Kanzler Sebastian Kurz – Staatsmann oder Gaukler?

Die Frage ist nicht aus der Luft gegriffen, denn bevor der Vorsitzende der ÖVP gestern seinen sensationellen Wahlerfolg errang, ließ sich das Urteil der Parteien im Hinblick auf seine Person etwa unter diesem Gegensatz subsumieren. Auch für die unmittelbar bevorstehende Zeit wird sich die Frage kaum eindeutig beantworten lassen, denn ein gerechtes Urteil über einen Politiker kann erst die Nachwelt abgeben, wenn sie ihn in die Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger stellt. Doch wird man eines schon jetzt sagen dürfen. Der jüngste Kanzler in der Geschichte Österreichs hat etwas fertiggebracht, was die wohl umsichtigste Führungskraft der westlichen Welt, die nicht mehr ganz junge Kanzlerin Deutschlands, nicht zustande brachte. Sebastian Kurz hat Österreich vor der AfD bewahrt, denn die FPÖ, ihr österreichisches Gegenbild, hat in dieser Wahl – nicht ohne aktive eigene Mithilfe – eine verheerende Schlappe erlitten.

Ja, höre ich jetzt diejenigen rufen,

die in Kurz nur einen Gaukler sehen. Dieser Erfolg sei doch nur möglich gewesen, weil er die Politik der extremen Rechten für sich übernommen habe!

Nein, das ist nur teilweise richtig. Er hat genau das von ihr übernommen, was die Bevölkerungsmehrheit wollte, nämlich eine vorsichtige Immigrationspolitik. Und er hat genau das nicht übernommen, was die extreme Rechte wollte und immer noch will: nämlich den Hass gegen alles Fremde schüren und sich im Chauvinismus suhlen. Auch seine ärgsten Feinde werden dem Parteiobmann der ÖVP nicht vorwerfen können, dass er mit dumpfem Fremdenhass und dummem Chauvinismus sympathisiere. Davon hat Kurz sich stets unmissverständlich distanziert und die Brücke zu den Freiheitlichen in dem Augenblick abgebrochen, als diese wieder braune Ausschläge zeigten.

Andererseits ist dieser rechte Politiker

kein blauäugiger Idealist, der Ideale zur Not auch gegen eine Mehrheit der eigenen Bevölkerung durchpeitschen will. Er hat gesehen, dass in Österreich – wie ebenso auch in Deutschland – eine Elite aus Politikern, Juristen, Anwälten, Lehrern die eigene Aufgeklärtheit durch eine Politik der angelweit aufgesperrten Tür demonstrieren wollte, während die Bevölkerungsmehrheit zu Recht befürchtet, dass diese liberale Großzügigkeit zu ihren Lasten gehe, sind es doch vor allem ihr Lebensstandard, ihre Jobs und Einkommen, welche eine ungeregelte Immigration gefährdet. Bekanntlich haben sich in den USA die Vertreter der Industrie aus genau diesem Grund für eine liberale Einwanderungspolitik eingesetzt. Die Einwanderer liefern billige Arbeitskräfte, welche die Löhne drücken und so den Profit vermehren. In dieser Hinsicht kann man dem Kanzler Kurz keine wirtschaftsfreundliche Politik unterstellen.

Aber hat dieser Kanzler nicht schon in seiner ersten Amtszeit

viel Unglück angerichtet, indem er die Mindestunterstützung für Immigranten kürzte, so dass sie kaum noch fürs Überleben reicht und daher Integration enorm erschwert? Das ist ein ernstzunehmender Vorwurf. Hier sieht sich, meines Erachtens, jede Partei mit einem überaus schwierigen Problem konfrontiert. Wenn es heißt, dass westliche Wohlfahrtsstaaten auf Einwanderer eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausüben, weil sie den Immigranten mehr Unterstützung bieten, als die meisten von ihnen in ihren Heimatländern durch eigene Arbeit verdienten, so ist diese Behauptung kaum bestreitbar, ganz gleich ob sie aus dem Mund eines Fremdenhassers oder aus dem eines nüchtern urteilenden Wissenschaftlers kommt. Ich halte es für unverantwortlich, die Leistungen für diejenigen zu kürzen, die man im Land aufnehmen will und die das nötige Startkapital brauchen, um sich einzuleben, damit sie schließlich auf eigenen Füßen stehen.

Andererseits wird aber kein Staat den eigenen Bürgern zumuten können, dass man auch denjenigen einen vergleichsweise weit höheren Lebensstandard zukommen lässt, die man allenfalls für kurze Zeit oder auch gar nicht im eigenen Land beherbergen will. Kein europäischer Staat wird auf die Dauer die in Zukunft noch zu erwartenden Flüchtlingswellen aus Afrika so großzügig unterstützen können, wie das in der Vergangenheit möglich war, als man mit vergleichsweise kleinen Immigrationsschüben konfrontiert war. Keiner wird, selbst wenn er das wollte, über die dazu erforderlichen Mittel verfügen, noch weniger wird er das gegen den demokratisch erklärten Willen der eigenen Bevölkerungsmehrheit durchsetzen wollen. Man vergesse nicht: Afrika zählt heute 1,3 Milliarden Menschen, eine Zahl, die sich bis 2100 voraussichtlich mehr als verdreifachen wird. Dann werden dort etwa sieben Mal mehr Menschen als in Europa leben, während die Folgen des Klimawandels die natürlichen Lebensgrundlagen zur gleichen Zeit reduzieren und natürlich auch an Europa nicht spurlos vorübergehen.

Von derart bedrückenden Aussichten

will die Politik gewöhnlich nichts wissen, weil auch die Bürger sie gern verdrängen – hier ist parteiübergreifend viel Gaukelei im Spiel. Zwar wird immer wieder beteuert, dass die richtige Hilfe darin bestehen müsse, den Menschen das Überleben in ihrer jeweiligen Heimat zu ermöglichen, doch dieselben Leute, die dieses Rezept verkünden, haben dafür gesorgt, dass Österreichs Entwicklungshilfe auf ein Minimum reduziert worden ist – und daran wird sich wohl kaum etwas ändern. Überdies war Entwicklungshilfe bisher nie sonderlich erfolgreich – die viel geschmähten Kapitalisten haben durch Betriebsgründungen in Ländern mit billiger Arbeitskraft die ökonomische Entwicklung sehr viel stärker gefördert. China liefert dafür bis heute das klassische Beispiel.

Aber China zeigt auch,

dass selbst diese Förderung wirkungslos bleibt, wenn sie nicht durch eine entsprechende Bevölkerungspolitik unterstützt wird. Ohne die energische Einkindpolitik seiner Regierung wäre China noch heute das Afrika des Ostens mit einer auf zwei Milliarden oder mehr gestiegenen Bevölkerungszahl. Die Misere Afrikas ist ja nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen, sondern mehr noch darauf, dass die Staaten dort (wie auch im Mittleren Osten) weit mehr Menschen aufweisen, als sie aus eigener Kraft zu ernähren oder gar mit Jobs zu versorgen imstande sind. Jeglicher Fortschritt im Lebensstandard wird von einer wachsenden Menschenzahl gleich wieder zunichte gemacht. 2015 lag die Geburtenzahl in Subsahara-Afrika beim 52-fachen des deutschen Wertes, 2100 wird sie knapp das 200-fache betragen. 2015 lebten dort etwa 15 Mal so viele Menschen wie in Deutschland, 2100 werden es 62 Mal so viele sein.

Kein Politiker Österreichs oder Deutschlands

tritt mit diesen Zahlen vor die Öffentlichkeit – man will die Bürger ja nicht beunruhigen -, aber unbekannt sind sie der Politik natürlich nicht, zumal sie auf Zahlen der UNO beruhen. Der neue alte Kanzler Österreichs war klug genug, die Immigration in diesem Wahlkampf kaum zu erwähnen, die Bürger wissen ja ohnehin, dass er hier die Interessen der Mehrheit verteidigen wird. Stattdessen hat er die Altenpflege und die Pensionen in den Vordergrund gerückt – Themen, die normalerweise nicht gerade für Spannung sorgen. Dass man von ihm eine Politik der Wirtschaftsnähe erwarten kann, darüber sind sich politische Freunde wie Feinde ja ohnehin einig.

Ja, und am Punkt der Wirtschaftsfreundlichkeit,

zeigt sich noch ein weiteres Phänomen, das nicht allein in Österreich und Deutschland die Schwächung jener Parteien zur Folge hatte, die bis dahin die Interessen der Geringverdiener – und damit die einer demokratischen Mehrheit – verteidigten. Ich spreche natürlich von der SPD in Deutschland und der SPÖ Österreichs, die beide einmal bedeutende Volksparteien waren, aber jetzt nur noch als Schatten dahinvegetieren. Wie konnte es dazu kommen, dass eine demokratische Mehrheit sich für rechte Parteien entscheidet, die in der Regel nicht ihre, sondern die Interessen der Wirtschaftskonzerne begünstigen? Niemand wird allen Ernstes behaupten, dass der neue österreichische Kanzler sich für die Politik der Gewerkschaften stark machen wird. Sind diese also mitsamt den linken Volksparteien durch Gaukler wie Sebastian Kurz oder gar die deutsche Kanzlerin Angela Merkel an die Wand gedrückt worden?

Die Antwort auf diese Frage

scheint mir nicht sonderlich schwer zu sein, obwohl sie in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielt. Tatsache ist, dass die Wirtschaft sämtlicher Staaten global so verflochten ist, dass der Entscheidungsspielraum eines einzelnes Landes – noch dazu eines so kleinen Landes wie Österreich – kaum noch größere Manöver der Umverteilung oder des Privilegienabbaus erlaubt. Gerade die erfolgreichsten österreichischen und deutschen Betriebe pflegen auf den internationalen Märkten präsent zu sein. Die internationalen Märkte sind es deshalb, die ihnen Kosten und Preise diktieren – eine nationale Regierung kann nur dann höhere Steuersätze für Zwecke der Umverteilung beschließen, wenn Innovation den eigenen Unternehmungen die entsprechenden Gewinne verschafft. Aber auf die Mehrzahl aller „normalen“ Unternehmen trifft das eben keinesfalls zu. Stärkere staatliche Eingriffe können daher die Betriebe leicht so stark belasten, dass die kurzfristigen Vorteile im Sinne einer sozial ausgerichteten Politik mit langfristigen Schäden verbunden sind. Die Umverteilung funktioniert zwar für kurze Zeit, aber die Arbeitsplätze werden abgebaut – der Saldo ist negativ. Das ist der Grund, warum linke Parteien seit etwa drei Jahrzehnten ihre Versprechungen kaum noch erfüllen konnten.

Gegen das größte Übel unserer Zeit, die weltweite Konzentration von Macht und Vermögen, Vermögen und Macht kann der einzelne Nationalstaat inzwischen so gut wie nichts ausrichten, weil alle Maßnahmen in dieser Richtung zur Abwanderung führen. Denn das Kapital ist heute so mobil wie niemals zuvor. Nur die EU insgesamt könnte hier eingreifen – und auch nur um den Preis, dass sie den Außenhandel zu regulieren beginnt, wie das Trump gegenwärtig mit dem Holzhammer für die Vereinigten Staaten versucht.

Allen schön klingenden Parolen zum Trotz

sind nationale Politiker gegenüber den – zum Teil verheerenden – globalen Tendenzen zu weitgehender Machtlosigkeit verdammt – und aus diesem Grunde wird der Unterschied von Links und Rechts immer nebelhafter, obwohl die Parteien selbst natürlich propagandistisch bemüht sind, aus den Mücken, die sie allenfalls noch zu bändigen vermögen, ausgewachsene Elefanten zu machen. Ich würde den Linken wünschen, dass sie nicht zu wohlmeinenden aber weltfremden Idealisten werden, die in Gefahr sind, gegen Windmühlen anzurennen. Der Staatsmann Sebastian Kurz scheint gegen diese Gefahr eher gefeit zu sein.

