Kulturkampf – die guten und die bösen Deutschen

Betrachtungen anlässlich eines Buches von Harald Welzer: Alles könnte auch anders sein.

Kultur wurzelt in der Freiheit des Menschen. Deshalb hat die Geschichte so viele Denk- und Lebensentwürfe ermöglicht, deshalb bringt sie Menschen mit radikal unterschiedlichen Überzeugungen hervor. Kultur macht Menschen innerhalb eines Lebensraums ähnlich – darin besteht ihr unmittelbarer Sinn. Sie schafft ein Fundament der Gemeinsamkeit, dessen sichtbarster Ausdruck eine verbindende Sprache ist. Aber zur gleichen Zeit errichtet sie Schranken nach außen zu anderen Lebensentwürfen, anderen Überzeugungen. Kulturelle Unterschiede können so tiefreichend sein, dass Menschen einander hassen, verfolgen und sich gegenseitig aus der Welt schaffen wollen. Dass die einen Schweine-, die anderen Kuhfleisch essen, die einen an Privat-, die anderen an Kollektiveigentum glauben, liefert bis heute einen hinreichenden Grund, die eigenen Mitmenschen gnadenlos zu verfolgen. Aber für die trennende Macht der Kultur liefert auch das heutige Deutschland einen Beweis, der umso merkwürdiger, ja umso absurder anmutet, als gerade in unserem Land die Intellektuellen sich selbst und der Welt zu beweisen suchen, dass prinzipiell alle Menschen einander gleich sind – und Unterschiede zwischen ihnen daher nur fiktiv.

Der radikale kulturelle Gegensatz ist aber unübersehbar

und er trennt die selbstdeklarierten guten von den anderen, den bösen Deutschen. Die einen sind weltoffene Kosmopoliten, für die alle Grenzen von gestern sind. Der beliebige Austausch der Völker ist in ihrer Sicht unvermeidlich, weil die anderen die gleichen Rechte haben wie wir – im Prinzip müssen wir sie daher auch alle zu uns kommen lassen, falls die eigene Heimat ihnen keine Zukunft mehr bietet. Überdies wird dieser Austausch aber auch als wünschenswert gesehen, weil die Begegnung mit anderen Menschen für beide Teile letztlich immer Gewinn und Bereicherung sei.

Dagegen haben die bösen Deutschen Angst vor den Fremden, sie suchen sich abzuschotten, sie ziehen Mauern hoch und pochen auf ihre Eigenart, die sie als – bedrohte – „Identität“ bezeichnen. In der Regel glauben sie mit dieser weit über den Fremden zu stehen. Aus historischer Sicht ist anzumerken, dass die bösen Deutschen nach dem Kriege bis etwa gegen Ende der Achtziger Jahre kaum eine Rolle spielten. Doch spätestens seit der Öffnung der Grenzen im Jahre 2015 ist ihre Zahl so angeschwollen, dass sie in Deutschland wohl jetzt schon die schweigende Mehrheit bilden.

Das ist jedoch keineswegs nur in Deutschland der Fall. In ganz Europa wie ebenso in den USA unter Trump, in Russland unter Putin und in China unter Xi geben jene, die vom Kosmopolitismus der Intellektuellen nichts wissen wollen, inzwischen den Ton an. Die „guten Amerikaner“ scharen sich um die Flagge der Demokraten, die „bösen Amerikaner“ sind eher unter Republikanern zu finden.

Der Kulturkampf zwischen den beiden Lagern

ist längst nicht mehr auf die Ebene geistiger Auseinandersetzungen beschränkt wie zwischen den neuen und alten Bundesländern in Deutschland, die immer noch durch eine Mauer getrennt sind – eine Mauer in den Köpfen. Auch sichtbare Mauern schießen weltweit in die Höhe. „180 Kilometer auf Zypern, 248 Kilometer in Korea, 550 Kilometer zwischen Indien und Pakistan. Wir sehen Mauern und Zäune zur Verhinderung von illegaler Migration, unter anderem 180 Kilometer im protofaschistischen Ungarn, 764 Kilometer, mit denen sich die Türkei gegen Syrien abgrenzt, 1130 Kilometer zwischen den USA und Mexiko (3100 Kilometer sollen es werden) und ca. 4000 Kilometer, mit denen sich Indien gegen Bangladesch abschottet. 750 Kilometer zwischen den Palästinensergebieten im Westjordanland und israelischen Siedlungen, 900 Kilometer zwischen Saudi-Arabien und dem Irak, 2500 Kilometer in der Westsahara, die Marokko beansprucht.“

All das ist natürlich keineswegs neu. Das größte jemals von Menschenhand geschaffene Bauwerk, die chinesische Mauer, verfolgte keinen anderen Zweck als die Abwehr von Migranten an der chinesischen Außengrenze – Migranten, die damals ebenso wie heute als Feinde und Barbaren bezeichnet wurden.

Allerdings gibt es Leute, die das auch ganz anders sehen, da sie Mauern einen völkerverbindenden Zweck zuschreiben; angeblich dienen sie dazu, Handelsbeziehungen anzuknüpfen. „Historische Grenzanlagen wie der Limes, der römische Grenzwall, dienten der Erhebung von Zöllen und Steuern, waren aber nicht von der Vorstellung beseelt, Menschen vom Übertritt von einem Gebiet in ein anderes abzuhalten.

Das Verhältnis zwischen den beiden Lagern der Kosmopoliten

und der Identitären – diesen Begriff möchte ich hier in seiner weitest-möglichen Bedeutung verwenden – ist nicht nur von gegenseitigem Unverständnis, sondern von unverhohlenem Hass geprägt, und zwar auf beiden Seiten. Für die Kosmopoliten sind die Identitären eine Art von geistig und moralisch zurückgebliebenen Wilden, die schon aufgrund ihrer mangelnden Bildung den Mund eigentlich gar nicht öffnen dürften. Für die Identitären hingegen sind die Kosmopoliten eine abgehoben-arrogante Oberschicht, etwa so wie die Adligen des Ancien Regime, die in der Französischen Revolution nicht zuletzt wegen ihres Dünkels von den „zurückgebliebenen Wilden“ an den Straßenlaternen aufgeknüpft wurden. Wer die Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern in den Medien verfolgt, dem wird bewusst, dass Geschichte sich zwar selten buchstabengetreu wiederholt, dass sie sich aber, wie es Mark Twain einmal sagte, durchaus zu reimen pflegt.

Dieser unselige Kampf zwischen „guten“ und „bösen“ Bürgern

führt uns allerdings nicht weiter, er spaltet Deutschland nur immer tiefer – und spaltet heute sogar große Teile der übrigen Welt. Eines Tages könnte er sogar neuerlich zu blutiger Verfolgung degenerieren. Deswegen ist es in meinen Augen zu billig, sich schlicht zum Partisanen eines der beiden Lager zu deklarieren – für einen Liebhaber fremder Kulturen wie mich wäre das natürlich das Lager der Kosmopoliten. Doch mit einem so bequemen Schritt vertieft und verfestigt man nur die Spaltung. Es geht aber darum, ihre Ursachen zu verstehen und sie durch das Verstehen zu überwinden. Darin liegt die Absicht dieses Artikels.

Auf Anhieb vermag der neue Kulturkampf überhaupt nicht einzuleuchten, weil überall auf der Welt die Verhältnisse zunehmend ähnlicher werden – man darf ruhig sagen: ähnlich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit. „Wir verzeichnen… eine rapide und tiefgehende Angleichung der Lebensweisen und Kulturformen; alle Hotels, alle Einkaufsstraßen, alle Infrastrukturen weltweit sehen sich heute weit ähnlicher, als es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren der Fall war.

So ist es – und diese Angleichung vollzieht sich vor allem im Arbeitsbereich, wo Menschen den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, also in Büros, Werkstätten und den Niederlassungen internationaler Konzerne. Dieser Bereich funktioniert weltweit nach denselben Prinzipien ökonomischer Rationalität. So wie es keine indische, deutsche oder chinesische Naturwissenschaft gibt, weil die Naturgesetze auf dem ganzen Globus ein und dieselben sind, wurden auch die Gesetze der Wirtschaft einander in zunehmendem Maße angeglichen, weil die ganze Welt von New York bis Peking immer jeweils dasjenige Modell übernimmt, welches den größten Output an Gewinn und Produktion verspricht.

Es ist wichtig, diese weltweite Uniformierung

im Blick zu haben, denn sie erklärt, warum der Mensch sich in der „Schönen Neuen Welt“, so heimatlos fühlt. Es wird ihm bewusst, dass er überall nur noch das beliebig auswechselbare Rädchen einer großen ökonomischen Megamaschine ist, die ihn rücksichtslos verwertet, solange er dazu taugt, um ihn bei Unverwertbarkeit ebenso gnadenlos wieder auszuspucken – auch das ist Teil einer rein ökonomisch verstandenen Rationalität. Solange es für den einzelnen dabei wenigstens aufwärts geht – in Form von höherem Lohn, mehr Urlaub etc. – kann er den eigenen Stolz immerhin auf diesen Umstand begründen. Das galt für die Deutschen während der ersten vierzig Jahre nach Ende des Krieges. Doch mit dieser Aufwärtsbewegung ist es inzwischen vorbei: „Die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen haben sich schnell, absichtsvoll und unauffällig vom Kampf um soziale Gleichheit auf den um symbolische Anerkennung verlagert. Anders gesagt: Sozialpolitik verwandelte sich in Identitätspolitik.

Das ist, wie wir wissen, schon einmal auf sehr unheilvolle Weise geschehen

1929 hat die aus Amerika auf Europa übergeschwappte Große Depression den damals seit wenigen Jahren unverkennbaren wirtschaftlichen Aufstieg mit einem einzigen ökonomischen Faustschlag wieder zunichte gemacht. Nicht nur der Stolz auf einen bescheidenen Fortschritt wurde für Millionen von Arbeitern völlig zerstört, sondern diese Menschen endeten als Wracks vor den Suppenküchen: Sie waren nichts mehr wert, weil sie sich wertlos fühlten. Das war die große Stunde der Demagogen. Hitler erklärte damals, „niemals in meinem Leben habe ich mich so wohl und innerlich zufrieden gefühlt wie in diesen Tagen /des Zusammenbruchs/“ (Joachim Fest, 1973).

Was bleibt den Millionen Rädchen

in der sie verwertenden Wirtschaftsmaschine, wenn sie ihre Arbeit als nutzlos empfinden und sich selbst ohne Wert? Was bleibt ihnen, wenn sie von der materiell meist sehr viel besser gestellten und in ihrem Selbstwertgefühl gefestigteren Intellektuellenschicht auch noch geringschätzig für ihre Dummheit belächelt werden? Wie fühlen sie sich, wenn die Kosmopoliten statt auf das Elend der eigenen Landsgenossen mit viel größerem Interesse auf die Not der Fremden blicken? Es ist wahr, die Kosmopoliten haben sich teilweise mit größter persönlicher Aufopferung um die geschundenen Menschen aus Syrien gekümmert – und die Welt hat sie dafür zu Recht bewundert. Aber sind sie zuvor in die neuen Bundesländer geströmt, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ so viel triste Verwahrlosung und psychische Leere herrschen? Viele der Menschen dort fühlen sich zurückgesetzt, verachtet und hintergangen (die Frauen liefen ihnen noch dazu in den reicheren Westen davon). Sie rächen sich nun, indem sie gefährlich werden.

Was ich damit sagen will?

Wir sollten begreifen, dass Demagogen und Populisten niemals die alleinige Schuld an späterem Unheil tragen, z.B. daran, dass die aufgehetzten Massen die Adligen an den Laternen aufknüpften und dass sie Minderheiten zu Fremden machten, die sie dann mordend verfolgten. Schon wahr, die unmittelbare Verantwortung tragen die Hetzer, aber der Grund dafür, dass sie überhaupt eine Chance erhielten, liegt tiefer und weiter zurück. Denn das Unheil beginnt genau in dem Augenblick, da man den Massen das Gespräch verweigert und diese sich dadurch im Stich gelassen fühlen. Die Eliten haben vergessen, dass „der Prozess der Zivilisation… gar nicht zu denken /ist/, ohne dass Menschen gelernt hätten, sich trotz aller kultureller, religiöser, mentaler Verschiedenheit friedlich zu begegnen und voneinander… zu lernen.“

Das sind richtige und schöne Worte, nur werden sie auch von denen, die sie verkünden, auf den konkreten Fall gerade nicht angewendet! Von jener schweigenden Mehrheit, die in der AfD, der Lega, dem Rassemblement National, in Orbans Fidesz und Polens Partei für Recht und Gerechtigkeit nach Gleichgesinnten suchen, wollen die „aufgeklärten Kosmopoliten“ nichts wissen und schon gar nichts lernen, die halten sie sich im Gegenteil soweit wie irgend möglich vom Leibe. Bewusste Ausgrenzung und Ver-Teufelung – in ganz wörtlichem Sinne – ist ihre Parole. Die kosmopolitische Elite fühlt sich intellektuell zu überlegen, um sich zu einem Dialog mit solchen Leuten herabzulassen. So wurden die Brücken von beiden Seiten bewusst abgebrochen, „der Prozess der Zivilisation“ zählt nicht mehr. In den USA stehen die Lager einander inzwischen mit so unversöhnlicher Feindlichkeit gegenüber, dass ein Staatsversagen und anschließender Staatszerfall nicht mehr undenkbar erscheinen. 

Solange die Eliten sich für die Massen verantwortlich fühlen,

d.h. mit ihnen sprechen und streiten, besteht keine Gefahr. Bis zu Ludwig dem 14. lebten die französischen Adligen mehrheitlich auf ihren Gütern. Zwar beuteten sie die Bauernschaft rücksichtslos aus, aber sie waren zu jeder Zeit sicht- und ansprechbare Herren – und das verschaffte ihnen Prestige, denn in jeder Kultur orientieren sich die Menschen an den Eliten – in der Regel blicken sie mit Ehrfurcht zu ihnen empor. Ludwig 14. aber zog die Adligen in die Hauptstadt und nach Versailles. Von da an sahen die Bauern nur noch die Steuereintreiber, die Herren selbst waren für sie unsichtbar geworden – die französische Elite hatte mit dem eigenen Volk nichts mehr zu tun, stattdessen fühlte sie sich aufs engste verbunden mit den Gesinnungsgenossen im Ausland, also mit dem aufgeklärten Adel in England, Deutschland, Italien. Der Adel war kosmopolitisch im besten Sinne des Worts und zugleich verantwortungslos dem eigenen Volk gegenüber, und zwar im schlechtesten Sinne des Wortes…

Auch in diesem Fall reimt sich Geschichte

Wie sehr, das beweist zum Beispiel die Entwicklung des deutschen Unternehmertums. Dieses hat recht gut funktioniert, als es noch die Familienbetriebe gab, wo der Chef für alle Betriebsangehörigen sicht- und ansprechbar war. Man musste einander durchaus nicht lieben, es genügte gegenseitige Achtung und die Fähigkeit zur Kommunikation. Sobald die Betriebe sich jedoch zu Großkonzernen mit komplexen Hierarchien auswuchsen, ging der direkte menschliche Kontakt verloren. Das Band zwischen der Elite und der arbeitenden Mehrheit wurde immer dünner und ist oft völlig gerissen. Das ist heute nicht anders als im 18. Jahrhundert vor der französischen Revolution.

Wir haben es hier mit einem echten Kulturkampf zu tun

einem Kampf zwischen oben und unten. Wenn die Kosmopoliten behaupten, die Menschen seien überall gleich, nur weil sie seit etwa fünfzigtausend Jahren dasselbe genetische Erbe besitzen, so ist das nur eine halbe – und deswegen leider auch eine durchaus falsch verstandene Wahrheit. Gleich sind wir nur, wenn wir als Säuglinge auf die Welt gelangen, denn zu der Zeit sind wir noch alle gleich formbar. Aber schon in den ersten Monaten unseres Lebens setzt die kulturelle Schulung ein – und die kann uns grundverschieden machen. Die verlorenen Massen aber wurden gleichgemacht – in der uniformen ökonomischen Megamaschine fühlen sie sich aller Identität beraubt, die ihnen einen eigenen Wert und Selbstrespekt geben könnte. Sie fühlen sich nicht nur von der eigenen Elite verraten, wenn diese sich mehr um die Fremden als um das Schicksal ihrer ärmeren Landsgenossen bemüht, sondern das bloße Vorhandensein von Fremden, die ihre eigene Art zu denken, zu fühlen, zu reden nicht teilen, verunsichert sie zusätzlich. Wenn schon die eigene Elite nicht auf sie hört, wieviel weniger werden es die Fremden tun?

Das Misstrauen gegen Fremde, das Demagogen so leicht in Hass ummünzen, wurzelt letztlich in der eigenen Unsicherheit. Man sucht nach Wert und Rechtfertigung für die eigene Existenz, aber die Elite hat nichts zu bieten; die hat sich abgewendet, sucht die Kommunikation mit den Gleichgesinnten überall sonst in der Welt – so wie der kosmopolitische französische Adel vor der Revolution.

Was das für die Zukunft bedeutet?

Nichts Gutes, wenn man bedenkt, dass selbst die intelligentesten Vertreter der adligen Elite noch zehn Jahre vor Ausbruch der Revolution nur mit Hohnlachen auf Prophezeiungen von der Art reagierten, dass ihr König noch vor dem Ende des Jahrhunderts unter der Guillotine enden würde. Eine solche Behauptung wurde bis zum letzten Moment als dumm, undenkbar und albern abgetan. So ist es bis heute geblieben, weil die großen Krisen bekanntlich so gut wie niemals vorausgesagt werden. Heute muss jeder mit einem Hohnlachen rechnen, der prophezeien würde, dass die missachteten Massen wiederum Geschichte – eine unheilvolle Geschichte – machen könnten. Das aber geschieht immer, wenn sich Teile der Bevölkerung von den übrigen absondern und dabei die sozial wichtigste Einsicht vergessen: „Eine menschliche Welt besteht im Zwischenmenschlichen.

* Die kursiv gedruckten Passagen sind sämtlich dem höchst geistreichen Buch von Harald Welzer entnommen: „Es könnte alles auch anders sein“. Welzer ist hervorragend informiert und reitet auf allen Sätteln gekonnten Argumentierens. Das Buch hat in meinen Augen nur einen Fehler. Der Autor weiß ganz genau, welche Tabus man beachten muss, um bei jenem kosmopolitischen Publikum anzukommen, aus dem seine Leser stammen.

Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet

Präsident Trump hat die „Fake News“ erfunden und uns zugleich den Gefallen getan, eine denkbar simple Definition dafür mitzuliefern. Falsche Nachrichten sind einfach solche, die ihm nicht passen! Wir würden die Bedeutung dieses Präsidenten allerdings sehr überschätzen, wollten wir gegen ihn auch noch den Vorwurf erheben, die „Fake Reality“ erfunden zu haben. Der Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, wie sie ist, und der Wirklichkeit, wie wir sie haben wollen, begleitet die Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte – im Guten ebenso wie im Bösen. Es ist wichtig, auch das Gute zu betonen, denn jede Utopie, jedes Denken, das auf Besserung zielt, muss erst einmal das Bleigewicht des ewigen Einspruchs beiseiteschieben: „TINA – es gibt keine andere Wahl“. Nicht selten sind es gerade die größten Geister, die sich gegenüber der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, als durchaus blind erweisen, weil sie eine Wirklichkeit mit sich in ihrem Kopfe tragen, wie sie nach ihrer Meinung sein sollte und daher für sie die allein richtige ist.

Das historisch vielleicht bedeutendste Beispiel

für eine derartige kreative Blindheit liefert wohl Francis Bacon, der Erfinder der Neuzeit – um es einmal so plakativ auszudrückenZur selben Zeit, als William Shakespeare seinem Land einen Höhepunkt kultureller Entwicklung bescherte, sah dieser Mann eine durch Technik und Wissenschaft völlig verwandelte Welt voraus, in der nur das Sicht-, Wäg- und Messbare zählt und der Mensch durch die genaue Beobachtung der Natur zur Herrschaft über die Welt gelangt. Francis Bacon hat diese Vision damals einzig aus dem eigenen Kopf geschöpft, denn in der ihn umgebenden Wirklichkeit gab es zu seiner Zeit wenig, was sie auch nur als denkbar erscheinen ließ. Damit will ich nicht sagen, dass es an großen Erfindern gemangelt hätte. Immerhin war Galileo sein Zeitgenosse und Isaac Newton wurde keine zwanzig Jahre nach Bacons Tod geboren. Aber der Lord Chancellor war blind dafür, dass seine Vision ohne Folgen geblieben wäre – und zweieinhalb Jahrhunderte lang ja auch tatsächlich folgenlos blieb -, hätte es gegen Ende des 18ten Jahrhunderts nicht den wirklich entscheidenden Durchbruch gegeben: die fossile Revolution.

Die eigentliche Wende zum Anthropozän,

welche den Beginn unserer Epoche des materiellen Reichtums markiert, wurde erst dadurch ermöglicht, dass man in großem Maßstab die in Millionen Jahren gespeicherten Vorräte an Kohle (hundert Jahre später dann auch Öl und Gas) in den Tiefen der Erde abzubauen begann. *1* Ohne die industrielle Nutzung dieses bis dahin noch ungehobenen Schatzes wäre Bacons Vision und wären alle nachfolgenden Erfindungen eine Art von inspiriertem Denksport geblieben, utopische Wunschbilder, wie es im Laufe der Jahrhunderte so viele gegeben hat. So aber geschah es, dass beides auf einmal einen exponentiellen Verlauf begann: der Reichtum auf der einen, das fossile Feuer auf der anderen Seite.

Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Diese Entwicklung spiegelt ziemlich genau die exponentielle Zunahme des Weltenergieverbrauchs. Im Jahr 1800 belief sich dieser auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill)…

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven

ist offensichtlich. Kohle und Öl wären ohne die Erfindung der Dampfmaschine (sowie später der Diesel- und Elektromotoren) zwar nie zur Wirkung gelangt, aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Rohstoffe bilden somit eine unauflösliche Einheit. Erst wenn wir dieser Wahrheit ins Auge sehen, sind wir imstande, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen – und die erweisen sich als höchst beunruhigend: Die Erschöpfung ihrer fossilen Rohstoffbasis könnte die industrielle Revolution dazu verdammen, ein bloßes Strohfeuer gewesen zu sein, ein kleines weltgeschichtliches Intermezzo.

Die Tragik dieser Einsicht ist heute nur den wenigsten bewusst, denn

Keine frühere Epoche der Menschheitsgeschichte

hat in so kurzer Zeit das Los der Menschen materiell so radikal verändert und weitgehend zum Besseren gewendet. Zwar hatten sich schon früh kritische Stimmen gegen das „materialistische Denken“ der neuen Zeit erhoben. In Frankreich lehnte sich Rousseau, in Deutschland die Romantik gegen die Enge von Nützlichkeitsstreben und materialistischer Weltanschauung auf; der große Systemkritiker Karl Marx hatte zwar nichts gegen Wissenschaft und Technik einzuwenden, stattdessen beklagte er, dass der materielle Fortschritt keineswegs zu größerer sozialer Gerechtigkeit führe.

Der Protest der Romantiker blieb auf eine relativ kleine Schicht von Künstlern und Intellektuellen beschränkt (und wurde später zu Unrecht als „reaktionär“ abgetan); der Marxismus eroberte vorübergehend die Hälfte der Welt und spielt im Protest gegen Ungleichheit bis heute eine bedeutende Rolle. Tatsache ist dennoch, dass die unteren neunzig Prozent in der fossilen Epoche zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer Knechtschaft befreit worden sind. Bürgertum und Mittelstand konnten zu Wohlstand und politischem Einfluss gelangen und – seit dem zwanzigsten Jahrhundert – traf dies selbst auf die Arbeiterschaft zu.

Dennoch trug gerade dieser historisch einzigartige Erfolg

dazu bei, eine neue und überaus gefährliche Blindheit hervorzubringen – was nichts anderes heißt, als dass sich die Menschen wiederum an eine „Fake Reality“ gewöhnten. Hätten im Kopf jedes nachdenklichen Wissenschaftlers nicht von Anfang an – also seit beinahe drei Jahrhunderten – die kritischen Fragen aufkommen müssen: „Wie lange werden die fossilen Vorräte denn reichen?“ Und: „Was geschieht denn, wenn sie versiegen?“

Diese Fragen sind eigentlich so naheliegend, dass man ihre völlige Abwesenheit in der öffentlichen Debatte nur damit erklären kann, dass sie geflissentlich verdrängt worden sind. Politik und Bevölkerung wollten nichts davon wissen. Das Wunschbild ewigen Wachstums war so bezaubernd schön, dass niemand daran gemahnt werden wollte, dass es dergleichen in der Natur weder gab noch überhaupt geben kann. Tatsächlich wurden diese elementaren Fragen auf wissenschaftlich-systematische Art erst kurz vor der ersten Erschütterung des kollektiven Traums durch die Ölkrise von 1973 in die Öffentlichkeit getragen. Das geschah im Jahre 1972 mit dem Bericht des „Club of Rome“ über „Die Grenzen des Wachstums“.

