Rechte und Pflichten – Lehren aus einem Krieg

Zwischen den beiden Polen von Rechten und Pflichten – den Ansprüchen des Einzelnen an die Gesellschaft und umgekehrt deren Forderungen an den Einzelnen – bewegt sich die Geschichte, seit menschliche Gemeinschaften existieren. Die überwältigende Mehrzahl aller historischen Gesellschaften – vor allem die bevölkerungsreichen Großkulturen von China über Indien und Europa bis zu denen der Neuen Welt – haben vor allem Pflichten betont, d.h. die Ansprüche der Gemeinschaft an die Einzelnen. Die Mehrheit der landwirtschaftlichen Versorger – das konnten je nach Fruchtbarkeit der Böden und der Technik ihrer Bearbeitung bis zu 90 Prozent der Bevölkerung sein – genoss entweder überhaupt keine oder nur äußerst bescheidene Rechte. Selbst auf die Wiege der Demokratie, die griechischen Stadtstaaten, allen voran Athen, trifft diese Feststellung zu. Die Sklaven waren ohnehin den Sachen gleichgestellt, d.h. dem leblosen Inventar und dem Vieh; aber selbst der freie Athener konnte sich nur im Vergleich zu den Sklaven auf bedeutende Vorrechte berufen, gegenüber den Forderungen des Staats, d.h. gegenüber den Beschlüssen der Mehrheit, war der Einzelne auch in Athen so gut wie ohne eigene Rechte. Die Gemeinschaft war alles, der Einzelne vergleichsweise nichts. Jacob Burckhardt hatte einmal gemeint, keiner seiner Zeitgenossen hätte es auch nur 24 Stunden lang in Athen ausgehalten.

Nach Weltkrieg II wurde das Verhältnis zwischen Einzelnen und Gemeinschaft nicht nur kritisiert und angezweifelt, es wurde geradezu auf den Kopf gestellt – und zwar in allen modernen Staaten des Westens. Dem Einzelnen wurden immer mehr Rechte zugesprochen, der gegenteilige Begriff, nämlich Pflichten, hat seitdem einen unangenehmen Beigeschmack angenommen. Man argwöhnt Bevormundung, Einschränkung, Verzicht. Der Einzelne sollte auf einmal alles, die Gesellschaft sollte wenig bis gar nichts sein. Mit ihrem berühmt-berüchtigten Ausspruch, dass es so etwas wie Gesellschaft nicht einmal gebe, verlieh Margaret Thatcher dieser Haltung auch ihren politischen Segen. Es galt nun als selbstverständlich, dass der Einzelne auf seine Rechte pocht und sozialer Fortschritt daran bemessen wird, in welchem Maße er sich aus sozialen Bindungen löst. „Selbstverwirklichung“ wurde zum Kampfbegriff des souveränen Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Jedes Individuum durfte und sollte sich als ein für sich bestehendes Universum verstehen, das gleichermaßen außerhalb von Raum und Zeit existiert. Die einmal übliche Verbindung zu einer Nation, einem als Heimat bezeichneten Lebensraum oder zu den in derselben Region oder derselben Stadt lebenden Menschen wurde als Einschränkung und Beengung empfunden. Wer Worte wie Heimat, Nation, Identität auch nur in den Mund nahm, machte sich reaktionären Denkens verdächtig, denn damit wurde der Einzelne auf mögliche Bindungen hingewiesen und seine Souveränität eingeschränkt. Es ist bemerkenswert, dass gerade die Feinde des souveränen Ich die Fiktion seiner Souveränität massiv gefördert haben.

