Delta – Verliert die Demokratie den Kampf gegen Diktatur und Autokratie?

Auch wenn wir es von Populisten in beiden Lagern gewöhnlich so hören, stehen sich hier nicht das Reich des Guten und des Bösen gegenüber. US-Amerikaner und Chinesen sprechen unterschiedliche Sprachen, aber Studenten und Wissenschaftler wechseln mühelos von einem Land zum anderen. Nachdem Englisch zur Lingua Franca wurde und die Chinesen die meisten ihrer Institutionen dem westlichen Vorbild anglichen, sind die Ähnlichkeiten zwischen ihnen bedeutend größer als alles Trennende. „Chinesen genießen heute nahezu völlige Bewegungsfreiheit. Sie können ein Haus erwerben, eine Ausbildung wählen, ein Job oder ein Geschäft beginnen, sich einer Kirche anschließen (solange es sich um Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus oder Protestantismus handelt), sich kleiden, wie sie mögen, offen homosexuelle Neigung bekunden, ohne in einer Strafkolonie zu enden, nach eigenem Belieben ins Ausland reisen und sogar Kritik an der Partei üben, solange sie deren Herrschaft nicht in Frage stellen. Selbst Unfreiheit ist nicht mehr das, was sie einmal war“ (Norberg).

Inzwischen gelten diese Freiheiten allerdings nur noch für Chinesen ohne negative Einträge auf einem Sozialkreditkonto, das für jeden Bürger des Reichs auf Abruf die Bilanz von Wohlverhalten und negativen Einträgen zeigt. Xi Jinping ist es gelungen, die orwellsche Vision des perfekten Überwachungsstaats über ein Milliardenvolk zu verhängen. Dabei haben 99 Prozent nichts zu befürchten sondern profitieren von Sicherheit, Wohlstand und Aufstieg. Das restliche ein Prozent hingegen, welches gegen die Vorschriften der Partei und deren Führung aufbegehrt, hat mit Unterdrückung und Verfolgung bis hin zu physischer Vernichtung zu rechnen. Das gilt für die Han-Chinesen selbst ebenso wie für die unterworfenen Uiguren und Tibeter. Die Partei ist überzeugt, den Menschen das Glück zu bringen (und hat dies in einem materiellen Sinne auch zweifellos getan). Wer sich ihr widersetzt, wird daher zu seinem Glück gezwungen. Eine überwältigende Mehrheit – wenn auch nicht gerade 99 Prozent – scheinen das System gutzuheißen, solange es ihnen und ihrem Land einen so sichtbaren Aufschwung beschert. Die Verfolgung einer kritischen Minderheit erscheint ihnen da als ein geringes Opfer. Im Westen haben wir uns dagegen den Schutz der Außenseiter, Systemkritiker bis hin zu den Systemgegnern verschrieben. Das ist ein Akt der Toleranz, der uns moralisch jedem Überwachungsstaat überlegen macht – allerdings nur so lange, wie die Freiheit der Kritiker und Außenseiter nicht die Freiheit einer staatlichen Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit bedroht. In diesem Fall nämlich zerbrechen Staaten an inneren Widerständen. Leider ist genau das heute bereits der Fall.

Wie sich zum Beispiel an dem Vorgehen gegen die Seuche zeigt

Auch wenn die Regierung Chinas das aus propagandistischen Gründen in einem fort in die Welt posaunt, müssen wir anerkennen, dass sie imstande ist, die zum Wohl der Bevölkerung notwendigen Maßnahmen in kurzer Zeit zu ergreifen und durchzusetzen. Auch hier zeigt sich allerdings der für das Regime bezeichnende Gegensatz von verlogener Rücksichtslosigkeit und positiver Entschlossenheit. Als der Arzt Li Wenliang Ende 2019 seine Kollegen auf den Ausbruch einer neuen Seuche (später Covid19 genannt) aufmerksam machte, hielt die Partei das noch für ein Unruhe erzeugendes Gerücht, das sie sofort unterdrückte. Als die Fälle danach aber zu einer Lawine anschwollen und außer Kontrolle zu geraten drohten, handelte sie generalstabsmäßig nach den Vorschriften der Epidemiologen. Eine Millionenstadt wurde abgeriegelt, und die Menschen zunächst einmal in ihren Wohnungen eingesperrt: der Staat führe Krieg gegen das Virus, konnte drei Monate später aber auch den Sieg verkünden. Die Wirtschaft fand nach so kurzer Unterbrechung zu ihrem früheren Wachstum zurück und Chinas Menschen konnten sicher wieder frei und unbesorgt im ganzen Land bewegen.

Wie schmählich hat der Westen im Vergleich zu China versagt!

