Der Techniker und der Poet – wütendes Streitgespräch, halbherzige Versöhnung

Der Techniker denkt, der Poet lässt auch die Gefühle sprechen, oft sind es freilich nur die Gefühle, ohne dass ihm das Denken dabei in die Quere kommt. Der Techniker drängt dem Poeten recht schonungslos seine Meinung auf: Dessen Ansichten würden in unserer Zeit wenig zählen – zweifellos werde der Ernst des Lebens von Wissenschaft und Technik bestimmt. Sie hätten die Welt vermessen und es überhaupt erst ermöglicht, dass demnächst zehn Milliarden Menschen statt wie noch vor zwei Jahrhunderten nur eine einzige den Planeten bevölkern werden. Ihr seid nur Zuschauer, während man uns, die Techniker, dafür bezahlt, dass wir die Maschinerie der Daseinserhaltung für die wachsende Menschenflut planen und am Laufen halten.

Der Poet

(worunter wir uns die Kunst insgesamt vorstellen sollten) fasst seine Aufgabe ganz anders auf. Er versucht dem menschlichen Leben einen Sinn zu geben, wenn er nicht umgekehrt dessen fehlenden Sinn beklagt. In der Regel begegnen sich Techniker und Poet mit größtem gegenseitigen Unverständnis. Sie repräsentieren die „Zwei Kulturen“, von deren gegenseitiger Entfremdung schon C. P. Snow gegen Ende der fünfziger Jahre geschrieben hatte.

Die Machtergreifung der Technokraten – denn so muss man ihren Aufstieg eigentlich beschreiben – ist eine historische Neuheit. Grob gesprochen, datiert sie von Aufklärung und Industrieller Revolution, ist also keine dreihundert Jahre alt. Atemberaubend ist allerdings ihr Erfolg. Inzwischen haben die Wissenschaft und ihre materiellen Erzeugnisse wachsenden Teilen der Weltbevölkerung einen Lebensstandard beschert, wie er schlechthin einzigartig in der Geschichte ist. Kein Wunder, dass die technischen Weltvermesser und Weltverbesserer mittlerweile überall auf dem Planeten den Ton angeben, während der Poet – und mit ihm die Kunst insgesamt – bei vielen nur noch als Zugabe gilt: als bloßes Freizeitvergnügen, das für den Ernst des Lebens doch eher entbehrlich sei.

Die wissenschaftlichen Vertreter des Optimismus,

zu dessen Frontkämpfern zweifellos der US-amerikanische Kognitionswissenschaftler Steven Pinker gehört, bestehen darauf, dass es der heutigen Menschheit um vieles besser gehe als ihren sämtlichen Vorfahren bis hin zu Jägern und Sammlern. Lebenserwartung, Gesundheit, Ernährung, ja selbst Verbrechensrate und kriegsbedingte Mortalität hätten sich eindeutig zum Besseren gewandelt.

Doch das beginnt sich seit Ende des vergangenen Jahrhunderts zu ändern. Etwa seit dieser Zeit haben die Techniker eine neue Aufgabe zu bewältigen, die ihr Ansehen durchaus nicht erhöht, sondern es auf Dauer stark zu beschädigen droht. Hatte der Soziologe Ulrich Beck in den achtziger Jahren noch von der modernen Risikogesellschaft gesprochen, so sind die Risiken inzwischen längst Realität geworden. Heute sind Wissenschaft und Technik in zunehmendem Maße damit beschäftigt, die katastrophalen, weitgehend unvorhergesehenen Folgen der Technik in den Griff zu bekommen. Spätestens seit der Klimakrise leben wir alle in einer „Reparaturgesellschaft„: Was der Fortschritt verdorben hat, soll der Fortschritt nun reparieren.

Es ist fraglich, ob das gelingen wird. Von vielen wird der Klimawandel bereits als unabwendbares Faktum stillschweigend hingenommen, zumal solange er „nur“ die Staaten des Südens schädigt. Aber der Klimawandel bezeichnet nur eine der auf die Menschheit zukommenden Reparaturen; eine andere ist der rasante Ressourcenverbrauch, der schon in den „Grenzen des Wachstums“ als Menetekel gedeutet wurde. Er hat das ökonomisch-militärische Wettrennen der Nationen beschleunigt, das uns direkt in den Abgrund zu führen droht. Als wäre das nicht schon genug, müssen wir der Verseuchung der Meere mit Plastik ein Ende machen; der zunehmenden Degradierung der Böden durch die industrielle Landwirtschaft; der weltweiten Zerstörung der Wälder, der rasanten Vernichtung der Arten und dem globalen Wachsen der Mülldeponien – wir alle kennen das bis zum Überdruss! All das sind die Manifestationen eines „Fortschritts“, den die Zauberlehrlinge der Technik entfesselt haben, aber immer weniger zu beherrschen imstande sind.

Da ist es nicht erstaunlich, wenn die Frage nach dem Sinn – dem Sinn von Technik und Fortschritt – jetzt wieder in herausfordernder Weise gestellt wird. Auf einmal ist es der totgeglaubte Poet, auf den wir in solchen Momenten von Neuem hören.

Der Poet:

Ihr, die Techniker, seid im Begriff, den Planeten – die einzige Wohnstätte, die wir haben – auszuschlachten und unbewohnbar zu machen, denn ihr habt euch zu Sklaven einer Sucht gemacht, die inzwischen die ganze Menschheit erfasst: eine Sucht, die schon Mahatma Gandhi auf eine einfache Formel brachte. „Die Welt hat genug,“ sagte er, „für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“. Diese Gier habt ihr von Europa aus auf den gesamten Globus getragen. Heute wollen alle ein eigenes Wasserklosett besitzen, natürlich über ein eigenes Auto verfügen und sich möglichst noch einen Flug ins nächstgelegene Urlaubsparadies leisten. Alle – unabhängig ob sie politisch rechts oder links eingestellt sind – streben nach dem jeweils höchsten Lebensstandard, den sie bei ihren Nachbarn bewundern. Längst streiten sie nicht mehr über luxusbedingten Ressourcenverschleiß an sich, sondern nur darüber wie er gerecht verteilt wird, damit ihn jeder auch noch in Grönland und Neuguinea genießen kann. Noch konzentrieren sich Reichtum und die dazu nötige Ausbeutung des Planeten zwar auf die Staaten des Westens, aber schon in zwei, drei Jahrzehnten könnte der Ferne Osten die Vorhut bilden. Haben dann endlich ganz Asien und der gesamte afrikanische Kontinent das von allen erstrebte Ziel erreicht, wird die Menschheit nicht weniger als fünf bis zehn Globen verbrauchen.

Ihr Techniker wisst aber, was das bedeutet, denn das Rechnen ist ja eure einzige Leidenschaft. Das ganze Fortschrittsgebäude wird wie ein Kartenhaus kollabieren, weil wir eben leider nur über einen einzigen Globus verfügen. Was bleibt den Staaten dann anderes übrig, als in Raubkriegen um die letzten Ressourcen einander zu überfallen? Der „American Way of Life“ ist, wie wir wissen, durchaus „nicht verhandelbar“ – und das gilt natürlich ganz genauso für den japanischen, den chinesischen, den europäischen und so weiter. Niemand – am wenigsten Prof. Pinker, der Optimist aus Prinzip – regt sich darüber auf, dass der Globus mittlerweile wie eine Zitrone ausgequetscht wird, damit wir uns weiterhin am täglichen Zivilisationsluxus erfreuen. Doch wehe dem, der es wagt, uns diesen Luxus wegzunehmen oder ihn auch nur zu schmälern! Wenn das geschieht, erheben alle ein mörderisches Geschrei, dann gehen die Menschen auf die Barrikaden und sind bereit, Kriege für den weiteren „Fortschritt“ und gegen die Terroristen zu führen, die ihn bedrohen. Dann werdet ihr darauf bestehen, „Europa auch am Hindukusch zu verteidigen“.

Der Techniker:

Lieber Dichter und Romantiker, auf derartige Vorwürfe brauche ich wohl kaum einzugehen – mit uns, den Technikern, haben sie doch überhaupt nichts zu tun. Wir führen nur aus, was die Politik von uns verlangt – und die Politik richtet sich ihrerseits nach den Menschen, andernfalls hält sie sich nicht lang an der Macht. Die demokratische Mehrheit ist der wirkliche König – und dieser König ist zugleich Opfer und Protagonist der Gier. Oder hast du nicht begriffen, dass der durchschnittliche Konsument süchtig nach den jeweils neuesten Modellen und Produkten in den großen Kaufmärkten ist? Er ist es doch, der kauft und wieder kauft. Und er ist es auch, der den ganzen Firlefanz nach ein- oder zweimaligem Gebrauch bedenkenlos auf den Müll expediert, kaum dass ihn eine größere Neuheit lockt.

