Kulturkampf – die guten und die bösen Deutschen

Betrachtungen anlässlich eines Buches von Harald Welzer: Alles könnte auch anders sein.

Kultur wurzelt in der Freiheit des Menschen. Deshalb hat die Geschichte so viele Denk- und Lebensentwürfe ermöglicht, deshalb bringt sie Menschen mit radikal unterschiedlichen Überzeugungen hervor. Kultur macht Menschen innerhalb eines Lebensraums ähnlich – darin besteht ihr unmittelbarer Sinn. Sie schafft ein Fundament der Gemeinsamkeit, dessen sichtbarster Ausdruck eine verbindende Sprache ist. Aber zur gleichen Zeit errichtet sie Schranken nach außen zu anderen Lebensentwürfen, anderen Überzeugungen. Kulturelle Unterschiede können so tiefreichend sein, dass Menschen einander hassen, verfolgen und sich gegenseitig aus der Welt schaffen wollen. Dass die einen Schweine-, die anderen Kuhfleisch essen, die einen an Privat-, die anderen an Kollektiveigentum glauben, liefert bis heute einen hinreichenden Grund, die eigenen Mitmenschen gnadenlos zu verfolgen. Aber für die trennende Macht der Kultur liefert auch das heutige Deutschland einen Beweis, der umso merkwürdiger, ja umso absurder anmutet, als gerade in unserem Land die Intellektuellen sich selbst und der Welt zu beweisen suchen, dass prinzipiell alle Menschen einander gleich sind – und Unterschiede zwischen ihnen daher nur fiktiv.

Der radikale kulturelle Gegensatz ist aber unübersehbar

und er trennt die selbstdeklarierten guten von den anderen, den bösen Deutschen. Die einen sind weltoffene Kosmopoliten, für die alle Grenzen von gestern sind. Der beliebige Austausch der Völker ist in ihrer Sicht unvermeidlich, weil die anderen die gleichen Rechte haben wie wir – im Prinzip müssen wir sie daher auch alle zu uns kommen lassen, falls die eigene Heimat ihnen keine Zukunft mehr bietet. Überdies wird dieser Austausch aber auch als wünschenswert gesehen, weil die Begegnung mit anderen Menschen für beide Teile letztlich immer Gewinn und Bereicherung sei.

Dagegen haben die bösen Deutschen Angst vor den Fremden, sie suchen sich abzuschotten, sie ziehen Mauern hoch und pochen auf ihre Eigenart, die sie als – bedrohte – „Identität“ bezeichnen. In der Regel glauben sie mit dieser weit über den Fremden zu stehen. Aus historischer Sicht ist anzumerken, dass die bösen Deutschen nach dem Kriege bis etwa gegen Ende der Achtziger Jahre kaum eine Rolle spielten. Doch spätestens seit der Öffnung der Grenzen im Jahre 2015 ist ihre Zahl so angeschwollen, dass sie in Deutschland wohl jetzt schon die schweigende Mehrheit bilden.

Das ist jedoch keineswegs nur in Deutschland der Fall. In ganz Europa wie ebenso in den USA unter Trump, in Russland unter Putin und in China unter Xi geben jene, die vom Kosmopolitismus der Intellektuellen nichts wissen wollen, inzwischen den Ton an. Die „guten Amerikaner“ scharen sich um die Flagge der Demokraten, die „bösen Amerikaner“ sind eher unter Republikanern zu finden.

Der Kulturkampf zwischen den beiden Lagern

ist längst nicht mehr auf die Ebene geistiger Auseinandersetzungen beschränkt wie zwischen den neuen und alten Bundesländern in Deutschland, die immer noch durch eine Mauer getrennt sind – eine Mauer in den Köpfen. Auch sichtbare Mauern schießen weltweit in die Höhe. „180 Kilometer auf Zypern, 248 Kilometer in Korea, 550 Kilometer zwischen Indien und Pakistan. Wir sehen Mauern und Zäune zur Verhinderung von illegaler Migration, unter anderem 180 Kilometer im protofaschistischen Ungarn, 764 Kilometer, mit denen sich die Türkei gegen Syrien abgrenzt, 1130 Kilometer zwischen den USA und Mexiko (3100 Kilometer sollen es werden) und ca. 4000 Kilometer, mit denen sich Indien gegen Bangladesch abschottet. 750 Kilometer zwischen den Palästinensergebieten im Westjordanland und israelischen Siedlungen, 900 Kilometer zwischen Saudi-Arabien und dem Irak, 2500 Kilometer in der Westsahara, die Marokko beansprucht.“

All das ist natürlich keineswegs neu. Das größte jemals von Menschenhand geschaffene Bauwerk, die chinesische Mauer, verfolgte keinen anderen Zweck als die Abwehr von Migranten an der chinesischen Außengrenze – Migranten, die damals ebenso wie heute als Feinde und Barbaren bezeichnet wurden.

Allerdings gibt es Leute, die das auch ganz anders sehen, da sie Mauern einen völkerverbindenden Zweck zuschreiben; angeblich dienen sie dazu, Handelsbeziehungen anzuknüpfen. „Historische Grenzanlagen wie der Limes, der römische Grenzwall, dienten der Erhebung von Zöllen und Steuern, waren aber nicht von der Vorstellung beseelt, Menschen vom Übertritt von einem Gebiet in ein anderes abzuhalten.

Das Verhältnis zwischen den beiden Lagern der Kosmopoliten

und der Identitären – diesen Begriff möchte ich hier in seiner weitest-möglichen Bedeutung verwenden – ist nicht nur von gegenseitigem Unverständnis, sondern von unverhohlenem Hass geprägt, und zwar auf beiden Seiten. Für die Kosmopoliten sind die Identitären eine Art von geistig und moralisch zurückgebliebenen Wilden, die schon aufgrund ihrer mangelnden Bildung den Mund eigentlich gar nicht öffnen dürften. Für die Identitären hingegen sind die Kosmopoliten eine abgehoben-arrogante Oberschicht, etwa so wie die Adligen des Ancien Regime, die in der Französischen Revolution nicht zuletzt wegen ihres Dünkels von den „zurückgebliebenen Wilden“ an den Straßenlaternen aufgeknüpft wurden. Wer die Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern in den Medien verfolgt, dem wird bewusst, dass Geschichte sich zwar selten buchstabengetreu wiederholt, dass sie sich aber, wie es Mark Twain einmal sagte, durchaus zu reimen pflegt.

