Erzwungener Verrat – die Illusion von europäischer Macht und Größe

Die USA haben den Vertrag mit Iran mutwillig nur deshalb außer Kraft gesetzt, weil der neue Präsident Trump alles rückgängig machen wollte, was der alte Präsident Obama ihm als Erbe hinterlassen hatte. Aber ebenso wie Russland und China hat die Europäische Union bis zuletzt an dem Vertrag festgehalten. Jetzt aber hat sie den Iran von einem Moment auf den anderen verraten: nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie dazu gezwungen wurde. Natürlich sitzen in Teheran keine Heiligen, sondern Machtpolitiker, welche nicht einzusehen vermögen, warum ihre Nachbarn, Indien und Pakistan – von Engländern, Franzosen, Amerikanern, Israelis, Russen, Chinesen oder dem kleinen Nordkorea gar nicht zu reden – die Bombe besitzen dürfen, während man sie ihnen verwehrt. Das eher finster-mittelalterliche Regime der Ayatollahs strebte schon die letzten Jahrzehnte danach, aber dem diplomatischen Geschick eines Barack Obama war es zu danken, dass 2015 ein Abkommen mit dem Iran getroffen wurde, das beiden Seiten erträglich schien. Der Iran verzichtete auf die Bombe, dafür würden die USA und ihre Verbündeten die bestehenden Sanktionen aufheben und dem Iran bei seinem wirtschaftlichen Aufbau helfen.

Die ganze Welt und vor allem auch die Europäer

waren sich bewusst, dass der Vertragsbruch Trumps durch nichts zu rechtfertigen war. Dennoch haben sich die drei führenden europäischen Mächte England, Deutschland und Frankreich am 14. Januar in Paris gegen besseres Wissen und gegen die eigene Überzeugung dazu entschlossen, ihrerseits den Mechanismus der Vertragskündigung einzuleiten. Aufgrund eines Lecks aus Washington wissen wir auch, warum das geschah, nämlich nach einem Anruf vonseiten der amerikanischen Regierung, genauer gesagt: nach einer massiven Drohung. „Entweder kündigt ihr Iran eure Unterstützung auf oder wir belasten eure Autoexporte mit Zöllen – 25% oder auch mehr.“

Die Drohung hätte nicht wirksamer ausfallen können

Würden die USA ihren Markt für europäische Waren sperren oder auch nur durch Zölle wesentlich abschotten, dann hätte das einen Wohlstandseinbruch in Deutschland und ganz Europa zur Folge, den keine Regierung überleben würde. Das ist der aufrechten deutschen Kanzlerin natürlich deutlich bewusst. Aber sie weiß auch, wie wenig es nützte, dass sie zuvor nach Moskau zu Putin gepilgert ist, um sich Rückenstärkung gegenüber dem amerikanischen Druck zu verschaffen. Das ökonomisch schwache Russland kann allenfalls im Alleingang die North­stream-Pipeline zu Ende bauen, für den deutschen Export aber kann es absolut gar nichts tun. Ein einfacher Anruf aus Washington genügte, um den Deutschen diese schlichte Wahrheit und ihre fundamentale Abhängigkeit ins Bewusstsein zu rufen. Und sie haben auch begriffen, dass es sich dabei um eine ganz und gar einseitige Abhängigkeit handelt, denn die Amerikaner brauchen nichts von einem Anruf aus Berlin zu fürchten. Zur Not könnten sie den Handel mit der übrigen Welt auch völlig zum Stillstand bringen. Zwar würde dann auch bei ihnen der Lebensstandard sinken, aber die Lichter in den Städten würden nicht erlöschen und die Autos bei ihnen weiter fahren. Die USA und Kanada sind seit kurzem energieautark. Für Russland gilt das schon lange.

Deutschland befindet sich in einer völlig anderen Situation

Sein Lebensstandard ist auf doppelte Weise bedroht. Einerseits beruht er auf der Ausfuhr von industriellen Fertigwaren, vor allem Autos; andererseits auf der Einfuhr von Energie, vor allem von Öl und Gas. Wird auch nur eine dieser beiden Lebensadern durchtrennt, ist es mit Deutschlands bisheriger Stärke schlagartig vorbei.

Aus historischer Sicht ist das eine durchaus neue Entwicklung. Erst seit Ende des 19ten Jahrhunderts hängt der Wohlstand Deutschlands wesentlich am Export, und erst seit Mitte des 20ten ist es von der im eigenen Land vorhandenen Kohle auf die Versorgung mit Öl und Gas umgestiegen. Seitdem haben sich Deutschland – und in geringerem Maße die gesamte EU – immer mehr von den beiden Großmächten abhängig gemacht: von den USA (inzwischen zunehmend auch von China) durch den Export, von Russland durch den Energieimport.

Die Öffentlichkeit hat diese Entwicklung

kaum wahrgenommen. Der freie Handel schien ja ein in Stein gemeißelter Glaubensartikel zu sein, an dem kein Staat jemals rütteln würde. In Europa schien es niemandem in den Sinn zu kommen, dass jedes Land sich in eine gefährliche Abhängigkeit begibt, wenn es sich für den eigenen Lebensstandard oder gar das eigene Überleben auf den guten Willen fremder Staaten verlässt. Die Industriemacht Deutschland hängt am russischen Tropf, sowohl was die Versorgung mit Öl wie mit Gas betrifft. Wenn Putin es so wollte, gehen bei uns die Lichter aus und die Heizungen frieren ein. Aber Deutschland ist ganz genauso auch auf den guten Willen der USA (und mittlerweile auch Chinas) angewiesen, der Destination für den größten Teil seiner außereuropäischen Exporte.

Vollständig überrascht, man darf ruhig sagen, fassungslos aber registrieren die Deutschen, dass es gerade die verbündeten USA sind, welche ihnen ihre fundamentale Abhängigkeit schlagartig ins Bewusstsein rufen. Aber war dieser Umschwung wirklich so unvorhersehbar? Mit ein wenig Voraussicht hätten wir ihn längst erkennen können, denn die Vereinigten Staaten von heute sind längst nicht mehr die von gestern (hierzu vgl. „Frieden, Krieg und Klimawandel„).

