Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden Weltmeisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung

(Vortrag gehalten am 2. Oktober 2018 im Schlossbergsaal der Steiermärkischen Sparkasse als „Impulsreferat“. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass meine Impulse resonanzlos in dem schönen Saal der traditionsreichen Sparkasse verhallten. Vielleicht waren sie schlicht zu schwach oder unbedeutend, vielleicht schossen sie aber auch am Erwartungshorizont der Anwesenden vorbei in eine zu weite Ferne)

 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, an diesem Diskussionsabend teilnehmen zu können, möchte mich dafür auch vor allem beim Steirischen Wirtschaftsbund herzlich bedanken. Sie haben einen Referenten als Impulsgeber eingeladen, werden sich nun aber damit abfinden müssen, dass damit eine unerwartete Beigabe einhergeht, eine musikalische Umrahmung sozusagen, da ich von einer kürzlichen Verkühlungsattacke immer noch nicht vollständig genesen bin und mit gelegentlichen Hustenanfällen daher leider zu rechnen ist. Für alle Fälle habe ich den Text zu Papier gebracht, sodass er notfalls auch vom Moderator verlesen werden könnte. Also noch einmal meinen herzlichen Dank!

„Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung“, das ist die Überschrift, die ich meiner Einführung geben möchte, allerdings beginne ich mit der Bedrohung, auf diese Weise sparen wir uns den erfreulichen Teil, den Optimismus, für das Ende auf. Lassen Sie mich mit den Banken beginnen, auch wenn das reichlich gewagt ist, da ich hier in einer der führenden Sparkassen des Landes vor einem Publikum von Experten rede. Ich werden Ihnen da schwerlich viel Neues sagen könne, hoffe aber, das Alte in verändertem Licht zu präsentieren.

Es scheint mit geraten, zwischen vier Kategorien von Banken, bzw. bankähnlichen Institutionen zu unterscheiden; der Notenbank, den unlizenzierten Schattenbanken, den Großbanken wie der Deutschen oder der Commerzbank und schließlich der Masse jener Sparkassen und Geschäftsbanken, die einst das Rückgrat, den Inbegriff und auch den Ursprung des Bankwesens bildeten.

Notenbanken sind dazu da, die Wirtschaft ja nach ihrer Leistung mit Geld zu versorgen, denn die Zirkulation der Gütern setzt einen parallelen Kreislauf von Geld voraus. Die EZB sieht es darüber hinaus als eine ihrer Aufgaben an, das Niveau der Preise konstant zu halten. Man muss leider feststellen, dass die Notenbanken keiner der beiden Aufgaben wirklich erfüllten, ja, in Zeiten der Krise nicht einmal erfüllen konnten. Das hängt damit zusammen, dass sie die Kontrolle über das Geld an Private abgeben, sobald sie es über die Geschäftsbanken in den Wirtschaftskreis einschleusen. Private haben nämlich die Möglichkeit, die Geldmenge zu vergrößern bzw. umgekehrt, sie zu vermindern.

Es gehört zu den Absurditäten unserer Auffassung von Recht und Gerechtigkeit, dass die Vermehrung der Geldmenge, sprich, die Fälschung des Geldes immer aufs allerhärteste bestraft worden ist, nicht selten mit dem Tod. Seine Verminderung, deren Wirkungen ungleich tiefer reichen und viel verheerender sind, wurden nie bestraft. Natürlich denke ich bei Verminderung nicht an das Vorgehen von Geisteskranken, die einen 500 Euroschein ins Feuer werfen. Solche Neigungen scheinen eher wenig verbreitet. Ich denke an die Stockung des Geldkreislaufs. In der nun schon zehn Jahre zurückliegenden Immobilienkrise war der Interbankenverkehr zeitweise völlig ausgetrocknet. Keine Bank war bereit, der anderen noch einen Kredit zu gewähren, man fürchtete die Leichen im Keller des Nachbarn und dass das eigene Geld dort wie in einem schwarzen Loch versickern würde.

