Warum ich leider nicht modern bin – Plädoyer für ein machofrei deutsch Neusprech

Um eines gleich zu Anfang klar zu stellen, ich halte es für eine der wenigen wirklich großartigen Errungenschaft unserer Zeit, dass die Frauen dem Manne gleichgestellt werden sollen (sie sind es ja noch nicht). Jeder, der daran etwas ändern will oder sich diesem Fortschritt verweigert, sollte nicht nur als Macho sondern schlicht als ein Dummkopf gelten, denn er hat nicht einmal begriffen, dass die Frauen den Männern heute schon an den Universitäten den Rang ablaufen. Niemand wird mich daher mit jenen Betonköpfen aus dem Lager rechtsaußen verwechseln, die ihre Patriarchenrolle nur zu gern auch heute noch weiterspielen.

Aber muss man die Sprache dafür büßen lassen,

dass der Mann seine Stellung so lang missbrauchte? Nein, in dieser Hinsicht will ich nicht modern sein. Ich werde auch weiterhin von Nutzern, Menschen und Mitgliedern reden. Ich werde mich also weigern, Worte wie Nutzer*Innen zu verwenden, weil ich dann auch Mensch*Innen oder gar Mitglied*Innen sagen müsste. Aus dem gleichen Grund halte es auch für unnötig, die Sprache mit Klammern zu verunzieren wie etwa ein(e) gute(r) Kolleg(e/in). Ich nehme in Kauf, damit militante Feministinnen beiderlei Geschlechts vor den Kopf zu stoßen, denen eine solche Weigerung meinerseits völlig genügt, um auf den Macho in mir zu schließen und vielleicht sogar noch den Kryptosexisten in mir zu entdecken. Den Feldzug gegen die Sprache der Patriarchen sehen diese Eiferer(innen) ja als ihre Lebensaufgabe an und alle, die sich dem „Gendering“ widersetzen, als ihre persönlichen Feinde.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen,

dass wir uns auf diesem Gebiet so lächerlich machen, wie schon Mark Twain feststellte, als er sich darüber lustig machte, dass es im Deutschen wahlweise DER Kopf, DIE Birne oder DAS Haupt heißen kann? Wie kann ein und dasselbe Objekt, in diesem Fall der menschliche Schädel, so fragte sich Twain, im Deutschen sowohl eine Affinität zum Weiblichen wie zum Männlichen oder zu einer Sache aufweisen? Offenbar geht diese Unterscheidung auf radikale Antifeministinnen in der Urzeit der indogermanischen Sprachen zurück. Mit gleichem Eifer, wie man heute alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufheben will, haben unsere fernen Ahnen damals eine Entdeckung gefeiert, die ihnen vermutlich als epochal erschien. Sie glaubten, als durchgängiges Wirklichkeitsprinzip die Differenz der Geschlechter entdeckt zu haben. DIE Stute, DER Hengst, DAS Fohlen setzten sie zu den Unterschieden in Beziehung, die sie an sich selbst entdeckten: DIE Frau, DER Mann, DAS Kind. Aber nicht genug damit. In ihrer Besessenheit von dieser Entdeckung dehnten sie diese Dreiteilung nicht nur auf alle belebten Dinge aus sondern selbst noch auf die unbelebten.  Vermutlich gab es bei ihnen schließlich einige Sexisten, die nun das weibliche Wort DIE Mähne oder DIE Gurke nicht auszusprechen vermochten, ohne dass eine Vulva in ihrem Unterbewussten aufblitzte oder ein Penis, wenn sie männliche Wörter wie DER Baum, DER Salat oder DER Strauch vor Augen hatten.

Ich selbst war schon frühzeitig nicht sonderlich modern

Ich kann mich erinnern, dass schon in den sechziger Jahren, als ich noch studierte, fragebogenbewehrte Mitstudenten auf Gesinnungsschnüffelei ausgingen. Mich wollte einer von ihnen damals überzeugen, dass es absolut keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen gebe. Er hatte ja recht – die noch bestehenden Unterschiede waren schon damals in stetem Rückgang begriffen. Inzwischen sorgt hormongesättigte Fleischnahrung dafür, dass Männern die Brüste wachsen, während sie bei Frauen ihre frühere Üppigkeit sichtbar verlieren. Die Unterschiede sind also ganz objektiv im Schwinden. Was die untere Etage betrifft, so können wir auch in diesem Punkte beruhigt sein. Die hartnäckig noch fortbestehenden sogenannten primären Geschlechtsmerkmale lassen sich inzwischen operativ ziemlich mühelos korrigieren.