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden Weltmeisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Philosophie des lebensfördernden Schwachsinns

Eine kleine Geschichte der liebenswürdigen, der lebensfördernden, der törichten, der idiotischen und der brandgefährlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen

In unserer Zeit gibt fast jeder halbwegs vollsinnige Mensch bereitwillig zu, dass kein Schwachsinn größer als der des Krieges ist, wo Menschen einander so behandeln, als wären sie mit dem Zweck zur Welt gekommen, in Schützengräben als Schlachtvieh für politische Schachspieler zu enden, die auf diese Art ihr Bedürfnis nach Macht und Ruhm ausleben. Schon allein deswegen, weil es Kriege auch in unserer angeblich so fortgeschrittenen Zeit immer noch gibt, sollten wir unserer Art ein für alle Mal das Recht absprechen, sich mit der Bezeichnung „(Homo) sapiens“ zu brüsten. Einzig richtig erscheint mir die realistische Selbsteinschätzung als „Homo stupidus“ – oder eher noch „stupidissimus“, denn die Kriege sind ja im Laufe der letzten Jahrhunderte nur noch mörderischer geworden.

Immerhin hatte zur Zeit der Renaissance

ein Waffengang zwischen Pisa und Florenz noch damit enden können, dass ein paar Söldner von ihren Pferden fielen. Da sie am Krieg verdienen, aber keinesfalls zu dessen Opfern werden wollten, war ein solches Unglück genug, um die Schlacht als entschieden anzusehen und einen Friedensvertrag abzuschließen.

So sah Krieg im Zeitalter des Humanismus im glücklichen Italien aus. Aber inzwischen haben wir ein halbes Jahrtausend Fortschritt hinter uns! Die Flächenbombardements des zweiten Weltkriegs verfolgten das Ziel, Menschen en masse zu vernichten, nur das zählte nunmehr als wirklicher Sieg. Aber die noch fortschrittlicheren Kriegsfürsten unserer heutigen Zeit blicken mit Verachtung auf so viel Rückständigkeit. Sie geben sich mit nichts Geringerem zufrieden als mit einer flächendeckenden bakteriellen, chemischen und nuklearen Massenvernichtung. In Japan hatten Atombomben bereits die Bevölkerung der beiden Großstädte Nagasaki und Hiroshima nahezu vollständig ausgelöscht. Doch man glaube nicht, dass die Intelligenz des Homo stupidissimus daran ihr Genügen fand. Der Fortschritt will immer mehr und er will immer höher hinaus – inzwischen trachtet er nach der ultimativen Vernichtung der eigenen Spezies. Und zum ersten Mal in der Geschichte ist dieses Ziel endlich zum Greifen nahe: Zu Beginn des 21ten Jahrhunderts dürfen wir uns damit brüsten, den vorletzten Schritt auf diesem Weg zurückgelegt zu haben. Der Krieg gegen Mensch und Natur ist bereits in ein Endstadium getreten – die Menschheit bereitet sich auf ihr Ende vor. Homo stupidissimus ist im Begriff seinem Namen alle Ehre zu machen. Ist er der eigenen nutzlosen Existenz überdrüssig? So sieht es aus. An seiner Weisheit verzweifelnd überlässt er sich ganz dem Fortschritt, sprich seinen Sehnsüchten nach Tod und Selbstauslöschung.

In diesem, wie es scheint unerbittlichen, Fortschritt

zu einem Krieg, der das Überleben der Art überhaupt bedroht, tritt uns der Schwachsinn des Homo stupidissimus gewiss in seiner reinsten, perfektesten, man möchte geradezu sagen, in seiner schönsten Form gegenüber, denn im Hinblick auf die Orgien an Menschenvernichtung, die der moderne Krieg mit sich bringt, ist jeder verharmlosende Einwand schlechthin unmöglich. Doch ziehe man daraus bitte nicht den verharmlosenden Schluss, als würde der Schwachsinn in weniger reiner, weniger spektakulärer Gestalt in Friedenszeiten nicht ebenfalls mitten unter uns weilen, so als blieben wir im zivilen Alltag ganz und gar von ihm verschont. Nein, die Art ist permanent von Schwachsinn bedroht, selbst dann, wenn unsere besten Wissenschaftler nicht gerade an einer neuen Generation von noch tödlicheren Bomben basteln.

Wettbewerb ist, wie wir wissen,

eine zivile Spielart des Krieges; er ist gegenseitiges Kräftemessen, mit dem Ziel, anderen Menschen vorauszueilen, auf irgendeinem Gebiet besser als sie zu sein oder sie überhaupt aus der Bahn zu werfen, in den Konkurs zu treiben. Würden Regeln nicht dafür sorgen, dass er sich innerhalb unblutiger Grenzen bewegt, dann würden die Unternehmen ihre Güter nicht länger in kleinen, oft sehr mühsamen Schritten verbessern, um auf diese Art Käufer für sich zu gewinnen, sondern sie würden Saboteure und Mörder gegen ihre Konkurrenten ausschicken, wie es die Mafia bekanntlich von jeher tat. Anders gesagt, würde der Wettbewerb jederzeit in den offenen Krieg umschlagen, wenn der Staat nicht mit Argusaugen darüber wachte, dass er sich innerhalb zivilisierter Grenzen bewegt.

Doch die Regeln der Zivilisation gelten immer nur innerhalb eines Staates und auch nur solange dieser sie gegenüber den privaten Interessen seiner mächtigsten Bürger durchzusetzen vermag. Zwischen den Staaten werden sie immer erneut außer Kraft gesetzt. Was dann folgt ist ein fließender Übergang in den Krieg, zunächst einmal in der Gestalt von „Handelskriegen“. Die Konkurrenz wird ausgeschlossen, Währungen geraten in einen Wettlauf der Abwertung miteinander, Dumpingaktionen – von starken Staaten gegen schwächere eingeleitet – bringen deren Industrien ins Wanken. Zwar vermögen internationale Verträge die Raubtiernatur des Homo stupidissimus zeitweise und bis zu einem gewissen Grad zu zähmen, dauerhaft ist das bisher jedoch nie gelungen.

Ist „eine andere und bessere Welt“ wirklich unmöglich?

Muss man es nicht für einen unverzeihlichen Schwachsinn halten, dass Menschen einander selbst noch in Zeiten des Friedens bekämpfen – wenn nicht mit den Waffen der blutigen und direkten Vernichtung, dann zumindest mit den Waffen der Ökonomie, welche die einen bereichern, die anderen hingegen in Armut stürzen? Ist denn wirklich keine andere Welt vorstellbar, in der niemand mehr darauf versessen ist, besser, gescheiter, reicher, mächtiger als andere Menschen zu sein? Müssen wir immer in einer Welt am Rande des Krieges leben, einer Welt, wo der Staat mit einem gewaltigen Apparat von Justiz und Polizei darüber wachen muss, dass wir unserem Nächsten zwar nicht den Hals abschneiden, es uns aber dennoch erlaubt ist, ihm ein beliebiges Ausmaß an seelischer Pein und Kränkung zuzufügen?

Wenn die einen im alltäglichen Wettbewerb

ihre Sieger feiern, während die anderen als Versager abgetan werden, weil ja aller Wettstreit notwendig bewirkt, dass wenige siegen, die Mehrheit dagegen zu den Verlierern gehört, gleicht seelische Kränkung dann nicht einer Massenepidemie, die ganze Gesellschaften seelisch unglücklich macht? Müssen wir den Schwachsinn eines zwar gebändigten, aber psychologisch immer noch überaus schmerzhaften Krieges nur deswegen für immer erdulden, weil die moderne Gesellschaft den Wettbewerb nun einmal zu ihrer Voraussetzung hat und ihn im Neoliberalismus bis zum Exzess perfektioniert?

Doch – es gibt sie: die andere Welt

Man sage nicht, dass eine Welt ohne Wettbewerb nie existierte und nicht existieren könne – dieser Einwand ist einfach nicht wahr. Er gilt nicht für die heutige Zeit und schon gar nicht für die dokumentierte Geschichte. Beinahe jeder von uns hat diese ganz andere Welt einmal kennengelernt, die Welt der Familie, wo jeder nach seinen Fähigkeiten gibt, während er nach seinen Bedürfnissen nehmen darf. Im besten Fall hat es dort den Wettbewerb überhaupt nicht gegeben: Eine Mutter sorgt für ihr Kind nicht deswegen, weil sie eine Gegenleistung von ihm erwartet, sondern aus dem einfachen Grund, weil sie es liebt und es allein aufgrund seiner Existenz ihre uneigennützige Liebe verdient. Diese Welt der bedingungslosen Zuwendung und Liebe bildet den Anfang im Leben fast jedes Menschen; sie steht in dem denkbar größten Gegensatz zur Welt des Wettbewerbs, wo jeder eben gerade nicht nach seinen Bedürfnissen nimmt und nach den eigenen Fähigkeiten gibt, sondern wo er Letztere unter Beweis stellen muss, wenn er Erstere befriedigen will.

Jede Utopie scheint ihren Ursprung in diesem frühen Glück,

zu haben, denn jeder, der in halbwegs normalen Verhältnissen aufwachsen durfte, bewahrt diese Gegenwelt wie die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter in sich auf. Ja, die Feststellung dürfte kaum übertrieben sein, dass die ganze Menschheit diese Erinnerung in sich lebendig hält, wann immer sie über das eigene Schicksal reflektiert. Denn in ihren Utopien von einem glücklichen Urzustand oder einem künftigen Paradies, kommt Wettbewerb ja ebenso wenig vor wie der offene Krieg. In der utopischen Wunschgesellschaft wird allen Menschen allein deswegen Glück zuteil, weil es sie gibt: Ihre bloße Existenz verleiht ihnen ein Recht auf Glück. Vor diesem Hintergrund erscheint Wettbewerb als eine traurige Verirrung, die den Menschen vom Glück in das Unglück führte – mit anderen Worten, als kaum überbietbarer Schwachsinn. Da erstaunt es kaum, dass selbst ein aufgeklärter, moderner Denker wie Karl Marx sich diese Utopie zu der seinen machte. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen – so sollte in seiner Sicht die ideale Gesellschaft aussehen.

Der Schwachsinn des Wettbewerbs

sollte in der klassenlosen Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Karl Marx‘ Phantasien von einer zukünftigen Gesellschaft im reinen, ewigen Glück, wo aller Wettbewerb abgeschafft war, unterschied sich von ihren Vorgängern nur dadurch, dass er die Utopie vom Himmel auf die Erde holte. Seiner Meinung nach würde sich dieses Ideal selbst dann verwirklichen lassen, wenn der Staat als Gewaltorgan vollständig abgeschafft war. Ja, er wird nach Marx sogar absterben müssen, denn die klassenlose Gesellschaft hat ja alle zwischenmenschlichen Konflikte restlos aufgehoben. Wenn Menschen keinen Grund mehr haben, miteinander zu streiten, wofür wird der Staat dann noch gebraucht?

Karl Marx verstand sich auf die Kunst

logischen Argumentierens. Nur dass die Logik oft auf Voraussetzungen beruht, die sie dazu verdammen, bloßer Schwachsinn in intelligentem Aufputz zu sein. Die Wirklichkeit hat den radikalen Denker aus Trier nicht nur zu seinen Lebzeiten widerlegt, sondern mit noch größerer Evidenz nach seinem Tode. Unter dem blutigen Regime eines Staates, den der große chinesische Diktator Mao Zedong ganz allein in der eigenen Person verkörpern wollte, mussten Millionen von Menschen sterben, damit vorübergehend ein Volk von kleinen blauen Männchen entstehen konnte, die zumindest aus äußerer Sicht weitgehende Gleichheit vortäuschten. Das Ideal der klassenlosen Gesellschaft schien unter Mao zum ersten Mal in einer Massengesellschaft umgesetzt worden zu sein. Es zeigte sich allerdings von Anfang an, dass diese Umsetzung nur unter dem Einsatz mörderischer Gewalt möglich war – und auch nur für wenige Jahre. Weit entfernt davon abzusterben, war der Staat unter dem Diktator mächtiger denn je zuvor.

