Es lohnt sich nach Asien zu blicken, weil dort eine der ältesten Kulturen gerade in kometengleichem Aufstieg begriffen ist und wir auf das Ferne mit kühlem, unbefangenem Blick schauen können, während wir es gewöhnlich nicht einmal bemerken, wenn wir zu Hause die Rolle von Hanswursten oder gar Kriminellen spielen.
Seit einiger Zeit sind aus China immer schrillere Töne in Richtung Japan zu hören – besonders, seit die Regierung Takaichi verlautbaren ließ, dass ein chinesischer Angriff auf Taiwan unter bestimmten Umständen eine Situation darstellen könne, die Japans eigene Existenz bedrohe und damit ein militärisches Eingreifen Japans rechtfertigen könne. Inzwischen vergeht keine Sendung des staatlichen Nachrichtensenders CCTV4, in welcher Japan nicht als Bedrohung für China und ganz Asien hingestellt wird. Nicht allein rüste das Land in Riesenschritten auf, die derzeitige Regierung wolle zudem den Artikel neun seiner von den Amerikanern nach der Niederlage im zweiten Weltkrieg vorgeschriebenen Friedensverfassung streichen, der Krieg und den Unterhalt von ‚Kriegspotential‘ verbietet. In Japan melde sich der Vorkriegsmilitarismus zurück, was sich schon darin zeige, dass konservative Kräfte seit Jahren auf eine Revision der Darstellung japanischer Kriegsverbrechen in Schulbüchern drängen, damit kommende Generationen nichts mehr von Gräueltaten ihrer Vorfahren erfahren.
Man sieht den Gesichtern der chinesischen Reporter die Empörung darüber an, dass der japanische Nachbar es wagt, ihnen immer feindlicher entgegenzutreten, obwohl doch sie, die Chinesen, es waren, die im Zweiten Weltkrieg das fürchterlichste Unrecht durch Japan erlitten haben. Den zügellosen Schlächtereien nach dem 13. Dezember 1937 fielen verbreiteten historischen Schätzungen zufolge an mindestens 100 vermutlich sogar bis zu 300 000 unschuldige Zivilisten zum Opfer. Fürchterliche Verbrechen verübten die Japaner auch in der Mandschurei und in der von ihnen kontrollierten Inneren Mongolei. Diese Vergehen gegen die Menschlichkeit gehören ebenso zu den gesicherten Fakten wie der noch größere große Horror, den die Nazis zur gleichen Zeit verübten.
Somit stimmt, was CCTV4 im Auftrag der chinesischen Regierung dem Nachbar in wachsender Lautstärke und mit zunehmender Gereiztheit zur Last legt. Genauer gesagt, stimmt es – und stimmt auch wieder nicht. Denn aufseiten Chinas wird die Hälfte der Wahrheit geflissentlich ausgeblendet. Es stimmt, dass Japan damals die schlimmsten Verbrechen mutwillig gegen seinen zu jener Zeit noch schwachen Nachbarn verübt hat, und es trifft ebenso zu, dass es gerade in jüngster Zeit die eigene Rüstung in immer schnellerem Tempo verstärkt und dafür die eigene Verfassung wohl auch bald umschreiben wird. Aber die das ist nur die halbe Wahrheit, denn dafür gibt es einen einleuchtenden Grund – und der heißt China.
Das Land ist zu einer Supermacht geworden – auch und gerade in militärischer Hinsicht. Mit seiner wachsenden ökonomischen wie militärischen Stärke übt es immer mehr Druck auf die eigenen Nachbarn aus, zum Beispiel, indem es auf offiziellen Karten Ansprüche auf Gebiete jenseits der eigenen Grenzen erhebt. Das ist eine Politik der Expansion, die zu ständigen Grenzgeplänkeln führt. Davon betroffen sind vor allem Indien (Arunachal Pradesh), Bhutan (Doklam) und Japan (Senkaku-Inseln). Vor allem aber steht China mit seinen weitreichenden Ansprüchen im Südchinesischen Meer in offenem Konflikt mit Vietnam, den Philippinen, Malaysia, Brunei und in bestimmten Bereichen auch mit Indonesien. Vor allem die Philippinen wollen die Beschneidung der eigenen Hoheitsansprüche nicht akzeptieren, zumal das Internationale Gericht von Den Haag ihre Einsprüche weitgehend akzeptierte gab. Aber China, das in seinen Verlautbarungen so gern im Namen der gesamten Menschheit spricht, setzt sich über internationales Recht mit spöttischem Lächeln hinweg, sobald dieses die eigenen Ambitionen schmälert. Das gilt auch für Taiwan. Ob dieses demokratische Land die eigene Regierung mit der Einpartei-Diktatur in Peking vertauschen will oder nicht, spielt für Festlandchina schlicht keine Rolle. Wie schon in Tibet und in Hongkong setzt sich China souverän über den Willen des Volkes hinweg, wenn dieser im Gegensatz zu den eigenen Ambitionen steht.
