Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

Seit 1945 durften die USA noch bis vor kurzem behaupten, auf fast allen Gebieten der Wissenschaft den Ton anzugeben. Dann kam erst George Bush Junior und dann das weit größere Übel: der ehemalige und ewige Schauspieler Donald Trump mit seiner Politik der systematischen Lüge. Inzwischen rückt China als neue Weltmacht der Wissenschaft (und einer messianischen Wissenschaftsgläubigkeit) auf. Der Stern der USA ist im schnellen Sinkflug begriffen.

Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet

Das heißt nicht, dass sie DIE WAHRHEIT in den Blick bekäme: Wahrheit, wie sie Menschen als Sinn oder Ziel des Lebens verstehen. Darüber weiß Wissenschaft im Gegenteil sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen, dennoch vereinigt sie Menschen im Hinblick auf das Verständnis von Wirklichkeit. Noch vor fünfhundert Jahren haben die Eliten Frankreichs, Japans, Chinas oder Indiens einander nichts zu sagen gewusst, denn mit den praktischen Belangen der Lebensbeherrschung, die auf der ganzen Welt denselben Naturgesetzen gehorchen, hatten sich vor allem die niedrigen Schichten zu befassen. Bauern in Deutschland, Indien oder China hätten sich über die Belange der Feldbearbeitung mit Ihresgleichen verständigen können, aber die Eliten lebten in anderen Sphären, bestimmt von Ehre, Ehrgeiz und vor allem der Religion, die in jedem Land ganz anderen Göttern und Moralvorschriften gehorchte.

Heute können sich die Eliten

Chinas, der USA, Indiens und Europas über eine Fülle von Gegenständen sachkundig unterhalten, ganz gleich ob es sich um Finanz, Konzerne, Computer und Panzer oder die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft handelt. Letztere, die Wissenschaft, wurde denn auch, und zwar spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu einer – nein, sie wurde zu der universalen Menschheitssprache.

Das heißt aber keinesfalls, dass der gegenseitige Austausch und eine gemeinsame Sprache die Menschen einander zwangsläufig näherbringen. Das stimmt schon für die Vergangenheit nicht. Das indische Kastensystem zum Beispiel brachte Menschen in engste Berührung, die in ein und derselben Sprache kommunizierten und Berufe ausübten, welche die Angehörigen unterschiedlicher Kasten (wie zum Beispiele Barbiere und Brahmanen) täglich in hautnahe Berührung brachten, aber diese Menschen durften nicht miteinander speisen und einander schon gar nicht heiraten. Die Brahmanen wollten Herren, die anderen Kasten sollten Knechte bleiben – dieser fundamentale Gegensatz der Interessen sorgte dafür, dass die enge Berührung und die gemeinsame Sprache keine Annäherung bewirkten.

So ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass westliche Wissenschaft inzwischen von den Chinesen nicht nur übernommen, sondern mit zunehmendem Erfolg im eigenen Land perfektioniert wird, besagt keinesfalls, dass der Unterschied der Interessen zwischen den USA und China dadurch überbrückt werden könnte. Wissenschaft, in der man sich auf Wahrheit grundsätzlich einigen kann, weil ihre Voraussagen zutreffen oder nicht, ein Handy funktioniert oder eben nicht funktioniert – das ist das eine. Interessen sind etwas ganz anderes, weil es keine objektive Grundlage gibt, um sie als berechtigt anzuerkennen oder als unberechtigt zurückzuweisen. Bei Interessen entscheidet letztlich eine ganze andere Instanz als die Wahrheit – es entscheidet die Macht.

Leider kann aber auch Wissenschaft der Macht hörig werden

und ist es tatsächlich auch immer wieder geworden. In den Worten ihres großen Theoretikers Thomas S. Kuhn wird sie in diesem Fall zu einem dogmatisch gegen jeden Widerspruch verteidigten „Paradigma“. Ein solches Paradigma war zum Beispiel das vorkopernikanische geozentrische Weltbild. Giordano Bruno wurde verbrannt, viele andere wurden verfolgt oder ebenfalls hingerichtet, weil sie das herrschende Paradigma in Zweifel zogen. Dabei war dieses Weltbild nicht einmal falsch, denn prinzipiell lässt sich jeder Punkt des Weltalls willkürlich als Mittelpunkt setzen, um von da aus die Bahnen anderer Himmelskörper zu beschreiben und zu errechnen. Selbst ein lunazentrisches Weltbild wäre denkbar und könnte zu durchaus richtigen Voraussagen von Sonnen- und (partiellen) Erdfinsternissen führen. Ein lunazentrisches Weltbild wäre ebenso wenig falsch wie das geozentrische – es wäre nur so außerordentlich komplex, dass es den Fortschritt der Astronomie noch stärker als das geozentrische behindert hätte. Die Ersetzung des Letzteren durch die Lehre des Kopernikus stellte daher einen historischen Durchbruch dar.

Bekanntlich hat die Verurteilung Galileos im 20ten Jahrhundert noch Bertolt Brecht inspiriert. Aber es war nicht allein die Kirche, welche sich der neuen Lehre so lange und so hartnäckig widersetzte, weil sie sich mit Stellen aus ihren heiligen Texten nicht vereinbaren ließ, es waren auch viele Wissenschaftler, diejenigen nämlich, welche im alten Weltbild erzogen waren und es an ihre Schüler vermittelt hatten. Mit ihrem Ruhm, ihrem über Jahre erworbenen Wissen, ihren Denkgewohnheiten hingen sie daran. Wie sehr dieses Festhalten am Gewohnten auch für die scheinbar strengsten Wissenschaften und Wissenschaftler gilt, hatte Einstein einmal angedeutet, als er meinte, dass die alte Generation von Physikern erst aussterben müsse, damit er selbst von einer neuen verstanden werde.

Oft ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis

nicht von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Wie schon gesagt, war das geozentrische Weltbild nicht falsch, sondern es war lediglich unbequem. Auch die klassische Physik, wie sie Newton begründet hatte, ist nicht falsch; Einstein konnte nur zeigen, dass sie Grenzbereiche des Wirklichen nicht zu erklären vermag (ein Faktum, das durch die Quantenphysik noch untermauert wurde).

Manchmal hat das Festhalten an einem Paradigma jedoch durchaus gravierende praktische Folgen. Der österreichische Chirurg Ignaz Semmelweiß führte den zu seiner Zeit häufigen Tod gebärender Frauen aufgrund von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene zurück. Er stellte einen Katalog von Vorschriften auf, um durch Reinlichkeit und Desinfektion den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern – Vorschriften, die heute als vorbildlich gelten. Zu seiner Zeit hegten die Kollegen von Semmelweiß jedoch andere Ansichten über die Ursachen von Krankheiten und die dadurch bewirkten Todesfälle. Sie verwarfen dessen Theorie als spekulativen Unsinn. Semmelweiß starb 1865 unter ungeklärten Umständen in einer Wiener Irrenanstalt. Durch seine Theorie hatte er seinen Kollegen – wenn auch nur indirekt – Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein vorgeworfen. Das haben sie ihm bis zuletzt nicht verziehen. Eher nahmen sie den Tod vieler Frauen in Kauf, als dass sie sich in ihrer Berufsehre kränken ließen.

Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein

beherrschen die Wissenschaft heute genauso, wie sie es schon in der Vergangenheit taten. Das ist die wesentliche Erkenntnis, zu der Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gelangte. Ich möchte sie mit einem weiteren Beispiel belegen, das einerseits wirklich harmlos ist, weil in diesem Fall niemand an den genannten Übeln zugrunde geht. Andererseits illustriert es aber auch recht deutlich die Lüge, welche nicht nur in der Politik sondern eben auch in der Wissenschaft eine unübersehbare Rolle spielt.

