Erzwungener Verrat – die Illusion von europäischer Macht und Größe

Die USA haben den Vertrag mit Iran mutwillig nur deshalb außer Kraft gesetzt, weil der neue Präsident Trump alles rückgängig machen wollte, was der alte Präsident Obama ihm als Erbe hinterlassen hatte. Aber ebenso wie Russland und China hat die Europäische Union bis zuletzt an dem Vertrag festgehalten. Jetzt aber hat sie den Iran von einem Moment auf den anderen verraten: nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie dazu gezwungen wurde. Natürlich sitzen in Teheran keine Heiligen, sondern Machtpolitiker, welche nicht einzusehen vermögen, warum ihre Nachbarn, Indien und Pakistan – von Engländern, Franzosen, Amerikanern, Israelis, Russen, Chinesen oder dem kleinen Nordkorea gar nicht zu reden – die Bombe besitzen dürfen, während man sie ihnen verwehrt. Das eher finster-mittelalterliche Regime der Ayatollahs strebte schon die letzten Jahrzehnte danach, aber dem diplomatischen Geschick eines Barack Obama war es zu danken, dass 2015 ein Abkommen mit dem Iran getroffen wurde, das beiden Seiten erträglich schien. Der Iran verzichtete auf die Bombe, dafür würden die USA und ihre Verbündeten die bestehenden Sanktionen aufheben und dem Iran bei seinem wirtschaftlichen Aufbau helfen.

Die ganze Welt und vor allem auch die Europäer

waren sich bewusst, dass der Vertragsbruch Trumps durch nichts zu rechtfertigen war. Dennoch haben sich die drei führenden europäischen Mächte England, Deutschland und Frankreich am 14. Januar in Paris gegen besseres Wissen und gegen die eigene Überzeugung dazu entschlossen, ihrerseits den Mechanismus der Vertragskündigung einzuleiten. Aufgrund eines Lecks aus Washington wissen wir auch, warum das geschah, nämlich nach einem Anruf vonseiten der amerikanischen Regierung, genauer gesagt: nach einer massiven Drohung. „Entweder kündigt ihr Iran eure Unterstützung auf oder wir belasten eure Autoexporte mit Zöllen – 25% oder auch mehr.“

Die Drohung hätte nicht wirksamer ausfallen können

Würden die USA ihren Markt für europäische Waren sperren oder auch nur durch Zölle wesentlich abschotten, dann hätte das einen Wohlstandseinbruch in Deutschland und ganz Europa zur Folge, den keine Regierung überleben würde. Das ist der aufrechten deutschen Kanzlerin natürlich deutlich bewusst. Aber sie weiß auch, wie wenig es nützte, dass sie zuvor nach Moskau zu Putin gepilgert ist, um sich Rückenstärkung gegenüber dem amerikanischen Druck zu verschaffen. Das ökonomisch schwache Russland kann allenfalls im Alleingang die North­stream-Pipeline zu Ende bauen, für den deutschen Export aber kann es absolut gar nichts tun. Ein einfacher Anruf aus Washington genügte, um den Deutschen diese schlichte Wahrheit und ihre fundamentale Abhängigkeit ins Bewusstsein zu rufen. Und sie haben auch begriffen, dass es sich dabei um eine ganz und gar einseitige Abhängigkeit handelt, denn die Amerikaner brauchen nichts von einem Anruf aus Berlin zu fürchten. Zur Not könnten sie den Handel mit der übrigen Welt auch völlig zum Stillstand bringen. Zwar würde dann auch bei ihnen der Lebensstandard sinken, aber die Lichter in den Städten würden nicht erlöschen und die Autos bei ihnen weiter fahren. Die USA und Kanada sind seit kurzem energieautark. Für Russland gilt das schon lange.

Deutschland befindet sich in einer völlig anderen Situation

Sein Lebensstandard ist auf doppelte Weise bedroht. Einerseits beruht er auf der Ausfuhr von industriellen Fertigwaren, vor allem Autos; andererseits auf der Einfuhr von Energie, vor allem von Öl und Gas. Wird auch nur eine dieser beiden Lebensadern durchtrennt, ist es mit Deutschlands bisheriger Stärke schlagartig vorbei.

Aus historischer Sicht ist das eine durchaus neue Entwicklung. Erst seit Ende des 19ten Jahrhunderts hängt der Wohlstand Deutschlands wesentlich am Export, und erst seit Mitte des 20ten ist es von der im eigenen Land vorhandenen Kohle auf die Versorgung mit Öl und Gas umgestiegen. Seitdem haben sich Deutschland – und in geringerem Maße die gesamte EU – immer mehr von den beiden Großmächten abhängig gemacht: von den USA (inzwischen zunehmend auch von China) durch den Export, von Russland durch den Energieimport.

Die Öffentlichkeit hat diese Entwicklung

kaum wahrgenommen. Der freie Handel schien ja ein in Stein gemeißelter Glaubensartikel zu sein, an dem kein Staat jemals rütteln würde. In Europa schien es niemandem in den Sinn zu kommen, dass jedes Land sich in eine gefährliche Abhängigkeit begibt, wenn es sich für den eigenen Lebensstandard oder gar das eigene Überleben auf den guten Willen fremder Staaten verlässt. Die Industriemacht Deutschland hängt am russischen Tropf, sowohl was die Versorgung mit Öl wie mit Gas betrifft. Wenn Putin es so wollte, gehen bei uns die Lichter aus und die Heizungen frieren ein. Aber Deutschland ist ganz genauso auch auf den guten Willen der USA (und mittlerweile auch Chinas) angewiesen, der Destination für den größten Teil seiner außereuropäischen Exporte.

Vollständig überrascht, man darf ruhig sagen, fassungslos aber registrieren die Deutschen, dass es gerade die verbündeten USA sind, welche ihnen ihre fundamentale Abhängigkeit schlagartig ins Bewusstsein rufen. Aber war dieser Umschwung wirklich so unvorhersehbar? Mit ein wenig Voraussicht hätten wir ihn längst erkennen können, denn die Vereinigten Staaten von heute sind längst nicht mehr die von gestern (hierzu vgl. „Frieden, Krieg und Klimawandel„).

Die USA konnten sich den freien Handel

und die damit verbundene Großzügigkeit bis vor zwei, drei Jahrzehnten noch leisten. Unbestritten waren sie der reichste und mächtigste Staat der Erde und konnten ihren Bürgern daher gestatten, viele Produkte aus dem Ausland zu erwerben, wenn diese in Qualität oder Preis die eigenen in den Schatten stellten. Mit dieser Großzügigkeit ist es vorbei; gegenüber China hat Trump die Bremse zum ersten Mal brutal angezogen. Denn die USA sind zwar immer noch der mächtigste Staat der Erde, aber der Reichtum hat nur bei wenigen oberen Prozent zugenommen, die Masse der Bevölkerung ist von Armut bedroht. Mit ihren etwa tausend Militärbasen überall auf der Welt haben die USA sich so überdehnt wie vor ihnen nur das römische, das habsburgische oder das britische Weltreich, die ebenso an solcher Überdehnung zugrunde gingen. Führende Kreise in den USA sind von der Angst besessen, dass sie denselben Weg des Niedergangs gehen könnten, wenn ihre Schulden weiter und weiter wachsen. Das ist der durchaus rationale Grund für das Vorgehen des derzeitigen Präsidenten. Zweifellos wäre es auch ohne Trump zu diesem Umschwung gekommen. Dieser kam nur deshalb so überraschend und erscheint allen so schwer erträglich, weil der neue Präsident seine Politik mit unglaublicher Grobschlächtigkeit verbindet. Bis zu Obama betrieb das großzügige Amerika zumindest dem alten Kontinent gegenüber eine halbwegs anständige Großmachtpolitik. Jeder politisch wache Beobachter wusste zwar, dass die Europäer die Vasallen Amerikas waren, aber dafür durften sie nahezu gleichberechtigt am gemeinsamen westlichen Wohlstand partizipieren und genossen überdies – weitgehend gratis – den Schutz der Supermacht. Auch heute würde wohl niemand in Frage stellen, dass es Westeuropa während des Kalten Kriegs unvergleichlich viel besser ging als den russischen Vasallen im damals sowjetisch beherrschten Osteuropa jenseits des Eisernen Vorhangs. Doch mittlerweile hat sich die Lage grundlegend verändert. Die USA sind ein total verschuldeter Staat (verschuldet noch dazu hauptsächlich bei dem Rivalen China), es geht ihnen nicht länger gut – mit ihrer Großzügigkeit ist es vorbei.

Die deutsche Regierung weiß,

dass der Iran keine Schuld an dem Vertragsbruch trägt, aber sie weiß ebenso, dass keine deutsche Firma mit dem Iran Geschäftsbeziehungen eingehen wird, wenn sie dabei den Ausschluss vom amerikanischen Markt riskiert. De facto hatte Europa den Vertrag schon gebrochen, bevor der Iran seine Zentrifugen zur Urananreicherung neuerlich in Bewegung setzte. Warum sollten die Ayatollahs an diesem Vertrag festhalten, wenn nicht nur die USA, sondern ebenso auch Europa den Handel schon ausgesetzt und damit ihren Teil der Verpflichtungen bereits gekündigt hatten?

Ebenso wie Europa ist auch China

auf den Export angewiesen, da es über vergleichsweise wenig eigene Ressourcen verfügt. Auch dem fernöstlichen Riesen gegenüber lässt Trump die Muskeln spielen. Dennoch ist China viel weniger gefährdet als Europa. Einerseits greift der fernöstliche Gigant inzwischen wie ein unersättlicher Krake mit tausend Armen über den ganzen Globus aus, um überall Zugriff auf Ressourcen zu bekommen und seine industrielle Produktion in der ganzen Welt abzusetzen. Andererseits ist das Land sich seiner Verwundbarkeit viel deutlicher bewusst als die Europäer und hat sich aus diesem Grunde zu einer konventionell wie atomar hochgerüsteten Großmacht emporgerüstet. Selbst von Amerika kann China nicht länger schikaniert werden.

Dagegen ist Europa militärisch nahezu unbedeutend. Während Putins Russland gerade in den beiden letzten Jahrzehnten erneut zu einer militärischen Supermacht aufgerückt ist – wenn auch schwach in wirtschaftlicher Hinsicht –, wobei es einige der früheren Satellitenstaaten wieder fest an sich bindet; während Trump den Militäretat und die Staatsverschuldung in neue astronomische Höhen schraubt, lebt Europa von seiner hohen Moral, die allerdings – wie wir jetzt einsehen mussten – durch einen einzigen Telefonanruf aus Washington fatal zu erschüttern ist

Moral ist das Trostpflaster schwacher Staaten

Führende Mächte machen sich nur dann etwas aus ihr, solange sie sich Großzügigkeit leisten können. Man kann das sehr gut am Verhältnis der Supermächte zum Klimawandel ablesen. Es waren amerikanische Wissenschaftler des MIT, die als erste die „Grenzen des Wachstums“ erkannten; eine der bedeutendsten Umweltorganisationen, nämlich Greenpeace, wurde in Kanada gegründet, und es war Jimmy Carter, der als erster Politiker Solarpanele auf seinem Amtssitz installieren ließ. Kalifornier waren noch dazu die ersten Umweltpioniere – man darf also behaupten, dass grünes Bewusstsein zuerst in Amerika zu Einfluss gelangte. Doch nun ist es wiederum ein Amerikaner, noch dazu ein amerikanischer Präsident, der alle klimarelevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse gleichmütig zu „fake“ deklariert, wenn sie ihm nicht passen – oder genauer gesagt, wenn sie im Widerspruch zu den Zielen des militärisch-industriellen Machtkomplexes geraten. In Trumps Amerika spielt der Klimawandel so wenig eine Rolle wie die ganze grüne Bewegung.

Was Russland betrifft, so hat Präsident Putin zunächst sogar Befriedigung über die zunehmende Klimaerwärmung geäußert, weil damit der Schifffahrt die bisher vereiste Nordroute eröffnet werde. Im Übrigen ist der Klimawandel für beide, den amerikanischen wie den russischen Präsidenten, nicht menschengemacht – weshalb die Politik auch nichts dagegen tun könne oder solle. Sowohl Trump wie Putin sind überzeugt, es besser als die Wissenschaftler zu wissen (erst in letzter Zeit und angesichts überwältigender Evidenz haben sich beide zu minimalen Zugeständnissen durchgerungen).