Aber der klassische Fall eines totalen Wirtschaftszusammenbruchs, weil das Geld sich nicht länger bewegte (seine Umlaufgeschwindigkeit gegen Null abfiel), obwohl sich an seiner physischen Menge überhaupt nichts verändert hatte, ist bis heute der Schwarze Donnerstag vom 29. Oktober 1929. Der Kreislauf des Geldes stockte, und in der Realwirtschaft blieben in kürzester  Zeit  sämtliche Räder stehen.

Amerika hatte soeben einen Nachkriegsboom von ungeahntem Ausmaß durchlebt, es war die führende Wirtschaftsmacht. Der technische Fortschritt hatte allerdings dazu geführt, dass amerikanische Unternehmen bald sehr viel mehr produzierten, als der Markt aufzunehmen imstande war. Eine Riesenproduktions- und Kreditblase war entstanden, denn ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung finanzierte seine Einkäufe durch Verschuldung (auch Aktien wurden durch Kredite finanziert). Als sich die ersten Anzeichen für das Platzen der Blase bemerkbar machten, breitete sich unter den Anlegern Panik aus. Der Kreislauf des Geldes brach zusammen. Amerika lieferte der staunenden und erschütterten Welt das Schauspiel einer Wirtschaft, die mitten im Frieden ohne erkennbaren äußeren Grund von einem Moment auf den anderen in den Zusammenbruch und die totale Lähmung schlittert.

Die Wirkungen dieses Zusammenbruchs blieben nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt, sondern entfalteten ihre größte Zerstörungskraft erst in Europa – und da speziell in Deutschland. Dank amerikanischer Kredite hatte die deutsche Wirtschaft seit wenigen Jahren wieder einen deutlichen Aufschwung genommen. Es gab Hitler, gewiss, so wie es zu jeder Zeit und in jedem Land immer eine Handvoll von Fanatikern und Revoluzzern gibt, die mit allem Bisherigen Schluss machen wollen. Aber Hitler war die letzten drei vier Jahre vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise nur noch eine belächelte Kabarettfigur gewesen. Seit es den Deutschen wieder deutlich besser ging, hatten sie kein Ohr für derartige Leute. Das änderte sich mit einem Schlag, als die amerikanischen Investoren ihre Kredite aus Deutschland in Gestalt von Gold zurückforderten und die deutsche Regierung, da die eigene Währung an einen bestimmten Anteil von Gold gebunden war, die umlaufende Geldmenge stark reduzierte. Über Nacht schoss die Arbeitslosigkeit in die Höhe, über Nacht war man empfänglich für die Parolen der Demagogen. Lassen Sie mich hinzufügen, obwohl es nicht Teil des heutigen Themas ist. Ohne die Weltwirtschaftskrise hätte es keinen Hitler an der Spitze des deutschen Staates gegeben. So jedenfalls steht es bei einem der angesehensten Historiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Eric Hobsbawm, zu lesen, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft und Vertreibung sicher keinen Grund haben konnte, die deutschen Verbrechen schön zu reden.

Die Digitalisierung wird in den Notenbanken mit Sicherheit große Veränderung bewirken und sie bietet jedenfalls die Chance, das Geld großer Anleger mit Negativzinsen zu bedrohen, wenn es nicht in den Kreislauf gelangt. Die technischen Voraussetzungen für einen vollständigen Übergang zu einem bargeldlosen Verrechnungssystem sind schon heute gegeben und werden in skandinavischen Ländern und mehr und mehr auch in China bereits zum Einsatz gebracht. Es ist mir bewusst, dass gerade in Deutschland und Österreich heftige Grabenkämpfe toben, wenn es um dieses Thema geht. Geld sei geprägte Freiheit, kann man dann hören. Da der Staat allerdings über Einkommen und Vermögen der abhängig Beschäftigen, also der Bevölkerungsmehrheit, ohnedies bestens informiert ist, kann ich mich des Verdachts nur schwer erwehren, dass vor allem jene besonders auf ihre Freiheit pochen, denen das Bargeld so viele zusätzliche Möglichkeiten bietet, sie zum eigenen Vorteil, sprich, gegen das Interesse der Allgemeinheit, auszunutzen.

