Kulturkampf – die guten und die bösen Deutschen

Betrachtungen anlässlich eines Buches von Harald Welzer: Alles könnte auch anders sein.

Kultur wurzelt in der Freiheit des Menschen. Deshalb hat die Geschichte so viele Denk- und Lebensentwürfe ermöglicht, deshalb bringt sie Menschen mit radikal unterschiedlichen Überzeugungen hervor. Kultur macht Menschen innerhalb eines Lebensraums ähnlich – darin besteht ihr unmittelbarer Sinn. Sie schafft ein Fundament der Gemeinsamkeit, dessen sichtbarster Ausdruck eine verbindende Sprache ist. Aber zur gleichen Zeit errichtet sie Schranken nach außen zu anderen Lebensentwürfen, anderen Überzeugungen. Kulturelle Unterschiede können so tiefreichend sein, dass Menschen einander hassen, verfolgen und sich gegenseitig aus der Welt schaffen wollen. Dass die einen Schweine-, die anderen Kuhfleisch essen, die einen an Privat-, die anderen an Kollektiveigentum glauben, liefert bis heute einen hinreichenden Grund, die eigenen Mitmenschen gnadenlos zu verfolgen. Aber für die trennende Macht der Kultur liefert auch das heutige Deutschland einen Beweis, der umso merkwürdiger, ja umso absurder anmutet, als gerade in unserem Land die Intellektuellen sich selbst und der Welt zu beweisen suchen, dass prinzipiell alle Menschen einander gleich sind – und Unterschiede zwischen ihnen daher nur fiktiv.

Der radikale kulturelle Gegensatz ist aber unübersehbar

und er trennt die selbstdeklarierten guten von den anderen, den bösen Deutschen. Die einen sind weltoffene Kosmopoliten, für die alle Grenzen von gestern sind. Der beliebige Austausch der Völker ist in ihrer Sicht unvermeidlich, weil die anderen die gleichen Rechte haben wie wir – im Prinzip müssen wir sie daher auch alle zu uns kommen lassen, falls die eigene Heimat ihnen keine Zukunft mehr bietet. Überdies wird dieser Austausch aber auch als wünschenswert gesehen, weil die Begegnung mit anderen Menschen für beide Teile letztlich immer Gewinn und Bereicherung sei.

Dagegen haben die bösen Deutschen Angst vor den Fremden, sie suchen sich abzuschotten, sie ziehen Mauern hoch und pochen auf ihre Eigenart, die sie als – bedrohte – „Identität“ bezeichnen. In der Regel glauben sie mit dieser weit über den Fremden zu stehen. Aus historischer Sicht ist anzumerken, dass die bösen Deutschen nach dem Kriege bis etwa gegen Ende der Achtziger Jahre kaum eine Rolle spielten. Doch spätestens seit der Öffnung der Grenzen im Jahre 2015 ist ihre Zahl so angeschwollen, dass sie in Deutschland wohl jetzt schon die schweigende Mehrheit bilden.

Das ist jedoch keineswegs nur in Deutschland der Fall. In ganz Europa wie ebenso in den USA unter Trump, in Russland unter Putin und in China unter Xi geben jene, die vom Kosmopolitismus der Intellektuellen nichts wissen wollen, inzwischen den Ton an. Die „guten Amerikaner“ scharen sich um die Flagge der Demokraten, die „bösen Amerikaner“ sind eher unter Republikanern zu finden.

