Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet

Präsident Trump hat die „Fake News“ erfunden und uns zugleich den Gefallen getan, eine denkbar simple Definition dafür mitzuliefern. Falsche Nachrichten sind einfach solche, die ihm nicht passen! Wir würden die Bedeutung dieses Präsidenten allerdings sehr überschätzen, wollten wir gegen ihn auch noch den Vorwurf erheben, die „Fake Reality“ erfunden zu haben. Der Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, wie sie ist, und der Wirklichkeit, wie wir sie haben wollen, begleitet die Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte – im Guten ebenso wie im Bösen. Es ist wichtig, auch das Gute zu betonen, denn jede Utopie, jedes Denken, das auf Besserung zielt, muss erst einmal das Bleigewicht des ewigen Einspruchs beiseiteschieben: „TINA – es gibt keine andere Wahl“. Nicht selten sind es gerade die größten Geister, die sich gegenüber der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, als durchaus blind erweisen, weil sie eine Wirklichkeit mit sich in ihrem Kopfe tragen, wie sie nach ihrer Meinung sein sollte und daher für sie die allein richtige ist.

Das historisch vielleicht bedeutendste Beispiel

für eine derartige kreative Blindheit liefert wohl Francis Bacon, der Erfinder der Neuzeit – um es einmal so plakativ auszudrückenZur selben Zeit, als William Shakespeare seinem Land einen Höhepunkt kultureller Entwicklung bescherte, sah dieser Mann eine durch Technik und Wissenschaft völlig verwandelte Welt voraus, in der nur das Sicht-, Wäg- und Messbare zählt und der Mensch durch die genaue Beobachtung der Natur zur Herrschaft über die Welt gelangt. Francis Bacon hat diese Vision damals einzig aus dem eigenen Kopf geschöpft, denn in der ihn umgebenden Wirklichkeit gab es zu seiner Zeit wenig, was sie auch nur als denkbar erscheinen ließ. Damit will ich nicht sagen, dass es an großen Erfindern gemangelt hätte. Immerhin war Galileo sein Zeitgenosse und Isaac Newton wurde keine zwanzig Jahre nach Bacons Tod geboren. Aber der Lord Chancellor war blind dafür, dass seine Vision ohne Folgen geblieben wäre – und zweieinhalb Jahrhunderte lang ja auch tatsächlich folgenlos blieb -, hätte es gegen Ende des 18ten Jahrhunderts nicht den wirklich entscheidenden Durchbruch gegeben: die fossile Revolution.

Die eigentliche Wende zum Anthropozän,

welche den Beginn unserer Epoche des materiellen Reichtums markiert, wurde erst dadurch ermöglicht, dass man in großem Maßstab die in Millionen Jahren gespeicherten Vorräte an Kohle (hundert Jahre später dann auch Öl und Gas) in den Tiefen der Erde abzubauen begann. *1* Ohne die industrielle Nutzung dieses bis dahin noch ungehobenen Schatzes wäre Bacons Vision und wären alle nachfolgenden Erfindungen eine Art von inspiriertem Denksport geblieben, utopische Wunschbilder, wie es im Laufe der Jahrhunderte so viele gegeben hat. So aber geschah es, dass beides auf einmal einen exponentiellen Verlauf begann: der Reichtum auf der einen, das fossile Feuer auf der anderen Seite.

Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Diese Entwicklung spiegelt ziemlich genau die exponentielle Zunahme des Weltenergieverbrauchs. Im Jahr 1800 belief sich dieser auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill)…

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven

ist offensichtlich. Kohle und Öl wären ohne die Erfindung der Dampfmaschine (sowie später der Diesel- und Elektromotoren) zwar nie zur Wirkung gelangt, aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Rohstoffe bilden somit eine unauflösliche Einheit. Erst wenn wir dieser Wahrheit ins Auge sehen, sind wir imstande, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen – und die erweisen sich als höchst beunruhigend: Die Erschöpfung ihrer fossilen Rohstoffbasis könnte die industrielle Revolution dazu verdammen, ein bloßes Strohfeuer gewesen zu sein, ein kleines weltgeschichtliches Intermezzo.

