(5) Das Gewohnte und das Gewöhnliche

Unser Verhältnis zu Wunder und Wunderbarem ist ambivalent. Einerseits sehnen wir uns nach dem Außerordentlichen, verschlingen alle Berichte und Gerüchte über das Auftreten irgendeines nicht für möglich gehaltenen Geschehens, andererseits fürchten wir uns davor, weil das Ungeplante, Ungewollte, Unvorhergesehene unsere Sicherheit bedroht. Die Haltung der Wissenschaften ist demgegenüber von Eindeutigkeit bestimmt. Sie verpönt das Wunder und verspottet alle, die daran glauben. Wenn die Geltung der Naturgesetze per definitionem keine Ausnahme kennt, kann es keine Wunder geben.

Auch das Wunderbare verwirft sie als anrüchig, es sei denn, dass sie die Formeln, womit sie physikalische Vorgänge beschreibt, z.B. die berühmte Gleichung Einsteins, die das Verhältnis von Masse und Energie quantifiziert, selbst als Ausdruck einer überwältigend wunderbaren Einfachheit zum Gegenstand der Ehrfurcht und Bewunderung erhebt. Die meisten Wissenschaftler würden jedoch im selben Augenblick darauf bestehen, dass auch diese Formel nur zum Ausdruck bringt, dass alles in der Welt auf ganz natürliche Art geschieht. Sich wundern und staunen könne man allenfalls über die außerordentliche Intelligenz jener Menschen, denen es als ersten gelang die Maschinerie der Natur zu durchschauen und sie in so eleganten und einfachen Formeln darzustellen.

Diskussionen über das Wunderbare in der Natur

finden in der Wissenschaft allenfalls unter Experten statt, z.B. wenn diese sich um ein Verständnis der Quantentheorie bemühen. Immerhin fühlte sich einer der größten Fachleute auf diesem Gebiet, der Physiker Richard Feynman, zu der Bemerkung veranlasst: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Quantentheorie verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“

Kein Zweifel, hier stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare. Eine Theorie, welche in der Praxis brauchbare statistische Vorhersagen physikalischer Vorgänge erlaubt, ist der verstehenden Vernunft dennoch unzugänglich. So illustriert es auch die sogenannte Kopenhagener Deutung mit der populären Metapher der schwarzen Box. Solange wir sie nicht öffnen, ist die darin befindliche Katze sowohl tot wie lebendig. Sobald wir sie öffnen, ist sie nur noch eines von beiden: entweder tot oder lebendig.

Wer das Paradox von der Katze verstehen will,

die zugleich tot und lebendig ist, darf sich nicht mit der Metapher begnügen. Er muss ein jahrelanges Studium der Quantenphysik absolvieren. So könnte es scheinen, als bliebe die Begegnung mit dem Wunderbaren den Experten vorbehalten. Fühlen wir uns bei diesem Tatbestand nicht gleich an frühere, dunkle Zeiten erinnert? So war es doch auch schon bei dem Vorgänger der Wissenschaft, der Religion. Über eineinhalb Jahrtausende war die Lektüre der Bibel nur den Experten erlaubt, das heißt den Priestern. Damit das Volk sich nicht anmaßte, über deren oft groteske und widersprüchliche Inhalte ein eigenes Urteil zu fällen, sollte ihm nicht nur die Bibel unzugänglich bleiben, aus demselben Grund wurden auch die Predigten in einer dem Laien unverständlichen Sprache, dem Latein, gehalten. Wenn sich Unbefugte dennoch erdreisteten, in das Gehege der damaligen priesterlichen Monopolisten der Wahrheit einzudringen, riskierten sie die Verfolgung als Ketzer, unter Umständen sogar den Tod auf dem Scheiterhaufen.

Die Naturwissenschaften sind dem Verständnis des Laien inzwischen nicht weniger weit entrückt. Mit dem Cordon sanitaire ihrer jeweiligen Fachsprache schließen sie sich wirksam gegen die Laien ab. So muss – und soll – der Eindruck entstehen, als hätte nur derjenige das Recht, über Gott und Natur zu reden, der dazu die nötigen Fachseminare absolviert und ein entsprechendes Diplom erworben hat.

Demgegenüber besteht die demokratische Aufgabe

des kritischen Denkens in dem Nachweis, dass auch die höchsten Türme der Religion und der Wissenschaft auf dem Sockel weniger Grundwahrheiten errichtet sind, die jeder Mensch zu verstehen vermag. Nach dem Wunderbaren müssen wir nicht erst in der Quantentheorie suchen – es offenbart sich viel offenkundiger und mit weit größerer Anschaulichkeit gerade im Alltäglichen und Gewohnten. Dafür die Augen zu öffnen, war das Ziel der kantschen „reinen Vernunft“ in der Konfrontation mit ihren Antinomien.

Nehmen wir einen Vorgang von scheinbar äußerster Banalität: die absichtsvolle Bewegung meines Arms, weil ich das gerade in diesem Moment so will. Oder den Aufbruch einer Armee von Tankern an die ukrainische Grenze, weil Wladimir Putin das gerade so befiehlt. Bloße Gedanken setzen auf dem Globus in jeder Sekunde die größten materiellen Geschehnisse in Gang, obwohl nach den Lehrbüchern der Physik auch die kleinste materielle Veränderung oder Bewegung grundsätzlich von Naturgesetzen abhängig ist und von ihnen verursacht wird. Die Gedanken im Kopf von Wladimir Putin oder der Milliarden Akteure, die das Geschehen in unserer Welt ständig verändern, sind allerdings auf kein uns bekanntes Naturgesetz zurückzuführen.