Linguistik wurde seit Beginn der 80er Jahre

für einige Jahre zu einer Art von Hoffnungsträger für die gesamten Kulturwissenschaften. Noam Chomsky erregte weltweites Aufsehen mit einer Theorie, die es scheinbar ermöglichte, mit Hilfe weniger Formeln die Prinzipien zu erklären, die den Sprecher einer beliebigen Sprache dazu befähigen, eine prinzipiell unendliche Menge richtiger Sätze zu bilden. Die Generative und die Generelle Grammatik wurden geboren – und eine Zeitlang sah es so aus, als wäre die Sprache jener Teil der Kultur, der es den Geisteswissenschaften erlaubt, mit Hilfe einer Handvoll von Regeln sämtliche kulturellen Erscheinungen aus wenigen Prinzipien genauso herzuleiten, wie dies den Naturwissenschaften im Hinblick auf das Reich des Unbelebten ja schon weit früher gelungen war. Anders gesagt, rückte die Linguistik in den 80er und 90er Jahren für kurze Zeit zu einer Starwissenschaft auf.

Was ist von dieser Begeisterung geblieben?

Mit einem einzigen Wort lässt sich diese Frage kurz und bündig beantworten: Nichts! Selbst einer der engagiertesten Verehrer von Chomsky, Steven Pinker, sieht in der Theorie seines Meisters eine schwer verdauliche Scholastik. Andere sind sehr viel deutlicher und haben aufgezeigt, dass Chomsky selbst es war, der in den vergangenen Jahrzehnten einen Baustein seiner Theorie nach dem andere demontierte. Selbst wenn sie das Ziel, die wissenschaftliche Begründung einer Generellen und Generativen Grammatik, als legitim erklären, sind die meisten Kritiker sich darin einig, dass die Methode Chomskys sich dazu als ungeeignet und unfruchtbar erweist. Zu den Anhängern Chomskys zählen natürlich all jene, die ihn als ihren Lehrer sehen, Linguisten wie Steven Pinker, Ray Jackendoff oder J. Mendivil-Giro, um nur einige Namen willkürlich herauszugreifen. Zu seinen zum Teil vernichtenden Kritikern gehören Christopher Hallpike, Giorgio Graffi, John Colarusso, Nikolaus Allott, David Golumbia, Roland Hausser, John Goldsmith, Per Linell, Tristan Tondino, Christina Behme – um wiederum nur wenige Namen aus der Menge der Wissenschaftler willkürlich herauszugreifen, die ein Gutteil ihres Lebens damit verbrachten, die scholastischen Begriffsakrobatien Noam Chomskys zu durchforsten oder – noch schwerer – seine Scholastik überhaupt zu verstehen. Diese Leute sind mittlerweile mit dem gegenteiligen Anliegen beschäftigt, Chomskys Thesen der Reihe nach zu dekonstruieren.

Als wissenschaftliche Theorie ist Chomskys Lehre tot,

oder richtiger gesagt, hat sie sich als Lüge erwiesen, denn anders als das geozentrische Weltbild ist sie nicht nur unbequem sondern falsch, weil sie keines ihrer Versprechen zu halten vermochte. Sie erklärt nämlich weder den generativen noch den generellen Aspekt menschlicher Sprache. Doch die Leute, die dieser Lüge den besten Teil ihres Lebens gewidmet haben und ihre Schüler damit infizierten, möchten sich so wenig wie damals die Kollegen von Semmelweiß vorwerfen lassen, dass sie sich Jahre lang irrten. Deswegen wenden nun viele von ihnen ihre überlegene Intelligenz an das gegenteilige Unterfangen, den scholastischen Jargon Chomskys auf die Kritik Chomskys anzuwenden. Die damit verbundene Gefahr hatte der wunderbar scharfsichtige William James schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt, als er – damals im Hinblick auf deutsche Kulturwissenschaftler – folgende Beobachtung protokollierte: „The forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and excentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively.”

Das ist das typische Verhalten einer Elite,

und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich fühle mich dadurch an ein scholastisches Unternehmen erinnert, das vor beinahe dreitausend Jahren ersonnen und in den sogenannten „Brahmana-Texten“ niedergelegt wurde. Eine Elite von hochgeachteten und hochbezahlten Priestern beschrieb darin mit akribischer Genauigkeit, wie man durch ein ganz bestimmtes Aufschichten von Ziegeln, ihrem Begießen mit Butter und unter dem Gemurmel verschiedener Mantras alle nur erdenklichen Krankheiten heilen, Feinde vertreiben, Dürren verhindern und Regen herbeizaubern konnte. Ein nord-amerikanischer Indologe bezeichnete die Texte – offenbar in einem Anfall von intellektueller Verzweiflung – als das „Gebrabbel von Irrsinnigen“, obwohl ein hohes Niveau systematischer Intelligenz und Wissens zu ihren Merkmalen gehört.

Noam Chomsky hat als Theoretiker der Politik einige Texte von großer Klarheit und Überzeugungskraft geschaffen. Der Gegensatz zu seinen unfruchtbaren linguistischen Haarspaltereien ist daher nur so zu erklären, dass er mit seiner Methode scheitern musste, und es daher fortwährender intellektueller Winkelzüge, Kehrtwenden und Verschleierungstaktiken bedurfte, um sie dennoch aufrechtzuerhalten. Wie werden Wissenschaftler, die ihn heute schon so gnadenlos kritisieren, in ein oder zwei Jahrzehnten über seine Lehre denken? Ich nehme an, dass man seine Theorie (mitsamt den dazu abgegebenen in der Regel fast ebenso scholastischen Kommentaren) dann genauso als „irrsinniges Gebrabbel“ bezeichnen wird  – trotz oder gerade wegen ihres hochgestochenen wissenschaftlichen Jargons. Es muss eben, wie Einstein sagte, eine neue Generation einen frischen Blick auf die Wirklichkeit werfen. Erst dann kann es zu einem Umdenken kommen. Jetzt sind noch die Vertreter der alten Lehre im Amt und viel zu sehr von ihrem eigenen Wissen durchdrungen, um den akademischen Dünkel durch Wahrheitsbewusstsein zu überwinden.

Dabei gibt es immer auch Außenseiter

manchmal große wie Nikolaus Kopernikus, manchmal kleinere wie Ignaz Semmelweiß, die sich dem Paradigma entgegenstellen. Auch in der Linguistik hat es einen derartigen Außenseiter gegeben, und zwar schon früh zu Beginn der achtziger Jahre. Der Betreffende erkannte, dass über Generelle oder Universale Grammatik schwer zu sprechen sei, wenn man außer der eigenen Muttersprache gerade noch etwas Hebräisch und Spanisch beherrscht. Von einem Zoologen erwartet man, dass er Hunderte von Tieren, von einem Botaniker, dass er Tausende von Pflanzen kennt, um in seinem Gebiet zuhause zu sein. Mutet es da nicht wie ein Wunder an, dass es für Chomsky und die meisten seiner linguistischen Gefolgsleute genügt, gerade ihre Muttersprache, das Englische, zu beherrschen und sich trotzdem souverän über Universale Grammatik zu äußern?

Der Meister selbst erblickte darin nach eigenem Bekunden freilich durchaus keinen Nachteil. Wörtlich behauptete er, in seinem Inneren über einen Homunkulus zu verfügen, der ihm schon das Richtige sagen würde.*1* Dagegen ist natürlich schwer zu argumentieren, wenn man den Homunkulus nicht in der eigenen Brust verspürt. Der genannte Außenseiter konnte sich eines solchen Männchens in seiner Brust nicht rühmen, er zog es vor, sich auf die Vernunft zu verlassen. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre, konnte er den Nachweis erbringen, dass die Theorie Chomskys auf Treibsand begründet war, weil sie hybride Grundbegriffe der traditionellen Grammatik benutzt, die gerade nicht universal sind, nämlich Verben und Nomina. Das seien formale Klassen, die in Sprachen wie Englisch und Chinesisch mit unterschiedlichen semantischen Inhalten gefüllt sind, sodass man nur von englischen, chinesischen, japanischen Verben bzw. Nomina reden dürfe. Wenn diese Kritik an falsch gewählten Grundbegriffen zutreffend war, dann erwies sich alle weitere Beschäftigung mit einer Theorie, die auf genau diesen Bausteinen aufgebaut war, als durchaus überflüssig.