Die Tragik dieser Einsicht ist heute nur den wenigsten bewusst, denn

Keine frühere Epoche der Menschheitsgeschichte

hat in so kurzer Zeit das Los der Menschen materiell so radikal verändert und weitgehend zum Besseren gewendet. Zwar hatten sich schon früh kritische Stimmen gegen das „materialistische Denken“ der neuen Zeit erhoben. In Frankreich lehnte sich Rousseau, in Deutschland die Romantik gegen die Enge von Nützlichkeitsstreben und materialistischer Weltanschauung auf; der große Systemkritiker Karl Marx hatte zwar nichts gegen Wissenschaft und Technik einzuwenden, stattdessen beklagte er, dass der materielle Fortschritt keineswegs zu größerer sozialer Gerechtigkeit führe.

Der Protest der Romantiker blieb auf eine relativ kleine Schicht von Künstlern und Intellektuellen beschränkt (und wurde später zu Unrecht als „reaktionär“ abgetan); der Marxismus eroberte vorübergehend die Hälfte der Welt und spielt im Protest gegen Ungleichheit bis heute eine bedeutende Rolle. Tatsache ist dennoch, dass die unteren neunzig Prozent in der fossilen Epoche zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer Knechtschaft befreit worden sind. Bürgertum und Mittelstand konnten zu Wohlstand und politischem Einfluss gelangen und – seit dem zwanzigsten Jahrhundert – traf dies selbst auf die Arbeiterschaft zu.

Dennoch trug gerade dieser historisch einzigartige Erfolg

dazu bei, eine neue und überaus gefährliche Blindheit hervorzubringen – was nichts anderes heißt, als dass sich die Menschen wiederum an eine „Fake Reality“ gewöhnten. Hätten im Kopf jedes nachdenklichen Wissenschaftlers nicht von Anfang an – also seit beinahe drei Jahrhunderten – die kritischen Fragen aufkommen müssen: „Wie lange werden die fossilen Vorräte denn reichen?“ Und: „Was geschieht denn, wenn sie versiegen?“

Diese Fragen sind eigentlich so naheliegend, dass man ihre völlige Abwesenheit in der öffentlichen Debatte nur damit erklären kann, dass sie geflissentlich verdrängt worden sind. Politik und Bevölkerung wollten nichts davon wissen. Das Wunschbild ewigen Wachstums war so bezaubernd schön, dass niemand daran gemahnt werden wollte, dass es dergleichen in der Natur weder gab noch überhaupt geben kann. Tatsächlich wurden diese elementaren Fragen auf wissenschaftlich-systematische Art erst kurz vor der ersten Erschütterung des kollektiven Traums durch die Ölkrise von 1973 in die Öffentlichkeit getragen. Das geschah im Jahre 1972 mit dem Bericht des „Club of Rome“ über „Die Grenzen des Wachstums“.

Die Ölkrise erwies sich allerdings als ein vorübergehendes, politisch inszeniertes Problem. Kaum hatte man sie überwunden, als die Welt nach tiefem Aufatmen mit unverminderter Begeisterung wieder um das goldene Kalb der Fake Reality zu tanzen begann. Ewiges Wachstum stand und steht bis heute auf dem Programm aller Industrienationen. Wie sich das mit der Endlichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen trägt, darüber schweigen sich alle beharrlich aus. Gesellschaften wurden und werden von Wunschdenken und Wunschbildern beherrscht.*2*

Diese Blindheit allein wäre noch nicht fatal

Wie sich bald nach Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ zeigen sollte, reichen die vorhandenen Vorräte um vieles weiter, als die Wissenschaftler zu Anfang der siebziger Jahre aufgrund der vorhandenen Daten noch annehmen konnten. Die eigentliche Gefahr für das kollektive Wunschbild der Fake Reality liegt aber gar nicht hier, sondern droht aus einer ganz anderen Richtung. Lord Bacon, der Erfinder der Neuzeit, stellte sich die glücklichen Menschen einer kommenden Zivilisation – die Bewohner der Insel „Nova Atlantis“ – schlicht in der Weise vor, dass sie aus armen Hütten steinerne Häuser machen und aus dürfti­gen Werkzeugen dauerhafte Geräte. Die schlechte Idee einer Wegwerfgesell­schaft wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Aber genau davon ist die moderne Industriegesellschaft geprägt. Unsere Wirtschaft saugt einen ständig anschwellenden Ressourcenfluss in die Fabriken, damit jeder Mensch die ihn umgebenden Apparate ständig durch die neuesten Modelle ersetzt und auf diese Weise Güter und Einkommen sich fortwährend vermehren lassen.

