Das Geld und das Nichts – Nun proben auch DER SPIEGEL und Norbert Häring den Aufstand gegen die Vernunft

(auch erschienen in: "Institut für Sozialstrategie" und fbkfinanzwirtschaft)

Einst brachte die Krise der zwanziger Jahre eine Unzahl rechter und linker Heilsbewegungen hervor, dazu Verschwörungstheorien der abenteuerlichsten Art bis hin zu jener menschenverachtenden, die sich in den ‚Weisen von Zion’ versteckte. An ihrem Höhepunkt, als sie Millionen von Deutschen in die Arbeitslosigkeit stürzte, gebar sie schließlich das Monster. Krisen sind Zeiten der gärenden geistigen Unruhe, die im besten Fall die richtigen Rezepte zu ihrer Überwindung, im schlechtesten demagogische Hetze und geistige Verwirrung erzeugen.

Gegenwärtig leben wir wieder in einer Krise, einer Zeit geistiger Unruhe und Gärung, wo kein Gedanke so abenteuerlich ist, dass er nicht eine Gemeinde von Gläubigen um sich schart. Dabei scheint die Anziehungskraft solcher Gedanken umso größer zu sein, je schwieriger sie zu verstehen und je weniger sie zu beweisen sind. Das gilt auch für jene Modebewegung, die sich neuerdings darauf versteift, in den Banken, genauer gesagt den gewöhnlichen Geschäftsbanken,*1* eine wesentliche Ursache für die soziale Misere zu sehen. In einem kürzlich erschienenen Artikel hat nun selbst ein führendes deutsches Nachrichtenmagazin sich zum Sprachrohr des Glaubens an die Geldschöpfung aus dem Nichts gemacht.*2*

Das ist eine kleine Revolution. Noch vor zwanzig Jahren wäre es so gut wie niemandem eingefallen, das gesamte System der Geschäftsbanken eines systematischen – wenn auch nicht als solchen erkannten – Verbrechens zu zeihen, denn genau das tut Prof. Bernd Senf, neben Joseph Huber der Chefideologe der Bewegung.*3* Die Geschäftsbanken zaubern Geld aus dem Nichts hervor, verdienen anschließend an den daraus fließenden Zinsen und dürfen bei Zahlungsausfall haftendes Eigentum einziehen, also im Gegenzug für das Nichts Existenzen vernichten und sich reale Güter aneignen. „In der bestehenden Rechtsordnung schützt das Gesetz auch in diesem Falle den Gläubiger und hilft ihm beim erbarmungslosen Eintreiben seiner Forderungen bzw. bei der Zwangsversteigerung des Eigentums des Schuldners.“*4* Sie würden dafür nur deshalb nicht zur Rechenschaft gezogen, weil kein bestehendes Gesetz ihnen diese Praxis verbiete.*5*

Es versteht sich, dass solches Handeln, wenn es denn tatsächlich von den Geschäftsbanken praktiziert werden sollte, auf der gleichen Ebene steht wie der gewöhnliche Diebstahl und gemeine Betrug, nur dass beide hier eine kollektive Bedeutung erhalten, weil sie das ‚Geldsystem’ insgesamt diskreditieren. Wenn die Banken unrechtmäßig Zinsen erheben und Eigentum einziehen, wird von ihnen keinerlei reale Leistung erbracht, sondern im Gegenteil reale Leistung einzelner Individuen wie ganzer Volkswirtschaften vernichtet.

Wie gesagt, hat vor zwanzig Jahren so gut wie niemand von einem solchen Verbrechen das Geringste geahnt, es herrschte die – inzwischen als naiv bespöttelte – Meinung, dass Geschäftsbanken eine Art von Agenturen seien, dazu bestimmt, das Geld von Sparern an Kreditnehmer zu vermitteln und dafür eine Provision zu beziehen, nicht anders als eine Immobilienagentur ja auch nichts weiter als eine Drehscheibe zwischen den Anbietern und den Nachfragenden von Wohnungsraum ist. Niemand würde auf die Idee verfallen, ihr überdies die Fähigkeit zuzuschreiben, solchen Wohnraum auch aus dem Nichts zu erschaffen. Seit der großen Spekulationswelle, die 2008 zerplatzte, hat die Öffentlichkeit allerdings davon Kenntnis erhalten, dass zumindest die größten kommerziellen Banken mit ihren Tätigkeiten weit über die Vermittlung zwischen Sparern und Kreditnehmern hinausgehen können (Investmentbanking, Derivate, Devisenspekulation usw.) und im Zuge solcher Ausweitung kriminelle Energien entfalten, die ganze Staaten ins Wanken bringen. Dennoch hat sich die Vorstellung bis heute erhalten, dass das klassische Geschäftsmodell einer honorigen Geschäftsbank in der Vermittlung zwischen Leuten besteht, die überflüssiges Geld aber keine Ideen besitzen, und solchen, die über viele Ideen aber kein Geld zu deren Verwirklichung verfügen – oder dass man jedenfalls zu einem solchen honorigen Modell zurückkehren müsse. In diesem klassischen Modell verstoßen Zinsen (auch wenn sie aus anderen Gründen ein Übel sind) ebenso wenig gegen geltendes Recht wie etwaige Enteignungen. Zinsen werden vom Kreditnehmer deswegen eingefordert, weil die Bank einerseits für ihren Service entlohnt werden muss und sie andererseits den verbleibenden Rest der Sollzinsen an die Sparer als Habenzinsen vergibt. Im Falle eines faulen Kredits ist die Bank überdies dazu berechtigt, das Eigentum des Schuldners einzuziehen, weil das Eigentum der Sparer ja durch einen ausfallenden Kredit real vernichtet wurde. Im klassischen Modell ging, so gesehen, alles mit rechten Dingen zu.