Ja, ja, ich weiß schon, dass eine gewaltige Reklameindustrie ihrerseits dazu beiträgt, diese Sucht anzuheizen, aber da geht es doch allein um den Gewinn konkurrierender Konzerne! Für die Wunderwerke unserer Technik braucht man den Durchschnittskonsumenten nicht zu begeistern. Vor den Konsumtempeln steht er Schlange, um den Produzenten die neuesten Handys und Computer aus der Hand zu reißen. Und Billigflüge in den Süden braucht man ihm auch nicht aufzuschwatzen – der Tourismus ist zu einer Massenindustrie geworden, weil die Leute sich in ihrer Freizeit amüsieren wollen. Das Auto aber hat als fetischistisches Symbol längst die Götzen und das goldene Kalb früherer Zeiten abgelöst. Die Leute sind doch alle darauf versessen, selbst wenn sie Stunden im täglichen Stau zubringen.

Also bitte, gebt nicht uns, den Technikern, die Schuld an dem Luxuskonsum. Wir alle sind Konsumenten, wir alle haben die Schöne Neue Welt der Wegwerfgesellschaft geschaffen.

Und noch etwas solltet ihr hoffnungslosen Sozialromantiker wissen. Nicht Trägheit und doppelte Moral – die üblichen Verdächtigen – halten die Bürger im Korsett der Konsumsucht gefangen, sondern die moderne Wirtschaft hat den Luxuskonsum und die Wegwerfmentalität zu ihrer Grundlage und Existenzbedingung gemacht. Als Konsumenten müssen wir kaufen – wir sollen wegwerfen und neuerlich kaufen, damit wir als Angestellte, Arbeiter, Forscher, Ingenieure und Erfinder in einem fort produzieren können. Wir produzieren aber, damit wir Einkommen beziehen. Und, siehst du, hier schließt sich der Kreis, denn die Einkommen beziehen wir ja einzig, um etwas mit ihnen zu kaufen. Natürlich verfolgt der jährliche Kampf zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern um die Erhöhung der Einkommen keinen anderen Sinn als denjenigen, dass die Bürger mit jedem Jahr ihren Luxuskonsum um weiteren Luxus steigern. Man nennt das „Wachstum“, und, wie du weißt, schreien sämtliche Regierungen der Welt im Namen ihrer Bürger nach dieser Wunderdroge.

Und jetzt noch ein kleines Wort speziell zu euch, die ihr von euren Wolkenschlössern hochmütig auf uns herabblickt. Reichlich naiv seht ihr darüber hinweg, dass doch gerade ihr von jeher die Nutznießer des materiellen Fortschritts und Wohlstands seid. Hat sich Kunst jemals in Zeiten von Not und Dürftigkeit entfaltet? Wo findet man so viele Theater und Opernhäuser, so viele öffentliche Konzerte, Museen und Dichterlesungen wie in Deutschland (Navid Kermani)? Aber Deutschland kann sich diesen Luxus nur deshalb leisten, weil es eines der reichsten Länder ist. Nur weil wir, Wissenschaftler und Techniker, innerhalb von drei Jahrhunderten die Hungersnöte beseitigten, die Seuchen unterdrückten, die Naturgewalten bändigten, die bis dahin regelmäßig ganze Bevölkerungsteile niedermähten, führen immer mehr Menschen ein gesichertes Leben, das ihnen genug Freizeit und Freiheit beschert, um die Öffentlichkeit mit einer wahren Sintflut verrückter Einfälle zu konfrontieren, die ihnen als „Kunst“ erscheinen. Heute gibt es auf dem Globus mehr Technik und Wissenschaft als jemals zuvor, aber gerade deswegen gibt es auch mehr von jenen verrückten Einfällen, die man uns unter dem Namen der Kunst präsentiert. Gerade ihr hängt doch von Technik und Fortschritt ab – selbst dann noch, wenn ihr eure Stimme hochmütig gegen uns erhebt. Und, bitte, man weiß doch, wie lauthals gerade ihr zu schreien beginnt, wenn man euch die jährlichen Subventionen kürzt!

Der Poet macht eine saure Miene,

dann schüttelt er missbilligend seinen Kopf. Wie typisch engstirnig diese Sicht aus rein technischer Perspektive, die doch ebenso oberflächlich wie falsch ist. Der Mensch lebt vom Sinn, den er seinem Leben zu geben vermag. Zerfällt der Sinn, dann verkümmern selbst technisch hoch entwickelte Zivilisationen, wie wir beispielhaft im Rückblick auf das Schicksal des hochzivilisierten römischen Reichs erkennen. Heute bedroht uns eine ähnliche Entwicklung, weil wir zwar materiellen Reichtum im Überfluss besitzen, aber der Sinn uns abhandenkommt. Immer mehr Erfindungskraft und Energie müssen wir daran verschwenden, den „Fortschritt“ zu reparieren, damit er uns nicht in den Abgrund führt.

Auf einmal scheint der Poet nachdenklich geworden zu sein,

so als hätte er die Gegenwart des Technikers vergessen und würde ein Selbstgespräch führen:

Lass mich noch etwas anderes sagen. Was seit drei Jahrhunderten mit uns geschieht, betrifft nicht nur den Wandel der materiellen Lebensgrundlagen, es betrifft nicht nur unser physisches Sein, das der Fortschritt zuerst auf spektakuläre Weise gebessert hat, während ihr jetzt damit beschäftigt seid, die klaffenden Wunden des Fortschritt zu reparieren. Dieser Wandel betrifft neben unser physischen ebenso auch unsere psychische Existenz. Wir sind nicht nur eine Reparaturgesellschaft geworden, was den materiellen Fortschritt betrifft, sondern wir müssen inzwischen auch noch die Seele des Menschen reparieren, denn diese wurde mindesten ebenso stark beschädigt.

Ich weiß, dass du mich nicht auf Anhieb begreifen wirst, aber du wirst nicht bestreiten, dass Technik und Kunst ganz verschiedenen Göttern gehorchen. Die Techniker richten sich nach Naturgesetzen, nur die Kunst genießt Freiheit. Du wirst nicht bezweifeln, dass die Naturgesetze in China, in der Mongolei und in Deutschland absolut ein und dieselben sind. Daher gibt es auch keine chinesische, mongolische oder deutsche Physik oder Chemie – alle Staaten auf der Welt fabrizieren Autos, Flugzeuge und Bomben aufgrund weltweit identischer Formeln. Als Techniker gehorcht ihr der Notwendigkeit, die euch die überall gleiche Natur auferlegt. Ihr kennt keine Freiheit, weil euch die Natur ihre Gesetze diktiert. Notwendigkeit – das ist eure Wahrheit: die einzige, die ihr kennt.

Der Poet aber bedient sich überall auf der Welt seiner jeweils eigenen Sprache, er findet andere Gleichnisse, erdichtet andere Stories, lebt in anderen Traditionen. Er erschafft seine eigene Wahrheit, die er nicht findet, sondern die er erfindet, denn sie existiert nicht außerhalb von ihm selbst, sondern er schöpft sie aus seinem Inneren. Wir, Poeten, schaffen aus Freiheit, dem kostbarsten Gut des Menschen.

Der Techniker:

Oh ja sicher! Da bin ich einverstanden, nur dass ich den Sachverhalt doch etwas weniger romantisch sehe. Ich weiß schon, der Unterschied zwischen Notwendigkeit und Freiheit prägt das Weltbild der Neuzeit seit Aufklärung und Industrieller Revolution. Von meinem, dem Standpunkt des Technikers aus gesehen ist das, was du Freiheit nennst, gleichbedeutend mit Zufall oder Beliebigkeit.

Nehmen wir das ganz konkrete Beispiel der Sprache. Theoretisch könnte es neben Englisch, Chinesisch, Deutsch usw. unendlich viele Sprachen und neben der französischen oder japanischen unendliche viele Kulturen und Traditionen, unendlich viele Romane geben. Keine dieser kulturellen Erzeugnisse kann auf Notwendigkeit pochen. Im Gegenteil, sind sie mehr oder weniger kurzlebige Gebilde der reinen Beliebigkeit – zu einer bestimmten Zeit entstanden und mit deren Ablauf manchmal sehr schnell wieder zum Verschwinden verdammt. Dagegen hat alles, was die Technik ersonnen hat, einen potentiell unendlichen Bestand bis zum Ende der menschlichen Zivilisation. Das beginnt mit der Erfindung des Feuers, gilt für die Züchtung von Weizen und Mais und alle fortschrittlichen Techniken des Ackerbaus, aber ebenso natürlich für alle großartigen Erfindungen unserer Zeit. Im Unterschied zu jedem Gedicht, Roman oder Gemälde, sind Feuer und Computer für alle Zeit unvergesslich, sobald sie einmal vorhanden sind.