Dieser unselige Kampf zwischen „guten“ und „bösen“ Bürgern

führt uns allerdings nicht weiter, er spaltet Deutschland nur immer tiefer – und spaltet heute sogar große Teile der übrigen Welt. Eines Tages könnte er sogar neuerlich zu blutiger Verfolgung degenerieren. Deswegen ist es in meinen Augen zu billig, sich schlicht zum Partisanen eines der beiden Lager zu deklarieren – für einen Liebhaber fremder Kulturen wie mich wäre das natürlich das Lager der Kosmopoliten. Doch mit einem so bequemen Schritt vertieft und verfestigt man nur die Spaltung. Es geht aber darum, ihre Ursachen zu verstehen und sie durch das Verstehen zu überwinden. Darin liegt die Absicht dieses Artikels.

Auf Anhieb vermag der neue Kulturkampf überhaupt nicht einzuleuchten, weil überall auf der Welt die Verhältnisse zunehmend ähnlicher werden – man darf ruhig sagen: ähnlich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit. „Wir verzeichnen… eine rapide und tiefgehende Angleichung der Lebensweisen und Kulturformen; alle Hotels, alle Einkaufsstraßen, alle Infrastrukturen weltweit sehen sich heute weit ähnlicher, als es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren der Fall war.

So ist es – und diese Angleichung vollzieht sich vor allem im Arbeitsbereich, wo Menschen den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, also in Büros, Werkstätten und den Niederlassungen internationaler Konzerne. Dieser Bereich funktioniert weltweit nach denselben Prinzipien ökonomischer Rationalität. So wie es keine indische, deutsche oder chinesische Naturwissenschaft gibt, weil die Naturgesetze auf dem ganzen Globus ein und dieselben sind, wurden auch die Gesetze der Wirtschaft einander in zunehmendem Maße angeglichen, weil die ganze Welt von New York bis Peking immer jeweils dasjenige Modell übernimmt, welches den größten Output an Gewinn und Produktion verspricht.

Es ist wichtig, diese weltweite Uniformierung

im Blick zu haben, denn sie erklärt, warum der Mensch sich in der „Schönen Neuen Welt“, so heimatlos fühlt. Es wird ihm bewusst, dass er überall nur noch das beliebig auswechselbare Rädchen einer großen ökonomischen Megamaschine ist, die ihn rücksichtslos verwertet, solange er dazu taugt, um ihn bei Unverwertbarkeit ebenso gnadenlos wieder auszuspucken – auch das ist Teil einer rein ökonomisch verstandenen Rationalität. Solange es für den einzelnen dabei wenigstens aufwärts geht – in Form von höherem Lohn, mehr Urlaub etc. – kann er den eigenen Stolz immerhin auf diesen Umstand begründen. Das galt für die Deutschen während der ersten vierzig Jahre nach Ende des Krieges. Doch mit dieser Aufwärtsbewegung ist es inzwischen vorbei: „Die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen haben sich schnell, absichtsvoll und unauffällig vom Kampf um soziale Gleichheit auf den um symbolische Anerkennung verlagert. Anders gesagt: Sozialpolitik verwandelte sich in Identitätspolitik.

Das ist, wie wir wissen, schon einmal auf sehr unheilvolle Weise geschehen

1929 hat die aus Amerika auf Europa übergeschwappte Große Depression den damals seit wenigen Jahren unverkennbaren wirtschaftlichen Aufstieg mit einem einzigen ökonomischen Faustschlag wieder zunichte gemacht. Nicht nur der Stolz auf einen bescheidenen Fortschritt wurde für Millionen von Arbeitern völlig zerstört, sondern diese Menschen endeten als Wracks vor den Suppenküchen: Sie waren nichts mehr wert, weil sie sich wertlos fühlten. Das war die große Stunde der Demagogen. Hitler erklärte damals, „niemals in meinem Leben habe ich mich so wohl und innerlich zufrieden gefühlt wie in diesen Tagen /des Zusammenbruchs/“ (Joachim Fest, 1973).

Was bleibt den Millionen Rädchen

in der sie verwertenden Wirtschaftsmaschine, wenn sie ihre Arbeit als nutzlos empfinden und sich selbst ohne Wert? Was bleibt ihnen, wenn sie von der materiell meist sehr viel besser gestellten und in ihrem Selbstwertgefühl gefestigteren Intellektuellenschicht auch noch geringschätzig für ihre Dummheit belächelt werden? Wie fühlen sie sich, wenn die Kosmopoliten statt auf das Elend der eigenen Landsgenossen mit viel größerem Interesse auf die Not der Fremden blicken? Es ist wahr, die Kosmopoliten haben sich teilweise mit größter persönlicher Aufopferung um die geschundenen Menschen aus Syrien gekümmert – und die Welt hat sie dafür zu Recht bewundert. Aber sind sie zuvor in die neuen Bundesländer geströmt, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ so viel triste Verwahrlosung und psychische Leere herrschen? Viele der Menschen dort fühlen sich zurückgesetzt, verachtet und hintergangen (die Frauen liefen ihnen noch dazu in den reicheren Westen davon). Sie rächen sich nun, indem sie gefährlich werden.

Was ich damit sagen will?

Wir sollten begreifen, dass Demagogen und Populisten niemals die alleinige Schuld an späterem Unheil tragen, z.B. daran, dass die aufgehetzten Massen die Adligen an den Laternen aufknüpften und dass sie Minderheiten zu Fremden machten, die sie dann mordend verfolgten. Schon wahr, die unmittelbare Verantwortung tragen die Hetzer, aber der Grund dafür, dass sie überhaupt eine Chance erhielten, liegt tiefer und weiter zurück. Denn das Unheil beginnt genau in dem Augenblick, da man den Massen das Gespräch verweigert und diese sich dadurch im Stich gelassen fühlen. Die Eliten haben vergessen, dass „der Prozess der Zivilisation… gar nicht zu denken /ist/, ohne dass Menschen gelernt hätten, sich trotz aller kultureller, religiöser, mentaler Verschiedenheit friedlich zu begegnen und voneinander… zu lernen.“

Das sind richtige und schöne Worte, nur werden sie auch von denen, die sie verkünden, auf den konkreten Fall gerade nicht angewendet! Von jener schweigenden Mehrheit, die in der AfD, der Lega, dem Rassemblement National, in Orbans Fidesz und Polens Partei für Recht und Gerechtigkeit nach Gleichgesinnten suchen, wollen die „aufgeklärten Kosmopoliten“ nichts wissen und schon gar nichts lernen, die halten sie sich im Gegenteil soweit wie irgend möglich vom Leibe. Bewusste Ausgrenzung und Ver-Teufelung – in ganz wörtlichem Sinne – ist ihre Parole. Die kosmopolitische Elite fühlt sich intellektuell zu überlegen, um sich zu einem Dialog mit solchen Leuten herabzulassen. So wurden die Brücken von beiden Seiten bewusst abgebrochen, „der Prozess der Zivilisation“ zählt nicht mehr. In den USA stehen die Lager einander inzwischen mit so unversöhnlicher Feindlichkeit gegenüber, dass ein Staatsversagen und anschließender Staatszerfall nicht mehr undenkbar erscheinen. 

