Der Mensch ist gut – wie gut?

(Auch erschienen in Tichys Einblick)

Im Blick auf Dostojewski und Tolstoi hat Thomas Mann von der heiligen Literatur Russlands gesprochen – jeder versteht, was damit gemeint ist. Dostojewski dringt in die Seele der sozialen Außenseiter und der Verbrecher ein, nicht um dort das Böse aufzuspüren – das sieht ohnehin jeder -, sondern um zu zeigen, dass auch der böseste Mensch letztlich ein Gewissen besitzt und um das Gute weiß – ein Bewusstsein, das bei ihm nur verschüttet war. Bei Dostojewski ist auch, vielleicht gerade, der böse Mensch im Letzten gut, er hat sich nur auf den falschen Weg begeben. Diese Botschaft ist es, die kein anderer Autor so überzeugend und mit solcher Leidenschaft in seinen Werken vertrat wie Dostojewski. Der Mensch ist gut – wie gut? weiterlesen

Der Mensch ist böse – wie böse ist er?

(auch erschienen in: Tichys Einblick)

Seit der Entstehung der großen Sozialutopien ist es üblich, den Menschen als von Natur aus gut zu verstehen und alle Übel darauf zurückzuführen, dass er durch falsche Institutionen vom rechten Wege abgebracht worden sei. Man müsse deshalb nur die schlechten Institutionen und Anschauungen ändern, damit seine ursprünglich guten Eigenschaften wieder makellos in Erscheinung träten. Anders gesagt, genügt es, dem Menschen das falsche Gewand vom Leibe zu reißen, dann sei er wieder, was er von Natur aus ursprünglich war. Der Mensch ist böse – wie böse ist er? weiterlesen

Brave new globalized world! Das Pro der Schönfärber und das Contra der Skeptiker

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2016 und "scharf-links")

Grenzenlos wachsender Reichtum?

Pro: Vor zwei Jahrhunderten wurde die Welt selbst noch in ihren damals fortschrittlichsten Teilen (Europa) von Hungersnöten verheert, obwohl sie nur den siebenten Teil, also einen Bruchteil, der heutigen Bevölkerung ernährte. Heute bietet sie mehr als der Hälfte der Menschheit einen Lebensstandard, wie er in früheren Zeiten nur einer hauchdünnen Elite zugänglich war. Am deutlichsten lässt sich der gewaltige materielle Aufschwung an der Entwicklung Chinas ablesen. Brave new globalized world! Das Pro der Schönfärber und das Contra der Skeptiker weiterlesen

Dekadenz als politisches Phänomen

Nur mit größter Vorsicht sollte man das Wort Dekadenz verwenden. Zu sehr gleicht es einer Fallgrube, aus der einem moralinsaure Düfte entgegen strömen. Wie viele Politiker, von Diktatoren ganz zu schweigen, haben sich über den Sittenverfall ereifert, nur um daraus eine wirksame Waffe gegen ihre Gegner zu schmieden. Deswegen sei hier gleich zu Anfang betont, dass ich Dekadenz nicht in moralischem Sinne verstehe, sondern als ein politisches Phänomen. Dekadenz als politisches Phänomen weiterlesen

Eurosklerose – Deutschlands Schuld am drohenden Zerfall Europas

(auch erschienen in: "scharf-links")

Ein Stellvertreterkrieg am Rande des Alten Kontinents – hätte das jemand vor zwei Jahren prophezeit, er wäre als böswilliger Phantast ausgelacht worden. Europa, das sich als Kontinent des Friedens versteht, als zukunftsweisendes Projekt der Völkerverständigung zwischen ehemals verschworenen Feinden, würde nie wieder zum Ausgangspunkt kriegerischer Auseinandersetzungen werden – das war doch die europäische Gründungsidee. Eurosklerose – Deutschlands Schuld am drohenden Zerfall Europas weiterlesen

Was hat Washington mit Europa vor?

