Warum ich leider nicht modern bin – Plädoyer für ein machofrei deutsch Neusprech

Um eines gleich zu Anfang klar zu stellen, ich halte es für eine der wenigen wirklich großartigen Errungenschaft unserer Zeit, dass die Frauen dem Manne gleichgestellt werden sollen (sie sind es ja noch nicht). Jeder, der daran etwas ändern will oder sich diesem Fortschritt verweigert, sollte nicht nur als Macho sondern schlicht als ein Dummkopf gelten, denn er hat nicht einmal begriffen, dass die Frauen den Männern heute schon an den Universitäten den Rang ablaufen. Niemand wird mich daher mit jenen Betonköpfen aus dem Lager rechtsaußen verwechseln, die ihre Patriarchenrolle nur zu gern auch heute noch weiterspielen.

Aber muss man die Sprache dafür büßen lassen,

dass der Mann seine Stellung so lang missbrauchte? Nein, in dieser Hinsicht will ich nicht modern sein. Ich werde auch weiterhin von Nutzern, Menschen und Mitgliedern reden. Ich werde mich also weigern, Worte wie Nutzer*Innen zu verwenden, weil ich dann auch Mensch*Innen oder gar Mitglied*Innen sagen müsste. Aus dem gleichen Grund halte es auch für unnötig, die Sprache mit Klammern zu verunzieren wie etwa ein(e) gute(r) Kolleg(e/in). Ich nehme in Kauf, damit militante Feministinnen beiderlei Geschlechts vor den Kopf zu stoßen, denen eine solche Weigerung meinerseits völlig genügt, um auf den Macho in mir zu schließen und vielleicht sogar noch den Kryptosexisten in mir zu entdecken. Den Feldzug gegen die Sprache der Patriarchen sehen diese Eiferer(innen) ja als ihre Lebensaufgabe an und alle, die sich dem „Gendering“ widersetzen, als ihre persönlichen Feinde.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen,

dass wir uns auf diesem Gebiet so lächerlich machen, wie schon Mark Twain feststellte, als er sich darüber lustig machte, dass es im Deutschen wahlweise DER Kopf, DIE Birne oder DAS Haupt heißen kann? Wie kann ein und dasselbe Objekt, in diesem Fall der menschliche Schädel, so fragte sich Twain, im Deutschen sowohl eine Affinität zum Weiblichen wie zum Männlichen oder zu einer Sache aufweisen? Offenbar geht diese Unterscheidung auf radikale Antifeministinnen in der Urzeit der indogermanischen Sprachen zurück. Mit gleichem Eifer, wie man heute alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufheben will, haben unsere fernen Ahnen damals eine Entdeckung gefeiert, die ihnen vermutlich als epochal erschien. Sie glaubten, als durchgängiges Wirklichkeitsprinzip die Differenz der Geschlechter entdeckt zu haben. DIE Stute, DER Hengst, DAS Fohlen setzten sie zu den Unterschieden in Beziehung, die sie an sich selbst entdeckten: DIE Frau, DER Mann, DAS Kind. Aber nicht genug damit. In ihrer Besessenheit von dieser Entdeckung dehnten sie diese Dreiteilung nicht nur auf alle belebten Dinge aus sondern selbst noch auf die unbelebten.  Vermutlich gab es bei ihnen schließlich einige Sexisten, die nun das weibliche Wort DIE Mähne oder DIE Gurke nicht auszusprechen vermochten, ohne dass eine Vulva in ihrem Unterbewussten aufblitzte oder ein Penis, wenn sie männliche Wörter wie DER Baum, DER Salat oder DER Strauch vor Augen hatten.

Ich selbst war schon frühzeitig nicht sonderlich modern

Ich kann mich erinnern, dass schon in den sechziger Jahren, als ich noch studierte, fragebogenbewehrte Mitstudenten auf Gesinnungsschnüffelei ausgingen. Mich wollte einer von ihnen damals überzeugen, dass es absolut keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen gebe. Er hatte ja recht – die noch bestehenden Unterschiede waren schon damals in stetem Rückgang begriffen. Inzwischen sorgt hormongesättigte Fleischnahrung dafür, dass Männern die Brüste wachsen, während sie bei Frauen ihre frühere Üppigkeit sichtbar verlieren. Die Unterschiede sind also ganz objektiv im Schwinden. Was die untere Etage betrifft, so können wir auch in diesem Punkte beruhigt sein. Die hartnäckig noch fortbestehenden sogenannten primären Geschlechtsmerkmale lassen sich inzwischen operativ ziemlich mühelos korrigieren.