Dieser offenkundige Widerspruch,

diese Konfrontation mit dem Wunderbaren, die sich bisher jeder Erklärung entzieht, wird kaum je zur Sprache gebracht. Die Experten haben sich darüber verständigt, dass Probleme von dieser Art zur Philosophie gehören und sie daher nichts angehen. Probleme, die im Augenblick noch ganz unlösbar erscheinen, werden schlicht verleugnet oder verdrängt. So wie die Vertreter der Religion die Widersprüche und Rätsel der Bibel vor dem Volk verbargen, damit diese nicht Zweifel an ihrem vermeintlich höheren Wissen hegten, unterdrücken die Experten der Wissenschaft die elementarsten Rätsel der uns umgebenden Wirklichkeit aus genau demselben Grund. Die Experten schweigen über das Wunderbare. Das bewahrt sie davor, ihr Unwissen einzugestehen.

Das Gewohnte ist dennoch alles andere als gewöhnlich

Diese Einsicht drängt sich uns in demselben Augenblick auf, da wir begreifen, dass es keineswegs identisch mit dem Verstandenen ist. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Solange die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe sei, gab es für sie ein Oben ebenso wie ein Unten. Der Himmel über meinem Kopf gab die Richtung nach oben an. Wer den Rand der Scheibe erreichte, würde dort in die Tiefe fallen – er stürzt nach unten. Inzwischen wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist und es daher weder oben noch unten gibt. Oder richtiger gesagt, bezeichnet der Himmel über den Köpfen der Australier für diese ebenso die Richtung nach oben, wie für uns auf der entgegengesetzten Seite der Kugel. Das aber bedeutet, dass die uns geläufige Vorstellung von oben und unten für den Weltraum nicht gelten kann. Diese Vorstellung ist für uns ebenso unbegreiflich wie die Gravitation, die uns Deutsche genauso fest am Planeten kleben lässt wie die Australier auf seiner entgegengesetzten Seite.

Das Paradox besteht auch in diesem Fall darin, dass die Gravitation die allergewohnteste Tatsache ist, an welche im alltäglichen Leben niemand einen Gedanken verschwendet. Dennoch könnten wir die Aussage Richard Feynmans mit gleichem Recht auf die Gravitation beziehen: „Wenn Sie glauben, dass Sie die Gravitation verstanden haben … dann /ist das ein Beweis dafür/, dass Sie sie nicht verstehen.“ Zwar vermag die Physik die Wirkungen der Gravitation quantitativ mit größter Genauigkeit für jede Entfernung vom Erdmittelpunkt anzugeben. Dennoch entzieht sich diese unsichtbare Kraft unserem Verstehen. Wir wissen, dass sie existiert und exakt messbare Wirkungen hat, aber warum sie da ist und wieso es dieser unsichtbaren Kraft gelingt, uns verlässlich auf dem Globus festzuhalten und darüber hinaus auch die Bahnen ferner Himmelskörper zu steuern, darüber wissen wir nichts. Manche (wie beispielsweise Karl Popper) haben daraus den Schluss gezogen, dass Fragen nach dem Wesen physikalischer Erscheinungen überhaupt unzulässig seien und dass man sie deshalb als unwissenschaftlich verbieten solle. Die Essenz einer Kraft, also was sie denn eigentlich sei, brauche uns nicht zu interessieren, es genüge, dass wir ihre Wirkungen im Detail beschreiben und sie für unsere Zwecke nutzen.

Andere haben das anders gesehen

Zu diesen anderen gehört kein Geringerer als Immanuel Kant, der sich mit einem ähnlichen Problem auseinandersetzte, nämlich der Ausdehnung des Raums. Dessen Erfahrung gehört zu den gewohnten Tatsachen des Lebens, über die wir uns selten oder nie den Kopf zerbrechen. Wenn dies aber einmal geschieht, dann stoßen wir unmittelbar auf das Wunderbare – Kant nannte es „Antinomie“ (eine Sackgasse für Anschauung oder Denken). Wir können uns nicht damit abfinden, dass die Welt endlich sei, denn nach jeder Grenze erwarten wir weitere Räume. Ihre Unendlichkeit können wir uns aber ebenso wenig vorstellen, denn Unendlichkeit ist für uns schlechthin unfassbar. Kant stieß hier unmittelbar auf das Wunderbare einer Welt, die sich unserem Verstehen entzieht. So hat er es in dem Kapitel Über die Antinomien der reinen Vernunft dargestellt. Darüber wird noch zu reden sein (vgl. Kap. Pioniere der Antignosis)

Tatsache ist, dass unsere Fähigkeit,

die uns umgebende Wirklichkeit zu begreifen, keineswegs grenzenlos ist – genau deswegen erschüttert uns ja die von Kant so vortrefflich geschilderte Antinomie des Raums, den wir uns weder endlich noch unendlich vorstellen können. Unsere Sinne und unser Begreifen sind nur für die Mittlere Welt zwischen dem Unendlich-Kleinen der Atome und dem Unendlich-Großen des Alls gemacht. Die Quantenphysik hat schon vor mehr als einem Jahrhundert gezeigt, dass wir das Allerkleinste nicht verstehen, die moderne Astrophysik weist auf Schwarze Löcher hin, sogenannte Singularitäten, wo die in der Mittleren Welt geltenden Naturgesetze nicht länger gelten. Genau aus diesem Grund sind diese Punkte singulär. Es wird nicht ausgeschlossen, dass aus ihnen Universen mit völlig anderen Gesetzmäßigkeiten entstehen.Vermutlich wird es darüber einen ewigen Streit der Experten geben. Der braucht uns aber nicht zu interessieren. Wir müssen nicht erst die Mittlere Welt in Richtung des Allergrößten bzw. des Allerkleinsten verlassen, um auf das Wunderbare zu stoßen, in Wahrheit sind wir davon auf allen Seiten umringt. Wir nehmen es nur deswegen nicht wahr, weil wir das Gewohnte mit dem Verstehbaren verwechseln und es dadurch zu etwas Gewöhnlichem machen. (Kapitel aus meinem Buch Das Wunderbare und seine Feinde).