Über diese nach seiner Meinung vorgestrige Idee hat keiner so beißenden Spott ausgegossen wie der zeitweise von einem Entzug der Lehrbefugnis bedrohte Professor Franz Hörmann, der schlicht die Behauptung aufstellte, dass jede Geschäftsbank – auch ohne alle Einlagen von Sparern – einfach Zahlen auf einem Stück Papier kreiere, die sie dann als Kredit weiterreiche, ja dass diese Geldschöpfung aus dem Nichts überhaupt der Regelfall sei. In seinem Buch ‚Das Ende des Geldes’, dessen sensationsträchtige Weisheiten er erwiesenermaßen zu 90 Prozent von Ellen Brown und anderen ohne Quellenangaben abschrieb,*6* glaubt Hörmann die Geldschöpfung aus dem Nichts mit einem recht simplen Taschenspielertrick zu beweisen: Von der doppelten Buchführung (seinem ureigenen Fachgebiet) lasse sich nämlich keineswegs ableiten, dass als Kredit vergebenes Geld auf vorangegangenen Einzahlungen beruhe. Mit dieser Behauptung ist der plagiierende Zauberer zweifellos im Recht, aber nur aus dem Grund, weil die doppelte Buchführung weder etwas gegen noch für die Geldschöpfung aus dem Nichts besagt.

Hörmann konnte seine aufregenden Thesen damals in einer führenden österreichischen Tageszeitung veröffentlichen, dem Standard, und zwar mit erstaunlichem Erfolg. Wenige Artikel des Standard haben eine vergleichbare Resonanz gefunden. Würde ein Karl Kraus heute noch leben, hätte er daraus vermutlich Schlüsse gezogen, die für das Blatt und dessen Leser wenig schmeichelhaft sind. Mir drängt sich allerdings eine etwas andere Schlussfolgerung auf: Bei der Mystifizierung des Geldes und der ihm dienenden Hohepriester haben wir es mit dem elementaren Bedürfnis nach dem Wunderbaren und der Aufdeckung von Verschwörungen zu tun.

Auch der Berliner Professor Bernd Senf befriedigt dieses Bedürfnis, wenn auch auf eine wissenschaftlich seriösere Art. Er unterscheidet sich dadurch deutlich von Hörmann, der sich – zumindest in seinem Buch vom Ende des Geldes – in der Pose des akademischen Possenreißers gefällt. Senf war lange Zeit vorsichtig genug, die Geldschöpfung aus dem Nichts nur als Möglichkeit in den Raum zu stellen (worin er sich auch auf wohltuende Art von Joseph Huber unterscheidet*7*); er engte sie überdies vorsichtig durch Bedingungen ein. Und am wichtigsten: Anders als bei Hörmann geht der breite Sockel normaler Kredite bei ihm immer noch aus den Spareinlagen hervor.*8* Es widerstrebt mir deshalb, diesen Wissenschaftler in einem Atemzug mit Franz Hörmann zu nennen. Solange Prof. Senf nicht gerade hingebungsvoll an der Opiumpfeife der Esoterik saugt, ein Laster, dem er leider ungeniert in aller Öffentlichkeit frönt,*9* verdient er Bewunderung als echter Aufklärer und mutiger Kämpfer gegen verbreitete Vorurteile – ich verdanke ihm manche Anregung. Dennoch laufen seine Überlegungen am Ende auf die gleiche Folgerung wie bei Hörmann hinaus: Gewöhnliche Geschäftsbanken handeln auch dann schon betrügerisch, wenn sie sich gar keiner offen kriminellen Handlungen schuldig machen.*10* Es ist beschämend, dass die Theorie von der Geldschöpfung aus dem Nichts, jedenfalls soweit sie auf den Überlegungen von Prof. Senf beruht, sich letztlich als Resultat eines überaus simplen Denkfehlers erweist.*11*

Dabei hätte man, auch schon ohne diesen Denkfehler zu durchschauen, schon vorher erkennen können, dass es sich dabei um einen Glauben, nicht um erwiesene Tatsachen handelt. Das wird spätestens dann erkennbar, wenn man Begründung und Fakten ins Auge fasst. Bekanntlich hat die vermeintliche Geldschöpfung aus dem Nichts keineswegs die naheliegende Folge einer inflationären Entwicklung gehabt. Im Gegenteil, die europäische Zentralbank pumpt neuerdings Geld in die Wirtschaft, um eine drohende Deflation abzuwehren. Andererseits hatte der Geldtheoretiker Helmut Creutz schon vor Jahren anhand von Statistiken der Deutschen Bundesbank nachgewiesen, dass die Gesamtmenge an ausgereichten Krediten sämtlicher deutscher Geschäftsbanken stets unterhalb der gesamten Menge an eingezahlten Spargeldern liegt. Hörmann, der sich anschickte, das Gegenteil zu beweisen, ist damit, wie zu erwarten, kläglich gescheitert. Die vorhandenen Fakten sprechen also eindeutig gegen die Geldschöpfung aus dem Nichts.*12*

Und wie steht es mit der argumentativen Begründung? Schauen wir uns zwei stark vereinfachte Modelle unseres gegenwärtigen Banksystems an, um auf diese Weise einer Antwort näher zu kommen. Nehmen wir also erstens an, dass genau zwei Geschäftsbanken AA und BB unterhalb einer ihnen übergeordneten Notenbank existieren und dass der übliche Zahlungsverkehr zu 99% in bar und nur zu einem einzigen Prozent giral, also unbar, stattfinde. Ein Angestellter der Bank AA mag sich nun in der für ihn alltäglichen Lage befinden, einen Kredit auszureichen, aber einen in besonderer Höhe, sagen wir zehn Millionen Euro. Da der Kunde als solide bekannt ist, wird der Kredit ihm ohne weiteres gewährt. Da der betreffende Angestellte die Theorie der Professoren Hörmann und Senf studiert hat, hält er es allerdings nicht für nötig, bei seinem Chef nachzufragen, ob dieses Geld in der Form von Einzahlungen kurz- oder langfristiger Art in der Bank auch vorhanden sei. Er schreibt die Zahl von zehn Millionen deshalb ohne Weiteres auf dem Konto des Kreditnehmers gut, weil ja nach Meinung der beiden von ihm studierten Kapazitäten alle anderen Angestellten in allen anderen Geschäftsbanken ganz genauso vorgehen.