Wie fast immer, geht China auch in diesem Fall viel geschickter und diplomatischer vor. Während es seinen ungeheuren Energiebedarf mit dem Zubau immer neuer Kohle- und Atomkraftwerke befriedigt, legt es nach außen hin besonderen Wert darauf, seine gewaltigen Solar- und Windkraftanlagen in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. China – der größte Umweltsünder der Welt – bringt es auf diese Weise fertig, mit einem leuchtend grünen Mäntelchen aufzutreten und damit das eigene Bewusstsein wie auch das der Weltöffentlichkeit zu täuschen.

Leider ist es keine Panikmache,

sondern beklemmende Realität, dass die Menschheit des 21ten Jahrhunderts gerade damit beschäftigt ist, die Welt durch den „Fortschritt“ zu ruinieren. Nichts wäre daher so sehr vonnöten wie eine entschlossene Reduktion nicht allein des Energieverbrauchs, sondern überhaupt sämtlicher Ressourcen, denn wir verwandeln sie ja fortwährend in Müll – d.h. in einen Ausstoß von Schadstoffen, die in stetig steigendem Umfang die Luft, das Wasser und den Boden auf dem ganzen Globus vergiften (in erster Linie durch CO2, Plastik, Kunstdünger und Pestizide). Die Initiative der Europäischen Union, die ersten entschlossenen Schritte in dieser Richtung zu setzen, ist so gesehen nicht nur begrüßenswert, sondern sie ist in Wahrheit viel mehr: ein für die Rettung des Planeten schlechterdings notwendiger Schritt.

Doch die führenden Mächte, die USA, Russland und China

denken gar nicht daran, Europa auf diesem Wege zu folgen. Seit nicht nur China und Indien, sondern auch Afrika und die ganze übrige Welt denselben Lebensstandard wie der Westen genießen wollen, hat die kollektive Plünderung des Planeten eingesetzt. Nur wer dabei militärisch die Oberhand behält und auch sonst über genügend Druckmittel verfügt, wird aus diesem Wettrennen der Nationen als Sieger übrigbleiben. Ich glaube, die Situation richtig einzuschätzen, wenn ich behaupte, dass die großen Nationen, also die USA, Russland und China, eher den Ruin des Globus in Kauf nehmen werden als die Schwächung der eigenen Stellung: Besser der erste im Hades als der zweite im Paradies zu sein (um einen Julius Cäsar von Plutarch zugeschriebenen Ausspruch leicht abzuwandeln).

Mit dem Verrat am Iran

haben Deutschland, Frankreich und England der Welt bewiesen, wie die Moral zuschanden wird, wenn es ums Fressen geht (die Unterstützung des europäischen Exports und damit des bisherigen Lebensstandards). Eingekeilt zwischen zwei Supermächten, den USA und Russland, hatte dieser unser kleiner westlicher Wurmfortsatz der großen eurasischen Platte schon während des Kalten Kriegs seinen hohen Lebensstandard nur dadurch bewahren können, dass es in einen engen Handel mit den Vereinigten Staaten trat, sich von ihnen abhängig machte, aber im Gegenzug vor Übergriffen der ideologisch und militärisch expansiven Sowjetunion dadurch eben auch geschützt werden konnte. Dieser Schutz wurde als selbstverständlich hingenommen. Mit seinem gar zu erfolgreichen (Auto-) Export hat Deutschland sogar viele US-Konzerne auf dem amerikanischen Markt überflügelt und dadurch zur Schwächung der Supermacht beigetragen.

Die USA haben Deutschland mit einem einzigen Anruf gezeigt,

dass die Zeiten der Großzügigkeit endgültig vorbei sind. Für seinen Schutz wird Europa von nun an zahlen müssen, entweder an die USA oder an Russland (wobei ich persönlich immer noch die USA vorziehe, obwohl der derzeitige russische Präsident sowohl sympathischer wie auch klüger ist). Europa ist gut beraten, diese Drohungen sehr ernst zu nehmen – wie ernst, dass scheint den wenigsten bisher bewusst zu sein. Bis zu dem gebildeten Präsidenten Franklin D. Roosevelt, aber selbst noch bis zu Carter und Clinton waren sich die Amerikaner bewusst, dass ihre Wurzeln in Europa lagen, zu dessen Schutz sie sich daher auch moralisch verpflichtet fühlten. Heute wird Europa nur noch als ein Konkurrent unter anderen wahrgenommen. Ein Präsident, der dem Iran damit droht, sein kulturelles Erbe zu vernichten, würde, so fürchte ich, auch einem Krieg in Europa tatenlos zusehen, zumal die NATO in seinen Augen alle Bedeutung für Amerika eingebüßt hat. Den derzeit amtierenden Mann im Weißen Haus interessiert das kulturelle Erbe Europas genauso wenig wie das des Iran.

Vivat America! (Trotzdem)

Dieser Aufruf mag in vielen Ohren sehr merkwürdig klingen. Amerika? Ist das nicht das Land, wo ein populistischer Präsident die eigene Bevölkerung so spaltet wie keiner zuvor und sich alle erdenkliche Mühe gibt, selbst bisher befreundete Nationen gegen sich aufzubringen? Ist Trump nicht ein neuer Attila, der Iran damit droht, sein (nichtmilitärisches) kulturelles Erbe zu zerbomben? Hat dieser Mann nicht dafür gesorgt, dass die Weltlage gegenwärtig so unsicher und so angespannt ist, wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr? Wird nicht, seitdem Donald Trump an der Macht ist, eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation außer Kraft gesetzt: die Unterscheidung von Lüge und Wahrheit? Da gilt auf einmal, wie für alle angehenden Diktatoren: Was wahr ist, entscheide ich!

Wer könnte diesen Vorwürfen widersprechen?

Am wenigsten jene Hälfte der Amerikaner, die genau diese Kritik vonseiten eines Ausländers nicht brauchen, weil sie selbst sie noch viel heftiger artikulieren. Denn Amerika war doch noch vor kurzem ein Land der Demokratie und der Aufklärung, dem Europa seine Sicherheit und die übrige Welt einen nicht abreißenden Strom von Erfindungen und kulturellem Einfluss verdankte. Mit seinen brillanten Wissenschaftlern war das Land zu einem kosmopolitischen Zentrum des Globus geworden, wo, wie es schien, Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Rasse und ihres Glaubens in Frieden koexistieren durften. Was die Welt gegenwärtig erlebt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein mutwilliger Bruch mit dieser Vergangenheit – ein Rückfall in den schrillen, längst überwunden geglaubten Chauvinismus. Denn das eintönig wiederholte Mantra Donald Trumps ist ja von kaum zu überbietender Primitivität. Es lautet schlicht und einfach: Ich bin der Größte, folgt mir, dann seid ihr es ebenfalls.

Die Welt ist entsetzt und verstört,

aber ist das alles wirklich so neu? Nein! Aufgrund unserer eigenen Geschichte sollten gerade wir Europäer es eigentlich besser wissen. Erasmus von Rotterdam hatte der Renaissance ihren höchsten intellektuellen Ausdruck verliehen und wurde in ganz Europa so verehrt wie kaum ein Gelehrter vor oder nach ihm. Dieser Mann verkörperte den kosmopolitischen Geist jenseits aller Gegensätze von Ideologie, Glauben und Sprache. Alle nationalen Gegensätze wollte er überwinden, indem er das Lateinische zum gemeinsamen Idiom der Europäer machte und die Toleranz gegenüber den verschiedenen Formen des Glaubens zum ersten Gebot zivilisierten Umgangs erhob. Gerade in den höchsten Kreisen der Kirche bewunderte man diesen Homo universalis, obwohl er sich im „Lob der Torheit“ den bittersten Spott über die Pfaffen erlaubte. Das war beste europäische Aufklärung zwei Jahrhunderte vor der eigentlich so benannten.

Doch noch zu seinen Lebzeiten musste Erasmus erleben, dass sein Lebenswerk in Scherben zerfiel. Toleranz und Kosmopolitismus galten plötzlich als feindselige Mächte. Luther führte den Kampf gegen die Kirche und gegen die Toleranz als ein Deutscher und Calvin führte ihn noch zusätzlich gegen die zivilisierte Freizügigkeit, welche die Renaissance sich auch in den Sitten erlaubte. Die von ihm begründeten Schnüffelbrigaden überwachten Genf noch viel unduldsamer als McCarthy die Amerikaner und das heutige China die eigene Bevölkerung. Damals wurde der religiöse Nationalismus geboren: Cuius regio, eius religio.

Zwei Jahrhunderte später

nahm die Aufklärung des 18. Jahrhundert einen ähnlichen Verlauf. Voltaire und die Enzyklopädisten waren weltoffene Kosmo­politen, die voller Neugier ihre Augen auf fremde Kulturen gerichtet hielten. Zeitweilig galt ihnen das klassische China als Vorbild für einen Staat, in dem Philosophen herrschten. Diese Bereitschaft, auch von Völkern jenseits der eigenen Grenzen zu lernen, erwies sich als eine völkerverbindende Kraft, deren unmittelbare Wirkung darin bestand, Französisch als Sprache aller Gebildeten über ganz Europa auszubreiten. Wie zu Zeiten des großen Erasmus war es die Botschaft von Toleranz und Weltoffenheit, welche einen so großen Widerhall fand. Doch die Herrschaft Voltaires währte nur etwas länger als die erste Hälfte des 18ten Jahrhunderts; in der zweiten übernahm Rousseau die Führung – und von diesem führt eine direkte geistige Linie zur Revolution und dem blutigen Werk der Guillotinen. Nicht in den chinesischen Philosophenherrschern erblickte Rousseau das nachzuahmende Vorbild, sondern in Sparta, einer der grausamsten Diktaturen des Altertums, wo die „Volonté générale“ (die Staatsraison) von den oberen fünf Prozent den unteren fünfundneunzig diktiert worden war. Kaum mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tode Voltaires fand die Aufklärung in der französischen Revolution ein unrühmliches Ende, dessen unmittelbare Folge der endgültige Zerfall Europas in einzelne Nationen war, die einander nun ständig bekriegten. Europa lag nun zugleich religiös und politisch in Scherben. Französisch kam als gemeinsame Sprache nicht länger in Frage – nicht anders als zwei Jahrhundert zuvor das Lateinische.

In kleinerem Maßstab

aber auf noch brutalere Art hat sich derselbe Umschwung aus der Geisteshelle der Toleranz und Weltoffenheit zur Finsternis eines unduldsamen, ja bornierten Chauvinismus dann noch einmal während des vergangenen Jahrhunderts ereignet. In der geistigen Geschichte des deutschsprachigen Raums nehmen Stefan Zweig und Egon Friedell eine einzigartige Stellung ein. Einmal als brillante Stilisten. Beide schreiben ein vollendet lebendiges, oft brillant funkelndes, niemals obskures Deutsch – Zweig besonders in seiner „Welt von Gestern“, Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Wir wissen, dass beide die erklärten Gegner aller Spielarten des Fanatismus und der ideologischen Verbohrtheit sind, schon die Wahl ihrer Themen verrät Weltoffenheit und Toleranz. Doch mussten beide wie vor ihnen der große Erasmus einen Rückschlag noch zu ihren Lebzeiten erleben, einen noch viel schlimmeren sogar als die durch den Fanatismus von Protestanten und Gegenreformation oder später durch das mörderische Regime des Maximilien Robespierre ausgelösten. Hitler trat alle Weltoffenheit mit Füßen, wer sich tolerant und weltoffen gab war für ihn schlicht ein Verräter.

Das ist wohlbekannte europäische Geschichte,

die in regelmäßigen Wellen verlief – grob gesagt von größter geistiger Helle immer wieder in die schrecklichste Finsternis und zurück. Ich habe diesen kleinen Exkurs in die große Geschichte zu dem einzigen Zweck unternommen, um mein „Vivat America!“ zu begründen, einen im Jahr 2020 sonst kaum verständlichen Ausruf. Denn in meiner Sicht ist auch der unselige Trump nichts anderes als die Verkörperung eines Rückschlags. Mit aller Kraft versucht er, die vorangehende Aufklärung zu zertrampeln, die sich in den Vereinigten Staaten wenigstens ebenso großartig entfaltet hatte wie mehrfach bei uns auf dem alten Kontinent.