Jetzt jedenfalls verhält es sich so, dass die Notenbank keine bessere Strategie als Zucker und Peitsche einzusetzen vermag. Die Peitsche ist eine konstante Inflation von ca. zwei Prozent, die das Horten von Geld verhindern soll; der Zucker, das sind die Zinsen, die allerdings im Augenblick unter null gerutscht sind, weil es um Rettung des Euro geht. Wie es bei einer jährlichen Inflation von etwa zwei Prozent um die Werterhaltung des Geldes nach zwanzig oder gar fünfzig Jahren steht, ist leicht auszurechnen

Die Notenbanken haben noch mit einer zusätzlichen Bedrohung zu kämpfen, die aus langfristiger Sicht ihr Monopol in Frage stellt. Es galt und gilt heute noch als selbstverständlich, innerhalb eines Staatsgebietes mit der dort geltenden Staatswährung zu zahlen. Aber das könnte sich ändern, wenn Kryptowährungen an Einfluss gewinnen.

(Schattenbanken)

Für die Digitalisierung des Arbeitslebens spielen Notenbanken keine besonders Rolle, da die Zahl der dort arbeitenden Menschen von jeher sehr begrenzt war. Das gilt genauso für die unlizenzierten Schattenbanken, die sich der jeweils neuesten Technologien bedienen. Man sollte sie dennoch aus einem anderen Grund erwähnen. Sie führen zu einer historisch einmaligen Konzentration von Geld in wenigen Händen und einem entsprechenden Einfluss auf die politische Macht. Ich zitiere Sandra Navidi, die ein unendlich langweiliges, aber in wenigen Passagen sehr aufschlussreiches Insiderbuch zu diesem Thema veröffentlich hat.

„Inzwischen verwalten Schattenbanken einen Großteil des globalen Reichtums und verleihen den Generälen an ihrer Spitze nie dagewesene Macht. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, betreut etwa 4700 Milliarden Dollar, was mehr als dem Doppelten der Marktkapitalisierung aller Dax-Konzerne zusammen entspricht. Vanguard verwaltet 3200 Milliarden Dollar, und Fidelity steht mit rund 2000 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen nicht weit hintenan. Die Chefs von Finanzinstitutionen haben Finanzmacht, Politiker regulatorische Macht – und am Ende finanzieren die Finanzinstitutionen die Politik.“

Das Bild vervollständigt sich, wenn man von derselben Autorin erfährt, dass Ben Bernanke, ehemaliger Chef der FED, in dieser Eigenschaft ein Jahresgehalt von 250 000 Dollar empfing, während die Finanzelite des Landes ihm danach eine einzige Vortragsstunde mit einem Honorar in gleicher Höhe vergoldete.

(Großbanken)

Die dritte Kategorie von Finanzdienstleistern, große Banken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank sind schon von größerem Interesse, wenn es um Arbeitsverluste aufgrund von Digitalisierung geht. Diese Institute befassen sich mit Wertpapierhandel, grenzüberschreitenden Investitionen, mit Vermögensberatung und geben sogenannte Derivate aus, die nicht immer, aber in vielen Fällen rein spekulativen Charakter aufweisen, wo die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Sofern sie auch noch das klassische Sparguthaben von Kunden verwalten, werden sie von der Digitalisierung genauso wie diese betroffen sein.

(Geschäftsbanken, Sparkassen)