Die USA konnten sich den freien Handel

und die damit verbundene Großzügigkeit bis vor zwei, drei Jahrzehnten noch leisten. Unbestritten waren sie der reichste und mächtigste Staat der Erde und konnten ihren Bürgern daher gestatten, viele Produkte aus dem Ausland zu erwerben, wenn diese in Qualität oder Preis die eigenen in den Schatten stellten. Mit dieser Großzügigkeit ist es vorbei; gegenüber China hat Trump die Bremse zum ersten Mal brutal angezogen. Denn die USA sind zwar immer noch der mächtigste Staat der Erde, aber der Reichtum hat nur bei wenigen oberen Prozent zugenommen, die Masse der Bevölkerung ist von Armut bedroht. Mit ihren etwa tausend Militärbasen überall auf der Welt haben die USA sich so überdehnt wie vor ihnen nur das römische, das habsburgische oder das britische Weltreich, die ebenso an solcher Überdehnung zugrunde gingen. Führende Kreise in den USA sind von der Angst besessen, dass sie denselben Weg des Niedergangs gehen könnten, wenn ihre Schulden weiter und weiter wachsen. Das ist der durchaus rationale Grund für das Vorgehen des derzeitigen Präsidenten. Zweifellos wäre es auch ohne Trump zu diesem Umschwung gekommen. Dieser kam nur deshalb so überraschend und erscheint allen so schwer erträglich, weil der neue Präsident seine Politik mit unglaublicher Grobschlächtigkeit verbindet. Bis zu Obama betrieb das großzügige Amerika zumindest dem alten Kontinent gegenüber eine halbwegs anständige Großmachtpolitik. Jeder politisch wache Beobachter wusste zwar, dass die Europäer die Vasallen Amerikas waren, aber dafür durften sie nahezu gleichberechtigt am gemeinsamen westlichen Wohlstand partizipieren und genossen überdies – weitgehend gratis – den Schutz der Supermacht. Auch heute würde wohl niemand in Frage stellen, dass es Westeuropa während des Kalten Kriegs unvergleichlich viel besser ging als den russischen Vasallen im damals sowjetisch beherrschten Osteuropa jenseits des Eisernen Vorhangs. Doch mittlerweile hat sich die Lage grundlegend verändert. Die USA sind ein total verschuldeter Staat (verschuldet noch dazu hauptsächlich bei dem Rivalen China), es geht ihnen nicht länger gut – mit ihrer Großzügigkeit ist es vorbei.

Die deutsche Regierung weiß,

dass der Iran keine Schuld an dem Vertragsbruch trägt, aber sie weiß ebenso, dass keine deutsche Firma mit dem Iran Geschäftsbeziehungen eingehen wird, wenn sie dabei den Ausschluss vom amerikanischen Markt riskiert. De facto hatte Europa den Vertrag schon gebrochen, bevor der Iran seine Zentrifugen zur Urananreicherung neuerlich in Bewegung setzte. Warum sollten die Ayatollahs an diesem Vertrag festhalten, wenn nicht nur die USA, sondern ebenso auch Europa den Handel schon ausgesetzt und damit ihren Teil der Verpflichtungen bereits gekündigt hatten?

Ebenso wie Europa ist auch China

auf den Export angewiesen, da es über vergleichsweise wenig eigene Ressourcen verfügt. Auch dem fernöstlichen Riesen gegenüber lässt Trump die Muskeln spielen. Dennoch ist China viel weniger gefährdet als Europa. Einerseits greift der fernöstliche Gigant inzwischen wie ein unersättlicher Krake mit tausend Armen über den ganzen Globus aus, um überall Zugriff auf Ressourcen zu bekommen und seine industrielle Produktion in der ganzen Welt abzusetzen. Andererseits ist das Land sich seiner Verwundbarkeit viel deutlicher bewusst als die Europäer und hat sich aus diesem Grunde zu einer konventionell wie atomar hochgerüsteten Großmacht emporgerüstet. Selbst von Amerika kann China nicht länger schikaniert werden.

Dagegen ist Europa militärisch nahezu unbedeutend. Während Putins Russland gerade in den beiden letzten Jahrzehnten erneut zu einer militärischen Supermacht aufgerückt ist – wenn auch schwach in wirtschaftlicher Hinsicht –, wobei es einige der früheren Satellitenstaaten wieder fest an sich bindet; während Trump den Militäretat und die Staatsverschuldung in neue astronomische Höhen schraubt, lebt Europa von seiner hohen Moral, die allerdings – wie wir jetzt einsehen mussten – durch einen einzigen Telefonanruf aus Washington fatal zu erschüttern ist

Moral ist das Trostpflaster schwacher Staaten

Führende Mächte machen sich nur dann etwas aus ihr, solange sie sich Großzügigkeit leisten können. Man kann das sehr gut am Verhältnis der Supermächte zum Klimawandel ablesen. Es waren amerikanische Wissenschaftler des MIT, die als erste die „Grenzen des Wachstums“ erkannten; eine der bedeutendsten Umweltorganisationen, nämlich Greenpeace, wurde in Kanada gegründet, und es war Jimmy Carter, der als erster Politiker Solarpanele auf seinem Amtssitz installieren ließ. Kalifornier waren noch dazu die ersten Umweltpioniere – man darf also behaupten, dass grünes Bewusstsein zuerst in Amerika zu Einfluss gelangte. Doch nun ist es wiederum ein Amerikaner, noch dazu ein amerikanischer Präsident, der alle klimarelevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse gleichmütig zu „fake“ deklariert, wenn sie ihm nicht passen – oder genauer gesagt, wenn sie im Widerspruch zu den Zielen des militärisch-industriellen Machtkomplexes geraten. In Trumps Amerika spielt der Klimawandel so wenig eine Rolle wie die ganze grüne Bewegung.

Was Russland betrifft, so hat Präsident Putin zunächst sogar Befriedigung über die zunehmende Klimaerwärmung geäußert, weil damit der Schifffahrt die bisher vereiste Nordroute eröffnet werde. Im Übrigen ist der Klimawandel für beide, den amerikanischen wie den russischen Präsidenten, nicht menschengemacht – weshalb die Politik auch nichts dagegen tun könne oder solle. Sowohl Trump wie Putin sind überzeugt, es besser als die Wissenschaftler zu wissen (erst in letzter Zeit und angesichts überwältigender Evidenz haben sich beide zu minimalen Zugeständnissen durchgerungen).

Wie fast immer, geht China auch in diesem Fall viel geschickter und diplomatischer vor. Während es seinen ungeheuren Energiebedarf mit dem Zubau immer neuer Kohle- und Atomkraftwerke befriedigt, legt es nach außen hin besonderen Wert darauf, seine gewaltigen Solar- und Windkraftanlagen in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. China – der größte Umweltsünder der Welt – bringt es auf diese Weise fertig, mit einem leuchtend grünen Mäntelchen aufzutreten und damit das eigene Bewusstsein wie auch das der Weltöffentlichkeit zu täuschen.