Die Ölkrise erwies sich allerdings als ein vorübergehendes, politisch inszeniertes Problem. Kaum hatte man sie überwunden, als die Welt nach tiefem Aufatmen mit unverminderter Begeisterung wieder um das goldene Kalb der Fake Reality zu tanzen begann. Ewiges Wachstum stand und steht bis heute auf dem Programm aller Industrienationen. Wie sich das mit der Endlichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen trägt, darüber schweigen sich alle beharrlich aus. Gesellschaften wurden und werden von Wunschdenken und Wunschbildern beherrscht.*2*

Diese Blindheit allein wäre noch nicht fatal

Wie sich bald nach Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ zeigen sollte, reichen die vorhandenen Vorräte um vieles weiter, als die Wissenschaftler zu Anfang der siebziger Jahre aufgrund der vorhandenen Daten noch annehmen konnten. Die eigentliche Gefahr für das kollektive Wunschbild der Fake Reality liegt aber gar nicht hier, sondern droht aus einer ganz anderen Richtung. Lord Bacon, der Erfinder der Neuzeit, stellte sich die glücklichen Menschen einer kommenden Zivilisation – die Bewohner der Insel „Nova Atlantis“ – schlicht in der Weise vor, dass sie aus armen Hütten steinerne Häuser machen und aus dürfti­gen Werkzeugen dauerhafte Geräte. Die schlechte Idee einer Wegwerfgesell­schaft wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Aber genau davon ist die moderne Industriegesellschaft geprägt. Unsere Wirtschaft saugt einen ständig anschwellenden Ressourcenfluss in die Fabriken, damit jeder Mensch die ihn umgebenden Apparate ständig durch die neuesten Modelle ersetzt und auf diese Weise Güter und Einkommen sich fortwährend vermehren lassen.

Die Wegwerfgesellschaft hat überhaupt erst die existenzielle Gefahr geschaffen, mit der wir heute leben, denn es sind ja die aus der industriellen Produktion entstehenden biologisch nicht abbaubaren Gifte, welche zur eigentlichen Bedrohung für das fossile Zeitalter wurden. Nicht einmal der sonst so scharfsichtige Karl Marx hat drei Jahrhunderte nach Francis Bacon diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen.

Niemand hat die wirkliche Gefahr vorausgesehen. Denn inzwischen wissen wir, dass es nicht der Klassenkampf ist und nicht einmal die Erschöpfung der fossilen Ressourcen, welche das industrielle Zeitalter in seiner bisherigen Gestalt mit dem Kollaps bedroht.*3* Diese Gefahr geht von den Abfällen des industriellen Prozesses aus, also von den anthropogenen, biologisch nicht abbaufähigen Giften. An erster Stelle steht natürlich das Kohlendioxid, welches das Klima destabilisiert. Die Verseuchung der Weltmeere durch Plastik aber setzt eine bedeutende Nahrungsquelle aufs Spiel. Darüber hinaus verwandelt die Vergiftung ganzer Landstriche in Afrika, Indonesien oder den Philippinen mit Elektroschrott und anderem Müll die Natur in pestilente Wüsten. Nukleare Rückstände wurden zu einer Gefahr, wo immer sich Atomkraftwerke befinden.

Deutschland ist nur mit bescheidenen zwei Prozent

an der Verseuchung der Atmosphäre mit Kohlendioxid beteiligt. Diesen Vorzug verdankt es freilich weniger seinen Anstrengungen zum Klimaschutz als dem Umstand, dass es die schmutzigsten Industrien und deren negative Umweltbilanz in Entwicklungsländer auslagerte, vor allem nach China.

So gesehen, hat das gestiegene Umweltbewusstsein der Europäer eine eher geringe Bedeutung. Selbst wenn eine grüne Partei in Deutschland die Politik nach ihrem Willen bestimmen könnte, wäre sie bestenfalls in der Lage, die globalen CO2-Emissionen um maximal zwei Prozent zu vermindern. Es sind nicht die Deutschen und auch nicht die Europäer, es sind die weltweit größten Verschmutzer – China, die USA und Indien – die über das weitere Schicksal des Planeten entscheiden. Bekanntlich sind die USA unter Trump aus dem Pariser Vertrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen ausgestiegen. In Indien hält man das Gerede über die Umwelt überhaupt für ein Luxusproblem des reichen Westens. Und wie steht es mit China? China ist tatsächlich ein eigener Fall. Was dort gegenwärtig geschieht, wird über unser aller Zukunft entscheiden.

Die Chinesen verfügen über ein großes

 – inzwischen wohl über das weltweit größte Potential an hervorragenden Wissenschaftlern. Alles westliche Wissen wird dort kopiert, aufgesogen und inzwi­schen in manchen Sektoren auch schon über den westlichen Standard hinaus perfektioniert. Ähnlich wie Deutschland ab 1870 an seinem Lehrmeister England in wenigen Jahren vorüberzog, drängt das Land der Mitte auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik mit größter Entschlossenheit an die Spitze. Über die existenziellen Bedrohungen durch die Industrialisierung wissen Chinas Experten natürlich ebenso gut Bescheid wie wir in Europa – die gesundheitsgefährdende Vergiftung der Luft in den Großstädten ihres Landes und der flächendeckende Raubbau an der Natur ruft sie ihnen ja fortdauernd in Erinnerung. Aber unter dem Präsidenten Xi Jinping hat sich die Partei eine absolute Verfügung über den öffentlichen Diskurs angeeignet. Und das Politbüro hat die Richtung der Politik eindeutig vorgegeben: „Erst müssen wir den Westen im Hinblick auf Wohlstand und Macht eingeholt haben, dann können wir uns den Luxus leisten, über Umweltprobleme zu reden.“

In diesem Sinne sind Journalisten verpflichtet, der Loyalität gegenüber der Partei grundsätzlich den Vorrang gegenüber dem zu geben, was sie persönlich für wahr erachten – eine Forderung, die natürlich auch für die Wissenschaft gilt, sofern sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Das Bekenntnis zur Fake Reality ist erstes Gebot in China.

Bisher hat sich die Linie der Partei

sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Ausland auf erstaunliche Art bewährt. Im Inland wurden Millionen Menschen in phänomenal kurzer Zeit aus jahrtausendealter Armut erlöst. Und was das Ausland, speziell den Westen, betrifft, so sind die Chinesen über die in Europa und den USA herrschenden Gedankenströmungen ganz genau informiert und richten die eigene Propaganda geschickt daran aus. Man hat längst begriffen, welche Bedeutung die Vokabel „grün“ seit einiger Zeit bei uns im Westen besitzt. Also schaltet man auch in China die politischen Ampeln auf grün und scheut keine propagandistische Anstrengung, um das eigene Land als Pionier einer grünen Politik hinzustellen und die Vereinigten Staaten unter Trump als einen rückständigen Staat, der die Zeichen der Zeit nicht verstehen will.

Die Kunst, die Wirklichkeit hinter einer Fassade von Fake Reality zu verstecken, wurde in einer so alten Kultur wie der chinesischen natürlich zu weit größerer Perfektion entwickelt als in einem vergleichsweise so jungen Staat wie den USA. De facto verfährt China zwar viel rücksichtsloser gegen die Natur als die USA, aber anders als Trump – ein Elefant, der alles überhaupt vorhandene Porzellan mutwillig und offenbar mit Gusto zertritt – ist man in China Meister des schönen Scheins. Und es stimmt ja, dass man die größten Windparks der Welt aufgebaut hat und mehr Wald aufforstet als irgendein anderer Staat. Die Kehrseite dieser Entwicklung bleibt jedoch unerwähnt: Nach Zahlen des Mercator Instituts für Gemeingüter und Klimawandel (MCC) sind allein in China und Indien noch etwa 150 neue /Kohle-/Kraftwerke im Bau, noch einmal so viele sind geplant. Insgesamt beläuft sich die Abhängigkeit Chinas bei der Stromerzeugung immer noch auf 70 Prozent (Atlas der Globalisierung). China ist neben Indien der Mega-Umweltsünder – und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Grund für das chinesische Vorgehen liegt auf der Hand

Nur aufgrund eines weiterhin immer stärker lodernden fossilen Feuers ist es möglich, nun auch den ärmsten Bürgern mit jedem Jahr ein größeres Maß an Wohlfahrt zu verheißen. Obwohl es nirgendwo mehr Milliardäre gibt als in dem angeblich kommunistischen Land, wird das mittlere Prokopf-Einkommen von der enormen Bevölkerungszahl stark in die Tiefe gedrückt. Daher ist es vorerst auch noch nicht höher als in Algerien, Brasilien oder Mazedonien, wenn man die Kaufkraft in Betracht zieht (Ulrike Herrmann). Dies macht verständlich, warum es dem chinesischen Staat so sehr darauf ankommt, alle nur möglichen Quellen verfügbarer Energie zu erschließen. Die Parteispitze ist sich durchaus bewusst, dass sie sich nur an der Macht halten kann, wenn sie einer ganzen Milliarde Menschen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte denselben Lebensstandard ermöglicht, den bisher in erster Linie die Bewohner der Küstenregionen genießen. Auch aus unserer westlichen Perspektive erscheint das durchaus gerecht zu sein. Warum sollte den Chinesen ein Wohlstand verwehrt sein, den wir schon seit langem genießen? Andererseits ist es inzwischen für jeden ökologisch auch nur halbwegs gebildeten Menschen offensichtlich, welche desaströsen Folgen sich daraus für den Globus ergeben.

Wer also ist schuld?

Es gehört zu unserer Gewöhnung an Fake Reality, dass wir das Profitstreben manischer Egoisten für alle Übel einschließlich der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt verantwortlich machen – mögen wir diese Egoisten nun als Kapitalisten, Konzerne, Banken oder einfach als neoliberalen System bezeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre!

Denn dann hätten zumindest einige Länder das Problem durch einen politischen Umsturz schon längst gelöst!

Aber so einfach ist es gerade nicht! Eine halbe Milliarde Chinesen wartet noch immer darauf, so wie wir mindestens ein Wasserklosett und ein Auto zu besitzen und wenigstens einmal im Jahr einen Flug in den Urlaub zu genießen. Und inzwischen fordern auch die Menschen in Afrika und Innerasien genau diesen Lebensstandard von ihren Regierungen. Sieben, bald sogar zehn Milliarden Menschen wollen materiell so gut leben wie wir. Es interessiert sie wenig, mit welcher Wirtschaftsform und unter welchem politischen System sie dieses Ziel erreichen, wenn dies nur überhaupt geschieht, und zwar besser heute als morgen!

In Wahrheit sind Politiker und Regierungen

überall auf der Welt Getriebene, weil es diese Milliarden sind, die alle nach jenem Wohlstand streben, den die jeweils reichsten Nationen bereits besitzen. Bis vor dreihundert Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der Menschen – mochten sie nun in Neuguinea, China, Indien oder Persien zu Hause sein – keine Vorstellung davon, wie Deutsche, Italiener oder Nordamerikaner leben. Heute trägt das Fernsehen Bilder vom guten westlichen Leben weltweit in jedes Haus. Als zwangsläufige Folge aus dieser global zugänglichen Information erlebt die Menschheit nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein globales Wettrennen der Nationen um Reichtum und Macht. Und dieses Wettrennen wird nicht nur von Neid verursacht – es steht durchaus im Einklang mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit. Gleichgültig, ob wir politisch links oder rechts eingestellt sind, halten wir es in jedem Fall für die Aufgabe einer guten Regierung, allen ihren Bürgern Chancengleichheit zu bieten, also die Aussicht auf einen annähernd gleich hohen Lebensstandard. Sieht die Europäische Union ihr Ziel nicht selbstverständlich darin, das bisher noch bestehende Reichtumsgefälle zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten allmählich auszugleichen? Diese Forderung aber sollte natürlich auch für den ganzen Planeten gelten. Da erscheint es nur als gerecht, dass für alle Menschen und Nationen Chancengleichheit besteht, die ihnen mit der Zeit den gleichen Reichtum verschafft.

Diesen Ruf nach materieller Gerechtigkeit leuchtet ein, gleichzeitig aber sind wir uns peinvoll bewusst, dass wir als Kollektiv gegen eine unüberwindbare Barriere anprallen. Denn spätestens seit der Klimakrise sind wir mit einem neuen Faktum konfrontiert:

Die Natur spielt nicht mehr mit!

In Kalifornien, Australien, im Amazonasbecken und in ganz Sibirien brennen die Wälder – sie brennen immer öfter und immer länger. Auf den Philippinen, in Japan, China, aber auch in Teilen Afrikas und Europas wüten mit jedem Jahr heftigere Stürme. Die Eispanzer der Arktis und Antarktis schmelzen schneller als die kühnsten Prognosen der Wissenschaftler in ihren Computersimulationen vorhergesehen hatten. Der Mensch aber ist inzwischen so beängstigend „erfolgreich“, dass er unter den Säugetieren allein 36% der gesamten Biomasse bildet. Mit 60% sind die von ihm verzehrten Nutztiere vertreten, während alle Wildtiere zusammen nur noch vier Prozent bilden, also praktisch am Limit der vollständigen Ausrottung stehen.

So zeigt die Fassade der Fake Reality seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal unübersehbare und gefährliche Risse. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seit dem 21. Jahrhundert vor einem Entweder-Oder stehen. Entweder reduzieren wir innerhalb der kommenden zwei, drei Jahrzehnte unseren fossilen Verbrauch gegen Null (und den anderer knapper Res­sourcen ebenfalls auf ein sehr geringes Niveau) oder wir bewegen uns im Eiltempo dem ökologischen Kollaps entgegen.

Das Beispiel Greta Thunbergs

und der von ihr begründeten Bewegung „Friday for Future“ zeigt, dass es einer Schülerin bedurfte, um die Wahrheit über des Kaisers neue Kleider in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Greta Thunberg war mutig genug, um der Fake Reality den Kampf anzusagen. Aber kann man sich von dieser Bewegung Erfolg versprechen? Ja, auf äußerlich sichtbare Weise wohl schon. Ich kann mir gut vorstellen, dass religiöse Sekten in der Art der vor acht Jahrhunderten von Franz von Assisi gegründeten demnächst in Europa oder auch den Vereinigten Staaten entstehen werden. Ähnlich wie damals werden dann eine kleine Zahl „Heiliger“ barfuß und in Lumpen gekleidet durch die Straßen ziehen, um ihren Mitmenschen zu predigen, dass sie sich grundlegend ändern müssen, wenn der Planet auch künftigen Generationen noch Platz bieten soll. Aber genau wie damals wird sich dadurch an der tatsächlichen Situation wenig ändern. Die Sektenjünger lassen sich – wie weiland die Franziskaner – vom Rest der Bevölkerung erhalten, der sich dadurch ein gutes Gewissen verschafft und genauso weiter macht wie bisher. Die USA werden jedenfalls eisern am „American Way of Life“ festhalten, während China, Indien und Afrika laut auf ihrem Recht bestehen, ihrerseits an diesem Wohlstand zu partizipieren.

Obwohl das Ergebnis – „nämlich Kollaps –

klar absehbar ist, gibt es keine Mehrheit die für einen Abbruch /des bisherigen Wirtschaftsgebarens/ stimmen würde“ (Harald Welzer).*4* Die Frage ist, warum? Ich glaube nicht, dass alle und nicht einmal die meisten Menschen unverbesserliche, kurzsichtige Egoisten wären und deshalb unfähig, über den Tellerrand ihrer jeweiligen Augenblicksbedürfnisse hinwegzusehen. Es liegt daran, dass jeder Staat, der den Weg des Verzichts beschreitet, sich dadurch entscheidend schwächt und zum Opfer der Stärkeren macht. Würden alle von einer starken übernationalen Autorität dazu genötigt, sich gleichzeitig und gemeinsam zum Verzicht zu entschließen, so dass keiner vor dem anderen einen Vor- oder Nachteil erwirbt, dann wäre die Rettung des Planeten vermutlich überhaupt kein Problem. Auf einzelstaatlicher Ebene hat dieses Prinzip ja durchaus funktioniert. Die Aufgabe einer funktionierenden Regierung bestand von jeher darin, Menschen daran zu hindern, dass sie für einander zu Wölfen werden. Aber heute genügen nationale Regierungen nicht mehr, um mit den globalen Problemen fertig zu werden. Eine transnationale Instanz mit Entschei­dungsbefugnis ist gefordert, um dem unseligen Wettrennen der Nationen um größeren Reichtum und größere Macht ein Ende zu setzen. *5*

Der kanadische Ökologe William E. Rees

hat aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz errechnet, dass unter den gegebenen technischen Voraussetzungen zwei Milliarden Menschen – etwa eine Milliarde mehr als um 1800, als das fossile Feuer entzündet wurde – für eine nachhaltige Lebensweise vertretbar seien. *6*

Mit dieser Erkenntnis zündet die Wissenschaft eine Bombe. Die Menschheit muss ja beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurück, wo sie vor der industriellen Revolution begann. Diese Forderung macht begreiflich, warum man auf der ganzen Welt die Augen so beflissen vor der Wirklichkeit verschließt und sich lieber zum Zerrbild der Fake Reality bekennt. Denn jedem von uns ist natürlich bewusst, dass auch die beste Familienplanung die Zahl der Menschen nicht schnell genug sinken lässt, damit sie noch in diesem Jahrhundert von sieben bis zehn auf nur zwei Milliarden Menschen abgesenkt wird. Es muss aber etwas geschehen, denn das Klima kümmert sich nicht darum, wie viel Zeit wir uns nehmen.

Ich schließe aus dieser Evidenz,

dass die Katastrophe nur durch radikalen Verzicht abgewehrt werden kann. Die gesamte Menschheit muss ihren heutigen Ressourcenverbrauch auf etwas weniger als ein Siebtel reduzieren, damit wir nicht mehr als diese maximal zwei Milliarden Menschen an Ressourcen verbrauchen und an Giften in die Natur emittieren. Andererseits haben wir aber gerade argumentiert, dass jeder Einzelstaat, der mit einem solchen Schritt beginnt, ohne dass ihm die anderen folgen, nur sich selber schwächt, ohne der Natur zu nützen. Mit anderen Worten, kein Einzelstaat allein kann – und will – wirklich etwas gegen die Klimakatastrophe tun -, denn dann müsste er die eigene Bevölkerung dazu zwingen, auf Wohlstand zu verzichten, auch wenn der Rest der Welt dazu nicht bereit ist. Nur eine transnationale Instanz, vermag diese Forderung durchzusetzen, wenn sie allen Einzelstaaten zusammen den gemeinsamen Verzicht auferlegt. Aus diesem – und nur aus diesem Grunde – sehe ich in einer Weltregierung das Ziel der Geschichte, denn sie allein ist imstande die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps und der nuklearen Selbstvernichtung zu retten („Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“, Amazon).

Das ist der erste Grund, warum uns keine Grüne Partei die Wahrheit sagt. Denn eine gesetzgebende transnationale Instanz scheint im gegenwärtigen Moment noch völlig utopisch. Wir alle wollen hier und jetzt etwas tun – nicht nur die Grünen -, aber wenn wir ehrlich sind und uns nicht in das Wunschbild einer Fake Reality flüchten, sind wir zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die jetzigen Bedingungen uns zur Ohnmacht verdammen.*7* Die Situation muss für die Menschheit erst so unerträglich werden, dass sie der globalen Gefahr mit globalem Handeln begegnet – bis dahin wird man sich um die Wahrheit drücken und im Gegenteil noch diejenigen als Panikmacher verleumden, welche mit dem Finger auf die Fake Reality zeigen.

Der deutsche Ökonom Meinhard Miegel

hat es gewagt, auf vorsichtige Weise die Richtung anzudeuten, in die wir uns bewegen müssen: Er sprach von einem „Wachstumswahn“, den wir beenden müssen. *8* Das ist bemerkenswert, weil Miegel ein politisch eher konservativer Denker ist. Der Ruf, dem vermeintlich ewigen Wachstum und damit dem Zerrbild der Fake Reality ein Ende zu setzen, kommt inzwischen also aus allen Richtungen. Was Meinhard Miegel nicht sah – und wohl auch nicht sehen wollte – ist, dass der Verzicht auf Wachstum eine völlig andere Wirtschaftsordnung als die heutige zur unerlässlichen Bedingung macht. Und die Folgen eines derartigen Wandelns sind von so grundlegender Art, dass dies der zweite Grund ist, warum gegenwärtig niemand – nicht einmal die Grünen – uns die Wahrheit sagen.

Von der Notwendigkeit einer globalen Instanz, um globale Problem zu lösen, habe ich schon gesprochen. Von der Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Wirtschaftssystems wird im nächsten Artikel die Rede sein.

1. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab. Um 1700 „produzierte England fünfmal so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, fünfzigmal so viel wie China“ (Michael Mann), denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt. Es gab in England und Irland kaum mehr Bäume. Auch der Tagebau der Kohle wäre schnell an ein Ende gelangt, wenn es nicht mithilfe der Dampfmaschine gelungen wäre, diese aus den Tiefen der Erde zu fördern.

2. Und diese Herrschaft führt oft auch zu einem intensiven Verlangen, die Realität, wie sie ist, zu verdrängen. „Ich stelle mir vor: Es gibt kein Gerede mehr vom Weltuntergang, vom Anthropozän, von den irreversiblen Zerstörungen, von den planetaren Grenzen“ (Welzer, „Alles könnte anders sein“). Das ist ein Aufruf zur Verdrängung: Leute haltet euch an die Fake Reality, die ist schöner!

3. Aber auch die Erschöpfung der Ressourcen ist bedrohlich genug. Siehe Ugo Bardi, „Der geplünderte Planet“.

4. Welzer, op. cit.

5. Im Einzelnen habe ich diese Perspektive in meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Amazon Kindle und Taschenbuch) ausgeführt.

6. Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

7. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Tausend für die Umwelt sinnvolle Aktionen werden schon jetzt und werden in Zukunft von den meisten Staaten ausgeführt werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Verbot der FCKW, um die Zerstörung der Ozonschicht zu beenden. Dennoch werden die entscheidenden Maßnahmen nicht vollzogen, nämlich solche, welche einem Staat im Wettrennen um die größere Macht und Wirtschaftsstärke allen anderen gegenüber ernstliche Nachteile bringen. Keine Nation wird – außer, wenn sie dazu gezwungen wird – ihren Ressourcenverbrauch auf etwa ein Siebtel reduzieren, wie es für nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft notwendig sein wird.

8. Siehe Meinhard Miegel, „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Propyläen 2010.

It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. Diese Krankheit ist mit dem Gegensatz von rechtem und linken Lager nur unzulänglich benannt, denn diesen gibt es schon seit dem 18ten Jahrhundert – er gehört sozusagen zur demokratischen Normalität. Auch der drei Jahrhunderte währende Widerspruch zwischen den beiden einander entgegengesetzten Idealen von Gleichheit und Freiheit wird der Situation nicht gerecht. Die Linken wollten und wollen mehr Gleichheit, die Rechten mehr Freiheit.

Doch der Antagonismus zwischen Gleichheit und Freiheit

mutet veraltet an. Die wenigsten hören noch hin, wenn SPD, SPÖ, der italienische Partito Democratico, Frankreichs oder Spaniens Sozialisten ein Mehr an Gleichheit fordern. Die Botschaft kommt nicht mehr an – linke Parteizeitungen sind passé oder werden kaum noch gelesen. Mancher wird – so wie Ralf Dahrendorf schon in den neunziger Jahren – diesen Befund mit der eigentlich ja höchst erfreulichen Tatsache erklären, dass die demokratischen Sozialisten ihr Ziel gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa erreichten und sich selbst deshalb überflüssig machten. Das ist zweifellos richtig, denn die Bevölkerungsmehrheit erfreut sich in den Ländern des Westens eines materiellen Lebensstandards wie niemals zuvor. Zwar ist Gleichheit inzwischen eher stärker bedroht, da die Zahl der Superreichen sich stetig vergrößerte, diese Tatsache erregt aber heute kaum oder zumindest weit weniger Protest, seit Ungleichheit nicht mehr wie die längste Zeit menschlicher Geschichte Hunger und frühen Tod für die Benachteiligten bedeutet, sondern auf hohem Niveau in einem Wohlfahrtsstaat stattfindet.