Die Wegwerfgesellschaft hat überhaupt erst die existenzielle Gefahr geschaffen, mit der wir heute leben, denn es sind ja die aus der industriellen Produktion entstehenden biologisch nicht abbaubaren Gifte, welche zur eigentlichen Bedrohung für das fossile Zeitalter wurden. Nicht einmal der sonst so scharfsichtige Karl Marx hat drei Jahrhunderte nach Francis Bacon diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen.

Niemand hat die wirkliche Gefahr vorausgesehen. Denn inzwischen wissen wir, dass es nicht der Klassenkampf ist und nicht einmal die Erschöpfung der fossilen Ressourcen, welche das industrielle Zeitalter in seiner bisherigen Gestalt mit dem Kollaps bedroht.*3* Diese Gefahr geht von den Abfällen des industriellen Prozesses aus, also von den anthropogenen, biologisch nicht abbaufähigen Giften. An erster Stelle steht natürlich das Kohlendioxid, welches das Klima destabilisiert. Die Verseuchung der Weltmeere durch Plastik aber setzt eine bedeutende Nahrungsquelle aufs Spiel. Darüber hinaus verwandelt die Vergiftung ganzer Landstriche in Afrika, Indonesien oder den Philippinen mit Elektroschrott und anderem Müll die Natur in pestilente Wüsten. Nukleare Rückstände wurden zu einer Gefahr, wo immer sich Atomkraftwerke befinden.

Deutschland ist nur mit bescheidenen zwei Prozent

an der Verseuchung der Atmosphäre mit Kohlendioxid beteiligt. Diesen Vorzug verdankt es freilich weniger seinen Anstrengungen zum Klimaschutz als dem Umstand, dass es die schmutzigsten Industrien und deren negative Umweltbilanz in Entwicklungsländer auslagerte, vor allem nach China.

So gesehen, hat das gestiegene Umweltbewusstsein der Europäer eine eher geringe Bedeutung. Selbst wenn eine grüne Partei in Deutschland die Politik nach ihrem Willen bestimmen könnte, wäre sie bestenfalls in der Lage, die globalen CO2-Emissionen um maximal zwei Prozent zu vermindern. Es sind nicht die Deutschen und auch nicht die Europäer, es sind die weltweit größten Verschmutzer – China, die USA und Indien – die über das weitere Schicksal des Planeten entscheiden. Bekanntlich sind die USA unter Trump aus dem Pariser Vertrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen ausgestiegen. In Indien hält man das Gerede über die Umwelt überhaupt für ein Luxusproblem des reichen Westens. Und wie steht es mit China? China ist tatsächlich ein eigener Fall. Was dort gegenwärtig geschieht, wird über unser aller Zukunft entscheiden.

Die Chinesen verfügen über ein großes

 – inzwischen wohl über das weltweit größte Potential an hervorragenden Wissenschaftlern. Alles westliche Wissen wird dort kopiert, aufgesogen und inzwi­schen in manchen Sektoren auch schon über den westlichen Standard hinaus perfektioniert. Ähnlich wie Deutschland ab 1870 an seinem Lehrmeister England in wenigen Jahren vorüberzog, drängt das Land der Mitte auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik mit größter Entschlossenheit an die Spitze. Über die existenziellen Bedrohungen durch die Industrialisierung wissen Chinas Experten natürlich ebenso gut Bescheid wie wir in Europa – die gesundheitsgefährdende Vergiftung der Luft in den Großstädten ihres Landes und der flächendeckende Raubbau an der Natur ruft sie ihnen ja fortdauernd in Erinnerung. Aber unter dem Präsidenten Xi Jinping hat sich die Partei eine absolute Verfügung über den öffentlichen Diskurs angeeignet. Und das Politbüro hat die Richtung der Politik eindeutig vorgegeben: „Erst müssen wir den Westen im Hinblick auf Wohlstand und Macht eingeholt haben, dann können wir uns den Luxus leisten, über Umweltprobleme zu reden.“