Leider ist es keine Panikmache,

sondern beklemmende Realität, dass die Menschheit des 21ten Jahrhunderts gerade damit beschäftigt ist, die Welt durch den „Fortschritt“ zu ruinieren. Nichts wäre daher so sehr vonnöten wie eine entschlossene Reduktion nicht allein des Energieverbrauchs, sondern überhaupt sämtlicher Ressourcen, denn wir verwandeln sie ja fortwährend in Müll – d.h. in einen Ausstoß von Schadstoffen, die in stetig steigendem Umfang die Luft, das Wasser und den Boden auf dem ganzen Globus vergiften (in erster Linie durch CO2, Plastik, Kunstdünger und Pestizide). Die Initiative der Europäischen Union, die ersten entschlossenen Schritte in dieser Richtung zu setzen, ist so gesehen nicht nur begrüßenswert, sondern sie ist in Wahrheit viel mehr: ein für die Rettung des Planeten schlechterdings notwendiger Schritt.

Doch die führenden Mächte, die USA, Russland und China

denken gar nicht daran, Europa auf diesem Wege zu folgen. Seit nicht nur China und Indien, sondern auch Afrika und die ganze übrige Welt denselben Lebensstandard wie der Westen genießen wollen, hat die kollektive Plünderung des Planeten eingesetzt. Nur wer dabei militärisch die Oberhand behält und auch sonst über genügend Druckmittel verfügt, wird aus diesem Wettrennen der Nationen als Sieger übrigbleiben. Ich glaube, die Situation richtig einzuschätzen, wenn ich behaupte, dass die großen Nationen, also die USA, Russland und China, eher den Ruin des Globus in Kauf nehmen werden als die Schwächung der eigenen Stellung: Besser der erste im Hades als der zweite im Paradies zu sein (um einen Julius Cäsar von Plutarch zugeschriebenen Ausspruch leicht abzuwandeln).

Mit dem Verrat am Iran

haben Deutschland, Frankreich und England der Welt bewiesen, wie die Moral zuschanden wird, wenn es ums Fressen geht (die Unterstützung des europäischen Exports und damit des bisherigen Lebensstandards). Eingekeilt zwischen zwei Supermächten, den USA und Russland, hatte dieser unser kleiner westlicher Wurmfortsatz der großen eurasischen Platte schon während des Kalten Kriegs seinen hohen Lebensstandard nur dadurch bewahren können, dass es in einen engen Handel mit den Vereinigten Staaten trat, sich von ihnen abhängig machte, aber im Gegenzug vor Übergriffen der ideologisch und militärisch expansiven Sowjetunion dadurch eben auch geschützt werden konnte. Dieser Schutz wurde als selbstverständlich hingenommen. Mit seinem gar zu erfolgreichen (Auto-) Export hat Deutschland sogar viele US-Konzerne auf dem amerikanischen Markt überflügelt und dadurch zur Schwächung der Supermacht beigetragen.

Die USA haben Deutschland mit einem einzigen Anruf gezeigt,

dass die Zeiten der Großzügigkeit endgültig vorbei sind. Für seinen Schutz wird Europa von nun an zahlen müssen, entweder an die USA oder an Russland (wobei ich persönlich immer noch die USA vorziehe, obwohl der derzeitige russische Präsident sowohl sympathischer wie auch klüger ist). Europa ist gut beraten, diese Drohungen sehr ernst zu nehmen – wie ernst, dass scheint den wenigsten bisher bewusst zu sein. Bis zu dem gebildeten Präsidenten Franklin D. Roosevelt, aber selbst noch bis zu Carter und Clinton waren sich die Amerikaner bewusst, dass ihre Wurzeln in Europa lagen, zu dessen Schutz sie sich daher auch moralisch verpflichtet fühlten. Heute wird Europa nur noch als ein Konkurrent unter anderen wahrgenommen. Ein Präsident, der dem Iran damit droht, sein kulturelles Erbe zu vernichten, würde, so fürchte ich, auch einem Krieg in Europa tatenlos zusehen, zumal die NATO in seinen Augen alle Bedeutung für Amerika eingebüßt hat. Den derzeit amtierenden Mann im Weißen Haus interessiert das kulturelle Erbe Europas genauso wenig wie das des Iran.

Krugman, Trump und die Geopolitik

In einem am 5. September in der New York Times erschienenen Artikel (Trumpism Is Bad for Business) hat Paul Krugman die gegen China verhängten Wirtschaftssanktionen scharf kritisiert. Nicht nur kämen sie die Konsumenten seines Landes teuer zu stehen, weil ja sie es seien, welche die Quittung für die hohen Zölle zu zahlen hätten, auch die amerikanische Agrarindustrie würde bitter leiden, da China seinerseits amerikanische Einfuhren mit hohen Abgaben bestraft. Man könne die „supply chain“, also die internationale Verflechtung der Produktion, nicht durch Zölle beschädigen, ohne dass alle Beteiligten schwer darunter zu leiden hätten. Das Ergebnis sei schon jetzt klar zu erkennen: Trump mache Amerika nicht „great“, sondern das genaue Gegenteil sei zu befürchten.

Aus der Perspektive Trumps und seiner Wähler

sah das zunächst freilich durchaus anders aus. Amerikas industrielle Landschaft war – und ist nach wie vor – von Rostgürteln geprägt, den Ruinen aufgelassener Industrien, die in den USA verschwanden, weil sie nach China verlagert wurden. Hunderttausende einst sehr gut bezahlter Arbeitsplätze wurden entweder zur Gänze vernichtet oder durch schlechter entlohnte ersetzt. Außerdem ließ sich aus Umfragen erkennen, dass eine Mehrheit der Amerikaner China für die größte Bedrohung des eigenen Landes hielt. Die amerikanische Bevölkerung war von einem diffusen Unbehagen an der Politik der beiden Großparteien ergriffen worden. Trump führte insofern eine Wende herbei, als er diesen längst nicht mehr unterschwelligen Protest deutlich erkannte und mit dem ihm eigenen undiplomatischen Draufgängertum das politische Ruder in Richtung Protektionismus herumwarf.