William James,

den wohl größten amerikanischen Aufklärer – den außerordentlichen Psychologen, Philosophen und Religionswissenschaftler – möchte ich an dieser Stelle nur im Vorübergehen erwähnen, da ich ihm meine Dankbarkeit schon in der „Schöpferischen Vernunft“, bezeuge. Hier möchte ich vor allem auf Will Durant zu sprechen kommen, den Historiker und Philosophen. Von Europa aus wurden die Vereinigten Staaten im 19ten und noch während der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts nur als ferner und nicht wirklich ernst zu nehmender Vorposten der Zivilisation – der eigenen, versteht sich – gesehen. Doch nicht selten sind es gerade solche geologischen und geistigen Randgebiete, in denen das Neue sich ereignet, weil der Geist weniger durch Denkverbote und andere Konventionen beengt ist. Geistige Fülle und Freiheit zeigten sich in dem erstaunlichen Werk von William James über die „Vielfalt religiöser Erfahrung“, und dieselbe Unbefangenheit bekundete sich neuerlich bei Durant in seiner großartigen Monumentalgeschichte „The Story of Civilization“. Auf nicht weniger als etwa zehn Mal tausend Seiten hat dieser Mann (später zusammen mit seiner Frau Ariel) ein historisches Panorama von den Anfängen der bekannten Geschichte bis zum Beginn des 19ten Jahrhunderts entworfen, wie es in vergleichbarer Faktenfülle bisher wohl kein anderer Historiker je zustande brachte. Die besondere Originalität dieser Leistung liegt natürlich nicht in ihrem Umfang – heute fassen die besten Online-Enzyklopädie alles überhaupt verfügbare Wissen in noch viel detaillierterer und ständig aktualisierter Form zusammen. Die Faszination des Durantschen Geschichtskosmos beruht auch nicht auf besonderen Entdeckungen – ich bin nicht sicher, dass man ihm überhaupt irgendwelche Entdeckungen zuschreiben kann. Er hat nur die schon zu seiner Zeit kaum überschaubare Literatur ausgewertet und die großen Linien von Politik und Kultur zu jeweils stimmigen Bildern zusammengefügt. Manche glauben ihn daher abschätzig als Popularisator abtun zu können – ein offenkundiger Unsinn, denn auf Popularität kann in unserer Zeit gewiss niemand hoffen, der seinen Lesern zehntausend Seiten Lektüre zumutet. Dagegen werden selbst die größten Dummheiten gierig verschlungen, wenn ein Präsident sie in wenigen Sätzen in die Welt hinaus twittert. Auch Neuheiten sind kein Wert an sich. Wer an der Geschichtswissenschaft allein nach ihnen sucht, ist in Gefahr, dass man ihn mit Nietzsche als Sammler von philologischen Regenwürmern verspottet. Was an Durant so fasziniert, ist etwas ganz anderes: die Treffsicherheit und Unparteilichkeit seines Urteils. Auch die kann allerdings den Pedanten ein Dorn im Auge sein und von ihnen als „unseriös“ eingestuft werden. Ein gewisser Wilfred M. McClay zum Beispiel denkt über Durant so wie über dessen Zeitgenossen Lewis Mumford oder Erich Fromm. „Mumford somehow has the air about him of a back number, a middle-brow sage whose work places him dangerously close to the likes of Will Durant, Erich Fromm, and Norman Cousins and hence beneath the consideration of serious thinkers (meine Hervorhebung). Mag der eine oder andere Leser meine Bewunderung für Durant ruhig als „unseriös“ abtun, ich gestehe, dass sie bei manchen Zeilen des großen Amerikaners geradezu in Verzauberung übergeht.

Für mich steht William James Durant

in einer Linie mit den größten Aufklärern der Vergangenheit. In einer Sprache, die sich aller Geheimniskrämerei und bemühtem Tiefsinn verweigert, gelingt es ihm, uns den ganzen Menschen zu zeigen – ohne jemals zu beschönigen und zu verzerren oder sein Urteil von political correctness und ideologischer Voreingenommenheit beeinflussen zu lassen. Mit derselben Vorurteilslosigkeit blickt er auf Schurken und Heilige und ist wie Dostojewski stets um das Verstehen bemüht, nicht etwa um alles zu verzeihen – das gehört nicht zu den Aufgaben eines Historikers -, sondern um verständlich zu machen, warum Menschen so und nicht anders gehandelt haben. Niemals geschieht das auf besserwisserische oder pedantische Art, sondern mit einem unaufdringlichen und doch stets spürbaren Sinn für die verborgene Komik menschlicher Existenz. Ein Zitat, dem ich auf den etwa zehntausend Seiten zweimal begegnet bin, ist, wie mir scheint, besonders geeignet, die Einstellung des Historikers Durant zu seinem Gegenstand zu erhellen. „Für den denkenden Menschen ist Geschichte eine Komödie“, zitiert er den britischen Dichter Horace Walpole vom Ende des 18ten Jahrhunderts, „für den fühlenden ist sie eine Tragödie.“ Durant bringt es fertig, den Leser in einem fort zwischen Denken und Fühlen, Lachen und Trauer wechseln zu lassen, denn dieser erkennt immer wieder sich selbst in der Geschichte. Durant liebt Geschichte, die er uns auf so meisterhaft lebendige und farbige Weise vor Augen stellt, weil sie im Grunde nichts anderes ist als ein Prozess der Selbsterkundung und Selbsterkenntnis. Er liebt sie selbst noch in ihrer Furchtbarkeit, denn auch diese ist ja ein Teil unseres eigenen Wesens. Genau damit schließt sich Durant gerade den größten Aufklärern an, denn diese Selbsterkenntnis begegnet uns ebenso noch im Spott eines Erasmus, in den Attacken eines Voltaire oder bei Stefan Zweig. Hinzufügen möchte ich noch, dass Will Durant erst 1981 gestorben ist. Das große Amerika der Aufklärung und einer lebendigen und in aller Welt bewunderten Demokratie, Amerika als Magnet für Millionen von Auswanderern seit dem 18ten Jahrhundert, liegt nicht lange zurück. Diesem Amerika gilt meine Bewunderung.

Inzwischen hat sich der Übergang von der geistigen Helle

in eine neue Finsternis, dem wir in Europa mehrfach begegnet sind, auch dort ereignet. Zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft, die sich immer mehr zu einem Zweig der Naturwissenschaften entwickelt. Der Forschung hat das zunächst sehr viel Auftrieb gegeben. Über die Gesundheit prähistorischer Menschen, ihre Essgewohnheiten, Bevölkerungsstärke und Wanderbewegungen haben wir dank unglaublich verfeinerter Methoden der wissenschaftlichen Archäologie gerade in den letzten Jahrzehnten sehr viel dazugelernt. Das hat dazu geführt, dass in den Geisteswissenschaften – nicht allein in Psychologie und Soziologie, sondern eben auch in der Wissenschaft von der Geschichte – manche Texte heute vorwiegend aus Zahlen bestehen. In dem vergeblichen Bemühen, es den exakten Wissenschaften von der unbelebten Natur gleichzutun, ist der Geschichtswissenschaft ihr Gegenstand dabei allerdings unter den Händen zerronnen: der Mensch als ein lebendiges, sich ständig proteisch erneuerndes, nie vollständig berechenbares Wesen. Man hoffte, Geist, Geschichte und die Zukunft des Menschen ebenso auf die Zahl reduzieren und durch Gesetze erklären und lenken zu können, wie das in den Naturwissenschaften seit zwei Jahrhunderten mit der physischen Welt geschieht. Als sich herausstellte, dass dies nicht möglich ist und geistesgeschichtlichen Fächer anders als Physik, Chemie, Informatik etc. keinen monetären Nutzen versprechen, zog man die naheliegende Konsequenz. Geschichte – und allgemein die Wissenschaften des Geistes – wurden als nutzlos abgetan und in wenigen Jahren aus den Lehrplänen von Schulen und Universitäten weitgehend gestrichen. Geschichte – das Wissen des Menschen über sich selbst – zählt heute nicht mehr zur Bildung.

Wie konnte es dazu kommen?

Es erscheint mir gewagt, so umwälzende und so regelmäßig wiederkehrende historische Bewegungen wie die von der Aufklärung zu ihrem Gegenteil: dem Erstarken von Intoleranz und nationalistischer Selbstbezogenheit, auf eine kurze Formel zu bringen. Doch scheint es nicht abwegig, ein gerütteltes Maß an Schuld bei der Elite selbst zu suchen. Zur Zeit Luthers waren Deutschland, England und Frankreich die dukatenspeienden Esel, dazu verdammt, die geistige Supermacht jener Zeit, das Italien der Renaissance, zu finanzieren. Halb Europa drängte darauf, sich von dieser Abhängigkeit zu befreien.

Im 18ten Jahrhundert war es nicht anders: Neunzig Prozent der Bevölkerung fiel die einzige Aufgabe zu, die Elite von Adel, Klerus sowie einen in Saus und Braus lebenden Hof auszuhalten. „Was ist der dritte Stand?“, fragte Abbé Sieyès kurz vor Ausbruch der Revolution und fügte die Antwort gleich selbst hinzu: „Alles“. Doch in der Realität sei der dritte Stand nichts, weil die das Land beherrschende Elite ihm alles genommen hätte.

Hitler in Deutschland und Trump in den USA

haben ihrerseits auf eine Situation reagiert, wo im ersten Fall die Weltwirtschaftskrise von 1929 Massenarbeitslosigkeit bewirkte, während die USA seit den siebziger Jahren eine ähnliche Entwicklung des wirtschaftlichen Niedergangs erleben. Die Auslagerung einst gut bezahlter Industriearbeit ins billige Asien hatte zur Folge, dass eine Mehrheit nun mit schlecht bezahlten Jobs abgespeist wird, Jobs, von denen die meisten nicht reichen, um wie bisher eine Familie zu ernähren. Trump ist der geistige Repräsentant jener weißen Unterschicht, welche die industriellen „Rostgürteln“ bewohnt und mit dem bösen Wort des „white trash“ zusätzlich noch geschmäht wird: eine Schicht, die keine Bildung genießt und die sich daher auf dem Wege geistiger Verwahrlosung befindet. Trumps Wähler rekrutieren sich aus evangelikalen Bewegungen, welche von Darwin und einer als arrogant wahrgenommenen Bildungselite nichts wissen wollen, weil sie sich von dieser missachtet und an den Rand gedrängt fühlt. Diese Leute sind so verstört und verunsichert wie die Deutschen es nach dem plötzlichen Zusammenbruch von 1929 waren. Daher sind sie genau bereit wie damals die Deutschen, auf die Versprechungen der Demagogen zu hören. Weltoffenheit, Wissbegierde und Toleranz, das sollte man nie vergessen, sind ein Luxus, der nur in Zeiten der Sicherheit blüht, wenn die Menschen mit ihrem Los halbwegs zufrieden sind. Ein „Vivat America!“, in das die ganze Welt einstimmt, wird es erst dann wieder geben, wenn das Land sich von innen aus reformiert, doch vorher sollten wir große Amerikaner wie James oder Durant wieder lesen, was Amerika einmal war.

Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet

Präsident Trump hat die „Fake News“ erfunden und uns zugleich den Gefallen getan, eine denkbar simple Definition dafür mitzuliefern. Falsche Nachrichten sind einfach solche, die ihm nicht passen! Wir würden die Bedeutung dieses Präsidenten allerdings sehr überschätzen, wollten wir gegen ihn auch noch den Vorwurf erheben, die „Fake Reality“ erfunden zu haben. Der Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, wie sie ist, und der Wirklichkeit, wie wir sie haben wollen, begleitet die Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte – im Guten ebenso wie im Bösen. Es ist wichtig, auch das Gute zu betonen, denn jede Utopie, jedes Denken, das auf Besserung zielt, muss erst einmal das Bleigewicht des ewigen Einspruchs beiseiteschieben: „TINA – es gibt keine andere Wahl“. Nicht selten sind es gerade die größten Geister, die sich gegenüber der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, als durchaus blind erweisen, weil sie eine Wirklichkeit mit sich in ihrem Kopfe tragen, wie sie nach ihrer Meinung sein sollte und daher für sie die allein richtige ist.