In diesem Sinne sind Journalisten verpflichtet, der Loyalität gegenüber der Partei grundsätzlich den Vorrang gegenüber dem zu geben, was sie persönlich für wahr erachten – eine Forderung, die natürlich auch für die Wissenschaft gilt, sofern sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Das Bekenntnis zur Fake Reality ist erstes Gebot in China.

Bisher hat sich die Linie der Partei

sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Ausland auf erstaunliche Art bewährt. Im Inland wurden Millionen Menschen in phänomenal kurzer Zeit aus jahrtausendealter Armut erlöst. Und was das Ausland, speziell den Westen, betrifft, so sind die Chinesen über die in Europa und den USA herrschenden Gedankenströmungen ganz genau informiert und richten die eigene Propaganda geschickt daran aus. Man hat längst begriffen, welche Bedeutung die Vokabel „grün“ seit einiger Zeit bei uns im Westen besitzt. Also schaltet man auch in China die politischen Ampeln auf grün und scheut keine propagandistische Anstrengung, um das eigene Land als Pionier einer grünen Politik hinzustellen und die Vereinigten Staaten unter Trump als einen rückständigen Staat, der die Zeichen der Zeit nicht verstehen will.

Die Kunst, die Wirklichkeit hinter einer Fassade von Fake Reality zu verstecken, wurde in einer so alten Kultur wie der chinesischen natürlich zu weit größerer Perfektion entwickelt als in einem vergleichsweise so jungen Staat wie den USA. De facto verfährt China zwar viel rücksichtsloser gegen die Natur als die USA, aber anders als Trump – ein Elefant, der alles überhaupt vorhandene Porzellan mutwillig und offenbar mit Gusto zertritt – ist man in China Meister des schönen Scheins. Und es stimmt ja, dass man die größten Windparks der Welt aufgebaut hat und mehr Wald aufforstet als irgendein anderer Staat. Die Kehrseite dieser Entwicklung bleibt jedoch unerwähnt: Nach Zahlen des Mercator Instituts für Gemeingüter und Klimawandel (MCC) sind allein in China und Indien noch etwa 150 neue /Kohle-/Kraftwerke im Bau, noch einmal so viele sind geplant. Insgesamt beläuft sich die Abhängigkeit Chinas bei der Stromerzeugung immer noch auf 70 Prozent (Atlas der Globalisierung). China ist neben Indien der Mega-Umweltsünder – und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Grund für das chinesische Vorgehen liegt auf der Hand

Nur aufgrund eines weiterhin immer stärker lodernden fossilen Feuers ist es möglich, nun auch den ärmsten Bürgern mit jedem Jahr ein größeres Maß an Wohlfahrt zu verheißen. Obwohl es nirgendwo mehr Milliardäre gibt als in dem angeblich kommunistischen Land, wird das mittlere Prokopf-Einkommen von der enormen Bevölkerungszahl stark in die Tiefe gedrückt. Daher ist es vorerst auch noch nicht höher als in Algerien, Brasilien oder Mazedonien, wenn man die Kaufkraft in Betracht zieht (Ulrike Herrmann). Dies macht verständlich, warum es dem chinesischen Staat so sehr darauf ankommt, alle nur möglichen Quellen verfügbarer Energie zu erschließen. Die Parteispitze ist sich durchaus bewusst, dass sie sich nur an der Macht halten kann, wenn sie einer ganzen Milliarde Menschen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte denselben Lebensstandard ermöglicht, den bisher in erster Linie die Bewohner der Küstenregionen genießen. Auch aus unserer westlichen Perspektive erscheint das durchaus gerecht zu sein. Warum sollte den Chinesen ein Wohlstand verwehrt sein, den wir schon seit langem genießen? Andererseits ist es inzwischen für jeden ökologisch auch nur halbwegs gebildeten Menschen offensichtlich, welche desaströsen Folgen sich daraus für den Globus ergeben.