Marx hätte eigentlich wissen müssen,

dass das Bauwerk seiner schönen Utopie, historisch gesehen, auf sandigem Boden ruhte. Bei flüchtiger Betrachtung stimmt es ja, dass uns der Wettbewerb als verdammenswerter Schwachsinn erscheint. Ohne Zweifel stellt er eine Form des Krieges dar, wenn auch eines unblutigen durch Regeln gebändigten. Und es stimmt ebenfalls, dass er trotz aller Bändigung immer und sogar zwangsläufig Wunden erzeugt, weil er nur die Sieger glücklich macht, die Verlierer hingegen kränken muss.

Das alles ist richtig, und dennoch sieht sich die abwägende Vernunft zu dem Schluss genötigt, dass der Wettbewerb zwar ein Schwachsinn ist, aber ein lebensfördernder und in diesem Sinne ein sozial schlechthin unverzichtbarer Schwachsinn. Keine gesunde Gesellschaft hat jemals ohne ihn leben können.

Der Historiker wird dem Philosophen

an diesem Punkt Recht geben müssen. Immerhin ist es einzig dem Wettbewerb zu verdanken, dass sich seit dem achtzehnten Jahrhundert eine Mehrheit von Menschen zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer sklavenartigen Unmündigkeit befreite, sich ein Minimum an Glück verschaffte!

Gewiss, Wettbewerb bedeutet Kampf, und Kampf ist das Gegenteil von Neigung und Liebe. Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass, wo der Wettbewerb fehlt, Liebe und Neigung das Feld behaupten. Denn es ist ja eine historische Tatsache, dass der Wettbewerb überall auf der Welt bis zur industriellen Revolution nur eine marginale Rolle spielte. In sämtlichen alten Großkulturen wie Indien, China, Mittelamerika und den führenden Staaten Europas waren an die neunzig Prozent der Bevölkerung dazu verdammt, als geknechtete Nahrungslieferanten für die oberen zehn Prozent zu dienen. Sie waren Bauern von der Wiege bis zur Bahre, weil es keinen Wettbewerb gab, der ihnen ermöglicht hätte, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und aus ihrer dienenden Stellung aufzusteigen. Nicht Wettbewerb entschied darüber, welche Privilegien ein Mensch bis zu seinem Tode genießen oder welches erbärmliche Los er bis dahin erdulden musste, sondern ausschließlich seine Geburt. Für neunzig Prozent der Bevölkerung lief das auf eine Fron mit dem Urteil: „lebenslänglich“ hinaus.

Und was für eine Fron noch dazu! In der Mehrzahl aller Staaten (vor allem in den bevölkerungsreichsten Kulturen) wurden die Nahrungslieferanten – eben jene überwältigende Mehrheit – von der weltlichen und geistlichen Macht so sehr ausgequetscht, dass ihnen in aller Regel nur das Minimum für das eigene Überleben blieb. Bauernaufstände – das gerade Gegenteil einer auf wettbewerbsfreien Harmonie begründeten Gesellschaft – waren in allen Großstaaten endemisch, aber selbst diese Aufstände nützten den Bauern in der Regel nichts oder wenig – noch zu Zeiten Luthers – und mit seinem Segen – wurden sie mit hemmungsloser Brutalität von den oberen zehn Prozent unterdrückt oder blutig niedergeschlagen.

Und überall auf der Welt lebten die Bauern

abseits der Hochkultur. Sie konnten und durften weder lesen noch schreiben. Was hätte ihnen das auch genützt, wenn ihr einziger Daseinszweck doch allein darin bestand, den oberen zehn Prozent ein sorgenfreies Leben zu bescheren, frei von der Mühsal der Daseinsfürsorge? Die ganze bisherige Geschichte wurde bis ins 18te Jahrhundert nahezu ausschließlich von jenen geschrieben, welche zu den wenigen Glücklichen an der Spitze der sozialen Pyramide gehörten.

So also sah die Gesellschaft aus,

bevor Wettbewerb in ihr aufkommen durfte. Man vergesse nicht: Zwischen den unteren neunzig Prozent und den Herren war er ohnehin ausgeschlossen. In der Regel starb jeder in derselben niedrigen Stellung, in die er geboren wurde. Doch auch der Wettbewerb unter Gleichen war für die fronende Mehrheit so gut wie ausgeschlossen, weil er ihr in der Regel nur Schaden brachte. Es lohnte sich ja nicht, besser als der Nachbar zu sein. Gelang es einem tüchtigen Landwirt aufgrund technisch überlegener Methoden oder einem Mehr an Arbeit in einem Jahr mehr zu produzieren als seine Nachbarn, dann wurden die Steuereintreiber sofort auf ihn aufmerksam, und es fielen im nächsten Jahr nur umso höhere Abgaben an. Aus diesem und keinem anderen Grund – sicher nicht aus einem Mangel an Intelligenz – pflegte die Landbevölkerung erzkonservativ zu sein. Jede Neuerung war verdächtig, weil sie für jeden Mehrertrag in der Regel mit höheren Steuern zu büßen hatte. Das war die unbarmherzige Realität für die Bevölkerungsmehrheit, solange es in ihr keinen Wettbewerb gab. Freiheit von Wettbewerb war kein Glück, sondern darin lag im Gegenteil der eigentliche Grund für ihr Unglück.

Erst im 18ten Jahrhundert

begann sich die Welt für die bis dahin in allen großenStaaten geknechtete Mehrheit allmählich zu ändern. Zwar nicht sofort, die erste Phase der Industrialisierung pflegte gegen die Ärmsten im Gegenteil sogar noch brutaler zu sein als ihre vorherige Situation (hier ist Marx unbedingt Recht zu geben). Doch war dies ein vorübergehendes Übel. Es kam die industrielle Revolution und mit ihr kam der institutionalisierte Wettbewerb – zusammen haben beide die Massen zum ersten Mal seit zehntausend Jahren aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Heute reicht ein Bevölkerungsanteil von drei Prozent, um in den entwickelten Staaten der Erde, die Nahrung für die übrigen siebenundneunzig Prozent zu erzeugen. Und selbst diese drei Prozent genießen die freie Berufswahl: Sie sind nicht von Geburt aus dazu verdammt, diesen und keinen anderen Beruf auszuüben. So wurde auf eine beinahe symmetrische Art das bisherige Modell der Geschichte vom Kopf auf die Füße gestellt.

Der erste Schritt

dieser nach der neolithischen Revolution größten Wende der Menschheitsgeschichte bestand in der Einführung eines allgemeinen Ausbildungssystems, welches im Prinzip allen Menschen die Möglichkeit geben sollte, im Wettbewerb ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Von nun an durfte Geburt keine Rolle mehr spielen, gesellschaftliche Positionen sollten aufgrund von nachgewiesenen Fähigkeiten verliehen werden. Die sichtbarste Folge dieser institutionalisierten Revolution waren Schulen und Universitäten: In ihnen wurde Auslese aufgrund eines nunmehr allgegenwärtigen Wettbewerbs betrieben.

War damit ein neuer Schwachsinn losgetreten,

der alle Menschen gegeneinander in Stellung brachte, während sie zuvor ohne den Wettbewerb vergleichsweise in innerem Frieden lebten? Wir sahen schon, dass eine solche Behauptung der historischen Realität diametral widerstreitet. Vorher hatte es einen weit grausameren Kampf gegeben: den Kampf einer verschwindenden Minorität an der Spitze des Staats gegen die überwältigende Mehrheit auf dem Lande, die mit Waffengewalt zur Arbeit für den Luxus der Herren gezwungen wurde. Das war ein Dauerkampf, der in fortwährenden Klageliedern der Unterdrückten seinen Niederschlag fand. Doch wurden diese nur selten zu Papier gebracht, weil in der Regel nur die Herren Geschichte schrieben und nicht etwa ihre analphabetischen Diener und Sklaven. Gewiss, führten Aufstände manchmal zum Sturz der Fürsten, aber solange keine neuen Energiequellen außer menschlichen und tierischen Muskeln gefunden wurden, d.h. bis ins 18te Jahrhundert, führten Staatsstreiche allenfalls in Zwergstaaten zu einer halbwegs gleichmäßigen Aufteilung der vorhandenen Ressourcen. Dagegen wurden in sämtlichen Großkulturen immer nur die Köpfe getauscht, ohne dass sich an dem Verhältnis einer dienenden Mehrheit und einer sie ausbeutenden Minderheit das Geringste geändert hätte. Es ließ sich eben auch nichts grundsätzlich ändern, solange alle Arbeit auf menschlichen und tierischen Muskeln beruhte. Wenn zehn Prozent von der Arbeit auf den Feldern befreit sein sollten, dann war es unausbleiblich, dass neunzig Prozent die Nahrung für sie erwirtschaften mussten.

Der skeptische Philosoph

tut sich schwer mit Utopien – selbst dann, wenn er sich wünschte, dass sie in Erfüllung gehen. Er weiß, dass Wettbewerb niemals eine ideale Gesellschaft hervorzubringen vermochte. Auch in Zukunft wird das kaum gelingen, denn Wettbewerb ist Kampf und jeder Kampf kränkt die Verlierer. Doch mit Sicherheit hat der Wettbewerb sehr viel weniger Wunden und Verletzungen erzeugt als das nahezu wettbewerbsfreie Unrechtsregime der durch Geburt garantieren Privilegien. Solange eine dienende Stellung bzw. ein Adelstitel den Menschen einfach in die Wiege gelegt worden sind, gehörte eine überwältigende Mehrheit zu den lebenslänglich gekränkten Verlierern.

Daran gibt es nichts zu beschönigen. Historisch ist es ein unbestreitbares Faktum, dass die großen Kulturen und deren Herren rücksichtslos gegen die Mehrheit verfuhren. Diese war für sie wirklich nicht mehr als ein zu nutzendes „Menschenmaterial“, einzig dazu bestimmt, den wenigen Glücklichen an der Spitze der sozialen Pyramide ein Leben in Glanz und Luxus zu bescheren.

Doch hat der Philosoph deshalb noch längst keinen Grund,

nun umgekehrt den Wettbewerb zu verklären. Dieser ist stets in Gefahr, aus seiner gebändigten, lebensfördernden Funktion in den offenen ungebändigten Kampf umzuschlagen. Viel schwerer wiegt aber, dass er – ohne entsprechende Aufsicht – immer wieder und zwar auf zwangsläufige Weise zu einer wachsenden Vormacht der Sieger führt, weil es diesen im Laufe der Zeit unfehlbar gelingt, einen immer größeren Teil des gesellschaftlichen Reichtums in die eigenen Taschen zu lenken. Das Ergebnis war und ist immer gleich: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird kontinuierlich größer.

Darin liegt die eigentliche, die bisher niemals überwundene Gefahr allen Wettbewerbs. Denn dieser Vorsprung verschafft den ursprünglich Tüchtigsten so viel Macht, dass ihre Nachfahren nicht länger tüchtig sein müssen, um ihren Vorsprung zu bewahren und ihn sogar mehr und mehr zu festigen und zu erweitern. Das aber hat zur unausweichlichen Folge, dass die Privilegien der Geburt, welche der Wettbewerb anfangs erfolgreich vernichtet hatte, mit der Zeit wieder auferstehen. Die neuen Monopolisten von Geld und Macht bilden dann wiederum eine sehr kleine Schicht an der Spitze der sozialen Pyramide – in den USA gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung. Diese Schicht ist ein neuer Adel – eine Plutokratie -, die den Wettbewerb um die höchsten Stellen zunehmend erstickt.

In aufstrebende Staaten wie China und Indien

wird diese Gefahr am wenigsten wahrgenommen, weil die Mehrheit sich gerade aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Da fällt es kaum auf, dass auch die Zahl der Milliardäre beständig im Steigen ist. Dafür werden die alten Industrienationen umso stärker von dieser Konzentration der Vermögen erfasst, weil die Armen ihren Wohlstand nicht mehr vermehren, sondern ihn im Gegenteil zu verlieren beginnen – nämlich relativ zur reichen Spitze der oberen Zehntausend. Daher der immer lautere Protest gegen den neoliberalen Kapitalismus.