Selbst so langlebige kulturelle Schöpfungen wie die menschlichen Sprachen erscheinen im Vergleich damit nur als ephemere Zeugnisse der Beliebigkeit. Tausende von Sprachen sind im Laufe der Geschichte entstanden und wieder verschwunden, und von den heute noch existierenden werden die meisten in Zukunft untergehen. Was soll ich da noch über Geschichte sagen? Wer außer ein paar Spezialisten interessiert sich in unserer Zeit noch für Geschichte, diesem Massenfriedhof untergegangener Kulturen und Künste? Eure Schöpfungen sind nichts Besseres als flüchtiger Zeitvertreib. Wir Techniker dagegen halten uns an die Notwendigkeit, die wir der Natur entlehnen, denn nur aus dieser lassen sich die ewigen und ehernen Gesetze ablesen.

Um es dir noch einmal ganz deutlich auszurichten: Die Menschheit braucht all die vielen Traditionen, Kunstformen und Kulturen nicht – sie braucht die ganze bisherige Geschichte nicht, dieses Kaleidoskop der kulturellen Beliebigkeiten.

Deshalb drückt sich der moderne Mensch auch mehr und mehr in mathematisch-physikalischen Formeln aus, welche die materielle Realität der Welt viel genauer beschreiben als jede Umgangssprache. Überall auf der Welt ist Technik im Vormarsch, während der kulturelle „Überbau“ weltweit von Schwindsucht erfasst ist. Aus den Lehrfächern von Schulen und Universitäten ist er schon weitgehend verschwunden oder nur noch als Restposten und Überbleibsel vorhanden. Schau doch hin, was noch an Geschichte, Religion, Sprachen etc. selbst an deutschen Gymnasien gelehrt wird! All dieses Zeug wird nicht länger gebraucht. Damit macht man keinen Staat reich oder mächtig. Ihr Künstler seid Luxusgeschöpfe von unserer Gnade – und maßt euch dennoch an, über uns zu Gericht zu sitzen.

Da hält der Poet seinen Ärger nur mit Mühe zurück:

Mit Verlaub gesagt, welche Borniertheit aus diesen Worten spricht! Alles, was ihr uns bieten könnt, ist doch nicht mehr als das steinerne Fundament menschlichen Lebens: die materielle Daseinsfürsorge. Wer würde deren Unverzichtbarkeit denn bestreiten? Wir können nur denken, solange wir uns ausreichend ernähren. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Mit einer derartigen Banalität brauchst du mir nun wirklich nicht zu kommen! Aber die materielle Daseinsfürsorge dient doch allein dazu, dem eigentlichen Ziel menschlichen Daseins ein Stück näher zu kommen – und darunter verstehe ich Freiheit und Lebenssinn.

Wir sind soziale Wesen; ein erfülltes Leben besteht in der Resonanz, die unsere Ideen, unsere Gefühle, unser Sein in anderen Menschen erzeugen. Die schlimmste Strafe für jeden Menschen ist ein Leben in Einzelhaft oder vollständiger Einsamkeit. Ein Neugeborenes lässt sich zwar in einem Apparat künstlich ernähren und physisch am Leben erhalten. Wächst es jedoch ohne die Gesellschaft anderer Menschen auf, dann verblödet es, weil es das elementare Organ der Resonanz – die Sprache – nicht ausbilden kann.

Und das elementare Verlangen nach menschlicher Resonanz bleibt für das ganze Leben eine elementare Forderung – ganz gleich ob wir uns den frühesten Epochen zuwenden, als der Mensch gerade von den Bäumen herunterstieg oder der heutigen Zeit, wo er sich mit den modernsten Hightech-Geräten umgibt. Trotz all seinen Erfindungen und Apparaten würde selbst der genialste Techniker geistig und seelisch verkümmern, wenn sich niemand dafür interessiert.

Und der Poet fällt plötzlich in einen scharfen Ton

Ja, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Technik als Lebensform im Gegensatz zu Technik als Mittel der Daseinsfürsorge verrichtet keinen Dienst am Menschen, sondern wird im Gegenteil zu einer Macht der psychischen Zerstörung. Dann verwendet sie nämlich Menschen auf rein funktionale Art als Material – eben als „Menschenmaterial“ – ohne jede Rücksicht auf ihr Bedürfnis nach Resonanz. Die typischen ökonomischen Einheiten moderner Staaten, ihre administrativen, wissenschaftlichen, produzierenden Betriebe, sind bestrebt, Menschen wie Roboter als bloße Funktionen einzusetzen. Sobald sie die verlangte Leistung nicht länger erbringen, wird das defekte oder überforderte Menschenmaterial sofort gegen besseres ausgetauscht. Das ist der psychische Schaden, von dem ich sprach. Die neoliberale Wirtschaft erhebt die Forderung, dass jeder Beschäftigte bereit sein müsse, seinen bisherigen Lebenskreis, seine Freunde und Partner zu verlassen, wenn der Betrieb ihn an einen anderen Ort versetzt. Auf diese Weise hat der ökonomische Apparat absolute Priorität gegenüber allen menschlichen Rücksichten gewonnen.

Ich frage dich: Was ist das anderes als ein Werk der Zerstörung? Denn die Folgen sind ja für alle sichtbar. Seit drei Jahrhunderten, also seit Beginn der Industriellen Revolution, beobachten wir eine zunehmende Entwurzelung des Einzelnen aus allen gewachsenen Bindungen, die seinem Bedürfnis nach Resonanz entspringen. Inzwischen ist selbst die älteste menschliche Gemeinschaft, die Familie, diesem Prozess der Erosion ausgesetzt.

Und der Poet setzt seine Anklage fort:

Der Kampf gegen den Kapitalismus, gegen das „System“, gegen den Neoliberalismus usw. hat hier seine eigentlichen, seine tieferen Wurzeln. Der auf die Funktion reduzierte Mensch findet sich in die äußerste Einsamkeit verstoßen – als funktionierender Roboter wird er gebraucht, als Mensch fühlt er sich überflüssig. Sein Bedürfnis nach Resonanz will sich in Gemeinschaften manifestieren, aber menschliche Gemeinschaft ist von der Ratio der Technik nicht vorgesehen.

Der Techniker hat dem Poeten nur mit größter Mühe zugehört

Schließlich fällt er ihm abrupt ins Wort.

Das ist doch maßlose Übertreibung! In vielen Betrieben bewundere ich die demokratische Mitbestimmung; kluge Firmenchefs erlauben ihren Mitarbeitern, den Arbeitsplatz mit Blumen zu schmücken und haben nichts dagegen einzuwenden, dass sich Freundschaften in der Belegschaft bilden. Wer sperrt denn schon die arbeitenden Menschen in Einzelzellen, damit sie acht Stunden am Tag funktionieren, also verlässlich wie Roboter oder Computer das vorgelegte Arbeitspensum erfüllen?

Das gibt es doch nirgendwo! Freundschaften und Beziehungen entstehen überall, auch wenn es sicher richtig ist, dass sie in den Augen eines auf Effizienz bedachten Chefs manchmal als störend erscheinen. Ein ökonomischer oder wissenschaftlicher Betrieb ist nun einmal kein Tanzkurs oder Gesangverein.

Der Poet setzt ein sarkastisches Lächeln auf

Oh ja, natürlich. Dennoch sollte sich auch ein Techniker einmal die Frage stellen, warum es niemals gelingt, den Menschen ganz und gar in einen Roboter zu verwandeln, der auf bloßen Knopfdruck sein Tagespensum erledigt? Das ist doch gerade deswegen der Fall, weil das menschliche Bedürfnis nach Resonanz so übermächtig ist, dass es sich selbst noch gegen die stärksten Widerstände behauptet! Entscheidend ist aber doch, in welche Richtung die Menschen durch die Übermacht der Technik getrieben werden!

Über die Fakten sind wir uns doch wohl einig. Diese aber besagen, dass Firmen heute den Lebensmittelpunkt für die meisten Menschen bilden – wenn man den Schlaf abrechnet, verbringen sie dort den größten Teil ihres bewussten Lebens. Gerade hier aber setzt sich die Ratio der Technik erbarmungslos durch: Sobald der allgegenwärtige Konkurrenzdruck stärker wird und Arbeitskräfte leicht zu bekommen, setzt man sich über menschliche Bedürfnisse unbekümmert hinweg. Firmen werden dann schnell zu Verwertungsmaschinen für das im Überfluss vorhandene Humanmaterial. Anders gesagt, geraten sie in größte Ähnlichkeit zum Militär, wo der Mensch im Ernstfall schon immer als bloßer Roboter zu funktionieren hatte. Das Militär war und ist die klassische Institution für funktionale Menschenver­wertung und funktionalen Menschenverschleiß – und die neoliberale Wirtschaft ist in Gefahr sich diesem Modell soweit irgend möglich anzugleichen.

