An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

Ludwig Boltzmann, der große österreichische Physiker, hat diese elementare Wahrheit für die Naturwissenschaften auf den Begriff gebracht. „Nicht die Logik, nicht die Philosophie, nicht die Metaphysik entscheidet in letzter Instanz, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern die Tat. Darum halte ich die Errungenschaften der Technik nicht für nebensächliche Abfälle der Naturwissenschaft, ich halte sie für logische Beweise. Hätten wir diese praktischen Errungenschaften nicht erzielt, so wüssten wir nicht, wie man schließen muss. Nur solche Schlüsse, welche praktischen Erfolg haben, sind richtig.“

Sehr wohl! Ein Denken ohne nachweisbare Tat,

das sämtliche Phänomene der Natur als ursächlich determiniert sehen wollte, hat es schon 1500 Jahre vor Christus gegeben, nämlich in den sogenannten Brahmana-Texten, wo alle Geschehnisse des Universums als magisch verknüpft mit menschlichem Denken und Handeln gelten. Was der vedische Priester sich vorstellte und dann durch Aufschichten von Opfersteinen und heiliger Butter magisch in Szene setzte, brachte, wie die damaligen Priester glaubten, ganz bestimmte notwendige Folgen hervor. Diese Magier glaubten sich imstande, mit ihren Beschwörungen feindliche Armeen vernichten oder eine Mondfinsternis willkürlich herbeiführen zu können (abgesehen von Krankheit und Unglück, das sie heilen wollten). Von dem Indologen Hermann Oldenberg wurde die damalige Weltsicht als „vorwissenschaftliche Wissenschaft“ bezeichnet, der französische Anthropologe Claude Levi-Strauss sah darin eine Vorwegnahme des wissenschaftlichen Determinismus. Ludwig Boltzmann aber hat den entscheidenden Unterschied zwischen diesem Denken und der beinahe zweitausend Jahre später seit dem 17ten Jahrhundert aufkommenden wissenschaftlichen Weltsicht auf den Begriff gebracht. Das magische Denken richtete nur Unheil im Kopf von Priestern an, aber die Natur blieb unverändert. Feinde wurden von Priestern nie wirklich besiegt, Mondfinsternisse niemals auf nachweisbare Weise herbeigeführt. Irgendwann starb diese abenteuerliche Theorie, weil die Menschen nicht länger an sie glaubten. Sie musste sich sogar gefallen lassen, dass ein amerikanischer Anthropologe sie als sinnfreies „Priestergebrabbel“ bezeichnete. Es ist daher so, wie Boltzmann und die Bibel sagen: An der Tat, d.h. an ihren Früchten, sollt ihr sie erkennen.

Ludwig Boltzmann lebte bis zum Beginn

des vergangenen Jahrhunderts. Mit Recht konnte er von einem spektakulären Erfolg der Naturwissenschaften reden. Innerhalb von nur drei Jahrhunderten hatte dieser die Staaten Europas zu den bei weitem reichsten und mächtigsten der damaligen Zeit gemacht. Nie genoss eine Bevölkerungsmehrheit so großen materiellen Wohlstand wie schon zu seiner Zeit, nie zuvor lebten Menschen so lange und konnten sich so gut gegen Krankheiten schützen, wie dies der Fortschritt der Wissenschaften in kürzester Zeit ermöglicht hatte. Und der technologische Fortschritt hatte Europa auch gewaltige Macht über den Rest der Welt verschafft. Bis 1914 beherrschte Großbritannien ein Viertel der gesamten Landfläche des Globus und errang im Jahr 1921 seine größte Ausdehnung. Insgesamt hatten die industriell aufgerüsteten Staaten eines geographisch winzigen westlichen Zipfel Eurasiens ganze Kontinente erobert (Nordamerika und Australien) und den Rest der Welt einschließlich der beiden Hochkulturen China und Indien ihrer Botmäßigkeit unterworfen. Niemand konnte daran zweifeln, dass die neuen, mit hohem naturwissenschaftlichen Sachverstand entwickelten Waffen die entscheidende Rolle spielten: Sie waren die unmittelbaren Früchte des neuen naturwissenschaftlichen Wissens und Könnens.

Aber Achtung, wie sehen diese Früchte denn heute aus

mehr als ein Jahrhundert nach Boltzmann? Wenn wir den ethischen Maßstab der Bibel und den wissenschaftlichen des großen Naturwissenschaftlers auf die heutige Situation anwenden, zu welchem Schluss müssen wir dann gelangen? Albert Einstein hatte damals die berühmte Formel von der Äquivalenz von Masse und Energie als Theoretiker auf ein Stück Papier geschrieben. Das war ein faustischer Akt, Mephisto aber war sogleich zur Stelle, um eine Frucht daraus zu machen, an der wir die Richtigkeit der Theorie erkennen. Seitdem leben wir mit jenem gewaltigen Arsenal an Massenvernichtungswaffen, mit der die Menschheit sich selbst mehr als hundertfach ausrotten kann. Kein Theoretiker hat dies gewollt, am wenigsten Einstein selbst, der dann später wie kein anderer vor der Wirkung der Bombe warnte und in einer Weltregierung die einzige Möglichkeit sah, mit die tödliche Bedrohung zu überwinden. Aber Disteln tragen nun einmal Dornen. Wenn wir der Logik von Boltzmann folgen, ist es uns nicht erlaubt, einseitig nur von den süßen Früchten der Naturwissenschaften zu schwärmen – dem historisch einzigartigen Reichtum, den sie einem nicht geringen Teil der Weltbevölkerung verschafften -, wir müssen auch den Mut aufbringen, ihre giftigen Früchte zu sehen.