Statt eines kurzen aber entschiedenen Eingriffs hat er jahrelanges Siechtum in Kauf genommen, das heute wohl noch längst nicht beendet ist. Dabei war die Impfung gegen gefährliche Seuchen auch in den Ländern Europas einmal vorgeschrieben und konnte ohne Massenproteste durchgeführt werden. Im Jahr 1807 führte das Königreich Bayern als erster deutscher Staat eine Impfpflicht ein, der sich in den folgenden Jahrzehnten weitere Staaten anschlossen. 1874 wurden dann im Deutschen Reich alle Deutschen durch das Reichsimpfgesetz verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem und zwölf Jahren (Wiederholungsimpfung) gegen die Pocken impfen zu lassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der DDR ab 1953 eine gesetzliche Impfpflicht, die bis 1970 sukzessive ausgeweitet wurde: Neben den Pocken wurde unter anderem gegen Tuberkulose (1953), Kinderlähmung (1961), Diphtherie (1961), Wundstarrkrampf (1961) und Keuchhusten (1964, dann in Form des DTP-Impfstoffes) verpflichtend geimpft, ab 1970 war auch die Impfung gegen Masern gesetzlich vorgesehen.

In der Bundesrepublik gab es von 1946 bis 1954 eine Impfpflicht gegen Diphtherie und Scharlach, zudem bestand in den Jahren 1949 bis Ende 1975 eine allgemeine Impfpflicht gegen die Pocken. Rechtsgrundlage der damaligen Pockenimpfpflicht war noch immer das Reichsimpfgesetz von 1874.

Einige der gefährlichsten Seuchen wurden dadurch ganz oder weitgehend ausgerottet, sodass dagegen heute nicht einmal mehr geimpft werden muss – ein lebensrettender medizinischer Erfolg, der ausschließlich der damaligen Impfpflicht geschuldet ist.

Die Chinesen, ein Milliardenvolk, haben fertiggebracht,

und zwar innerhalb weniger Monate, wozu auch westliche Länder noch im 19. Jahrhundert fähig waren (ich überlasse es dem Leser zu entscheiden, ob man damals in deutschsprachigen Ländern – mit Ausnahme der Schweiz – in Autokratien oder Diktaturen lebte). Warum sind wir dazu heute nicht mehr imstande? Warum gibt es im Augenblick in einem Milliardenvolk täglich allenfalls ein Dutzend Fälle von Corona (die meisten noch dazu von außen eingeführt), während wir uns damit abfinden müssen, dass uns bald die nächste Welle überrollen und viele töten wird? Der Gegensatz zwischen China und der westlichen Welt besteht nicht im Wissen. Unsere pharmazeutischen Firmen und epidemiologischen Experten sind den Chinesen vorläufig wohl noch überlegen. Der Unterschied besteht auch nicht wesentlich darin, dass es bei uns nur Freiheit, bei ihnen dagegen nur Unterdrückung gäbe. Ein Stich in den Arm, der mich und die meinen vor einem möglichen Tod oder einer wahrscheinlichen Krankheit schützt, stellt eine viel geringere Beeinträchtigung meiner Freiheitsrechte dar als zum Beispiel die Tatsache, dass in der westlichen Führungsmacht, den USA, jeder sich eine Schusswaffe zulegen darf und damit die Sicherheit der Gemeinschaft massiv beeinträchtigt. Auch Steuern, gegen die sich die Reichen mit einer Vielzahl legaler Tricks erfolgreich wehren können, bedeuten eine Einschränkung von Freiheitsrechten, aber sie erzeugen weit weniger Widerstand als obligatorisches Impfen. Selbst Zebrastreifen schränken meine persönliche Freiheit merklich ein, da sie mir verbieten, die Straße an beliebigen Stellen zu überqueren. Aber außer Anarchisten, deren höchster Wert in der eigenen möglichst schrankenlosen Freiheit besteht, hat sich darüber bisher noch niemand ernsthaft beschwert. Wie im heutigen China hatte man im Deutschland des 19. Jahrhunderts der Wissenschaft noch vertraut und ebenso dem Staat, wenn er deren Vorschriften folgte. Wenn die Experten (oder jedenfalls eine überwältigende Mehrheit unter ihnen) mit Fakten belegen können, dass im Fall einer Impfung weniger als einer von Tausend aufgrund der Impfung selbst sterben wird, während eine hundertfach größere Zahl ohne Impfung sicher zugrunde geht, dann galt es als ausgemacht, dass die Gegner dieser für die Gemeinschaft als ganze notwendigen Maßnahme aus moralischer Sicht egohungrige Populisten, aus politischer Sicht gefährliche Quertreiber und aus wissenschaftlicher Perspektive arme Irre (man könnte auch sagen: unwissende Idioten) sind.