Die Begeisterung über die scheinbar Universale Grammatik

Chomskyscher Provenienz war zu jener Zeit allerdings noch so überwältigend groß, dass die Stimme des Außenseiters schlicht übergangen wurde. Ja, dieser Einwurf wurde als so störend empfunden, dass man seine anfängliche Erwähnung als Linguist in Wikipedia nachträglich wieder rückgängig machte. Nicht nur, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung mit seinen Argumenten kam.*2* Indem man den Betreffenden aus der Liste der Linguisten strich, wollte man ihn überhaupt als linguistisch nicht-existent deklarieren.

Solche Strategien sind,

wie wir sahen, nicht nur in der Politik sondern auch in der Wissenschaft völlig normal – und in den meisten Fällen überdies auch ziemlich belanglos. Für die Missachtung von Semmelweiß mussten viele Frauen ihr Leben lassen, aber die scholastischen Verirrungen eines Noam Chomsky richten nur in den Köpfen einer Handvoll von Universitätsprofessoren schwere Verwüstungen an, das Schicksal der restlichen Menschheit bleibt davon glücklicherweise ganz unbetroffen.

Nein, vielleicht doch nicht ganz, denn die Wissenschaft verändert dabei ihren Charakter. Man vergesse nicht: Es gibt ja auch einen erstaunlich erfolgreichen Zweig der modernen Linguistik: die maschinelle Übersetzung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Die Erfolge auf diesem Gebiet muss man als schlechterdings atemberaubend bezeichnen. Seit Lebensbedingungen und Sprachen sich weltweit immer mehr angleichen, fallen immer mehr von jenen kulturellen Unterschieden weg, die das Übersetzen früher einmal so schwierig machten. Wirtschaftliche und wissenschaftliche Texte lassen sich heute maschinell zum Teil geradezu perfekt übersetzen. Nur literarische Texte – und hier vor allem Gedichte – spotten diesen Bemühungen, weil sie sich nicht standardisieren lassen. Wenn ein Schriftsteller Standardware erzeugt, dann sind sie leicht übersetzbar, aber meist eben auch ohne Wert.

Die automatisierte Übersetzung ist nicht weniger als ein großer Triumph

der instrumentellen Intelligenz – hier gilt dieselbe Regel wie in den angewandten Naturwissenschaften – entweder es funktioniert oder es funktioniert eben nicht. Die Qualität einer Übersetzung und damit das Kriterium der Wahrheit (der zugrundeliegenden Algorithmen) lässt sich eindeutig ermitteln. Diese Eindeutigkeit fehlt in den nicht-instrumentellen – den verstehenden – Kulturwissenschaften. Und in jenen Kreisen, die wie es William James schon damals beschrieb „voneinander, füreinander und gegeneinander schreiben“, wird sie nicht einmal gesucht. Daher der grassierende Kahlschlag in den heutigen Geisteswissenschaften. Viele Politiker sehen die Berechtigung von Disziplinen nicht länger ein, wenn sie keinen erkennbaren Wert für die Allgemeinheit besitzen; Posten und Bereiche werden in den Humanwissenschaften so stark reduziert, dass diese heute nur noch die Rolle missachteter Mauerblümchen spielen. Ein gerütteltes Maß von Schuld an dieser Entwicklung muss man der linguistischen Scholastik eines Chomsky beimessen, denn was von dem ganzen, ursprünglich so weltbewegenden Ereignis der Chomskyschen Generellen und Generativen Grammatik übrig blieb, ist eben keinesfalls eine bessere Erkenntnis der Sprache, sondern ein schwer- bis unverständlicher wissenschaftlicher Jargon – die leere Hülse einer Insidersprache, welche linguistische Adepten erlernen müssen, wollen sie zum Kreis der Eingeweihten gehören.*3*

Bleibt am Ende nur noch hinzuzufügen,

dass es der Zufall gerade so fügt, dass der betreffende Außenseiter mit dem Verfasser dieser Zeilen identisch ist. Sein Buch „Principles of Language“ ist niemandem zu empfehlen, dem es um die Schönheit der Sprache geht, denn es ist darin nur von deren logischer Struktur sowie den universalen Zwängen die Rede, denen jede Sprache unterworfen ist (das trifft natürlich generell auf alle linguistischen Texte zu, die sich mit den abstrakten Regelmäßigkeiten von Sprache befassen). Die „Principles“ untersuchen das logische Knochengerüst der Sprache, nicht ihr lebendiges, verführerisch in unendlich vielen Nuancen blühendes Fleisch.

Wer sich allerdings für die Logik der Sprache interessiert, der wird durch dieses Buch reichlich belohnt, denn es zeigt die Grenze zwischen Zufall und Gesetzlichkeit auf, die in der Sprache ebenso wie in der Kultur überhaupt existiert, aber in der Sprache leichter zu bestimmen ist. Dabei wird systematisch zwischen immaterieller Bedeutung und deren materieller Manifestation durch Lautsequenzen unterschieden, die im Prozess der Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer ausgetauscht werden.

Das Fazit der „Principles“ gibt Chomsky recht: Ja, es gibt eine Generative und Generelle Grammatik – generativ ist Sprache, weil Kinder fähig sind, unendlich viele Aussagen zu bilden, auch solche, die sie zuvor niemals hörten. Generell ist sie, weil die Aussagen verschiedener Sprachen ineinander übersetzt werden können. Beides sind empirische Tatsachen. Aber Sprache ist nicht generativ und generell gemäß dem so verblüffend einfachen und deshalb so verführerischen Modell, das Chomsky in seinen berühmten kopfstehenden Bäumen entworfen hat. Danach steht ganz oben ein S (sentence), aus dem ein Sprecher mit Hilfe weniger allgemeiner Regeln und eines Lexikons dann beliebige konkrete Sätze abzuleiten vermag. Jede besondere Einzelsprache fügt den generellen Regeln dann nur noch einige spezifische hinzu, um die Unterschiede zu anderen Sprachen zu definieren.*4* Dies ist die zündende Idee des Chomskyschen Modells, ihr eigentlicher Kern, während alles Übrige nur Beiwerk ist.

Chomskys trügerische Bäume verdanken ihre Faszination,

der Tatsache, dass sie aus Sprache eine Art simples Computerspiel machen. Und nur diese außerordentliche Faszination, welche die Genese der Sprache so umfassend zu erklären schien wie die Naturwissenschaften die Welt der toten Dinge, macht begreiflich, warum niemand auf den elementaren logischen Fehler aufmerksam wurde, der in diesen täuschend einfachen Bäumen steckt. Tatsache ist, dass das Baum-Modell schon im Ansatz falsch ist – es vermengt die Tiefenebene der immateriellen Wirklichkeitsanalyse und die materielle Manifestation dieser Ebene mit Hilfe akustischer (oder sonstiger) Zeichen. Die immaterielle Wirklichkeitsanalyse findet schon bei Tieren auch ohne Verwendung von materiellen Zeichen statt, und sie entwickelt sich bei Menschen von einem primitiven Niveau (wie z.B. in der Piranha-Sprache Amazoniens) bis zu den komplexesten Bedeutungsstrukturen. Diesen liegt eine generelle konzeptuelle Grundstruktur zugrunde, deshalb lassen sich Sätze einer evolutionär primitiveren Sprache mühelos in eine evolutionär entwickeltere übersetzen; in der Gegenrichtung ist das aber in bestimmten Bereichen nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich (wie will man einen modernen Text über Mathematik in eine Sprache übersetzen, wo nicht mehr als die Konzepte für zwei oder drei existieren?).

