Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion

1970 erschien Jacques Monods Aufsehen erregendes Buch „Le Hasard et la Nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), in dem der Biochemiker die Weltsicht, welche seit dem 17ten Jahrhundert erst Europa und heute die ganze Welt beherrscht, in einem Buchtitel auf einen einzigen Satz verdichtet. Für einen illusionslosen Wissenschaftler sei die Welt nichts als Zufall und Notwendigkeit. Denn es gebe in ihr eben nichts als diese beiden Prinzipien: einerseits Notwendigkeit als jene Ordnung, welche die Naturwissenschaften in Gestalt von Gesetzen erkunden, andererseits den Zufall, welcher innerhalb der bestehenden gesetzhaften Ordnung eine Leerstelle bezeichnet – ein sinnloses Nichts, womit die Wissenschaft nichts anzufangen vermag. Seit Monod diese Formel aufstellte, hat die Neurologie gewaltige Fortschritte gemacht, sein Buch ist längst nicht mehr „aktuell“, aber ganz aktuell ist die Auffassung, wonach die Wirklichkeit dem Wissenschaftler – und also uns allen – nichts als diese beiden Dimensionen zu bieten habe, die berechenbaren Mechanismen der physikalischen wie der neuronalen Welt einerseits, die gähnende Leere des sinnlosen Zufalls auf der Gegenseite.

Die Erkundung von Ordnung (Gesetzen)

stellte immer schon die eigentliche Aufgabe der Erkenntnis dar. Dagegen wurde der Zufall lange Zeit als so störend und überflüssig empfunden, dass man seine Existenz überhaupt in Zweifel zog, und zwar gleich auf doppelte Weise. Beispielsweise konnte man mit Voltaire der Meinung sein, dass er lediglich unser vorläufiges Nichtwissen bezeichne. Diese Meinung kann sich auf handfeste Argumente stützen, denn unendlich vieles, was unseren Vorfahren noch als bloßer Zufall erschien, zum Beispiel Choleraepidemien oder Mondfinsternisse, hat die moderne Wissenschaft inzwischen von ganz bestimmten Ursachen ableiten und somit als gesetzhaft erklären können. Der Schluss lag daher nahe, den Zufall generell als bloße Lücke menschlicher Erkenntnis zu deuten. In dem Maße wie der Fortschritt der Wissenschaften diese Lücke mit Wissen füllt, würden wir ihn daher beseitigen und am Ende überall nur noch gesetzhafte Ordnung erkennen.

Das jedenfalls war die Meinung von Baruch de Spinoza ebenso wie von dessen großem Bewunderer, Albert Einstein, der die eigene Ablehnung des Zufalls bekanntlich in ein berühmtes Diktum gekleidet hat. „Gott würfelt nicht“, sagte Einstein. Mit anderen Worten, Gott schaffe nur Ordnung, denn Ordnung erschließt sich der Vernunft, ist rational. Dagegen haftet dem Zufall der Ruch des Wertlosen, des Irrationalen an. Zweifellos schwingt in seiner Herabsetzung die Vorstellung mit, dass uns hier etwas ganz Unbrauchbares und Überflüssiges begegnet.

Aber der Zufall ist mehr als nur eine Lücke unseres Wissens

Es war eine epochale Entdeckung, dass die Quantenphysik dem Zufall wieder zu einem Bleiberecht im wissenschaftlichen Weltbild verhalf. Die Königsdisziplin der Wissenschaften, die Physik, führte gegen Anfang des 20ten Jahrhunderts neben der Ordnung und dem Berechenbaren (ausgedrückt in Gesetzen) deren genaues Gegenteil ein, nämlich die Abwesenheit von Ordnung – eben den Zufall. In der Quantenphysik wurde das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik aufgegeben, wonach man jeder bestimmten Wirkung auch eine ganz bestimmte Ursache zurechnen könne. Werner Heisenberg drückte das auf folgende Weise aus. „Zum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker… nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang… Wenn wir den Grund dafür wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert.. /worden ist/, so müssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst gehören, kennen, und das ist sicher unmöglich.“

Der Zufall hat die Welt der klassischen Physik,

die als durch und durch berechenbar vorgestellt wurde, um die Dimension des Unberechenbaren erweitert.*1* Jacques Monod hat dies auf den Punkt gebracht, wenn er in den folgenden Sätzen über jene Geschichte spricht, die man heute als Evolution bezeichnet, während sie früher einmal als Schöpfungsgeschehen verstanden wurde: „Der Zufall allein ist die Quelle jeder Innovation, jeder Schöpfung in der Biosphäre. Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht.“