Wenn der Westen den Kampf gegen China und die Autokratien verliert,

dann nicht, weil er die persönliche Freiheit zu einem Ideal verklärt – es könnte kein schöneres geben -, sondern weil er den Sinn und das Ziel von Freiheit nicht länger versteht. Er verwechselt sie mit der Ermächtigung seiner Bürger, zum eigenen Nutzen beliebig gegen die Interessen der Gemeinschaft zu handeln. Was den Besitz von Schusswaffen betrifft, so ist diese Verwechslung offenkundig (jedenfalls für Menschen außerhalb der USA). Es macht keinen Sinn, Toleranz gegenüber egomanischen Populisten, gefährlichen Quertreibern und unwissenden Idioten auch dann noch zu predigen, wenn dadurch die physische und mentale Stabilität einer Gesellschaft in Gefahr gerät. Auf ihrem Höhepunkt, der sich jeder Zeit wiederholen kann, hat die Seuche unsere Gesellschaften so stark gelähmt, wie das sonst nur in Kriegszeiten geschieht. Wenn die Mehrzahl der medizinischen Experten sich dafür verbürgen kann, dass wir den Feind – in diesem Fall unsichtbare Viren – auf eine so einfache Maßnahme wie obligatorisches Impfen wirksam besiegen können, dann sollte ein westlicher so wie jeder andere Staat darin die Verpflichtung sehen, das Impfen wieder obligatorisch zu machen wie er es in der Vergangenheit tat. China praktiziert das mit größtem Erfolg und hat schon jetzt nahezu seine ganze Bevölkerung durchgeimpft – immerhin mehr als ein Fünftel der Menschheit. Über den hilflosen Westen, der seine Menschen sterben lässt, gießt es seinen Hohn und seinen Spott aus.

Gerade jetzt springen die Zahl der Deltainfektionen

in Japan, England, den USA und Kanada neuerlich in die Höhe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie das bei uns ebenso tun. Wenn wir nicht zu der Einsicht gelangen, dass im Fall eines temporären Kriegszustands der Schutz der Gemeinschaft, also einer überwältigenden Mehrheit, Vorrang gegenüber dem Willen von Populisten, Quertreibern, armen Irren und unwissenden Idioten hat, dann werden mit der Zeit immer größere Teile der Bevölkerung ein autokratisches Regime herbeiwünschen, das in Zeiten der Not mit Entschlossenheit zu handeln versteht.

Der Prozess ist bereits im Gange, und zwar gerade bei jenen, die wir am lautesten schreien hören: den Populisten, Quertreibern und armen Irren.

Prof. Michael Kilian, ehemals Landesverfassungsrichter, schreibt dazu:

Lieber Herr Dr. Jenner,
danke, ich denke ähnlich wie Sie. Und damals sagte man noch plastisch – und treffend – Reichs(=Bundes)seuchengesetz, und nicht – wie heute bei Gesetzesbezeichnungen üblich – Bundesinfektionsschutzgesetz. Ich wurde noch mehrmals gegen Kinderlähmung geimpft. 

Beste Grüße,

Ihr Michael Kilian

Die Schriftstellerin Salomea Genin schreibt folgende Zeilen:

Guten Morgen Herr Jenner,

Soweit ich weiß, gab es bis Oktober 2019 ein Gesetz, dass vorschrieb, alle Impfungen mussten ein Jahr lang und auch an Tieren getestet, bevor sie bei Menschen angewandt werden. Dieses Gesetz wurde noch vor Corona außer Kraft gesetzt. Das erfuhr ich, von einer Person, die im Krankenhaus arbeitet. Die heutigen Impfungen wurden nur drei Monate getestet und auch nicht mehr an Tieren. Sind viele an den Impfungen gestorben und nicht an Corona?

Die Mutter und der Bruder eines guten Freundes kämpften lange mit Krebs und starben: Die Mutter drei Monate bevor Corona ausbrach und der Bruder mittendrin. Die Todeszertifikate durften ihm nicht ausgehändigt werden, weil sie alle plötzlich direkt ans Statistikamt abgeführt werden mussten. Da kam das Gerücht auf, dass die Krankenhäuser viel Geld dafür bekamen, dass sie nicht die wirkliche Ursache sondern immer nur Corona auf diese Zertifikate schreiben. Bekam er sie nicht, weil die Todesursache als Corona angegeben wurde und er wusste, dass das nicht stimmt?

In den letzten 18 Monaten sind 20 Krankenhäuser geschlossen worden – mitten in der Pandemie!

Diese ganze Pandemie begann mit einer Berichterstattung, wie ich sie in der DDR erlebt habe: Von einem Tag zum anderen waren alle Nachrichten-Sendungen zu 90 % voll von diesem einen Thema. Zuerst wurde gesagt, dass die Menschen an Corona sterben und nach einer Woche bis heute heißt es, dass sie „mit und an“ Corona sterben. Da ich diese Berichterstattung in Frage stelle, werde ich zum Corona-Leugner erklärt! Was ich nicht bin!

Ich habe weder die Kraft noch die Fähigkeit diese „Gerüchte“ zu überprüfen. Ich hätte noch andere Fragen, die kein Mensch mir beantworten kann. Ich lasse mich bestimmt nicht impfen.

Mit freundlichen Grüßen – Salomea Genin

Meine Replik:

Diese Zeilen sind bemerkenswert, weil sie ein tiefes Misstrauen gegen den Staat bezeugen, obwohl außer Zweifel steht, dass die Menschen in Europa immer noch sicherer leben als fast in allen anderen Staaten der Welt. Obwohl die Medizin gerade bei uns die größten Erfolge erzielen konnte, vertraut man den Experten nicht länger sondern schenkt lieber alle möglichen Gerüchten Gehör – so groß ist die Verunsicherung. Ich sehe darin eine innere Erosion. In Russland und China reibt man sich dabei die Hände und tut viel, um diesen Erosionsprozess des Westens noch zu befördern.