Das historisch vielleicht bedeutendste Beispiel

für eine derartige kreative Blindheit liefert wohl Francis Bacon, der Erfinder der Neuzeit – um es einmal so plakativ auszudrückenZur selben Zeit, als William Shakespeare seinem Land einen Höhepunkt kultureller Entwicklung bescherte, sah dieser Mann eine durch Technik und Wissenschaft völlig verwandelte Welt voraus, in der nur das Sicht-, Wäg- und Messbare zählt und der Mensch durch die genaue Beobachtung der Natur zur Herrschaft über die Welt gelangt. Francis Bacon hat diese Vision damals einzig aus dem eigenen Kopf geschöpft, denn in der ihn umgebenden Wirklichkeit gab es zu seiner Zeit wenig, was sie auch nur als denkbar erscheinen ließ. Damit will ich nicht sagen, dass es an großen Erfindern gemangelt hätte. Immerhin war Galileo sein Zeitgenosse und Isaac Newton wurde keine zwanzig Jahre nach Bacons Tod geboren. Aber der Lord Chancellor war blind dafür, dass seine Vision ohne Folgen geblieben wäre – und zweieinhalb Jahrhunderte lang ja auch tatsächlich folgenlos blieb -, hätte es gegen Ende des 18ten Jahrhunderts nicht den wirklich entscheidenden Durchbruch gegeben: die fossile Revolution.

Die eigentliche Wende zum Anthropozän,

welche den Beginn unserer Epoche des materiellen Reichtums markiert, wurde erst dadurch ermöglicht, dass man in großem Maßstab die in Millionen Jahren gespeicherten Vorräte an Kohle (hundert Jahre später dann auch Öl und Gas) in den Tiefen der Erde abzubauen begann. *1* Ohne die industrielle Nutzung dieses bis dahin noch ungehobenen Schatzes wäre Bacons Vision und wären alle nachfolgenden Erfindungen eine Art von inspiriertem Denksport geblieben, utopische Wunschbilder, wie es im Laufe der Jahrhunderte so viele gegeben hat. So aber geschah es, dass beides auf einmal einen exponentiellen Verlauf begann: der Reichtum auf der einen, das fossile Feuer auf der anderen Seite.

Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Diese Entwicklung spiegelt ziemlich genau die exponentielle Zunahme des Weltenergieverbrauchs. Im Jahr 1800 belief sich dieser auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill)…

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven

ist offensichtlich. Kohle und Öl wären ohne die Erfindung der Dampfmaschine (sowie später der Diesel- und Elektromotoren) zwar nie zur Wirkung gelangt, aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Rohstoffe bilden somit eine unauflösliche Einheit. Erst wenn wir dieser Wahrheit ins Auge sehen, sind wir imstande, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen – und die erweisen sich als höchst beunruhigend: Die Erschöpfung ihrer fossilen Rohstoffbasis könnte die industrielle Revolution dazu verdammen, ein bloßes Strohfeuer gewesen zu sein, ein kleines weltgeschichtliches Intermezzo.

Die Tragik dieser Einsicht ist heute nur den wenigsten bewusst, denn

Keine frühere Epoche der Menschheitsgeschichte

hat in so kurzer Zeit das Los der Menschen materiell so radikal verändert und weitgehend zum Besseren gewendet. Zwar hatten sich schon früh kritische Stimmen gegen das „materialistische Denken“ der neuen Zeit erhoben. In Frankreich lehnte sich Rousseau, in Deutschland die Romantik gegen die Enge von Nützlichkeitsstreben und materialistischer Weltanschauung auf; der große Systemkritiker Karl Marx hatte zwar nichts gegen Wissenschaft und Technik einzuwenden, stattdessen beklagte er, dass der materielle Fortschritt keineswegs zu größerer sozialer Gerechtigkeit führe.

Der Protest der Romantiker blieb auf eine relativ kleine Schicht von Künstlern und Intellektuellen beschränkt (und wurde später zu Unrecht als „reaktionär“ abgetan); der Marxismus eroberte vorübergehend die Hälfte der Welt und spielt im Protest gegen Ungleichheit bis heute eine bedeutende Rolle. Tatsache ist dennoch, dass die unteren neunzig Prozent in der fossilen Epoche zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer Knechtschaft befreit worden sind. Bürgertum und Mittelstand konnten zu Wohlstand und politischem Einfluss gelangen und – seit dem zwanzigsten Jahrhundert – traf dies selbst auf die Arbeiterschaft zu.

Dennoch trug gerade dieser historisch einzigartige Erfolg

dazu bei, eine neue und überaus gefährliche Blindheit hervorzubringen – was nichts anderes heißt, als dass sich die Menschen wiederum an eine „Fake Reality“ gewöhnten. Hätten im Kopf jedes nachdenklichen Wissenschaftlers nicht von Anfang an – also seit beinahe drei Jahrhunderten – die kritischen Fragen aufkommen müssen: „Wie lange werden die fossilen Vorräte denn reichen?“ Und: „Was geschieht denn, wenn sie versiegen?“

Diese Fragen sind eigentlich so naheliegend, dass man ihre völlige Abwesenheit in der öffentlichen Debatte nur damit erklären kann, dass sie geflissentlich verdrängt worden sind. Politik und Bevölkerung wollten nichts davon wissen. Das Wunschbild ewigen Wachstums war so bezaubernd schön, dass niemand daran gemahnt werden wollte, dass es dergleichen in der Natur weder gab noch überhaupt geben kann. Tatsächlich wurden diese elementaren Fragen auf wissenschaftlich-systematische Art erst kurz vor der ersten Erschütterung des kollektiven Traums durch die Ölkrise von 1973 in die Öffentlichkeit getragen. Das geschah im Jahre 1972 mit dem Bericht des „Club of Rome“ über „Die Grenzen des Wachstums“.

Die Ölkrise erwies sich allerdings als ein vorübergehendes, politisch inszeniertes Problem. Kaum hatte man sie überwunden, als die Welt nach tiefem Aufatmen mit unverminderter Begeisterung wieder um das goldene Kalb der Fake Reality zu tanzen begann. Ewiges Wachstum stand und steht bis heute auf dem Programm aller Industrienationen. Wie sich das mit der Endlichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen trägt, darüber schweigen sich alle beharrlich aus. Gesellschaften wurden und werden von Wunschdenken und Wunschbildern beherrscht.*2*

Diese Blindheit allein wäre noch nicht fatal

Wie sich bald nach Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ zeigen sollte, reichen die vorhandenen Vorräte um vieles weiter, als die Wissenschaftler zu Anfang der siebziger Jahre aufgrund der vorhandenen Daten noch annehmen konnten. Die eigentliche Gefahr für das kollektive Wunschbild der Fake Reality liegt aber gar nicht hier, sondern droht aus einer ganz anderen Richtung. Lord Bacon, der Erfinder der Neuzeit, stellte sich die glücklichen Menschen einer kommenden Zivilisation – die Bewohner der Insel „Nova Atlantis“ – schlicht in der Weise vor, dass sie aus armen Hütten steinerne Häuser machen und aus dürfti­gen Werkzeugen dauerhafte Geräte. Die schlechte Idee einer Wegwerfgesell­schaft wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Aber genau davon ist die moderne Industriegesellschaft geprägt. Unsere Wirtschaft saugt einen ständig anschwellenden Ressourcenfluss in die Fabriken, damit jeder Mensch die ihn umgebenden Apparate ständig durch die neuesten Modelle ersetzt und auf diese Weise Güter und Einkommen sich fortwährend vermehren lassen.

Die Wegwerfgesellschaft hat überhaupt erst die existenzielle Gefahr geschaffen, mit der wir heute leben, denn es sind ja die aus der industriellen Produktion entstehenden biologisch nicht abbaubaren Gifte, welche zur eigentlichen Bedrohung für das fossile Zeitalter wurden. Nicht einmal der sonst so scharfsichtige Karl Marx hat drei Jahrhunderte nach Francis Bacon diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen.

Niemand hat die wirkliche Gefahr vorausgesehen. Denn inzwischen wissen wir, dass es nicht der Klassenkampf ist und nicht einmal die Erschöpfung der fossilen Ressourcen, welche das industrielle Zeitalter in seiner bisherigen Gestalt mit dem Kollaps bedroht.*3* Diese Gefahr geht von den Abfällen des industriellen Prozesses aus, also von den anthropogenen, biologisch nicht abbaufähigen Giften. An erster Stelle steht natürlich das Kohlendioxid, welches das Klima destabilisiert. Die Verseuchung der Weltmeere durch Plastik aber setzt eine bedeutende Nahrungsquelle aufs Spiel. Darüber hinaus verwandelt die Vergiftung ganzer Landstriche in Afrika, Indonesien oder den Philippinen mit Elektroschrott und anderem Müll die Natur in pestilente Wüsten. Nukleare Rückstände wurden zu einer Gefahr, wo immer sich Atomkraftwerke befinden.

Deutschland ist nur mit bescheidenen zwei Prozent

an der Verseuchung der Atmosphäre mit Kohlendioxid beteiligt. Diesen Vorzug verdankt es freilich weniger seinen Anstrengungen zum Klimaschutz als dem Umstand, dass es die schmutzigsten Industrien und deren negative Umweltbilanz in Entwicklungsländer auslagerte, vor allem nach China.

So gesehen, hat das gestiegene Umweltbewusstsein der Europäer eine eher geringe Bedeutung. Selbst wenn eine grüne Partei in Deutschland die Politik nach ihrem Willen bestimmen könnte, wäre sie bestenfalls in der Lage, die globalen CO2-Emissionen um maximal zwei Prozent zu vermindern. Es sind nicht die Deutschen und auch nicht die Europäer, es sind die weltweit größten Verschmutzer – China, die USA und Indien – die über das weitere Schicksal des Planeten entscheiden. Bekanntlich sind die USA unter Trump aus dem Pariser Vertrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen ausgestiegen. In Indien hält man das Gerede über die Umwelt überhaupt für ein Luxusproblem des reichen Westens. Und wie steht es mit China? China ist tatsächlich ein eigener Fall. Was dort gegenwärtig geschieht, wird über unser aller Zukunft entscheiden.

Die Chinesen verfügen über ein großes

 – inzwischen wohl über das weltweit größte Potential an hervorragenden Wissenschaftlern. Alles westliche Wissen wird dort kopiert, aufgesogen und inzwi­schen in manchen Sektoren auch schon über den westlichen Standard hinaus perfektioniert. Ähnlich wie Deutschland ab 1870 an seinem Lehrmeister England in wenigen Jahren vorüberzog, drängt das Land der Mitte auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik mit größter Entschlossenheit an die Spitze. Über die existenziellen Bedrohungen durch die Industrialisierung wissen Chinas Experten natürlich ebenso gut Bescheid wie wir in Europa – die gesundheitsgefährdende Vergiftung der Luft in den Großstädten ihres Landes und der flächendeckende Raubbau an der Natur ruft sie ihnen ja fortdauernd in Erinnerung. Aber unter dem Präsidenten Xi Jinping hat sich die Partei eine absolute Verfügung über den öffentlichen Diskurs angeeignet. Und das Politbüro hat die Richtung der Politik eindeutig vorgegeben: „Erst müssen wir den Westen im Hinblick auf Wohlstand und Macht eingeholt haben, dann können wir uns den Luxus leisten, über Umweltprobleme zu reden.“

In diesem Sinne sind Journalisten verpflichtet, der Loyalität gegenüber der Partei grundsätzlich den Vorrang gegenüber dem zu geben, was sie persönlich für wahr erachten – eine Forderung, die natürlich auch für die Wissenschaft gilt, sofern sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Das Bekenntnis zur Fake Reality ist erstes Gebot in China.

Bisher hat sich die Linie der Partei

sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Ausland auf erstaunliche Art bewährt. Im Inland wurden Millionen Menschen in phänomenal kurzer Zeit aus jahrtausendealter Armut erlöst. Und was das Ausland, speziell den Westen, betrifft, so sind die Chinesen über die in Europa und den USA herrschenden Gedankenströmungen ganz genau informiert und richten die eigene Propaganda geschickt daran aus. Man hat längst begriffen, welche Bedeutung die Vokabel „grün“ seit einiger Zeit bei uns im Westen besitzt. Also schaltet man auch in China die politischen Ampeln auf grün und scheut keine propagandistische Anstrengung, um das eigene Land als Pionier einer grünen Politik hinzustellen und die Vereinigten Staaten unter Trump als einen rückständigen Staat, der die Zeichen der Zeit nicht verstehen will.