Achtung!, sagt der Techniker,

das ist wieder eine einseitige Übertreibung. Wir wissen doch, dass gerade beim Militär die stärksten menschlichen Bindungen entstehen konnten. Ich kenne Kameradschaftsbünde, in denen sich Überlebende noch Jahrzehnte später begegnen, weil sie sich daran erinnern, wie einer dem anderen in Momenten existenzieller Not das Leben gerettet hat oder ihm Trost gewährte. Das widerstreitet deinen Feststellungen doch diametral. Überall gibt es menschliche Resonanz, um es in deinen Worten zu sagen – selbst dort, wo man Menschen als bloße Marionetten verwendet.

Der Poet:

Wieder liegst du daneben! Oder glaubst du etwa, das Militär werde um einen Deut menschlicher, weil Freundschaften selbst noch in Situationen brutalen gegenseitigen Abschlachtens entstehen! Genauso wenig wird die funktionale Verwertung des Menschen im neoliberalen System deswegen humaner, weil es diesem trotz größter Anstrengungen nie vollständig gelingt, das Bedürfnis des Menschen nach Resonanz zu unterdrücken oder gar abzuschaffen. Wie groß die Einsamkeit vieler Menschen gerade an jenen Plätzen ist, wo sie den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, beweist die Statistik. Laut einer Studie der Harvard Business Review schätzen fünfzig Prozent amerikanischer Fachkräfte die eigene Arbeit als völlig sinnlos ein, während dies für 37% der Briten gilt. Eine Querschnittsuntersuchung über 142 Länder ergab, dass nicht mehr als 13 Prozent aller abhängig Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden sind (Siehe https://www.weforum.org/agenda/2017/04/why-its-time-to-rethink-the-meaning-of-work/). Sinnverlust und Einsamkeit liegen eng beieinander, und Einsamkeit erzeugt Schmerz und wirkt deswegen wie eine Krankheit (Manfred Spitzer).

Der Techniker:

Deine Sprünge erscheinen mir reichlich gewagt. Sinnverlust und Einsamkeit sind doch keinesfalls dasselbe. Derartige Behauptungen erscheinen mir unwissenschaftlich.

Der Poet

hat den Einwand offenbar überhört.

Ohne Beisammensein, Gemeinschaft, ohne das Miteinander, das eine gemeinsame Sprache bewirkt, verkümmern Menschen. Und mit Sprache meine ich nicht nur ein beliebiges Idiom wie Deutsch, Englisch oder Chinesisch, sondern die Gefühle, Ideen und Vorstellungen, die auf dieser Grundlage zwischen Menschen aufkommen und wachsen. Das in der Kindheit erlernte Idiom allein bewirkt noch keine Gemeinsamkeit. Man halte sich eine jener schrecklichen Wohnkasernen vor Augen, in der nicht wenige Menschen unserer Zeit ihr ganzes Leben verbringen. An der einen Tür steht „Katholik“, an der zweiten „Buddhist“, an den weiteren vielleicht „Atheist“, „Briefmarkensammler“, „schlagender Burschenschaftler“, „Anarchist“, „Maoist“ usw. Diese Menschen haben einander nichts zu sagen; sie sind einander so fremd, als lebten sie auf eigenen Planeten. Sie dürfen nicht einmal…

Da fällt ihm der Techniker neuerlich ins Wort

Aber das ist doch selbstverständlich! In alten Zeiten, als neunzig Prozent der Menschen noch als Bauern an ein Stück Ackerland gefesselt waren, konnten natürlich alle über dasselbe reden – ihr Leben verlief ja überall gleich eintönig und primitiv. Die heutige Gesellschaft dagegen besteht aus Lastwagenfahrern, Universitätsprofessoren, Stewardessen, Bäckern, Vermessungsingenieuren und zehntausend weiteren Berufen – und jedes Jahr kommen weltweit ein paar Hundert dazu. Wie können wir da noch von gemeinsamen Identitäten reden? Solche Zeiten gehören doch längst einer unwiederbringlichen Vergangenheit an. Vielleicht wird in hundert Jahren jeder einzelne Mensch auf dem Globus ein Spezialist in seinem eigenen Fache sein. Ich sehe darin nicht weniger als das Ziel der Entwicklung unserer Spezies zum Homo sapientissimus. Jeder Mensch ist dann ein Fachmann auf einem Gebiet, das nur er als einziger vollständig beherrscht. So gelangt die Explosion des Wissens an jenen höchsten Punkt, dem sie seit dreihundert Jahren – ich würde sagen, mit logischer Notwendigkeit – entgegenstrebt. Übrigens hat der Historiker Ian Morris diesen Endpunkt bereits vorausgesehen. In einer bemerkenswerten Untersuchung zeigte er, dass die Zunahme von wissenschaftlichen Fachzeitschriften zwischen dem 17ten bis zum 20sten Jahrhundert exponentiell erfolgte, so dass rein logisch irgendwann der Punkt erreicht sein müsste, wo auf jeden Erdenbürger eine Zeitschrift kommt.

Angewidert schüttelt der Poet den Kopf

Ich weiß schon: Das ist eure Vision, die Vision der Sozialklempner, für die es für alle Probleme stets eine technische Lösung gibt. Alle Menschen nur noch Rädchen in der großen ökonomischen Megamaschine, um den immer komplexeren Apparat der Daseinsfürsorge am Laufen zu halten. Aber welchen Sinn hat dieser Apparat für die Menschen, wenn jeder nur noch eine Privatsprache als Experte spricht, so dass sie einander nichts mehr zu sagen haben, weil ihr Bedürfnis nach Resonanz ins Leere geht? Oder kann unter bloßen Funktionen noch Gemeinschaft wachsen?

Habe ich es nicht gerade gesagt? Die eigentliche Krankheit, das Grundübel der Neuzeit, ist die Einsamkeit des durch technische Funktionalisierung entwurzelten Menschen. Die Technik kann dagegen nichts tun, denn menschliche Freiheit, welche sich in Sprachen, Traditionen, gemeinsamen Überzeugungen manifestiert und Menschen eine von ihnen selbst geschaffene Identität verschafft, beruht für euch ja auf bloßer Beliebigkeit – in euren Augen ist sie nichts wert. Resonanz und Gemeinschaft könnt ihr nicht erzeugen, weil sie für euch keine Bedeutung haben – ihr könnt sie nur zerstören.

Aber du hast schon Recht. Weil Gemeinschaft ein Grundbedürfnis des Menschen ist, unternimmt er alles, um sie – in wie primitiver Form auch immer – selbst im Militär, selbst in der neoliberalen Wirtschaft, selbst im hochtechnisierten Apparat durchzusetzen. Daher schließt ja auch ihr euch in Gruppen zusammen. Ob ihr nun Elektriker, Quantenphysiker oder Biogenetiker seid, ihr bildet Vereine oder Forschergemeinschaften, weil ihr einem „irrationalen“ Bedürfnis folgt, das sich aus der Technik selbst nicht ableiten lässt. Um es auf den kürzesten – wenn auch zu Recht umstrittenen – Begriff zu bringen: Auch ihr verschafft euch eine je eigene Identität, denn Gleichklang oder Resonanz kann nur unter Menschen entstehen, welche auf gleichen Frequenzen schwingen.

Identität!, ruft der Techniker

und man hört ihm die Empörung an, die er mit diesem Wort ausdrücken will. Wie gut ich die Vokabel aus dem Munde der ewig Gestrigen kenne! Die Identitären wollen sie, die AfD strebt nach deutsch-nationaler Identität, die FPÖ in Österreich verteidigt den Alpenmenschen gegen die Verunreinigung des Volkskörpers durch artfremde Einwanderung. Jenseits von Europa streben die Hindunationalisten nach identitärer Verwirklichung. Wladimir Putin versucht die panslawische Identität gegen den europäischen Liberalismus in Stellung zu bringen, überall dröhnt der Ruf nach Identität an mein Ohr. Und jetzt fällst auch du noch auf die Demagogen herein! Aber darüber sollte ich mich eigentlich nicht wundern. Ihr Sozialromantiker seid für solche Versuchungen immer schon besonders anfällig gewesen.

