Meritokratie – sollen die Technokraten herrschen?

1958 errang ein junger britischer Autor mit seiner satirischen Schrift „Der Aufstieg der Meritokratie“ über Nacht Berühmtheit. Er hatte einen Trend der Zeit richtig erkannt. Im Grunde war dieser Trend allerdings nicht sonderlich neu; er hatte im 18. Jahrhundert begonnen, als die Bürgerlichen mit Hilfe ihres Wissens und Könnens immer mehr jener prestigeträchtigen Plätze eroberten, die dem Adel bis dahin aufgrund ihrer privilegierten Geburt zufielen. Aber nach 1945, am Ende des dreißigjährigen europäischen Bruderkriegs, lag die Welt in Trümmern und Wissen und Können waren ganz besonders gefragt. Gleichsam über Nacht konnte das Talent zu größter Wirkung und Reichtum gelangen – am sichtbarsten in den Vereinigten Staaten, wo weltbeherrschende Firmen wie Microsoft, Apple, Amazon usw. von einzelnen Pionieren aus der Taufe gehoben wurden und in kurzer Zeit den Status von globalen Konzernen erlangten. Geradezu ein Symbol für überragendes persönliches Können wurde Elon Musk, ein technisches Universalgenie, das auf dem Gebiet der Kommunikationstechnologie ebenso ideen- und erfolgreich agierte wie im Autobau, in der Weltraumbranche und in der Gehirnforschung. Leuten wie ihm schlägt allgemeine Bewunderung entgegen, denn niemand kann bestreiten, dass sie ihren Ruhm, Rang und Reichtum vor allem dem eigenen überdurchschnittlichen Können verdanken.

Warum schrieb Michael Young sein Buch „The Rise of the Meritocracy“

dennoch als eine Satire statt eines Loblieds auf die Tüchtigsten seiner Zeit? Wird denn irgendjemand allen Ernstes daran Anstoß nehmen, dass die durch nichts zu rechtfertigenden Privilegien der Geburt durch individuelles Können abgelöst wurden?

Vielleicht schon. Das Argument ist nämlich um einiges komplexer – eine Tatsache, die sich daraus ersehen lässt, dass das Ideal der Gerechtigkeit auch dann noch im Zweifel bleibt. Oder haben wir es nicht abermals mit einem Privileg der Geburt zu tun, wenn ein Mozart, Beethoven oder Bach mit außerordentlichem Talent für die Musik oder ein Elon Musk mit einer besonderen Begabung für die Technik geboren werden? Zwar wurde ihnen dieser Vorrang nicht von der Gesellschaft verliehen, wie dies bei einem Fürsten- oder Königstitel der Fall ist. Bei ihnen ist es die Natur selbst, die dafür verantwortlich ist – je nach Neigung mag man sich darunter einen gar nicht so Lieben Gott oder die Evolution vorstellen.

Ist es also – so kann man durchaus fragen – als gerecht zu bewerten, dass Menschen mit unterschiedlichen Talenten geboren werden? Selbst diejenigen, die sich diese Frage nicht stellen wollen, stehen dennoch vor dem Problem, ob es zu rechtfertigen sei, dass die Gesellschaft denen, die durch angeborenes Talent ihren Mitmenschen gegenüber ohnehin schon im Vorteil sind, auch noch zusätzliche Auszeichnungen und Belohnungen gewährt, wodurch die bestehenden natürlichen Unterschiede dann noch um Etliches verschärft und verdeutlicht werden?

Offensichtlich sind solche Fragen schwer zu beantworten,

zumal ein äußerlicher Faktor seinerseits noch dazu beiträgt, vorhandenen Talenten sehr unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Wie die Pisastudien zeigten, haben auch in Deutschland Kinder aus der oberen und mittleren Schicht eine viel größere Chance auf gut bezahlte Berufe als solche aus sozialen Unterschichten. Die finanzielle Situation der Eltern – neuerlich ein Zufall der Geburt – spielt also weiterhin eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Aussichten und das Lebensglück eines Menschen. Michael Young hatte demnach seine Gründe, wenn er dem Aufstieg der Tüchtigsten eine gehörige Dosis an Skepsis entgegenbrachte.