Die Weichen für die Demontage der Vereinigten Staaten

als industrielle Großmacht wurden freilich schon in den späten siebziger Jahren gestellt. Während der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte waren die USA noch die unbestrittene militärische und ökonomische Supermacht gewesen. Der Krieg hatte Europa und Japan ausgeblutet, andere Staaten zählten noch nicht als bedrohliche Konkurrenten. Doch schon zu Beginn der achtziger Jahre begann sich das Blatt für die Vereinigten Staaten zu wenden: Deutschland und Japan rückten als ernst zu nehmende industrielle Wettbewerber immer mehr auf. In dieser Lage begann in den USA ein epochaler Umschwung, der dort Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändern sollte und schließlich zur Bedrohung für ihre Weltherrschaft wurde.

Amerikanische Unternehmen erkannten,

dass man technologisch einfache Prozesse in Entwicklungsstaaten auslagern konnte – selbst in solche mit feindseliger Ideologie wie China – und auf diese Weise die Herstellungskosten wesentlich reduzierte. Epochal muss man diesen Entschluss deswegen nennen, weil er Amerikas damalige Hauptkonkurrenten, Deutschland und Japan, dazu zwang, dem amerikanischen Vorbild zu folgen, wenn sie sich auf dem Weltmarkt gegen die sehr bald viel billigeren US-amerikanischen Produkte durchsetzen wollten. Mit anderen Worten, sämtliche Industriestaaten des westlichen Lagers sahen sich spätestens seit Beginn der neunziger Jahre gezwungen, immer größere Teil der eigenen Produktion ins billige Ausland – vor allem nach China – auszulagern. Dieser Prozess wurde zusätzlich dadurch begünstigt, dass er von bekannten Ökonomen offiziell abgesegnet wurde. Damals schrieb Robert Reich sein bekanntes Buch „The Work of Nations“, wo dieser „internationalen Arbeitsteilung“ das Wort geredet wurde.

Für die ökonomische Entwicklung der nicht-westlichen Welt,

also vor allem für China, bedeutete diese Verlagerung der industriellen Produktion natürlich eine gewaltige Chance. Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte Land in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie die kapitalistischen Investoren, die von da an im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Investitionskapital in Shenzhen und bald an der ganzen Küste Chinas ihre Fabriken errichteten. Chinas Aufstieg ist noch weit beeindruckender als der Deutschlands, das gegen Ende des 19ten Jahrhunderts die von England initiierte industrielle Revolution nicht nur erfolgreich nachgeahmt hatte, sondern seinen Lehrmeister England zu dieser Zeit bereits übertraf. Anders als Deutschland und Japan hat das fernöstliche Land dazu allerdings kein Jahrhundert, sondern nur zwei, drei Jahrzehnte gebraucht. Es hat das gesamte Wissen und Können des Westens gleichsam über Nacht (raub-)kopiert. Inzwischen kann sich China aber schon rühmen, auf einer Anzahl von Gebieten seine ursprünglichen Lehrmeister überholt zu haben oder kurz davor zu stehen.

Die große Armut in China wurde dabei zurückgedrängt,

eine sehr wünschenswerte Entwicklung. Der ökologische Fußabdruck hat sich zur gleichen Zeit jedoch dramatisch vergrößert und wird es in Zukunft noch weiter tun – ein sehr gefährlicher Prozess. Denn China hängt sich zwar mit Vorliebe ein grünes Mäntelchen um, wobei es darauf verweist, dass es auf seinem Gebiet die weltweit größten Windkraftparks errichtet hat. Doch hängt das damit zusammen, dass in China alles groß ist – genauso nämlich auch der Zubau von neuen Atommeilern und immer mehr Kohlekraftwerken.

Das westliche Modell, so hatten einst Friedrich von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf gesagt, lasse sich nicht verallgemeinern, eine solche Entwicklung würde den Globus ökologisch zerstören. Doch genau dies geschieht inzwischen. Immer größere Teile der Welt – inzwischen auch der afrikanische Kontinent – werden industrialisiert und die dazu nötige Energie zum weitaus größten Teil aus fossilen Quellen gewonnen.

Was die USA betrifft,

so waren es in den achtziger Jahren schlaue Geschäftsleute von der Art eines Donald Trump, welche die Möglichkeit der Auslagerung begierig ergriffen, um Kosten zu sparen und ihre internationale Konkurrenzfähigkeit dadurch wesentlich zu erhöhen. Das wird gerne vergessen, wenn Trump und seine Anhänger China die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes zuweisen. Ja es stimmt, dass die USA noch bis vor Kurzem auf den Gebieten der Informationstechnologie und Künstlichen Intelligenz – die sie ja weitgehend überhaupt erst erfunden hatten – weltweit an der Spitze lagen. Doch heute sitzen ihnen chinesische Konkurrenten wie Huawei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern sind im Begriff, sie zu übertreffen. Auch Boeings Vormacht (so wie die von Airbus) wird wohl nicht mehr allzu lange bestehen.

Der von Trump losgetretene Handelskrieg ist nichts anderes als ein Ausdruck von Panik. Alles deutet darauf hin, dass die USA sich – anders als die Sowjetunion unter Gorbatschow – nicht freiwillig und friedlich vom Sockel der führenden Großmacht stoßen lassen.

Wir sind es inzwischen gewohnt,

in den meisten nationalen Fußballmannschaften zugekaufte Spieler aus anderen Ländern zu sehen. Inzwischen werden viele sportliche Meisterschaften vor allem durch Geld entschieden, eben durch die Möglichkeit eines Clubs, Spitzensportler aus dem Ausland dazu zu kaufen. Die Ergebnisse von Weltmeisterschaften würden sicher ganz anders aussehen, wenn solche Usancen nicht möglich und üblich wären. Ebenso sähe aber auch die globale Wirtschaft völlig anders aus, würde man die aufgrund von Auslagerung bestehenden globalen Handelsketten zerreißen.

Kann das Amerika von Donald Trump von einer solchen Maßnahme wirklich profitieren?

Auf kurze Sicht auf keinen Fall,

denn man kann ganze Industrien zwar innerhalb von Tagen oder Monaten in Rostgürtel verwandeln, für ihren Wiederaufbau aber braucht man Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und die dazu nötigen Fähigkeiten müssen durch ein entsprechendes Ausbildungssystem herangebildet werden. Amerika aber besitzt zwar nach wie vor einige der besten Universitäten der Welt, aber es hat die Elementarausbildung sträflich vernachlässigt.

Trump will die verlorenen Jobs ins eigene Land zurückholen – ein Vorhaben, für das man ihn sicher nicht tadeln kann und zu dem ein Wirtschaftsguru wie Krugman in dem vorgenannten Artikel kein Rezept anbietet. Wir dürfen nur leider sicher sein, dass dem amerikanischen Präsidenten das in ein oder zwei Wahlperioden unmöglich gelingen kann.