Der Poet fährt in die Höhe, man sieht ihm den Ärger an.

Wenn das so einfach wäre! Ihr Techniker seht nicht einmal das Problem, denn ihr verwechselt die Wirkung mit ihrer Ursache. Warum tanzen rechte Populisten um die Identität wie um das goldene Kalb? Warum nutzen sie die Angst der Bevölkerung vor Überfremdung, vor dem Ungewissen, vor den vielen Umwälzungen, die sie verunsichern? Den Grund dafür habt ihr geschaffen, weil ihr alle gewachsene Identität: den Glauben, die gemeinsame Geschichte, eine verbindende Weltanschauung als beliebig belächelt, seziert und zerstört habt. Was ihr mit unseren alten Städten getan habt, wenn ihr im Namen des Nützlichkeitsprinzips die gewachsenen historischen Kerne durch Kaufhäuser oder einförmige Mietskasernen ersetzt, das habt ihr ganz genauso am lebenden Menschen praktiziert. Tausende von Vereinen, Bünden, Genossenschaften wurden planiert, damit am Ende der rein funktional agierende „Mensch ohne Eigenschaften“ als gesichtsloses Reliktübrigbleibt. Auf diese Weise habt ihr das emotionale Nichts in den flexiblen Robotermenschen geschaffen, die als atomisierte Intelligenzen beziehungs- und sprachlos nebeneinander leben. Und da wundert ihr euch über die Angst, die nun nach künstlichen Identitäten schreit, nachdem ihr die gewachsenen flächendeckend zerstört habt?

Ihr habt die Menschen in ein emotionales Nichts versetzt, weil auch Emotionen für euch nur belächelnswerte Restposten sind. Aber Menschen halten es nicht aus, dauerhaft in der Einsamkeit eines psychischen Vakuums zu leben. Wenn sie das historische Band von gemeinsamen Überzeugungen, gegenseitigem Verstehen und Gesprächsbereitschaft, also eine oft über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Identität nicht länger zusammenhält, dann reagieren sie mit innerer Verstörung auf diesen elementaren Verlust an Resonanz. Verstörung und Angst aber treiben dann jenen Hass hervor, aus dem die Sumpfblüten künstlicher Identitäten sprießen. Denn leider ist es ja so, dass der Hass – das gemeinsame Anbrüllen gegen wirkliche oder erdachte Feinde – das Vakuum der Einsamkeit viel schneller auszufüllen vermag als dies auf dem langsamen Wege gegenseitiger Anpassung möglich ist. Dann entstehen die extremistischen, oft über Nacht geschaffenen Identitäten, womit Demagogen und Populisten die vereinsamten Massen zu brüllenden Herden zusammenschweißen. Dann kann es passieren, dass alle Wohlfahrt und aller Luxus, die eure Technik geschaffen hat, den Menschen plötzlich als nichtssagendes und wertloses Gehäuse erscheint, während sie ihr Heil darin sehen, fanatische Fremdenhasser, besessene Fremdenlieber, fundamentalistische Kapitalisten, verfolgungssüchtige Marxisten, kreuzzugsbereite Katholiken, mordende Muslime oder radikale Atheisten zu sein. Worauf es den Extremisten ankommt, ist letztlich gar nicht der Inhalt, den sie in die Welt posaunen, sondern dass sie dies unisono in einer Gemeinschaft der gemeinsam von „Wahrheit“ besessenen tun (Eric Hoffer). Worauf es ihnen ankommt ist die Fahne, welche ihre emotionale Leere bedeckt und ihnen das heiß ersehnte Gefühl vemittelt, endlich dazuzugehören.

Der Techniker:

Das verstehe ich nicht. Was hat die Technik mit Extremismus zu tun? Wir brüten über nützlichen Formeln und stellen all die Geräte her, mit denen wir euer Leben physisch erleichtern können. Das Innenleben der Leute geht uns doch, bitte schön, gar nichts an; davon wollen wir überhaupt nichts wissen – von mir selbst kann ich das jedenfalls mit gutem Gewissen behaupten. Was du da behauptest, mag ja richtig sein, aber für mich hat es wirklich gar keine Bedeutung. Ich habe dir doch schon gesagt, dass wir Techniker die Kultur zu den Nebensächlichkeiten rechnen – das gilt noch mehr für den kollektiven Wahn von Extremisten. Das sind doch nur Krämpfe und Krankheiten, die nach kurzer Zeit wieder vergehen, also Beliebigkeiten. Wir denken in Naturgesetzen, d.h. in Jahrtausenden und nicht in Jahrzehnten. Das alles geht einen Techniker doch überhaupt nichts an!

Poet:

Ja, und genau darin liegt die Misere und akute Gefahr. Ihr Techniker kennt euch mit Apparaten aus, aber für den Menschen ist in eurem Weltbild kein Platz vorgesehen. Es ist aber der Mensch, der mit seinen Werten und Wünschen das eigene Leben gestaltet. Die Apparate können ihm dazu bestenfalls Hilfe leisten, aber mehr ganz gewiss nicht. Und es ist das Vorrecht des Menschen, dass er diese Werte und Wünsche aus sich selber schöpft und sie nicht aus der Natur als fertige Rezepte empfängt. Was euch als Beliebigkeit erscheint, ist das eigentliche Ziel des Menschen: die Eroberung der Zukunft, so wie er sie kraft seiner Freiheit gestalten möchte. So erschafft er sich selbst eine Identität, einen Sinn und ein Lebensziel, das ihn mit anderen Menschen verbindet, aber sich aus keiner technischen Formel oder gar Naturnotwendigkeit herleiten lässt.*1* Das bekommt ihr nicht in den Blick – aber ihr seid dabei ja nicht einmal allein. Eine modische Wiener Philosophin (Isolde Charim) weiß nicht einmal, dass sie euch, den Technikern, nach dem Munde redet, wenn sie die Notwendigkeit von Identität überhaupt bestreitet. Es ist ein trauriges Faktum, dass selbst jene, die über Politik und Gesellschaft reden, sich von ihrem berechtigten Abscheu gegen Demagogen und Rechtspopulisten dazu verleiten lassen, die tiefsten Bedürfnisse des Menschen ganz einfach zu übersehen.

Der Techniker scheint plötzlich

nicht mehr anwesend zu sein. Er murmelt noch ein:

Ja, ja, das mag ja alles richtig sein, aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun.

Damit beugt er sich über ein liniertes Blatt, das von oben bis unten mit Zeichen und formalhaften Abkürzungen bedeckt ist – vermutlich eine kürzlich fertiggestellte Forschungsarbeit. Dem Poeten wird auf einmal bewusst, dass er ins Leere gesprochen hat. Er entfernt sich leise, der Techniker scheint dies nicht einmal zu bemerken. Doch der Techniker wendet sich ihm neuerlich zu.

Das Gespräch sollten wir fortsetzen, aber auf seriös-wissenschaftliche Art. Ich schlage vor, dass wir es unter den Titel bringen: Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

Der Poet:

Einverstanden, aber das Ergebnis steht doch schon fest. Deswegen schlage ich einen anderen Titel vor: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft.

Gut, erwidert der Techniker

nennen wir unser Vorhaben: Von der Risiko- zur Reparaturgesellschaft – Der Kampf zwischen Technik und Kultur.

1. Es gibt, wie ich in aller Unbescheidenheit meine, eine Lösung für das Problem der Freiheit. Siehe mein Buch: „Schöpferische Vernunft – eine Philosophie der Freiheit (William James gewidmet)“ (wahlweise als Taschenbuch oder Kindle eBook).

Hitler, Arendt, Hoffer. Oder: Das Genie als Prolet

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Er hätte ein typischer Vertreter des Proletariats sein können, denn er gelangte in seinem Leben nie über Gelegenheitsarbeiten als Erntehelfer und Hafenarbeiter hinaus und hatte in seiner Jugend nicht einmal die Schule besuchen können. Anders gesagt, hätte Eric Hoffer für Marx ein Paradebeispiel für den Typus Mensch abgeben müssen, dessen Klassenbewusstsein allein durch das Sein bestimmt wird. Aber dieser Sohn eines einfachen ausgewanderten Tischlers, der wie viele andere Deutsche gegen Ende des 19. Jahrhunderts sein Land verlassen hatte, um sein Glück in den USA zu versuchen, widerlegt auf spektakuläre Art die von Marx behauptete Abhängigkeit von Bewusstsein und Sein. Dieser scheinbare „Prolet“ redete keineswegs über die Härte seines persönlichen Schicksals, er begehrte überhaupt nicht auf, sondern sann über den Entwicklungsgang der Staaten und jener Männer nach, die ihren Gang maßgeblich bestimmen. Dieser einfache Arbeiter, mindestens eine halbe Woche damit beschäftigt, genug Geld für das eigene Überleben zusammenzukratzen, verbrachte die zweite Hälfte der Woche damit, in unstillbarer Wissbegier die Weltliteratur zu durchforsten und über Dinge zu grübeln, die mit seinem eigenen Leben so gut wie nichts zu tun hatten. Wenn man die Fähigkeit, nur an andere zu denken und dabei ganz von den eigenen Bedürfnissen abzusehen, manchen Heiligen der Vergangenheit zuerkennt, dann gilt diese Qualität ganz besonders für Eric Hoffer: den heiligen Proletarier.