Der Kampf gegen Ungleichheit – das klassische Thema der Linken – erregt im Westen kaum noch die Gemüter, aber nicht anders verhält es sich mit dem Kampf für die Freiheit – dem klassischen Thema der Rechten. Vielmehr haben die beiden Volksparteien in ganz Europa als ihr eigentliches Ziel Wohlfahrt für alle zu ihrem Programm gemacht – in Deutschland wurde die CDU unter Angela Merkel geradezu sozialdemokratisch. Freiheit und Gleichheit waren die Parolen, denen im 18ten Jahrhundert die Aufklärung ihre politische Brisanz und Faszination verdankte, heute spielen beide Begriffe im politischen Diskurs nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Bruchlinien verlaufen an anderer Stelle. Was ist passiert?

Das ist nur zu verstehen,

wenn wir den Blick auf jene Parteien richten, die in den vergangenen Jahrzehnten – manche würden sagen – wie Giftpilze in die Höhe schossen. In Deutschland haben wir die AfD, in Italien die Lega, in Frankreich den Front National (heute Rassemblement National), in Ungarn Fidesz, in Polen die PiS. Shinzo Abe hat in Japan die Liberal-demokratische Partei in die gleiche Richtung geführt, ebenso Donald Trump in den USA die von ihm geistig vergewaltigten Republikaner. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Westen sich mit diesen Bewegungen „globalisierte“ – er macht sich eine weltweit verbreitete Tendenz zu autoritären Regierungsformen zu eigen.

Außerhalb des Westens ist China diesen Weg ja schon seit Jahrzehnten konsequent gegangen, ebenso Indien unter den Hindunationalisten, und Russland hat ihn unter Putin eingeschlagen. In das alte Schema von rechts versus links sind weder die neuen autoritären Parteien des Westens noch die der übrigen Welt einzugliedern. So etwa lassen China, Russland und Indien Freiheit genau in dem Maße zu, wie sie der ökonomischen Stärkung des eigenen Landes dient, nämlich um die private Initiative zu mobilisieren und ausländische Investoren ins Land zu locken. Sie unterdrücken Freiheit aber bedenkenlos und oft auch brutal, sobald sie innere Widersprüche aufkommen und den sozialen Zusammenhalt zu schwächen droht. Der Gleichheit geben sie ebenfalls eine eigene Bedeutung. Sie wird nicht materiell aufgefasst – man vergesse nicht: nirgendwo gibt es mehr Milliardäre als in China und nirgendwo wird spektakulärer Reichtum so unverschämt paradiert wie von Russlands neureichen Oligarchen. Umso mehr Wert legt man dagegen auf die Gleichheit der Weltanschauung, die – moralisch untermauert – vor allem aus einem nationalistischen Credo besteht.

Bezeichnet man die autoritären Parteien als „rechts-extrem“, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie keineswegs rechts im klassischen Sinn sind, denn Freiheit spielt für sie keine Rolle. Sie sind aber auch keine erklärten Gegner materieller Gleichmacherei, so wie das früher einmal für das rechte Lager bezeichnend war. Gleichheit spielt bei ihnen sehr wohl eine Rolle, aber – wie schon gesagt – im strikt ideologisch verstandenen Sinn als Gleichheit der Weltanschauung. Es wäre also viel richtiger, diese Parteien schlicht „nationalistisch“ bis „chauvinistisch“ zu nennen. Von der AfD über die Lega bis zu Trumps Amerika, Putins Russland und Xi Jinpings China beschwören sie die Einzigartigkeit und Größe des eigenen Landes, die sie um jeden Preis erhalten und stärken wollen.

Ihre Gegner, die man wohl am treffendsten als „Kosmopoliten“

bezeichnet, rekrutieren sich nahezu überall aus den höher gebildeten Schichten (eine Ausnahme scheint nur China zu bilden, wo die Partei die Intellektuellen in ihre Reihen zieht). Immer schon war es ein Vorrecht der Gebildeten einen Blick über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus auf die übrige Welt zu werfen. Die westliche Forschung – Anthropologie, Soziologie, Psychologie – ist ihnen dabei während der vergangenen Jahrzehnte mit eindeutigen Resultaten vorangegangen. Das Ergebnis: Seit mindestens 50 000 Jahren (aber vermutlich schon sehr viel länger) sind Menschen einander überall auf der Welt genetisch und psychologisch gleich. Diese Einsicht ist historisch vollkommen neu. Zwar stimmt es, dass monotheistische Religionen wie das Christentum oder der Islam die Einheit der Menschheit schon sehr viel früher postulierten, doch umfasste sie nur die Gläubigen – Heiden und Ketzer wurden regelmäßig bekämpft, wenn nicht ausgerottet. Auch die amerikanische und französische Revolution haben die Gleichheit aller Menschen nur in der Theorie proklamiert, in der Praxis galt bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch als ausgemacht, dass andere „Rassen“ – speziell die schwarzen, gelben und roten – der weißen weit unterlegen seien. Deshalb bestanden bis dahin auch wenig Skrupel, sie militärisch zu unterwerfen und ökonomisch auszubeuten.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts

hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Zunächst ist die Forschung zu dem Schluss gekommen, dass alle Unterschiede zwischen den Menschen allein auf anerzogenen kulturellen Besonderheiten beruhen – mit anderen Worten, dass sie – so wie die Kultur selbst – modifizierbar sind. Wichtiger als die Forschung, deren Ergebnisse selten das Denken der Öffentlichkeit bestimmen, war jedoch die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Staaten wie Japan, die ehemaligen ostasiati­schen Tiger und China einen so fulminanten Aufstieg erlebten. Dieser ungeheure praktische Erfolg von Staaten, die noch vor hundertfünfzig Jahren für den durchschnittlichen Europäer kaum existierten, hat auf eine für jedermann evidente Weise die alten Vorurteile entkräftet. Von da an ließ sich nicht länger leugnen, dass andere Völker unter entsprechenden Bedingungen genauso „tüchtig“ oder vielleicht sogar noch tüchtiger sind als wir selbst. Nicht nur unter den Gebildeten, sondern selbst in großen Teilen der Bevölkerung wurde nun stillschweigend die Forderung akzeptiert, andere Menschen überall auf der Erde als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen.

Zumindest für die Mehrheit der Intellektuellen

und eine kurze Zeit sogar für einen großen Teil der Bevölkerung resultierte diese Erkenntnis in der Bereitschaft zur offenen Tür, die auch gern sperrangelweit geöffnet sein durfte. Wenn alle Menschen einander gleich und gleichberechtigt sind, gibt es ja keinen vernünftigen Grund, warum nicht jeder (zumindest solange dies ökonomisch möglich erscheint) Zugang zum eigenen Land genießen solle. Dieser Schluss scheint vielen so evident und unanfechtbar, dass er gerade vonseiten der Intellektuellen wie ein neues Ideal verfochten wurde – mit gleicher Überzeugung – und mehr und mehr auch mit gleicher Unduldsamkeit – wie früher einmal die Ideale von Freiheit und Gleichheit.

Immigration ist also keineswegs zufällig zu einem Kampfwort geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die „Aufgeklärten“ rennen gegen die „Nationa­listen“ mit gleichem Fanatismus an, wie umgekehrt die Nationalisten gegen die Aufgeklärten. Beide verweigern einander das Gespräch, so als fehlte den jeweili­gen Gegnern nicht nur die Vernunft, sondern die Existenzberechtigung überhaupt. Die einen sehen in den Aufmüpfigen eine Art von minderbemittelten Affen, die sich unbegreiflicherweise im Land der Anständigen und Aufrechten breit gemacht haben, die anderen sprechen von „Scheißliberalen“ – mit anderen Worten, dieser Kampf erinnert an die Glaubenskriege früherer Zeiten, wo Katholiken sich weigerten mit den Protestanten, Sunniten mit Schiiten, Christen mit Muslimen, Sozialisten mit Kapitalisten an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihn zu reden. Für jeden stand die eigene Wahrheit unverrückbar fest, während man die des Gegners als menschenunwürdig oder tabu erklärte. Damals wurden solche Konflikte regelmäßig durch Gewalt und Krieg entschieden – heute durch soziale Ächtung.*1*

Ideologische Feindschaften haben in der Regel

wenig mit den vorgegebenen Idealen, dagegen sehr viel mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zu tun. Auf geringem geistigen Niveau lief der Gegensatz der Ideale von Gleichheit und Freiheit schlicht darauf hinaus, dass die einen sich im Namen der Gleichheit den Reichtum und die sozialen Positionen aneignen wollten, welche die Begünstigten schon besaßen, während Letztere im Namen der Freiheit umgekehrt ihre erworbene Stellung auf keinen Fall räumen wollten. 

Der Gegensatz zwischen Kosmopoliten und Nationalisten reicht in größere Tiefen. Die generelle Menschenliebe ist eine typische Intellektuellenhaltung, begründet auf Erkenntnis und einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Aber es ist ein abstraktes Ideal: Wir kennen nur Menschen – die Menschheit überhaupt ist ein Begriff, dem alle Anschauung fehlt. Der Durchschnittsbürger weiß daher auch wenig oder gar nichts mit ihm anzufangen. Er liebt seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und allenfalls die Menschen, die seine Sprache reden und so denken und fühlen wie er. Für ihn, wie für fast alle Menschen seit Beginn ihrer Geschichte existiert nur die Nächstenliebe – die Fernstenliebe zu Menschen, die er nicht kennt, ist ihm fremd. Daran hat sich auch durch die Einführung von Zeitungen, Briefverkehr und die sozialen Medien unserer Zeit nichts Grundlegendes geändert. Tiefe menschliche Bindungen setzen immer noch den Austausch von Gefühlen und die direkte physische Nähe voraus. Das haben inzwischen sogar die Unternehmen einsehen müssen. Videokonferenzen werden nur abgehalten zwischen Leuten, die einander aus persönlichen Begegnungen bereits gut bekannt sind. Andernfalls macht gegenseitiges Misstrauen den Abschluss von haltbaren Verträgen nahezu unmöglich.

Der Gegensatz zwischen Nächsten- und Fernstenliebe

hat mit unserem Thema sehr viel zu tun. Um es in der Gesellschaft aushalten zu können, kommt es nicht darauf an, dass wir Muslime in Afghanistan, Schiiten in Persien oder die Bantu des Kongo für gleichwertige Menschen halten – diese Einsicht ist für unsere Theorie vom Menschen von größter Bedeutung, sie ist aber belanglos für unser Wohlergehen in der Gesellschaft, in der wir heimisch sind. Dort kommt es vielmehr darauf an, dass wir die Menschen in unserer Um­gebung achten, schätzen und lieben können und umgekehrt dieselbe Achtung von ihnen erfahren. Nun ist es allerdings ein Faktum, dass die moderne Wettbe­werbsgesellschaft zwar einerseits Reichtum wie nie zuvor erzeugte, aber dass sie andererseits die Menschen mehr isoliert und voneinander entfremdet hat. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft hat sie aus allen festen Bindungen herausgerissen; der dauernde technische Wandel, die erzwungene Bereitschaft jederzeit disponibel zu sein und den Wohnort und damit auch Freunde und Partner zu wechseln – all dies hat die moderne Gesellschaft atomisiert und dazu beigetragen, die isolierten Individuen in eine soziale Leere zu verstoßen, wo gegenseitige Achtung, Wertschätzung oder gar Liebe zunehmend verkümmern. In dieser Situation erscheint alles Neue mehr und mehr als Bedrohung – vor allem auch fremde Menschen mit abweichenden Gewohnheiten und Überzeugungen. Der Protest gegen die eigene Zeit und ihre als unzumutbar empfundenen Herausforderungen äußert sich dann in einem Festhalten an den Resten von Identität, die man aus der Vergangenheit schöpft. In den neuen Bundesländern, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ immer noch Desorientierung bis hin zum Verfall vorherrschen, besteht die verlorene Identität aus den nostalgisch beschworenen Zuständen der einstigen DDR, wo das Leben für viele weit ärmlicher war, aber dennoch als sozial befriedigender empfunden wurde. Marx hat den Begriff der Entfremdung auf das Verhältnis des Menschen zu den von ihm produzierten Dingen verwendet, aber die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch war und ist immer das eigentliche Problem, denn sie schlägt viel tiefere Wunden. Darüber hinaus schöpfen die Nationalisten ihre Identität nicht aus den großen Epochen der deutschen Geschichte, von denen sie genug Gutes lernen könnten, sondern das Ungenügen an der Gegenwart – bei vielen bis zum Hass gesteigert – verführt sie dazu, sich an dem Schandfleck deutscher Geschichte zu orientieren, den unseligen dreizehn Jahren, wo der pure Hass das Basso continuo war.

Hierin liegt die große Gefahr,

der man nicht gerecht wird, wenn man ihre Ursachen nicht in den Blick bekommt. Anders gesagt, sollten die Gebildeten in Europa ihre Überlegenheit nicht durch hochmütige Verachtung der extremistischen Bewegungen zum Ausdruck bringen, sondern sich fragen, warum diese überhaupt entstehen konnten? Fast ein halbes Jahrhundert vom Ende des zweiten Weltkriegs gerechnet gab es den virulenten Nationalismus ja praktisch nicht (in homöopathischer Dosis sind freilich alle Abartigkeiten in jeder Gesellschaft in jedem Moment präsent). Warum hat die AfD – ursprünglich eine Partei von Professoren, die mit durchaus ernstzunehmenden Argumenten den Euro bekämpften – sich nach Angela Merkels Flüchtlingspolitik plötzlich in eine Partei von Fremdenhassern verwandelt? Warum wurden überall in Europa und in anderen Staaten des Westens die nationalistischen Bewegungen so sehr gestärkt? Könnte es sein, dass die Gebildeten sich letztlich als halbgebildet entpuppen, weil ihnen Ursachenforschung und vor allem die Beseitigung der Ursachen selbst als zu aufwändig erscheinen? Könnte es sein, dass es ihnen viel befriedigender erscheint – ein Charakteristikum aller begünstigten sozialen Schichten – auf die armen Irren herabzublicken, weil man sich selbst dann so überlegen fühlen darf? Man sollte sich zumindest bewusst sein, dass Ausgrenzung, Verweigerung des Gesprächs, Verachtung und die mangelnde Bereitschaft, die Ursachen zu bekämpfen, für die Demokratie auf Dauer ein tödliches Gift sind.

Die Wettbewerbsgesellschaften

haben Reichtum auf Kosten des sozialen Zusammenhalts geschaffen. Das Tempo der Neuerungen ist für viele Menschen zu groß; es überfordert sie und verlangt von ihnen zu viele Opfer. Man hat den Menschen ihre Identität genommen oder richtiger, man verlangt von ihnen, Identitäten fortdauernd zu wechseln oder auch ganz auf sie zu verzichten. Manche Intellektuelle wie Isolde Charim in Österreich gießen noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie diese Entwicklung ausdrücklich für richtig und unausweichlich erklären. Doch wenn man die Menschen ihrer Identität beraubt, beeilen sich Populisten und Demagogen, die entstehende Leere mit künstlichen Identitäten zu füllen – meistens solchen, welche den schlimmsten Perioden der eigenen Geschichte, solchen des Hasses entstammen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden extremistische Bewegun­gen in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker werden, da nichts gegen ihre Ursachen getan wird.

Der Kosmopolitismus der Eliten

ist zweifellos zu einer welthistorischen Notwendigkeit geworden. Alle existenziellen Gefahren, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist: die Erschöpfung der Ressourcen, die Vergiftung der Natur (Klimakrise), das neuerdings wieder stark gestiegene Risiko einer nuklearen Konflagration sind nur noch global in dem Bewusstsein zu lösen, dass wir alle uns im selben fragilen Boot befinden. Doch wenn dieser Kosmopolitismus zur Entwurzelung führt, weil er die einzig emotional reale Nächsten- durch eine abstrakte Fremdenliebe ersetzt, wird es keine Bereitschaft geben, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Denn globales Denken setzt die lokale Verankerung voraus, den Regionalismus. Echte menschliche Gemeinschaft, die Voraussetzung für ein erfülltes Leben, kann immer nur hier entstehen.

1. Die erstaunlichste Hetze in Nachkriegsdeutschland musste Thilo Sarrazin erleiden, weil er ein Tabu unserer Zeit verletzte. Er hatte einen kleinen Fehler gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre begangen, als er die Möglichkeit in Betracht zog, die besondere Leistungsfähigkeit der Juden genetisch zu begründen. Abgesehen davon hat er aber die mangelnde Integration vor allem der arabischen und türkischen Immigranten ausschließlich auf kulturelle Ursachen zurückgeführt. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten auch die überzeugtesten Kosmopoliten dagegen keinen Einspruch erheben dürfen. Man erinnere sich an den großen Alexis de Tocqueville, der mit einer gewissen Bewunderung davon sprach, dass die Indianer Nordamerikas sich nicht der Lebensweise der Weißen anpassen wollten, weil ihr Stolz ihnen dies verbiete: Feld- und Industriearbeit waren in ihren Augen nur für Sklaven gemacht. Tocqueville als Nachfahre einer adligen Familie wusste, wovon er sprach. So klar wie Sarrazin erkannte er die kulturellen Gründe für solches Verhalten – Gründe, die sich langfristig völlig ändern können, aber eben nicht über Nacht.

Noch vor Trump zeigte sich in Deutschland, dass man den Blick auf die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht erträgt und diejenigen verfolgt, die sie ohne Beschönigung beschreiben. Die selbstdeklarierten Anständigen und Aufrechten halten sich an die Fake-Reality – die Wirklichkeit, so wie man sie sehen möchte. Kann man eine Situation wirklich verbessern, wenn man nicht den Mut besitzt, sie vorher nüchtern zu analysieren?

Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei die nötige Hilfe leistet. Der Techniker dagegen nimmt kein Blatt vor den Mund: Er drängt dem Poeten recht schonungslos seine Meinung auf. Dessen Ansichten würden in unserer Zeit wenig zählen – zweifellos werde der Ernst des Lebens von Wissenschaft und Technik bestimmt. Sie hätten die Welt vermessen und es überhaupt erst ermöglicht, dass demnächst zehn Milliarden Menschen statt wie noch vor zwei Jahrhunderten nur eine einzige den Planeten bevölkern werden. Ihr seid nur Zuschauer, während man uns, die Techniker, dafür bezahlt, dass wir die Maschinerie der Daseinserhaltung für die wachsende Menschenflut planen und am Laufen halten.

Der Poet

(worunter wir uns die Kunst insgesamt vorstellen sollten) fasst seine Aufgabe ganz anders auf. Er versucht dem menschlichen Leben einen Sinn zu geben, wenn er nicht umgekehrt dessen fehlenden Sinn beklagt. In der Regel begegnen sich Techniker und Poet mit größtem gegenseitigen Unverständnis. Sie repräsentieren die „Zwei Kulturen“, von deren gegenseitiger Entfremdung schon C. P. Snow gegen Ende der fünfziger Jahre geschrieben hatte.

Die Machtergreifung der Technokraten – denn so muss man ihren Aufstieg eigentlich beschreiben – ist eine historische Neuheit. Grob gesprochen, datiert sie von Aufklärung und Industrieller Revolution, ist also keine dreihundert Jahre alt. Atemberaubend ist allerdings ihr Erfolg. Inzwischen haben die Wissenschaft und ihre materiellen Erzeugnisse wachsenden Teilen der Weltbevölkerung einen Lebensstandard beschert, wie er schlechthin einzigartig in der Geschichte ist. Kein Wunder, dass die technischen Weltvermesser und Weltverbesserer mittlerweile überall auf dem Planeten den Ton angeben, während der Poet – und mit ihm die Kunst insgesamt – bei vielen nur noch als Zugabe gilt: als bloßes Freizeitvergnügen, das für den Ernst des Lebens doch eher entbehrlich sei.

Die wissenschaftlichen Vertreter des Optimismus,

zu dessen Frontkämpfern zweifellos der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Steven Pinker gehört, bestehen darauf, dass es der heutigen Menschheit um vieles besser gehe als ihren sämtlichen Vorfahren bis hin zu Jägern und Sammlern. Lebenserwartung, Gesundheit, Ernährung, ja selbst Verbrechensrate und kriegsbedingte Mortalität hätten sich eindeutig zum Besseren gewandelt.

Doch das beginnt sich seit Ende des vergangenen Jahrhunderts zu ändern. Etwa seit dieser Zeit haben die Techniker eine neue Aufgabe zu bewältigen, die ihr Ansehen durchaus nicht erhöht, sondern es auf Dauer stark zu beschädigen droht. Hatte der Soziologe Ulrich Beck in den achtziger Jahren noch von der modernen Risikogesellschaft gesprochen, so sind die Risiken inzwischen längst Realität geworden. Heute sind Wissenschaft und Technik in zunehmendem Maße damit beschäftigt, die katastrophalen, weitgehend unvorhergesehenen Folgen der Technik in den Griff zu bekommen. Spätestens seit der Klimakrise leben wir alle in einer „Reparaturgesellschaft„: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun reparieren.

Es ist fraglich, ob das gelingen wird. Von vielen wird der Klimawandel bereits als unabwendbares Faktum stillschweigend hingenommen, zumal solange er „nur“ die Staaten des Südens schädigt. Aber der Klimawandel bezeichnet nur eine der auf die Menschheit zukommenden Reparaturen; eine andere ist der rasante Ressourcenverbrauch, der schon in den „Grenzen des Wachstums“ als Menetekel gedeutet wurde. Er hat das ökonomisch-militärische Wettrennen der Nationen beschleunigt, das uns direkt in den Abgrund zu führen droht. Als wäre das nicht schon genug, müssen wir der Verseuchung der Meere mit Plastik ein Ende machen; der zunehmenden Degradierung der Böden durch die industrielle Landwirtschaft; der weltweiten Zerstörung der Wälder, der rasanten Vernichtung der Arten und dem globalen Wachsen der Mülldeponien – wir alle kennen das bis zum Überdruss! All das sind die Manifestationen eines „Fortschritts“, den die Zauberlehrlinge der Technik entfesselt haben, aber immer weniger zu beherrschen imstande sind.

Da ist es nicht erstaunlich, wenn die Frage nach dem Sinn – dem Sinn von Technik und Fortschritt – jetzt wieder in herausfordernder Weise gestellt wird. Auf einmal ist es der totgeglaubte Poet, auf den wir in solchen Momenten von Neuem hören.

Der Poet:

Ihr, die Techniker, seid im Begriff, den Planeten – die einzige Wohnstätte, die wir haben – auszuschlachten und unbewohnbar zu machen, denn ihr habt euch zu Sklaven einer Sucht gemacht, die inzwischen die ganze Menschheit erfasst: eine Sucht, die schon Mahatma Gandhi auf eine einfache Formel brachte. „Die Welt hat genug,“ sagte er, „für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“. Diese Gier habt ihr von Europa aus auf den gesamten Globus getragen. Heute wollen alle ein eigenes Wasserklosett besitzen, natürlich über ein eigenes Auto verfügen und sich möglichst noch einen Flug ins nächstgelegene Urlaubsparadies leisten. Alle – unabhängig ob sie politisch rechts oder links eingestellt sind – streben nach dem jeweils höchsten Lebensstandard, den sie bei ihren Nachbarn bewundern. Längst streiten sie nicht mehr über den luxusbedingten Ressourcenverschleiß an sich, sondern nur darüber wie er gerecht verteilt wird, damit ihn jeder auch noch in Grönland und Neuguinea genießen kann. Noch konzentrieren sich Reichtum und die dazu nötige Ausbeutung des Planeten zwar auf die Staaten des Westens, aber schon in zwei, drei Jahrzehnten könnte der Ferne Osten an uns vorübereilen. Haben dann endlich ganz Asien und der gesamte afrikanische Kontinent das von allen erstrebte Ziel erreicht, wird die Menschheit nicht weniger als fünf bis zehn Globen verbrauchen.

Ihr Techniker solltet aber am besten wissen, was das bedeutet, denn das Rechnen ist ja eure größte Leidenschaft. Das ganze Fortschrittsgebäude wird wie ein Kartenhaus kollabieren, weil wir eben leider nur über einen einzigen Globus verfügen. Was bleibt den Staaten dann anderes übrig, als in Raubkriegen um die letzten Ressourcen einander zu überfallen? Der „American Way of Life“ ist, wie wir wissen, durchaus „nicht verhandelbar“ – und das gilt natürlich ganz genauso für den japanischen, den chinesischen, den europäischen und so weiter. Niemand – am wenigsten Prof. Pinker, der Optimist aus Prinzip – regt sich darüber auf, dass der Globus mittlerweile wie eine Zitrone ausgequetscht wird, damit wir uns weiterhin am täglichen Zivilisationsluxus erfreuen. Doch wehe dem, der es wagt, uns diesen Luxus wegzunehmen oder ihn auch nur zu schmälern! Wenn das geschieht, erheben alle ein mörderisches Geschrei, dann gehen die Menschen auf die Barrikaden und sind bereit, Kriege für den weiteren „Fortschritt“ und gegen die Terroristen zu führen, die ihn bedrohen. Dann werdet ihr darauf bestehen, „Europa auch am Hindukusch zu verteidigen“.

