Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Die Erkundung von Ordnung (Gesetzen)

stellte immer schon die eigentliche Aufgabe der Erkenntnis dar. Dagegen wurde der Zufall lange Zeit als so störend und überflüssig empfunden, dass man seine Existenz überhaupt in Zweifel zog, und zwar gleich auf doppelte Weise. Beispielsweise konnte man mit Voltaire der Meinung sein, dass er lediglich unser vorläufiges Nichtwissen bezeichne. Diese Meinung kann sich auf handfeste Argumente stützen, denn unendlich vieles, was unseren Vorfahren noch als bloßer Zufall erschien, zum Beispiel Choleraepidemien oder Mondfinsternisse, hat die moderne Wissenschaft inzwischen von ganz bestimmten Ursachen ableiten und somit als gesetzhaft erklären können. Der Schluss lag daher nahe, den Zufall generell als bloße Lücke menschlicher Erkenntnis zu deuten. In dem Maße wie der Fortschritt der Wissenschaften diese Lücke mit Wissen füllt, würden wir ihn daher beseitigen und am Ende überall nur noch gesetzhafte Ordnung erkennen.

Das jedenfalls war die Meinung von Baruch de Spinoza ebenso wie von dessen großem Bewunderer, Albert Einstein, der die eigene Ablehnung des Zufalls bekanntlich in ein berühmtes Diktum gekleidet hat. „Gott würfelt nicht“, sagte Einstein. Mit anderen Worten, Gott schaffe nur Ordnung, denn Ordnung erschließt sich der Vernunft, ist rational. Dagegen haftet dem Zufall der Ruch des Wertlosen, des Irrationalen an. Zweifellos schwingt in seiner Herabsetzung die Vorstellung mit, dass uns hier etwas ganz Unbrauchbares und Überflüssiges begegnet.

Aber der Zufall ist mehr als nur eine Lücke unseres Wissens

Es war eine epochale Entdeckung, dass die Quantenphysik dem Zufall wieder zu einem Bleiberecht im wissenschaftlichen Weltbild verhalf. Die Königsdisziplin der Wissenschaften, die Physik, führte gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts neben der Ordnung und dem Berechenbaren (ausgedrückt in Gesetzen) deren genaues Gegenteil ein, nämlich die Abwesenheit von Ordnung – eben den Zufall. In der Quantenphysik wurde das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik aufgegeben, wonach man jeder bestimmten Wirkung auch eine ganz bestimmte Ursache zurechnen könne. Werner Heisenberg drückte das auf folgende Weise aus. „Zum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker… nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang… Wenn wir den Grund dafür wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert.. /worden ist/, so müssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst gehören, kennen, und das ist sicher unmöglich.“

Der Zufall hat die Welt der klassischen Physik,

die als durch und durch berechenbar vorgestellt wurde, um die Dimension des Unberechenbaren erweitert.*1* Jacques Monod hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er in den folgenden Sätzen über jene Geschichte spricht, die man heute als Evolution bezeichnet, während sie früher einmal als Schöpfungsgeschehen verstanden wurde: „Der Zufall allein ist die Quelle jeder Innovation, jeder Schöpfung in der Biosphäre. Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht.“

Der französische Biochemiker

würde allerdings nicht so emphatisch auf der Alleingültigkeit dieser Hypothese bestanden haben, hätte er nicht deren Gegner vor Augen gehabt, die religiösen „Animisten“, wie er sie nennt, die dem Geschehen der Evolution einen Sinn beilegen wollen. Doch diesen Sinn gebe es eben nicht. Der Wissenschaftler, gleichgültig ob Physiker oder Neurologe, könne in der gesamten Entstehungsgeschichte der Welt nichts anderes erblicken als einen gesetzhaften Mechanismus, der seine Fortentwicklung einem blinden, d.h. sinnlosen, Zufall verdankt. Und um ganz sicher zu gehen, dass jeder Leser das Ausmaß der von ihm behaupteten Sinnlosigkeit auch richtig erfasst, bezeichnet Monod den Zufall noch als „lärmendes Rauschen“ (engl. noise). „Man kann also sagen, dass dieselbe Quelle von zufälligen Störungen, von „Lärm“, die in einem nicht lebenden.. System nach und nach zum Zerfall aller Strukturen führen würde, der Stammvater der Evolution in der Biosphäre ist und für die uneingeschränkte Freiheit der Entfaltung verantwortlich ist.“

In diesen vernichtend trostlosen Zeilen

fasst Monod das Weltbild der modernen Wissenschaften zusammen. Wem sie aber noch nicht trostlos genug sind, der könnte die Absicht des großen Biologen noch mit einer Metapher ergänzen, die das Gemeinte auf bildhafte Art illustriert. In der Sicht der Propheten und Religionsgründer aller Zeiten saß ein Dichter wie Dante an der Schreibmaschine, um die göttliche Komödie zu verfassen, nur dass dieser Dichter Gott selber war, der den Kosmos dabei nach einem Heilsplan erschuf, den seine Geschöpfe verstehen können. Nach Vorstellung der großen Denker seit dem 17ten Jahrhundert fällt diese Rolle dagegen einem Affen zu, der sinnlos auf die Tasten eindrischt, wobei nach Verlauf von Äonen der Zufall die göttliche Komödie bzw. den Kosmos rein mechanisch hervorbringt. Gott repräsentiert im einen Fall die verkörperte Intelligenz und Weisheit, der Affe aber das genaue Gegenteil, die verkörperte Nicht-Intelligenz, einen Fall für das Irrenhaus.

Das Besondere beider Bilder liegt

meiner Auffassung nach darin, dass man sie beide falsch nennen muss – und zwar falsch nach den Maßstäben von Wahrheit und Wissenschaft.*2* Dass das erste der beiden Bilder nicht stimmen kann, wonach Gott ein Universum erschuf, dessen Heilsplan dem Menschen rational zugänglich ist, war den Wissenschaftlern früh aufgefallen – Monod steht da in einer vierhundertjährigen Tradition. Aber auch Albert Schweitzer, großer Theologe und noch größerer Mensch, bekennt sich zu dieser Einsicht. „Die raffinierten und hinterlistigen Versuche, die Welt in optimistisch-ethischem Sinne zu begreifen, haben keinen besseren Erfolg als die naiven. Was unser Denken als Erkenntnis ausgeben will, ist immer nur eine ungerechtfertigte Deutung der Welt. Gegen dieses Eingeständnis wehrt sich das Denken mit dem Mut der Verzweiflung, weil es fürchtet, dem Problem des Lebens dann ratlos gegenüberzustehen. Welchen /moralischen/ Sinn dem Menschendasein geben, wenn wir darauf verzichten müssen, den /moralischen/ Sinn der Welt zu erkennen? Aber es bleibt dem Denken nichts anderes übrig, als sich in die Tatsachen zu fügen“.

Eine eindeutige Stellungnahme! Die größten Religionskritiker hätten sich nicht deutlicher aussprechen können als Albert Schweitzer in diesen Zeilen, wenn er die moralische Deutung der Evolution als „hinterlistig“ bezeichnet. Seit Tausenden von Jahren haben Menschen ihren Göttern Heilspläne zugeschrieben, sie erdachten sich einen Sinn für die Welt, aber der wissenschaftlich nüchterne Beobachter muss feststellen, dass die Tatsachen mit keiner dieser mythologischen Konstruktionen im Einklang stehen.