Aber es stimmt:

Die deutsche Sprache ist immer noch eine Bastion der Rückständigkeit, da sie so viele Überbleibsel des petrifizierten Machismos birgt. Wenn es schon schwer zu ertragen ist, dass es DER Mensch und nicht DIE Mensch(in) heißt, warum dann nicht auch DEN Nagel aus seiner Zwangsjacke erlösen, indem man ihn forsch zu einer Nagel(in) macht? Die Wirklichkeit ist ja leider schwer zu verändern – immer noch verdienen Frauen merklich weniger als die Männer -, aber die Sprache leistet keinen Widerstand, da können die Eiferer ihre Macht austoben. Sie tun es mit der üblichen deutschen Gründlichkeit und mit gezücktem Skalpell. Da wird es nun in der Tat auch so richtig grauslich. Waren es zuerst nur sternäugige Idealist(in)en, die aus dem Menschen eine Mensch(in) machten, traten nun auch die Professor(inn)en auf den Plan und brachten System in die Sache. Und schließlich kam dann der Staat, denn die deutsche (österreichische) Bürokratie ist ja niemals faul, wenn es darum geht, zu regulieren und zu verbieten. Vor dem von oben verordneten Gendering haben Denk- und Sprachfreiheit keine Chance.

Ich bin in diesem Punkt leider gar nicht modern,

denn ich behaupte, dass diese Hässlichkeitschirurgen, die da so eigenmächtig mit ihrem operativen Besteck am lebendigen Leib der Sprache schnippeln, in Wirklichkeit unwissende Irre(innen) sind. Denn sie wissen schlicht nicht, was sie da tun. Mag Benjamin Lee Whorf ruhig das Gegenteil behaupten (denn Beweise hat er ja nie geliefert), es ist einfach nicht wahr, dass sprachliche Formen einen nachweisbaren Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Das indische Sanskrit und die meisten Folgesprachen des Subkontinents gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, welche genau wie das Deutsche die übliche Dreiteilung in Männlich, Weiblich, Sächlich praktizieren. Das Chinesische hingegen gehört zu den Sino-Tibetischen Sprachen und ist ganz frei von aller geschlechtsbezogenen Klassifizierung. Dennoch lässt sich im Hinblick auf die patriarchalische Herrschaft des Mannes kaum ein Unterschied in der Vergangenheit beider Kulturen erkennen. Frauen der oberen Schicht waren hier wie dort genötigt, dem Mann durch Selbstmord ins Grab zu folgen. In China wurden sie überdies noch leiblich an den Füßen verstümmelt, damit sie – stark behindert in ihrer Bewegung – dem Mann als puppenhafte Prestigeobjekte dienten. Der radikale Unterschied zwischen den beiden Sprachen hat also nachweislich nicht die geringste Auswirkung auf das Verhalten geübt. Ein deutlicherer historischer Beweis gegen den Unfug der modischen Sprachmalträtierung lässt sich kaum führen.

Nein, diese Art von Modernität

ist mir zuwider, denn es kommt auf das Verhalten an und nicht auf sprachliche Formen, bei denen sich niemand mehr etwas denkt. Oder wird jemand ernsthaft behaupten, dass DIE Gurke uns an Brüste denken lässt und DER Tisch an einen Knaben? Und wenn die blindwütigen Eiferer schon nichts von der Vergangenheit Chinas oder Indiens wissen wollen, warum werfen sie ihren Blick dann nicht in die Gegenwart? Genau wie das Chinesische hat das Englische schon vor Jahrhunderten das indogermanische Erbe der Dreiteilung getilgt. DER Bleistift und DIE Füllfeder sind bei uns männlich bzw. weiblich, während pencil und fontain pen im Englischen völlig geschlechtslos sind. Hat diese radikale Abwendung vom indogermanischen Paradigma einen Einfluss auf das Verhalten der Menschen in der englischen Sprachgemeinschaft gehabt? Das wird man bezweifeln dürfen, denn man muss sich doch fragen, warum  gerade in den USA mit ihrer offiziellen Prüderie und einer inoffiziell blühenden Pornokultur Heuchelei in sexuellen Dingen so tief verwurzelt ist? „Bloody“ und vor allem „fucking“ gehören dort zu den am häufigsten verwendeten Alltagswörtern, aber aus der Struktur des Englischen kann man diese Neigung eben gerade nicht herleiten. Zu denken sollte auch geben, dass sexuelle Übergriffe, wie sie die MeToo-Bewegung anprangert, gerade im englischen Sprachraum – weit mehr als im deutschen – bis vor kurzem zu den Vorrechten des Mannes gehörten. Wiederum sucht man vergebens nach einer Verbindung zur Struktur der Sprache.