Nein, dazu bedarf es inzwischen nicht einmal besonderen Muts

Eine heile Welt gibt es nur noch in Märchenbüchern, die reale steht derweil auf einer Vielzahl von roten Listen. Von Kalifornien über Australien und Indonesien bis nach Sibirien lodern die Wälder. Zur gleichen Zeit werden die Stürme immer heftiger und Überschwemmungen treten immer häufiger auf. Schon im Jahr 2006 beschwor der Stern Report die beängstigende Perspektive, dass die Landwirtschaft in Teilen Afrikas die Menschen dort nicht mehr ernähren kann und Millionen von Menschen die Festung Europa stürmen.

Doktor Faust, der kühne Theoretiker, hat die abstrakten

Formeln aufs Papier gekritzelt, welche dem modernen Menschen eine Herrschaft über die Natur verschaffen, die bis dahin als Vorrecht Gottes galt. Es war Mephisto an seiner Seite, der jene Tausende begnadeter Ingenieure verkörperte, welche die Geistesblitze der Theorie anschließend in die Tat umsetzte. Das waren, wie Boltzmann sagt, ihre logischen Beweise.

Beide zusammen, Doktor Faustus und Mephistoles, sein Kumpan, verkörpern die zwei Seiten des Menschen, dessen Taten aus guten wie giftigen Früchten bestehen. So zweifelt zum Beispiel niemand an den gewaltigen Fortschritten der Medizin, aber dieser Fortschritt hat uns nicht nur ermöglicht, das Leben um Jahrzehnte zu verlängern und uns bis ins hohe Alter gesund zu erhalten, sondern erlaubt uns ebenso, die Erbsubstanz lebender Wesen nach unserem Willen zu verändern. Schon steht Mephisto bereit, um uns einzuflüstern, dass wir dieses Können nun auch auf den Menschen selbst anwenden, um ein Geschlecht von pseudohumanen Robotern zu erschaffen, die sich als Frankensteinmonster entpuppen könnten. Solche Aussichten sind bedrückend. Unsere Erde wird zu einem furchtbaren Ort, solange wir nicht fähig sind, der überragenden Intelligenz von Dr. Faust und seinem Alter Ego Mephisto etwas ganz anderes an die Seite zu stellen, nämlich Sophia, die glücklicherweise in uns ebenfalls angelegte menschliche Weisheit. Im Sinne des Gemeinwohls muss – heute schon im Sinne des bloßen Überlebens auf einem zunehmend geschundenen Planeten – muss sie bindende ethische Regeln erlassen, um die Menschheit vor sich selbst zu schützen, nämlich vor den giftigen Früchten der wissenschaftlichen Intelligenz.

Denn – vergessen wir nicht – die Tat

ist nicht denkbar ohne den Zugriff auf die Dinge, d.h. auf die Natur und ihre Ressourcen. Ohne die Ausbeutung der in der Erdrinde verborgenen Reserven an Kohle, Öl und Gas hätte es die industrielle Revolution niemals gegeben. Mit gleichem Recht kann man diese daher auch als „fossile Revolution“ bezeichnen. Zu den giftigen Früchten der neuen naturwissenschaftlichen Weltsicht gehört deshalb auch, dass sie Taten von unglaublicher Brutalität gegen die Natur nach sich zog. In der Einleitung zu einem neuen bisher noch unveröffentlichten Buch gebrauche ich den folgenden Vergleich:

„Ist unsere gegenwärtige Situation nicht der einer siegreichen Armee zu vergleichen, die alle Beute eines eroberten Landes in kurzer Zeit an sich riss und sie nun in einem kurzen, besinnungslosen Festrausch verprasst? Seit Beginn der industriellen Revolution, die man mit gleichem Recht die fossile nennen kann, vergeuden wir den Reichtum der Erde und wollen nicht sehen, dass er nur noch für ein oder zwei Generationen reicht – und schon gar nicht wollen wir uns sagen lassen, dass unser Festmahl ringsherum überall Spuren von Gift hinterlässt: in der Luft, im Wasser und im Boden.“

Für empfindliche Ohren sind dies Kassandratöne,

welche die selbstgefälligen Lügen unseres staatlich geförderten „positiven“ Weltbilds gefährden. Doch die ökologische Krise ist eine Tatsache, an der die führenden Ökologen schon längst keinen Zweifel mehr lassen. Herman E. Daly, ehemaliger ökonomischer Mitarbeiter der Weltbank, der bis heute mit seinen Schriften vielen als die größte Autorität auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Erhellung ökologischer Zusammenhänge gilt, hat meiner Analyse seinen ausdrücklichen Beifall gezollt. „Lieber Herr Dr. Jenner, meinen Dank, dass Sie mir Ihr schlüssig begründetes, gut dokumentiertes und klar geschriebenes Buch geschickt haben. Ich hoffe, es wird weithin gelesen. Mit den besten Wünschen, Herman E. Daly.“

Von ökonomischen Experten hatte ich schon früher Lob für meine Schriften erhalten, nämlich von zwei ehemaligen deutschen Wirtschaftsweisen Bert Rürup und Gerhard Scherhorn. Die wohlwollende Beurteilung meiner neuen Arbeit durch Herrn Prof. Daly aber ist für mich besonders bedeutsam, weil ich nur wenige Wissenschaftler kenne, welche sich auch dann noch zur Wahrheit bekennen, wenn diese, wie Al Gore es ausdrückt, „unbequem“ ist und zudem noch gegen jenen Zwang zur politischen Korrektheit verstößt, der unser Denken mittlerweile immer mehr auf das Geleis der Selbstzensur zwingt.

