf. Niemand stopft bei uns seriösen Denkern das Maul, sogar lästige Oppositionelle, freischwebende Spinner, radikale Weltverbesserer oder unverbesserliche Reaktionäre dürfen sich ungehindert zu Worte melden – die Frage ist nur, ob das Gesagte überhaupt noch gehört werden kann.

Genau das ist in immer geringerem Maße der Fall. Die Konzentration der Medien in wenigen Händen hat in den Staaten des Westens – allen voran in den USA – einen so hohen Grad erreicht, dass Meinungen von einer Handvoll Pressemogulen gesiebt und gesteuert werden und nur die von ihnen als politisch korrekt bewerteten überhaupt eine Chance haben, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das verbleibende Forum für Meinungen ist das Internet, wo sich bis heute eine nahezu vollkommene individuelle Freiheit ausleben darf, das aber geschieht um den Preis, dass die meisten von ihnen ungehört und unbeachtet im Nichts verhallen. Die nahezu absolute Freiheit auf sozialen Plattformen wie Facebook etc. verträgt sich zwanglos mit einer undemokratischen Steuerung der medienwirksamen Meinung. Endstation dieser Entwicklung könnte sehr wohl eine De-facto-Meinungsdiktatur sein.

Die Tatsache, dass hochrangige US-amerikanische Intellektuelle wie Noam Chomsky in ihrem eigenen Land keine Plattform finden und in RT auftreten, wenn sie gehört werden wollen, deutet darauf hin, dass der Weg in diese Richtung bereits geebnet ist.

Die westlichen Gesellschaften leiden an einem Paradox

Einerseits geht es den dort lebenden Menschen so gut wie niemals zuvor. In keinem System werden sie materiell so verwöhnt wie in der modernen Wohlfahrtsgesellschaft. In früheren Gesellschaften sind Menschen regelmäßig verhungert – wie wir wissen, ist das in manchen anderen Teilen der Welt auch heute noch der Fall. Dagegen tritt ein vorzeitiger Tod bei uns am ehesten aufgrund von Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten ein.

Andererseits erleben wir einen Prozess der schleichenden Entmachtung des demokratischen Souveräns. Dass die eigene Stimme immer weniger zählt, ist vielen deutlich bewusst; der Trend zur Wahlenthaltung legt davon ein unübersehbares Zeugnis ab. Im Hinblick auf die eigene Wahlentscheidung haben die Menschen das gleiche Gefühl wie im Hinblick auf die eigene Meinung: Beide können zwar ungehindert geäußert werden, aber letztlich kommt es kaum darauf an. An den Verhältnissen vermag die eine ebenso wenig wie die andere zu ändern.

Ist diese Resignation berechtigt

oder deutet sie nur auf eine Übersättigung mit Wohltaten hin, die man als selbstverständlich hinnimmt? Es liegt doch immer noch an der Entscheidung des Wählers, ob Frau Merkel oder die AfD, Bernie Sanders oder Donald Trump an die Macht gelangen! Und der Wähler hat es nach wie vor in der Hand, seine Stimme eher für Parteien abzugeben, die ein soziales Regime wie in Schweden oder ein dezidiert neoliberales wie in Großbritannien verwirklichen wollen. Solche Alternativen sind doch bedeutungsvoll! Der demokratische Souverän hat es weiterhin in der Hand, sich mit seiner Stimme für größeren sozialen Frieden im Inneren und größere Achtung von außen einzusetzen.

Und dennoch ist die Ahnung, dass auch die Staaten des Westens ihren Bürgern immer weniger Mitentscheidung über das eigene Schicksal gewähren, mehr als nur Illusion. Wären die Menschen in den demokratischen Staaten des Westens wirklich die Schmiede ihres eigenen Glücks, dann müsste das Barometer der Zufriedenheit in Schweden oder Großbritannien einen höheren Wert als im autokratischen China aufweisen (vor der Corona-Epidemie). Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit der Chinesen blickt der Zukunft mit Optimismus entgegen, die Menschen in westlichen Staaten – gleichgültig ob unter linken oder rechten Regierungen – mit Sorge und Angst.

Aber lassen wir die Psychologie beiseite,

da sie großen Schwankungen unterliegt, und wenden wir uns stattdessen jenen objektiven Bedingungen zu, welche die demokratische Freiheit in zunehmendem Maße begrenzen. Gleichgültig ob demokratisch regiert oder nicht, sämtliche Staaten sehen sich heute dem Zwang ausgesetzt, ihre eigene Politik beständig an der des erfolgreichsten Wettbewerbers zu bemessen und auszurichten. Nicht nur die neuesten Erfindungen der Technik, sondern auch die der effizientesten Organisation von Arbeit oder der wirksamsten Art, die Produktionsstätten internationaler Konzerne ins eigene Land zu locken, verbreiten sich wie ein Lauffeuer über den Globus. Große Unternehmen haben der Konkurrenz schon immer die wirksamsten Strategien abgeschaut, um nur ja nicht zurückzufallen. Dieser äußere Zwang ist so stark, dass sie auf die Bedürfnisse der eigenen Belegschaft wenig oder gar keine Rücksicht nehmen. Doch dasselbe machen heute auch Staaten, die sich immer mehr so verhalten, als wären sie nichts anderes als eine Art Megakonzerne. An die Stelle der demokratischen Eigenbestimmung ist auf diese Weise die undemokratische Fremdbestimmung von außen getreten.

Die fortschreitende Einschränkung der demokratischen

Eigenbestimmung ist keine Machenschaft böswilliger Verschwörer gegen die Demokratie – sie ist das Ergebnis realer Zwänge. Wenn es Deutschland und Österreich nicht gelingt, durch einen Vorsprung an Innovation auf den globalen Märkten präsent zu sein, wird es seinen gegenwärtigen Lebensstandard nicht halten können. Beide Staaten müssen also, um auch weiterhin an der Spitze zu bleiben, ihre Bevölkerung demselben Leistungsdruck und schließlich auch denselben Arbeitsbedingungen unterwerfen wie die erfolgreichsten ihrer Mitbewerber. Sie müssen sogar dieselbe Konzentration von Banken und Konzernen zulassen, sobald Größe im globalen Wettbewerb zu einem Vorteil wird.