Kein Zweifel, dass er in diesem Fall tatsächlich Geld aus dem Nichts erzeugt, denn es könnte ja durchaus sein, dass Einlagen in vergleichbarer Höhe entweder nicht existieren oder schon zuvor als Kredit ausgereicht worden waren.

Lassen wir den mit dem Kredit ausgestatteten Kunden dieses Geld nun für die Bezahlung einer Maschine bei der Baufirma Y verwenden. Er überweist den Betrag von zehn Millionen also auf das Konto der Firma, welche dieses bei der zweiten Geschäftsbank BB unterhält. Mit genau neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit wird der Chef der Baufirma das Geld auf seinem Konto daraufhin in bar bei der zweiten Geschäftsbank BB abheben. Die hat allerdings von AA nur eine Zahl überwiesen bekommen, kein Bargeld. Wenn sie Bargeld an den Chef der Baufirma auszahlen soll, muss sie es von der Notenbank beziehen. Sie fordert die Letztere daher auf, die entsprechende Summe zu ihren Gunsten von der bei der Notenbank hinterlegten Mindestreserve der Bank AA abzuziehen und ihrem eigenen Konto gutzuschreiben. Sie muss so vorgehen, andernfalls wäre sie mit einer bloßen Zahl um zehn Millionen Euro geprellt. Diese Abrechnung der Geschäftsbanken bei der Notenbank verhindert also die Schöpfung der zehn Millionen Euro aus dem Nichts. Bekanntlich ist sie ein Routinevorgang, der tagtäglich vollzogen wird.*13*

Nun könnten sich beide Banken allerdings hinter dem Rücken der Notenbank darauf einigen, jeweils gleiche Summen als bloße Zahl aus dem Nichts zu schöpfen. In diesem Fall hätten sie keine Verpflichtungen gegeneinander, sie würden in gemeinsamen Betrug sozusagen unter ein und derselben Decke stecken. Doch würde ihnen dieses Vorgehen wirklich helfen? Wohl kaum. In diesem Fall würden nämlich die Kunden der einen wie der anderen Bank mit einer Wahrscheinlichkeit von wiederum exakt 99% auf Barauszahlung bestehen. Beide Banken müssten demnach ihre Mindestreserven plündern, weil ihre Kreditauszahlungen ja durch keine Einlagen gedeckt sind. Spätestens dann würde die Notenbank stutzig werden und Angaben über die Höhe der Einlagen beider Banken anfordern. Spätestens dann wäre der Betrug aufgedeckt.

Nun stelle man sich das in Deutschland oder Österreich real existierende System Tausender von Geschäftsbanken vor. Wie sollen diese ihren gemeinsamen Betrug so kalibrieren, dass jede von ihnen exakt den gleich Vorteil erhält? Wie wollen sie die Plünderung ihrer Mindestreserven verhindern?

So weit, so selbstverständlich und von keinem ernst zu nehmenden Fachmann bestritten. Betrachten wir nunmehr den entgegengesetzten Fall. Wie verhält es sich, wenn wir die zweite der beiden anfangs genannten Bedingungen so abändern, dass jetzt nicht neunundneunzig Prozent des Zahlungsverkehrs in bar und nur ein Prozent unbar erfolgt, sondern genau umgekehrt: neunundneunzig Prozent laufen unbar um und nur ein einziges Prozent in Münzen und Scheinen? Die Gehaltsauszahlungen auf den Girokonten bestehen nunmehr aus bloßen Ziffern, ebenso wie die Überweisungen auf Giro- und Sparkonten. Nicht zuletzt werden nahezu sämtliche Einkäufe mit Kreditkarten getätigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in bar ausgezahlt werden möchte, liegt nicht höher als ein Prozent.

In diesem Fall scheint die Notenbank ihrer Kontrolle weitgehend beraubt – die beiden Geschäftsbanken machen gegeneinander ja so gut wie keine Ansprüche auf die in Notenbankscheinen notierten Mindestreserven der jeweils anderen geltend. Allerdings würden sie nach wie vor am Ende jeden Tages gegenseitige Forderungen ausgleichen oder einander als Schuld und Guthaben verrechnen – nur dass diese Forderungen eben aus bloßen Ziffern bestehen. Ziffern aber, so die Befürchtung, lassen sich nach Belieben kreieren. Theoretisch scheint es in diesem Fall möglich, dass jede Bank, die einer anderen gegenüber eine Schuld besitzt, diese einfach durch die Kreation von Ziffern, also von Geld aus dem Nichts, ausgleicht, weil ja das zur Deckung dienende Bargeld nur noch zu einem Prozent existiert. Die unausbleibliche Folge wäre natürlich Chaos: der völlige Zusammenbruch eines geordneten Geldsystems. Gegenseitig würden die Banken einander in der Schöpfung von Geld aus dem Nichts überbieten.

Wie wahrscheinlich ist eine solche Entwicklung? Sicher könnte es einigen, vielleicht bis zu einem Dutzend Banken gelingen, ein funktionierendes Betrugskartell über Jahre hindurch aufrechtzuerhalten; derartige Fälle gibt es. Man muss es aber als überaus unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, erachten, dass sich Tausende von Banken unter der Hand zu einem funktionierenden Kartell verbünden – mit genau abgestimmtem Anteil an dem gemeinsam begangenen Betrug. Immer würde es Ausreißer geben, die mehr für sich selbst herausschlagen wollen und dadurch bei den anderen das gleiche Verhalten auslösen – also das Chaos. Und es würden natürlich auch immer wieder Whistleblower auftreten, die den Betrug und die Betrüger an die Öffentlichkeit verraten.