Politisch korrekt ist mein Buch jedenfalls nicht

denn es kam mir nur darauf an, die Tatsachen „gut zu dokumentieren“, die Folgerungen aus ihnen „schlüssig zu begründen“ und möglichst „klar darüber zu schreiben.“ Wer allerdings politische Korrektheit verlangt, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, der schreckt vor manchen ihrer Aussagen zurück, auch wenn deren fachliche Unanfechtbarkeit von einem international gefeierten Ökonomen ausdrücklich gewürdigt wird. Frau Julia Womser, eine Lektorin des dtv-Verlags, mit der ich telefonisch die Zustellung des Manuskripts vereinbart hatte, scheint nicht einsehen zu wollen, dass inzwischen selbst Schülerinnen wie Greta Thunberg die Dramatik unserer heutigen Situation begreifen. Jedenfalls haben die Verstöße meines Buches gegen die politische Korrektheit die Dame offenbar so sehr empört, dass sie es nicht einmal für nötig hielt, die üblichen Formen der Höflichkeit zu wahren: Selbst nach schriftlicher Rückfrage – ein Monat nach Zustellung fragte ich nach, ob Interesse an der Arbeit bestehe – hielt sie es nicht für nötig, mir auch nur eine Antwort auf meine Frage zu erteilen.*1* 

Aber es stimmt ja: Das Buch „Wir schaffen das!“*2*

schreckt vor politischer Unkorrektheit durchaus nicht zurück. Es spricht nicht nur über den Klimawandel und seine jetzt schon klar erkennbaren Folgen ohne alle Beschönigung sondern ebenso über Migration, bedingungsloses Grundeinkommen und ähnliche Themen, die für viele Zeitgenossen zu Kampfbegriffen geworden sind, an denen man andere Menschen entweder als Gesinnungsgenossen oder als zu bekämpfende Feinde erkennt. Ich selbst habe mich nie von dem Standpunkt entfernt, dass sich wissenschaftliche Wahrheitssuche darin erweist, dass über jedes Thema sachlich gesprochen wird – unter sorgfältigem Abwägen des Für und Wider. Dabei geht es um eine offene Diskussion, denn Kritik ist die eigentliche Essenz und Antriebskraft jeder Wissenschaft. Was deren Geist grundsätzlich widerspricht, ist dagegen der populäre Shitstorm ebenso wie das heimliche Strippenziehen im Hintergrund. Letzteres habe ich im Hinblick auf das vorliegende Buch inzwischen auch schon erleben müssen. Ich erwähne diesen an sich für Unbeteiligte ganz unbedeutenden Vorfall aus dem einzigen Grund, weil es inzwischen auch zur politischen Korrektheit gehört, sich duckmäuserisch klein zu machen und Verstöße gegen das Ethos von Wahrheit und Wissenschaft feige zu verschweigen.

Ein Lektor und ein keineswegs unbekannter deutscher Wissenschaftler

sind, wie ich meine, der einen mit seinem guten Ruf, der andere mit seiner Reputation recht leichtfertig umgegangen – auch solche Folgen kann ein politisch unkorrektes Buch bewirken. Oder ist es nicht für den guten Ruf eine ernste Gefahr, wenn ein Lektor zwei Wochen nach meiner Anfrage, ob ein grundsätzliches Interesse an dem Buch bestehe, dem Autor einerseits bescheinigt, dass die „Buchidee .. natürlich zu uns passt und es sicher auch Wert /sic!/ ist, in Deutschland zu erscheinen“, nur um seine Mail dann mit der Standardfloskel zu schließen, „bitte werten Sie diese Absage nicht als Kritik an der Buchqualität.“ All dies, wohlgemerkt, ohne auch nur eine Zeile des Buches gelesen zu haben, denn Herr Hirsch kannte nur deren Titel und die wohlwollende Beurteilung durch einen renommierten Experten – das Manuskript selbst hatte er überhaupt nicht angefordert. Sehr wohl hat er aber von dem Manuskript durch Herrn Niko Paech gewusst, einen geschätzten Autor des Verlags, der das Manuskript von mir bekommen hatte und mich zu der lobenden Stellungnahme von amerikanischer Seite beglückwünschte – „so ein feedback vom Papst /der Wachstumskritik/ hätte ich auch mal gern…“ Prof. Paech wusste auch, dass ich mich an den oekom-Verlag wenden wollte, denn dies hatte ich ihm zuvor in zwei Mails mitgeteilt.*3*