Der Techniker:

Lieber Dichter und Romantiker, auf derartige Vorwürfe brauche ich wohl kaum einzugehen – mit uns, den Technikern, haben sie doch überhaupt nichts zu tun. Wir führen nur aus, was die Politik von uns verlangt – und die Politik richtet sich ihrerseits nach den Menschen, andernfalls hält sie sich nicht lang an der Macht. Die demokratische Mehrheit ist der wirkliche König – und dieser König ist zugleich Opfer und Protagonist der Gier. Oder hast du nicht begriffen, dass der durchschnittliche Konsument süchtig nach den jeweils neuesten Modellen und Produkten in den großen Kaufmärkten ist? Er ist es doch, der kauft und wieder kauft. Und er ist es auch, der den ganzen Firlefanz nach ein- oder zweimaligem Gebrauch bedenkenlos auf den Müll expediert, kaum dass ihn eine größere Neuheit lockt.

Ja, ja, ich weiß schon, dass eine gewaltige Reklameindustrie ihrerseits dazu beiträgt, diese Sucht anzuheizen, aber da geht es doch allein um den Gewinn konkurrierender Konzerne! Für die Wunderwerke unserer Technik braucht man den Durchschnittskonsumenten nicht zu begeistern. Vor den Konsumtempeln steht er Schlange, um den Produzenten die neuesten Handys und Computer aus der Hand zu reißen. Und Billigflüge in den Süden braucht man ihm auch nicht aufzuschwatzen – der Tourismus ist zu einer Massenindustrie geworden, weil die Leute sich in ihrer Freizeit amüsieren wollen. Das Auto aber hat als fetischistisches Symbol längst die Götzen und das goldene Kalb früherer Zeiten abgelöst. Die Leute sind doch alle darauf versessen, selbst wenn sie Stunden im täglichen Stau zubringen.

Also bitte, gebt nicht uns, den Technikern, die Schuld an dem Luxuskonsum. Wir alle sind Konsumenten, wir alle haben die Schöne Neue Welt der Wegwerfgesellschaft geschaffen.

Und noch etwas solltet ihr hoffnungslosen Sozialromantiker wissen. Nicht Trägheit und doppelte Moral – die üblichen Verdächtigen – halten die Bürger im Korsett der Konsumsucht gefangen, sondern die moderne Wirtschaft hat den Luxuskonsum und die Wegwerfmentalität zu ihrer Grundlage und Existenzbedingung gemacht. Als Konsumenten müssen wir kaufen – wir sollen wegwerfen und neuerlich kaufen, damit wir als Angestellte, Arbeiter, Forscher, Ingenieure und Erfinder in einem fort produzieren können. Wir produzieren aber, damit wir Einkommen beziehen. Und, siehst du, hier schließt sich der Kreis, denn die Einkommen beziehen wir ja einzig, um etwas mit ihnen zu kaufen. Natürlich verfolgt der jährliche Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern um die Erhöhung der Einkommen keinen anderen Sinn als denjenigen, dass die Bürger mit jedem Jahr ihren Luxuskonsum um weiteren Luxus steigern. Man nennt das „Wachstum“, und, wie du weißt, schreien sämtliche Regierungen der Welt im Namen ihrer Bürger nach dieser Wunderdroge.

Und jetzt noch ein kleines Wort speziell zu euch, die ihr von euren Wolkenschlössern hochmütig auf uns herabblickt. Reichlich naiv seht ihr darüber hinweg, dass doch gerade ihr von jeher die Nutznießer des materiellen Fortschritts und Wohlstands seid. Hat sich Kunst jemals in Zeiten von Not und Dürftigkeit entfaltet? Wo findet man so viele Theater und Opernhäuser, so viele öffentliche Konzerte, Museen und Dichterlesungen wie in Deutschland (Navid Kermani)? Aber Deutschland kann sich diesen Luxus nur deshalb leisten, weil es eines der reichsten Länder ist. Nur weil wir, Wissenschaftler und Techniker, innerhalb von drei Jahrhunderten die Hungersnöte beseitigten, die Seuchen unterdrückten, die Naturgewalten bändigten, die bis dahin regelmäßig ganze Bevölkerungsteile niedermähten, führen immer mehr Menschen ein gesichertes Leben, das ihnen genug Freizeit und Freiheit beschert, um die Öffentlichkeit mit einer wahren Sintflut verrückter Einfälle zu konfrontieren, die ihnen als „Kunst“ erscheinen. Heute gibt es auf dem Globus mehr Technik und Wissenschaft als jemals zuvor, aber gerade deswegen gibt es auch mehr von jenen verrückten Einfällen, die man uns unter dem Namen der Kunst präsentiert. Gerade ihr hängt doch von Technik und Fortschritt ab – selbst dann noch, wenn ihr eure Stimme hochmütig gegen uns erhebt. Und, bitte, man weiß doch, wie lauthals gerade ihr zu schreien beginnt, wenn man euch die jährlichen Subventionen kürzt!

Der Poet macht eine saure Miene,

dann schüttelt er missbilligend seinen Kopf. Wie typisch engstirnig diese Sicht aus rein technischer Perspektive, die doch ebenso oberflächlich wie falsch ist. Der Mensch lebt vom Sinn, den er seinem Leben zu geben vermag. Zerfällt der Sinn, dann verkümmern selbst technisch hoch entwickelte Zivilisationen, wie wir beispielhaft im Rückblick auf das Schicksal des hochzivilisierten römischen Reichs erkennen. Heute bedroht uns eine ähnliche Entwicklung, weil wir zwar materiellen Reichtum im Überfluss besitzen, aber der Sinn uns abhandenkommt. Immer mehr Erfindungskraft und Energie müssen wir daran verschwenden, den „Fortschritt“ zu reparieren, damit er uns nicht in den Abgrund führt.

Auf einmal scheint der Poet nachdenklich geworden zu sein,

so als hätte er die Gegenwart des Technikers vergessen und würde ein Selbstgespräch führen:

Lass mich noch etwas anderes sagen. Was seit drei Jahrhunderten mit uns geschieht, betrifft nicht nur den Wandel der materiellen Lebensgrundlagen, es betrifft nicht nur unser physisches Sein, das der Fortschritt zuerst auf spektakuläre Weise gebessert hat, während ihr jetzt damit beschäftigt seid, die klaffenden Wunden des Fortschritt zu reparieren. Dieser Wandel betrifft neben unser physischen ebenso auch unsere psychische Existenz. Wir sind nicht nur eine Reparaturgesellschaft geworden, was den materiellen Fortschritt betrifft, sondern wir müssen inzwischen auch noch die Seele des Menschen reparieren, denn diese wurde mindesten ebenso stark beschädigt.

Ich weiß, dass du mich nicht auf Anhieb begreifen wirst, aber du wirst nicht bestreiten, dass Technik und Kunst ganz verschiedenen Göttern gehorchen. Die Techniker richten sich nach Naturgesetzen, nur die Kunst genießt Freiheit. Du wirst nicht bezweifeln, dass die Naturgesetze in China, in der Mongolei und in Deutschland absolut ein und dieselben sind. Daher gibt es auch keine chinesische, mongolische oder deutsche Physik oder Chemie – alle Staaten auf der Welt fabrizieren Autos, Flugzeuge und Bomben aufgrund weltweit identischer Formeln. Als Techniker gehorcht ihr der Notwendigkeit, die euch die überall gleiche Natur auferlegt. Ihr kennt keine Freiheit, weil euch die Natur ihre Gesetze diktiert. Notwendigkeit – das ist eure Wahrheit: die einzige, die ihr kennt.

Der Poet aber bedient sich überall auf der Welt seiner jeweils eigenen Sprache, er findet andere Gleichnisse, erdichtet andere Stories, lebt in anderen Traditionen. Er erschafft seine eigene Wahrheit, die er nicht findet, sondern die er erfindet, denn sie existiert nicht außerhalb von ihm selbst, sondern er schöpft sie aus seinem Inneren. Wir, Poeten, schaffen aus Freiheit, dem kostbarsten Gut des Menschen.

Der Techniker:

Oh ja sicher! Da bin ich einverstanden, nur dass ich den Sachverhalt doch etwas weniger romantisch sehe. Ich weiß schon, der Unterschied zwischen Notwendigkeit und Freiheit prägt das Weltbild der Neuzeit seit Aufklärung und Industrieller Revolution. Von meinem, dem Standpunkt des Technikers aus gesehen ist das, was du Freiheit nennst, gleichbedeutend mit Zufall oder Beliebigkeit.

Nehmen wir das ganz konkrete Beispiel der Sprache. Theoretisch könnte es neben Englisch, Chinesisch, Deutsch usw. unendlich viele Sprachen und neben der französischen oder japanischen unendliche viele Kulturen und Traditionen, unendlich viele Romane geben. Keine dieser kulturellen Erzeugnisse kann auf Notwendigkeit pochen. Im Gegenteil, sind sie mehr oder weniger kurzlebige Gebilde der reinen Beliebigkeit – zu einer bestimmten Zeit entstanden und mit deren Ablauf manchmal sehr schnell wieder zum Verschwinden verdammt. Dagegen hat alles, was die Technik ersonnen hat, einen potentiell unendlichen Bestand bis zum Ende der menschlichen Zivilisation. Das beginnt mit der Erfindung des Feuers, gilt für die Züchtung von Weizen und Mais und alle fortschrittlichen Techniken des Ackerbaus, aber ebenso natürlich für alle großartigen Erfindungen unserer Zeit. Im Unterschied zu jedem Gedicht, Roman oder Gemälde, sind Feuer und Computer für alle Zeit unvergesslich, sobald sie einmal vorhanden sind.

Selbst so langlebige kulturelle Schöpfungen wie die menschlichen Sprachen erscheinen im Vergleich damit nur als ephemere Zeugnisse der Beliebigkeit. Tausende von Sprachen sind im Laufe der Geschichte entstanden und wieder verschwunden, und von den heute noch existierenden werden die meisten in Zukunft untergehen. Was soll ich da noch über Geschichte sagen? Wer außer ein paar Spezialisten interessiert sich in unserer Zeit noch für Geschichte, diesem Massenfriedhof untergegangener Kulturen und Künste? Eure Schöpfungen sind nichts Besseres als flüchtiger Zeitvertreib. Wir Techniker dagegen halten uns an die Notwendigkeit, die wir der Natur entlehnen, denn nur aus dieser lassen sich die ewigen und ehernen Gesetze ablesen.

Um es dir noch einmal ganz deutlich auszurichten: Die Menschheit braucht all die vielen Traditionen, Kunstformen und Kulturen nicht – sie braucht die ganze bisherige Geschichte nicht, dieses Kaleidoskop der kulturellen Beliebigkeiten.

Deshalb drückt sich der moderne Mensch auch mehr und mehr in mathematisch-physikalischen Formeln aus, welche die materielle Realität der Welt viel genauer beschreiben als jede Umgangssprache. Überall auf der Welt ist Technik im Vormarsch, während der kulturelle „Überbau“ weltweit von Schwindsucht erfasst ist. Aus den Lehrfächern von Schulen und Universitäten ist er schon weitgehend verschwunden oder nur noch als Restposten und Überbleibsel vorhanden. Schau doch hin, was noch an Geschichte, Religion, Sprachen etc. selbst an deutschen Gymnasien gelehrt wird! All dieses Zeug wird nicht länger gebraucht. Damit macht man keinen Staat reich oder mächtig. Ihr Künstler seid Luxusgeschöpfe von unserer Gnade – und maßt euch dennoch an, über uns zu Gericht zu sitzen.

Da hält der Poet seinen Ärger nur mit Mühe zurück:

Mit Verlaub gesagt, welche Borniertheit aus diesen Worten spricht! Alles, was ihr uns bieten könnt, ist doch nicht mehr als das steinerne Fundament menschlichen Lebens: die materielle Daseinsfürsorge. Wer würde deren Unverzichtbarkeit denn bestreiten? Wir können nur denken, solange wir uns ausreichend ernähren. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Mit einer derartigen Banalität brauchst du mir nun wirklich nicht zu kommen! Aber die materielle Daseinsfürsorge dient doch allein dazu, dem eigentlichen Ziel menschlichen Daseins ein Stück näher zu kommen – und darunter verstehe ich Freiheit und Lebenssinn.

Wir sind soziale Wesen; ein erfülltes Leben besteht in der Resonanz, die unsere Ideen, unsere Gefühle, unser Sein in anderen Menschen erzeugen. Die schlimmste Strafe für jeden Menschen ist ein Leben in Einzelhaft oder vollständiger Einsamkeit. Ein Neugeborenes lässt sich zwar in einem Apparat künstlich ernähren und physisch am Leben erhalten. Wächst es jedoch ohne die Gesellschaft anderer Menschen auf, dann verblödet es, weil es das elementare Organ der Resonanz – die Sprache – nicht ausbilden kann.

Und das elementare Verlangen nach menschlicher Resonanz bleibt für das ganze Leben eine elementare Forderung – ganz gleich ob wir uns den frühesten Epochen zuwenden, als der Mensch gerade von den Bäumen herunterstieg oder der heutigen Zeit, wo er sich mit den modernsten Hightech-Geräten umgibt. Trotz all seinen Erfindungen und Apparaten würde selbst der genialste Techniker geistig und seelisch verkümmern, wenn sich niemand dafür interessiert.

Und der Poet fällt plötzlich in einen scharfen Ton

Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Technik als Lebensform im Gegensatz zu Technik als Mittel der Daseinsfürsorge verrichtet keinen Dienst am Menschen, sondern wird im Gegenteil zu einer Macht der psychischen Zerstörung. Dann verwendet sie nämlich Menschen auf rein funktionale Art als Material – eben als „Menschenmaterial“ – ohne jede Rücksicht auf ihr Bedürfnis nach Resonanz. Die typischen ökonomischen Einheiten moderner Staaten, ihre administrativen, wissenschaftlichen, produzierenden Betriebe, sind bestrebt, Menschen wie Roboter als bloße Funktionen einzusetzen. Sobald sie die verlangte Leistung nicht länger erbringen, wird das defekte oder überforderte Menschenmaterial sofort gegen besseres ausgetauscht. Das ist der psychische Schaden, von dem ich sprach. Die neoliberale Wirtschaft erhebt die Forderung, dass jeder Beschäftigte bereit sein müsse, seinen bisherigen Lebenskreis, seine Freunde und Partner zu verlassen, wenn der Betrieb ihn an einen anderen Ort versetzt. Auf diese Weise hat der ökonomische Apparat absolute Priorität gegenüber allen menschlichen Rücksichten gewonnen.

Ich frage dich: Was ist das anderes als ein Werk der Zerstörung? Denn die Folgen sind ja für alle sichtbar. Seit drei Jahrhunderten, also seit Beginn der Industriellen Revolution, beobachten wir eine zunehmende Entwurzelung des Einzelnen aus allen gewachsenen Bindungen, die seinem Bedürfnis nach Resonanz entspringen. Inzwischen ist selbst die älteste menschliche Gemeinschaft, die Familie, diesem Prozess der Erosion ausgesetzt.

Und der Poet setzt seine Anklage fort:

Der Kampf gegen den Kapitalismus, gegen das „System“, gegen den Neoliberalismus usw. hat hier seine eigentlichen, seine tieferen Wurzeln. Der auf die Funktion reduzierte Mensch findet sich in die äußerste Einsamkeit verstoßen – als funktionierender Roboter wird er gebraucht, als Mensch fühlt er sich überflüssig. Sein Bedürfnis nach Resonanz will sich in Gemeinschaften manifestieren, aber menschliche Gemeinschaft ist von der Ratio der Technik nicht vorgesehen.

Der Techniker hat dem Poeten nur mit größter Mühe zugehört

Schließlich fällt er ihm abrupt ins Wort.

Das ist doch maßlose Übertreibung! In vielen Betrieben bewundere ich die demokratische Mitbestimmung; kluge Firmenchefs erlauben ihren Mitarbeitern, den Arbeitsplatz mit Blumen zu schmücken und haben nichts dagegen einzuwenden, dass sich Freundschaften in der Belegschaft bilden. Wer sperrt denn schon die arbeitenden Menschen in Einzelzellen, damit sie acht Stunden am Tag funktionieren, also verlässlich wie Roboter oder Computer das vorgelegte Arbeitspensum erfüllen?

Das gibt es doch nirgendwo! Freundschaften und Beziehungen entstehen überall, auch wenn es sicher richtig ist, dass sie in den Augen eines auf Effizienz bedachten Chefs manchmal als störend erscheinen. Ein ökonomischer oder wissenschaftlicher Betrieb ist nun einmal kein Tanzkurs oder Gesangverein.

Der Poet setzt ein sarkastisches Lächeln auf

Oh ja, natürlich. Dennoch sollte sich auch ein Techniker einmal die Frage stellen, warum es niemals gelingt, den Menschen ganz und gar in einen Roboter zu verwandeln, der auf bloßen Knopfdruck sein Tagespensum erledigt? Das ist doch gerade deswegen der Fall, weil das menschliche Bedürfnis nach Resonanz so übermächtig ist, dass es sich selbst noch gegen die stärksten Widerstände behauptet! Entscheidend ist aber doch, in welche Richtung die Menschen durch die Übermacht der Technik getrieben werden!

Über die Fakten sind wir uns doch wohl einig. Diese aber besagen, dass Firmen heute den Lebensmittelpunkt für die meisten Menschen bilden – wenn man den Schlaf abrechnet, verbringen sie dort den größten Teil ihres bewussten Lebens. Gerade hier aber setzt sich die Ratio der Technik erbarmungslos durch: Sobald der allgegenwärtige Konkurrenzdruck stärker wird und Arbeitskräfte leicht zu bekommen, setzt man sich über menschliche Bedürfnisse unbekümmert hinweg. Firmen werden dann schnell zu Verwertungsmaschinen für das im Überfluss vorhandene Humanmaterial. Anders gesagt, geraten sie in größte Ähnlichkeit zum Militär, wo der Mensch im Ernstfall schon immer als bloßer Roboter zu funktionieren hatte. Das Militär war und ist die klassische Institution für funktionale Menschenver­wertung und funktionalen Menschenverschleiß – und die neoliberale Wirtschaft ist in Gefahr sich diesem Modell soweit irgend möglich anzugleichen.

Achtung!, sagt der Techniker,

das ist wieder eine einseitige Übertreibung. Wir wissen doch, dass gerade beim Militär die stärksten menschlichen Bindungen entstehen konnten. Ich kenne Kameradschaftsbünde, in denen sich Überlebende noch Jahrzehnte später begegnen, weil sie sich daran erinnern, wie einer dem anderen in Momenten existenzieller Not das Leben gerettet hat oder ihm Trost gewährte. Das widerstreitet deinen Feststellungen doch diametral. Überall gibt es menschliche Resonanz, um es in deinen Worten zu sagen – selbst dort, wo man Menschen als bloße Marionetten verwendet.

Der Poet:

Wieder liegst du daneben! Oder glaubst du etwa, das Militär werde um einen Deut menschlicher, weil Freundschaften selbst noch in Situationen brutalen gegenseitigen Abschlachtens entstehen! Genauso wenig wird die funktionale Verwertung des Menschen im neoliberalen System deswegen humaner, weil es diesem trotz größter Anstrengungen nie vollständig gelingt, das Bedürfnis des Menschen nach Resonanz zu unterdrücken oder gar abzuschaffen. Wie groß die Einsamkeit vieler Menschen gerade an jenen Plätzen ist, wo sie den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, beweist die Statistik. Laut einer Studie der Harvard Business Review schätzen fünfzig Prozent amerikanischer Fachkräfte die eigene Arbeit als völlig sinnlos ein, während dies für 37% der Briten gilt. Eine Querschnittsuntersuchung über 142 Länder ergab, dass nicht mehr als 13 Prozent aller abhängig Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden sind (Siehe https://www.weforum.org/agenda/2017/04/why-its-time-to-rethink-the-meaning-of-work/). Sinnverlust und Einsamkeit liegen eng beieinander, und Einsamkeit erzeugt Schmerz und wirkt deswegen wie eine Krankheit (Manfred Spitzer).

Der Techniker:

Deine Sprünge erscheinen mir reichlich gewagt. Sinnverlust und Einsamkeit sind doch keinesfalls dasselbe. Derartige Behauptungen erscheinen mir unwissenschaftlich.

Der Poet

hat den Einwand offenbar überhört.

Ohne Beisammensein, Gemeinschaft, ohne das Miteinander, das eine gemeinsame Sprache bewirkt, verkümmern Menschen. Und mit Sprache meine ich nicht nur ein beliebiges Idiom wie Deutsch, Englisch oder Chinesisch, sondern die Gefühle, Ideen und Vorstellungen, die auf dieser Grundlage zwischen Menschen aufkommen und wachsen. Das in der Kindheit erlernte Idiom allein bewirkt noch keine Gemeinsamkeit. Man halte sich eine jener schrecklichen Wohnkasernen vor Augen, in der nicht wenige Menschen unserer Zeit ihr ganzes Leben verbringen. An der einen Tür steht „Katholik“, an der zweiten „Buddhist“, an den weiteren vielleicht „Atheist“, „Briefmarkensammler“, „schlagender Burschenschaftler“, „Anarchist“, „Maoist“ usw. Diese Menschen haben einander nichts zu sagen; sie sind einander so fremd, als lebten sie auf eigenen Planeten. Sie dürfen nicht einmal…

Da fällt ihm der Techniker neuerlich ins Wort

Aber das ist doch selbstverständlich! In alten Zeiten, als neunzig Prozent der Menschen noch als Bauern an ein Stück Ackerland gefesselt waren, konnten natürlich alle über dasselbe reden – ihr Leben verlief ja überall gleich eintönig und primitiv. Die heutige Gesellschaft dagegen besteht aus Lastwagenfahrern, Universitätsprofessoren, Stewardessen, Bäckern, Vermessungsingenieuren und zehntausend weiteren Berufen – und jedes Jahr kommen weltweit ein paar Hundert dazu. Wie können wir da noch von gemeinsamen Identitäten reden? Solche Zeiten gehören doch längst einer unwiederbringlichen Vergangenheit an. Vielleicht wird in hundert Jahren jeder einzelne Mensch auf dem Globus ein Spezialist in seinem eigenen Fache sein. Ich sehe darin nicht weniger als das Ziel der Entwicklung unserer Spezies zum Homo sapientissimus. Jeder Mensch ist dann ein Fachmann auf einem Gebiet, das nur er als einziger vollständig beherrscht. So gelangt die Explosion des Wissens an jenen höchsten Punkt, dem sie seit dreihundert Jahren – ich würde sagen, mit logischer Notwendigkeit – entgegenstrebt. Übrigens hat der Historiker Ian Morris diesen Endpunkt bereits vorausgesehen. In einer bemerkenswerten Untersuchung zeigte er, dass die Zunahme von wissenschaftlichen Fachzeitschriften zwischen dem 17ten bis zum 20sten Jahrhundert exponentiell erfolgte, so dass rein logisch irgendwann der Punkt erreicht sein müsste, wo auf jeden Erdenbürger eine Zeitschrift kommt.

Angewidert schüttelt der Poet den Kopf

Ich weiß schon: Das ist eure Vision, die Vision der Sozialklempner, für die es für alle Probleme stets eine technische Lösung gibt. Alle Menschen nur noch Rädchen in der großen ökonomischen Megamaschine, um den immer komplexeren Apparat der Daseinsfürsorge am Laufen zu halten. Aber welchen Sinn hat dieser Apparat für die Menschen, wenn jeder nur noch eine Privatsprache als Experte spricht, so dass sie einander nichts mehr zu sagen haben, weil ihr Bedürfnis nach Resonanz ins Leere geht? Oder kann unter bloßen Funktionen noch Gemeinschaft wachsen?

