Jenner – Radkau

171229:

An:joachim.radkau@uni-bielefeld.de

Sehr geehrter Herr Prof. Radkau,

ich habe Sie gestern im österreichischen Rundfunk (Oe1) reden hören. Sie machten deutlich, wie wenig wir die Zukunft tatsächlich kennen. Zu diesem Thema haben Sie, wie ich bei der Gelegenheit gleichfalls erfuhr, in diesem Jahr ein Buch bei Hanser veröffentlicht. Ich glaube, dass wir zukunftsblind auch in Bezug auf den Zeitenbruch sind, der sich in Gestalt der Digitalen Revolution gerade ereignet. Ian Morris hat die wesentlichen Tief- und Höhepunkte menschlicher Geschichte anhand weniger Kriterien zu beschreiben versucht. Vermutlich sind wir gerade im Begriff einen solchen Punkt (hoch oder tief – das ist die Frage!) neuerlich zu durchlaufen.

Herr Ulrich von Weizsäcker hat das Manuskript als einen ‚wunderbaren Text’ bezeichnet; der Chef-Lektor des Hanser-Verlags, Herr Christian Koth, war leider nicht so wohlgesonnen. Er glaubte sich nicht sicher zu sein, ob das Buch eine ausreichende Zahl an Lesern finden würde, um für den Verlag zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu werden.

Auch in meiner Arbeit geht es um die ‚Geschichte der Zukunft’.  Einige Gedanken von ‚Tischlein deck dich DIGITAL – auf dem Weg zum Frieden mit Mensch und Natur?’ (den Titel habe ich danach noch abgeändert) könnten Sie vielleicht interessieren. Jedenfalls würde ich mich glücklich schätzen, wenn Sie einen Blick hineinwerfen könnten (Glanz und Schatten menschlichen Fortschritts, (http://www.gerojenner.com/zfilesz/Glanz-und-Schatten-menschlichen-Fortschritts.pdf).

 

Mit den besten Wünschen zum Neuen Jahr

Gero Jenner

180103:

Am 03.01.18 09:16 schrieb „Dr. Gero Jenner“ <info@gerojenner.com>:

Sehr geehrter Herr Radkau,

es hätte natürlich genau umgekehrt verlaufen müssen: Erst hätte ich Ihr Buch lesen sollen und allenfalls anschließend wagen, Sie auf eigene Gedanken zum Thema aufmerksam zu machen. So muss ich mir eingestehen, gleich gegen mehrere Ihrer zehn Gebote verstoßen zu haben. Zwar steht die grundsätzliche Unvorhersehbarkeit der Zukunft für mich außer Frage, jedenfalls soweit sie vom Menschen mit seinem Wollen und Wünschen herbeigeführt wird (denn die Ordnungen der Natur, die unabhängig von diesem Wollen und Wünschen bestehen (Planetenbahnen, Kraftwerke etc.), sind ja durchaus berechenbar – ebenso wie unsere auf den Gesetzen der Natur begründete Apparatewelt. Die beiden ersten ‚Weltuntergänge’ habe ich mit dem ausdrücklichen Zweck besprochen, diese Unvorhersehbarkeit zu illustrieren.

Doch dann erliege ich doch der von Ihnen so heftig getadelten Versuchung, mich in meinem Ausblick auf die Zukunft von eigenen Wünschen leiten zu lassen. Denn zweifellos sehne ich ja eine Welt herbei, in der ein forcierter Konsum nicht länger nötig ist, um die Produktionsmaschinerie am Laufen zu erhalten, eine Welt, die nicht länger dem Diktat der Ökonomie gehorcht. Die Digitale Revolution könnte aus meiner Sicht eine Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung sein – allerdings auch nicht mehr, so sage ich jetzt nach der Lektüre Ihres Buches: eine Möglichkeit neben vielen anderen, eher unheilvollen Szenarien, die ebenso denkbar sind.