Doch auch auf lange Sicht stößt dieses Vorhaben auf große Schwierigkeiten. Kämen die Jobs nämlich wirklich nach Amerika zurück, würde Apple zum Beispiel seine iPhones nur noch im eigenen Land produzieren, dann müsste das Unternehmen die Preise so stark erhöhen, dass es gegen Samsung und andere Konkurrenten keine Chance mehr auf dem Weltmarkt hätte. Anders gesagt, könnten einige immer noch weltbeherrschende amerikanische Firmen zwar den eigenen Markt ganz zurückerobern (der dann ja auch durch Zölle geschützt ist), aber ihre Stellung als weltweit dominante Konzerne hätten sie dabei verloren. Auch der Übergang zu einer automatisierten Produktion mit einem Minimum an Arbeitskräften würde die Situation nicht entschärfen, weil die Jobs dann ja von Maschinen verrichtet werden.

Hingegen hätte China mit diesem Problem

nur in abgeschwächter Form zu kämpfen. Es produziert ja weiterhin billiger als die meisten übrigen Staaten, müsste sich aber, wenn diese ringsherum die eigenen Industrien ebenso schützen wie die Vereinigten Staaten, gleichfalls mehr und mehr mit dem eigenen Markt begnügen.

Für weltweit tätige Konzerne in den großen Industrienationen

läuft Protektionismus daher auf eine radikale Schrumpfkur hinaus, die einige von ihnen wohl kaum überleben würden – schon jetzt hat der freie Handel zwischen den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Europa und China empfindliche Einbußen zu verzeichnen. Dieser Trend könnte sich mit der Zeit verstärken. Ebenso wie der freie Handel mit Müll, der es Industriestaaten bisher erlaubte, ihre toxischen Abfälle irgendwo in der Dritten Welt abzulagern, von den Entwicklungsstaaten nicht länger geduldet wird, ist es sehr wohl möglich, dass mehr und mehr Nationen auch die Dominanz der Billiganbieter nicht länger akzeptieren, sodass der Welthandel schrittweise reduziert werden wird.

Das herrschende Paradigma

– also die forcierte Industrialisierung des ganzen Globus in einem Tempo, das ihn ökologisch zu ruinieren droht – wird dadurch zweifellos abgebremst. Das ist die gute Nachricht; die schlechte ist, dass von der Einschränkung des freien Handels Staaten wie Deutschland besonders betroffen wären. Während die amerikanische Wirtschaftsleistung nur zu zwölf Prozent vom Export abhängig ist, sind es in Deutschland ganze achtundvierzig.

Noch dazu wird das Paradigma gleichzeitig auf mehrfache Art erschüttert. Es ist ja nicht nur Auslagerung, welche dem oberen einen Prozent Amerikaner einen phantastischen Reichtum bescherte, während gleichzeitig ein Großteil der restlichen Bevölkerung dadurch ärmer wurde, weil er gut bezahlte Arbeitsplätze verlor. Zusätzlich drückte sich dieser Prozess auch darin aus, dass der Reichtum der westlichen Industriestaaten in Strömen nach Asien floss, weil die Renditen dort höher waren.

Das ist eine alte Geschichte, schon die Vormachtstellung der einstigen englischen Großmacht wurde auf dieselbe Art ausgehöhlt: Englisches Kapital suchte auf dem Kontinent nach Veranlagung, weil es dort größeren Profit machen konnte. Anders gesagt, waren die reichsten Engländer damit beschäftigt, die Vormachtstellung ihres eigenen Landes zu untergraben. Das haben die oberen ein Prozent Amerikaner, zu denen Trump ja zweifellos gehört, ganz genauso getan und suchen jetzt die Schuld für den industriellen Niedergang ihres Landes statt bei sich selbst bei ausländischen Sündenböcken. Von einem kommunistischen Erzfeind hätte sie zu diesem Punkt mehr lernen können. Lenin meinte, dass die Kapitalisten seinem Land selbst noch den Strick verkaufen würden, an dem er sie aufhängen könnte.

Angesichts des oft reichlich unbedachten,

um nicht zu sagen, billigen Antiamerikanismus, der unter europäischen Intellektuellen so stark verbreitet ist, wird mancher vielleicht der Meinung sein, dass ein Abdanken der USA als Weltmacht doch längst fällig und wünschenswert sei. Müsse denn nicht jeder, der Präsidenten wie George W. Bush oder Donald Trump vor Augen habe, zu der Überzeugung gelangen, dass selbst ein China unter dem Autokraten Xi Jinping kein schlechterer Hegemon sein könne?

Ich erlaube mir, dieser Meinung recht entschieden zu widersprechen. Ohne die militärische Präsenz der USA hätte Putin sein Projekt, die Sowjetunion wiederauferstehen zu lassen, nicht nur in der Krim durchgesetzt, sondern in weiteren Ländern mit starken russischen Minderheiten – in der Ukraine gärt der Krieg schon seit Jahren. Überdies sollten wir nicht vergessen, dass auch „die slawischen Brüdervölker“ Putins besondere Aufmerksamkeit genießen.

Über politische Expansionsgelüste lässt sich natürlich streiten,

unstreitig fest steht aus meiner Sicht hingegen, dass der Abschied von der bipolaren Welt der bisherigen Supermächte USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Planeten existenzielle Gefahren birgt– viel größere, wie ich meine, als auf dem Höhepunkt der nuklearen Konfrontation der beiden Mächte in den sechziger Jahren. Denn der neue Polyzentrismus einer wachsenden Zahl von Staaten mit eigenen Industrien, läuft de facto auf die Vervielfältigung von nuklear gefüllten Pulverfässern hinaus. In den kommenden Jahrzehnten wird es in vielen Teilen der Welt weitere Nordkoreas geben, welche imstande sind, ganze Staaten nuklear zu verstrahlen oder auch ganz auszulöschen. Wenn es dem Iran gelingt, seine schon vorhandenen Raketen mit atomaren Köpfen auszustatten, wird Saudi Arabien selbstverständlich nachziehen wollen. Es verhält sich hier ganz genauso wie mit der Auslagerung und dem Zukauf von Spitzensportlern. Sobald ein einzelner Staat einmal damit beginnt, folgen ihm die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Polyzentrismus ist das Schlechteste, was unseren Kindern und Enkeln, vielleicht sogar noch uns selbst geschehen kann. Wir brauchen nicht nur ein Vereintes Europa, sondern wir brauchen eine Vereinte Welt, wenn unsere Art das 21ste Jahrhundert erleben soll. *1*

1. Vergl. Frieden, Krieg und Klimawandel – Aufruf zum Umdenken (Amazon)

Globus unter dem Zepter Chinas?