So die beiden extremen Modelle. Die gegenwärtigen Zahlungsgewohnheiten der Deutschen befinden sich mittlerweile so ziemlich in der Mitte zwischen beiden Extremen von neunundneunzig bzw. einem Prozent Bargeldanteil. Nach wie vor sprechen die gesicherten Fakten eindeutig gegen eine Geldschöpfung aus dem Nichts. Und es hat sich meines Wissens auch noch kein Whistleblower gemeldet, der mit konkreten Zahlen den angeblich systematisch geübten Betrug der Banken bei der Kreditausgabe beweist. Nicht genug damit. Wie wir wissen, besteht heute die Gefahr einer deflationären und eben keineswegs einer inflationären Entwicklung. Außerdem halten sich die Banken mit Krediten zurück, auch wenn ihnen Einlagen oder billiges Notenbankgeld in großem Ausmaß zur Verfügung stehen! Sie haben es gar nicht nötig, zusätzlich noch betrügerisch Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Fazit, die Notenbank übt zumindest in dieser Hinsicht nach wie vor eine wirksame Kontrolle aus.

Doch auf eine Frage haben wir damit noch keine Antwort gegeben. Wird diese Kontrolle auch dann noch funktionieren, wenn der Zahlungsverkehr in einigen Jahren zu neunundneunzig oder gar hundert Prozent unbar stattfindet?*14*

Hier gibt es ein echtes Problem, das weder bei Hörmann noch Senf zur Sprache kommt.*15* Es ist das Problem der Fälschungssicherheit. Beiden Autoren ist nämlich entgangen, dass der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Systemen mit neunundneunzig bzw. einem Prozent Bargeldverwendung ja keineswegs darin liegt, dass wir es im einen Fall mit Geld in Gestalt von Papier und Metall zu tun haben, im anderen mit Geld in Gestalt von Ziffern oder Bits.*16* Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr darin, dass die erste Art von Geld inzwischen gegen Fälschung sehr gut gesichert ist, während man eine Ziffer mühelos auf einem Papier oder in einem Computer eintragen, sie als Geld deklarieren und in diesem Sinn aus dem Nichts schöpfen kann. Solange neunundneunzig Prozent des Zahlungsverkehrs in bar erfolgen, kann der Schalterbeamte einen Kredit nur auf die Art vergeben, dass er vorhandenes Schein- oder Münzgeld weiterreicht, entweder direkt oder, wie oben gezeigt, auf dem Umweg über den nachfolgenden Ausgleich durch die übergeordnete Notenbank. Das klassische Modell der honorigen Geschäftsbank schließt eine Geldschöpfung aus dem Nichts grundsätzlich aus.

Im zweiten Fall soll dagegen eine hingeschriebene Ziffer oder ein Cluster von digitalen Bits selbst Geld repräsentieren; das aber ist nur unter zwei Voraussetzungen möglich: entweder dadurch dass sie von etwas anderem gedeckt ist (z.B. Notenbankgeld) oder dass sie gar keiner Deckung bedarf, weil sie ebenso gut wie das Notenbankgeld gegen Fälschung gesichert ist. In diesem Fall könnte ein Bankgestellter ebenso wenig digitales Geld aus dem Hut hervorzaubern wie ihm das mit Banknoten möglich ist. Nur wenn eine solche Fälschungssicherheit nicht erreicht wird, können bloße Ziffern (bzw. Cluster aus elektronischen Bits), da jeder sie willkürlich ‚schöpfen’ kann, sehr wohl das Nichts repräsentieren.

Müssen wir daraus folgern, dass mit einem vollständigen Übergang zum bargeldlosen Zahlungsverkehr dem Betrug Tür und Tor geöffnet sein werden?

Ich glaube, dass uns nichts zu diesem pessimistischen Schluss berechtigt. Die digitale Revolution könnte einen umfassenden Schutz gegen Fälschung durchaus ermöglichen. Eine gesetzliche Verpflichtung der Banken, alle Geldein- und Auszahlungen in Echtzeit auf dem Computerschirm jedes Angestellten sichtbar zu machen, würde verhindern, dass mehr Geld als Kredit vergeben wird als tatsächlich durch Einzahlungen in jedem Moment gedeckt ist: Der Betrug einer willkürlichen Geldschöpfung aus dem Nichts wäre dann unmittelbar als solcher erkennbar. Außerdem wäre die Notenbank bzw. Bankenaufsicht per Gesetz ermächtigt, auf diese in verschlüsselter Form vorhandene Synopsis aller Ein- und Auszahlungen jederzeit zugreifen zu dürfen, und zwar entweder in Echtzeit oder in abgespeicherter Form (wobei aus Gründen des Datenschutzes die Namen von Sparern und Gläubigern ausgespart bleiben).

Schließlich würde die Notenbank Geld zwar in Gestalt von bloßen Ziffern kreieren statt wie heute noch in Gestalt von Scheinen und Münzen. Sie würde sich dabei jedoch jener fortgeschrittenen Absicherungstechniken der Kryptologie bedienen, die bei Bitcoin und anderen digitalen Währungen bereits in Anwendung sind. Unter dieser Voraussetzung ist digitales Geld nicht länger auf die Deckung durch materielles Notenbankgeld angewiesen, so wenig wie das Letztere heute der Deckung durch Goldbarren bedarf. Ebenso wie die volkswirtschaftliche Leistung gegenwärtig für den Wert des Papiergelds bürgt, wird sie künftig die gleiche Rolle für das elektronische Geld übernehmen.*17* Unter dieser Voraussetzung wird die Notenbank das Geldvolumen so sicher regeln und überwachen können wie zuvor in einem System mit weitgehend barem Zahlungsverkehr, zumal es zum ersten Mal in der langen Geschichte des Geldes sogar möglich ist, dieses mit (elektronischen) ‚Mascherln’ auszustatten, sodass man entweder seine Destination und/ oder seine Herkunft erkennt.