Wer sind diese Feinde? Zuallererst die industriell betriebene Werbung, deren eigentlicher Zweck nicht in individueller Freiheit sondern in der Abrichtung der Bürgern zu konsumierenden Marionetten liegt. Dem Bürger qua Konsumenten wird permanent eingeredet, dass er der König sei, dessen zugleich elementares und höchstes Recht darin bestehe, in einer ewig wachsenden Ökonomie persönlich mehr und mehr materiellen Reichtum anzuhäufen. Der globale Citoyen wurde dazu erzogen, die wesentlichen Errungenschaften der modernen Zivilisation – fließendes Wasser, Elektrizität, Supermärkte und, nicht zu vergessen, das persönliche Auto – unter die elementaren Menschenrechte zu reihen, deren Gewährung man am liebsten in die Präambel moderner Verfassungen hineinschreiben würde.

Und nicht genug damit. Der Einzelne will nicht nur lebenslang konsumieren, er fordert den Staat zusätzlich noch dazu auf, ihm eine lebenslange Garantie in Gestalt eines bedingungslosen Grundeinkommens zu bieten, damit er sein Konsumrecht auch verlässlich wahrnehmen kann. Auf den ersten Blick scheint das keineswegs abwegig zu sein, immerhin hat eine reiche Minorität schon immer über ein bedingungsloses Einkommen verfügt. Wer – aufgrund eigener Fähigkeiten oder als ein vom Zufall begünstigter Erbe – über ein großes Vermögen verfügt, kann dieses durch Zinsen und Dividenden verlässlich und sozusagen mechanisch vermehren – allerdings durch den Schweiß und die Arbeit anderer. Wenn die bis dahin benachteiligte Mehrheit dasselbe Privileg nun auch für sich verlangt, dann ist das jedenfalls begreiflich. Denn der Fisch stinkt bekanntlich am Kopf zuerst – kein Wunder, dass der Rest danach ebenfalls zu stinken beginnt. Fragt sich nur, wer für so viel Bonanza bezahlen soll? Wenn alle auf Kosten aller anderen leben wollen, wer bleibt dann übrig, um für die Kosten aufzukommen? Wenn alle nur auf ihre Rechte pochen, wer schultert dann die Pflichten, womit sie verwirklicht werden?

Offensichtlich ist da etwas aus dem Takt geraten. Ein solches Ungleichgewicht, wo der Einzelne alles, die Gesellschaft nichts mehr ist, kann nicht lange bestehen. Tatsächlich hat das 21. Jahrhundert ein jähes Erwachen bewirkt, und zwar im Hinblick sowohl auf die Gesellschaft wie auf die Natur. Alle erdenklichen Rechte wurden ja nicht nur gegenüber dem Staat geltend gemacht und jede Regierung abgewählt, die sie nicht garantiert, sondern der souveräne Einzelne erhebt sie längst ebenso kompromisslos gegenüber der Natur. Die Frage, ob diese in einer Welt von bald zehn Milliarden Menschen solchen „Rechten“ gewachsen ist, wird von einer Mehrheit nicht einmal gestellt. Aber die Natur spielt nicht mehr mit, sie kann unsere überbordenden Ansprüche nicht länger erfüllen. Sie überrascht uns durch eine Umweltkrise, die weit über die des Klimas im engeren Sinn hinausreicht. Der Natur gegenüber muss sich die Weltgesellschaft – total unvorbereitet – auf einmal auf ihre Pflichten besinnen.