Wie Karl Popper in der ‚Offenen Gesellschaft’ plädieren auch Sie für eine Politik der kleinen und vorsichtigen Schritte. Auch Rüdiger Safranski hat den Deutschen ja vorgeworfen, dass sie dazu neigten, die Romantik allzu leichtfertig in die Politik zu tragen, wodurch dann das größte Unheil entstehen könne. Ich habe Popper immer für sein strenges und doch offenes Denken bewundert. Und ganz wie Sie glaube ich ebenfalls, dass verantwortungsvolles politisches Handeln in einer modernen Industriegesellschaft nur schrittweise erfolgen darf, damit die Auswirkung jeder Maßnahme im Nachhinein sorgfältig überprüft werden kann. Dennoch habe ich Poppers Maxime nie ohne Vorbehalt beipflichten können, denn menschliche Wünsche werden durch Bilder, Hoffnungen, manchmal durch mächtige Träume viel eher bestimmt als durch das Handeln nüchtern kalkulierender Ingenieure. Das wissen Sie als Historiker natürlich viel besser als ich. Francis Bacon hatte die ganze Industrielle Revolution zweihundert Jahre vor ihrem tatsächlichen Eintreffen schon vorausgeahnt und -gesehnt. Das war eine Vision, die dann Wirklichkeit wurde – und es war nur eine säkulare Vision von einem materiell bewirkten Wohlergehen. Ideologien mit religiösen oder quasi-religiösen Inhalten wie die eines Kaufmanns aus Medina oder die eines deutschen Gesellschaftstheoretikers aus Trier können wie Blitze einschlagen und die Welt für Jahrhunderte verändern, obwohl sie nichts als Bilder, Hoffnungen, Visionen sind, meist noch dazu von überaus vager Art.

Aber Sie haben natürlich Recht: Im Nachkriegsdeutschland sind wir von Visionen erst einmal gründlich geheilt. Aber bedeutet das auch, dass sie ihre Faszination deswegen für alle Zeit eingebüßt haben? Sie selbst weisen daraufhin, dass Religionen neuerdings wider Erwarten ein Comeback erleben.

Nach der Lektüre Ihres Buches habe ich einige Ihrer kritischen Gedanken in meiner Arbeit aufgegriffen – ohne allerdings nachhaltig von meinen Wunschvorstellungen geheilt zu sein. Wenn Sie es so streng wie Moses mit Ihren zehn Geboten meinen, finde ich sicher keine Gnade in Ihren Augen.

Mit freundlichen Grüßen nach Bielefeld

Gero Jenner

Die revidierte Arbeit (http://www.gerojenner.com/zfilesz/Glanz-und-Schatten-menschlichen-Fortschritts.pdf)

180109:

Am 09.01.2018 um 11:29 schrieb Joachim Radkau <joachim.radkau@uni-bielefeld.de>:

Lieber Herr Jenner,
herzlichen Dank für Ihre beiden Mails, die mich sehr gefreut haben und mir Stoff zum Nachdenken geben. Momentan kann ich nicht in gleicher Ausführlichkeit antworten, und vielem, das Sie schreiben, stimme ich ganz zu. Jetzt nur dies: Gerade mit dem von Ihnen angesprochenen Thema „Vision“ bin ich noch überhaupt nicht fertig; das geht aus dem angehängten Exposé für einen Vortrag hervor, den ich vor einem Monat in Köln gehalten habe. Und auch die digitale Revolution ist ein unendliches Thema; mein Freund Thomas Gorsboth, Dozent an der Akademie der IG Metall in Bad Orb, hat mich mit Material darüber geradezu überschüttet, wobei ich jedoch immerfort hin und her gerissen wurde; das spiegelt sich im Kapitel 11 der „Geschichte der Zukunft“. In letzter Zeit betrübt mich die Aussicht, dass als Folge der digitalen Revolution viele Geschäfte – nicht zuletzt die Buchhandlungen! – einzugehen und viele Innenstädte zu veröden drohen. Oder sind Sie da nicht so pessimistisch?
Neugierig hab ich mir den Wikipedia-Artikel über Sie und Ihre ungewöhnliche, sehr bewegte Lebensgeschichte ausgedruckt. Da haben Sie ja auch zum Thema „Zukunft“ ganz ungewöhnliche Hintergründe! Nach Japan habe ich eine ganze Reihe Kontakte, könnte jedoch auf Anhieb nicht sagen, wie man dort die Zukunft sieht, konfrontiert mit China und durch keine EU geschützt.
Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen für das neue Jahr
Joachim Radkau

181016:

Von: Dr. Gero Jenner <info@gerojenner.com>
Gesendet: Dienstag, 16. Oktober 2018 09:51:39
An: Radkau, Joachim
Betreff: Re: Zukunft und Geschichte

Lieber Herr Radkau,

mittlerweile habe ich Ihr Buch sorgfältig gelesen und bin mit vielem einverstanden, wenn auch etwas ratlos, da Sie jede These sogleich durch ihr Gegenteil relativieren. Am Ende erscheint der von Ihnen behandelte Geschichtsabschnitt wie ein Labyrinth – so wie er wohl vielen Akteuren selbst erscheinen musste. Gegenwartsgeschichte brennt uns wohl immer zu sehr auf der Haut, sie folgt zu vielen divergierenden Richtungen, um eine klare Linie in ihr zu erkennen.

