Starke Männer, schwache Völker – die ungewisse Zukunft der Demokratie

Ein kritischer Rezensent müsste diesen Essay wohl wie Wikipedia mit dem Hinweis begleiten, dass „es noch an Belegen fehle„. Ich wage es dennoch, ihn zu veröffentlichen, weil ich meinerseits fürchte, dass zu diesem Thema wohl nie genügend Belege vorhanden sind – auf jeden Fall aber sehr viele sehr verschiedene Meinungen. Ich biete nur Impressionen, jeder möge sie auf seine Art und mit seinem – vielleicht besseren – Wissen ergänzen.

Außer Streit dürfte wohl stehen, dass die Demokratie in vielen Teilen der Welt unter scharfem Beschuss steht, und zwar auch dort, wo sie seit langem verankert ist – wie in den USA – oder wo sie – wie in Russland – erst vor kurzem überhaupt eingeführt worden ist. Doch starke Männer warten auch bei uns in Europa auf ihre Stunde oder haben sie für sich selbst bereits wahr gemacht. Das gilt für die Kaczynski-Wende in Polen, für die Machtergreifung von Orban in Ungarn und wird wohl schon bald wieder für Matteo Salvini gelten, der auf dem Sprung steht, um die derzeitige Regierung Conte aus dem Amt zu drängen.

Der Aufstieg der starken Männer

scheint umso unaufhaltsamer zu sein, als einige von ihnen ohne Zweifel sehr großen Erfolg hatten oder immer noch haben. Die Erneuerung Chinas unter einem diktatorischen und im Umgang mit seinen Bürgern keineswegs zimperlichen Regime, ist zumindest in materieller Hinsicht die Geschichte eines atemberaubenden Erfolgs. Niemals ist zuvor ist es einem Staat gelungen, eine so große Zahl von Menschen in so kurzer Zeit aus unerträglicher Armut zu reißen und vielen von ihnen sogar zu Wohlstand und Sicherheit zu verhelfen. Wie immer wir in Europa über diesen Aufstieg auch denken mögen, in der übrigen Welt wird er bewundert, beneidet oder auch schon gefürchtet. Der derzeitige Staatschef Xi Jinping verkörpert wie kein anderer den Typus des starken Mannes, der alle Kräfte des Aufstiegs bündelt und zugleich alle Kräfte des politischen Widerstands gnadenlos unterdrückt – sie, wenn es sein muss, auch physisch beseitigt. Es wäre zu einfach, darin nur Unterdrückung zu sehen, denn umgekehrt werden ja alle Kräfte der Innovation in höchstem Grade ermuntert, gefördert, geradezu angetrieben. Nur wer darüber hinaus auch politische Freiheit verlangt, also das Recht, das geltende System in Frage zu stellen oder gar aktiv zu bekämpfen, der tut gut daran, das Land zu verlassen, bevor man ihn mundtot macht.

Niemand sollte behaupten, dass wir dieses janusköpfige Regime

aus drohender Fratze und ermunterndem Lächeln im Westen nicht kennen. Im Gegenteil, wir kennen es nur zu gut, aber auf einer tieferliegenden Ebene. China wird nämlich so wie bei uns jeder moderne Konzern verwaltet. Bekanntlich plant und beschließt dieser seine Politik ebenso wenig auf demokratische Art, also durch Abstimmungen der Belegschaft, sondern Entscheidungen werden vom Vorstand diktiert. Wer sich nach dessen Vorgaben richtet, wird gefördert, ermuntert und oft mit exorbitanten materiellen Belohnungen zufriedengestellt; wer sich widersetzt, der wird bedenkenlos gefeuert. Mit wenigen Ausnahmen (in großem Maßstab in Japan und eher versuchsweise auch in Jugoslawien) war das kapitalistische Wirtschaftsmodell nie demokratisch. Es war immer elitär, weil die am besten ausgebildeten, fähigsten Leute an der Spitze der Betriebe stehen sollten. Das ökonomische Modell des kapitalistischen Betriebes und der demokratische Staat standen daher immer in schroffem Gegensatz zueinander. Der Betrieb hatte die scharf umrissene, eindeutig definierte Aufgabe zu lösen, bestimmte Güter unter geringsten Kosten in maximaler Menge und Qualität zu erzeugen: ein rein technisches Problem, für dessen Bewältigung reine Fachkompetenz genügt. Der Staat aber steht von jeher vor einer viel umfassenderen Herausforderung: Er soll seinen Bürgern nicht nur Wohlstand und Sicherheit geben – ein weitgehend technisches Problem -, sondern ihnen überdies das Gefühl vermitteln, in einer gerechten, humanen, solidarischen Gesellschaft zu leben, wo jeder seine Anlagen und Erwartungen erfüllen kann. In einem solchen Staat müssen auch die Schwachen eine Stimme haben, denn erst dadurch wird ein Staat gerecht, human und solidarisch. Das zu erreichen ist aber niemals eine rein technische Aufgabe gewesen, die mit bloßer Fachkompetenz zu lösen wäre.