Solange die Eliten sich für die Massen verantwortlich fühlen,

d.h. mit ihnen sprechen und streiten, besteht keine Gefahr. Bis zu Ludwig dem 14. lebten die französischen Adligen mehrheitlich auf ihren Gütern. Zwar beuteten sie die Bauernschaft rücksichtslos aus, aber sie waren zu jeder Zeit sicht- und ansprechbare Herren – und das verschaffte ihnen Prestige, denn in jeder Kultur orientieren sich die Menschen an den Eliten – in der Regel blicken sie mit Ehrfurcht zu ihnen empor. Ludwig 14. aber zog die Adligen in die Hauptstadt und nach Versailles. Von da an sahen die Bauern nur noch die Steuereintreiber, die Herren selbst waren für sie unsichtbar geworden – die französische Elite hatte mit dem eigenen Volk nichts mehr zu tun, stattdessen fühlte sie sich aufs engste verbunden mit den Gesinnungsgenossen im Ausland, also mit dem aufgeklärten Adel in England, Deutschland, Italien. Der Adel war kosmopolitisch im besten Sinne des Worts und zugleich verantwortungslos dem eigenen Volk gegenüber, und zwar im schlechtesten Sinne des Wortes…

Auch in diesem Fall reimt sich Geschichte

Wie sehr, das beweist zum Beispiel die Entwicklung des deutschen Unternehmertums. Dieses hat recht gut funktioniert, als es noch die Familienbetriebe gab, wo der Chef für alle Betriebsangehörigen sicht- und ansprechbar war. Man musste einander durchaus nicht lieben, es genügte gegenseitige Achtung und die Fähigkeit zur Kommunikation. Sobald die Betriebe sich jedoch zu Großkonzernen mit komplexen Hierarchien auswuchsen, ging der direkte menschliche Kontakt verloren. Das Band zwischen der Elite und der arbeitenden Mehrheit wurde immer dünner und ist oft völlig gerissen. Das ist heute nicht anders als im 18. Jahrhundert vor der französischen Revolution.

Wir haben es hier mit einem echten Kulturkampf zu tun

einem Kampf zwischen oben und unten. Wenn die Kosmopoliten behaupten, die Menschen seien überall gleich, nur weil sie seit etwa fünfzigtausend Jahren dasselbe genetische Erbe besitzen, so ist das nur eine halbe – und deswegen leider auch eine durchaus falsch verstandene Wahrheit. Gleich sind wir nur, wenn wir als Säuglinge auf die Welt gelangen, denn zu der Zeit sind wir noch alle gleich formbar. Aber schon in den ersten Monaten unseres Lebens setzt die kulturelle Schulung ein – und die kann uns grundverschieden machen. Die verlorenen Massen aber wurden gleichgemacht – in der uniformen ökonomischen Megamaschine fühlen sie sich aller Identität beraubt, die ihnen einen eigenen Wert und Selbstrespekt geben könnte. Sie fühlen sich nicht nur von der eigenen Elite verraten, wenn diese sich mehr um die Fremden als um das Schicksal ihrer ärmeren Landsgenossen bemüht, sondern das bloße Vorhandensein von Fremden, die ihre eigene Art zu denken, zu fühlen, zu reden nicht teilen, verunsichert sie zusätzlich. Wenn schon die eigene Elite nicht auf sie hört, wieviel weniger werden es die Fremden tun?

Das Misstrauen gegen Fremde, das Demagogen so leicht in Hass ummünzen, wurzelt letztlich in der eigenen Unsicherheit. Man sucht nach Wert und Rechtfertigung für die eigene Existenz, aber die Elite hat nichts zu bieten; die hat sich abgewendet, sucht die Kommunikation mit den Gleichgesinnten überall sonst in der Welt – so wie der kosmopolitische französische Adel vor der Revolution.

Was das für die Zukunft bedeutet?

Nichts Gutes, wenn man bedenkt, dass selbst die intelligentesten Vertreter der adligen Elite noch zehn Jahre vor Ausbruch der Revolution nur mit Hohnlachen auf Prophezeiungen von der Art reagierten, dass ihr König noch vor dem Ende des Jahrhunderts unter der Guillotine enden würde. Eine solche Behauptung wurde bis zum letzten Moment als dumm, undenkbar und albern abgetan. So ist es bis heute geblieben, weil die großen Krisen bekanntlich so gut wie niemals vorausgesagt werden. Heute muss jeder mit einem Hohnlachen rechnen, der prophezeien würde, dass die missachteten Massen wiederum Geschichte – eine unheilvolle Geschichte – machen könnten. Das aber geschieht immer, wenn sich Teile der Bevölkerung von den übrigen absondern und dabei die sozial wichtigste Einsicht vergessen: „Eine menschliche Welt besteht im Zwischenmenschlichen.

* Die kursiv und in Anführungszeichen gedruckten Passagen sind sämtlich dem höchst geistreichen Buch von Harald Welzer entnommen: „Es könnte alles auch anders sein“. Welzer ist hervorragend informiert und reitet auf allen Sätteln gekonnten Argumentierens. Das Buch hat in meinen Augen nur einen Fehler. Der Autor weiß ganz genau, welche Tabus er beachten muss, um bei jenem kosmopolitischen Publikum anzukommen, aus dem seine Leser stammen.