Das Wunderbare und seine Feinde (1)

Dies ist ein Auszug aus meinem neuen Buch „Das Wunderbare und seine Feinde“.

Vorwort

Dieses Buch ist eines nicht: ein esoterischer Versuch, dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltverständnis unserer Zeit eine neo-obskurantistische Theorie von Wundern entgegenzusetzen. Ein Wunder nach klassischem Verständnis wäre es, wenn sich in einem Friedhof Sargdeckel plötzlich heben und Tote auferstehen. Ein Wunder wäre es auch, wenn aus einem Hühnerei unversehens ein Adler schlüpft, Wasser sich in Wein verwandelt, Gott aus einem brennenden Dornbusch tritt oder es einem Zauberer gelänge, ein Naturgesetz der Physik durch bloße Geistesmacht außer Kraft zu setzen.

Solche und noch viel abenteuerlichere Wunder haben Religionen überall auf der Welt ihren jeweiligen Gottheiten zugeschrieben – und ihre Anhänger haben ihnen inbrünstig geglaubt. Heute ist das nicht länger der Fall. Spätestens seit der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat Wissenschaft solche Behauptungen unnachsichtig verspottet und als Aberglauben zurückgewiesen. An dieser Auffassung wird in diesem Buch festgehalten – auch wenn sich zeigen wird, dass die Wissenschaften, wie schon Karl Popper zeigte, keineswegs gegen die Versuchung gefeit sind, ihrerseits mit dem (Aber-)Glauben zu flirten…

Grundsätzlich anders verhält es sich mit dem Wunderbaren

Dieses ist in Wahrheit allgegenwärtig, nur dass die Routine des Alltags die meisten Menschen dafür nahezu vollständig erblinden ließ. In einem fort wird ihnen eingeredet, dass nur der Dumme über die Erscheinungen dieser Welt erstaunt. Ein wissenschaftlich aufgeklärter, gebildeter Mensch wisse, dass in der Natur alles auf die allernatürlichste Weise geschehe. Ein Dichter, Saint-Exupéry, musste den Kleinen Prinzen auf einen Asteroiden versetzen, um uns, den Menschen, die eigene, unglaubliche Situation in den Weiten des Alls wieder bewusst zu machen. Immanuel Kant musste den Sternenhimmel beschwören und das moralische Gesetz in der eigenen Brust, um dem Geheimnis des Lebens neuerlich zu begegnen und seine Leser zum Erschauern zu bringen. Das allerdings hielt er nicht lange durch; gleich darauf war Kant wieder bemüht, das Geheimnis in bannende Formeln zu pressen. Das Erschauern vor einer Wirklichkeit, die mächtiger ist als menschliche Vernunft, die sie zähmen will, ist das Privileg von geistiger Offenheit. Diese öffnet die Augen für Geheimnisse, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte zu enträtseln sucht und bis heute niemals zu enträtseln vermochte. Anders gesagt, öffnet sie die Augen für das Wunderbare der menschlichen Existenz.

Wer sich diesem Geheimnis ohne Scheuklappen stellt,

der ist sich bewusst, dass uns DIE WAHRHEIT unerreichbar bleibt, auch wenn sich uns unendlich viele Teilwahrheiten erschließen. Das wissenschaftlich gesicherte Fakten- und Gesetzeswissen ist nach zwei Jahrhunderten industrieller Revolution zu einem reißenden Strom angeschwollen, der von Tag zu Tag breiter wird. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es scheinen, als wäre der moderne Mensch gerade im Begriff, auch noch die letzten Rätsel seines Daseins zu lösen. Anderseits gibt es zu denken, dass er von dieser Überzeugung bereits vor mehr als hundert Jahren durchdrungen war, als sein Wissen ungleich geringer als heute war. 1899 veröffentlichte Ernst Haeckel ein Buch mit dem Titel Die Welträthsel. Da behauptete der Autor nicht mehr und nicht weniger, als dass alle Geheimnisse dieser Welt von der Wissenschaft bereits grundsätzlich gelöst worden seien. Nur was das kantische „Ding an sich“ eigentlich sei, bleibe ein Rätsel; das aber könne man wohl damit erklären, dass dieses seltsame Dinge eine bloße Erfindung ist.

An Haeckels Buch – dem mit Abstand größten populärwissenschaftlichen Erfolg der deutschen Buchgeschichte – ist zu erkennen, dass die behauptete Enträtselung wenig bis gar nichts mit dem Umfang des tatsächlichen vorhandenen empirischen Wissens einer Zeit und eines Autors zu tun hat. Diese erstaunliche Erkenntnis wird uns schlagartig zu Bewusstsein gebracht, wenn wir einen noch viel größeren Sprung vollziehen, nämlich in die Vergangenheit vor zweieinhalbtausend Jahre. Damals waren die beiden griechischen Philosophen Demokrit und Leukipp zutiefst davon überzeugt, das gesamte Weltgeschehen auf die unterschiedlichen Relationen von kleinsten materiellen Teilchen, die sie „Atome“ nannten, zurückführen und vollständig erklären zu können. Sie setzten eine mechanistische Religion in die Welt, um mit ihr die Götter und zusammen mit diesen auch gleich noch den sinnenden, wollenden Menschen zu entsorgen. Schon damals, als menschliches Wissen im Vergleich zum heutigen nahe bei null lag, nahmen sie die berühmt-berüchtigte Formel von Laplace ahnend vorweg (vgl. Kap. Wissenschaftsreligion: die Entzauberung von Mensch und Natur).

