Geld, Geldschöpfung und Zinsen

Inhalt

I. Multiple Kreditgeldschöpfung

II. Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher

III. Geldschöpfung und Realwirtschaft

IV. Definition und Funktionenbeschreibung des Geldes

V. Zinsen

I. Multiple Kreditgeldschöpfung

Was den Umfang von Krediten betrifft, die das Geschäftsbankensystem angeblich zu „schaffen“ vermag, so stößt man auf die abenteuerlichsten Vorstellungen. Ich spreche nicht von bloßen verbalen Ungenauigkeiten, die auf unklaren Definitionen beruhen. Wenn ich einen Kredit (bzw. die ihm entsprechende Spareinlage) genauso unter der Bezeichnung Geld subsumiere wie das von einer Notenbank geschaffene Münz- oder Papiergeld, dann sind Geschäftsbanken in der Tat die Produktionsstätten für Unsummen „geschöpften Geldes“, denn bei ihnen fließen die Einlagen der Sparer zusammen, und sie sind es, die diese als Kredite weitergeben. Das Notenbankgeld macht dann nicht mehr als einen verschwindenden Bruchteil des in der Wirtschaft insgesamt vorhandenen „Geldes“ aus.

Hier ist nicht von dieser sprachlichen Ungenauigkeit die Rede, sondern von echten Urzeugungstheorien, die davon ausgehen, dass Kredite aus dem Nichts, also unabhängig von Spareinlagen oder geliehenem Notenbankgeld „geschöpft“ werden können. Solche Theorien wurden und werden von vielen Ökonomen vertreten, unter anderen von Ludwig von Mises, Joseph Schumpeter, dem frühen Keynes, Hajo Riese, Jörg Huffschmid, Bernd Senf, Joseph Huber. Der späte Keynes, Silvio Gesell, Helmut Creutz sowie Gunnar Heinsohn und Otto Steiger haben diese Vorstellung verworfen.*1*

Ich möchte betonen, dass ich hier ausschließlich von Krediten spreche, die von Geschäftsbanken ausgereicht werden. Notenbanken hatten von jeher die Möglichkeit, Willkürgeld in die Welt zu setzen.*2* Diese Tatsache ist unbestritten und wird gerade in unserer Zeit durch das Vorgehen von FED und EZB demonstriert.

Wie funktioniert die Multiple Kreditgeldschöpfung?

Bei oberflächlichem Hinschauen scheint die sogenannte „multiple Kreditgeldschöpfung“, die weiterhin von einigen der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler als unumstößliche Wahrheit an den Universitäten erklärt und gelehrt wird, durchaus plausibel zu sein.

Um an einem Beispiel zu demonstrieren, was damit gemeint ist, gehen wir der Einfachheit halber von dem theoretisch denkbaren Fall aus, dass sich sämtliche Geschäftsbanken zu einer einzigen Bank zusammenschließen. Das wäre zwar wirtschaftlich überaus unvernünftig, weil dann viel Expertenwissen verloren ginge,*3* erleichtert aber unsere Argumentation. Wenn ein Sparer (Gläubiger) mit, sagen wir, 100.000 € die Bank aufsucht, um dieses Geld für zehn Jahre zu verleihen, so nutzt die Bank ihre Kontakte zu potentiellen Investoren, um die Summe sogleich an einen Schuldner weiterzureichen. Denn die Bank benötigt ja die Zinsen eines Kreditnehmers, um sie – unter Abzug der Bankenmarge – an den Sparer weiterzureichen. Solange sie keinen Kreditnehmer findet, macht sie Verluste.

Der Kreditnehmer (Schuldner) möge dafür nun augenblicklich ein Produkt, zum Beispiel eine Druckmaschine erwerben. Der betreffende Druckmaschinenhersteller hat für die 100.000 € allerdings gerade keine Verwendung und leiht den Betrag seinerseits auf zehn Jahre aus. Die Bank findet wiederum einen Investor, der dafür eine Erfindung entwickelt, deren aus Kunststoff bestehendes Material ihn genau 100.000 € kosten möge. Auch für den Kunststoffproduzenten sind, so wollen wir wiederum annehmen, diese 100.000 € überschüssiges (über den Konsum) hinausgehendes Geld. Sie enden daher gleichfalls auf einem Sparbuch der Bank. Und so möge es Schlag auf Schlag weiter gehen. Die Bank findet einen weiteren Investor, der wiederum eine Anschaffung tätigt und dieselben 100.000 € tauchen nach obigem Muster immer wieder als neue Einlagen auf. Wichtig ist nun, dass die Vermittlung all dieser Kredite im Interesse der Bank möglichst augenblicklich erfolgt. Weiterhin gehen wir davon aus, dass auch die Schuldner das Geld augenblicklich für ihre Einkäufe verwenden, und die Empfänger der Aufträge es ihrerseits sofort auf ihr Sparkonto legen. Da alle Vorgänge über eine einzige Geschäftsbank laufen und die ursprünglichen 100.000€ nach ihrer ersten Einzahlung die Bank in keinem Augenblick verlassen (sie werden immer nur zwischen Konten verschoben), kann der ganze Prozess so gut wie simultan – theoretisch in einem einzigen Augenblick – verlaufen.*4*

Fassen wir nun diese theoretisch endlose, aber auf ein zeitliches Minimum komprimierte Folge zusammen, so können aufgrund einer einmaligen Ersteinlage von 100.000 € theoretisch Gesamtkredite in unbegrenzter Höhe vergeben werden.

Spareinlagen:                   Kredite:                                      Einkauf bei Firma:

100.000                            Schuldner A kauft Druckm.       bei Firma 1

100.000                            Schuldner B kauft Kunststoff    bei Firma 2

100.000                            Schuldner C kauft x                   bei Firma 3

etc.                                   etc.                                              etc.

Summe aller Einl.= ∞      Summer aller Kredite= ∞                Summe aller Eink.= ∞

Dieses Beispiel für eine sogenannte „Kredit- oder multiple Buchgeldschöpfung“*5* taucht bis heute in den seriösesten ökonomischen Lehrbüchern auf,*6* nur dass es dort meist in leichter Abänderung erscheint. So setzen die üblichen Beispiele für diese wundersame Kreditvermehrung meist mehrere Geschäftsbanken ein und berücksichtigen überdies die Existenz von Mindestreserven, d.h. jenen Anteil der Gläubigereinlage, den die Banken als Sicherheit vorhalten müssen.*7*

Mindestreserven

Angenommen, die Bank muss von jeder Einlage eine Reserve von 10% beiseite legen, so kann sie von der Ersteinlage in Höhe von 100.000 € nur noch 90.000 an einen Kreditnehmer weiterreichen. Beim nächsten Durchgang werden von 90.000 dann wiederum 10% abgezogen, so dass für die folgende Einlage nur noch 81.000 € in Frage kommen. Im Endergebnis beläuft sich die Gesamtsumme aller möglichen Einlagen dann auf eine Million und die Gesamtsumme aller möglichen Kredite auf 900.000 € (bei einem Reservensatz von 10% macht die letztere somit zehn Prozent weniger als die Einlagen aus). Wäre allerdings nur eine Mindestreserve von einem Prozent vorgeschrieben, so würde sich die Summe aller Einlagen auf zehn Millionen € aufblähen, während die Bank Kredite in Höhe von neun Millionen neunhunderttausend € vergeben hat (also um 1 Prozent weniger als der Summe aller Einlagen entspricht).

Eine unendliche Kreditgeldschwemme?

Je höher die Mindestreserve desto geringer fällt demnach die multiple Kreditgeldschöpfung aus. Umgekehrt schnellt sie scheinbar ins Grenzenlose empor, wenn (wie im obigen Beispiel) die Mindestreserve gleich Null ist. Ein einfacher Trick würde also genügen – eben die Reduktion der Mindestreserven auf Null – um die Wirtschaft überall auf der Welt und für alle Zeiten mit einem unerschöpflichen Füllhorn aus frei geschöpftem Kreditgeld zu überschwemmen. Eine Kreditklemme und damit irgendein Hemmnis für beliebig hohe Realinvestitionen wären unter dieser Bedingung unmöglich, man dürfte alles Kreditversagen für endgültig abgeschafft halten.

Spareinlagen und Kreditausreichung stimmen in der multiplen Kreditgeldschöpfung notwendig überein

Vermutlich ist es die offensichtliche Absurdität dieser Schlussfolgerung, welche die Verfechter der Theorie von der multiplen Kreditgeldschöpfung dazu motiviert, diese nur unter der zusätzlichen (aber logisch ganz unerheblichen) Voraussetzung von Mindestreserven zu demonstrieren. So drücken sie sich um die Schwierigkeit, eine unendliche Kreditschöpfung zu erklären, die in der Praxis noch nie beobachtet wurde.*8*

Doch eines ist es, die offensichtliche Absurdität unendlicher Kreditgeldschöpfung herauszustreichen, und ein anderes, die hier verborgenen Denkfehler sichtbar zu machen, die in den gängigen Lehrbüchern weiterhin hartnäckig fortexistieren. Wo liegen die Fehler?

Sie liegen keineswegs in der Annahme, dass die hier beschriebene Kredit- oder Giralgeldschöpfung deshalb unmöglich sei, weil aus den Statistiken der Bundesbank eindeutig hervorgehen würde, dass die Gesamtheit aller ausgereichten Kredite das Volumen der Spar- bzw. Sichteinlagen nie übertrifft. Wenn Helmut Creutz in seiner Kritik der multiplen Kreditgeldschöpfung genau darauf besteht,*9* so bedient er sich eines Arguments, das gerade nicht dazu dienen kann, die in unserem Beispiel demonstrierte Kreditgeldschöpfung zu widerlegen. Denn die Banken haben ja keine über die Spareinlagen hinausgehenden Kredite geschaffen, sondern sie haben die Kredite exakt im gleichen Umfang wie die Spareinlagen vermehrt. Bei augenblicklicher Weitergabe aller Einlagen als Kredite sind die Geschäftsbanken (sie seien der Einfachheit halber weiterhin zu einer einzigen zusammengefasst) theoretisch durchaus in der Lage, die Kredite gegen Unendlich zu steigern, sofern auch die Einlagen gegen Unendlich gehen. Es liegt in der logischen Struktur der multiplen Kreditgeldschöpfung, dass beide Seiten einander entsprechen. Das auf den einschlägigen Statistiken der Deutschen Bundesbank basierende Argument von Creutz lässt sich daher nicht gegen die multiple Geldschöpfungstheorie, sondern nur gegen die Behauptung anwenden, die Geschäftsbanken würden gewöhnlich mehr Kredite vergeben als sie zuvor an Einlagen übernehmen.

Eine Serie elementarer Denkfehler

Denkfehler 1 der Anhänger der multiplen Kreditgeldschöpfung besteht demgemäß in der Annahme, dass hier eine Vermehrung der Kredite gegenüber den Einlagen vorliegt. Diese Annahme ist falsch.*10*

Denkfehler 2 besteht in der irrigen Auffassung, dass sich die Multiple Kreditgeldschöpfung aus dem Mindestreservensystem (fractional reserve banking) ergibt. Sie ist davon aber völlig unabhängig.

Denkfehler 3 betrifft das zu Anfang eingezahlte Bargeld. Blicken wir uns die Kette genauer an, so ändert sich nichts, gleichgültig ob wir sie mit 100.000€ eingezahlten Banknoten beginnen oder irgendwo in ihrer Mitte mit einer Überweisung von Giralgeld. Es ist demnach falsch, mit Bernard Lietaer den anfangs eingezahlten Banknoten eine besondere Rolle zuzuschreiben, indem man sie z.B. als „Hot Money“ bezeichnet, durch welches ein solcher Prozess der Kreditschöpfung erst in Gang gesetzt werde.*11* Vielmehr kann die Kette an jedem beliebigen Punkt und natürlich auch mit einer bloßen Giralgeldüberweisung beginnen.

Und damit kommen wir zu Denkfehler 4. Dieser besteht darin, der Kette überhaupt eine Bedeutung zuzusprechen, denn in der Wirkung – gleichgültig ob mit oder ohne Mindestreserve – ist es völlig unerheblich, ob 1000 Anleger sukzessive 100.000€ Spareinlagen tätigen oder ob sie dies unabhängig voneinander gleichzeitig (also außerhalb einer Kette) tun.

Der entscheidende Denkfehler bei der multiplen Kreditgeldschöpfung

Doch damit haben wir den eigentlich gravierenden und im höchsten Grade törichten Denkfehler noch nicht einmal benannt. Es glaubt ja niemand wirklich daran –schon gar nicht die Banker selber – dass ein derartiger Prozess unendlicher Geldvermehrung jemals stattfand und jemals stattfinden wird. Praxis und Theorie stehen also in stärkstem Gegensatz zueinander. Der Fehler ist schwer zu erkennen, weil er nicht in der Logik des dabei stattfindenden und oben beschriebenen Prozesses zu finden ist, sondern – und das wurde, soweit ich sehe, bisher noch nie klargestellt – in dessen Voraussetzungen. Die Theoretiker des Geldes sind von jeher so sehr auf das Geld fixiert, dass sie immer wieder in den grundlegenden Irrtum verfallen, Geld und Kredit als eine von den Dingen losgelöste Substanz zu betrachten.

In dem Augenblick, wo man in Krediten das sieht, was sie notwendig immer sind, nämlich Überschussgeld, das auf dem Vorhandensein von Überschussgütern (überschüssiger Arbeit und überschüssigen Produktionsmitteln) beruht, löst sich die Fata Morgana multipler Kreditschöpfung augenblicklich in Nichts auf. Neue Spareinlagen können immer nur dann entstehen, wenn sie einen Geldüberschuss repräsentieren. Weil Geldüberschüsse aber nichts anderes sind als monetarisierte Realüberschüsse, lassen sie sich immer nur soweit mobilisieren, wie die letzteren in einer Wirtschaft innerhalb eines bestimmten Zeitraums tatsächlich vorhanden sind – nie darüber hinaus. Ein Sparer kann nicht als neue Einlage einzahlen, was er als Überschuss gar nicht besitzt.

Denkfehler 5. Wenn wir also im obigen Beispiel die Voraussetzung machten, dass jeder Auftragnehmer das empfangene Geld sofort auf sein Sparbuch überweist, so dass die Bank es als neuen Kredit verleihen kann, so liegt eben hierin eine völlig unrealistische Annahme, denn sie würde besagen, dass sämtliche im Tauschgeschäft entgegengenommenen Mittel für deren Besitzer Überschüsse repräsentieren. Tatsächlich ist aber in jeder Wirtschaft die Summe aller für Investitionen mobilisierbaren Realüberschüsse beschränkt (also alles andere als unendlich), und genau dasselbe gilt auch für das Geld, in dem sie ausgedrückt werden. Auf einfache Weise gesagt, entspricht dieser Überschuss genau der jeweiligen Sparquote eines Landes. Wenn diese etwa bei zehn Prozent liegt, dann bedeutet dies, dass die Bürger im Schnitt nur etwa jeden zehnten Euro auf ihr Sparkonto bringen und damit als Kredit zur Verfügung stellen. Von einer unendlichen (allenfalls durch Mindestreserven begrenzten) Einlagen- und Kreditsumme, wie das gängige Beispiel der multiplen Geldschöpfungstheorie sie suggeriert, kann also keine Rede sein. Es bleibt das Geheimnis esoterisch verirrter Ökonomen – einschließlich einiger großer Köpfe in ihrer Mitte – wie sie die Existenz einer nationalen Sparquote mit der multiplen Geldschöpfungstheorie in Einklang bringen.

Ein nutzloses Konstrukt – auf dem Sand falscher Voraussetzungen und falscher Schlussfolgerungen errichtet

Das Beste, was sich über das Konstrukt der multiplen Kreditgeldschöpfung allenfalls sagen lässt, ist dass die oben beschriebene Kette logisch nicht völlig unmöglich ist, wenn auch etwa so wahrscheinlich wie sechs Sechserwürfe nacheinander. Auch das ändert freilich nichts an seiner praktischen Irrelevanz angesichts der allein entscheidenden Tatsache der maximal zur Verfügung stehenden Überschüsse, d.h. der jeweiligen Sparquote eines Landes. Die Geschäftsbanken können kein Willkürgeld schaffen. Diese Möglichkeit steht allein den Zentralbanken offen.*12*

Die aberwitzige Theorie des „money multiplier“, ist ein Paradebeispiel für die unheilvolle Wirkung mathematischer Scheinpräzision,*13* die den gesunden Menschenverstand vollständig zu lähmen vermag – auch den der besten Köpfe unter den Ökonomen. Dass damit den häufig geäußerten Zweifeln an der Wissenschaftlichkeit der akademischen Wirtschaftslehre zusätzliche Nahrung gegeben wird, lässt sich wohl kaum bestreiten. Im Übrigen erweisen sich auch gewisse heterodoxe Vorstellungen von Kreditgeldschöpfung durch die Geschäftsbanken als schillernde Seifenblasen.*14*

1 Hierzu im Detail mein Buch Wohlstand und Armut. Metropolis Verlag, Marburg 2010; S. 151ff.

2 Der Begriff des Willkürgeldes wird in der genannten Arbeit näher erläutert.

3 Eine einzige Geschäftsbank wäre in einer zentralen Planungsbürokratie das (ineffiziente) Gegenstück zu den Zehntausenden von Geschäftsbanken in einer Marktwirtschaft, denn eine Vielzahl einzelner Entscheidungsträger vermag die Kreditwürdigkeit ebenso zahlreicher privater Schuldner natürlich weit besser einzuschätzen als eine zentrale Instanz.

4 Der Grund, warum ich alle Geschäftsbanken in einer einzigen zusammengefasst habe (und darin von den üblichen Beispielen für die multiple Kreditschöpfung abweiche), ist genau darin begründet: der möglichen Simultaneität aller Vorgänge.

5 Wenn von Buch- oder Giralgeldschöpfung gesprochen wird, bleibt die Beweisführung gleich.

6 So bei Otmar Issing, Einführung in die Geldtheorie. WiSo Kurzlehrbücher; 10. überarb. Auflage, München 1995; ebenso Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus, Volkswirtschaftslehre. Mi-Verlag, Landsberg 2005; S. 725. Oder auch Harvard Professor Niall Ferguson, The Ascent of Money. New York 2008; S. 50.

7 Dass es mehrere Geschäftsbanken sind, soll den Umstand verständlich machen, dass die Direktoren einzelner Banken nichts von der wundersamen Vermehrung bemerken. Logisch ändert sich aber nichts an der Argumentation, nur dass die Demonstration an einer einzigen Bank für uns den bereits genannten Vorteil besitzt, dass die Vermehrung sich wirklich simultan abspielen kann.

8 Z.B. Bernard Lietaer, Das Geld der Zukunft. München 1999; S. 68; aber ebenso Samuelson, Volkswirtschaftslehre. S. 725ff. Derselbe Fehler bei Wolfgang Eichhorn und Dirk Solte, deren Buch mir leider erst kurz vor Drucklegung von Wohlstand und Armut in die Hände fiel (Das Kartenhaus Weltfinanzsystem; S. 67). Hier entsteht ein von den Autoren so genanntes „Schwellgeld“ auf dem Wege der Urzeugung. Abgesehen von diesem Irrtum ist mit dem Begriff auch sonst kein Erkenntnisgewinn verbunden. Im Wesentlichen ist ihr Schwellgeld nichts anderes als was man von jeher als Schulden=Guthabenblase kannte. Die Bezeichnung als „Geld“ verwischt aber den Unterschied zwischen echtem Geld und bloßen Geldansprüchen. Da die Autoren überdies auch noch Sachvermögen darunter subsumieren (z.B. Aktien, S. 64, 170) wird zudem der Unterschied zwischen Geld und dem was es repräsentiert, eben den Sachen, vollständig aufgehoben.

9 Helmut Creutz, Die 29 Irrtümer rund ums Geld; München 2004; S. 172.

10 Diese Feststellung gilt allerdings nur für die Multiple Kreditgeldschöpfung, aber keinesfalls generell, denn Geschäftsbanken dienen nicht nur der Vermittlung von Spareinlagen, sondern zusätzlich auch als Schleusen für die Versorgung der Wirtschaft mit Notenbankgeld aufgrund von erstklassigen (notenbankfähigen) Sicherheiten. Hierzu mein Artikel „Die drei Funktionen einer Geschäftsbank“ (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Geldschoepfung.html) und im Detail Wohlstand und Armut, S. 95ff. Da ist man dann allerdings weit entfernt von einer Geldschöpfung aus dem Nichts, denn notenbankfähige Sicherheiten repräsentieren volkswirtschaftliche Leistung! Geschäftsbanken verpfänden diese Sicherheiten ihrerseits bei der Notenbank, um sich von dieser jenes Mehr an Geld zu leihen, das nicht durch Spareinlagen gedeckt ist. Sie erhalten dieses Notenbankgeld allerdings nur gegen eine Leihgebühr von der Zentralbank (fälschlich Zinsen genannt). Die Höhe dieser Leihgebühr bemisst die Zentralbank an der volkswirtschaftlichen Leistung. Wenn diese stagniert oder gar rückläufig ist, muss die umlaufende Geldmenge verringert werden, um Inflation zu vermeiden. Das führt die Zentralbank durch eine Erhöhung der Leihgebühr (des Leitzinses) herbei, der die Geschäftsbank ihrerseits dazu zwingt, vom Kreditnehmer Sollzinsen zu verlangen, die einen Kredit für diesen unbezahlbar machen. Befindet sich die Wirtschaft dagegen im Wachstum, lässt die Zentralbank eine Erhöhung der Geldmenge zu, um deflationäre Tendenzen abzuwehren. Zu diesem Zweck wird der Leitzins entsprechend herabgesetzt – das Geschäft lohnt sich für Bank und Kreditnehmer.