Wer also ist schuld?

Es gehört zu unserer Gewöhnung an Fake Reality, dass wir das Profitstreben manischer Egoisten für alle Übel einschließlich der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt verantwortlich machen – mögen wir diese Egoisten nun als Kapitalisten, Konzerne, Banken oder einfach als neoliberalen System bezeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre!

Denn dann hätten zumindest einige Länder das Problem durch einen politischen Umsturz schon längst gelöst!

Aber so einfach ist es gerade nicht! Eine halbe Milliarde Chinesen wartet noch immer darauf, so wie wir mindestens ein Wasserklosett und ein Auto zu besitzen und wenigstens einmal im Jahr einen Flug in den Urlaub zu genießen. Und inzwischen fordern auch die Menschen in Afrika und Innerasien genau diesen Lebensstandard von ihren Regierungen. Sieben, bald sogar zehn Milliarden Menschen wollen materiell so gut leben wie wir. Es interessiert sie wenig, mit welcher Wirtschaftsform und unter welchem politischen System sie dieses Ziel erreichen, wenn dies nur überhaupt geschieht, und zwar besser heute als morgen!

In Wahrheit sind Politiker und Regierungen

überall auf der Welt Getriebene, weil es diese Milliarden sind, die alle nach jenem Wohlstand streben, den die jeweils reichsten Nationen bereits besitzen. Bis vor dreihundert Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der Menschen – mochten sie nun in Neuguinea, China, Indien oder Persien zu Hause sein – keine Vorstellung davon, wie Deutsche, Italiener oder Nordamerikaner leben. Heute trägt das Fernsehen Bilder vom guten westlichen Leben weltweit in jedes Haus. Als zwangsläufige Folge aus dieser global zugänglichen Information erlebt die Menschheit nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein globales Wettrennen der Nationen um Reichtum und Macht. Und dieses Wettrennen wird nicht nur von Neid verursacht – es steht durchaus im Einklang mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit. Gleichgültig, ob wir politisch links oder rechts eingestellt sind, halten wir es in jedem Fall für die Aufgabe einer guten Regierung, allen ihren Bürgern Chancengleichheit zu bieten, also die Aussicht auf einen annähernd gleich hohen Lebensstandard. Sieht die Europäische Union ihr Ziel nicht selbstverständlich darin, das bisher noch bestehende Reichtumsgefälle zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten allmählich auszugleichen? Diese Forderung aber sollte natürlich auch für den ganzen Planeten gelten. Da erscheint es nur als gerecht, dass für alle Menschen und Nationen Chancengleichheit besteht, die ihnen mit der Zeit den gleichen Reichtum verschafft.

Diesen Ruf nach materieller Gerechtigkeit leuchtet ein, gleichzeitig aber sind wir uns peinvoll bewusst, dass wir als Kollektiv gegen eine unüberwindbare Barriere anprallen. Denn spätestens seit der Klimakrise sind wir mit einem neuen Faktum konfrontiert:

Die Natur spielt nicht mehr mit!

In Kalifornien, Australien, im Amazonasbecken und in ganz Sibirien brennen die Wälder – sie brennen immer öfter und immer länger. Auf den Philippinen, in Japan, China, aber auch in Teilen Afrikas und Europas wüten mit jedem Jahr heftigere Stürme. Die Eispanzer der Arktis und Antarktis schmelzen schneller als die kühnsten Prognosen der Wissenschaftler in ihren Computersimulationen vorhergesehen hatten. Der Mensch aber ist inzwischen so beängstigend „erfolgreich“, dass er unter den Säugetieren allein 36% der gesamten Biomasse bildet. Mit 60% sind die von ihm verzehrten Nutztiere vertreten, während alle Wildtiere zusammen nur noch vier Prozent bilden, also praktisch am Limit der vollständigen Ausrottung stehen.