Der Kulturkampf zwischen den beiden Lagern

ist längst nicht mehr auf die Ebene geistiger Auseinandersetzungen beschränkt wie zwischen den neuen und alten Bundesländern in Deutschland, die immer noch durch eine Mauer getrennt sind – eine Mauer in den Köpfen. Auch sichtbare Mauern schießen weltweit in die Höhe. „180 Kilometer auf Zypern, 248 Kilometer in Korea, 550 Kilometer zwischen Indien und Pakistan. Wir sehen Mauern und Zäune zur Verhinderung von illegaler Migration, unter anderem 180 Kilometer im protofaschistischen Ungarn, 764 Kilometer, mit denen sich die Türkei gegen Syrien abgrenzt, 1130 Kilometer zwischen den USA und Mexiko (3100 Kilometer sollen es werden) und ca. 4000 Kilometer, mit denen sich Indien gegen Bangladesch abschottet. 750 Kilometer zwischen den Palästinensergebieten im Westjordanland und israelischen Siedlungen, 900 Kilometer zwischen Saudi-Arabien und dem Irak, 2500 Kilometer in der Westsahara, die Marokko beansprucht.“

All das ist natürlich keineswegs neu. Das größte jemals von Menschenhand geschaffene Bauwerk, die chinesische Mauer, verfolgte keinen anderen Zweck als die Abwehr von Migranten an der chinesischen Außengrenze – Migranten, die damals ebenso wie heute als Feinde und Barbaren bezeichnet wurden.

Allerdings gibt es Leute, die das auch ganz anders sehen, da sie Mauern einen völkerverbindenden Zweck zuschreiben; angeblich dienen sie dazu, Handelsbeziehungen anzuknüpfen. „Historische Grenzanlagen wie der Limes, der römische Grenzwall, dienten der Erhebung von Zöllen und Steuern, waren aber nicht von der Vorstellung beseelt, Menschen vom Übertritt von einem Gebiet in ein anderes abzuhalten.

Das Verhältnis zwischen den beiden Lagern der Kosmopoliten

und der Identitären – diesen Begriff möchte ich hier in seiner weitest-möglichen Bedeutung verwenden – ist nicht nur von gegenseitigem Unverständnis, sondern von unverhohlenem Hass geprägt, und zwar auf beiden Seiten. Für die Kosmopoliten sind die Identitären eine Art von geistig und moralisch zurückgebliebenen Wilden, die schon aufgrund ihrer mangelnden Bildung den Mund eigentlich gar nicht öffnen dürften. Für die Identitären hingegen sind die Kosmopoliten eine abgehoben-arrogante Oberschicht, etwa so wie die Adligen des Ancien Regime, die in der Französischen Revolution nicht zuletzt wegen ihres Dünkels von den „zurückgebliebenen Wilden“ an den Straßenlaternen aufgeknüpft wurden. Wer die Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern in den Medien verfolgt, dem wird bewusst, dass Geschichte sich zwar selten buchstabengetreu wiederholt, dass sie sich aber, wie es Mark Twain einmal sagte, durchaus zu reimen pflegt.

Dieser unselige Kampf zwischen „guten“ und „bösen“ Bürgern

führt uns allerdings nicht weiter, er spaltet Deutschland nur immer tiefer – und spaltet heute sogar große Teile der übrigen Welt. Eines Tages könnte er sogar neuerlich zu blutiger Verfolgung degenerieren. Deswegen ist es in meinen Augen zu billig, sich schlicht zum Partisanen eines der beiden Lager zu deklarieren – für einen Liebhaber fremder Kulturen wie mich wäre das natürlich das Lager der Kosmopoliten. Doch mit einem so bequemen Schritt vertieft und verfestigt man nur die Spaltung. Es geht aber darum, ihre Ursachen zu verstehen und sie durch das Verstehen zu überwinden. Darin liegt die Absicht dieses Artikels.

Auf Anhieb vermag der neue Kulturkampf überhaupt nicht einzuleuchten, weil überall auf der Welt die Verhältnisse zunehmend ähnlicher werden – man darf ruhig sagen: ähnlich bis zur völligen Ununterscheidbarkeit. „Wir verzeichnen… eine rapide und tiefgehende Angleichung der Lebensweisen und Kulturformen; alle Hotels, alle Einkaufsstraßen, alle Infrastrukturen weltweit sehen sich heute weit ähnlicher, als es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren der Fall war.