Wie beurteilt ein führender US-amerikanischer Experte für die Streitenden Reiche unserer Zeit, der Historiker Alfred McCoy, das künftige Verhältnis der Supermächte und die relative Stärke seines Landes im Vergleich zu der Chinas? Was die WIRTSCHAFT betrifft, so besteht aus seiner Sicht nicht der geringste Zweifel, dass das Reich der Mitte bald die Vereinigten Staaten bald überholen wird.

„China wurde 2010 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Im selben Jahr wurde es auch zur weltweit führenden Industrienation und verdrängte die Vereinigten Staaten von einer Position, die diese seit über einem Jahrhundert innehatten. Im April 2011 prognostizierte der IWF, dass China die Vereinigten Staaten nach nur fünf weiteren Jahren beim realen BIP überholen würden, um dann zur größten Volkswirtschaft der Welt aufzusteigen.“ „Von 1820 bis 1870 erhöhte Großbritannien seinen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent pro Jahrzehnt; die Vereinigten Staaten erhöhten ihren Anteil während ihres halbhundertjährigen Aufstiegs von 1900 bis 1950 um 2 Prozent; parallel dazu wuchs Japans Anteil während seines Wiederaufstiegs nach dem Krieg zwischen 1950 bis 1980 um etwa 1,5 Prozent. China jedoch hat von 2000 bis 2010 seinen Anteil am Weltkuchen um außerordentliche 5 Prozent erhöht und ist auf dem besten Weg, dies im darauffolgenden Jahrzehnt bis 2020 weiterhin zu tun, wobei Indien nicht weit hinterherhinkt“. Dies sind abstrakte Zahlen, aber sie haben einen direkten Einfluss auf die Investitionstätigkeit des amerikanischen Staates, da die Sozialkosten einen immer größeren Teil des Budgets ausmachen. „Während der Anteil /der Vereinigten Staaten/ an der Weltproduktion bis 2016 auf nur noch 17 Prozent sank…. stiegen ihre Sozialkosten von 4 Prozent des BIP im Jahr 2010 bis auf voraussichtlich 18 Prozent bis 2050.“

McCoy lässt die tieferliegenden Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes (Auslagerung und Freihandel zur Bereicherung der Elite) weitgehend unerörtert, er beschreibt nur ihre Folgen. „Zwischen 1999 und 2011 haben chinesische Importe 2,4 Millionen amerikanische Arbeitsplätze vernichtet.“ Er weist aber auch darauf hin, dass „trotz ganzer Bände von Wirtschaftsstudien, die das Gegenteil behaupten, nur 19 Prozent aller im Juli 2016 befragten Amerikaner der Meinung waren, dass der /internationale/ Handel mehr Arbeitsplätze schafft“.

Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs waren die Menschen gezwungen, ihre Ausgaben für BILDUNG deutlich zu reduzieren. „Angesichts wachsender sozialer Unterschiede, welche die Vereinigten Staaten auf die Nummer sechsundfünfzig in der Einkommensgleichheit weltweit zurückdrängen, verfügen die Familien über immer weniger Mittel, um…. in die Bildung ihrer Kinder zu investieren… „. Die Wirkungen seien bereits deutlich zu spüren. „Im Jahr 2012 testete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 510 000 Fünfzehnjährige in vierunddreißig entwickelten Nationen, wobei sie herausfand, dass die Schüler in Shanghai in Mathematik, Wissenschaft und Lesen an erster Stelle standen, während die Schüler in Massachusetts, „einem leistungsstarken US-Bundesstaat“, als siebzehnte in Lesen, zwanzigste in Wissenschaft und siebenundzwanzigste in Mathematik rangierten.“ „Nachdem in den USA der Jahrgang zwischen 25 und 34 Jahren jahrzehntelang weltweit führend in Universitätsabschlüssen war, sank er 2012 auf den zwölften Platz. Im selben Jahr reihte das Weltwirtschaftsforum die Vereinigten Staaten auf einem mittelmäßigen siebenundvierzigsten Platz unter 144 Nationen in Bezug auf die Qualität ihrer universitären Mathematik- und Wissenschaftsausbildung. Zwei Jahre später rutschten sie auf Position einundfünfzig.“ Die Situation ist noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass die im Land geborenen Amerikaner selbst zu einer Minderheit an ihren Universitäten geworden sind. „Eine Umfrage unter rund 150 großen amerikanischen Universitäten im Jahr 2010 ergab, dass mehr als die Hälfte aller Doktoranden in den Naturwissenschaften Ausländer waren: 70 Prozent in der Elektrotechnik, 63 Prozent in der Informatik und 52 Prozent in der Werkstofftechnik.“

           Die AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFTLICHE LEISTUNG des Landes traten im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zutage. „Im Jahr 2008 lagen die Vereinigten Staaten bei den weltweiten Patentanmeldungen mit 232 000 immer noch auf Platz zwei hinter Japan, obwohl China mit 195 000 dank eines rasanten Anstiegs von 400 Prozent seit 2000 schnell aufgeschlossen hatte. Bis 2014 übernahm dann China aber die Führung mit fast der Hälfte der weltweiten Anmeldungen: außerordentliche 801 000 gegenüber nur 285 000 für Amerikaner.“ Der Abwärtstrend wird durch schrumpfende staatliche Investitionen noch verstärkt. „Zwischen 2010 bis 2013 hat der Kongress die schärfsten Einschnitte in der Wissenschaftsförderung seit den 1960er Jahren vorgenommen, als es um die Eroberung des Weltraums ging. So wurde der Rückgang in Forschung und Entwicklung (F&E) von 2 Prozent des BIP in den 1970er Jahren auf nur 0,78 Prozent bis 2014 zusätzlich beschleunigt.“ „Während Pekings explodierende Investitionen in Forschung und Entwicklung bis 2026 die Vereinigten Staaten vermutlich übertreffen werden, reduzierte Washington seine zivilen und militärischen Forschungsmittel von 160 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 140 Milliarden Dollar im Jahr 2015 – Kürzungen, die den Pool der talentierten jungen Wissenschaftler des Landes sicherlich schrumpfen lassen.“