Nun, derartige Intrigen und heimliche Absprachen im Hintergrund sind so alltäglich, dass es sich nicht lohnen würde, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Andererseits möchte ich mir nicht sagen lassen, dass ich aus Duckmäuserei davor die Augen verschließe. Offene Diskussion bedeutet auch, dass man diejenigen bei Namen nennt, die sich davor drücken und lieber hinter den Kulissen tuscheln. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Aber lässt sich denn über die Klimakrise überhaupt noch etwas sagen,

das denen, die informiert sein wollen, nicht ohnehin schon bekannt ist? Wohl eher wenig. Meinem Buch wird man nur in einer Hinsicht eine gewisse Originalität und Bereicherung der Diskussion zubilligen können. Wenn es stimmt, dass die Erschöpfung der Ressourcen und – mehr noch – die stetige Vergiftung der Umwelt durch die Rückstände der industriellen Prozesse (von denen CO2 ja nur eines unter inzwischen Hunderttausenden ist) eine noch weit größere Wende bedeutet als die beiden größten Revolutionen der Vergangenheit, die neolithische und die fossile. Und wenn es ebenso richtig ist, dass die notwendigen Maßnahmen zur Überwindung dieser welthistorischen Krise an und für sich einfach sind und der Wissenschaft wohlbekannt, wie ist es dann zu erklären, dass diese Maßnahmen auf so erbitterten Widerstand stoßen und wir dem Abgrund trotz Pariser Vertrag und unzähligen anderen Bemühungen de facto nur immer schneller entgegenschlittern? Diese Frage verlangt nach einer Antwort – und diese steht denn auch im Vordergrund meines Buches.

1 Man darf sich nicht wundern, dass es angesichts derartigen Verhaltens von Lektorenseite immer üblicher wird, dass Autoren ihre Manuskripte gleichzeitig an mehrere Verlagen senden – andernfalls müssen sie damit rechnen, bis ans Ende ihrer Tage auf eine Antwort zu warten.

2 Die englische Version, die als Kindle bei Amazon vorliegt, trägt einen besseren Titel: „Yes, we can – No, we must“.

3 Die gedankenreichen und oft herausfordernden Überlegungen von Prof. Niko Paech schätze ich sehr. Das war der Grund, warum ich ihm mein Manuskript zuschickte, wobei ich gleichzeitig um Fürsprache beim oekom Verlag bat, falls ihm die Arbeit gefalle, er sei dort mit seinem von mir mehrfach zitierten Buch ja ein geschätzter Autor. Diese Bitte habe ich dann ein zweites Mal ausgesprochen, nachdem er den Empfang des Manuskripts bestätigt hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass Herr Paech auf diese Bitte nicht reagierte. Jedenfalls wandte ich mich unmittelbar danach an Herrn Hirsch vom oekom Verlag, ob er an der Arbeit interessiert sei, dann würde ich ihm das Manuskript zuschicken. Das geschah sowohl in einer Mail wie am selben Tag auch telefonisch. Wenn er mein Publikationsangebot von vornherein ausschlagen musste, weil es keine freien Programmplätze mehr gab, dann hätte er mir dies am Telefon gleich sagen können – und müssen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Absage in Gestalt des üblichen Standardtextes, nämlich dass der Verlag schon andere Bücher in seinem Programm habe und ich das bitte nicht als Aussage über die Qualität meines Buches auffassen solle. Angesichts der Tatsache, dass Herr Hirsch das Manuskript nie bekommen hatte, war dies reine Verhöhnung. Nur Herr Paech, der geschätzte Autor des Verlages, hatte ihm innerhalb dieser beiden Wochen Auskunft über das Buch geben können – Herr Paech hatte zweimal von mir erfahren, dass ich mich an den oekom Verlag wenden wollte.

Der Vorfall ist an und für sich ganz bedeutungslos, verdient aber deswegen erwähnt zu werden, weil er das Gegenteil einer möglicherweise durchaus berechtigten Kritik an meiner Arbeit ist. Wäre diese offen und nicht auf diese „hinter-listige“ Weise vonseiten Herrn Paechs erfolgt, dann wäre ich dankbar dafür gewesen. Was Herrn Hirsch betrifft, so sind Verlage private Unternehmen und haben daher das Recht, auch ohne Angabe von Gründen, anzunehmen oder abzulehnen, wen oder was sie wollen, doch gibt es Regeln der Anständigkeit, die auch ein Herr Hirsch einhalten sollte. Im Hinblick auf Herrn Paech gilt grundsätzlich die Unschuldsvermutung. Immerhin ist bei Gott alles möglich – vielleicht hat der Erzengel Gabriel Herrn Hirsch Einsicht in mein Buch verschafft, sodass er sich in den zwei Wochen ein sachlich fundiertes Urteil darüber bilden konnte.

.

Von Robert Menasse erhielt ich die beiden Mails:

Lieber Gero, gibt es mittlerweile eine Perspektive, wo das Buch nun doch erscheinen wird? Herzliche Grüße, Robert

und:

Lieber Gero, ich hoffe, dass Du das Buch noch nicht herumgeschickt hast. Heute als Autor selbst ein Buch an Verlage zu schicken, ist zu 99% aussichtslos. (Deine 5% sind viel zu optimistisch). Nein, Du musst das Buch einem Agenten/einer Agentin geben. Eine Agentur findet den Verlag, in deinem Fall bei dieser Thematik mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Kennst Du Agenturen? Herzlich, Robert

Leben wir noch in einer Demokratie?