Wann, d.h. unter welchen Bedingungen,

konnte es überhaupt dazu kommen kann, dass ein Staat auf die Schwachen im Lande hört und sie in Abstimmungen über das gemeinsame Wohl entscheiden lässt? Die Geschichte lehrt: Bis zur französischen Revolution – und noch eine ganze Zeit danach – haben sie in sämtlichen großen (!) Agrarzivilisationen diese Möglichkeit niemals gehabt. Die Schwachen hatten sich den Starken zu fügen – diese simple Regel galt im Großen und Ganzen während der vergangenen zehntausend Jahre nach der neolithischen Revolution. Und wer diese Schwachen waren, lässt sich ebenfalls ziemlich genau bestimmen. Es handelte sich um jene neunzig Prozent der Bevölkerung, die den Lebensunterhalt für die oberen zehn Prozent einschließlich ihres bewaffneten Arms erwirtschaften mussten.  Wenn ihnen das nicht gefiel, wurden sie mit Gewalt dazu gezwungen. Unsere ganze Zivilisation lastet, wie Will Durant bemerkte, auf dem Mann mit Hacke oder Pflug.

Der früh verstorbene Freund Michel de Montaignes,

Etienne de la Boétie, hatte zwar gemeint, dass die Massen ihr Joch auf einfache Art abschütteln könnten. Dazu müssten sie nur begreifen, dass sie die überwältigende Mehrheit im Lande bilden. Würden sie alle auf einmal ihre Mitarbeit aufkündigen, dann gerieten die Throne augenblicklich ins Wanken. Doch offenkundig war das eine Illusion; de la Boétie übersah eine folgenschwere Entdeckung, welche etwa gleichzeitig mit der neolithischen Revolution gemacht worden war.  Ausbeutung der vielen durch einige wenige war überhaupt kein Problem, weil eine gewaltige Menge verstreuter und durch ihre Arbeit an die Scholle geketteter Bauern mühelos durch eine kleine Zahl bewaffneter und mobiler Kämpfer beherrschen werden konnte.

Die Schwachen gelangten erst in dem Augenblick

zu eigener Stimme und Macht, als ihre Mitarbeit im Staat nicht nur unverzichtbar war – das war die Versorgung der Gesellschaft mit Lebensmitteln schon immer – sondern sie die Möglichkeit besaßen, kollektiven Widerstand auszuüben. Demokratie setzt eine Verschiebung von Macht voraus. In kleinen Gemeinschaften wie der Schweiz war es den arbeitenden Menschen (einer überwiegend in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung) schon vor der industriellen Revolution gelungen, sich selbst zu verwalten, in bevölkerungs­reichen Staaten war dies erst nach der französischen und amerikanischen Revolu­tion der Fall, wo sich aufgrund der Industrialisierung die Menschenmassen in Fabriken und Städten ballten und gefährliche Zentren des Aufruhrs entstehen konnten. In Frankreich war es das Bürgertum, das einem seit Niederschlagung der Fronde zunehmend in die Funktionslosigkeit abgeglittenen Adel die tatsächliche Macht über den Staat entriss. Es war der Demos der Bürger, der die bis dahin alleinherrschende adlige Elite ablöste, doch auch das Bürgertum war noch eine Minderheit. Erst als die industrielle Revolution Tausende von Menschen auf dem engen Raum von Fabriken zusammenführte, bekamen die Ausgebeuteten Macht. Sie erkannten, dass sie durch Streiks das Leben in einem Staat völlig lahmlegen konnten. Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen die Tatsache anerkennen, dass erst der Besitz tatsächlicher Macht den kleinen Leuten eine Stimme verschaffte.  Erst damit wurde aus einem idealistischen demokratischen Programm eine in realer Macht verankerte demokratische Realität.