Aber das Gegenbild vom blinden und sinnlosen Zufall

deswegen weniger falsch? Nein, man muss noch ein viel härteres Wort gebrauchen, mit dem man heute dieselbe Verdammung ausspricht wie in früheren Zeiten mit den Worten „atheistisch“ oder „gottlos“. Das Bild vom Affen, der rein mechanisch auf die Tasten drischt, ist schlicht „unwissenschaftlich“ und bleibt es auch dann noch, wenn man sich mit Monod damit begnügt, den Zufall als „blind“ und „sinnlos“ zu bezeichnen. Unwissenschaftlich heißt in diesem Fall, dass wir mehr behaupten, als wir je wissen können. Denn eine Sache können wir nur dann mit Eigenschaften belegen, wenn wir sie kennen. Doch genau das ist beim Zufall gerade nicht der Fall. Wir wissen nicht, was der Zufall ist und können ihn nicht künstlich erzeugen (schon gar nicht durch einen „Zufallsgenerator“!). Jeder Algorithmus, durch den wir ihn darzustellen versuchen, auch der komplexeste, erzeugt notwendig wiederholbare Ordnungen – also das genaue Gegenteil des Zufälligen. Wer den betreffenden Algorithmus kennt, ist daher auch in der Lage, sein Resultat vorhersagen. Den echten Zufall können wir überhaupt nur dadurch imitieren, dass wir die Wirklichkeit einbeziehen, indem wir einen bestimmten Algorithmus z.B. stets dann auslösen, wenn ein echter Zufall geschieht, z.B. wenn ein mit ihm verbundener Sensor auf der Straße eine Frau mit gelbem Hemd vorbeigehen sieht. Das ist dann ein genauso zufälliges Ereignis, wie wenn ein die Straße überquerender Passant von dem Ziegel erschlagen wird, der ihm plötzlich vom Dach her auf den Kopf fällt (Monod bedient sich dieses Beispiels, um den Zufall zu illustrieren).

Dies ist eine schlichte und dennoch entscheidende Erkenntnis. Sie besagt, dass wir uns vom Zufall grundsätzlich kein Bild und keinen Begriff machen können – oder anders gesagt, dass er das Gegenteil dessen repräsentiert, was wir wissen und sogar (gemäß Heisenberg): was wir wissen können. Der Zufall ist das schlechthin Unbekannte, Undeutbare, das keine Wissenschaft zu erschließen vermag. In diesem Sinne ist und bleibt er für menschliche Erkenntnis ein unlösbares Geheimnis.

Der Philosoph und der kritische Wissenschaftler

sehen sich daher genötigt, Monods Weltbild nicht nur als naiv sondern als wissenschaftlich unhaltbar zu bezeichnen. Die Welt ist nicht sinnloser Zufall und Notwendigkeit, sondern ihre beiden Grunddimensionen sind Ordnung und Geheimnis. Die Wirklichkeit stellt sich uns auf zweifache Weise dar, einerseits als Gegenstand unseres (vermutlich unendlich erweiterbaren) Wissens, andererseits aber auch als grundsätzlich unerkennbar, denn die Grenzen unseres Wissens ergeben sich aus dem unerkennbaren Zufall.

Auch für den gläubigen Menschen hat diese Erkenntnis Folgen. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann muss er sich mit Albert Schweitzer eingestehen, dass er den Sinn, den Gott der Schöpfung gab, nicht versteht. Das heißt aber keinesfalls, dass es keinen Sinn in ihr gibt. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob es etwas an und für sich nicht gibt oder nur für unser Erkennen. Der Biologe Rupert Riedl fand dafür das passende Bild. „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos“ /also jenseits der uns erkennbaren gesetzhaften Ordnungen/. Wissenschaft ist inzwischen imstande, unendliche viele Dinge aufs Genaueste zu erklären, z.B. warum uns eine Biene sticht, ein Vulkan ausbricht oder wie ein Handy funktioniert, aber sie kann uns nichts darüber sagen, warum diese Welt und ihre Ordnungen überhaupt existieren und welchen Sinn menschliche Existenz darin hat.

Der Unterschied wirkt sich auf allen Ebenen aus

Wie anders sieht z.B. Darwins großartige Evolutionsformel aus, sobald wir uns eingestehen, dass der Zufall nicht blind und nicht sinnlos ist sondern wir darin etwas sehen müssen, über das wir prinzipiell keine Aussage machen können, weil er für uns ein unlösbares Geheimnis ist? Darwin erklärt die Entwicklung der Arten aus dem Überlebenskampf, wo Individuen, die besser an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, einen Selektionsvorteil genießen und daher die größere Nachkommenschaft aufweisen. Karl Popper hat diese Theorie bekanntlich als „metaphysisch“ bezeichnet, weil sie sich nicht widerlegen (falzifizieren) lasse und daher auch nicht beweisbar sei. Warum weiße Birkenspanner auf der ebenso weißen Rinde von Birken keinen Selektionsvorteil mehr besaßen, als die Landschaften Englands langsam verrußten und die Falter auf der dunklen Rinde für ihre Fressfeinde plötzlich viel sichtbarer wurden, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die Umwelt, an die sich jedes Lebewesen anpassen muss, ist selten so eindeutig definiert. In der Regel ist sie äußerst komplex und verändert sich in jedem Moment. Von den Lebewesen verlangt sie daher simultane Anpassungen, die sich genauso aller Berechnung entziehen wie die Kräfte der ganzen Welt, die in einem bestimmten Moment auf ein Alpha-Teilchen einwirken. Deshalb hat Darwins Theorie nie geleistet, was der Physiker von seinen Gesetzen verlangt, nämlich Vorhersagen in die Zukunft. Selbst der überzeugteste Darwinist würde nicht wagen, die zukünftige Entwicklung irgendeines bestimmten Lebewesens, geschweige denn die des Menschen, zu prophezeien (es sei denn unter Laborbedingungen, wenn alle Umweltbedingungen künstlich auf ein Minimum reduziert worden sind).

Darwin selbst hat zu seiner Zeit noch nichts von den Mechanismen

gewusst, welche der Selektion ihr „Material“ zur Verfügung stellen, also genetisch unterschiedliche Individuen. Heute beschreiben Biogenetiker längst im Detail die Mechanismen, welche zu unterschiedlicher genetischer Ausstattung führen – z.B. endogene oder umgekehrt von außen bewirkte Fehler bei der Replikation des genetischen Codes. Wichtig ist, dass der Biogenetiker es hier mit zufälligen Veränderungen (z.B. Mutationen) zu tun hat, denn würden sie gesetzhaft verlaufen, dann wäre er ja in der Lage, die künftige Entwicklung eines Lebewesens zu berechnen. Anders gesagt, sind sich die Biogenetiker mit Jacques Monod darin einig, dass hier das Reich des Zufalls beginnt – die Abwesenheit von Gesetzen. Das vermeintliche Grundgesetz Monods lässt sich daher von der Physik ebenso auf die Biologie beziehen: „Die Entwicklung der Arten ist vollständig durch Zufall und Notwendigkeit erklärt.“

Aber was ist das für eine Erklärung, wenn der Zufall für unsere Erkenntnis

reines Geheimnis ist? Sobald wir diese Wahrheit anerkennen, erhält die Formel, welche Darwins – inzwischen wesentlich ergänzte – Lehre zusammenfasst, auf einmal eine ganz verwandelte Form. „Die Entwicklung der Arten wird vollständig durch Geheimnis und Notwendigkeit erklärt.“ Offensichtlich ist das eine contradictio in adjecto, denn diese Formel scheitert an einem inneren Widerspruch. Eine Erklärung kann niemals vollständig sein, wenn sie auf einem unauflösbaren Geheimnis gründet.

Diese Einsicht ist von grundlegender Art, denn sie nötigt uns zu erkenntnistheo­retischer Bescheidenheit. Die Wissenschaft vom Leben kann sich zwar ein voll­kommenes Bild von der Deszendenz der Arten machen, d.h. von ihrer Geschichte. Aber eine vollständige Erklärung ihrer Entwicklung wird sie nie bieten können, eben weil sie als Grundelement die wissenschaftlich undeutbare Dimension des Zufalls in sich birgt.*3*

Die Revolution der Erkenntnis, die mit dem 17ten Jahrhundert begann,

bestand in einer methodisch betriebenen Suche nach Wahrheit, die nun im Prinzip für jedermann auffindbar sein soll. Wissenschaft erkennt kein Machtwort von Autoritäten an, sie ist radikal demokratisch. Aber Wissenschaft war stets in Versuchung, selbst Machtwörter zu sprechen, und genau deshalb war sie von vornherein nicht nur Wahrheitssuche sondern immer auch durch Lüge gefährdet, zumal sie von Anfang an einen mächtigen Gegner hatte: die undemokratische Machtreligion, welche sich nicht auf Vernunft sondern auf vermeintlich unanfechtbare Autoritäten berief.