Habe ich es nicht gerade gesagt? Die eigentliche Krankheit, das Grundübel der Neuzeit, ist die Einsamkeit des durch technische Funktionalisierung entwurzelten Menschen. Die Technik kann dagegen nichts tun, denn menschliche Freiheit, welche sich in Sprachen, Traditionen, gemeinsamen Überzeugungen manifestiert und Menschen eine von ihnen selbst geschaffene Identität verschafft, beruht für euch ja auf bloßer Beliebigkeit – in euren Augen ist sie nichts wert. Resonanz und Gemeinschaft könnt ihr nicht erzeugen, weil sie für euch keine Bedeutung haben – ihr könnt sie nur zerstören.

Aber du hast schon Recht. Weil Gemeinschaft ein Grundbedürfnis des Menschen ist, unternimmt er alles, um sie – in wie primitiver Form auch immer – selbst im Militär, selbst in der neoliberalen Wirtschaft, selbst im hochtechnisierten Apparat durchzusetzen. Daher schließt ja auch ihr euch in Gruppen zusammen. Ob ihr nun Elektriker, Quantenphysiker oder Biogenetiker seid, ihr bildet Vereine oder Forschergemeinschaften, weil ihr einem „irrationalen“ Bedürfnis folgt, das sich aus der Technik selbst nicht ableiten lässt. Um es auf den kürzesten – wenn auch zu Recht umstrittenen – Begriff zu bringen: Auch ihr verschafft euch eine je eigene Identität, denn Gleichklang oder Resonanz kann nur unter Menschen entstehen, welche auf gleichen Frequenzen schwingen.

Identität!, ruft der Techniker

und man hört ihm die Empörung an, die er mit diesem Wort ausdrücken will. Wie gut ich die Vokabel aus dem Munde der ewig Gestrigen kenne! Die Identitären wollen sie, die AfD strebt nach deutsch-nationaler Identität, die FPÖ in Österreich verteidigt den Alpenmenschen gegen die Verunreinigung des Volkskörpers durch artfremde Einwanderung. Jenseits von Europa streben die Hindunationalisten nach identitärer Verwirklichung. Wladimir Putin versucht die panslawische Identität gegen den europäischen Liberalismus in Stellung zu bringen, überall dröhnt der Ruf nach Identität an mein Ohr. Und jetzt fällst auch du noch auf die Demagogen herein! Aber darüber sollte ich mich eigentlich nicht wundern. Ihr Sozialromantiker seid für solche Versuchungen immer schon besonders anfällig gewesen.

Der Poet fährt in die Höhe, man sieht ihm den Ärger an.

Wenn das so einfach wäre! Ihr Techniker seht nicht einmal das Problem, denn ihr verwechselt die Wirkung mit ihrer Ursache. Warum tanzen rechte Populisten um die Identität wie um das goldene Kalb? Warum nutzen sie die Angst der Bevölkerung vor Überfremdung, vor dem Ungewissen, vor den vielen Umwälzungen, die sie verunsichern? Den Grund dafür habt ihr geschaffen, weil ihr alle gewachsene Identität: den Glauben, die gemeinsame Geschichte, eine verbindende Weltanschauung als beliebig belächelt, seziert und zerstört habt. Was ihr mit unseren alten Städten getan habt, wenn ihr im Namen des Nützlichkeitsprinzips die gewachsenen historischen Kerne durch Kaufhäuser oder einförmige Mietskasernen ersetzt, das habt ihr ganz genauso am lebenden Menschen praktiziert. Tausende von Vereinen, Bünden, Genossenschaften wurden planiert, damit am Ende der rein funktional agierende „Mensch ohne Eigenschaften“ als gesichtsloses Reliktübrigbleibt. Auf diese Weise habt ihr das emotionale Nichts in den flexiblen Robotermenschen geschaffen, die als atomisierte Intelligenzen beziehungs- und sprachlos nebeneinander leben. Und da wundert ihr euch über die Angst, die nun nach künstlichen Identitäten schreit, nachdem ihr die gewachsenen flächendeckend zerstört habt?

Ihr habt die Menschen in ein emotionales Nichts versetzt, weil auch Emotionen für euch nur belächelnswerte Restposten sind. Aber Menschen halten es nicht aus, dauerhaft in der Einsamkeit eines psychischen Vakuums zu leben. Wenn sie das historische Band von gemeinsamen Überzeugungen, gegenseitigem Verstehen und Gesprächsbereitschaft, also eine oft über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Identität nicht länger zusammenhält, dann reagieren sie mit innerer Verstörung auf diesen elementaren Verlust an Resonanz. Verstörung und Angst aber treiben dann jenen Hass hervor, aus dem die Sumpfblüten künstlicher Identitäten sprießen. Denn leider ist es ja so, dass der Hass – das gemeinsame Anbrüllen gegen wirkliche oder erdachte Feinde – das Vakuum der Einsamkeit viel schneller auszufüllen vermag als dies auf dem langsamen Wege gegenseitiger Anpassung möglich ist. Dann entstehen die extremistischen, oft über Nacht geschaffenen Identitäten, womit Demagogen und Populisten die vereinsamten Massen zu brüllenden Herden zusammenschweißen. Dann kann es passieren, dass alle Wohlfahrt und aller Luxus, die eure Technik geschaffen hat, den Menschen plötzlich als nichtssagendes und wertloses Gehäuse erscheint, während sie ihr Heil darin sehen, fanatische Fremdenhasser, besessene Fremdenlieber, fundamentalistische Kapitalisten, verfolgungssüchtige Marxisten, kreuzzugsbereite Katholiken, mordende Muslime oder radikale Atheisten zu sein. Worauf es den Extremisten ankommt, ist letztlich gar nicht der Inhalt, den sie in die Welt posaunen, sondern dass sie dies unisono in einer Gemeinschaft der gemeinsam von „Wahrheit“ besessenen tun (Eric Hoffer). Worauf es ihnen ankommt ist die Fahne, welche ihre emotionale Leere bedeckt und ihnen das heiß ersehnte Gefühl vemittelt, endlich dazuzugehören.

Der Techniker:

Das verstehe ich nicht. Was hat die Technik mit Extremismus zu tun? Wir brüten über nützlichen Formeln und stellen all die Geräte her, mit denen wir euer Leben physisch erleichtern können. Das Innenleben der Leute geht uns doch, bitte schön, gar nichts an; davon wollen wir überhaupt nichts wissen – von mir selbst kann ich das jedenfalls mit gutem Gewissen behaupten. Was du da behauptest, mag ja richtig sein, aber für mich hat es wirklich gar keine Bedeutung. Ich habe dir doch schon gesagt, dass wir Techniker die Kultur zu den Nebensächlichkeiten rechnen – das gilt noch mehr für den kollektiven Wahn von Extremisten. Das sind doch nur Krämpfe und Krankheiten, die nach kurzer Zeit wieder vergehen, also Beliebigkeiten. Wir denken in Naturgesetzen, d.h. in Jahrtausenden und nicht in Jahrzehnten. Das alles geht einen Techniker doch überhaupt nichts an!

Poet:

Ja, und genau darin liegt die Misere und akute Gefahr. Ihr Techniker kennt euch mit Apparaten aus, aber für den Menschen ist in eurem Weltbild kein Platz vorgesehen. Es ist aber der Mensch, der mit seinen Werten und Wünschen das eigene Leben gestaltet. Die Apparate können ihm dazu bestenfalls Hilfe leisten, aber mehr ganz gewiss nicht. Und es ist das Vorrecht des Menschen, dass er diese Werte und Wünsche aus sich selber schöpft und sie nicht aus der Natur als fertige Rezepte empfängt. Was euch als Beliebigkeit erscheint, ist das eigentliche Ziel des Menschen: die Eroberung der Zukunft, so wie er sie kraft seiner Freiheit gestalten möchte. So erschafft er sich selbst eine Identität, einen Sinn und ein Lebensziel, das ihn mit anderen Menschen verbindet, aber sich aus keiner technischen Formel oder gar Naturnotwendigkeit herleiten lässt.*1* Das bekommt ihr nicht in den Blick – aber ihr seid dabei ja nicht einmal allein. Eine modische Wiener Philosophin (Isolde Charim) weiß nicht einmal, dass sie euch, den Technikern, nach dem Munde redet, wenn sie die Notwendigkeit von Identität überhaupt bestreitet. Es ist ein trauriges Faktum, dass selbst jene, die über Politik und Gesellschaft reden, sich von ihrem berechtigten Abscheu gegen Demagogen und Rechtspopulisten dazu verleiten lassen, die tiefsten Bedürfnisse des Menschen ganz einfach zu übersehen.

Der Techniker scheint plötzlich

nicht mehr anwesend zu sein. Er murmelt noch ein:

Ja, ja, das mag ja alles richtig sein, aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun.

Damit beugt er sich über ein liniertes Blatt, das von oben bis unten mit Zeichen und formalhaften Abkürzungen bedeckt ist – vermutlich eine kürzlich fertiggestellte Forschungsarbeit. Dem Poeten wird auf einmal bewusst, dass er ins Leere gesprochen hat. Er entfernt sich leise, der Techniker scheint dies nicht einmal zu bemerken. Doch der Techniker wendet sich ihm neuerlich zu.

Das Gespräch sollten wir fortsetzen, aber auf seriös-wissenschaftliche Art. Ich schlage vor, dass wir es unter den Titel bringen: Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

Der Poet:

Einverstanden, aber das Ergebnis steht doch schon fest. Deswegen schlage ich einen anderen Titel vor: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft.

Gut, erwidert der Techniker

nennen wir unser Vorhaben: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft – Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

1. Es gibt, wie ich in aller Unbescheidenheit meine, eine Lösung für das Problem der Freiheit. Siehe mein Buch: „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ (wahlweise als Taschenbuch oder Kindle eBook).

Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler?

Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen, denn bevor der Vorsitzende der ÖVP gestern seinen sensationellen Wahlerfolg errang, ließ sich das Urteil der Parteien im Hinblick auf seine Person etwa unter diesem Gegensatz subsumieren. Auch für die unmittelbar bevorstehende Zeit wird sich die Frage kaum eindeutig beantworten lassen, denn ein gerechtes Urteil über einen Politiker kann erst die Nachwelt abgeben, wenn sie ihn in die Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger stellt. Doch wird man eines schon jetzt sagen dürfen. Der jüngste Kanzler in der Geschichte Österreichs hat etwas fertiggebracht, was die wohl umsichtigste Führungskraft der westlichen Welt, die nicht mehr ganz junge Kanzlerin Deutschlands, nicht zustande brachte. Sebastian Kurz hat Österreich vor der AfD bewahrt, denn die FPÖ, ihr österreichisches Gegenbild, hat in dieser Wahl – nicht ohne aktive eigene Mithilfe – eine verheerende Schlappe erlitten.

Ja, höre ich jetzt diejenigen rufen,

die in Kurz nur einen Gaukler sehen. Dieser Erfolg sei doch nur möglich gewesen, weil er die Politik der extremen Rechten für sich übernommen habe!

Nein, das ist nur teilweise richtig. Er hat genau das von ihr übernommen, was die Bevölkerungsmehrheit wollte, nämlich eine vorsichtige Immigrationspolitik. Und er hat genau das nicht übernommen, was die extreme Rechte wollte und immer noch will: nämlich den Hass gegen alles Fremde schüren und sich im Chauvinismus suhlen. Auch seine ärgsten Feinde werden dem Parteiobmann der ÖVP nicht vorwerfen können, dass er mit dumpfem Fremdenhass und dummem Chauvinismus sympathisiere. Davon hat Kurz sich stets unmissverständlich distanziert und die Brücke zu den Freiheitlichen in dem Augenblick abgebrochen, als diese wieder braune Ausschläge zeigten.

Andererseits ist dieser rechte Politiker

kein blauäugiger Idealist, der Ideale zur Not auch gegen eine Mehrheit der eigenen Bevölkerung durchpeitschen will. Er hat gesehen, dass in Österreich – wie ebenso auch in Deutschland – eine Elite aus Politikern, Juristen, Anwälten, Lehrern die eigene Aufgeklärtheit durch eine Politik der angelweit aufgesperrten Tür demonstrieren wollte, während die Bevölkerungsmehrheit zu Recht befürchtet, dass diese liberale Großzügigkeit zu ihren Lasten gehe, sind es doch vor allem ihr Lebensstandard, ihre Jobs und Einkommen, welche eine ungeregelte Immigration gefährdet. Bekanntlich haben sich in den USA die Vertreter der Industrie aus genau diesem Grund für eine liberale Einwanderungspolitik eingesetzt. Die Einwanderer liefern billige Arbeitskräfte, welche die Löhne drücken und so den Profit vermehren. In dieser Hinsicht kann man dem Kanzler Kurz keine wirtschaftsfreundliche Politik unterstellen.

Aber hat dieser Kanzler nicht schon in seiner ersten Amtszeit

viel Unglück angerichtet, indem er die Mindestunterstützung für Immigranten kürzte, so dass sie kaum noch fürs Überleben reicht und daher Integration enorm erschwert? Das ist ein ernstzunehmender Vorwurf. Hier sieht sich, meines Erachtens, jede Partei mit einem überaus schwierigen Problem konfrontiert. Wenn es heißt, dass westliche Wohlfahrtsstaaten auf Einwanderer eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausüben, weil sie den Immigranten mehr Unterstützung bieten, als die meisten von ihnen in ihren Heimatländern durch eigene Arbeit verdienten, so ist diese Behauptung kaum bestreitbar, ganz gleich ob sie aus dem Mund eines Fremdenhassers oder aus dem eines nüchtern urteilenden Wissenschaftlers kommt. Ich halte es für unverantwortlich, die Leistungen für diejenigen zu kürzen, die man im Land aufnehmen will und die das nötige Startkapital brauchen, um sich einzuleben, damit sie schließlich auf eigenen Füßen stehen.

Andererseits wird aber kein Staat den eigenen Bürgern zumuten können, dass man auch denjenigen einen vergleichsweise weit höheren Lebensstandard zukommen lässt, die man allenfalls für kurze Zeit oder auch gar nicht im eigenen Land beherbergen will. Kein europäischer Staat wird auf die Dauer die in Zukunft noch zu erwartenden Flüchtlingswellen aus Afrika so großzügig unterstützen können, wie das in der Vergangenheit möglich war, als man mit vergleichsweise kleinen Immigrationsschüben konfrontiert war. Keiner wird, selbst wenn er das wollte, über die dazu erforderlichen Mittel verfügen, noch weniger wird er das gegen den demokratisch erklärten Willen der eigenen Bevölkerungsmehrheit durchsetzen wollen. Man vergesse nicht: Afrika zählt heute 1,3 Milliarden Menschen, eine Zahl, die sich bis 2100 voraussichtlich mehr als verdreifachen wird. Dann werden dort etwa sieben Mal mehr Menschen als in Europa leben, während die Folgen des Klimawandels die natürlichen Lebensgrundlagen zur gleichen Zeit reduzieren und natürlich auch an Europa nicht spurlos vorübergehen.

Von derart bedrückenden Aussichten

will die Politik gewöhnlich nichts wissen, weil auch die Bürger sie gern verdrängen – hier ist parteiübergreifend viel Gaukelei im Spiel. Zwar wird immer wieder beteuert, dass die richtige Hilfe darin bestehen müsse, den Menschen das Überleben in ihrer jeweiligen Heimat zu ermöglichen, doch dieselben Leute, die dieses Rezept verkünden, haben dafür gesorgt, dass Österreichs Entwicklungshilfe auf ein Minimum reduziert worden ist – und daran wird sich wohl kaum etwas ändern. Überdies war Entwicklungshilfe bisher nie sonderlich erfolgreich – die viel geschmähten Kapitalisten haben durch Betriebsgründungen in Ländern mit billiger Arbeitskraft die ökonomische Entwicklung sehr viel stärker gefördert. China liefert dafür bis heute das klassische Beispiel.

Aber China zeigt auch,

dass selbst diese Förderung wirkungslos bleibt, wenn sie nicht durch eine entsprechende Bevölkerungspolitik unterstützt wird. Ohne die energische Einkindpolitik seiner Regierung wäre China noch heute das Afrika des Ostens mit einer auf zwei Milliarden oder mehr gestiegenen Bevölkerungszahl. Die Misere Afrikas ist ja nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen, sondern mehr noch darauf, dass die Staaten dort (wie auch im Mittleren Osten) weit mehr Menschen aufweisen, als sie aus eigener Kraft zu ernähren oder gar mit Jobs zu versorgen imstande sind. Jeglicher Fortschritt im Lebensstandard wird von einer wachsenden Menschenzahl gleich wieder zunichte gemacht. 2015 lag die Geburtenzahl in Subsahara-Afrika beim 52-fachen des deutschen Wertes, 2100 wird sie knapp das 200-fache betragen. 2015 lebten dort etwa 15 Mal so viele Menschen wie in Deutschland, 2100 werden es 62 Mal so viele sein.

Kein Politiker Österreichs oder Deutschlands

tritt mit diesen Zahlen vor die Öffentlichkeit – man will die Bürger ja nicht beunruhigen -, aber unbekannt sind sie der Politik natürlich nicht, zumal sie auf Zahlen der UNO beruhen. Der neue alte Kanzler Österreichs war klug genug, die Immigration in diesem Wahlkampf kaum zu erwähnen, die Bürger wissen ja ohnehin, dass er hier die Interessen der Mehrheit verteidigen wird. Stattdessen hat er die Altenpflege und die Pensionen in den Vordergrund gerückt – Themen, die normalerweise nicht gerade für Spannung sorgen. Dass man von ihm eine Politik der Wirtschaftsnähe erwarten kann, darüber sind sich politische Freunde wie Feinde ja ohnehin einig.

Ja, und am Punkt der Wirtschaftsfreundlichkeit,

zeigt sich noch ein weiteres Phänomen, das nicht allein in Österreich und Deutschland die Schwächung jener Parteien zur Folge hatte, die bis dahin die Interessen der Geringverdiener – und damit die einer demokratischen Mehrheit – verteidigten. Ich spreche natürlich von der SPD in Deutschland und der SPÖ Österreichs, die beide einmal bedeutende Volksparteien waren, aber jetzt nur noch als Schatten dahinvegetieren. Wie konnte es dazu kommen, dass eine demokratische Mehrheit sich für rechte Parteien entscheidet, die in der Regel nicht ihre, sondern die Interessen der Wirtschaftskonzerne begünstigen? Niemand wird allen Ernstes behaupten, dass der neue österreichische Kanzler sich für die Politik der Gewerkschaften stark machen wird. Sind diese also mitsamt den linken Volksparteien durch Gaukler wie Sebastian Kurz oder gar die deutsche Kanzlerin Angela Merkel an die Wand gedrückt worden?

Die Antwort auf diese Frage

scheint mir nicht sonderlich schwer zu sein, obwohl sie in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielt. Tatsache ist, dass die Wirtschaft sämtlicher Staaten global so verflochten ist, dass der Entscheidungsspielraum eines einzelnes Landes – noch dazu eines so kleinen Landes wie Österreich – kaum noch größere Manöver der Umverteilung oder des Privilegienabbaus erlaubt. Gerade die erfolgreichsten österreichischen und deutschen Betriebe pflegen auf den internationalen Märkten präsent zu sein. Die internationalen Märkte sind es deshalb, die ihnen Kosten und Preise diktieren – eine nationale Regierung kann nur dann höhere Steuersätze für Zwecke der Umverteilung beschließen, wenn Innovation den eigenen Unternehmungen die entsprechenden Gewinne verschafft. Aber auf die Mehrzahl aller „normalen“ Unternehmen trifft das eben keinesfalls zu. Stärkere staatliche Eingriffe können daher die Betriebe leicht so stark belasten, dass die kurzfristigen Vorteile im Sinne einer sozial ausgerichteten Politik mit langfristigen Schäden verbunden sind. Die Umverteilung funktioniert zwar für kurze Zeit, aber die Arbeitsplätze werden abgebaut – der Saldo ist negativ. Das ist der Grund, warum linke Parteien seit etwa drei Jahrzehnten ihre Versprechungen kaum noch erfüllen konnten.

Gegen das größte Übel unserer Zeit, die weltweite Konzentration von Macht und Vermögen, Vermögen und Macht kann der einzelne Nationalstaat inzwischen so gut wie nichts ausrichten, weil alle Maßnahmen in dieser Richtung zur Abwanderung führen. Denn das Kapital ist heute so mobil wie niemals zuvor. Nur die EU insgesamt könnte hier eingreifen – und auch nur um den Preis, dass sie den Außenhandel zu regulieren beginnt, wie das Trump gegenwärtig mit dem Holzhammer für die Vereinigten Staaten versucht.

Allen schön klingenden Parolen zum Trotz

sind nationale Politiker gegenüber den – zum Teil verheerenden – globalen Tendenzen zu weitgehender Machtlosigkeit verdammt – und aus diesem Grunde wird der Unterschied von Links und Rechts immer nebelhafter, obwohl die Parteien selbst natürlich propagandistisch bemüht sind, aus den Mücken, die sie allenfalls noch zu bändigen vermögen, ausgewachsene Elefanten zu machen. Ich würde den Linken wünschen, dass sie nicht zu wohlmeinenden aber weltfremden Idealisten werden, die in Gefahr sind, gegen Windmühlen anzurennen. Der Staatsmann Sebastian Kurz scheint gegen diese Gefahr eher gefeit zu sein.

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden viele sportliche Meisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Philosophie des lebensfördernden Schwachsinns

Eine kleine Geschichte der liebenswürdigen, der lebensfördernden, der törichten, der idiotischen und der brandgefährlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen

In unserer Zeit gibt fast jeder halbwegs vollsinnige Mensch bereitwillig zu, dass kein Schwachsinn größer als der des Krieges ist, wo Menschen einander so behandeln, als wären sie mit dem Zweck zur Welt gekommen, in Schützengräben als Schlachtvieh für politische Schachspieler zu enden, die auf diese Art ihr Bedürfnis nach Macht und Ruhm ausleben. Schon allein deswegen, weil es Kriege auch in unserer angeblich so fortgeschrittenen Zeit immer noch gibt, sollten wir unserer Art ein für alle Mal das Recht absprechen, sich mit der Bezeichnung „(Homo) sapiens“ zu brüsten. Einzig richtig erscheint mir die realistische Selbsteinschätzung als „Homo stupidus“ – oder eher noch „stupidissimus“, denn die Kriege sind ja im Laufe der letzten Jahrhunderte nur noch mörderischer geworden.

Immerhin hatte zur Zeit der Renaissance

ein Waffengang zwischen Pisa und Florenz noch damit enden können, dass ein paar Söldner von ihren Pferden fielen. Da sie am Krieg verdienen, aber keinesfalls zu dessen Opfern werden wollten, war ein solches Unglück genug, um die Schlacht als entschieden anzusehen und einen Friedensvertrag abzuschließen.

So sah Krieg im Zeitalter des Humanismus im glücklichen Italien aus. Aber inzwischen haben wir ein halbes Jahrtausend Fortschritt hinter uns! Die Flächenbombardements des zweiten Weltkriegs verfolgten das Ziel, Menschen en masse zu vernichten, nur das zählte nunmehr als wirklicher Sieg. Aber die noch fortschrittlicheren Kriegsfürsten unserer heutigen Zeit blicken mit Verachtung auf so viel Rückständigkeit. Sie geben sich mit nichts Geringerem zufrieden als mit einer flächendeckenden bakteriellen, chemischen und nuklearen Massenvernichtung. In Japan hatten Atombomben bereits die Bevölkerung der beiden Großstädte Nagasaki und Hiroshima nahezu vollständig ausgelöscht. Doch man glaube nicht, dass die Intelligenz des Homo stupidissimus daran ihr Genügen fand. Der Fortschritt will immer mehr und er will immer höher hinaus – inzwischen trachtet er nach der ultimativen Vernichtung der eigenen Spezies. Und zum ersten Mal in der Geschichte ist dieses Ziel endlich zum Greifen nahe: Zu Beginn des 21ten Jahrhunderts dürfen wir uns damit brüsten, den vorletzten Schritt auf diesem Weg zurückgelegt zu haben. Der Krieg gegen Mensch und Natur ist bereits in ein Endstadium getreten – die Menschheit bereitet sich auf ihr Ende vor. Homo stupidissimus ist im Begriff seinem Namen alle Ehre zu machen. Ist er der eigenen nutzlosen Existenz überdrüssig? So sieht es aus. An seiner Weisheit verzweifelnd überlässt er sich ganz dem Fortschritt, sprich seinen Sehnsüchten nach Tod und Selbstauslöschung.