Herr Lehle aus Rothenburg schickt mir folgende Mail:

Sehr geehrter Dr. Gero Jenner,

mit Erschrecken las ich gerade Ihren Corona-Artikel.

Mein erster Impuls war, Ihnen Fakten beispielsweise über Schweden (keine Übersterblichkeit 2020, wenn wachsende Alterung der Gesellschaft letzten 10 Jahre berücksichtigt wird, absolute Zahlen der Verstorbenen täuscht daher) zuzuschicken, aber es dürfte sinnlos sein. Wenn Sie nach über einen Jahr die Fakten weiter nicht wissen, dann wollen Sie in ihrem Weltuntergangs-Kult verbleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Georg Lehle

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Lehle,
haben Sie sich nie Gedanken darüber gemacht, dass die Experten in China, Japan, Holland, England und den USA (Fauci) dann alle die falschen Daten haben und nur Sie – Sie sind mir freilich nicht als Epidemiologe bekannt – über die „wahren Fakten“ verfügen? Wollen Sie behaupten, dass diese Leute uns alle in voller Absicht betrügen?
Versuchen Sie doch bitte, sich selbst gegenüber etwas kritischer zu sein!
Alles Gute
Gero Jenner

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. F. J. Radermacher schickt mir folgende höchst aufschlussreiche Nachricht:

Hallo Herr Jenner,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Beste Grüße

F. J. Radermacher

Das Urteil

Mit dem Urteilsspruch gegen den Ölkonzern Shell, der diesen zwingt, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 45% zu reduzieren, bricht eine neue Ära an. Zum ersten Mal liegt das Schicksal eines Großkonzerns nicht mehr ausschließlich in dessen eigenen Händen und wird auch nicht vom Staat beschützt oder eingeschränkt, sondern es ist die Zivilgesellschaft, die seine Handlungsfreiheit bestimmt. Jetzt schon ist abzusehen, dass dies nur der erste Schritt in einer Folge von Gerichtsverfahren sein wird, wodurch die Zivilgesellschaft die Machtvollkommenheit auch der größten Konzerne beschränkt, wenn deren Wirtschaftsgefahren sich mit den Klimazielen nicht vereinbaren lässt.

Das ist nicht nur eine gute, es ist eine sensationelle Nachricht,

denn damit ist der erste Schritt in eine von vielen ersehnte Richtung getan. Trotzdem besteht kein Grund für übertriebene Euphorie. Die zivilen Klimaretter – und das gilt selbst für Greta Thunberg und die Fridays for Future-Bewegung – scheinen nicht wirklich zu wissen, welche Berge sie da versetzen wollen. Ihren immensen materiellen Reichtum verdankt die heutige Welt einem historisch einmaligen Strohfeuer, nämlich der fossilen (und in weit geringerem Maße der nicht weniger gefährlichen nuklearen) Energie. Was schon der gesunde Menschenverstand jedem sagen muss, das haben die Experten längst bewiesen: das gigantische Ausmaß an Energie, das durch die Ausbeutung von fossilen, über Jahrmillionen gespeicherten Reserven innerhalb von nur zweihundert Jahren weitgehend verfeuert wurde, kann natürlich nur zu einem Bruchteil durch erneuerbare Energien ersetzt werden, wie sie jeweils in einem einzigen Jahr anfallen. In einer künftigen Welt ohne Gas, Öl, Kohle und Atomreaktoren sind wir daher zu einer radikalen Einschränkung unseres bisherigen Konsums und Lebensstandards gezwungen. Diese Einsicht wird allgemein verdrängt – auch von den Grünen – und durch Wunschdenken ersetzt. Andererseits wird kein vernünftiger Mensch bezweifeln, dass eine noch so große Einschränkung des Lebensstandards ein geringes Opfer ist, wenn wir sie mit einer Zukunft vergleichen, wo die großen Küstenmetropolen unter Wasser liegen, die Wälder durch Feuerstürme vernichtet werden, der Mensch seine bisherigen Lebensgrundlagen verliert.

Die gute Nachricht wird also keineswegs dadurch aufgehoben,

dass uns das Wunschdenken nur zu leicht den Blick dafür verstellt, dass wir zwar das Klima, aber keinesfalls unseren bisherigen Lebensstandard retten können. Wir sollten uns eben nur eingestehen, dass der Sieg über einen Konzern nur dann einen Sinn ergibt, wenn er zugleich ein Sieg über unsere Lebensgewohnheiten ist, denn die Konzerne produzieren bekanntlich für Konsumenten, d.h. für jeden von uns.

Die schlechte Nachricht ist von anderer Art

sie betrifft nicht weniger als den Nutzen dieses und aller noch zu erwartenden Siege. Denn es ist nicht nur möglich, sondern unter den bisherigen Bedingungen einer globalisierten Welt sogar absolut sicher, dass wir zwar ohne weiteres Shell und Dutzende anderer Konzerne in die Knie zwingen können, aber ohne dass der Ausstoß an CO2 dadurch im Geringsten vermindert wird.