So zeigt die Fassade der Fake Reality seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal unübersehbare und gefährliche Risse. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seit dem 21. Jahrhundert vor einem Entweder-Oder stehen. Entweder reduzieren wir innerhalb der kommenden zwei, drei Jahrzehnte unseren fossilen Verbrauch gegen Null (und den anderer knapper Res­sourcen ebenfalls auf ein sehr geringes Niveau) oder wir bewegen uns im Eiltempo dem ökologischen Kollaps entgegen.

Das Beispiel Greta Thunbergs

und der von ihr begründeten Bewegung „Friday for Future“ zeigt, dass es einer Schülerin bedurfte, um die Wahrheit über des Kaisers neue Kleider in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Greta Thunberg war mutig genug, um der Fake Reality den Kampf anzusagen. Aber kann man sich von dieser Bewegung Erfolg versprechen? Ja, auf äußerlich sichtbare Weise wohl schon. Ich kann mir gut vorstellen, dass religiöse Sekten in der Art der vor acht Jahrhunderten von Franz von Assisi gegründeten demnächst in Europa oder auch den Vereinigten Staaten entstehen werden. Ähnlich wie damals werden dann eine kleine Zahl „Heiliger“ barfuß und in Lumpen gekleidet durch die Straßen ziehen, um ihren Mitmenschen zu predigen, dass sie sich grundlegend ändern müssen, wenn der Planet auch künftigen Generationen noch Platz bieten soll. Aber genau wie damals wird sich dadurch an der tatsächlichen Situation wenig ändern. Die Sektenjünger lassen sich – wie weiland die Franziskaner – vom Rest der Bevölkerung erhalten, der sich dadurch ein gutes Gewissen verschafft und genauso weiter macht wie bisher. Die USA werden jedenfalls eisern am „American Way of Life“ festhalten, während China, Indien und Afrika laut auf ihrem Recht bestehen, ihrerseits an diesem Wohlstand zu partizipieren.

Obwohl das Ergebnis – „nämlich Kollaps –

klar absehbar ist, gibt es keine Mehrheit die für einen Abbruch /des bisherigen Wirtschaftsgebarens/ stimmen würde“ (Harald Welzer).*4* Die Frage ist, warum? Ich glaube nicht, dass alle und nicht einmal die meisten Menschen unverbesserliche, kurzsichtige Egoisten wären und deshalb unfähig, über den Tellerrand ihrer jeweiligen Augenblicksbedürfnisse hinwegzusehen. Es liegt daran, dass jeder Staat, der den Weg des Verzichts beschreitet, sich dadurch entscheidend schwächt und zum Opfer der Stärkeren macht. Würden alle von einer starken übernationalen Autorität dazu genötigt, sich gleichzeitig und gemeinsam zum Verzicht zu entschließen, so dass keiner vor dem anderen einen Vor- oder Nachteil erwirbt, dann wäre die Rettung des Planeten vermutlich überhaupt kein Problem. Auf einzelstaatlicher Ebene hat dieses Prinzip ja durchaus funktioniert. Die Aufgabe einer funktionierenden Regierung bestand von jeher darin, Menschen daran zu hindern, dass sie für einander zu Wölfen werden. Aber heute genügen nationale Regierungen nicht mehr, um mit den globalen Problemen fertig zu werden. Eine transnationale Instanz mit Entschei­dungsbefugnis ist gefordert, um dem unseligen Wettrennen der Nationen um größeren Reichtum und größere Macht ein Ende zu setzen. *5*

Der kanadische Ökologe William E. Rees

hat aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz errechnet, dass unter den gegebenen technischen Voraussetzungen zwei Milliarden Menschen – etwa eine Milliarde mehr als um 1800, als das fossile Feuer entzündet wurde – für eine nachhaltige Lebensweise vertretbar seien. *6*

Mit dieser Erkenntnis zündet die Wissenschaft eine Bombe. Die Menschheit muss ja beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurück, wo sie vor der industriellen Revolution begann. Diese Forderung macht begreiflich, warum man auf der ganzen Welt die Augen so beflissen vor der Wirklichkeit verschließt und sich lieber zum Zerrbild der Fake Reality bekennt. Denn jedem von uns ist natürlich bewusst, dass auch die beste Familienplanung die Zahl der Menschen nicht schnell genug sinken lässt, damit sie noch in diesem Jahrhundert von sieben bis zehn auf nur zwei Milliarden Menschen abgesenkt wird. Es muss aber etwas geschehen, denn das Klima kümmert sich nicht darum, wie viel Zeit wir uns nehmen.