Der französische Biochemiker

würde allerdings nicht so emphatisch auf der Alleingültigkeit dieser Hypothese bestanden haben, hätte er nicht deren Gegner vor Augen gehabt, die religiösen „Animisten“, wie er sie nennt, die dem Geschehen der Evolution einen Sinn beilegen wollen. Doch diesen Sinn gebe es eben nicht. Der Wissenschaftler, gleichgültig ob Physiker oder Neurologe, könne in der gesamten Entstehungsgeschichte der Welt nichts anderes erblicken als einen gesetzhaften Mechanismus, der seine Fortentwicklung einem blinden, d.h. sinnlosen, Zufall verdankt. Und um ganz sicher zu gehen, dass jeder Leser das Ausmaß der von ihm behaupteten Sinnlosigkeit auch richtig erfasst, bezeichnet Monod den Zufall noch als „lärmendes Rauschen“ (engl. noise). „Man kann also sagen, dass dieselbe Quelle von zufälligen Störungen, von „Lärm“, die in einem nicht lebenden.. System nach und nach zum Zerfall aller Strukturen führen würde, der Stammvater der Evolution in der Biosphäre ist und für die uneingeschränkte Freiheit der Entfaltung verantwortlich ist.“

In diesen vernichtend trostlosen Zeilen

fasst Monod das Weltbild der modernen Wissenschaften zusammen. Wem sie aber noch nicht trostlos genug sind, der könnte die Absicht des großen Biologen noch mit einer Metapher ergänzen, die das Gemeinte auf bildhafte Art illustriert. In der Sicht der Propheten und Religionsgründer aller Zeiten saß ein Dichter wie Dante an der Schreibmaschine, um die göttliche Komödie zu verfassen, nur dass dieser Dichter Gott selber war, der den Kosmos dabei nach einem Heilsplan erschuf, den seine Geschöpfe verstehen können. Nach Vorstellung der großen Denker seit dem 17ten Jahrhundert fällt diese Rolle dagegen einem Affen zu, der sinnlos auf die Tasten eindrischt, wobei nach Verlauf von Äonen der Zufall die göttliche Komödie bzw. den Kosmos rein mechanisch hervorbringt. Gott repräsentiert im einen Fall die verkörperte Intelligenz und Weisheit, der Affe aber das genaue Gegenteil, die verkörperte Nicht-Intelligenz, einen Fall für das Irrenhaus.

Das Besondere beider Bilder liegt

meiner Auffassung nach darin, dass man sie beide falsch nennen muss – und zwar falsch nach den Maßstäben von Wahrheit und Wissenschaft.*2* Dass das erste der beiden Bilder nicht stimmen kann, wonach Gott ein Universum erschuf, dessen Heilsplan dem Menschen rational zugänglich ist, war den Wissenschaftlern früh aufgefallen – Monod steht da in einer vierhundertjährigen Tradition. Aber auch Albert Schweitzer, großer Theologe und noch größerer Mensch, bekennt sich zu dieser Einsicht. „Die raffinierten und hinterlistigen Versuche, die Welt in optimistisch-ethischem Sinne zu begreifen, haben keinen besseren Erfolg als die naiven. Was unser Denken als Erkenntnis ausgeben will, ist immer nur eine ungerechtfertigte Deutung der Welt. Gegen dieses Eingeständnis wehrt sich das Denken mit dem Mut der Verzweiflung, weil es fürchtet, dem Problem des Lebens dann ratlos gegenüberzustehen. Welchen /moralischen/ Sinn dem Menschendasein geben, wenn wir darauf verzichten müssen, den /moralischen/ Sinn der Welt zu erkennen? Aber es bleibt dem Denken nichts anderes übrig, als sich in die Tatsachen zu fügen“.

Eine eindeutige Stellungnahme! Die größten Religionskritiker hätten sich nicht deutlicher aussprechen können als Albert Schweitzer in diesen Zeilen, wenn er die moralische Deutung der Evolution als „hinterlistig“ bezeichnet. Seit Tausenden von Jahren haben Menschen ihren Göttern Heilspläne zugeschrieben, sie erdachten sich einen Sinn für die Welt, aber der wissenschaftlich nüchterne Beobachter muss feststellen, dass die Tatsachen mit keiner dieser mythologischen Konstruktionen im Einklang stehen.