Aber es stimmt:

Die deutsche Sprache ist immer noch eine Bastion der Rückständigkeit, da sie so viele Überbleibsel des petrifizierten Machismos birgt. Wenn es schon schwer zu ertragen ist, dass es DER Mensch und nicht DIE Mensch(in) heißt, warum dann nicht auch DEN Nagel aus seiner Zwangsjacke erlösen, indem man ihn forsch zu einer Nagel(in) macht? Die Wirklichkeit ist ja leider schwer zu verändern – immer noch verdienen Frauen merklich weniger als die Männer -, aber die Sprache leistet keinen Widerstand, da können die Eiferer ihre Macht austoben. Sie tun es mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und mit gezücktem Skalpell. Da wird es nun in der Tat auch so richtig grauslich. Waren es zuerst nur sternäugige Idealist(in)en, die aus dem Menschen eine Mensch(in) machten, traten nun auch die Professor(inn)en auf den Plan und brachten System in die Sache. Und schließlich kam dann der Staat, denn die deutsche (österreichische) Bürokratie ist ja niemals faul, wenn es darum geht, zu regulieren und zu verbieten. Vor dem von oben verordneten Gendering haben Denk- und Sprachfreiheit keine Chance.

Ich bin in diesem Punkt leider gar nicht modern,

denn ich behaupte, dass diese Hässlichkeitschirurgen, die da so eigenmächtig mit ihrem operativen Besteck am lebendigen Leib der Sprache schnippeln, in Wirklichkeit unwissende Irre(innen) sind. Denn sie wissen schlicht nicht, was sie da tun. Mag Benjamin Lee Whorf ruhig das Gegenteil behaupten (denn Beweise hat er ja nie geliefert), es ist einfach nicht wahr, dass sprachliche Formen einen nachweisbaren Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Das indische Sanskrit und die meisten Folgesprachen des Subkontinents gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, welche genau wie das Deutsche die übliche Dreiteilung in Männlich, Weiblich, Sächlich praktizieren. Das Chinesische hingegen gehört zu den Sino-Tibetischen Sprachen und ist ganz frei von aller geschlechtsbezogenen Klassifizierung. Dennoch lässt sich im Hinblick auf die patriarchalische Herrschaft des Mannes kaum ein Unterschied in der Vergangenheit beider Kulturen erkennen. Frauen der oberen Schicht waren hier wie dort genötigt, dem Mann durch Selbstmord ins Grab zu folgen. In China wurden sie überdies noch leiblich an den Füßen verstümmelt, damit sie – stark behindert in ihrer Bewegung – dem Mann als puppenhafte Prestigeobjekte dienten. Der radikale Unterschied zwischen den beiden Sprachen hat also nachweislich nicht die geringste Auswirkung auf das Verhalten geübt. Ein deutlicherer historischer Beweis gegen den Unfug der modischen Sprachmalträtierung lässt sich kaum führen.

Nein, diese Art von Modernität

ist mir zuwider, denn es kommt auf das Verhalten an und nicht auf sprachliche Formen, bei denen sich niemand mehr etwas denkt. Oder wird jemand ernsthaft behaupten, dass DIE Gurke uns an Brüste denken lässt und DER Tisch an einen Knaben? Und wenn die blindwütigen Eiferer schon nichts von der Vergangenheit Chinas oder Indiens wissen wollen, warum werfen sie ihren Blick dann nicht in die Gegenwart? Genau wie das Chinesische hat das Englische schon vor Jahrhunderten das indogermanische Erbe der Dreiteilung getilgt. DER Bleistift und DIE Füllfeder sind bei uns männlich bzw. weiblich, während pencil und fontain pen im Englischen völlig geschlechtslos sind. Hat diese radikale Abwendung vom indogermanischen Paradigma einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen in der englischen Sprachgemeinschaft gehabt? Das wird man bezweifeln dürfen, denn man muss sich doch fragen, warum  gerade in den USA mit ihrer offiziellen Prüderie und einer inoffiziell blühenden Pornokultur Heuchelei in sexuellen Dingen so tief verwurzelt ist? „Bloody“ und vor allem „fucking“ gehören dort zu den am häufigsten verwendeten Alltagswörtern, aber aus der Struktur des Englischen kann man diese Neigung eben gerade nicht herleiten. Zu denken sollte auch geben, dass sexuelle Übergriffe, wie sie die MeToo-Bewegung anprangert, gerade im englischen Sprachraum – weit mehr als im deutschen – bis vor kurzem zu den Vorrechten des Mannes gehörten. Wiederum sucht man vergebens nach einer Verbindung zur Struktur der Sprache.

Die Sprachverhunzer(innen) richten aber noch zusätzlichen Schaden an,

weil sie das, was sie vermeiden wollen, im Gegenteil zusätzlich verstärken. Der „generische Plular“ sorgte im Deutschen bisher dafür, dass jeder unter „Schülern“ selbsterständlich sowohl männliche wie weibliche (Exemplare) verstand. Nachdem die Spracheiferer aber damit begonnen haben, auf dem doppelten Ausdruck „Schüler und Schülerinnen“ oder „Schüler(innen) zu bestehen,  wird dieses Verständnis zunehmend in den Hintergrund gedrängt, sodass man unter Schülern tatsächlich nur noch die männlichen (Exemplare) versteht. Es ist schon abzusehen, dass wir in sämtlichen philosophischen Texten, wo bisher von „dem Menschen“ die Rede war, in Zukunft die Doppelbezeichnung „der Mensch und die Menschin“ bzw. (der/ die) Mensch(in) verwenden müssen. Dieses Unglück verdanken wir den emsigen Sprachverhunzer(innen).