Ich schließe aus dieser Evidenz,

dass die Katastrophe nur durch radikalen Verzicht abgewehrt werden kann. Die gesamte Menschheit muss ihren heutigen Ressourcenverbrauch auf etwas weniger als ein Siebtel reduzieren, damit wir nicht mehr als diese maximal zwei Milliarden Menschen an Ressourcen verbrauchen und an Giften in die Natur emittieren. Andererseits haben wir aber gerade argumentiert, dass jeder Einzelstaat, der mit einem solchen Schritt beginnt, ohne dass ihm die anderen folgen, nur sich selber schwächt, ohne der Natur zu nützen. Mit anderen Worten, kein Einzelstaat allein kann – und will – wirklich etwas gegen die Klimakatastrophe tun -, denn dann müsste er die eigene Bevölkerung dazu zwingen, auf Wohlstand zu verzichten, auch wenn der Rest der Welt dazu nicht bereit ist. Nur eine transnationale Instanz, vermag diese Forderung durchzusetzen, wenn sie allen Einzelstaaten zusammen den gemeinsamen Verzicht auferlegt. Aus diesem – und nur aus diesem Grunde – sehe ich in einer Weltregierung das Ziel der Geschichte, denn sie allein ist imstande die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps und der nuklearen Selbstvernichtung zu retten („Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“, Amazon).

Das ist der erste Grund, warum uns keine Grüne Partei die Wahrheit sagt. Denn eine gesetzgebende transnationale Instanz scheint im gegenwärtigen Moment noch völlig utopisch. Wir alle wollen hier und jetzt etwas tun – nicht nur die Grünen -, aber wenn wir ehrlich sind und uns nicht in das Wunschbild einer Fake Reality flüchten, sind wir zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die jetzigen Bedingungen uns zur Ohnmacht verdammen.*7* Die Situation muss für die Menschheit erst so unerträglich werden, dass sie der globalen Gefahr mit globalem Handeln begegnet – bis dahin wird man sich um die Wahrheit drücken und im Gegenteil noch diejenigen als Panikmacher verleumden, welche mit dem Finger auf die Fake Reality zeigen.

Der deutsche Ökonom Meinhard Miegel

hat es gewagt, auf vorsichtige Weise die Richtung anzudeuten, in die wir uns bewegen müssen: Er sprach von einem „Wachstumswahn“, den wir beenden müssen. *8* Das ist bemerkenswert, weil Miegel ein politisch eher konservativer Denker ist. Der Ruf, dem vermeintlich ewigen Wachstum und damit dem Zerrbild der Fake Reality ein Ende zu setzen, kommt inzwischen also aus allen Richtungen. Was Meinhard Miegel nicht sah – und wohl auch nicht sehen wollte – ist, dass der Verzicht auf Wachstum eine völlig andere Wirtschaftsordnung als die heutige zur unerlässlichen Bedingung macht. Und die Folgen eines derartigen Wandelns sind von so grundlegender Art, dass dies der zweite Grund ist, warum gegenwärtig niemand – nicht einmal die Grünen – uns die Wahrheit sagen.

Von der Notwendigkeit einer globalen Instanz, um globale Problem zu lösen, habe ich schon gesprochen. Von der Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Wirtschaftssystems wird im nächsten Artikel die Rede sein.

1. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab. Um 1700 „produzierte England fünfmal so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, fünfzigmal so viel wie China“ (Michael Mann), denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt. Es gab in England und Irland kaum mehr Bäume. Auch der Tagebau der Kohle wäre schnell an ein Ende gelangt, wenn es nicht mithilfe der Dampfmaschine gelungen wäre, diese aus den Tiefen der Erde zu fördern.