Brennend wird das Thema des Einsatzes künstlicher Intelligenz (also von Algorithmen, welche repetitive geistige Vorgänge abbilden), sobald wir uns den kleinen Geschäftsbanken und Sparkassen zuwenden, denn sämtliche Aufgaben repetitiven Charakters können digital simuliert und gesteuert werden – auch solche geistiger Art. Es scheint kaum noch Zweifel zu geben, dass die Verwaltung von Giro- und Sparkonten ganz auf Menschen verzichten kann, weil künstliche Intelligenz die anstehenden Aufgaben viel schneller und auch viel verlässlicher zu übernehmen vermag. Doch auch das Kreditgeschäft der kleinen Banken lässt sich zum Großteil an intelligente Maschinen übertragen. Über die Bonität eines Kunden geben die Vorgänge auf seinem Girokonto während der vergangenen Jahre einen im Regelfall hinreichenden Aufschluss, nur für die Festlegung von Sicherheiten wie Eigentum an Grund und Boden oder Immobilien braucht man zumindest für die erste Erhebung noch den Experten. Anders gesagt, für die meisten Grundtätigkeiten, die bis dahin in Geschäftsbanken von Menschen ausgeführt werden mussten, genügt heute künstliche Intelligenz. Es kommt aber noch hinzu, dass selbst jener Bereich, der bis zur Reduzierung der Zinsen auf null und darunter in Gestalt der von ihnen abgeschöpften Zinsmarge die eigentliche Geschäftsgrundlage der Banken war, nämlich die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmer ebenfalls in Gefahr gerät. Der Staat drängt bei kleinen Unternehmen auf Transparenz, um eine gerechte Besteuerung zu ermöglichen. Dadurch hat sich der Anteil an mehr oder weniger intuitiv erworbenem Wissen, das einst die Exzellenz etwa einer Bank im ländlichen Raum und ihrer Mitarbeiter ausmachte, deutlich vermindert. Die Bank kann sich bei der Kreditvergabe an vertrauenswürdige Unternehmen in ihrem Umfeld in einem höheren Maße als früher auf objektive Zahlen berufen. Auch dies dürfte die Zahl der Mitarbeiter in den Geschäftsbanken reduzieren, nachdem sie in den vergangenen Jahrzehnten überall schon stark reduziert worden ist. Wie weit auch neuere Formen der Kreditvergabe, wie das Crowdfunding die Rolle der Banken beschränkten könnten, wage ich nicht zu beurteilen.

(Bescheidenheit)

Einige ganz knappe Worte über unsere Fähigkeit, die Zukunft der Arbeit wirklich vorauszusagen. Das 18. Jahrhundert war in mancher Hinsicht ein Höhepunkt in der Entwicklung der europäischen Geisteskultur, damals lebten Philosophen-Wissenschaftler wie Leibniz, Kant, Voltaire, damals wurde von d’Alembert und Diderot die berühmte Enzyklopädie der Wissenschaften veröffentlicht, welche den praktischen vernunftgelenkten Umgang mit der Natur in den Mittelpunkt rückte. Aber war es diesen Giganten des Geistes möglich, auch nur zu ahnen, was die folgenden zwei Jahrhunderte an Neuerungen bringen würden, z.B. Eisenbahnen, Flugzeuge, Diesel- und Elektromotoren oder gar Computer und Handys? Haben sie vorauszusehen vermocht, wie auf der Grundlage solcher Erfindungen innerhalb kürzester Zeit Zehntausende neuer Berufe und eine ganz neue Umwelt für den Menschen entstehen würde? Die Antwort fällt ganz eindeutig aus. Nichts von alledem wurde vorausgesehen. Die Tätigkeit von Mensch und Gesellschaft ist zwar auf Planung angelegt. Und was wir planen können, ist für uns berechenbar. Wir wissen, wie ein Elektrizitätswerk, wie ein Bahnnetz, wie das Verkehrsaufkommen in den kommenden zwanzig Jahren unter bestimmten Voraussetzungen aussehen wird, wenn wir entsprechende Planungsschritte ausführen. Aber unser Wissen und unsere Planung beruhen auf den jeweils vorhandenen technischen Mitteln und Erfindungen. Wie die Welt aussehen wird, wenn ganz andere technische Mittel und Erfindungen zur Verfügung stehen, darüber wissen wir absolut nichts – und können es nicht einmal wissen. Die Zukunft ist und bleibt offen – auch die der Arbeit.

