Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie

(auch erschienen in „fbkfinanzwirtschaft“)

Der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdogan, ist im Begriff, die Demokratie seines Landes in ein neues Sultanat umzuwandeln. Seitdem die Wirtschaft sich weniger gut entwickelt, kann der gewissenlose Populist und schrille Demagoge sich der Bestätigung durch eine Mehrheit allerdings nicht länger sicher sein, war es doch vor allem der ökonomische Aufschwung, der ihm in den ersten Jahren seiner Amtstätigkeit so großen Zuspruch verschaffte. Erdogan ist daher bemüht, seine nach Europa ausgewanderten Landsleute zu mobilisieren. Anders gesagt, nimmt er für sich das Recht in Anspruch, in Demokratien außerhalb seines Machtbereichs, für eine antidemokratische Wende zu werben.

Der deutsche Bundespräsident, Joachim Gauck, will sich einem solchen Ansinnen nicht widersetzen. Seiner Meinung nach müsse die Demokratie dies aushalten können. Andere plädieren für Widerstand. Eine Demokratie, die sich nicht streitbar verteidigt, sondern sich damit begnüge, an den Idealismus zu appellieren, würde in den Augen der Bürger ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Demokratien dürften nicht untätig bleiben, wenn Demagogen Zünder auslegen, um sie in die Luft zu sprengen. Jeder, der offen Werbung für eine absolutistische, undemokratische Politik betreibt, sollte daran gehindert werden, dies in einem Land mit demokratisch verfasster Regierung zu tun. Die Niederlande sind gerade mit gutem Beispiel vorangegangen.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt

Aber liegt darin nicht eine Angleichung an den Gegner? Übt man nicht diesem gegenüber dieselbe Intoleranz, die man an ihm kritisiert?

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass kein Staat überlebt, wenn er sich nicht zur Verteidigung der eigenen Werte, Lebensweise und Prinzipien bekennt. Rüstet mein Nachbar auf, um mir damit zu drohen, so bleiben mir nicht mehr als zwei Arten der Reaktion. Ich kann mich widerstandslos in mein Schicksal ergeben, ihm gegenüber also die Rolle des Heiligen annehmen, der bei einem Schlag auf die rechte ihm auch noch die linke Backe entgegenhält. Setze ich dabei nicht mehr als die eigene Existenz aufs Spiel, so steht mir diese Möglichkeit der Selbstaufopferung zu und verdient vielleicht auch Bewunderung. Doch, wie Helmut Schmidt, ein protestantischer Christ, es einmal formulierte: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“ Ich darf mir nicht das Recht zusprechen, für andere zu entscheiden, indem ich sie ebenfalls in die Opferung einbeziehe. Diese anderen – von jeher die überwältigende Mehrheit – ziehen es gewöhnlich vor, sich ihrer Haut zu wehren. Mit anderen Worten, sie rüsten ebenfalls auf.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es Übergänge, aber auch viele Situationen, in denen ein Staat sich zum Zwecke der Selbstbehauptung zur Anpassung an das Handeln eines bösen Nachbarn gezwungen sieht: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben …

Wenn Religion keine Privatsache ist

Die Toleranz eines demokratischen Staats endet eben genau an dem Punkt, wo intolerante Kräfte sie für eigene Zwecke missbrauchen. Man muss es schon für bedenklich halten, dass christliche Kirchen in Saudi Arabien (und manchem anderen muslimischen Staat) nicht oder nicht länger geduldet werden, aber dieses und andere Länder gleichwohl in aller Unverfrorenheit darauf beharren, den Islam in westlichen Ländern nicht nur zu verbreiten, sondern radikale, kämpferische Richtungen aktiv zu fördern. Westliche Staaten könnten das akzeptieren, sofern die Religion der Immigranten Privatsache wäre, so wie sie es seit dreihundert Jahren in Europa allmählich geworden ist (wenn auch erst im Anschluss an einen dreißigjährigen Krieg zwischen den Konfessionen, dessen brutalem Gemetzel Hekatomben zum Opfer fielen!).