So ist es – und diese Angleichung vollzieht sich vor allem im Arbeitsbereich, wo Menschen den größten Teil ihres bewussten Lebens verbringen, also in Büros, Werkstätten und den Niederlassungen internationaler Konzerne. Dieser Bereich funktioniert weltweit nach denselben Prinzipien ökonomischer Rationalität. So wie es keine indische, deutsche oder chinesische Naturwissenschaft gibt, weil die Naturgesetze auf dem ganzen Globus ein und dieselben sind, wurden auch die Gesetze der Wirtschaft einander in zunehmendem Maße angeglichen, weil die ganze Welt von New York bis Peking immer jeweils dasjenige Modell übernimmt, welches den größten Output an Gewinn und Produktion verspricht.

Es ist wichtig, diese weltweite Uniformierung

im Blick zu haben, denn sie erklärt, warum der Mensch sich in der „Schönen Neuen Welt“, so heimatlos fühlt. Es wird ihm bewusst, dass er überall nur noch das beliebig auswechselbare Rädchen einer großen ökonomischen Megamaschine ist, die ihn rücksichtslos verwertet, solange er dazu taugt, um ihn bei Unverwertbarkeit ebenso gnadenlos wieder auszuspucken – auch das ist Teil einer rein ökonomisch verstandenen Rationalität. Solange es für den einzelnen dabei wenigstens aufwärts geht – in Form von höherem Lohn, mehr Urlaub etc. – kann er den eigenen Stolz immerhin auf diesen Umstand begründen. Das galt für die Deutschen während der ersten vierzig Jahre nach Ende des Krieges. Doch mit dieser Aufwärtsbewegung ist es inzwischen vorbei: „Die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen haben sich schnell, absichtsvoll und unauffällig vom Kampf um soziale Gleichheit auf den um symbolische Anerkennung verlagert. Anders gesagt: Sozialpolitik verwandelte sich in Identitätspolitik.

Das ist, wie wir wissen, schon einmal auf sehr unheilvolle Weise geschehen

1929 hat die aus Amerika auf Europa übergeschwappte Große Depression den damals seit wenigen Jahren unverkennbaren wirtschaftlichen Aufstieg mit einem einzigen ökonomischen Faustschlag wieder zunichte gemacht. Nicht nur der Stolz auf einen bescheidenen Fortschritt wurde für Millionen von Arbeitern völlig zerstört, sondern diese Menschen endeten als Wracks vor den Suppenküchen: Sie waren nichts mehr wert, weil sie sich wertlos fühlten. Das war die große Stunde der Demagogen. Hitler erklärte damals, „niemals in meinem Leben habe ich mich so wohl und innerlich zufrieden gefühlt wie in diesen Tagen /des Zusammenbruchs/“ (Joachim Fest, 1973).

Was bleibt den Millionen Rädchen

in der sie verwertenden Wirtschaftsmaschine, wenn sie ihre Arbeit als nutzlos empfinden und sich selbst ohne Wert? Was bleibt ihnen, wenn sie von der materiell meist sehr viel besser gestellten und in ihrem Selbstwertgefühl gefestigteren Intellektuellenschicht auch noch geringschätzig für ihre Dummheit belächelt werden? Wie fühlen sie sich, wenn die Kosmopoliten statt auf das Elend der eigenen Landsgenossen mit viel größerem Interesse auf die Not der Fremden blicken? Es ist wahr, die Kosmopoliten haben sich teilweise mit größter persönlicher Aufopferung um die geschundenen Menschen aus Syrien gekümmert – und die Welt hat sie dafür zu Recht bewundert. Aber sind sie zuvor in die neuen Bundesländer geströmt, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ so viel triste Verwahrlosung und psychische Leere herrschen? Viele der Menschen dort fühlen sich zurückgesetzt, verachtet und hintergangen (die Frauen liefen ihnen noch dazu in den reicheren Westen davon). Sie rächen sich nun, indem sie gefährlich werden.