Um diesen mächtigen Feind zu bekämpfen, wie sie es seit dem 17ten Jahrhundert tat und Monod noch im zwanzigsten, gab und gibt sie vor, den Menschen eine genauso umfassende, totale Erklärung der Wirklichkeit bieten zu können wie es von jeher Anspruch und Absicht der Macht-Religion ist (im Gegensatz zur kritischen Religion, die nicht vorgibt, die letzte Wirklichkeit, also Gott, zu erkennen). In dem Augenblick, wo Wissenschaft diesen Weg beschritt, gleicht sie sich ihrem Gegner an, wird zur dogmatischen Macht-Wissenschaft. Aber immer wieder sind es kritische Wissenschaftler selbst, die sich dagegen wehren. Für den Mathematiker Gödel stand es aus logisch-grundsätzlichen Erwägungen fest, dass kein System über sich selbst hinausgelangt, es scheitert an prinzipieller Unvollständigkeit (Unvollständigkeitstheoreme). Wenn er es dennoch versucht, handelt er, um im Bild des Biologen Rupert Riedel zu bleiben, so wie ein Polizeihund, der sich einbildet, die Rauschgiftszene zu kennen.

Im Unterschied zur Machtreligion,

die, wie Albert Schweitzer vehement kritisiert, hinterlistig eine optimistische Weltsicht vorgaukelt, bietet Machtwissenschaft den Menschen allerdings eine überaus traurige Perspektive. Oder gibt es eine trostlosere Vision als die Philosophie des Nichts-Als, wonach Mensch und Kosmos eben nichts Besseres seien als Mechanismen, deren Entwicklung zudem durch den blinden, sinnlosen Zufall bestimmt wird? Das ist eindeutig jene Art Wertung, die sich Wissenschaftler üblicherweise verbieten, z.B. wenn sie die Verbindung von H und O zu H2O beschreiben. Da ist weder von großartig noch von trostlos die Rede – das Geschehen wird einfach in seiner Faktizität dargestellt. Mehr kann Wissenschaft nicht, wenn sie nicht selbst zur Ideologie werden will.

Wenn wir den Zufall, eine der beiden Grunddimension der Wirklichkeit,

als Geheimnis bezeichnen, dann ist das keine Wertung sondern wir benennen ein Faktum, denn wir wissen nicht, was der Zufall ist, abgesehen davon, dass er für uns das Gegenteil aller erkennbaren Ordnung repräsentiert. Und deswegen müssen wir das Weltbild Monods, das heute auch das der meisten Wissenschaftler ist, entschieden zurückweisen und es durch ein anderes ersetzen. Wirklichkeit ist eine Architektur aus erkennbarer Ordnung und unerkennbarem Geheimnis.

Neu ist diese Erkenntnis nur für die Machtwissenschaft und die Machtreligion. Kritische Religion, zu deren größten Vertretern der Mystiker Meister Eckart gehört, hat immer darum gewusst. Kritische Wissenschaftler wie Kurt Gödel oder der vermeintliche Positivist Karl Popper, der Biologe Rupert Riedl (und viele andere mehr) haben das ebenso erkannt. Aber aus Furcht, die eigenen Grenzen zugeben zu müssen, beharren Machtreligion wie Machtwissenschaft auf der totalen Erklärung, die eine, indem sie der Welt künstlich eine optimistischen Heilsplan unterstellt, die andere, indem sie die Welt zu einem Nichts entwertet.

In unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik

die Wirklichkeit tiefer und umfassender umgestalten als das jemals die Religion vermochte, stehen wir nicht nur vor einer geistigen sondern einer nicht minder großen materiellen Bedrohung. Die größte Errungenschaft unserer Zeit: wissenschaftliche Wahrheitssuche, droht in praktizierte Sinnlosigkeit umzuschlagen, weil unser immenses Wissen und Können uns dazu verführt, den grünen Planeten, auf dem uns die Evolution bis heute ein einzigartiges, wunderbares Zuhause bot, nach und nach unbewohnbar zu machen. Welch ein eklatanter Widerspruch! Homo sapiens, der am höchsten entwickelte Primat, bringt es zwar fertig, jene Fahrzeuge zu erfinden, die ihn zu einem anderen Planeten im Sonnensystem tragen können. Es ist längst nicht mehr unrealistisch, dass er auf den öden Steinwüsten des Mars mit Luft gefüllte Containergefängnisse errichtet, wo er dann ein trauriges und abgeschiedenes Leben wie in einer Sibirischen Strafkolonie führt. Aber er bringt es nicht fertig, seinen eigenen Wohnraum, diese Erde, für eine nachhaltige Existenz zu sichern. Wissenschaft hätte uns die Möglichkeit bieten können, das Leben hier auf der Erde zum Paradies zu machen; wir sind aber im Begriff, die Erde mit ihrer Hilfe in eine unbewohnbare Hölle zu verwandeln.

Nobelpreisträger vom Rang eines Jacques Monod

haben mit der falschen, unwissenschaftlichen Philosophie des Nichts-Als diese Entwicklung geistig vorbereitet. Warum sollte man sich einer sinnlosen Welt, einem sinnlosen Leben gegenüber irgendwelche Hemmungen auferlegen? Diese Einstellung lässt die Zerstörung der Welt ebenso zu wie ihre Erhaltung – beides ist gleich weit von allem Sinn entfernt. Das ist, wie ich es nennen möchte, „falsche Aufklärung“. Wir dürfen uns daher nicht darüber wundern, dass sie eine säkulare Gegenreaktion provoziert. Die Renaissance fundamentalistischer Religionen ebenso wie das erschreckende Wuchern von artifiziellem esoterischen Sinngebräu soll die Leere ausfüllen, welche die Lüge des Nichts-Als in den Köpfen erzeugte. Wie so oft der Fall treibt der Fanatismus der einen den der anderen hervor, denn auch Monod lässt ja keinen Widerspruch zu: „Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht“ (meine Hervorhebung).

Der Dogmatismus der „Machtwissenschaft“

wird auch noch auf andere Art widerlegt. Es hätte genügt, dem Geheimnis des Zufalls einmal nicht im Großen und Ganzen von Kosmos und biologischer Evolution nachzuspüren, wo wir es nie enträtseln werden, sondern in uns selbst. Denn Evolution ereignet sich ja im Hier und Jetzt und in jedem Lebewesen. In dem Augenblick, wo wir ihn uns selbst aufsuchen, erleben wir ihn unmittelbar als sinnvoll, z.B. in der Musik. Ihre elementare Wirkung auf unsere Psyche beruht auf der Resonanz, dem Wiedererkennen. Wir lieben die Schönheit einer musikalischen Architektur, z.B. einer Sonate von Mozart oder Bach, weil sie nicht nur als äußere Tonfolge auf uns einströmt, sondern die Elemente dieser Ordnung bereits in uns vorhanden sind, so dass es zu einer Wiederbegegnung kommt. Der musikalische Genuss kommt ja gleichermaßen von außen wie von innen, ohne Resonanz, d.h. unser aktives Miterleben, würde Musik nichts in uns bewirken.

Aber Musik ist weit mehr als nur bestimmte Ordnung oder Architektur, die wir als Teil unserer Kultur verinnerlicht haben; sie ist zugleich Ausbruch aus dieser Ordnung, unberechenbares Spiel mit den architektonischen Grundelementen. Eine Musik wird schlecht, langweilig oder kitschig, wenn sie uns berechenbar erscheint, weil sie tonal oder rhythmisch nichts Neues zu bieten hat, wir also in jedem Moment ihren weiteren Verlauf schon vorausahnen können. Die große Musik überrascht uns gerade dadurch, dass wir mit größter Intensität wieder-erkennen, und sie uns doch als völlig unberechenbar erscheint, weil wir die auf uns einströmenden Einfälle, Variationen, plötzlichen Entdeckungen eben nicht voraussehen, geschweige denn vorausberechnen können. Dadurch erhält der Zufall, dort wo wir ihn selbst erleben, eine Qualität, die weit hinausreicht über alles bloß Zufällige. Wir erleben ihn als den höchsten Sinn überhaupt, weil er sich als Quelle des Glücks erweist. Er ist Kreation, aber nicht von Sinnlosigkeit sondern von Fülle. Das aber gilt nicht nur für die Musik sondern für alle kulturellen Kreationen, die ja unseren eigenen, den menschlichen Beitrag zur Evolution darstellen. Auch in diesem Fall bleibt das dadurch erfahrene Glück ein Geheimnis, das wir auf keine Formel bringen können, aber seine Wirkung ist deswegen nicht weniger real. Real genug jedenfalls, um das trostlose Weltbild Monods, das dem heute vorherrschenden weitgehend entspricht, entscheidend zu modifizieren.