Nicht erst die moderne Wissenschaft

hat den Wunsch nach gottgleichem Wissen zum Vater des Gedankens gemacht. Ganz gleich wie groß oder beschränkt das tatsächliche Wissen war, immer gab es tollkühne Theoretiker, die sich imstande wähnten, jenen Sessel irgendwo im All zu besetzen, auf dem der Mensch zuvor den göttlichen Schöpfer der Welt thronen sah. Hätten sie diesen Anspruch auf die erfolgreiche Lösung aller Rätsel zu Recht erhoben, dann wäre es dem Menschen nicht nur gelungen, das Wunder sondern auch noch das Wunderbare für alle Zeit zu verbannen – als entsorgte Antiquität unaufge­klärter Köpfe. Welches Geheimnis bleibt denn noch, wenn wir die Welt restlos entziffern, sie vollständig in Formeln beschreiben und mit ihrer Hilfe die Zukunft entschlüsseln, um dann menschliches Handeln ebenso verlässlich wie die Bahnen der Planeten voraussagen zu können?

In Wahrheit haben wir es

mit einer bloßen Wunschvorstellung zu tun; ich werde von „Wissenschaftsreligion“ sprechen. Gerade die größten Wissenschaftler sind sich bewusst, dass ein gelöstes Problem sofort ein Dutzend neue Probleme beschwört. Je heller der Strahl, den der erkennende Geist in das ihn umgehende Dunkel wirft, desto mehr weiten sich die Räume, die dieser Lichtkegel erfasst – desto mehr dehnt sich daher auch das Dunkel aus, das sich jenseits dieses Lichtkegels befindet. Wissenschaft ist der Versuch, mit den endlichen Mitteln der erkennenden Vernunft in das Unendliche vorzustoßen. Das Wunderbare wird auf diese Weise niemals erschöpft.

Und Wissenschaft ist bekanntlich

nicht die einzige Art und Weise, wie wir uns der uns umgebenden Wirklichkeit nähern. Sie kann es nicht sein, da sie nur dem intellektuell-erkennenden Vermögen Entfaltung bietet. Gefühle und Empfindungen dürfen dabei prinzipiell keine Rolle spielen, denn sie sind lediglich „subjektiv“ – an das jeweilige Wünschen und Wollen gebunden. Die wissenschaftliche Wahrheit aber soll grundsätzlich unabhängig von unserem Wünschen und Wollen sein, sie soll die uns gegenüberstehende Wirklichkeit „objektiv“ erfassen, also gleichgültig davon, ob diese uns emotional berührt oder nicht. Ein Stück Traubenzucker auf meiner Zunge kann Entzücken bewirken, die chemische Formel C6H12O6 aber lässt meine Gefühle kalt. Denn die Formel geht ausschließlich aus den Forderungen des analytischen Verstandes hervor. Daher hat Wissenschaft für den Menschen nur einen instrumentellen Wert (obwohl der Akt der Entdeckung eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ihren Urheber sehr wohl emotional sehr stark bewegen kann). Sie gibt uns Sicherheit im Umgang mit den Dingen der Welt; ihre größten Erfolge erzielt sie, wenn sie uns erlaubt, die Zukunft aufgrund unseres Wissens zu planen oder vorauszusagen. Nur auf indirekte Art steht auch sie damit im Dienste menschlicher Gefühle, denn Sicherheit gehört zu den elementaren Bedürfnissen, da sie uns von der Angst vor dem Unplanbaren, dem Unberechen- und dem Unvorhersehbaren befreit.

Dennoch wäre der Mensch der Fülle

seines Menschseins beraubt, wenn es für ihn nur Wissenschaft gäbe, also die Anwendung seiner analytischen Fähigkeiten, um die Wirklichkeit objektiv zu beschreiben – ohne Ansehen der eigenen Gefühle. Außer der wissenschaftlichen gibt es noch eine zweite Art, mit Wirklichkeit umzugehen; diese ist von der wissenschaftlichen radikal unterschieden. Auch dabei haben wir es aber mit einer Form der Erkenntnis zu tun, nur eben einer ganz anders gearteten. Statt vorhandene Wirklichkeit zu entschlüsseln, besteht diese Erkenntnis darin, dass sie Wirklichkeit selbsttätig hervorbringt. Sie kreiert ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit statt sie nur zu erkennen.

Natürlich spreche ich von der Kunst

In ihr manifestiert sich nicht etwa das Wunder – das wurde von den Wissenschaften zu Recht entsorgt – sondern das Wunderbare. Auch wenn Kunst keineswegs mit dem Schönen identisch ist (darüber wird noch zu sprechen sein), besteht sie doch sehr oft in dessen Hervorbringung. Schönheit ist keine Beschreibung des Wirklichen aufgrund intellektueller Analyse, sie ist schon gar keine emotional unbeteiligte Zeugenschaft. Schönheit ist die Projektion unserer intellektuellen zusammen mit unseren emotionalen Kräften, um neue Wirklichkeiten hervorzubringen. Kunst macht uns zu Schöpfern, weil das Schöne eine neue Wahrheit und Wirklichkeit ist, die sich aus der vorhandenen nicht ablesen lässt, sondern unmittelbar aus dem Inneren des Menschen, aus seinem Hirn und seinem Herzen, stammt. Wissenschaft hingegen ist keine neue Wahrheit sondern Wahrheit, die sich darauf be­schränkt, in zugleich analytischer und generalisierender Form zu erfassen, was in der Wirklichkeit objektiv in unendlich vielen Einzelereignissen bereits vorhanden ist. Ein Naturgesetz ist keine Erfindung des Menschen – sie ist Findung von etwas bereits Daseiendem.