Da wir aber gerade beim Englischen waren

Dieser Sprache ist es gelungen, die leidige Klassifizierung nach de(m/r) Geschlecht(in) schon vor Jahrhunderten in aller Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die man/frau hierzulande so anfällig ist. Ganz ohne das Zutun von Feminist(in)en hatte die englische Sprache die drei geschlechtsbezogenen Artikel(innen) – die Entsprechungen zu DER, DIE, DAS/ EINER, EINE, EINES – zu einem einzigen geschlechtslosen zusammengefasst: THE/ A, wodurch es sich nicht nur alle weitere Mühe sondern auch noch sprachwütige Feminist(inn)en beiderlei Geschlechts ersparte.

In ein machofrei deutsch Neusprech übersetzt, würde der voraufgehende letzte Absatz etwa folgendermaßen lauten:

Also, da wir gerade bei Englisch sind. De Sprache ist gelungen, de leidig Klassifizierung nach de Geschlecht schon vor Jahrhunderten in all Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die se hierzulande so anfällig sind. Ganz ohne de Zutun von Feministe hatte de englisch Sprache die drei geschlechtsbezogen Artikel zu ein einzig geschlechtslos zusammengefasst – und ersparte sich damit all weiter Mühe und noch dazu de sprachwütig Feministe.

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PS: Leider muss man auch immer damit rechnen, missverstanden zu werden. Ich halte es nicht nur für richtig, sondern im Sinne der Gerechtigkeit auch für unbedingt geboten, dass der Text der österreichischen Nationalhymne geändert wurde. Dort hieß es: „Heimat bist du großer Söhne,Volk, begnadet für das Schöne.“ Das deutsche Wort „Söhne“ ist kein generischer Plural, der auch die Töchter umfasst, sondern es sind hier ausschließliche männliche Wesen gemeint – und darin liegt eine unverzeihliche Missachtung der Frau. Hier geht es also um die Sache und nicht um den sprachlichen Ausdruck.

Leider ist es inzwischen so weit gekommen, dass zwischen beiden kaum mehr unterschieden wird. Die Rechtsextremen haben das Thema für sich entdeckt und zum Stammtischfutter für dürftige Geister gemacht. Doch so wie ich mich weigere, auf deutsche Sprache und Musik zu verzichten, nur weil Hitler beide für seine Zwecke missbrauchte, werde ich mich nicht davon abhalten lassen, sine ira et studio über Missstände zu reden, die nicht schon deswegen akzeptiert werden müssen, weil Finsterlinge darüber ihre finstere Meinung haben. Prompt habe ich denn auch ein Lob von der falschen Seite bekommen, das mich, obwohl mit dem Segen Gottes verknüpft, keineswegs froher stimmt:

Sehr geehrter Herr Jenner, danke für Ihr Schreiben! Wie gut, dass Sie der Mode widersprechen die auch viele Leute der Kirche mitmachen. Und ergänzend: Auch im Ungarischen gibt es keine der-die-das. Es bleibt auch ohne dies schwer genug! Gott segne Sie! + Andreas Laun, Weihbischof emertius in Salzburg.

Bischof Laun hatte sich anlässlich der letzten österreichischen Präsidentenwahl für Norbert Hofer von der FPÖ ausgesprochen und den mit Recht von allen hochverehrten Alexander van der Bellen als „links-extremen Kandidaten“ geschmäht. Sollten wir auf selbständiges Denken über gewisse Themen besser verzichten, weil diese von der falschen Seite besetzt worden sind? Muss ich, weil ich für Alexander van der Bellen und mit aller Entschiedenheit gegen Leute wie Norbert Hofer bin, für die Verhunzung der Sprache sein? Ich glaube, wir sollten uns unser Denken von keiner Seite diktieren lassen – weder von rechts noch von links oder irgendwelchen anderen Ideologen. Ich werde mir jedenfalls auch künftig erlauben, Freunden heftig zu widersprechen, wenn ich ihre Meinungen für irrig halte, und umgekehrt meinen Feinden klatschend Beifall zu bezeugen, wenn sie hin und wieder auch einmal das Richtige sagen. In Menschlich-Allzumenschliches hatte sich Nietzsche einst an „freie Geister“ gerichtet. Wir sollten das Privileg, freie Geister zu sein, ebenso für uns selbst in Anspruch nehmen.

Deutschland 2030 – vier Wege in die Zukunft

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

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