Wir bemessen diese Staatsform vor allem an dem Ausmaß an Freiheit, das eine Regierung ihren Bürgern gewährt. Aus dieser Sicht ergibt sich ein ebenso helles wie düsteres Bild. Niemand hindert mich daran, auch die abwegigsten Meinungen zu vertreten, sogar zum Sturz der Regierung darf ich öffentlich aufrufen, sofern das ohne Beleidigung konkreter Personen und ohne Aufkündigung der demokratischen Verfassung geschieht. Das ist keinesfalls selbstverständlich. In Putins Russland sehen wir Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwinden, in China werden sie unter geklärten Umständen aus dem Wege geräumt. Überdies herrscht in Staaten wie Deutschland und Österreich nicht nur die Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, ebenso wenig ist mir verboten, mein Leben weitgehend nach eigenem Belieben zu gestalten. Ich kann als Single oder in einer homosexuellen Beziehung leben, als akzeptierter Aussteiger irgendwo in der Provinz oder mit langen Haaren oder Ganzkörpertätowierung auf mich aufmerksam machen. In der führenden Demokratie des Westens, in den USA, darf ich sogar Bücher veröffentlichen, in denen ich in allen Einzelheiten beschreibe, wie man am besten die Safes in den Villen der Reichen knackt. Ebenso darf ich die Werkzeuge verkaufen, die dazu am besten geeignet sind. Untersagt ist mir nur die Verwirklichung solcher Rezepte oder die praktische Anwendung der dazu dienlichen Instrumente.

Diese Unterscheidung gilt in den USA allgemein. Kein Gesetz verbietet mir, mich offen zu Hitler, Stalin oder Pol Pot zu bekennen, solange ich keine konkreten Schritte unternehme, um deren Vorstellungen in die Praxis zu übersetzen. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte lehrt, dass es individuelle Freiheit, wie sie in den USA oder generell in zeitgenössischen Demokratien als selbstverständlich erscheint, niemals in gleichem Umfang gegeben hat.

Wir haben daher guten Grund,

dafür dankbar zu, dass wir nicht in Putins Russland oder im China Xi Jinpings zuhause sind, denn da müssten viele, die mit ihren eigenen Meinungen nicht hinter dem Berg halten wollen, ihr Leben in einer Gefängniszelle verbringen – sofern ihnen nicht sogar Schlimmeres droht. Das sind Tatsachen, über die sich kaum streiten lässt. Und dennoch wird man wohl sagen müssen, dass eine solche Dankbarkeit wenig verbreitet ist und bei vielen sogar auf hämisches Lächeln stößt. Eine solche Reaktion scheint erstaunlich, aber ist nicht schwer zu verstehen – wie uns ein weiterer Blick auf Russland zeigt, nämlich der internationale Erfolg von RT oder Russia Today. Es fällt nämlich auf, wie viele ausgewiesene westliche Intellektuelle dort regelmäßig einen Auftritt haben – und zwar nicht nur solche, welche der Politik des neuen russischen Zaren mit Sympathie gegenüberstehen. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ein größeres Publikum mit ihren Gedanken vertraut zu machen, denn die Medien ihres eigenen Landes verweigern ihnen diese Plattform.

Ja, es trifft immer noch zu, dass in westlichen Demokratien

alles gesagt werden darf. Niemand stopft bei uns seriösen Denkern das Maul, sogar lästige Oppositionelle, freischwebende Spinner, radikale Weltverbesserer oder unverbesserliche Reaktionäre dürfen sich ungehindert zu Worte melden – die Frage ist nur, ob das Gesagte überhaupt noch gehört werden kann.

Genau das ist in immer geringerem Maße der Fall. Die Konzentration der Medien in wenigen Händen hat in den Staaten des Westens – allen voran in den USA – einen so hohen Grad erreicht, dass Meinungen von einer Handvoll Pressemogulen gesiebt und gesteuert werden und nur die von ihnen als politisch korrekt bewerteten überhaupt eine Chance haben, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das verbleibende Forum für Meinungen ist das Internet, wo sich bis heute eine nahezu vollkommene individuelle Freiheit ausleben darf, das aber geschieht um den Preis, dass die meisten von ihnen ungehört und unbeachtet im Nichts verhallen. Die nahezu absolute Freiheit auf sozialen Plattformen wie Facebook etc. verträgt sich zwanglos mit einer undemokratischen Steuerung der medienwirksamen Meinung. Endstation dieser Entwicklung könnte sehr wohl eine De-facto-Meinungsdiktatur sein.

Die Tatsache, dass hochrangige US-amerikanische Intellektuelle wie Noam Chomsky in ihrem eigenen Land keine Plattform finden und in RT auftreten, wenn sie gehört werden wollen, deutet darauf hin, dass der Weg in diese Richtung bereits geebnet ist.

Die westlichen Gesellschaften leiden an einem Paradox

Einerseits geht es den dort lebenden Menschen so gut wie niemals zuvor. In keinem System werden sie materiell so verwöhnt wie in der modernen Wohlfahrtsgesellschaft. In früheren Gesellschaften sind Menschen regelmäßig verhungert – wie wir wissen, ist das in manchen anderen Teilen der Welt auch heute noch der Fall. Dagegen tritt ein vorzeitiger Tod bei uns am ehesten aufgrund von Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten ein.