            Gleichzeitig stärkt Peking seine BEZIEHUNGEN ZUM REST DER WELT und drängt die Vereinigten Staaten unerbittlich aus ihrer führenden Stellung. „Im Oktober 2014 kündigte Peking die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank an. Chinas Führung sieht in dieser Institution eine zukünftige eurasische Alternative zur von den USA dominierten Weltbank. Trotz des Drucks Washingtons, nicht beizutreten, unterzeichneten 57 Länder – darunter enge amerikanische Verbündete wie Deutschland, Großbritannien, Australien und Südkorea – den Vertrag und leisteten einen Kapitalbeitrag von 100 Milliarden Dollar, was die neue Institution bereits am Eröffnungstag im Januar 2016 halb so stark machte wie die Weltbank.“ Auch die Handelsbeziehungen zwischen China und der umgebenden Welt werden mit jedem Tag enger. „Peking hat es geschafft, seinen jährlichen Handel mit Afrika in nur vier Jahren auf 222 Milliarden Dollar zu verdoppeln, das Dreifache von Amerikas 73 Milliarden Dollar.“

Inzwischen nutzen die Handelsbeziehungen zwischen Europa und China den direkten Transport auf der Schiene, der viel schneller ist als der Verkehr mit Containerschiffen. „Hochwertige Industriegüter wie Computer und Autoteile werden in nur zwanzig Tagen 6 700 Meilen von Leipzig, Deutschland, nach Chongqing, China, transportiert“ /aber die meisten Güter bewegen sich eher in umgekehrter Richtung/. „2013 begann die Deutsche Bahn AG mit der Vorbereitung einer dritten Strecke zwischen Hamburg und Zhengzhou, welche die Reisezeit auf nur fünfzehn Tage verkürzen wird.“

            Die amerikanische Überlegenheit bleibt nur in einem Bereich unbestritten: DEM MILITÄR. Auch hier aber machen sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs bemerkbar. „Im Jahr 2010 entsprach das US-Verteidigungsbudget von 700 Milliarden Dollar fast der Hälfte (43 Prozent) der weltweiten Militärausgaben, verglichen mit nur 7 Prozent für China“ – eine enorme Belastung für die Wirtschaft. „Um 2010 fiel es den Vereinigten Staaten bereits äußerst schwer, 40 Prozent der weltweiten Rüstungsproduktion mit nur 23 Prozent der Brutto-Wirtschaftsleistung zu erhalten.“ Diese Ausgaben werden in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit stark reduziert. „Wie der National Intelligence Council vorhergesagt hatte, werden „steigende Kosten“, um eine alternde Bevölkerung zu versorgen, „einen immer größeren Teil des Bundeshaushalts verbrauchen“, was den Anteil der Verteidigung am BIP von 7 Prozent während des Kalten Krieges und 5 Prozent in der Dekade nach 2001 auf nur 2 Prozent im Jahr 2030 sinken lässt und die Verringerung der globalen Präsenz der USA unerbittlich erzwingt“.

            Zur gleichen Zeit aber weitet Peking seine militärische Schlagkraft immer mehr aus. „Im August 2016, drei Jahre nachdem das Pentagon seinen eigenen Versuch der Satellitensicherheit durch das hochaufgelöste F-6-System eingestellt hatte, startete Peking den weltweit ersten Quantenkommunikationssatelliten.“ „China produzierte /außerdem/ den schnellsten… /supercomputer/ …. bis es 2016 endlich einen Sieg erzielte, der wirklich zählt: ein Supercomputer mit Mikroprozessorchips made in China. Zu der Zeit verfügte das Land bereits über die meisten Supercomputer der Welt, nämlich 167 im Vergleich zu 165 für die Vereinigten Staaten und nur 29 für Japan.“ Die Verteidigungsfähigkeit wurde auf diese Art ständig verstärkt: „Im gleichen Maße wie Chinas Wirtschaft wuchs, vervierfachte sich sein Verteidigungsbudget, das konstant bei 2 Prozent des BIP lag, von 52 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 214 Milliarden Dollar im Jahr 2015: das zweitgrößte nach dem Washingtons.“ Über die daraus zu ziehenden Folgerungen bestehen für McCoy keine Zweifel. „Die chinesische Innovation in der Militärtechnologie ist auf dem Weg zur Weltspitze irgendwann um das Jahr 2030, während gleichzeitig Amerikas gegenwärtiges Aufgebot an brillanten Wissenschaftlern und Ingenieuren in den Ruhestand geht, ohne dass es durch eine schlecht ausgebildete jüngere Generation noch angemessen ersetzt werden könnte.“ Doch bereits /viel früher/, nämlich 2016 „in Obamas letzten Monaten /als Präsident/ warnte eine Studie der RAND Corporation, „War with China“, dass Pekings verbesserte /militärische/ Fähigkeiten inzwischen bedeuten, dass /im Falle eines Kriegs/ ein Sieg der Vereinigten Staaten nicht mehr gewährleistet sei“.

            McCoy kommt zu dem Schluss, dass die USA wahrscheinlich gegen 2030 ihren Platz als führende Supermacht an China abtreten werden. „Die Ökologie der Macht großer Imperien ist so heikel, dass sie sich, wenn es wirklich schief zu gehen beginnt, regelmäßig mit unheiliger Eile auflösen: nur ein Jahr für Portugal, zwei Jahre für die Sowjetunion, acht Jahre für Frankreich, elf Jahre für die Osmanen, siebzehn Jahre für Großbritannien und aller Wahrscheinlichkeit nach nur siebenundzwanzig Jahre für die Vereinigten Staaten, gerechnet ab dem entscheidenden Jahr 2003“ /in dem die USA laut McCoy im unseligen Irakkrieg ihre Weltmachtstellung verspielten/ (alle Zitate aus McCoy 2017).

           Das bleibt jedoch eine Frage der Spekulation. Mit Sicherheit wird es in den kommenden Jahren starke, vielleicht sogar dramatische Wachstumseinbrüche auch in China geben, zumal das Land mit um die 300 Prozent des BIP sehr stark verschuldet ist (doch handelt es sich wie bei Japan um eine Binnenschuld!). Alle werden dann den weiteren Aufstieg des fernöstlichen Giganten bezweifeln, doch was zählt ist die wachsende Stärke des Landes im Vergleich zur übrigen Welt – und da sind bedeutende Einbußen eher unwahrscheinlich. Trotzdem werden die bisherigen Supermächte USA und Russland nicht einfach als große Mächte verschwinden. Ungeachtet ihres wirtschaftlichen Niedergangs sind sie aufgrund ihres Nukleararsenals weiterhin in der Lage, ihre Rivalen wie auch die ganze übrige Welt in Schutt und Asche zu legen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu aller bisherigen Geschichte. In den 90er Jahren erlitt Russland einen katastrophalen Zusammenbruch, aber selbst seine immer noch niedrige Wirtschaftskraft hat keine Auswirkungen auf die weltpolitische Stellung des Landes, denn Russland bleibt eine große Atommacht. Die US-Rüstung mag über ungleich komplexere Waffen verfügen, solange es jedoch unendlich viel schwieriger ist, eine ballistische Rakete mit einer Geschwindigkeit von Mach 20 abzufangen als sie nur auf das Land eines Feindes zu schießen, stellen auch kleinere atomar bewaffnete Länder eine massive Bedrohung für den Weltfrieden und das menschliche Überleben dar. Der scheinbar unabwendbare Aufstieg Chinas wird die heute bestehende Rivalität der Supermächte daher kaum grundlegend verändern.