*1* Dass der Zufall in wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicht von null bis eins reichen kann, also von totaler Unvorhersehbarkeit bis zum sicheren Eintreten eines Ereignisses, besagt nur, dass der Übergang von erkennbarer Ordnung zu unerkennbarem Chaos ein gleitender ist.

*2* Vgl. mein Buch „Schöpferische Vernunft“.

*3*  So wie wir einer potentiellen Unendlichkeit gegenüberstehen, wenn wir die Gesamtheit der Fakten erfassen wollen, an welche ein Lebewesen sich anpassen muss, so haben wir es auch mit einer potentiellen Unendlichkeit von möglichen Reaktionen auf diese Gegebenheiten zu tun. Wir haben Magnetfelder, infrarotes und ultraviolettes Licht, Ultraschall etc. als mögliche sensorische Fähigkeiten bei bestimmten Lebewesen erkannt, womit diese sich Überlebensvorteile verschaffen, aber wir wissen nicht, wie viele andere Phänomen es gibt, welche die Lebewesen zu diesem Zweck noch verwenden könnten. Schon aus diesem Grund fehlt Darwins Lehre die prognostische Fähigkeit.

.

Von Herrn Hans Oberländer aus Jena erhalte ich per Mail folgende Rückmeldung:

Sehr geehrter, lieber Herr Jenner,

Ihr letzter Essay beeindruckte mich ungemein. Weil Sie nach meinem Empfinden Evolution in ein bisher so nicht erfahrenes philosophische Licht rückten und so meine Weltanschauung bestärkten – ich zähle mich zu einem „modifizierten intelligent Designer“. Gemeint ist, dass das Göttliche sein großartiges Naturgesetz Evolution nicht einfach „kalt ablaufen“ lässt, sondern Einfluss nimmt. In der Nähe von Bifurcationen verwirklichen sich dann extrem unwahrscheinliche Potentialitäten. Ein beobachtetes Beispiel nannte ich Ihnen wohl bereits: Dass ich Ihnen hier schreiben kann und nicht wie alle anderen Menschen atomar während 40 Jahre Kalter Krieg vernichtet wurde, ist mit kleiner ein tausendel extrem unwahrscheinlich und für mich indirekter Beweis der Existenz des Göttlichen, Urgrund und Schöpfer allen Seins. Mystik in ihren drei Hauptstufen Eingebung, Allbewusstsein, Auftrag ist hierbei bedeutungsvoll, siehe Kurztext „Über Mystik“.

Ich wurde durch Ihr Essay zum Nachdenken angeregt und habe meine Überlegungen Ihrem Text als Fußnoten angefügt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie sollten als respektvolles Weiterdenken verstanden werden. Für mich besteht Geistige Evolution maßgeblich darin, dass jemand eine Idee, ein Konzept entwickelt, welches nicht vollkommen ist, ja (als Erstimpuls) kaum sein kann. Stößt es auf kritische, ja ablehnende Resonanz, führt es zum Effekt des Weiter- oder Konträrdenkens anderer, zu dem es ohne den Erstimpuls nicht gekommen wäre. 

Herzlich grüßt aus Jena Ihr Oberländer

Meine Replik:

Lieber Herr Oberländer,

Göttliches, für den Menschen begreifliches Design (gleichgültig ob modifiziert oder nicht) ist jene vorherrschende Deutung des Weltgeschehens, welche wohl 95% aller Menschen für die einzig richtige hielten, weil es ein verständliches Wunschbild ist. Albert Schweitzer und meine Wenigkeit sind da anderer Meinung. Gewiss, „Geheimnis“ ist weniger befriedigend als Design, aber viel befriedigender als „sinnloser Zufall“ – vor allem aber ist diese Alternative rational begründbar. Sie steht mit allem in Einklang, was wir wissen und wissen können!

.

Von Herrn Bernd Winkelmann aus Adelsborn bekomme ich – per Mail – folgende Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Dr. Jenner.

Ihr Aufsatz „Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion“ ist für mich mal wieder Anlass, mich für die Zusendungen Ihrer Schriften zu bedanken. Diese Letzte kam gerade zur rechten Zeit, da ich mich z.Zt. mit diesen Fragen einmal mehr befasse; so in dem Versuch einer kleinen Studie „Gott ist im Werden – Skizzen einer posttheistischen Evolutionstheologie.“

Ich kann Ihren Ausführungen generell zustimmen. Sie sind für mich eine sehr hilfreiche Anregung. 

Hier nur einige eigene Gedanken und Fragen dazu:

  • Wenn „Zufall“ nur das Noch-Nichtwissen von Ursachen-Folge-Ketten ist, dann ist die Welt voll determiniert und es gibt keinen wirklichen Zufall (und auch keinen freien Willen). Auch der Dachziegel, der vom Dach fällt und einen Mann trifft oder nicht trifft, wäre in einer unendlich langen Ursachen-Folge-Kette von Ziegel und Mann bestimmt.
  • Sehr gefällt mir ihre Grunddimension „Ordnung und Geheimnis“. „Geheimnis“, wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Offene, nicht rational Fassbare, aber eben nicht einfach Zufall oder Willkür. „Geheimnis“ meint mehr als „unbekannt“. Im Geheimnis schwingt immer ein „Mysterium“ mit, eine rational nicht fassbare Wahrheit und Kraft, die das Wesentliche ist und mich unmittelbar anspricht. Von Einstein ist ja das Zitat bekannt: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.“
  • Meines Erachtens kommt das dem nahe, was in der Relativitätstheorie, Quantenphysik und Unschärferelation als das Unbestimmbare umschrieben wird, ein „Potentialität“ als Hintergrund der subatomaren Wirklichkeit, die offen ist, „Geheimnis“ ist, eben rational nicht fassbar ist – oder fassbar nur in einer Wissenschaft, die das „Mystische“ einbezieht?
  • Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen von Wirklichkeitserfahrungen: einmal die rationale, verobjektivierende, wie sie in den Naturwissenschaften wie im praktischen Leben üblich und nötig ist; zum anderen die subjektive, intuitive, spirituelle Ebene, wie sie in Wahrheits- und Sinnfragen, im Zwischenmenschlichen, in der Liebe, in Kunst und Spiritualität als „Geheimnis“ erfahren wird. Sie haben zum Schluss Ihres Textes mit dem Hinweis auf die Musik dafür ein schönes Beispiel gegeben. Ich nenne diese Ebene auch Transzendenzerfahrungen. Ich meine, dass wir gleichsam „in einem Meer von Transzendenz schwimmen.“ 
  • Für mich ist es immer wieder unbegreiflich, wie die naturalistischen „Machwissenschaftler“ zwar begeistert von den „Wundern“ und den außerordentlichen „Einfällen der Evolution“ sprechen, zugleich aber behaupten, dass es darin keinen Sinn gibt und nur alles Zufall wäre (z.B. Schmidt-Salomon in „Hoffnung Mensch“). Wie kann es und wozu kann es sinnvolle Einfälle der Evolution, den Kosmos, das Leben  geben, wenn es dahinter keinen Sinn gibt? 
  • Für mich ist die Frage nach einem „Sinn“ im Sein, nach dem Woher und Warum der Evolution, des Kosmos, des Lebens, nach einer sinngebenden Tendenz in allem Sein zwingend. Ich sehe die Evolution und alles Sein als immer größere Entfaltung in wachsender Vielfalt, auch Schönheit und Synergie. Liegt nicht in dieser Entfaltung der Sinn des Seins, der Evolution, des Lebens? Und liegt hierin nicht auch die Aufgabe unseres Lebens? Diese Wahrheit ist rational nicht beweisbar, sie bleibt Geheimnis. Sie kann nur existentiell erfahren werden.
  • Ich meine, dass wir nur von hierher der Trostlosigkeit eines nur zufälligen Kosmos und sinnlosen Seins widerstehen können. Hier liegt wohl auch der wahre Kern aller Religion, so oft sie auch in allen „Machtreligionen“ pervertiert wurde. Und von hierher kann „Gott“ neu gedacht werden, jenseits der alten theistischen Gottesbilder. Heute wäre es Aufgabe der Religion, sich von den alten Weltbildvorstellungen zu lösen und sich auf der hier angedeuteten Ebene neu zu artikulieren.