Und mehr noch: sie können sich nicht einmal dagegen wehren, ihre eigenen Industrien aufzuopfern, wenn sie dazu von außen gezwungen werden. Die Politik der Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien ist nicht etwa deswegen erfolgt, weil der demokratische Souverän, die Regierung oder selbst die deutschen Industriebosse dies so wollten, sondern weil ihnen dieses Vorgehen von ihrem mächtigsten Wettbewerber diktiert worden ist. Nachdem die Vereinigten Staaten diesen Schritt als erste vollzogen und sich dadurch einen gewaltigen Preisvorteil verschafften, blieb den Europäern nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, andernfalls hätten europäische Produkte auf dem Weltmarkt mit amerikanischen nicht länger konkurrieren können.

Warum spielt der Gegensatz von linkem und rechtem Lager

nach Tony Blair in England oder Gerhard Schröder in Deutschland eine immer geringere Rolle? Keineswegs deshalb, weil diese beiden weltanschaulichen Positionen ihre Geltung eingebüßt hätten. Es macht nach wie vor einen großen Unterschied, ob wir ein Maximum an materieller Gleichheit oder ein Maximum an Freiheit verwirklich wollen. Der Bedeutungsverlust beider Positionen liegt vielmehr daran, dass der einzelne Staat sie gegen die von der Globalisierung ausgehenden Zwänge nicht länger oder nur in sehr eingeschränktem Umfang durchzusetzen vermag. Durch Globalisierung, d.h. weltweiten Wettbewerb, wird der Freiraum für den demokratischen Souverän immer stärker beschnitten. Freiheit existiert nur noch dort, wo es weder um die ökonomische und militärische Stellung einer Nation noch – damit aufs Engste verbunden – um den Lebensstandard der Bevölkerung geht. Österreich konnte sich bei der Wahl seines Präsidenten zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer entscheiden – ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis. Im Frankreich von Francois Hollande konnten Millionen von Menschen für oder gegen die Homoehe auf die Straße gehen – der durch den globalen Wettbewerb ausgelöste Zwang von außen spielte nur insofern eine Rolle, als die Entscheidung für diese Form menschlichen Zusammenlebens in den führenden Staaten des Westens als „progressiv“ einge­schätzt wird. Aber auf den französischen Lebensstandard hätte auch eine Entscheidung gegen die Homoehe keinen Einfluss ausgeübt.

Dagegen hängt es in einer globalisierten Welt

nicht länger von der Entscheidung des demokratischen Souveräns einzelner Staaten ab, ob die Wirtschaft ihres Landes weiterhin einen Pfad des Wachstums verfolgt oder nicht, ob sie von internationalen Konzernen und Banken beherrscht wird oder nicht, ob die Forderungen Greta Thunbergs in ihrem Land zur Anwendung gelangen oder nicht.

Nein – diese Feststellung bedarf der Korrektur. Es hängt immer noch vom demokratischen Souverän ab, denn er hätte theoretisch sehr wohl die Möglichkeit, eine Regierung zu wählen, welche alles weitere Wirtschaftswachstum und damit alle weitere Steigerung des Ressourcenverbrauchs verbietet. Eine demokratische Mehrheit könnte dem eigenen Land sogar eine radikal-grüne Wende verordnen, indem sie unseren gegenwärtigen ökologischen Fußabdruck von mehr als zwei Globen durch eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaft auf den nachhaltigen Verbrauch eines einzigen reduziert. Was das heißt, ist den Experten seit langem bekannt: wir müssten uns zu einer Politik des radikalen Verzichts entschließen.

Doch genau diesen Schritt wird kein einzelner Staat vollziehen

Nicht deswegen, weil seine Regierung oder die Bürger zu dumm dazu wären, seine Notwendigkeit zu erkennen. Schließlich ist der Mensch niemals so töricht gewesen, dass er freiwillig den eigenen Garten verwüstet, wenn er sein Überleben dessen Früchten verdankt. Die wirkliche Situation ist viel schwieriger und viel dramatischer. Der demokratische Souverän verurteilt sich selbst zur Ohnmacht, weil zwei einander entgegengesetzte Erkenntnisse die gleiche Macht über ihn besitzen.

Jeder halbwegs informierte Mensch möchte der ökologischen Zerstörung lieber heute als morgen ein Ende setzen. Aber jeder ist sich zugleich bewusst, dass es dem eigenen Staat – und genauso auch der Natur – gar nichts nützen würde, wenn wir ein Exempel statuieren, das die anderen nicht befolgen. Das gilt für den nachhaltigen Umgang mit der Natur ebenso wie mit dem Umgang mit immer tödlicheren Waffen. Derjenige Staat, der ein christliches Beispiel setzt, indem er von einem Tag auf den anderen seine ganze atomare Rüstung verschrottet, gerät schon am folgenden Tag unter die Kuratel der Schurken, die nicht einen Augenblick daran dachten, ihm dabei zu folgen. Das im Vergleich zu den USA, Russland und bald auch China militärisch lächerlich schwache Europa, das diese Schwäche gern als Beweis für eine moralisch höhere Stellung wertet, könnte diese Haltung einmal bitter bedauern, nämlich dann, wenn es aufgrund seiner Schwäche (wie zuvor schon so viele andere militärisch wehrlose Staaten) zum nächsten Kriegsschauplatz zwischen den Supermächten wird.*1*

Die Fremdbestimmung des demokratischen Souveräns

ist eine Tatsache, der gegenüber die Eingriffe der Brüsseler Kommission in die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu einer Nebensache verblassen. Industriestaaten wie Deutschland oder Österreich lassen sich in allen heute wirklich zentralen Fragen der nationalen Existenz das eigene Handeln von den im globalen Wettbewerb jeweils führenden Staaten ganz genauso diktieren, wie jedes erfolgreiche Unternehmen fortwährend auf seine Konkurrenten blickt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Beständiges Wachstum und der damit verbundene Ausverkauf der Natur bleiben solange kategorische Imperative staatlichen Handelns, wie sie dem einzelnen Staat im Wettrennen der Nationen größere ökonomische Macht und seinen Bürgern einen höheren materiellen Lebensstandard verschaffen. Staaten, die sich von diesem Trend abkoppeln würden, fallen auf das Niveau von Entwicklungsländern zurück oder sehen sich sogar unter die „failed nations“ gereiht.