Meine Arbeit über die Digitalisierung habe ich übrigens erst einmal auf Eis gelegt, da die drei Publikumsverlage, denen ich sie präsentierte, sich nicht zum Druck entschließen wollten. Einer von ihnen verstieg sich sogar zu der Ansicht, dass das Thema „randständig“ sei.

Stattdessen habe ich mich nun an ein altes Projekt gewagt, das Ihnen tollkühn erscheinen mag – und es wohl auch ist. Wie Sie aus meinem Lebenslauf wissen, habe ich mich ausgiebig mit den großen Kulturen Asiens beschäftigt und zudem mit Max Weber,der für mich die eigentliche wissenschaftliche „Erleuchtung“ war: Ich verdanke ihm meine intellektuelle Erziehung und Neugier. Inzwischen hat allerdings die angelsächsische anthropologische und allgemeine Geschichtsliteratur (ich denke an Jared Diamond, Marvin Harris, Ian Morris, Yuval Noah Havarie, Paul Kennedy, Daran Acemoglu usw.) den Forschungshorizont enorm erweitert Jedenfalls stachelte mich all dies dazu an, mich auf die Suche nach  Sinn und Ziel der Geschichte zu machen. Vielleicht interessiert Sie ja, zu welchen Schlüssen ich dabei gelange (die Arbeit ist unter folgendem privatem Link abzurufen “ http://gerojenner.com/mfilesm/SinnundZiel.pdf „).

Herzliche Grüße nach Bielefeld

Gero Jenner

181018:

Am 18.10.2018 um 19:15 schrieb Radkau, Joachim <joachim.radkau@uni-bielefeld.de>:

 

Lieber Herr Jenner,

bitte nennen Sie mir Beispiele, wo ich eine These „sogleich durch ihr Gegenteil relativiere“! Mir selbst ist dieses Hin und Her gar nicht so bewusst.

Ah, Max Weber war für Sie „die eigentliche wissenschaftliche Erleuchtung“. In gewissem Sinne auch für mich. In der gekürzten dtv-Ausgabe meines „Weber“ handeln S. 671 ff. von seiner Beschäftigung mit den altasiatischen Hochkulturen.

Aussagen über „Sinn und Ziel der Geschichte“ wage ich nicht, auch wenn ich insgeheim hoffe, all dieses Auf und Ab der Geschichte muss doch am Ende einen Sinn haben.

Herzliche Grüße

Joachim Radkau

181019:

Von: Dr. Gero Jenner <info@gerojenner.com>
Gesendet: Freitag, 19. Oktober 2018 09:24:24
An: Radkau, Joachim
Betreff: Re: Zukunft und Geschichte

Lieber Herr Radkau,

herzlichen Dank für den Hinweis auf Ihr Buch über Max Weber. Ich habe es mir soeben elektronisch auf meinen ebook-reader geladen und freue mich auf die Lektüre. Was meine Äußerung über Thesen und Gegenthesen betrifft, so bin ich Ihnen Rechenschaft schuldig und werde mich demnächst wieder melden.

Lassen Sie mich zu meiner eigenen Arbeit noch bemerken, dass es vielleicht kein so großes Wagnis ist, über das Ziel von Geschichte zu reden, da so unbestrittene Geistesgrößen wie Kant, Toynbee, Russell, Einstein, Aron, aber auch Ernst Jünger es bereits vorher in so deutlichen Worten taten.

Viel schwieriger scheint es, über den Sinn von Geschichte zu reden. Aber wenn es stimmt, dass wir den biologischen Rassismus überwunden haben, weil wir wissen, dass der Mensch seit mindestens 50 000 Jahren genetisch ein und derselbe ist und es keine höher- oder minderrangigen Menschen (Rassen) gibt, dann ist es vielleicht auch kein allzu großes Wagnis, auch den moralischen Rassismus zu überwinden und nachzuweisen, dass der Mensch auch in dieser Hinsicht über seine ganze dokumentierte Geschichte – im Guten wie im Bösen – immer derselbe war.