Hoffer selbst hat die eigene Geistesverwandtschaft nicht mit anderen Angehörigen der eigenen Klasse gesehen, sondern mit einem französischen Adligen, dem grübelnden Philosophen Michel de Montaigne. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Hier der für den eigenen Unterhalt schwer arbeitende Proletarier, dort der Mann, dem schon die Geburt eine herausragende gesellschaftliche Stellung gesichert hatte. Aufgrund seines Reichtums verfügte Montaigne über genug Muße, um frei von aller Parteilichkeit, von aller Eiferei und von allen Bekehrungsgelüsten jene Überlegungen über die menschliche Natur anzustellen, die noch heute mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Aber Hoffer ist viel näher an unserer Gegenwart – er starb erst 1983. Was dieser Mann uns in seinem berühmten Erstlingswerk „The True Believer“ (Der Fanatiker) zu sagen hat, und zwar in Form von verblüffenden Aphorismen und psychologisch tiefsinnigen Räsonnements, ist zugleich zeitlos und aktuell. Es hinterlässt sofort den Eindruck, dass sich hier – um in Nietzsches Worten zu reden – ein freier Geist, ein besonderes Genie offenbart. Denn Hoffer ist alles zugleich: ein bis in die schwärzesten Winkel der menschlichen Seele ohne jede Scheu hinabblickender Psychologe und ein erbarmungslos sezierender Wissenschaftler, der den Menschen als soziales Herdentier untersucht. Mit anderen Worten, ein überragender Soziologe und Politologe, für dessen gerade einmal 170 Seiten umfassendes Buch man getrost ganze Bibliotheken aus der Feder durchschnittlicher Vertreter dieser beiden Fächer hingeben mag.

Da dieser Mann in linken Diskussionsforen nicht einmal erwähnt wird, wage ich zu behaupten, dass man sein Porträt, von seinen Schriften ganz zu schweigen, weder in den Parteizentralen findet noch bei den Jüngern des linken Lagers. Die Frage ist, warum? Muss diese Tatsache nicht überaus merkwürdig erscheinen, wenn man bedenkt, dass Eric Hoffer wie kein anderer den „denkenden Proletarier“ repräsentiert, während Marx, Engels, Lassalle, Kautsky oder Tucholsky nicht einmal Arbeiter, geschweige denn Proletarier waren, sondern allesamt einem teilweise recht wohlhabenden Bürgertum entstammten – eine Zugehörigkeit, die nach orthodoxer Lehre ihr Klassenbewusstsein doch von vornherein verfälscht haben musste? Warum hat man widerspruchslos akzeptiert, dass sich Sprösslinge aus dem Bürgertum anmaßen durften, über Wesen und Schicksal der Unterschicht zu befinden, die ihnen im Grunde doch ganz fremd sein musste, während ein Mann wie Hoffer, der ein Leben lang dieser Schicht zugehörte, für die Linke bis heute so gut wie nicht existiert?

Dafür gibt es einen einleuchtenden Grund: Hoffer ist ein Mann der Gerechtigkeit, aber die Ideologen aller Couleur führt er schlicht und mühelos ad absurdum. Die Provokation beginnt schon damit, dass er – ganz wie Hannah Arendt, aber völlig unabhängig von ihr – keinen Unterschied zwischen linken und rechten Fanatikern (den „true believers“) macht. Doch endet die Herausforderung keineswegs bei dieser Einsicht; tatsächlich geht Hoffer noch sehr viel weiter als Hannah Arendt (die übrigens in einem Brief an Karl Jaspers auf überschwängliche Weise von ihm sprach, nachdem es 1955 zu einer Begegnung mit dem damals 53-jährigen Hoffer gekommen war). Für Hoffer steht fest, dass der Fanatismus der Weltverbesserer seine Wurzeln in persönlicher Unzulänglichkeit hat: wer ein erfülltes Leben führt, weil er fähig ist, das eigene Sein kreativ zu gestalten, der habe kein Interesse am Umsturz der bestehenden Ordnung. „Der Glaube an eine heilige Sache ist in hohem Maße ein Ersatz für den verlorenen Glauben an uns selbst.“ Der „Frustrierte“ projiziere sein eigenes Versagen in Welt und Gesellschaft, die er eben deshalb radikal ändern will. Dies sei der Grund, warum man so oft gescheiterte Künstler unter den heftigsten Verneinern der herrschenden Zustände finde. Hitler versuchte sich erfolglos als Maler und Architekt, Goebbels als Dramatiker, Romancier und Dichter, Schirach als Dichter, Funk in der Musik, Streicher in der Malerei. Marat, Robespierre, Lenin, Mussolini und Hitler seien herausragende Beispiele für Fanatiker aus den Rängen nicht-kreativer Männer des Worts.

Nicht genug mit dieser erbarmungslosen psychologischen Tiefenanalyse, geht Hoffer noch einen Schritt weiter. Auf die jeweilige Ideologie einer Bewegung komme es ohnehin in den seltensten Fällen an. Was die Leute wirklich wollen und was ihnen die fanatischen Führer von rechts und links tatsächlich geben, sei das Gefühl „dazuzugehören“, auszubrechen aus der unerträglichen Isolierung des eigenen Selbst, aus der Unzufriedenheit mit dem eigenen unscheinbaren oder verhassten Ego, um in einem Größeren und Umfassenden aufzugehen: einer Bewegung. Die jeweilige Ideologie sei eher Nebensache, sie habe keine andere Funktion als die einer Fahne, unter der die Gläubigen sich versammeln. Deswegen habe Hitler nur die Intellektuellen, die Skeptiker und Liberalen wirklich gehasst, während er in Stalin einen Gesinnungsgenossen erblickte. Bekehrte Kommunisten, so seine Weisung, könne man sofort in die nationalsozialistische Partei aufnehmen. Wir dürfen daher behaupten, dass Hitler selbst sich schon vor Hannah Arendt und Eric Hoffer der geistigen Nähe und Austauschbarkeit der Fanatiker von Links und Rechts deutlich bewusst war!

Bei uns, den Kommentatoren des heute vorherrschenden Zeitgeistes, müssen solche Gedanken gerade zu Beginn des neuen Jahrhunderts wieder ein Déjà-vue-Echo erwecken. Auch in Amerika richtet sich der Hass der fundamentalistischen Evangelikalen ja nicht vorrangig gegen die ebenso kämpferischen Muslime oder fanatischen Atheisten – da spricht ein Ungeist zum anderen -, sondern er kehrt sich gegen die Zweifler und liberalen Skeptiker – die bilden das eigentliche Hassobjekt des Fanatismus. Man sieht, Hoffer ist zeitlos in seinen Analysen, aber er ist es auf eine Art, welche den Eiferern von links und rechts gleich wenig gefällt. Wie Montaigne steht er seltsam einsam über der lärmenden Gegenwart und spricht nur zu jenen, die sich selbst die Freiheit von ideologischer Enge bewahren. Nur bedeutende Denker wie Bertrand Russell oder Hannah Arendt waren in der Lage, Hoffer als das zu würdigen, was er in Wahrheit war: ein einsames Genie.

Zwischendurch könnte man Hoffer freilich auch anders lesen, nämlich als ein Lehrbuch für angehende Diktatoren. Er beschreibt nämlich genau, was diese tun oder lassen sollten, wenn allein der Erfolg entscheidet. Wladimir Putin und Xi Jinping werden Hoffer gewiss nicht gelesen haben: aber intuitiv handeln beide genau nach seinen Erkenntnissen. Regierungen, sagt Hoffer, werden nur selten dann gestürzt, wenn die Verhältnisse unerträglich sind oder sie zu hart, zu unduldsam, zu grausam gegen die Bürger verfahren, sondern im Gegenteil: wenn sie Zeichen zu großer Nachgiebigkeit und Schwäche zeigen. In dem Jahrzehnt vor der französischen Revolution ging es Frankreich ökonomisch weit besser als in den beiden auf sie folgenden Jahrzehnten, in Russland erfolgte die Revolution nach der weitgehenden Befreiung der Muzhik aus der Leibeigenschaft,  und die Bauernkriege, die zur Zeit Luthers stattfanden und für die er wesentlich die Verantwortung trägt, brachen in Gegenden aus, wo es der Landbevölkerung relativ gut ging. Aber in all diesen Fällen hatten zunächst „Männer des Worts“ Gedanken des Umsturzes ausgesprochen und damit an den Festen des Staats gerüttelt.