Doch mit den Unterschieden auf der Ebene der konzeptuellen Struktur ist die Komplexität der Sprache noch keineswegs erschöpft, denn auf Grundlage ein und derselben immateriellen Wirklichkeitsanalyse in konzeptuellen Strukturen lassen sich ganz verschiedene materielle Verwirklichungen, also Zeichensysteme, aufbauen. Aus Chomskys verführerisch einfachem Baum, der der Sprache Gewalt antut und überhaupt nichts erklärt, wird die Generelle und Generative Grammatik zu einem komplexen Ensemble, das sich noch dazu in fortwährender evolutionärer Entfaltung befindet.

In seinem Buch „The Language Instinct“ hat Steven Pinker einige Jahre nach dem Autor der „Principles“ die vorsprachliche Wirklichkeitsanalyse richtig als das generelle und generative Substrat erkannt und als „Mentalese“ bezeichnet, ein Substrat, das allen Sprachen zugrunde liegt. Aber es blieb bei dieser einsamen Erkenntnis. Es ist Pinker nicht gelungen, daraus die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Chomsky’s heillos simplistisches und logisch unhaltbares Sprachmodell erweist sich als hartnäckiges Paradigma, welches bis heute den Fortschritt der Wissenschaften behindert.

1 Siehe David Golumbia: „The Language of Science and the Science of Language: Chomsky’s Cartesianism“

2 Das ist nicht ganz richtig. Der Linguist John Goldsmith von der University of Chicago sah sich in einer Diskussion mit dem Autor schließlich zu dem Zugeständnis genötigt, dass Verben, Nomina etc. als universale Kategorien nicht tauglich seien.

3 Fachsprachen haben natürlich ihren Sinn, wenn sie durch den Gegenstand selbst gefordert werden. Keine Naturwissenschaft kommt heute ohne eine spezifische Fachsprache aus, die aber durch Ergebnisse gerechtfertigt sein muss, die sich eben nur auf diese Weise erzielen lassen. Wenn eine Fachsprache keine Ergebnisse bringt, dann ist sie nur Geheimjargon wie einst das Latein oder in Indien das Sanskrit oder das Altslawische und dient allein dazu, den Abstand zu den Laien aufrechtzuerhalten.

4 Zum Beispiel den Unterschied in der Wortstellung, die für die Englisch eine Mittelstellung des Verbs, also SVO, im Japanischen dagegen dessen Endstellung vorschreibt: SOV.

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From Prof. Hallpike I got the following commentary by mail:

Dear Mr Jenner,

Thank you for this, which is most entertaining – “the babble of madmen” indeed! In which one can also include, for example, Skinner and the Behaviourists, and Levi-Strauss and the structuralists.) It’s really fascinating to see how dogma overtakes so many branches of science and learning generally. Those believe that Darwinian Selectionism can explain cultural evolution provide another example in my own field. I have also been thinking some more about Chomsky and recursion. As I understand it, mathematical recursion is nothing more than an iterative procedure by which one constructs a series, like the natural numbers or the Fibonnacci  series, which go on for ever. This “going on for ever”, however, which apparently Chomsky and followers thought an essential feature of language creativity is quite different from and irrelevant to the structural complexity both of grammar and meaning achievable by the repeated nesting of clauses within a sentence, which could actually be quite short. From what you say this basic difference between the two recursions was actually glossed over?

Yours

Christopher Hallpike

My return mail:

Dear Mr. Hallpike,

I am glad you took no offence at my somewhat harsh comment on certain intellectual games in academia, a comment which was indeed meant to amuse. Even more amusing are comments by followers of Chomsky that interpret his thoughts in blatantly contradictory ways:

Mendivil-Giro („Is Universal Grammar ready for retirement?“): „The mathematical concept of recursion was quasi-synonymous with computability, so that recursive was considered equivalent to computable… what Chomsky… postulates as the central characteristic of human language is recursion in the computational sense, not the existence of sentences within sentences or the existence of noun phrases inside noun phrases“ (my italics).

Pinker („The Language Instinct“): „Recall that all you need for recursion is an ability to embed a noun phrase inside another noun phrase or a clause within a clause“ (my italics). Is there a better proof of Chomskyan vagueness than such opposing interpretations?

Yours

Gero Jenner

De gustibus EST disputandum

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe eines guten Lehrers hat darin zu bestehen, den Schülern voreiliges Urteilen abzugewöhnen, denn mit diesem Bedürfnis kommen wir auf die Welt, während der Verstand sich nur sehr langsam entfaltet. Der Säugling schreit sofort, wenn ihm unwohl ist, und er lächelt, wenn man ihn freundlich behandelt. Aber auch das Vokabular von Pubertierenden enthält vor allem Ausdrücke wie super, geil, toll und anderseits ablehnendes Werten wie pfui, widerlich, böse etc. Die Abneigung gegen eigenständiges Denken und die Neigung, Argumente durch vorschnelles Werten und Urteilen zu ersetzen, bleibt darüber hinaus bei vielen Menschen erhalten – bei nicht wenigen ein Leben lang.

Wie man weiß, wissen sich Demagogen und Populisten dieser angeborenen Neigung virtuos zu bedienen, wenn sie ihre Klientel mit emotional gesättigten Versprechungen oder umgekehrt mit Hassparolen verführen. Gemeinsam für eine Sache die Emotionen zu schüren, kommt dem menschlichen Herdentrieb entgegen – sich gemeinsam gegen sie zu empören aber schweißt sogar noch enger zusammen. Zu Mündigkeit und Vernunft wird der Mensch erst dadurch langsam und oft sehr mühsam herangezogen, dass er vor dem Urteilen die Fakten nicht nur erkennt, sondern sie selbst dann noch anerkennt, wenn sie ihm missfallen.

Soweit sollte man den Lehrern also Beifall zollen, wenn sie ihren Schülern die wichtige Lektion erteilen: „Eignet euch erst einmal gründliche Kenntnisse an, bevor ihr euch anmaßt, ein eigenes Urteil zu fällen.“

Andererseits sollte uns aber die Frage erlaubt sein,

wie denn ein Mensch aussehen würde, der sich diese scheinbar goldene Regel derart zu Herzen nähme, dass er sich nur noch um das Faktenwissen bemüht? Die Antwort liegt auf der Hand, ist aber reichlich ernüchternd. Wir hätten es mit einer wandelnden Enzyklopädie zu tun. Bekanntlich können sich diese Werke des gesammelten Faktenwissens weder für etwas begeistern, noch sind sie fähig, sich zu empören. Sie sind emotional aseptische Container von reinem Wissen. Macht sie diese Freiheit von Gefühlen zu Trägern der Vernunft? Ich denke, dass niemand diese Frage bejahen wird. Denn die reinen Fakten über Welt und Mensch sagen überhaupt nichts darüber aus, wie wir uns zu ihnen verhalten sollen. Wir können nur hoffen, dass die Lehrer dies sehr wohl wissen und daher nicht etwa den Ehrgeiz haben, ihre Schüler in wandelnde Enzyklopädien zu transformieren!

Aber existieren nicht auch Menschen aus Fleisch und Blut,

die jenem Ideal am nächsten kommen, welches den Lehrern so sehr am Herzen liegt? Menschen, die sich des Urteilens und Bewertens ganz enthalten oder zumindest enthalten wollen, weil es ihnen allein um die Fakten geht? Allerdings! Diesen Menschentypus gibt es spätestens seit dem 17ten Jahrhundert, und er hat sich seitdem geradezu exponentiell über den Globus verbreitet, sodass er eines Tages überhaupt die Mehrheit bilden könnte. Jeder weiß natürlich, von wem hier die Rede ist, von den Wissenschaftlern – vor allem von jenen, die sich mit den Fakten der Natur befassen.