Die Frage ist allerdings, ob ich das Recht habe solche Thesen zu verfechten, vergleiche ich nämlich mein eigenes Wissen mit dem anderer – zum Beispiel mit dem Wissen eines Hans Peter Duerr – dann muss ich es ehrlicherweise als geradezu null bezeichnen. Was ich für mich beanspruche ist allein eine gewisse Folgerichtigkeit der Argumentation und Offenheit gegen alle widerstreitenden Einwände, also die Fähigkeit, Gedanken gegeneinander abwägen zu können.

Viele Grüße nach Bielefeld

Gero Jenner

181019:

Am 19.10.2018 um 17:54 schrieb Radkau, Joachim <joachim.radkau@uni-bielefeld.de>:

Lieber Herr Jenner,

haben die von Ihnen genannten Geistesgrößen wirklich so eindeutige und übereinstimmende Aussagen über das Ziel der Geschichte gemacht? und meinen Sie das erhoffte oder das vermutlich zu erwartende Ziel der Geschichte? Doch die Geschichte im historischen Sinn ist keine Story; kann sie überhaupt ein Ziel haben?

Viele Grüße

Joachim Radkau

181019:

Von: „Dr. Gero Jenner“ <info@gerojenner.com>

Betreff: Aw: Zukunft und Geschichte

Datum: 19. Oktober 2018 um 18:03:46 MESZ

An: „Radkau, Joachim“ <joachim.radkau@uni-bielefeld.de>

Lieber Herr Radkau,

Kant, Russell, Toynbee und Einstein haben, wenn ich den Sinn ihrer diesbezüglichen Äußerungen nicht total missverstehe, eindeutige Aussagen gemacht (ich zitiere diese Aussagen in meiner Arbeit). Ihre Frage, ob sie dieses Ende erhoffen oder sich nicht eher damit abfinden wie mit einem für das Schicksal des Menschen unvermeidbaren Übel, ist weniger leicht zu beantworten. Ich jedenfalls bekenne mich zu der zweiten Auffassung.

Herzliche Grüße

Gero Jenner

181028:

Von: Dr. Gero Jenner <info@gerojenner.com>
Gesendet: Sonntag, 28. Oktober 2018 10:24:46
An: Radkau, Joachim
Betreff: Fwd: Zukunft und Geschichte

Lieber Herr Radkau,

zu Anfang musste ich gegen ein gewisses Unbehagen ankämpfen: das muss ich schon zugeben. Jenen frei im Reich des reinen Geistes schwebenden Mann, Max Weber, den ich bis dahin so sehr verehrte, auf einmal zwischen dem ehelichen und den Betten von Mina Tobler und Else Jaffé umherirren zu sehen, erschien mir zunächst wie eine Entweihung. Natürlich hatte die Verstörung auch damit zu tun, dass ich Ihrem Ratschlag gefolgt war und weit in der zweiten Hälfte, wo von Webers Beschäftigung mit Indien und China die Rede ist, mit der Lektüre begonnen hatte. Übrigens mit der Lektüre auf Englisch, denn als ich das ebook anforderte, übersah ich, dass da „Biography“ stand und nicht „Biographie“ – offenbar liegt die digitale Ausgabe nicht im Original vor (oder ist jedenfalls nicht über Amazon für den Kindle erhältlich).

Je länger und je tiefer ich mich in Ihr Buch versenkte – natürlich holte ich den versäumten ersten Teil nach Abschluss des zweiten sofort nach – desto mehr leuchtete mir dann allerdings Ihr Vorgehen ein, den ganzen Max Weber in den Blick zu bekommen. Ja, auch Ihre oft unverhüllte Kritik an dem großen Mann erwies sich als bereichernd, denn Sie zeigt, was jeder auch an sich selbst erfährt, wenn er nur mutig genug dazu ist, es sich einzugestehen: Niemand ist aus einem Guss gefertigt, sondern da gibt es immer mehr oder weniger verborgene Risse und gegensätzliche Impulse. Gerade aus solchen Rissen und Gegensätzen entspringt aber der Wille, zu jenen Gedanken vorzustoßen, die dann einen existenziellen Wert für das eigene Leben entfalten. Max Weber war, so sehe ich es nach der Lektüre Ihres Buches nur umso deutlicher, ein genialer Vereinfacher, weil er dort Strukturen und Ordnungen sichtbar machte, wo andere nur eine scheinbar unentwirrbare Wirklichkeit erblickten. Herrschaftsformen ordnete er im Hinblick auf ihre Legitimation, Religionen im Hinblick auf ihre gestaltende Kraft für das Leben der Gläubigen zu wenigen Typen.