Männer des Worts! Intellektuelle. Die spielen bei Hoffer eine besondere Rolle, zum Beispiel Luther. Solange der große Reformator die Kirche als herrschende Macht in Frage stellte, sprach er von dem „armen, einfachen, gemeinen Volk“, kaum hatte er sich selbst mit der Macht, d.h. mit den Fürsten, verbündet und genoss deren Schutz, da redete er völlig anders: „Gott stellt sich lieber auf die Seite einer Regierung, sie mag noch so schlecht sein, als auf die Seiten der Lumpen, die gegen sie rebellieren, so gerechtfertigt deren Sache auch ist“ (Rückübersetzung aus dem Englischen). Männer des Worts stellen, so Hoffer, einen permanenten Herd der Unruhe dar: Rebellionen und Revolutionen gehen in der Regel von ihnen aus. Deshalb schützt ein Staat sich am besten vor ihnen, indem er ihnen den Lebensunterhalt sichert. „Hätte man Luther im rechten Moment ein Bistum angetragen, dann hätte dies möglicherweise seine Begeisterung für die Reformation abgekühlt.“ Die Jahrtausende währende weitgehende Stabilität des Chinesischen Kaiserreichs führt Hoffer darauf zurück, dass die Intellektuellen, welche die schweren Prüfungen der staatlichen Akademie bestanden hatten, mit einem sicheren Arbeitsplatz rechnen konnten. Dieselbe Beobachtung hätte Hoffer auch im Hinblick auf Indien machen können, wo Lesen und Schreiben ohnehin ein Vorrecht der Brahmanen war.

Der Umkehrschluss gilt natürlich genauso: Missachtete oder gar arbeitslose Intellektuelle bilden ein ständiges Potential von Aufruhr und Umsturz. Sie projizieren ihr eigenes Leid in die Welt hinaus. Zustimmend zitiert Hoffer Thoreau: „Was den /selbsternannten/ Reformer in Wirklichkeit quält, ist, wie ich glaube, viel weniger Sympathie für das Leid seiner Mitmenschen, sondern – auch wenn er der heiligste Sohn Gottes ist – sein privates Ungemach. Lass dieses berichtigt werden … und er wird seinen /früheren/ Kampfgenossen ohne jede Entschuldigung den Rücken kehren.“ Sein leidenschaftsloser Umgang mit dem Fanatismus frustrierter Gemüter hinderte Hoffer jedoch nicht an der Einsicht, dass diese recht häufig die folgenreichsten gesellschaftspolitischen Veränderungen bewirken.

Hoffer bringt es fertig, Staat und Menschen sine ira et studio mit so unerbittlicher objektiver Kälte zu sezieren, als hätte er es mit einem Ameisenhaufen zu tun. Das hat ihm den Vorwurf des Zynismus eingetragen. In der analytischen Unbeirrbarkeit seiner Analysen ähnelt er Spinoza, unterscheidet sich in diesem Punkt aber von seinem Vorbild Montaigne, denn dieser lässt seinen Blick zwar ebenso unbeirrt über die Menschen und ihre Schwächen gleiten, aber er tut es doch immer wieder mit Nachsicht und manchmal auch voller Mitleid. Denn – und dies übersehen zu haben, ist eine Schwäche, die man Hoffer wohl vorwerfen darf – es gibt das Mitleid, es gibt Hilfsbereitschaft und es gibt Ideale, für die manche Menschen durchaus die größten persönliche Nachteile erleiden, ohne dabei an den eigenen Vorteil zu denken. Nur in einer Nebenbemerkung räumt Hoffer selbst auch diese Möglichkeit ein. „Die Tomate und der Nachtschatten gehören beide zur Familie der Solanaceae, aber die eine ist nahrhaft und der andere giftig.“

Vielleicht wird man diese Teilblindheit Hoffers darauf zurückführen dürfen, dass dieser Mann einen unglaublichen Stolz besaß und nichts so sehr fürchtete, als dass man ihm auch nur einen Anflug von Selbstmitleid vorwerfen würde. Daher seine gnadenlose Objektivität, so als spiele seine persönliche Existenz nicht die geringste Rolle, wenn er über die Menschen und über die Menschheit redet. In dieser Hinsicht ist er noch stolzer, aber auch ehrlicher als Friedrich Nietzsche. Dieser war, wie man weiß, einer der dünnhäutigsten, empfindlichsten, verletzbarsten Menschen, der in Turin beim Anblick eines Kutschers, der sein Pferd erbarmungslos prügelte, in Tränen ausbrach und sich anschließend an den Hals des Tieres warf. Aber Nietzsche machte sich selbst etwas vor, als er im Zarathustra sozusagen das Gegenbild zu sich selbst erschuf, einen Prediger der Gewalt, der sich, wenn es sein muss, alle Regungen der Menschlichkeit versagt.

Hoffer machte sich gar nichts vor. Er fordert nicht, die da oben von ihrem Thron zu stürzen, nur weil er selbst ganz unten stand. Er hätte sich selbst und sein ganz persönliches Ressentiment dabei nur zu deutlich durchschaut. Hoffer war eben auch für sich selbst ein Objekt der Erkenntnis. Im Übrigen gab es für ihn sehr wohl ein Ideal, und das war eine Gesellschaft, in welcher der einfache Mann den Ton angibt, weil er „keinen König, keinen Hitler und keinen Stalin braucht, um seine Straßen, seine Dämme, seine Fabriken, seine Schulen, seine Sportplätze, Parks und Vergnügungsstätten zu bauen. Hier hat der einfache Mann zum ersten Mal in der Geschichte wirkliche Freiheit erfahren.“ Gemeint sind natürlich die Vereinigten Staaten von Amerika.

Hoffer schrieb diese Zeilen in den sechziger Jahren. Er hat nicht gesehen, dass in dieser Zeit Amerika bereits zu einem anderen Staat geworden war, einem Staat des oberen einen Prozents, welches Politik und Wirtschaft aus dem Hintergrund lenkt und sich um den einfachen Mann kaum noch zu kümmern braucht. An Hoffer beweist sich eine alte Wahrheit. Wer die Vergangenheit in der Distanz mit großem Scharfsinn erhellt, bringt deswegen noch längst nicht die Voraussetzung mit, um die Gegenwart aus unmittelbarer Nähe richtig zu bewerten. Tatsächlich endete dieser Mann, der sich zum Anwalt der kleinen Leute machte, schließlich bei den Neokonservativen, am Ende seines Lebens wurde er, so muss man es leider sagen, zum Reaktionär.

Hoffer ist ein Mann voller Widersprüche. Er verachtete die Intellektuellen, aber war selbst einer von ihnen – einer der größten. Er wollte das Beste für die kleinen Leute, aber beschäftigte sich vor allem mit den großen, den Aristokraten, Königen und Diktatoren. Er lebte in den Vereinigten Staaten, aber er las vor allem europäische Autoren. Mit anderen Worten, er war nicht dies oder jenes, sondern ein Mensch mit allen Gegensätzen. Deswegen lohnt es sich so sehr, diesen Mann auch heute noch zu lesen. In den Vereinigten Staaten gilt er mit Recht als einer der großen Denker, verdient es aber, auch in der übrigen Welt als ein Seher gewürdigt zu werden.

Zu einem solchen wurde Hoffer möglicherweise schon in seiner Jugend, da er zwischen sieben und fünfzehn Jahren aufgrund eines Unfalls erblindete (wie er selbst zumindest behauptete – tatsächlich liegen die ersten dreißig Jahre im Leben dieses Mannes völlig im Dunkeln. Vermutlich war Hoffer als illegaler Migrant ins Land gekommen).

Hoffer Mann besaß die seltene Fähigkeit, ganz von sich selbst abzusehen, aber letztlich sprach er doch immer nur über sich selbst. Denn er beweist, was ein Mensch aus sich machen kann, selbst wenn er ohne Schulbildung aufwächst und die Hälfte seines Lebens mit dem Schleppen von Lasten und anderen Frondiensten verbringt. Wenn es einen denkenden Proletarier gibt, der diesen Namen verdient, dann ist es Eric Hoffer, ein Heiliger, den die Fanatiker von links wie von rechts aber wohl nie wirklich schätzen werden, dazu steht Hoffer zu hoch über ihnen: dieser Mensch ist zu frei, zu souverän.