Aber das Gegenbild vom blinden und sinnlosen Zufall

deswegen weniger falsch? Nein, man muss noch ein viel härteres Wort gebrauchen, mit dem man heute dieselbe Verdammung ausspricht wie in früheren Zeiten mit den Worten „atheistisch“ oder „gottlos“. Das Bild vom Affen, der rein mechanisch auf die Tasten drischt, ist schlicht „unwissenschaftlich“ und bleibt es auch dann noch, wenn man sich mit Monod damit begnügt, den Zufall als „blind“ und „sinnlos“ zu bezeichnen. Unwissenschaftlich heißt in diesem Fall, dass wir mehr behaupten, als wir je wissen können. Denn eine Sache können wir nur dann mit Eigenschaften belegen, wenn wir sie kennen. Doch genau das ist beim Zufall gerade nicht der Fall. Wir wissen nicht, was der Zufall ist und können ihn nicht künstlich erzeugen (schon gar nicht durch einen „Zufallsgenerator“!). Jeder Algorithmus, durch den wir ihn darzustellen versuchen, auch der komplexeste, erzeugt notwendig wiederholbare Ordnungen – also das genaue Gegenteil des Zufälligen. Wer den betreffenden Algorithmus kennt, ist daher auch in der Lage, sein Resultat vorhersagen. Den echten Zufall können wir überhaupt nur dadurch imitieren, dass wir die Wirklichkeit einbeziehen, indem wir einen bestimmten Algorithmus z.B. stets dann auslösen, wenn ein echter Zufall geschieht, z.B. wenn ein mit ihm verbundener Sensor auf der Straße eine Frau mit gelbem Hemd vorbeigehen sieht. Das ist dann ein genauso zufälliges Ereignis, wie wenn ein die Straße überquerender Passant von dem Ziegel erschlagen wird, der ihm plötzlich vom Dach her auf den Kopf fällt (Monod bedient sich dieses Beispiels, um den Zufall zu illustrieren).

Dies ist eine schlichte und dennoch entscheidende Erkenntnis. Sie besagt, dass wir uns vom Zufall grundsätzlich kein Bild und keinen Begriff machen können – oder anders gesagt, dass er das Gegenteil dessen repräsentiert, was wir wissen und sogar (gemäß Heisenberg): was wir wissen können. Der Zufall ist das schlechthin Unbekannte, Undeutbare, das keine Wissenschaft zu erschließen vermag. In diesem Sinne ist und bleibt er für menschliche Erkenntnis ein unlösbares Geheimnis.

Der Philosoph und der kritische Wissenschaftler

sehen sich daher genötigt, Monods Weltbild nicht nur als naiv sondern als wissenschaftlich unhaltbar zu bezeichnen. Die Welt ist nicht sinnloser Zufall und Notwendigkeit, sondern ihre beiden Grunddimensionen sind Ordnung und Geheimnis. Die Wirklichkeit stellt sich uns auf zweifache Weise dar, einerseits als Gegenstand unseres (vermutlich unendlich erweiterbaren) Wissens, andererseits aber auch als grundsätzlich unerkennbar, denn die Grenzen unseres Wissens ergeben sich aus dem unerkennbaren Zufall.

Auch für den gläubigen Menschen hat diese Erkenntnis Folgen. Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann muss er sich mit Albert Schweitzer eingestehen, dass er den Sinn, den Gott der Schöpfung gab, nicht versteht. Das heißt aber keinesfalls, dass es keinen Sinn in ihr gibt. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob es etwas an und für sich nicht gibt oder nur für unser Erkennen. Der Biologe Rupert Riedl fand dafür das passende Bild. „Was für ein Vermessen wäre es, wollte sich die Zecke die Blutgefäße eines Säugetieres vorstellen, der Hund die internationale Rauschgiftszene oder wir uns die Gesetze jenseits des Kosmos“ /also jenseits der uns erkennbaren gesetzhaften Ordnungen/. Wissenschaft ist inzwischen imstande, unendliche viele Dinge aufs Genaueste zu erklären, z.B. warum uns eine Biene sticht, ein Vulkan ausbricht oder wie ein Handy funktioniert, aber sie kann uns nichts darüber sagen, warum diese Welt und ihre Ordnungen überhaupt existieren und welchen Sinn menschliche Existenz darin hat.

Der Unterschied wirkt sich auf allen Ebenen aus

Wie anders sieht z.B. Darwins großartige Evolutionsformel aus, sobald wir uns eingestehen, dass der Zufall nicht blind und nicht sinnlos ist sondern wir darin etwas sehen müssen, über das wir prinzipiell keine Aussage machen können, weil er für uns ein unlösbares Geheimnis ist? Darwin erklärt die Entwicklung der Arten aus dem Überlebenskampf, wo Individuen, die besser an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, einen Selektionsvorteil genießen und daher die größere Nachkommenschaft aufweisen. Karl Popper hat diese Theorie bekanntlich als „metaphysisch“ bezeichnet, weil sie sich nicht widerlegen (falzifizieren) lasse und daher auch nicht beweisbar sei. Warum weiße Birkenspanner auf der ebenso weißen Rinde von Birken keinen Selektionsvorteil mehr besaßen, als die Landschaften Englands langsam verrußten und die Falter auf der dunklen Rinde für ihre Fressfeinde plötzlich viel sichtbarer wurden, leuchtet ohne weiteres ein. Aber die Umwelt, an die sich jedes Lebewesen anpassen muss, ist selten so eindeutig definiert. In der Regel ist sie äußerst komplex und verändert sich in jedem Moment. Von den Lebewesen verlangt sie daher simultane Anpassungen, die sich genauso aller Berechnung entziehen wie die Kräfte der ganzen Welt, die in einem bestimmten Moment auf ein Alpha-Teilchen einwirken. Deshalb hat Darwins Theorie nie geleistet, was der Physiker von seinen Gesetzen verlangt, nämlich Vorhersagen in die Zukunft. Selbst der überzeugteste Darwinist würde nicht wagen, die zukünftige Entwicklung irgendeines bestimmten Lebewesens, geschweige denn die des Menschen, zu prophezeien (es sei denn unter Laborbedingungen, wenn alle Umweltbedingungen künstlich auf ein Minimum reduziert worden sind).