Zu vereinfachen ohne zu simplifizieren – Letzteres kommt natürlich viel öfter vor und zieht dann statt Bewunderung nur Hohn und vernichtende Kritik auf sich – mit diesem Zauberstab machte Weber übersichtlich, was bis dahin als unentwirrbar erschien. Übrigens erklärt sich die Ratlosigkeit, die ich bei der Lektüre Ihres Buch „Die Ära der Ökologie“ empfinde, durch Ihren Verzicht auf einen solchen Zauberstab. Während es dem Buch über Max Weber so gut tut, dass Sie sich auf jede nur erdenkliche, durch die Quellen gerechtfertigte Art dem Mann zu nähern versuchen und dem Verständnis damit immer größere Tiefen erschließen, hat das im Prinzip gleiche Vorgehen in der „Ökologie“ mich eher verwirrt. Das Buch über Weber entfaltet einen unwiderstehlichen Sog, der den Leser während der ganzen Lektüre nicht loslässt. Das Buch über Ökologie ist, so sehe ich es, eine Enzyklopädie mit den Vor- und Nachteilen einer solchen: Man kann es nicht in einem Atemzug lesen.

Ich selbst habe zweifellos einen Hang und ein Bedürfnis nach Vereinfachung, fragt sich nur, ob für geniale oder eine, die Spott verdient? Bin ich nicht zum Beispiel naiv, wenn ich ungeprüft Zahlen übernehme, die möglicherweise durchaus anfechtbar sind, zum Beispiel in der folgenden Passage:

„So hatte man überall in Europa die Wälder großflächig für den Schiffsbau, die Eisengewinnung und die Glaserzeugung geopfert. Um 1550 waren nur noch zehn Prozent Englands und Schottlands bewaldet, zwei Jahrhunderte später dann nur noch fünf Prozent. Beide Länder waren so gut wie vollständig entwaldet. Die Schlägerung hatte Holz immer teurer gemacht, man sah sich deshalb nach anderen Energiequellen um. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab, denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt.“ (Zahlen ausMorris 2010, Pos. 6973. Damit das Buch nicht gespickt mit Fußnoten ist, gebe ich nur am Ende der Kapitel die Werke an, denen ich diese Zahlen entnehme).

Sie selbst äußern sich – zumindest im Hinblick auf die Verhältnisse in Deutschland – sehr skeptisch über die Holzknappheit im 18. Jahrhundert. Das mag schon richtig sein. Aber angenommen, die Zahlen von Morris wären grob übertrieben, so wäre dies für meine Argumentation im Grunde nicht sonderlich von Belang, denn es steht ja zweifellos fest, dass der exponentiell steigende Energieverbrauch im 19. Jahrhundert die Wälder innerhalb kürzester Zeit in ganz Europa restlos vernichtet hätte, wenn Kohle nicht abgebaut worden wäre, und zwar mit Hilfe von Pumpen aus der Tiefe der Erde, denn die oberflächlich zugänglichen Lager hätten eben auch schon sehr bald nicht mehr gereicht.McNeill, den Sie gleichfalls zitieren, hat sicher recht. Es gab da nun wirklich „Something New under the Sun“.

Auf die von Ihnen in Ihrer letzten Mail gestellte Frage, ob das Ziel der Geschichte (wenn es denn eines gibt), nur „erwartet“ wird oder „erhofft“ werden könne, hatte ich geantwortet, dass ich darin ein „unausweichliches Übel“ sähe. Ich hätte hinzufügen müssen, dass man aber umgekehrt auch einen Segen darin erblicken könne, nämlich im Vergleich mit jenem apokalyptischen Übel der Selbstvernichtung, das wohl andernfalls unser Schicksal ist. Aus Ihrer Bemerkung über Karl Jaspers glaube ich die gleiche Einstellung herauszuhören. Sie schreiben:

„Karl Jaspers,dessen Philosophie um »Grenzsituationen« kreiste und der sich im Austausch mit der befreundeten Hannah Arendt in ein Horrorbild vom Totalitarismus hineinsteigert, brachte es fertig, in seiner Schrift „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ (1958) mit erbarmungsloser fundamental-ethischer Konsequenz zu räsonieren, in der Abwehr dieser existenziellen Gefahr dürfe man nicht mehr von der Prämisse ausgehen, »um jeden Preis müsse die Menschheit am Leben bleiben«.“

Herzliche Grüße

Gero Jenner

181103:

Lieber Herr Jenner,

ganz herzlichen Dank für Ihre so inhaltsreiche Mail! Sie hat bei mir Erinnerungen an die Genese meines „Max Weber“ wachgerufen. Die war ein ziemliches Drama. Über Jahre hatte ich Tausende von Karteikarten angesammelt; doch es erschien mir immer hoffnungsloser, in all das einen Pfiff, einen Leitgedanken, eine Message hineinzubringen. Diese Frustration hat mich ein halbes Jahr regelrecht geistig gelähmt. Doch dann überkam es mich; und eine lange Phase wilder Schaffenseuphorie begann.

Nicht ganz ohne Bedeutung für diese Wende war Folgendes: Von Weberianer-Insidern wurde mir wiederholt zugeraunt, zum Verständnis Webers seien seine Liebesbriefe an Else Jaffé unerlässlich, doch an die werde niemand herangelassen, und daher gebe es bislang keine überzeugende Weber-Biographie. Da kam mir zu Ohren, dass ein alter Soziologe hier in der Nähe durch Verbindungen zu Weber-Erben eine Masse Kopien vom Nachlass geerbt habe; der lasse da jedoch keinen heran. Da bin ich, mit einer Flasche Sekt bewaffnet, mit einer reizvollen Deutschtürkin, die über Marianne Weber arbeitete, bei ihm angerückt — und hatte Erfolg! Und da waren tatsächlich Kopien der Else-Briefe dabei! Dass ich daran gekommen war, muß sich, noch bevor ich meinen „Weber“ publizierte, wie ein Lauffeuer in der internationalen Weber-Szene herumgesprochen haben. Ein Kollege berichtete von einer Weber-Tagung in den USA, als das dort bekannt geworden sei, habe man von nichts anderem gesprochen.

Sie sehen, in meinem „Weber“ ist einiges von Höhen und Tiefen meiner eigenen Lebensgeschichte versteckt; das sensibilisierte mich für das Auf und Ab bei Weber.

Über die von mir vor bald 40 Jahren angestoßene „Holznot-Kontroverse“ gibt es übrigens mittlerweile einen ganzen Wikipedia-Artikel. Doch das ist ein riesiges Thema; wenn ich damit anfinge, säße ich noch um Mitternacht am PC. Mein Buch „Holz“ ist übrigens nicht nur ins Engliche, sondern auch ins Japanische übersetzt; auf einer Vortragreise durch Japan vor drei Jahren begleitete mich der Übersetzer, ein alter Forstmann (der nach Fukushima auch meine „Atomwirtschaft“ übersetzt hatte), Seele von Mensch.

Gerade hab ich mir über amazon Ihre „Energiewende“ bestellt. Ich bin von der Vielseitigkeit Ihrer Publikationen beeindruckt!

Herzliche Grüße

Joachim Radkau

181104:

Lieber Herr Radkau,

Sie haben ein schönes deutsches Sprichwort für sich genutzt: Etwas durch die Blume sagen, um etwas anderes unausgedrückt zu lassen. Die Blume ist in diesem Fall die „Energiewende“, das andere sind „Sinn und Ziel“. Aber beide Arbeiten unterscheiden sich doch sehr voneinander. In „Sinn und Ziel“ habe ich mehr abgeschrieben als in irgendeinem anderen Buch, zugleich aber auch mehr eigene Gedanken entwickelt. Zum Beispiel habe ich eine wichtige Erkenntnis Max Webers aufgegriffen, die in Ihrer Biographie – falls ich sie dort nicht überlesen habe – ganz übergangen wird, dass nämlich der Kapitalismus zu Anfang der historisch belegten Entwicklung Indiens und Chinas viel größere Chancen hatte als nach der Konsolidierung beider Länder. Meine ganze Exposition der „Streitenden Reiche“ – damals wie in der Gegenwart – ist im Grunde nichts anderes als eine Fortführung dieses Gedankens. Auch was ich als „agrarisches Abhängigkeitsgesetz“ bezeichne, erscheint evident, wurde aber meines Wissens bisher niemals mit gleicher Deutlichkeit ausgesprochen, weil man seine Bedeutung erst dann wirklich erkennt, wenn man die beiden Epochen der Jäger und Sammler und der fossilen Ära dagegenhält.