Die Kunst, die Wirklichkeit hinter einer Fassade von Fake Reality zu verstecken, wurde in einer so alten Kultur wie der chinesischen natürlich zu weit größerer Perfektion entwickelt als in einem vergleichsweise so jungen Staat wie den USA. De facto verfährt China zwar viel rücksichtsloser gegen die Natur als die USA, aber anders als Trump – ein Elefant, der alles überhaupt vorhandene Porzellan mutwillig und offenbar mit Gusto zertritt – ist man in China Meister des schönen Scheins. Und es stimmt ja, dass man die größten Windparks der Welt aufgebaut hat und mehr Wald aufforstet als irgendein anderer Staat. Die Kehrseite dieser Entwicklung bleibt jedoch unerwähnt: Nach Zahlen des Mercator Instituts für Gemeingüter und Klimawandel (MCC) sind allein in China und Indien noch etwa 150 neue /Kohle-/Kraftwerke im Bau, noch einmal so viele sind geplant. Insgesamt beläuft sich die Abhängigkeit Chinas bei der Stromerzeugung immer noch auf 70 Prozent (Atlas der Globalisierung). China ist neben Indien der Mega-Umweltsünder – und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Grund für das chinesische Vorgehen liegt auf der Hand

Nur aufgrund eines weiterhin immer stärker lodernden fossilen Feuers ist es möglich, nun auch den ärmsten Bürgern mit jedem Jahr ein größeres Maß an Wohlfahrt zu verheißen. Obwohl es nirgendwo mehr Milliardäre gibt als in dem angeblich kommunistischen Land, wird das mittlere Prokopf-Einkommen von der enormen Bevölkerungszahl stark in die Tiefe gedrückt. Daher ist es vorerst auch noch nicht höher als in Algerien, Brasilien oder Mazedonien, wenn man die Kaufkraft in Betracht zieht (Ulrike Herrmann). Dies macht verständlich, warum es dem chinesischen Staat so sehr darauf ankommt, alle nur möglichen Quellen verfügbarer Energie zu erschließen. Die Parteispitze ist sich durchaus bewusst, dass sie sich nur an der Macht halten kann, wenn sie einer ganzen Milliarde Menschen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte denselben Lebensstandard ermöglicht, den bisher in erster Linie die Bewohner der Küstenregionen genießen. Auch aus unserer westlichen Perspektive erscheint das durchaus gerecht zu sein. Warum sollte den Chinesen ein Wohlstand verwehrt sein, den wir schon seit langem genießen? Andererseits ist es inzwischen für jeden ökologisch auch nur halbwegs gebildeten Menschen offensichtlich, welche desaströsen Folgen sich daraus für den Globus ergeben.

Wer also ist schuld?

Es gehört zu unserer Gewöhnung an Fake Reality, dass wir das Profitstreben manischer Egoisten für alle Übel einschließlich der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt verantwortlich machen – mögen wir diese Egoisten nun als Kapitalisten, Konzerne, Banken oder einfach als neoliberalen System bezeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre!

Denn dann hätten zumindest einige Länder das Problem durch einen politischen Umsturz schon längst gelöst!

Aber so einfach ist es gerade nicht! Eine halbe Milliarde Chinesen wartet noch immer darauf, so wie wir mindestens ein Wasserklosett und ein Auto zu besitzen und wenigstens einmal im Jahr einen Flug in den Urlaub zu genießen. Und inzwischen fordern auch die Menschen in Afrika und Innerasien genau diesen Lebensstandard von ihren Regierungen. Sieben, bald sogar zehn Milliarden Menschen wollen materiell so gut leben wie wir. Es interessiert sie wenig, mit welcher Wirtschaftsform und unter welchem politischen System sie dieses Ziel erreichen, wenn dies nur überhaupt geschieht, und zwar besser heute als morgen!

In Wahrheit sind Politiker und Regierungen

überall auf der Welt Getriebene, weil es diese Milliarden sind, die alle nach jenem Wohlstand streben, den die jeweils reichsten Nationen bereits besitzen. Bis vor dreihundert Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der Menschen – mochten sie nun in Neuguinea, China, Indien oder Persien zu Hause sein – keine Vorstellung davon, wie Deutsche, Italiener oder Nordamerikaner leben. Heute trägt das Fernsehen Bilder vom guten westlichen Leben weltweit in jedes Haus. Als zwangsläufige Folge aus dieser global zugänglichen Information erlebt die Menschheit nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein globales Wettrennen der Nationen um Reichtum und Macht. Und dieses Wettrennen wird nicht nur von Neid verursacht – es steht durchaus im Einklang mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit. Gleichgültig, ob wir politisch links oder rechts eingestellt sind, halten wir es in jedem Fall für die Aufgabe einer guten Regierung, allen ihren Bürgern Chancengleichheit zu bieten, also die Aussicht auf einen annähernd gleich hohen Lebensstandard. Sieht die Europäische Union ihr Ziel nicht selbstverständlich darin, das bisher noch bestehende Reichtumsgefälle zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten allmählich auszugleichen? Diese Forderung aber sollte natürlich auch für den ganzen Planeten gelten. Da erscheint es nur als gerecht, dass für alle Menschen und Nationen Chancengleichheit besteht, die ihnen mit der Zeit den gleichen Reichtum verschafft.

Diesen Ruf nach materieller Gerechtigkeit leuchtet ein, gleichzeitig aber sind wir uns peinvoll bewusst, dass wir als Kollektiv gegen eine unüberwindbare Barriere anprallen. Denn spätestens seit der Klimakrise sind wir mit einem neuen Faktum konfrontiert:

Die Natur spielt nicht mehr mit!

In Kalifornien, Australien, im Amazonasbecken und in ganz Sibirien brennen die Wälder – sie brennen immer öfter und immer länger. Auf den Philippinen, in Japan, China, aber auch in Teilen Afrikas und Europas wüten mit jedem Jahr heftigere Stürme. Die Eispanzer der Arktis und Antarktis schmelzen schneller als die kühnsten Prognosen der Wissenschaftler in ihren Computersimulationen vorhergesehen hatten. Der Mensch aber ist inzwischen so beängstigend „erfolgreich“, dass er unter den Säugetieren allein 36% der gesamten Biomasse bildet. Mit 60% sind die von ihm verzehrten Nutztiere vertreten, während alle Wildtiere zusammen nur noch vier Prozent bilden, also praktisch am Limit der vollständigen Ausrottung stehen.

So zeigt die Fassade der Fake Reality seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal unübersehbare und gefährliche Risse. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seit dem 21. Jahrhundert vor einem Entweder-Oder stehen. Entweder reduzieren wir innerhalb der kommenden zwei, drei Jahrzehnte unseren fossilen Verbrauch gegen Null (und den anderer knapper Res­sourcen ebenfalls auf ein sehr geringes Niveau) oder wir bewegen uns im Eiltempo dem ökologischen Kollaps entgegen.

Das Beispiel Greta Thunbergs

und der von ihr begründeten Bewegung „Friday for Future“ zeigt, dass es einer Schülerin bedurfte, um die Wahrheit über des Kaisers neue Kleider in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Greta Thunberg war mutig genug, um der Fake Reality den Kampf anzusagen. Aber kann man sich von dieser Bewegung Erfolg versprechen? Ja, auf äußerlich sichtbare Weise wohl schon. Ich kann mir gut vorstellen, dass religiöse Sekten in der Art der vor acht Jahrhunderten von Franz von Assisi gegründeten demnächst in Europa oder auch den Vereinigten Staaten entstehen werden. Ähnlich wie damals werden dann eine kleine Zahl „Heiliger“ barfuß und in Lumpen gekleidet durch die Straßen ziehen, um ihren Mitmenschen zu predigen, dass sie sich grundlegend ändern müssen, wenn der Planet auch künftigen Generationen noch Platz bieten soll. Aber genau wie damals wird sich dadurch an der tatsächlichen Situation wenig ändern. Die Sektenjünger lassen sich – wie weiland die Franziskaner – vom Rest der Bevölkerung erhalten, der sich dadurch ein gutes Gewissen verschafft und genauso weiter macht wie bisher. Die USA werden jedenfalls eisern am „American Way of Life“ festhalten, während China, Indien und Afrika laut auf ihrem Recht bestehen, ihrerseits an diesem Wohlstand zu partizipieren.

Obwohl das Ergebnis – „nämlich Kollaps –

klar absehbar ist, gibt es keine Mehrheit die für einen Abbruch /des bisherigen Wirtschaftsgebarens/ stimmen würde“ (Harald Welzer).*4* Die Frage ist, warum? Ich glaube nicht, dass alle und nicht einmal die meisten Menschen unverbesserliche, kurzsichtige Egoisten wären und deshalb unfähig, über den Tellerrand ihrer jeweiligen Augenblicksbedürfnisse hinwegzusehen. Es liegt daran, dass jeder Staat, der den Weg des Verzichts beschreitet, sich dadurch entscheidend schwächt und zum Opfer der Stärkeren macht. Würden alle von einer starken übernationalen Autorität dazu genötigt, sich gleichzeitig und gemeinsam zum Verzicht zu entschließen, so dass keiner vor dem anderen einen Vor- oder Nachteil erwirbt, dann wäre die Rettung des Planeten vermutlich überhaupt kein Problem. Auf einzelstaatlicher Ebene hat dieses Prinzip ja durchaus funktioniert. Die Aufgabe einer funktionierenden Regierung bestand von jeher darin, Menschen daran zu hindern, dass sie für einander zu Wölfen werden. Aber heute genügen nationale Regierungen nicht mehr, um mit den globalen Problemen fertig zu werden. Eine transnationale Instanz mit Entschei­dungsbefugnis ist gefordert, um dem unseligen Wettrennen der Nationen um größeren Reichtum und größere Macht ein Ende zu setzen. *5*

Der kanadische Ökologe William E. Rees

hat aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz errechnet, dass unter den gegebenen technischen Voraussetzungen zwei Milliarden Menschen – etwa eine Milliarde mehr als um 1800, als das fossile Feuer entzündet wurde – für eine nachhaltige Lebensweise vertretbar seien. *6*

Mit dieser Erkenntnis zündet die Wissenschaft eine Bombe. Die Menschheit muss ja beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurück, wo sie vor der industriellen Revolution begann. Diese Forderung macht begreiflich, warum man auf der ganzen Welt die Augen so beflissen vor der Wirklichkeit verschließt und sich lieber zum Zerrbild der Fake Reality bekennt. Denn jedem von uns ist natürlich bewusst, dass auch die beste Familienplanung die Zahl der Menschen nicht schnell genug sinken lässt, damit sie noch in diesem Jahrhundert von sieben bis zehn auf nur zwei Milliarden Menschen abgesenkt wird. Es muss aber etwas geschehen, denn das Klima kümmert sich nicht darum, wie viel Zeit wir uns nehmen.

Ich schließe aus dieser Evidenz,

dass die Katastrophe nur durch radikalen Verzicht abgewehrt werden kann. Die gesamte Menschheit muss ihren heutigen Ressourcenverbrauch auf etwas weniger als ein Siebtel reduzieren, damit wir nicht mehr als diese maximal zwei Milliarden Menschen an Ressourcen verbrauchen und an Giften in die Natur emittieren. Andererseits haben wir aber gerade argumentiert, dass jeder Einzelstaat, der mit einem solchen Schritt beginnt, ohne dass ihm die anderen folgen, nur sich selber schwächt, ohne der Natur zu nützen. Mit anderen Worten, kein Einzelstaat allein kann – und will – wirklich etwas gegen die Klimakatastrophe tun -, denn dann müsste er die eigene Bevölkerung dazu zwingen, auf Wohlstand zu verzichten, auch wenn der Rest der Welt dazu nicht bereit ist. Nur eine transnationale Instanz, vermag diese Forderung durchzusetzen, wenn sie allen Einzelstaaten zusammen den gemeinsamen Verzicht auferlegt. Aus diesem – und nur aus diesem Grunde – sehe ich in einer Weltregierung das Ziel der Geschichte, denn sie allein ist imstande die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps und der nuklearen Selbstvernichtung zu retten („Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“, Amazon).

Das ist der erste Grund, warum uns keine Grüne Partei die Wahrheit sagt. Denn eine gesetzgebende transnationale Instanz scheint im gegenwärtigen Moment noch völlig utopisch. Wir alle wollen hier und jetzt etwas tun – nicht nur die Grünen -, aber wenn wir ehrlich sind und uns nicht in das Wunschbild einer Fake Reality flüchten, sind wir zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die jetzigen Bedingungen uns zur Ohnmacht verdammen.*7* Die Situation muss für die Menschheit erst so unerträglich werden, dass sie der globalen Gefahr mit globalem Handeln begegnet – bis dahin wird man sich um die Wahrheit drücken und im Gegenteil noch diejenigen als Panikmacher verleumden, welche mit dem Finger auf die Fake Reality zeigen.