In den Lehrbüchern von Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften usw. ist von gut und böse, schön oder hässlich keine Rede. Der eigentliche Durchbruch der Wissenschaften bestand gerade darin, dass der Mensch ausschließlich nach den objektiven Gesetzen fragte, welche dem Sein der Dinge zugrunde liegen, also nach den „Naturgesetzen“, ohne sein eigenes subjektives Wünschen und Wollen in diese ihm gegenüberstehende Wirklichkeit hineinzutragen.

Das war die große Leistung, die erst im Europa des 17ten Jahrhunderts gelang, denn bis dahin hatte der Mensch genau das Gegenteil getan. Er hatte sein eigenes Wollen, Wünschen, Hassen und Hoffen in die Natur hineingetragen, indem er sie sich nach seinem eigenen Bild vorstellte, nämlich so, als wäre sie wie er selbst von diesen Kräften gesteuert. Die Wissenschaft hat gut und böse, schön und hässlich, diese elementaren Kategorien menschlichen Wertens, ganz aus der Natur hinausgedrängt und diese selbst zu einem Apparat transformiert, den sie in die Schraubzwinge ihres expandierenden Faktenwissens spannte. Erst nach diesem revolutionären Schritt gelang es dem Menschen, die Herrschaft über die Natur an sich zu reißen.

Das theoretische Fundament für diese Revolution unserer Weltsicht

hatte Galileo Galilei gegen Ende des 16ten Jahrhunderts geschaffen, als er zwischen „primären“ und „sekundären“ Eigenschaften der Dinge einen prinzipiellen Unterschied postulierte. Form, Größe, Zahl sowie Ruhe oder Bewegung gehören, so Galilei, zu den innewohnenden Eigenschaften der Dinge, während Geschmack, Geruch oder Töne Empfindungen seien, die in uns selbst entstehen, wenn wir mit den Dingen umgehen.*1*

Diese Zweiteilung der Erkenntnis in objektiv – in der Sache – und subjektiv – im Menschen liegend – wurde nach Galilei noch vertieft, denn der Gedanke, dass ästhetische und ethische Maßstäbe wie schön und hässlich, gut und böse ebenfalls ihren Ursprung im Menschen aber nicht in den Dingen haben, musste sich ja als evident aufdrängen. Eben deshalb fällt es keinem Wissenschaftler ein, ein Wasserstoffatom als moralisch gut zu qualifizieren oder den Quantensprung eher als hässlich. Die Wissenschaft hat alles subjektive Urteilen und Werten prinzipiell aus der eigenen Sphäre verbannt. Sie hat den lateinischen Wahlspruch „de gustibus non disputandum“ weit über den harmlosen Alltagsgebrauch hinaus ausgedehnt. Den Lateinern ging es nur darum, dass wir uns nicht über Geschmacksfragen streiten, weil jeder von uns dabei gern seine eigenen Präferenzen verteidigt. Die Wissenschaft ging seit Galilei einen entscheidenden Schritt über diese harmlose Mahnung hinaus, indem sie alles menschliche Werten und Urteilen als subjektiv und damit letztlich beliebig verwarf.*2*

Wäre die Wissenschaft mit dieser Überzeugung im Recht,

dann müsste der Mensch sich selbst als eine Fehlentwicklung der Evolution bezeichnen, denn welchen Nutzen verschafft ihm die subjektive Neigung, seine eigenen Werturteile auf die Menschen und die Dinge in seinem Umfeld zu beziehen? Wäre er nicht besser als wandelnde Enzyklopädie auf die Welt gekommen? Warum begeistert er sich für das Schöne und verschmäht, was ihm hässlich erscheint? Warum fragt er nach Gerechtigkeit und verurteilt Betrug und Egoismus, wenn es sich doch um subjektive und letztlich beliebige Werte handelt, die er nur subjektiv aus sich selber schöpft? Sollte der Mensch sich nicht ausschließlich an Fakten und Wahrscheinlichkeiten orientieren?

Der Soziologe Max Horkheimer hat das Problem mit den folgenden Worten charakterisiert: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen /wie ihn die europäische Tradition seit Galilei geformt und erzogen hat, GJ/ gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch“ (1967, 33).

Diese Feststellung ist bemerkenswert, zeigt sie doch, dass irgendetwas in unserer Weltsicht nicht stimmt oder vielleicht sogar ausgesprochen falsch sein könnte.

Würden die Lehrer es ernst mit dem Vorsatz

meinen, den Schülern das Werten abzugewöhnen, um sie ausschließlich mit Fakten vollzustopfen, so hätten sie unsere Schulen zu Ausbildungsstätten für künftige Wissenschaftler gemacht. Allerdings würden sie darin einigermaßen leichtsinnig verfahren, denn sie hätten darüber hinweggesehen, dass Wissenschaftler immer auch Menschen sind. Als solche mögen sie noch so umsichtig im Werten und Urteilen sein, ganz abgewöhnen können sie sich aber weder das eine noch das andere.

Ich meine das nicht aufgrund jenes naheliegenden und mir reichlich billig erscheinenden Einwands, der sich manchem Leser vielleicht sofort aufdrängen wird. Man hört ja immer wieder, selbst von gescheiten Zeitgenossen, dass wir nicht von Objektivität reden sollten, denn diese sei in Wahrheit nichts als ein Hirngespinst. Selbst die angeblich „objektive“ Wissenschaft könne uns immer nur subjektive Ausblicke auf die Wirklichkeit bieten. *3*

Ich bedaure, das als logischen Unsinn bezeichnen zu müssen. Die Zahl der Sonnentrabanten hängt ebenso wenig von unserem subjektiven Wollen und Wünschen ab, wie das relative Gewicht von Eisen und Kupfer. Zwar werden die Gesetze der Natur notwendig mit den Mitteln konventioneller Begriffe beschrieben, wir können unterschiedliche Maßeinheiten wählen und natürlich auch ganz unterschiedliche Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit erhellen, aber die Wirklichkeit selbst ändert sich nicht aufgrund der Art unserer Beschreibung (nur scheinbar bildet die Quantenphysik hier eine Ausnahme). Unsere Theorien über die Wirklichkeit bleiben „objektiv richtig“, wenn die dadurch möglichen Voraussagen zutreffend sind und sie sind „objektiv falsch“, wenn das nicht der Fall ist. Die Tatsache, dass wir so viele Maschinen erfunden haben, die exakt die Aufgaben erfüllen, die sie verrichten sollen, ist der beste Beweis dafür, dass wir das Sosein der Natur richtig verstanden haben. Im Gegensatz zur Auffassung des Idealisten Gottlieb Fichte gibt es die Natur außerhalb aller Vorstellungen, die wir uns von ihr machen – genau darauf beruht ihre Objektivität.

Bis zum 17ten Jahrhundert kam diese objektive Eigenständigkeit

der Natur nicht in den Blick. Bis dahin wurde die Natur als das Spielfeld von Göttern und Geistern gesehen, die sie mit ihrem Wollen und Wünschen beherrschen. Der Mensch hatte sein eigenes Wesen in die Natur hinausprojiziert.*4* Wie er selbst vom eigenen Willen wurde die Natur vom Wollen geistiger Mächte gelenkt. Wenn er sich in ihr zurechtfinden, sie beeinflussen wollte, dann musste er erkennen, was Götter und Geister für gut oder böse, schön oder hässlich halten. Anders gesagt, musste er ihren Willen und ihre Absichten studieren. „Lern die verborgenen geistigen Kräfte (Götter und Geister) des Kosmos kennen, dann kommst du zurecht mit Mensch und Natur.“

Denn die Regelmäßigkeiten der Natur, ihre sogenannten Gesetze, waren in dieser vorwissenschaftlichen Sicht eben gerade nicht unabhängig von Wollen und Wünschen: die Götter konnten sie durch andere Gesetze ablösen oder durch Wunder jederzeit annullieren. Der Mensch aber konnte dies bewirken, indem er die Götter durch Gebet und Opfer für sich gewann oder magisch auf sie einzuwirken suchte.