Hitler, Arendt, Hoffer. Oder: Das Genie als Prolet

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Er hätte ein typischer Vertreter des Proletariats sein können, denn er gelangte in seinem Leben nie über Gelegenheitsarbeiten als Erntehelfer und Hafenarbeiter hinaus und hatte in seiner Jugend nicht einmal die Schule besuchen können. Anders gesagt, hätte Eric Hoffer für Marx ein Paradebeispiel für den Typus Mensch abgeben müssen, dessen Klassenbewusstsein allein durch das Sein bestimmt wird. Aber dieser Sohn eines einfachen ausgewanderten Tischlers, der wie viele andere Deutsche gegen Ende des 19. Jahrhunderts sein Land verlassen hatte, um sein Glück in den USA zu versuchen, widerlegt auf spektakuläre Art die von Marx behauptete Abhängigkeit von Bewusstsein und Sein. Dieser scheinbare „Prolet“ redete keineswegs über die Härte seines persönlichen Schicksals, er begehrte überhaupt nicht auf, sondern sann über den Entwicklungsgang der Staaten und jener Männer nach, die ihren Gang maßgeblich bestimmen. Dieser einfache Arbeiter, mindestens eine halbe Woche damit beschäftigt, genug Geld für das eigene Überleben zusammenzukratzen, verbrachte die zweite Hälfte der Woche damit, in unstillbarer Wissbegier die Weltliteratur zu durchforsten und über Dinge zu grübeln, die mit seinem eigenen Leben so gut wie nichts zu tun hatten. Wenn man die Fähigkeit, nur an andere zu denken und dabei ganz von den eigenen Bedürfnissen abzusehen, manchen Heiligen der Vergangenheit zuerkennt, dann gilt diese Qualität ganz besonders für Eric Hoffer: den heiligen Proletarier.

Hoffer selbst hat die eigene Geistesverwandtschaft nicht mit anderen Angehörigen der eigenen Klasse gesehen, sondern mit einem französischen Adligen, dem grübelnden Philosophen Michel de Montaigne. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Hier der für den eigenen Unterhalt schwer arbeitende Proletarier, dort der Mann, dem schon die Geburt eine herausragende gesellschaftliche Stellung gesichert hatte. Aufgrund seines Reichtums verfügte Montaigne über genug Muße, um frei von aller Parteilichkeit, von aller Eiferei und von allen Bekehrungsgelüsten jene Überlegungen über die menschliche Natur anzustellen, die noch heute mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Aber Hoffer ist viel näher an unserer Gegenwart – er starb erst 1983. Was dieser Mann uns in seinem berühmten Erstlingswerk „The True Believer“ (Der Fanatiker) zu sagen hat, und zwar in Form von verblüffenden Aphorismen und psychologisch tiefsinnigen Räsonnements, ist zugleich zeitlos und aktuell. Es hinterlässt sofort den Eindruck, dass sich hier – um in Nietzsches Worten zu reden – ein freier Geist, ein besonderes Genie offenbart. Denn Hoffer ist alles zugleich: ein bis in die schwärzesten Winkel der menschlichen Seele ohne jede Scheu hinabblickender Psychologe und ein erbarmungslos sezierender Wissenschaftler, der den Menschen als soziales Herdentier untersucht. Mit anderen Worten, ein überragender Soziologe und Politologe, für dessen gerade einmal 170 Seiten umfassendes Buch man getrost ganze Bibliotheken aus der Feder durchschnittlicher Vertreter dieser beiden Fächer hingeben mag.

Da dieser Mann in linken Diskussionsforen nicht einmal erwähnt wird, wage ich zu behaupten, dass man sein Porträt, von seinen Schriften ganz zu schweigen, weder in den Parteizentralen findet noch bei den Jüngern des linken Lagers. Die Frage ist, warum? Muss diese Tatsache nicht überaus merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, dass Eric Hoffer wie kein anderer den „denkenden Proletarier“ repräsentiert, während Marx, Engels, Lassalle, Kautsky oder Tucholsky nicht einmal Arbeiter, geschweige denn Proletarier waren, sondern allesamt einem teilweise recht wohlhabenden Bürgertum entstammten – eine Zugehörigkeit, die nach orthodoxer Lehre ihr Klassenbewusstsein doch von vornherein verfälscht haben musste? Warum hat man widerspruchslos akzeptiert, dass sich Sprösslinge aus dem Bürgertum anmaßen durften, über Wesen und Schicksal der Unterschicht zu befinden, die ihnen im Grunde doch ganz fremd sein musste, während ein Mann wie Hoffer, der ein Leben lang dieser Schicht zugehörte, für die Linke bis heute so gut wie nicht existiert?

Dafür gibt es einen einleuchtenden Grund: Hoffer ist ein Mann der Gerechtigkeit, aber die Ideologen aller Couleur führt er schlicht und mühelos ad absurdum. Die Provokation beginnt schon damit, dass er – ganz wie Hannah Arendt, aber völlig unabhängig von ihr – keinen Unterschied zwischen linken und rechten Fanatikern (den „true believers“) macht. Doch endet die Herausforderung keineswegs bei dieser Einsicht; tatsächlich geht Hoffer noch sehr viel weiter als Hannah Arendt (die übrigens in einem Brief an Karl Jaspers auf überschwängliche Weise von ihm sprach, nachdem es 1955 zu einer Begegnung mit dem damals 53-jährigen Hoffer gekommen war). Für Hoffer steht fest, dass der Fanatismus der Weltverbesserer seine Wurzeln in persönlicher Unzulänglichkeit hat: wer ein erfülltes Leben führt, weil er fähig ist, das eigene Sein kreativ zu gestalten, der habe kein Interesse am Umsturz der bestehenden Ordnung. „Der Glaube an eine heilige Sache ist in hohem Maße ein Ersatz für den verlorenen Glauben an uns selbst.“ Der „Frustrierte“ projiziere sein eigenes Versagen in Welt und Gesellschaft, die er eben deshalb radikal ändern will. Dies sei der Grund, warum man so oft gescheiterte Künstler unter den heftigsten Verneinern der herrschenden Zustände finde. Hitler versuchte sich erfolglos als Maler und Architekt, Goebbels als Dramatiker, Romancier und Dichter, Schirach als Dichter, Funk in der Musik, Streicher in der Malerei. Marat, Robespierre, Lenin, Mussolini und Hitler seien herausragende Beispiele für Fanatiker aus den Rängen nicht-kreativer Männer des Worts.

Nicht genug mit dieser erbarmungslosen psychologischen Tiefenanalyse, geht Hoffer noch einen Schritt weiter. Auf die jeweilige Ideologie einer Bewegung komme es ohnehin in den seltensten Fällen an. Was die Leute wirklich wollen und was ihnen die fanatischen Führer von rechts und links tatsächlich geben, sei das Gefühl „dazuzugehören“, auszubrechen aus der unerträglichen Isolierung des eigenen Selbst, aus der Unzufriedenheit mit dem eigenen unscheinbaren oder verhassten Ego, um in einem Größeren und Umfassenden aufzugehen: einer Bewegung. Die jeweilige Ideologie sei eher Nebensache, sie habe keine andere Funktion als die einer Fahne, unter der die Gläubigen sich versammeln. Deswegen habe Hitler nur die Intellektuellen, die Skeptiker und Liberalen wirklich gehasst, während er in Stalin einen Gesinnungsgenossen erblickte. Bekehrte Kommunisten, so seine Weisung, könne man sofort in die nationalsozialistische Partei aufnehmen. Wir dürfen daher behaupten, dass Hitler selbst sich schon vor Hannah Arendt und Eric Hoffer der geistigen Nähe und Austauschbarkeit der Fanatiker von Links und Rechts deutlich bewusst war!