Sie dürfen es aber keinesfalls akzeptieren, sofern die Religion der Zugewanderten eben keine Privatsache ist, weil die muslimische Welt ein vergleichbares Trauma ebenso wenig kannte wie den Triumph einer Aufklärung, die im 18. Jahrhundert aus dieser traumatischen Erfahrung hervorging. Für die kämpferischen Sekten des Islam war und ist Religion niemals eine Sache einzelner Individuen und deren Gewissen. Vielmehr wird sie als Botschaft verstanden, die das ganze Leben und die ganze Öffentlichkeit umspannt – das Verhältnis der Geschlechter, das Rechtswesen (Sharia), die Politik.

Auch dagegen ist nichts zu sagen – genauso ist es bei uns ja bis ins 17. Jahrhundert gewesen. Es geht uns nichts an, wie Saudis und Türken ihr eigenes Land gestalten und wie sie es regieren. Andere Gesellschaften und Völker haben das gute Recht, das nach je eigenen Vorstellungen zu tun. Es geht uns aber sehr wohl etwas an, ja, ist für unsere Zukunft entscheidend, ob wir antidemokratische Kräfte im eigenen Lande gewähren lassen, Kräfte, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie unsere Werte und politische Ordnung durch ihre eigenen ersetzen wollen.

Demokratien sind nicht von Natur aus stärker als andere Regierungsformen

Ich halte es für einen leichtfertigen Irrtum, in der Demokratie eine starke Regierungsform zu sehen. Stark und logisch überzeugend ist sie nur als abstrakte Idee in den Köpfen von Staatstheoretikern und Philosophen, nicht in der gelebten Wirklichkeit – da wird ihr vielmehr jede ernste Krise gefährlich. Eine Depression, die den Wohlstand breiter Bevölkerungskreise zerstört, vermag eine Demokratie über Nacht aus den Angeln zu heben. Wir wissen, dass genau dies im Jahr 1929 geschah, als ein Club von fanatisierten Spinnern mit einem Stimmenanteil von zuvor gerade einmal 2,6 Prozent der Reichstagssitze innerhalb von vier Jahren zur mächtigsten Bewegung Deutschlands aufrückte und 1933 die Macht ergriff.

In Russland hat die große Wirtschaftsnot der 90 Jahre den Weg für den Autokraten Putin geebnet. In den USA ist es die ungebrochene Herrschaft einer politisch-ökonomischen Machtelite, die den Weg für den autoritären Präsidenten Donald Trump überhaupt erst geebnet hat. In China hat man gar nicht erst an politische Freiheit gedacht, sondern die Freiheit des einzelnen auf wirtschaftliches Handeln beschränkt. Der unbezweifelbare ökonomische Erfolg der chinesischen Einparteiendiktatur hat dazu beigetragen, auch im Westen – zum Beispiel in Unternehmerkreisen – Zweifel an der Überlegenheit der demokratischen Ordnung aufkommen zu lassen.

Und Europa? Seit der Süden von Griechenland bis Portugal einschließlich Frankreichs wirtschaftlich schwerwiegende Erschütterungen erlebt, sind antidemokratische Kräfte im Inneren dieser Staaten im Vormarsch. Ihnen gegenüber fehlt es nicht an Kritik. Jetzt kommen aber noch äußere Kräfte hinzu, die auf weniger Bereitschaft zur Abwehr treffen, obwohl die von ihnen ausgehende Bedrohung noch weit größer sein könnte.

Ein österreichischer Außenminister spricht offene Worte

In einer Situation der allgemeinen Verunsicherung, wo die Abwehrkräfte geschwächt sind und Europa sichtlich an einem defekten Immunsystem krankt, sind aber auch Stimmen zu hören, die an den Willen zur Verteidigung und Wehrhaftigkeit appellieren, ohne dabei Funkenregen von Hass zu versprühen. Der österreichische Außenminister vertritt die selbstbewusste Verteidigung eigner Werte überzeugender und konsequenter als das nach meinem Verständnis bei irgendeinem anderen europäischen Politiker der Fall ist. Sebastian Kurz ist frei von jedem Fremdenhass, frei auch von jeder Überlegenheitspose gegenüber anderen Staaten und Kulturen, aber er ist sich sehr wohl bewusst, dass es Werte gibt, die sich mit den unsrigen nicht vertragen. Einem kämpferischen Islam gegenüber, für den Religion keine Privatsache ist, gibt es nur zwei Arten der Reaktion: Entweder weichen wir vor ihm zurück – so wie es im siebten und achten Jahrhundert geschah, als weite Teile des damals christlichen Nahen Ostens sich islamisieren ließen. Oder wir verbannen diese aggressive Spielart des Islam aus unseren Staaten, indem wir von uns aus alle dazu erforderlichen Maßnahmen ergreifen.