Und die Gesellschaft, die Spaßgesellschaft der souveränen Einzelnen? Der Krieg in Europa hat allem Spaß ein plötzliches Ende bereitet. Der Krieg an unserer Haustür führt uns das Unglaubliche zu Bewusstsein, dass es immer Zeiten gab und geben wird, in denen der Einzelne nichts, und die Gesellschaft alles ist. Krieg läuft auf die totale Niederlage des souveränen Einzelnen hinaus. Die kampffähigen Männer der Ukraine werden nicht etwa gefragt, ob sie bereit sind, für ihre Frauen und Kinder, für Nation und Heimat, zu kämpfen (viele von ihnen würden wohl am liebsten auf irgendeine Insel im Pazifik fliehen). Sie werden nicht gefragt sondern per Gesetz dazu verpflichtet und, falls sie desertieren, werden sie abgeurteilt oder erschossen. Das geschieht in der Ukraine ebenso wie in Russland, und es geschah und geschieht überall in der Welt, wo eine Regierung einen Krieg beginnt. Erbarmungslos stößt sie den souveränen Einzelnen von seinem selbsterbauten Podest und fordert von ihm die größten Opfer bis hin zum eigenen Leben, ohne sich um seine Zustimmung zu kümmern. Wie unter Hitler, Stalin und gegenwärtig unter ihrem Nachfolger Putin kann der brutale Eingriff in die persönliche Souveränität bloßer Diktatorenwillkür geschuldet sein oder -wie gegenwärtig in der Ukraine – der Notwehr zum Zwecke des Überlebens.

Diese plötzliche Demontage des souveränen Einzelnen, erscheint vielen Menschen im Westen als schlechthin unfassbar. Denn die meisten glauben noch immer, sich selbst alles und den anderen nichts schuldig zu sein. Unterschwellig hatte sich der Wandel jedoch schon früher vorher angekündigt. Der weltweite Protest gegen Kapitalismus und seine neoliberale Variante ist Ausdruck einer latenten Ambiguität, die sich geradezu als Widerspruch manifestiert. Man verdammt den Egoismus, der in beiden Ismen so sichtbar zum Ausdruck kommt, doch tut man es im Namen eines Egozentrismus, der auf den eigenen individuellen Ansprüchen besteht. Die extreme Rechte ebenso wie ihr scheinbares Gegenteil, die extreme Linke, hatten der Selbstverwirklichung der Einzelnen immer schon die des Kollektivs gegenübergestellt. Wie immer, wenn das Pendel der sozialen Entwicklung in einer Richtung zu weit ausschlägt, bilden sich Gegenbewegungen, die auf das Extrem in der entgegengesetzten Richtung zielen. Die westlichen Gesellschaften haben den Kult des Einzelnen bis zur sozialen Auflösung betrieben; die Gegenkräfte, deren führender Propagandist Wladimir Putin ist, wollen die Einzelnen zu einem einzigen Körper zusammenschweißen, der dem Führer zur Not bis in den eigenen Untergang folgt. Viele Rechte haben mehr oder weniger offen mit dem wiedererstandenen Kollektivismus liebäugelt.

Wenn von Gemeinschaft die Rede ist, sollte man nicht auf die Verführer und Populisten hören, also auf die Fanatiker von rechts oder links. Doch ebenso wenig sollte man ihre Botschaft überhören. Niemand lebt auf einer Insel, der Mensch ist ein zoon politikon, wie schon Aristoteles wusste. In seinem Denken, seiner Weltanschauung, aber ebenso in seinem täglichen Benehmen und Umgang ist jeder von uns zutiefst geprägt von der eigenen Umgebung – gleichgültig ob er das zugibt oder nicht. Gerade weil Goethe, Heinrich Heine oder Thomas Mann, weil Schopenhauer und Nietzsche so tief in ihrer Umgebung verwurzelt waren, konnten sie zugleich auch Weltbürger sein.

Doch diese Verwurzelung ist heute bedroht. Die moderne Technogesellschaft hat einen Prozess eingeleitet, der eine zunehmende Zahl von Menschen in anonyme Funktionen zur Aufrechterhaltung des ökonomischen Apparats transformiert. Menschen aber lassen sich nicht dauerhaft auf Funktionen und Maschinen reduzieren, ohne dass daraus eine schwelende Unzufriedenheit und wachsender Widerstand erwächst. In mehreren westlichen Staaten hat die extreme Rechte diese Unzufriedenheit wahrgenommen und begründet damit ihre Forderung nach Gemeinschaftsgefühl, nach nationaler Identität und Solidarität. Das wäre an sich nicht verwerflich, hätte sie diese Forderung nicht von Anfang an mit Aufrufen zu primitivem Hass begleitet: Hass auf alles Andersartige und Fremde. Dennoch: die Antwort auf die Populisten und Demagogen muss mehr sein als ein bloßer Kampf gegen die Rechte. Man muss die Not erkennen, die ihr Aufkommen erst ermöglicht hat – Entwurzelung und zunehmende zwischenmenschliche Sprachlosigkeit.