Mit dieser unheilvolle Entwicklung, die regelmäßig die schon errungenen Erfolge wieder zuschanden macht, sollten sich die soziale Theorie und die Reformer beschäftigen – nicht mit den wilden Träumereien eines Karl Marx von einer klassenlosen Gesellschaft, die gegen alle historische Evidenz ohne allen Wettbewerb in ewiger Harmonie existiert.

Es hätte ja nicht einmal eines Blicks

auf die große Geschichte bedurft, um diesen Traum als das zu entlarven, was er in Wahrheit ist: ein gutgemeinter, theoretisch aber überaus komplexer und daher für viele verführerischer Schwachsinn. Schon die Individualgeschichte fast jedes Menschen liefert uns den Beweis, dass Wettbewerb bereits in der Biologie unserer Spezies eine fest verankerte Rolle spielt. Während der Säugling noch in unauflösbarer Symbiose mit der eigenen Mutter und seiner Umwelt lebt, weil sein eigenes Ich noch nicht zur Ausbildung gelangte, macht schon ein dreijähriges Kind seinen Eigensinn geltend. Unübersehbar beginnt es mit anderen Personen in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Lob zu treten. Die Pubertät und die auf sie folgenden Jahren führen dann einen noch tieferen Einschnitt herbei. Oft lehnt der Heranwachsende sich nun ganz bewusst gegen die eigenen Eltern auf, wenn nicht gar überhaupt gegen die übrige Welt. Dieser Wettbewerb der Generationenist ein biologisches Faktum, und ebenso ist es die damit verbundene Empörung gegen überkommene Vorschriften und Lehren. Stillehalten, Duckmäusertum, ängstliche Zurückhaltung – also wettbewerbsfreie Harmonie – sind dem Menschen keineswegs in die Wiege gelegt, sondern werden ihm fast immer von außen aufgezwungen. Wie wir sahen, geschah das seit der neolithischen Revolution bis nah an die Gegenwart ganze zehntausend Jahre lang.

Gewiss wäre es ein ebenso großer Schwachsinn,

das eigene Ich ständig allen anderen Ichs entgegenzusetzen – es muss Refugien geben, wo der Mensch sich von seinen kämpferischen Neigungen ausruhen kann -, aber es wäre ein ebenso unverzeihlicher Schwachsinn, einen Wettbewerb zu ersticken, der als lebensfördernde, die Gesellschaft bereichernde und erneuernde Kraft überhaupt erst die in uns schlummernden Talente und Energien zur Entfaltung bringt.

Zu den Feinden einer lebendigen Gesellschaft

zählen beide Extreme: einerseits jene geistige Pest, die unter dem Namen des Neoliberalismus seit den achtziger Jahren wieder großen Auftrieb erhielt und bereits im alten Rom dazu führte, dass die Reichen auf Proskriptionslisten gesetzt und schließlich physisch ermordet wurden. Geändert wurde dadurch freilich nichts, denn die alte Plutokratie wurde nur durch eine neue ersetzt. In den beiden großen Revolutionen der Neuzeit wurde dieses Spiel dann neuerlich fortgesetzt. Zunächst einmal stellte der Bürgerkrieg in sehr kurzer Zeit größere Gleichheit her, die dann einsetzende Refeudalisierung – der Sieg der Starken über die Schwachen – hob sie jedoch im Laufe der Zeit mit mechanischer Zwangsläufigkeit wieder auf und schürte auf diese Weise zunehmende Unruhe bei der Mehrheit. Dies sollte bis in die Moderne das Muster für menschlichen Schwachsinn bleiben: eine stumpfsinnige Wiederholung des Immer-Gleichen. Nicht Wettbewerb war daran schuld, sondern die Unfähigkeit, ihn zu bändigen, damit er wirklich allen zugutekommt.

Denn der Sieg der Stärkeren

bildet ja an sich ja keine Gefahr. Da sich Intelligenz und Können in jeder Generation auf andere Köpfe verteilen, hat nur Wettbewerb das Potential, die Bildung von sozialen Klassen ganz zu verhindern – also eine wahrhaft klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Denn nur Reichtum, der durch Geburt und eben nicht durch die Auslese der Besten erworben wird, führt zwangsläufig zur Bildung sozialer Klassen. Dagegen hat sich staatliche Umverteilung dieser Tendenz nie dauerhaft entgegenzustellen vermocht. Durch Umverteilung von (halb-)oben nach unten haben die Gewerkschaften den Prozess zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten können, denn die Reichen waren den weniger Begünstigten bei der Vermehrung ihres Reichtums stets um Längen voraus. Um diesen Prozess wirklich einzudämmen, hätte der Staat an anderer Stelle ansetzen müssen, nämlich bei all jenen Vermögen, deren Wachstum eben nicht länger aufgrund von individueller Leistung erfolgt.

Doch von diesem durch die ganze Geschichte

hin wirksamen Auf und Ab wollten Wirtschaftswissenschaftler und Politiker im Allgemeinen gar nichts wissen, weil in kurzfristiger Sicht Deregulierung vor allem in den Entwicklungsstaaten eine so belebende Wirkung entfaltet. Die Befreiung des einzelnen und seiner Fähigkeiten durch den Wettbewerb vervielfältigt alle bis dahin gebundenen sozialen Energien. Adam Smith hatte ja durchaus Recht, als er dem Egoismus des Bäckers sowie jedes einzelnen Wirtschaftsakteurs segensreiche Auswirkungen nicht nur für diese selbst, sondern auch auf das Gemeinwohl bescheinigte. Erst in langfristiger Perspektive zeigt sich, dass ohne den regulierenden Eingriff des Staats die Vermögen sich mit mathematischer Zwangsläufigkeit immer mehr konzentrieren, bis schließlich mit dem einen Prozent der Superreichen an der Spitze einer Gesellschaft aus einer Herrschaft des Volks (Demokratie) eine solche des Reichtums (Plutokratie) geworden ist. Selbst in einer alt-ehrwürdigen Demokratie wie der amerikanischen ist der Prozess der Refeudalisierung schon sehr weit vorangeschritten. Kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten von einem Präsidenten beherrscht werden, der die größte Ähnlichkeit mit einem Soldatenkaiser des imperialen Rom aufweist.

Wer an den Egoismus appelliert,

gewinnt selten unsere Sympathie, denn er wendet sich sicher nicht an die beste Seite des Menschen. Viel eher können Utopien auf eine große Gefolgschaft zählen, welche die Güte des Menschen zu ihrer Voraussetzung haben. Die Forderung nach der Abschaffung des Wettbewerbs stößt daher emotional auf viel größeren Widerhall, obwohl es niemals eine große Gesellschaft (im Unterschied zu kleineren Sekten) gegeben hat, welche Gleichheit ohne mörderischen Druck von oben verwirklichte. Da unter einem derartigen Druck die wenigsten Menschen dazu angeregt werden, die in ihnen schlummernden Fähigkeiten und Energie zu mobilisieren – denn davon sollen sie ja keinerlei Vorteil haben -, lähmt dies alle ökonomische Aktivität. Talent und Erfindungskraft werden nicht gefördert, sondern umgekehrt schon im Keim erstickt.

Die Extremisten

des rechten ultraliberalen Lagers ebenso wie die Utopisten der extremen Linken beweisen jeder auf seine Art, wie blind sie für die menschliche Natur und Geschichte sind. Ich möchte behaupten, dass sich fast jeder Schwachsinn mit Vorliebe in den Köpfen der Radikalen sucht – mögen diese nun dem rechten oder dem linken Lager zugehören. Solchen Menschen – Laien wie Wissenschaftlern – haben wir es zu verdanken, dass aus der ewigen Wiederholung des gleichen Schwachsinns bisher kein Ausbruch auch nur möglich erscheint.*1*

1) Im Detail werden diese Überlegungen in den folgenden Büchern ausgeführt:

Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken

Von Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert.

Philosophie des ganz gewöhnlichen Schwachsinns

Eine kleine Geschichte der liebenswürdigen, der lebensfördernden, der törichten, der idiotischen und der brandgefährlichen Geistesverwirrung in Bezug auf die eigene Person im Besonderen und die menschliche Spezies im Allgemeinen

Jeder Vortragende weiß, wie ein böswilliger Hörer aus dem Publikum mit einem einzigen Satz allen zuvor erzielten Eindruck zu Schanden machen, ihn sogar völlig vernichten kann. Zum Beispiel, indem er ihm mit drohendem Unterton folgende Frage stellt.
„Nun definieren Sie mal bitte, was Sie mit Schwachsinn meinen.“

Hilflos wird der Betroffene dann dazu übergehen, allerlei Synonyme für „schwach“ zu finden, wie etwa kraftlos, unsinnig, absurd usw. Aber er gerät sogleich in Verwirrung, wenn er sich um den Sinn bemüht, der da so schwach sein soll, denn den Sinn, den haben bekanntlich schon Jahrhunderte der Anstrengung vergebens aufzuspüren versucht. Mit anderen Worten, ein ungenügend geschulter Redner, lässt sich ins Bockshorn jagen, weil er vergessen hat oder vielleicht nicht einmal weiß, dass jede Definition wiederum Begriffe benutzt, die ihrerseits definiert werden müssten. Er würde sich, anders gesagt, auf ein endloses Unterfangen einlassen, während der Fragende sich längst mit hämischem Lächeln niedersetzte und sich gar nicht so heimlich ins Fäustchen lacht.

Warten Sie doch einmal ab!, hätte der überrumpelte Redner dem böswilligen Störer stattdessen antworten sollen, wie ich den Begriff in meinem Vortrag verwende, dann werden Sie schon sehen, was damit gemeint ist.

An diesen Rat werde ich mich auf den folgenden Seiten jedenfalls halten. Ich stelle den Begriff „Schwachsinn“ einfach einmal ganz undefiniert in den Raum und gehe schlicht davon aus, dass jeder Leser – sofern er nicht selbst von dieser Krankheit befallen ist – eine hinreichend klare Vorstellung davon besitzt.

Viel einfacher ist es natürlich, sich gleich zu Beginn eine hinreichend deutliche Vorstellung von seinem Gegenteil zu machen, bezeichnen wir es mit gebührender Ehrerbietung einfach als Voll- oder Starksinn. Jeder weiß ja, dass die vollsinnigsten Exemplare des Homo Sapiens alljährlich von der Schwedischen Akademie mit den größten Auszeichnungen gewürdigt werden. Menschen im Besitz der Vollsinnigkeit sind sozusagen die Musterexemplare unserer Gattung. Sie werden deshalb auch vor der ganzen Weltöffentlichkeit zelebriert und von einem leibhaftigen König geehrt.

Wir alle, Du, lieber Leser, genauso wie ich, sollen und wollen uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Aber natürlich brauche ich nur auf diese wenigen Vollsinnigen hinzuweisen, um Dir klar zu machen, dass ich selbst auf keinen Fall, Du aber mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht zu dieser geringfügigen Zahl der Begnadeten gehörst. Die meisten Menschen – man darf geradezu sagen, beinahe alle – gehören eher dem Lager der nicht ganz Vollsinnigen an, dem Lager jener, deren Hirn nur unzureichend das volle Potential der evolutionären Möglichkeiten ausschöpfen konnte.

Was müssen wir daraus schließen? Ich meine, dass es darauf nur eine halbwegs vernünftige Antwort gibt. Wer sich ein realistisches Bild vom Menschen machen will, so wie dieser nun einmal tatsächlich ist, der sollte sich eben doch nicht den wenigen Zelebritäten zuwenden, die uns das Nobelkomitee präsentiert, sondern sich an den Durchschnitt der nicht ganz Vollsinnigen halten, also an Menschen wie Du und ich. Dann darf er zumindest sicher sein, weit mehr über unsere Gattung zu wissen, als er aus dem Studium jener erfahren würde, die auch in diesem Jahr nicht mehr als ein kümmerliches Dutzend unter sieben Milliarden bilden.

In diesem Sinne möchte ich gleich zu Beginn mit aller Deutlichkeit festhalten: Nicht die wenigen Vollsinnigen sind repräsentativ für unsere Gattung, sondern der Schwachsinn.