Greifen wir willkürlich eines von unendlich vielen Beispielen

für das Schöne heraus: Beethovens neunte Symphonie. Aus wissenschaftlicher Perspektive begreifen wir mühelos, warum uns die Zuführung von Kalorien am Leben erhält. Aber wie sollen wir begreifen, dass bloße Schwingungen der Luft, erzeugt von einem Blasen durch Röhren und das Kratzen von Rosshaaren auf metallischen Saiten – denn aus nichts anderem besteht diese wie auch alle anderen Symphonien – uns in Ekstase versetzen können. Das ist und bleibt ein unlösbares Geheimnis: Inbegriff des Schönen und eben des Wunderbaren. Wir brauchen keine Aufhebung der Naturgesetze, wir benötigen kein Wunder, damit uns dieses Geheimnis erschüttert. Wir brauchen nur auf das lächelnde Gesicht eines Menschen zu blicken, wenn er, von Rhythmus und Melodie bezwungen, etwas Unsichtbares, Ungreifbares erfährt, das ihn stärker berührt als die alltäglichen Akte seiner physischen Existenz.

Aus physikalischer Perspektive sind bloße Schwingungen von Luftmolekülen nahezu irreal. Dennoch kann ihre Wirkung so überwältigend sein, dass manche von uns ihr tägliches Leben überhaupt nur deswegen ertragen, weil sie die Musik zeitweise in eine andere, höhere Daseinsform katapultiert – in das Wunderbare. Auch das ist offenbar eine Form der Erkenntnis, denn sie prägt uns selbst ebenso wie unser Erleben der äußeren Dinge. Die Welt verwandelt sich für uns durch die Erfahrung des Schönen.

Die Berührung mit dem Wunderbaren

macht den Alltag erträglich, sie verzaubert die Wirklichkeit. Andererseits ist deren Entzauberung dafür verantwortlich, dass vielen Menschen das eigene Leben und die umgebende Welt nur schwer erträglich erscheinen. Hat man den Wissenschaften zu Recht vorgeworfen, dass sie dafür verantwortlich sind, weil sie die Welt entzaubern?

Nein, so einfach ist es gewiss nicht. Nur teilweise ist es richtig, wenn wir die Wissenschaften für diese Ernüchterung verantwortlich machen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass sie der Welt viel von ihrem Zauber genommen haben. Vor William Harvey (1578 – 1657) war das Herz ein geheimnisvolles Organ – für viele Völker und Zeiten der Sitz übernatürlicher Kräfte. Nach Harvey war das Herz nur noch eine Pumpe. Das war einerseits ein gewaltiger Erkenntnissprung – Ausweitung von überprüfbarer Wahrheit, andererseits war es ein emotionaler Verlust: eine Pumpe eignet sich nicht länger für ausschweifende poetische Gleichnisse. Für die Dichtung war das Herz seitdem entzaubert, verloren. Dieselbe Banalisierung der Wirklichkeit aufgrund der sukzessiven Wahrheitsfortschritte des analytischen Verstandes betraf bald immer größere Bereiche der uns umgebenden Welt, z.B. die Himmels­körper. Bis zum Aufkommen der modernen Astronomie und der Spektroskopie galten Planeten und Sterne als Sitze der Götter oder wurden sogar als deren Verkörperung gesehen. Heute sind sie nur noch fliegende Klumpen von unterschiedlicher chemischer Struktur. Für unsere Gefühle sind sie erkaltet. Einen Auf­enthalt auf einem dieser trostlosen Gebilde würden wir selbst unseren ärgsten Feinden nicht wünschen, geschweige denn den Göttern (sofern wir noch an sie glauben).

Was für eine radikale Entzauberung! Wenn wir um uns blicken, dann sehen wir, dass die wissenschaftliche Erklärung sich wie ein grauer Mehltau auf die Dinge legte und sie ihrer Poesie beraubte. Das Herz wurde zur Pumpe, die gesamte uns umgebende Wirklichkeit zu einer Maschine von mehr oder weniger großer Komplexität.

Doch etwa seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts

ist etwas Seltsames, eher Unerwartetes, geschehen. Durch die Quantenphysik wurde die Physik so außerordentlich komplex, dass ihre Theorien und Produkte uns genau deswegen wieder mit einer Art Zauber berühren. Newtons allgemeine Himmelsmechanik, welche die Bewegung von Sternen ebenso wie die eines Apfels auf unserem Planeten beschreibt, war (fast) für jedermann verständlich. In ihrer mechanischen Verlässlichkeit wirkte sie einerseits als Offenbarung für den forschenden Intellekt, andererseits als kalte Ernüchterung für das Gefühl. In dem bis dahin von Leben durchpulsten Kosmos vermochte der Mensch nach Newton nur noch ein großes Uhrwerk zu sehen, das man zwar verstehen aber nicht lieben konnte. Wer liebt schon ein so totes Ding wie einen nach sturen Regeln funktionierenden Mechanismus?

Doch 1900 entwarf Max Planck die Grundidee der Quantenmechanik und eineinhalb Jahrzehnte später trat Albert Einstein mit der Allgemeinen Relativitätstheorie auf den Plan. Wie ihre größten Kenner übereinstimmend verkünden, lässt sich die Quantentheorie nicht mehr anschaulich machen und auf diese Weise verstehen – die Wirklichkeit des Atoms entspricht nicht mehr der Wirklichkeit der Mittleren Welt, in der wir leben (vgl. Kap. Die verpasste Revolution der Quantenphysik).

Dieses Versagen der menschlichen Anschauung gegenüber der fremdartigen Wirklichkeit des Allerkleinsten konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das Bild der Natur von einem Uhrwerk und toter Mechanik hatte damit auf einmal ausgedient. Plötzlich war das Rätsel zurückgekehrt, denn für die Naturwissenschaft gibt es kein größeres Geheimnis, als wenn sie zugeben muss, die Welt nicht länger erklären zu können (selbst wenn sie sich immer noch manipulieren lässt – sonst wäre die neue Theorie überhaupt überflüssig). So dürfen wir heute behaupten, dass gerade die königliche Disziplin der Wissenschaften, die Physik, die Natur zwar einerseits radikal entzauberte, ihr andererseits aber auch wieder etwas von ihrem Rätsel zurückgab – Nichtverstehen ist identisch mit dem Geheimnis.