Auch die berüchtigte Kälte Max Webers dürfte etwas auf mich abgefärbt haben. Wenn ich von der Kindestötung, der eisernen Wand der Ressourcenknappheit, aber auch davon spreche, dass die fossile Epoche mit größter Wahrscheinlichkeit mit einem Ablaufdatum markiert ist, so werden das manche sehr ungern lesen. Der Grundtenor meiner Arbeit ist, denke ich, trotzdem ermutigend: Er besteht in einem entschiedenen Protest gegen den moralischen Relativismus und der Überzeugung, dass es sehr wohl ein „universales“ Gewissen gibt.

Gerade was letzteren Punkt betrifft, hätte ich gern eine Kritik von Ihrer Seite gehört. Ist die Unterscheidung von unmittelbarem situationsbedingtem Nutzen, der menschliches Handeln in der Regel bestimmt, und einem Gewissen, das sich auf indirekte Art, aber, wie ich meine, deutlich genug bekundet, bloße Spekulation oder muss man nicht anerkennen, dass sie ein „idealtypisches“ gedankliches Gerüst darstellt, dass den Fakten jedenfalls nicht widerspricht – ich meine sogar, sich aus ihnen ableiten lässt?

/…/

Was die „Energiewende“ betrifft, so sind die Rechte an mich zurückgefallen, da der Propyläen-Verlag keine weitere Auflage plant. Daraufhin habe ich folgendes Resumee an die Verlagsleitung geschickt:

Sehr geehrter Herr Steskal,

ich habe die Frau Bremer im Ullstein-Verlag angeschrieben, um die Rechte an der Energiewende zurückzufordern, da, wie ich annehme, das Buch bei Ihnen nicht länger erscheint. Ich will es auf meiner Website veröffentlichen.

Es tut mir natürlich leid, dass das Buch so wenig Anklang beim Publikum fand. Dafür gab es allerdings Gründe. Ich habe diese bei mir selbst gesucht und möchte sie Ihnen nicht vorenthalten, denn Autor und Verlag sind ja gleichermaßen von einem Misserfolg betroffen.

Mit freundlichen Grüßen

Gero Jenner

Bemerkungen des Autors zwölf Jahre nach Erscheinen der Energiewende

Es werden drei Themenkreise behandelt, erstens, die Drei-Phasen-Entwicklung von Industriestaaten im globalen Wettbewerb, zweitens, die Energiewende als Ersetzung fossiler und nuklearer durch erneuerbare Energiequellen und, drittens, der logische Zusammenhang zwischen beiden.

Die Energiewende wird in diesem Buch als „nationales Projekt“ bezeichnet – fünf Jahre bevor Angela Merkel sie aufgrund des GAUs in Fukushima dann tatsächlich dazu machte! Im Übrigen war es 2006 noch möglich, über diese Wende mit ziemlicher Naivität zu reden. Auch die größten Optimisten haben seitdem leider einsehen müssen, dass der Übergang viel schwieriger ist, als wir es uns damals vorgestellt haben. Vom Ziel allerdings werden wir wohl kaum abrücken können. Die fossilbedingten Umweltprobleme scheinen ebenso unlösbar zu sein wie jene, welche sich aus der Nutzung der Atomenergie ergeben. Eine erneuerbare Energieversorgung ist grundsätzlich möglich, allerdings nur, wenn wir den weltweiten Verbrauch wesentlich reduzieren.

Bis heute einverstanden bin ich mit der hier vorgetragenen Analyse der dreistufigen industriellen Entwicklung im Zeitalter der Globalisierung. England, die südlichen Staaten Europas, Frankreich, aber vor allem die Vereinigten Staaten mit den sterbenden Industrien im sogenannten „Rust Belt“ sind nach einer Aufschwung- und Sozialstaatphase (Wohlstandsphase) in eine neoliberale Drittphase hineingeschlittert, wo viele der sozialstaatlichen Errungenschaften nach und nach wieder aufgehoben werden. Das ist mit der Agenda 2010 unter Schröder auch in Deutschland geschehen, nur ist unser Land glücklicherweise immer noch innovativ genug, um den Herausforderungen des globalen Wettbewerbs bis heute recht gut zu widerstehen – nicht zuletzt profitiert Deutschland für seinen Export auch vom schwachen Euro. Ich habe die dritte Phase mit einem etwas schrillen Begriff als „Ausverkaufsphase“ bezeichnet. Besser sollte wohl von einer „Abschwungphase“ die Rede sein.