Die Sprachverhunzer(innen) richten aber noch zusätzlichen Schaden an,

weil sie das, was sie vermeiden wollen, im Gegenteil zusätzlich verstärken. Der „generische Plular“ sorgte im Deutschen bisher dafür, dass jeder unter „Schülern“ selbsterständlich sowohl männliche wie weibliche (Exemplare) verstand. Nachdem die Spracheiferer aber damit begonnen haben, auf dem doppelten Ausdruck „Schüler und Schülerinnen“ oder „Schüler(innen) zu bestehen,  wird dieses Verständnis zunehmend in den Hintergrund gedrängt, sodass man unter Schülern tatsächlich nur noch die männlichen (Exemplare) versteht. Es ist schon abzusehen, dass wir in sämtlichen philosophischen Texten, wo bisher von „dem Menschen“ die Rede war, in Zukunft die Doppelbezeichnung „der Mensch und die Menschin“ bzw. (der/ die) Mensch(in) verwenden müssen. Dieses Unglück verdanken wir den emsigen Sprachverhunzer(innen).

Da wir aber gerade beim Englischen waren

Dieser Sprache ist es gelungen, die leidige Klassifizierung nach de(m/r) Geschlecht(in) schon vor Jahrhunderten in aller Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die man/frau hierzulande so anfällig ist. Ganz ohne das Zutun von Feminist(in)en hatte die englische Sprache die drei geschlechtsbezogenen Artikel(innen) – die Entsprechungen zu DER, DIE, DAS/ EINER, EINE, EINES – zu einem einzigen geschlechtslosen zusammengefasst: THE/ A, wodurch es sich nicht nur alle weitere Mühe sondern auch noch sprachwütige Feminist(inn)en beiderlei Geschlechts ersparte.

In ein machofrei deutsch Neusprech übersetzt, würde der voraufgehende letzte Absatz etwa folgendermaßen lauten:

Also, da wir gerade bei Englisch sind. De Sprache ist gelungen, de leidig Klassifizierung nach de Geschlecht schon vor Jahrhunderten in all Stille zu entsorgen, ohne dass Pedanterie dabei jene Sumpfblüten sprießen ließ, für die se hierzulande so anfällig sind. Ganz ohne de Zutun von Feministe hatte de englisch Sprache die drei geschlechtsbezogen Artikel zu ein einzig geschlechtslos zusammengefasst – und ersparte sich damit all weiter Mühe und noch dazu de sprachwütig Feministe.

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PS: Leider muss man auch immer damit rechnen, missverstanden zu werden. Ich halte es nicht nur für richtig, sondern im Sinne der Gerechtigkeit auch für unbedingt geboten, dass der Text der österreichischen Nationalhymne geändert wurde. Dort hieß es: „Heimat bist du großer Söhne,Volk, begnadet für das Schöne.“ Das deutsche Wort „Söhne“ ist kein generischer Plural, der auch die Töchter umfasst, sondern es sind hier ausschließliche männliche Wesen gemeint – und darin liegt eine unverzeihliche Missachtung der Frau. Hier geht es also um die Sache und nicht um den sprachlichen Ausdruck.

Leider ist es inzwischen so weit gekommen, dass zwischen beiden kaum mehr unterschieden wird. Die Rechtsextremen haben das Thema für sich entdeckt und zum Stammtischfutter für dürftige Geister gemacht. Doch so wie ich mich weigere, auf deutsche Sprache und Musik zu verzichten, nur weil Hitler beide für seine Zwecke missbrauchte, werde ich mich nicht davon abhalten lassen, sine ira et studio über Missstände zu reden, die nicht schon deswegen akzeptiert werden müssen, weil Finsterlinge darüber ihre finstere Meinung haben. Prompt habe ich denn auch ein Lob von der falschen Seite bekommen, das mich, obwohl mit dem Segen Gottes verknüpft, keineswegs froher stimmt:

Sehr geehrter Herr Jenner, danke für Ihr Schreiben! Wie gut, dass Sie der Mode widersprechen die auch viele Leute der Kirche mitmachen. Und ergänzend: Auch im Ungarischen gibt es keine der-die-das. Es bleibt auch ohne dies schwer genug! Gott segne Sie! + Andreas Laun, Weihbischof emertius in Salzburg.