Europa – keinesfalls aber die übrige Welt – hat siebzig Jahre Frieden und Wohlstand genossen. Es hat davon ein solches Übermaß gekostet, dass seine Bürger schließlich nur noch an Rechte dachten – von Pflichten wollten sie nichts mehr hören. Ein ganzes Jahrzehnt nach dem Fall des Eisernen Vorgangs herrschte sogar die Illusion, dass nun ein Zeitalter ewigen Friedens begonnen hätte. Die totale Vereinnahmung des souveränen Einzelnen durch den Krieg würde es nie wieder geben. In Wahrheit war der Endkampf im Rennen der drei atomaren Supermächte um die Weltherrschaft nur für kurze Zeit aufgeschoben. Die Ukrainer hatten das zu ihrem Unglück bis zuletzt nicht bemerkt. So beharrten sie auf dem Recht, frei zwischen dem Westen und Russland zu wählen. Diese Freiheit hat Putin dem “slawischen Brudervolk“ nicht gegönnt. Für diese Freiheit mussten die Ukrainer mit der Ermordung ihrer Bürger und dem Zerbomben ihrer Städte bezahlen.

Wenn Europa verhindern will, dass seine Menschen ebenso ermordet und seine Städte genauso verwüstet werden, muss es ebenfalls auf die freie Wahl zwischen den Blöcken verzichten. Ob unsere Intellektuellen dies wollen oder nicht – und die meisten von ihnen wollen es eindeutig nicht! – müssen wir uns dennoch unmissverständlich entscheiden: zwischen amerikanischer Plutokratie plus militärisch-ökonomischem Komplex und russischer Diktatur, hinter deren ziviler Fassade Geheimdienst und Militär die Fäden ziehen. Die Verteidigung Europas durch die USA während des Kalten Krieges und jetzt das in seiner Brutalität kaum zu überbietende Vorgehen Russlands in der Ukraine haben uns diese Entscheidung zwar leicht gemacht, aber für Europa läuft sie auf ein hohes Maß von Abhängigkeit hinaus, Abhängigkeit von dem transatlantischen Bruder. Europas Verteidigung wird ohne die USA undenkbar sein – und selbst mit unserer Wirtschaft werden wir in Zukunft am Energietropf der Vereinigten Staaten hängen. Denn der Kampf um den Primat, die kommende Weltordnung zu bestimmen, wird in Zukunft keinen Augenblick abflauen sondern sich nur verschärfen, da die Vorwarnzeit für den nuklearen Erstschlag sich mit jedem Jahr weiter verkürzt und alle nur noch rüsten und rüsten – nicht nur die Vereinigten Staaten sondern ebenso ihre Rivalen, die sich nach außen als Propagandisten einer multipolaren Weltordnung gebärden und die doch mit aller Kraft danach streben, den bisherigen Primus von seinem Platz zu verdrängen, um selbst an der Spitze zu stehen.

Im besten Fall führt das zu mehr Solidarität – Solidarität aber heißt nichts anderes als ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Rechten und Pflichten: die Rückkehr zu mehr Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Doch auch an den schlimmsten Fall müssen wir denken. Dann wird in Europa dasselbe geschehen wie längst in Russland und vor kurzem noch in den USA unter Trump: Grundrechte werden ausgehöhlt, um die Gesellschaft nach außen schlagkräftiger zu machen und nach nach innen die Herrschaft der Besitzenden zu zementieren.