Und eine zweite Warnung sei der ersten gleich noch hinzugefügt. Das Studium menschlicher Unzulänglichkeit birgt fast zwangsläufig die Versuchung, dass wir beide uns darin einig wären, diese ausschließlich bei unseren Nachbarn und Mitgeschöpfen zu suchen. Wo immer man sich befindet – an einem Stammtisch, in einer politischen Versammlung, ja selbst beim Schwatz auf der Straße, braucht jemand nur damit zu beginnen, über einen Herrn X oder eine Frau Ypsilon zu lästern, und schon spitzen sich Ohren und Mäuler und man merkt das Behagen, mit dem nun alle eine gemeinsame Front gegen die wehrlosen Abwesenden machen. Es ist so schön, es bereitet ein so gewaltiges Vergnügen, sich ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen, indem man die Fehler bei den anderen sucht, ja, möglichst den Schwachsinn der anderen, denn dann tröstet man sich hemmungslos über den eigenen hinweg.

Allein die Tatsache, dass ich einen anderen Menschen in den Gerichtssaal meines Gehirns zitiere, verschafft ja große Befriedigung. Solange wir ihm in Person gegenüberstehen, fühlen wir uns doch etwas gehemmt. Wir haben mit harten Gegenworten, vielleicht sogar mit harten Schlägen zu rechnen, sollten wir unsere Meinung gar zu offen bekunden. Sobald wir andere Menschen hingegen in absentia aburteilen, sind sie uns hilflos ausgeliefert. Es steht uns frei, jedes beliebige Urteil über sie zu fällen, ohne dass sie die geringste Gegenwehr leisten.

Seien wir ehrlich, lieber Leser, einer solchen Versuchung ist schwer zu widerstehen, schließlich sind wir beide nur Menschen und daher für den Schwachsinn anfällig, also für das zentrale Thema dieses Buches. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gehörig zusammenreißen! Würden wir uns nämlich wirklich dazu verleiten lassen, über wehrlose andere auf diese Art herzufallen und womöglich ein schreckliches Gemetzel unter ihnen anzurichten, dann hätten wir uns ganz wie die vielen Schwachsinnigen aufgeführt, die seit Beginn menschlicher Geschichte dem Homo Sapiens nichts als Schande machen. Denn eines der größten Laster der Menschheit, um nicht vom größten überhaupt zu reden, liegt ja genau in dieser Anmaßung, die jedem von uns in die Wiege gelegt worden ist. Wenn jemand einen Toten oder Abwesenden vor das Tribunal seiner Rechtsprechung zitiert, dann behält er grundsätzlich die Oberhand und das letzte abschließende Wort. Und weil das so ist, bildet er sich natürlich ein, dass doch wohl er selbst der Klügere, der Bessere, der Höherstehende sei! Man schaue sich nur in den Kneipen um, wie da Meier und Müller die ganze Prominenz vor ihr jüngstes und dümmstes Gericht bestellen, um sie, sobald der Alkohol ihre Zunge löst, mit grölendem Selbstbehagen in die tiefste Hölle zu verdammen. Niemand ist so gering und so kümmerlich, dass er sich nicht imstande wähnte, mit dem Brustton der tiefsten Überzeugung selbst über die ganz Großen der Welt sein erbärmlich kleines Urteil zu verkünden.

Also, diese Warnung schicke ich mir selbst und auch Dir, lieber Leser, gleich zu Anfang mit auf unseren gemeinsamen Weg. Wir sind nicht etwa schon deshalb klüger, weil wir über die anderen – die Toten und die wehrlosen Abwesenden – unser besserwisserisches und angeblich letztes Urteil fällen. Wir haben sogar mit der gar nicht so theoretischen Möglichkeit zu rechnen, dass unser Bericht über den Schwachsinn am Ende uns selbst als die eigentlich davon Betroffenen entlarvt – womit wir dann am Ende nur Spott und Gelächter auf uns selber ziehen. Denn jeder weiß ja, warum er ein Buch zur Hand nimmt: Er hofft von ihm Auskunft über einen bestimmten Gegenstand zu gewinnen – sagen wir über den Buchsbaumzünsler, eine Reise auf die Rückseite des Mondes oder die Heilung von Kröpfen. Ein erwartungsvoller Leser geht doch stets davon aus, dass der Autor wenigstens ein bisschen mehr als er selbst über das betreffende Thema weiß, also zumindest auf diesem Gebiet ihm an Sachkunde und Klugheit etwas voraus sei. Denn angenommen, der Leser besäße ein gleich großes oder größeres Wissen, dann würde er doch bestimmt nicht daran denken, sich mit einem solchen Buch zu befassen!

Also hat auch der Autor dieses Buches über den Schwachsinn mit Lesern zu rechnen, die davon überzeugt sind, dass er sozusagen zu den Vollsinnigen gehört, die mit hinreichender Sachkunde und Autorität über die geistigen Gebrechen ihrer Mitmenschen richten.

Nein, das eben gerade nicht! Genau das wäre die Falle und der größte Irrtum, zu dem uns das Thema verleiten könnte. Wir würden ein so hohes Piedestal erklimmen, dass uns nach kurzer Zeit der Schwindel erfassen müsste und wir mit einem Aufschrei des Entsetzens vom selbstgefertigten Sockel in die Tiefe stürzen. Denn einem solchen Anspruch ist natürlich kein menschliches Hirn gewachsen, nicht einmal die hochentwickelten Denkapparate der amtlich ausgewiesenen Vollsinnigen, welche die schwedische Akademie alljährlich auf ihren Thron erhebt.

Nein, diesen Weg dürfen wir nicht beschreiten, sondern müssen uns einer weit bescheideneren, aber zugleich auch viel schwierigeren Aufgabe widmen, in der niemand unsere Kompetenz anzweifeln wird: nämlich der Erforschung des eigenen Schwachsinns, wo wir nun wirklich auf Autorität pochen dürfen. Diesem weiten und, wie sich zeigen wird, unübersehbaren Feld soll unser eigentliches Augenmerk gelten. Nur indirekt, weil wir doch alle Menschen sind und damit der gleichen Gattung zugehören, werden wir dann gleichsam beiläufig und jederzeit um Abbitte bemüht auch den Rest der Menschheit mit einbeziehen.

Anders gesagt, geht der Autor dieses Buches davon aus, dass jeder – er selbst, aber auch Du der vielleicht gar nicht mehr so sehr geneigte Leser – eine unversiegliche Quelle des Schwachsinns ist und dass keine Philosophie auch nur ihren Namen verdient, wenn sie nicht dieser menschlichen Haupteigenart den ihr gebührenden Platz zuweist. Der liebe Gott, die Natur, die Evolution oder wie immer wir es nennen wollen, hat jeden von uns vielleicht auch noch mit einem kleinen Quäntchen an Vollsinn ausgestattet – wie wären wir andernfalls in der Lage, über sein Gegenteil auch nur zu reden -, aber in verschwenderischer Großzügigkeit wurden wir vor allem mit jeder Menge an Schwachsinn beschenkt. Nur weil jeder von uns sein ganzes Leben lang sozusagen auf beiden Hochzeiten tanzt, abwechselnd, aber oft auch gleichzeitig auf der des Schwach- wie der des Vollsinns, dürfen wir uns das Recht anmaßen, über beides mit einiger Kompetenz zu reden.

Vielleicht würde uns aber selbst solche Bescheidenheit in den Augen der strengsten Kritiker nicht sonderlich nützen, würden wir nicht von vornherein ein weiteres Zugeständnis machen. Kein Schwachsinn ist, so sei gleich zu Anfang festgestellt, dem anderen völlig gleich. Es gibt den brandgefährlichen Schwachsinn, der die heutige Menschheit nicht nur an den Rand des Abgrunds zu führen, sondern sie vollends darin hineinzustürzen droht. Davon wird ausgiebig die Rede sein, denn es geht hier ja nicht darum, intellektuelles Süßholz auf philosophische Art zu raspeln, sondern die Augen auch der Unbedarften – ja sogar der Schwachsinnigen – für die apokalyptischen Gefahren zu öffnen, mit denen uns gerade die heutige Zeit in einem nie dagewesenen Ausmaße konfrontiert. Doch für solche elementaren Bedrohungen die Augen zu öffnen, ist vielleicht nicht so sonderlich schwer. Dafür brauchen wir wahrlich keine Philosophen zu sein. Weit mehr geistige Anstrengung wird uns dagegen abgefordert, wenn wir auch die Kehrseite sehen wollen. Denn ja, es gibt ihn, obwohl du, mein bis zu dieser Zeile immer noch treuer Leser, ihn vielleicht noch gar nicht entdeckt hast. Es gibt den liebenswürdigen Schwachsinn – und er ist sogar so universell verbreitet, dass man in ihm vielleicht die Urform allen Schwachsinns erblicken sollte. Lass uns also mit dem liebenswürdigen Schwachsinn beginnen!

Fortsetzung folgt

Die Hand am Drücker: Wie ein amerikanischer Präsident mutwillig auf den Krieg zusteuert

In den ersten Weltkrieg schlitterten die damaligen Weltmächte hinein. Sie hatten über Jahre aufgerüstet, da bedurfte es schließlich nur noch eines Funkens – wie z.B. des Attentats auf den österreichischen Thronfolger – um das zum Bersten gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Nicht nur in den Arsenalen des Militärs,

auch in den Herzen der Menschen hatte sich viel Sprengstoff angesammelt. Im ersten Moment der Kriegserklärung waren viele Menschen in ganz Europa zeitweise von Enthusiasmus überwältigt. „Der Krieg von 1914… diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt… Darum gingen, darum jubelten die Opfer damals trunken der Schlachtbank entgegen, mit Blumen bekränzt und mit Eichenlaub auf den Helmen, und die Straßen dröhnten und leuchteten wie bei einem Fest“ (Stefan Zweig).

Nicht wenige Militärs und Politiker an der Spitze des Staates ahnten freilich, welches Unheil der Krieg bringen würde, nur gab es für niemanden mehr ein Zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Die Politiker ließen sich mehr oder weniger willig treiben und trieben ihrerseits die Völker in die Vernichtung.

Heute wird die Welt erneut getrieben,

aber nirgendwo auf der Welt wird der Krieg mit Enthusiasmus begrüßt, weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Rivalen. Nicht einmal vom amerikanischen Präsidenten. Es fällt ja schwer, Donald Trump überhaupt noch etwas zu glauben, denn er vermischt Wahrheit und Lüge nach eigenem Gutdünken, doch wird man ihm wohl abnehmen dürfen, dass er den Krieg mit Iran nicht vom Zaun brechen will, denn bis jetzt hat er seine Versprechungen dem eigenen Wahlvolk gegenüber weitgehend eingehalten – und zu diesen Versprechen gehörte eben auch die Verminderung der militärischen Präsenz der USA außerhalb ihrer Grenzen. Warum also zeigt der derzeitige amerikanische Präsident der Welt ein so unerfreuliches Gesicht? Warum sind die USA spätestens seit George W. Bush nicht mehr, was sie so lange wären, nämlich ein Schutzschild für Europa, dem dieses während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seine Freiheit und seine Prosperität verdankte?