Bei uns, den Kommentatoren des heute vorherrschenden Zeitgeistes, müssen solche Gedanken gerade zu Beginn des neuen Jahrhunderts wieder ein Déjà-vue-Echo erwecken. Auch in Amerika richtet sich der Hass der fundamentalistischen Evangelikalen ja nicht vorrangig gegen die ebenso kämpferischen Muslime oder fanatischen Atheisten – da spricht ein Ungeist zum anderen -, sondern er kehrt sich gegen die Zweifler und liberalen Skeptiker – die bilden das eigentliche Hassobjekt des Fanatismus. Man sieht, Hoffer ist zeitlos in seinen Analysen, aber er ist es auf eine Art, welche den Eiferern von links und rechts gleich wenig gefällt. Wie Montaigne steht er seltsam einsam über der lärmenden Gegenwart und spricht nur zu jenen, die sich selbst die Freiheit von ideologischer Enge bewahren. Nur bedeutende Denker wie Bertrand Russell oder Hannah Arendt waren in der Lage, Hoffer als das zu würdigen, was er in Wahrheit war: ein einsames Genie.

Zwischendurch könnte man Hoffer freilich auch anders lesen, nämlich als ein Lehrbuch für angehende Diktatoren. Er beschreibt nämlich genau, was diese tun oder lassen sollten, wenn allein der Erfolg entscheidet. Wladimir Putin und Xi Jinping werden Hoffer gewiss nicht gelesen haben: aber intuitiv handeln beide genau nach seinen Erkenntnissen. Regierungen, sagt Hoffer, werden nur selten dann gestürzt, wenn die Verhältnisse unerträglich sind oder sie zu hart, zu unduldsam, zu grausam gegen die Bürger verfahren, sondern im Gegenteil: wenn sie Zeichen zu großer Nachgiebigkeit und Schwäche zeigen. In dem Jahrzehnt vor der französischen Revolution ging es Frankreich ökonomisch weit besser als in den beiden auf sie folgenden Jahrzehnten, in Russland erfolgte die Revolution nach der weitgehenden Befreiung der Muzhik aus der Leibeigenschaft,  und die Bauernkriege, die zur Zeit Luthers stattfanden und für die er wesentlich die Verantwortung trägt, brachen in Gegenden aus, wo es der Landbevölkerung relativ gut ging. Aber in all diesen Fällen hatten zunächst „Männer des Worts“ Gedanken des Umsturzes ausgesprochen und damit an den Festen des Staats gerüttelt.

Männer des Worts! Intellektuelle. Die spielen bei Hoffer eine besondere Rolle, zum Beispiel Luther. Solange der große Reformator die Kirche als herrschende Macht in Frage stellte, sprach er von dem „armen, einfachen, gemeinen Volk“, kaum hatte er sich selbst mit der Macht, d.h. mit den Fürsten, verbündet und genoss deren Schutz, da redete er völlig anders: „Gott stellt sich lieber auf die Seite einer Regierung, sie mag noch so schlecht sein, als auf die Seiten der Lumpen, die gegen sie rebellieren, so gerechtfertigt deren Sache auch ist“ (Rückübersetzung aus dem Englischen). Männer des Worts stellen, so Hoffer, einen permanenten Herd der Unruhe dar: Rebellionen und Revolutionen gehen in der Regel von ihnen aus. Deshalb schützt ein Staat sich am besten vor ihnen, indem er ihnen den Lebensunterhalt sichert. „Hätte man Luther im rechten Moment ein Bistum angetragen, dann hätte dies möglicherweise seine Begeisterung für die Reformation abgekühlt.“ Die Jahrtausende währende weitgehende Stabilität des Chinesischen Kaiserreichs führt Hoffer darauf zurück, dass die Intellektuellen, welche die schweren Prüfungen der staatlichen Akademie bestanden hatten, mit einem sicheren Arbeitsplatz rechnen konnten. Dieselbe Beobachtung hätte Hoffer auch im Hinblick auf Indien machen können, wo Lesen und Schreiben ohnehin ein Vorrecht der Brahmanen war.

Der Umkehrschluss gilt natürlich genauso: Missachtete oder gar arbeitslose Intellektuelle bilden ein ständiges Potential von Aufruhr und Umsturz. Sie projizieren ihr eigenes Leid in die Welt hinaus. Zustimmend zitiert Hoffer Thoreau: „Was den /selbsternannten/ Reformer in Wirklichkeit quält, ist, wie ich glaube, viel weniger Sympathie für das Leid seiner Mitmenschen, sondern – auch wenn er der heiligste Sohn Gottes ist – sein privates Ungemach. Lass dieses berichtigt werden … und er wird seinen /früheren/ Kampfgenossen ohne jede Entschuldigung den Rücken kehren.“ Sein leidenschaftsloser Umgang mit dem Fanatismus frustrierter Gemüter hinderte Hoffer jedoch nicht an der Einsicht, dass diese recht häufig die folgenreichsten gesellschaftspolitischen Veränderungen bewirken.

Hoffer bringt es fertig, Staat und Menschen sine ira et studio mit so unerbittlicher objektiver Kälte zu sezieren, als hätte er es mit einem Ameisenhaufen zu tun. Das hat ihm den Vorwurf des Zynismus eingetragen. In der analytischen Unbeirrbarkeit seiner Analysen ähnelt er Spinoza, unterscheidet sich in diesem Punkt aber von seinem Vorbild Montaigne, denn dieser lässt seinen Blick zwar ebenso unbeirrt über die Menschen und ihre Schwächen gleiten, aber er tut es doch immer wieder mit Nachsicht und manchmal auch voller Mitleid. Denn – und dies übersehen zu haben, ist eine Schwäche, die man Hoffer wohl vorwerfen darf – es gibt das Mitleid, es gibt Hilfsbereitschaft und es gibt Ideale, für die manche Menschen durchaus die größten persönliche Nachteile erleiden, ohne dabei an den eigenen Vorteil zu denken. Nur in einer Nebenbemerkung räumt Hoffer selbst auch diese Möglichkeit ein. „Die Tomate und der Nachtschatten gehören beide zur Familie der Solanaceae, aber die eine ist nahrhaft und der andere giftig.“