Seien Sie mit guten Wünschen herzlich gegrüßt von 
Bernd Winkelmann. 

Von Herrn Dr. Hans-Werner Franz aus Dortmund erhalte ich per Mail folgende Nachricht:

Guten Tag, Herr Jenner,

ich ziehe es vor, bei Zufall und Notwendigkeit zu bleiben. Zwar mag die apodiktische Form, in der  Monod sie begründet, umstritten sein, festzustehen scheint mir jedoch, dass Ordnung und Geheimnis nichts erklären. Ordnung entsteht durch Notwendigkeit und Zufall. Geheimnisse sind Geheimnisse sind Geheimnisse, schaffen aber keine Fakten, Zufälle schon.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Werner Franz

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Franz

Völlig richtig haben Sie gesehen, dass der Zufall nichts erklärt. Er stellt im Gegenteil die Grenze für alles Erklären dar. Dies aufzuzeigen ist ja auch der Sinn meines Artikels, der deshalb eine besondere Brisanz im Hinblick auf die vermeintliche „Erklärung“ der Evolution nach Darwin erhält. Anders als Sie annehmen beruht Erklärung allerdings auf dem Nachweis von Ordnung (Gesetzen). Rückblickend auf das Vergangene deckt sie dessen Ordnungen auf. Alfred North Whitehead hat wissenschaftliches Erklären auf die denkbar kürzeste Formel gebracht: „Search for measurable elements among your phenomena, and then search for relationships among these measures of physical quantities“. GJ.

  

Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

Seit 1945 durften die USA noch bis vor kurzem behaupten, auf fast allen Gebieten der Wissenschaft den Ton anzugeben. Dann kam erst George Bush Junior und dann das weit größere Übel: der ehemalige und ewige Schauspieler Donald Trump mit seiner Politik der systematischen Lüge. Inzwischen rückt China als neue Weltmacht der Wissenschaft (und einer messianischen Wissenschaftsgläubigkeit) auf. Der Stern der USA ist im schnellen Sinkflug begriffen.

Wissenschaft ist der Wahrheit verpflichtet

Das heißt nicht, dass sie DIE WAHRHEIT in den Blick bekäme: Wahrheit, wie sie Menschen als Sinn oder Ziel des Lebens verstehen. Darüber weiß Wissenschaft im Gegenteil sehr wenig oder auch gar nichts zu sagen, dennoch vereinigt sie Menschen im Hinblick auf das Verständnis von Wirklichkeit. Noch vor fünfhundert Jahren haben die Eliten Frankreichs, Japans, Chinas oder Indiens einander nichts zu sagen gewusst, denn mit den praktischen Belangen der Lebensbeherrschung, die auf der ganzen Welt denselben Naturgesetzen gehorchen, hatten sich vor allem die niedrigen Schichten zu befassen. Bauern in Deutschland, Indien oder China hätten sich über die Belange der Feldbearbeitung mit Ihresgleichen verständigen können, aber die Eliten lebten in anderen Sphären, bestimmt von Ehre, Ehrgeiz und vor allem der Religion, die in jedem Land ganz anderen Göttern und Moralvorschriften gehorchte.

Heute können sich die Eliten

Chinas, der USA, Indiens und Europas über eine Fülle von Gegenständen sachkundig unterhalten, ganz gleich ob es sich um Finanz, Konzerne, Computer und Panzer oder die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft handelt. Letztere, die Wissenschaft, wurde denn auch, und zwar spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, zu einer – nein, sie wurde zu der universalen Menschheitssprache.

Das heißt aber keinesfalls, dass der gegenseitige Austausch und eine gemeinsame Sprache die Menschen einander zwangsläufig näherbringen. Das stimmt schon für die Vergangenheit nicht. Das indische Kastensystem zum Beispiel brachte Menschen in engste Berührung, die in ein und derselben Sprache kommunizierten und Berufe ausübten, welche die Angehörigen unterschiedlicher Kasten (wie zum Beispiele Barbiere und Brahmanen) täglich in hautnahe Berührung brachten, aber diese Menschen durften nicht miteinander speisen und einander schon gar nicht heiraten. Die Brahmanen wollten Herren, die anderen Kasten sollten Knechte bleiben – dieser fundamentale Gegensatz der Interessen sorgte dafür, dass die enge Berührung und die gemeinsame Sprache keine Annäherung bewirkten.

So ist es bis heute geblieben. Die Tatsache, dass westliche Wissenschaft inzwischen von den Chinesen nicht nur übernommen, sondern mit zunehmendem Erfolg im eigenen Land perfektioniert wird, besagt keinesfalls, dass der Unterschied der Interessen zwischen den USA und China dadurch überbrückt werden könnte. Wissenschaft, in der man sich auf Wahrheit grundsätzlich einigen kann, weil ihre Voraussagen zutreffen oder nicht, ein Handy funktioniert oder eben nicht funktioniert – das ist das eine. Interessen sind etwas ganz anderes, weil es keine objektive Grundlage gibt, um sie als berechtigt anzuerkennen oder als unberechtigt zurückzuweisen. Bei Interessen entscheidet letztlich eine ganze andere Instanz als die Wahrheit – es entscheidet die Macht.

Leider kann aber auch Wissenschaft der Macht hörig werden

und ist es tatsächlich auch immer wieder geworden. In den Worten ihres großen Theoretikers Thomas S. Kuhn wird sie in diesem Fall zu einem dogmatisch gegen jeden Widerspruch verteidigten „Paradigma“. Ein solches Paradigma war zum Beispiel das vorkopernikanische geozentrische Weltbild. Giordano Bruno wurde verbrannt, viele andere wurden verfolgt oder ebenfalls hingerichtet, weil sie das herrschende Paradigma in Zweifel zogen. Dabei war dieses Weltbild nicht einmal falsch, denn prinzipiell lässt sich jeder Punkt des Weltalls willkürlich als Mittelpunkt setzen, um von da aus die Bahnen anderer Himmelskörper zu beschreiben und zu errechnen. Selbst ein lunazentrisches Weltbild wäre denkbar und könnte zu durchaus richtigen Voraussagen von Sonnen- und (partiellen) Erdfinsternissen führen. Ein lunazentrisches Weltbild wäre ebenso wenig falsch wie das geozentrische – es wäre nur so außerordentlich komplex, dass es den Fortschritt der Astronomie noch stärker als das geozentrische behindert hätte. Die Ersetzung des Letzteren durch die Lehre des Kopernikus stellte daher einen historischen Durchbruch dar.

Bekanntlich hat die Verurteilung Galileos im 20ten Jahrhundert noch Bertolt Brecht inspiriert. Aber es war nicht allein die Kirche, welche sich der neuen Lehre so lange und so hartnäckig widersetzte, weil sie sich mit Stellen aus ihren heiligen Texten nicht vereinbaren ließ, es waren auch viele Wissenschaftler, diejenigen nämlich, welche im alten Weltbild erzogen waren und es an ihre Schüler vermittelt hatten. Mit ihrem Ruhm, ihrem über Jahre erworbenen Wissen, ihren Denkgewohnheiten hingen sie daran. Wie sehr dieses Festhalten am Gewohnten auch für die scheinbar strengsten Wissenschaften und Wissenschaftler gilt, hatte Einstein einmal angedeutet, als er meinte, dass die alte Generation von Physikern erst aussterben müsse, damit er selbst von einer neuen verstanden werde.

Oft ist ein Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis

nicht von unmittelbarer praktischer Bedeutung. Wie schon gesagt, war das geozentrische Weltbild nicht falsch, sondern es war lediglich unbequem. Auch die klassische Physik, wie sie Newton begründet hatte, ist nicht falsch; Einstein konnte nur zeigen, dass sie Grenzbereiche des Wirklichen nicht zu erklären vermag (ein Faktum, das durch die Quantenphysik noch untermauert wurde).