Nicht einmal diese Voraussetzung reicht aber aus,

um Demokratie zu ermöglichen. China verfügt über ein gewaltiges Hinterland mit Menschen, von denen ein Großteil weiter in Armut lebt. Solange dieses Reservoir der Partei zur Verfügung steht, kann sie jeden Aufstand von Arbeitern mühelos unterdrücken, denn sie kann die Protestierenden immer durch Menschen ersetzen, denen es noch schlechter geht und die daher nur zu froh darüber sind, die Posten der Aufständischen zu übernehmen. Der Historiker wusste es schon immer – der Philosoph muss es zu seinem Leidwesen erfahren:  Demokratie war niemals ein Geschöpf von Einsicht und Menschenliebe, sondern beruht auf Macht. Das gilt natürlich auch für die Vereinigten Staaten, wo sich bei oberflächlicher Betrachtung ein anderes Bild zu ergeben scheint. Für die Pilgerväter waren Gleichheit und Gleichberechtigung eine Sache der religiösen Überzeugung, aber diese erstreckte sich eben nicht auf Menschen mit anderer Überzeugung und anderen Traditionen. Die Eroberer des Neuen Kontinents kamen nie auf den Gedanken, die Indianer oder gar die später ins Land verschleppten Menschen mit schwarzer Haut als gleich oder gleichberechtigt zu bewerten. Schon bald waren sie nicht einmal bereit, die großen Vermögensunterschiede zwischen den Christen selbst zu übersehen, geschweige denn die Unterschiede des Geschlechts. Deshalb blieb in den Vereinigten Staaten das Stimmrecht bis ins zwanzigste Jahrhundert auf weiße Männer beschränkt, die ein gewisses Mindestniveau an Eigentum vorweisen konnten. Diese Minderheit befürchtete durchaus zu Recht, andernfalls von den Armen auf dem Weg der Abstimmung expropriiert zu werden.

Echte Demokratie

nicht nur dem Namen nach, sondern in der Realität hat es in den USA wie in Europa eigentlich erst in den drei Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben, weil auf einmal die ganze Bevölkerung dazu benötigt wurde, um den einzigartigen Massenwohlstand zu schaffen und aufrechtzuerhalten, den die fossile Revolution zusammen mit technischen Fortschritt ermöglichte. Hannah Arendt hat die beiden Formen der Revolution, welche in der zweiten Hälfte des 18ten Jahrhunderts den Auftakt der Demokratisierung gebildet hatten, also die französische und die amerikanische, miteinander verglichen und gab der letzteren, weil sie unblutig verlief, entschieden den Vorzug. Aber in beiden Revolutionen war ausschlaggebend, dass die Massen nun reale Macht gewannen, weil sie über wirksame Druckmittel verfügten, um ihren Forderungen Gehör zu verleihen. Solange das nicht der Fall war, d.h. an die zehntausend Jahre waren sie zwar nicht immer, aber doch in der Regel nichts anderes als namenlose Arbeitstiere im Dienste von Minderheiten, die sie für ihre Zwecke rücksichtslos instrumentali­sierten. In anderen Worten: Starke Männer sind das Los schwacher Völker.

Die Zukunft der Demokratie

ist aus genau diesem Grund höchst ungewiss. Demokratie ist erneut gefährdet, weil ein starker Staat auf die Masse seiner Bürger heute viel weniger angewiesen ist als während der ersten drei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Zwei Faktoren haben wesentlich zu dieser Änderung beigetragen. Einerseits steht eine Mehrheit von durchschnittlichen Arbeitern und Angestellten inzwi­schen in unmittelbarer Konkurrenz zu den Billiganbietern überall auf der Welt, sei es in Indien, China, Südamerika und in einigen Jahren wohl auch in Afrika. Wer bei uns seine Mitarbeit verweigert, der übt dadurch kaum noch besonderen Druck aus, weil er hundertfach durch billigere Arbeitskräfte ersetzt werden kann. Mehr und mehr Menschen sind aus dieser Sicht einfach überflüssig. Aus rein ökonomischer Perspektive stellen sie sogar eine Last dar, weil der westliche Wohlfahrtsstaat ihnen über die Sozialhilfe weiterhin ein Mindesteinkommen garantiert. Überflüssig aber werden selbst immer mehr gut ausgebildete Bürger, weil sie durch Automation und künstliche Intelligenz ersetzt und in die Arbeits­losigkeit abgedrängt werden.