Alte und junge Generation

Selbstverständlich ist eine solche Abwehr freilich nur dann, wenn wir selbst an die Überlegenheit „unserer Werte“ glauben. Auf Bundespräsident Gauck trifft das zweifellos zu. Wenn man, so wie er, lange gezwungen war, unter einer Diktatur zu leben, dann ist Demokratie über jeden Zweifel erhaben. Ebenso sicher fühlt sich ein Großteil der älteren Generation. Die Einheit Europas und der Frieden, den diese zwischen einst verfeindeten Völkern gestiftet hat, zählen für sie zu den fraglos akzeptierten Werten. Diese Generation hat den Krieg noch am eigenen Leibe erlebt und weiß deshalb, was sie solchen Errungenschaften verdankt. Dagegen kennt die junge Generation weder den Krieg noch hat sie je unter einer Diktatur leben müssen. Für sie ist Demokratie ein abstrakter Theoriebegriff und in der Praxis oft unerquicklich. Aus der Perspektive manchen Bürgers besteht sie in einem ewigen Machtgerangel zwischen Parteien, wobei das Allgemeinwohl viel weniger zu zählen scheint als die jeweils verfolgten egoistischen Zwecke.

Was sind europäische Werte?

Die junge Generation kann man nur überzeugen, wenn rechtzeitig Mittel und Wege gefunden werden, um Fehlentwicklungen zu korrigieren und neue Ziele zu setzen. Wenn der ganze Süden weiterhin an Arbeitslosigkeit krankt, während der Norden vergleichsweise prosperiert, wird die Einheit Europas nicht zu erhalten sein. Transferzahlungen in den Süden – die Alimentierung der wirtschaftlichen Schwachen auf Kosten der ökonomisch Starken – sind keine Lösung. Sie sind in Notsituationen geboten, aber eben auch nur in diesen. Niemals kann ein solcher Transfer, wo die einen auf Kosten anderer leben, eine Lösung auf Dauer sein. Mit Sicherheit wird Europa zerfallen, wenn das akute Problem der Massenerwerbslosigkeit in den Ländern des Südens nicht auf eine Art überwunden wird, die von ganz Europa als befriedigend akzeptiert wird.

Das Versagen der Europäischen Kommission

Keine Medizin gegen den Zerfall hat die Brüsseler Kommission gefunden – im Gegenteil, sie selbst gehört zu dem Problem, das sie lösen soll. Seit ihrer Gründung hat sie gegen die Forderung nach Subsidiarität verstoßen, die gerade in Europa mit seiner kulturellen und politischen Vielfalt ein Grundprinzip bleiben sollte. Dieses verlangt, dass alle jene Kompetenzen grundsätzlich bei den Einzelstaaten verbleiben, welche besser vor Ort ausgeübt werden. In diesem Sinne polemisiert auch Sebastian Kurz gegen die bürokratische Allgegenwart Brüssels. Er setzt sich stattdessen für eine europäische Eingreiftruppe ein, also für gemeinsames Handeln nach außen.

