Es spricht für geistige Beweglichkeit, wenn jemand fähig ist, falsche Ansichten zu revidieren, es spricht für geistige Freiheit, wenn er das sogar im Hinblick auf die eigenen Verirrungen tut. Jahrelang hat Ellen Brown die Ungerechtigkeit des herrschenden Geldsystems angeprangert. Ihrer Ansicht nach sei diese vor allem darauf begründet, dass 97% allen Geldes von Geschäftsbanken aus dem Nichts geschöpft werden.*1* Ein Wiener Professor, Franz Hörmann, hat diese These und viele andere Weisheiten Browns bekanntlich in seinem Buch vom „Ende des Geldes“ abgeschrieben
und daraus den baldigen Untergang des Abendlandes abgeleitet. Norbert Häring vom Handelsblatt scheint ebenso bei Ellen Brown in die Lehre gegangen zu sein.*2* Wie peinlich muss es für diese Herren und viele andere Vertreter der These von der Creatio ex Nihilo sein, dass deren bis dahin lautstärkste Befürworterin in ihrer jüngsten Botschaft eindeutig von ihr abgerückt ist, ja dass sie diese These sogar demonstrativ widerlegt – ohne sich dessen freilich bewusst zu sein .
Ellen Brown beginnt zwar auf die übliche Weise, indem sie das Dogma in gewohnter Art präsentiert (rather than banks receiving deposits when households save and then lending them out, bank lending creates deposits.) Doch gleich darauf stellt sie die naheliegende Frage, warum sich Banken, wenn sie doch das Geld für Kredite aus dem Nichts schöpfen können, gleichwohl so verzweifelt um die Spareinlagen der Kunden bemühen (why are they always scrambling to get it), ja, sich sogar genötigt sähen, vom Geldmarkt oder selbst von der Notenbank Geld zu beschaffen, falls nicht genügend Kundeneinlagen vorhanden sind, um das Volumen der Kredite abzudecken.
Auf diese in der Tat irritierende Frage erteilt uns Ellen Brown durchaus die richtige Antwort – dieselbe, die ich in meinem Artikel „Das Geld und das Nichts“ ausgeführt habe und die jedem traditionellen Banker geläufig ist. Am Ende jedes Tages müssen die Geschäftsbanken gegenüber der Notenbank ihren Saldo mit anderen Banken abgleichen. Ellen Brown hat begriffen – sie stellt es in dem genannten Botschaft sogar unmissverständlich fest – dass bei diesem Saldo die Summe ausgegebener Kredite nicht über der Summe der Einlagen liegen darf (id est der Spareinlagen, die sie zur Not, weil nur unter Verlusten, mit Mitteln des Geldmarkts oder der Notenbank ergänzt).*3*
Mit dieser späten Einsicht hebt Ellen Brown ihre ganze Buchgeldschöpfungstheorie aus den Angeln. Wenn die Einlagen der Kunden (plusminus Geld von der Notenbank oder vom Geldmarkt) den ausgereichten Krediten entsprechen müssen, dann sind die Letzteren durch die Ersten gedeckt. Das vermeintliche Nichts, aus dem das Geld angeblich geschöpft wird, wird dann durch nichts anderes als diese Einlagen repräsentiert!
Quod erat demonstrandum: Genau das haben alle Kenner der Materie von jeher behauptet.
Ja, Ellen Brown geht in ihrer jüngsten Botschaft sogar noch einen Schritt weiter, indirekt erklärt sie sogar, warum Banken gut daran tun, vor der Vergabe von (zumindest sehr großen) Krediten sicherzustellen, dass Kundeneinlagen in ausreichendem Maße vorhanden sind. Denn Geld vom Geldmarkt oder der Notenbank kommt die Banken, wie Ellen Brown ausdrücklich betont, vergleichsweise teuer – sie würden an den Krediten dann nichts mehr verdienen.
Was bleibt nach dieser späten Korrektur der Buchgeldschöpfungstheorie durch ihre vermutlich populärste Vertreterin noch übrig? Nicht mehr als die banale Feststellung, dass der einzelne Bankangestellte viele unbedeutende Kredite (je nach Größe der Bank) auf Anhieb vergeben kann, ohne sich auf der Stelle überzeugen zu müssen, ob die Bank auch über Einlagen in entsprechender Höhe verfügt. Er schreibt also zunächst nur Ziffern auf und kreiert in diesem Sinne für eine kurze Zeit Geld. Aber die Notenbankaufsicht sorgt verlässlich dafür, dass am Ende des Tages der Saldo stimmen und nötigenfalls für einen teuren Ausgleich gesorgt werden muss. Die kurzfristige Kreation wird durch den Saldo sogleich wieder aufgehoben. Kredite müssen durch Einlagen gedeckt sein!