Andererseits erleben wir einen Prozess der schleichenden Entmachtung des demokratischen Souveräns. Dass die eigene Stimme immer weniger zählt, ist vielen deutlich bewusst; der Trend zur Wahlenthaltung legt davon ein unübersehbares Zeugnis ab. Im Hinblick auf die eigene Wahlentscheidung haben die Menschen das gleiche Gefühl wie im Hinblick auf die eigene Meinung: Beide können zwar ungehindert geäußert werden, aber letztlich kommt es kaum darauf an. An den Verhältnissen vermag die eine ebenso wenig wie die andere zu ändern.

Ist diese Resignation berechtigt

oder deutet sie nur auf eine Übersättigung mit Wohltaten hin, die man als selbstverständlich hinnimmt? Es liegt doch immer noch an der Entscheidung des Wählers, ob Frau Merkel oder die AfD, Bernie Sanders oder Donald Trump an die Macht gelangen! Und der Wähler hat es nach wie vor in der Hand, seine Stimme eher für Parteien abzugeben, die ein soziales Regime wie in Schweden oder ein dezidiert neoliberales wie in Großbritannien verwirklichen wollen. Solche Alternativen sind doch bedeutungsvoll! Der demokratische Souverän hat es weiterhin in der Hand, sich mit seiner Stimme für größeren sozialen Frieden im Inneren und größere Achtung von außen einzusetzen.

Und dennoch ist die Ahnung, dass auch die Staaten des Westens ihren Bürgern immer weniger Mitentscheidung über das eigene Schicksal gewähren, mehr als nur Illusion. Wären die Menschen in den demokratischen Staaten des Westens wirklich die Schmiede ihres eigenen Glücks, dann müsste das Barometer der Zufriedenheit in Schweden oder Großbritannien einen höheren Wert als im autokratischen China aufweisen (vor der Corona-Epidemie). Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit der Chinesen blickt der Zukunft mit Optimismus entgegen, die Menschen in westlichen Staaten – gleichgültig ob unter linken oder rechten Regierungen – mit Sorge und Angst.

Aber lassen wir die Psychologie beiseite,

da sie großen Schwankungen unterliegt, und wenden wir uns stattdessen jenen objektiven Bedingungen zu, welche die demokratische Freiheit in zunehmendem Maße begrenzen. Gleichgültig ob demokratisch regiert oder nicht, sämtliche Staaten sehen sich heute dem Zwang ausgesetzt, ihre eigene Politik beständig an der des erfolgreichsten Wettbewerbers zu bemessen und auszurichten. Nicht nur die neuesten Erfindungen der Technik, sondern auch die der effizientesten Organisation von Arbeit oder der wirksamsten Art, die Produktionsstätten internationaler Konzerne ins eigene Land zu locken, verbreiten sich wie ein Lauffeuer über den Globus. Große Unternehmen haben der Konkurrenz schon immer die wirksamsten Strategien abgeschaut, um nur ja nicht zurückzufallen. Dieser äußere Zwang ist so stark, dass sie auf die Bedürfnisse der eigenen Belegschaft wenig oder gar keine Rücksicht nehmen. Doch dasselbe machen heute auch Staaten, die sich immer mehr so verhalten, als wären sie nichts anderes als eine Art Megakonzerne. An die Stelle der demokratischen Eigenbestimmung ist auf diese Weise die undemokratische Fremdbestimmung von außen getreten.

Die fortschreitende Einschränkung der demokratischen

Eigenbestimmung ist keine Machenschaft böswilliger Verschwörer gegen die Demokratie – sie ist das Ergebnis realer Zwänge. Wenn es Deutschland und Österreich nicht gelingt, durch einen Vorsprung an Innovation auf den globalen Märkten präsent zu sein, wird es seinen gegenwärtigen Lebensstandard nicht halten können. Beide Staaten müssen also, um auch weiterhin an der Spitze zu bleiben, ihre Bevölkerung demselben Leistungsdruck und schließlich auch denselben Arbeitsbedingungen unterwerfen wie die erfolgreichsten ihrer Mitbewerber. Sie müssen sogar dieselbe Konzentration von Banken und Konzernen zulassen, sobald Größe im globalen Wettbewerb zu einem Vorteil wird.

Und mehr noch: sie können sich nicht einmal dagegen wehren, ihre eigenen Industrien aufzuopfern, wenn sie dazu von außen gezwungen werden. Die Politik der Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien ist nicht etwa deswegen erfolgt, weil der demokratische Souverän, die Regierung oder selbst die deutschen Industriebosse dies so wollten, sondern weil ihnen dieses Vorgehen von ihrem mächtigsten Wettbewerber diktiert worden ist. Nachdem die Vereinigten Staaten diesen Schritt als erste vollzogen und sich dadurch einen gewaltigen Preisvorteil verschafften, blieb den Europäern nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, andernfalls hätten europäische Produkte auf dem Weltmarkt mit amerikanischen nicht länger konkurrieren können.