Diese paradoxe Wahrheit lässt sich am besten am Beispiel der weltweiten nuklearen und ballistischen Aufrüstung demonstrieren, welche uns anders als die Klimakrise nicht mit einem schleichenden sondern mit einem plötzlichen Tod bedroht. Darüber redet freilich so gut wie niemand. Gerade die größten möglichen Katastrophen werden beharrlich aus dem Bewusstsein verdrängt, es gibt daher auch keine Greta Thunberg, welche die Welt gegen diese Gefahr mobilisiert. Der Grund leuchtet ein. Zwar ist jede Atombombe genau eine zu viel, aber es nützt nichts, wenn ein einzelner Staat auf ihren Besitz verzichtet, dann sind seine Gegner nur froh, dass sie die Oberhand haben. Offensichtlich kann nur eine übergeordnete Autorität, die UNO oder eine Weltregierung eine allgemeine Abrüstung verfügen.

Dieses Dilemma scheint auch für die Begrenzung des fossilen Verbrauchs

zu gelten. Es nützt nichts, wenn Europa seine Unternehmen zwingt, auf fossile Energien zu verzichten, wenn zur selben Zeit China, Indien und bald auch Afrika und der Rest der Welt ihre einzige Chance zur Erhöhung des eigenen Lebensstandards darin erblicken, die fossilen Lager, vor allem die reichlich vorhandene Kohle, umso mehr auszubeuten, zumal die Reserven sich durch den Verzicht der anderen für sie vergrößern. Genau diese Entwicklung findet gegenwärtig statt.

Und sie könnte verheerende Konsequenzen haben

Die USA haben sich bereits zugunsten von China weitgehend deindustrialisiert, Europa ist im Begriff, dies mit etwas Verspätung gleichfalls zu tun. Mit anderen Worten, bilden wir uns nur ein, etwas für das Klima zu tun, in Wahrheit tun wir etwas gegen uns selbst – wir bauen die eigenen Industrien ab. In meinem Buch „Ob wir das schaffen“ habe ich keinen anderen Ausweg aus diesem Dilemma gesehen als genau jenen, welcher auch für die Abrüstung gilt: nur eine übergeordnete Autorität, die UNO oder eine Weltregierung, ist in der Lage, allen Staaten (und Konzernen) die Reduktion ihrer umweltschädlichen Aktivitäten zu verordnen. Diese Lösung leuchtet zwar ein, befriedigend aber ist sie sicher nicht. Einerseits werden die Skeptiker sagen, dass die Vision einer Weltregierung vorerst nicht mehr als eine Fata Morgana sei. Andererseits sehen die Klimaretter darin ein Gift, das ihre Kräfte lähmt. Sie wollen ja hier und jetzt handeln. Und es stimmt ja auch, dass hier und jetzt gehandelt werden muss!

Nun gibt es tatsächlich eine gute Nachricht

Das Paradox der nuklearen Abrüstung lässt sich nicht eins zu eins auf das Paradox der fossilen Abrüstung übertragen, denn in Letzterer gibt es einen erkennbaren Ausweg. Die Zivilgesellschaft Europas darf sich nicht darauf beschränken, den Unternehmen CO2-Auflagen zu machen. Das allein bringt gar nichts, außer dass wir die eigene Wirtschaft ruinieren. Aber wenn wir zur gleichen Zeit eine zweite Strategie betreiben, dann entgehen wir dieser Notlage. Wir müssen zugleich dafür sorgen, dass von außen keine Produkte nach Europa gelangen, die unter Verletzung solcher Auflagen entstehen. Diese Produkte müssen entweder ganz abgewehrt oder durch Zölle so verteuert werden, dass die eigenen Industrien über Ausgleichszahlungen ihre Wettbewerbsnachteile ausgleichen. Nur so können wir – auch ohne UNO oder Weltregierung – ausländische Industrien, z.B. chinesische, dazu zwingen, unser Beispiel zu übernehmen. Aber damit ist auch gesagt, dass der Protest sich nicht allein gegen Konzerne sondern ebenso gegen einen verderblichen Freihandel richten muss – also gegen den Staat, der dessen Regeln bestimmt. Nur wenn beides zur gleichen Zeit und mit gleichem Erfolg geschieht, können wir hoffen, dass die Klimabewegung nicht zu einem Motor heimischer Deindustrialisierung verkommt, welche aus globaler Perspektive nichts bewirkt, während er in Europa nur Armut erzeugt.