(Letzter Teil)

Dieser Abschluss soll ein optimistischer sein, zu diesem Zweck betrachte ich zwei Arten menschlicher Tätigkeit: Bauern und Industriearbeiter. Bauern bildeten zehntausend Jahre eine Bevölkerungsmehrheit von zwischen 80 bis 95 Prozent. Wenn Böden wenig fruchtbar waren, dann mussten wenigstens 95 Prozent für die nötige Nahrung sorgen, damit eine kleine Zahl von Menschen – fünf bis maximal zwanzig Prozent – eine Existenz außerhalb der Landwirtschaft führen konnten. In den zweihundert Jahren zwischen dem Beginn des 19. bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts schrumpfte die Zahl der Bauern in den Staaten des Westens auf einen Bruchteil von 2-3 Prozent zusammen, während die Nahrungserzeugung zur gleichen Zeit wuchs, und zwar für eine bedeutend vergrößerte Zahl von Menschen. In dieser Zeit kamen die Industriearbeiter als größte Beschäftigungsgruppe auf. Um 1910 bildeten sie ein ganzes Drittel der Menschen in den Vereinigten Staaten.

Von den Bauern müssen wir aus heutiger Perspektive sagen, dass alle Kultur, wie wir sie heute verstehen, auf ihren Schultern ruhte, denn die 100 000 Jahre der Jäger und Sammler ließen zwar einige wenige großartige Malereien in wenigen Höhlen wie Lascaux und Altamira zurück, aber ziehende Nomaden von allenfalls ein paar Dutzend Menschen produzieren nicht mehr, als sie auf den Schultern zu tragen vermögen, also überaus wenig. Erst die Sesshaftigkeit, sollte das alles grundlegend ändern. Leider zogen die Bauern selbst daraus in der Regel aber gar keinen Vorteil, da Menschen, die sich über große Flächen verteilen, von einer kleinen Anzahl Bewaffneter mühelos beherrscht werden können. Mit wenigen Ausnahmen von Regionen mit freien Bauern – meist schwer zugänglichen Inseln oder zerklüfteten Gebirgsregionen wie der Schweiz oder Afghanistan – wurde der nahrungserzeugende Teil der Bevölkerung rücksichtslos ausgebeutet, und zwar in sämtlichen agrarischen Großkulturen: in Mesopotamien, in Ägypten, in Indien und Persien ebenso wie in China, in Süd- und Mittelamerika ebenso wie in Europa, wobei sich weltliche und geistliche Macht gleich unerbittlich zeigten: Der Zehnte, den beide den Bauern abverlangten, war ja oft nur ein Minimum. Bauernaufstände waren deshalb auch in aller Welt endemisch. Allein in Europa gab es seit Ende des 14. Jahrhunderts bis zur französischen Revolution einen Aufstand mindestens alle zehn Jahre, von denen jeder unweigerlich mit einer Niederlage der schlecht organisierten und schlecht bewaffneten Bauern endete. Für die Bauern bedeuteten die zehntausend Jahre bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Ära der staatlich verfügten Ungleichheit. Sie waren Frondiener, Leibeigene, oft auch nur Sklaven der sie beherrschenden und auf ihre Kosten lebenden Oberschicht. Nur von dieser sind uns Zeugnisse überliefert, die Bauern waren fast immer Analphabeten.

So gesehen gibt es keinen Grund darüber zu klagen, dass ihre Zahl aufgrund technischer Neuerungen innerhalb von nur zweihundert Jahren so dramatisch zusammenschmolz, und eine völlig neue Schicht, die Industriearbeiter, als Mehrheit an ihre Stelle trat. Zwar ging es den Fabrikarbeitern in den Kinderjahren des Industrialismus keineswegs besser, also bis etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx und Dickens ihr Los beklagten. Selbst heute geht es ihnen in manchen Entwicklungsländern kaum merklich besser als auf dem Lande, von wo sie in Scharen in die neuen Fabriken flüchteten, aber das pflegt sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu ändern. Im Gegensatz zu den Bauern konzentrierten sich die Arbeiter  zu Tausenden an wenigen Stellen des Landes. Bald waren sie hervorragend organisiert und konnten Forderungen aufstellen, wie die Versicherung gegen Unfall und Krankheit oder Altersrente. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also in knapp einem Jahrhundert, hatten die Arbeiter erreicht, was den Bauern der großen Agrarkulturen in zehntausend Jahren niemals gelungen war: Sie wurden prinzipiell als gleichberechtigte Menschen angesehen.