Postskriptum: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf New York und Washington wurde The True Believer neuerlich gedruckt. Dschihadisten schienen Hoffers fünfzig Jahre altem Drehbuch im Detail zu folgen. Junge Männer schlossen sich der islamistischen Sache ohne äußere Nötigung an und gingen freiwillig in den Tod in der Hoffnung auf versprochene Belohnungen in einer verwandelten Existenz.

Mehrfach zitiert wird Hoffer in meinem (bisher noch unveröffentlichten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).

Sarrazin reloaded

Das bekannteste Beispiel für einen Shitstorm aus der jüngeren Vergangenheit liefert „der Fall Sarrazin“. Dieser hatte in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu 95% aus einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen geschöpft, während er sich bei den letzten 5% (seinen Äußerungen über die relative Bedeutung von Umwelt und genetisch bedingter Veranlagung) im Bereich des wissenschaftlichen Kontroversiellen bewegte. Die von ihm benutzten Fachveröffentlichungen hatten allerdings nur ein verschwindend geringes Publikum von Forschern mit ähnlichen Interessen erreicht und blieben deshalb von der Öffentlichkeit praktisch unbemerkt. Vorwerfen konnte man Sarrazin allenfalls, dass er genetisch und kulturell bedingte Unterschiede nicht klar genug voneinander abgrenzt hat. Wie wir heute wissen, erscheint Homo Sapiens seit wenigstens 50 000 Jahren in genetisch unveränderter Gestalt (wobei die genetische Variation innerhalb der großen Gruppen von Schwarzen, Weißen, Chinesen etc. größer ist als zwischen ihnen!). Dagegen hat Sapiens in kultureller Hinsicht die erstaunlichsten Wandlungen erlebt.

Anstößig wurden Sarrazins Thesen erst durch ihre Breitenwirkung; da zeigte sich augenblicklich wie sehr sie gegen die vorherrschende politische Korrektheit verstießen (meisterhaft hat Sarrazin selbst diese Korrektheit als „Tugendterror“ beschrieben). Genauer gesagt, fanden sie großen Anklang bei einer Bevölkerungsmehrheit, die sich durch die Entstehung von Parallelgesellschaften innerhalb der Großstädte Deutschlands mehr und mehr verunsichert fühlt. Politisch inkorrekt waren sie dagegen in den Augen einer Elite, die ein nicht nur begrüßenswertes sondern geradezu notwendiges Ziel durchsetzen wollte, nämlich die Integration der Fremden. Mit richtigem Gespür für den Kern dieser Deutschland damals so aufwühlenden Debatte hatte Kanzlerin Angela Merkel das Buch Sarrazins als „wenig hilfreich“ bezeichnet.

Das traf durchaus zu, wenn man es ernst mit der Verpflichtung meinte, die in Deutschland ansässigen Menschen ausländischer Herkunft wirklich zu gleichberechtigten Bürgern zu machen. Das Bestreben, die Schranken zwischen heimisch und fremd niederzureißen, ist eines der großen Friedensprojekte unserer Zeit. Aber Sarrazin lenkte den Blick darauf, dass kulturelle Unterschiede in ihrer Wirkung so bedeutsam sein können, dass sie sich durch bloßes Wunschdenken nicht überwinden lassen. Ein Buch, welches die Hindernisse vor dem Ziel erfolgreicher Integration so stark unterstreicht wie „Deutschland schafft sich ab“, musste diesen Prozess natürlich zusätzlich erschweren: Es war nicht hilfreich.

Verstand man Sarrazins Werk hingegen als eine Warnung vor unbedachter und leichtsinniger Immigration, dann erfüllte es sehr wohl einen wichtigen Zweck. Das scheinen inzwischen viele Deutsche genauso zu sehen; kaum jemand hält jetzt noch die Arme weit geöffnet, um die ganze Welt aufzunehmen. Dennoch hat sich meines Wissens bisher niemand für den Shitstorm entschuldigt, der Thilo Sarrazin über Nacht im eigenen Land zu einem Geächteten machte. Obwohl Sarrazin bis zur Veröffentlichung seines Buchs als ein führendes Mitglied der Deutschen Bundesbank eine hoch geachtete Stellung in der SPD innehatte, wird die Auseinandersetzung mit seiner Person bis heute so dargestellt, als dürfe man ihn und seine Anhänger pauschal als rechts, unaufgeklärt, fremdenfeindlich und reaktionär diffamieren, während jene, die den Shitstorm gegen ihn inszenierten, als links, fremdenfreundlich, aufgeklärt und progressiv gelten müssten. Tatsächlich hat diese Darstellung mit der Wirklichkeit wenig gemein: Die eigentliche Trennlinie verlief von Anfang an zwischen der Bevölkerungsmehrheit und den Eliten auf nationaler wie europäischer Ebene – ein aus demokratiepolitischer Sicht durchaus bedenklicher Sachverhalt, der die Gegner Sarrazins aber augenscheinlich niemals zum Nachdenken angeregt hat.

Kulturelle Schranken können sehr groß sein, da ist Sarrazin unbedingt Recht zu geben, aber Kulturen und ihre Menschen sind dennoch auf lange Sicht überaus wandlungsfähig. Man darf nicht vergessen, dass der Islam bis zur Verwüstung Bagdads durch die Mongolen (1258) den Ländern Europas weit überlegen war. Das ist dem ehemaligen Berliner Senator natürlich durchaus bewusst. Anders als wohl die meisten seiner empörten Shitstorm-Kritiker ist er durchaus in der Lage, Fehler einzuräumen, z.B. wenn er den Juden in einer Talkshow ein bestimmtes Gen zuschrieb: „Riesenunfug, was ich auch extrem bedauere. Ich habe aber nichts Falsches gesagt, sondern ich war dabei auszuführen, dass die Unterschiede der muslimischen Migranten zu anderen Migranten eben gerade keine ethnischen Ursachen haben, sie haben im Gegenteil kulturelle Ursachen.“ Nun, vielleicht hatte er da doch etwas Falsches gesagt, aber wenigstens hat er den Fehler zugegeben. Man würde sich wünschen, dass auch die Gegner Sarrazins nachträglich ihre Fehler bedauern. Zu rechnen ist damit allerdings kaum, denn wie der „heilige Prolet“ und „Montaigne Amerikas“ (über ihn mein nächster Aufsatz), Eric Hoffer, es ausdrückt, sind wir am wenigsten bereit, denjenigen zu verzeihen, denen wir selbst ein Unrecht zugefügt haben.*1*

Ein anderer Umstand gibt aber noch größeren Anlass zu Beunruhigung, obwohl das damals die wenigsten auch nur zu sehen schienen. Wenn es nämlich stimmt, dass Sarrazin 95% seines Zahlen- und Faktenmaterials aus einschlägigen wissenschaftlichen Quellen schöpfte und sie „im Großen und Ganzen“ auch richtig benutzte, dann stand in diesem innerdeutschen „Kulturkampf“ letztlich nicht mehr und nicht weniger zur Debatte als die Freiheit der Wissenschaft, deren Wahrheiten es eben manchmal so an sich haben, dass sie weniger hilfreich sind. Die Wirklichkeit, wie sie ist – und die Wissenschaft sie beschreibt – ist eben oft nicht so, wie die Politik sie gern sähe. In autoritären oder gar totalitären Staaten wird in solchen Fällen das Denken gleichgeschaltet, damit Wunschbild und Realität übereinstimmen. Erst kommt dort die Tugend und danach meist der Terror. In demokratischen Staaten war das bisher nicht üblich.

1 In all meinen Büchern bin ich immer für größere soziale Gerechtigkeit eingetreten, einige der schärfsten Angriffe gegen das vorherrschende neoliberale Wirtschaftssystem findet man in meiner nachfolgend genannten Arbeit. Andererseits habe ich mich nie mit jener Linientreue und bonzenhörigen Engstirnigkeit abgefunden, die schon seit Aufkommen der linken Bewegungen mehr bei ihnen als im rechten Lager zu finden war. Man höre und staune: Die Chefredaktion des Standards hielt es für nötig, nach diesem Artikel über Sarrazin das Löschen ihrer Adresse aus meinem Verteiler zu fordern. Dazu muss man wissen, dass dieselbe Zeitung keineswegs davor zurückschreckte, einer offenkundigen Scharlatanerie wie dem Buch von Franz Hörmann über das „Ende des Geldes“ einen euphorischen Artikel zu widmen. Es ist traurig zu sehen, dass Linientreue entscheidet – nicht intellektuelle Redlichkeit, von Niveau ganz zu schweigen.

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).