Auf Illusionen sollten wir allerdings verzichten

Der bisherige Lebensstandard wird sich auch unter diesen Bedingungen nicht aufrechterhalten lassen. Natürlich wird China auf europäische Zölle sofort reagieren, indem es unter anderem die Einfuhr deutscher Autos oder europäischer Airbusse beschränkt und diese – wozu es jetzt schon in der Lage ist – durch heimische Produkte ersetzt. Wir wissen aber, dass gerade Deutschland einen wesentlichen Teil seines gegenwärtigen Wohlstands dem Export verdankt. Auf vieles werden wir also verzichten müssen. Darüber redet freilich niemand, weil sich mit reinem Wunschdenken so viel besser leben lässt. Aber, wie schon gesagt, ist der Verzicht gering gegenüber den Opfern, die uns eine zerstörte Natur auferlegt. Die neue Ära, die gerade jetzt beginnt, wird den erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel einleiten oder den schon begonnenen Niedergang Europas beschleunigen – wobei China und Russland die lachenden Dritten sind.

Herr Egon W. Kreutzer schreibt mir folgenden, etwas zu langen Beitrag, den ich trotzdem zur Gänze abdrucke:

Sehr geehrter Herr Jenner,

als Abonnent Ihres Newsletters kann ich Ihnen nur für Ihre Analysen und Einsichten, Ihre konstruktive Kritik und die damit verbundenen Vorschläge, bzw. Handlungsempfehlungen danken.

Auch die Art, wie Sie die Themen angehen und stilistisch behandeln, stellt für mich einen wichtigen Qualitätsmaßstab dar und gibt mir Impulse für die eigene Arbeit.

So sehe ich auch Ihren jüngsten Artikel zum Urteil gegen Shell als einen gelungenen Beitrag an, mit dem Sie die möglichen und wahrscheinlichen Auswirkungen heraus- und zur Diskussion stellen.

Ich habe mich heute mit dem gleichen Thema befasst und in etwa die gleichen Schlussfolgerungen gezogen.

Der Unterschied besteht darin, dass ich über meine umfänglichen Recherchen zu dem geworden bin, was man heute einen „Klimaleugner“ nennt. Der Begriff ist natürlich so falsch, wie ein Begriff nur falsch sein kann, denn ich leugne weder irgendein Klima der Vergangenheit, noch das der Gegenwart. Allerdings erscheint mir die Hypothese, aus der Korrelation zwischen dem Verlauf der Industrialisierung und der seit dem Ende der kleinen Eiszeit aufgetretene Erwärmung könne eine Kausalität abgeleitet werden, als bisher unbewiesen; der Aufruf an die Menschheit, durch extremen Verzicht, wie Sie es selbst ausführen, eine Klimakrise zu verhindern, als eine absurde Reaktion auf ein erdgeschichtlich immer wieder auftretendes Phänomen, das öfter als es dem IPCC lieb sein kann, gletscherfreie Alpen und ein weithin grünes Grönland hervorgebracht hat, ohne dass sich deshalb die Küstenlinien um dutzende oder gar hunderte Kilometer ins höher gelegene Binnenland verschoben hätten. Zur Zeit der römischen Vorherrschaft in Europa war es, so weit man das aus schriftlichen Berichten und Artefakten rekonstruieren kann, wärmer als heute.

Die nach meinem Dafürhalten richtige Reaktion der Menschheit auf klimatische Veränderung ist jene Reaktion, die, seit es Menschen gibt, immer das Überleben der Art gesichert hat, nämlich die Anpassung, das Vermeiden der Nachteile und die Nutzung der Vorteile. Unser Planet ist laut NASA-Satelliten-Daten in den letzten vierzig Jahren – dank CO2-Zuwachs – um etwa die doppelte Fläche der USA grüner geworden. Ein Effekt, durch den es überhaupt erst möglich machte, bei wachsender Weltbevölkerung im Kampf gegen den Hunger Fortschritte zu erzielen. 

Ich bezeichne die Hybris, das Klima gestalten zu können, zu wollen, ja zu müssen, als eine Art Neuauflage des Verharrens im Irrtum des geozentrischen Weltbildes und als einen der größten Irrwege, auf den die Menschheit je geführt wurde.

Nun liegt es mir fern, Sie mit diesen kargen Zeilen auffordern zu wollen, Ihre Überzeugung abzuschwören und ab sofort den Klimaleugnern beizutreten. Was ich mit diesen Zeilen bezwecke, ist nur der Versuch, in Ihnen den ersten winzig kleinen Zweifel an der Lehre vom menschengemachten Klimawandel zu erwecken. Denn, sollte mir das gelungen sein, werden Sie selbst alles tun, um vom Zweifel wieder zur Gewissheit zu gelangen. Der beste Weg dahin ist es, sich mit den Argumenten und Prognosen der Protagonisten der Dekarbonisierung zu befassen. Von da aus ergeben sich weiterführende Fragen ganz  von selbst.