Bischof Laun hatte sich anlässlich der letzten österreichischen Präsidentenwahl für Norbert Hofer von der FPÖ ausgesprochen und den mit Recht von allen hochverehrten Alexander van der Bellen als „links-extremen Kandidaten“ geschmäht. Sollten wir auf selbständiges Denken über gewisse Themen besser verzichten, weil diese von der falschen Seite besetzt worden sind? Muss ich, weil ich für Alexander van der Bellen und mit aller Entschiedenheit gegen Leute wie Norbert Hofer bin, für die Verhunzung der Sprache sein? Ich glaube, wir sollten uns unser Denken von keiner Seite diktieren lassen – weder von rechts noch von links oder irgendwelchen anderen Ideologen. Ich werde mir jedenfalls auch künftig erlauben, Freunden heftig zu widersprechen, wenn ich ihre Meinungen für irrig halte, und umgekehrt meinen Feinden klatschend Beifall zu bezeugen, wenn sie hin und wieder auch einmal das Richtige sagen. In Menschlich-Allzumenschliches hatte sich Nietzsche einst an „freie Geister“ gerichtet. Wir sollten das Privileg, freie Geister zu sein, ebenso für uns selbst in Anspruch nehmen.

Leben wir noch in einer Demokratie?

Wir bemessen diese Staatsform vor allem an dem Ausmaß an Freiheit, das eine Regierung ihren Bürgern gewährt. Aus dieser Sicht ergibt sich ein ebenso helles wie düsteres Bild. Niemand hindert mich daran, auch die abwegigsten Meinungen zu vertreten, sogar zum Sturz der Regierung darf ich öffentlich aufrufen, sofern das ohne Beleidigung konkreter Personen und ohne Aufkündigung der demokratischen Verfassung geschieht. Das ist keinesfalls selbstverständlich. In Putins Russland sehen wir Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwinden, in China werden sie unter geklärten Umständen aus dem Wege geräumt. Überdies herrscht in Staaten wie Deutschland und Österreich nicht nur die Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, ebenso wenig ist mir verboten, mein Leben weitgehend nach eigenem Belieben zu gestalten. Ich kann als Single oder in einer homosexuellen Beziehung leben, als akzeptierter Aussteiger irgendwo in der Provinz oder mit langen Haaren oder Ganzkörpertätowierung auf mich aufmerksam machen. In der führenden Demokratie des Westens, in den USA, darf ich sogar Bücher veröffentlichen, in denen ich in allen Einzelheiten beschreibe, wie man am besten die Safes in den Villen der Reichen knackt. Ebenso darf ich die Werkzeuge verkaufen, die dazu am besten geeignet sind. Untersagt ist mir nur die Verwirklichung solcher Rezepte oder die praktische Anwendung der dazu dienlichen Instrumente.

Diese Unterscheidung gilt in den USA allgemein. Kein Gesetz verbietet mir, mich offen zu Hitler, Stalin oder Pol Pot zu bekennen, solange ich keine konkreten Schritte unternehme, um deren Vorstellungen in die Praxis zu übersetzen. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte lehrt, dass es individuelle Freiheit, wie sie in den USA oder generell in zeitgenössischen Demokratien als selbstverständlich erscheint, niemals in gleichem Umfang gegeben hat.

Wir haben daher guten Grund,

dafür dankbar zu, dass wir nicht in Putins Russland oder im China Xi Jinpings zuhause sind, denn da müssten viele, die mit ihren eigenen Meinungen nicht hinter dem Berg halten wollen, ihr Leben in einer Gefängniszelle verbringen – sofern ihnen nicht sogar Schlimmeres droht. Das sind Tatsachen, über die sich kaum streiten lässt. Und dennoch wird man wohl sagen müssen, dass eine solche Dankbarkeit wenig verbreitet ist und bei vielen sogar auf hämisches Lächeln stößt. Eine solche Reaktion scheint erstaunlich, aber ist nicht schwer zu verstehen – wie uns ein weiterer Blick auf Russland zeigt, nämlich der internationale Erfolg von RT oder Russia Today. Es fällt nämlich auf, wie viele ausgewiesene westliche Intellektuelle dort regelmäßig einen Auftritt haben – und zwar nicht nur solche, welche der Politik des neuen russischen Zaren mit Sympathie gegenüberstehen. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ein größeres Publikum mit ihren Gedanken vertraut zu machen, denn die Medien ihres eigenen Landes verweigern ihnen diese Plattform.