Das ist der positive Aspekt, dem wir unsere Anerkennung auch dann noch zollen müssen, wenn der frühere Industriearbeiter von der weltgeschichtlichen Bühne verschwunden sein wird, weil Maschinen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, die fälligen Arbeiten weit verlässlicher und schneller verrichten.

Aber es gibt auch einen negativen Aspekt, der sich schon bald bemerkbar machte, nämlich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war von fallenden Preisen, also von Deflation, markiert. Die Industriebetriebe produzierten weit mehr Güter als der Markt aufzunehmen vermochte. 1873 führte das zu einem großen Crash in Europa: Tausende von Banken und Unternehmen gingen pleite. Es war die erste Produktions- und Kreditblase des neuen Industriezeitalters. Die Marxisten hatten den Schuldigen dafür umgehend ausgemacht, nämlich das unselige System des Kapitalismus. Aber die Erklärung ist sehr viel simpler. Die Maschinen konnten in kurzer Zeit sehr viel mehr erzeugen, als der Markt und die Käufer zu absorbieren vermochten. Auch wenn die Arbeiter zu Eigentümern der Fabriken geworden wären, hätte sich daran gar nichts geändert. Denn es war ja nicht daran zu denken, dass die Arbeiter an den Fließbändern weniger produzieren wollten. Von dem Ausstoß der Unternehmen hingen ihr Lohn und ihr Status ab. Es lag im Interesse des Unternehmers wie der Arbeiterschaft, Qualität und Quantität der Waren ständig heraufzusetzen.

Genau das war aber nicht mehr möglich, nachdem die innereuropäischen Märkte weitgehend gesättigt waren. Um das Ziel dennoch zu erreichen, sahen die Staaten Europas bald keinen anderen Weg, als die übrige Welt außerhalb Europas zu Märkten für die eigenen Waren zu machen. Die Engländer hatten das schon seit einiger Zeit getan, nun traten die Deutschen ebenbürtig an ihre Seite. Das musste zu Problemen führen, um es vorsichtig auszudrücken. Bereits 1897 stellte der Autor eines Artikels in der Londoner »Saturday Review« klar, welche dramatische Folge sich daraus für die Zukunft ergeben würde. 17 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb dieser Autor folgende hellsichtige Zeilen:

»England mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Aggression, mit seiner Überzeugung, dass es in Verfolgung seiner eigenen Interessen Licht an die im Dunkeln lebenden Nationen spendet, und Deutschland, Bein von seinem Bein, Blut von seinem Blut, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht mit einer schärferen Intelligenz, konkurrieren in jeder Ecke der Welt. In Transvaal, am Kap, in Zentral-Afrika, in Indien und im Osten, auf den Inseln der Südsee und im fernen Nordwesten, überall und wo nicht? Die Flagge ist der Bibel gefolgt, und der Handel folgt der Flagge; hier kämpft der deutsche Bannerträger mit dem englischen Händler. Ist irgendwo eine Mine auszubeuten, eine Eisenbahn zu bauen, ein Eingeborener von Brotfrucht zum Büchsenfleisch zu bekehren, von Enthaltsamkeit zum Schnaps, der Deutsche und der Engländer kämpfen, der Erste zu sein. Eine Million kleine Auseinandersetzungen bauen den größten Grund zum Kriege auf, den die Welt je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen ausgelöscht würde, würde übermorgen auf der ganzen Welt kein Engländer sein, der nicht reicher wäre.Nationen haben jahrelang wegen einer Stadt gekämpft oder wegen eines Erbrechts; müssen sie nicht kämpfen um 250 Millionen Pfund jährlichen Handelsumsatzes?«

Die Gleichberechtigung der Menschen, die in Europa innerhalb von nur hundert Jahren errungen wurde, hat gewaltige Opfer gekosten. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kolonialismus ist es bis heute damit immer noch nicht vorbei. Der Kampf wird zwar nicht länger – oder doch nur zu geringem Teil – gegen Menschen geführt, stattdessen führen wir ihn nun gegen die Natur. Damit die Produktion an Gütern nicht reduziert werden muss, haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg die Wegwerfgesellschaft erfunden. Wir können weiter und wir können sogar immer mehr konsumieren, vorausgesetzt, dass wir die konsumierten Güter ständig durch neue ersetzen, denn die treibende Kraft hinter dem Imperativ des permanenten Konsums sind Unternehmer und Arbeiterschaft, die ihre Einkommen nur unter dieser Voraussetzung bewahren.