Von Young abweichend, möchte ich die Meritokratie

aber aus veränderter Perspektive beleuchten. Ich gehe davon aus, dass eine überwiegende Mehrheit von Zeitgenossen es völlig gut und richtig findet, dass Leute wie Bill Gates, Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg oder Elon Musk globalen Einfluss und Macht besitzen, weil sie sich durch spektakuläre Erfindungen einen Namen machten. Dagegen lehnen sie es seit etwa drei Jahrhunderten grundsätzlich ab, von Fürsten, Baronen, Rajahs, Sultanen, Königen und Diktatoren beherrscht zu werden, deren einziges Verdienst darin besteht, von hochgeborenen Eltern abzustammen. Wenn wir dieses grundsätzliche Einverständnis mit einer technologischen Meritokratie als gegeben akzeptieren, dann bleibt aber eine äußerst interessante und, wie wir sehen werden, sehr beunruhigende Frage: Wie wird die künftige soziale Ordnung aussehen, die auf dieser Grundlage entsteht?

Ein Blick auf die Milliarden überall auf der Welt,

die mit gebücktem Rücken, das Handy in der Faust, auf das Display dieses Zauberdings starren und einen zunehmenden Teil ihres Lebens dem Umgang mit einem solchen Spielzeug weihen, erleichtert den Einstieg in unser Problem. Neunundneunzig Prozent wissen mit dem Gerät umzugehen. Weniger als ein Prozent weiß, warum und wie es funktioniert, und ein infinitesimal kleiner Bruchteil dieser Kenner wäre imstande, das Gerät neu zu entwickeln, falls es aufgrund einer Katastrophe plötzlich ganz aus der Welt verschwinden würde.

Dieser Gegensatz zwischen einer überwältigenden Mehrheit unwissender Benutzer und einer verschwindenden Minderheit von Kennern und Könnern vertieft sich mit jedem Tag – und zwar auf unentrinnbare Weise, weil der technologische Fortschritt eben nichts anderes bedeutet als wachsende Komplexität – Wissen und Können werden zunehmend und unendlich vertieft. Die Folgen für die Gesellschaft sind nicht nur absehbar, sie sind zudem auch absehbar radikal.

Eine abnehmende Zahl von Menschen

wird in Zukunft noch fähig sein, komplexe Technologien zu verstehen. Die Anforderungen an die technische Intelligenz von Forschern und Ingenieuren werden ja mit jedem Tag größer, je mehr sich dieses Wissen vertieft. Zwar werden die Fächer immer mehr aufgeteilt, aber jedes Fach erhält eine breitere Basis und zugleich reicht die Wissenspyramide höher hinauf. Dieser Prozess einer wachsenden Komplexität des Wissens liegt in der Natur der Sache und ist unabwendbar. Die Anforderungen an menschliche Intelligenz werden demnach immer höher, während die Gaußsche Normalverteilung der Intelligenz innerhalb der Bevölkerung eine Konstante ist, die sich allenfalls in Jahrhunderten leicht verändert.

Die zwangsläufige Folge besteht in einem weltweiten Headhunting,

in dem jene Staaten im Vorteil sind, die entweder mit dem größten Potenzial einer gut ausgebildeten Bevölkerung trumpfen (z.B. Japan, Südkorea, China) oder mit den größten finanziellen Mitteln, um das Talent aus aller Welt mit hohen Gehältern ins eigene Land zu locken (z.B. USA und andere westliche Staaten). Jetzt schon ist weltweit ein allgemeiner Wettbewerb um die Mittel von Investoren und um die gut ausgebildete Intelligenz entbrannt. Der Pool an Talenten, aus dem global geschöpft werden kann, weitet sich inzwischen auf ganz Asien aus und wird bald auch Afrika umfassen.