In diesem, wie es scheint unerbittlichen, Fortschritt

zu einem Krieg, der das Überleben der Art überhaupt bedroht, tritt uns der Schwachsinn des Homo stupidissimus gewiss in seiner reinsten, perfektesten, man möchte geradezu sagen, in seiner schönsten Form gegenüber, denn im Hinblick auf die Orgien an Menschenvernichtung, die der moderne Krieg mit sich bringt, ist jeder verharmlosende Einwand schlechthin unmöglich. Doch ziehe man daraus bitte nicht den verharmlosenden Schluss, als würde der Schwachsinn in weniger reiner, weniger spektakulärer Gestalt in Friedenszeiten nicht ebenfalls mitten unter uns weilen, so als blieben wir im zivilen Alltag ganz und gar von ihm verschont. Nein, die Art ist permanent von Schwachsinn bedroht, selbst dann, wenn unsere besten Wissenschaftler nicht gerade an einer neuen Generation von noch tödlicheren Bomben basteln.

Wettbewerb ist, wie wir wissen,

eine zivile Spielart des Krieges; er ist gegenseitiges Kräftemessen, mit dem Ziel, anderen Menschen vorauszueilen, auf irgendeinem Gebiet besser als sie zu sein oder sie überhaupt aus der Bahn zu werfen, in den Konkurs zu treiben. Würden Regeln nicht dafür sorgen, dass er sich innerhalb unblutiger Grenzen bewegt, dann würden die Unternehmen ihre Güter nicht länger in kleinen, oft sehr mühsamen Schritten verbessern, um auf diese Art Käufer für sich zu gewinnen, sondern sie würden Saboteure und Mörder gegen ihre Konkurrenten ausschicken, wie es die Mafia bekanntlich von jeher tat. Anders gesagt, würde der Wettbewerb jederzeit in den offenen Krieg umschlagen, wenn der Staat nicht mit Argusaugen darüber wachte, dass er sich innerhalb zivilisierter Grenzen bewegt.

Doch die Regeln der Zivilisation gelten immer nur innerhalb eines Staates und auch nur solange dieser sie gegenüber den privaten Interessen seiner mächtigsten Bürger durchzusetzen vermag. Zwischen den Staaten werden sie immer erneut außer Kraft gesetzt. Was dann folgt ist ein fließender Übergang in den Krieg, zunächst einmal in der Gestalt von „Handelskriegen“. Die Konkurrenz wird ausgeschlossen, Währungen geraten in einen Wettlauf der Abwertung miteinander, Dumpingaktionen – von starken Staaten gegen schwächere eingeleitet – bringen deren Industrien ins Wanken. Zwar vermögen internationale Verträge die Raubtiernatur des Homo stupidissimus zeitweise und bis zu einem gewissen Grad zu zähmen, dauerhaft ist das bisher jedoch nie gelungen.

Ist „eine andere und bessere Welt“ wirklich unmöglich?

Muss man es nicht für einen unverzeihlichen Schwachsinn halten, dass Menschen einander selbst noch in Zeiten des Friedens bekämpfen – wenn nicht mit den Waffen der blutigen und direkten Vernichtung, dann zumindest mit den Waffen der Ökonomie, welche die einen bereichern, die anderen hingegen in Armut stürzen? Ist denn wirklich keine andere Welt vorstellbar, in der niemand mehr darauf versessen ist, besser, gescheiter, reicher, mächtiger als andere Menschen zu sein? Müssen wir immer in einer Welt am Rande des Krieges leben, einer Welt, wo der Staat mit einem gewaltigen Apparat von Justiz und Polizei darüber wachen muss, dass wir unserem Nächsten zwar nicht den Hals abschneiden, es uns aber dennoch erlaubt ist, ihm ein beliebiges Ausmaß an seelischer Pein und Kränkung zuzufügen?

Wenn die einen im alltäglichen Wettbewerb

ihre Sieger feiern, während die anderen als Versager abgetan werden, weil ja aller Wettstreit notwendig bewirkt, dass wenige siegen, die Mehrheit dagegen zu den Verlierern gehört, gleicht seelische Kränkung dann nicht einer Massenepidemie, die ganze Gesellschaften seelisch unglücklich macht? Müssen wir den Schwachsinn eines zwar gebändigten, aber psychologisch immer noch überaus schmerzhaften Krieges nur deswegen für immer erdulden, weil die moderne Gesellschaft den Wettbewerb nun einmal zu ihrer Voraussetzung hat und ihn im Neoliberalismus bis zum Exzess perfektioniert?

Doch – es gibt sie: die andere Welt

Man sage nicht, dass eine Welt ohne Wettbewerb nie existierte und nicht existieren könne – dieser Einwand ist einfach nicht wahr. Er gilt nicht für die heutige Zeit und schon gar nicht für die dokumentierte Geschichte. Beinahe jeder von uns hat diese ganz andere Welt einmal kennengelernt, die Welt der Familie, wo jeder nach seinen Fähigkeiten gibt, während er nach seinen Bedürfnissen nehmen darf. Im besten Fall hat es dort den Wettbewerb überhaupt nicht gegeben: Eine Mutter sorgt für ihr Kind nicht deswegen, weil sie eine Gegenleistung von ihm erwartet, sondern aus dem einfachen Grund, weil sie es liebt und es allein aufgrund seiner Existenz ihre uneigennützige Liebe verdient. Diese Welt der bedingungslosen Zuwendung und Liebe bildet den Anfang im Leben fast jedes Menschen; sie steht in dem denkbar größten Gegensatz zur Welt des Wettbewerbs, wo jeder eben gerade nicht nach seinen Bedürfnissen nimmt und nach den eigenen Fähigkeiten gibt, sondern wo er Letztere unter Beweis stellen muss, wenn er Erstere befriedigen will.

Jede Utopie scheint ihren Ursprung in diesem frühen Glück,

zu haben, denn jeder, der in halbwegs normalen Verhältnissen aufwachsen durfte, bewahrt diese Gegenwelt wie die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter in sich auf. Ja, die Feststellung dürfte kaum übertrieben sein, dass die ganze Menschheit diese Erinnerung in sich lebendig hält, wann immer sie über das eigene Schicksal reflektiert. Denn in ihren Utopien von einem glücklichen Urzustand oder einem künftigen Paradies, kommt Wettbewerb ja ebenso wenig vor wie der offene Krieg. In der utopischen Wunschgesellschaft wird allen Menschen allein deswegen Glück zuteil, weil es sie gibt: Ihre bloße Existenz verleiht ihnen ein Recht auf Glück. Vor diesem Hintergrund erscheint Wettbewerb als eine traurige Verirrung, die den Menschen vom Glück in das Unglück führte – mit anderen Worten, als kaum überbietbarer Schwachsinn. Da erstaunt es kaum, dass selbst ein aufgeklärter, moderner Denker wie Karl Marx sich diese Utopie zu der seinen machte. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen – so sollte in seiner Sicht die ideale Gesellschaft aussehen.

Der Schwachsinn des Wettbewerbs

sollte in der klassenlosen Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Karl Marx‘ Phantasien von einer zukünftigen Gesellschaft im reinen, ewigen Glück, wo aller Wettbewerb abgeschafft war, unterschied sich von ihren Vorgängern nur dadurch, dass er die Utopie vom Himmel auf die Erde holte. Seiner Meinung nach würde sich dieses Ideal selbst dann verwirklichen lassen, wenn der Staat als Gewaltorgan vollständig abgeschafft war. Ja, er wird nach Marx sogar absterben müssen, denn die klassenlose Gesellschaft hat ja alle zwischenmenschlichen Konflikte restlos aufgehoben. Wenn Menschen keinen Grund mehr haben, miteinander zu streiten, wofür wird der Staat dann noch gebraucht?

Karl Marx verstand sich auf die Kunst

logischen Argumentierens. Nur dass die Logik oft auf Voraussetzungen beruht, die sie dazu verdammen, bloßer Schwachsinn in intelligentem Aufputz zu sein. Die Wirklichkeit hat den radikalen Denker aus Trier nicht nur zu seinen Lebzeiten widerlegt, sondern mit noch größerer Evidenz nach seinem Tode. Unter dem blutigen Regime eines Staates, den der große chinesische Diktator Mao Zedong ganz allein in der eigenen Person verkörpern wollte, mussten Millionen von Menschen sterben, damit vorübergehend ein Volk von kleinen blauen Männchen entstehen konnte, die zumindest aus äußerer Sicht weitgehende Gleichheit vortäuschten. Das Ideal der klassenlosen Gesellschaft schien unter Mao zum ersten Mal in einer Massengesellschaft umgesetzt worden zu sein. Es zeigte sich allerdings von Anfang an, dass diese Umsetzung nur unter dem Einsatz mörderischer Gewalt möglich war – und auch nur für wenige Jahre. Weit entfernt davon abzusterben, war der Staat unter dem Diktator mächtiger denn je zuvor.

Marx hätte eigentlich wissen müssen,

dass das Bauwerk seiner schönen Utopie, historisch gesehen, auf sandigem Boden ruhte. Bei flüchtiger Betrachtung stimmt es ja, dass uns der Wettbewerb als verdammenswerter Schwachsinn erscheint. Ohne Zweifel stellt er eine Form des Krieges dar, wenn auch eines unblutigen durch Regeln gebändigten. Und es stimmt ebenfalls, dass er trotz aller Bändigung immer und sogar zwangsläufig Wunden erzeugt, weil er nur die Sieger glücklich macht, die Verlierer hingegen kränken muss.

Das alles ist richtig, und dennoch sieht sich die abwägende Vernunft zu dem Schluss genötigt, dass der Wettbewerb zwar ein Schwachsinn ist, aber ein lebensfördernder und in diesem Sinne ein sozial schlechthin unverzichtbarer Schwachsinn. Keine gesunde Gesellschaft hat jemals ohne ihn leben können.

Der Historiker wird dem Philosophen

an diesem Punkt Recht geben müssen. Immerhin ist es einzig dem Wettbewerb zu verdanken, dass sich seit dem achtzehnten Jahrhundert eine Mehrheit von Menschen zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer sklavenartigen Unmündigkeit befreite, sich ein Minimum an Glück verschaffte!

Gewiss, Wettbewerb bedeutet Kampf, und Kampf ist das Gegenteil von Neigung und Liebe. Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass, wo der Wettbewerb fehlt, Liebe und Neigung das Feld behaupten. Denn es ist ja eine historische Tatsache, dass der Wettbewerb überall auf der Welt bis zur industriellen Revolution nur eine marginale Rolle spielte. In sämtlichen alten Großkulturen wie Indien, China, Mittelamerika und den führenden Staaten Europas waren an die neunzig Prozent der Bevölkerung dazu verdammt, als geknechtete Nahrungslieferanten für die oberen zehn Prozent zu dienen. Sie waren Bauern von der Wiege bis zur Bahre, weil es keinen Wettbewerb gab, der ihnen ermöglicht hätte, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und aus ihrer dienenden Stellung aufzusteigen. Nicht Wettbewerb entschied darüber, welche Privilegien ein Mensch bis zu seinem Tode genießen oder welches erbärmliche Los er bis dahin erdulden musste, sondern ausschließlich seine Geburt. Für neunzig Prozent der Bevölkerung lief das auf eine Fron mit dem Urteil: „lebenslänglich“ hinaus.

Und was für eine Fron noch dazu! In der Mehrzahl aller Staaten (vor allem in den bevölkerungsreichsten Kulturen) wurden die Nahrungslieferanten – eben jene überwältigende Mehrheit – von der weltlichen und geistlichen Macht so sehr ausgequetscht, dass ihnen in aller Regel nur das Minimum für das eigene Überleben blieb. Bauernaufstände – das gerade Gegenteil einer auf wettbewerbsfreien Harmonie begründeten Gesellschaft – waren in allen Großstaaten endemisch, aber selbst diese Aufstände nützten den Bauern in der Regel nichts oder wenig – noch zu Zeiten Luthers – und mit seinem Segen – wurden sie mit hemmungsloser Brutalität von den oberen zehn Prozent unterdrückt oder blutig niedergeschlagen.

Und überall auf der Welt lebten die Bauern

abseits der Hochkultur. Sie konnten und durften weder lesen noch schreiben. Was hätte ihnen das auch genützt, wenn ihr einziger Daseinszweck doch allein darin bestand, den oberen zehn Prozent ein sorgenfreies Leben zu bescheren, frei von der Mühsal der Daseinsfürsorge? Die ganze bisherige Geschichte wurde bis ins 18te Jahrhundert nahezu ausschließlich von jenen geschrieben, welche zu den wenigen Glücklichen an der Spitze der sozialen Pyramide gehörten.

So also sah die Gesellschaft aus,

bevor Wettbewerb in ihr aufkommen durfte. Man vergesse nicht: Zwischen den unteren neunzig Prozent und den Herren war er ohnehin ausgeschlossen. In der Regel starb jeder in derselben niedrigen Stellung, in die er geboren wurde. Doch auch der Wettbewerb unter Gleichen war für die fronende Mehrheit so gut wie ausgeschlossen, weil er ihr in der Regel nur Schaden brachte. Es lohnte sich ja nicht, besser als der Nachbar zu sein. Gelang es einem tüchtigen Landwirt aufgrund technisch überlegener Methoden oder einem Mehr an Arbeit in einem Jahr mehr zu produzieren als seine Nachbarn, dann wurden die Steuereintreiber sofort auf ihn aufmerksam, und es fielen im nächsten Jahr nur umso höhere Abgaben an. Aus diesem und keinem anderen Grund – sicher nicht aus einem Mangel an Intelligenz – pflegte die Landbevölkerung erzkonservativ zu sein. Jede Neuerung war verdächtig, weil sie für jeden Mehrertrag in der Regel mit höheren Steuern zu büßen hatte. Das war die unbarmherzige Realität für die Bevölkerungsmehrheit, solange es in ihr keinen Wettbewerb gab. Freiheit von Wettbewerb war kein Glück, sondern darin lag im Gegenteil der eigentliche Grund für ihr Unglück.

Erst im 18ten Jahrhundert

begann sich die Welt für die bis dahin in allen großenStaaten geknechtete Mehrheit allmählich zu ändern. Zwar nicht sofort, die erste Phase der Industrialisierung pflegte gegen die Ärmsten im Gegenteil sogar noch brutaler zu sein als ihre vorherige Situation (hier ist Marx unbedingt Recht zu geben). Doch war dies ein vorübergehendes Übel. Es kam die industrielle Revolution und mit ihr kam der institutionalisierte Wettbewerb – zusammen haben beide die Massen zum ersten Mal seit zehntausend Jahren aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Heute reicht ein Bevölkerungsanteil von drei Prozent, um in den entwickelten Staaten der Erde, die Nahrung für die übrigen siebenundneunzig Prozent zu erzeugen. Und selbst diese drei Prozent genießen die freie Berufswahl: Sie sind nicht von Geburt aus dazu verdammt, diesen und keinen anderen Beruf auszuüben. So wurde auf eine beinahe symmetrische Art das bisherige Modell der Geschichte vom Kopf auf die Füße gestellt.

Der erste Schritt

dieser nach der neolithischen Revolution größten Wende der Menschheitsgeschichte bestand in der Einführung eines allgemeinen Ausbildungssystems, welches im Prinzip allen Menschen die Möglichkeit geben sollte, im Wettbewerb ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Von nun an durfte Geburt keine Rolle mehr spielen, gesellschaftliche Positionen sollten aufgrund von nachgewiesenen Fähigkeiten verliehen werden. Die sichtbarste Folge dieser institutionalisierten Revolution waren Schulen und Universitäten: In ihnen wurde Auslese aufgrund eines nunmehr allgegenwärtigen Wettbewerbs betrieben.

War damit ein neuer Schwachsinn losgetreten,

der alle Menschen gegeneinander in Stellung brachte, während sie zuvor ohne den Wettbewerb vergleichsweise in innerem Frieden lebten? Wir sahen schon, dass eine solche Behauptung der historischen Realität diametral widerstreitet. Vorher hatte es einen weit grausameren Kampf gegeben: den Kampf einer verschwindenden Minorität an der Spitze des Staats gegen die überwältigende Mehrheit auf dem Lande, die mit Waffengewalt zur Arbeit für den Luxus der Herren gezwungen wurde. Das war ein Dauerkampf, der in fortwährenden Klageliedern der Unterdrückten seinen Niederschlag fand. Doch wurden diese nur selten zu Papier gebracht, weil in der Regel nur die Herren Geschichte schrieben und nicht etwa ihre analphabetischen Diener und Sklaven. Gewiss, führten Aufstände manchmal zum Sturz der Fürsten, aber solange keine neuen Energiequellen außer menschlichen und tierischen Muskeln gefunden wurden, d.h. bis ins 18te Jahrhundert, führten Staatsstreiche allenfalls in Zwergstaaten zu einer halbwegs gleichmäßigen Aufteilung der vorhandenen Ressourcen. Dagegen wurden in sämtlichen Großkulturen immer nur die Köpfe getauscht, ohne dass sich an dem Verhältnis einer dienenden Mehrheit und einer sie ausbeutenden Minderheit das Geringste geändert hätte. Es ließ sich eben auch nichts grundsätzlich ändern, solange alle Arbeit auf menschlichen und tierischen Muskeln beruhte. Wenn zehn Prozent von der Arbeit auf den Feldern befreit sein sollten, dann war es unausbleiblich, dass neunzig Prozent die Nahrung für sie erwirtschaften mussten.

Der skeptische Philosoph

tut sich schwer mit Utopien – selbst dann, wenn er sich wünschte, dass sie in Erfüllung gehen. Er weiß, dass Wettbewerb niemals eine ideale Gesellschaft hervorzubringen vermochte. Auch in Zukunft wird das kaum gelingen, denn Wettbewerb ist Kampf und jeder Kampf kränkt die Verlierer. Doch mit Sicherheit hat der Wettbewerb sehr viel weniger Wunden und Verletzungen erzeugt als das nahezu wettbewerbsfreie Unrechtsregime der durch Geburt garantieren Privilegien. Solange eine dienende Stellung bzw. ein Adelstitel den Menschen einfach in die Wiege gelegt worden sind, gehörte eine überwältigende Mehrheit zu den lebenslänglich gekränkten Verlierern.

Daran gibt es nichts zu beschönigen. Historisch ist es ein unbestreitbares Faktum, dass die großen Kulturen und deren Herren rücksichtslos gegen die Mehrheit verfuhren. Diese war für sie wirklich nicht mehr als ein zu nutzendes „Menschenmaterial“, einzig dazu bestimmt, den wenigen Glücklichen an der Spitze der sozialen Pyramide ein Leben in Glanz und Luxus zu bescheren.

Doch hat der Philosoph deshalb noch längst keinen Grund,

nun umgekehrt den Wettbewerb zu verklären. Dieser ist stets in Gefahr, aus seiner gebändigten, lebensfördernden Funktion in den offenen ungebändigten Kampf umzuschlagen. Viel schwerer wiegt aber, dass er – ohne entsprechende Aufsicht – immer wieder und zwar auf zwangsläufige Weise zu einer wachsenden Vormacht der Sieger führt, weil es diesen im Laufe der Zeit unfehlbar gelingt, einen immer größeren Teil des gesellschaftlichen Reichtums in die eigenen Taschen zu lenken. Das Ergebnis war und ist immer gleich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird kontinuierlich größer.

Darin liegt die eigentliche, die bisher niemals überwundene Gefahr allen Wettbewerbs. Denn dieser Vorsprung verschafft den ursprünglich Tüchtigsten so viel Macht, dass ihre Nachfahren nicht länger tüchtig sein müssen, um ihren Vorsprung zu bewahren und ihn sogar mehr und mehr zu festigen und zu erweitern. Das aber hat zur unausweichlichen Folge, dass die Privilegien der Geburt, welche der Wettbewerb anfangs erfolgreich vernichtet hatte, mit der Zeit wieder auferstehen. Die neuen Monopolisten von Geld und Macht bilden dann wiederum eine sehr kleine Schicht an der Spitze der sozialen Pyramide – in den USA gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung. Diese Schicht ist ein neuer Adel – eine Plutokratie -, die den Wettbewerb um die höchsten Stellen zunehmend erstickt.

In aufstrebende Staaten wie China und Indien

wird diese Gefahr am wenigsten wahrgenommen, weil die Mehrheit sich gerade aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Da fällt es kaum auf, dass auch die Zahl der Milliardäre beständig im Steigen ist. Dafür werden die alten Industrienationen umso stärker von dieser Konzentration der Vermögen erfasst, weil die Armen ihren Wohlstand nicht mehr vermehren, sondern ihn im Gegenteil zu verlieren beginnen – nämlich relativ zur reichen Spitze der oberen Zehntausend. Daher der immer lautere Protest gegen den neoliberalen Kapitalismus.

Mit dieser unheilvolle Entwicklung, die regelmäßig die schon errungenen Erfolge wieder zuschanden macht, sollten sich die soziale Theorie und die Reformer beschäftigen – nicht mit den wilden Träumereien eines Karl Marx von einer klassenlosen Gesellschaft, die gegen alle historische Evidenz ohne allen Wettbewerb in ewiger Harmonie existiert.

Es hätte ja nicht einmal eines Blicks

auf die große Geschichte bedurft, um diesen Traum als das zu entlarven, was er in Wahrheit ist: ein gutgemeinter, theoretisch aber überaus komplexer und daher für viele verführerischer Schwachsinn. Schon die Individualgeschichte fast jedes Menschen liefert uns den Beweis, dass Wettbewerb bereits in der Biologie unserer Spezies eine fest verankerte Rolle spielt. Während der Säugling noch in unauflösbarer Symbiose mit der eigenen Mutter und seiner Umwelt lebt, weil sein eigenes Ich noch nicht zur Ausbildung gelangte, macht schon ein dreijähriges Kind seinen Eigensinn geltend. Unübersehbar beginnt es mit anderen Personen in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Lob zu treten. Die Pubertät und die auf sie folgenden Jahren führen dann einen noch tieferen Einschnitt herbei. Oft lehnt der Heranwachsende sich nun ganz bewusst gegen die eigenen Eltern auf, wenn nicht gar überhaupt gegen die übrige Welt. Dieser Wettbewerb der Generationenist ein biologisches Faktum, und ebenso ist es die damit verbundene Empörung gegen überkommene Vorschriften und Lehren. Stillehalten, Duckmäusertum, ängstliche Zurückhaltung – also wettbewerbsfreie Harmonie – sind dem Menschen keineswegs in die Wiege gelegt, sondern werden ihm fast immer von außen aufgezwungen. Wie wir sahen, geschah das seit der neolithischen Revolution bis nah an die Gegenwart ganze zehntausend Jahre lang.

Gewiss wäre es ein ebenso großer Schwachsinn,

das eigene Ich ständig allen anderen Ichs entgegenzusetzen – es muss Refugien geben, wo der Mensch sich von seinen kämpferischen Neigungen ausruhen kann -, aber es wäre ein ebenso unverzeihlicher Schwachsinn, einen Wettbewerb zu ersticken, der als lebensfördernde, die Gesellschaft bereichernde und erneuernde Kraft überhaupt erst die in uns schlummernden Talente und Energien zur Entfaltung bringt.

Zu den Feinden einer lebendigen Gesellschaft

zählen beide Extreme: einerseits jene geistige Pest, die unter dem Namen des Neoliberalismus seit den achtziger Jahren wieder großen Auftrieb erhielt und bereits im alten Rom dazu führte, dass die Reichen auf Proskriptionslisten gesetzt und schließlich physisch ermordet wurden. Geändert wurde dadurch freilich nichts, denn die alte Plutokratie wurde nur durch eine neue ersetzt. In den beiden großen Revolutionen der Neuzeit wurde dieses Spiel dann neuerlich fortgesetzt. Zunächst einmal stellte der Bürgerkrieg in sehr kurzer Zeit größere Gleichheit her, die dann einsetzende Refeudalisierung – der Sieg der Starken über die Schwachen – hob sie jedoch im Laufe der Zeit mit mechanischer Zwangsläufigkeit wieder auf und schürte auf diese Weise zunehmende Unruhe bei der Mehrheit. Dies sollte bis in die Moderne das Muster für menschlichen Schwachsinn bleiben: eine stumpfsinnige Wiederholung des Immer-Gleichen. Nicht Wettbewerb war daran schuld, sondern die Unfähigkeit, ihn zu bändigen, damit er wirklich allen zugutekommt.

Denn der Sieg der Stärkeren

bildet ja an sich ja keine Gefahr. Da sich Intelligenz und Können in jeder Generation auf andere Köpfe verteilen, hat nur Wettbewerb das Potential, die Bildung von sozialen Klassen ganz zu verhindern – also eine wahrhaft klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Denn nur Reichtum, der durch Geburt und eben nicht durch die Auslese der Besten erworben wird, führt zwangsläufig zur Bildung sozialer Klassen. Dagegen hat sich staatliche Umverteilung dieser Tendenz nie dauerhaft entgegenzustellen vermocht. Durch Umverteilung von (halb-)oben nach unten haben die Gewerkschaften den Prozess zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten können, denn die Reichen waren den weniger Begünstigten bei der Vermehrung ihres Reichtums stets um Längen voraus. Um diesen Prozess wirklich einzudämmen, hätte der Staat an anderer Stelle ansetzen müssen, nämlich bei all jenen Vermögen, deren Wachstum eben nicht länger aufgrund von individueller Leistung erfolgt.