Diese Wiederverzauberung gilt nicht nur für die Theorie,

sie gilt auch für viele moderne Produkte, die wir ihr zu verdanken haben. Wir brauchen nur an Computer oder Handys zu denken, um uns davon einen Begriff zu machen. Die Menschen wären ihnen nicht so verfallen, sie würden nicht so süchtig mit diesen Dingen arbeiten und spielen, wenn diese Geräte ihnen nicht geheimnisvoll und geradezu unerschöpflich erscheinen würden. Wie ein klassisches Telefon funktioniert, war auch für den Laien noch leicht zu begreifen. Es hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die Übertragung von Sprache; darin erschöpfte sich sein Gebrauch. Ein Smartphone aber bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle dieser und anderer Funktionen; es stellt nicht nur eine intellektuelle Herausforderung dar sondern hält darüber hinaus auch noch die Gefühle in Bann, wenn seine Nutzer sich in aufregenden Spielen verlieren. Für viele Menschen fällt die neueste Wissenschaft hier plötzlich wieder mit der ältesten Magie und Zauberei zusammen, denn allenfalls einer von tausend weiß, wie solche Geräte tatsächlich funktionieren.

Wir leben in einer paradoxen Zeit

Ich sagte gerade, dass die Kunst neue, nie dagewesene Wirklichkeiten erschafft, während die Wissenschaft bestehende Wirklichkeiten beschreibt. Diese Feststellung scheint logisch unanfechtbar, sie scheint den Tatsachen aber dennoch zu widersprechen. Zwar trifft es zweifellos zu, dass bis ins 18. Jahrhundert die Gestaltung der Wirklichkeit überall in der Welt überwiegend durch die Kunst erfolgte. Tempel und Kathedralen, Gärten und Schlösser sind die sichtbarsten Beispiele für diese Transformation der Wirklichkeit durch den Menschen. Rechnet man noch den Bereich des Unsichtbaren hinzu, nämlich Musik und Dichtung, dann ist die Evidenz für die wirklichkeitsgestaltende Macht der Kunst überwältigend.

Doch diese Macht der Kunst über die Wirklichkeit wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts gebrochen. Seitdem sind es die Produkte der Wissenschaften, welche die uns umgehende Natur so stark verwandeln, dass die Menschen früherer Zeiten ihre damalige Welt in der heutigen kaum mehr wiedererkennen würden. Es sind Tausende neuer durch Wissenschaft hervorgebrachte Apparate – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und Tausende von Fabriken zu deren Herstellung, die das Aussehen unserer Städte und Landschaften ebenso bestimmen wie unser tägliches Leben. Offenbar besteht die eigentliche, die für jedermann sichtbare Leistung der Wissenschaften nicht darin, dass sie die Ordnung der Natur an ihren Gesetzen objektiv richtig beschreiben, sondern dass sie die Natur auf eine nie dagewesene Art in kurzer Zeit radikal transformieren – weit umfassender als das jemals die Kunst vermochte.

Wie passt das zusammen: Wissenschaft als die Gesamtheit

aller objektiven (für jedermann nachprüfbaren) Aussagen über die uns umgebende Welt einerseits und auf der anderen Seite Wissenschaft als das bisher wirksamste Instrument zur Erschaffung neuer, nie dagewesener Wirklichkeiten, also als ein Instrument zur Entfesselung menschlicher Freiheit?

Wie wir noch sehen werden, passt das überhaupt nicht zusammen, sondern wir stoßen gerade hier auf das Wunderbare, das Wissenschaft selbst nicht zu erklären vermag. Die Entfesselung menschlicher Freiheit durch eine Wissenschaft, welche Freiheit ganz leugnet oder sie mit einem sinnlosen Zufall identifiziert, ist das vielleicht größte Paradox unserer Zeit (siehe Kap. Demokratische Antignosis in unserer Zeit).

So gesehen ist es ein eher bescheidenes Paradox,

dass die talentiertesten und ehrgeizigsten Köpfe seit mindestens einem Jahrhundert in die Wissenschaften drängen, und zwar in die Wissenschaften von der Natur, weil deren Nutzen für die Steigerung von Reichtum, Macht und Ansehen eines Staates so evident sind. Dagegen verkümmern die Kunst und die Wissenschaften des Geistes schon seit Jahrzehnten. Sie werden an immer kürzerer Leine gehalten, weil ihr materieller Nutzen vergleichsweise begrenzt ist.

Welch ein Gegensatz zur Vergangenheit? Während Geist und Talent vor fünfhundert Jahren zu den Künsten strebten und Italien zu dem Wunder machten, das es aufgrund so vieler Zeugnisse der Schönheit bis heute geblieben ist, widmen die herausragenden Köpfe der heutigen Zeit ihre ganze Kraft den Naturwissenschaften und allem, was mit diesen zusammenhängt. Doch die Wissenschaften erzeugen zwar intellektuelle Fülle, sie steigern das analytische Vermögen und verwandeln uns in Verstandesmenschen mit steigendem Intelligenzquotienten, aber sie hinterlassen eine spirituelle und emotionale Leere, da sie das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Wärme und spiritueller Geborgenheit nicht befriedigen. In ihrer theoretischen Grundlegung haben sie keinen Platz für ethisches Sollen und ästhetische Schönheit. Was den Menschen als ganzen am meisten betrifft, das entzieht sich ihrem Zugriff und ihrem Interesse (so kunstsinnig einzelne Wissenschaftler persönlich auch gewesen sein mögen und oft heute noch sind). Wir verstehen zwar, warum Wunder keinen Platz in der wissenschaftlichen Weltanschauung haben. Wenn die Gesetze der Natur per definitionem ewig und unverbrüchlich sind, dann stellt ihre Durchbrechung einen logischen Widersinn dar. Aber warum ist seit dem Aufkommen der Wissenschaften auch das Wunderbare ganz aus dem Blickfeld verschwunden? Mit Logik ist diese Tatsache nicht zu begründen – sie gehört zu den Vorurteilen der Wissenschaft als einer neuen säkularisierten Religion.