Der deutsche Ökonom Meinhard Miegel

hat es gewagt, auf vorsichtige Weise die Richtung anzudeuten, in die wir uns bewegen müssen: Er sprach von einem „Wachstumswahn“, den wir beenden müssen. *8* Das ist bemerkenswert, weil Miegel ein politisch eher konservativer Denker ist. Der Ruf, dem vermeintlich ewigen Wachstum und damit dem Zerrbild der Fake Reality ein Ende zu setzen, kommt inzwischen also aus allen Richtungen. Was Meinhard Miegel nicht sah – und wohl auch nicht sehen wollte – ist, dass der Verzicht auf Wachstum eine völlig andere Wirtschaftsordnung als die heutige zur unerlässlichen Bedingung macht. Und die Folgen eines derartigen Wandelns sind von so grundlegender Art, dass dies der zweite Grund ist, warum gegenwärtig niemand – nicht einmal die Grünen – uns die Wahrheit sagen.

Von der Notwendigkeit einer globalen Instanz, um globale Problem zu lösen, habe ich schon gesprochen. Von der Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Wirtschaftssystems wird im nächsten Artikel die Rede sein.

1. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab. Um 1700 „produzierte England fünfmal so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, fünfzigmal so viel wie China“ (Michael Mann), denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt. Es gab in England und Irland kaum mehr Bäume. Auch der Tagebau der Kohle wäre schnell an ein Ende gelangt, wenn es nicht mithilfe der Dampfmaschine gelungen wäre, diese aus den Tiefen der Erde zu fördern.

2. Und diese Herrschaft führt oft auch zu einem intensiven Verlangen, die Realität, wie sie ist, zu verdrängen. „Ich stelle mir vor: Es gibt kein Gerede mehr vom Weltuntergang, vom Anthropozän, von den irreversiblen Zerstörungen, von den planetaren Grenzen“ (Welzer, „Alles könnte anders sein“). Das ist ein Aufruf zur Verdrängung: Leute haltet euch an die Fake Reality, die ist schöner!

3. Aber auch die Erschöpfung der Ressourcen ist bedrohlich genug. Siehe Ugo Bardi, „Der geplünderte Planet“.

4. Welzer, op. cit.

5. Im Einzelnen habe ich diese Perspektive in meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Amazon Kindle und Taschenbuch) ausgeführt.

6. Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

7. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Tausend für die Umwelt sinnvolle Aktionen werden schon jetzt und werden in Zukunft von den meisten Staaten ausgeführt werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Verbot der FCKW, um die Zerstörung der Ozonschicht zu beenden. Dennoch werden die entscheidenden Maßnahmen nicht vollzogen, nämlich solche, welche einem Staat im Wettrennen um die größere Macht und Wirtschaftsstärke allen anderen gegenüber ernstliche Nachteile bringen. Keine Nation wird – außer, wenn sie dazu gezwungen wird – ihren Ressourcenverbrauch auf etwa ein Siebtel reduzieren, wie es für nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft notwendig sein wird.

8. Siehe Meinhard Miegel, „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Propyläen 2010.

It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. Diese Krankheit ist mit dem Gegensatz von rechtem und linken Lager nur unzulänglich benannt, denn diesen gibt es schon seit dem 18ten Jahrhundert – er gehört sozusagen zur demokratischen Normalität. Auch der drei Jahrhunderte währende Widerspruch zwischen den beiden einander entgegengesetzten Idealen von Gleichheit und Freiheit wird der Situation nicht gerecht. Die Linken wollten und wollen mehr Gleichheit, die Rechten mehr Freiheit.

Doch der Antagonismus zwischen Gleichheit und Freiheit

mutet veraltet an. Die wenigsten hören noch hin, wenn SPD, SPÖ, der italienische Partito Democratico, Frankreichs oder Spaniens Sozialisten ein Mehr an Gleichheit fordern. Die Botschaft kommt nicht mehr an – linke Parteizeitungen sind passé oder werden kaum noch gelesen. Mancher wird – so wie Ralf Dahrendorf schon in den neunziger Jahren – diesen Befund mit der eigentlich ja höchst erfreulichen Tatsache erklären, dass die demokratischen Sozialisten ihr Ziel gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa erreichten und sich selbst deshalb überflüssig machten. Das ist zweifellos richtig, denn die Bevölkerungsmehrheit erfreut sich in den Ländern des Westens eines materiellen Lebensstandards wie niemals zuvor. Zwar ist Gleichheit inzwischen eher stärker bedroht, da die Zahl der Superreichen sich stetig vergrößerte, diese Tatsache erregt aber heute kaum oder zumindest weit weniger Protest, seit Ungleichheit nicht mehr wie die längste Zeit menschlicher Geschichte Hunger und frühen Tod für die Benachteiligten bedeutet, sondern auf hohem Niveau in einem Wohlfahrtsstaat stattfindet.

Der Kampf gegen Ungleichheit – das klassische Thema der Linken – erregt im Westen kaum noch die Gemüter, aber nicht anders verhält es sich mit dem Kampf für die Freiheit – dem klassischen Thema der Rechten. Vielmehr haben die beiden Volksparteien in ganz Europa als ihr eigentliches Ziel Wohlfahrt für alle zu ihrem Programm gemacht – in Deutschland wurde die CDU unter Angela Merkel geradezu sozialdemokratisch. Freiheit und Gleichheit waren die Parolen, denen im 18ten Jahrhundert die Aufklärung ihre politische Brisanz und Faszination verdankte, heute spielen beide Begriffe im politischen Diskurs nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Bruchlinien verlaufen an anderer Stelle. Was ist passiert?

Das ist nur zu verstehen,

wenn wir den Blick auf jene Parteien richten, die in den vergangenen Jahrzehnten – manche würden sagen – wie Giftpilze in die Höhe schossen. In Deutschland haben wir die AfD, in Italien die Lega, in Frankreich den Front National (heute Rassemblement National), in Ungarn Fidesz, in Polen die PiS. Shinzo Abe hat in Japan die Liberal-demokratische Partei in die gleiche Richtung geführt, ebenso Donald Trump in den USA die von ihm geistig vergewaltigten Republikaner. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Westen sich mit diesen Bewegungen „globalisierte“ – er macht sich eine weltweit verbreitete Tendenz zu autoritären Regierungsformen zu eigen.

Außerhalb des Westens ist China diesen Weg ja schon seit Jahrzehnten konsequent gegangen, ebenso Indien unter den Hindunationalisten, und Russland hat ihn unter Putin eingeschlagen. In das alte Schema von rechts versus links sind weder die neuen autoritären Parteien des Westens noch die der übrigen Welt einzugliedern. So etwa lassen China, Russland und Indien Freiheit genau in dem Maße zu, wie sie der ökonomischen Stärkung des eigenen Landes dient, nämlich um die private Initiative zu mobilisieren und ausländische Investoren ins Land zu locken. Sie unterdrücken Freiheit aber bedenkenlos und oft auch brutal, sobald sie innere Widersprüche aufkommen und den sozialen Zusammenhalt zu schwächen droht. Der Gleichheit geben sie ebenfalls eine eigene Bedeutung. Sie wird nicht materiell aufgefasst – man vergesse nicht: nirgendwo gibt es mehr Milliardäre als in China und nirgendwo wird spektakulärer Reichtum so unverschämt paradiert wie von Russlands neureichen Oligarchen. Umso mehr Wert legt man dagegen auf die Gleichheit der Weltanschauung, die – moralisch untermauert – vor allem aus einem nationalistischen Credo besteht.

Bezeichnet man die autoritären Parteien als „rechts-extrem“, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie keineswegs rechts im klassischen Sinn sind, denn Freiheit spielt für sie keine Rolle. Sie sind aber auch keine erklärten Gegner materieller Gleichmacherei, so wie das früher einmal für das rechte Lager bezeichnend war. Gleichheit spielt bei ihnen sehr wohl eine Rolle, aber – wie schon gesagt – im strikt ideologisch verstandenen Sinn als Gleichheit der Weltanschauung. Es wäre also viel richtiger, diese Parteien schlicht „nationalistisch“ bis „chauvinistisch“ zu nennen. Von der AfD über die Lega bis zu Trumps Amerika, Putins Russland und Xi Jinpings China beschwören sie die Einzigartigkeit und Größe des eigenen Landes, die sie um jeden Preis erhalten und stärken wollen.

Ihre Gegner, die man wohl am treffendsten als „Kosmopoliten“

bezeichnet, rekrutieren sich nahezu überall aus den höher gebildeten Schichten (eine Ausnahme scheint nur China zu bilden, wo die Partei die Intellektuellen in ihre Reihen zieht). Immer schon war es ein Vorrecht der Gebildeten einen Blick über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus auf die übrige Welt zu werfen. Die westliche Forschung – Anthropologie, Soziologie, Psychologie – ist ihnen dabei während der vergangenen Jahrzehnte mit eindeutigen Resultaten vorangegangen. Das Ergebnis: Seit mindestens 50 000 Jahren (aber vermutlich schon sehr viel länger) sind Menschen einander überall auf der Welt genetisch und psychologisch gleich. Diese Einsicht ist historisch vollkommen neu. Zwar stimmt es, dass monotheistische Religionen wie das Christentum oder der Islam die Einheit der Menschheit schon sehr viel früher postulierten, doch umfasste sie nur die Gläubigen – Heiden und Ketzer wurden regelmäßig bekämpft, wenn nicht ausgerottet. Auch die amerikanische und französische Revolution haben die Gleichheit aller Menschen nur in der Theorie proklamiert, in der Praxis galt bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch als ausgemacht, dass andere „Rassen“ – speziell die schwarzen, gelben und roten – der weißen weit unterlegen seien. Deshalb bestanden bis dahin auch wenig Skrupel, sie militärisch zu unterwerfen und ökonomisch auszubeuten.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts

hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Zunächst ist die Forschung zu dem Schluss gekommen, dass alle Unterschiede zwischen den Menschen allein auf anerzogenen kulturellen Besonderheiten beruhen – mit anderen Worten, dass sie – so wie die Kultur selbst – modifizierbar sind. Wichtiger als die Forschung, deren Ergebnisse selten das Denken der Öffentlichkeit bestimmen, war jedoch die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Staaten wie Japan, die ehemaligen ostasiati­schen Tiger und China einen so fulminanten Aufstieg erlebten. Dieser ungeheure praktische Erfolg von Staaten, die noch vor hundertfünfzig Jahren für den durchschnittlichen Europäer kaum existierten, hat auf eine für jedermann evidente Weise die alten Vorurteile entkräftet. Von da an ließ sich nicht länger leugnen, dass andere Völker unter entsprechenden Bedingungen genauso „tüchtig“ oder vielleicht sogar noch tüchtiger sind als wir selbst. Nicht nur unter den Gebildeten, sondern selbst in großen Teilen der Bevölkerung wurde nun stillschweigend die Forderung akzeptiert, andere Menschen überall auf der Erde als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen.

Zumindest für die Mehrheit der Intellektuellen

und eine kurze Zeit sogar für einen großen Teil der Bevölkerung resultierte diese Erkenntnis in der Bereitschaft zur offenen Tür, die auch gern sperrangelweit geöffnet sein durfte. Wenn alle Menschen einander gleich und gleichberechtigt sind, gibt es ja keinen vernünftigen Grund, warum nicht jeder (zumindest solange dies ökonomisch möglich erscheint) Zugang zum eigenen Land genießen solle. Dieser Schluss scheint vielen so evident und unanfechtbar, dass er gerade vonseiten der Intellektuellen wie ein neues Ideal verfochten wurde – mit gleicher Überzeugung – und mehr und mehr auch mit gleicher Unduldsamkeit – wie früher einmal die Ideale von Freiheit und Gleichheit.