Doch die Globalisierung vermindert nur zeitweise den Druck, ein immer höheres Intelligenzpotenzial zu erschließen. Die Gaußsche Normalverteilung der Intelligenz und die Anforderungen aufgrund endlos zunehmender technologischer Komplexität widersprechen einander. Und daraus ergibt sich eine Folge, die den Aufbau kommender Gesellschaften auf tiefgreifende Weise verändert. Was wir jetzt schon beobachten, wird sich in Zukunft dramatisch vertiefen: die Kluft zwischen einer Bevölkerungsmehrheit einerseits, welche die Früchte technologischer Komplexität nur passiv genießt, und andererseits technischen Universalgenies wie Elon Musk und Seinesgleichen, welche sie erfinden, planen und verstehen. Das Headhunting nach der überdurchschnittlichen Intelligenz geht dann zwangsläufig mit wachsender Ungleichheit der sozialen Anerkennung und Belohnung einher.

Der Verlust der gemeinsamen Sprache

Die Meister und Genies aus Technik und Wissenschaft haben mit ihren Mitmenschen immer weniger gemein. Ein Astrophysiker, ein neurologischer Experte oder ein Drosophilaforscher leben in ihren jeweils eigenen Wissensblasen. Wirklich kommunizieren kann der Astrophysiker nur noch mit anderen Astrophysikern sei es in China oder den USA, denn mit den eigenen Landsleuten verbindet ihn nur noch der Zufall der Geburt. Die Naturwissenschaften haben einen Menschentypus hervorgebracht, für den die nationale und kulturelle Zugehörigkeit gar keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, weil die Gesetze der Natur, deren Erforschung sie dienen, eben auch unabhängig von nationalen und kulturellen Grenzen bestehen.

Damit geht der Verlust von Sinn einher

Die im 17ten Jahrhundert aufkommenden modernen Naturwissenschaften haben zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen die Entstehung einer sozialen Schicht ermöglicht, der es erlaubt ist, sozial sinnfrei zu agieren. Diese Freiheit hat es bis dahin in keiner menschlichen Gesellschaft gegeben. Unter Jägern und Sammlern war den wenigen Mitgliedern der Horde der Sinn ihres Handelns so unmittelbar vorgeschrieben wie einem Rudel jagender Löwinnen die Rolle jeder einzelnen bei der Jagd. Und in den Agrargesellschaften, die nach der Neolithischen Revolution entstanden, war das Handeln jeder sozialen Schicht für jeden sichtbar auf das Wohl des Ganzen bezogen: Der Bauer hatte alle zu ernähren, der Adel für die Verteidigung zu sorgen, der Klerus die Welt zu erklären und die Handwerker waren dafür verantwortlich, das materielle Gerüst der Gesellschaft in Stand zu halten.

Heute gibt es zahllose Berufe,

bei denen allein schon die Bezeichnung so exotisch ist, dass man dem Durchschnittsbürger ihren Zweck umständlich erklären muss, damit er ihren Sinn überhaupt noch begreift, z.B. Drosophila-Forscher, Ocularist, Industriekletterer, um nur einige aus einer stetig wachsenden Fülle von Beispielen zu nennen. Aber die eigentlich exotischen Berufe kommen durch die weiter und weiter ausgreifenden Forschungsschwerpunkte in den Naturwissenschaften zustande. Nur im Fall der medizinischen Forschung ist ihr Sinn auch dem Laien auf Anhieb verständlich. Ein Arzt mag Spezialist für die Forschung an einem bestimmten Medikament für die Heilung eines ebenso bestimmten Organs des menschlichen Körpers sein, in jedem Fall ist der Sinn seines Tuns evident: Er heilt Menschen.

Dagegen liegt der Sinn unseres Tag um Tag wachsenden Wissens

um die Struktur der Galaxien oder Atome keineswegs auf der Hand. Noch bis vor kurzem hat die Menschheit nichts von Schwarzen Löchern, roten Riesen, Protonen und Elektronen gewusst, und trotzdem existiert sie schon seit mehr als einer Million Jahre auf dem Planeten. Ob wir damit auch noch für eine weitere Zeitspanne dieser Länge, ja, ob wir damit auch nur für die nächsten hundert Jahre rechnen können, ist dagegen keineswegs ausgemacht. Der Grund für die neue Ungewissheit liegt genau darin, dass wir die Sinnfrage ausgeschaltet haben. Sie schien sich eine ganz Zeit ja auch nicht zu stellen, weil die unmittelbare Wirkung der industriellen Revolution und der ihr dienenden Meritokratie in einem unglaublichen Aufschwung der materiellen Lebensbedingungen bestand und zum Teil auch heute noch besteht. Die Forschung, die diesen Prozess ermöglichte, erhielt daher generell das Wertprädikat, „gut“ und sie schien für jedermann auch „sinnvoll“ zu sein.