Tatsächlich ist kaum ein größerer Gegensatz

denkbar als der zwischen Nachkriegseuropa und unserer heutigen Situation. Damals haben Deutschland und andere westliche Staaten Menschen in Massen aus Italien und schließlich aus der Türkei abgeworben, weil die eigene Bevölkerung nicht ausreichte, um den Anforderungen einer florierenden Industrie im schnellen Wiederaufbau zu genügen. Heute sucht die Industrie zwar händeringend nach Spitzenkräften – diese sind in unserer Zeit so rar wie es das überdurchschnittliche Talent immer schon war – aber die Massen werden nicht länger benötigt. Sie scheiden entweder aus dem Arbeitsprozess überhaupt aus und vergrößern das Potential der „Prekären“ und „Überflüssigen“ oder sie werden mit zunehmend geringeren Löhnen abgespeist. Das ist dann Vollbeschäftigung bei relativ oder sogar absolut sinkendem Lebensstandard.

Diese unheilvolle Entwicklung

ist inzwischen für sämtliche westlichen Staaten mit fallenden Wachstumsraten bezeichnend – und ebenso ist es die Erosion der Demokratie, weil die Massen eben nicht länger reale Macht besitzen: Sie werden nicht länger gebraucht. Nur so konnte es dazu kommen, dass die Vereinigten Staaten – nach dem letzten Weltkrieg eine Zeitlang demokratisches Vorbild für die ganze übrige Welt – heute de facto genau das sind, was Noam Chomsky ihnen nicht müde wird, vorzuwerfen: eine Plutokratie, wo die oberen ein Prozent das Schicksal der unteren 99 Prozent bestimmen, obwohl die äußeren rein formalen Attrappen der Demokratie bis zu Donald Trump durchaus noch in Kraft sind. Präsidentschaftskandidaten aus dem Volk werden in den USA einer Art von Spießrutenlauf unterworfen, um sie dabei auf ihre Folgsamkeit zu testen. Jede einzelne der vielen aufeinanderfolgenden Wahlveranstaltungen verschlingt Unmengen von Geld, das zum größeren Teil aus Spenden stammt, welche die oberen ein Prozent vergeben – oder eben nicht vergeben. Auf diese Weise ist garantiert, dass selbst ein Mann aus dem Volk brav die Interessen der Plutokratie vertritt, denn andernfalls würde er schnell auf Strecke bleiben.

Nur wenn die Schwachen Macht besitzen,

haben sie auch eine Stimme. Aber die Auslagerung der industriellen Produktion hat ihre Macht stark beschnitten, und das tut jetzt zusätzlich auch noch die Digitalisierung. Für die Demokratie verheißt diese Entwicklung nichts Gutes. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass der weltweit stattfindende Prozess der Urbanisierung jene Zerstreuung annullierte, welche Jahrtausende lang dafür verantwortlich war, dass die neunzig Prozent der auf dem Lande lebenden Bauern mühelos von einer kleinen Schar bewaffneter Söldner beherrscht und ausgebeutet wurden. Die Konzentration so vieler, ja oft von Millionen Menschen auf dem engen Raum von Metropolen gibt unzufriedenen Massen die Möglichkeit, das urbane Leben vollständig lahmzulegen – ein Druckmittel, wie es in diesem Ausmaß niemals zuvor bestand. Die Occupy-Wallstreet Bewegung, die Gelbwesten in Frankreich, die Aufständischen in Hongkong und in Barcelona und an vielen anderen urbanen Brennpunkten der Welt sind ein Beweis dafür, dass diese Form des Massenprotestes sich in Zukunft weiter ausbreiten wird.

Nicht nur Einparteien-Diktaturen wie China

sondern auch westliche Staaten sehen die Gefahr und gehen – meist im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus – dazu über, sich gegen durch immer stärkere Überwachung der eigenen Bürger davor zu schützen. Das bisher wohl perfekteste Überwachungssystem wurde in China aufgebaut. Dort wird der Bürger rund um die Uhr auf sämtlichen öffentlichen Plätzen überwacht und durch ein Punktesystem zur Raison gebracht. Je nach Botmäßigkeit oder widerspenstigem Verhalten werden ihm Plus- bzw. Minuspunkte zugeteilt. Er wird so umfassend ausspioniert, wie es in früheren Zeiten – auf weit unvollkommenere Art – nur der kirchliche Beichtstuhl vermochte, der aber seine Erkundungen nur selten an die weltliche Macht weitergab. In westlichen Staaten ist die Überwachung der Bürger nicht ganz so weit fortgeschritten, aber der Versuchung, die immer billigere Hochtechnologie zu diesem Zweck einzusetzen, vermögen auch sie nicht zu widerstehen, zumal ein oder zwei Terroranschläge in der Regel genügen, um eine Mehrheit vom Nutzen staatliche Überwachung zu überzeugen.