Darwin selbst hat zu seiner Zeit noch nichts von den Mechanismen

gewusst, welche der Selektion ihr „Material“ zur Verfügung stellen, also genetisch unterschiedliche Individuen. Heute beschreiben Biogenetiker längst im Detail die Mechanismen, welche zu unterschiedlicher genetischer Ausstattung führen – z.B. endogene oder umgekehrt von außen bewirkte Fehler bei der Replikation des genetischen Codes. Wichtig ist, dass der Biogenetiker es hier mit zufälligen Veränderungen (z.B. Mutationen) zu tun hat, denn würden sie gesetzhaft verlaufen, dann wäre er ja in der Lage, die künftige Entwicklung eines Lebewesens zu berechnen. Anders gesagt, sind sich die Biogenetiker mit Jacques Monod darin einig, dass hier das Reich des Zufalls beginnt – die Abwesenheit von Gesetzen. Das vermeintliche Grundgesetz Monods lässt sich daher von der Physik ebenso auf die Biologie beziehen: „Die Entwicklung der Arten ist vollständig durch Zufall und Notwendigkeit erklärt.“

Aber was ist das für eine Erklärung, wenn der Zufall für unsere Erkenntnis

reines Geheimnis ist? Sobald wir diese Wahrheit anerkennen, erhält die Formel, welche Darwins – inzwischen wesentlich ergänzte – Lehre zusammenfasst, auf einmal eine ganz verwandelte Form. „Die Entwicklung der Arten wird vollständig durch Geheimnis und Notwendigkeit erklärt.“ Offensichtlich ist das eine contradictio in adjecto, denn diese Formel scheitert an einem inneren Widerspruch. Eine Erklärung kann niemals vollständig sein, wenn sie auf einem unauflösbaren Geheimnis gründet.

Diese Einsicht ist von grundlegender Art, denn sie nötigt uns zu erkenntnistheo­retischer Bescheidenheit. Die Wissenschaft vom Leben kann sich zwar ein voll­kommenes Bild von der Deszendenz der Arten machen, d.h. von ihrer Geschichte. Aber eine vollständige Erklärung ihrer Entwicklung wird sie nie bieten können, eben weil sie als Grundelement die wissenschaftlich undeutbare Dimension des Zufalls in sich birgt.*3*

Die Revolution der Erkenntnis, die mit dem 17ten Jahrhundert begann,

bestand in einer methodisch betriebenen Suche nach Wahrheit, die nun im Prinzip für jedermann auffindbar sein soll. Wissenschaft erkennt kein Machtwort von Autoritäten an, sie ist radikal demokratisch. Aber Wissenschaft war stets in Versuchung, selbst Machtwörter zu sprechen, und genau deshalb war sie von vornherein nicht nur Wahrheitssuche sondern immer auch durch Lüge gefährdet, zumal sie von Anfang an einen mächtigen Gegner hatte: die undemokratische Machtreligion, welche sich nicht auf Vernunft sondern auf vermeintlich unanfechtbare Autoritäten berief.

Um diesen mächtigen Feind zu bekämpfen, wie sie es seit dem 17ten Jahrhundert tat und Monod noch im zwanzigsten, gab und gibt sie vor, den Menschen eine genauso umfassende, totale Erklärung der Wirklichkeit bieten zu können wie es von jeher Anspruch und Absicht der Macht-Religion ist (im Gegensatz zur kritischen Religion, die nicht vorgibt, die letzte Wirklichkeit, also Gott, zu erkennen). In dem Augenblick, wo Wissenschaft diesen Weg beschritt, gleicht sie sich ihrem Gegner an, wird zur dogmatischen Macht-Wissenschaft. Aber immer wieder sind es kritische Wissenschaftler selbst, die sich dagegen wehren. Für den Mathematiker Gödel stand es aus logisch-grundsätzlichen Erwägungen fest, dass kein System über sich selbst hinausgelangt, es scheitert an prinzipieller Unvollständigkeit (Unvollständigkeitstheoreme). Wenn er es dennoch versucht, handelt er, um im Bild des Biologen Rupert Riedel zu bleiben, so wie ein Polizeihund, der sich einbildet, die Rauschgiftszene zu kennen.