11 Siehe Bernard Lietaer, op. cit. S. 68. Lietaer wiederholt allerdings nur die gängige Lehrbuchmeinung zum „fractional reserve banking“ und „money multiplier“. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Money_multiplier und http://en.wikipedia.org/wiki/Fractional_reserve_banking.

12 Da Notenbankgeld aber durch Geschäftsbanken in Umlauf gebracht wird (siehe Anm. 10), fungieren die letzteren durchaus als Ausgabestelle für Willkürgeld, sobald die Notenbank Schrottpapiere als notenbankfähige Sicherheiten akzeptiert.

13 Beispielhaft dafür http://en.wikipedia.org/wiki/Money_multiplier

14 Das gilt z.B. für eine eigens von Prof. Bernd Senf in die Welt gesetzte Variante der Kreditgeldschöpfung. Herr Senf schlägt sich zunächst auf die Brust, um sich bei seinen Studenten nachträglich dafür zu entschuldigen, dass er ihnen jahrelang die vorherrschende Theorie der multiplen Kreditgeldschöpfung als unstrittige Wahrheit eingeflößt habe. Er hält sie inzwischen für falsch. Anders als in der Wissenschaft üblich, begründet er seinen Standpunkt jedoch nicht weiter, sondern spricht von „sinnlosen Fragen“, auf die man eben auch nur „sinnlose Antworten“ erhalte (Bernd Senf, Der Nebel um das Geld; München 2001; S. 159ff). Leider hat Herr Senf die Erschütterung seines Kinderglaubens nicht lange ertragen, denn er setzte flugs einen anderen an seine Stelle. Er erfindet nämlich nun seinerseits eine höchst originelle Kreditschöpfungstheorie. Diese hat nur leider den Nachteil, sowohl praktisch irrelevant wie logisch unhaltbar zu sein. Ich habe das in meinem Buch Wohlstand und Armut im Einzelnen ausgeführt (S. 168).

II. Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher

Erklärende Vorbemerkung gegenüber einem Leser, der den Artikel „Giralgeldschöpfung“ in Wikipedia gelesen hatte (de.wikipedia.org/wiki/Giralgeldschöpfung). Die hier als „passive“ Giralgeldschöpfung bezeichnete Variante besteht lediglich in einer Umschichtung und kommt für die Geldschöpfung aus dem Nichts von vornherein nicht in Frage. Die „aktive“ Giralgeldschöpfung ist identisch mit der sogenannten „Multiplen Kreditgeldschöpfung“ und der dabei ins Spiel kommenden Mindestreservenhaltung. Hierdurch wird, wie ich im zeigte, kein einziger Euro geschöpft.

Die für die Geldschöpfungs-Esoteriker einzig interessante Variante, die Fishersche Theorie der Giralgeldschöpfung, die ebenfalls mit Mindestreserven argumentiert, behandle ich im Folgenden.

Wer das Hauptübel unserer Zeit in der Konzentration von ökonomischer und damit letztlich auch politischer Macht in wenigen Händen sieht, der neigt zur Skepsis gegenüber den Heilsversprechen jener Gurus, die mit einigen technischen Modifikationen, zum Beispiel im Geldbereich, gewaltige Wirkungen erzielen wollen. Das gilt etwa für die vor mehr als einem halben Jahrhundert vom US-amerikanischen Ökonomen Irving Fisher vorgeschlagene Reform des Geldsystems: 100% Money, die heute unter dem Titel „Monetative“ zunehmend Aufsehen erregt. Ihr Sex Appeal besteht zweifellos darin, dass sie eine einfache und scheinbar einleuchtende Erklärung für die gegenwärtige Krise bietet: Die Banken sind kriminell!

Nun wird kaum jemand leugnen, dass Goldman Sachs, die großen Investmentbanken oder auch Schattenbanken und bankenähnliche Institutionen wie Hedgefonds zum Teil Aktivitäten von offenkundiger Illegalität betreiben. Hier also ist die Antwort auf die obige Frage ganz eindeutig: Ja, diese Banken sind kriminell, und vermutlich haben wir bisher erst die Spitze des Eisbergs einer global verbreiteten Kriminalität in den Blick bekommen.

Die Geschäftsbanken sind hartnäckige Leugner

Doch das ist nicht das Thema der Initiative für 100% Money – auch wenn sie natürlich von dem allgemeinen Abscheu gegen verbrecherische Aktivitäten im Geldsektor profitiert. Diese Initiative zielt ungleich tiefer: Sie behauptet nicht mehr und nicht weniger, als dass auch die vermeintlich so braven Geschäftsbanken, die ebenso wie die Deutsche Bundesbank der Mehrheit der Bevölkerung noch bis zu Beginn des neuen Jahrhunderts als Hort des Biedersinns und der Verlässlichkeit galten, in Wirklichkeit durchseucht seien von krimineller Tätigkeit und Energie. Hier, im scheinbar so honorigen Bereich einer privaten Geschäftsbank irgendwo auf dem Lande – letztlich in jeder Geschäftsbank – liege die Wurzel des Übels, und sie habe da schon zu einer Zeit gelegen, als niemand von einer Krise ahnte und besonders die Deutschen auf ihr funktionierendes Bankensystem besonderen Stolz empfanden. Denn diese Banken hätten schon damals auf hinterlistige Weise für sich usurpiert, was eigentlich nur die Notenbank darf: Sie schöpften in einem fort Geld aus dem Nichts.

Nur Fishers Theorie setzt kriminelles Verhalten voraus

Teilweise tun sie dies durchaus legal, denn die sogenannte „Multiple Kreditgeldschöpfung“, die selbst von Größen der ökonomischen Zunft immer noch als orthodoxe Lehre vertreten wird, scheint ihnen das geradezu aufzwingen.*1* Aber von dieser Variante angeblicher Geldschöpfung aus dem Nichts ist in Fishers Buch keine Rede. Hier wird vielmehr von der Existenz einer ganz anderen Art Pseudogeldschöpfung geredet – und diese ist eindeutig kriminell.

Florentinische Goldschmiede

Als Beispiel diente schon Fisher das Vorgehen mittelalterlicher italienischer Goldschmiede. (S. 20, 28, analog die Aussagen auf S. 30, 34, 101) Für das Gold, das diese für ihre Kunden im Tresor verwahrten, hätten die Kaufleute Zertifikate ausgegeben und dabei festgestellt, dass die Kunden, die diese Zertifikate schon bald darauf als bequeme Zahlungsmittel gebrauchten, statistisch gesehen, immer nur einen kleinen Teil, sagen wir 10%, dieser Scheine wieder zurück in Gold einlösten. Dieser Umstand brachte die pfiffigen Goldschmiede auf einen nahe liegenden Gedanken. Sie brachten ungedeckte Zertifikate im Umlauf, die sie sich Waren und Dienstleistungen bezahlen ließen. Das brachte ihnen einen ungeheuren Profit. Dabei konnten sie genau soweit gehen, bis gerade ein Zehntel des Pseudogeldes durch Gold tatsächlich gedeckt war, denn nur dieses Zehntel wurde ja, statistisch gesehen, tatsächlich wieder gegen die Scheine zurückgefordert. Mit anderen Worten, sie erzeugten eine gewaltige Menge an Falschgeld, weil 90 Prozent dieses Geldes betrügerisch aus dem Nichts geschöpft waren.*2*

Ob dieses Beispiel historisch richtig ist oder nicht, braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Wichtig ist allein die Tatsache, dass es regelmäßig zur Begründung der Falschgelderzeugung verwendet wird.

Dieses Beispiel wird auf moderne Geschäftsbanken übertragen

Denn moderne Geschäftsbanken gehen nach Meinung Fishers und der 100%-Money-Gemeinde nicht anders vor. Auf der Grundlage eines kleinen Prozentsatzes von echtem Geld schöpfen sie Unmengen von Falschgeld aus dem Nichts. Ihre kriminelle Tätigkeit sei bis heute endemisch und wiege bei weitem schwerer als die der großen vielfach angeprangerten Institutionen wie Investmentbanken, Hedgefonds etc. Diese konnte man in der Krise immerhin überführen, und sie mussten ihre Verbrechen eingestehen. Leiter und Mitarbeiter der scheinbar so honorigen kommerziellen Banken aber haben sich aufs Leugnen verlegt. Stur behaupten sie, von einer solchen Geldschöpfung aus dem Nichts nicht einmal zu wissen! Mit anderen Worten, das gesamte private Geschäftsbankensystem hat sich gegen die Wahrheit verschworen!

Wir haben es mit einer Verschwörungstheorie zu tun

Es ist wichtig, diesen Umstand gleich zu Anfang zu betonen. Im Gegensatz zur vergleichsweise harmlosen Theorie der „Multiplen Kreditgeldschöpfung“ setzt die auf Fishers 100% Money aufbauende Lehre der Monetative kriminelles Verhalten voraus, so dass die Behauptung, dieses sei allgemein verbreitet, sich zwangsläufig als Verschwörungstheorie manifestiert. Ihrem Erfolg tut dies allerdings keinen Abbruch, im Gegenteil. Seitdem sich nun auch noch zwei Wissenschaftler des IWF in einem kürzlich erschienenen Artikel zu ihr bekennen,*3* hat diese Doktrin es bis in führende deutsche und österreichische Medien geschafft: in die „Zeit“, den Wiener „Standard“, die „Süddeutsche Zeitung“, den „Spiegel“ und das „Handelsblatt“.*4*

Die Verheißung

Es ist das Kennzeichen aller Verschwörungsfabeln, dass sie einerseits eine genaue Vorstellung vom Ursprung des Übels haben, auf der anderen Seite aber auch ein Heilsversprechen abgeben, wie man das Übel erfolgreich bekämpft. Das gilt auch für die Monetative. Der Staat soll die Versorgung der Wirtschaft mit Geld ganz in die eigenen Hände nehmen – eben in die einer Monetative (der Begriff stammt nicht von Irving Fisher, sondern geht auf Bernd Senf zurück) -, damit Privatbanken nicht länger ihrer kriminellen Tätigkeit, der Erzeugung von Buchgeld, frönen. Sei dies einmal gelungen – und der Weg hierzu wird als ziemlich einfach beschrieben – dann werde es in Zukunft weder Inflation noch Deflation, weder Boom noch Bust und natürlich auch keinen Run auf die Banken geben. Es klingt nach endgültiger Erlösung von allen Übeln des Kapitalismus, denn der Run auf die Banken und der dadurch bewirkte Kollaps des Systems wurde von jeher als eine Art jüngster Tag: der Tag der Abrechnung mit dem kapitalistischen Unrechtssystem gesehen.

Ich werde mich in dieser Kritik hauptsächlich auf die Gedanken von Irving Fisher beziehen, wie sie in seiner Schrift 100% Money formuliert worden sind, weil diese den Grundstein für alle neueren bilden.*5* Also nicht auf die früheren Ansätze von Henry Simons und die späteren von Bernd Senf, Joseph Huber. Ebenso wenig gehe ich auf die beiden oben genannten IWF-Wissenschaftler ein, die durch ihr Eintreten für diese Gedanken ihnen auch Eingang in führende deutsche Medien verschafften. Ich werde zunächst das heutige und anschließend das von Fisher entworfene neue Bankensystem entwerfen, und zwar unter den folgenden sechs Titeln:

1) Wie funktioniert das heutige Bankensystem?

Die Geschäftsbank als Wertpapier-, Spar- und Giralbank

2) Wie funktioniert das neue Bankensystem gemäß Irving Fisher?

Die Geschäftsbank als Wertpapier-, Spar- und Giralbank

3) Kriminelle Geldschöpfung – die Kernidee Fishers und der Monetative

4) Die Fakten: Wie gehen Geschäftsbanken tatsächlich vor?

5) Wozu sind sie theoretisch imstande?

6) Konklusion

1) Wie funktioniert das heutige Bankensystem?

Die private Geschäftsbank nimmt drei Funktionen wahr, die auch institutionell streng voneinander getrennt werden könnten: Wenn dies geschähe, würde man sie in Wertpapier-, Spar- und Giralbanken zerlegen. Diese funktionale Trennung ist wichtig, um zunächst einmal die Frage zu stellen, in welcher der drei Funktionen die Geschäftsbank überhaupt von einem Run auf die Banken betroffen ist.

a) Die Geschäfts- als Wertpapierbank

in dieser Eigenschaft dürfen einige Geschäftsbanken vom Staat und von privaten Akteuren wertbeständige (erstklassige) Wertpapiere entgegennehmen, um beide im Gegenzug mit Notenbankgeld zu versorgen. Sie handeln dabei im Auftrag und unter Aufsicht der Notenbank, die diese Funktion auch selbst, also ohne den Umweg über die Geschäftsbank, wahrnehmen könnte. Entscheidend ist allerdings nicht, ob diese Funktion von der Notenbank selbst oder in deren Auftrag stellvertretend von den Geschäftsbanken ausgeführt wird, sondern ob es sich bei dieser Transaktion wirklich um wertbeständige Papiere handelt. Seit einiger Zeit ist das nicht mehr der Fall. FED und EZB nehmen schlechte bis potentiell wertlose Wertpapiere entgegen (z.B. griechische Staatsanleihen, die bei Fälligkeit so gut wie unverkäuflich sein könnten) und erzeugen so Willkürgeld und auf Dauer Inflation. Hier drängt sich der Verdacht auf illegales Verhalten auf. Sie handeln also tatsächlich wie jene Goldschmiede des Mittelalters, wenn diese ungedecktes Geld in Umlauf brachten.

Es ist jedoch festzustellen, dass ein Run auf eine Geschäftsbank in ihrer Eigenschaft als Wertpapierbank ebenso wenig Sinn ergibt wie ein Run auf die Notenbank selbst.

b) Die Geschäftsbank qua Sparbank

Auch hier kommt ein Run kaum in Frage. Wer sein Geld auf zehn Jahre verleiht, weiß, dass er es erst nach zehn Jahren zurückerhält. Sparbanken verleihen das Geld der Sparer (Anleger) oder eigenes Kapital an private Haushalte, Unternehmen und an den Staat. In letzterem Fall leiten sie zinsträchtige Staatsobligationen an die Sparer weiter. Gewiss, Sparbanken können leichtsinnig operieren, indem sie das Geld der Anleger an windige Kreditnehmer verleihen und dabei keine hinreichenden (wertbeständigen) Sicherheiten verlangen. Dann kommt es zu faulen Krediten. Schlechtes Geschäftsgebaren findet man aber bei sämtlichen Unternehmen, nicht nur bei Banken.

c) als Giralbank (mit Überweisungsfunktion)

In ihrer Funktion als Giralbanken nehmen private Geschäftsbanken Tageseinlagen (d.h. jederzeit abrufbare Einlagen) entgegen. Den größten Teil dieser Einlagen pflegen Geschäftsbanken als kurzfristige Kredite auszuleihen. Dabei gehen sie von der statistisch begründeten Regel aus, dass die an beliebigen Tagen von ihren Kunden abgerufene Menge nur einen Bruchteil, z.B. nur ein Zehntel, der gesamten Einlagen beträgt. Neun Zehntel brauchen sie daher als Bargeld nicht vorzuhalten, sondern vergeben sie als Kredit, weil sie ja nicht an ruhendem, sondern ausschließlich an verliehenem Geld verdienen.

In einer Situation der Panik verliert die statistische Regel allerdings ihre Geltung. Es kommt dann zu dem gefürchteten Run auf die Bank. Jeder will, ehe es zu spät ist, sein eigenes Geld abholen, zumindest jenes auf der Bank tatsächlich vorhandene Zehntel (um bei der Zahl des obigen Beispiels zu bleiben). Wenn die Geschäftsbank in einer derartigen Situation nicht bankrott gehen soll, muss ihr die Notenbank als „lender of last resort“ die übrigen neun Zehntel als kurzfristigen Kredit zur Verfügung stellen – was sie gewöhnlich auch tut, falls die Geschäftsbank im übrigen seriöse Geschäfte betrieben hatte, also nicht zusätzlich eine so große Zahl fauler Kredite in ihren Büchern führt, dass sie ohnehin dem Bankrott entgegen trieb.

Die neue Interpretation bei Irving Fisher

Bei diesem Verständnis einer Giralbank – einer privaten Geschäftsbank in ihrer Eigenschaft als Depot für Tageseinlagen – ist von einer eigenen Geldschöpfung keine Rede. Seit Irving Fisher kommt jedoch genau an diesem Punkt eine substantiell abweichende Auffassung ins Spiel. Demnach geht die Giralbank in krimineller Absicht wesentlich anders vor. Sie geht nämlich so vor wie die Goldschmiede des Mittelalters im oben genannten Beispiel. Die jederzeit abrufbaren Einlagen in ihrer Gesamtheit betrachtet sie als „Mindestreserve“, die sie in ihren Tresoren verwahrt, um auf dieser Grundlage zehn mal so viel fiktives Buchgeld als reine Ziffern aus dem Nichts zu zaubern. (Fisher, S. 30, 34, 101). Diesen zehnmal größeren Betrag an nicht-existentem Falschgeld verleiht sie anschließend an Kreditnehmer und verdient daran dann genauso wie an tatsächlichem Geld.

Mit diesem Verstoß gegen die Legalität tritt die private Geschäftsbank nicht nur in Konkurrenz zur Notenbank als einzig zur Geldschöpfung legitimierter Instanz, sondern übertrifft deren Tätigkeit quantitativ sogar um ein Vielfaches. Fishers Theorie zufolge schleust die private Geschäftsbank gleich auf zweifache Art Geld in die Wirtschaft. Einmal, weil sie in ihrer Funktion als Wertpapierbank im Auftrag der Notenbank und gegen entsprechende Sicherheiten auf durchaus legale Weise echtes Geld in die Wirtschaft bringt. Das zweite Mal, weil sie in ihrer Eigenschaft als Giralbank auf kriminelle Weise Unmengen an fiktivem Geld aus dem Nichts hervorzaubert, um dieses Nichts dann für den eigenen Profit zu versilbern.

2) Wie funktioniert das neue Bankensystem gemäß Irving Fisher?

Fisher kennt den Begriff der „Monetative“ nicht. Er spricht stattdessen von einer vom Staat eingesetzten „Currency Commission“ (Währungskommission). Im neuen System werden die drei Funktionen einer Geschäftsbank zum Teil grundlegend modifiziert.

a) Die Geschäfts- qua Wertpapierbank

Diese Funktion wird im neuen System völlig aus der Geschäftsbank ausgegliedert und stattdessen in einer einzigen staatlichen Wertpapierbank (eben der Currency Commission) zusammengefasst. Über die ihm unterstellte Notenpresse versorgt der Staat jetzt sich selbst und die Wirtschaft unmittelbar – also ohne das Dazwischentreten der Geschäftsbanken – mit Geld.

Hier fließen zwei im alten System sorgfältig getrennte Funktionen zusammen:

a) die Funktion der Vorsorgung der Wirtschaft mit Geld, wann immer das aufgrund steigender volkswirtschaftlicher Leistung nötig erscheint, und

b) die Finanzierung von Staatsschulden.

Im alten System konnten private Wirtschaftsakteure bei Geschäftsbanken erstklassige Wertpapiere hinterlegen, um dafür Notenbankgeld zu erhalten. Eine Steuerungsgebühr (sogenannter Leitzins) sorgte zusätzlich dafür, dass bei schrumpfender Wirtschaft dieser Prozess ebenso in umgekehrter Richtung erfolgen konnte: Die wertbeständigen Papiere gingen in diesem Fall wieder an die privaten Akteure zurück, während das von der Notenbank (über die Geschäftsbanken emittierte) Geld im Gegenzug wieder von der Notenbank absorbiert worden ist. So wurde die Menge des umlaufenden Geldes geregelt, um Preisstabilität zu sichern. Denn ein Zuviel an umlaufendem Geld bewirkt – ceteris paribus – Inflation, ein Zuwenig hat deflationäre Folgen.