Immigration ist also keineswegs zufällig zu einem Kampfwort geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die „Aufgeklärten“ rennen gegen die „Nationa­listen“ mit gleichem Fanatismus an, wie umgekehrt die Nationalisten gegen die Aufgeklärten. Beide verweigern einander das Gespräch, so als fehlte den jeweili­gen Gegnern nicht nur die Vernunft, sondern die Existenzberechtigung überhaupt. Die einen sehen in den Aufmüpfigen eine Art von minderbemittelten Affen, die sich unbegreiflicherweise im Land der Anständigen und Aufrechten breit gemacht haben, die anderen sprechen von „Scheißliberalen“ – mit anderen Worten, dieser Kampf erinnert an die Glaubenskriege früherer Zeiten, wo Katholiken sich weigerten mit den Protestanten, Sunniten mit Schiiten, Christen mit Muslimen, Sozialisten mit Kapitalisten an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihn zu reden. Für jeden stand die eigene Wahrheit unverrückbar fest, während man die des Gegners als menschenunwürdig oder tabu erklärte. Damals wurden solche Konflikte regelmäßig durch Gewalt und Krieg entschieden – heute durch soziale Ächtung.*1*

Ideologische Feindschaften haben in der Regel

wenig mit den vorgegebenen Idealen, dagegen sehr viel mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zu tun. Auf geringem geistigen Niveau lief der Gegensatz der Ideale von Gleichheit und Freiheit schlicht darauf hinaus, dass die einen sich im Namen der Gleichheit den Reichtum und die sozialen Positionen aneignen wollten, welche die Begünstigten schon besaßen, während Letztere im Namen der Freiheit umgekehrt ihre erworbene Stellung auf keinen Fall räumen wollten. 

Der Gegensatz zwischen Kosmopoliten und Nationalisten reicht in größere Tiefen. Die generelle Menschenliebe ist eine typische Intellektuellenhaltung, begründet auf Erkenntnis und einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Aber es ist ein abstraktes Ideal: Wir kennen nur Menschen – die Menschheit überhaupt ist ein Begriff, dem alle Anschauung fehlt. Der Durchschnittsbürger weiß daher auch wenig oder gar nichts mit ihm anzufangen. Er liebt seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und allenfalls die Menschen, die seine Sprache reden und so denken und fühlen wie er. Für ihn, wie für fast alle Menschen seit Beginn ihrer Geschichte existiert nur die Nächstenliebe – die Fernstenliebe zu Menschen, die er nicht kennt, ist ihm fremd. Daran hat sich auch durch die Einführung von Zeitungen, Briefverkehr und die sozialen Medien unserer Zeit nichts Grundlegendes geändert. Tiefe menschliche Bindungen setzen immer noch den Austausch von Gefühlen und die direkte physische Nähe voraus. Das haben inzwischen sogar die Unternehmen einsehen müssen. Videokonferenzen werden nur abgehalten zwischen Leuten, die einander aus persönlichen Begegnungen bereits gut bekannt sind. Andernfalls macht gegenseitiges Misstrauen den Abschluss von haltbaren Verträgen nahezu unmöglich.

Der Gegensatz zwischen Nächsten- und Fernstenliebe

hat mit unserem Thema sehr viel zu tun. Um es in der Gesellschaft aushalten zu können, kommt es nicht darauf an, dass wir Muslime in Afghanistan, Schiiten in Persien oder die Bantu des Kongo für gleichwertige Menschen halten – diese Einsicht ist für unsere Theorie vom Menschen von größter Bedeutung, sie ist aber belanglos für unser Wohlergehen in der Gesellschaft, in der wir heimisch sind. Dort kommt es vielmehr darauf an, dass wir die Menschen in unserer Um­gebung achten, schätzen und lieben können und umgekehrt dieselbe Achtung von ihnen erfahren. Nun ist es allerdings ein Faktum, dass die moderne Wettbe­werbsgesellschaft zwar einerseits Reichtum wie nie zuvor erzeugte, aber dass sie andererseits die Menschen mehr isoliert und voneinander entfremdet hat. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft hat sie aus allen festen Bindungen herausgerissen; der dauernde technische Wandel, die erzwungene Bereitschaft jederzeit disponibel zu sein und den Wohnort und damit auch Freunde und Partner zu wechseln – all dies hat die moderne Gesellschaft atomisiert und dazu beigetragen, die isolierten Individuen in eine soziale Leere zu verstoßen, wo gegenseitige Achtung, Wertschätzung oder gar Liebe zunehmend verkümmern. In dieser Situation erscheint alles Neue mehr und mehr als Bedrohung – vor allem auch fremde Menschen mit abweichenden Gewohnheiten und Überzeugungen. Der Protest gegen die eigene Zeit und ihre als unzumutbar empfundenen Herausforderungen äußert sich dann in einem Festhalten an den Resten von Identität, die man aus der Vergangenheit schöpft. In den neuen Bundesländern, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ immer noch Desorientierung bis hin zum Verfall vorherrschen, besteht die verlorene Identität aus den nostalgisch beschworenen Zuständen der einstigen DDR, wo das Leben für viele weit ärmlicher war, aber dennoch als sozial befriedigender empfunden wurde. Marx hat den Begriff der Entfremdung auf das Verhältnis des Menschen zu den von ihm produzierten Dingen verwendet, aber die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch war und ist immer das eigentliche Problem, denn sie schlägt viel tiefere Wunden. Darüber hinaus schöpfen die Nationalisten ihre Identität nicht aus den großen Epochen der deutschen Geschichte, von denen sie genug Gutes lernen könnten, sondern das Ungenügen an der Gegenwart – bei vielen bis zum Hass gesteigert – verführt sie dazu, sich an dem Schandfleck deutscher Geschichte zu orientieren, den unseligen dreizehn Jahren, wo der pure Hass das Basso continuo war.

Hierin liegt die große Gefahr,

der man nicht gerecht wird, wenn man ihre Ursachen nicht in den Blick bekommt. Anders gesagt, sollten die Gebildeten in Europa ihre Überlegenheit nicht durch hochmütige Verachtung der extremistischen Bewegungen zum Ausdruck bringen, sondern sich fragen, warum diese überhaupt entstehen konnten? Fast ein halbes Jahrhundert vom Ende des zweiten Weltkriegs gerechnet gab es den virulenten Nationalismus ja praktisch nicht (in homöopathischer Dosis sind freilich alle Abartigkeiten in jeder Gesellschaft in jedem Moment präsent). Warum hat die AfD – ursprünglich eine Partei von Professoren, die mit durchaus ernstzunehmenden Argumenten den Euro bekämpften – sich nach Angela Merkels Flüchtlingspolitik plötzlich in eine Partei von Fremdenhassern verwandelt? Warum wurden überall in Europa und in anderen Staaten des Westens die nationalistischen Bewegungen so sehr gestärkt? Könnte es sein, dass die Gebildeten sich letztlich als halbgebildet entpuppen, weil ihnen Ursachenforschung und vor allem die Beseitigung der Ursachen selbst als zu aufwändig erscheinen? Könnte es sein, dass es ihnen viel befriedigender erscheint – ein Charakteristikum aller begünstigten sozialen Schichten – auf die armen Irren herabzublicken, weil man sich selbst dann so überlegen fühlen darf? Man sollte sich zumindest bewusst sein, dass Ausgrenzung, Verweigerung des Gesprächs, Verachtung und die mangelnde Bereitschaft, die Ursachen zu bekämpfen, für die Demokratie auf Dauer ein tödliches Gift sind.

Die Wettbewerbsgesellschaften

haben Reichtum auf Kosten des sozialen Zusammenhalts geschaffen. Das Tempo der Neuerungen ist für viele Menschen zu groß; es überfordert sie und verlangt von ihnen zu viele Opfer. Man hat den Menschen ihre Identität genommen oder richtiger, man verlangt von ihnen, Identitäten fortdauernd zu wechseln oder auch ganz auf sie zu verzichten. Manche Intellektuelle wie Isolde Charim in Österreich gießen noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie diese Entwicklung ausdrücklich für richtig und unausweichlich erklären. Doch wenn man die Menschen ihrer Identität beraubt, beeilen sich Populisten und Demagogen, die entstehende Leere mit künstlichen Identitäten zu füllen – meistens solchen, welche den schlimmsten Perioden der eigenen Geschichte, solchen des Hasses entstammen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden extremistische Bewegun­gen in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker werden, da nichts gegen ihre Ursachen getan wird.

Der Kosmopolitismus der Eliten

ist zweifellos zu einer welthistorischen Notwendigkeit geworden. Alle existenziellen Gefahren, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist: die Erschöpfung der Ressourcen, die Vergiftung der Natur (Klimakrise), das neuerdings wieder stark gestiegene Risiko einer nuklearen Konflagration sind nur noch global in dem Bewusstsein zu lösen, dass wir alle uns im selben fragilen Boot befinden. Doch wenn dieser Kosmopolitismus zur Entwurzelung führt, weil er die einzig emotional reale Nächsten- durch eine abstrakte Fremdenliebe ersetzt, wird es keine Bereitschaft geben, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Denn globales Denken setzt die lokale Verankerung voraus, den Regionalismus. Echte menschliche Gemeinschaft, die Voraussetzung für ein erfülltes Leben, kann immer nur hier entstehen.

1. Die erstaunlichste Hetze in Nachkriegsdeutschland musste Thilo Sarrazin erleiden, weil er ein Tabu unserer Zeit verletzte. Er hatte einen kleinen Fehler gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre begangen, als er die Möglichkeit in Betracht zog, die besondere Leistungsfähigkeit der Juden genetisch zu begründen. Abgesehen davon hat er aber die mangelnde Integration vor allem der arabischen und türkischen Immigranten ausschließlich auf kulturelle Ursachen zurückgeführt. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten auch die überzeugtesten Kosmopoliten dagegen keinen Einspruch erheben dürfen. Man erinnere sich an den großen Alexis de Tocqueville, der mit einer gewissen Bewunderung davon sprach, dass die Indianer Nordamerikas sich nicht der Lebensweise der Weißen anpassen wollten, weil ihr Stolz ihnen dies verbiete: Feld- und Industriearbeit waren in ihren Augen nur für Sklaven gemacht. Tocqueville als Nachfahre einer adligen Familie wusste, wovon er sprach. So klar wie Sarrazin erkannte er die kulturellen Gründe für solches Verhalten – Gründe, die sich langfristig völlig ändern können, aber eben nicht über Nacht.

Noch vor Trump zeigte sich in Deutschland, dass man den Blick auf die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht erträgt und diejenigen verfolgt, die sie ohne Beschönigung beschreiben. Die selbstdeklarierten Anständigen und Aufrechten halten sich an die Fake-Reality – die Wirklichkeit, so wie man sie sehen möchte. Kann man eine Situation wirklich verbessern, wenn man nicht den Mut besitzt, sie vorher nüchtern zu analysieren?

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden viele sportliche Meisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Nicht nur in den Arsenalen des Militärs,

auch in den Herzen der Menschen hatte sich viel Sprengstoff angesammelt. Im ersten Moment der Kriegserklärung waren viele Menschen in ganz Europa zeitweise von Enthusiasmus überwältigt. „Der Krieg von 1914… diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt… Darum gingen, darum jubelten die Opfer damals trunken der Schlachtbank entgegen, mit Blumen bekränzt und mit Eichenlaub auf den Helmen, und die Straßen dröhnten und leuchteten wie bei einem Fest“ (Stefan Zweig).

Nicht wenige Militärs und Politiker an der Spitze des Staates ahnten freilich, welches Unheil der Krieg bringen würde, nur gab es für niemanden mehr ein Zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Politiker ließen sich mehr oder weniger willig treiben und trieben ihrerseits die Völker in die Vernichtung.

Heute wird die Welt erneut getrieben,

aber nirgendwo auf der Welt wird der Krieg mit Enthusiasmus begrüßt, weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Rivalen. Nicht einmal vom amerikanischen Präsidenten. Es fällt ja schwer, Donald Trump überhaupt noch etwas zu glauben, denn er vermischt Wahrheit und Lüge nach eigenem Gutdünken, doch wird man ihm wohl abnehmen dürfen, dass er den Krieg mit Iran nicht vom Zaun brechen will, denn bis jetzt hat er seine Versprechungen dem eigenen Wahlvolk gegenüber weitgehend eingehalten – und zu diesen Versprechen gehörte eben auch die Verminderung der militärischen Präsenz der USA außerhalb ihrer Grenzen. Warum also zeigt der derzeitige amerikanische Präsident der Welt ein so unerfreuliches Gesicht? Warum sind die USA spätestens seit George W. Bush nicht mehr, was sie so lange wären, nämlich ein Schutzschild für Europa, dem dieses während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seine Freiheit und seine Prosperität verdankte?