Diese Angst vor dem Abstieg erklärt, warum zwar jedes Jahr lauter über die Notwendigkeit grüner Politik geredet wird, aber der CO2-Ausstoß – und generell die Naturzerstörung – dennoch mit jedem Jahr größer wird. Jeder halbwegs gebildete Mensch ist sich bewusst, dass fortschreitendes Wachstum – ökonomisch wie militärisch – die Menschheit immer näher in Richtung des eigenen Ruins sowie den des Planeten führt, aber solange das Wettrennen der Nationen anhält, ist keine von ihnen in der Lage, dagegen ernsthaft etwas zu unternehmen.

Die Frage, ob wir noch in Demokratien leben,

lässt daher eine doppelte Antwort zu. Ja, wir haben noch den Ermessensspielraum uns für Merkel und gegen Höcke, für Van der Bellen und gegen Hofer zu entscheiden – und das ist ungeheuer viel. Aber wenn wir nicht von anderen ökonomisch an den Rand gedrückt oder militärisch beherrscht werden wollen, müssen wir uns dem jeweils erfolgreichsten „Vorbild“ anpassen – mit anderen Worten nicht nur einen wesentlichen Teil der eigenen demokratischen Selbstbestimmung gegen eine Bestimmung von außen eintauschen, sondern dies noch dazu in dem Bewusstsein tun, dass es genau dieses Wettrennen ist, welche uns alle zusammen ins Unglück stürzt.

Diese Einsicht läuft auf ein Eingeständnis eigener Ohnmacht hinaus. Aber wir müssen den Mut zur Wahrheit aufbringen, denn nur dann besteht Hoffnung, dass wir einen Ausweg finden. Der kann nur darin bestehen, dass in allen Staaten ein Bewusstsein und die Bereitschaft dafür entsteht, auf einen Teil der eigenen Souveränität zu verzichten, um so das unselige Wettrennen zu beenden, das alle mit der Zerstörung des gemeinsamen Lebensraums und der nuklearen Selbstvernichtung bedroht. Das Wettrennen der Nationen zwingt uns bis heute zu einem unfreiwilligen Verzicht auf Selbstbestimmung, der alle zusammen ins Unglück stürzt. Die bewusste Abtretung von Souveränität zugunsten einer transnationalen Instanz wird uns in Zukunft zu einem freiwilligen Verzichtbewegen, der dieses Unglück verhindert. In einer globalisierten Welt, wo jeder Staat alle anderen durch Ressourcenverbrauch und Umweltvernichtung in Mitleidenschaft zieht, darf Entwicklung nicht länger unabhängig von unseren Bedürfnissen und Absichten verlaufen, denn dann verkommt Demokratie zur Farce. Herr des eigenen Schicksals wird der Mensch erst dann wieder sein, wenn alle in gemeinsamer Verantwortung das kleine Boot bewirtschaften, das (trotz Mars und Mond) wohl immer das einzige für uns bleiben wird.

1 Wie ungern ich diesen Satz ausspreche, denn auf einem Globus, der ohnehin schon einem Pulverfass gleicht, bedeutet jede zusätzliche Atombombe einen weiteren Schritt in Richtung Apokalypse. Nur ist eben der strikte Pazifismus in einem Haibecken auch keine klügere Politik. Das globale Wettrennen der Nationen hat die Menschheit in eine Situation manövriert, aus der sie nur noch eine übernationale Instanz erlösen kann, die eben dieses Wettrennen beendet. Es gibt kein wahres Leben im falschen.

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

Wie man weiß, wissen sich Demagogen und Populisten dieser angeborenen Neigung virtuos zu bedienen, wenn sie ihre Klientel mit emotional gesättigten Versprechungen oder umgekehrt mit Hassparolen verführen. Gemeinsam für eine Sache die Emotionen zu schüren, kommt dem menschlichen Herdentrieb entgegen – sich gemeinsam gegen sie zu empören aber schweißt sogar noch enger zusammen. Zu Mündigkeit und Vernunft wird der Mensch erst dadurch langsam und oft sehr mühsam herangezogen, dass er vor dem Urteilen die Fakten nicht nur erkennt, sondern sie selbst dann noch anerkennt, wenn sie ihm missfallen.

Soweit sollte man den Lehrern also Beifall zollen, wenn sie ihren Schülern die wichtige Lektion erteilen: „Eignet euch erst einmal gründliche Kenntnisse an, bevor ihr euch anmaßt, ein eigenes Urteil zu fällen.“

Andererseits sollte uns aber die Frage erlaubt sein,

wie denn ein Mensch aussehen würde, der sich diese scheinbar goldene Regel derart zu Herzen nähme, dass er sich nur noch um das Faktenwissen bemüht? Die Antwort liegt auf der Hand, ist aber reichlich ernüchternd. Wir hätten es mit einer wandelnden Enzyklopädie zu tun. Bekanntlich können sich diese Werke des gesammelten Faktenwissens weder für etwas begeistern, noch sind sie fähig, sich zu empören. Sie sind emotional aseptische Container von reinem Wissen. Macht sie diese Freiheit von Gefühlen zu Trägern der Vernunft? Ich denke, dass niemand diese Frage bejahen wird. Denn die reinen Fakten über Welt und Mensch sagen überhaupt nichts darüber aus, wie wir uns zu ihnen verhalten sollen. Wir können nur hoffen, dass die Lehrer dies sehr wohl wissen und daher nicht etwa den Ehrgeiz haben, ihre Schüler in wandelnde Enzyklopädien zu transformieren!

Aber existieren nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut,

die jenem Ideal am nächsten kommen, welches den Lehrern so sehr am Herzen liegt? Menschen, die sich des Urteilens und Bewertens ganz enthalten oder zumindest enthalten wollen, weil es ihnen allein um die Fakten geht? Allerdings! Diesen Menschentypus gibt es spätestens seit dem 17ten Jahrhundert, und er hat sich seitdem geradezu exponentiell über den Globus verbreitet, sodass er eines Tages überhaupt die Mehrheit bilden könnte. Jeder weiß natürlich, von wem hier die Rede ist, von den Wissenschaftlern – vor allem von jenen, die sich mit den Fakten der Natur befassen.