So gesehen, könnte es die Erlösung von einem die Menschheit existenziell bedrohenden Unheil bedeuten – die Erlösung von einem schon heute untragbaren ökologischen Fußabdruck -, wenn die treibende Kraft hinter dem Wegwerfkonsum entfällt. Intelligente, digitalisierte Maschinen produzieren so viel oder so wenig wie man von ihnen verlangt, ohne dass wir deswegen mit Aufständen zu rechnen hätten. Der Industriearbeiter, der soviel für die Gleichberechtigung der Menschen geleistet hat, wird verschwinden, genauso wie die Bauern, welche einst die Kultur ermöglichten, relativ gesehen, fast völlig verschwunden sind. Ob uns ein Übergang ohne soziale Konvulsionen gelingt, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen. Menschen, die in ihren Berufen keinen Platz mehr haben, müssen vom Rest der Gesellschaft aufgefangen werden.

Was ist Wirtschaftsphilosophie?

In der ‚Offenen Gesellschaft und ihre Feinde’ vertrat Karl Popper mit großer Entschiedenheit die Position, dass größere Eingriffe in die Wirtschaft, vor allem solche ideologisch motivierter Art, meist unheilvoll und deshalb zu vermeiden seien. Was ist Wirtschaftsphilosophie? weiterlesen

Janusköpfiges Eigentum: Königsweg in die Freiheit oder in Revolutionen und Unfreiheit

(erscheint auch in ‚Humane Wirtschaft‘ und fbkfinanzwirtschaft)

Es gibt kein unmittelbareres, kein elementareres Eigentum als das, was ich an meinem eigenen Körper habe. Wenn man mich fesselt, ins Gefängnis wirft oder auch nur meinen Tätigkeitsbereich beschränkt, dann verliere ich das Recht auf dieses angeborene Grundeigentum – meine Freiheit wird aufgehoben. Janusköpfiges Eigentum: Königsweg in die Freiheit oder in Revolutionen und Unfreiheit weiterlesen

Die eigentumslose Gesellschaft – von Marx zum neoliberalen Regime

(auch in ‚Humane Wirtschaft‘ und fbkfinanzwirtschaft erschienen)

Marx hat sie gewollt – der Neoliberalismus hat sie verwirklicht: die eigentumslose Gesellschaft. Allerdings ist der Begriff in sich widersprüchlich. Irgendjemand besitzt immer die Verfügungsgewalt über die physische Umwelt, d.h. den Boden, die Häuser, die Büros, Werkstätten, Fabriken, ja selbst über Flüsse, Seen und jeden einzeln Quadratmeter Wald. Mit anderen Worten: Irgendjemand ist immer Eigentümer. In diesem Sinne gibt es keine eigentumslose Gesellschaft. Der Begriff beruht auf Täuschung. Die eigentumslose Gesellschaft – von Marx zum neoliberalen Regime weiterlesen

Prof. Dr. Joseph Hubers Vollgeldtheorie – gebaut auf Sand und schlechtem Denken

(auch erschienen in "Humane Wirtschaft" 2/2017)

Wissenschaftliche Arbeiten lassen eine Beurteilung nach verschiedenen Kriterien zu, von denen ich die folgenden für wesentlich halte:

  1. Sprachliche Kompetenz
  2. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf vorhandenes Wissen
  3. Pädagogische Kompetenz bei der Vermittlung des eigenen Standpunktes
  4. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der Theorie

Ich möchte meine Besprechung des wissenschaftlichen Hauptwerks von Prof. Huber von vornherein so anlegen, dass ich sie mit dem wissenschaftlichen Hauptwerk von Helmut Creutz vergleiche, der über dasselbe Thema, die Geldtheorie, sein bekanntes Werk „Das Geldsyndrom“ verfasste. Dieser Vergleich scheint mir in mehrfacher Hinsicht erhellend. Prof. Dr. Joseph Hubers Vollgeldtheorie – gebaut auf Sand und schlechtem Denken weiterlesen

Geldschöpfung aus dem Nichts – Realität oder Chimäre?