Mit ihren unüberlegten Thesen von den vermeintlichen 97% Geldschöpfung aus dem Nichts hat Ellen Brown viel Unheil in den Köpfen angerichtet – vor allem in dem eines blind kopierenden Professors – jetzt bleibt für die Unbelehrbaren nur noch die Geldschöpfung à la Senf zurück.*4* Ellen Brown ist ihnen entglitten, anders als ihre Gefolgschaft ist die Amerikanerin für bessere Einsichten empfänglich. Darin haben sich Amerikaner ja immer schon positiv von uns unterschieden: Sie sind pragmatisch. Will die Theorie partout nicht auf die Wirklichkeit passen, dann gibt man sie eben auf. Bei uns herrscht leider die gegenteilige Einstellung vor: Ehe wir auf eine Ideologie oder liebgewordene Theorie verzichten, opfern wir lieber die Wirklichkeit.
1 In einer umgehend erfolgten Replik stellt Ellen Brown dazu folgendes fest: Banks do create 97% of the money supply – actually over 99% of it, considering the central bank is also a bank…. You can see this just by looking at a chart of the money supply. M1, consisting of coins, dollar bills and checkbook money, is only about 10% of the M2 money supply in the US, and even less of the M3 money supply. Dieses statistische Argument wurde schon von Helmut Creutz widerlegt. Ich selbst habe einen sehr einfachen, ganz elementaren theoretischen Einwand formuliert, der sich ebenso gegen Ellen Brown wie gegen Joseph Huber richtet. Siehe Anm. 7.
2 Im Gegensatz zu den Statistiken der Bundesbank fasst er unter ‚Einlagen’ die Kundeneinlagen und die Mittel zusammen, die sich eine Geschäftsbank auf dem Geldmarkt oder bei der Notenbank verschafft – genau wie Ellen Brown es macht.
3 Wie bei jedem anderen Betrieb hängt das Überleben einer Geschäftsbank davon ab, dass ihre Einnahmen über den Ausgaben liegen: Die Zinseinnahmen, die sie bei den Kreditnehmern erzielt, müssen über den Zinsforderungen der Sparer liegen. Die Letzeren setzen aber die entsprechenden zinstragenden Einlagen voraus – und genau das tut eben auch Ellen Brown, wenn Sie sich um eine Erklärung dafür bemüht, warum Geschäftsbanken sich so sehr um die Gelder der Sparkunden bemühen. Der Saldo der Interbankverrechnungen, über den die Notenbank wacht, soll garantieren, dass eine Bank ihre Einlagen nicht auf Kosten einer anderen vermehrt. Ellen Brown ist zwar auf der richtigen Fährte, der Tragweite ihrer eigenen Erkenntnisse ist sie sich jedoch noch nicht bewusst, wie auch Ihre unmittelbar erfolgte Replik auf meinen Aufsatz beweist.
4 Die Geldschöpfung à la Senf beruht allerdings auf einer falschen Schlussfolgerung, siehe Anmerkung 11: Das Geld und das Nichts – nun proben auch Der Spiegel und Norbert Häring den Aufstand gegen die Vernunft.
Die sogenannte ‚Multiple Kreditgeldschöpfung’, die auch Senf ablehnt, habe ich in „Geld, Geldschöpfung und Zinsen“ als logisch unhaltbar zurückgewiesen.

Marco Schmidt reagierte in einer Mail auf folgende Weise:
Lieber Herr Jenner,
zu Ihrem aktuellen Aufsatz habe ich folgende Anmerkungen:
Provokativ formuliert – Sind Sie in der Lage, zwischen Flussgrößen und Bestandsgrößen zu unterscheiden? Meines Erachtens werfen Sie beides durcheinander.
Geldvermögen ist ein Bestand, Transfers davon in Form von Zinszahlungen oder anderen Einkommen und Ausgaben sind Flussgrößen. Letztere verändern *nichts* an den Beständen insgesamt sondern werden nur umverteilt. Was auf der einen Seite zufließt, fließt auf der anderen Seite ab. Nun zu Ihren Textpassagen.
„Ellen Brown beginnt zwar auf die übliche Weise, indem sie das Dogma in gewohnter Art präsentiert (rather than banks receiving deposits when households save and then lending them out, bank lending creates deposits.) Doch gleich darauf stellt sie die naheliegende Frage, warum sich Banken, wenn sie doch das Geld für Kredite aus dem Nichts schöpfen können, gleichwohl so verzweifelt um die Spareinlagen der Kunden bemühen, ja, sich sogar genötigt sähen, vom Geldmarkt oder selbst von der Notenbank Geld zu beschaffen, falls nicht genügend Kundeneinlagen vorhanden sind, um das Volumen der Kredite abzudecken.