Im Unterschied zur Machtreligion,

die, wie Albert Schweitzer vehement kritisiert, hinterlistig eine optimistische Weltsicht vorgaukelt, bietet Machtwissenschaft den Menschen allerdings eine überaus traurige Perspektive. Oder gibt es eine trostlosere Vision als die Philosophie des Nichts-Als, wonach Mensch und Kosmos eben nichts Besseres seien als Mechanismen, deren Entwicklung zudem durch den blinden, sinnlosen Zufall bestimmt wird? Das ist eindeutig jene Art Wertung, die sich Wissenschaftler üblicherweise verbieten, z.B. wenn sie die Verbindung von H und O zu H2O beschreiben. Da ist weder von großartig noch von trostlos die Rede – das Geschehen wird einfach in seiner Faktizität dargestellt. Mehr kann Wissenschaft nicht, wenn sie nicht selbst zur Ideologie werden will.

Wenn wir den Zufall, eine der beiden Grunddimension der Wirklichkeit,

als Geheimnis bezeichnen, dann ist das keine Wertung sondern wir benennen ein Faktum, denn wir wissen nicht, was der Zufall ist, abgesehen davon, dass er für uns das Gegenteil aller erkennbaren Ordnung repräsentiert. Und deswegen müssen wir das Weltbild Monods, das heute auch das der meisten Wissenschaftler ist, entschieden zurückweisen und es durch ein anderes ersetzen. Wirklichkeit ist eine Architektur aus erkennbarer Ordnung und unerkennbarem Geheimnis.

Neu ist diese Erkenntnis nur für die Machtwissenschaft und die Machtreligion. Kritische Religion, zu deren größten Vertretern der Mystiker Meister Eckart gehört, hat immer darum gewusst. Kritische Wissenschaftler wie Kurt Gödel oder der vermeintliche Positivist Karl Popper, der Biologe Rupert Riedl (und viele andere mehr) haben das ebenso erkannt. Aber aus Furcht, die eigenen Grenzen zugeben zu müssen, beharren Machtreligion wie Machtwissenschaft auf der totalen Erklärung, die eine, indem sie der Welt künstlich eine optimistischen Heilsplan unterstellt, die andere, indem sie die Welt zu einem Nichts entwertet.

In unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik

die Wirklichkeit tiefer und umfassender umgestalten als das jemals die Religion vermochte, stehen wir nicht nur vor einer geistigen sondern einer nicht minder großen materiellen Bedrohung. Die größte Errungenschaft unserer Zeit: wissenschaftliche Wahrheitssuche, droht in praktizierte Sinnlosigkeit umzuschlagen, weil unser immenses Wissen und Können uns dazu verführt, den grünen Planeten, auf dem uns die Evolution bis heute ein einzigartiges, wunderbares Zuhause bot, nach und nach unbewohnbar zu machen. Welch ein eklatanter Widerspruch! Homo sapiens, der am höchsten entwickelte Primat, bringt es zwar fertig, jene Fahrzeuge zu erfinden, die ihn zu einem anderen Planeten im Sonnensystem tragen können. Es ist längst nicht mehr unrealistisch, dass er auf den öden Steinwüsten des Mars mit Luft gefüllte Containergefängnisse errichtet, wo er dann ein trauriges und abgeschiedenes Leben wie in einer Sibirischen Strafkolonie führt. Aber er bringt es nicht fertig, seinen eigenen Wohnraum, diese Erde, für eine nachhaltige Existenz zu sichern. Wissenschaft hätte uns die Möglichkeit bieten können, das Leben hier auf der Erde zum Paradies zu machen; wir sind aber im Begriff, die Erde mit ihrer Hilfe in eine unbewohnbare Hölle zu verwandeln.

Nobelpreisträger vom Rang eines Jacques Monod

haben mit der falschen, unwissenschaftlichen Philosophie des Nichts-Als diese Entwicklung geistig vorbereitet. Warum sollte man sich einer sinnlosen Welt, einem sinnlosen Leben gegenüber irgendwelche Hemmungen auferlegen? Diese Einstellung lässt die Zerstörung der Welt ebenso zu wie ihre Erhaltung – beides ist gleich weit von allem Sinn entfernt. Das ist, wie ich es nennen möchte, „falsche Aufklärung“. Wir dürfen uns daher nicht darüber wundern, dass sie eine säkulare Gegenreaktion provoziert. Die Renaissance fundamentalistischer Religionen ebenso wie das erschreckende Wuchern von artifiziellem esoterischen Sinngebräu soll die Leere ausfüllen, welche die Lüge des Nichts-Als in den Köpfen erzeugte. Wie so oft der Fall treibt der Fanatismus der einen den der anderen hervor, denn auch Monod lässt ja keinen Widerspruch zu: „Der reine Zufall, absolut frei, aber blind, an der Wurzel des gewaltigen Bauwerks der Evolution: dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr eine unter anderen möglichen oder gar denkbaren Hypothesen. Sie ist heute die einzig denkbare Hypothese, die einzige, die mit beobachteten und getesteten Fakten in Einklang steht“ (meine Hervorhebung).