Irving Fisher wurde von Silvio Gesell beeinflusst

Irving Fisher kannte und schätzte die Ideen von Silvio Gesell. Dieser hatte für die Versorgung der Wirtschaft mit Notenbankgeld eine andere Lösung vorgeschlagen. Bei zunehmender volkswirtschaftlicher Leistung sollte ein staatliches „Währungsamt“ (eine Parallele zu „Monetative“ und zu Fishers „Währungskommission“) frisch gedrucktes Notenbankgeld dem Staat überlassen, der den Bürgern dann Steuern im gleichen Umfang erlässt.*6* Umgekehrt sollte bei abnehmender Wirtschaftsleistung ein entsprechender Teil der Steuern vom Staat nicht ausgegeben, sondern im Schredder vernichtet werden. Alles zusätzliche Geld, das bei wachsender Wirtschaftsleistung benötigt wird, fließt also nicht länger in private Hände, sondern in die Kassen des Staates. Das ist eine vortreffliche Idee, die allerdings ebenso wie das jetzige Verfahren einen prozyklischen Effekt hat. In Zeiten des Aufschwungs profitieren Staat und Bürger, in Zeiten des Abschwungs geht es beiden schlechter.

Die Staatsschulden

Alles was die Notenpresse über den Geldbedarf einer wachsenden Wirtschaft hinaus an Notenbankgeld in die Wirtschaft schleust, wirkt demnach per definitionem inflationär. Natürlich auch alles Geld, das die Monetative dem Staat für zusätzliche Ausgaben (Staatsschulden) zur Verfügung stellt.

Wenn der Staat sich daher das Geld für seine zusätzlichen Ausgaben bei der Notenpresse als zinslose Darlehen beschafft (Fisher, S. 16) und auf diese Art mittels der ihm unterstellten Druckerpresse Geld an sich selbst verleiht, muss er sich dazu verpflichten, dieses Geld in der Folge von seinen Bürgern als Steuer einzutreiben. Täte er das nicht, dann würde er die Geldmenge einfach nach Belieben inflationieren. Im alten System war dies nicht der Fall. Der Staat bezog die von ihm benötigten Summen aus der Wirtschaft selbst, nämlich von jenen Reichen, die gern bereit waren, es ihm gegen Zinsen zu leihen. Anschließend zog er es dann wieder mit Steuern aus der Wirtschaft heraus, um die reichen Gläubiger zu bezahlen.

Umverteilung von unten nach oben

Wichtig ist: Im neuen ebenso wie im alten System muss der Staat, will er das Geld der Bürger nicht schlicht durch Inflation entwerten, alles von ihm im Wege der Staatsverschuldung aufgenommene und anschließend für seine Zwecke ausgegebene Geld später durch Besteuerung wieder aus ihr entfernen. Im alten System wurde die soziale Umverteilung von unten nach oben auf diese Weise deutlich gefördert. Der Staat kommt wieder einmal mit den laufenden Steuereinnahmen nicht aus. Deshalb leiht er sich von den Reichen, denen er das entliehene Kapital Jahre später zuzüglich der dafür fälligen Zinsen zurückerstattet. Beides kassiert er dann in Gestalt von Steuern in erster Linie beim Mittelstand – die wirklich Reichen wissen sich bis heute legal oder illegal gegen Steuern sehr erfolgreich zu wehren.

Hier liegt das eigentliche Problem. Eine sozial verträgliche Art, das Problem der Staatsverschuldung zu lösen, kann nicht darin bestehen, dass der Staat von einer reichen Minderheit leiht, um sie durch das um Zinsen vermehrte Kapital nur noch reicher zu machen, sondern dass er dieses Geld auch und gerade von ihnen in Gestalt von Steuern kassiert.

Wie und wen besteuert der Staat?

Welche Änderung wird nun dadurch erreicht, dass man die Ausgabe von Staatsschulden den Geschäftsbanken nimmt und sie in die Hände des Staates legt? Wir sagten schon: In beiden Fällen muss der Staat alles über den Anstieg der volkswirtschaftlichen Leistung hinaus in die Wirtschaft geschleuste Geld, anschließend wieder mit Steuern aus ihr entfernen, um die Geldmenge nicht weiter und weiter aufzublähen. Wird diese Situation dadurch besser, dass er im neuen System Geld an sich selbst verleiht? Das muss durchaus nicht der Fall sein. Alles hängt nämlich davon ab, wie und wen der Staat besteuert. Die Monetative, als eine die Staatsschulden finanzierende Instanz, ist nur dann eine erwägenswerte Idee, wenn dieser Punkt vorher geklärt wird – anders gesagt, wenn man die Besteuerung der großen Vermögen ins Auge fasst.

Eine Monetative könnte auch brandgefährlich sein

Andernfalls könnte sich der Vorschlag von Irving Fisher als brandgefährlich erweisen. Ich vermag nämlich nicht einzusehen, was einen Staat und unsere Politiker, die ja im neuen System zu Herren der Druckerpresse aufrücken, ernstlich davon abhalten könnte, im eigenen Auftrag einfach beliebig viel Notenbankgeld zu kreieren und an sich selbst zu verleihen, zur gleichen Zeit aber auch den Bürgern eine weitere Wohltat zu erweisen, indem sie diese mit Steuern verschonen (derartige Versprechen pflegen jedenfalls im Programm jeder Partei zu stehen). Statt sie zu besteuern (vor allem die Reichen, die sich dagegen immer am heftigsten und erfolgreichsten wehren), drucken sie unbekümmert Geld für den Staatsbedarf und entwerten das Geld. Da sich die Vermögenden durch Flucht in Sachwerte auf einfache Art vor Inflationen schützen, werden dadurch im Endeffekt vor allem Armen geschädigt. Der Vorteil, dass der Staat im neuen System zinslose Darlehen erhält, könnte durch diesen Nachteil weit in den Schatten rücken.

Die Unabhängigkeit der Notenbank vom Staat ist eine große Errungenschaft!

Man vergesse nicht: Staatsschulden entstehen, weil eine Regierung mehr ausgeben möchte, als sie auf dem Weg des regulären Steueraufkommens als Einnahmen bezieht. Bisher lockte sie die Reichen, damit diese ihr mit Krediten helfen. Sie leihen dem Staat gern gegen Zinsen, weil sie ja wissen, dass er nicht den Mut aufbringt, es ihnen im Sinne des Gemeinwohls in Form von Steuern zu nehmen. Und nun soll er diesen Mut im neuen System auf einmal besitzen? Diese Annahme halte ich für reichlich kühn. Das Gegenteil ist leider sehr viel wahrscheinlicher: Da der Staat nun über die Druckerpresse verfügt, wird er es allen recht machen wollen. Er fordert die von ihm abhängige Monetative zum Gelddrucken auf und setzt gleichzeitig die Steuern herab. Die Inflation tritt ja immer erst mit einiger Verspätung ein.

Institutioneller Anreiz zur Misswirtschaft

In Deutschland und vielen anderen Staaten hat man diese Gefahr der Manipulation der Druckerpresse durch die herrschende Macht absichtlich dadurch gebannt, dass man die Notenbank (Bundesbank) zu einer politisch unabhängigen Institution erhob und ihr den Auftrag gab, die Preisstabilität zu erhalten. Eine Finanzierung der Staatsschuldung durch die Notenbank war damit ausgeschlossen. Wie sich inzwischen zeigt, ist die EZB weit abhängiger von politischem Druck – offensichtlich nicht zum Vorteil des Geldsystems. Eine Monetative, die sich gemäß dem Vorschlag Gesells darauf beschränkt, ihrer volkswirtschaftlichen Leistung entsprechend die Versorgung der Wirtschaft mit Notenbankgeld zu sichern, halte ich für eine hervorragende Idee, eine Monetative, welche Staatsschulden finanziert, nicht nur für bedenklich, sondern für einen institutionellen Anreiz zur Misswirtschaft.

b) Die Geschäfts- qua Sparbank

soll im neuen System weitgehend unverändert bleiben (Fisher, S. 16, 63). Nach wie vor funktioniert sie als vermittelnde Agentur zwischen Sparern, von denen sie Bargeld erhält, und Kreditnehmern, an die sie dieses Bargeld verleiht. Hier ist keine Rede von einer Geldschöpfung aus dem Nichts! Wenn er von Geschäfts- in ihrer Funktion als Sparbanken spricht, folgt Fisher uneingeschränkt der empirischen Evidenz und dem gesunden Menschenverstand. Sparer reichen ihr Geld mit Hilfe einer Geschäftsbank an Kreditnehmer weiter. „Sowohl im 10%- [d.h. im traditionellen System] als auch im 100%-System sind Ersparnisse die Hauptquelle für Kreditvergaben…“ (Fisher, S. 64).

Fisher weicht allerdings von seinen eigenen theoretischen Voraussetzungen ab, wenn er über die Sparbanken spricht. Faktenkenntnis und gesunder Menschenverstand hindern ihn an äußerster Folgerichtigkeit. Das gilt nicht für seine Nachfolger, die sich in vollständiger Missachtung von Logik und empirischer Evidenz zu der Behauptung versteigen, dass Geschäfts- auch in ihrer Funktion als Sparbanken nahezu alle Kredite aus dem Nichts schöpfen würden. Darauf komme ich weiter unten unter der Überschrift „Kriminelle Geldschöpfung – die Kernidee Fishers und der Monetative“ zu sprechen.

In einer Hinsicht unterscheidet sich die neue Sparbank sich dennoch deutlich von ihrem Vorgänger im alten System. Sie darf kein Geld mehr an den Staat verleihen – oder besser gesagt, diese Funktion soll nicht länger benötigt werden.

c) Die Geschäfts- qua Giralbank

von einem temporären Depot mit zusätzlicher Kreditfunktion im alten System mutiert sie im neuen zum simplen Schließfach. Alle jederzeit abrufbaren Einlagen werden von Kunden in bar eingezahlt, bleiben in bar auf der Bank und können deshalb auch jederzeit in bar abgehoben werden.

Ein Run auf die Banken ist damit prinzipiell ausgeschlossen

Dies ist ein gewaltiger Vorteil des neuen Systems! Er wird allerdings mit einem schwerwiegenden Nachteil erkauft. Bedenkt man, dass in Deutschland die Sparquote an die zehn Prozent beträgt, mithin zehn Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens an die Sparbanken gehen, so bedeutet dies andererseits, dass der Rest des Einkommens von an die 90% mehr oder weniger lange in den Schließfächern ruht. Anders gesagt, bis zu 90 Prozent des gesamten verfügbaren Haushaltseinkommens wären im monatlichen Wechsel von Einkommensbezug und Haushaltsausgaben vorübergehend in Schließfächern auf Eis gelegt.

Genauso verhält es sich in ökonomisch unterentwickelten Staaten

So wurde etwa in Indien das Familienvermögen von den Frauen in Form von goldenen Fuß- und Armringen am Körper getragen oder es verschwand in den Schatzkammern der Fürsten und Tempel. Die entscheidende Errungenschaft moderner Gesellschaften und ihres Bankensystems besteht gerade darin, ein Maximum von Geld beständig im Umlauf zu halten (mit Ausnahme natürlich der jederzeit für die zu erwartenden Abhebungen verfügbaren Barreserve). Aufbewahrtes Geld ist für die Wirtschaft tot. Nur der rollende Rubel lässt auch die Güter rollen und bringt die Wirtschaft zum Blühen!

Eine bessere Lösung

Hier besteht ein Dilemma, das meines Erachtens keine eindeutige und schon gar keine einfache Lösung zulässt. In meinem neuen Buch „EuroKalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise!“ schlage ich dafür folgende Lösung vor:

„Dieses Übel lässt sich durch eine Unterscheidung verschiedener Güteklassen von Giralbanken beheben. Solchen, die ausschließlich als Schließfächer mit Überweisungsfunktion tätig sein dürfen, stehen andere gegenüber, die sehr wohl auch Kredite vergeben. Nur die ersten garantieren die Einlagen zu hundert Prozent, erheben aber entsprechende Aufbewahrungs- und Servicegebühren. Die zweiten dagegen dürfen dem Publikum gegenüber keine Einlagengarantie abgeben, und im Konkursfall ist jede Hilfe von Seiten der Allgemeinheit vertragsgemäß ausgeschlossen. Bei Giralbanken minderer Bonität muss der Bürger also von vornherein mit einem Risiko rechnen, das im Extrem bis zu einem Totalverlust reichen kann. Im Gegenzug entfallen die Kontogebühren, im besten Fall wird er sogar mit Zinsen belohnt, weil die Bank eben statistisch davon ausgehen kann, dass im Normalfall immer nur ein Bruchteil der eingelegten Gelder tatsächlich für den Abruf bereitstehen muss. Die Existenz von Giralbanken minderer Bonität setzt die Gefahr deflationärer Tendenzen auf ein Minimum herab.“

Ein Giralbankensystem gemäß diesem Vorschlag ist gegen einen Run nicht zu hundert Prozent gefeit wie die Fishersche Alternative, dafür umgeht es die lähmende Wirkung deflationärer Tendenzen.*7*

3) Kriminelle Geldschöpfung – die Kernidee Fishers und der Monetative

Reserve ist ein sinnvolles Konzept im Hinblick auf das von den Bankern als völlig normal bezeichnete Verfahren, jenen Anteil der Tageseinlagen zurückzulegen, mit dessen Abhebung sie täglich rechnen müssen. Im obigen Beispiel nahmen wir mit Irving Fisher an, dass dieser Teil 10% der gesamten jederzeit abrufbaren Einlagen ausmacht. Nicht anders ist es mit Reserven im Sparbereich. Auch sie sollen die Gläubiger vor Ausfällen schützen. Die Bank muss damit rechnen, dass ein Teil ihrer Kredite sich als uneinbringlich erweist. Sollte dies etwa auf 10% zutreffen, so dient ihr eine Reserve von 10% als Puffer. Bei Tageseinlagen muss sie natürlich mit beidem gleichzeitig rechnen: einerseits mit der Möglichkeit, dass von den 90% (um im obigen Beispiel zu bleiben), die sie als Kredite vergeben hat, ein paar Prozente sich als uneinbringlich erweisen, und andererseits mit den täglichen Abhebungen dieser Einlagen, für die sie ebenfalls das nötige Bargeld bereithalten muss. Giralgeldkunden ebenso wie Sparer sind Gläubiger der Bank. Die Reserven werden zu ihrem Schutz gehalten.

So sehen es die Banker in Tausenden von Geschäftsbanken in Deutschland und anderen Ländern mit einem halbwegs seriösen Bankensystem. Und so handeln sie auch nach eigener Überzeugung. Glaubt man hingegen Irving Fisher und seiner Gefolgschaft, so verhält es sich in Wahrheit ganz anders. Zu dieser Auffassung werden sie, wie schon gesagt, von dem oben genannten Beispiel der mittelalterlichen Goldschmiede inspiriert. (S. 20, 28, analog die Aussagen auf S. 30, 34, 101) In ihrer Funktion als Giralbank verzichte die Geschäftsbank nämlich bewusst auf den Gewinn, den ihr die Verleihung von 9/10 der täglich im Schnitt unabgerufenen Tageseinlagen einbringen würde. Stattdessen hält sie sämtliche eingezahlten Tageseinlagen zurück. Diese Gesamtheit dient ihr nun aber als Grundlage, um das Zehnfache dieser Summe an Pseudogeld in Gestalt bloßer Ziffern zu erzeugen und als Kredit zu verleihen. Mit anderen Worten, sie verhält sich so wie die Goldschmiede jener Zeit, die auf der Grundlage von zehn Prozent wirklich vorhandenem Gold 90% Prozent an Falschgeld kreierten.

Der Begriff der Mindestreserve wird dabei verdreht

Dabei begehen die Theoretiker des 100%-Money einen auffallenden logischen Fehler. Sie höhlen nämlich den Begriff der Reserve aus, der in ihrem System schlechterdings sinnlos wird. Das im tatsächlichen Vorgehen der Banken in bar zurückgehaltene Zehntel der gesamten Einlagen war eine wirkliche Reserve zum Schutz der Giralgeldkunden (also der Gläubiger), wenn die Bank jedoch, wie von Irving Fisher behauptet, die Gesamtheit der Tageseinlagen in bar zurückhält, dann ist das keine Reserve, sondern ein vollständiger Schutz der Gläubiger, die ihre Einlagen ja in jedem beliebigen Zeitpunkt zu 100% wieder abheben können. Um das auf dieser Grundlage geschaffene Pseudogeld, das die Bank als Ziffern an Kreditnehmer verleiht, braucht sie überhaupt nicht zu kümmern.*8*

Die falsche Parallele zu den florentinischen Goldschmieden

Hier wird deutlich, wie sehr die Parallele zum Beispiel der Goldschmiede Fisher und seine Anhänger in die Irre führt.*9* Die Goldschmiede haben die Zertifikate tatsächlich verzehnfacht, ohne dass man den Scheinen ansieht, ob sie zu dem durch Gold gedeckten Zehntel oder zu den neun Zehnteln Falschgeld gehören. Wenn alle Zertifikatbesitzer plötzlich Gold im Tausch gegen die Scheine verlangen würden, gingen die Goldschmiede Bankrott, weil sie tatsächlich nur ein Zehntel davon in ihren Kellern lagern.

Anders verhält es sich bei den Geschäftsbanken. Fisher und seine Anhänger betonen ja immer wieder, dass alles geschöpfte Buchgeld ganz ohne Deckung auskomme, da es das reine Nichts repräsentiere. Wozu also diese angebliche „Reserve“ der gesamten in bar eingezahlten und bar aufbewahrten Tagesgelder? Eine Antwort auf diese Frage sucht man in der 100%-Money-Gemeinde vergeblich.

Die Mindestreserve wird zur Groteske

Die Bezeichnung der gesamten Giroeinlagen als Reserve ist ein logischer Unfug. Geradezu grotesk wird es aber, wenn dann auch noch behauptet wird, die Geschäftsbank würde sich aufgrund eines von der Bankenaufsicht vorgeschriebenen Mindestreservensatzes eine Grenze bei der Schöpfung von Buchgeld auferlegen. In unserem Beispiel also die Verpflichtung eingehen, nur das Zehnfache an fiktivem Geld als Kredit zu vergeben. Das würde bedeuten, dass sich die Geschäftsbank bei ihren kriminellen Tätigkeiten bewusst der staatlichen Aufsicht unterstellt!

Eine natürliche Grenze für Falschgeldschöpfung kann es nicht geben

Die Idee, dass eine kriminell tätige Branche die Regeln ihres verbrecherischen Tuns von einer Aufsicht beglaubigen und kontrollieren lässt, darf man wohl als fantastisch bezeichnen. Wenn dies aber so ist, dann muss man sich eingestehen, dass es für eine Geschäftsbank überhaupt keine Begrenzung für die vermeintliche Schöpfung von Buchgeld gäbe, jedenfalls keine, bei der sie das Eingreifen einer Aufsicht zu fürchten hätte. Diese Ansicht vertrat John Maynard Keynes in seinem Buch „Vom Gelde“. Erst in der „General Theory“ besann er sich eines Besseren und verwarf die Theorie der Buchgeldschöpfung überhaupt als das, was sie in Wahrheit ist, nämlich eine Gedankenverirrung.*10*

Und warum wird das Pseudogeld nicht ebenso in der Sparbank geschöpft?

An diesem Punkt sind wir freilich der Absurdität der Fisherschen Verschwörungslehre noch nicht bis auf den Grund gegangen. Denn es sollte eigentlich offensichtlich sein, dass eine verbrecherische Geschäftsbank in ihrer Funktion als Sparbank ganz genauso fiktives Geld schöpfen und dann als Kredit verleihen könnte wie in ihrer Funktion als Giralbank. Und sie könnte auch auf dieselbe Weise verfahren, indem sie in diesem Fall eben sämtliche Spareinlagen in bar zurückhält und diese als „Reserve“ betrachtet. Schreibt die Bankenaufsicht also eine Mindestreserve von einem Zehntel für alle Spareinlagen vor, so würde sie in ihrem kriminellen Bemühen (wenn auch aus einem ganz und gar unerfindlichen Grund) die Mindestreservenregel befolgen und maximal das Zehnfache an fiktivem Kreditgeld schöpfen.

Wie schon weiter oben bemerkt, war Fisher im Hinblick auf Sparbanken inkonsequent. Faktenkenntnis und gesunder Menschenverstand hinderten ihn daran, seine Geldschöpfung ex nihilo auch hier anzuwenden. Diese Zurückhaltung trifft jedoch nicht auf seine Nachfolger zu. Weder Vernunft noch empirische Evidenz vermag diese davon abzuhalten, ganz in die Absurdität abzugleiten, wenn sie sich zu der Behauptung versteigen, dass nahezu sämtliche Kredite Schöpfungen ex nihilo seien und Ersparnisse dabei keine Rolle spielen.*11*

Man rechne sich einmal aus, was das für Deutschland bedeuten würde! Die gesamten Spareinlagen belaufen sich hier auf etwa 5 Billionen Euro. Tief in die Kriminalität abgeglitten, wie die deutschen Geschäftsbanken angeblich sind, könnten sie aus diesen 5 Billionen ganze 10×5 oder 50 Billionen Pseudogeld mitsamt den ihnen entsprechenden Krediten zaubern. Warum haben sie das nicht längst schon getan?