Im Jahr 1961 nach Abschluss

seiner zehnbändigen Geschichte der menschlichen Zivilisationen befand Arnold Toynbee, dass das „American Empire“ zwei Merkmale besaß, die es von dem zwei Jahrzehnte zuvor untergegangenen Imperium Großbritanniens unterschied: Militärbasen in Hülle und Fülle und die Betonung einer großzügigen Wirtschaftshilfe für die eigenen Bündnispartner. Durch eine Politik, die „beispiellos in der Geschichte der Imperien“ sei, habe Amerika „seine imperiale Position für Wirtschaftshilfe zugunsten der Völker unter seiner Herrschaft genutzt, anstatt… sie wirtschaftlich auszubeuten“. Ja, die USA waren im Großen und Ganzen ein milderer Hegemon als alle vorangegangenen Großmächte. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffene Pax Americana sollte sich in der Tat für die ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnte für die meisten Satellitenstaaten der USA als Vorteil erweisen. Der US-Historiker Alfred McCoy bemerkt zu Recht, dass „die Vereinigten Staaten all ihr Prestige und ihre ganze Macht in die Bildung einer neuen Weltordnung durch dauerhafte internationale Institutionen investierten: die Vereinten Nationen (1945), den Internationalen Währungsfonds (1945) und das Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel (1947), den Vorläufer der Welthandelsorganisation…..“

Man muss die Rolle der Vereinigten Staaten als friedens- und ordnungsschaffende Macht

ausdrücklich betonen, bevor man auf ihren derzeitigen Präsidenten und die Gefahr zu sprechen kommt, die dieser in unseren Tagen so massiv und so mutwillig heraufbeschwört und damit den Ruf einer großen Nation in den Augen der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleich nach seinem Amtsantritt beging der neue Herr im Weißen Haus die unverzeihliche Dummheit, beinahe sämtliche Maßnahmen seines Vorgängers zu konterkarieren. Unter großen Mühen hatte Obama mit Hilfe der Alliierten einen Vertrag ausgehandelt, der Iran dazu verpflichtet, Atomkraft ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen und sich der Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEO zu unterziehen. Trump zerriss den Vertrag und verspielte auf diese Weise leichtfertig das Prestige der USA als Vertragspartner, auf den man sich im Ausland verlassen kann. Wie soll man einem Staat noch glauben, wenn jeder Präsident die Verpflichtungen seines Vorgängers annulliert?

Und dann noch die unglaubliche Naivität, mit der ein Donald Trump Geschäftspraktiken auf die internationale Politik überträgt! Vorherrschendes Kriterium beim Abschluss von Deals unter Businesspartnern ist der jeweilige Nutzen. Man kann mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, dass kein Konkurrent, setzt man ihm die Pistole auf die Brust, für ein paar Dollar weniger das eigene Leben riskiert.

Diese Einsicht glaubte der Immobilienmakler Trump auch auf die Politik übertragen zu können. „Nachgeben werden sie, sobald ich ihnen die Pistole auf die Brust setze – und dann machen wir einen Deal!“, so etwa lautet die schlichte Philosophie, nach der der derzeit mächtigste Mann agiert. 

Die Pistole, das sind in diesem Fall nicht allein Maßnahmen,

um die iranische Wirtschaft zu schleifen. Die Ausfuhr von Erdöl, dem das Land seinen mäßigen Lebensstandard verdankt, ist weitgehend gedrosselt, etwaige Embargobrecher müssen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb erfüllt auch Europa seine Verpflichtungen gegenüber Iran nicht mehr. Es hat seine Geschäftsbeziehungen weitgehend abgebrochen, um nicht den Boykott seiner eigenen Firmen durch die USA zu riskieren.

Trump ging aber noch einen Schritt weiter. Es genügte ihm nicht, die iranische Wirtschaft abzuwürgen. Damit seine Botschaft auch ganz bestimmt richtig verstanden wird, lässt er seit Beginn dieses Jahres auch das Militär aufmarschieren. Zwei Flugzeugträger sind seit kurzem vor der Küste Irans stationiert, dazu strategische Bomber B-52, vermehrt um die neuesten Tarnkappenbomber vom Typ F-35 und eine schnell wachsende Zahl von US-amerikanischen Soldaten. Sie alle wurden und werden gegenwärtig an den Persischen Golf verlagert.

Nur ein politisch blinder, in hohem Grade egozentrischer Geschäftsmann

wie Donald Trump konnte allen Ernstes glauben, dass es genügen würde, mit Flugzeugträgern und Bombern vor der Küste des Gegners zu spielen, um diesem bewusst zu machen, dass er einem Trump nicht gewachsen ist. Inzwischen ist der Iran ein konventionell hochgerüsteter Staat, der nach Meinung von Experten in einem Erstschlag durchaus in der Lage ist, sämtliche amerikanischen Militärbasen am Golf mit höchst effizienten Raketen aus eigener Produktion auszuschalten. Dieses Land ist nicht mit dem Irak, mit Libyen oder Syrien zu vergleichen. Die Mullahs sind sich ihrer Stärke inzwischen durchaus bewusst, zumal das Vorgehen Trumps ihnen die Bevölkerung neuerlich in die Arme treibt, nachdem sie diese zuvor schon beinahe verloren hatten. Wie mehrere frühere Aufstände beweisen, hat das Regime sich auch in der eigenen Bevölkerung keineswegs ungeteilter Zustimmung erfreut. Vielmehr hat es seine Herrschaft nur mit Hilfe von polizeistaatlicher Repression aufrechtzuerhalten vermocht.

Doch ebenso wie Donald Trump

es verstand, die Menschen Venezuelas abermals in die Arme ihres unfähigen Autokraten Maduro zu treiben, schließt er nun die Bevölkerung des Iran hinter ihrer Führung zusammen – und das, obwohl es dem Land und seinen Bewohnern aufgrund der Blockade seit Beginn der Revolution niemals so schlecht ging wie heute. Trump ist ein Meister darin, Amerika nicht zur Nummer eins zu machen, wie er es nach eigener Propaganda bezweckt, sondern ringsumher für immer mehr Feinde zu sorgen. Abe Shinzo, der japanische Premier, ist da noch eine seltene Ausnahme. Wie vor ihm der deutsche Außenminister Heiko Maas, versuchte er am 13. Juni vergebens, das zerschlagene Porzellan zu kitten. Ayatollah Khamenei hat ihm gegenüber ausdrücklich klargestellt, dass der Iran mit dem amerikanischen Präsidenten nur verhandelt, wenn dieser zuvor die Sanktionen und den militärischen Aufmarsch gegen sein Land beendet.

Nun stehen die Feinde einander mit entsicherten Pistolen gegenüber

Niemand kann mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie will Trump die Flugzeugträger zurückbeordern, ohne von der Welt als Verlierer verspottet zu werden? Und wie soll das Regime der Ayatollah unter vorgehaltener Pistole nachgeben können, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren und im Vorderen Orient als Schwächling verlacht zu werden? Anders als im Geschäftsleben geht es hier nämlich um Ehre und nationales Prestige, Begriffe, die zwischen Nationen niemals aus der Mode gekommen sind – in den USA genauso wenig wie im Iran. Trump hat sein Land, ohne es zu wollen, nur aufgrund seiner Unfähigkeit für das Amt, in dieses Patt gesteuert, aus dem es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt. Ich halte einen Krieg für unabwendbar; doch das ist natürlich nur eine persönliche Meinung. Glücklicherweise hat die Geschichte niemals Prophezeiungen mit absoluter Sicherheit zugelassen.

Vorerst wartet noch jeder der beiden Kontrahenten auf eine Dummheit des anderen,

also auf den ersten Akt der Aggression, um dann mit geballter Macht zuzuschlagen: die Iraner mit einem Raketenüberfall auf sämtliche Basen und Schiffe der Amerikaner; die Amerikaner mit augenblicklichen Angriffen ihrer Tarnkappenbomber auf sämtliche militärische Stellungen und Radarposten der Iraner. An Provokationen fehlt es schon jetzt nicht. Heute, am 13. Juni, sind mehrere Tanker im Golf von Oman beschossen worden. Es gibt Gruppierungen genug, die den Krieg herbeisehnen und ihn sogar um jeden Preis herbeiführen wollen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen, deren Länder seit Jahren so fürchterlichen Verwüstungen ausgesetzt sind wie Syrien, der Irak, Jemen oder Libyen nichts zu verlieren haben, sondern im Gegenteil den Krieg, wenn er schon sein muss, gern noch auf den Rest der Welt übertragen.

Natürlich wird Amerika den Krieg gegen Iran in wenigen Tagen oder zumindest Wochen gewinnen,

aber Trump und sein Nachfolger werden den Frieden so wenig wie in Libyen herstellen können. Die Meerenge von Hormuz wird aufgrund von permanentem Terror möglicherweise für Jahre gesperrt sein – was nichts anderes heißt, als dass die Hauptschlagader für die Ölversorgung westlicher Länder auf Dauer blockiert sein wird. Mit dem bisherigen Wohlstand Europas, Japans und vieler weiterer Staaten ist es dann erst einmal vorbei.

Doch wir sollten bei einem Krieg in der Ferne nicht nur an eigene Verluste denken: Der Iran – wie Syrien und der Irak ein weiteres Land das sich einiger der größten Zeugnisse menschlicher Zivilisation rühmen kann – wird so wie jetzt schon weite Gebiete im ganzen Vorderen Orient in Schutt und Asche versinken. Das aber geschieht aus keinem anderen Grund, als weil ein unbedarfter amerikanischer Präsident mit Geschäftspraktiken, die unter Maklern Erfolg haben mögen, leichtfertig in der großen Politik experimentiert.

Trump hat die Parole „America First“ ausgegeben

Das kann man ihm schwer zum Vorwurf machen. Jeder Staatsmann ist durch seinen Eid verpflichtet, vor allem dem eigenen Land zu nützen. Wirkliche Staatsmänner waren allerdings klug genug, dieses Vorgehen nicht an die große Glocke zu hängen. Genau das tut der derzeitige Präsident. Er könnte seinem Land und der Welt mehr schaden als irgendein früherer. Jetzt müsste schon ein Wunder geschehen, damit das Kriegsfeuer nicht im Iran auflodert, die Enge von Hormuz nicht vermint wird, der Stopp der Ölversorgung Europa nicht ins Chaos stürzt.

Immerhin, ein kleines Wunder ist jetzt schon sichtbar. Kaum jemand scheint zu ahnen, welche Dämonen uns gegenwärtig belauern. So wenige, dass viele Leser diese Zeilen vermutlich als reine Panikmache betrachten. Hoffentlich haben sie Recht!

Der Fluch der Globalisierung

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt. Der Fluch der Globalisierung weiterlesen

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Trump – die transatlantische Ego-Trompete

Was passiert mit einem Land, wo einige der besten Universitäten beheimatet sind und viele der intelligentesten Bücher über Soziologie, Politik, Wirtschaft entstehen, anders gesagt, wo nicht wenige der weltbesten Intellektuellen zu Hause sind – was passiert, wenn dort ein Mann an die Spitze gelangt, der eher als Inkarnation aus einem Comic-Heft erscheint, sozusagen als Avatar von Dagobert Duck, freilich mit einem noch weit aufgeblasenerem Ich – ein Mann, der absolut keine Gelegenheit versäumt, die eigene Unwissenheit vor aller Welt zu demonstrieren, zum Beispiel wenn er wie ein wiedergeborener Obelix die angeblich in der Klimafrage irregeleiteten Wissenschaftler aller Welt in die Schranken weist: Die spinnen! Trump – die transatlantische Ego-Trompete weiterlesen

Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt

(auch erschienen in "Humane Wirtschaft" 3/2017)

Im Zusammenleben der Nationen wird Stärke durch zwei Vorzüge bestimmt, die man – je nachdem – auch als Waffen bezeichnen kann: durch Technik einerseits, durch Sinn auf der anderen Seite, beide von gleicher Wirkmächtigkeit. Der Sinn, die Technik und warum die Zeit der „Führer“ zurückkommt weiterlesen

Donald John Trump – wie konnte das passieren?

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Aber ist die Frage überhaupt richtig gestellt? Sollte man nicht eher anders herum formulieren? Wie hätte Washington mit seiner elitären Politik, die sich um das eigene Volk immer weniger schert, einen Trump überhaupt verhindern können? Donald John Trump – wie konnte das passieren? weiterlesen