Der Dogmatismus der „Machtwissenschaft“

wird auch noch auf andere Art widerlegt. Es hätte genügt, dem Geheimnis des Zufalls einmal nicht im Großen und Ganzen von Kosmos und biologischer Evolution nachzuspüren, wo wir es nie enträtseln werden, sondern in uns selbst. Denn Evolution ereignet sich ja im Hier und Jetzt und in jedem Lebewesen. In dem Augenblick, wo wir ihn uns selbst aufsuchen, erleben wir ihn unmittelbar als sinnvoll, z.B. in der Musik. Ihre elementare Wirkung auf unsere Psyche beruht auf der Resonanz, dem Wiedererkennen. Wir lieben die Schönheit einer musikalischen Architektur, z.B. einer Sonate von Mozart oder Bach, weil sie nicht nur als äußere Tonfolge auf uns einströmt, sondern die Elemente dieser Ordnung bereits in uns vorhanden sind, so dass es zu einer Wiederbegegnung kommt. Der musikalische Genuss kommt ja gleichermaßen von außen wie von innen, ohne Resonanz, d.h. unser aktives Miterleben, würde Musik nichts in uns bewirken.

Aber Musik ist weit mehr als nur bestimmte Ordnung oder Architektur, die wir als Teil unserer Kultur verinnerlicht haben; sie ist zugleich Ausbruch aus dieser Ordnung, unberechenbares Spiel mit den architektonischen Grundelementen. Eine Musik wird schlecht, langweilig oder kitschig, wenn sie uns berechenbar erscheint, weil sie tonal oder rhythmisch nichts Neues zu bieten hat, wir also in jedem Moment ihren weiteren Verlauf schon vorausahnen können. Die große Musik überrascht uns gerade dadurch, dass wir mit größter Intensität wieder-erkennen, und sie uns doch als völlig unberechenbar erscheint, weil wir die auf uns einströmenden Einfälle, Variationen, plötzlichen Entdeckungen eben nicht voraussehen, geschweige denn vorausberechnen können. Dadurch erhält der Zufall, dort wo wir ihn selbst erleben, eine Qualität, die weit hinausreicht über alles bloß Zufällige. Wir erleben ihn als den höchsten Sinn überhaupt, weil er sich als Quelle des Glücks erweist. Er ist Kreation, aber nicht von Sinnlosigkeit sondern von Fülle. Das aber gilt nicht nur für die Musik sondern für alle kulturellen Kreationen, die ja unseren eigenen, den menschlichen Beitrag zur Evolution darstellen. Auch in diesem Fall bleibt das dadurch erfahrene Glück ein Geheimnis, das wir auf keine Formel bringen können, aber seine Wirkung ist deswegen nicht weniger real. Real genug jedenfalls, um das trostlose Weltbild Monods, das dem heute vorherrschenden weitgehend entspricht, entscheidend zu modifizieren.

*1* Dass der Zufall in wahrscheinlichkeitstheoretischer Sicht von null bis eins reichen kann, also von totaler Unvorhersehbarkeit bis zum sicheren Eintreten eines Ereignisses, besagt nur, dass der Übergang von erkennbarer Ordnung zu unerkennbarem Chaos ein gleitender ist.

*2* Vgl. mein Buch „Schöpferische Vernunft“.

*3*  So wie wir einer potentiellen Unendlichkeit gegenüberstehen, wenn wir die Gesamtheit der Fakten erfassen wollen, an welche ein Lebewesen sich anpassen muss, so haben wir es auch mit einer potentiellen Unendlichkeit von möglichen Reaktionen auf diese Gegebenheiten zu tun. Wir haben Magnetfelder, infrarotes und ultraviolettes Licht, Ultraschall etc. als mögliche sensorische Fähigkeiten bei bestimmten Lebewesen erkannt, womit diese sich Überlebensvorteile verschaffen, aber wir wissen nicht, wie viele andere Phänomen es gibt, welche die Lebewesen zu diesem Zweck noch verwenden könnten. Schon aus diesem Grund fehlt Darwins Lehre die prognostische Fähigkeit.

.