Was ich damit sagen will?

Wir sollten begreifen, dass Demagogen und Populisten niemals die alleinige Schuld an späterem Unheil tragen, z.B. daran, dass die aufgehetzten Massen die Adligen an den Laternen aufknüpften und dass sie Minderheiten zu Fremden machten, die sie dann mordend verfolgten. Schon wahr, die unmittelbare Verantwortung tragen die Hetzer, aber der Grund dafür, dass sie überhaupt eine Chance erhielten, liegt tiefer und weiter zurück. Denn das Unheil beginnt genau in dem Augenblick, da man den Massen das Gespräch verweigert und diese sich dadurch im Stich gelassen fühlen. Die Eliten haben vergessen, dass „der Prozess der Zivilisation… gar nicht zu denken /ist/, ohne dass Menschen gelernt hätten, sich trotz aller kultureller, religiöser, mentaler Verschiedenheit friedlich zu begegnen und voneinander… zu lernen.“

Das sind richtige und schöne Worte, nur werden sie auch von denen, die sie verkünden, auf den konkreten Fall gerade nicht angewendet! Von jener schweigenden Mehrheit, die in der AfD, der Lega, dem Rassemblement National, in Orbans Fidesz und Polens Partei für Recht und Gerechtigkeit nach Gleichgesinnten suchen, wollen die „aufgeklärten Kosmopoliten“ nichts wissen und schon gar nichts lernen, die halten sie sich im Gegenteil soweit wie irgend möglich vom Leibe. Bewusste Ausgrenzung und Ver-Teufelung – in ganz wörtlichem Sinne – ist ihre Parole. Die kosmopolitische Elite fühlt sich intellektuell zu überlegen, um sich zu einem Dialog mit solchen Leuten herabzulassen. So wurden die Brücken von beiden Seiten bewusst abgebrochen, „der Prozess der Zivilisation“ zählt nicht mehr. In den USA stehen die Lager einander inzwischen mit so unversöhnlicher Feindlichkeit gegenüber, dass ein Staatsversagen und anschließender Staatszerfall nicht mehr undenkbar erscheinen. 

Solange die Eliten sich für die Massen verantwortlich fühlen,

d.h. mit ihnen sprechen und streiten, besteht keine Gefahr. Bis zu Ludwig dem 14. lebten die französischen Adligen mehrheitlich auf ihren Gütern. Zwar beuteten sie die Bauernschaft rücksichtslos aus, aber sie waren zu jeder Zeit sicht- und ansprechbare Herren – und das verschaffte ihnen Prestige, denn in jeder Kultur orientieren sich die Menschen an den Eliten – in der Regel blicken sie mit Ehrfurcht zu ihnen empor. Ludwig 14. aber zog die Adligen in die Hauptstadt und nach Versailles. Von da an sahen die Bauern nur noch die Steuereintreiber, die Herren selbst waren für sie unsichtbar geworden – die französische Elite hatte mit dem eigenen Volk nichts mehr zu tun, stattdessen fühlte sie sich aufs engste verbunden mit den Gesinnungsgenossen im Ausland, also mit dem aufgeklärten Adel in England, Deutschland, Italien. Der Adel war kosmopolitisch im besten Sinne des Worts und zugleich verantwortungslos dem eigenen Volk gegenüber, und zwar im schlechtesten Sinne des Wortes…

Auch in diesem Fall reimt sich Geschichte

Wie sehr, das beweist zum Beispiel die Entwicklung des deutschen Unternehmertums. Dieses hat recht gut funktioniert, als es noch die Familienbetriebe gab, wo der Chef für alle Betriebsangehörigen sicht- und ansprechbar war. Man musste einander durchaus nicht lieben, es genügte gegenseitige Achtung und die Fähigkeit zur Kommunikation. Sobald die Betriebe sich jedoch zu Großkonzernen mit komplexen Hierarchien auswuchsen, ging der direkte menschliche Kontakt verloren. Das Band zwischen der Elite und der arbeitenden Mehrheit wurde immer dünner und ist oft völlig gerissen. Das ist heute nicht anders als im 18. Jahrhundert vor der französischen Revolution.