Die industrielle Revolution, neuerdings auch Anthropozän genannt,

hat zweifellos den bisher tiefsten aller Umbrüche in der Geschichte des Menschen bewirkt. Noch im vergangenen Jahrhundert schien eine Frage nach dem Sinn dieser Revolution daher schlicht überflüssig. Eine weltweit wachsende Zahl an Menschen erhielt Zugang zu größerem materiellen Wohlergehen. In den Staaten des Westens wurde dieses Ziel in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in so hohem Grade verwirklicht, dass manche sich den Luxus leisten konnten, das Ziel selbst als „materialistisch“ abzulehnen und nach höheren Zielen zu fragen. Dort allerdings, wo man bis dahin in furchtbarer Armut lebte: in großen Teilen Asiens, in Afrika oder Südamerika hat man für solche Zweifel bis heute nichts übrig. Man folgt dem Beispiel Chinas. Erst will man den westlichen Lebensstandard erreichen, später wird man sich dann auch den Luxus leisten, nach Höherem zu streben. Anders gesagt, in dem Streben nach materiellem Wohlstand erschöpft sich zunächst einmal der Sinn für die große Mehrheit.

Wie aber, wenn der Sinn sich in Unsinn verkehrt

Die industrielle Revolution hat das Anthropozän ermöglicht: die unbeschränkte Herrschaft der Spezies Mensch über den Planeten. Die Nutzung aller verfügbaren Ressourcen, vor allem der fossilen Energie, hat das Nahrungsangebot so vergrößert, dass Homo sapiens seine Zahl innerhalb eines bloßen Wimpernschlags der Geschichte mehr als versiebenfacht hat. Die Folgen sind Megametropolen, welche als Betonwüsten ganze Landschaften versiegeln, wobei der für die Ernährung benötigte Raum jenseits der Städte sich in sterile Nutzlandschaften verwandelt, welche den Reichtum der Arten auf ein Minimum reduzieren. Das bekannteste Beispiel sind die Regenwälder des Amazonas, die der Mensch in Felder zum Anbau von Soja verwandelt. Doch derselbe Prozess hat in einem wohlhabenden Staat wie Deutschland schon sehr viel früher eingesetzt. Die natürlichen Wälder sind überwiegend Fichtenplantagen gewichen, in denen Bäume stramm in Linie stehen – wie Zinnsoldaten.

Offenbar wird der Sinn des Wohlstandserwerbs in Unsinn verkehrt, wenn eine sprunghafte Zunahme der Bevölkerung den Wohlstandszuwachs pro Kopf statistisch vereitelt und zugleich damit die vorhandenen Ressourcen von der gerade lebenden Generation aufgezehrt werden, sodass künftige Generationen sich mit einem verwüsteten und erschöpften Globus begnügen müssen.

Leider ist ein Wort wie „verwüstet“ alles andere als eine Übertreibung. Mit dem Klimagift CO2vergiften wir die Luft, mit Plastik und Tausenden von anderen Industrieprodukten vergiften wir die Meere, den Ertrag und die Nutzfläche der Böden vermindern wir durch Müll und die Zufuhr künstlicher Nährstoffe, die den natürlichen Humus zerstören. Neuerdings vermüllen wir sogar die Ionosphäre, weil der inzwischen allgegenwärtige Weltraummüll zu einer Gefahr für die künftige Raumfahrt wird.

Wissen und Forschung sind nicht „wertneutral“,

wie so gerne behauptet wird, sondern Kräfte, welche auf unsere Werte unmittelbaren Einfluss üben. Es ist unser immens gewachsenes Wissen, es ist die technologische Meritokratie, welche die Welt in den vergangenen dreihundert Jahren so umfassend verwandelt haben, dass die Frage nach dem Sinn uns heute auf den Nägeln brennt.