Warum spielt der Gegensatz von linkem und rechtem Lager

nach Tony Blair in England oder Gerhard Schröder in Deutschland eine immer geringere Rolle? Keineswegs deshalb, weil diese beiden weltanschaulichen Positionen ihre Geltung eingebüßt hätten. Es macht nach wie vor einen großen Unterschied, ob wir ein Maximum an materieller Gleichheit oder ein Maximum an Freiheit verwirklich wollen. Der Bedeutungsverlust beider Positionen liegt vielmehr daran, dass der einzelne Staat sie gegen die von der Globalisierung ausgehenden Zwänge nicht länger oder nur in sehr eingeschränktem Umfang durchzusetzen vermag. Durch Globalisierung, d.h. weltweiten Wettbewerb, wird der Freiraum für den demokratischen Souverän immer stärker beschnitten. Freiheit existiert nur noch dort, wo es weder um die ökonomische und militärische Stellung einer Nation noch – damit aufs Engste verbunden – um den Lebensstandard der Bevölkerung geht. Österreich konnte sich bei der Wahl seines Präsidenten zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer entscheiden – ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis. Im Frankreich von Francois Hollande konnten Millionen von Menschen für oder gegen die Homoehe auf die Straße gehen – der durch den globalen Wettbewerb ausgelöste Zwang von außen spielte nur insofern eine Rolle, als die Entscheidung für diese Form menschlichen Zusammenlebens in den führenden Staaten des Westens als „progressiv“ einge­schätzt wird. Aber auf den französischen Lebensstandard hätte auch eine Entscheidung gegen die Homoehe keinen Einfluss ausgeübt.

Dagegen hängt es in einer globalisierten Welt

nicht länger von der Entscheidung des demokratischen Souveräns einzelner Staaten ab, ob die Wirtschaft ihres Landes weiterhin einen Pfad des Wachstums verfolgt oder nicht, ob sie von internationalen Konzernen und Banken beherrscht wird oder nicht, ob die Forderungen Greta Thunbergs in ihrem Land zur Anwendung gelangen oder nicht.

Nein – diese Feststellung bedarf der Korrektur. Es hängt immer noch vom demokratischen Souverän ab, denn er hätte theoretisch sehr wohl die Möglichkeit, eine Regierung zu wählen, welche alles weitere Wirtschaftswachstum und damit alle weitere Steigerung des Ressourcenverbrauchs verbietet. Eine demokratische Mehrheit könnte dem eigenen Land sogar eine radikal-grüne Wende verordnen, indem sie unseren gegenwärtigen ökologischen Fußabdruck von mehr als zwei Globen durch eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaft auf den nachhaltigen Verbrauch eines einzigen reduziert. Was das heißt, ist den Experten seit langem bekannt: wir müssten uns zu einer Politik des radikalen Verzichts entschließen.

Doch genau diesen Schritt wird kein einzelner Staat vollziehen

Nicht deswegen, weil seine Regierung oder die Bürger zu dumm dazu wären, seine Notwendigkeit zu erkennen. Schließlich ist der Mensch niemals so töricht gewesen, dass er freiwillig den eigenen Garten verwüstet, wenn er sein Überleben dessen Früchten verdankt. Die wirkliche Situation ist viel schwieriger und viel dramatischer. Der demokratische Souverän verurteilt sich selbst zur Ohnmacht, weil zwei einander entgegengesetzte Erkenntnisse die gleiche Macht über ihn besitzen.

Jeder halbwegs informierte Mensch möchte der ökologischen Zerstörung lieber heute als morgen ein Ende setzen. Aber jeder ist sich zugleich bewusst, dass es dem eigenen Staat – und genauso auch der Natur – gar nichts nützen würde, wenn wir ein Exempel statuieren, das die anderen nicht befolgen. Das gilt für den nachhaltigen Umgang mit der Natur ebenso wie mit dem Umgang mit immer tödlicheren Waffen. Derjenige Staat, der ein christliches Beispiel setzt, indem er von einem Tag auf den anderen seine ganze atomare Rüstung verschrottet, gerät schon am folgenden Tag unter die Kuratel der Schurken, die nicht einen Augenblick daran dachten, ihm dabei zu folgen. Das im Vergleich zu den USA, Russland und bald auch China militärisch lächerlich schwache Europa, das diese Schwäche gern als Beweis für eine moralisch höhere Stellung wertet, könnte diese Haltung einmal bitter bedauern, nämlich dann, wenn es aufgrund seiner Schwäche (wie zuvor schon so viele andere militärisch wehrlose Staaten) zum nächsten Kriegsschauplatz zwischen den Supermächten wird.*1*

Die Fremdbestimmung des demokratischen Souveräns

ist eine Tatsache, der gegenüber die Eingriffe der Brüsseler Kommission in die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu einer Nebensache verblassen. Industriestaaten wie Deutschland oder Österreich lassen sich in allen heute wirklich zentralen Fragen der nationalen Existenz das eigene Handeln von den im globalen Wettbewerb jeweils führenden Staaten ganz genauso diktieren, wie jedes erfolgreiche Unternehmen fortwährend auf seine Konkurrenten blickt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Beständiges Wachstum und der damit verbundene Ausverkauf der Natur bleiben solange kategorische Imperative staatlichen Handelns, wie sie dem einzelnen Staat im Wettrennen der Nationen größere ökonomische Macht und seinen Bürgern einen höheren materiellen Lebensstandard verschaffen. Staaten, die sich von diesem Trend abkoppeln würden, fallen auf das Niveau von Entwicklungsländern zurück oder sehen sich sogar unter die „failed nations“ gereiht.