Vielleicht wird man diese Teilblindheit Hoffers darauf zurückführen dürfen, dass dieser Mann einen unglaublichen Stolz besaß und nichts so sehr fürchtete, als dass man ihm auch nur einen Anflug von Selbstmitleid vorwerfen würde. Daher seine gnadenlose Objektivität, so als spiele seine persönliche Existenz nicht die geringste Rolle, wenn er über die Menschen und über die Menschheit redet. In dieser Hinsicht ist er noch stolzer, aber auch ehrlicher als Friedrich Nietzsche. Dieser war, wie man weiß, einer der dünnhäutigsten, empfindlichsten, verletzbarsten Menschen, der in Turin beim Anblick eines Kutschers, der sein Pferd erbarmungslos prügelte, in Tränen ausbrach und sich anschließend an den Hals des Tieres warf. Aber Nietzsche machte sich selbst etwas vor, als er im Zarathustra sozusagen das Gegenbild zu sich selbst erschuf, einen Prediger der Gewalt, der sich, wenn es sein muss, alle Regungen der Menschlichkeit versagt.

Hoffer machte sich gar nichts vor. Er fordert nicht, die da oben von ihrem Thron zu stürzen, nur weil er selbst ganz unten stand. Er hätte sich selbst und sein ganz persönliches Ressentiment dabei nur zu deutlich durchschaut. Hoffer war eben auch für sich selbst ein Objekt der Erkenntnis. Im Übrigen gab es für ihn sehr wohl ein Ideal, und das war eine Gesellschaft, in welcher der einfache Mann den Ton angibt, weil er „keinen König, keinen Hitler und keinen Stalin braucht, um seine Straßen, seine Dämme, seine Fabriken, seine Schulen, seine Sportplätze, Parks und Vergnügungsstätten zu bauen. Hier hat der einfache Mann zum ersten Mal in der Geschichte wirkliche Freiheit erfahren.“ Gemeint sind natürlich die Vereinigten Staaten von Amerika.

Hoffer schrieb diese Zeilen in den sechziger Jahren. Er hat nicht gesehen, dass in dieser Zeit Amerika bereits zu einem anderen Staat geworden war, einem Staat des oberen einen Prozents, welches Politik und Wirtschaft aus dem Hintergrund lenkt und sich um den einfachen Mann kaum noch zu kümmern braucht. An Hoffer beweist sich eine alte Wahrheit. Wer die Vergangenheit in der Distanz mit großem Scharfsinn erhellt, bringt deswegen noch längst nicht die Voraussetzung mit, um die Gegenwart aus unmittelbarer Nähe richtig zu bewerten. Tatsächlich endete dieser Mann, der sich zum Anwalt der kleinen Leute machte, schließlich bei den Neokonservativen, am Ende seines Lebens wurde er, so muss man es leider sagen, zum Reaktionär.

Hoffer ist ein Mann voller Widersprüche. Er verachtete die Intellektuellen, aber war selbst einer von ihnen – einer der größten. Er wollte das Beste für die kleinen Leute, aber beschäftigte sich vor allem mit den großen, den Aristokraten, Königen und Diktatoren. Er lebte in den Vereinigten Staaten, aber er las vor allem europäische Autoren. Mit anderen Worten, er war nicht dies oder jenes, sondern ein Mensch mit allen Gegensätzen. Deswegen lohnt es sich so sehr, diesen Mann auch heute noch zu lesen. In den Vereinigten Staaten gilt er mit Recht als einer der großen Denker, verdient es aber, auch in der übrigen Welt als ein Seher gewürdigt zu werden.

Zu einem solchen wurde Hoffer möglicherweise schon in seiner Jugend, da er zwischen sieben und fünfzehn Jahren aufgrund eines Unfalls erblindete (wie er selbst zumindest behauptete – tatsächlich liegen die ersten dreißig Jahre im Leben dieses Mannes völlig im Dunkeln. Vermutlich war Hoffer als illegaler Migrant ins Land gekommen).

Hoffer Mann besaß die seltene Fähigkeit, ganz von sich selbst abzusehen, aber letztlich sprach er doch immer nur über sich selbst. Denn er beweist, was ein Mensch aus sich machen kann, selbst wenn er ohne Schulbildung aufwächst und die Hälfte seines Lebens mit dem Schleppen von Lasten und anderen Frondiensten verbringt. Wenn es einen denkenden Proletarier gibt, der diesen Namen verdient, dann ist es Eric Hoffer, ein Heiliger, den die Fanatiker von links wie von rechts aber wohl nie wirklich schätzen werden, dazu steht Hoffer zu hoch über ihnen: dieser Mensch ist zu frei, zu souverän.

Postskriptum: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf New York und Washington wurde The True Believer neuerlich gedruckt. Dschihadisten schienen Hoffers fünfzig Jahre altem Drehbuch im Detail zu folgen. Junge Männer schlossen sich der islamistischen Sache ohne äußere Nötigung an und gingen freiwillig in den Tod in der Hoffnung auf versprochene Belohnungen in einer verwandelten Existenz.

Mehrfach zitiert wird Hoffer in meinem (bisher noch unveröffentlichten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).

Welcher Liga gehört Herr Christoph Steskal an? Betrachtungen über einen Lektor des Propyläenverlags

Einem Spitz verzeiht man, dass er hin und wieder die Statuen großer Männer anpinkelt, das liegt nun einmal in der Natur dieser Tiere, aber wenn er den Mond anbellt, dann begreift jeder, dass sich der Winzling an einem zu hohen Ziel vergreift. Hör auf, rufen wir dem kleinen Kerl zu. Der Mond geht dich nichts an. Das ist nicht deine Liga!

Man hat es mir keineswegs übelgenommen, ja, ich vermochte Topexperten wie Bert Rürup und Gerhard Scherhorn – beide „Wirtschaftsweise“ – mit Büchern wie „Die Arbeitslose Gesellschaft“ und „Das Pyramidenspiel“ auf Anhieb zu überzeugen. Aber nun – ja nun bedroht mich offensichtlich der Größenwahn – vielleicht eine atypische Alterserscheinung?