Manchmal hat das Festhalten an einem Paradigma jedoch durchaus gravierende praktische Folgen. Der österreichische Chirurg Ignaz Semmelweiß führte den zu seiner Zeit häufigen Tod gebärender Frauen aufgrund von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene zurück. Er stellte einen Katalog von Vorschriften auf, um durch Reinlichkeit und Desinfektion den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern – Vorschriften, die heute als vorbildlich gelten. Zu seiner Zeit hegten die Kollegen von Semmelweiß jedoch andere Ansichten über die Ursachen von Krankheiten und die dadurch bewirkten Todesfälle. Sie verwarfen dessen Theorie als spekulativen Unsinn. Semmelweiß starb 1865 unter ungeklärten Umständen in einer Wiener Irrenanstalt. Durch seine Theorie hatte er seinen Kollegen – wenn auch nur indirekt – Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein vorgeworfen. Das haben sie ihm bis zuletzt nicht verziehen. Eher nahmen sie den Tod vieler Frauen in Kauf, als dass sie sich in ihrer Berufsehre kränken ließen.

Unwissenheit, Dünkel und mangelndes Wahrheitsbewusstsein

beherrschen die Wissenschaft heute genauso, wie sie es schon in der Vergangenheit taten. Das ist die wesentliche Erkenntnis, zu der Thomas S. Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gelangte. Ich möchte sie mit einem weiteren Beispiel belegen, das einerseits wirklich harmlos ist, weil in diesem Fall niemand an den genannten Übeln zugrunde geht. Andererseits illustriert es aber auch recht deutlich die Lüge, welche nicht nur in der Politik sondern eben auch in der Wissenschaft eine unübersehbare Rolle spielt.

Linguistik wurde seit Beginn der 80er Jahre

für einige Jahre zu einer Art von Hoffnungsträger für die gesamten Kulturwissenschaften. Noam Chomsky erregte weltweites Aufsehen mit einer Theorie, die es scheinbar ermöglichte, mit Hilfe weniger Formeln die Prinzipien zu erklären, die den Sprecher einer beliebigen Sprache dazu befähigen, eine prinzipiell unendliche Menge richtiger Sätze zu bilden. Die Generative und die Generelle Grammatik wurden geboren – und eine Zeitlang sah es so aus, als wäre die Sprache jener Teil der Kultur, der es den Geisteswissenschaften erlaubt, mit Hilfe einer Handvoll von Regeln sämtliche kulturellen Erscheinungen aus wenigen Prinzipien genauso herzuleiten, wie dies den Naturwissenschaften im Hinblick auf das Reich des Unbelebten ja schon weit früher gelungen war. Anders gesagt, rückte die Linguistik in den 80er und 90er Jahren für kurze Zeit zu einer Starwissenschaft auf.

Was ist von dieser Begeisterung geblieben?

Mit einem einzigen Wort lässt sich diese Frage kurz und bündig beantworten: Nichts! Selbst einer der engagiertesten Verehrer von Chomsky, Steven Pinker, sieht in der Theorie seines Meisters eine schwer verdauliche Scholastik. Andere sind sehr viel deutlicher und haben aufgezeigt, dass Chomsky selbst es war, der in den vergangenen Jahrzehnten einen Baustein seiner Theorie nach dem andere demontierte. Selbst wenn sie das Ziel, die wissenschaftliche Begründung einer Generellen und Generativen Grammatik, als legitim erklären, sind die meisten Kritiker sich darin einig, dass die Methode Chomskys sich dazu als ungeeignet und unfruchtbar erweist. Zu den Anhängern Chomskys zählen natürlich all jene, die ihn als ihren Lehrer sehen, Linguisten wie Steven Pinker, Ray Jackendoff oder J. Mendivil-Giro, um nur einige Namen willkürlich herauszugreifen. Zu seinen zum Teil vernichtenden Kritikern gehören Christopher Hallpike, Giorgio Graffi, John Colarusso, Nikolaus Allott, David Golumbia, Roland Hausser, John Goldsmith, Per Linell, Tristan Tondino, Christina Behme – um wiederum nur wenige Namen aus der Menge der Wissenschaftler willkürlich herauszugreifen, die ein Gutteil ihres Lebens damit verbrachten, die scholastischen Begriffsakrobatien Noam Chomskys zu durchforsten oder – noch schwerer – seine Scholastik überhaupt zu verstehen. Diese Leute sind mittlerweile mit dem gegenteiligen Anliegen beschäftigt, Chomskys Thesen der Reihe nach zu dekonstruieren.

Als wissenschaftliche Theorie ist Chomskys Lehre tot,

oder richtiger gesagt, hat sie sich als Lüge erwiesen, denn anders als das geozentrische Weltbild ist sie nicht nur unbequem sondern falsch, weil sie keines ihrer Versprechen zu halten vermochte. Sie erklärt nämlich weder den generativen noch den generellen Aspekt menschlicher Sprache. Doch die Leute, die dieser Lüge den besten Teil ihres Lebens gewidmet haben und ihre Schüler damit infizierten, möchten sich so wenig wie damals die Kollegen von Semmelweiß vorwerfen lassen, dass sie sich Jahre lang irrten. Deswegen wenden nun viele von ihnen ihre überlegene Intelligenz an das gegenteilige Unterfangen, den scholastischen Jargon Chomskys auf die Kritik Chomskys anzuwenden. Die damit verbundene Gefahr hatte der wunderbar scharfsichtige William James schon vor mehr als einem Jahrhundert erkannt, als er – damals im Hinblick auf deutsche Kulturwissenschaftler – folgende Beobachtung protokollierte: „The forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and excentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively.”

Das ist das typische Verhalten einer Elite,

und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Ich fühle mich dadurch an ein scholastisches Unternehmen erinnert, das vor beinahe dreitausend Jahren ersonnen und in den sogenannten „Brahmana-Texten“ niedergelegt wurde. Eine Elite von hochgeachteten und hochbezahlten Priestern beschrieb darin mit akribischer Genauigkeit, wie man durch ein ganz bestimmtes Aufschichten von Ziegeln, ihrem Begießen mit Butter und unter dem Gemurmel verschiedener Mantras alle nur erdenklichen Krankheiten heilen, Feinde vertreiben, Dürren verhindern und Regen herbeizaubern konnte. Ein nord-amerikanischer Indologe bezeichnete die Texte – offenbar in einem Anfall von intellektueller Verzweiflung – als das „Gebrabbel von Irrsinnigen“, obwohl ein hohes Niveau systematischer Intelligenz und Wissens zu ihren Merkmalen gehört.

Noam Chomsky hat als Theoretiker der Politik einige Texte von großer Klarheit und Überzeugungskraft geschaffen. Der Gegensatz zu seinen unfruchtbaren linguistischen Haarspaltereien ist daher nur so zu erklären, dass er mit seiner Methode scheitern musste, und es daher fortwährender intellektueller Winkelzüge, Kehrtwenden und Verschleierungstaktiken bedurfte, um sie dennoch aufrechtzuerhalten. Wie werden Wissenschaftler, die ihn heute schon so gnadenlos kritisieren, in ein oder zwei Jahrzehnten über seine Lehre denken? Ich nehme an, dass man seine Theorie (mitsamt den dazu abgegebenen in der Regel fast ebenso scholastischen Kommentaren) dann genauso als „irrsinniges Gebrabbel“ bezeichnen wird  – trotz oder gerade wegen ihres hochgestochenen wissenschaftlichen Jargons. Es muss eben, wie Einstein sagte, eine neue Generation einen frischen Blick auf die Wirklichkeit werfen. Erst dann kann es zu einem Umdenken kommen. Jetzt sind noch die Vertreter der alten Lehre im Amt und viel zu sehr von ihrem eigenen Wissen durchdrungen, um den akademischen Dünkel durch Wahrheitsbewusstsein zu überwinden.