Der Sinn droht nicht nur in Unsinn sondern in Wahnsinn

umzuschlagen, wenn unser Wissen nicht nur die sozialen Gräben zwischen technischen Laien und Experten zunehmend vertieft, sondern sein Missbrauch für die Weltgemeinschaft als ganze zu einer Bedrohung wird. Ganz gleich, ob ein Forscher ein Medikament entwickelt, das Millionen zu überleben hilft, oder ob er die physikalischen Voraussetzungen für eine neue noch effizientere Bombe oder die chemischen Grundlagen für ein noch wirksameres Nervengift erkundet – in allen Fällen ist ihm der Nobelpreis sicher, wenn seine Forschungen einen Durchbruch auf seinem jeweiligen Gebiet bedeuten. Die Natur und ihre Gesetze immer besser zu kennen, wird seit drei Jahrhunderten generell als sinnvoll bewertet und geschätzt, obwohl es genau dieses Wissen ist, dass die Menschheit zum ersten Mal in die Lage versetzt, sich selbst auszulöschen.

Die Sinnfrage wurde ausgeklammert,

so als wären Wissen und Forschung essenziell immer gut, auch wenn sie uns mit immer mehr und immer wirksameren Instrumenten der Selbstvernichtung ausstatten. Der Mensch hat sich sozusagen in zwei Hälften geteilt: dem wissenden und forschenden Geist schreibt er Unschuld zu, der handelnde Mensch allein soll die Verantwortung tragen. So kommt es, dass sämtliche größeren Staaten Tausende von Forschern mit der Herstellung von Massenvernichtungswaffen beschäftigen, die Forscher selbst aber sprechen sich von aller Verantwortung frei. Was andere mit ihrem Wissen tun, gehe sie nichts an.

Nicht alle haben so gedacht. In ganz wenigen Fällen ist es ein großer Forscher selbst, der die verhängnisvolle Verantwortungslosigkeit durchschaut. Albert Einstein hat wesentlich dazu beigetragen, die finale Bombe zu entwickelt. Am Ende seines Lebens fragte er sich aber nach dem Sinn seines Tuns. Er sah keinen anderen Ausweg, um mit der neuen Bedrohung fertig zu werden, als ein Ende des globalen Wettrennens um die größere wirtschaftliche und militärische Macht. Dazu aber bedürfe es des letzten Schritts zu einer geeinten Welt. Nur eine Weltregierung hätte die Möglichkeit, dieses Wettrennen in Richtung Abgrund auch wirklich zu verhindern. Dem ist nur hinzuzufügen, dass auch nur eine solche übergeordnete Macht der fortschreitenden Verödung und Vernichtung des Planeten Einhalt gebieten könnte.

Der ungeneigte Leser protestiert spätestens an diesem Punkt

Warum Herr Jenner beenden sie einen nicht ganz uninteressanten Essay mit einem so unrealistischen Vorschlag? Ihre Leser haben gegen Corona und Arbeitslosigkeit anzukämpfen, die Wirtschaft insgesamt gegen Niedergang und enorme Schulden, Sie aber sprechen von der Notwendigkeit einer Weltregierung, die allein schon deswegen niemanden von uns interessiert, weil keiner die Möglichkeit hat, sie durch eigenes Handeln herbeizuführen!

Richtig! Dazu kann ich nur sagen, dass genau darin die Tragik und Gefahr unserer derzeitigen Situation besteht. Eine Meritokratie der technologisch Tüchtigsten betreibt seit dreihundert Jahren Naturvernichtung, und zwar mit zunehmendem Tempo und wachsender Wirksamkeit. Die Supermächte, in deren Auftrag sie handelt, haben Endzeitwaffen entwickelt, deren Zerstörungskraft sie mit jedem Jahr noch weiter erhöht und perfektioniert. Eigentlich sollte jedem einleuchten, dass die damit verbundenen Gefahren unendlich viel größer sind als Corona, Arbeitslosigkeit und Schulden, mit denen wir allenfalls fertig werden. Doch der Abgrund, auf den wir durch die Naturvernichtung und die Endzeitwaffen zustreben, scheint eine Mehrheit kaum zu interessieren – so als wäre er eine Erfindung böswilliger Phantasten. Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen. Dürfen wir unser Schicksal wirklich einer Meritokratie überlassen, welche sich die Frage nach dem Sinn, Unsinn und Wahnsinn ihres Tuns bis heute nicht stellt?