Verteidigung allein ist allerdings noch kein Wert,

sie schafft keine Verbundenheit, geschweige denn eine Schicksalsgemeinschaft. Nach dem Turbokapitalismus der zwanziger Jahre und den Verwüstungen des darauffolgenden Krieges war es vor allem der globale Wettbewerb mit dem kommunistischen Gegner, der die Staaten des Westen dazu nötigte, für einen echten Wert zu sorgen, nämlich dem sozialen Ausgleich zwischen Oben und Unten und Arm und Reich. Die demokratische, soziale Verfassung schuf ein Fundament, mit dem sich eine breite Mehrheit identifizierte. In einer einzigartigen Konstellation gelang es, die wohlstandsschaffende Dynamik der privatkapitalistischen Eigeninitiative einem politischen Imperativ unterzuordnen: Man wollte das Auseinanderdriften der Bevölkerung verhindern, das in einer sich selbst überlassenen kapitalistischen Marktwirtschaft mit mathematischer Notwendigkeit wenige Superreiche und eine Mehrheit von Benachteiligten hervorbringt. Der darauf begründete Sozialstaat hatte große Fehler, da er vor allem auf Umverteilung beruhte, dennoch gehörte seine Existenz zu jenen Werten, auf denen die Einheit Europas bis in die neunziger Jahre begründet war.

Demokratie muss wehrhaft und gerecht sein!

Dieses tragende Fundament europäischer Zusammengehörigkeit wurde durch den Neoliberalismus zerstört, ohne dass dieser neue Werte geschaffen hätte. Wir brauchen eine wehrhafte Demokratie, ein wehrhaftes Europa, das sich angesichts türkischer Schmähungen solidarisch an die Seite der Niederlande stellt, einem der traditionell liberalsten Staaten. Aber die vor allem im rechten Lager erhobene Forderung nach der Verteidigung eigener Werte reicht nicht aus. Es genügt nicht, eine gemeinsame Front gegen die neuen Populisten und Demagogen zu bilden, gleichgültig ob sie im Inneren agitieren oder von außen kommen. Man muss der Mehrheit – auch den Menschen im Süden Europas – zugleich das Bewusstsein vermitteln können, dass es sich lohnt, diese Front der Abwehr zu bilden. Will man die Menschen von deren Notwendigkeit überzeugen, dann muss die vor allem aus dem linken Lager stammende Forderung nach sozialer Gerechtigkeit wieder in den Vordergrund treten, ein von den Neoliberalen so gründlich verunglimpfter Begriff.

Für Deutschland, das im Hinblick auf den außereuropäischen Export so sehr von der Schwäche seiner Nachbarn profitiert, genauer gesagt, von der des Euro, bedeutet dies eine ungeheuer schwierige Herausforderung – fast die Quadratur des Zirkels. Was immer es jetzt unternimmt, wird ihm in Zukunft schaden, auch und gerade, wenn es die Einheit Europas retten will (siehe Suchbegriffe „Freihandel“ und „Protektionismus“ auf meiner Website).

6 Gedanken zu „Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie“

  1. Von Prof. Franz Zebinger, Musiker und Komponist, erhalte ich – per Mail – folgenden Kommentar:

    Lieber Gero, ich denke auch so! Ähnlich wie man die Abwehrkräfte des Körpers gegen eindringende Viren und Bakterien mit ‎Medikamenten unterstützen kann, sollte man die Demokratie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen antiliberale und faschistoide Angriffsversuche von außen (und natürlich auch von innen) zu schützen versuchen.

  2. Von Dr. Hans-Werner Franz kommt – per Mail – folgender Kommentar:

    Sie denken doch sonst weiter, Herr Jenner.

    Warum nicht hier? Die Reaktion der niederländischen Regierung hilft Rutte gegen Wilders, ansonsten leider Erdogan bei seinen Anhängern. Wer Erdogan zu große Angriffsflächen bietet, hilft ihm, seinen Polarisierungskurs zu fahren, der ihm den Sieg bringen soll. Fundamentalistische Überlegungen wie Ihre, im Prinzip zwar richtig, spielen Erdogan in die Karten. Das ist Kalkül bei ihm. Unsere Demokratie wird den einen Monat bis zum Referendum in der Türkei auch mit taktischen Manövern gegen den Sultan und seine Leute gut überleben und zugleich dabei helfen, dass einige türkische Wähler den Unterschied erkennen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans-Werner Franz

    Meine Replik:
    Sehr geehrter Herr Franz, gerade weil ich weiter zu denken versuche, also nicht taktisch, sondern strategisch, habe ich mich so deutlich ausgedrückt. Taktisch gesehen haben Sie sicher recht, aber inzwischen geht es um die richtige Strategie im Umgang mit den erklärten Feinden unserer Ordnung. Aus der Vergangenheit sollten wir wissen, dass taktische Beschwichtigungs- und Verharmlosungsversuche oft das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Erdogan wird sein Ziel so oder so erreichen.