Diese Vorurteile aufzudecken, ist keine Aufgabe für Experten, die ja eher bestrebt sind, ihr Wissen wie ein Monopol zu verwalten. Sie ist eine Aufgabe jenes menschlichen Grundvermögens, das Kant als „reine Vernunft“ bezeichnet hatte. Ich werde im nächsten Kapitel von „demokratischer Antignosis“ sprechen.

Der Soziologe Dr. Alexander Dill schreibt dazu Folgendes:

Lieber Herr Jenner

Ich entdecke bei Ihnen zunehmend mein eigenes Denken, eine romantische und arg selbstverliebte Skepsis gegenüber der vermeintlichen Aufklärung, so, wie einst die Frankfurter Schule, dann Peter Sloterdjik und die postmodernen Franzosen. Bei Ihnen kommt das eher British daher. Sehr fashionable und highly sophisticated. Das Wunderbare ist ja auch das Unwahrscheinlichste, nämlich die eigene Existenz. Da wir wenig bis nichts über das Wissen wissen (Wissen kann man übrigens nicht googeln), steht das Wunderbare in der heroischen Reihe der großen Rätsel, zusammen mit Gott, dem Anderen, dem Du, der Zeit und der Unendlichkeit. Dazu gibt es ein längeres Video mit mir aus der Schweiz, in dem ich eine Geschichte des Wissens als Einleitung biete: https://www.youtube.com/watch?v=Ey9MSXOPijk.

Wunderbar ist auch, dass Fritz Goergen hier mitliest, der mich unter seinem vorigen Namen Fritz Fliszar als Doktorstipendiat in die Friedrich Naumann Stiftung aufnahm.

Herzlicher Gruß Ihres Alexander Dill

Meine Replik:

Lieber Herr Dill,

wenn es uns gelänge, eine Diskussion über die Sache zu führen, indem Sie mich – je nachdem – loben, heftig kritisieren, eigene Vorschläge vorbringen usw., dann würde ich das sehr begrüßen, denn das Thema liegt zweifellos in der Luft. Aber hüten wir uns, einander Etiketten aufzudrücken (Romantiker mit britischer Orientierung, Epigone der Frankfurter Schule etc.). Daran denke ich nämlich, wenn ich über die Feinde des Wunderbaren rede. Für die gibt es nichts, was sie nicht verstehen, weil sie die gesamte Wirklichkeit sorgfältig in etikettierten Schubladen abgelegt haben. Wenn man solchen Leuten begegnet, wird aus jeder Diskussion eine Art von Beauty Contest, ein Ego-Gefecht, wo jeder der oder die Schönste bzw. Intelligenteste sein möchte. Will man die Wirklichkeit als das erfahren, was sie in Wahrheit ist, dann muss man erst einmal die Ego-Blase sprengen, in der man „arg selbstverliebt“ gefangen ist (a propos, Sie wissen natürlich, wie verbreitet die Neigung ist, anderen genau jene Fehler zuzuschreiben, die man an sich selbst entdeckt). Übrigens kommen solche eher psychologischen Abschweifungen in meinem Buch eher selten vor. Es geht um elementare Logik – demokratische Antignosis – wie ich das nenne.

(Ihr Youtube Video ist leider akustisch schlecht aufgenommen, zum Teil schwer zu verstehen)

Herzliche Grüße

Gero Jenner

Der Schauspieler Fritz Stavenhagen schreibt:

Sehr geehrter Herr Jenner,
seit etlichen Jahren erhalte, lese und genieße ich Ihre Abhandlungen zu politischen, historischen, philosophischen Themen. Zum Wunderbaren Ihrer letzten ist mir eingefallen, dass ich zu der von Ihnen angesprochenen Entzauberung der Wirklichkeit durch die Naturwissenschaften im Rahmen meiner kleinen „Einführung in die Lyrik“ speziell zur Herzproblematik einiges gefunden und referiert habe, das die ausschließliche Funktion des Herzens als Pumpe in Frage stellt, wenn nicht widerlegt. Ich bin nicht Wissenschaftler sondern Künstler geworden. So haben mich die Forschungen und Erkenntnisse der Kardiologen nicht nur brennend interessiert, sondern auch zutiefst befriedigt und bestätigt. Ich erlaube mir, Ihnen mein Büchlein anzuhängen und möchte insbesondere auf das letzte Kapitel verweisen (Seite 74ff).

Mit den besten Grüßen 
Fritz Stavenhagen

Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

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Was ist Wirtschaftsphilosophie?