In den Lehrbüchern von Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften usw. ist von gut und böse, schön oder hässlich keine Rede. Der eigentliche Durchbruch der Wissenschaften bestand gerade darin, dass der Mensch ausschließlich nach den objektiven Gesetzen fragte, welche dem Sein der Dinge zugrunde liegen, also nach den „Naturgesetzen“, ohne sein eigenes subjektives Wünschen und Wollen in diese ihm gegenüberstehende Wirklichkeit hineinzutragen.

Das war die große Leistung, die erst im Europa des 17ten Jahrhunderts gelang, denn bis dahin hatte der Mensch genau das Gegenteil getan. Er hatte sein eigenes Wollen, Wünschen, Hassen und Hoffen in die Natur hineingetragen, indem er sie sich nach seinem eigenen Bild vorstellte, nämlich so, als wäre sie wie er selbst von diesen Kräften gesteuert. Die Wissenschaft hat gut und böse, schön und hässlich, diese elementaren Kategorien menschlichen Wertens, ganz aus der Natur hinausgedrängt und diese selbst zu einem Apparat transformiert, den sie in die Schraubzwinge ihres expandierenden Faktenwissens spannte. Erst nach diesem revolutionären Schritt gelang es dem Menschen, die Herrschaft über die Natur an sich zu reißen.

Das theoretische Fundament für diese Revolution unserer Weltsicht

hatte Galileo Galilei gegen Ende des 16ten Jahrhunderts geschaffen, als er zwischen „primären“ und „sekundären“ Eigenschaften der Dinge einen prinzipiellen Unterschied postulierte. Form, Größe, Zahl sowie Ruhe oder Bewegung gehören, so Galilei, zu den innewohnenden Eigenschaften der Dinge, während Geschmack, Geruch oder Töne Empfindungen seien, die in uns selbst entstehen, wenn wir mit den Dingen umgehen.*1*

Diese Zweiteilung der Erkenntnis in objektiv – in der Sache – und subjektiv – im Menschen liegend – wurde nach Galilei noch vertieft, denn der Gedanke, dass ästhetische und ethische Maßstäbe wie schön und hässlich, gut und böse ebenfalls ihren Ursprung im Menschen aber nicht in den Dingen haben, musste sich ja als evident aufdrängen. Eben deshalb fällt es keinem Wissenschaftler ein, ein Wasserstoffatom als moralisch gut zu qualifizieren oder den Quantensprung eher als hässlich. Die Wissenschaft hat alles subjektive Urteilen und Werten prinzipiell aus der eigenen Sphäre verbannt. Sie hat den lateinischen Wahlspruch „de gustibus non disputandum“ weit über den harmlosen Alltagsgebrauch hinaus ausgedehnt. Den Lateinern ging es nur darum, dass wir uns nicht über Geschmacksfragen streiten, weil jeder von uns dabei gern seine eigenen Präferenzen verteidigt. Die Wissenschaft ging seit Galilei einen entscheidenden Schritt über diese harmlose Mahnung hinaus, indem sie alles menschliche Werten und Urteilen als subjektiv und damit letztlich beliebig verwarf.*2*

Wäre die Wissenschaft mit dieser Überzeugung im Recht,

dann müsste der Mensch sich selbst als eine Fehlentwicklung der Evolution bezeichnen, denn welchen Nutzen verschafft ihm die subjektive Neigung, seine eigenen Werturteile auf die Menschen und die Dinge in seinem Umfeld zu beziehen? Wäre er nicht besser als wandelnde Enzyklopädie auf die Welt gekommen? Warum begeistert er sich für das Schöne und verschmäht, was ihm hässlich erscheint? Warum fragt er nach Gerechtigkeit und verurteilt Betrug und Egoismus, wenn es sich doch um subjektive und letztlich beliebige Werte handelt, die er nur subjektiv aus sich selber schöpft? Sollte der Mensch sich nicht ausschließlich an Fakten und Wahrscheinlichkeiten orientieren?

Der Soziologe Max Horkheimer hat das Problem mit den folgenden Worten charakterisiert: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen /wie ihn die europäische Tradition seit Galilei geformt und erzogen hat, GJ/ gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch“ (1967, 33).

Diese Feststellung ist bemerkenswert, zeigt sie doch, dass irgendetwas in unserer Weltsicht nicht stimmt oder vielleicht sogar ausgesprochen falsch sein könnte.

Würden die Lehrer es ernst mit dem Vorsatz

meinen, den Schülern das Werten abzugewöhnen, um sie ausschließlich mit Fakten vollzustopfen, so hätten sie unsere Schulen zu Ausbildungsstätten für künftige Wissenschaftler gemacht. Allerdings würden sie darin einigermaßen leichtsinnig verfahren, denn sie hätten darüber hinweggesehen, dass Wissenschaftler immer auch Menschen sind. Als solche mögen sie noch so umsichtig im Werten und Urteilen sein, ganz abgewöhnen können sie sich aber weder das eine noch das andere.

Ich meine das nicht aufgrund jenes naheliegenden und mir reichlich billig erscheinenden Einwands, der sich manchem Leser vielleicht sofort aufdrängen wird. Man hört ja immer wieder, selbst von gescheiten Zeitgenossen, dass wir nicht von Objektivität reden sollten, denn diese sei in Wahrheit nichts als ein Hirngespinst. Selbst die angeblich „objektive“ Wissenschaft könne uns immer nur subjektive Ausblicke auf die Wirklichkeit bieten. *3*

Ich bedaure, das als logischen Unsinn bezeichnen zu müssen. Die Zahl der Sonnentrabanten hängt ebenso wenig von unserem subjektiven Wollen und Wünschen ab, wie das relative Gewicht von Eisen und Kupfer. Zwar werden die Gesetze der Natur notwendig mit den Mitteln konventioneller Begriffe beschrieben, wir können unterschiedliche Maßeinheiten wählen und natürlich auch ganz unterschiedliche Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit erhellen, aber die Wirklichkeit selbst ändert sich nicht aufgrund der Art unserer Beschreibung (nur scheinbar bildet die Quantenphysik hier eine Ausnahme). Unsere Theorien über die Wirklichkeit bleiben „objektiv richtig“, wenn die dadurch möglichen Voraussagen zutreffend sind und sie sind „objektiv falsch“, wenn das nicht der Fall ist. Die Tatsache, dass wir so viele Maschinen erfunden haben, die exakt die Aufgaben erfüllen, die sie verrichten sollen, ist der beste Beweis dafür, dass wir das Sosein der Natur richtig verstanden haben. Im Gegensatz zur Auffassung des Idealisten Gottlieb Fichte gibt es die Natur außerhalb aller Vorstellungen, die wir uns von ihr machen – genau darauf beruht ihre Objektivität.