Der logische Konnex bringt den Kerngedanken des Buches zum Ausdruck. Die dreiphasige Entwicklung der Industriestaaten beruht auf ihrer Abhängigkeit von fossilen Ressourcen, denn diese zwingt sie in einen globalen Wettbewerb mit den jeweiligen Billiganbietern – aus diesem Wettbewerb ergibt sich der Übergang vom Schwellen-, zum Sozialstaat bis zur neoliberalen Abschwungphase. Nur die völlige Aufhebung dieser Abhängigkeit, d.h. eine vollständige Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien, kann diesen „race to the bottom“ beenden. Die Energiewende ist nicht nur ökonomisch notwendig, sie ist außerdem noch ein Friedensprojekt.

Die Argumentation ist für mich heute genauso schlüssig wie 2006. Aber das Buch war kein Erfolg, auch wenn es, meines Wissens, keine negative Kritik bekommen hat: Es wurde schlicht übersehen. Im Nachhinein ist der Grund für mich einsehbar. Er geht aus dem Verhältnis der Seiten hervor, die ich den drei Themenkomplexen widme: dem Drei-Phasen-Modell 138 Seiten (29 – 167 in der Propyläenausgabe), der Energiewende 10 Seiten (177 – 216), dem logischen Konnex 39 Seiten (177 – 216). Damals gab es eine große Zahl von Enthusiasten, die das Thema erneuerbare Energie sehr stark bewegte. Das Buch musste sie natürlich enttäuschen, da der Akzent auf der Analyse der industriellen Entwicklung lag. Anders gesagt, rief der Titel falsche Hoffnungen wach; er hätte ganz anders lauten müssen, zum Beispiel:

„Von Arm zu Reich und dann der neoliberale Abbau der Wirtschaft – Wie brechen die alten Industriestaaten aus diesem Teufelskreis aus?“

Lieber Herr Radkau, Ihnen ist so gut wie mir bewusst, dass wir in einer geschichtsmüden, neusüchtigen Ära leben, wo morgens zu Ramsch verfällt, was heute noch Gesprächsthema ist. Ich bin mir bewusst, dass ein Großteil dessen, was ich geschrieben habe, schon jetzt dem Reich des für immer Vergessenen angehört. Nur drei Arbeiten nehme ich davon aus, erstens, eine Kuriosität, die nur eine Handvoll von Linguisten angeht, nämlich meine Widerlegung der Chomskyschen Grammatik, zweitens, die „Schöpferische Vernunft“ (wesentlich erweiterte Version von „Die Macht der Träume… „, Metropolis, frei zugänglich in der englischen Übersetzung „Creative Reason“) und, drittens, meine Ihnen bekannte Arbeit „Auf der Suche nach…“

Herzliche Grüße nach Bielefeld

Gero Jenner

 

Vorläufige Anmerkung zu diesem Briefwechsel:

Gegensätze ziehen sich – manchmal – an. Diese Attraktion hat, so glaube ich, den Historiker Joachim Radkau dazu motiviert, eine Biographie über Max Weber zu schreiben. Es ist ja offensichtlich, dass da zwei konträre Geister aufeinanderprallen: Max Weber, der durch die Aufdeckung großer sozio-historischer Linien Weltberühmtheit erlangte, und Joachim Radkau, der dem Detail in unendlicher Akribie nachgeht und jede Verallgemeinerung scheut. Der Gegensatz ist begreiflich: Philosophen oder auch Soziologen vom Schlage eines Max Weber neigen eher dazu, vor lauter Wald die einzelnen Bäume zu übersehen, dagegen erblickt der Historiker so viele individuell ganz unterschiedliche Bäume, dass ihm der Wald dabei aus dem Blick gerät.

Ich dachte, dass das Gesetz von der Attraktion des Gegensätzlichen auch in meinem Fall wirksam sein könnte, aber in diesem Punkt habe ich mich wohl geirrt.