Wie Sie unten ausführen ist nicht das Kreditvolumen entscheidend (Bestandsgröße), sondern der Saldo (Flussgröße) von Zu- und Abflüssen am Tagesende. Die Einlagen spielen strenggenommen keine Rolle, allein die Zu- und Abflüsse müssen (halbwegs) im Gleichgewicht bleiben. Der gebildete Saldo besagt nur, wie stark beides voneinander abgewichen ist. Wenn eine Bank Guthabenzinsen zahlt, dann um die Zu- und Abflüsse berechenbar(er) zu machen. Deswegen kann auch keine Bank einseitig den Guthabenzins reduzieren, die Abwanderungswelle würde sie womöglich in den Ruin treiben.
Auf diese in der Tat irritierende Frage erteilt uns Ellen Brown durchaus die richtige Antwort – dieselbe, die ich in meinem Artikel „Das Geld und das Nichts“ ausgeführt habe und die jedem traditionellen Banker geläufig ist. Am Ende jedes Tages müssen die Geschäftsbanken gegenüber der Notenbank ihren Saldo mit anderen Banken abgleichen. Ellen Brown hat begriffen – sie stellt es in dem genannten Botschaft sogar unmissverständlich fest – dass bei diesem Saldo die Summe ausgegebener Kredite nicht über der Summe der Einlagen liegen darf (id est der Spareinlagen, die sie zur Not, weil nur unter Verlusten, mit Mitteln des Geldmarkts oder der Notenbank ergänzt).“
Nicht die Summe ausgegebener Kredite und Summe der Einlagen insgesamt (Bestände) sind relevant, sondern die Zuflüsse müssen möglichst den Abflüssen entsprechen. Das würde ich Sie bitten zu korrigieren.
Ellen Brown schreibt ganz unmissverständlich im englischen Original: „The answer is that while banks do not need the deposits to create loans, they do need to balance their books; and attracting customer deposits is usually the cheapest way to do it. “
Der Saldo an Zu- und Abflüssen ist gemeint, kein Bestandsabgleich. Wenn eine Bank 10Mio € Kredit vergibt und nur 100€ davon abfließen, müssen auch nur diese 100 refinanziert werden. Das ist zugegeben bei dieser Kreditsumme nicht sehr wahrscheinlich, soll aber das Prinzip verdeutlichen.
Leider meinen Sie, mit der Widerlegung der „multiplen Geldschöpfungstheorie“ die creatio ex nihilo ebenso widerlegt zu haben. Ich kann Ihnen versichern, beide haben nichts miteinander gemein. Aber das vielleicht lieber ein andermal.
Viele Grüße,
Marco Schmidt
Meine Replik:
Sehr geehrter Herr Schmidt,
die Unterscheidung zwischen Bestands- und Flussgrößen halte ich in diesem Fall für irrelevant. Sie werden nicht leugnen, dass jeder Betrieb sich darum kümmern muss, dass Einnahmen und Ausgaben in einem Verhältnis stehen, das ihm das Überleben erlaubt. Nicht anders ist es bei einer Geschäftsbank. Deren Zinseinnahmen von Seiten der Kreditnehmer müssen über den Zinsforderungen der Sparer liegen – das werden Sie wohl nicht leugnen. Beides setzt aber die entsprechenden Bestände voraus. Der Saldo der Interbankverrechnungen, über den die Notenbank wacht, soll dann gewährleisten, dass ihre Bestände nicht auf Kosten einer anderen vermehrt.
Sie haben aber recht, wenn Sie feststellen, dass Ellen Brown sich der Tragweite ihrer eigenen Erkenntnisse noch nicht bewusst ist, wie aus der von mir gleich am Anfang zitierten Passage und der von Ihnen zusätzlich genannten ersichtlich:
„The answer is that while banks do not need the deposits to create loans, they do need to balance their books; and attracting customer deposits is usually the cheapest way to do it. “
Wenn Sie mir am Ende Ihres Schreibens versichern, dass die Multiple Kreditgeldschöpfung nichts mit der hier besprochenen zu tun hat, so stoßen Sie in dasselbe Horn wie ich. Auch die vor mir widerlegte Variante von Bernd Senf hat damit nichts zu tun. Auf diesem Gebiet tummeln sich inzwischen eben alle möglichen Fantasten.
Ellen Brown hat sich übrigens beeilt, mir ebenfalls eine Replik zuzuschicken, die mich so wenig überzeugt wie die von Ihrer Seite.
Banks do create 97% of the money supply – actually over 99% of it, considering the central bank is also a bank…. You can see this just by looking at a chart of the money supply. M1, consisting of coins, dollar bills and checkbook money, is only about 10% of the M2 money supply in the US, and even less of the M3 money supply.
Dieses statistische Argument wurde bereits von Helmut Creutz widerlegt. Ich selbst habe einen sehr einfachen, ganz elementaren theoretischen Einwand formuliert. Siehe Anm. 7 in http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Nichts_und_das_Geld_-_Nun_proben_auch_DER_SPIEGEL_und_Norbert_Haring_den_Aufstand_gegen_die_Vernunft.html
Mit freundlichen Grüßen
Gero Jenner