Was wird sich in Zukunft als stärker erweisen,

die Fähigkeit der auf engem Raum konzentrierten Massen, ganze Städte und Staaten durch Demonstrationen funktionsunfähig zu machen, wenn man ihnen ihre Rechte oder Forderungen verweigert, oder die Fähigkeit einer Regierung, durch allgegenwärtige Überwachung und Beeinflussung der öffentlichen Meinung die Massen mundtot und machtlos zu halten? Anders gefragt: Wenn „überflüssige“ Massen keine reale Macht besitzen, sind sie dann immer noch stark genug, wenn sie mit Zerstörung drohen? Werden schwache Völker das Aufkommen starker Männer verhindern?

Aber ist dies überhaupt die für die Zukunft

entscheidende Frage? Demokratie und Freiheit sind ein Luxus von Zivilisation und Wohlstand. Gesellschaften in Armut, Not oder gar Krieg unterdrücken die Freiheit. Sie rufen nach starken Männern, um nach innen wie außen Geschlossenheit zu erreichen. In dieser Tatsache ist auch der Grund dafür zu finden, warum Konzerne fast niemals demokratisch verwaltet werden: Sie leben in beständigem Krieg, nämlich im Wettbewerb, miteinander. Da gilt es, sämtliche Kräfte zu bündeln und auf wechselnde Herausforderungen blitzschnell zu reagieren. Freiheit setzt Sicherheit, also das Gegenteil von ständiger Bedrohung, voraus. Für diejenigen, die einmal von ihr gekostet haben, ist sie das höchste Gut überhaupt. So gesehen haben die Völker Europas jetzt schon Grund, nostalgisch auf jenes halbe Nachkriegsjahrhundert zurückzublicken, wo Freiheit und demokratische Selbstbestimmung ihnen in historisch einzigartigem Umfang gewährt worden war. Ich halte es dennoch für falsch, in der Renaissance starker Männer nicht mehr zu sehen als den Rückfall in Zeiten des Unheils.

Zumindest sehe ich darin ein unvermeidbares Unheil,

denn die beiden größten Herausforderungen des 21ten Jahrhunderts, die ökologische Katastrophe und die Gefahr der atomaren Selbstauslöschung, werden auf demokratische Art nicht überwindbar sein. Zwar hat die Welt sich eine demokratische Repräsentanz gegeben, die Vereinten Nationen, aber diese Organisation ist längst zu einem ohnmächtigen Spielball der Supermächte geworden. Nicht sie, sondern diese werden darüber entscheiden, ob Mensch und Natur das gegenwärtige Jahrhundert überstehen, weil sie im letzten Moment das apokalyptische Wettrüsten beenden und der ökologischen Katastrophe ein Ende setzen.

Wir müssen darauf hoffen, dass starke Männer an der Spitze der Supermächte die doppelte Bedrohung erkennen und um des gemeinsamen Überlebens willen gemeinsame Entschlüsse fassen.

Von Eginald Schlattner, dem Schriftsteller, erhalte ich per Mail folgende Nachricht:

Genau! Bewundernswert auch als hermeneutische Leistung. Und ein Genuss als Sprache.

Gott befohlen

Dr. h.c. Eginald Norbert F. Schlattner

Emer. Pfarrer

Gefängnisseelsorger

557210 Roşia / SB, Parohia evang.

ROMÂNIA,

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens

Ich möchte die Lektüre eines Aufsatzes des Islamwissenschaftlers Michael Lüders empfehlen: „Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens“ (Blätter für deutsche und internationale Politik). Eines der Hauptübel der Globalisierung ist die globalisierte – meist ideologisch und scheinmoralisch notdürftig verbrämte – Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, auch wenn von diesen keine militärische Gefahr für uns selbst ausgeht. Der Krieg in Syrien und die blinden Flecken des Westens weiterlesen

Donald John Trump – wie konnte das passieren?