Wissen Sie denn überhaupt, in welcher Liga Sie da mitspielen?“, empörte sich Herr Dr. Steskal vom Propyläenverlag, als ich ihn fernmündlich über mein Manuskript „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ befragte. Nein, die Liga hatte ich nicht bedacht. Die entscheidende Frage, so war ich eigentlich überzeugt, hätte für einen Lektor doch lauten müssen, ob das Buch sachkundig und lesbar geschrieben, gut recherchiert, in den Thesen überzeugend und einem gebildeten Publikum zumutbar sei. Auf die Lesbarkeit scheint so ziemlich Verlass zu sein. Meinhard Miegel, der selbst mit so bildhafter Eindringlichkeit zu schreiben versteht, attestiert mir in freundlicher Übertreibung einen „brillanten Stil“. Alfred McCoy, ein bekannter amerikanischer Historiker, sprach von „well written“, nachdem er die letzten zehn Seiten meiner englischen(!) Übersetzung des Buches gelesen hatte. Herr Steskal denkt darüber offenbar anders. Breitbeinig pflanzt er sich vor dem Walhalla der vermeintlichen Götter seines Verlages auf, um mir den weiteren Zugang in das Heiligtum zu verwehren. Seiner Meinung nach hatte ich mich in der Liga vergriffen.

Von seinem Standpunkt aus betrachtet hat der Mann sogar recht. Hätte er sich nämlich dazu entschlossen, nicht mich, sondern die Sache selbst zu bewerten, also Sachkunde, Lesbarkeit, Überzeugungskraft und die Aufnahme durch ein gebildetes Publikum zu bewerten, dann wäre er dabei auf  die eigene Urteilskraft und  den eigenen Verstand angewiesen. Mit anderen Worten, er selbst würde Risiko und Verantwortung tragen. So viel Charakterstärke ist aber ein eher seltenes Phänomen. Da geht man lieber auf Nummer sicher: Trägt ein Sachbuchautor einen Professorentitel oder ist er gar in einem renommierten Institut verankert, dann ist der Lektor jedenfalls aus dem Schneider: Seine Hände kann er in Unschuld waschen. Nach der Liga braucht er dann gar nicht zu fragen. Soviel Mittelmaß das von ihm verlegte Buch auch besitzen mag: Die Verantwortung trägt nicht der Lektor, die tragen Autor, Institut und Titel.

Hätten Sie sich die Mühe gemacht, sehr geehrter Herr Steskal, das Manuskript aufmerksam zu lesen, dann wäre Ihnen sofort aufgefallen, dass diese historisch-soziologische Expedition in die Geschichte von Sammler-Jägern bis zu den heutigen Supermächten zunächst einmal ein Kompendium ist, das einige der wichtigsten und faszinierendsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte zusammenfasst. Ich weiß nicht, wie groß ihr historischer Wissensstand ist, aber sicher nicht von so überragender Weite, dass Ihnen diese Erkenntnisse sämtlich bekannt sein könnten: Ich habe sie immerhin aus den Werken von Dutzenden zeitgenössischen Autoritäten geschöpft. Schon deswegen hätte sich eine sorgfältige Lektüre möglicherweise auch für Sie persönlich gelohnt.

Nein, sagen Sie jetzt bitte nicht, dass eine solche Zusammenfassung – horribile dictu – nichts als Populärwissenschaft sei, der man in Ihrem Verlag keinen Platz einräumen wolle. Sie wären froh, Herr Steskal, einen Mann wie Yuval Noah Harari unter ihre Autoren zählen zu dürfen, den man sicher als genialen Kompilator bezeichnen könnte. Es kommt darauf an, was ein Autor aus den unzähligen Anregungen und Fakten macht, die er zu einem Buch gestaltet. In meinem Fall sind es vor allem gewisse grundlegende Gedanken Max Webers, die der Arbeit ihre besondere Richtung und vielleicht auch ihre Bedeutung geben. Obwohl die neuere anthropologische, historische und wirtschaftswissenschaftliche Forschung weitgehend angelsächsischer Provenienz ist und Deutschland sich nicht nur politisch, sondern auch in intellektueller Hinsicht in die Rolle eines Satelliten abdrängen ließ, sind die großen Gedanken dieses Mannes immer noch richtungsweisend. Jedenfalls haben sie auf dieses Buch einen maßgeblichen Einfluss ausgeübt.

Wie kann jemand größenwahnsinnig werden, sich in der Liga irren, wenn er über Sapiens schreibt, dessen Größe so zweifelhaft ist, weil er nur selten Engel war, viel öfter dagegen ein Teufel? Selbstbewusst bin ich trotzdem, weil ich auf etwas gestoßen bin, das eine Perspektive der Hoffnung öffnet: Selbst in der Rolle des Teufels hat der Mensch immer noch ein Gewissen, ja gerade dann äußert sich dieses mit erkennbarer Evidenz. Schon den frühesten historischen Zeugnissen ist zu entnehmen, dass Menschen gerade für die grausamsten Taten vor sich selbst und anderen nach Rechtfertigung suchen. Eine Geschichte der moralischen Rechtfertigung ist aber bisher noch nicht geschrieben worden. Hier liegt einer der Angelpunkte meiner Arbeit – ich nehme an, dass Sie, Herr Steskal, diese Wahrheit schlicht übersehen haben. Dennoch ist gerade sie überaus wichtig, liefert sie doch den empirischen Beweis, dass Sapiens seit mindestens 50 000 Jahren nicht nur in seiner genetischen Ausstattung von damals bis heute derselbe geblieben ist, sondern eben auch in moralischer Hinsicht.

Diese historisch bezeugte Identität leitet dann über zu unserer Gegenwart und in die Zukunft. Ist es vermessen, das Ziel der Geschichte so zu sehen wie Immanuel Kant, H. G. Wells, Arnold Toynbee, Bertrand Russell, Albert Einstein? Bin ich Ihrer Meinung nach nicht befugt, deren Überzeugungen zu übernehmen?

Sehr geehrter Herr Steskal, ein Autor – vermutlich jeder Autor – neigt zur Überschätzung seiner selbst und seiner Leistungen. Insofern gelingt es wohl kaum einem von ihnen, bis in die Liga aufzurücken, wo er sich selbst gern sehen würde, aber ein Lektor, der danach strebt, auf Nummer sicher zu gehen – also nicht nach der Sache fragt, sondern nach den Referenzen des Autors – wird mit Sicherheit selbst immer nur dem Mittelmaß zugehören. Um es in Ihren Worten zu sagen, „Sinn und Ziel“ fiel nicht in Ihre Liga. Denn da hätten Sie mitdenken, mitwissen, verantwortlich entscheiden müssen. Das aber liegt offensichtlich nicht in Ihrer Natur.