Bis zum 17ten Jahrhundert kam diese objektive Eigenständigkeit

der Natur nicht in den Blick. Bis dahin wurde die Natur als das Spielfeld von Göttern und Geistern gesehen, die sie mit ihrem Wollen und Wünschen beherrschen. Der Mensch hatte sein eigenes Wesen in die Natur hinausprojiziert.*4* Wie er selbst vom eigenen Willen wurde die Natur vom Wollen geistiger Mächte gelenkt. Wenn er sich in ihr zurechtfinden, sie beeinflussen wollte, dann musste er erkennen, was Götter und Geister für gut oder böse, schön oder hässlich halten. Anders gesagt, musste er ihren Willen und ihre Absichten studieren. „Lern die verborgenen geistigen Kräfte (Götter und Geister) des Kosmos kennen, dann kommst du zurecht mit Mensch und Natur.“

Denn die Regelmäßigkeiten der Natur, ihre sogenannten Gesetze, waren in dieser vorwissenschaftlichen Sicht eben gerade nicht unabhängig von Wollen und Wünschen: die Götter konnten sie durch andere Gesetze ablösen oder durch Wunder jederzeit annullieren. Der Mensch aber konnte dies bewirken, indem er die Götter durch Gebet und Opfer für sich gewann oder magisch auf sie einzuwirken suchte.

Die Wissenschaftler haben mit diesem Weltbild Schluss gemacht,

indem sie auf der objektiven Eigenständigkeit, kurz der Objektivität der Natur, beharrtenGötter, Mythen, Märchen und Kunst, diese Projektionen mensch­lichen Wertens und Wünschen, haben sie ganz aus der außermenschlichen Wirklichkeit verbannt.

Und dennoch ist dies nicht die ganze Geschichte. Bei der Entzauberung der Welt haben die Wissenschaftler definit an einem Punkt Halt machen müssen – bei sich selbst. Denn genau hier spielen Wollen und Wünschen zwangsläufig die entscheidende Rolle. Der Wissenschaftler muss subjektiv davon überzeugt sein, dass es für ihn selbst ebenso wie für die Menschheit wichtig sei, das objektive Sein der Natur zu enträtseln, nur dann wird er sich der gewaltigen Mühe solcher Faktensuche und -deutung unterziehen. Viele von ihnen zwingen sich dabei zu einem Leben, das die größte Ähnlichkeit mit der Askese mittel­alterlicher Mönche aufweist.

In dieser Überzeugung kommt die persönliche Subjektivität

ins Spiel. Aber sie genügt keinesfalls, um Wissenschaft zu ermöglichen. Neigungen und Absichten pflegen so unterschiedlich wie Individuen zu sein. Mag sich jemand auch noch so leidenschaftlich für den Stammbaum des Mannes im Mond interessieren, das nützt ihm gar nichts, wenn er die Allgemeinheit von der Relevanz des Themas nicht zu überzeugen vermag. Seit dem 18ten Jahrhundert waren immer mehr Menschen bereit, Forschungen zu unterstützen, weil deren Ergebnisse ihr Leben so sehr erleichterten. Ohne diese positive Einstellung zur Wissenschaft, d.h. ohne die kollektive Bewertung des neuen Umgangs mit der Natur als richtig und gut, wäre es nie zu diesem Aufstieg der Wissenschaften gekommen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung. Auch wenn der Mensch ganz von sich selbst absieht, um das objektive Sosein der Natur zu erkunden, tut er es notwendig immer aus subjektiven Motiven, weil er das eigene Leben verbessern oder bereichern will. Hätte sich umgekehrt herausgestellt, dass die Wissenschaft das Leben der Menschen nur verschlechtert, wäre sie niemals zu Einfluss gelangt.*5* Denn in der Vergangenheit sind Weltdeutungen ja regelmäßig an ihrem Misser­folg gescheitert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. 1890 erwiesen sich die Geisterhemden der Indianer im berüchtigten Massaker von „Wounded Knee“ als völlig wirkungslos gegen die Gewehrkugeln der Weißen. Aber sie waren von den heimischen Sehern als absolut sicherer Schutz gepriesen worden.

Weil der Mensch gar nicht anders kann,

als das eigene Tun und Denken nach moralischen oder ästhetischen Kriterien zu bewerten, ist es sehr wohl denkbar, dass die Gesellschaft eines Tages die Wissenschaft nicht mehr fördern wird – jedenfalls nicht im bisher üblichen Aus­maß. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat davon gesprochen, dass wir heute in einer Risikogesellschaft leben. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen sind die Risiken längst Realität geworden. Wissenschaft und Technik sind in zunehmen­dem Maße damit beschäftigt, die weitgehend unvorhergesehenen, teilweise katastrophalen Folgen zu reparieren, die sie selbst hervorgebracht haben. Spätestens seit der Klimakrise leben wir daher in einer Reparaturgesell­schaft: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun korrigieren.