Joseph Meyer schreibt dazu folgenden Kommentar:

Hallo Herr Jenner, aus Ihren Ausführungen lese ich heraus, dass Sie möglicherweise eine Weltregierung befürworten.Das würde ich nicht verstehen, denn wir haben doch schon seit Jahrzehnten eine de facto Weltregierung, mit Systembankern, die genug Zeit hatten um ein dichtes weltweites Netz zu spinnen in welches führende Politiker, StaatengemeinschaftenWirtschaftsbosse, Medienmanager, Uni-Professoren, globale Organisationen, etc. eingebunden sind. Sind es denn nicht gerade diese Leute in diesem Netzwerk, welche die Umweltzerstörung und die katastrophale soziale Lage in der Welt zu verantworten haben? Wenn diese Menschen nun den „Great Reset“ durchsetzen, siehe das WWF mit Klaus Schwab, und wenn sie schöne Ziele formulieren, dann kann man ihnen meines Erachtens doch davon kein einziges Wort mehr glauben. Liegt nicht vielmehr die Lösung in kleineren, durch die Allgemeinheit nachvollziehbaren Strukturen, mit einer auf den erneuerbaren Energien beruhenden dezentralen Wertschöpfung und einer gleichmäßigeren Verteilung der Reichtümer auch dank einer von Schulden befreiten und vom Staat überwachten Geldordnung? Mit freundlichen GrüßenJoseph Meyer

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Meyer,
ich befürworte eine Weltregierung nicht, denn dadurch wird die Freiheit der einzelnen Staaten stark eingeschränkt. Ich halte sie nur für eine Notwendigkeit, zu der wir uns selbst verdammten, weil wir uns und die Natur sonst umbringen werden – wir sind ja schon auf dem Weg dazu.

Im wirtschaftlichen Bereich herrscht zwar eine weltweite Uniformierung, die aber eben keine Weltregierung ist. Für jedermann sichtbar ist diese Tatsache daran zu erkennen, dass China, die USA und Russland sie nur soweit dulden, wie sie ihren Interessen, also der eigenen ökonomischen  und militärischen Macht förderlich ist. Die tatsächliche Existenz einer Weltregierung ist daran – und wirklich auch nur daran – zu erkennen, dass sie alle Massenvernichtungswaffen auf dem Globus nicht nur zu verbieten sondern dieses Verbot auch effektiv durchzusetzen vermag – so wie heute schon eine funktionierende Regierung ihren Bürgern das Tragen von Waffen untersagt. Ich bin mit Ihnen übrigens durchaus einer Meinung, dass eine Welt kleiner Einheiten, so wie zum Beispiel von E. F. Schumacher in „Small is beautiful“ überzeugend gefordert, das Ideal möglicher Freiheit repräsentiert. Seit wir diese Freiheit aber dazu missbrauchten, uns gegenseitig mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen und die Natur umzubringen, ist eine Weltregierung die einzige Instanz, die uns noch von uns selbst und dem Missbrauch der Freiheit zu retten vermag.
Alles Gute für das kommende Jahre, Gero Jenner 

Von Prof. Gottfried Kneifel erhalte ich folgenden Kommentar:

Sehr geehrter Herr Dr Jenner!
Zuerst vielen Dank für Ihre plausiblen Erkenntnisse, die ich periodisch von ihnen erhalte! Lese diese mit großem Interesse.
Ich will ihnen – im Zusammenhang mit dem Thema Weltregierung – meine Sorge um die Zukunft der Demokratie ,als staatspolitisches Gestaltungsprinzip, vermitteln.
Mein Eindruck ist, dass viele Menschen glauben, Demokratie ist ein Selbstläufer, ein perpetuum mobile, das keinen Antrieb braucht.
Sie kennen das Bild vom fahrenden Zug, von dem mehrere Waggons während der Fahrt abgehängt wurden. Anfänglich fast nicht zu bemerken bis die Passagiere in den „Abgehängten“  Waggons bemerken, dass sie nicht mehr die Fahrt und das Ziel beeinflussen können und im wahrsten Sinn des Wortes „auslaufen“. 
Vermutlich, weil sie sich nicht oder zu wenig um das System gekümmert, zu wenig Energie und Interesse für die Fortbewegung und Weiterentwicklung investiert haben.
Damit meine ich unsere liberale Demokratie.
Damit bin ich auch bei ihrem Aufsatz von der Meritokratie, von der Regierung der Technokraten, deren Forschungs-, Gestaltungs- und Regierungswille in das Vakuum der Ahnungslosen, gleichgültigen, demokratiemüden Bürgerinnen und Bürgern trifft. Unsere Technik-Gläubigkeit verbunden mit dem Versprechen, dass damit alles objektiv
sachlich und unparteiisch und rasch  geregelt wird, treibt diese Tendenz sogar noch weiter an. Die Komplexität der Probleme, wie die undurchschubaren Finanzmärkte, die  Steuerumgehung und Steuerverkürzungen der internationalen Konzerne, Globalisierung, die Unfähigkeit das Migrationsproblem zu lösen, die immer weiter klaffende Schere zwischen arm und reich zu verkleinern,  und der Abnützungsprozess der EU-Institutionen, sind Brandbeschleuniger für mehr Nationalismus, Entsolidarisierung und Populismus der einfachen Lösungen (bzw Losungen).
Obwohl es nach 1945 eine Zeit der pro-Europa-Stimmung gegeben hat mit dem Verschwinden der Franco-Diktatur in Spanien, Pilsudski, der Militärdiktaturen in der Türkei und Griechenland, des Zusammenbruches der Ostblock-KPÖ-Stalin Regime, glaube ich an einen Pendel-Rückschlag in die Richtung von Diktaturen.
Unsere jüngste IWS-Spectra-Umfrage deutet das bereits an: Auf die Frage: Können sie sich eine Regierung durch eine einzige Persönlichkeit an der Spitze des Staates vorstellen, das ohne Verfassung, ohne Wahlen und ohne Parlament alleine regiert vorstellen? Antworteten 11 Prozent mit „ja sehr gut“ und 18 Prozent mit : „damit könnte ich durchaus leben“ (würde ich tolerieren!)  Resümee: 29 Prozent der Wählerinnen haben nichts gegen eine Diktatur. Das ist doch ein Alarmsignal!
Freilich ist die Demokratie nicht akut gefährdet. Aber es können Ereignisse kommen, die das vermeintlich sichere System sehr schnell verändern könnten.
Zwei nenne ich: rasant steigende Arbeitslosigkeit oder  (und)  schrankenlose Migration, Einwanderungsbewegungen von Afrika/Asien in Verbindung mit einer zerstrittenen Regierung.
Die Demokratie ist eine zarte Pflanze, die jeden Tag gedüngt und gegossen werden muss.
Lösungsansatz: Mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten, Mehr Ansporn und Mutmachen zum Mitmachen,  in Vereinen, Verbänden, Parteien, Initiativen
Ängste der Menschen abbauen, Mutmachen zum Sagen und schreiben der eigenen Meinung. Mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen der Politiker
Mehr Erklären und Orientierung geben statt ein Klima der ungerechtfertigten Bösartigkeit in den sozialen Medien unter der persönlichen Anonymität verbreiten.

Meine Replik

Sehr geehrter Herr Prof. Kneifel,
es freut mich besonders, wenn ich Zuschriften von Gleichgesinnten erhalte.  Ich weiß, wie weit hergeholt manchen Kritikern die bloße Idee einer Weltregierung erscheint – ich selbst würde mir ja wünschen, dass wir sie nicht nötig hätten. Aber leider müssen wir angesichts der apokalyptischen Perspektiven, die uns unser außerordentliches technologisches Können beschert, diese Lösung als das geringere Übel verfolgen. Manchmal erscheinen mir die eigenen Vorstellungen übrigens als Spinnerei, die ich nicht vorzubringen wagte,  wären mir nicht große Köpfe wie H.G. Wells, Ernst Jünger, Arnold Toynbee, Raymond Aron, Albert Einstein und andere vorausgegangen. Wir können nur hoffen, dass die Demokratie, die „zarte Pflanze“, wie Sie es nennen, auf diesem Weg keinen Schaden nimmt.
Herzliche Grüße und alles Gute zum Neuen Jahr