(Das deutsches Original meines Buches liegt jetzt bei einem anderen Verlag, aber die englische Übersetzung ist – zeitweilig zumindest – über das Netz verfügbar:  “In Search of Meaning and Purpose in History„.http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf))

Ishiguro – Kehlmann – Houellebecq. Ein europäisches Dreigestirn

Von Schriftstellern heißt es, sie seien das Gewissen ihrer Zeit, die feinsten Seismographen für die tektonischen Verschiebungen der Seele. Die drei genannten zählen zu den größten in den drei Sprachräumen, denen sie angehören: dem englischen, dem deutschen und dem französischen. Welche Schlüsse sind aus ihren Werken auf unsere Zeit, auf den Seelenzustand Europas zu ziehen? Ishiguro – Kehlmann – Houellebecq. Ein europäisches Dreigestirn weiterlesen

Huxleys Schöne Neue Welt

Noch während der Abfassung seines Meisterwerks schien Huxley selbst im Zweifel gewesen zu sein, wie man es zu verstehen habe. Soll man darin eine Satire sehen, eine Prophezeiung oder gar eine Anleitung für politisches Handeln? Huxleys Schöne Neue Welt weiterlesen

Ilija Trojanow – der Weltensammler als Populist

 

Am 22. Mai kam in den sieben Uhr Nachrichten von des österreichischen Kultursenders Ö1 Ilija Trojanow über sein neues Buch „Nach der Flucht“ zu Wort. Er beschrieb das Erlebnis der Befreiung, der erfüllten Wissbegierde, welche das Wandern zwischen den Welten in einem aufnahmebereiten Geist bewirkt. Schon Goethe hatte Ähnliches mit den Worten zum Ausdruck gebracht, dass ein kluger Mensch auf Reisen am meisten lerne. Man braucht jedoch nicht einmal besonders klug zu sein, um die Konfrontation mit anderen Menschen, anderen Kulturen als einen Ausbruch aus der Enge des eigenen Selbst und der Routine des Alltags zu empfinden. Ilija Trojanow – der Weltensammler als Populist weiterlesen

Wikipedia deutsch – ein Populistenforum?

Die Idee ist grandios, kein Wunder, dass sie in kürzester Zeit die gedruckten Enzyklopädien Brockhaus, Britannica etc. hinweggefegt hat. Nicht länger sollten da Elfenbeinturmgelehrte über Rang und Bedeutung ihrer Mitmenschen richten, sondern ein demokratisches Forum von Bürgern, auf dem jeder seine Stimme abgeben kann. Wikipedia deutsch – ein Populistenforum? weiterlesen

Auf der Suche nach dem verlorenen Feind

(auch erschienen in "Tichys Einblick")

Unter Philosophen ist es üblich, in der pluralistischen Gesellschaft so etwas wie den End- und Zielpunkt moderner sozial-politscher Entwicklung zu sehen. Diesen Standpunkt vertritt eine Wiener Philosophin namens Isolde Charim mit viel Beredsamkeit. Ihr zufolge sei es ein natürlicher und wünschbarer Prozess, dass sich Identitäten auffächern, verschmelzen und ins Amorphe auflösen, so dass jeder Mensch sozusagen in verschiedenen Spielfiguren auf der sozialen Bühne erscheint. Die ganze Buntheit der Welt darf und soll sich in jedem einzelnen Individuum spiegeln. Auf der Suche nach dem verlorenen Feind weiterlesen

Prof. Dr. Joseph Hubers Vollgeldtheorie – gebaut auf Sand und schlechtem Denken

(auch erschienen in "Humane Wirtschaft" 2/2017)

Wissenschaftliche Arbeiten lassen eine Beurteilung nach verschiedenen Kriterien zu, von denen ich die folgenden für wesentlich halte:

  1. Sprachliche Kompetenz
  2. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf vorhandenes Wissen
  3. Pädagogische Kompetenz bei der Vermittlung des eigenen Standpunktes
  4. Sachliche Kompetenz im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der Theorie

Ich möchte meine Besprechung des wissenschaftlichen Hauptwerks von Prof. Huber von vornherein so anlegen, dass ich sie mit dem wissenschaftlichen Hauptwerk von Helmut Creutz vergleiche, der über dasselbe Thema, die Geldtheorie, sein bekanntes Werk „Das Geldsyndrom“ verfasste. Dieser Vergleich scheint mir in mehrfacher Hinsicht erhellend. Prof. Dr. Joseph Hubers Vollgeldtheorie – gebaut auf Sand und schlechtem Denken weiterlesen

Ludwig Edler von Mises und die Monetative – wie Irrtümer sich vererben

Kürzlich wurde ich auf die folgenden Zeilen eines Mitglieds der sogenannten Monetative aufmerksam:

Bankrun! Die Banken sind pleite. Das Geld ist weg. Wie das?

Das ist nur möglich, weil auf den GiroKonten der Banken mehr Geld vorhanden ist, als in bar auf die Konten eingezahlt wurde.Ludwig Edler von Mises und die Monetative – wie Irrtümer sich vererben weiterlesen

Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs

(erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017)

Eines doppelten Rekords darf die außerordentliche Frau sich rühmen. Einerseits hat Sandra Navidi es fertiggebracht, das vielleicht langweiligste Buch der Saison zu schreiben: eine Aufzählung von Personen, die sämtlich nur Schemen bleiben, eine Aneinanderreihung von Orten und Superlativen, die sich von einem Kapitel zum anderen auf ermüdende Art wiederholen. Dabei ist ihr aber andererseits etwas Einzigartiges gelungen: Sie ist bis zu den olympischen Höhen der mächtigsten und reichsten Männer vorgedrungen, dorthin, wo die restlichen neunundneunzig Prozent der Menschheit niemals gelangen. Mit anderen Worten, Sandra Navidi, entführt uns zum Olymp nach Davos und anderen Kommandohöhen, um uns mit jenen wenigen Dutzend Menschen bekanntzumachen, die den heutigen Kapitalismus und seine Hauptakteure verkörpern und das Schicksal der Welt bestimmen. Das alles ist ihr noch dazu als Frau gelungen – eine außerordentliche Leistung, denn das Antlitz des Finanzkapitalismus ist männlich, patriarchalisch und ganz überwiegend brutal. Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs weiterlesen

Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen

Lange muss man suchen, um in der heutigen Sachbuchliteratur einen Autor zu finden, der ihm in der Brillanz des Stils, der Tiefe der Reflexion und dem Umfang der Bildung auch nur entfernt nahe kommt. Die Rede ist von jenem Mann, der in Wien aus dem Fenster des dritten Stocks in der Gentzstraße sprang, als er 1938 die Nazischergen an die Tür klopfen hörte. Noch im Augenblick des bevorstehenden Todes hat er auf seine Art den Wiener Charme definiert, denn während seines Sprungs rief der massige Mann den Leuten auf der Straße noch ein „Achtung!“ zu. Egon Friedell – die hohe Kunst, die Toten ins Leben zurückzurufen weiterlesen