Die Wissenschaftler haben mit diesem Weltbild Schluss gemacht,

indem sie auf der objektiven Eigenständigkeit, kurz der Objektivität der Natur, beharrtenGötter, Mythen, Märchen und Kunst, diese Projektionen mensch­lichen Wertens und Wünschen, haben sie ganz aus der außermenschlichen Wirklichkeit verbannt.

Und dennoch ist dies nicht die ganze Geschichte. Bei der Entzauberung der Welt haben die Wissenschaftler definit an einem Punkt Halt machen müssen – bei sich selbst. Denn genau hier spielen Wollen und Wünschen zwangsläufig die entscheidende Rolle. Der Wissenschaftler muss subjektiv davon überzeugt sein, dass es für ihn selbst ebenso wie für die Menschheit wichtig sei, das objektive Sein der Natur zu enträtseln, nur dann wird er sich der gewaltigen Mühe solcher Faktensuche und -deutung unterziehen. Viele von ihnen zwingen sich dabei zu einem Leben, das die größte Ähnlichkeit mit der Askese mittel­alterlicher Mönche aufweist.

In dieser Überzeugung kommt die persönliche Subjektivität

ins Spiel. Aber sie genügt keinesfalls, um Wissenschaft zu ermöglichen. Neigungen und Absichten pflegen so unterschiedlich wie Individuen zu sein. Mag sich jemand auch noch so leidenschaftlich für den Stammbaum des Mannes im Mond interessieren, das nützt ihm gar nichts, wenn er die Allgemeinheit von der Relevanz des Themas nicht zu überzeugen vermag. Seit dem 18ten Jahrhundert waren immer mehr Menschen bereit, Forschungen zu unterstützen, weil deren Ergebnisse ihr Leben so sehr erleichterten. Ohne diese positive Einstellung zur Wissenschaft, d.h. ohne die kollektive Bewertung des neuen Umgangs mit der Natur als richtig und gut, wäre es nie zu diesem Aufstieg der Wissenschaften gekommen.

Daraus ergibt sich eine wichtige Folgerung. Auch wenn der Mensch ganz von sich selbst absieht, um das objektive Sosein der Natur zu erkunden, tut er es notwendig immer aus subjektiven Motiven, weil er das eigene Leben verbessern oder bereichern will. Hätte sich umgekehrt herausgestellt, dass die Wissenschaft das Leben der Menschen nur verschlechtert, wäre sie niemals zu Einfluss gelangt.*5* Denn in der Vergangenheit sind Weltdeutungen ja regelmäßig an ihrem Misser­folg gescheitert. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. 1890 erwiesen sich die Geisterhemden der Indianer im berüchtigten Massaker von „Wounded Knee“ als völlig wirkungslos gegen die Gewehrkugeln der Weißen. Aber sie waren von den heimischen Sehern als absolut sicherer Schutz gepriesen worden.

Weil der Mensch gar nicht anders kann,

als das eigene Tun und Denken nach moralischen oder ästhetischen Kriterien zu bewerten, ist es sehr wohl denkbar, dass die Gesellschaft eines Tages die Wissenschaft nicht mehr fördern wird – jedenfalls nicht im bisher üblichen Aus­maß. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat davon gesprochen, dass wir heute in einer Risikogesellschaft leben. Das war vor vierzig Jahren. Inzwischen sind die Risiken längst Realität geworden. Wissenschaft und Technik sind in zunehmen­dem Maße damit beschäftigt, die weitgehend unvorhergesehenen, teilweise katastrophalen Folgen zu reparieren, die sie selbst hervorgebracht haben. Spätestens seit der Klimakrise leben wir daher in einer Reparaturgesell­schaft: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun korrigieren.

Die Welt, welche die Wissenschaften für uns erschaffen haben,

entspricht einerseits den tiefsten Hoffnungen und Wünschen des Menschen. Hungersnöte wurden weitgehend beseitigt, die meisten Krankheiten erfolgreich bekämpft, das Leben verlängert und durch viele erstaunliche Erfindungen auch wesentlich erleichtert. Genau dieser unzweifelhafte Fortschritt hat ja der neuen wissenschaftlichen Weltsicht ihren durchschlagenden Erfolg garantiert. Aber seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts treten die Schatten­seiten dieser Entwicklung immer deutlicher in Erscheinung. Mehr als 4000 ato­mare Sprengkörper, Dutzende letaler Nervengifte, Hunderte biologischer und chemischer Kampfmittel liegen bereit, um die Menschheit gleich mehrfach aus­zurotten. Doch selbst, wenn Optimisten deren Einsatz für wenig wahrscheinlich halten, ist nicht mehr darüber hinwegzusehen, dass die Rückstände und Gifte der industriellen Produktion Luft, Böden und Meere immer stärker verseuchen – die Luft mit Kohlendioxid sogar schon auf unumkehrbare Weise. So hat das industrielle Anthropozän zugleich mit dem materiellen Fortschritt alle Mittel bereitgestellt, um den Fortschritt zum denkbar größten Rückschritt zu machen, nämlich zu einer potenziellen Katastrophe, welche nicht nur die Umwelt, sondern zugleich damit das Überleben der menschlichen Spezies selbst gefähr­det.

In dieser weltgeschichtlich, völlig neuen und einzigartigen Situation

werden wir uns neuerlich darauf besinnen müssen, dass letztlich menschliches Werten, Wünschen und Hoffen die Grundlage unseres Lebens bilden. De gustibus est disputandum! Die Menschheit wird sich fragen müssen, welches Leben sie sich für die Zukunft wünscht, denn davon hängt ihre Zukunft ab. Dabei kommt sie nicht umhin, ihre bisherige Weltanschauung kritisch zu beleuchten. Wissen­schaft und Technik sind keine vom Leben losgelösten Bereiche, sondern müssen dem Wohl des Menschen dienen. Tun sie es nicht oder nicht länger, dann werden sie genauso eingeschränkt werden müssen, wie das mit allen anderen Erscheinungen geschieht, wenn sie die Gesellschaft zu schädigen drohen.

Auch hier besteht natürlich die Gefahr,

dass die Menschheit – erschüttert von den Verwüstungen, welche die „materialistische Weltsicht“ bewirkte – das Kind mit dem Bad ausschüttet und in Aberglauben, Esoterik und die Verleugnung von Wahrheit zurückfällt. Der gewissenhafte Blick auf die Fakten, den die Wissenschaft seit drei Jahrhunderten zur Grundlage ihres Vorgehens machte, stellt aber eine Errungenschaft dar, hinter die es kein Zurück geben darf. Nur dieser Blick klärt uns darüber auf, welche Möglichkeiten sich dem menschlichen Wollen eröffnen und wo es auf unüberschreitbare Grenzen stößt. Geisterhemden schützen nicht gegen Kugeln, die Ausbeutung der Ressourcen kann in einer endlichen Welt nicht unendlich weiter gehen. Die Vergiftung der Umwelt mit den Rückständen der industriellen Produktion stößt gleichfalls auf eine Grenze. Sie muss radikal eingeschränkt werden, wenn wir in dieser Welt überleben wollen. Die Zahl der Menschen oder ihr Ressourcenverbrauch muss der Belastbarkeit des Planeten entsprechen.

Es ist wissenschaftlicher Geist, der Geist der Vernunft, der solche Fragen stellt, aber diese Vernunft ruht auf menschlichem Wollen und Wünschen. Vernunft kann niemals wertfrei sein, denn Wertfreiheit schert sich nicht um das Schicksal des Menschen. Der Natur ist es gleichgültig, ob es uns gibt oder nicht. 