Gero Jenner

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Dieser Spruch aus dem Neuen Testament (Matthäus 7,16) konfrontiert Wirkung und Ursache. Eine schlechte Wirkung kann keine gute Ursache haben, und umgekehrt ist es genauso. Dornen tragen keine Trauben und auf Disteln finden wir keine Feigen. Auf schöne Worte und Theorien sollte man sich nicht verlassen. Was zählt, sind die Wirkungen, die daraus entstehen.

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Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

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Politik, Wissenschaft und – ja, Sie lesen richtig! – Linguistik

Noch in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Deutsch die gebräuchlichste Wissenschaftssprache. Bis 1933 hatte Deutschland mehr Nobelpreise errungen als irgendeine andere Nation, mehr als England und die Vereinigten Staaten zusammen. Dann kamen Hitler und seine Politik der systematischen Lüge (und Verbrechen). Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutsch nur noch eine Sprache unter anderen, und deutsche Wissenschaft büßte ihren einstigen Rang weitgehend ein.

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Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens

Ich möchte die Lektüre eines Aufsatzes des Islamwissenschaftlers Michael Lüders empfehlen: „Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens“ (Blätter für deutsche und internationale Politik). Eines der Hauptübel der Globalisierung ist die globalisierte – meist ideologisch und scheinmoralisch notdürftig verbrämte – Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, auch wenn von diesen keine militärische Gefahr für uns selbst ausgeht. Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens weiterlesen

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017 und fbkfinanzwirtschaft)

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt. Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist weiterlesen

Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?

Die Frage ist umstritten und scheint doch eine schnelle Antwort zu gewähren: Bei oberflächlicher Betrachtung ist der Mensch das aus der Geschichte lernende Wesen schlechthin. Wer sich die Finger am Feuer verbrennt, hält sie gewiss nicht zum zweiten Mal in eine Flamme. Wer den Samen aufgehen sieht, nachdem er ihn in die Erde säte, hat die Grundzüge der neolithischen Revolution begriffen und damit den Grundstein für jenen gewaltigen Bau des kumulativen Wissens gelegt, der nur in einer Gesellschaft des Lernens entstehen konnte, wo sich das begrenzte Wissen einzelner Individuen zu kollektivem Wissen in Raum und Zeit addiert. Nur aus Erfahrung wird der Mensch klug; die Geschichte, aus der er Erfahrung schöpft, bildet die Grundlage aller Erkenntnis und allen Fortschritts. Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte? weiterlesen

FRIEDEN!

Wie immer nach Beseitigung einer großen, in diesem Fall sogar einer das Überleben der Menschheit existentiell bedrohenden Gefahr, hat der 1989 erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion die Zeitgenossen von einem Alptraum befreit und die Hoffnung auf eine kommende Zeit erweckt, die grundsätzlich anders und besser sein würde. Ein polyzentrisches System würde die bipolare Welt von gestern ablösen. Statt zweier in äußerster ideologischer wie militärischer Kampfbereitschaft gegeneinander verschworener Systeme würden von nun an Hundert Blumen auf einmal blühen, alle von ihnen mit dem Versprechen, im Hinblick auf unterschiedliche soziale Entwürfe, kulturelle Eigenarten und geistige Ziele der menschlichen Vielfalt in weit höherem Maße als vorher gerecht zu werden. Die Enge einer Konfrontation, die aus dem kalten jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, würde der Weite des Multikulturellen, Multipolitischen und Multisozialen weichen. FRIEDEN! weiterlesen

Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang

Die tiefere Ursache für den gegenwärtig drohenden Zerfall Europas sehe ich in der von Deutschland forcierten Freihandelspolitik (siehe der „hässliche Deutsche“). Ich bin mir bewusst, dass diese Auffassung allem widerspricht, was in den Lehrbüchern über die segensreichen Wirkungen eines solchen Handels zu finden ist. Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang weiterlesen