Von Herrn Hans Oberländer aus Jena erhalte ich per Mail folgende Rückmeldung:

Sehr geehrter, lieber Herr Jenner,

Ihr letzter Essay beeindruckte mich ungemein. Weil Sie nach meinem Empfinden Evolution in ein bisher so nicht erfahrenes philosophische Licht rückten und so meine Weltanschauung bestärkten – ich zähle mich zu einem „modifizierten intelligent Designer“. Gemeint ist, dass das Göttliche sein großartiges Naturgesetz Evolution nicht einfach „kalt ablaufen“ lässt, sondern Einfluss nimmt. In der Nähe von Bifurcationen verwirklichen sich dann extrem unwahrscheinliche Potentialitäten. Ein beobachtetes Beispiel nannte ich Ihnen wohl bereits: Dass ich Ihnen hier schreiben kann und nicht wie alle anderen Menschen atomar während 40 Jahre Kalter Krieg vernichtet wurde, ist mit kleiner ein tausendel extrem unwahrscheinlich und für mich indirekter Beweis der Existenz des Göttlichen, Urgrund und Schöpfer allen Seins. Mystik in ihren drei Hauptstufen Eingebung, Allbewusstsein, Auftrag ist hierbei bedeutungsvoll, siehe Kurztext „Über Mystik“.

Ich wurde durch Ihr Essay zum Nachdenken angeregt und habe meine Überlegungen Ihrem Text als Fußnoten angefügt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie sollten als respektvolles Weiterdenken verstanden werden. Für mich besteht Geistige Evolution maßgeblich darin, dass jemand eine Idee, ein Konzept entwickelt, welches nicht vollkommen ist, ja (als Erstimpuls) kaum sein kann. Stößt es auf kritische, ja ablehnende Resonanz, führt es zum Effekt des Weiter- oder Konträrdenkens anderer, zu dem es ohne den Erstimpuls nicht gekommen wäre. 

Herzlich grüßt aus Jena Ihr Oberländer

Meine Replik:

Lieber Herr Oberländer,

Göttliches, für den Menschen begreifliches Design (gleichgültig ob modifiziert oder nicht) ist jene vorherrschende Deutung des Weltgeschehens, welche wohl 95% aller Menschen für die einzig richtige hielten, weil es ein verständliches Wunschbild ist. Albert Schweitzer und meine Wenigkeit sind da anderer Meinung. Gewiss, „Geheimnis“ ist weniger befriedigend als Design, aber viel befriedigender als „sinnloser Zufall“ – vor allem aber ist diese Alternative rational begründbar. Sie steht mit allem in Einklang, was wir wissen und wissen können!

.

Von Herrn Bernd Winkelmann aus Adelsborn bekomme ich – per Mail – folgende Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Dr. Jenner.

Ihr Aufsatz „Charles Darwin, der Zufall und der liebe Gott – eine philosophische Exkursion“ ist für mich mal wieder Anlass, mich für die Zusendungen Ihrer Schriften zu bedanken. Diese Letzte kam gerade zur rechten Zeit, da ich mich z.Zt. mit diesen Fragen einmal mehr befasse; so in dem Versuch einer kleinen Studie „Gott ist im Werden – Skizzen einer posttheistischen Evolutionstheologie.“

Ich kann Ihren Ausführungen generell zustimmen. Sie sind für mich eine sehr hilfreiche Anregung. 

Hier nur einige eigene Gedanken und Fragen dazu:

  • Wenn „Zufall“ nur das Noch-Nichtwissen von Ursachen-Folge-Ketten ist, dann ist die Welt voll determiniert und es gibt keinen wirklichen Zufall (und auch keinen freien Willen). Auch der Dachziegel, der vom Dach fällt und einen Mann trifft oder nicht trifft, wäre in einer unendlich langen Ursachen-Folge-Kette von Ziegel und Mann bestimmt.
  • Sehr gefällt mir ihre Grunddimension „Ordnung und Geheimnis“. „Geheimnis“, wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Offene, nicht rational Fassbare, aber eben nicht einfach Zufall oder Willkür. „Geheimnis“ meint mehr als „unbekannt“. Im Geheimnis schwingt immer ein „Mysterium“ mit, eine rational nicht fassbare Wahrheit und Kraft, die das Wesentliche ist und mich unmittelbar anspricht. Von Einstein ist ja das Zitat bekannt: „Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm allein kommt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, und wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.“
  • Meines Erachtens kommt das dem nahe, was in der Relativitätstheorie, Quantenphysik und Unschärferelation als das Unbestimmbare umschrieben wird, ein „Potentialität“ als Hintergrund der subatomaren Wirklichkeit, die offen ist, „Geheimnis“ ist, eben rational nicht fassbar ist – oder fassbar nur in einer Wissenschaft, die das „Mystische“ einbezieht?
  • Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen von Wirklichkeitserfahrungen: einmal die rationale, verobjektivierende, wie sie in den Naturwissenschaften wie im praktischen Leben üblich und nötig ist; zum anderen die subjektive, intuitive, spirituelle Ebene, wie sie in Wahrheits- und Sinnfragen, im Zwischenmenschlichen, in der Liebe, in Kunst und Spiritualität als „Geheimnis“ erfahren wird. Sie haben zum Schluss Ihres Textes mit dem Hinweis auf die Musik dafür ein schönes Beispiel gegeben. Ich nenne diese Ebene auch Transzendenzerfahrungen. Ich meine, dass wir gleichsam „in einem Meer von Transzendenz schwimmen.“ 
  • Für mich ist es immer wieder unbegreiflich, wie die naturalistischen „Machwissenschaftler“ zwar begeistert von den „Wundern“ und den außerordentlichen „Einfällen der Evolution“ sprechen, zugleich aber behaupten, dass es darin keinen Sinn gibt und nur alles Zufall wäre (z.B. Schmidt-Salomon in „Hoffnung Mensch“). Wie kann es und wozu kann es sinnvolle Einfälle der Evolution, den Kosmos, das Leben  geben, wenn es dahinter keinen Sinn gibt? 
  • Für mich ist die Frage nach einem „Sinn“ im Sein, nach dem Woher und Warum der Evolution, des Kosmos, des Lebens, nach einer sinngebenden Tendenz in allem Sein zwingend. Ich sehe die Evolution und alles Sein als immer größere Entfaltung in wachsender Vielfalt, auch Schönheit und Synergie. Liegt nicht in dieser Entfaltung der Sinn des Seins, der Evolution, des Lebens? Und liegt hierin nicht auch die Aufgabe unseres Lebens? Diese Wahrheit ist rational nicht beweisbar, sie bleibt Geheimnis. Sie kann nur existentiell erfahren werden.
  • Ich meine, dass wir nur von hierher der Trostlosigkeit eines nur zufälligen Kosmos und sinnlosen Seins widerstehen können. Hier liegt wohl auch der wahre Kern aller Religion, so oft sie auch in allen „Machtreligionen“ pervertiert wurde. Und von hierher kann „Gott“ neu gedacht werden, jenseits der alten theistischen Gottesbilder. Heute wäre es Aufgabe der Religion, sich von den alten Weltbildvorstellungen zu lösen und sich auf der hier angedeuteten Ebene neu zu artikulieren.

Seien Sie mit guten Wünschen herzlich gegrüßt von 
Bernd Winkelmann. 

Von Herrn Dr. Hans-Werner Franz aus Dortmund erhalte ich per Mail folgende Nachricht:

Guten Tag, Herr Jenner,

ich ziehe es vor, bei Zufall und Notwendigkeit zu bleiben. Zwar mag die apodiktische Form, in der  Monod sie begründet, umstritten sein, festzustehen scheint mir jedoch, dass Ordnung und Geheimnis nichts erklären. Ordnung entsteht durch Notwendigkeit und Zufall. Geheimnisse sind Geheimnisse sind Geheimnisse, schaffen aber keine Fakten, Zufälle schon.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Werner Franz

Meine Replik:

Sehr geehrter Herr Franz

Völlig richtig haben Sie gesehen, dass der Zufall nichts erklärt. Er stellt im Gegenteil die Grenze für alles Erklären dar. Dies aufzuzeigen ist ja auch der Sinn meines Artikels, der deshalb eine besondere Brisanz im Hinblick auf die vermeintliche „Erklärung“ der Evolution nach Darwin erhält. Anders als Sie annehmen beruht Erklärung allerdings auf dem Nachweis von Ordnung (Gesetzen). Rückblickend auf das Vergangene deckt sie dessen Ordnungen auf. Alfred North Whitehead hat wissenschaftliches Erklären auf die denkbar kürzeste Formel gebracht: „Search for measurable elements among your phenomena, and then search for relationships among these measures of physical quantities“. GJ.

  

Religio – mehr als ein schönes Märchen

(auch erschienen in: Tichys Einblick)

Kein Handbuch der Physik, der Chemie, der Neurobiologie sagt etwas darüber aus, was wir zu tun oder zu lassen haben. Auch in den Wissenschaften, die sich mit Mensch und Gesellschaft befassen, werden Werte bestenfalls als objektive Gegebenheiten beschrieben, so wie sie etwa zu verschiedenen historischen Zeiten in Geltung waren, aber sie werden nicht aufgestellt, vorgeschrieben, verpönt oder als zehn Gebote gesetzt. In den Wissenschaften ist dies prinzipiell unmöglich: Aus dem Sein der Welt können wir nicht auf ihr Sollen schließen. Religio – mehr als ein schönes Märchen weiterlesen