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Von der Geldschöpfung aus dem Nichts, wie sie angeblich die Notenbanken betreiben, war schon die Rede. Jetzt geht es um die Geschäftsbanken.

Grundsätzlich sind Geschäftsbanken in der Lage, auf dem Wege der so genannten Bilanzverlängerung Kredit aus dem Nichts zu schöpfen, bei entsprechender Nachfrage vonseiten der Kreditnehmer wäre ihnen dies sogar in unbegrenztem Ausmaße möglich. Die Frage ist nur, ob sie es tun, genauer gesagt, ob es sich für sie lohnt, das zu tun. Geldschöpfung aus dem Nichts – Realität oder Chimäre? weiterlesen

Für eine soziale Geldreform!

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Die sogenannte Geldschöpfung aus dem Nichts, von manchen fälschlich als größtes Übel beschworen, ist entweder inexistent oder lässt sich durch vorhandene gesetzliche Kontrolle wirksam verhindern. Diese Kontrolle ist aber völlig unzureichend, wenn es um andere Gebrechen geht, die das herrschende Geldsystem nicht nur imaginär, sondern ganz real bedrohen. Für eine soziale Geldreform! weiterlesen

Ludwig Edler von Mises und die Monetative – wie Irrtümer sich vererben

Kürzlich wurde ich auf die folgenden Zeilen eines Mitglieds der sogenannten Monetative aufmerksam:

Bankrun! Die Banken sind pleite. Das Geld ist weg. Wie das?

Das ist nur möglich, weil auf den GiroKonten der Banken mehr Geld vorhanden ist, als in bar auf die Konten eingezahlt wurde.Ludwig Edler von Mises und die Monetative – wie Irrtümer sich vererben weiterlesen

Der ökosoziale Staat

(auch erschienen in Tichys Einblick, fbkfinanzwirtschaft und scharflinks)

Unseren Kindern und Enkeln eine Natur zu erhalten, die durch den ökologischen Fußabdruck unserer Generation nicht weiter und immer noch stärker belastet wird – innerhalb Europas stößt diese Forderung inzwischen auf weitgehendes Verständnis. Wenige zweifeln heute noch daran, dass ein stetig steigender Ressourcenverbrauch uns zur Besinnung zwingt, zumal die Rest- und Schadstoffe der industriellen Produktion Luft, Wasser und Boden weltweit in immer stärkerem Maße belasten. Der ökosoziale Staat weiterlesen

Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs

(erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017)

Eines doppelten Rekords darf die außerordentliche Frau sich rühmen. Einerseits hat Sandra Navidi es fertiggebracht, das vielleicht langweiligste Buch der Saison zu schreiben: eine Aufzählung von Personen, die sämtlich nur Schemen bleiben, eine Aneinanderreihung von Orten und Superlativen, die sich von einem Kapitel zum anderen auf ermüdende Art wiederholen. Dabei ist ihr aber andererseits etwas Einzigartiges gelungen: Sie ist bis zu den olympischen Höhen der mächtigsten und reichsten Männer vorgedrungen, dorthin, wo die restlichen neunundneunzig Prozent der Menschheit niemals gelangen. Mit anderen Worten, Sandra Navidi, entführt uns zum Olymp nach Davos und anderen Kommandohöhen, um uns mit jenen wenigen Dutzend Menschen bekanntzumachen, die den heutigen Kapitalismus und seine Hauptakteure verkörpern und das Schicksal der Welt bestimmen. Das alles ist ihr noch dazu als Frau gelungen – eine außerordentliche Leistung, denn das Antlitz des Finanzkapitalismus ist männlich, patriarchalisch und ganz überwiegend brutal. Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs weiterlesen

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017 und fbkfinanzwirtschaft)

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt. Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist weiterlesen