Die Welt, welche die Wissenschaften für uns erschaffen haben,

entspricht einerseits den tiefsten Hoffnungen und Wünschen des Menschen. Hungersnöte wurden weitgehend beseitigt, die meisten Krankheiten erfolgreich bekämpft, das Leben verlängert und durch viele erstaunliche Erfindungen auch wesentlich erleichtert. Genau dieser unzweifelhafte Fortschritt hat ja der neuen wissenschaftlichen Weltsicht ihren durchschlagenden Erfolg garantiert. Aber seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten die Schatten­seiten dieser Entwicklung immer deutlicher in Erscheinung. Mehr als 4000 ato­mare Sprengkörper, Dutzende letaler Nervengifte, Hunderte biologischer und chemischer Kampfmittel liegen bereit, um die Menschheit gleich mehrfach aus­zurotten. Doch selbst, wenn Optimisten deren Einsatz für wenig wahrscheinlich halten, ist nicht mehr darüber hinwegzusehen, dass die Rückstände und Gifte der industriellen Produktion Luft, Böden und Meere immer stärker verseuchen – die Luft mit Kohlendioxid sogar schon auf unumkehrbare Weise. So hat das industrielle Anthropozän zugleich mit dem materiellen Fortschritt alle Mittel bereitgestellt, um den Fortschritt zum denkbar größten Rückschritt zu machen, nämlich zu einer potenziellen Katastrophe, welche nicht nur die Umwelt, sondern zugleich damit das Überleben der menschlichen Spezies selbst gefähr­det.

In dieser weltgeschichtlich, völlig neuen und einzigartigen Situation

werden wir uns neuerlich darauf besinnen müssen, dass letztlich menschliches Werten, Wünschen und Hoffen die Grundlage unseres Lebens bilden. De gustibus est disputandum! Die Menschheit wird sich fragen müssen, welches Leben sie sich für die Zukunft wünscht, denn davon hängt ihre Zukunft ab. Dabei kommt sie nicht umhin, ihre bisherige Weltanschauung kritisch zu beleuchten. Wissen­schaft und Technik sind keine vom Leben losgelösten Bereiche, sondern müssen dem Wohl des Menschen dienen. Tun sie es nicht oder nicht länger, dann werden sie genauso eingeschränkt werden müssen, wie das mit allen anderen Erscheinungen geschieht, wenn sie die Gesellschaft zu schädigen drohen.

Auch hier besteht natürlich die Gefahr,

dass die Menschheit – erschüttert von den Verwüstungen, welche die „materialistische Weltsicht“ bewirkte – das Kind mit dem Bad ausschüttet und in Aberglauben, Esoterik und die Verleugnung von Wahrheit zurückfällt. Der gewissenhafte Blick auf die Fakten, den die Wissenschaft seit drei Jahrhunderten zur Grundlage ihres Vorgehens machte, stellt aber eine Errungenschaft dar, hinter die es kein Zurück geben darf. Nur dieser Blick klärt uns darüber auf, welche Möglichkeiten sich dem menschlichen Wollen eröffnen und wo es auf unüberschreitbare Grenzen stößt. Geisterhemden schützen nicht gegen Kugeln, die Ausbeutung der Ressourcen kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weiter gehen. Die Vergiftung der Umwelt mit den Rückständen der industriellen Produktion stößt gleichfalls auf eine Grenze. Sie muss radikal eingeschränkt werden, wenn wir in dieser Welt überleben wollen. Die Zahl der Menschen oder ihr Ressourcenverbrauch muss der Belastbarkeit des Planeten entsprechen.

Es ist wissenschaftlicher Geist, der Geist der Vernunft, der solche Fragen stellt, aber diese Vernunft ruht auf menschlichem Wollen und Wünschen. Vernunft kann niemals wertfrei sein, denn Wertfreiheit schert sich nicht um das Schicksal des Menschen. Der Natur ist es gleichgültig, ob es uns gibt oder nicht. 

Diese Überlegungen verdanken ihren Ursprung

einem eher banalen Umstand. Eine gute Bekannte, eine Lehrerin, kritisierte den von mir sehr geschätzten Autor eines historischen Werks mit den Worten, dass dieser nie von Bewertungen absehen würde.*6* So sehr war sie von dem Vorsatz durchdrungen, ihren Schülern das Werten abzugewöhnen, dass sie es auch dort nicht erträgt, wo es Fakten überhaupt erst mit Leben erfüllt, nämlich in der Darstellung der Historie – oder allgemein in den Geisteswissenschaften. Gewiss würde ich sehr skeptisch werden, wenn ein Chemiker Kohlenwasserstoffe nach schön und hässlich unterscheidet. In der Regel taucht die Wirklichkeit bei ihm nur in Gestalt von Symbolen und Formeln auf, die frei von aller emotionalen Wirkung sind und sein sollen. Das gilt heute allgemein für die Sprache der Naturwissen­schaften, die sich von der emotional gefärbten Sprache des Alltags in dieser Hinsicht radikal unterscheidet.*7*

Die Geisteswissenschaften aber untersuchen

den Menschen gerade nicht wie ein Arzt, Physiologe oder Genetiker als physisches Wesen, das den Gesetzen von Chemie, Physik etc. so unterworfen ist wie der Rest der Natur – sie wollen ihn auf eine zweite und andere Art verstehen: als psychische Entität (Wilhelm Dilthey). Das aber setzt voraus, dass wir die anderen Menschen – gleich welcher Zeit oder Herkunft – so wie uns selbst als wollende und wünschende Wesen begreifen. Die bloße Aufzählung von Fakten ergibt noch keine Geschichte und erklären kann sie diese schon gar nicht. Wir verstehen die Menschen nur so weit, wie es uns gelingt, uns in sie hineinzuversetzen, indem wir uns fragen, wie wir selbst uns unter ähnlichen Umständen verhalten würden. Das gelingt immer nur bis zu einem gewissen Grade – wenn es nicht gelingt, wird ihr Verhalten zu einem bloßen Faktum, das uns fremd und unbegreiflich gegenübersteht. Bei Menschen, deren Kulturen uns nur oberflächlich bekannt sind, ist das recht oft der Fall. Haben wir es mit anderen Arten zu tun, so ist es sogar die Regel. Was in Hunden und Katzen vorgeht, verstehen wir nur auf sehr unvollkom­mene Weise, auch wenn wir noch so viele Fakten über ihr Verhalten zusam­mentragen. Und wie ein Corona Virus die Welt erlebt, verstehen wir überhaupt nicht. Das Virus existiert für uns nur als ein wertfreies Faktum so wie eine Heckenschere oder Waschmaschine.