In der ‚Offenen Gesellschaft und ihre Feinde’ vertrat Karl Popper mit großer Entschiedenheit die Position, dass größere Eingriffe in die Wirtschaft, vor allem solche ideologisch motivierter Art, meist unheilvoll und deshalb zu vermeiden seien. Was ist Wirtschaftsphilosophie? weiterlesen

Bertrand Russells fataler Irrtum – wie die Analytische Philosophie den menschlichen Geist beleidigt

Die Liebe zur Weisheit war nicht schlecht beraten, als sie sich die Forderung der Wissenschaft nach Wahrheit zu eigen machte. Ihre Opposition zur Religion in vorsokratischer Zeit und dann erneut zur Zeit der Aufklärung des 18ten Jahrhunderts ging aus der Einsicht hervor, dass die Suche nach Wahrheit eine der Grundlagen menschlicher Erkenntnis sei. Bertrand Russells fataler Irrtum – wie die Analytische Philosophie den menschlichen Geist beleidigt weiterlesen

Hep, hep Sarrazin! Rückblick auf eine Menschenhatz in Deutschland

(auch erschienen in Tichys Einblick und fbkfinanzwirtschaft)

Kein Zweifel, Ideen können Revolutionen bewirken. Der Islam, erfunden von einem poetisch inspirierten Kaufmann, der Gottes Stimme zu hören glaubte, war historisch eine der wirkmächtigsten Ideen, weil sie in einem geistig-militärischen Siegeszug ohnegleichen einen Großteil der Alten Welt innerhalb kürzester Zeit unterwarf und eine radikale Umgestaltung bewirkte. Hep, hep Sarrazin! Rückblick auf eine Menschenhatz in Deutschland weiterlesen

Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren

(auch erschienen in: Tichys Einblick und Forum Freie Gesellschaft)

Eine Wiener Philosophin hat kürzlich im österreichischen Rundfunk mit einem Text von großer sprachlicher Eindringlichkeit für die pluralistische Gesellschaft geworben. Nicht im Kampf der Kulturen, wie Huntington ihn beschwor, liege die eigentliche Bedrohung, sondern im Kampf aller Fundamentalisten gleich welcher Religion und Ideologie gegen die multikulturelle Gesellschaft. Deren Vielfalt sei das einzig positive Ideal unserer Zeit, nicht Homogeneität wie von den Fundamentalisten erstrebt. Multikulti – ein gefährliches Ideal. Wie die Wohlmeinenden den Staat ruinieren weiterlesen

Karl Marx – ein hellsichtiger Reaktionär?

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 4/2015 und "scharf-links")

Dass die Krise des Kapitalismus zu einer Renaissance des Interesses für Karl Marx führen würde, war zu erwarten. Dass es aber jemand wagen würde, den großen Sozialutopisten als Reaktionär zu bezeichnen, das kommt eher unerwartet. Andererseits leben wir trotz der Krise immer noch in einer Spaß- und Sensationsgesellschaft, in der es praktisch keine Tabus mehr gibt. Von Jesus Christus bis zum Holocaust wird heute alles durch die Spaß- und Pointenmühle gedreht, Hauptsache, so etwas hat noch keiner zuvor behauptet. Warum also nicht auch Marx zu einem Reaktionär erklären? Karl Marx – ein hellsichtiger Reaktionär? weiterlesen

Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel

 

In seiner berühmten Abrechnung mit den Feinden der Demokratie „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hat Karl Popper heftige Kritik an Marx geübt, aber eines hat er zugleich unmissverständlich klar gestellt. In einer Zeit, da alle über das unglaubliche Elend des ärmsten Teils der Bevölkerung gleichgültig hinweggeblickt haben, ja, sich sogar von einem zum Priester geweihten Christen namens Malthus dazu überreden ließen, in der Menschenschinderei und dem Menschenverschleiß in den Industriebaracken des frühen 19. Jahrhunderts eine göttliche Fügung zu sehen, weil die Erde nun einmal nicht genug Nahrung für alle Menschen erzeuge, in einer so grausamen Zeit gehörte Karl Marx zu den ganz wenigen, die ohne jede Schönfärberei Tatsachen und Täter beim Namen nannten. Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel weiterlesen

Traum, Spiel und Esoterik – ein Versuch über den Homo somnians

A state of scepticism and suspense may amuse a few inquisitive minds. But the practice of superstition is so congenial to the multitude, that if they are forcibly awakened, they still regret the loss of their pleasing vision. Edward Gibbon

Im unserem wachen Leben sind wir Bäcker, Physiotherapeuten, Chirurgen, Wirtschaftsanalysten, Banker, Gauner oder Informatiker – kurz, wir sind da auf eine manchmal recht enge Funktion zusammengepresst. Doch in Schlaf und Traum wird jeder zum ganzen Menschen. Traum, Spiel und Esoterik – ein Versuch über den Homo somnians weiterlesen

Links oder Rechts? Das ist die Frage

Franz-Josef Strauß, ein großer Machtmensch, aber vielleicht kein ebenso großer Denker, hat einmal sinngemäß den Orakelspruch abgegeben, dass der Zweck des Bewahrens das Nicht-Bewahren sei. Damit jedermann diesen Satz auch versteht, drückte er sich allerdings etwas anders aus. „Konservativ heißt, nicht nach hinten blicken, konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren“(1). Spätestens seit dieser kryptischen Offenbarung ist des Rätselratens kein Ende mehr, worin sich Links und Rechts denn eigentlich unterscheiden. Dabei wird niemand leugnen, dass sich beide Lager, heute wie gestern, als zwei einander befehdende Machtblöcke gegenüber stehen. Es muss also doch eine Trennlinie geben – auch wenn man von Denkern wie Franz-Josef Strauß nicht unbedingt eine erhellende Antwort erhält. Links oder Rechts? Das ist die Frage weiterlesen

Die Causa Hörmann-Pregetter – Karl-Theodor zu Guttenberg lässt grüßen

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Die beiden Wiener Autoren, Franz Hörmann, seines Zeichens Professor für Revisionswesen an der Wirtschaftsuniversität, und Otmar Pregetter, ein Unternehmensberater und Statistiker, haben ein in jeder Hinsicht herausforderndes Buch geschrieben: „Das Ende des Geldes“. Das ist weitgehend eine Anthologie des Bösen. Auf über zweihundert Seiten zählen die Autoren die Untaten, Konstruktionsfehler bis hin zu den Verbrechen des Kapitalismus auf. Die Causa Hörmann-Pregetter – Karl-Theodor zu Guttenberg lässt grüßen weiterlesen