Dabei gibt es immer auch Außenseiter

manchmal große wie Nikolaus Kopernikus, manchmal kleinere wie Ignaz Semmelweiß, die sich dem Paradigma entgegenstellen. Auch in der Linguistik hat es einen derartigen Außenseiter gegeben, und zwar schon früh zu Beginn der achtziger Jahre. Der Betreffende erkannte, dass über Generelle oder Universale Grammatik schwer zu sprechen sei, wenn man außer der eigenen Muttersprache gerade noch etwas Hebräisch und Spanisch beherrscht. Von einem Zoologen erwartet man, dass er Hunderte von Tieren, von einem Botaniker, dass er Tausende von Pflanzen kennt, um in seinem Gebiet zuhause zu sein. Mutet es da nicht wie ein Wunder an, dass es für Chomsky und die meisten seiner linguistischen Gefolgsleute genügt, gerade ihre Muttersprache, das Englische, zu beherrschen und sich trotzdem souverän über Universale Grammatik zu äußern?

Der Meister selbst erblickte darin nach eigenem Bekunden freilich durchaus keinen Nachteil. Wörtlich behauptete er, in seinem Inneren über einen Homunkulus zu verfügen, der ihm schon das Richtige sagen würde.*1* Dagegen ist natürlich schwer zu argumentieren, wenn man den Homunkulus nicht in der eigenen Brust verspürt. Der genannte Außenseiter konnte sich eines solchen Männchens in seiner Brust nicht rühmen, er zog es vor, sich auf die Vernunft zu verlassen. Schon damals, zu Beginn der 80er Jahre, konnte er den Nachweis erbringen, dass die Theorie Chomskys auf Treibsand begründet war, weil sie hybride Grundbegriffe der traditionellen Grammatik benutzt, die gerade nicht universal sind, nämlich Verben und Nomina. Das seien formale Klassen, die in Sprachen wie Englisch und Chinesisch mit unterschiedlichen semantischen Inhalten gefüllt sind, sodass man nur von englischen, chinesischen, japanischen Verben bzw. Nomina reden dürfe. Wenn diese Kritik an falsch gewählten Grundbegriffen zutreffend war, dann erwies sich alle weitere Beschäftigung mit einer Theorie, die auf genau diesen Bausteinen aufgebaut war, als durchaus überflüssig.

Die Begeisterung über die scheinbar Universale Grammatik

Chomskyscher Provenienz war zu jener Zeit allerdings noch so überwältigend groß, dass die Stimme des Außenseiters schlicht übergangen wurde. Ja, dieser Einwurf wurde als so störend empfunden, dass man seine anfängliche Erwähnung als Linguist in Wikipedia nachträglich wieder rückgängig machte. Nicht nur, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung mit seinen Argumenten kam.*2* Indem man den Betreffenden aus der Liste der Linguisten strich, wollte man ihn überhaupt als linguistisch nicht-existent deklarieren.

Solche Strategien sind,

wie wir sahen, nicht nur in der Politik sondern auch in der Wissenschaft völlig normal – und in den meisten Fällen überdies auch ziemlich belanglos. Für die Missachtung von Semmelweiß mussten viele Frauen ihr Leben lassen, aber die scholastischen Verirrungen eines Noam Chomsky richten nur in den Köpfen einer Handvoll von Universitätsprofessoren schwere Verwüstungen an, das Schicksal der restlichen Menschheit bleibt davon glücklicherweise ganz unbetroffen.

Nein, vielleicht doch nicht ganz, denn die Wissenschaft verändert dabei ihren Charakter. Man vergesse nicht: Es gibt ja auch einen erstaunlich erfolgreichen Zweig der modernen Linguistik: die maschinelle Übersetzung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Die Erfolge auf diesem Gebiet muss man als schlechterdings atemberaubend bezeichnen. Seit Lebensbedingungen und Sprachen sich weltweit immer mehr angleichen, fallen immer mehr von jenen kulturellen Unterschieden weg, die das Übersetzen früher einmal so schwierig machten. Wirtschaftliche und wissenschaftliche Texte lassen sich heute maschinell zum Teil geradezu perfekt übersetzen. Nur literarische Texte – und hier vor allem Gedichte – spotten diesen Bemühungen, weil sie sich nicht standardisieren lassen. Wenn ein Schriftsteller Standardware erzeugt, dann sind sie leicht übersetzbar, aber meist eben auch ohne Wert.

Die automatisierte Übersetzung ist nicht weniger als ein großer Triumph

der instrumentellen Intelligenz – hier gilt dieselbe Regel wie in den angewandten Naturwissenschaften – entweder es funktioniert oder es funktioniert eben nicht. Die Qualität einer Übersetzung und damit das Kriterium der Wahrheit (der zugrundeliegenden Algorithmen) lässt sich eindeutig ermitteln. Diese Eindeutigkeit fehlt in den nicht-instrumentellen – den verstehenden – Kulturwissenschaften. Und in jenen Kreisen, die wie es William James schon damals beschrieb „voneinander, füreinander und gegeneinander schreiben“, wird sie nicht einmal gesucht. Daher der grassierende Kahlschlag in den heutigen Geisteswissenschaften. Viele Politiker sehen die Berechtigung von Disziplinen nicht länger ein, wenn sie keinen erkennbaren Wert für die Allgemeinheit besitzen; Posten und Bereiche werden in den Humanwissenschaften so stark reduziert, dass diese heute nur noch die Rolle missachteter Mauerblümchen spielen. Ein gerütteltes Maß von Schuld an dieser Entwicklung muss man der linguistischen Scholastik eines Chomsky beimessen, denn was von dem ganzen, ursprünglich so weltbewegenden Ereignis der Chomskyschen Generellen und Generativen Grammatik übrig blieb, ist eben keinesfalls eine bessere Erkenntnis der Sprache, sondern ein schwer- bis unverständlicher wissenschaftlicher Jargon – die leere Hülse einer Insidersprache, welche linguistische Adepten erlernen müssen, wollen sie zum Kreis der Eingeweihten gehören.*3*

Bleibt am Ende nur noch hinzuzufügen,

dass es der Zufall gerade so fügt, dass der betreffende Außenseiter mit dem Verfasser dieser Zeilen identisch ist. Sein Buch „Principles of Language“ ist niemandem zu empfehlen, dem es um die Schönheit der Sprache geht, denn es ist darin nur von deren logischer Struktur sowie den universalen Zwängen die Rede, denen jede Sprache unterworfen ist (das trifft natürlich generell auf alle linguistischen Texte zu, die sich mit den abstrakten Regelmäßigkeiten von Sprache befassen). Die „Principles“ untersuchen das logische Knochengerüst der Sprache, nicht ihr lebendiges, verführerisch in unendlich vielen Nuancen blühendes Fleisch.

Wer sich allerdings für die Logik der Sprache interessiert, der wird durch dieses Buch reichlich belohnt, denn es zeigt die Grenze zwischen Zufall und Gesetzlichkeit auf, die in der Sprache ebenso wie in der Kultur überhaupt existiert, aber in der Sprache leichter zu bestimmen ist. Dabei wird systematisch zwischen immaterieller Bedeutung und deren materieller Manifestation durch Lautsequenzen unterschieden, die im Prozess der Kommunikation zwischen Sprecher und Hörer ausgetauscht werden.

Das Fazit der „Principles“ gibt Chomsky recht: Ja, es gibt eine Generative und Generelle Grammatik – generativ ist Sprache, weil Kinder fähig sind, unendlich viele Aussagen zu bilden, auch solche, die sie zuvor niemals hörten. Generell ist sie, weil die Aussagen verschiedener Sprachen ineinander übersetzt werden können. Beides sind empirische Tatsachen. Aber Sprache ist nicht generativ und generell gemäß dem so verblüffend einfachen und deshalb so verführerischen Modell, das Chomsky in seinen berühmten kopfstehenden Bäumen entworfen hat. Danach steht ganz oben ein S (sentence), aus dem ein Sprecher mit Hilfe weniger allgemeiner Regeln und eines Lexikons dann beliebige konkrete Sätze abzuleiten vermag. Jede besondere Einzelsprache fügt den generellen Regeln dann nur noch einige spezifische hinzu, um die Unterschiede zu anderen Sprachen zu definieren.*4* Dies ist die zündende Idee des Chomskyschen Modells, ihr eigentlicher Kern, während alles Übrige nur Beiwerk ist.