Große Historiker sind Meister des Verstehens

Sie transformieren Fakten in Ereignisse, die uns etwas angehen, weil wir uns in ihnen wiedererkennen, in ihnen Vorbild oder Warnung sehen. Wenn Historie zum bloßen wertfreien Faktum wird, ist sie uns so fremd wie Viren oder eine Mondfinsternis. Dann entbehrt sie für uns jedes Interesses, denn anders als das Faktum der Naturwissenschaft weist die historische Tatsache nicht einmal den praktischen Nutzen auf, als Instrument der Naturbeherrschung zu dienen. Das sollten die Lehrer beherzigen, wenn sie ihren Schülern die Jagd nach den Fakten einimpfen. Gewiss – ohne die Kenntnis der Fakten sind wir blind für die Wirklichkeit, aber ohne, dass wir die Fakten nach dem Sinn bewerten, den sie im Hinblick auf unser Wollen und Wünschen besitzen, werden sie zu einem leeren Ballast.*8*

1 „Die Philosophie ist in dem großen Buch geschrieben, welches von jeher vor unseren Augen liegt: ich meine das Universum. Aber ihren Sinn verstehen wir solange nicht, als wir nicht die Sprache erlernt und die Symbole erfasst haben, in denen sie abgefasst ist. Dieses Buch ist in der Sprache der Mathematik verfasst und seine Symbole sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne ihre Hilfe ist es unmöglich ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt man ergebnislos durch ein dunkles Labyrinth.“ (Galileo, 1842; Vol. IV, S.171)

„Ich glaube also nicht, dass die äußeren Dinge, um in uns Geschmacksempfindungen, Gerüche oder Töne wachzurufen, anderes als Größe, Gestalt, Zahl und langsame oder schnelle Bewegung voraussetzen. Hätten wir Ohren, Zungen und Nasen entfernt, so würden, so meine ich, zwar Gestalt, Zahl und Bewegung bleiben, aber nicht die Gerüche, die Geschmacksempfindungen oder die Töne. Denn außerhalb des Lebewesens sind diese nach meiner Meinung nichts anderes als Namen…“ (Galileo, 1936; II, S.801)

2 Diese Aburteilung der kulturellen einschließlich der religiösen Sphäre als letztlich beliebig oder gar zufällig war das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Revolution, welche allein die Naturgesetze als „ehern“, „ewig“ und „unverbrüchlich“ gelten ließ. Das lief auf eine Entwertung menschlicher Schöpfungen hinaus – es ist kein Wunder, dass die Menschheit seit drei Jahrhunderten nur noch mit der Erkundung der außermenschlichen Natur und ihrer Gesetze beschäftigt ist, während die Wissenschaften des Geistes, die den Menschen und seine Geschichte betreffen, aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten gestrichen werden.

3 Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch mit dem Goliath unter Österreichs Philosophen erinnern, nämlich Paul-Konrad Liessmann, der (bei einem Treffen am Kulm, Steiermark) genau diese Position vertrat. Er hat es mir, der ich damals die Rolle des David einnahm, wohl nie verziehen, dass ich ihm zu widersprechen wagte.

4 Ich halte die These der Projektion, wie sie im Altertum schon von Xenophanes und in neuerer Zeit von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, einerseits für evident, andererseits für zu kurz gegriffen. Sie scheint mir evident, weil schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Religionen erkennen lässt, dass Menschen Göttern und Geistern ihre eigenen allzumensch­lichen Eigenschaften zugeschrieben haben. Selbst Prof. Hans Küng würde wohl kaum behaupten, dass der Prozess umgekehrt verlaufen sei, nämlich dass die Menschen die allzumenschlichen Eigenschaften real existierender Götter von diesen abgeschaut hätten. Andererseits taugt der Wille (und die Freiheit, welche er impliziert) genauso gut als Prinzip, um die Komplexität der Wirklichkeit zu erklären wie das wissenschaftliche Kausalitätsprinzip, beide sind komplementär (siehe Jenner: Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet).

5 Dass es der Erfolg der neuen wissenschaftlichen Weltdeutung war, welcher ihr das Renommee eintrug, auch logisch „richtig“ zu sein, ist auch die Ansicht von Ludwig Boltzmann. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig“ (1990).

6 Egon Friedell. Ich schätze diesen genialen historischen Dilettanten (als den er sich selbst bezeichnet) gerade wegen seiner Wertungen, denn was die Menge und im Einzelnen wohl auch die Verlässlichkeit der Fakten betrifft, so sind ihm zünftige Historiker natürlich in diesem Punkt überlegen, zumal die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Aber die künstlerische Empathie Friedells und sein Stil sind unübertroffen.

7 In den Anfängen hat es nicht wenige Naturwissenschaftler gegeben, welche die Schönheit von Kristallen oder von vegetativen Formen so überzeugend zu schildern wussten, dass sie gerade dadurch wesentlich zur Begeisterung für ihr jeweiliges Fach beitrugen (man denke etwa an Ernst Häckel).

8 Dieser Essay lässt viele Probleme offen. Wissenschaft besteht ja nicht aus einer bloßen An­sammlung von Fakten, sondern aus Theorien, welche Fakten zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenschließen, das möglichst weite Bereiche der Wirklichkeit zu erklären vermag. Da gesicherte Theorien nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern objek­tive Strukturen beschreiben, müssen auch sie zur Sphäre der Fakten gerechnet werden. Aber wie steht es um die Vernunft, die nach den Grenzen des Kausalitätsprinzips und unseres „objektiven“ Wissens fragt? Darüber habe ich an anderer Stelle einige vielleicht nicht ganz abwegige Überlegungen anzustellen versucht (Jenner, op. cit.).

Von Prof. William E. Rees erhielt ich per eMail folgende Rückmeldung:

Dear Gero –

I was, as usual, intrigued by your latest essay on the proper role of human values, wishes and hopes (about which there will always be disputes). 

In fact, this essay touched a number of nerves. As a scientist (systems ecologist) teaching in a school of planning and public policy, my primary had always been the judicious application of “objective (ecological) knowledge” to questions of human socioeconomic development.  By this I meant reasoned or evidence-based analysis seasoned by consideration of people’s history, desires, beliefs and aspirations.  However, it also meant making the case that policies and plans designed to satisfy people’s hopes and aspirations should be seasoned with hard facts and analysis about the biophysical world. If taken seriously, these would often impose constraints on the hopes and aspirations of client communities – even my colleague economists and social planners would sometimes object.