Der Übergang vom alten zum neuen System ist praktisch unmöglich

Weil der Begriff der Reserve im neuen System seinen Sinn verliert und es überhaupt eine fantastische Annahme ist, dass eine kriminell tätige Bank sich an amtliche Vorschriften hält, ist nicht einzusehen, wie der Umfang des vermeintlich geschöpften Pseudogelds überhaupt ermittelt oder auch nur abgeschätzt werden kann. Damit gerät dann aber auch der Übergang vom alten Bankensystem zum neuen 100%-Money-System ins Wanken. Fisher zufolge, soll er in der Weise erfolgen, dass die Währungskommission Staats- und andere Wertpapiere so lange bei den Geschäftsbanken aufkauft, bis die Gesamtsumme alles von den letzteren frei geschaffenen Pseudogelds damit abgedeckt ist – womit dann auch seine hundertprozentige Deckung erreicht ist (und damit aus Falschgeld, das nur in Ziffern besteht, wirkliches, jederzeit verfügbares Bargeld wird). Daher der Name 100% Money.

Ein höchst riskantes Unternehmen! Sollte nämlich das von den Verschwörern aus dem Nichts geschöpfte Pseudogeld nur in der Fantasie von Irving Fisher und seinen Adepten bestehen, würde man auf diese Weise das ganze Bankensystem hoffnungslos aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn aber die Geschäftsbanken solches Fiktivgeld wirklich schöpfen, dann ist die Situation kaum besser. Da es jedenfalls eine absurde Annahme ist, dass kriminell agierende Banken sich einem amtlich verordneten Mindestreservenzwang unterwerfen, ist ihrer Pseudogeldschöpfung de facto keine Grenze gesetzt. Das Währungsamt wäre daher gezwungen, unbegrenzt und ohne Ende Schuldtitel aufzukaufen! Und wann und wie will es überhaupt wissen, ob das Limit der vollen Deckung des Buchgelds erreicht ist?

4) Die Fakten. Wie gehen Geschäftsbanken tatsächlich vor?

Irving Fisher schrieb unter dem Eindruck des größten Wirtschaftskollapses, den die Eigentumsgesellschaft bis dahin erlitten hatte. Er nennt die folgenden Zahlen.

1926 belief sich das Privatvermögen der Amerikaner auf ca. 26 Mrd. Dollar, davon 4 Mrd. umlaufendes Bargeld und 22 Mrd. an Scheckbuchgeld, d.h. an Guthabentiteln bei den Privatbanken. (Zwischen 1926 bis `29 stieg diese Summe auf 27 Mrd., weil sich das Scheckbuchgeld um eine 1 Mrd. erhöhte).

Die 22 Mrd. Scheckbuchgeld setzten sich bei den Banken aus 19 Mrd. Guthaben plus Staats- und Unternehmensanleihen zusammen plus 3 Mrd. Bargeld zu deren Deckung.

Zwischen 1929 und `33 schrumpfte das Scheckbuchgeld von 23 auf 15 Mrd. Zusammen mit 5 Mrd. umlaufendem Bargeld ergab das 1933 nur noch eine Summe von insgesamt 20 Mrd. Privatvermögen statt der 27 Mrd. im Jahre 1929. Der Anstieg der Summe von 26 auf 27 Mrd. Dollar zwischen 1926 und `29 wird von Fisher als Inflation verstanden – herbeigeführt durch die freie Schöpfung von Pseudogeld. Der Absturz von 27 auf 20 Mrd. zwischen 1929 und `33 sieht er als eine von den Geschäftsbanken herbeigeführte Deflation. Das willkürlich geschaffene Falschgeld sei in dieser Zeit in großem Maßstab vernichtet worden.

Eine Deutung, die nicht überzeugt

Für Fisher besteht der Auslöser der Deflation in der Schrumpfung des Scheckbuchgeldes von 23 auf 15 Mrd. Dollar (Fisher, S. 12). Aber das ist eine sehr eigenwillige Sicht der Dinge. Es liegt viel näher mit Marriner Eccles, dem hellsichtigen Notenbankchef unter Franklin D. Roosevelt, die Vorgänge in der Geldwirtschaft als Begleiterscheinung der Vorgänge in der Realwirtschaft zu sehen. „Bis 1929 und ’30 [also bis zum Beginn der Wirtschaftskrise] hatte eine gewaltige Saugpumpe einen zunehmenden Anteil des erzeugten Reichtums in wenige Hände umgeleitet… und so die Kaufkraft aus den Händen der Mehrheit genommen…“

Fisher ist als Fachmann für Geld so sehr auf das Geld fixiert, dass er in ihm den Ursprung eines Kollapses lokalisiert, der in Wahrheit sozial-ökonomische Ursachen hatte.

Die wirklichen Ursachen liegen nicht im Geld, sondern in der Realwirtschaft

Der Absturz von 23 auf 15 Mrd. Dollar bei den Guthaben der Amerikaner lässt auch ganz andere Deutung zu. Zweifelsfrei fest stehen dagegen die statistischen Befunde der Bundesbank zwischen dem Beginn der Nachkriegszeit und dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Während dieser fünfzig Jahre hat die jährliche Summe der von den Geschäftsbanken ausgereichten Kredite kein einziges Mal die der Spareinlagen überschritten. Im Gegenteil, sie lagen immer etwas hinter diesen zurück, da die Banken für das ihnen anvertraute Geld der Sparer nicht im selben Augenblick auch Kreditnehmer fanden. Hier lässt sich schlicht und einfach kein empirisch nachweisbarer Platz für Kreditvergaben aufgrund von fiktiver Geldschöpfung durch kommerzielle Banken finden.*12*

Keine einzige Bank wurde angezeigt!

Daher braucht es uns nicht zu wundern, dass die deutsche Staatsanwaltschaft es während eines halben Jahrhunderts nicht für nötig befand, die Unterlagen einer Geschäftsbank beschlagnahmen zu lassen, um kriminelle Geldschöpfung gemäß der Fisherschen Theorie nachzuweisen. Schon gar nichts war davon zu hören, dass eine Kommerzbank angezeigt wurde, weil sie sich bei der verbotenen Schöpfung von Falschgeld nicht an die vorgeschriebene Mindestreserve an Bargeld gehalten hätte. Im übrigen muss man es wohl auch als höchst erstaunlich bewerten, dass während all dieser Jahrzehnte noch nie ein Geschäftsbanker aus seiner vermeintlichen Schmuddelküche geplaudert und einen Bestseller mit dem Titel „Wir sind alle Verbrecher?“ geschrieben hat. Selbst Diktaturen bringen doch immer Tollkühne hervor, Leute, die selbst noch unter Lebensgefahr über Verfehlungen berichten!

Faktenresistenz

Die Antwort auf diese irritierenden Fragen finden halbwegs vernünftig denkende Menschen sofort – Verschwörungstheoretiker finden sie nie. Wer an finstere Mächte glaubt, lebt in einer eigenen – einer von ihm selbst geschaffenen – Welt, wo die Fakten ihn nicht länger erreichen. Deswegen ist ja auch bis heute keiner von ihnen auf die nahe liegende Idee gekommen, bei der Staatsanwalt einen Antrag auf Überprüfung der Bilanzunterlagen in einer dieser landesweit bis in die Dörfer verbreiteten kriminellen Anstalten zu stellen. Ich vermute, die Falschgeldapostel wollen das gar nicht – die Überprüfung der Fakten könnte ja ihr Weltbild erschüttern und sie als Spinner und Fantasten entlarven. Prof. Bernd Senf, geistiges Oberhaupt dieser Bewegung, erwähnt zwar beiläufig den Gleichstand von Ersparnissen und Krediten, wie er aus den Statistiken der Bundesbank unzweideutig hervorgeht, aber nur, um diesen Nachweis mit einem Achselzucken als unerheblich vom Tisch zu wischen.

5) Wozu sind Geschäftsbanken theoretisch imstande?

Wenn wir uns vorstellen, dass es in einem kleinen Staat von der Größe der Malediven nur eine einzige Notenbank gäbe und dazu eine einzige Geschäftsbank, dann müsste die letztere jeden Kredit in Bargeld auszahlen. Kriminelle Buchgeldschöpfung wäre in diesem Fall sinnlos. Nun nehmen wir an, dass es zwei Geschäftsbanken gebe – ob zwei oder tausend bleibt für unsere Demonstration ohne Belang. In diesem Fall könnte zwar keine der beiden Banken ihre Kunden direkt mit bloßen Ziffern, also Buch- statt Bargeld, abfinden, aber sie könnte das von ihr willkürlich geschaffene Buchgeld auf das Konto der jeweils anderen Bank überweisen.

Überweisungen zwischen Banken geschehen tagtäglich, und es werden dabei tatsächlich nur Ziffern übermittelt. Am Ende des Tages wird der Saldo der vielfältigen Flüsse in beiden Richtungen allerdings abschließend ermittelt. Beläuft dieser sich insgesamt auf Null, dann geschieht gar nichts. Wenn Bank A hingegen einen Überschuss und Bank B einen Fehlbetrag aufweist, dann wird das Notenbankkonto der beiden Banken entsprechend verändert – und hier wird in Notenbankgeld abgerechnet! Derselbe Vorgang gilt für den Tagesverkehr von tausend Geschäftsbanken untereinander. Würde Bank A also 10.000 Euro an fiktivem Geld schöpfen und es auf eines der Konten von Bank B überweisen, dann muss am Ende der Saldo ihrer Notenbankgelder bei der Zentralbank entsprechend verändert werden – und die Bank hätte einen realen Verlust von 10.000 Euro an echtem Geld. Wie sollte es auch anders sein? Wäre dies nicht so, könnte sich jede Bank auf Kosten ihrer Konkurrenten nach Belieben bereichern!

Die Notenbank müsste der kriminelle Dritte sein

Theoretisch wäre es freilich möglich, dass Geschäftsbanken dem ersten Verbrechen der Falschgelderzeugung gleich noch ein zweites nachschicken, indem sie sich zu illegalen Kartellen zusammenschließen. Zum Beispiel würden Bank A und Bank B eine Abmachung der Art miteinander treffen, dass beide jeweils einen identischen Betrag von 100.000 Euro pro Monat als Pseudogeld kreieren.*13* Allerdings benötigen sie dann auch 200.000 Euro in bar pro Monat, denn ihre Kreditempfänger akzeptieren nun einmal keine aus dem Nichts gezauberten Zahlen, sondern ausschließlich bares Notenbankgeld. Die Notenbank müsste sich also als Dritter im Bunde diesem verbrecherischen Kartell anschließen. Sie müsste Monat um Monat – unabhängig von ihrer erklärten Aufgabe, Geld nur im Gleichklang mit dem Zuwachs der Wirtschaftsleistung gegen erstklassige Wertpapiere bereitzustellen -, den Geschäftsbanken zusätzlich noch eine Summe an Notenbankgeld überlassen, die exakt dem Volumen ihrer aus dem Nichts erfolgenden Falschgelderzeugung entspricht! Man stelle sich vor, welche Summen da zusammenkommen, wenn man an die Zehntausende von Geschäftsbanken in Deutschland denkt!

Konnte ein derartiges Kartell bisher beobachtet werden? Wohl nicht. Die Fakten widerlegen ein solches Vorgehen der Bundesbank. Zwischen Ende des zweiten Weltkriegs und dem Beginn des neuen Jahrhunderts belief sich die Gesamtsumme des Notenbankgelds nahezu konstant auf 10% des BIP. Dennoch ist natürlich kein System gegen die Übertretung oder den Missbrauch seiner eigenen Regeln gefeit.*14*

6) Konklusion

Irving Fisher hat eine Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt, die wie die meisten Geistesprodukte ähnlicher Art in abgeschiedenen Studierzimmern entstehen, aber wenig Berührung mit der Wirklichkeit aufweisen. Wie man weiß, besaß Fisher ein auffallend geringes Gespür für die ökonomische Wirklichkeit. Noch wenige Tage vor dem Börsencrash am Schwarzen Freitag vom 25. Oktober 1929 hatte er der US-amerikanischen Wirtschaft noch bestes Wohlergehen bescheinigt. Dieser grelle Irrtum kostete ihn nicht nur ein keinesfalls unerhebliches Vermögen, er vernichtete auch sein Renommee als Ökonom. Vielleicht machte ihn diese persönliche Niederlage besonders anfällig für die Suche nach ominösen kriminellen Kräften. Was seine Gefolgsleute hierzulande betrifft, so erwecken sie nicht unbedingt größeres Vertrauen.*15*

Ablenkung von den wirklichen Ursachen

Ich sehe in Fishers Verschwörungstheorie und Verheißungen den missglückten Versuch, die wirklichen Ursachen klein zu reden und die damalige und die noch zu erwartenden Krisen zu einem technischen Problem umzudeuten, das sich mit einer Glücksformel bequem beseitigen lässt. Eine grundlegend falsche soziale Entwicklung hat damals die Große Depression verursacht und steht ebenso am Anfang der heutigen Krise – nicht die Machenschaften einzelner Banker, auch wenn der Verlust an Gemeinsinn sich selbstverständlich darin bekundet, dass kriminelles Verhalten allgemein sehr viel häufiger wird. Über die Konzentration von ökonomischer und politischer Macht als dem eigentlichen Übel wird jedoch ungern geredet – zu leicht gerät man dabei in den Verdacht des Umstürzlertums oder gar kommunistischer Neigungen.*16*

1 Die sogenannte „Multiple Kreditgeldschöpfung“ behandle ich ausführlich in: EuroKalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise. Metropolis 2012; S. 262. Ich halte sie für logisch unanfechtbar, entgegen einer weit verbreiteten Meinung aber für praktisch irrelevant. Auch die Buchgeldschöpfung nach Fisher wird „Wohlstand und Armut“ behandelt, allerdings mit einem historischen Fehler. Ich glaubte damals, Prof. Bernd Senf hätte diese Art der Geldschöpfung erfunden. In Wahrheit geht sie in allen wesentlichen Punkten auf Henry Simons und Irving Fisher zurück.

2 Wie schon in „Wohlstand und Armut“ ausgeführt, ist das Beispiel der Goldschmiede ganz unbrauchbar, um eine bei Geschäftsbanken eine Geldschöpfung aus dem Nichts zu erklären. Dagegen erläutert es auf exakte Weise das Vorgehen einer Notenbank. Solange diese Zentralbankgeld gegen erstklassige Wertpapiere (also gegen volkswirtschaftliche Leistung) ausgibt, handelt sie wie ehrliche Goldschmiede, die Zertifikate nur gegen eine entsprechende Menge von Gold in Umlauf bringen. Sobald eine Notenbank Geld gegen schlechte Wertpapiere ausgibt oder überhaupt ohne jeden volkswirtschaftlichen Gegenwert druckt, handelt sie in exakter Parallele zu den betrügerischen Goldschmieden. Sie bringt „Willkürgeld“ auf den Markt.

3 Jaromir Benes und Michael Kumhof, The Chicago Plan Revisited. (http://www.imf.org/external/pubs/ft/wp/2012/wp12202.pdf)

4 Siehe http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-08/vollgeld-banken-geldschoepfung, http://derstandard.at/1345165440122/Das-Bankenzeitalter-geht-zu-Ende, http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/goldstandard-und-vollgeld-zweifel-am-finanzsystem-a-853621-3.html, http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/massnahmen-gegen-die-bankenkrise-alle-macht-der-notenbank-1.1461222, http://www.handelsblatt.com/politik/oeko­nomie/nach­­richten/vollgeld-iwf-forscher-spielen-radikale-bankreform-durch/7008170.html.

5 100% Money, deutsch von Klaus Karwat. Gauke 2007.

6 Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung. 4.1.5; 4.3.

7 Aufgrund dieser lähmenden Tendenzen konnte sich auch Keynes nicht mit der Idee des 100% Money anfreunden. Zit. bei Helge Peukert, Die große Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise. 4. Auflage. S. 334.

8 Fisher zieht nicht nur das Beispiel mittelalterlicher Goldschmiede heran (S. 20, 28), sondern versucht dies dann auch noch mit weiteren Beispielen exzessiver Kreditvergabe zu erhärten (S. 30, 34, 101).

9 Es taucht auch bei Bernd Senf wieder auf (Der Tanz um den Gewinn. Verlag für Sozialökonomie, 2005; S. 77, 91)

10 Vgl. Wohlstand und Armut. S. 156.

11 So Ellen Hodgson Brown, „Dollar deception: how banks secretly create money“ (http://www.webofdebt.com/articles/dollar-deception.php) 3. July 2007. Ihre Thesen, mit denen sie sich auf ihr Buch „Web of Debt“ bezieht, wurden von Hörmann and Pregetter in “Das Ende des Geldes” ohne Angabe der Quelle zum Teil wortwörtlich abgeschrieben.

12 Hierzu vgl. „Die Causa Hörmann-Pregetter (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Ende_des_Geldes.html).

13 Diese Möglichkeit hatte wohl Keynes im Auge als er seinem Buch „Vom Gelde“ von einem Gleichschritt der Kommerzbanken bei der Falschgelderzeugung sprach. Siehe „Wohlstand und Armut“ zu diesem Thema.

14 Das ist z.B. dadurch geschehen, dass deutsche Geschäftsbanken im Verkehr miteinander Guthaben und Schulden in großem Ausmaß (etwa 2 Billionen Euro) akkumulierten. Eine funktionierende Bankenaufsicht hätte eine solche Entwicklung verhindern müssen, da diese in einer Zeit der Krise, wenn die Banken ihre Außenstände plötzlich von den anderen einfordern, zum Kollaps des Systems führen kann. Sie wäre im übrigen recht leicht zu verhindern, wenn man die drei funktional unterschiedenen Bereiche des Geschäftsbankensystems auch de facto, also institutionell, trennen würde, nämlich in Wertpapier-, Spar- und Giralbanken. Dann müsste man auch deren Größe (too big to fail) nicht länger fürchten.

15 Die beiden österreichischen Professoren Hörmann und Pregetter haben sich nicht nur nach Guttenbergscher Manier freizügig an den Ideen anderer bedient, in ihrem Buch „Das Ende des Geldes“ bringen sie noch dazu die Meisterleistung zustande, das Offensichtliche zu leugnen, nämlich die Verleihung von Spargeldern an Kreditnehmer. Für diesen Unsinn darf man Irving Fisher nicht verantwortlich machen. Prof. Bernd Senf, der Schöpfer des Begriffes der Monetative, hat einige gute Wirtschaftsbücher geschrieben, da er aber außerdem noch mit der Esoterik kokettiert, um nicht zu sagen, mit dieser verheiratet ist, neigt er dazu, seinen Verstand im Zweifelsfall gegen die übersinnliche Inspiration einzutauschen (vgl. „Sinn und Unsinn einer Reform des Geldsystems“, http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Geldsystem.html).

16 Ich möchte es hier nochmals betonen: Für die Analysen von Marx hege ich die größte Hochachtung, vor seiner Therapie einen Horror, der aus der Kenntnis ihrer konkreten Erscheinungsformen in den Staates des real existierenden Sozialismus genährt wird. Es geht darum, die freie Eigentumsgesellschaft zu zähmen, nicht darum, sie zu lähmen oder ganz abzuschaffen. Denn dann tritt gewöhnlich eine Diktatur an ihre Stelle: die eines linken Politbüros oder einer rechten Gewaltherrschaft.

22.9.2012

III. Geldschöpfung und Realwirtschaft

Geld schafft Verwirrung, weil es einen Schleier über die Realwirtschaft wirft. Überall wo Schleier sich über die Dinge legen, kann tiefe Verwirrung, Rätsel, Verdächtigung, esoterische Fantasterei aufkommen. So gerade und vor allem auch beim Geld, das manchem als eines der größten Alltagsrätsel erscheint. Kein Wunder, dass sich in einer Zeit der Krise die wildesten Spekulationen um seine Natur und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten des Missbrauchs ergeben. Nicht zufällig erlebt die Verschwörungstheorie von einer kriminellen Geldschöpfung aus dem Nichts gerade heute Hochkonjunktur. Sie bietet eine einfache Erklärung für ein reales Gespenst: den Niedergang unserer Wirtschaft. Sind solche Fantastereien erst einmal im Umlauf, dann bringen sie auch stets die dazugehörigen Propagandisten hervor: Esoteriker, Apokalyptiker und sonstige eher seltsame Figuren, die eine seriöse Wissenschaft noch vor zehn oder zwanzig Jahren als Spinner belächelt hatte, deren lautes Schreien aber heute niemand mehr überhören kann. An vorderster Stelle steht hier Prof. Franz Hörmann, nach eigenem Bekunden ein Genie. Das darf man wohl sagen, denn in seinem zusammen mit Otmar Pregetter geschriebenen Buch „Das Ende des Geldes“ erklärt dieser Mann in gewaltigen Rundumschlägen seine Gegner und die Mehrheit der Wissenschaftler unumwunden zu Trotteln.*1*

Überall schießen kleine Hörmänner aus dem Boden

Mancher mag es als unter seiner Würde erachten, sich – wenn überhaupt – anders als satirisch zu den weitgehend abstrusen Vorstellungen zu äußern, wie sie im „Ende des Geldes“ zu finden sind. Aber solche vornehme Zurückhaltung ist nicht länger angebracht, denn inzwischen beginnen die Wirren der Zeit auch viele bis dahin solide Köpfe zu desorientieren. Nicht nur ein Blick in das Internet, sondern selbst in durchaus ernst zu nehmende wissenschaftliche Publikationen genügt, um die Richtigkeit dieser Beobachtung zu erhärten. Die ganze Dramatik der Situation wird auf unheimliche Weise dadurch beleuchtet, dass die Saat der Geld-Esoterik inzwischen sogar dort aufgeht, wo man das am wenigsten vermutet: hinter den scheinbar uneinnehmbaren Festungsmauern der Deutschen Bundesbank. Auch dort findet man mindestens zwei Publikationen, in denen von einer Geldschöpfung aus dem Nichts durch Geschäftsbanken die Rede ist, und zwar ohne jedes einschränkende Wenn und Aber. Mit anderen Worten, nicht nur Spinner, sondern sogar Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank trauen den Geschäftsbanken kriminelles – ja, eindeutig kriminelles*2* – Verhalten zu!