Ja, es trifft immer noch zu, dass in westlichen Demokratien

alles gesagt werden darf. Niemand stopft bei uns seriösen Denkern das Maul, sogar lästige Oppositionelle, freischwebende Spinner, radikale Weltverbesserer oder unverbesserliche Reaktionäre dürfen sich ungehindert zu Worte melden – die Frage ist nur, ob das Gesagte überhaupt noch gehört werden kann.

Genau das ist in immer geringerem Maße der Fall. Die Konzentration der Medien in wenigen Händen hat in den Staaten des Westens – allen voran in den USA – einen so hohen Grad erreicht, dass Meinungen von einer Handvoll Pressemogulen gesiebt und gesteuert werden und nur die von ihnen als politisch korrekt bewerteten überhaupt eine Chance haben, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das verbleibende Forum für Meinungen ist das Internet, wo sich bis heute eine nahezu vollkommene individuelle Freiheit ausleben darf, das aber geschieht um den Preis, dass die meisten von ihnen ungehört und unbeachtet im Nichts verhallen. Die nahezu absolute Freiheit auf sozialen Plattformen wie Facebook etc. verträgt sich zwanglos mit einer undemokratischen Steuerung der medienwirksamen Meinung. Endstation dieser Entwicklung könnte sehr wohl eine De-facto-Meinungsdiktatur sein.

Die Tatsache, dass hochrangige US-amerikanische Intellektuelle wie Noam Chomsky in ihrem eigenen Land keine Plattform finden und in RT auftreten, wenn sie gehört werden wollen, deutet darauf hin, dass der Weg in diese Richtung bereits geebnet ist.

Die westlichen Gesellschaften leiden an einem Paradox

Einerseits geht es den dort lebenden Menschen so gut wie niemals zuvor. In keinem System werden sie materiell so verwöhnt wie in der modernen Wohlfahrtsgesellschaft. In früheren Gesellschaften sind Menschen regelmäßig verhungert – wie wir wissen, ist das in manchen anderen Teilen der Welt auch heute noch der Fall. Dagegen tritt ein vorzeitiger Tod bei uns am ehesten aufgrund von Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten ein.

Andererseits erleben wir einen Prozess der schleichenden Entmachtung des demokratischen Souveräns. Dass die eigene Stimme immer weniger zählt, ist vielen deutlich bewusst; der Trend zur Wahlenthaltung legt davon ein unübersehbares Zeugnis ab. Im Hinblick auf die eigene Wahlentscheidung haben die Menschen das gleiche Gefühl wie im Hinblick auf die eigene Meinung: Beide können zwar ungehindert geäußert werden, aber letztlich kommt es kaum darauf an. An den Verhältnissen vermag die eine ebenso wenig wie die andere zu ändern.

Ist diese Resignation berechtigt

oder deutet sie nur auf eine Übersättigung mit Wohltaten hin, die man als selbstverständlich hinnimmt? Es liegt doch immer noch an der Entscheidung des Wählers, ob Frau Merkel oder die AfD, Bernie Sanders oder Donald Trump an die Macht gelangen! Und der Wähler hat es nach wie vor in der Hand, seine Stimme eher für Parteien abzugeben, die ein soziales Regime wie in Schweden oder ein dezidiert neoliberales wie in Großbritannien verwirklichen wollen. Solche Alternativen sind doch bedeutungsvoll! Der demokratische Souverän hat es weiterhin in der Hand, sich mit seiner Stimme für größeren sozialen Frieden im Inneren und größere Achtung von außen einzusetzen.

Und dennoch ist die Ahnung, dass auch die Staaten des Westens ihren Bürgern immer weniger Mitentscheidung über das eigene Schicksal gewähren, mehr als nur Illusion. Wären die Menschen in den demokratischen Staaten des Westens wirklich die Schmiede ihres eigenen Glücks, dann müsste das Barometer der Zufriedenheit in Schweden oder Großbritannien einen höheren Wert als im autokratischen China aufweisen (vor der Corona-Epidemie). Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit der Chinesen blickt der Zukunft mit Optimismus entgegen, die Menschen in westlichen Staaten – gleichgültig ob unter linken oder rechten Regierungen – mit Sorge und Angst.