Im Jahr 1961 nach Abschluss

seiner zehnbändigen Geschichte der menschlichen Zivilisationen befand Arnold Toynbee, dass das „American Empire“ zwei Merkmale besaß, die es von dem zwei Jahrzehnte zuvor untergegangenen Imperium Großbritanniens unterschied: Militärbasen in Hülle und Fülle und die Betonung einer großzügigen Wirtschaftshilfe für die eigenen Bündnispartner. Durch eine Politik, die „beispiellos in der Geschichte der Imperien“ sei, habe Amerika „seine imperiale Position für Wirtschaftshilfe zugunsten der Völker unter seiner Herrschaft genutzt, anstatt… sie wirtschaftlich auszubeuten“. Ja, die USA waren im Großen und Ganzen ein milderer Hegemon als alle vorangegangenen Großmächte. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs geschaffene Pax Americana sollte sich in der Tat für die ersten drei bis vier Nachkriegsjahrzehnte für die meisten Satellitenstaaten der USA als Vorteil erweisen. Der US-Historiker Alfred McCoy bemerkt zu Recht, dass „die Vereinigten Staaten all ihr Prestige und ihre ganze Macht in die Bildung einer neuen Weltordnung durch dauerhafte internationale Institutionen investierten: die Vereinten Nationen (1945), den Internationalen Währungsfonds (1945) und das Allgemeine Abkommen über Zölle und Handel (1947), den Vorläufer der Welthandelsorganisation…..“

Man muss die Rolle der Vereinigten Staaten als friedens- und ordnungsschaffende Macht

ausdrücklich betonen, bevor man auf ihren derzeitigen Präsidenten und die Gefahr zu sprechen kommt, die dieser in unseren Tagen so massiv und so mutwillig heraufbeschwört und damit den Ruf einer großen Nation in den Augen der Weltöffentlichkeit verspielt. Gleich nach seinem Amtsantritt beging der neue Herr im Weißen Haus die unverzeihliche Dummheit, beinahe sämtliche Maßnahmen seines Vorgängers zu konterkarieren. Unter großen Mühen hatte Obama mit Hilfe der Alliierten einen Vertrag ausgehandelt, der Iran dazu verpflichtet, Atomkraft ausschließlich zu zivilen Zwecken zu nutzen und sich der Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde IAEO zu unterziehen. Trump zerriss den Vertrag und verspielte auf diese Weise leichtfertig das Prestige der USA als Vertragspartner, auf den man sich im Ausland verlassen kann. Wie soll man einem Staat noch glauben, wenn jeder Präsident die Verpflichtungen seines Vorgängers annulliert?

Und dann noch die unglaubliche Naivität, mit der ein Donald Trump Geschäftspraktiken auf die internationale Politik überträgt! Vorherrschendes Kriterium beim Abschluss von Deals unter Businesspartnern ist der jeweilige Nutzen. Man kann mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, dass kein Konkurrent, setzt man ihm die Pistole auf die Brust, für ein paar Dollar weniger das eigene Leben riskiert.

Diese Einsicht glaubte der Immobilienmakler Trump auch auf die Politik übertragen zu können. „Nachgeben werden sie, sobald ich ihnen die Pistole auf die Brust setze – und dann machen wir einen Deal!“, so etwa lautet die schlichte Philosophie, nach der der derzeit mächtigste Mann agiert. 

Die Pistole, das sind in diesem Fall nicht allein Maßnahmen,

um die iranische Wirtschaft zu schleifen. Die Ausfuhr von Erdöl, dem das Land seinen mäßigen Lebensstandard verdankt, ist weitgehend gedrosselt, etwaige Embargobrecher müssen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb erfüllt auch Europa seine Verpflichtungen gegenüber Iran nicht mehr. Es hat seine Geschäftsbeziehungen weitgehend abgebrochen, um nicht den Boykott seiner eigenen Firmen durch die USA zu riskieren.

Trump ging aber noch einen Schritt weiter. Es genügte ihm nicht, die iranische Wirtschaft abzuwürgen. Damit seine Botschaft auch ganz bestimmt richtig verstanden wird, lässt er seit Beginn dieses Jahres auch das Militär aufmarschieren. Zwei Flugzeugträger sind seit kurzem vor der Küste Irans stationiert, dazu strategische Bomber B-52, vermehrt um die neuesten Tarnkappenbomber vom Typ F-35 und eine schnell wachsende Zahl von US-amerikanischen Soldaten. Sie alle wurden und werden gegenwärtig an den Persischen Golf verlagert.

Nur ein politisch blinder, in hohem Grade egozentrischer Geschäftsmann

wie Donald Trump konnte allen Ernstes glauben, dass es genügen würde, mit Flugzeugträgern und Bombern vor der Küste des Gegners zu spielen, um diesem bewusst zu machen, dass er einem Trump nicht gewachsen ist. Inzwischen ist der Iran ein konventionell hochgerüsteter Staat, der nach Meinung von Experten in einem Erstschlag durchaus in der Lage ist, sämtliche amerikanischen Militärbasen am Golf mit höchst effizienten Raketen aus eigener Produktion auszuschalten. Dieses Land ist nicht mit dem Irak, mit Libyen oder Syrien zu vergleichen. Die Mullahs sind sich ihrer Stärke inzwischen durchaus bewusst, zumal das Vorgehen Trumps ihnen die Bevölkerung neuerlich in die Arme treibt, nachdem sie diese zuvor schon beinahe verloren hatten. Wie mehrere frühere Aufstände beweisen, hat das Regime sich auch in der eigenen Bevölkerung keineswegs ungeteilter Zustimmung erfreut. Vielmehr hat es seine Herrschaft nur mit Hilfe von polizeistaatlicher Repression aufrechtzuerhalten vermocht.

Doch ebenso wie Donald Trump

es verstand, die Menschen Venezuelas abermals in die Arme ihres unfähigen Autokraten Maduro zu treiben, schließt er nun die Bevölkerung des Iran hinter ihrer Führung zusammen – und das, obwohl es dem Land und seinen Bewohnern aufgrund der Blockade seit Beginn der Revolution niemals so schlecht ging wie heute. Trump ist ein Meister darin, Amerika nicht zur Nummer eins zu machen, wie er es nach eigener Propaganda bezweckt, sondern ringsumher für immer mehr Feinde zu sorgen. Abe Shinzo, der japanische Premier, ist da noch eine seltene Ausnahme. Wie vor ihm der deutsche Außenminister Heiko Maas, versuchte er am 13. Juni vergebens, das zerschlagene Porzellan zu kitten. Ayatollah Khamenei hat ihm gegenüber ausdrücklich klargestellt, dass der Iran mit dem amerikanischen Präsidenten nur verhandelt, wenn dieser zuvor die Sanktionen und den militärischen Aufmarsch gegen sein Land beendet.

Nun stehen die Feinde einander mit entsicherten Pistolen gegenüber

Niemand kann mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren. Wie will Trump die Flugzeugträger zurückbeordern, ohne von der Welt als Verlierer verspottet zu werden? Und wie soll das Regime der Ayatollah unter vorgehaltener Pistole nachgeben können, ohne den Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren und im Vorderen Orient als Schwächling verlacht zu werden? Anders als im Geschäftsleben geht es hier nämlich um Ehre und nationales Prestige, Begriffe, die zwischen Nationen niemals aus der Mode gekommen sind – in den USA genauso wenig wie im Iran. Trump hat sein Land, ohne es zu wollen, nur aufgrund seiner Unfähigkeit für das Amt, in dieses Patt gesteuert, aus dem es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt. Ich halte einen Krieg für unabwendbar; doch das ist natürlich nur eine persönliche Meinung. Glücklicherweise hat die Geschichte niemals Prophezeiungen mit absoluter Sicherheit zugelassen.

Vorerst wartet noch jeder der beiden Kontrahenten auf eine Dummheit des anderen,

also auf den ersten Akt der Aggression, um dann mit geballter Macht zuzuschlagen: die Iraner mit einem Raketenüberfall auf sämtliche Basen und Schiffe der Amerikaner; die Amerikaner mit augenblicklichen Angriffen ihrer Tarnkappenbomber auf sämtliche militärische Stellungen und Radarposten der Iraner. An Provokationen fehlt es schon jetzt nicht. Heute, am 13. Juni, sind mehrere Tanker im Golf von Oman beschossen worden. Es gibt Gruppierungen genug, die den Krieg herbeisehnen und ihn sogar um jeden Preis herbeiführen wollen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen, deren Länder seit Jahren so fürchterlichen Verwüstungen ausgesetzt sind wie Syrien, der Irak, Jemen oder Libyen nichts zu verlieren haben, sondern im Gegenteil den Krieg, wenn er schon sein muss, gern noch auf den Rest der Welt übertragen.

Natürlich wird Amerika den Krieg gegen Iran in wenigen Tagen oder zumindest Wochen gewinnen,

aber Trump und sein Nachfolger werden den Frieden so wenig wie in Libyen herstellen können. Die Meerenge von Hormuz wird aufgrund von permanentem Terror möglicherweise für Jahre gesperrt sein – was nichts anderes heißt, als dass die Hauptschlagader für die Ölversorgung westlicher Länder auf Dauer blockiert sein wird. Mit dem bisherigen Wohlstand Europas, Japans und vieler weiterer Staaten ist es dann erst einmal vorbei.

Doch wir sollten bei einem Krieg in der Ferne nicht nur an eigene Verluste denken: Der Iran – wie Syrien und der Irak ein weiteres Land das sich einiger der größten Zeugnisse menschlicher Zivilisation rühmen kann – wird so wie jetzt schon weite Gebiete im ganzen Vorderen Orient in Schutt und Asche versinken. Das aber geschieht aus keinem anderen Grund, als weil ein unbedarfter amerikanischer Präsident mit Geschäftspraktiken, die unter Maklern Erfolg haben mögen, leichtfertig in der großen Politik experimentiert.

Trump hat die Parole „America First“ ausgegeben

Das kann man ihm schwer zum Vorwurf machen. Jeder Staatsmann ist durch seinen Eid verpflichtet, vor allem dem eigenen Land zu nützen. Wirkliche Staatsmänner waren allerdings klug genug, dieses Vorgehen nicht an die große Glocke zu hängen. Genau das tut der derzeitige Präsident. Er könnte seinem Land und der Welt mehr schaden als irgendein früherer. Jetzt müsste schon ein Wunder geschehen, damit das Kriegsfeuer nicht im Iran auflodert, die Enge von Hormuz nicht vermint wird, der Stopp der Ölversorgung Europa nicht ins Chaos stürzt.

Immerhin, ein kleines Wunder ist jetzt schon sichtbar. Kaum jemand scheint zu ahnen, welche Dämonen uns gegenwärtig belauern. So wenige, dass viele Leser diese Zeilen vermutlich als reine Panikmache betrachten. Hoffentlich haben sie Recht!

„Freiheit, die wir meinen“

Der harte Widerspruch, der die Politik des 21. Jahrhunderts beherrschen wird – und der in der Tat jetzt schon kennzeichnend für sie ist – liegt in der Gegenläufigkeit zweier gleich notwendiger, gleich unverzichtbarer Tendenzen. Auf der einen Seite verlangt die Globalisierung der Chancen und Risiken von sämtlichen Staaten, auf einen Teil ihrer Souveränität zu verzichten. Die drohenden Gefahren von Klimawandel, Ressourcenverschleiß und nuklearer Bedrohung sind nur noch durch eine Weltregierung zu bannen, welche dem Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst ein Ende setzt. Solange in einer multipolaren Welt jeder Staat einen Vorteil darin erblickt, dem Gemeinwohl aller anderen zu schaden, weil er aus solchem Verhalten für sich selbst einen deutlichen Nutzen zieht, wird die Menschheit dem Abgrund mit jedem Jahr etwas näher rücken. „Freiheit, die wir meinen“ weiterlesen

Die Freiheit, die uns umbringt

Immanuel Kant, H. G. Wells, Arnold Toynbee, Bertrand Russell, Raymond Aron und Albert Einstein haben dafür plädiert, dass dieStaaten – alle Staaten – auf einen wesentlichen Teil ihrer Souveränität verzichten. Diese Forderung leuchtet jedem ein, der sich keine Illusionen über die elementaren Bedrohungen macht, denen die Bewohner des Globus spätestens seit dem vergangenen Jahrhundert ausgesetzt sind. Der galoppierende Fortschritt des Klimawandels – unter anderem daran zu erkennen, dass das Grönlandeis viermal schneller schmilzt als noch vor einem Jahrzehnt prophezeit – ist schon jetzt nicht mehr aufzuhalten, aber nach Möglichkeit sollte er zumindest soweit eingedämmt werden, dass unsere Art nicht in einem Treibhaus erstickt, wo der Meeresspiegel am Ende 70 Meter über dem heutigen Niveau liegen wird und die meisten Millionenstädte im Meer versinken. Bis dahin wird freilich noch einige Zeit vergehen, aber die Richtung ist vorgegeben, denn die Abwehr der Gefahr erscheint solange unerreichbar als es jedem Staat überlassen bleibt, um des eigenen Wachstums willen, fossile Brennstoffe nach Gutdünken zu verheizen. Aller Fortschritt im Kampf gegen den Klimawandel hängt von der Bedingung ab, dass eine Art Weltpolizei (vermutlich zusammengesetzt aus den führenden Supermächten) darüber wacht, dass die Spielregeln zur Rettung des Planeten beachtet und eingehalten werden.