Auch wenn Kenner sich dadurch nicht beirren lassen, den Laien müssen derartige Äußerungen verwirren und stutzig machen. Wer, so fragt er zu Recht, hätte ein größeres Interesse daran, solche Praktiken zu vertuschen (angenommen, es gäbe sie wirklich) als gerade die Bundesbank? Wenn selbst der Heilige Gral des Geldes seinen Segen zu derartigen Vorstellungen erteilt, dann muss doch wohl etwas dran sein. Kann man dem Laien verargen, dass sich sein Misstrauen nun eher gegen diejenigen richtet, die solche Geldschöpfung leugnen? Kann man ihm verdenken, wenn er nun seinerseits dem Irrglauben verfällt, dass das wirkliche und größte Übel unserer gegenwärtigen Ökonomie im Geldbereich liege, weil die Geschäftsbanken nach Belieben Geld schöpfen können?

Den Schleier wegreißen!

Geld ist ein Schleier über der Wirtschaft. Wir werden der Wahrheit nur dann näher kommen, wenn wir hinter den Schleier blicken. Denn dieser vermag die reale Ökonomie wie ein undurchdringlicher Nebel zu verdecken. Ich werde im Folgenden Volkswirtschaft in statu nascendi erklären, indem ich in wenigen Sätzen skizziere, wie eine Naturalwirtschaft die Verteilung von Überschüssen organisiert, bevor sie zur Marktwirtschaft wird, die dann das Geld einführt und schließlich auch das Gegenstück zu unseren modernen Geschäftsbanken. Ich hoffe diese Erklärung so einfach halten zu können, dass jedes Kind sie versteht. Erst dann beleuchte ich die Zustände in unserer eigenen wesentlich komplexeren Wirklichkeit.

Fangen wir also bei einer Wirtschaft an, die noch weitgehend ohne den Gebrauch von Geld auskommen konnte, zum Beispiel bei der ägyptischen.

Die Bauern liefern ihren Nahrungsüberschuss an die Naturalien-Banken

Durch strenge Gesetze sorgte der Pharao dafür, dass die Getreide- und Gemüsebauern seines Landes, erstens, mehr an Nahrung produzierten als sie für den Eigenbedarf brauchten, und, zweitens, dass sie diesen Überschuss an Depots weitergaben, nennen wir sie Naturalien-Banken, die dabei als Zwischenstation fungierten. Diesen Banken entstammten sämtliche Nahrungsmittel, mit denen außer Hof und Priestern auch die Fronbauern, also jene Zwangsarbeiter, erhalten wurden, welche die Pyramiden und andere Bauwerke des Landes für den Pharao erbauten. Die Banken dienten mithin als Zwischenlager für die produzierten Überschüsse der Fellachen, um diese dann an den Hof und für Verpflegung der Fronbauern weiterzuleiten. Kein vernünftiger Mensch würde behaupten, dass auch nur ein Korn zusätzlichen Getreides in diesen Banken aus dem Nichts geschöpft und gezaubert wurde. So groß wie der auf Geheiß des Pharao konfiszierte Überschuss, genauso groß war im besten Fall auch die Menge der anschließend weitergegebenen Nahrungsmittel. Im besten Fall! Tatsächlich fiel ein bedeutender Teil davon den Ratten, Räubern und korrupten Beamten zum Opfer.

Der Übergang zu einer Marktwirtschaft

Nun stellen wir uns vor, dass der Pharao gestürzt und der Überschuss der Bauern nicht länger zum Bau von Pyramiden verwendet wird, die zwar schön sind, aber den Wohlstand der Bevölkerung nur vermindern statt ihn produktiv zu vermehren. Der Produktionsüberschuss wird also nicht länger von den Bauern in Gestalt einer Steuer eingezogen, sondern diese dürfen ihn nach eigenem Gutdünken verwenden. Eine freie Marktwirtschaft ist entstanden. Die Bauern geben zwar weiterhin ihren Überschuss an die Depots ab, aber natürlich nicht als Geschenk – in diesem Fall würden sie augenblicklich damit aufhören, mehr zu produzieren als für den Eigenbedarf nötig ist. Nein, sie bringen den Überschuss nun deswegen zur Bank, um ihn dann irgendwann später, nämlich in Alter und Krankheit, wieder in gleicher Höhe – oder sogar um Naturalienzinsen vermehrt – wieder abholen zu können. Da es aber, zumal zu jener Zeit, völlig unmöglich war, Nahrungsmittel zehn oder noch mehr Jahre zu lagern, musste die Bank diesen Überschuss zunächst einmal an andere weiterreichen. Diese anderen leihen ihn also aus, um während der Arbeit an Unternehmungen, womit sie den Wohlstand fördern (also Kanal-, Straßen- und Brückenarbeiten oder wichtigen technischen Neuerungen) damit ernährt zu werden. Nach Fertigstellung der betreffenden Arbeiten haben sie die Nahrungsbasis durch erhöhte Produktivität oder quantitative Ausweitung so stark vergrößert, dass sie die einst von der Bank als Kredit entliehenen Nahrungsmittel dann in voller Höhe oder sogar darüber hinaus an die Sparer zurückzahlen können!

Auch nach dem Aufkommen dieses marktwirtschaftlichen Systems wird kein vernünftiger Mensch behaupten, dass die Naturalien-Bank, welche zwischen den Naturaliengebern und den Naturaliennehmern vermittelt, auch nur ein einziges Getreidekorn aus dem Nichts geschöpft habe. Im Gegenteil, wieder sind Überschüsse eher verrottet, gestohlen oder anderweitig vermindert worden. Verleihungen setzen Ersparnisse voraus, und beide können nie aus dem Nichts entstehen. Sie müssen auf den Feldern mit harter Arbeit erwirtschaftet werden.

Nach der Naturalien- kommt die Geldwirtschaft

Doch kaum ist das Geld da und aus der Naturalien-Bank eine Geldbank geworden, fängt die Verwirrung an – und diese Verwirrung machen sich die Geld-Esoteriker weidlich zunutze.

Bleiben wir also bei unserem Beispiel und bringen nunmehr das Geld ins Spiel. Dann wird aus der Naturalienökonomie eine auf Geld begründete Marktwirtschaft. Die ägyptischen Bauern liefern ihren Überschuss nicht länger beim Bankdepot ab, sondern sie verkaufen ihn gegen Geld an Händler, die ihn ihrerseits mit einem leichten Aufschlag für ihre eigene Tätigkeit an die Depots weiterreichen. Statt über einen Naturalienüberschuss verfügen die Bauern jetzt über einen gleichwertigen Geldüberschuss. Diesen können sie für einen Konsum jenseits des bisherigen Eigenbedarfs verwenden oder für ihre Alters- und Notfürsorge. In diesem Fall geben sie genauso vor, wie sie es vorher mit den Naturalien taten, nur geben sie jetzt das für die Naturalien erhaltene Geld an technische Ingenieure etc. weiter, jedoch mit der Auflage, dass diese ihnen in Zukunft nicht Naturalien (mit oder ohne Zinsen), sondern einen entsprechenden Geldwert zurückerstatten. Das Geld stellt hier also nichts anderes dar als eine sich den realen Vorgängen überlagernde Paralleldimension. Der Umlauf der realen Güter wird von einem Umlauf wertgleichen Geldes begleitet. Wiederum kommt es allein auf die erwirtschafteten Überschüsse an. Denn das Geld, das den Umlauf der Güter begleitet, fügt diesen nicht ein einziges Hirsekorn und nicht eine einzige Salatpflanze hinzu. Das Geld nimmt aber auch nichts von diesen weg, sofern das Verhältnis von umlaufender Geld- zu umlaufender Gütermenge sich nicht verändert.

An dieser Stelle kommt die Geschäftsbank ins Spiel

An dieser Stelle drängt sich jedoch eine weitere Neuerung auf. Es ist abzusehen, dass die Bauern ebenso wie die technischen Ingenieure weit überfordert sind, wenn sie sie sich in einer komplexen Gesellschaft – die einen als Überschussanbieter (also als Sparer) und die anderen als Überschussempfänger (also als Kreditnehmer) – gegenseitig aufsuchen und ausfindig machen sollen. Mit anderen Worten, die Entstehung einer Agentur – will heißen, einer Geld- oder Geschäftsbank -, deren spezielle Aufgabe genau in der Vermittlung zwischen Sparern und Kreditnehmen liegt, wird nach kurzer Zeit eine ebenso unabweisbare Notwendigkeit sein wie die Entstehung von Wohnungs- oder Reiseagenturen. Der Bauer bringt das Geld, das er für seine Überschüsse erhielt, als Ersparnis auf eine Bank, die diese ihrerseits an jene Menschen verleiht, die sich für diesen Kredit die in den Depots aufbewahrten Überschüsse an Nahrung kaufen. So in ihrer physischen Existenz gesichert, können sie sich dann jenen Kanal-, Straßen-, Brückenbauten und technischen Erfindungen widmen, mit denen sie die Nahrungsbasis derart erweitern, dass aus diesem Wirtschaftwachstum dann einige Jahre später die entliehene Nahrungsmenge unter Umständen mit deutlichen Plus zurückgezahlt werden kann.

Ecce Homo – und jetzt meldet sich Hörmann

An diesem Punkt schlägt der Wiener Professor zu, hier tritt er mit der ganzen Wucht des Propheten auf, der ein überkommenes Weltbild zerschlagen will. Man beachte, dieser Mann ist Spezialist für Rechnungswesen und kennt sich daher in doppelter Buchführung aus. Das ist sein eigentliches Fachgebiet! Er behauptet nicht mehr und nicht weniger, als dass eine Bank aufgrund von technischen Eigentümlichkeiten der überkommenen Buchführung schlechterdings unfähig sei, die zuvor beschriebene Aufgabe zu erfüllen.*3* Ich muss einräumen, dass ich von Bilanzen und doppelter Buchführung nicht mehr als jeder Laie verstehe. Aber ich glaube etwas von den mentalen Turbulenzen zu ahnen, für die der Kopf eines Fachmanns weit eher anfällig ist als der gesunde Menschenverstand. Mit einem berühmten Paradoxon glaubte Zenon von Elea beweisen zu können, dass Achill die Schildkröte nie einholen würde. Das sei logisch unmöglich. Der griechische Philosoph war sich natürlich bewusst, nur ein Paradox auszusprechen. Er wollte sich ja keinesfalls selbst lächerlich machen. Nicht so Franz Hörmann. Wer glaubt, dass der suspendierte Professor uns auch nur mit paradoxer Logik verblüffen will, der irrt sich. Er behauptet in vollem Ernst, dass Geschäftsbanken niemals Ersparnisse als Kredite weiterreichen! Als Fachmann für Rechnungswesen glaubt er das unwiderleglich bewiesen zu haben. Ihm zufolge können Geschäftsbanken immer nur selbst erschaffenes Geld verleihen, also Geld, das sie aus dem Nichts geschöpft haben.

Wenn ein Fachmann mental auf Abwege gerät

Er selbst nicht zu ahnen, was er da von sich gibt. Da Bilanzzahlen sich nichts daraus machen, ob sich hinter ihnen Goldstücke, Papierscheine, Getreidescheffel, Wohnungen oder Reiseangebote verbergen, könnte er nicht nur, sondern er müsste sogar, im selben Atemzug auch noch behaupten, dass Wohnungsmakler keine Wohnungen zwischen Anbietern und Kunden vermitteln, sondern Wohnungen grundsätzlich aus dem Nichts geschöpft werden. Er müsste behaupten, dass Reiseagenturen grundsätzlich nicht Offerten mit einem Aufschlag an Kunden vermitteln, sondern dass die Flugzeuge und Hotels ihres Angebotes ex nihilo entstehen, weil die Regeln der Bilanzierung jede andere Möglichkeit logisch verbieten. Man könnte die Reihe der Absurditäten beliebig ergänzen.

Ein Blick hinter den Schleier und die Pseudotheorien entlarven sich selbst

Wir wissen aus Erfahrung, dass Achill die Schildkröte jederzeit einzuholen vermag, und wir wissen, dass jede Gesellschaft allein dadurch wächst, dass sie reale Überschüsse an Menschen als Investitionsmittel verleiht, die daraus einen größeren Wert erzeugen.*4* Reale Überschüsse bringen auf diese Weise noch größere reale Überschüsse hervor, erst im Agrar- und dann in allen übrigen Bereichen: Darin liegt das Geheimnis moderner Gesellschaften. Und eines ist dabei für jeden klar denkenden Menschen selbstverständlich. Solche realen Überschüsse mussten immer hart erwirtschaftet werden. Nie wurden sie aus dem Nichts geschöpft.

Also keine Manipulationen im Geldbereich?

Das will ich damit durchaus nicht behaupten. Der Schleier aus einer parallelen Geldbewegung bringt neue Anfälligkeiten und Gefahren hervor. Soviel ist unzweifelhaft richtig. An diesem Punkt berührt sich der Irrwitz der Geld-Esoteriker mit dem nüchternen Denken einiger Volkswirtschaftler, die eine Geldschöpfung aus dem Nichts ebenso für möglich erachten wie zumindest zwei Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank. Nicht weil die doppelte Buchführung die Weiterleitung von Ersparnissen verbiete und deswegen nur eine Geldschöpfung aus dem Nichts in Frage käme. Eine derart abwegige Behauptung scheint in der ganzen Literatur zum Geldschöpfungsthema einzigartig zu sein. Sondern aus einem anderen und durchaus nahe liegenden Grund. Jeder weiß, dass man die umlaufende Geldmenge manipulieren kann, am leichtesten, wenn es sich um Geld ohne eigenen Wert, z.B. um Papier- oder gar Buchgeld handelt. Der einfachste und historisch älteste Fall besteht in der Fälschung von Geld.

Gefälschtes Geld schafft niemals Werte, es vernichtet sie nur

Angenommen, ein feindlicher Staat würde zum umlaufenden Geld zehn Prozent Falschgeld einschleusen, dessen Existenz erst Jahre später bekannt wird, so würden die Einschleuser selbst zwar Werte für sich in Anspruch nehmen: Sie würden ja mit dem Geld ungehindert einkaufen können. Aber zur gleichen Zeit übt ihr Handeln eine tiefgreifende Wirkung auf den Rest der Bevölkerung aus: Sie entwerten den gesamten Geldbestand um zehn Prozent. Natürlich schaffen sie dadurch keine zusätzlichen Werte, keine realen Überschüsse. Vielmehr eignen sie sich nur unrechtmäßig einen Teil der bestehenden Realwerte an und nehmen dem Rest der Bevölkerung durch Geldentwertung zehn Prozent eben dieser Realwerte weg.

Dies ist ein so gravierender Eingriff in die Eigentumsrechte, dass jeder Staat schon in der Antike eine große Zahl von Spezialisten damit beschäftigte, Fälle von Geldfälschung, also Geldschöpfung aus dem Nichts, möglichst sofort aufzudecken. Wer eines solchen Verbrechens überführt werden konnte, landete für Jahre hinter Gittern oder wurde sogar mit dem Tode bestraft.

Verbrechen: Erst die kleinen Fälscher, dann die Geschäftsbanken?

Kurioserweise behaupten nun nicht nur Geld-Esoteriker, sondern auch einige ernst zu nehmende Ökonomen, dass diese Geldfälschung und die dadurch bewirkte Enteignung der Bürger im großen Maßstab von Geschäftsbanken betrieben werde, und zwar ohne dass Staat und Gesellschaft es bisher nötig fanden, ihr kriminelles Treiben auch nur zu beachten. So heißt es in der Bundesbank-Broschüre „Geld und Geldpolitik“ von 2007 zur sogenannten Multiplen Kredit- oder Giralgeldschöpfung (in der Bundesbankbroschüre und analog in Wikipedia auch aktive Geldschöpfung genannt*5*):

„Der Geldschöpfungsprozess [durch Multiple Giralgeldschöpfung] erscheint … wie Zauberei: Die Banken schöpfen anscheinend selbst Geld, ohne die Deutsche Bundesbank nötig zu haben. Einer höheren Forderung an die Nichtbanken stehen höhere Einlagen derselben gegenüber: Die Geldmenge ist gewachsen.“

Der betreffende Mitarbeiter der Bundesbank hat die Multiple Giralgeldschöpfung schlicht nicht durchschaut – eine Tatsache, die sich auch in der zögernden Formulierung „anscheinend“ bekundet. Tatsächlich wird die Geldmenge nicht um einen einzigen Euro ausgeweitet, sondern es steigen lediglich Guthaben und Schulden.*6* Freilich, wenn man Guthaben und Schulden selbst als Geld betrachtet, wie es der Autor dieser Zeilen offenbar tut, dann ist die Geldmenge gewachsen. Aber hier handelt es sich durchaus nicht um Geldschöpfung aus dem Nichts, denn den höheren Forderungen stehen ja entsprechend höhere Einlagen gegenüber. Mittlerweile scheint die Bundesbank selbst diesen Irrtum aufgegeben zu haben, denn er ist in ihren Broschüren seitdem nicht mehr aufgetaucht.

Jüngeren Datums ist dagegen eine neuere Stellungnahme ebenfalls von Seiten der Bundesbank. Sie ist in der „Geld und Geldpolitik“ aus dem Jahre 2010 nachzulesen (hier handelt es sich um einen Ableger der Fisherschen Geldschöpfungstheorie*7*:

Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit gewährt, finanziert sie diesen in einem ersten Schritt dadurch, dass sie – wie oben beschrieben – den entsprechenden Betrag an Giralgeld selbst schafft.

Diese Behauptung scheint auf den ersten Blick reiner Hörmann zu sein. Nur dass sie sich in Wahrheit auch in einem ganz anderen Sinn auffassen lässt. Darauf deutet zumindest der Zusatz hin, dass die Geschäftsbank den Kredit „in einem ersten Schritt“ selbst finanziere. Damit wäre nämlich nur die reichlich banale Wahrheit ausgesprochen, dass der Bankbeamte – zumal in großen Banken – nicht bei jeder Kreditvergabe vorher nachfragen wird, ob im gleichen Moment auch genügend Einlagen vorrätig sind. Er geht von einem bestimmten Tagesbetrag solcher Einzahlungen aus, und wird deshalb die erbetenen Kredite zunächst einfach als Zahl in die Bilanz eintragen – zumindest dann, wenn die ihm bekannte durchschnittliche Höhe täglicher Einzahlungen durch den gewährten Kredit nicht allzu weit überschritten wird. Sollte sich dann in den folgenden Tagen erweisen, dass die zugesagten Kredite die Summe der Einlagen übertreffen, dann ist das immer noch leicht zu verschmerzen, da die Bank ihre Kreditvergabe ja an den nächsten Tagen entsprechend drosseln kann. Es stimmt also, dass der Bankbeamte den gewährten Kredit, sagen wir einen kleinen Kredit von 10 000 Euro – momentan aus dem Nichts schöpft, weil er nicht nachschauen muss, ob eine entsprechende Einlage vorher erfolgte oder ob gar tausend Euro bar in der Kasse liegen.*8*

Ich hege den Verdacht, dass die ganze Hörmannsche Geistesverwirrung in dieser Banalität ihren Ursprung hat. Aus der durchaus zutreffenden, aber trivialen Beobachtung, dass Bankbeamte momentan einen Kredit als bloße Zahl im Konto eines Kreditnehmers eintragen und den Betrag in diesem stark eingeschränkten Sinn für eine kurze Zeit aus dem Nichts schöpfen können, leitet der Professor die tollkühne Behauptung ab, dass alle Kreditvergabe grundsätzlich keine Einlagen voraussetzt. Geschäftsbanken würden alles für Kredite benötigte Geld nach Belieben aus dem Nichts schöpfen können.

Warum schweigen Staat und Öffentlichkeit?