Aber lassen wir die Psychologie beiseite,

da sie großen Schwankungen unterliegt, und wenden wir uns stattdessen jenen objektiven Bedingungen zu, welche die demokratische Freiheit in zunehmendem Maße begrenzen. Gleichgültig ob demokratisch regiert oder nicht, sämtliche Staaten sehen sich heute dem Zwang ausgesetzt, ihre eigene Politik beständig an der des erfolgreichsten Wettbewerbers zu bemessen und auszurichten. Nicht nur die neuesten Erfindungen der Technik, sondern auch die der effizientesten Organisation von Arbeit oder der wirksamsten Art, die Produktionsstätten internationaler Konzerne ins eigene Land zu locken, verbreiten sich wie ein Lauffeuer über den Globus. Große Unternehmen haben der Konkurrenz schon immer die wirksamsten Strategien abgeschaut, um nur ja nicht zurückzufallen. Dieser äußere Zwang ist so stark, dass sie auf die Bedürfnisse der eigenen Belegschaft wenig oder gar keine Rücksicht nehmen. Doch dasselbe machen heute auch Staaten, die sich immer mehr so verhalten, als wären sie nichts anderes als eine Art Megakonzerne. An die Stelle der demokratischen Eigenbestimmung ist auf diese Weise die undemokratische Fremdbestimmung von außen getreten.

Die fortschreitende Einschränkung der demokratischen

Eigenbestimmung ist keine Machenschaft böswilliger Verschwörer gegen die Demokratie – sie ist das Ergebnis realer Zwänge. Wenn es Deutschland und Österreich nicht gelingt, durch einen Vorsprung an Innovation auf den globalen Märkten präsent zu sein, wird es seinen gegenwärtigen Lebensstandard nicht halten können. Beide Staaten müssen also, um auch weiterhin an der Spitze zu bleiben, ihre Bevölkerung demselben Leistungsdruck und schließlich auch denselben Arbeitsbedingungen unterwerfen wie die erfolgreichsten ihrer Mitbewerber. Sie müssen sogar dieselbe Konzentration von Banken und Konzernen zulassen, sobald Größe im globalen Wettbewerb zu einem Vorteil wird.

Und mehr noch: sie können sich nicht einmal dagegen wehren, ihre eigenen Industrien aufzuopfern, wenn sie dazu von außen gezwungen werden. Die Politik der Auslagerung der industriellen Produktion nach Asien ist nicht etwa deswegen erfolgt, weil der demokratische Souverän, die Regierung oder selbst die deutschen Industriebosse dies so wollten, sondern weil ihnen dieses Vorgehen von ihrem mächtigsten Wettbewerber diktiert worden ist. Nachdem die Vereinigten Staaten diesen Schritt als erste vollzogen und sich dadurch einen gewaltigen Preisvorteil verschafften, blieb den Europäern nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, andernfalls hätten europäische Produkte auf dem Weltmarkt mit amerikanischen nicht länger konkurrieren können.

Warum spielt der Gegensatz von linkem und rechtem Lager

nach Tony Blair in England oder Gerhard Schröder in Deutschland eine immer geringere Rolle? Keineswegs deshalb, weil diese beiden weltanschaulichen Positionen ihre Geltung eingebüßt hätten. Es macht nach wie vor einen großen Unterschied, ob wir ein Maximum an materieller Gleichheit oder ein Maximum an Freiheit verwirklich wollen. Der Bedeutungsverlust beider Positionen liegt vielmehr daran, dass der einzelne Staat sie gegen die von der Globalisierung ausgehenden Zwänge nicht länger oder nur in sehr eingeschränktem Umfang durchzusetzen vermag. Durch Globalisierung, d.h. weltweiten Wettbewerb, wird der Freiraum für den demokratischen Souverän immer stärker beschnitten. Freiheit existiert nur noch dort, wo es weder um die ökonomische und militärische Stellung einer Nation noch – damit aufs Engste verbunden – um den Lebensstandard der Bevölkerung geht. Österreich konnte sich bei der Wahl seines Präsidenten zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer entscheiden – ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis. Im Frankreich von Francois Hollande konnten Millionen von Menschen für oder gegen die Homoehe auf die Straße gehen – der durch den globalen Wettbewerb ausgelöste Zwang von außen spielte nur insofern eine Rolle, als die Entscheidung für diese Form menschlichen Zusammenlebens in den führenden Staaten des Westens als „progressiv“ einge­schätzt wird. Aber auf den französischen Lebensstandard hätte auch eine Entscheidung gegen die Homoehe keinen Einfluss ausgeübt.