  3. Der Notwendigkeit, seine Werte zu verteidigen, stimme ich absolut zu. Sich wehren oder mit sich geschehen lassen, als die einzigen zwei Möglichkeiten hinzustellen, ist mir zu plakativ, zu vereinfachend, ist dualistisch im Denken, was in der Regel nicht gut ist für soziale und auch politische Beziehungen. Dass wir mit der Türkei als Österreicher und als EU in einer Beziehung sind, steht für mich außer Frage.
    Daher würde ich mir wünschen, dass wir eine Art der Verteidigung finden, die klar unsere Werte repräsentiert und schützt und gleichzeitig aus einer Position der (inneren und äußeren) Stärke die Beziehung aufrechterhält, pflegt und nicht beschädigt. Dies kann schon auch bedeuten, nicht mit „selber Münze“ zurückzuzahlen. Vielleicht braucht es mehr Kreativität und Humor in der Reaktion (oft viel stärker als manche Martialität), die den Bestand unserer Werte öffentlich zeigt.

    Meine Replik:

    Selbstverständlich gibt es mehr Möglichkeiten als nur Wehrlosigkeit und den humorlosen Widerstand. Helmut Schmidt, ein überzeugter Christ, hat einmal gesagt, dass man mit der Bergpredigt keine Politik machen könne – darauf spiele ich an. Ansonsten gebe ich Ihnen vollkommen recht, dass es für einen selbstbewussten Staat glücklicherweise mehr Alternativen gibt als nur das martialische Auftreten. Hilflose Beschwichtigungen gehören meines Erachtens aber nicht zu den wirksamen Rezepten.

  4. Von Frau Dr. Gabriele Matzner-Holzer erhielt ich – per Mail – folgenden Kommentar:

    danke, wie wahr!
    Allerdings sollte jeder zuerst vor der eigenen Tür kehren.
    Auch wenn noch nicht so weit wie in der Türkei, ist auch „Europa“ durchaus auf dem Weg, seine „Werte“ auszuhöhlen, wenn nicht aufzugeben, in vielen Feldern, und Demagogen gibt es auch bei uns zuhauf.
    beste Grüße
    G. Matzner