Würde ein Mitarbeiter der Bundesbank so etwas allen Ernstes behaupten, dann müsste er sich im selben Augenblick fragen, ob denn die Bundesbank auch nur einen einzigen Tag zu einem solchen Geschehen schweigen dürfte? „Wie“, fragt der Laie, „ein kleiner Geldfälscher bringt ein paar Blüten in Umlauf und verschwindet dafür ein Jahrzehnt hinter Gittern, und jede Geschäftsbank schöpft in einem fort Geld aus dem Nichts und niemand hält es für notwendig, sich darum auch nur zu kümmern, geschweige denn die Sache vor die Gerichte zu bringen?“ Haben die Geld-Esoteriker Recht, dann dürfte und sollte der Staat die kleinen Fälscherganoven getrost laufen lassen. Sie richten vergleichsweise unbedeutenden Schaden an. Die eigentlichen Verbrecher würden in den normalen Geschäftsbanken sitzen, die unkontrolliert und ungebremst Geld aus dem Nichts kreieren und die Geldmenge viel schlimmer als jede feindliche Macht inflationieren. Wäre auch nur etwas an diesen abstrusen Behauptungen wahr, dann müsste es uns schlicht unbegreiflich erscheinen, dass der Staat nichts gegen dieses Verbrechen tut, ja, dass bis heute in Deutschland nicht einmal Prozesse bekannt sind, in denen man Geschäftsbanken wegen ihres kriminellen Handelns verklagt und ihr Personal wie gemeine Verbrecher hinter Schloss und Regel bringt.

Bilanzverlängerung

Dennoch wird man einräumen können, dass eine Geschäftsbank zu einer derartigen Geldmanipulation theoretisch durchaus imstande ist: Die Deutung des zuvor besprochenen Bundesbankpassus räumt dies ja bereits ein. Man spricht dann von einer „Bilanzverlängerung“. Da wird einfach eine Zahl als Buchgeld hingeschrieben und die bestehende Geldmenge aufgebläht, sofern sie nicht durch Einzahlungen gedeckt ist. Nehmen wir an, sie sei nicht gedeckt. Die Geschäftsbank würde also wirklich nach Belieben Zahlen als Geld kreieren. Diese wären dann ganz und gar aus dem Nichts geschöpft ist, da ihr keine realen Werte entsprechen. Zweifellos kann eine Bank so handeln. Aber wird sie es auch tun? Die Antwort fällt eindeutig aus. Sie wird es ganz gewiss nicht tun, denn die Reaktion der Geschädigten ist von vornherein abzusehen und sie ist unausweichlich.

Die Reaktion auf kriminelle Geldfälschung durch eine Geschäftsbank

Sobald die anderen Banken von einem derartigen Vergehen erfahren, sind sie gezwungen, diese Bank ebenso anzuzeigen wie jeden anderen Fälscher, da sie sich ihnen gegenüber Vorteile verschafft, die sie ihrer eigenen Konkurrenzfähigkeit berauben. Welchen Sinn hat wirtschaftliches Verhalten seriöser Banken, wenn ihre Wettbewerber einfach ungedecktes Geld aus dem Nichts schöpfen können? Sie müssen einen kriminellen Konkurrenten anzeigen. Es geht um nicht weniger als um ihr eigenes Überleben. Von einem möglichen Abscheu gegenüber kriminellen Handlungen ist da noch gar nicht die Rede.

Könnte der Vorgang nicht völlig unbemerkt bleiben?

Nun könnte man allerdings den Einwand erheben, die anderen Banken würden ein solches Tun ja gar nicht bemerken. Keine Bank lasse sich von einer anderen in die Karten blicken. Das ist nicht richtig. Die Sache fliegt notwendig auf. Sofern die kriminelle Bank ihr aus dem Nichts geschöpftes Geld unmittelbar an einen Kreditnehmer weiterreicht, muss sie diesen auf jeden Fall mit Notenbankgeld auszahlen, denn Pseudogeld (eine bloße Zahl) wird in der Realwirtschaft nicht akzeptiert. In diesem Fall kann sie ihr selbst geschaffenes, aus bloßen Zahlen bestehendes Fälschungsgeld also ohnehin nicht verwenden.

Aber natürlich kann die Bank A ihre aus dem Nichts (aus der Bilanzverlängerung) willkürlich produzierten Zahlen als bloße Zahlen an einen Kreditnehmer weiterleiten, der sein Konto bei einer Bank B besitzt. Dann schiebt sie den schwarzen Peter eben zur Bank B hinüber, welche die betreffenden Zahlen als ungedecktes Geld in ihrer Bilanz vorfindet. Doch auch das schützt Bank A nicht vor Entdeckung. Genau um derartiges kriminelles Verhalten auszuschließen, werden die gegenseitigen Abrechnungen zwischen Banken am Ende des Tages in fälschungssicherem Notenbankgeld auf ihrem Zentralbankkonto abgewickelt. Bank B wird von Bank A am Ende des Tages eine Überweisung in fälschungssicherem Notenbankgeld verlangen, die genau der Höhe der vorher auf ihrer Bilanz eingetroffenen Zahlen entspricht. Wenn Bank A nicht in Notenbankgeld zahlen kann, fliegt der Schwindel spätestens in diesem Augenblick auf.

Das Kartell

Allerdings könnten mehrere oder auch alle Geschäftsbanken zusammen ein Kartell ins Leben rufen, so dass keiner die Konkurrenzfähigkeit des anderen herabsetzt, weil alle in gleichem Maße Pseudogeld schaffen. Dieser Fall ist theoretisch denkbar. Er würde sich aber nur in kriminellem Einverständnis mit der Bundesbank durchführen lassen. Darüber habe ich an anderer Stelle gesprochen.*9* Auf jeden Fall würde das von allen gemeinsam geschöpfte Pseudogeld die Geldmenge im Verhältnis zu den umlaufenden Gütern gewaltig aufblähen. Die dadurch bewirkte Inflation müsste dann eine empirisch nachweisbare Tatsache sein. Die tatsächliche Geldentwertung hat in der Bundesrepublik aber während der ersten fünfzig Jahre ihres Bestehens selten mehr als 2 bis 3 Prozent pro Jahr betragen, und dieses Ausmaß vermag die Notenbank restlos mit der jährlichen Ausgabe zusätzlichen Notenbankgelds zu erklären. Wenn Geschäftsbanken, wie von manchen Geld-Esoterikern behauptet, an die 95% des umlaufenden Geldes aus dem Nichts schöpfen würden, wäre längst eine Superinflation eingetreten. Doch davon hat bis heute niemand etwas bemerkt.

Banken sind zusammengebrochen und mussten gerettet werden

Das ist noch nicht alles. So wie der Fälscher sich selbst reich und alle übrigen ärmer macht, würden auch kommerzielle Banken, die scheinbar in hartem Wettbewerb miteinander stehen, in Wahrheit in einem kriminellen Kartell konspirieren, um sich selbst immer reicher und alle Bürger zunehmend ärmer zu machen. Das mag auf Investmentbanken zutreffen, aber es gilt ganz gewiss nicht für die traditionelle Geschäftsbank. Im Gegenteil, gerade weil sie zur Geldschöpfung aus dem Nichts eben nicht fähig sind, mussten viele von ihnen vor dem drohenden Kollaps mit dem Geld der Steuerzahler gerettet werden.

Zieht den Geldschleier weg und blickt auf die Wirklichkeit!

dann wird auf Anhieb klar, dass die Ersparnisse der Bürger heute noch wie zur Zeit der Ägypter eingefrorene Realüberschüsse sind, jenes mehr an Leistung, das sie nicht selbst verbrauchen, sondern anderen zur Verfügung stellen, die damit aufgrund innovativer Ideen den materiellen Wohlstand vermehren. So war es vor dreitausend Jahren, und so ist es noch heute. Gewiss, Geld schafft neue Möglichkeiten des Betrugs – und gewisse Bankensektoren wie Investmentbanken, Hedgefonds und einige andere mehr nehmen diese Möglichkeiten auch ausgiebig wahr. Aber die brave Geschäftsbank ist in ihrer Hauptfunktion (die anderen habe ich hier übergangen) nichts als eine vermittelnde Agentur, welche Überschüsse – nur eben in real gedecktem Geld – von Sparern entgegennimmt und sie an Kreditnehmer weitergibt. Mag das nun bilanztechnisch unmöglich sein – so wie es auch unmöglich sein soll, dass Achilles die Schildkröte jemals einholen wird -, das braucht uns nicht zu kümmern, weil die Wirklichkeit zählt und nicht die abstrusen Vorstellungen eines Herrn Hörmann und seiner nicht minder verwirrten Jünger.

1 Das Ende des Geldes. Wien 2011. Und dazu meine Kritik „Das Ende des Geldes?“ (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Ende_des_Geldes.html)

2 Vgl. „III Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher“.

3 Hörmann und Pregetter, Das Ende des Geldes. S. 147ff.

4 Das Konzept des Realüberschusses als unabdingbare Grundlage des Sparens und des für Eigentumsgesellschaften charakteristischen Wachstums ist ein Schlüsselbegriff in meinem Buch „Wohlstand und Armut“.

5 Vgl. Wikipedia „Giralgeldschöpfung“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Giralgeldschöpfung). Die dort beschriebene passive Giralgeldschöpfung besteht lediglich in einer Umschichtung, schafft also kein Geld aus dem Nichts.

6 Vgl. Jenner, „Der Mythos der Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken“ in: EuroKalypse Now? Es gibt einen Weg aus der Krise. Marburg 2012. Oder auf Englisch: „The Money Multiplier – a dead end of economic theory“ (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Money_Multiplier.htm).

7 Vgl. „III Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher“.

8 Inzwischen – aber das ist eine von der EZB aufgrund der Krise eingeführte Neuerung – kann der Bankbeamte auch ohne jede Rücksicht auf Einlagen Kredite vergeben. Die Bank leiht sich dann echtes Geld von der Notenbank zu einem Zinssatz nahe bei Null. Wenn dieses Geld von der EZB – wie gegenwärtig der Fall – auch dann in die Wirtschaft gepumpt wird, wenn diese keinesfalls wächst, dann inflationiert die Notenbank die Geldmenge wie ein Fälscher und enteignet die Bürger. Die eigentliche Schuld liegt hier nicht bei der Geschäftsbank, die zu diesem Tun von der EZB ermuntert wird, sondern bei der letzteren selbst.

9 Vgl. „III Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher“.

12.10.2010

IV. Definition und Funktionenbeschreibung des Geldes

Wer über Geld schreibt, darf mit einem Massenpublikum rechnen, sofern er beschreibt oder verspricht, wie man es legal oder illegal, offen oder versteckt, mit Tricks oder Beharrlichkeit erwirbt. Wer über Geld schreibt, weil er nur verstehen möchte, wie es sich mit dieser vielleicht seltsamsten aller menschlichen Einrichtungen verhält, der spricht nur Idealisten an, die bekanntlich um vieles dünner gesät sind. Er gleicht einem Astronomen, der sich für den fernen Sternenhimmel begeistert. Deswegen hat Geld als Erkenntnisproblem auch nur Philosophen und Wissenschaftler wirklich beschäftigt. Wie auch sonst sind diese sich aber auch im Hinblick auf das Geld wenig einig. Sie haben sich sehr unterschiedlich zu dem Thema geäußert.

Die Münze [das Geld] ist ein Symbol des Tausches (Platon, um 380 v. Chr.).

Man kam überein, beim gegenseitigen Austausch nichts anderes zu geben und zu nehmen, als was selbst etwas Wertvolles, den Vorteil handlichen Gebrauchs hätte … wie Eisen und Silber oder etwas anderes Derartiges.

Nichtig scheint das Geld zu sein und ganz und gar durch Gesetz, aber nichts von Natur, so dass es außer Umlauf gesetzt keinerlei Wert hat und unbrauchbar ist zu irgendetwas Notwendigem (Aristoteles, 384 – 322 v. Chr.).

Geld hat die Aufgabe, den Tausch zu erleichtern (Thomas von Aquin, um 1250.)

Das Geld ist seinem Wesen nach nicht ein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum Ganzen zufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander; sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben dieser andern Objekte zueinander auszudrücken (Georg Simmel, 1900).

… in diesem Zusammenhang hilft uns die alte Unterscheidung zwischen der Verwendung von Geld als Tauschmittel und als Mittel der Wertaufbewahrung (Keynes, 1936).

Geld erleichtert den Handel, das ist der Grund für seine Universalität als soziale Institution (James Tobin, 1992).

Die meisten Definitionen des Geldes von Platon über Thomas von Aquin bis zu Keynes und James Tobin stimmen darin überein, die wesentliche Funktion des Geldes in der Erleichterung des Gütertausches zu sehen – eine, wie wir heute wissen, historisch unrichtige Auffassung.*1* Einige Denker, unter ihnen schon Aristoteles, haben zudem darauf hingewiesen, dass Geld, um diese Funktion zu erfüllen, nicht notwendig selbst einen Wert haben müsse. Es könne auch als bloße Zahl auf irgendeinem materiellen Substrat in Erscheinung treten. Von wenigen anderen wurde auch in der Vergangenheit schon bemerkt, dass Geld nicht nur ein a) ein Tauschmittel sei, sondern b) auch der Wertaufbewahrung und c) als vergleichender Wertmaßstab diene. Ich möchte hier von den drei Gebrauchsfunktionen des Geldes reden, die in einer modernen Gesellschaft immer präsent sind.

Diese Definitionen sind ungenügend

Sie sind es, weil gerade das wichtigste Merkmal des Geldes dabei unterschlagen wird. Das möchte ich an folgendem Beispiel illustrieren, bei dem alle drei Funktionen selbstverständlich vorhanden sind. Der Besitzer einer teuren Villa möchte diese verkaufen, aber so dass es ihm möglich ist, sich dafür fünf bis zehn Jahren später ein gleichwertiges Gebäude an einem entfernten Ort zu beschaffen. Dazu benötigt er ein Zahlungsmittel, das den Preis (nicht unbedingt den Wert) dieser Villa repräsentiert. Ein solches Zahlungsmittel nennen wir Geld. In unserem Beispiel wie in jedem anderen Tausch liegt auch immer eine Wertaufbewahrung vor, dann gleichgültig, ob wir das Geld eine Sekunde später oder erst in zehn Jahren gegen Güter eintauschen, während dieser Zeit ist der Wert im Geld eingefroren. Und andererseits ist es immer ein bestimmter Wert, weil die Zahl auf dem Schein oder das Gewicht einer Goldmünze eine messende Funktion ausübt. Alle drei Gebrauchsfunktionen sind daher immer gleichzeitig anzutreffen.

Andererseits würden wir Geld nicht benutzen können, hätten die teure Villa und das sie repräsentierende Zahlungsmittel nicht gewisse Eigenschaften miteinander gemein (sonst würde das eine nicht für das andere eintreten können). Eine Villa entsteht durch menschliche Arbeit und die knappen Rohstoffe, die dabei benötigt werden. Bei gegebenem technologischen Niveau und konstanter Rohstoffversorgung ist der Arbeits- und Rohstoffverbrauch auch in noch in fünf bis zehn Jahren derselbe. Der Preis der Villa bleibt unter diesen Umständen gleich, weil man sie nicht aus dem Boden zaubern oder sie auf irgendeine andere Weise verfälschen kann. Aufgrund des Arbeits- und Rohstoffaufwandes stellt sie ein knappes Gut dar, und genau diese Eigenschaft muss sein Besitzer auch von dem Zahlungsmittel verlangen. Nur wenn die Summe aller umlaufenden Zahlungsmittel sich (in einer statischen, also volkswirtschaftlich weder wachsenden noch schrumpfenden) Gesellschaft so wenig ändert wie die Summe aller handelbaren Güter, ist diese Bedingung erfüllt.

Geld sollte leicht und beständig sein, die Hauptbedingung aber ist seine Knappheit

Dabei ist es prinzipiell völlig unerheblich, ob das den Preis der Güter repräsentierende Geld aus Muscheln, Ochsen, Perlschnüren, Gold- oder Silbermünzen, Papierscheinen oder auch nur aus den Bits und Bytes auf einer Festplatte besteht. Geld kann ebenso gut aus Gold wie aus Papier bestehen. Das wussten bereits die Chinesen und hatten deshalb das erste Papiergeld bereits im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung eingeführt. Entscheidend ist im einen wie im anderen Fall allein das konstante Verhältnis zwischen umlaufender Geld- und umlaufender Gütermenge. So wie niemand eine Villa aus dem Boden zu stampfen vermag, darf es andererseits auch niemandem erlaubt sein, Geld willkürlich zu vermehren. Zwar wird man vom Geld außerdem noch verlangen, dass es leichter und beständiger sei als die Güter, die es repräsentiert, doch wie das Beispiel von Rindern beweist, die jedenfalls auch einmal als Zahlungsmittel fungierten (lateinisch pecunia für Geld ist von pecus „Vieh“ abgeleitet!), darf man darin nicht die Hauptbedingung erblicken. Diese Hauptbedingung ist eine der Knappheit der Güter entsprechende Knappheit des Geldes.

Eben diese Hauptbedingung war jedoch noch nie in ausreichendem Maße erfüllt

Nehmen wir zum Beispiel das Gold. Es konnte im Wert plötzlich sinken, wenn neue Minen (z.B. in Mittel- und Südamerika) entdeckt oder Münzen in verminderter Reinheit auf den Markt gebracht wurden. Verdoppelte sich dabei seine umlaufende Menge oder halbierte sich der Wert derselben Menge aufgrund geringerer Reinheit, dann war das einzelne Goldstück, das der Besitzer der Villa für deren Verkauf erhalten hatte, im ersten Fall nur noch die Hälfte wert, da sein Verhältnis zur Gesamtheit der marktgängigen Güter von eins zu eins auf zwei zu eins gewachsen war. Im zweiten Fall verdoppelte sich dagegen der Wert seiner Münzen, weil das Gold in seinem Besitz ja noch die zweifache Reinheit aufwies. Der gleiche Effekt wird durch ein entsprechendes Wachstum oder Schrumpfen der Wirtschaft erreicht, wenn die Menge der marktfähigen Güter also um 100% zunimmt oder umgekehrt um die Hälfte zurückgeht, ohne dass die umlaufende Geldmenge sich ändert. Solche Schwankungen sind historisch die Regel, wenn sie auch selten in dem gerade beschriebenen Ausmaß auftraten.

Kein Geld ohne ausreichende Absicherung gegen Fälschung

Die Grundbedingung für Geld besagt demnach, dass seine Eigenschaft als knappes Gut garantiert sein muss, bevor es sich überhaupt für Tausch oder Wertaufbewahrung einsetzen lässt. Die drei Gebrauchsfunktionen des Geldes lassen die Bedingung außer Acht, die seine Existenz erst ermöglicht. Daher muss man sie noch um eine tiefer liegende Funktion erweitern, ich möchte sie die Existenzfunktion des Geldes nennen.*2* Dieses würde nicht existieren, Tausch, Wertaufbewahrung und Wertmessung wären nicht möglich, wenn das Verhältnis des umlaufenden Geldes zu den umlaufenden Gütern (und handelbaren Dienstleistungen) in jedem Moment beliebig modifiziert werden könnte.

Größtmögliche Sicherheit gegen Fälschung der umlaufenden Geldmenge ist daher nicht nur die entscheidende Anforderung an das Geld. Als Geld ins Auge gefasste Objekte werden überhaupt erst dadurch zu Zahlungsmitteln. In den gängigen Definitionen des Geldes berücksichtigt man dieses fundamentale Kriterium entweder überhaupt nicht oder in unzureichendem Maße. Und dennoch setzt man es immer und notwendig voraus. Es muss gewährleistet sein, dass das Mengenverhältnis von Gütern und Geld auf der Geldseite nicht willkürlich verfälscht werden kann.*3*

Das umlaufende Papier repräsentiert die umlaufenden Güter (die volkswirtschaftliche Leistung)

Für kein historisches Zahlungsmittel hat eine vollendete Fälschungssicherheit garantiert werden können. Aufgrund einer fortschrittlichen Technologie ist das Papiergeld dieser Forderung jedoch sehr viel näher als irgendeiner seiner Vorgänger gekommen (die Münzen lasse ich der Einfachheit halber aus dem Spiel). Wegen seines verschwindend geringen Gewichts und Volumens und der einfachen Unterscheidung verschiedener Wertstufen durch bloße Zahlen stellt es zweifellos ein ideales Medium dar. Seine eigene Wertlosigkeit spielt dabei keine Rolle. Es genügt, dass dieses an sich wertlose Geld etwas überaus Wertvolles repräsentiert, nämlich die volkswirtschaftliche Leistung. Es ist merkwürdig, dass man diese durchaus grundsätzliche Erkenntnis nicht einmal bei Bundesbankern voraussetzen darf.*4*

Doch wie auch immer. Auf die Konstanz des Verhältnisses zwischen umlaufendem Geld zu umlaufenden Gütern (einschließlich handelbaren Dienstleistungen) kommt es an – und genau darüber hat der Staat zu wachen; oder, besser noch, die Notenbank als demokratisch legitimierte unabhängige Institution. Bei wachsender Wirtschaft mit einem Zuwachs umlaufender Güter muss die Zentralbank die Geldmenge vergrößern, bei einer schrumpfenden aber ebenso reduzieren.