Selbstredend wird auch die beste Kontrolle niemals verhindern können, dass in falsche Projekte investiert wird und Kredite sich deshalb als faul erweisen oder dass ganze Wirtschaften in die Rezession geraten und große Mengen an Geld dadurch auch im Bankensystem vernichtet werden. Vom Wunder- und Aberglauben der Geldschöpfung aus dem Nichts sollten uns theoretische Einsichten jedoch kurieren – sofern wir denn noch auf Fakten hören und Argumenten zugänglich sind. Das ist in einer Krise freilich immer weniger der Fall. Es gilt inzwischen als Zeichen mittelalterlicher Gesinnung, wenn man die politische Inkorrektheit begeht, sich nicht zur Schöpfung von Geld aus dem Nichts zu bekennen. Schade, dass nun auch DER SPIEGEL in diese Kerbe schlägt!

1 Dass die Notenbank mit Hilfe einer einfachen Druckerpresse Geld aus dem Nichts hervorzaubern und es mit einem Schredder ebenso wieder vernichten kann, hat kein vernünftiger Mensch je bestritten, denn darin besteht ihre Aufgabe. In Deutschland (und inzwischen auch im gesamten Euro-Raum) soll sie die Wirtschaft mit jeweils so viel Geld versorgen – nicht mehr und nicht weniger – wie für die Aufrechterhaltung eines gegebenes Preisniveaus notwendig ist.

2 Der Spiegel, 2014/42; S. 81. In dem Artikel von Michael Sauga ist so ziemlich alles schief. Karwat „lernt, dass … die Kreditsumme … in aller Regel größer als die eingezahlten Ersparnisse“ ist. Falsch! Das Gegenteil ist der Fall. „Der deutsche Gesellschaftsreformer Silvio Gesell … oder der US-Geldtheoretiker Irving Fisher“ werden gemeinsam zum Kronzeugen der Geldschöpfung aus dem Nichts gemacht. Falsch! Das trifft nur auf den Letzteren zu. „Würde den Banken ihr Geldprivileg genommen, könnte eine … Kernschmelze des Finanzsystems verhindert werden.“ Falsch! Die Große Depression vom Ende der Zwanziger Jahre beruhte, wie bereits Marriner Eccles, Notenbankchef unter Franklin D. Roosevelt, erkannte auf einer sozialen Verwerfung, weil „eine gewaltige Saugpumpe einen zunehmenden Anteil des erzeugten Reichtums in wenige Hände umgeleitet … und so die Kaufkraft aus den Händen der Mehrheit genommen hatte“ – genau wie heute! Dass „die Banken künftig jede Kundeneinlage zu 100 Prozent garantieren“ sollen, behauptet nicht einmal Joseph Huber, der Befürworter eines Vollgelds. Er will nur die Sichteinlagen in voller Höhe absichern.

3 Wie jeder Fachmann weiß, hat diese Behauptung nichts mit der sogenannten ‚Multiplen Kreditgeldschöpfung’ zu tun, die auch Professor Senf mit aller Entschiedenheit ablehnt (Der Nebel um das Geld, Gauke, 1998; S. 161) und die, obwohl sie weiterhin in den Lehrbüchern ein gespenstisches Dasein fristet, heute als widerlegt gelten muss. Siehe „Geld, Geldschöpfung und Zinsen„.

4 Der Tanz um den Gewinn, Verlag für Soziale Ökonomie, 2005; S. 91.

5 ‚Und es gibt sie doch! Die Geldschöpfung aus dem Nichts – Entgegnung auf Gero Jenners Buch ‚Wohlstand und Armut’; S. 27 (pdf-Datei unter diesem Titel im Internet).

6 Siehe „Die Causa Hörmann-Pregetter„. Zu Ellen Brown siehe weiter unten Anmerkung 13.

7 Ist Giralgeld an sich schon eine Schöpfung aus dem Nichts, wie Joseph Huber, behauptet? Ich halte das für eine absurde Behauptung. Ein System, das im unmittelbaren Geschäftsverkehr ausschließlich Bargeld verwendet, könnte dennoch über bankartige Institute verfügen, welche den Zahlungsverkehr über Entfernungen vermitteln, also einen Großteil des Geldverkehrs. Statt dass ich einem Menschen in zehn Kilometern Entfernung das Bargeld persönlich überbringe, beauftrage ich ein Institut mit der Auszahlung, das dort eine Filiale unterhält. Ist neues Geld – eben Giralgeld – entstanden, wenn das hiesige Institut meinen Betrag entgegennimmt, es kurzfristig als Ziffer verzeichnet und das dortige Institut dieses Bargeld dann wieder auszahlt? Gewiss, Giralgeld ist entstanden – so definieren wir die zwischenzeitlich verzeichnete Ziffer, aber dieses Geld stammt keineswegs aus dem Nichts. Daran ändert sich natürlich auch dann nichts, wenn die Fern- zu den Nahzahlungen sich im Verhältnis von neunundneunzig zu eins befinden, wie in einem noch dünner besiedelten Land als etwa Finnland durchaus der Fall sein könnte. Laut Huber wären dann 99 Prozent unserer Zahlungsmittel aus dem Nichts geschöpft.

Es ändert sich auch dann nichts, wenn die Menschen auch im nachbarlichen Verkehr kein Bargeld mehr verwenden, weil ihnen z.B. alle Güter von Onlinefirmen zugestellt werden und sie nur noch per Überweisung bezahlen. In diesem Fall wäre das System zu hundert Prozent auf Buchgeld umgestellt. Auch die Notenbank würde nun davon absehen können, gegen Sicherheiten (Wertpapiere, welche volkswirtschaftliche Leistung repräsentieren) Bargeld in die Wirtschaft zu schleusen. Bargeld wird ja nicht länger benötigt. Entsprechend der volkswirtschaftlichen Leistung würde sie gegen entsprechende Sicherheiten die Wirtschaft mit Giralgeld versorgen. Das Problem der Fälschungssicherheit, von dem im Text die Rede ist, würde dann allerdings eine zentrale Rolle spielen. Nur wenn dieses Problem ungelöst bleibt, besteht die Gefahr einer wirklichen Geldschöpfung aus dem Nichts.