(auch erschienen in Transcend Media von Johan Haltung)

Was bisher nur in Afrika, Südamerika oder Teilen Asiens geschah, droht jetzt über Europa hereinzubrechen – ein Stellvertreterkrieg an seinen Grenzen. Wie konnte es dazu kommen? Henry Kissinger kritisierte, dass die EU keine Telefonnummer besitze, an die man sich um Auskünfte wenden könne. Der wirkliche Mangel ist von anderer Art und lässt sich heute nicht länger leugnen. Der Nimbus Europas ist verblasst. Seine idealistische Selbstdarstellung, wonach es ein Vorbild für die übrige Welt sein könnte, hat sich als Illusion entpuppt. Wirtschaftlich ist Europa im Niedergang, politisch zerstritten. Zwischen Russland und den Vereinigten Staaten ist ein Machtvakuum aufgebrochen, in das die beiden Superstaaten, ungeniert eindringen können. Was hat Washington mit Europa vor? weiterlesen

Das Uhrwerk, der Ingenieur und der Heilige Geist

(auch erschienen in: "scharf-links")

Über den heiligen Geist wissen wir wenig, und seit zehntausend Jahren hat sich unser Wissen kaum vergrößert. Über Uhrwerke wissen wir viel und mit jedem Tag mehr. Das Uhrwerk, der Ingenieur und der Heilige Geist weiterlesen

Wladimir Putin – ein aufsässiger Schulbub, den der Westen öffentlich maßregeln darf?

Dieser Artikel nimmt um ein halbes Jahr die Argumente vorweg, die im Oktober in Foreign Affairs erscheinen: „Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault – The Liberal Delusions That Provoked Putin“ by John J. Mearsheimer (www.foreignaffairs.com/articles/141769/john-j-mearsheimer/why-the-ukraine-crisis-is-the-wests-fault, FOREIGN AFFAIRS, Sept/Oct 2014 – issue) Wladimir Putin – ein aufsässiger Schulbub, den der Westen öffentlich maßregeln darf? weiterlesen

Snowden und die Feigheit der Europäer

(auch erschienen in: "scharf-links")

Auf US-amerikanischen Druck haben Frankreich, Italien und Spanien den Luftraum für die Maschine des bolivianischen Präsidenten Evo Morales sperren lassen – vermutlich weil Russland sich einen Scherz erlaubte. So wurden beide: die USA und Europa, von Putin zugleich an der Nase herumgeführt. Wie gut ihm der Streich gelungen ist! Die USA haben der Welt neuerlich demonstriert, dass sie in Verfolgung ihrer eigenen Interessen ebenso das Recht wie ihre eigenen Verbündeten missachten. Jene Staaten Europas aber, die ihren Luftraum sperrten haben sich vor aller Welt als fügsame Vasallen der USA geoutet. Snowden und die Feigheit der Europäer weiterlesen

Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel

 

In seiner berühmten Abrechnung mit den Feinden der Demokratie „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hat Karl Popper heftige Kritik an Marx geübt, aber eines hat er zugleich unmissverständlich klar gestellt. In einer Zeit, da alle über das unglaubliche Elend des ärmsten Teils der Bevölkerung gleichgültig hinweggeblickt haben, ja, sich sogar von einem zum Priester geweihten Christen namens Malthus dazu überreden ließen, in der Menschenschinderei und dem Menschenverschleiß in den Industriebaracken des frühen 19. Jahrhunderts eine göttliche Fügung zu sehen, weil die Erde nun einmal nicht genug Nahrung für alle Menschen erzeuge, in einer so grausamen Zeit gehörte Karl Marx zu den ganz wenigen, die ohne jede Schönfärberei Tatsachen und Täter beim Namen nannten. Jean Ziegler: Ein Aufrechter allein gegen eine Welt von Ganoven, Banditen, Söldlingen, Beutejägern,  und Raubgesindel weiterlesen

Transatlantische Besserwisser

(auch erschienen in: "scharf-links")

Irving Fisher gehörte in den zwanziger Jahren zu den gefeierten Wirtschaftswissenschaftlern, zu vergleichen nur einem Paul Samuelson oder Joseph Stiglitz in unserer Zeit. Wie nahezu alle Wirtschaftswissenschaftler von internationalem Renommee neigte auch er dazu, sich zu irren – und zwar fundamental zu irren. Transatlantische Besserwisser weiterlesen

Gutmenschen und Weltvereinfacher – ein Karussell der Narren und Idealisten

Seit Bestehen des modernen Kapitalismus, also seit etwas mehr als zweihundert Jahren steht immer dasselbe Problem im Vordergrund. Wie verhindern oder mildern wir seine grellen Ungerechtigkeiten? Gutmenschen und Weltvereinfacher – ein Karussell der Narren und Idealisten weiterlesen