Chomskys trügerische Bäume verdanken ihre Faszination,

der Tatsache, dass sie aus Sprache eine Art simples Computerspiel machen. Und nur diese außerordentliche Faszination, welche die Genese der Sprache so umfassend zu erklären schien wie die Naturwissenschaften die Welt der toten Dinge, macht begreiflich, warum niemand auf den elementaren logischen Fehler aufmerksam wurde, der in diesen täuschend einfachen Bäumen steckt. Tatsache ist, dass das Baum-Modell schon im Ansatz falsch ist – es vermengt die Tiefenebene der immateriellen Wirklichkeitsanalyse und die materielle Manifestation dieser Ebene mit Hilfe akustischer (oder sonstiger) Zeichen. Die immaterielle Wirklichkeitsanalyse findet schon bei Tieren auch ohne Verwendung von materiellen Zeichen statt, und sie entwickelt sich bei Menschen von einem primitiven Niveau (wie z.B. in der Piranha-Sprache Amazoniens) bis zu den komplexesten Bedeutungsstrukturen. Diesen liegt eine generelle konzeptuelle Grundstruktur zugrunde, deshalb lassen sich Sätze einer evolutionär primitiveren Sprache mühelos in eine evolutionär entwickeltere übersetzen; in der Gegenrichtung ist das aber in bestimmten Bereichen nur sehr eingeschränkt oder auch gar nicht möglich (wie will man einen modernen Text über Mathematik in eine Sprache übersetzen, wo nicht mehr als die Konzepte für zwei oder drei existieren?).

Doch mit den Unterschieden auf der Ebene der konzeptuellen Struktur ist die Komplexität der Sprache noch keineswegs erschöpft, denn auf Grundlage ein und derselben immateriellen Wirklichkeitsanalyse in konzeptuellen Strukturen lassen sich ganz verschiedene materielle Verwirklichungen, also Zeichensysteme, aufbauen. Aus Chomskys verführerisch einfachem Baum, der der Sprache Gewalt antut und überhaupt nichts erklärt, wird die Generelle und Generative Grammatik zu einem komplexen Ensemble, das sich noch dazu in fortwährender evolutionärer Entfaltung befindet.

In seinem Buch „The Language Instinct“ hat Steven Pinker einige Jahre nach dem Autor der „Principles“ die vorsprachliche Wirklichkeitsanalyse richtig als das generelle und generative Substrat erkannt und als „Mentalese“ bezeichnet, ein Substrat, das allen Sprachen zugrunde liegt. Aber es blieb bei dieser einsamen Erkenntnis. Es ist Pinker nicht gelungen, daraus die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. Chomsky’s heillos simplistisches und logisch unhaltbares Sprachmodell erweist sich als hartnäckiges Paradigma, welches bis heute den Fortschritt der Wissenschaften behindert.

1 Siehe David Golumbia: „The Language of Science and the Science of Language: Chomsky’s Cartesianism“

2 Das ist nicht ganz richtig. Der Linguist John Goldsmith von der University of Chicago sah sich in einer Diskussion mit dem Autor schließlich zu dem Zugeständnis genötigt, dass Verben, Nomina etc. als universale Kategorien nicht tauglich seien.

3 Fachsprachen haben natürlich ihren Sinn, wenn sie durch den Gegenstand selbst gefordert werden. Keine Naturwissenschaft kommt heute ohne eine spezifische Fachsprache aus, die aber durch Ergebnisse gerechtfertigt sein muss, die sich eben nur auf diese Weise erzielen lassen. Wenn eine Fachsprache keine Ergebnisse bringt, dann ist sie nur Geheimjargon wie einst das Latein oder in Indien das Sanskrit oder das Altslawische und dient allein dazu, den Abstand zu den Laien aufrechtzuerhalten.

4 Zum Beispiel den Unterschied in der Wortstellung, die für die Englisch eine Mittelstellung des Verbs, also SVO, im Japanischen dagegen dessen Endstellung vorschreibt: SOV.

.

From Prof. Hallpike I got the following commentary by mail:

Dear Mr Jenner,

Thank you for this, which is most entertaining – “the babble of madmen” indeed! In which one can also include, for example, Skinner and the Behaviourists, and Levi-Strauss and the structuralists.) It’s really fascinating to see how dogma overtakes so many branches of science and learning generally. Those believe that Darwinian Selectionism can explain cultural evolution provide another example in my own field. I have also been thinking some more about Chomsky and recursion. As I understand it, mathematical recursion is nothing more than an iterative procedure by which one constructs a series, like the natural numbers or the Fibonnacci  series, which go on for ever. This “going on for ever”, however, which apparently Chomsky and followers thought an essential feature of language creativity is quite different from and irrelevant to the structural complexity both of grammar and meaning achievable by the repeated nesting of clauses within a sentence, which could actually be quite short. From what you say this basic difference between the two recursions was actually glossed over?

Yours

Christopher Hallpike

My return mail:

Dear Mr. Hallpike,

I am glad you took no offence at my somewhat harsh comment on certain intellectual games in academia, a comment which was indeed meant to amuse. Even more amusing are comments by followers of Chomsky that interpret his thoughts in blatantly contradictory ways:

Mendivil-Giro („Is Universal Grammar ready for retirement?“): „The mathematical concept of recursion was quasi-synonymous with computability, so that recursive was considered equivalent to computable… what Chomsky… postulates as the central characteristic of human language is recursion in the computational sense, not the existence of sentences within sentences or the existence of noun phrases inside noun phrases“ (my italics).

Pinker („The Language Instinct“): „Recall that all you need for recursion is an ability to embed a noun phrase inside another noun phrase or a clause within a clause“ (my italics). Is there a better proof of Chomskyan vagueness than such opposing interpretations?

Yours

Gero Jenner

Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens

Ich möchte die Lektüre eines Aufsatzes des Islamwissenschaftlers Michael Lüders empfehlen: „Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens“ (Blätter für deutsche und internationale Politik). Eines der Hauptübel der Globalisierung ist die globalisierte – meist ideologisch und scheinmoralisch notdürftig verbrämte – Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, auch wenn von diesen keine militärische Gefahr für uns selbst ausgeht. Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens weiterlesen

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017 und fbkfinanzwirtschaft)

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt. Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist weiterlesen

Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?

Die Frage ist umstritten und scheint doch eine schnelle Antwort zu gewähren: Bei oberflächlicher Betrachtung ist der Mensch das aus der Geschichte lernende Wesen schlechthin. Wer sich die Finger am Feuer verbrennt, hält sie gewiss nicht zum zweiten Mal in eine Flamme. Wer den Samen aufgehen sieht, nachdem er ihn in die Erde säte, hat die Grundzüge der neolithischen Revolution begriffen und damit den Grundstein für jenen gewaltigen Bau des kumulativen Wissens gelegt, der nur in einer Gesellschaft des Lernens entstehen konnte, wo sich das begrenzte Wissen einzelner Individuen zu kollektivem Wissen in Raum und Zeit addiert. Nur aus Erfahrung wird der Mensch klug; die Geschichte, aus der er Erfahrung schöpft, bildet die Grundlage aller Erkenntnis und allen Fortschritts. Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte? weiterlesen

FRIEDEN!

Wie immer nach Beseitigung einer großen, in diesem Fall sogar einer das Überleben der Menschheit existentiell bedrohenden Gefahr, hat der 1989 erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion die Zeitgenossen von einem Alptraum befreit und die Hoffnung auf eine kommende Zeit erweckt, die grundsätzlich anders und besser sein würde. Ein polyzentrisches System würde die bipolare Welt von gestern ablösen. Statt zweier in äußerster ideologischer wie militärischer Kampfbereitschaft gegeneinander verschworener Systeme würden von nun an Hundert Blumen auf einmal blühen, alle von ihnen mit dem Versprechen, im Hinblick auf unterschiedliche soziale Entwürfe, kulturelle Eigenarten und geistige Ziele der menschlichen Vielfalt in weit höherem Maße als vorher gerecht zu werden. Die Enge einer Konfrontation, die aus dem kalten jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, würde der Weite des Multikulturellen, Multipolitischen und Multisozialen weichen. FRIEDEN! weiterlesen

Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang

Die tiefere Ursache für den gegenwärtig drohenden Zerfall Europas sehe ich in der von Deutschland forcierten Freihandelspolitik (siehe der „hässliche Deutsche“). Ich bin mir bewusst, dass diese Auffassung allem widerspricht, was in den Lehrbüchern über die segensreichen Wirkungen eines solchen Handels zu finden ist. Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang weiterlesen