8 Der Tanz um den Gewinn; S. 92.

9 Vgl. Lebensenergie-Forschung von Bernd Senf.

10 Das nämlich werde, so Senf, heute ausgeblendet: „Die Möglichkeit der Geschäftsbanken, über die Einzahlungen oder Einlagen hinaus Sichtguthaben zu schaffen und sie als Kredite zu vergeben“ (Und es gibt sie doch!; S. 14).

11 Prof. Senfs Begründung der Geldschöpfung aus dem Nichts ist der klassische Fall einer falschen Conclusio, die auf (zwei) richtigen Prämissen beruht.

Richtige Prämisse eins: Im Mittelalter machten Florentiner Goldschmiede die Entdeckung, dass Scheine, die sie im Gegenzug für bei ihnen hinterlegtes Gold ausgaben und die dann als eine Art Geld kursierten, innerhalb eines bestimmten Zeitraums nur zu einem Bruchteil wieder eingelöst (die Goldbarren also wieder zurückverlangt) wurden, sagen wir nur zu zehn Prozent. Das erlaubte ihnen betrügerisches Vorgehen der Art, dass sie zehnmal mehr Scheine in Umlauf brachten als durch das Gold tatsächlich gedeckt war.

Richtige Prämisse zwei: Heutige Banken stellen fest, dass von den jederzeit abrufbaren Sichteinlagen innerhalb einer bestimmten Zeit nur etwa (sagen wir) 10 Prozent tatsächlich abgehoben werden. Deshalb verfügen sie frei über die restlichen 90%, d.h. sie verwenden sie als Kredite. Wenn ihre Kunden nun in einer Panik die Schalter stürmen, fehlen der Bank diese 90 Prozent und es kommt zu einem Bankencrash. Darauf begründen Irving Fisher und in dessen Gefolge Joseph Huber ihre Forderung nach ‚100% Money’ bzw. nach ‚Vollgeld’, also einer vollen Deckung, die den Geschäftsbanken die Aushändigung der genannten 90% als Kredit verbietet. Von Geldschöpfung aus dem Nichts kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein, denn die neunzig Prozent als Kredit vergebenen Geldes wurden ja genauso wie die restlichen zehn Prozent, welche die Bank als Bargeld zurückhält, tatsächlich an den Schaltern eingezahlt.

Zu einer falschen Conclusio mitsamt einer vermeintlichen Geldschöpfung aus dem Nichts kommt es erst bei Bernd Senf, weil dieser die beiden Prämissen eins und zwei miteinander verbindet. Weil die Geschäftsbank in Prämisse zwei nur (angenommene) 10% Bargeld tatsächlich vorhalten muss, könnte sie doch nach Art der Florentiner Betrüger über einem beliebigen Sockel von Bargeld (Senf spricht von ‚Bargeldkernwährung’ – Tanz; S. 93) das Zehnfache an fiktivem Geld (‚vermeintlichen’ Sichteinlagen’ – ‚Und es gibt sie doch!’; S. 17) erschaffen, eben weil ja immer nur ein Zehntel tatsächlich abgerufen wird.

Der Denkfehler springt in die Augen. In Prämisse zwei wurden die 90% Sichteinlagen tatsächlich eingezahlt und ihre Vergabe als Kredit ist deshalb durchaus möglich, wenn auch, wie gesagt, problematisch. Auf jeden Fall muss die Bank einen Sockel an 10% der gesamten Sichteinlagen in bar vorhalten, weil diese erfahrungsgemäß tatsächlich wieder abgehoben werden. Wozu aber soll eine Geschäftsbank für die bei Senf angeblich frei geschöpften 90% fiktiven Geldes, das gar nicht abgerufen werden kann, weil niemand es eingezahlt hat, 10% realen Geldes vorhalten? Sie müsste verrückt sein, um so zu handeln. Und warum soll sie dann zweitens auch noch die Dummheit begehen, Geld, das niemand bei ihr eingezahlt hat und niemand abrufen wird, als Kredit zu vergeben? Das wäre ein Akt monumentaler Dummheit, denn sie würde niemand anders als sich selbst dabei schädigen, weil der Kreditnehmer den Betrag ja möglicherweise als Bargeld abheben möchte, über das die Bank aber nicht verfügt, weil es nie eingezahlt wurde.

Ich habe den offensichtlichen Denkfehler dieser angeblichen Geldschöpfung aus dem Nichts schon in meinem Buch ‚Wohlstand und Armut’ aufgedeckt. Bernd Senf hat sich nicht nur mit falschen Argumenten herausgewunden – das nehme ich ihm nicht übel, wir können uns alle irren. Was ich ihm wirklich übel nehme, ist dass er hinter der Scheinfassade seriöser Kritik meine Gedanken durchwegs auf unehrliche Art entstellte. Daher die Schärfe, mit der ich meinerseits geantwortet habe .

12 Prof. Senf glaubt, dieses für ihn peinliche Ergebnis mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen ‚tatsächlichen’ (durch Einzahlung entstandenen) und ‚vermeintlichen’ (aus dem Nichts geschöpften) Sichteinlagen zu entkräften. Das ist eine petitio principii, kann also nur stimmen, wenn es die Letzteren tatsächlich gibt. Da die vermeintlichen Sichteinlagen ebenso wie die tatsächlichen zwar als Kredite verwendet werden – das ist ja seine These – aber anders als die Letzteren unter der Rubrik ‚Einzahlungen’ nicht aufgeführt werden, müsste es einen deutlichen Überhang von Krediten über die Einzahlungen geben – das Gegenteil ist faktisch richtig.