One colleague was an avowed post-modernist of the type you would regard as tending to ‘throw the baby out with the bathwater.’  To her, scientific data had no special place in decision-making; there was no such thing as objective knowledge. She saw science as just another form of value-based ‘social construct’ that oppressed human ambition, apparently making no distinction between things which could actually be measured in time and space (e.g., water contamination, carbon emissions) and things that were entirely products of the human mind (e.g., democracy, civil rights).  Students who took courses from both of us were often torn between what they saw as conflicting interpretations of ‘what is real’. 

In working with students to resolve this problem, I often remembered something one of my undergraduate professors had emphasized—scientists were obliged to ferret out the objective truth but should stay away from policy and politics.  These were the domains of the value-based ‘humanities’ and social scientists.  In short, budding hard scientists were taught that the biophysical sciences could produce the numbers and discoveries, but it was up to political leaders — including policy wonks and planners — to decide whether and how the science should be applied (inadvertently providing an excuse for scientists working on the development of atomic weaponry). 

It seems that the separation of fact from values is endemic to western-style learning.  I remember being intrigued on discovery that modern neoliberal economic text-books pretend to eschew moral and ethical considerations.  In its efforts to appear ‘scientific’, formal economics (whose theoretical foundations and simplistic models owe a great deal to Newtonian analytic mechanics) ignores such soft considerations as attachment to place, compassion for others, the existence of family and friends, the idea of community, etc., etc.  Again, concern for these things is the domain of politics, not sound economics, and, as all students of economics learn, political intervention in the market introduces gross inefficiencies that undermine the elegant operation of short-term self-interest in market-based decision-making. In effect, values other than efficiency are disallowed.

I have never understood how mainstream economics can see people as ‘self-interested utility maximizers with fixed preferences and unlimited material demands’ as if this were a value-free description of H. sapiens, and markets as the most efficient allocators of essential resources as if privileging efficiency were not itself a value judgement with enormous moral implications.

There is one part of your essay that I might have structured differently.  You note that:

 “…the industrial Anthropocene, while turning out to be a fountainhead of unbelievable material progress, has at the same time created conditions that may transform progress into mankind’s greatest step backwards – a potential catastrophe which threatens not only the environment but also the very survival of our species.”

It seems to me that this phrasing confuses the fact of science-led material progress with the effects generated by shear economic scale and thus obscures the real cause.  The ecological crisis – potential catastrophe – is not the product of science and technology per se, but rather results from excessive population and average per capita resource consumption (i.e., economic growth beyond limits).  Humanity is in overshoot; we are consuming bioresources faster than ecosystems can regenerate and discharging wastes in excess of nature’s capacity to assimilate/neutralize. 

Most importantly, overshoot results from both nature and nurture: H. sapiens, like all other species has a genetically-determined predisposition to expand into accessible habitat and use all available resources (this is our ‘nature’) but  these tendencies are currently being reinforced  by the socially-constructed myth of perpetual economic growth driven by continuous technological progress (this is contemporary ‘nurture’).

Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.  Far from tempering humanity’s primitive expansionist tendencies, the socially-constructed beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify these now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.  

Worse, they combine with another highly-subjective social construct, human exceptionalism, which sees our species as somehow detached from nature and not subject natural laws.  This narrative virtually guarantees the continued dissipative destruction of the ecosphere and the collapse of life-support functions upon which we all depend.

Many thanks again for a thought-provoking essay and the chance to revisit some of my own life experience.

Best, 

Bill

Meine Antwort:

Dear Bill,

Thanks for your thoughtful and benevolent criticism, which points to a problem that I was well aware of even while writing the essay. Can the latter not be understood as a quasi-biblical objection to the presumption of knowledge, as if man had done better never to eat from the tree of knowledge? May it not even be read as an obscurantist criticism of modern science?

No, certainly not. You quote the passage where I decisevely reject such a misinterpretation. Science has provided a new foundation for truth: there is objective knowledge and it would be the worst regression if we were to fall back into superstition and esotericism, as often happens today. But – and this thesis pervades all my work – objective knowledge is not enough, it can only serve to define the limits and possibilities of human freedom (being, however, essential for that very purpose). Basically, I am only saying that scientists are not what some great philosophers of 18th century Enlightenment and their late descendants like Steven Pinker wanted to see in them, namely supermen. Man is more than what he represents as a scientist because apart from the laws of nature (which are the objects of his studies), there is also freedom, about which his theories either know nothing or which he reduces to mere chance.

This fundamental criticism seems important to me, but in your answer you discuss a point of greater practical relevance. Possibly you are quite right that my article may be understood as a warning as if science and technology themselves were responsible for many of present-day predicaments and not just the fact that their application by ten billion people inevitably produces quite different consequences than if they were applied by two billion only. Although I have sought the blame in the „Industrial Anthropocene“ (not directly pointing to science and technology), the suspicion remains.

I admit that this is a difficult point, because science is based on an elementary urge, human curiosity, which is the breeding ground both for everything great and for everything terrible. I am afraid that this elementary urge gives us the same intellectual satisfaction when we apply it to the study of neutron bombs as to that of vaccines. That is why I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science. After all the thirst for knowledge still operates in a boundless field even if only directed to things great.

Oh, I am concluding this letter with a rather trivial remark.

Best Gero

Entgegnung von Herrn Rees:

Gero –

you are exceptionally fast off the mark–and your concluding paragraph is anything but trivial.  

You say: „…I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science.“  

Seems to me that this is the distilled essence of the original essay and perhaps should be inserted/ amplified in such clear  words toward the end.  

Actually, this extract is really what I was trying to get at with my own more clumsy prose. 

I wrote: „Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.“   

This is really an assertion that we have failed to use our ethical/moral sense (and associated values) to steer us toward accepting limits on the application of science (and techno-driven growth).  Hence, our failure to assert certain important human capacities is more to blame for the crisis than is science per se.  

And, again, the result is that the dominant „…beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify [the natural but] now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.“    

With highest regards, 

Bill

Von Prof. Steve Pinker erhielt ich die Nachricht:

Please delete.

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