Die gut gedrillten Reporter von CCTV4 können oder wollen eine schlichte, aber historisch leider nur zu gut bewiesene Wahrheit nicht sehen. Jeder aufstrebende Staat, der sich anderen überlegen glaubt, wird dazu verleitet, die eigenen Machtgelüste mit dem Recht gleichzusetzen. Japan, die vor anderthalb Jahrhunderten in schnellem Tempo aufstrebende neue Supermacht Ostasiens, besiegte 1895 zuerst das damals noch schwache China, zehn Jahre später aber sogar die russische Großmacht. Damit war es zur dominierenden Macht im Osten der Welt aufgerückt. Schon unter dem Tokugawa-Shogunat seit dem frühen 17. Jahrhundert hatte Japan eine außergewöhnlich lange Periode inneren Friedens und strenger Ordnung erlangt, wo Reisende ihre Geldbörse in einem Dorf verlieren, und dennoch sicher sein konnten, dass der Finder sie ihnen nachtragen würde. Seit der Meiji-Revolution, als sich Japan nach außen öffnete, galt der Kaiser als gottähnliches Wesen. In den Augen der Japaner hatte er das Land durch seinen Aufstieg zu einem Vorbild für die ganze Welt gemacht. Die Unterwerfung der Nachbarn wurde daher von den Japanern als segensreiches Vorgehen gesehen. So erklärt sich auch die außerordentliche Brutalität, mit der die vordringenden japanischen Soldaten den Widerstand gegen das Expansionsstreben ihres Landes bekämpften und niederschlugen. „Wir bringen euch den Fortschritt und eine Ordnung, in der alle im Frieden miteinander leben. Asien ist heute noch ein Nichts gegenüber Europa und den Vereinigten Staaten, wir aber weisen euch den Weg zu künftiger Größe!“
Von dem Gefühl einer besonderen moralischen Überlegenheit durchdrungen, waren die japanischen Eroberer nicht nur zu äußerster Brutalität, sondern auch zu den erstaunlichsten Opfern fähig. Dazu gehörten nicht nur die sprichwörtlichen Kamikazeflieger. Der Tod des Einzelnen für das Ganze war für viele bis zu dem letzten Moment selbstverständlich, als der Kaiser die Kapitulation seines Landes verkündete. Erst danach hat sich das Land mit gleicher Geschlossenheit und praktisch ohne jeden weiteren Widerstand den Amerikanern unterworfen. Eines der bis heute besten Bücher über Licht und Schatten dieses außerordentlichen Landes stammt von der US-amerikanischen Anthropologin Ruth Benedict: The Chrysanthemum and the Sword.
Das aufstrebende Japan hatte damals nur die eigene Größe im Blick – und seine vermeintliche Mission, nicht die Gefahr, in die es sich durch eben diese Größe und vermeintliche Mission begab. Und damit kehren wir zurück zur heutigen chinesischen Propaganda, wie sie sich in den Äußerungen der Reporter von CCTV4 bekundet. Denn genau dieselbe Gefahr entspringt heute der unzweifelhaften Größe der neuen Supermacht und der vermeintlichen Mission, die sie für sich beansprucht. Die neue Supermacht China ist in materieller Hinsicht ohne Zweifel die derzeit erfolgreichste Nation der Erde. Kein anderer Staat ist innerhalb so kurzer Zeit so stark gewachsen. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat das Land beispielsweise das größte Hochgeschwindigkeits-Bahnnetz der Welt errichtet. Für 2024 weist die UIC weltweit rund 67 700 km Hochgeschwindigkeitsstrecken aus; davon entfallen 47 800 km auf China, also mehr als zwei Drittel. Außerdem ist das fernöstliche Reich inzwischen zur Werkbank der Welt geworden. Schon 2024 exportierte es mehr Waren (einschließlich Industrieprodukten) als die USA und Japan zusammen – China: 3.577 Mrd. $, USA + Japan: 2.772 Mrd. $. Vor allem in den Augen der Nationen des globalen Südens ist das ein einzigartiger Erfolg, mit dem sich weder die USA noch Europa messen können.
Wer Macht hat, will den Ton angeben. Das alte Spiel, in dem Japan und Deutschland eine so unrühmliche Rolle spielten, beginnt also gerade von neuem, nur dass die Alphaposition neu besetzt wird. Wenn eine neue Supermacht ihre Muskeln spielen lässt, kann dies zum Beginn einer neuen und grausamen Schmierenkomödie sein, zum Beispiel wenn China den längst angekündigten Überfall auf Taiwan tatsächlich verwirklicht. Die Geschichte reimt sich, auch wenn sie sich niemals exakt wiederholt. Dies ist, wie anfangs gesagt, ein Blick in die Ferne, weil wir dazu mit kühlem Kopf und unbefangenem Denken in der Lage sind. Wie verhält es sich, wenn wir uns der Nähe zuwenden. Davon soll in Teil 2 die Rede sein.