Aber haben wir sämtliche Probleme gelöst, wenn die Menge von fälschungssicherem Geld auf diese Weise strikt nach der volkswirtschaftlichen Leistung bemessen wird und seine Preisstabilität damit gewahrt bleibt?

Die Gefahr des Hortens

Leider ist das durchaus nicht der Fall. Denn die Geldmenge lässt sich auf zweierlei Art verfälschen. Entweder dadurch, dass sie durch Falschgeld aufgebläht wird oder dadurch, dass man der Wirtschaft Geld entzieht. Die zweite Alternative ist weit leichter als die erste zu verwirklichen. Selbst wenn zeitweise eine perfekte Übereinstimmung zwischen volkswirtschaftlicher Leistung und Geldmenge besteht, sind private Akteure jederzeit in der Lage, dieses Gleichgewicht außer Kraft zu setzen, und zwar auf sehr einfache Weise. Gleichgültig, ob jemand Gold oder Papiergeld besitzt, immer dann, wenn es ihm nicht lohnend erscheint, dieses Geld für den Konsum auszugeben oder an Dritte zu verleihen, kann er es einfach in einem privaten Tresor verschwinden lassen. Er verändert das Verhältnis von umlaufendem Geld zu umlaufenden Gütern durch künstliche Verknappung des Geldes. Dessen Menge kann auf solche Art in beträchtlichem Umfang schrumpfen – wie etwa in Japan während der beiden vergangenen Jahrzehnte. Der Mann, der seine Villa verkaufte, wird durch eine derartige „Deflation“ ohne eigene zusätzliche Leistung begünstigt, weil sein Geld auf einmal mehr wert ist. Verschuldete Unternehmen dagegen sehen sich schwer geschädigt. Ihre nominal gleichen Schulden müssen sie mit einer weit größeren Menge an realen Werten bezahlen. Bei einer derartigen Geldmengenschrumpfung (die außer durch Horten auch durch eine verminderte Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bewirkt werden kann) gerät die Wirtschaft insgesamt aus dem Gleichgewicht.

Die doppelte Art der Geldmengenfälschung

Die Sicherheit vor Geldmengenfälschung ist also auf doppelte Weise gefährdet, Einmal aufgrund einer offen verbrecherischen Praxis, wenn Betrüger Falschgeld in die Wirtschaft schleusen und die Geldmenge auf diese Weise erhöhen (was bekanntlich immer schon ein beliebtes Kriegsmittel gegenüber feindlichen Staaten war). Oder wenn die Notenbank Willkürgeld druckt, Geld, das nicht durch einen Zuwachs an volkswirtschaftlicher Leistung gedeckt ist, wie das die FED schon seit einem Jahrzehnt praktiziert und die Europäische Zentralbank ihr inzwischen beflissen nachmacht.

Die zweite Art von Geldmengenfälschung wird dagegen nicht als verbrecherisch eingestuft, obwohl sie durch ihre deflationäre Wirkung eher noch gefährlicher ist als die betrügerische Inflationierung des Geldes. Diese Fälschung besteht in der Verminderung der Geldmenge durch privates Horten, die immer dann einzutreten pflegt, wenn Zinsen und Inflation unter einen Mindestwert fallen.

Ein höchst bedenkliches Gegenmittel: künstliche Inflation und Zinsen

Moderne Notenbanken sind sich dieser beiden Gefahren durchaus bewusst. Gegen die erste Art der Geldmengenfälschung setzen sie die Justiz und den technischen Fortschritt ein. Ihr Erfolg ist dabei immerhin so bedeutend, dass die umlaufende Falschgeldmenge sich in engen und ungefährlichen Grenzen hält. Die inflationäre Erzeugung von Willkürgeld wird dagegen in gewissen Situationen – vor allem in Zeiten der Krise – von den Notenbanken selbst praktiziert und bis heute mit wenig überzeugenden Argumenten gerechtfertigt, obwohl es ihnen – zumindest in Europa – durch ihre eigenen Statuten streng untersagt ist, Willkürgeld zu erzeugen (also mehr Geld in die Wirtschaft zu schleusen als aufgrund einer Zunahme an volkswirtschaftlicher Leistung zur Sicherung der Preisstabilität erforderlich ist).

Gegen die zweite Art der Geldmenschfälschung einzuschreiten, die durchaus nicht ihren Absichten entspricht, fällt ihnen dagegen sehr schwer. Offensichtlich wäre es sinnlos, privates Geldhorten unter Strafe zu stellen. Wie soll die Polizeimacht ein solches Vergehen ahnden, wenn potentiell jeder Bürger als Täter in Frage kommt? Die Notenbank geht bei dieser zweiten Geldmengenfälschung daher grundsätzlich anders vor: Sie setzt ein Gegengift ein, indem sie gesteuerte Inflation als Peitsche und Zinsen als Karotten verwendet. Leider ist diese Therapie in ihrer Wirkung kaum weniger schädlich als das zu bekämpfende Übel.

Peitsche und Karotten

Inflation entwertet gehortetes Geld. Ich weiß, dass ich für denselben Betrag in einem Jahr weniger reale Güter erhalte als gegenwärtig. Also weiche ich der Peitsche aus und bemühe mich, mein Geld lieber heute als morgen auszugeben. Zinsen belohnen mich zusätzlich dafür, dass ich in diese Weise verfahre: Jeder Tag, den ich keine Zinsen bekomme, ist ein Verlust für mich. Also greife ich nach der Karotte, indem ich mein Geld möglichst schnell auf ein Sparkonto lege.

Wenn die Peitsche allerdings – wie in Deutschland nach dem Kriege die Regel – in einer Geldentwertung von an die zwei Prozent jährlich besteht, dann erhalten Zinsen nur dann einen Wert als lockende Karotten, wenn sie die Marke von zwei Prozent merklich überschreiten. Inflation erzwingt also noch höhere Zinsen. So begibt sich die Notenbank auf einen gefährlichen Pfad. Inflation zur Abwehr des Hortens ist staatlich betriebene Geldentwertung. Zinsen sind staatlich genehmigte Bereicherung ohne eigene Leistung. Die Fälschung der Geldmenge durch privates Horten hat somit Folgen, die verderblich für das ganze Geldsystem sind.

Geldmengenfälschung ist kein Verhängnis. Sie lässt sich erfolgreich bekämpfen!

Die Fälschung des Geldes durch das Einschleusen falscher Noten wurde mit großem, zumindest mit ausreichendem Erfolg bekämpft. Die gegen die Verfälschung der Geldmenge durch privates Horten eingesetzte Strategie konstanter Geldmengenaufblähung läuft hingegen darauf hinaus, dass man ein Übel durch ein anderes, nämlich das ihm entgegengesetzte bekämpft. Offenbar ist das keine sonderlich befriedigende Lösung. Es gibt aber eine überraschend einfache Strategie, mit der man diesen Fehler vermeidet!

Bargeldloser Zahlungsverkehr

Um diese Strategie anzuwenden, müssen wir zunächst einmal eine ohnehin das Geldsystem seit einiger Zeit wesentlich transformierende Tendenz bis zu ihrem logischen Abschluss zu Ende denken und dann auch konkret umsetzen. Immer mehr Geldtransaktionen werden schon heute bargeldlos ausgeführt. Es ist nur eine Frage der Zeit und des politischen Wollens, bis sämtliches Bargeld verschwindet und jeder Bürger ausschließlich bargeldlos auf elektronische Weise bezahlt. In diesem Fall ist die Geldmengenfälschung durch Horten auf einfache und elegante Art zu bekämpfen. Sämtliches Geld auf den Girokonten, das in einem bargeldlosen System ja die Gesamtmenge des umlaufenden Gelds repräsentiert, wird monatlich mit einer kleinen Gebühr, z.B. von zwei oder drei Prozent, belastet. Auf Sparguthaben entfallen dagegen keinerlei Gebühren. Daher liegt es in jedermanns elementarem Interesse, das eigene Geld entweder schnell auszugeben oder es auf ein Sparguthaben zu transferieren. Horten ist unter diesen Umständen keine Option, weil es einen Verlust bringt. Eine Lösung, die im Hinblick auf Bargeld nur unter großem administrativen Aufwand möglich ist und daher auch nie (außer in kleinen Gemeinden und Tauschringen) ernsthaft ins Auge gefasst worden ist, bereitet bei vollständig bargeldlosem Verkehr keinerlei Aufwand. Die Geldmengenverfälschung durch Bargeldentzug würde augenblicklich der Vergangenheit angehören.*5*

Zinsen können nicht länger der leistungslosen Bereicherung dienen

Ein positiver Nebeneffekt besteht darin, dass neben der Peitsche der Inflation, auch die Karotte der Zinsen nicht länger gebraucht wird. Zinsen, ein schon in der Antike verhasstes Instrument leistungsloser Bereicherung (auf Kosten anderer, die dafür sehr wohl ihre Leistung einsetzen), werden nicht länger benötigt, um Geld für Investitionen zu mobilisieren. So wie jeder mit dem Geld, das er heute für seine Villa erhält, in zehn Jahren die gleiche Villa erwerben kann, darf er auch sicher sein, dass die auf dem Sparkonto eingefrorene Leistung ihren (an realen Gütern bemessenen) Wert über die Jahre bewahrt.*6*

Vollgeld

Ich möchte ein System mit gesicherter Konstanz im Verhältnis zwischen umlaufender Geld- und umlaufender Gütermenge als „Vollgeldsystem“ bezeichnen, weil das Geld seinen vollen Wert bewahrt*7*. Ein solches System ist weder durch Inflationen noch durch deren Gegenteil, Deflationen, gefährdet. Das oben beschriebene System der doppelten Fälschungssicherheit repräsentiert ein solches Vollgeldsystem. Es blockiert die willkürliche Vermehrung der umlaufenden Geldmenge ebenso wie deren willkürliche Verminderung.

Allerdings entstehen bei ausschließlich bargeldlosem Zahlungsverkehr neue Gefahren. Die Geldmengenfälschung durch privates Horten kann jetzt zwar mühelos abgewehrt werden, wie aber verhält es sich mit der Geldmengenfälschung durch Einschleusen von Falschgeld, wenn wir das Bargeld völlig durch Buchgeld und die Bits und Bytes auf einer Festplatte ersetzen? Haben wir nicht die Sicherheit, die wir im ersten Fall hinzugewannen, jetzt mit einer weit größeren Unsicherheit im zweiten Fall bezahlt?

Gold wird zum Symbol der Krise

Hier liegt das Hauptproblem unseres modernen Geldsystems. Ein Goldstück hat einen Eigenwert, der durch die Entdeckung neuer Goldvorhaben oder durch Herabsetzung des Reinheitsgrades zwar modifiziert werden kann, aber immer bleibt ein bedeutender Rest an bloßem Materialwert erhalten, im günstigsten Fall sogar der volle Nominalwert. Das Geld ist in diesem Fall doppelt besichert, erstens durch den eigenen Materialwert, zweitens durch die volkswirtschaftliche Leistung. Solange ungebrochenes Vertrauen in die volkswirtschaftliche Leistung besteht, kann man auf die doppelte Besicherung und damit auf den Eigenwert des Geldes verzichten. In Krisenzeiten aber ist genau das nicht länger der Fall: Die volkswirtschaftliche Leistung, die vorher als Gegenwert völlig genügte, erscheint plötzlich zweifelhaft. Nicht der mangelnde Eigenwert des bedruckten, aber so gut wie fälschungssicheren Papiers, sondern die Krise bewirkt die Rückkehr zu dem archaischen Zahlungsmittel, also zu Geld, das durch eigenen Wert gedeckt ist. In Zeiten einer normalen oder gar aufstrebenden Wirtschaft hat niemand an einer Papierwährung etwas auszusetzen.

Wie schützen wir den bargeldlosen Verkehr vor Fälschungen?

Wenn wir daher von Zeiten der Krise absehen, erfüllt fälschungssicheres Papiergeld seinen Zweck auf vollkommene Weise. Dagegen hat das Buchgeld von Anfang an Misstrauen hervorgerufen. Die Eintragung in einer Bankbilanz lässt sich vergleichsweise mühelos fälschen. Ich brauche nur eine andere Ziffer einzusetzen. Hebe ich zum Beispiel mit meiner Kreditkarte Geld vom eigenen Konto ab, dann könnte ein entsprechend konstruiertes Programm den Eintrag auf meinem Bankkonto automatisch zugunsten eines Betrügers modifizieren. Bei den Zinsen ist das jedenfalls ziemlich leicht möglich und wurde auch bereits praktiziert. Selbst wenn die Notenbank bei ihrer Versorgung der Wirtschaft mit physisch ausgegebenen Notenbankscheinen strikt darauf achtet, dass zwischen Geld und Gütern ein konstantes Verhältnis herrscht, könnten Banken als vermittelnde Instanz zwischen Wirtschaft und Notenbank immer noch eine Fülle krimineller Aktionen ausführen, da sie einen Großteil ihrer Geschäfte eben nicht mit den vergleichsweise fälschungssicheren Scheinen, sondern mit bloßen Ziffern in Bilanzheften oder auf Festplatten tätigen. Kein Wunder, dass Banken genau aus diesem Grund ein beliebtes Objekt für allerlei Verschwörungstheorien abgeben.*8*

Bietet ein Doppelsystem die Lösung?

Dem Fälschungsverdacht können und werden Banken niemals entgehen – schon deshalb nicht, weil entwickelte Volkswirtschaften ohne bargeldlosen Verkehr nicht länger zu existieren vermögen. Es macht grundsätzlich ja kaum einen Unterschied, ob der Zahlungsverkehr, wie in Deutschland im Jahre 2010, wertmäßig zu 42% elektronisch, d.h. bargeldlos, erfolgt, oder ob man ihn zur Gänze auf bargeldlosen Verkehr umstellt. Umso mehr ist es daher von grundlegender Bedeutung, das Problem der Fälschung richtig einzuschätzen.

Denn es kann ja keine Lösung sein, den Banken ein Doppelsystem aufzuzwingen, wo sämtliche Transaktionen in fälschungsgefährdetem Zifferngeld parallel in fälschungssicherem Notengeld ausgeführt werden – ähnlich wie im früheren Goldstandardsystem eine solche Parallelbewegung in diesem Edelmetall erfolgte. Eines haben die vergangenen Jahren doch deutlich genug bewiesen: Keines der heute zu beobachtenden Krisenphänomene hätte man dadurch verhindern können: weder die gigantische Aufblähung von Guthaben und Schulden im öffentlichen und privaten Sektor noch ihre nicht minder große Aufblähung im Interbankenverkehr oder die Nutzung eines zu großen Teils der Giraleinlagen für die Kreditvergabe. Auch ein strikter Parallelismus in den Transaktionen von Buch- und Bargeld hätte nichts an diesen Zuständen geändert. Eine wirkliche Reform muss auf andere Weise erfolgen, nämlich durch eine Aufsicht, welche derartige Fehlentwicklungen schon in ihren Anfängen abblockt.

Eine bedeutende Hilfe: die institutionelle Trennung der Bankenfunktionen

Entscheidend erleichtern würde man eine solche Aufsicht durch die institutionelle Trennung verschiedener Bankenfunktionen. Die Abspaltung des Investmentgeschäfts aus dem normalen Bankbetrieb sollte eine Selbstverständlichkeit sein, die Aufspaltung der Banken in Wertpapier-, Spar- und Giralbanken wäre eine sehr bedeutende Hilfe. Hier sollte uns die Technik als Beispiel dienen. Die ständig wachsende Komplexität großer Einheiten in der Elektronik oder in Kommunikationssystemen bewältigt man allein durch Aufspaltung in Module. Fehlerquellen sind dann sehr viel leichter und schneller zu lokalisieren. Genauso muss man in einem Geldsystem vorgehen, das sich aufgrund wachsender Komplexität der Beherrschbarkeit zu entziehen droht. Will man es gegen Fälschung absichern, sollte es in der vorgeschlagenen Art in Module aufgeteilt werden.

Denn unter dieser Voraussetzung lassen sich Fortschritte erzielen, die früher undenkbar waren. Sobald Geldmengenfälschung praktisch unmöglich wird, bietet eine völlige Umstellung auf bargeldlosen Verkehr die Aussicht auf eine fundamentale Reform des Geldsystems, die den beiden Übeln von Inflation und Zinsen gleichermaßen ein Ende setzt und darüber hinaus noch weitere Vorteile bietet, die ich an anderer Stelle beschrieben habe.*9* Man würde von einer Revolution im Geldbereich sprechen dürfen.

Von materiellem Geld zur immateriellen Dimension der Bits und Bytes

Ja, wenn die Gefahr der Fälschung gebannt ist, wenn man also diese notwendige Grundbedingung für ein funktionierendes Geldsystem dadurch garantiert, dass man die übermäßige Komplexität des Bankensystems durch Zerlegung in leicht zu kontrollierende Module beherrscht, dann kommt sogar noch ein weiterer Schritt in Betracht, den zu erwägen aber nur Sache der Nachdenklichen ist – die anderen werden ihn mit leichter Hand als absurd beiseite schieben. Denn es muss ja auffallen, dass bei den genannten vier Funktionen, den drei Gebrauchs- und der ihnen zugrunde liegenden Existenzfunktion des Geldes, keine Rede von seiner materiellen Natur war oder ob dieses sich überhaupt in physisch greifbarer Gestalt manifestiert. Und dafür gibt es auch einen triftigen Grund: Eine solche Bedingung ist bei entsprechender Aufsicht schlechthin überflüssig. Nicht nur die Wirtschaft könnte ganz ohne Bargeld auskommen – sie ist heute ja schon sehr weit auf diesem Wege vorangeschritten -, dieses Bargeld braucht auch bei Notenbank und Geschäftsbanken keineswegs durch ein paralleles System von Notenbankscheinen abgesichert zu sein, so wie es das derzeitige System bezweckt und weitgehend realisiert.*10*

Unser Villenbesitzer würde wie alle übrigen Wirtschaftsteilnehmer nichts weiter als eine Zahl auf seinen elektronischen Chip bekommen. Man sollte sie als immaterielle Messlatte betrachten, die an die Dinge angelegt wird und sie miteinander vergleichbar macht. Sofern nur durch entsprechende Kontrollen dafür gesorgt ist, dass die Gesamtsumme aller umlaufenden Zahlen (also alles umlaufenden Geldes) in einem konstanten Verhältnis zu den umlaufenden Gütern steht, ist die materielle Verkörperung von Geld letztlich entbehrlich. Das Geld legt sein innerstes Wesen frei: Es wird zur reinen Zahl.*11*

1 Wie Heinsohn und Steiger in „Eigentum, Zins und Geld“ und in jüngster Zeit David Graeber in seinem Buch „Debt“ gezeigt haben.

2 Die psychologische Grundlage des Vertrauens lasse ich ganz beiseite, obwohl alles Geld ohne Eigenwert (z.B. Papiergeld) dieses notwendig voraussetzt. Vertrauen ist aber in einem funktionierenden Geldsystem kein Thema. Man redet darüber erst, wenn es erschüttert wird, nämlich durch willkürliche Verfälschung des Verhältnisse von umlaufendem Geld zu umlaufender Gütermenge, also wenn Preisstabilität zerstört wird. Auch von der ursprünglichen Schuld oder „Urschuld“, wie manche Autoren sie konstitutiv für die Entstehung des Geldes halten, ist hier absichtlich keine Rede. Der sogenannte „Leitzins“, den die Notenbank auf von ihr abgegebenes Geld erhebt, ist in Wahrheit eine bloße Steuerungsgebühr (vgl. hierzu „Wohlstand und Armut“, S. 114ff).

3 Hierzu mehr in: Jenner, „Wohlstand und Armut“.

4 Jens Weidmann führt einen großartigen Kampf gegen die Politik der Geldinflationierung, wie sie die EZB gegen ihre Statuten betreibt. Aber wie kann er nur die völlig unsinnige Behauptung aufstellen „Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt“? (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/schuldenkrise-weidmann-notenbanker-muessen-sich-oeffentlich-rechtfertigen-11894706.html). Als Bundesbanker weiß er doch und kämpft doch gerade dafür, dass die Notenbank Geld nur gegen wertbeständige, also erstklassige Sicherheiten abgibt! Genau darin besteht dessen volkswirtschaftliche Deckung.

5 Die Bargeldzahlung muss dann allerdings auch vollständig von elektronischer Zahlung abgelöst werden, weil andernfalls die Umgehung der Umlaufgebühr möglich wäre. In Italien werden Steuern in großem Umfang durch nicht erfasste und nicht erfassbare Bargeldzahlungen umgangen. Der Übergang zu einem elektronischen Geldsystem reformiert nicht nur dieses, sondern zugleich auch das Steuerwesen (vgl. „Neuer Fiskalismus“ (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Neuer_Fiskalismus.html).