  5. Von Herrn Dr. Gerhard Loettel, evangelischer Pfarrer aus Magdeburg, erhalte ich folgenden Kommentar:

    Lieber Herr Jenner !
    Danke für den Artikel „Unsere Werte…“. Dem Meisten stimme ich zu; insbesondere, wenn ich den Artikel mit meiner Auslegung lese. Doch da könnte wegen der Wortwahl auch manche Zweideutigkeit oder andersgelagerte Auslegung aufkommen. Daher meine Nachfrage. Meine Frau fasste einige Ihrer Sätze und Worte anders auf als ich und so wurden für sie die Passagen – wo bei Ihnen die Worte von der „wehrhaften Demokratie“ und den „erforderlichen Maßnahmen gegen einen kämpferischen Islam“ fallen, (namentlich auch die Polemik von Sebastian Kurz für eine europäische Eingreiftruppe) – zu einem Plädoyer für bewaffneten militärischen Kampf gegen den Islam, also auch die Aufforderung zur stärkeren Militarisierung und dem Aufflammen des erst einmal kalten Krieges. Ist das so bei Ihnen? Reden Sie dem militärisch gemeinten sog. „Verteidigungsbestreben“ Deutschlands das Wort, so wie es Präsident Gauck seinerzeit auf der Münchner Sicherheitskonferenz propagierte? Teilen Sie die Auffassung von Stoltenberg und Trump, oder von Frau von der Leyen (man müsse die deutsche Rüstungsindustrie „gesunden“ lassen?) nach einer Erhöhung der Militärausgaben und einer neuen Aufrüstung? Sie müssen diese Angst verstehen, denn genau wir gehören zu der „älteren Generation“, die den Krieg noch am eigenen Leibe erlebt hat und bis heute von den Leiden, Ängsten und Traumata (Schlafentzug, Bomben- und Bmbergedröhn, Schlaflosigkeit usw.) heimgesucht wird. Wir möchten das weder noch einmal am „eigenen Leib“ erleben, noch unseren Enkeln zugemutet wissen. Nun aber interpretiere ich Ihre Einstellung gerade darum dahin, dass Sie im Gegenteil versuchen, diese unsere Ängste und Leiden in Richtung Erhaltung von Errungenschaften wie „Frieden und Einheit Europas“ aufzunehmen und nun diese Errungenschaften retten wollen, indem Sie anmahnen, wir müssten zum eine klare Kante (diplomatisch und von der Wortwahl her, nicht militärisch) gegenüber z.B. Erdogan zeigen. Wahlkampf für ihren Staat findet hier in Europa nicht statt, basta! Und aber zum anderen unsere Position als demokratische Rechtsstaaten so festigen, dass wir unsere Werte dergestalt „verteidigen“, dass wir sie in breiter Front von Nord- bis Südeuropa unserer gemeinsamen europ. Bevölkerung wünschenswert und angenehm machen indem wir mehr soziale Gerechtigkeit und „Sozialstaat“ produzieren und „verteidigen. So gesehen wäre wehrhafte „Verteidigung“ unserer Werte eine soziopolitische und ökonomische Aufgabe und dazu eine diplomatische aber eindeutige Ansage an die Einmischungsversuche von Türken. Ich halte die Möglichkeiten, die sowohl einzelne Kommunen in Deutschland, aber auch die Niederlande gegangen sind für realistisch, anständig und verständig, die Absagen an rein sachliche Unzulänglichkeiten bei der Absage von Veranstaltungen zu knüpfen, wie Brandgefahr, Platzmangel usw. , die eben auch die Sicherheit des Gastes im Blick hat. Damit schenkt man dem Gast, dass er sein Gesicht wahren kann. Er wird nicht wegen seine Meinung und dessen Inhalt ausgeladen, sondern aus rein sachlichen Vorsichtsmaßnahmen (er kann so sein Gesicht wahren!). In Ihrem letzten Absatz in den letzten Zeilen malen Sie in düstere Bild für die Herausforderungen Deutschlands. Da kann ich Sie wieder verstehen, falls wir nicht versuchen, in militärische Gewalt auszuweichen, wird uns das Kompromisse in unserer Wirtschaftsführung kosten, die sich negativ auf das Wohlfühlniveau der Deutschen auswirken wird. Denn wir müssten ja Einschnitte in unserem Lebensstandard in Kauf nehmen, um dem Süden Europas mit auf die Beine zu helfen; auch werden dann die Flüchtlingszahlen wieder ansteigen, wenn wir wegen der harten Kante, mit der Türkei den jämmerlichen und sittenwidrigen Deal auflösen müssten. Aber wir von der „älteren Generation“ würden auch und gerade auch diese soziopolitischen und realpolitischen Herausforderungen begrüßen und mittragen (wollen)[1], weil wir wissen, dass nichts so einschneidend leidvoll sein kann, als wenn sich in der Welt wieder ein Krieg ereignet, der zumal heute als Atomwaffengänge ausgetragen, das Ende der kulturell- zivilisierten Menschheit bedeuten würde.
    Soweit meine Meinung, meine Befürchtung und mein Hinweis darauf, dass Ihr schöner Beitrag evtl. (wenn sie es nicht tatsächlich so militärisch mit der Wehrhaftigkeit gemeint haben?) missverstanden werden könnte. Man müsste vielleicht die „wehrhaften“ aber ehrhaft friedlich möglichen Mittel und Herausforderungen noch einmal genauer benennen. Denn mir scheint es nur eine „wehrhaft-ehrhafte“ „Verteidigung unserer Werte zu geben, wenn wir die Werte von Einheit Europas und Frieden in Europa und der Welt, friedlich und mit sozial gerechter Aufmerksamkeit vertreten.
    MFG Gerhard Loettel, Magdeburg

    Meine Replik:

    Lieber Herr Loettel,

    gerne würde ich Ihnen antworten, dass ich eine gewaltfreie Welt für möglich halte und dass wir – um das Beispiel der Bergpredigt aufzugreifen – getrost die rechte Backe hinhalten dürfen, wenn man uns auf die linke schlägt. Ich habe schon ausgeführt, warum ich das nur für den Einzelnen billige und bewundere, wenn dieser sich dabei ausschließlich selbst zum Opfer macht.
    Die ewigen Hahnenkämpfe seit Beginn der menschlichen, ja der tierischen Evolution – Kämpfe, aus denen inzwischen ein globales Wettrüsten wurde – sind reiner Irrsinn, aber ich fürchte, mit diesem Irrsinn sind wir geboren. Wenn Sie wissen wollen, wie ich darüber im Einzelnen denke und ob es einen möglichen Ausweg gibt. Darüber habe in einem unveröffentlichten Buch nachgesonnen. Es heißt „Technik, Terror und kommender Weltstaat“ und lässt bei allem Pessimismus doch einen optimistischen Ausblick zu.

    Herzliche Grüße nach Magdeburg
    Gero Jenner

    Darauf Herr Dr. Loettel:

    Noch eine Erwiderung, lieber Herr Jenner ! Sie haben meine Entgegnung in Ihre Website gestellt. Mir wäre das egal, aber meine Frau wünscht nicht so im Internet präsent zu werden. Stasi und fake-news in den öffentlichen Netzen verunsichern! Sie liest gern Ihre Artikel und möchte auch darüber sprechen, aber eben nur interpersonell. Darum unserer BItte, löschen Sie doch bitte diese Passagen in Ihrer Website, danke.
    Aber nun meine Antwort auf Ihren Kommentar zu meiner Erwiderung in der Beifügung.
    Herzlichst Gerhard Loettel

    Meine Replik:

    Sehr geehrter Herr Dr. Loettel,

    auf Ihre letzten Zuschriften kann ich nicht mehr reagieren – dazu haben Sie mich zu sehr enttäuscht. Dass Sie nicht öffentlich zitiert werden wollen, obwohl Sie doch sonst die Öffentlichkeit von Gott und der Welt mit allen Kräften suchen, ist mir unerklärlich, denn wir tauschen ja keine Liebesbriefe aus, sondern ziemlich abstrakte Gedanken über soziale, politische, religiöse Themen. Die Begründung für Ihre plötzliche Vorsicht leuchtet mir gar nicht ein. Sie sagen, dass Ihnen und Ihrer Frau noch die Angst vor dem Überwachungsstaat DDR in den Knochen sitze. Aber, bitte, Sie wissen so gut wie ich, dass man damals gerade jene Pfarrer im Westen (und natürlich in der DDR selbst) bewunderte, die nicht kuschten, sondern sich zu Ihrer Meinung bekannten!
    Zu meinem letzten Artikel hatten Sie eine zustimmende Stellungnahme abgegeben, möchten sich aber nun nicht mehr zu ihr bekennen, also auf meiner Website veröffentlicht werden, obwohl Ihnen deswegen ganz gewiss keine STASI den Prozess machen würde?
    Seltsam, bis dahin hatte ich Sie nicht als einen furchtsamen Menschen eingeschätzt.
    Oder ist die Sache so zu verstehen, dass Sie dem Jenner das eine sagen, während Sie vom Rest der Welt gern mit anderen Botschaften gehört werden möchten?

    Diesmal mit skeptischen Grüßen

    Gero Jenner

  6. Von Herrn Prof. Dr. Friedrich Romig erhielt ich – per Mail – folgenden Kommentar:

    Ich empfehle sehr das Demokratie- und Wertegefasel mal unter die Lupe zu nehmen und sich vielleicht auch die Einladung zu „Was sind unsere
    `Werte´ wert“ ad notam zu nehmen.

    https://helmutmueller.wordpress.com/

    Mit besten Grüßen!

    F. Romig

    Meine Replik:

    91 Jahre alt, selbstdeklarierter Christ und immer noch nicht fähig, mit seinen Mitmenschen in zivilisiertem Ton zu verkehren! Nun wir alle riskieren, im Alter neuerlich sehr jugendlich zu werden. Ich nehme an, sehr verehrter Herr Professor, Sie sind soeben ins aggressive Teenager-Stadium regrediert.

    MfG, GJ

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