Doch von diesem durch die ganze Geschichte

hin wirksamen Auf und Ab wollten Wirtschaftswissenschaftler und Politiker im Allgemeinen gar nichts wissen, weil in kurzfristiger Sicht Deregulierung vor allem in den Entwicklungsstaaten eine so belebende Wirkung entfaltet. Die Befreiung des einzelnen und seiner Fähigkeiten durch den Wettbewerb vervielfältigt alle bis dahin gebundenen sozialen Energien. Adam Smith hatte ja durchaus Recht, als er dem Egoismus des Bäckers sowie jedes einzelnen Wirtschaftsakteurs segensreiche Auswirkungen nicht nur für diese selbst, sondern auch auf das Gemeinwohl bescheinigte. Erst in langfristiger Perspektive zeigt sich, dass ohne den regulierenden Eingriff des Staats die Vermögen sich mit mathematischer Zwangsläufigkeit immer mehr konzentrieren, bis schließlich mit dem einen Prozent der Superreichen an der Spitze einer Gesellschaft aus einer Herrschaft des Volks (Demokratie) eine solche des Reichtums (Plutokratie) geworden ist. Selbst in einer alt-ehrwürdigen Demokratie wie der amerikanischen ist der Prozess der Refeudalisierung schon sehr weit vorangeschritten. Kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten von einem Präsidenten beherrscht werden, der die größte Ähnlichkeit mit einem Soldatenkaiser des imperialen Rom aufweist.

Wer an den Egoismus appelliert,

gewinnt selten unsere Sympathie, denn er wendet sich sicher nicht an die beste Seite des Menschen. Viel eher können Utopien auf eine große Gefolgschaft zählen, welche die Güte des Menschen zu ihrer Voraussetzung haben. Die Forderung nach der Abschaffung des Wettbewerbs stößt daher emotional auf viel größeren Widerhall, obwohl es niemals eine große Gesellschaft (im Unterschied zu kleineren Sekten) gegeben hat, welche Gleichheit ohne mörderischen Druck von oben verwirklichte. Da unter einem derartigen Druck die wenigsten Menschen dazu angeregt werden, die in ihnen schlummernden Fähigkeiten und Energie zu mobilisieren – denn davon sollen sie ja keinerlei Vorteil haben -, lähmt dies alle ökonomische Aktivität. Talent und Erfindungskraft werden nicht gefördert, sondern umgekehrt schon im Keim erstickt.

Die Extremisten

des rechten ultraliberalen Lagers ebenso wie die Utopisten der extremen Linken beweisen jeder auf seine Art, wie blind sie für die menschliche Natur und Geschichte sind. Ich möchte behaupten, dass sich fast jeder Schwachsinn mit Vorliebe in den Köpfen der Radikalen sucht – mögen diese nun dem rechten oder dem linken Lager zugehören. Solchen Menschen – Laien wie Wissenschaftlern – haben wir es zu verdanken, dass aus der ewigen Wiederholung des gleichen Schwachsinns bisher kein Ausbruch auch nur möglich erscheint.*1*

1) Im Detail werden diese Überlegungen in den folgenden Büchern ausgeführt:

Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken

Von Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert.

Philosophie des ganz gewöhnlichen Schwachsinns

Eine kleine Geschichte der liebenswürdigen, der lebensfördernden, der törichten, der idiotischen und der brandgefährlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen

Jeder Vortragende weiß, wie ein böswilliger Hörer aus dem Publikum mit einem einzigen Satz allen zuvor erzielten Eindruck zu Schanden machen, ihn sogar völlig vernichten kann. Zum Beispiel, indem er ihm mit drohendem Unterton folgende Frage stellt.
„Nun definieren Sie mal bitte, was Sie mit Schwachsinn meinen.“

Hilflos wird der Betroffene dann dazu übergehen, allerlei Synonyme für „schwach“ zu finden, wie etwa kraftlos, unsinnig, absurd usw. Aber er gerät sogleich in Verwirrung, wenn er sich um den Sinn bemüht, der da so schwach sein soll, denn den Sinn, den haben bekanntlich schon Jahrhunderte der Anstrengung vergebens aufzuspüren versucht. Mit anderen Worten, ein ungenügend geschulter Redner, lässt sich ins Bockshorn jagen, weil er vergessen hat oder vielleicht nicht einmal weiß, dass jede Definition wiederum Begriffe benutzt, die ihrerseits definiert werden müssten. Er würde sich, anders gesagt, auf ein endloses Unterfangen einlassen, während der Fragende sich längst mit hämischem Lächeln niedersetzte und sich gar nicht so heimlich ins Fäustchen lacht.

Warten Sie doch einmal ab!, hätte der überrumpelte Redner dem böswilligen Störer stattdessen antworten sollen, wie ich den Begriff in meinem Vortrag verwende, dann werden Sie schon sehen, was damit gemeint ist.

An diesen Rat werde ich mich auf den folgenden Seiten jedenfalls halten. Ich stelle den Begriff „Schwachsinn“ einfach einmal ganz undefiniert in den Raum und gehe schlicht davon aus, dass jeder Leser – sofern er nicht selbst von dieser Krankheit befallen ist – eine hinreichend klare Vorstellung davon besitzt.

Viel einfacher ist es natürlich, sich gleich zu Beginn eine hinreichend deutliche Vorstellung von seinem Gegenteil zu machen, bezeichnen wir es mit gebührender Ehrerbietung einfach als Voll- oder Starksinn. Jeder weiß ja, dass die vollsinnigsten Exemplare des Homo Sapiens alljährlich von der Schwedischen Akademie mit den größten Auszeichnungen gewürdigt werden. Menschen im Besitz der Vollsinnigkeit sind sozusagen die Musterexemplare unserer Gattung. Sie werden deshalb auch vor der ganzen Weltöffentlichkeit zelebriert und von einem leibhaftigen König geehrt.

Wir alle, Du, lieber Leser, genauso wie ich, sollen und wollen uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Aber natürlich brauche ich nur auf diese wenigen Vollsinnigen hinzuweisen, um Dir klar zu machen, dass ich selbst auf keinen Fall, Du aber mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht zu dieser geringfügigen Zahl der Begnadeten gehörst. Die meisten Menschen – man darf geradezu sagen, beinahe alle – gehören eher dem Lager der nicht ganz Vollsinnigen an, dem Lager jener, deren Hirn nur unzureichend das volle Potential der evolutionären Möglichkeiten ausschöpfen konnte.

Was müssen wir daraus schließen? Ich meine, dass es darauf nur eine halbwegs vernünftige Antwort gibt. Wer sich ein realistisches Bild vom Menschen machen will, so wie dieser nun einmal tatsächlich ist, der sollte sich eben doch nicht den wenigen Zelebritäten zuwenden, die uns das Nobelkomitee präsentiert, sondern sich an den Durchschnitt der nicht ganz Vollsinnigen halten, also an Menschen wie Du und ich. Dann darf er zumindest sicher sein, weit mehr über unsere Gattung zu wissen, als er aus dem Studium jener erfahren würde, die auch in diesem Jahr nicht mehr als ein kümmerliches Dutzend unter sieben Milliarden bilden.

In diesem Sinne möchte ich gleich zu Beginn mit aller Deutlichkeit festhalten: Nicht die wenigen Vollsinnigen sind repräsentativ für unsere Gattung, sondern der Schwachsinn.

Und eine zweite Warnung sei der ersten gleich noch hinzugefügt. Das Studium menschlicher Unzulänglichkeit birgt fast zwangsläufig die Versuchung, dass wir beide uns darin einig wären, diese ausschließlich bei unseren Nachbarn und Mitgeschöpfen zu suchen. Wo immer man sich befindet – an einem Stammtisch, in einer politischen Versammlung, ja selbst beim Schwatz auf der Straße, braucht jemand nur damit zu beginnen, über einen Herrn X oder eine Frau Ypsilon zu lästern, und schon spitzen sich Ohren und Mäuler und man merkt das Behagen, mit dem nun alle eine gemeinsame Front gegen die wehrlosen Abwesenden machen. Es ist so schön, es bereitet ein so gewaltiges Vergnügen, sich ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen, indem man die Fehler bei den anderen sucht, ja, möglichst den Schwachsinn der anderen, denn dann tröstet man sich hemmungslos über den eigenen hinweg.

Allein die Tatsache, dass ich einen anderen Menschen in den Gerichtssaal meines Gehirns zitiere, verschafft ja große Befriedigung. Solange wir ihm in Person gegenüberstehen, fühlen wir uns doch etwas gehemmt. Wir haben mit harten Gegenworten, vielleicht sogar mit harten Schlägen zu rechnen, sollten wir unsere Meinung gar zu offen bekunden. Sobald wir andere Menschen hingegen in absentia aburteilen, sind sie uns hilflos ausgeliefert. Es steht uns frei, jedes beliebige Urteil über sie zu fällen, ohne dass sie die geringste Gegenwehr leisten.

Seien wir ehrlich, lieber Leser, einer solchen Versuchung ist schwer zu widerstehen, schließlich sind wir beide nur Menschen und daher für den Schwachsinn anfällig, also für das zentrale Thema dieses Buches. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gehörig zusammenreißen! Würden wir uns nämlich wirklich dazu verleiten lassen, über wehrlose andere auf diese Art herzufallen und womöglich ein schreckliches Gemetzel unter ihnen anzurichten, dann hätten wir uns ganz wie die vielen Schwachsinnigen aufgeführt, die seit Beginn menschlicher Geschichte dem Homo Sapiens nichts als Schande machen. Denn eines der größten Laster der Menschheit, um nicht vom größten überhaupt zu reden, liegt ja genau in dieser Anmaßung, die jedem von uns in die Wiege gelegt worden ist. Wenn jemand einen Toten oder Abwesenden vor das Tribunal seiner Rechtsprechung zitiert, dann behält er grundsätzlich die Oberhand und das letzte abschließende Wort. Und weil das so ist, bildet er sich natürlich ein, dass doch wohl er selbst der Klügere, der Bessere, der Höherstehende sei! Man schaue sich nur in den Kneipen um, wie da Meier und Müller die ganze Prominenz vor ihr jüngstes und dümmstes Gericht bestellen, um sie, sobald der Alkohol ihre Zunge löst, mit grölendem Selbstbehagen in die tiefste Hölle zu verdammen. Niemand ist so gering und so kümmerlich, dass er sich nicht imstande wähnte, mit dem Brustton der tiefsten Überzeugung selbst über die ganz Großen der Welt sein erbärmlich kleines Urteil zu verkünden.

Also, diese Warnung schicke ich mir selbst und auch Dir, lieber Leser, gleich zu Anfang mit auf unseren gemeinsamen Weg. Wir sind nicht etwa schon deshalb klüger, weil wir über die anderen – die Toten und die wehrlosen Abwesenden – unser besserwisserisches und angeblich letztes Urteil fällen. Wir haben sogar mit der gar nicht so theoretischen Möglichkeit zu rechnen, dass unser Bericht über den Schwachsinn am Ende uns selbst als die eigentlich davon Betroffenen entlarvt – womit wir dann am Ende nur Spott und Gelächter auf uns selber ziehen. Denn jeder weiß ja, warum er ein Buch zur Hand nimmt: Er hofft von ihm Auskunft über einen bestimmten Gegenstand zu gewinnen – sagen wir über den Buchsbaumzünsler, eine Reise auf die Rückseite des Mondes oder die Heilung von Kröpfen. Ein erwartungsvoller Leser geht doch stets davon aus, dass der Autor wenigstens ein bisschen mehr als er selbst über das betreffende Thema weiß, also zumindest auf diesem Gebiet ihm an Sachkunde und Klugheit etwas voraus sei. Denn angenommen, der Leser besäße ein gleich großes oder größeres Wissen, dann würde er doch bestimmt nicht daran denken, sich mit einem solchen Buch zu befassen!

Also hat auch der Autor dieses Buches über den Schwachsinn mit Lesern zu rechnen, die davon überzeugt sind, dass er sozusagen zu den Vollsinnigen gehört, die mit hinreichender Sachkunde und Autorität über die geistigen Gebrechen ihrer Mitmenschen richten.

Nein, das eben gerade nicht! Genau das wäre die Falle und der größte Irrtum, zu dem uns das Thema verleiten könnte. Wir würden ein so hohes Piedestal erklimmen, dass uns nach kurzer Zeit der Schwindel erfassen müsste und wir mit einem Aufschrei des Entsetzens vom selbstgefertigten Sockel in die Tiefe stürzen. Denn einem solchen Anspruch ist natürlich kein menschliches Hirn gewachsen, nicht einmal die hochentwickelten Denkapparate der amtlich ausgewiesenen Vollsinnigen, welche die schwedische Akademie alljährlich auf ihren Thron erhebt.

Nein, diesen Weg dürfen wir nicht beschreiten, sondern müssen uns einer weit bescheideneren, aber zugleich auch viel schwierigeren Aufgabe widmen, in der niemand unsere Kompetenz anzweifeln wird: nämlich der Erforschung des eigenen Schwachsinns, wo wir nun wirklich auf Autorität pochen dürfen. Diesem weiten und, wie sich zeigen wird, unübersehbaren Feld soll unser eigentliches Augenmerk gelten. Nur indirekt, weil wir doch alle Menschen sind und damit der gleichen Gattung zugehören, werden wir dann gleichsam beiläufig und jederzeit um Abbitte bemüht auch den Rest der Menschheit mit einbeziehen.

Anders gesagt, geht der Autor dieses Buches davon aus, dass jeder – er selbst, aber auch Du der vielleicht gar nicht mehr so sehr geneigte Leser – eine unversiegliche Quelle des Schwachsinns ist und dass keine Philosophie auch nur ihren Namen verdient, wenn sie nicht dieser menschlichen Haupteigenart den ihr gebührenden Platz zuweist. Der liebe Gott, die Natur, die Evolution oder wie immer wir es nennen wollen, hat jeden von uns vielleicht auch noch mit einem kleinen Quäntchen an Vollsinn ausgestattet – wie wären wir andernfalls in der Lage, über sein Gegenteil auch nur zu reden -, aber in verschwenderischer Großzügigkeit wurden wir vor allem mit jeder Menge an Schwachsinn beschenkt. Nur weil jeder von uns sein ganzes Leben lang sozusagen auf beiden Hochzeiten tanzt, abwechselnd, aber oft auch gleichzeitig auf der des Schwach- wie der des Vollsinns, dürfen wir uns das Recht anmaßen, über beides mit einiger Kompetenz zu reden.

Vielleicht würde uns aber selbst solche Bescheidenheit in den Augen der strengsten Kritiker nicht sonderlich nützen, würden wir nicht von vornherein ein weiteres Zugeständnis machen. Kein Schwachsinn ist, so sei gleich zu Anfang festgestellt, dem anderen völlig gleich. Es gibt den brandgefährlichen Schwachsinn, der die heutige Menschheit nicht nur an den Rand des Abgrunds zu führen, sondern sie vollends darin hineinzustürzen droht. Davon wird ausgiebig die Rede sein, denn es geht hier ja nicht darum, intellektuelles Süßholz auf philosophische Art zu raspeln, sondern die Augen auch der Unbedarften – ja sogar der Schwachsinnigen – für die apokalyptischen Gefahren zu öffnen, mit denen uns gerade die heutige Zeit in einem nie dagewesenen Ausmaße konfrontiert. Doch für solche elementaren Bedrohungen die Augen zu öffnen, ist vielleicht nicht so sonderlich schwer. Dafür brauchen wir wahrlich keine Philosophen zu sein. Weit mehr geistige Anstrengung wird uns dagegen abgefordert, wenn wir auch die Kehrseite sehen wollen. Denn ja, es gibt ihn, obwohl du, mein bis zu dieser Zeile immer noch treuer Leser, ihn vielleicht noch gar nicht entdeckt hast. Es gibt den liebenswürdigen Schwachsinn – und er ist sogar so universell verbreitet, dass man in ihm vielleicht die Urform allen Schwachsinns erblicken sollte. Lass uns also mit dem liebenswürdigen Schwachsinn beginnen!

Fortsetzung folgt

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Nicht nur in den Arsenalen des Militärs,

auch in den Herzen der Menschen hatte sich viel Sprengstoff angesammelt. Im ersten Moment der Kriegserklärung waren viele Menschen in ganz Europa zeitweise von Enthusiasmus überwältigt. „Der Krieg von 1914… diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt… Darum gingen, darum jubelten die Opfer damals trunken der Schlachtbank entgegen, mit Blumen bekränzt und mit Eichenlaub auf den Helmen, und die Straßen dröhnten und leuchteten wie bei einem Fest“ (Stefan Zweig).

Nicht wenige Militärs und Politiker an der Spitze des Staates ahnten freilich, welches Unheil der Krieg bringen würde, nur gab es für niemanden mehr ein Zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Politiker ließen sich mehr oder weniger willig treiben und trieben ihrerseits die Völker in die Vernichtung.

Heute wird die Welt erneut getrieben,

aber nirgendwo auf der Welt wird der Krieg mit Enthusiasmus begrüßt, weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Rivalen. Nicht einmal vom amerikanischen Präsidenten. Es fällt ja schwer, Donald Trump überhaupt noch etwas zu glauben, denn er vermischt Wahrheit und Lüge nach eigenem Gutdünken, doch wird man ihm wohl abnehmen dürfen, dass er den Krieg mit Iran nicht vom Zaun brechen will, denn bis jetzt hat er seine Versprechungen dem eigenen Wahlvolk gegenüber weitgehend eingehalten – und zu diesen Versprechen gehörte eben auch die Verminderung der militärischen Präsenz der USA außerhalb ihrer Grenzen. Warum also zeigt der derzeitige amerikanische Präsident der Welt ein so unerfreuliches Gesicht? Warum sind die USA spätestens seit George W. Bush nicht mehr, was sie so lange wären, nämlich ein Schutzschild für Europa, dem dieses während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seine Freiheit und seine Prosperität verdankte?

Im Jahr 1961 nach Abschluss

seiner zehnbändigen Geschichte der menschlichen Zivilisationen befand Arnold Toynbee, dass das „American Empire“ zwei Merkmale besaß, die es von dem zwei Jahrzehnte zuvor untergegangenen Imperium Großbritanniens unterschied: Militärbasen in Hülle und Fülle und die Betonung einer großzügigen Wirtschaftshilfe für die eigenen Bündnispartner. Durch eine Politik, die „beispiellos in der Geschichte der Imperien“ sei, habe Amerika „seine imperiale Position für Wirtschaftshilfe zugunsten der Völker unter seiner Herrschaft genutzt, anstatt… sie wirtschaftlich auszubeuten“. Ja, die USA waren im Großen und Ganzen ein milderer Hegemon als alle vorangegangenen Großmächte. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffene Pax Americana sollte sich in der Tat für die ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnte für die meisten Satellitenstaaten der USA als Vorteil erweisen. Der US-Historiker Alfred McCoy bemerkt zu Recht, dass „die Vereinigten Staaten all ihr Prestige und ihre ganze Macht in die Bildung einer neuen Weltordnung durch dauerhafte internationale Institutionen investierten: die Vereinten Nationen (1945), den Internationalen Währungsfonds (1945) und das Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel (1947), den Vorläufer der Welthandelsorganisation…..“

Man muss die Rolle der Vereinigten Staaten als friedens- und ordnungsschaffende Macht

ausdrücklich betonen, bevor man auf ihren derzeitigen Präsidenten und die Gefahr zu sprechen kommt, die dieser in unseren Tagen so massiv und so mutwillig heraufbeschwört und damit den Ruf einer großen Nation in den Augen der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleich nach seinem Amtsantritt beging der neue Herr im Weißen Haus die unverzeihliche Dummheit, beinahe sämtliche Maßnahmen seines Vorgängers zu konterkarieren. Unter großen Mühen hatte Obama mit Hilfe der Alliierten einen Vertrag ausgehandelt, der Iran dazu verpflichtet, Atomkraft ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen und sich der Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEO zu unterziehen. Trump zerriss den Vertrag und verspielte auf diese Weise leichtfertig das Prestige der USA als Vertragspartner, auf den man sich im Ausland verlassen kann. Wie soll man einem Staat noch glauben, wenn jeder Präsident die Verpflichtungen seines Vorgängers annulliert?

Und dann noch die unglaubliche Naivität, mit der ein Donald Trump Geschäftspraktiken auf die internationale Politik überträgt! Vorherrschendes Kriterium beim Abschluss von Deals unter Businesspartnern ist der jeweilige Nutzen. Man kann mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, dass kein Konkurrent, setzt man ihm die Pistole auf die Brust, für ein paar Dollar weniger das eigene Leben riskiert.

Diese Einsicht glaubte der Immobilienmakler Trump auch auf die Politik übertragen zu können. „Nachgeben werden sie, sobald ich ihnen die Pistole auf die Brust setze – und dann machen wir einen Deal!“, so etwa lautet die schlichte Philosophie, nach der der derzeit mächtigste Mann agiert. 

Die Pistole, das sind in diesem Fall nicht allein Maßnahmen,

um die iranische Wirtschaft zu schleifen. Die Ausfuhr von Erdöl, dem das Land seinen mäßigen Lebensstandard verdankt, ist weitgehend gedrosselt, etwaige Embargobrecher müssen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb erfüllt auch Europa seine Verpflichtungen gegenüber Iran nicht mehr. Es hat seine Geschäftsbeziehungen weitgehend abgebrochen, um nicht den Boykott seiner eigenen Firmen durch die USA zu riskieren.

Trump ging aber noch einen Schritt weiter. Es genügte ihm nicht, die iranische Wirtschaft abzuwürgen. Damit seine Botschaft auch ganz bestimmt richtig verstanden wird, lässt er seit Beginn dieses Jahres auch das Militär aufmarschieren. Zwei Flugzeugträger sind seit kurzem vor der Küste Irans stationiert, dazu strategische Bomber B-52, vermehrt um die neuesten Tarnkappenbomber vom Typ F-35 und eine schnell wachsende Zahl von US-amerikanischen Soldaten. Sie alle wurden und werden gegenwärtig an den Persischen Golf verlagert.

Nur ein politisch blinder, in hohem Grade egozentrischer Geschäftsmann

wie Donald Trump konnte allen Ernstes glauben, dass es genügen würde, mit Flugzeugträgern und Bombern vor der Küste des Gegners zu spielen, um diesem bewusst zu machen, dass er einem Trump nicht gewachsen ist. Inzwischen ist der Iran ein konventionell hochgerüsteter Staat, der nach Meinung von Experten in einem Erstschlag durchaus in der Lage ist, sämtliche amerikanischen Militärbasen am Golf mit höchst effizienten Raketen aus eigener Produktion auszuschalten. Dieses Land ist nicht mit dem Irak, mit Libyen oder Syrien zu vergleichen. Die Mullahs sind sich ihrer Stärke inzwischen durchaus bewusst, zumal das Vorgehen Trumps ihnen die Bevölkerung neuerlich in die Arme treibt, nachdem sie diese zuvor schon beinahe verloren hatten. Wie mehrere frühere Aufstände beweisen, hat das Regime sich auch in der eigenen Bevölkerung keineswegs ungeteilter Zustimmung erfreut. Vielmehr hat es seine Herrschaft nur mit Hilfe von polizeistaatlicher Repression aufrechtzuerhalten vermocht.

Doch ebenso wie Donald Trump

es verstand, die Menschen Venezuelas abermals in die Arme ihres unfähigen Autokraten Maduro zu treiben, schließt er nun die Bevölkerung des Iran hinter ihrer Führung zusammen – und das, obwohl es dem Land und seinen Bewohnern aufgrund der Blockade seit Beginn der Revolution niemals so schlecht ging wie heute. Trump ist ein Meister darin, Amerika nicht zur Nummer eins zu machen, wie er es nach eigener Propaganda bezweckt, sondern ringsumher für immer mehr Feinde zu sorgen. Abe Shinzo, der japanische Premier, ist da noch eine seltene Ausnahme. Wie vor ihm der deutsche Außenminister Heiko Maas, versuchte er am 13. Juni vergebens, das zerschlagene Porzellan zu kitten. Ayatollah Khamenei hat ihm gegenüber ausdrücklich klargestellt, dass der Iran mit dem amerikanischen Präsidenten nur verhandelt, wenn dieser zuvor die Sanktionen und den militärischen Aufmarsch gegen sein Land beendet.