Diese Angst vor dem Abstieg erklärt, warum zwar jedes Jahr lauter über die Notwendigkeit grüner Politik geredet wird, aber der CO2-Ausstoß – und generell die Naturzerstörung – dennoch mit jedem Jahr größer wird. Jeder halbwegs gebildete Mensch ist sich bewusst, dass fortschreitendes Wachstum – ökonomisch wie militärisch – die Menschheit immer näher in Richtung des eigenen Ruins sowie den des Planeten führt, aber solange das Wettrennen der Nationen anhält, ist keine von ihnen in der Lage, dagegen ernsthaft etwas zu unternehmen.

Die Frage, ob wir noch in Demokratien leben,

lässt daher eine doppelte Antwort zu. Ja, wir haben noch den Ermessensspielraum uns für Merkel und gegen Höcke, für Van der Bellen und gegen Hofer zu entscheiden – und das ist ungeheuer viel. Aber wenn wir nicht von anderen ökonomisch an den Rand gedrückt oder militärisch beherrscht werden wollen, müssen wir uns dem jeweils erfolgreichsten „Vorbild“ anpassen – mit anderen Worten nicht nur einen wesentlichen Teil der eigenen demokratischen Selbstbestimmung gegen eine Bestimmung von außen eintauschen, sondern dies noch dazu in dem Bewusstsein tun, dass es genau dieses Wettrennen ist, welche uns alle zusammen ins Unglück stürzt.

Diese Einsicht läuft auf ein Eingeständnis eigener Ohnmacht hinaus. Aber wir müssen den Mut zur Wahrheit aufbringen, denn nur dann besteht Hoffnung, dass wir einen Ausweg finden. Der kann nur darin bestehen, dass in allen Staaten ein Bewusstsein und die Bereitschaft dafür entsteht, auf einen Teil der eigenen Souveränität zu verzichten, um so das unselige Wettrennen zu beenden, das alle mit der Zerstörung des gemeinsamen Lebensraums und der nuklearen Selbstvernichtung bedroht. Das Wettrennen der Nationen zwingt uns bis heute zu einem unfreiwilligen Verzicht auf Selbstbestimmung, der alle zusammen ins Unglück stürzt. Die bewusste Abtretung von Souveränität zugunsten einer transnationalen Instanz wird uns in Zukunft zu einem freiwilligen Verzichtbewegen, der dieses Unglück verhindert. In einer globalisierten Welt, wo jeder Staat alle anderen durch Ressourcenverbrauch und Umweltvernichtung in Mitleidenschaft zieht, darf Entwicklung nicht länger unabhängig von unseren Bedürfnissen und Absichten verlaufen, denn dann verkommt Demokratie zur Farce. Herr des eigenen Schicksals wird der Mensch erst dann wieder sein, wenn alle in gemeinsamer Verantwortung das kleine Boot bewirtschaften, das (trotz Mars und Mond) wohl immer das einzige für uns bleiben wird.

1 Wie ungern ich diesen Satz ausspreche, denn auf einem Globus, der ohnehin schon einem Pulverfass gleicht, bedeutet jede zusätzliche Atombombe einen weiteren Schritt in Richtung Apokalypse. Nur ist eben der strikte Pazifismus in einem Haibecken auch keine klügere Politik. Das globale Wettrennen der Nationen hat die Menschheit in eine Situation manövriert, aus der sie nur noch eine übernationale Instanz erlösen kann, die eben dieses Wettrennen beendet. Es gibt kein wahres Leben im falschen.

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William E. Rees gewidmet Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen weiterlesen

Das Ende des Kapitalismus – so kinderleicht, so unendlich schwierig!

Wie eine künftige Weltgesellschaft aussehen müsste, die sich im Frieden mit der Natur befindet, wissen wir dank vieler einschlägiger Forschungen ziemlich genau. Viel weniger gut wissen wir, wie wir uns eine Gesellschaft vorstellen sollen, die sich im Frieden mit sich selbst befindet – darüber streiten Religionen, Philosophen, Sozialrevolutionäre seit mindestens dreitausend Jahren. Nur die wenigsten sind sich allerdings bewusst, dass die Forderungen, die sich aus dem Frieden mit der Natur ergeben, bereits einen so tiefgreifenden und radikalen Einschnitt bedeuten, dass ihre Verwirklichung eben nicht nur unseren Umgang mit der Natur, sondern auch die Gesellschaft selbst – ihre Erwartungen und Ideale – grundlegend verändert. Es lohnt sich deshalb, über den Frieden mit der Natur nachzudenken, einen Frieden, den die Menschheit noch in diesem Jahrhundert, ob sie will oder nicht, einzig um ihres Überlebens willen verwirklichen muss! Das Ende des Kapitalismus – so kinderleicht, so unendlich schwierig! weiterlesen

Wirtschaft ohne Wachstum – warum das gegenwärtige Wirtschaftssystem eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit ausschließt

Dieser Artikel wurde in „Eurokalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise!“ leider fehlerhaft abgedruckt.

Seit der Club of Rome 1972 zum ersten Mal die Folgen eines grenzenlosen Wachstums auf dramatische Weise beschwor, wurde weltweit das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Wachstum und Naturvernichtung geschärft. Doch schon damals war vielen klar: Misstrauen, das man gegen das Wachstum schürt, muss auch den richtigen Gegner treffen. Wachstum an sich ist kein Übel. Wirtschaft ohne Wachstum – warum das gegenwärtige Wirtschaftssystem eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit ausschließt weiterlesen