Diese Überlegungen verdanken ihren Ursprung

einem eher banalen Umstand. Eine gute Bekannte, eine Lehrerin, kritisierte den von mir sehr geschätzten Autor eines historischen Werks mit den Worten, dass dieser nie von Bewertungen absehen würde.*6* So sehr war sie von dem Vorsatz durchdrungen, ihren Schülern das Werten abzugewöhnen, dass sie es auch dort nicht erträgt, wo es Fakten überhaupt erst mit Leben erfüllt, nämlich in der Darstellung der Historie – oder allgemein in den Geisteswissenschaften. Gewiss würde ich sehr skeptisch werden, wenn ein Chemiker Kohlenwasserstoffe nach schön und hässlich unterscheidet. In der Regel taucht die Wirklichkeit bei ihm nur in Gestalt von Symbolen und Formeln auf, die frei von aller emotionalen Wirkung sind und sein sollen. Das gilt heute allgemein für die Sprache der Naturwissen­schaften, die sich von der emotional gefärbten Sprache des Alltags in dieser Hinsicht radikal unterscheidet.*7*

Die Geisteswissenschaften aber untersuchen

den Menschen gerade nicht wie ein Arzt, Physiologe oder Genetiker als physisches Wesen, das den Gesetzen von Chemie, Physik etc. so unterworfen ist wie der Rest der Natur – sie wollen ihn auf eine zweite und andere Art verstehen: als psychische Entität (Wilhelm Dilthey). Das aber setzt voraus, dass wir die anderen Menschen – gleich welcher Zeit oder Herkunft – so wie uns selbst als wollende und wünschende Wesen begreifen. Die bloße Aufzählung von Fakten ergibt noch keine Geschichte und erklären kann sie diese schon gar nicht. Wir verstehen die Menschen nur so weit, wie es uns gelingt, uns in sie hineinzuversetzen, indem wir uns fragen, wie wir selbst uns unter ähnlichen Umständen verhalten würden. Das gelingt immer nur bis zu einem gewissen Grade – wenn es nicht gelingt, wird ihr Verhalten zu einem bloßen Faktum, das uns fremd und unbegreiflich gegenübersteht. Bei Menschen, deren Kulturen uns nur oberflächlich bekannt sind, ist das recht oft der Fall. Haben wir es mit anderen Arten zu tun, so ist es sogar die Regel. Was in Hunden und Katzen vorgeht, verstehen wir nur auf sehr unvollkom­mene Weise, auch wenn wir noch so viele Fakten über ihr Verhalten zusam­mentragen. Und wie ein Corona Virus die Welt erlebt, verstehen wir überhaupt nicht. Das Virus existiert für uns nur als ein wertfreies Faktum so wie eine Heckenschere oder Waschmaschine.

Große Historiker sind Meister des Verstehens

Sie transformieren Fakten in Ereignisse, die uns etwas angehen, weil wir uns in ihnen wiedererkennen, in ihnen Vorbild oder Warnung sehen. Wenn Historie zum bloßen wertfreien Faktum wird, ist sie uns so fremd wie Viren oder eine Mondfinsternis. Dann entbehrt sie für uns jedes Interesses, denn anders als das Faktum der Naturwissenschaft weist die historische Tatsache nicht einmal den praktischen Nutzen auf, als Instrument der Naturbeherrschung zu dienen. Das sollten die Lehrer beherzigen, wenn sie ihren Schülern die Jagd nach den Fakten einimpfen. Gewiss – ohne die Kenntnis der Fakten sind wir blind für die Wirklichkeit, aber ohne, dass wir die Fakten nach dem Sinn bewerten, den sie im Hinblick auf unser Wollen und Wünschen besitzen, werden sie zu einem leeren Ballast.*8*

1 „Die Philosophie ist in dem großen Buch geschrieben, welches von jeher vor unseren Augen liegt: ich meine das Universum. Aber ihren Sinn verstehen wir solange nicht, als wir nicht die Sprache erlernt und die Symbole erfasst haben, in denen sie abgefasst ist. Dieses Buch ist in der Sprache der Mathematik verfasst und seine Symbole sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne ihre Hilfe ist es unmöglich ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie irrt man ergebnislos durch ein dunkles Labyrinth.“ (Galileo, 1842; Vol. IV, S.171)

„Ich glaube also nicht, dass die äußeren Dinge, um in uns Geschmacksempfindungen, Gerüche oder Töne wachzurufen, anderes als Größe, Gestalt, Zahl und langsame oder schnelle Bewegung voraussetzen. Hätten wir Ohren, Zungen und Nasen entfernt, so würden, so meine ich, zwar Gestalt, Zahl und Bewegung bleiben, aber nicht die Gerüche, die Geschmacksempfindungen oder die Töne. Denn außerhalb des Lebewesens sind diese nach meiner Meinung nichts anderes als Namen…“ (Galileo, 1936; II, S.801)

2 Diese Aburteilung der kulturellen einschließlich der religiösen Sphäre als letztlich beliebig oder gar zufällig war das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Revolution, welche allein die Naturgesetze als „ehern“, „ewig“ und „unverbrüchlich“ gelten ließ. Das lief auf eine Entwertung menschlicher Schöpfungen hinaus – es ist kein Wunder, dass die Menschheit seit drei Jahrhunderten nur noch mit der Erkundung der außermenschlichen Natur und ihrer Gesetze beschäftigt ist, während die Wissenschaften des Geistes, die den Menschen und seine Geschichte betreffen, aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten gestrichen werden.

3 Ich kann mich noch gut an ein Streitgespräch mit dem Goliath unter Österreichs Philosophen erinnern, nämlich Paul-Konrad Liessmann, der (bei einem Treffen am Kulm, Steiermark) genau diese Position vertrat. Er hat es mir, der ich damals die Rolle des David einnahm, wohl nie verziehen, dass ich ihm zu widersprechen wagte.

4 Ich halte die These der Projektion, wie sie im Altertum schon von Xenophanes und in neuerer Zeit von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, einerseits für evident, andererseits für zu kurz gegriffen. Sie scheint mir evident, weil schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Religionen erkennen lässt, dass Menschen Göttern und Geistern ihre eigenen allzumensch­lichen Eigenschaften zugeschrieben haben. Selbst Prof. Hans Küng würde wohl kaum behaupten, dass der Prozess umgekehrt verlaufen sei, nämlich dass die Menschen die allzumenschlichen Eigenschaften real existierender Götter von diesen abgeschaut hätten. Andererseits taugt der Wille (und die Freiheit, welche er impliziert) genauso gut als Prinzip, um die Komplexität der Wirklichkeit zu erklären wie das wissenschaftliche Kausalitätsprinzip, beide sind komplementär (siehe Jenner: Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet).

5 Dass es der Erfolg der neuen wissenschaftlichen Weltdeutung war, welcher ihr das Renommee eintrug, auch logisch „richtig“ zu sein, ist auch die Ansicht von Ludwig Boltzmann. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig“ (1990).

6 Egon Friedell. Ich schätze diesen genialen historischen Dilettanten (als den er sich selbst bezeichnet) gerade wegen seiner Wertungen, denn was die Menge und im Einzelnen wohl auch die Verlässlichkeit der Fakten betrifft, so sind ihm zünftige Historiker natürlich in diesem Punkt überlegen, zumal die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstand. Aber die künstlerische Empathie Friedells und sein Stil sind unübertroffen.

7 In den Anfängen hat es nicht wenige Naturwissenschaftler gegeben, welche die Schönheit von Kristallen oder von vegetativen Formen so überzeugend zu schildern wussten, dass sie gerade dadurch wesentlich zur Begeisterung für ihr jeweiliges Fach beitrugen (man denke etwa an Ernst Häckel).

