Nach Meinung der Weisen sollte der Mensch in der Gegenwart leben – carpe diem! Nach Meinung der Weiseren wird er sich immer auch mit der Zukunft befassen, denn dorthin zielen seine Träume von einer besseren Welt. Was mich betrifft, so habe ich diesem Drang bis heute auf zweifache Art nachgegeben: in historisch-futuristischen Entwürfen einerseits und in Erzählungen. Mein jüngster Roman Homo superbus beschreibt eine Welt der Überwinder des Todes, wie sie bereits existiert – wenn auch nur in den aufgewühlten Gehirnen einiger Gurus aus dem Silicon Valley: eine zugleich fantastische und abgründig dystopische Welt, die uns dennoch im Eilschritt näher rückt. Wir müssen erkennen: Technik und Wissenschaft haben die menschliche Intelligenz in phänomenale Höhen katapultiert, unsere Lebens- und Überlebensklugheit dagegen deutlich vermindert. Wir wissen nicht einmal, wie lange die systematisch vergewaltigte Wirklichkeit uns auf diesem Globus noch duldet. Ich verstehe den Roman als berückend, weil uns das Höchste versprochen wird, uns zugleich als heillos bedrückend, weil wir wohl eher in die Tiefe stürzen. Kommentare von verhaltenem Lob bis zu vernichtender Kritik durchaus erwünscht.
In Eine Welt – kein Turmbau zu Babel entwerfe ich die Vision einer Überwindung: das Ende des heutigen Wettrennens der Nationen. Dieses Buch wurde von Paul Raskin, Jean Ziegler, Ulrich von Weizsäcker, Karl Acham und Rolf Kreibich, dem ehemaligen Präsidentenm der Freien Universität Berlin besonders gelobt. Und das, obwohl kein heutiger Politiker eine für ihn sinnvolle Handlungsanweisung in diesem Buch finden wird – meist das gerade Gegenteil. Ein Beispiel: Sinnvoll und dramatisch geboten wäre gerade jetzt die weltweite Abrüstung. Jeder halbwegs vollsinnige Mensch begreift, dass mit jeder zusätzlichen Waffe der Globus nur noch gefährlicher wird. Doch um nicht zwischen Russland (+China) auf der einen, den USA auf der anderen Seite zerrieben zu werden, muss Europa aufrüsten – am besten, es entwickelt sich zu einer gleichrangigen Atommacht. Das Paradox zwischen einem Ziel, das im krassen Gegensatz zum unmittelbaren Handeln steht, ist allerdings keineswegs neu. Wer den Deutschen oder Franzosen zur Abrüstung geraten hätte, als beide noch erklärte Erb- und Todfeinde waren, musste damit rechnen, als Verräter gebranntmarkt zu werden. Zu Recht, denn solange der Gegner militärisch erstarkt, hat einseitige Abrüstung nur den eigenen Untergang zur Folge. Erst die höllische Vision der gegenseitigen Auslöschung in einem Dritten Krieg brachte die beiden großen Nationen gleichsam über Nacht zur Vernunft, d.h. zur Vereinigung in einem gemeinsamen Europa, wo sie bewusst auf den Gebrauch von Waffen verzichten.
In unserer Zeit hat sich der früher so blutige Gegensatz zwischen Franzosen und Deutschen auf die große Weltbühne verlagert. Jetzt spielt er sich zwischen den Supermächten ab. Neuerlich wird jeder, der die Zukunft einer vereinten Welt entwirft, wo das Wettrennen der Vernunft weichen wird, als Phantast geschmäht – und leider vorerst auch durchaus zu Recht. Denn die gegenwärtige Politik läuft dieser Vision diametral entggegen, sie besteht in gegenseitiger Abgrenzung, einer immer stärkeren Betonung vermeintlich unversöhnlicher Gegensätze, in der Vermehrung eines wüsten Kriegsgeschreis vor allem aus Russland, aber inzwischen auch aus den USA und aus China – alles genauso wie während der letzten Phase vor der Union der beiden Erbfeinde Frankreich und Deutschland. Leider scheint dieser Weg über die Jahrhunderte gleichzubleiben, er beginnt bei einem scheinbar unüberwindlichen Hass und endet im glücklichen Fall mit einem Sieg der Vernunft. Noch ist es nicht so weit – bevor die Welt zur Vernunft gelangt, wird sie weiter aufrüsten. So war es in der Vergangenheit, und so wird es wohl auch in Zukunft bleiben, da keinerlei Anzeichen auf eine Änderung der menschlichen Natur hindeuten. Für diejenigen, welche sich zunächst ein Bild von den Thesen des Buches machen wollen, stelle ich vorläufig die englische Version ins Netz, für welche die Rechte noch bei mir liegen. Kommentare von verhaltenem Lob bis zu vernichtender Kritik durchaus erwünscht.