Nun stehen die Feinde einander mit entsicherten Pistolen gegenüber

Niemand kann mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie will Trump die Flugzeugträger zurückbeordern, ohne von der Welt als Verlierer verspottet zu werden? Und wie soll das Regime der Ayatollah unter vorgehaltener Pistole nachgeben können, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren und im Vorderen Orient als Schwächling verlacht zu werden? Anders als im Geschäftsleben geht es hier nämlich um Ehre und nationales Prestige, Begriffe, die zwischen Nationen niemals aus der Mode gekommen sind – in den USA genauso wenig wie im Iran. Trump hat sein Land, ohne es zu wollen, nur aufgrund seiner Unfähigkeit für das Amt, in dieses Patt gesteuert, aus dem es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt. Ich halte einen Krieg für unabwendbar; doch das ist natürlich nur eine persönliche Meinung. Glücklicherweise hat die Geschichte niemals Prophezeiungen mit absoluter Sicherheit zugelassen.

Vorerst wartet noch jeder der beiden Kontrahenten auf eine Dummheit des anderen,

also auf den ersten Akt der Aggression, um dann mit geballter Macht zuzuschlagen: die Iraner mit einem Raketenüberfall auf sämtliche Basen und Schiffe der Amerikaner; die Amerikaner mit augenblicklichen Angriffen ihrer Tarnkappenbomber auf sämtliche militärische Stellungen und Radarposten der Iraner. An Provokationen fehlt es schon jetzt nicht. Heute, am 13. Juni, sind mehrere Tanker im Golf von Oman beschossen worden. Es gibt Gruppierungen genug, die den Krieg herbeisehnen und ihn sogar um jeden Preis herbeiführen wollen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen, deren Länder seit Jahren so fürchterlichen Verwüstungen ausgesetzt sind wie Syrien, der Irak, Jemen oder Libyen nichts zu verlieren haben, sondern im Gegenteil den Krieg, wenn er schon sein muss, gern noch auf den Rest der Welt übertragen.

Natürlich wird Amerika den Krieg gegen Iran in wenigen Tagen oder zumindest Wochen gewinnen,

aber Trump und sein Nachfolger werden den Frieden so wenig wie in Libyen herstellen können. Die Meerenge von Hormuz wird aufgrund von permanentem Terror möglicherweise für Jahre gesperrt sein – was nichts anderes heißt, als dass die Hauptschlagader für die Ölversorgung westlicher Länder auf Dauer blockiert sein wird. Mit dem bisherigen Wohlstand Europas, Japans und vieler weiterer Staaten ist es dann erst einmal vorbei.

Doch wir sollten bei einem Krieg in der Ferne nicht nur an eigene Verluste denken: Der Iran – wie Syrien und der Irak ein weiteres Land das sich einiger der größten Zeugnisse menschlicher Zivilisation rühmen kann – wird so wie jetzt schon weite Gebiete im ganzen Vorderen Orient in Schutt und Asche versinken. Das aber geschieht aus keinem anderen Grund, als weil ein unbedarfter amerikanischer Präsident mit Geschäftspraktiken, die unter Maklern Erfolg haben mögen, leichtfertig in der großen Politik experimentiert.

Trump hat die Parole „America First“ ausgegeben

Das kann man ihm schwer zum Vorwurf machen. Jeder Staatsmann ist durch seinen Eid verpflichtet, vor allem dem eigenen Land zu nützen. Wirkliche Staatsmänner waren allerdings klug genug, dieses Vorgehen nicht an die große Glocke zu hängen. Genau das tut der derzeitige Präsident. Er könnte seinem Land und der Welt mehr schaden als irgendein früherer. Jetzt müsste schon ein Wunder geschehen, damit das Kriegsfeuer nicht im Iran auflodert, die Enge von Hormuz nicht vermint wird, der Stopp der Ölversorgung Europa nicht ins Chaos stürzt.

Immerhin, ein kleines Wunder ist jetzt schon sichtbar. Kaum jemand scheint zu ahnen, welche Dämonen uns gegenwärtig belauern. So wenige, dass viele Leser diese Zeilen vermutlich als reine Panikmache betrachten. Hoffentlich haben sie Recht!

„Freiheit, die wir meinen“

Der harte Widerspruch, der die Politik des 21. Jahrhunderts beherrschen wird – und der in der Tat jetzt schon kennzeichnend für sie ist – liegt in der Gegenläufigkeit zweier gleich notwendiger, gleich unverzichtbarer Tendenzen. Auf der einen Seite verlangt die Globalisierung der Chancen und Risiken von sämtlichen Staaten, auf einen Teil ihrer Souveränität zu verzichten. Die drohenden Gefahren von Klimawandel, Ressourcenverschleiß und nuklearer Bedrohung sind nur noch durch eine Weltregierung zu bannen, welche dem Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst ein Ende setzt. Solange in einer multipolaren Welt jeder Staat einen Vorteil darin erblickt, dem Gemeinwohl aller anderen zu schaden, weil er aus solchem Verhalten für sich selbst einen deutlichen Nutzen zieht, wird die Menschheit dem Abgrund mit jedem Jahr etwas näher rücken. „Freiheit, die wir meinen“ weiterlesen

Die Freiheit, die uns umbringt

Immanuel Kant, H. G. Wells, Arnold Toynbee, Bertrand Russell, Raymond Aron und Albert Einstein haben dafür plädiert, dass dieStaaten – alle Staaten – auf einen wesentlichen Teil ihrer Souveränität verzichten. Diese Forderung leuchtet jedem ein, der sich keine Illusionen über die elementaren Bedrohungen macht, denen die Bewohner des Globus spätestens seit dem vergangenen Jahrhundert ausgesetzt sind. Der galoppierende Fortschritt des Klimawandels – unter anderem daran zu erkennen, dass das Grönlandeis viermal schneller schmilzt als noch vor einem Jahrzehnt prophezeit – ist schon jetzt nicht mehr aufzuhalten, aber nach Möglichkeit sollte er zumindest soweit eingedämmt werden, dass unsere Art nicht in einem Treibhaus erstickt, wo der Meeresspiegel am Ende 70 Meter über dem heutigen Niveau liegen wird und die meisten Millionenstädte im Meer versinken. Bis dahin wird freilich noch einige Zeit vergehen, aber die Richtung ist vorgegeben, denn die Abwehr der Gefahr erscheint solange unerreichbar als es jedem Staat überlassen bleibt, um des eigenen Wachstums willen, fossile Brennstoffe nach Gutdünken zu verheizen. Aller Fortschritt im Kampf gegen den Klimawandel hängt von der Bedingung ab, dass eine Art Weltpolizei (vermutlich zusammengesetzt aus den führenden Supermächten) darüber wacht, dass die Spielregeln zur Rettung des Planeten beachtet und eingehalten werden.

Der gleiche Imperativ

gilt im Hinblick auf die Nutzung der heute noch zur Verfügung stehenden nicht-fossilen Ressourcen. In unserer technisch hochentwickelten Zeit werden auch diese in einer Art globalem Potlatsch in den modernen Wegwerfgesellschaften nicht nur en masse konsumiert, sondern anschließend auch noch en masse in mehr oder weniger giftigen Müll transformiert. An Nachhaltigkeit ist unter solchen Umständen nicht einmal zu denken – im Gegenteil: Je mehr Staaten dem westlichen Beispiel folgen, umso schneller wird der noch vorhandene Rest an Rohstoffen abgebaut und als erstickendes Gift über Länder und Meere verteilt oder in Verbrennungsanlagen in die Atmosphäre geblasen.

Und das ist nur die eine, heute global sichtbare Wirkung unseres gewaltigen technologischen Könnens. So als wäre die Bedrohung durch Klimawandel und Rohstoffverbrauch nicht schon beängstigend genug, kommt noch ein weiteres Übel hinzu: das größte, auch wenn es – wie durch ein Wunder – bisher noch nicht zur Wirkung gelangte. Die Lebensflamme unserer Art könnte von einem Tag auf den anderen ersticken: Zum ersten Mal seit Bestehen von Homo Sapiens ist die Menschheit als Kollektiv dem Artentod ausgesetzt. Aufgrund unseres überragenden technologischen Könnens haben wir es so weit gebracht, uns selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen – es genügt ein einziger Knopfdruck, womit eine der Supermächte – Russland, Amerika oder China – den Erstschlag auslöst. Vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen äußerte Präsident Kennedy am 25. September 1961 die Hoffnung, dass Nuklearwaffen aufgrund eines internationalen Übereinkommens endgültig abgeschafft werden. Denn „in unserer Zeit muss jeder Einwohner des Planeten damit rechnen, dass dieser nicht länger bewohnbar sein wird. Wir alle leben unter einem Damoklesschwert, das in jedem Moment aufgrund eines Zwischenfalls, eines falschen Kalküls oder aufgrund von Wahnsinn auf uns herniederfallen könnte. Diese Waffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen….“

Nein, so war es gestern

heute ist es um vieles schlimmer, denn „der Fortschritt“ schreitet ja weiterhin unaufhaltsam und sogar in immer schnellerem Tempo voran. Inzwischen können sich selbst winzige Staaten wie Israel und bitterarme wie Nordkorea die apokalyptische Bombe leisten. In einer multipolaren Welt, wo jeder sich auf das Recht beruft, über Umfang und Art der eigenen Verteidigung zu bestimmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle Staaten der Welt – und nicht nur wie bisher etwa ein Dutzend – über genug Bomben verfügen, um die ganze übrige Menschheit in Geiselhaft zu zwingen. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich, England und China verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über das apokalyptische Schwert. Nordkorea hat es bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn auszulöschen. Auch Iran wird die Zentrifugen zur Urananreicherung wohl demnächst wieder laufen lassen, und was die Saudis tun, wissen ohnehin nur sie selbst. Über Japan besitzen wir genauere Informationen. Dort hat man in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das fernöstliche Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen. Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat Japan sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist das Land jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.

Die Wahrscheinlichkeit

dass aufgrund bloßen Zufalls oder menschlichen Versagens „etwas passiert“, wächst daher mit jedem Tag, zumal die Träger der Bomben, Überschallraketen, mit jeder Generation schneller und schneller werden – und die Vorwarnzeit für ihren Einschlag dementsprechend geringer. Bei einem Erstschlag vonseiten des Gegners steht Russen wie Amerikanern heute keine halbe Stunde mehr zur Verfügung wie noch vor einem Jahrzehnt, sondern dieser ohnehin minimale Zeitraum ist inzwischen auf etwa fünf Minuten geschrumpft. Innerhalb dieser Zeit muss entschieden werden, ob es sich wirklich um einen tödlichen Angriff handelt, der den sofortigen Gegenschlag nach sich zieht, oder ob vielleicht doch nur eine Fehlmeldung vorliegt. Offensichtlich reicht diese Zeit für menschliche Entscheidungen nicht länger aus – zumal sie aufgrund des unvermeidlichen „Fortschritts“ in Zukunft noch weiter schrumpfen wird. Der Präsident und sein Stab können im attackierten Land auf die Herausforderung eines Erstschlags nicht länger reagieren. Deshalb müssen Amerikaner wie Russen die Entscheidung darüber, ob das globale Feuer entzündet wird oder nicht, an Computersysteme abgeben. Die Aussicht, dass das kollektive Schicksal der Menschheit in Zukunft in den Händen von Maschinen statt von Menschen liegt, ist die wohl bedrückendste aller Zukunftsperspektiven. Hält man sich nämlich vor Augen, dass solche Systeme fehlbar sind – sie waren es mehrfach in der Vergangenheit und selbst eine große Firma wie Boeing hat einem ihrer Flugzeuge (Max 737) ein fehlerhaftes Steuersystem eingepflanzt, sodass in zwei aufeinander folgenden Abstürzen an die dreihundert Menschen ums Leben kamen – dann weiß man, welchem existentiellen Risiko wir ausgesetzt sind. Überwältigt und mattgesetzt durch den eigenen technischen „Fortschritt“, haben wir unser Schicksal in die Hände der Künstlichen Intelligenz gelegt:

Furchtbare Neue Welt – wir haben uns selbst entmündigt.

Eine Rettung aus dieser den Klimawandel noch übertreffenden Not, die uns jederzeit ohne Vorankündigung heimtückisch überfallen kann, scheint nur durch Kontrolle möglich, nämlich durch den freiwilligen oder erzwungenen Verzicht aller Staaten auf einen Teil ihrer Souveränität. Um des gemeinsamen Überlebens willen darf es im 21. Jahrhundert nicht länger möglich sein, dass jeder Staat die Umwelt nach eigenem Belieben vergiftet, nach Belieben Rohstoffe verprasst und die übrige Menschheit nach Belieben mit Massenvernichtungswaffen bedroht. In einer multipolaren Ordnung, die jedem Staat die Freiheit erteilt, das gemeinsame Raumschiff Erde nach eigenem Gutdüngen auszubeuten, zu vergiften und mit Massenvernichtungswaffen existenziell zu gefährden, sollten wir die schlimmste aller denkbaren Alternativen erblicken. Die gegenwärtig etwa zweihundert Staaten der Welt werden das Ende dieses Jahrhunderts nur dann erleben, wenn sie, freiwillig oder – zur Not auch – gezwungen, einen Teil ihrer Souveränität an einen Weltpolizisten abtreten, der die weitere Proliferation von Massenvernichtungswaffen verhindert und zur gleichen Zeit den Planeten vor weiterer Ausbeutung und Vergiftung bewahrt.

Ein Weltpolizist?

Das scheint eine eher unsympathische, wenn nicht gar abschreckende Vision zu sein, fühlen wir uns dabei doch sofort an den berüchtigten Leviathan von Thomas Hobbes erinnert. Der englische Philosoph des 17. Jahrhunderts hatte den Dreißigjährigen Krieg vor Augen, in dem die Staaten Mitteleuropas einander barbarisch zerfleischten. Damit die Menschen sich nicht in Wölfe für ihre Mitmenschen verwandeln (homo homini lupus), bedürfe es eines Fürsten, so Hobbes, an den sie einen Teil ihrer Souveränität abgeben, nur so lasse sich der gegenseitige Vernichtungskampf beenden. Hobbes konnte damals noch nichts davon wissen, dass die heutige Menschheit, selbst wenn sie scheinbar den Frieden genießt, permanent der Vernichtung ausgesetzt ist, denn einen Erstschlag kündigt eine Supermacht natürlich nicht vorher an. Ich kenne keine andere sozio-politische Theorie, die so treffend unsere heutige Situation beschreibt und mit unbestechlicher, wenn auch unerfreulicher Logik die einzige Lösung beschreibt, die einen möglichen Ausweg verheißt.

Denn die bekannte Devise „Global denken, lokal handeln“ verfängt in unserer Situation nicht länger. Selbst wenn wir alle global durchaus das Richtige denken, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, dass wir mit Klimawandel, galoppierendem Ressourcenverschleiß und allgemeiner Nuklearaufrüstung gemeinsam in Richtung Abgrund laufen, handeln wir dennoch lokal genauso wie vorher, weil derjenige, der das Richtige tut, als der Dumme den Schaden hat, solange die anderen ihm nicht folgen. Würde sich zum Beispiel eine der heutigen Supermächte aus freien Stücken dazu entscheiden, ihr gesamtes Atomwaffenarsenal von heute auf morgen zu verschrotten, so wäre das zwar eine moralisch unglaublich mutige Tat, aber zugleich eine machtpolitische Dummheit, denn aufgrund der eigenen Selbstschwächung würde der unglückliche Pionier augenblicklich unter die Kuratel der verbliebenden Supermächte geraten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und seiner weltpolitischen Ohnmacht während der neunziger Jahre musste Russland diese Wahrheit schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Zwar hatte Russland sich nicht freiwillig geschwächt, sondern geriet durch Wettrüsten ökonomisch heillos ins Hintertreffen, aber diese Schwächung rief bei den Rivalen keinerlei Mitleid hervor. Denn auch wer moralisch vorangeht, kann bestenfalls in einer kleinen Gruppe von Menschen als richtungsweisendes Beispiel wirken, aber nicht in einer Welt von Mächten mit grundverschiedenen Interessen. Hier wird der Schwache schlicht von den Starken gedemütigt, wenn nicht einfach geschluckt..

Man mag es traurig finden

aber es ist Realität: Ohne einen Weltpolizisten kommt die Menschheit nicht länger aus. Tatsächlich ist er ja auch heute bereits vorhanden. Wann immer die drei Supermächte – die USA, Russland und China – im UNO-Sicherheitsrat gemeinsam eine Resolution beschließen, handelt es sich de facto um die Erlässe einer Weltpolizei oder inoffiziellen Weltregierung – welchen Namen wir dieser Instanz auch geben. Unsere spontane Reaktion besteht zwar darin, dass wir uns solcher Bevormundung zuerst einmal widersetzen, weil unser Schicksal nicht mehr von uns selbst, sondern über unsere Köpfe hinweg von anderen bestimmt wird. Aber wir selbst – und mit uns alle anderen Staaten -, haben uns in eine Situation manövriert, in der uns nichts anderes als ein solcher Weltpolizist vor uns selbst zu retten vermag.

Denn die Welt, wie sie früher einmal bestand – und manchen im Rückblick vielleicht um vieles glücklicher erscheint – existiert schon längst nicht mehr. Noch vor zweihundert Jahren hätten die meisten Nationen eine Chinesische Mauer um ihr Territorium aufrichten können, um in völliger Isolierung von allen übrigen zu leben. Anders gesagt, hätten sie weitgehend oder auch völlig autark in uneingeschränkter Souveränität in ihrem je eigenen Gebiet existieren können, ohne sich um den Rest der Welt zu kümmern. Für einige abgeschiedene Inseln im Pazifik bestanden solche Verhältnisse noch bis ins vergangene Jahrhundert.

Doch das hat sich in kurzer Zeit grundlegend geändert

Das Leben in Deutschland, Frankreich, den USA oder China, ja selbst auf Neuguinea oder Grönland würde völlig zusammenbrechen, wenn nicht Tag für Tag Ströme von Öl, von Mineralien oder auch Fertigwaren die Grenze passieren. Ohne diese Zufuhr würden in Deutschland und Österreich die Lichter ausgehen, der Verkehr stehen bleiben, die Fabriken die Produktion einstellen, die Bevölkerung schlagartig verelenden. Allenfalls wäre das rohstoffreiche Russland zur Not in der Lage, sich nach außen hin abzuschotten, aber seinen gegenwärtigen – immer noch vergleichsweise niedrigen – Lebensstandard vermag es nur aufrechtzuerhalten, indem es seine Rohstoffe gegen Fertigprodukte aus dem Ausland verkauft. In ihrem heutigen Ausmaß besteht diese weltweite gegenseitige Abhängigkeit erst seit etwa einem Jahrhundert, aber sie ist kaum mehr rückgängig zu machen, es sei denn wir würden uns mit einem Bruchteil unseres heutigen Lebensstandards begnügen. Dabei geht es aber offensichtlich um Souveränität. In deren mehr oder weniger großem Verzicht besteht die eigentliche Wirkung dieser weltweiten Verflechtung, denn jeder Staat hat sich dadurch von dem guten Willen anderer abhängig gemacht, und zwar nicht nur im Hinblick auf importierte Ressourcen und exportierte Waren, sondern ebenso im Hinblick auf die bei ihrer Herstellung erzeugten Gifte. Die klimazerstörenden Schadstoffe, welche die Verbrennung von Kohle und Öl bei uns oder in China erzeugt, hält sich nicht an nationale Grenzen, sondern verbreitet sich über den Globus, der Einsatz von Nuklearwaffen durch die Supermächten löscht nicht nur in diesen selbst sämtliches Leben aus, sondern ebenso in der übrigen Welt. Wir bestehen auf der Souveränität im eigenen Lebensraum und verschließen bemüht die Augen vor der unabweisbaren Einsicht, dass wir selbst diese längst in eine Illusion verkehrten.

Ja, eine Welt, wo jeder noch Herr im eigenen Hause war, hätte eine schönere Welt sein können (ob sie es wirklich war, ist eine andere Frage). Aber diese Welt gibt es nicht mehr. Aus diesem Grunde ist nicht nur der Zusammenschluss der europäischen Staaten in der EU eine Notwendigkeit, wenn unsere Stimme in der Welt überhaupt noch gehört werden soll, sondern darüber hinaus ist sogar noch ein weiterer Verzicht von uns gefordert. Leviathan, die kommende Weltregierung, muss uns daran hindern, die Umwelt, den Globus oder sogar die eigene Spezies zu vernichten.

Wüssten wir nicht

dass einige der größten Köpfe die gleiche Ansicht mit größtem Nachdruck vertreten haben – oben war schon von Immanuel Kant, H. G. Wells, Arnold Toynbee, Bertrand Russell, Raymond Aron und Albert Einstein die Rede –, dann könnte uns dieser Ausblick als zu gewagt erscheinen, zu weit hergeholt. Vor allem aber fühlen wir uns durch Leviathan ja zunächst einmal bedroht. Da ziehen es viele begreiflicherweise vor, eher die Augen vor den uns bedrohenden tödlichen Gefahren zu verschließen als sich mit einem derartigen Untier abzufinden.

Doch diese Aussicht haben wir uns selbst eingebrockt. Damit die derzeit etwa zweihundert Staaten auf dem Planeten die eigene Souveränität nicht dazu missbrauchen, das Überleben der Art zu gefährden, müssen sie einen Teil ihrer Souveränität an eine Instanz abtreten, die sie genau davor bewahrt. Eben dies haben die zitierten Autoritäten als unumgängliche Maßnahme gefordert. Dann erhebt sich allerdings gleich die weitere Frage, die sich auch schon für die EU, den Zusammenschluss der Nationen Europas, stellte: Wie muss eine übernationale Instanz beschaffen sein, damit sie erträglich wird?

In Europa (aber bisher noch nicht in den USA)

sind die Bürger durchaus bereit, auf einen Teil ihrer Freiheit zu verzichten, z. B. darauf, Pistolen im Gürtel bei sich zu tragen. Auch die persönliche Blutrache ist bei uns verboten, obwohl auch dies eine Einschränkung der individuellen Freiheit bedeutet. Warum setzt sich bei uns niemand gegen diesen Freiheitsverlust zur Wehr? Offenbar wird er von kaum jemandem in Deutschland oder Frankreich als ein solcher empfunden, weil der im Gegenzug erzielte Gewinn so viel größer ist. Solange es jedem anheimgestellt blieb, sich friedlich zu verhalten oder auch nicht, war derjenige im Vorteil, der an der Bewaffnung festhielt und die Justiz in die eigenen Hände nahm, denn er musste stets damit rechnen, dass die anderen ihm gegenüber nicht anders verfuhren. In dem Augenblick, wo alle auf Pistolen, Gewehre oder die Blutrache freiwillig verzichten oder verzichten müssen, weil eine starke Regierung sie dazu zwingt, ergibt sich für den einzelnen nicht nur kein Nachteil, sondern alle fühlen sich im Gegenteil von einem großen Übel erlöst. Gewiss, Leviathan zeigt im ersten Moment seine Zähne, im zweiten aber befreit er die Menschen von einem unerträglichen Übel. Denn erst der Verzicht auf die Freiheit, sich gegenseitig zu schaden, führt zu jener großartigen Freiheit, die darin besteht, sich gegenseitig zu nutzen. Wechselseitiges Vertrauen kann nur entstehen, wenn der Mensch nicht länger ein Wolf für seine Mitmenschen ist. Im 21. Jahrhundert darf es den Staaten nicht länger erlaubt sein, nach Belieben aufzurüsten, nach Belieben Ressourcen zu verprassen, nach Belieben die Umwelt zu vergiften. Diese negative Freiheit muss ihnen genommen werden, damit ihnen die positive Freiheit erhalten bleibt, in einer Welt des Friedens zu leben.

Geschichte hat einen Sinn

nicht die der Natur, wo wir ihn nicht erkennen, sondern die Geschichte des Menschen, wo er die Stimme jenes Gewissens ist, an dem alle Menschen partizipieren. Im 21. Jahrhundert aber hat Geschichte noch dazu ein Ziel, das wir erreichen, einen Zweck, den wir verwirklichen müssen, nämlich dass wir den Planeten und dass wir uns selbst vor uns selber schützen. 

Nächster Artikel: Die Freiheit, die wir meinen.

Diese Gedanken werden in zwei Büchern erörtert:

Reflections on Meaning and Purpose in History – The Destiny of Mankind in the 21st Century“.

Creative Reason – A Synthetic Philosophy of Freedom in Nature and Man (Homage to William James)“.