8 Dieser Essay lässt viele Probleme offen. Wissenschaft besteht ja nicht aus einer bloßen An­sammlung von Fakten, sondern aus Theorien, welche Fakten zu einem widerspruchsfreien Ganzen zusammenschließen, das möglichst weite Bereiche der Wirklichkeit zu erklären vermag. Da gesicherte Theorien nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern objek­tive Strukturen beschreiben, müssen auch sie zur Sphäre der Fakten gerechnet werden. Aber wie steht es um die Vernunft, die nach den Grenzen des Kausalitätsprinzips und unseres „objektiven“ Wissens fragt? Darüber habe ich an anderer Stelle einige vielleicht nicht ganz abwegige Überlegungen anzustellen versucht (Jenner, op. cit.).

Von Prof. William E. Rees erhielt ich per eMail folgende Rückmeldung:

Dear Gero –

I was, as usual, intrigued by your latest essay on the proper role of human values, wishes and hopes (about which there will always be disputes). 

In fact, this essay touched a number of nerves. As a scientist (systems ecologist) teaching in a school of planning and public policy, my primary had always been the judicious application of “objective (ecological) knowledge” to questions of human socioeconomic development.  By this I meant reasoned or evidence-based analysis seasoned by consideration of people’s history, desires, beliefs and aspirations.  However, it also meant making the case that policies and plans designed to satisfy people’s hopes and aspirations should be seasoned with hard facts and analysis about the biophysical world. If taken seriously, these would often impose constraints on the hopes and aspirations of client communities – even my colleague economists and social planners would sometimes object.

One colleague was an avowed post-modernist of the type you would regard as tending to ‘throw the baby out with the bathwater.’  To her, scientific data had no special place in decision-making; there was no such thing as objective knowledge. She saw science as just another form of value-based ‘social construct’ that oppressed human ambition, apparently making no distinction between things which could actually be measured in time and space (e.g., water contamination, carbon emissions) and things that were entirely products of the human mind (e.g., democracy, civil rights).  Students who took courses from both of us were often torn between what they saw as conflicting interpretations of ‘what is real’. 

In working with students to resolve this problem, I often remembered something one of my undergraduate professors had emphasized—scientists were obliged to ferret out the objective truth but should stay away from policy and politics.  These were the domains of the value-based ‘humanities’ and social scientists.  In short, budding hard scientists were taught that the biophysical sciences could produce the numbers and discoveries, but it was up to political leaders — including policy wonks and planners — to decide whether and how the science should be applied (inadvertently providing an excuse for scientists working on the development of atomic weaponry). 

It seems that the separation of fact from values is endemic to western-style learning.  I remember being intrigued on discovery that modern neoliberal economic text-books pretend to eschew moral and ethical considerations.  In its efforts to appear ‘scientific’, formal economics (whose theoretical foundations and simplistic models owe a great deal to Newtonian analytic mechanics) ignores such soft considerations as attachment to place, compassion for others, the existence of family and friends, the idea of community, etc., etc.  Again, concern for these things is the domain of politics, not sound economics, and, as all students of economics learn, political intervention in the market introduces gross inefficiencies that undermine the elegant operation of short-term self-interest in market-based decision-making. In effect, values other than efficiency are disallowed.

I have never understood how mainstream economics can see people as ‘self-interested utility maximizers with fixed preferences and unlimited material demands’ as if this were a value-free description of H. sapiens, and markets as the most efficient allocators of essential resources as if privileging efficiency were not itself a value judgement with enormous moral implications.

There is one part of your essay that I might have structured differently.  You note that:

 “…the industrial Anthropocene, while turning out to be a fountainhead of unbelievable material progress, has at the same time created conditions that may transform progress into mankind’s greatest step backwards – a potential catastrophe which threatens not only the environment but also the very survival of our species.”

It seems to me that this phrasing confuses the fact of science-led material progress with the effects generated by shear economic scale and thus obscures the real cause.  The ecological crisis – potential catastrophe – is not the product of science and technology per se, but rather results from excessive population and average per capita resource consumption (i.e., economic growth beyond limits).  Humanity is in overshoot; we are consuming bioresources faster than ecosystems can regenerate and discharging wastes in excess of nature’s capacity to assimilate/neutralize. 

Most importantly, overshoot results from both nature and nurture: H. sapiens, like all other species has a genetically-determined predisposition to expand into accessible habitat and use all available resources (this is our ‘nature’) but  these tendencies are currently being reinforced  by the socially-constructed myth of perpetual economic growth driven by continuous technological progress (this is contemporary ‘nurture’).

Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.  Far from tempering humanity’s primitive expansionist tendencies, the socially-constructed beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify these now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.  

Worse, they combine with another highly-subjective social construct, human exceptionalism, which sees our species as somehow detached from nature and not subject natural laws.  This narrative virtually guarantees the continued dissipative destruction of the ecosphere and the collapse of life-support functions upon which we all depend.

Many thanks again for a thought-provoking essay and the chance to revisit some of my own life experience.

Best, 

Bill

Meine Antwort:

Dear Bill,

Thanks for your thoughtful and benevolent criticism, which points to a problem that I was well aware of even while writing the essay. Can the latter not be understood as a quasi-biblical objection to the presumption of knowledge, as if man had done better never to eat from the tree of knowledge? May it not even be read as an obscurantist criticism of modern science?

No, certainly not. You quote the passage where I decisevely reject such a misinterpretation. Science has provided a new foundation for truth: there is objective knowledge and it would be the worst regression if we were to fall back into superstition and esotericism, as often happens today. But – and this thesis pervades all my work – objective knowledge is not enough, it can only serve to define the limits and possibilities of human freedom (being, however, essential for that very purpose). Basically, I am only saying that scientists are not what some great philosophers of 18th century Enlightenment and their late descendants like Steven Pinker wanted to see in them, namely supermen. Man is more than what he represents as a scientist because apart from the laws of nature (which are the objects of his studies), there is also freedom, about which his theories either know nothing or which he reduces to mere chance.

This fundamental criticism seems important to me, but in your answer you discuss a point of greater practical relevance. Possibly you are quite right that my article may be understood as a warning as if science and technology themselves were responsible for many of present-day predicaments and not just the fact that their application by ten billion people inevitably produces quite different consequences than if they were applied by two billion only. Although I have sought the blame in the „Industrial Anthropocene“ (not directly pointing to science and technology), the suspicion remains.

I admit that this is a difficult point, because science is based on an elementary urge, human curiosity, which is the breeding ground both for everything great and for everything terrible. I am afraid that this elementary urge gives us the same intellectual satisfaction when we apply it to the study of neutron bombs as to that of vaccines. That is why I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science. After all the thirst for knowledge still operates in a boundless field even if only directed to things great.

Oh, I am concluding this letter with a rather trivial remark.

Best Gero

Entgegnung von Herrn Rees:

Gero –

you are exceptionally fast off the mark–and your concluding paragraph is anything but trivial.  

You say: „…I believe that it is man’s ethical sense alone that can lead him to turn towards one and away from the other. Yes, in this sense – but in this sense only – do I believe that there may be a time that we must set limits to our thirst for knowledge, which means: limits even to science.“  

Seems to me that this is the distilled essence of the original essay and perhaps should be inserted/ amplified in such clear  words toward the end.  

Actually, this extract is really what I was trying to get at with my own more clumsy prose. 

I wrote: „Since a primary role of social learning (nurture) is to override natural behavioural predispositions that have become maladaptive in the context of ‘civilization’, the eco-crisis is arguably more a failure of human values, hopes and and aspirations than it is a product of science.“   

This is really an assertion that we have failed to use our ethical/moral sense (and associated values) to steer us toward accepting limits on the application of science (and techno-driven growth).  Hence, our failure to assert certain important human capacities is more to blame for the crisis than is science per se.  

And, again, the result is that the dominant „…beliefs, values, assumptions of techno-industrial civilization amplify [the natural but] now-destructive behaviours which are playing out on a finite planet.“    

With highest regards, 

Bill

Von Prof. Steve Pinker erhielt ich die Nachricht:

Please delete.