Mit besten Grüßen

Egon W. Kreutzer

Meine Replik:

Weder Sie noch ich, Herr Kreutzer, sind ausgebildete Klimaexperten. Wie 99,999…% der restlichen Menschheit können wir uns daher nur auf das Urteil von Fachleuten verlassen. So gesehen aber ist meine Haltung eindeutig und lässt gerade in diesem Fall nicht den geringsten Zweifel zu. Alle für mich vertrauenswürdigen Experten sind sich darin einig, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Aber selbst angenommen, diese Leute würden sich sämtlich irren, dann wäre es immer noch besser, etwas zu tun, als sich in Sicherheit zu wiegen und die Möglichkeit einer Katastrophe zu riskieren. Denn einer solchen Katastrophe wären wir ja auch ausgesetzt, wenn das fossile Feuer nicht für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht werden könnte; allein die zunehmende Naturvermüllung und -vergiftung reicht aus, um eine Wende zu erzwingen. Die sollte somit aufgrund intellektueller Redlichkeit erfolgen (und nicht etwa aufgrund einer Bewegung wie Fridays for Future, die auch aus Massenhysterie geboren sein könnte).

Herr Prof. Heinrich Wohlmeyer aus Wien schickt mir folgende Mail:

Danke !
Wenn wir nicht das Bestimmungslandprinzip einfordern und so den Wettbewerb nach unten (race to the bottom) umdrehen, werden Ihre Befürchtungen wahr werden.
Beste Grüße
Ihr Heinrich Wohlmeyer

Prof. F. J. Radermacher ist nicht zufrieden:

Sehr geehrter Herr Jenner,

danke für Ihre Nachricht. 

Aber als regelmäßiger Leser bin ich jetzt erstmalig enttäuscht. 

Haben sie ganz die Hoffnung auf technischen Fortschritt aufgegeben und haben Sie bedacht, dass Ihre Begeisterung über eine CO2-Grenzausgleichsabgabe – die nicht WTO-konform ist und wohl auch nicht kommen wird – ein weiteres Mal die Kosten der Anpassungsmaßnahmen auf die Entwicklungs- und Schwellenländer abwälzen würde?

Ich lege Dokumente bei, die vielleicht helfen, einen anderen Blick auf die Themen zu enwickeln.

Beste Grüße

F. J. Radermacher

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Radermacher,

Sie bereiten mir große Freude mit Ihrer Versicherung, dass ich Sie nicht schon früher sondern erst jetzt enttäusche. Da ich mir einige Skepsis gegenüber den vorherrschenden Überzeugungen erlaube, hat manch anderer schon vorher seinen Protest angemeldet.

Z.B. weil ich sowenig an die Erlösung durch neue Wunder der Technik glaube, von denen Sie sich, wie ich den vier beigelegten vier Aufsätzen entnehme, sehr viel versprechen. Nicht dass ich solche Wunder an sich für unwahrscheinlich halte. Nehmen wir den Extremfall eines Energiefüllhorns, das uns der Durchbruch bei der Fusionstechnik ja durchaus bescheren könnte. Was wäre die Folge eines derartigen technologischen Wunders? Für den Konsum eingesetzt dient Energie, wie wir wissen, der Umwandlung von Rohstoffen in Fertigprodukte. Ein Füllhorn an Energie würde die verbliebenen Rohstoffreserven daher in noch schnellerem Tempo aufzehren und uns noch mehr Müll in Boden, Luft und Wasser bescheren. Ich kann Ihnen daher nicht zustimmen, wenn Sie sagen: „Die entscheidenden Beiträge zur Erreichung des 2°C-Ziels werden nach allen historischen Erfahrungen aus dem Umfeld neuer Technologien kommen.“ Nein, ein energetisches Wunder würde den Planeten vollends ruinieren, zumal ein Großteil der Welt verständlicherweise so leben möchte wie wir. Um Sie nochmals zu zitieren: „Die CO2-Emissionen steigen insofern nicht wegen der Unzulänglichkeiten der handelnden Politiker, sondern aus systemischen Gründen, weil die große Mehrheit der Menschen so lebt wie sie lebt und weil sie so leben wollen – in der Tendenz sogar eher noch besser/intensiver. Es gibt außerdem immer mehr Menschen und immer mehr Menschen wollen immer mehr Wohlstand.“

Was den zweiten Punkt Ihrer Kritik, die Schwellenländer, angeht, so ist China, wohin der Westen den größten Teil der eigenen Produktion (unter viel geringeren Sozial- und Umweltstandards ausgelagert hat) längst kein Schwellenland mehr sondern ein Goliath, vor dem wir uns inzwischen fürchten müssen. Wenn wir die Handelsregeln nicht rechtzeitig umschreiben, werden wir mehr als nur unsere eigene Deindustrialisierung besiegeln.

Aber, Sie haben natürlich recht, es nützt nichts, wenn nur Deutschland seine CO2-Emissionen auf null reduziert, zumal es im Inland nur mit 2% zu den CO2-Emissionen beiträgt (denn der hohe CO2-Gehalt der aus dem Ausland importierten Industrieprodukte wird ja nicht mitgezählt). Zu Recht bemerken Sie: „Die Konkurrenzsituation Deutschlands auf den Weltmärkten verschlechtert sich massiv, wenn andere offenbar keine nationale Budgetgrenzen für sich sehen, wir in Deutschland aber immer weiter der Fiktion folgen, durch Einhaltung enger, selbst gesetzter Budgetgrenzen für unseren eigenen Aktivitäten, das allenfalls in internationaler Kooperation verfolgbare 1,5°C-Ziel bzw. das 2°C-Ziel erreichen zu können.“ „Es spricht /also/ bei nüchterner Betrachtung viel dafür, dass unsere Reduktionspläne keinen signifikanten Einfluss auf das Erreichen des 2°C-Ziels haben – vom 1,5°C-Ziel erst gar nicht zu reden.“ Sie wenden sich damit – wie ich meine zu Recht – gegen das Urteil des deutschen Verfassungsgerichtes zum Klimaschutz.