Wir haben es hier mit einem echten Kulturkampf zu tun

einem Kampf zwischen oben und unten. Wenn die Kosmopoliten behaupten, die Menschen seien überall gleich, nur weil sie seit etwa fünfzigtausend Jahren dasselbe genetische Erbe besitzen, so ist das nur eine halbe – und deswegen leider auch eine durchaus falsch verstandene Wahrheit. Gleich sind wir nur, wenn wir als Säuglinge auf die Welt gelangen, denn zu der Zeit sind wir noch alle gleich formbar. Aber schon in den ersten Monaten unseres Lebens setzt die kulturelle Schulung ein – und die kann uns grundverschieden machen. Die verlorenen Massen aber wurden gleichgemacht – in der uniformen ökonomischen Megamaschine fühlen sie sich aller Identität beraubt, die ihnen einen eigenen Wert und Selbstrespekt geben könnte. Sie fühlen sich nicht nur von der eigenen Elite verraten, wenn diese sich mehr um die Fremden als um das Schicksal ihrer ärmeren Landsgenossen bemüht, sondern das bloße Vorhandensein von Fremden, die ihre eigene Art zu denken, zu fühlen, zu reden nicht teilen, verunsichert sie zusätzlich. Wenn schon die eigene Elite nicht auf sie hört, wieviel weniger werden es die Fremden tun?

Das Misstrauen gegen Fremde, das Demagogen so leicht in Hass ummünzen, wurzelt letztlich in der eigenen Unsicherheit. Man sucht nach Wert und Rechtfertigung für die eigene Existenz, aber die Elite hat nichts zu bieten; die hat sich abgewendet, sucht die Kommunikation mit den Gleichgesinnten überall sonst in der Welt – so wie der kosmopolitische französische Adel vor der Revolution.

Was das für die Zukunft bedeutet?

Nichts Gutes, wenn man bedenkt, dass selbst die intelligentesten Vertreter der adligen Elite noch zehn Jahre vor Ausbruch der Revolution nur mit Hohnlachen auf Prophezeiungen von der Art reagierten, dass ihr König noch vor dem Ende des Jahrhunderts unter der Guillotine enden würde. Eine solche Behauptung wurde bis zum letzten Moment als dumm, undenkbar und albern abgetan. So ist es bis heute geblieben, weil die großen Krisen bekanntlich so gut wie niemals vorausgesagt werden. Heute muss jeder mit einem Hohnlachen rechnen, der prophezeien würde, dass die missachteten Massen wiederum Geschichte – eine unheilvolle Geschichte – machen könnten. Das aber geschieht immer, wenn sich Teile der Bevölkerung von den übrigen absondern und dabei die sozial wichtigste Einsicht vergessen: „Eine menschliche Welt besteht im Zwischenmenschlichen.

* Die kursiv gedruckten Passagen sind sämtlich dem höchst geistreichen Buch von Harald Welzer entnommen: „Es könnte alles auch anders sein“. Welzer ist hervorragend informiert und reitet auf allen Sätteln gekonnten Argumentierens. Das Buch hat in meinen Augen nur einen Fehler. Der Autor weiß ganz genau, welche Tabus man beachten muss, um bei jenem kosmopolitischen Publikum anzukommen, aus dem seine Leser stammen.