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Aber ist die Frage überhaupt richtig gestellt? Sollte man nicht eher anders herum formulieren? Wie hätte Washington mit seiner elitären Politik, die sich um das eigene Volk immer weniger schert, einen Trump überhaupt verhindern können? Donald John Trump – wie konnte das passieren? weiterlesen

Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten

(auch erschienen in Tichys Einblick und fbkfinanzwirtschaft)

Aufstieg:

Das 19. Jahrhundert gehörte Deutschland, es war die Zeit eines unglaublichen Aufstiegs. “In 1785 there were 1,225 periodicals published compared with 260 in France. In 1900 Germany had 4,221 newspapers. France roughly 3,000 (and Russia 125). In the early nineteenth century, when England had just four universities, Germany had more than fifty… Germany took the lead in the establishment of scientific societies in the early nineteenth century… and [German] became the leading language of scientific scholarship… In 1900 more books were published annually in German than in any other country in the world. In 1900 illiteracy rates in Germany were 0.5 percent; in Britain they were 1 percent and in France 4 percent.” Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten weiterlesen

Der Mensch ist gut – wie gut?

(Auch erschienen in Tichys Einblick)

Im Blick auf Dostojewski und Tolstoi hat Thomas Mann von der heiligen Literatur Russlands gesprochen – jeder versteht, was damit gemeint ist. Dostojewski dringt in die Seele der sozialen Außenseiter und der Verbrecher ein, nicht um dort das Böse aufzuspüren – das sieht ohnehin jeder -, sondern um zu zeigen, dass auch der böseste Mensch letztlich ein Gewissen besitzt und um das Gute weiß – ein Bewusstsein, das bei ihm nur verschüttet war. Bei Dostojewski ist auch, vielleicht gerade, der böse Mensch im Letzten gut, er hat sich nur auf den falschen Weg begeben. Diese Botschaft ist es, die kein anderer Autor so überzeugend und mit solcher Leidenschaft in seinen Werken vertrat wie Dostojewski. Der Mensch ist gut – wie gut? weiterlesen

Dekadenz als politisches Phänomen

Nur mit größter Vorsicht sollte man das Wort Dekadenz verwenden. Zu sehr gleicht es einer Fallgrube, aus der einem moralinsaure Düfte entgegen strömen. Wie viele Politiker, von Diktatoren ganz zu schweigen, haben sich über den Sittenverfall ereifert, nur um daraus eine wirksame Waffe gegen ihre Gegner zu schmieden. Deswegen sei hier gleich zu Anfang betont, dass ich Dekadenz nicht in moralischem Sinne verstehe, sondern als ein politisches Phänomen. Dekadenz als politisches Phänomen weiterlesen

Das Uhrwerk, der Ingenieur und der Heilige Geist

(auch erschienen in: "scharf-links")

Über den heiligen Geist wissen wir wenig, und seit zehntausend Jahren hat sich unser Wissen kaum vergrößert. Über Uhrwerke wissen wir viel und mit jedem Tag mehr. Das Uhrwerk, der Ingenieur und der Heilige Geist weiterlesen

Transatlantische Besserwisser

(auch erschienen in: "scharf-links")

Irving Fisher gehörte in den zwanziger Jahren zu den gefeierten Wirtschaftswissenschaftlern, zu vergleichen nur einem Paul Samuelson oder Joseph Stiglitz in unserer Zeit. Wie nahezu alle Wirtschaftswissenschaftler von internationalem Renommee neigte auch er dazu, sich zu irren – und zwar fundamental zu irren. Transatlantische Besserwisser weiterlesen

Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang

Die tiefere Ursache für den gegenwärtig drohenden Zerfall Europas sehe ich in der von Deutschland forcierten Freihandelspolitik (siehe der „hässliche Deutsche“). Ich bin mir bewusst, dass diese Auffassung allem widerspricht, was in den Lehrbüchern über die segensreichen Wirkungen eines solchen Handels zu finden ist. Freihandelsdoktrin und ökonomischer Niedergang weiterlesen

Wozu ist Wirtschaft gut? Ein Plädoyer für die Arbeit

Bertrand Russell hat einmal gesagt, dass der Sinn des Lebens für ihn in der Erkenntnis, in der Liebe und in dem Mitleid mit den Benachteiligten liege. Und an anderer Stelle sieht er die Quelle eines glücklichen Lebens in der Befriedigung, die der einzelne aus seiner Arbeit und seinen sozialen Beziehungen erfährt. Wozu ist Wirtschaft gut? Ein Plädoyer für die Arbeit weiterlesen