2. Und diese Herrschaft führt oft auch zu einem intensiven Verlangen, die Realität, wie sie ist, zu verdrängen. „Ich stelle mir vor: Es gibt kein Gerede mehr vom Weltuntergang, vom Anthropozän, von den irreversiblen Zerstörungen, von den planetaren Grenzen“ (Welzer, „Alles könnte anders sein“). Das ist ein Aufruf zur Verdrängung: Leute haltet euch an die Fake Reality, die ist schöner!

3. Aber auch die Erschöpfung der Ressourcen ist bedrohlich genug. Siehe Ugo Bardi, „Der geplünderte Planet“.

4. Welzer, op. cit.

5. Im Einzelnen habe ich diese Perspektive in meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Amazon Kindle und Taschenbuch) ausgeführt.

6. Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

7. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Tausend für die Umwelt sinnvolle Aktionen werden schon jetzt und werden in Zukunft von den meisten Staaten ausgeführt werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Verbot der FCKW, um die Zerstörung der Ozonschicht zu beenden. Dennoch werden die entscheidenden Maßnahmen nicht vollzogen, nämlich solche, welche einem Staat im Wettrennen um die größere Macht und Wirtschaftsstärke allen anderen gegenüber ernstliche Nachteile bringen. Keine Nation wird – außer, wenn sie dazu gezwungen wird – ihren Ressourcenverbrauch auf etwa ein Siebtel reduzieren, wie es für nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft notwendig sein wird.

8. Siehe Meinhard Miegel, „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Propyläen 2010.

Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte weiterlesen

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten

(auch erschienen in Tichys Einblick und fbkfinanzwirtschaft)

Aufstieg:

Das 19. Jahrhundert gehörte Deutschland, es war die Zeit eines unglaublichen Aufstiegs. “In 1785 there were 1,225 periodicals published compared with 260 in France. In 1900 Germany had 4,221 newspapers. France roughly 3,000 (and Russia 125). In the early nineteenth century, when England had just four universities, Germany had more than fifty… Germany took the lead in the establishment of scientific societies in the early nineteenth century… and [German] became the leading language of scientific scholarship… In 1900 more books were published annually in German than in any other country in the world. In 1900 illiteracy rates in Germany were 0.5 percent; in Britain they were 1 percent and in France 4 percent.” Aufstieg und Niedergang am Beispiel Deutschlands und der Vereinigten Staaten weiterlesen

Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist

(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 1/2017 und fbkfinanzwirtschaft)

Das Streben nach Gleichheit bis hin zur forcierten Uniformierung ist so alt wie die Menschheit, und das aus einem einleuchtenden Grund: Ungleichheit und deren Billigung führt im Extrem zur Deklassierung von Menschen: Man lehnt die Ungleichen als minderwertig, überflüssig oder gar ausrottenswert ab. Nur weil wir andere Menschen, seien es die der eigenen Nation, seien es die fremder Völker, als grundsätzlich gleich betrachten, sind wir zu einem friedlichen Miteinander bereit. Tiere, selbst nah verwandte, betrachten wir nicht so – die Auswirkungen sind bekannt. Warum Menschen gleich sein wollen, Ungleichheit aber das Salz der Erde ist weiterlesen

FRIEDEN!

Wie immer nach Beseitigung einer großen, in diesem Fall sogar einer das Überleben der Menschheit existentiell bedrohenden Gefahr, hat der 1989 erfolgte Zusammenbruch der Sowjetunion die Zeitgenossen von einem Alptraum befreit und die Hoffnung auf eine kommende Zeit erweckt, die grundsätzlich anders und besser sein würde. Ein polyzentrisches System würde die bipolare Welt von gestern ablösen. Statt zweier in äußerster ideologischer wie militärischer Kampfbereitschaft gegeneinander verschworener Systeme würden von nun an Hundert Blumen auf einmal blühen, alle von ihnen mit dem Versprechen, im Hinblick auf unterschiedliche soziale Entwürfe, kulturelle Eigenarten und geistige Ziele der menschlichen Vielfalt in weit höherem Maße als vorher gerecht zu werden. Die Enge einer Konfrontation, die aus dem kalten jederzeit in einen heißen Krieg umschlagen konnte, würde der Weite des Multikulturellen, Multipolitischen und Multisozialen weichen. FRIEDEN! weiterlesen