13 Es ist bemerkenswert, dass die US-amerikanische Autorin Ellen Brown, die anfangs den Unfug vertrat, dass 97% allen Geldes aus dem Nichts geschöpft werde, von dieser These inzwischen abgerückt ist, ja dass sie diese These – bisher freilich ohne sich dessen bewusst zu sein – nun selbst widerlegt. Durchaus zu Recht stellt sie nämlich die Frage, warum sich die Banken, wenn sie doch Geld für Kredite aus dem Nichts schöpfen können, dennoch so verzweifelt um die Spareinlagen der Kunden bemühen und sogar genötigt seien, sich auf dem Geldmarkt oder sogar von der Notenbank weiteres Geld zu beschaffen, falls die Kundeneinlagen nicht ausreichen würden, um das Volumen der Kredite abzudecken. Das sei umso bemerkenswerter, so fügt Brown hinzu, als die Zinsen auf dem Geldmarkt und bei der Notenbank gewöhnlich viel höher lägen als bei gewöhnlichen Spareinlagen.

Ja, warum bemühen sich die Banken so sehr um die Spareinlagen? Ellen Brown erteilt hier durchaus die richtige Antwort – dieselbe, die ich im Text zu dieser Anmerkung liefere. Die Geschäftsbanken müssen nämlich am Ende des Tages gegenüber der Notenbank ihren Saldo mit anderen Banken abgleichen. Ellen Brown hat also plötzlich begriffen –  wenn auch zu spät, um all die Verwirrung gutzumachen, die sie in den Köpfen von Hörmann, Häring und Co. erzeugte – dass am Ende des Tages die Summe ausgegebenen Kredite nicht über der Summe der Einlagen liegen darf (id est der Spareinlagen, die sie zur Not mit Mitteln des Geldmarkts oder sogar der Notenbank ergänzt). Mit dieser späten Einsicht hebt Ellen Brown natürlich – auch wenn sie selbst das noch nicht begriffen hat oder begreifen will – die ganze Buchgeldschöpfungstheorie aus den Angeln. Diese läuft dann nur noch auf die banale Feststellung hinaus, dass der einzelne Bankangestellte je nach Größe der Bank viele kleine Kredite auf Anhieb vergeben kann, ohne sich auf der Stelle vergewissern zu müssen, ob die Bank auch über Einlagen in entsprechender Höhe verfügt. Es genügt, wenn der Saldo am Ende des Tages ermittelt und nötigenfalls für Ausgleich gesorgt wird.

14 Ein völlig unbarer Zahlungsverkehr ist heute nicht nur möglich, sondern darüberhinaus wünschenswert, weil ein gerechtes Steuersystem den Übergang zu einem unbaren Zahlungsverkehr als einzig wirksame Maßnahme voraussetzt.

15 Bei Hörmann schon gar nicht, Senf sieht sehr wohl, dass der Übergang zur bargeldlosen Zahlung das entscheidende Problem ist, doch er sieht nicht, warum das der Fall ist, nämlich aufgrund einer bisher noch fehlenden Absicherung gegen Fälschung und das Fehlen einer synoptischen Kontrolle der Ein- und Auszahlungsvorgänge. Stattdessen weicht er auf die falsche Analogie seiner Bargeldkernwährung und Mindestreservepolitik aus (Der Tanz um den Gewinn; S. 93).

16 In den Blick gefasst hatte ich dieses Problem schon in einem früheren Artikel.

17 Der Unsinn eines Kerns von Notenbankgeld, umgeben von einer Korona aus Geld, das aus dem Nichts geschöpft wird, tritt hier in voller Schärfe zutage.

Abschließend einige Bemerkungen zu einer kritischen Stellungnahme von Herrn Norbert Häring, Mitarbeiter am Handelsblatt und bekennender Anhänger des Wunderglaubens an die Geldschöpfung aus dem Nichts. Meine konkreten Nachweise der groben Schnitzer im Spiegelartikel übersieht er großzügig, umso mehr bemüht er sich stattdessen, mir selbst Schnitzer und Unkenntnis nachzuweisen. Wenn ich richtig zähle, kommt er auf insgesamt sechs Einwände, die ich hier kurz anführen und beantworten möchte.

1) „Wenn die Banken in größerem Umfang Wertpapiere kaufen, dann sind die Einlagen kleiner als die Kredite“. Hier müssen sich jedem unbefangenen Leser die Haare sträuben – auch Herrn Senf, den Häring eigentlich verteidigen will. Denn Prof. Senf weiß natürlich, was Herrn Häring nicht bekannt zu sein scheint, dass die Deutsche Bundesbank in ihren Statistiken streng zwischen Wertpapiergeschäften und Kundeneinlagen unterscheidet. Er versucht seine Position deshalb auch auf ganz andere Art zu verteidigen (siehe Anm. 12). Häring scheint sich hier an der Position von Ellen Brown zu orientieren, die allerdings die ganze Geldschöpfungstheorie in ihren letzten Verlautbarungen nun selbst ad absurdum führt (siehe Anm. 13).

2) „Wenn 99% der Transaktionen in bar abgewickelt werden, wird der Kreditkunde von Bank AA wohl gleich selbst das geliehene Geld abheben, um die Baufirma Y in bar zu bezahlen.“ Wieso denn das? Diese Behauptung wird durch das Denkmodell von Anmerkung 7 zurückgewiesen.

3) „Mit Mindestreserven meint Jenner Guthaben der Geschäftsbanken AA und BB bei der Zentralbank. (Mindestreserven sind genau genommen nur ein Teil davon.) Zentralbankreserven stellen einen Anspruch auf Auszahlung von Bargeld dar.“ Hier ist Häring im Recht, aber er sollte sich mit seiner Kritik (die freilich nur auf eine im Zusammenhang völlig unbedeutende begriffliche Richtigstellung hinausläuft) besser an Prof. Senf richten (‚Tanz’; S. 92).