Dagegen hängt es in einer globalisierten Welt

nicht länger von der Entscheidung des demokratischen Souveräns einzelner Staaten ab, ob die Wirtschaft ihres Landes weiterhin einen Pfad des Wachstums verfolgt oder nicht, ob sie von internationalen Konzernen und Banken beherrscht wird oder nicht, ob die Forderungen Greta Thunbergs in ihrem Land zur Anwendung gelangen oder nicht.

Nein – diese Feststellung bedarf der Korrektur. Es hängt immer noch vom demokratischen Souverän ab, denn er hätte theoretisch sehr wohl die Möglichkeit, eine Regierung zu wählen, welche alles weitere Wirtschaftswachstum und damit alle weitere Steigerung des Ressourcenverbrauchs verbietet. Eine demokratische Mehrheit könnte dem eigenen Land sogar eine radikal-grüne Wende verordnen, indem sie unseren gegenwärtigen ökologischen Fußabdruck von mehr als zwei Globen durch eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaft auf den nachhaltigen Verbrauch eines einzigen reduziert. Was das heißt, ist den Experten seit langem bekannt: wir müssten uns zu einer Politik des radikalen Verzichts entschließen.

Doch genau diesen Schritt wird kein einzelner Staat vollziehen

Nicht deswegen, weil seine Regierung oder die Bürger zu dumm dazu wären, seine Notwendigkeit zu erkennen. Schließlich ist der Mensch niemals so töricht gewesen, dass er freiwillig den eigenen Garten verwüstet, wenn er sein Überleben dessen Früchten verdankt. Die wirkliche Situation ist viel schwieriger und viel dramatischer. Der demokratische Souverän verurteilt sich selbst zur Ohnmacht, weil zwei einander entgegengesetzte Erkenntnisse die gleiche Macht über ihn besitzen.

Jeder halbwegs informierte Mensch möchte der ökologischen Zerstörung lieber heute als morgen ein Ende setzen. Aber jeder ist sich zugleich bewusst, dass es dem eigenen Staat – und genauso auch der Natur – gar nichts nützen würde, wenn wir ein Exempel statuieren, das die anderen nicht befolgen. Das gilt für den nachhaltigen Umgang mit der Natur ebenso wie mit dem Umgang mit immer tödlicheren Waffen. Derjenige Staat, der ein christliches Beispiel setzt, indem er von einem Tag auf den anderen seine ganze atomare Rüstung verschrottet, gerät schon am folgenden Tag unter die Kuratel der Schurken, die nicht einen Augenblick daran dachten, ihm dabei zu folgen. Das im Vergleich zu den USA, Russland und bald auch China militärisch lächerlich schwache Europa, das diese Schwäche gern als Beweis für eine moralisch höhere Stellung wertet, könnte diese Haltung einmal bitter bedauern, nämlich dann, wenn es aufgrund seiner Schwäche (wie zuvor schon so viele andere militärisch wehrlose Staaten) zum nächsten Kriegsschauplatz zwischen den Supermächten wird.*1*

Die Fremdbestimmung des demokratischen Souveräns

ist eine Tatsache, der gegenüber die Eingriffe der Brüsseler Kommission in die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu einer Nebensache verblassen. Industriestaaten wie Deutschland oder Österreich lassen sich in allen heute wirklich zentralen Fragen der nationalen Existenz das eigene Handeln von den im globalen Wettbewerb jeweils führenden Staaten ganz genauso diktieren, wie jedes erfolgreiche Unternehmen fortwährend auf seine Konkurrenten blickt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Beständiges Wachstum und der damit verbundene Ausverkauf der Natur bleiben solange kategorische Imperative staatlichen Handelns, wie sie dem einzelnen Staat im Wettrennen der Nationen größere ökonomische Macht und seinen Bürgern einen höheren materiellen Lebensstandard verschaffen. Staaten, die sich von diesem Trend abkoppeln würden, fallen auf das Niveau von Entwicklungsländern zurück oder sehen sich sogar unter die „failed nations“ gereiht.