Der gleiche Imperativ

gilt im Hinblick auf die Nutzung der heute noch zur Verfügung stehenden nicht-fossilen Ressourcen. In unserer technisch hochentwickelten Zeit werden auch diese in einer Art globalem Potlatsch in den modernen Wegwerfgesellschaften nicht nur en masse konsumiert, sondern anschließend auch noch en masse in mehr oder weniger giftigen Müll transformiert. An Nachhaltigkeit ist unter solchen Umständen nicht einmal zu denken – im Gegenteil: Je mehr Staaten dem westlichen Beispiel folgen, umso schneller wird der noch vorhandene Rest an Rohstoffen abgebaut und als erstickendes Gift über Länder und Meere verteilt oder in Verbrennungsanlagen in die Atmosphäre geblasen.

Und das ist nur die eine, heute global sichtbare Wirkung unseres gewaltigen technologischen Könnens. So als wäre die Bedrohung durch Klimawandel und Rohstoffverbrauch nicht schon beängstigend genug, kommt noch ein weiteres Übel hinzu: das größte, auch wenn es – wie durch ein Wunder – bisher noch nicht zur Wirkung gelangte. Die Lebensflamme unserer Art könnte von einem Tag auf den anderen ersticken: Zum ersten Mal seit Bestehen von Homo Sapiens ist die Menschheit als Kollektiv dem Artentod ausgesetzt. Aufgrund unseres überragenden technologischen Könnens haben wir es so weit gebracht, uns selbst auf die rote Liste der zum Aussterben verurteilten Arten zu setzen – es genügt ein einziger Knopfdruck, womit eine der Supermächte – Russland, Amerika oder China – den Erstschlag auslöst. Vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen äußerte Präsident Kennedy am 25. September 1961 die Hoffnung, dass Nuklearwaffen aufgrund eines internationalen Übereinkommens endgültig abgeschafft werden. Denn „in unserer Zeit muss jeder Einwohner des Planeten damit rechnen, dass dieser nicht länger bewohnbar sein wird. Wir alle leben unter einem Damoklesschwert, das in jedem Moment aufgrund eines Zwischenfalls, eines falschen Kalküls oder aufgrund von Wahnsinn auf uns herniederfallen könnte. Diese Waffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen….“

Nein, so war es gestern

heute ist es um vieles schlimmer, denn „der Fortschritt“ schreitet ja weiterhin unaufhaltsam und sogar in immer schnellerem Tempo voran. Inzwischen können sich selbst winzige Staaten wie Israel und bitterarme wie Nordkorea die apokalyptische Bombe leisten. In einer multipolaren Welt, wo jeder sich auf das Recht beruft, über Umfang und Art der eigenen Verteidigung zu bestimmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle Staaten der Welt – und nicht nur wie bisher etwa ein Dutzend – über genug Bomben verfügen, um die ganze übrige Menschheit in Geiselhaft zu zwingen. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich, England und China verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über das apokalyptische Schwert. Nordkorea hat es bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn auszulöschen. Auch Iran wird die Zentrifugen zur Urananreicherung wohl demnächst wieder laufen lassen, und was die Saudis tun, wissen ohnehin nur sie selbst. Über Japan besitzen wir genauere Informationen. Dort hat man in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das fernöstliche Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen. Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat Japan sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist das Land jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.

Die Wahrscheinlichkeit

dass aufgrund bloßen Zufalls oder menschlichen Versagens „etwas passiert“, wächst daher mit jedem Tag, zumal die Träger der Bomben, Überschallraketen, mit jeder Generation schneller und schneller werden – und die Vorwarnzeit für ihren Einschlag dementsprechend geringer. Bei einem Erstschlag vonseiten des Gegners steht Russen wie Amerikanern heute keine halbe Stunde mehr zur Verfügung wie noch vor einem Jahrzehnt, sondern dieser ohnehin minimale Zeitraum ist inzwischen auf etwa fünf Minuten geschrumpft. Innerhalb dieser Zeit muss entschieden werden, ob es sich wirklich um einen tödlichen Angriff handelt, der den sofortigen Gegenschlag nach sich zieht, oder ob vielleicht doch nur eine Fehlmeldung vorliegt. Offensichtlich reicht diese Zeit für menschliche Entscheidungen nicht länger aus – zumal sie aufgrund des unvermeidlichen „Fortschritts“ in Zukunft noch weiter schrumpfen wird. Der Präsident und sein Stab können im attackierten Land auf die Herausforderung eines Erstschlags nicht länger reagieren. Deshalb müssen Amerikaner wie Russen die Entscheidung darüber, ob das globale Feuer entzündet wird oder nicht, an Computersysteme abgeben. Die Aussicht, dass das kollektive Schicksal der Menschheit in Zukunft in den Händen von Maschinen statt von Menschen liegt, ist die wohl bedrückendste aller Zukunftsperspektiven. Hält man sich nämlich vor Augen, dass solche Systeme fehlbar sind – sie waren es mehrfach in der Vergangenheit und selbst eine große Firma wie Boeing hat einem ihrer Flugzeuge (Max 737) ein fehlerhaftes Steuersystem eingepflanzt, sodass in zwei aufeinander folgenden Abstürzen an die dreihundert Menschen ums Leben kamen – dann weiß man, welchem existentiellen Risiko wir ausgesetzt sind. Überwältigt und mattgesetzt durch den eigenen technischen „Fortschritt“, haben wir unser Schicksal in die Hände der Künstlichen Intelligenz gelegt:

Furchtbare Neue Welt – wir haben uns selbst entmündigt.

Eine Rettung aus dieser den Klimawandel noch übertreffenden Not, die uns jederzeit ohne Vorankündigung heimtückisch überfallen kann, scheint nur durch Kontrolle möglich, nämlich durch den freiwilligen oder erzwungenen Verzicht aller Staaten auf einen Teil ihrer Souveränität. Um des gemeinsamen Überlebens willen darf es im 21. Jahrhundert nicht länger möglich sein, dass jeder Staat die Umwelt nach eigenem Belieben vergiftet, nach Belieben Rohstoffe verprasst und die übrige Menschheit nach Belieben mit Massenvernichtungswaffen bedroht. In einer multipolaren Ordnung, die jedem Staat die Freiheit erteilt, das gemeinsame Raumschiff Erde nach eigenem Gutdüngen auszubeuten, zu vergiften und mit Massenvernichtungswaffen existenziell zu gefährden, sollten wir die schlimmste aller denkbaren Alternativen erblicken. Die gegenwärtig etwa zweihundert Staaten der Welt werden das Ende dieses Jahrhunderts nur dann erleben, wenn sie, freiwillig oder – zur Not auch – gezwungen, einen Teil ihrer Souveränität an einen Weltpolizisten abtreten, der die weitere Proliferation von Massenvernichtungswaffen verhindert und zur gleichen Zeit den Planeten vor weiterer Ausbeutung und Vergiftung bewahrt.

Ein Weltpolizist?

Das scheint eine eher unsympathische, wenn nicht gar abschreckende Vision zu sein, fühlen wir uns dabei doch sofort an den berüchtigten Leviathan von Thomas Hobbes erinnert. Der englische Philosoph des 17. Jahrhunderts hatte den Dreißigjährigen Krieg vor Augen, in dem die Staaten Mitteleuropas einander barbarisch zerfleischten. Damit die Menschen sich nicht in Wölfe für ihre Mitmenschen verwandeln (homo homini lupus), bedürfe es eines Fürsten, so Hobbes, an den sie einen Teil ihrer Souveränität abgeben, nur so lasse sich der gegenseitige Vernichtungskampf beenden. Hobbes konnte damals noch nichts davon wissen, dass die heutige Menschheit, selbst wenn sie scheinbar den Frieden genießt, permanent der Vernichtung ausgesetzt ist, denn einen Erstschlag kündigt eine Supermacht natürlich nicht vorher an. Ich kenne keine andere sozio-politische Theorie, die so treffend unsere heutige Situation beschreibt und mit unbestechlicher, wenn auch unerfreulicher Logik die einzige Lösung beschreibt, die einen möglichen Ausweg verheißt.

Denn die bekannte Devise „Global denken, lokal handeln“ verfängt in unserer Situation nicht länger. Selbst wenn wir alle global durchaus das Richtige denken, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, dass wir mit Klimawandel, galoppierendem Ressourcenverschleiß und allgemeiner Nuklearaufrüstung gemeinsam in Richtung Abgrund laufen, handeln wir dennoch lokal genauso wie vorher, weil derjenige, der das Richtige tut, als der Dumme den Schaden hat, solange die anderen ihm nicht folgen. Würde sich zum Beispiel eine der heutigen Supermächte aus freien Stücken dazu entscheiden, ihr gesamtes Atomwaffenarsenal von heute auf morgen zu verschrotten, so wäre das zwar eine moralisch unglaublich mutige Tat, aber zugleich eine machtpolitische Dummheit, denn aufgrund der eigenen Selbstschwächung würde der unglückliche Pionier augenblicklich unter die Kuratel der verbliebenden Supermächte geraten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und seiner weltpolitischen Ohnmacht während der neunziger Jahre musste Russland diese Wahrheit schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Zwar hatte Russland sich nicht freiwillig geschwächt, sondern geriet durch Wettrüsten ökonomisch heillos ins Hintertreffen, aber diese Schwächung rief bei den Rivalen keinerlei Mitleid hervor. Denn auch wer moralisch vorangeht, kann bestenfalls in einer kleinen Gruppe von Menschen als richtungsweisendes Beispiel wirken, aber nicht in einer Welt von Mächten mit grundverschiedenen Interessen. Hier wird der Schwache schlicht von den Starken gedemütigt, wenn nicht einfach geschluckt..

Man mag es traurig finden

aber es ist Realität: Ohne einen Weltpolizisten kommt die Menschheit nicht länger aus. Tatsächlich ist er ja auch heute bereits vorhanden. Wann immer die drei Supermächte – die USA, Russland und China – im UNO-Sicherheitsrat gemeinsam eine Resolution beschließen, handelt es sich de facto um die Erlässe einer Weltpolizei oder inoffiziellen Weltregierung – welchen Namen wir dieser Instanz auch geben. Unsere spontane Reaktion besteht zwar darin, dass wir uns solcher Bevormundung zuerst einmal widersetzen, weil unser Schicksal nicht mehr von uns selbst, sondern über unsere Köpfe hinweg von anderen bestimmt wird. Aber wir selbst – und mit uns alle anderen Staaten -, haben uns in eine Situation manövriert, in der uns nichts anderes als ein solcher Weltpolizist vor uns selbst zu retten vermag.

Denn die Welt, wie sie früher einmal bestand – und manchen im Rückblick vielleicht um vieles glücklicher erscheint – existiert schon längst nicht mehr. Noch vor zweihundert Jahren hätten die meisten Nationen eine Chinesische Mauer um ihr Territorium aufrichten können, um in völliger Isolierung von allen übrigen zu leben. Anders gesagt, hätten sie weitgehend oder auch völlig autark in uneingeschränkter Souveränität in ihrem je eigenen Gebiet existieren können, ohne sich um den Rest der Welt zu kümmern. Für einige abgeschiedene Inseln im Pazifik bestanden solche Verhältnisse noch bis ins vergangene Jahrhundert.