4) „… den sogenannten Geldmarkt … scheint Jenner nicht zu kennen.“ Diesen Schluss scheint Häring aus der Tatsache ableiten zu dürfen, dass ich ihn – wie vieles andere auch – in meinem Artikel nicht erwähne: Eine höchst merkwürdige Folgerung.

5) „Weil Bank BB nun gegenüber Y eine Schuld von 10 Mio. Euro hat, will sie dafür natürlich von AA etwas haben. Dieses Etwas ist ein Zentralbankguthaben von 10 Mio Euro, das von AA auf BB umgeschrieben wird. Das ist keine Theorie. Das ist die Funktionsweise des modernen unbaren Zahlungsverkehrs, mit der Jenner leider nicht ganz vertraut ist.“ Diese Kritik ist böswillig, weil sie mir unterstellt, als würde ich etwas anderes behaupten.

6) „Falsch. Eine Schuld gegenüber einer Bank kann auch eine Geschäftsbank nicht durch selbstgeschaffenes Geld begleichen. Banken akzeptieren untereinander nämlich nur Zentralbankguthaben oder Bargeld zur Begleichung einer Schuld.“ Ein weiterer Fall von Böswilligkeit, denn es geht mir ja gerade darum, genau diese Position zu verfechten.

Ist Herr Häring wirklich ein Mitarbeiter des Handelsblattes, wo so hervorragende Kenner wie Gabor Steingart zu Hause sind und man auf faire und vernünftige Argumente Wert legt? Die Häringsche Art der Auseinandersetzung, bei der man die Absicht eines Textes absichtlich missversteht, um ihn dann aufgrund dieser Missverständnisse zu kritisieren, ist heute leider nicht ungewöhnlich – ein weiterer Beleg für den Aufstand gegen die Vernunft. Wenn Herr Häring am Ende mit scheinheiligem Augenaufschlag fragt: „Sind Sie Argumenten zugänglich, Herr Jenner?“, dann blamiert er sich vollends. Er hätte die Frage besser an sich selbst richten sollen!

2 Gedanken zu „Das Geld und das Nichts – Nun proben auch DER SPIEGEL und Norbert Häring den Aufstand gegen die Vernunft“

  1. Von Volker Freistedt erhielt ich per Mail folgende Nachricht:

    Lieber Gero Jenner,

    meinen Dank für diese (neuerliche) Klarstellung!
    Ich verfolge diesen Spuk seit dem Symposium in Steyerberg 2000 und muss feststellen, die Gespenster werden immer mehr statt weniger…

    Mit besten Grüßen,
    Volker Freystedt
    EQUILIBRISMUS e.V.

  2. Das Problem mit der Diskussion um die Geldschöpfung liegt darin, dass fast alle Teilnehmer — pro oder contra — vollkommen Literatur-unkundig sind. Die Funktion eines Giralgeldsystem und die Giralgeldschöpfung der Banken ist in der älteren Literatur mit einer Vollständigkeit und Klarheit beschrieben, von der die neuere Literatur meilenweit entfernt ist. Zu nennen sind hier:

    (1) Ludwig von Mises: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Teil III. 2.Auflage, 1924

    (2) Rudolf Stucken: Geld und Kredit. 2.Auflage, 1957.

    (3) Claus Köhler: Der Geldkreislauf. 1962.

    (4) Erich Schneider: Einführung in die Wirtschaftstheorie. Band III: Geld, Kredit, Volkseinkommen und Beschäftigung. 8.Auflage, 1964.

    (5) Rolf Gocht: Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung. 1975.

    Ich breche hier ab, weil ich sonst noch Stunden beschäftigt bin. Stucken, Schneider und Köhler haben für ihre Arbeiten das Große Bundesverdienstkreuz bekommen. Köhler und Gocht waren Bundesbankdirektoren. In den 1960er Jahren gab es eine heftige Diskussion, ob die Instrumente der Bundesbank zur Steuerung der Geldschöpfung der Geschäftsbanken ausreichen. Stucken hat darüber ein eigenes Buch geschrieben: „Was ist los mit unserem Geld?“. Die „technische“ Literatur zur konkreten Steuerung auf der Basis der „freien Liquidität“ der Geschäftsbanken, wie sie die Bundesbank betrieben hat, ist so zahlreich, dass eine Aufzählung unmöglich ist. Eine Zugang bietet der Sammelband „Probleme der Geldmengensteuerung“ von Ehrlicher und Oberhauser aus dem Jahre 1978.

    Es sei also allen Teilnehmers an dieser Diskussion dringend angeraten, sich zunächst einmal kundig zu machen, bevor man wilde, von vollkommener Unkenntnis geprägte Aussagen tätigt.

    Meine Replik:

    Das Problem mit Wortmeldungen wie diesen liegt daran, dass sie sich mit der Literatur wenig beschäftigen – in diesem Fall mit der Literatur jener Autoren (einschließlich meiner eigenen Person), die eine abweichende Stellung beziehen. In meinem Buch „Wohlstand und Armut“ habe ich Befürworter und Gegner der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken zitiert, wobei zu bemerken ist, dass der Riss bei keinem Geringeren als John-Maynard Keynes durch ein und dieselbe Person verläuft. Er war zuerst für, später gegen die Annahme einer Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken. Da er als eine der größten Autoritäten der Wirtschaftswissenschaften gilt, kann bei ihm wohl eine entsprechende Kenntnis der Literatur vorausgesetzt werden. Keynes Sinneswandel ist wohl kaum anders als in dem Sinne zu verstehen, dass die Frage der Geldschöpfung eben nicht abschließend erörtert wurde. Ich habe mich in meinem Artikel Geld, Geldschöpfung und Zinsen mit der Multiplen Kreditgeldschöpfung und der Geldschöpfung nach Irving Fisher auseinandergesetzt.

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