6 Die von einem Jahrhundert von Silvio Gesell vorgeschlagene Belastung des Geldes mit einer Umlaufgebühr halte ich nur unter der Bedingung eines vollständigen Übergangs zum bargeldlosen Zahlungsverkehr für sinnvoll, weil sie in diesem Fall auch mühelos durchführbar ist. Die leistungslose Zinsbereicherung in der Bankenwirtschaft gehört dann der Vergangenheit an – ein gewaltiger Fortschritt, der allerdings auf die Börsenwirtschaft keine Auswirkung hat. Anders als die Gesellianer glauben, wird die Konzentration des Vermögens in wenigen Händen dadurch nicht aufgehoben, sondern nur von der Banken- in die Börsenwirtschaft verschoben. Hierzu vgl. die entsprechenden Ausführungen in „Wohlstand und Armut“.

7 Vollgeld in dieser Definition darf nicht mit dem 100%-Money von Fischer und dem Vollgeld von Joseph Huber verwechselt werden.

8 Hierzu: „III Geldschöpfung aus dem Nichts gemäß Irving Fisher“.

9 Diese Vorteile betreffen vor allem die Besteuerung (siehe „Neuer Fiskalismus“, http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Neuer_Fiskalismus.html). Heute besteht ein scharfer Gegensatz zwischen der vollständigen Transparenz der abhängig erarbeiteten Einkommen, die dem Finanzamt auf Heller und Pfennig bekannt sind, also den Einkommensverhältnissen von 90% der Bevölkerung, und den Einkommen der oberen 10%, die auf vielerlei Art verschleiert werden. Ein bargeldloser Zahlungsverkehr hält sämtliche Transaktionen fest und macht auch die Vermögens- und Einkommensverhältnisse der oberen 10% durchsichtig. So sehr ich sonst für ein Höchstmaß an Freiheit bin, in diesem Fall plädiere ich für Gleichheit vor dem Gesetz, weil es um materielle Bereicherung auf Kosten anderer geht, Freiheit ist nur etwas wert, solange sie nicht zu Lasten Dritter geht.

10 In „Wohlstand und Armut“ habe ich folgende Gelddefinition vorgeschlagen. „Geld ist, was etwas anderes als sich selbst, nämlich knappe Güter, repräsentiert und dabei deren Kreislauf und Wertaufbewahrung (einschließlich Spekulation) ermöglicht und sie als gemeinsamer Maßstab miteinander vergleichbar macht. Wenn Geld keinen Eigenwert besitzt, ist es entweder fälschungssicheres Notenbankgeld oder dient als dessen Ersatz (Buch-, Giral- oder eGeld).“ Ich würde jetzt den Zusatz streichen, dass Buchgeld nur als Ersatz für Notenbankgeld fungieren kann.

11 Nur im Verkehr mit dem Ausland wäre physisches Geld (Bargeld) weiterhin unerlässlich. Überhaupt gelten alle in diesem Artikel angestellten Überlegungen natürlich nur innerhalb eines geschlossenen Währungssystems.

29.9.2012

V. Zinsen

Reflexionen über das Geld rücken entweder zu Bestsellern auf oder sie sprechen nur einen kleinen Kreis von Menschen mit idealistischen bis hin zu esoterischen Neigungen an. Titel von der Art „Wie werde ich Millionär“ oder „Der Weg zur finanziellen Freiheit“ fallen in die erste Kategorie. Sie zählen auf die Raff- und Geldgier großer und kleiner Leute. Vor allem auf die Leichtgläubigkeit bei den letzteren wird hier spekuliert. Denn wer Gier mit Intelligenz verbindet, lässt sich gleich von Hedgefonds anstellen oder wird Analyst in einer großen Investmentbank. Dort findet sich eine geistig erlesene, aber moralisch skrupellose Elite von Mathematikern und Logikern zusammen, die ihr zerebrales Können in den Dienst der sozialen Zerstörung stellen. Diese Leute kommen ohne die populären Ratgeber aus, womit geschickte Verführer die Gier kleiner Leute anstacheln. Sie selbst sind die eigentlichen Profis: die Hohenpriester der Gier.

Ihnen steht eine Handvoll Idealisten gegenüber, die letzten Schüler Humboldts und seiner Forderung, allein der Suche nach Wahrheit zu folgen. Während Banker und Analysten mit Geld gleichsam verheiratet sind, leben die meisten Geld- und Zinstheoretiker in priesterlicher Enthaltsamkeit, man kann auch sagen im Zölibat. Es genügt ihnen, wenn sie dem verhassten Dämon in die Seele blicken – und dort stoßen sie dann ganz von selbst auf das Zinssystem.

Die Kritik an den Zinsen

Schon das Alte Testament weiß um die Gefahr der Zinsen. Es verbietet diese daher gegenüber den Volksgenossen, lässt sie dagegen im Umgang mit Ausländern zu (5. Mose 23, 20). Auch Aristoteles kann am Zinsnehmen nichts Gutes finden. „Der Zins aber ist Geld von Geld, so dass von allen Erwerbszweigen dieser der naturwidrigste ist“. Die Kirche hat die Zinsnahme bis ins 13. Jahrhundert mit aller Entschiedenheit als amoralisch verdammt. Doch schon Thomas von Aquin lässt Ausnahmen zu, und von da an wird der Protest vonseiten der Kirche allmählich schwächer, bis er im 19. Jahrhundert kaum mehr zu hören ist. Dennoch entsprach und entspricht es bis heute dem vorherrschenden Gerechtigkeitssinn, nur die Belohnung für eigene Arbeit wirklich für legitim zu halten. Zinsen haftet der Ruch des Amoralischen an. Nicht erst in unserer Zeit sind leistungsloser Profit und Zinssystem zu Synonymen geworden.

Zinsen und sozialer Zusammenbruch

Was ist das Ethos eigener Arbeit und Kreativität überhaupt wert, wenn man mit der nötigen Skrupellosigkeit auch ohne Arbeit und Kreativität viel schneller und bequemer zum Ziel gelangt? fragen die Gegner des Zinssystems. Aber sie deckten nicht nur dessen moralisch korrumpierende Wirkung auf den einzelnen Menschen auf. Sie konnten auch zeigen, dass es immer nur eine Frage der Zeit ist, bis das Zinssystem eine ganze Gesellschaft aus dem Gleichgewicht bringt. Das dazu in den einschlägigen Schriften immer wieder anzutreffende Standardbeispiel betrifft einen Sparer, der in der Ära des Kaisers Augustus eine bescheidene Summe von einigen Unzen Gold mit zwei Prozent Zinsen angelegt hatte und dessen Erben diese Einlage dann in unserer Zeit abheben würden, nachdem sie in den dazwischen liegenden zweitausend Jahren um Zinsen und Zinseszinsen gewachsen ist. Es stellt sich heraus, dass keine Bank groß genug wäre, den angesammelten Reichtum zu fassen. Der Erbe könnte nicht allein ein Anrecht auf unsere ganze Erdkugel aus Gold geltend machen, sondern als Draufgabe bekäme er gleich noch ein Dutzend weitere Goldplaneten hinzu. Das ist die erstaunliche aber mathematisch bis auf Stellen hinter dem Komma exakt kalkulierbare Wirkung einer durch Zins- und Zinseszins bewirkten exponentiellen Progression. Die Kritiker des Zinssystems sind daher im Recht, wenn sie dessen zerstörerische Kraft auch im Hinblick auf die Gesellschaft betonen. Da Einlagen nur bis zu der Größe wachsen können, wo sie noch bedient werden können, läuft eine exponentielle Progression zwangsläufig darauf hinaus, dass Schulden und Guthaben regelmäßig vernichtet werden – überwiegend in einem Prozess sozialer Erschütterungen und Revolutionen.

Was tun gegen das Übel der Zinsen?

Bis knapp vor unserer Zeit wurde dagegen keine wirksame Therapie gefunden. Wie sollte man Menschen mit Geld aber ohne Ideen dazu motivieren, anderen Menschen mit Ideen jedoch ohne Geld ihre Mittel für begrenzte Zeit zu überlassen, wenn man ihnen dafür keine Belohnung in Form von Zinsen anbietet? Andererseits hätte es ohne die Bereitschaft zum Geldverleih weder in Griechenland noch im aufstrebenden Mittelalter des 11. und der nachfolgenden Jahrhunderte Handelsunternehmungen, Manufakturen und Städtebau gegeben. Der Geldverleih spielte stets eine ausschlaggebende Rolle. Die logische Folge ließ denn auch nicht auf sich warten: In den reichen Städten der Renaissance, vor allem in Florenz, kam es zu einer Institutionalisierung des Bankensystems. Trotz aller Zweifel und aller Proteste am Zinssystem wurde dieses durch offenkundige wirtschaftliche Erfordernisse erzwungen. Dabei sollte es bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts bleiben.

Eine theoretische Wende

Die Wende spielte sich auf theoretischer Ebene ab. Silvio Gesell, ein erfolgreicher deutsch-argentinischer Kaufmann, trat mit einer bahnbrechenden Idee vor die Öffentlichkeit. Konnte man nicht den Geldverleih, statt ihn durch Belohnung anzureizen, genauso wirksam durch die Androhung von Strafen am Leben erhalten? Durch Zinsen lockt man Geld unter der Matratze oder aus einem privaten Tresor hervor, aber angenommen es würde dort seinen Wert verlieren, dann konnte man damit rechnen, dass niemand es weiterhin auf solche Art aus dem Verkehr ziehen würde. Gesell schlug also vor, eine Gebühr zur Umlaufsicherung – einen Negativzins in moderner Ausdrucksweise – auf Geld zu erheben, damit es bei seiner Hortung entwertet wird. Dieses Vorgehen gleicht dem Verfahren, das der Staat ganz selbstverständlich gegenüber Parksündern praktiziert. Statt diese am Jahresende mit einer Geldsumme zu belohnen, wenn sie im Laufe der vergangenen zwölf Monate nicht falsch geparkt haben, brummt er ihnen Strafen für entsprechendes Fehlverhalten auf.

Gesells Vorschlag ist in einer auf Bargeld begründeten Wirtschaft schwer zu verwirklichen, weil der Staat Scheine und Münzen in unregelmäßigen Abständen aus dem Verkehr ziehen und dann mit einem Abschlag – den Negativzinsen – gegen neue austauschen müsste. In einer Gesellschaft, die ausschließlich Buchgeld verwendet, weil sämtliche Zahlungen über Kreditkarten erfolgen, würde dieses Verfahren hingegen so wenig Aufwand bedeuten wie gegenwärtig die Berechnung positiver Zinsen. Das wäre eine verblüffend einfache Lösung für ein Problem, das Tausende von Jahren als unüberwindbar galt. Dementsprechend hat sie vorübergehend, nämlich in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, auch großes Aufsehen erregt – so sehr, dass sie auch Keynes Interesse gewann. Dieser bemerkt in seiner General Theory, dass die Zukunft wahrscheinlich mehr von Gesell als von Marx lernen werde.

Zinsen sind nur ein Instrument der Bereicherung

In diesem Punkt sollte sich Keynes allerdings irren. Das Interesse an den Ideen von Gesell ist schnell abgeklungen, und zwar aus einem naheliegenden Grund: Geld ist nur eines von mehreren fundamentalen Instrumenten der Bereicherung. Das Beispiel von bescheidenen Einlagen, die aufgrund des Effektes der Zinseszinsen zu Goldklumpen so groß wie der Erdball werden, versetzt zwar immer noch viele Geister in Taumel, gewöhnlich wird dabei aber schlicht übersehen, dass es natürlich ganz genauso für die Bereicherung in der Realwirtschaft gilt. Wächst ein Betrieb längere Zeit zwei Prozent jährlich – viele Großunternehmen wie Microsoft oder Apple erzielen weit höhere Wachstumsraten –, dann kommt es hier ebenso zu einer lawinenartigen Vermehrung des Reichtums. Das war schon im Manchesterkapitalismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Fall. „It was not five per cent or ten percent but hundreds per cent and thousands per cent that made the fortune of Lancashire,“ zitiert der angesehene englische Historiker Eric Hobsbawm einen Politiker jener Zeit. 1789 konnte sich Robert Owen, ein zu der Zeit noch unbekannter Gehilfe eines Textilfabrikanten, in Manchester selbstständig machen, nachdem er sich 100 £ geliehen hatte. Aber 20 Jahre danach war er imstande, die Anteile seiner Mitgesellschafter von Lanark Mills mit 84 000 £ in bar abzulösen (wobei man bedenken sollte, dass gegen 1800 weniger als fünfzehn Prozent britischer Familien über ein Jahreseinkommen von mehr als 50 £ verfügten). Ähnlich exorbitanter Gewinne erfreut sich in der heute steil aufstrebenden chinesischen Volksrepublik eine neureiche Klasse von Unternehmern.

Exorbitante Bereicherung in der Realwirtschaft

Offensichtlich ist es ein Fehler, nach Beispielen für exponentielles Wachstum vorzugsweise in der Geldwirtschaft zu suchen. Wir finden sie genauso in der Realwirtschaft, und zwar als exponentielles Wachstum von leistungslosen Einkommen und Vermögen. Aktionäre werden für ihre Einlagen mit Dividenden nicht anders als Sparer mit Zinsen entgolten. Beide werden belohnt, ohne den eigenen Finger zu rühren. So wie Sparer sich am Zinses-Zins mästen, kann sich der Aktionär, wenn er die Dividenden gleich wieder anlegt, an Dividend-Dividenden unendlich bereichern! In Wohlstand und Armut erläutere ich dies am Beispiel der US-amerikanischen im Gegensatz zur deutschen Ökonomie. Die eine ist vorrangig Börsen-, die andere in erster Linie Bankenwirtschaft. In der einen stehen Dividenden, in der anderen Zinsen an erster Stelle. Bekanntlich ist die Konzentration der Vermögen in der amerikanischen Börsen- noch weit stärker vorangeschritten als in der deutschen Bankenwirtschaft. Diese Tatsache lässt keinen Zweifel daran, dass Dividenden mindestens ebenso stark zur Konzentration der Vermögen beitragen wie die Zinsen der Geldwirtschaft. Börsen- und Bankenwirtschaft erreichen dasselbe Ziel eines schrankenlosen Kapitalismus auf strikt parallelen Wegen. Was ja eigentlich auch ganz selbstverständlich ist. In der Börsenwirtschaft trägt jemand überflüssiges Geld (über die Börse) direkt zu einem Unternehmen und wird dadurch Aktionär. In der Bankwirtschaft erledigen das die Angestellten der Bank für ihn. In jedem Fall ist es die Realwirtschaft, die das Geld als Kredit bekommt und es zusammen mit Zinsen oder Dividenden anschließend erwirtschaften muss! Es sei am Rande bemerkt, dass Spekulationen in der Finanz- und Börsenwirtschaft, die seit den neunziger Jahren für die Akkumulation der Vermögen eine so unheilvolle Rolle spielen, mit dem eigentlichen Zinsproblem nichts zu schaffen haben.

Akkumulation der Vermögen schreitet in der Real- mindestens so stark wie in der Geldwirtschaft voran

Alles in allem wird man sagen dürfen, dass die Geldwirtschaft als Reichtumsmehrer weniger bedeutsam als die Real- und Finanzwirtschaft ist. Nicht nur in China, sondern auch bei uns entstehen die größten Vermögen immer noch vorwiegend aufgrund realwirtschaftlicher Unternehmungen. Geht man die Liste der hundert reichsten Deutschen durch, so verdanken die meisten ihren millionen- bis milliardenschweren Reichtum zur Hauptsache einer Tätigkeit in der Realwirtschaft. Marx war deshalb durchaus im Recht, als er im Kapital die Analyse der Realwirtschaft und nicht die der Geldvorgänge in den Vordergrund rückte. Dafür spricht allein schon das logische Verhältnis zwischen den beiden. Die Real- kann als Tauschwirtschaft zur Not ohne Geld auskommen, aber Geld nie ohne Warenwirtschaft!

Falsche Erwartungen

Spricht das nun gegen Gesell? Keinesfalls. Die Ersetzung des geltenden Zinssystems durch eine Geldordnung, die einen Negativzins auf gehortetes Geld erhebt, wäre ein bedeutsamer Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Wenigstens in der Bankenwirtschaft wäre der leistungslosen Bereicherung ein Riegel vorgeschoben. Eine Gesellschaft, die mit einem überaus kostspieligen Apparat von Justiz und Polizei das Eigentum ihrer Bürger vor Diebstahl und anderen Übergriffen schützt, muss das Eigentum nicht auch noch in jenen Fällen fördern, wo dafür keinerlei Leistung erbracht wird! Ein Negativzins schützt gespartes Eigentum, wenn es sinnvoll, nämlich für Investitionen, eingesetzt wird. Er bestraft hingegen sozial schädliches Verhalten, also dessen Verwahrung unter Matratzen und in Tresoren. Genau das ist die richtige Antwort im Sinne des Gemeinwohls und der sozialen Gerechtigkeit.

Die Reform des geltenden Zinssystems wäre zweifellos ein wichtiger Schritt in Richtung vermehrter sozialer Gerechtigkeit – vorausgesetzt, dass zur gleichen Zeit Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, denn andernfalls tragen die Sparer ihr Geld ins Ausland. Nur darf man sich von einer solchen Reform nicht zu viel erwarten. Real- und Finanzwirtschaft bleiben davon ganz unberührt. Von einem Ende der Akkumulation leistungsloser Einkommen in wenigen Händen kann deshalb auch keine Rede sein. Für Spekulation und Gier bliebe weiterhin ein kaum überschaubares Betätigungsfeld geöffnet. Insofern muss man die hohen Erwartungen mancher Geldreformer an einen derartigen Schritt als illusionär verwerfen.

Die absehbaren Folgen einer Reform des Geldsystems

Diese Erwartungen sind schon deshalb weit überzogen, weil die Einführung eines Negativzinses natürlich zur Folge hätte, dass überflüssiges Geldkapital dann nicht länger in die Banken, sondern in breitem Strom zu den Börsen und in den Finanzsektor fließt. Die deutsche Bankenwirtschaft würde über Nacht dem US-amerikanischen Modell einer Börsenwirtschaft weichen. Eine solche Entwicklung ist nicht unbedingt wünschenswert.

Zinsen und Dividenden führen keineswegs zwangsläufig zur Bereicherung der einen auf Kosten der anderen

Es kommt hinzu, dass die Wirkung von Zins und Zinseszins keineswegs zwangsläufig den exponentiellen Crash herbeiführt, obwohl das eine der Standardbehauptungen der Zinsgegner ist. Unter bestimmten Bedingungen kann das Banken- und Zinssystem sich nämlich als völlig harmlos erweisen. Auch darin gleicht es dem Börsen- und Dividendensystem. Man erinnere sich, dass der US-amerikanische Managementguru Peter Drucker dazu aufrief, die ganze Bevölkerung zu Aktionären zu machen. Angenommen, seine Forderung wäre verwirklicht worden und man hätte das Eigentum an den Firmen in der gesamten Bevölkerung Nordamerikas einigermaßen gleichmäßig verteilt, dann wäre leistungsloses Einkommen zwar keineswegs abgeschafft, sehr wohl aber die damit normalerweise verbundenen negativen Auswirkungen. Die Bürger hätten in diesem System mit der linken Hand an Dividenden eingenommen, was sie mit der rechten beim Kauf der Produkte wieder verlieren. Denn die Kosten für ihre Ausschüttungen haben die Firmen ja auf die Produkte aufgeschlagen. Für den Durchschnittsamerikaner wäre der Saldo daher gleich Null.

Nicht anders verhält es sich in der Bankenwirtschaft. Würde man die Ersparnisse der Deutschen gleichmäßig über die gesamte Bevölkerung streuen, dann wäre auch in ihrem Fall der Saldo gleich Null. Jeder nimmt mit seinem Sparbuch etwa dieselbe Summe ein, die er beim Kauf der Produkte verliert. Leistungsloses Einkommen wäre auch in diesem Fall ohne Bedeutung. In Japan, wo sich Einkommen und Vermögen bis in die neunziger Jahre gleichmäßiger verteilten als in irgendeiner anderen hochentwickelten Industrienation – die sozialistischen Staaten eingeschlossen -, hat das Zinssystem genau deshalb kaum negative Auswirkungen gehabt – trotz einer hochgradigen Staatsverschuldung. Es hätte sich nicht einmal gelohnt, das Geldsystem vom Positiv- zum Negativzins umzupolen. Eine solche Maßnahme würde sich für die meisten Japaner weder vor- noch nachteilig ausgewirkt haben.

Im Reichtumsgefälle liegt das eigentliche Problem

Das eigentliche Problem liegt daher weder im Zinssystem der Banken- noch im Dividendensystem der Börsenwirtschaft, es liegt in einem zu großen Gefälle bei Einkommen und Vermögen, denn erst mit diesem Gefälle wirken Zinsen und Dividenden als Katalysatoren, die eine Minderheit zu Gläubigern, eine Mehrheit zu Schuldnern machen und den Graben zwischen ihnen solange vertiefen, bis das System kollabiert. Genau an dieser Stelle müssen daher die entscheidenden Reformen ansetzen (abgesehen von der die Ungleichheit vorantreibenden Globalisierung und der Spekulationen in der Finanzwirtschaft, von der in diesem Zusammenhang keine Rede war).

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