Doch das hat sich in kurzer Zeit grundlegend geändert

Das Leben in Deutschland, Frankreich, den USA oder China, ja selbst auf Neuguinea oder Grönland würde völlig zusammenbrechen, wenn nicht Tag für Tag Ströme von Öl, von Mineralien oder auch Fertigwaren die Grenze passieren. Ohne diese Zufuhr würden in Deutschland und Österreich die Lichter ausgehen, der Verkehr stehen bleiben, die Fabriken die Produktion einstellen, die Bevölkerung schlagartig verelenden. Allenfalls wäre das rohstoffreiche Russland zur Not in der Lage, sich nach außen hin abzuschotten, aber seinen gegenwärtigen – immer noch vergleichsweise niedrigen – Lebensstandard vermag es nur aufrechtzuerhalten, indem es seine Rohstoffe gegen Fertigprodukte aus dem Ausland verkauft. In ihrem heutigen Ausmaß besteht diese weltweite gegenseitige Abhängigkeit erst seit etwa einem Jahrhundert, aber sie ist kaum mehr rückgängig zu machen, es sei denn wir würden uns mit einem Bruchteil unseres heutigen Lebensstandards begnügen. Dabei geht es aber offensichtlich um Souveränität. In deren mehr oder weniger großem Verzicht besteht die eigentliche Wirkung dieser weltweiten Verflechtung, denn jeder Staat hat sich dadurch von dem guten Willen anderer abhängig gemacht, und zwar nicht nur im Hinblick auf importierte Ressourcen und exportierte Waren, sondern ebenso im Hinblick auf die bei ihrer Herstellung erzeugten Gifte. Die klimazerstörenden Schadstoffe, welche die Verbrennung von Kohle und Öl bei uns oder in China erzeugt, hält sich nicht an nationale Grenzen, sondern verbreitet sich über den Globus, der Einsatz von Nuklearwaffen durch die Supermächten löscht nicht nur in diesen selbst sämtliches Leben aus, sondern ebenso in der übrigen Welt. Wir bestehen auf der Souveränität im eigenen Lebensraum und verschließen bemüht die Augen vor der unabweisbaren Einsicht, dass wir selbst diese längst in eine Illusion verkehrten.

Ja, eine Welt, wo jeder noch Herr im eigenen Hause war, hätte eine schönere Welt sein können (ob sie es wirklich war, ist eine andere Frage). Aber diese Welt gibt es nicht mehr. Aus diesem Grunde ist nicht nur der Zusammenschluss der europäischen Staaten in der EU eine Notwendigkeit, wenn unsere Stimme in der Welt überhaupt noch gehört werden soll, sondern darüber hinaus ist sogar noch ein weiterer Verzicht von uns gefordert. Leviathan, die kommende Weltregierung, muss uns daran hindern, die Umwelt, den Globus oder sogar die eigene Spezies zu vernichten.

Wüssten wir nicht

dass einige der größten Köpfe die gleiche Ansicht mit größtem Nachdruck vertreten haben – oben war schon von Immanuel Kant, H. G. Wells, Arnold Toynbee, Bertrand Russell, Raymond Aron und Albert Einstein die Rede –, dann könnte uns dieser Ausblick als zu gewagt erscheinen, zu weit hergeholt. Vor allem aber fühlen wir uns durch Leviathan ja zunächst einmal bedroht. Da ziehen es viele begreiflicherweise vor, eher die Augen vor den uns bedrohenden tödlichen Gefahren zu verschließen als sich mit einem derartigen Untier abzufinden.

Doch diese Aussicht haben wir uns selbst eingebrockt. Damit die derzeit etwa zweihundert Staaten auf dem Planeten die eigene Souveränität nicht dazu missbrauchen, das Überleben der Art zu gefährden, müssen sie einen Teil ihrer Souveränität an eine Instanz abtreten, die sie genau davor bewahrt. Eben dies haben die zitierten Autoritäten als unumgängliche Maßnahme gefordert. Dann erhebt sich allerdings gleich die weitere Frage, die sich auch schon für die EU, den Zusammenschluss der Nationen Europas, stellte: Wie muss eine übernationale Instanz beschaffen sein, damit sie erträglich wird?

In Europa (aber bisher noch nicht in den USA)

sind die Bürger durchaus bereit, auf einen Teil ihrer Freiheit zu verzichten, z. B. darauf, Pistolen im Gürtel bei sich zu tragen. Auch die persönliche Blutrache ist bei uns verboten, obwohl auch dies eine Einschränkung der individuellen Freiheit bedeutet. Warum setzt sich bei uns niemand gegen diesen Freiheitsverlust zur Wehr? Offenbar wird er von kaum jemandem in Deutschland oder Frankreich als ein solcher empfunden, weil der im Gegenzug erzielte Gewinn so viel größer ist. Solange es jedem anheimgestellt blieb, sich friedlich zu verhalten oder auch nicht, war derjenige im Vorteil, der an der Bewaffnung festhielt und die Justiz in die eigenen Hände nahm, denn er musste stets damit rechnen, dass die anderen ihm gegenüber nicht anders verfuhren. In dem Augenblick, wo alle auf Pistolen, Gewehre oder die Blutrache freiwillig verzichten oder verzichten müssen, weil eine starke Regierung sie dazu zwingt, ergibt sich für den einzelnen nicht nur kein Nachteil, sondern alle fühlen sich im Gegenteil von einem großen Übel erlöst. Gewiss, Leviathan zeigt im ersten Moment seine Zähne, im zweiten aber befreit er die Menschen von einem unerträglichen Übel. Denn erst der Verzicht auf die Freiheit, sich gegenseitig zu schaden, führt zu jener großartigen Freiheit, die darin besteht, sich gegenseitig zu nutzen. Wechselseitiges Vertrauen kann nur entstehen, wenn der Mensch nicht länger ein Wolf für seine Mitmenschen ist. Im 21. Jahrhundert darf es den Staaten nicht länger erlaubt sein, nach Belieben aufzurüsten, nach Belieben Ressourcen zu verprassen, nach Belieben die Umwelt zu vergiften. Diese negative Freiheit muss ihnen genommen werden, damit ihnen die positive Freiheit erhalten bleibt, in einer Welt des Friedens zu leben.

Geschichte hat einen Sinn

nicht die der Natur, wo wir ihn nicht erkennen, sondern die Geschichte des Menschen, wo er die Stimme jenes Gewissens ist, an dem alle Menschen partizipieren. Im 21. Jahrhundert aber hat Geschichte noch dazu ein Ziel, das wir erreichen, einen Zweck, den wir verwirklichen müssen, nämlich dass wir den Planeten und dass wir uns selbst vor uns selber schützen. 

Nächster Artikel: Die Freiheit, die wir meinen.

Diese Gedanken werden in zwei Büchern erörtert:

Reflections on Meaning and Purpose in History – The Destiny of Mankind in the 21st Century“.

Creative Reason – A Synthetic Philosophy of Freedom in Nature and Man (Homage to William James)“. 

Hatten die Nazis ein Gewissen?

… die Existenz eines universalen menschlichen Gewissens lässt sich sogar auf einer noch elementareren Ebene nachweisen, nämlich in der Herabwürdigung anderer Menschen, einer Praxis, an der sich seit den frühesten Anfängen menschlicher Geschichte bis zum heutigen Tag wenig bis gar nichts geändert hat.

Die Herabwürdigung anderer als ein Indiz für das Vorhandensein eines universalen Gewissens?

Das scheint auf den ersten Blick ein harter Widerspruch, zumindest ein Paradox zu sein. Aber warum ist bis zum heutigen Tag nichts so sehr verbreitet wie die abwertende und manchmal geradezu vernichtende Bezeichnung der Angehörigen fremder Sippen, Stämme, Völker oder Nationen als Nichtmenschen, Unmenschen, Untermenschen, Mindermenschen, Barbaren, Verbrecher, Artfremde, Bestien usw.?

Ich meine, dass sich aus dieser Tatsache nur ein einziger Schluss ziehen lässt. Die Menschen waren sich zu allen Zeiten bewusst, dass sie gegenüber ihresgleichen human, gerecht, verständnisvoll handeln sollten– oft sogar unter dem Imperativ, sich für die eigenen Stammesgenossen zu opfern, denn mit diesen empfand man sich ja als wesensgleich. Also war es nötig, dass man diejenigen, denen man schaden, die man übervorteilen, die man bekämpfen wollte, als radikal verschieden von der eigenen Gruppe erklärte, eben als Nicht- oder Untermenschen oder auch „Artfremde“ wie die Nazis von den jüdischen Mitbürgern sagten. Vor jedem Vernichtungskrieg (im Unterschied zu ritualisierten Turnieren) wurden andere Menschen zunächst einmal auf diese Weise als zutiefst fremdartig und wesensungleich verunglimpft, sodass die an ihnen verübten Grausamkeiten und Verbrechen dann nicht länger als solche zählten – sie wurden ja nicht an vollwertigen Menschen verübt. Gerade durch dieses elementare und weltweit erwiesene Faktum wird die Existenz eines universalen Gewissens ebenso deutlich bezeugt wie die Leichtigkeit, mit der Menschen dieses Gewissen zu allen Zeiten zu überlisten und außer Kraft zu setzen verstanden.

Das galt bis gestern, als die Nazis ihre jüdischen Mitbürger zu Untermenschen erklärten, und es wird auch in Zukunft gelten, wann immer eine Gruppe, eine Regierung oder einzelne Individuen anderen die Eigenschaft von gleichwertigen Menschen absprechen, um sie dann als vogelfrei zu erklären. Es ist ja nicht wahr, dass die Nazis nicht gewusst hätten, was sie taten. Gerade weil sie es wussten, haben sie den damals größten Propaganda-Apparat einzig zu dem Zweck erschaffen, um einen Teil der deutschen Bevölkerung zu Untermenschen zu deklarieren. Das grauenhafte Wort Heinrich Himmlers von der „Anständigkeit“, die sich die SS-Leute mit ihren von Blut triefenden Händen nach Meinung des Schreibtischmörders trotz allem bewahrten, beweist, wie notwendig es war, den Massenmord vor sich selbst und vor den anderen zu rechtfertigen. „Dies durchgehalten zu haben und dabei … anständig geblieben zu sein …“ Jeder Deutsche wusste genau, was man gewöhnlich unter Anständigkeit verstand, so musste für dieses Wort eine neue Definition gefunden werden, die zu den Mördern passte.

Um Rechtfertigung waren die Nazis bis zum Schluss ihrer Herrschaft bemüht. Ohne die bösartige und ständige Hetze wäre es dem normalen Bürger kaum begreiflich gewesen, warum der jüdische Nachbar, den er täglich grüßte, den er als Arzt persönlich schätzte oder der vielleicht sogar zu seinem Freundeskreis gehörte, in Wahrheit ein Mensch mit verborgener teuflischer Absicht sein sollte: eine Gefahr für den Volkskörper. Er wusste nicht, dass die Nazis einen solchen Feind brauchten, weil man Menschen immer dann am sichersten beherrscht, wenn man sie durch Hass zusammenschweißt. Als Hermann Rauschning Hitler fragte, ob er glaube, dass der Jude vernichtet werden müsse, gab dieser zur Antwort: „Nein, dann müssten wir ihn erfinden. Man braucht einen sichtbaren Feind, nicht bloß einen unsichtbaren.“ Wie bekannt, hat Hitler nach der Wannsee-Konferenz mit diesem Vorsatz gebrochen.

Die Richter der Nürnberger Prozesse, wo man die größten Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft zog, haben den Deutschen nach Kriegsende nur gesagt, was diese selber die ganze Zeit wussten. Sie haben das zeitweilig außer Kraft gesetzte Gewissen verkörpert. Zweifellos wäre es besser gewesen, hätte es damals einen internationalen Gerichtshof gegeben, der die schiefe Optik vermeidet, dass da nur Sieger sich an den Besiegten rächen. Doch in Ermangelung einer solchen Institution war auch die Siegerjustiz berechtigt und zu begrüßen. Umso mehr ist allerdings zu beklagen, dass der bei weitem größte Teil aller historischen Verbrechen niemals gesühnt worden ist. Schaut man auf die Zahl ihrer Opfer, so haben Stalin und Mao noch viel mehr ihrer Mitbürger umbringen lassen als die Nazis, aber kein Gericht hat sie jemals dafür zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil – sowohl Russland wie China sind inzwischen bemüht, die Geschichte auf ihre Art umzuschreiben. Hannah Arendt hat das wahre, universale Gewissen zu Wort kommen lassen, als sie den linken und rechten Totalitarismus auf ein und dieselbe Stufe stellte.

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).