Diese Angst vor dem Abstieg erklärt, warum zwar jedes Jahr lauter über die Notwendigkeit grüner Politik geredet wird, aber der CO2-Ausstoß – und generell die Naturzerstörung – dennoch mit jedem Jahr größer wird. Jeder halbwegs gebildete Mensch ist sich bewusst, dass fortschreitendes Wachstum – ökonomisch wie militärisch – die Menschheit immer näher in Richtung des eigenen Ruins sowie den des Planeten führt, aber solange das Wettrennen der Nationen anhält, ist keine von ihnen in der Lage, dagegen ernsthaft etwas zu unternehmen.

Die Frage, ob wir noch in Demokratien leben,

lässt daher eine doppelte Antwort zu. Ja, wir haben noch den Ermessensspielraum uns für Merkel und gegen Höcke, für Van der Bellen und gegen Hofer zu entscheiden – und das ist ungeheuer viel. Aber wenn wir nicht von anderen ökonomisch an den Rand gedrückt oder militärisch beherrscht werden wollen, müssen wir uns dem jeweils erfolgreichsten „Vorbild“ anpassen – mit anderen Worten nicht nur einen wesentlichen Teil der eigenen demokratischen Selbstbestimmung gegen eine Bestimmung von außen eintauschen, sondern dies noch dazu in dem Bewusstsein tun, dass es genau dieses Wettrennen ist, welche uns alle zusammen ins Unglück stürzt.

Diese Einsicht läuft auf ein Eingeständnis eigener Ohnmacht hinaus. Aber wir müssen den Mut zur Wahrheit aufbringen, denn nur dann besteht Hoffnung, dass wir einen Ausweg finden. Der kann nur darin bestehen, dass in allen Staaten ein Bewusstsein und die Bereitschaft dafür entsteht, auf einen Teil der eigenen Souveränität zu verzichten, um so das unselige Wettrennen zu beenden, das alle mit der Zerstörung des gemeinsamen Lebensraums und der nuklearen Selbstvernichtung bedroht. Das Wettrennen der Nationen zwingt uns bis heute zu einem unfreiwilligen Verzicht auf Selbstbestimmung, der alle zusammen ins Unglück stürzt. Die bewusste Abtretung von Souveränität zugunsten einer transnationalen Instanz wird uns in Zukunft zu einem freiwilligen Verzichtbewegen, der dieses Unglück verhindert. In einer globalisierten Welt, wo jeder Staat alle anderen durch Ressourcenverbrauch und Umweltvernichtung in Mitleidenschaft zieht, darf Entwicklung nicht länger unabhängig von unseren Bedürfnissen und Absichten verlaufen, denn dann verkommt Demokratie zur Farce. Herr des eigenen Schicksals wird der Mensch erst dann wieder sein, wenn alle in gemeinsamer Verantwortung das kleine Boot bewirtschaften, das (trotz Mars und Mond) wohl immer das einzige für uns bleiben wird.

1 Wie ungern ich diesen Satz ausspreche, denn auf einem Globus, der ohnehin schon einem Pulverfass gleicht, bedeutet jede zusätzliche Atombombe einen weiteren Schritt in Richtung Apokalypse. Nur ist eben der strikte Pazifismus in einem Haibecken auch keine klügere Politik. Das globale Wettrennen der Nationen hat die Menschheit in eine Situation manövriert, aus der sie nur noch eine übernationale Instanz erlösen kann, die eben dieses Wettrennen beendet. Es gibt kein wahres Leben im falschen.

Österreich – die Insel der Unseligen

(auch erschienen in: Tichys Einblick und "scharf-links")

Wer die Alpenrepublik besucht, lernt nicht nur ein Land von großer Schönheit kennen, sondern noch dazu eines von beeindruckendem Wohlstand. Nicht dass es nicht viele Kennziffern gäbe, die seiner jetzigen und jeder anderen Regierung Kopfschmerzen verursachen müssen, aber im Vergleich zu den meisten Staaten, die jenseits seiner südlichen und östlichen Grenze liegen, darf dieses Land sich wohlhabend nennen; im Vergleich zu den Staaten Afrikas und des Nahen Ostens sogar überaus reich – und zu all dem ist es wie gegenwärtig noch ganz Europa ein Refugium sowohl des äußeren wie des inneren Friedens. Österreich – die Insel der Unseligen weiterlesen