(Kapitel aus meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“. Das deutsche Original liegt bei einem Verlag, die englische Übersetzung ist aber – zeitweilig zumindest – über das Netz verfügbar:  “In Search of Meaning and Purpose in History„.http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf))

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Der Fluch der Globalisierung

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt. Der Fluch der Globalisierung weiterlesen

Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie

(auch erschienen in „fbkfinanzwirtschaft“)

Der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdogan, ist im Begriff, die Demokratie seines Landes in ein neues Sultanat umzuwandeln. Seitdem die Wirtschaft sich weniger gut entwickelt, kann der gewissenlose Populist und schrille Demagoge sich der Bestätigung durch eine Mehrheit allerdings nicht länger sicher sein, war es doch vor allem der ökonomische Aufschwung, der ihm in den ersten Jahren seiner Amtstätigkeit so großen Zuspruch verschaffte. Erdogan ist daher bemüht, seine nach Europa ausgewanderten Landsleute zu mobilisieren. Anders gesagt, nimmt er für sich das Recht in Anspruch, in Demokratien außerhalb seines Machtbereichs, für eine antidemokratische Wende zu werben.

Unsere Werte – ihre Werte. Plädoyer für eine gerechte und wehrhafte Demokratie weiterlesen

Donald John Trump – wie konnte das passieren?

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Aber ist die Frage überhaupt richtig gestellt? Sollte man nicht eher anders herum formulieren? Wie hätte Washington mit seiner elitären Politik, die sich um das eigene Volk immer weniger schert, einen Trump überhaupt verhindern können? Donald John Trump – wie konnte das passieren? weiterlesen

Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs

(erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017)

Eines doppelten Rekords darf die außerordentliche Frau sich rühmen. Einerseits hat Sandra Navidi es fertiggebracht, das vielleicht langweiligste Buch der Saison zu schreiben: eine Aufzählung von Personen, die sämtlich nur Schemen bleiben, eine Aneinanderreihung von Orten und Superlativen, die sich von einem Kapitel zum anderen auf ermüdende Art wiederholen. Dabei ist ihr aber andererseits etwas Einzigartiges gelungen: Sie ist bis zu den olympischen Höhen der mächtigsten und reichsten Männer vorgedrungen, dorthin, wo die restlichen neunundneunzig Prozent der Menschheit niemals gelangen. Mit anderen Worten, Sandra Navidi, entführt uns zum Olymp nach Davos und anderen Kommandohöhen, um uns mit jenen wenigen Dutzend Menschen bekanntzumachen, die den heutigen Kapitalismus und seine Hauptakteure verkörpern und das Schicksal der Welt bestimmen. Das alles ist ihr noch dazu als Frau gelungen – eine außerordentliche Leistung, denn das Antlitz des Finanzkapitalismus ist männlich, patriarchalisch und ganz überwiegend brutal. Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs weiterlesen

Wladimir Putin – ein aufsässiger Schulbub, den der Westen öffentlich maßregeln darf?

Dieser Artikel nimmt um ein halbes Jahr die Argumente vorweg, die im Oktober in Foreign Affairs erscheinen: „Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault – The Liberal Delusions That Provoked Putin“ by John J. Mearsheimer (www.foreignaffairs.com/articles/141769/john-j-mearsheimer/why-the-ukraine-crisis-is-the-wests-fault, FOREIGN AFFAIRS, Sept/Oct 2014 – issue) Wladimir Putin – ein aufsässiger Schulbub, den der Westen öffentlich maßregeln darf? weiterlesen

Snowden und die Feigheit der Europäer

(auch erschienen in: "scharf-links")

Auf US-amerikanischen Druck haben Frankreich, Italien und Spanien den Luftraum für die Maschine des bolivianischen Präsidenten Evo Morales sperren lassen – vermutlich weil Russland sich einen Scherz erlaubte. So wurden beide: die USA und Europa, von Putin zugleich an der Nase herumgeführt. Wie gut ihm der Streich gelungen ist! Die USA haben der Welt neuerlich demonstriert, dass sie in Verfolgung ihrer eigenen Interessen ebenso das Recht wie ihre eigenen Verbündeten missachten. Jene Staaten Europas aber, die ihren Luftraum sperrten haben sich vor aller Welt als fügsame Vasallen der USA geoutet. Snowden und die Feigheit der Europäer weiterlesen

Wie viele Welten verträgt die Welt?

Globalisierung ist Heilsbotschaft: Wohlstand als unbegrenzter Konsum. Wer dagegen Einspruch erhob, mochte sich intellektuell noch so sicher fühlen, bei der Menge ist er damit nicht angekommen. Die Lust am Immer-Mehr, die inzwischen die Menschen des ganzen Globus erfasst, zumindest jene, die sich den neoliberalen Spielregeln unterwerfen, hat alle Kritik, wenn nicht zum Verstummen gebracht so doch zum unhörbaren Flüstern ohnmächtiger Statisten entwertet. Wie viele Welten verträgt die Welt? weiterlesen

Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel

 

In seiner berühmten Abrechnung mit den Feinden der Demokratie „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hat Karl Popper heftige Kritik an Marx geübt, aber eines hat er zugleich unmissverständlich klar gestellt. In einer Zeit, da alle über das unglaubliche Elend des ärmsten Teils der Bevölkerung gleichgültig hinweggeblickt haben, ja, sich sogar von einem zum Priester geweihten Christen namens Malthus dazu überreden ließen, in der Menschenschinderei und dem Menschenverschleiß in den Industriebaracken des frühen 19. Jahrhunderts eine göttliche Fügung zu sehen, weil die Erde nun einmal nicht genug Nahrung für alle Menschen erzeuge, in einer so grausamen Zeit gehörte Karl Marx zu den ganz wenigen, die ohne jede Schönfärberei Tatsachen und Täter beim Namen nannten. Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel weiterlesen