Wenn Technik zwar die Effizienz steigern kann, aber nur mit Rebound-Effekten, sodass der Ressourcenfluss im Endeffekt noch gesteigert wird, dann kommt zur Rettung des Planeten meines Erachtens nur eine Strategie in Frage. Herman Daly hat schon vor Jahrzehnten brillant darüber geschrieben, William Rees, der Erfinder des ökologischen Fußabdrucks, hat die Forderung an die Zukunft auf eine Formel gebracht, wenn er feststellt, dass nur ein Viertel der jetzt existierenden Menschheit mit dem jetzigen materiellen Lebensstandard nachhaltig leben kann. Ich ziehe daraus den Umkehrschluss, dass die Menschheit in ihrer jetzigen Zahl auf drei Vierteil ihres Konsums verzichten muss, wenn Sie den Globus nicht ruinieren will.

Wenn die Klimafachleute im Recht sind, dann steht die Menschheit vor der größten Herausforderung überhaupt, denn ein solches Ziel ist entweder gar nicht oder nur unter einer Weltregierung zu erreichen, die allen dieselben Opfer auferlegt.

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Wir sind gewohnt, Einträge auf der roten Liste der ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Arten zu beklagen, zu diesen zählen Dinosaurier, bengalische Tiger, Birkhühner oder Flussperlmuscheln. Doch halte man die Natur nicht für einfallslos. Sie ersetzt das Abgelebte fortwährend durch eine Vielzahl von Neukreationen: statt der Dinosaurier schenkt sie uns jetzt Corona und gleich dazu auch noch eine Vielzahl frisch gekürter Mutanten. Sind die Deutschen noch zu retten? Homo technikus und der Nationalstaat weiterlesen

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In Zeiten des Internet schrumpft das historische Gedächtnis. Wer erinnert sich heute noch daran, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nahezu ein halbes Jahrhundert lang das Reich der Aufklärung, der Wahrheit, des Fortschritts repräsentierten, während jenseits des Eisernen Vorhangs Willkür, Gulags und verordnete Lüge herrschten? Dieser Gegensatz wurde durch beiderseitige Propaganda aufgebläht, gewiss, aber die Arbeitslager und die Millionen Menschen die Stalin in den Tod geschickt hatte, waren bittere Realität. Daran war so wenig zu zweifeln, dass Solschenizyns Anklagen weltweit gelesen wurden – auch in Russland. Als Gorbatschow, der erste ehrliche Politiker der Sowjetunion, diese Wahrheit öffentlich anerkannte, war der Zusammenbruch des Regimes nicht mehr aufzuhalten.

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Die USA haben den Vertrag mit Iran mutwillig nur deshalb außer Kraft gesetzt, weil der neue Präsident Trump alles rückgängig machen wollte, was der alte Präsident Obama ihm als Erbe hinterlassen hatte. Erzwungener Verrat – die Illusion von europäischer Macht und Größe weiterlesen

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Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten. Krugman, Trump und die Geopolitik weiterlesen

„Freiheit, die wir meinen“

Der harte Widerspruch, der die Politik des 21. Jahrhunderts beherrschen wird – und der in der Tat jetzt schon kennzeichnend für sie ist – liegt in der Gegenläufigkeit zweier gleich notwendiger, gleich unverzichtbarer Tendenzen. Auf der einen Seite verlangt die Globalisierung der Chancen und Risiken von sämtlichen Staaten, auf einen Teil ihrer Souveränität zu verzichten. Die drohenden Gefahren von Klimawandel, Ressourcenverschleiß und nuklearer Bedrohung sind nur noch durch eine Weltregierung zu bannen, welche dem Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst ein Ende setzt. Solange in einer multipolaren Welt jeder Staat einen Vorteil darin erblickt, dem Gemeinwohl aller anderen zu schaden, weil er aus solchem Verhalten für sich selbst einen deutlichen Nutzen zieht, wird die Menschheit dem Abgrund mit jedem Jahr etwas näher rücken. „Freiheit, die wir meinen“ weiterlesen

Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte weiterlesen

Klimawandel und Massenmigration

Ich habe das Glück, in einem Staat zu leben, wo niemand Hunger leidet, man weder wegen seines Glaubens, noch seiner Hautfarbe oder Rasse verfolgt wird und selbst nachts nicht zu befürchten hat, von Verhungernden, von verzweifelten Dieben oder politischen Fanatikern aus dem Hinterhalt angegriffen oder ermordet zu werden. Klimawandel und Massenmigration weiterlesen

Der Fluch der Globalisierung

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt. Der Fluch der Globalisierung weiterlesen