Fake Reality – zwei Gründe, warum auch die Grünen nur die halbe Wahrheit über das Klima sagen

William E. Rees gewidmet

Präsident Trump hat die „Fake News“ erfunden und uns zugleich den Gefallen getan, eine denkbar simple Definition dafür mitzuliefern. Falsche Nachrichten sind einfach solche, die ihm nicht passen! Wir würden die Bedeutung dieses Präsidenten allerdings sehr überschätzen, wollten wir gegen ihn auch noch den Vorwurf erheben, die „Fake Reality“ erfunden zu haben. Der Gegensatz zwischen der Wirklichkeit, wie sie ist, und der Wirklichkeit, wie wir sie haben wollen, begleitet die Menschheit seit Beginn ihrer Geschichte – im Guten ebenso wie im Bösen. Es ist wichtig, auch das Gute zu betonen, denn jede Utopie, jedes Denken, das auf Besserung zielt, muss erst einmal das Bleigewicht des ewigen Einspruchs beiseiteschieben: „TINA – es gibt keine andere Wahl“. Nicht selten sind es gerade die größten Geister, die sich gegenüber der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, als durchaus blind erweisen, weil sie eine Wirklichkeit mit sich in ihrem Kopfe tragen, wie sie nach ihrer Meinung sein sollte und daher für sie die allein richtige ist.

Das historisch vielleicht bedeutendste Beispiel

für eine derartige kreative Blindheit liefert wohl Francis Bacon, der Erfinder der Neuzeit – um es einmal so plakativ auszudrückenZur selben Zeit, als William Shakespeare seinem Land einen Höhepunkt kultureller Entwicklung bescherte, sah dieser Mann eine durch Technik und Wissenschaft völlig verwandelte Welt voraus, in der nur das Sicht-, Wäg- und Messbare zählt und der Mensch durch die genaue Beobachtung der Natur zur Herrschaft über die Welt gelangt. Francis Bacon hat diese Vision damals einzig aus dem eigenen Kopf geschöpft, denn in der ihn umgebenden Wirklichkeit gab es zu seiner Zeit wenig, was sie auch nur als denkbar erscheinen ließ. Damit will ich nicht sagen, dass es an großen Erfindern gemangelt hätte. Immerhin war Galileo sein Zeitgenosse und Isaac Newton wurde keine zwanzig Jahre nach Bacons Tod geboren. Aber der Lord Chancellor war blind dafür, dass seine Vision ohne Folgen geblieben wäre – und zweieinhalb Jahrhunderte lang ja auch tatsächlich folgenlos blieb -, hätte es gegen Ende des 18ten Jahrhunderts nicht den wirklich entscheidenden Durchbruch gegeben: die fossile Revolution.

Die eigentliche Wende zum Anthropozän,

welche den Beginn unserer Epoche des materiellen Reichtums markiert, wurde erst dadurch ermöglicht, dass man in großem Maßstab die in Millionen Jahren gespeicherten Vorräte an Kohle (hundert Jahre später dann auch Öl und Gas) in den Tiefen der Erde abzubauen begann. *1* Ohne die industrielle Nutzung dieses bis dahin noch ungehobenen Schatzes wäre Bacons Vision und wären alle nachfolgenden Erfindungen eine Art von inspiriertem Denksport geblieben, utopische Wunschbilder, wie es im Laufe der Jahrhunderte so viele gegeben hat. So aber geschah es, dass beides auf einmal einen exponentiellen Verlauf begann: der Reichtum auf der einen, das fossile Feuer auf der anderen Seite.

Lag das weltweite BSP – umgerechnet in US-Dollar von 1990 – um 1800 noch bei rund 650 Milliarden, so hatte es gegen 1900 mit 1,98 Billionen etwa den dreifachen Wert erreicht. Mit 28 Billionen Dollar um 1990 war dieser Betrag dann in weniger als einem einzigen Jahrhundert um das Vierzehnfache gewachsen (Maddison).

Diese Entwicklung spiegelt ziemlich genau die exponentielle Zunahme des Weltenergieverbrauchs. Im Jahr 1800 belief sich dieser auf etwa 400 Millionen Tonnen Öläquivalente. Hundert Jahre später waren es bereits 1,9 Milliarden Tonnen, also fast fünfmal so viel. In den kommenden neunzig Jahren, bis 1990, steigerte sich der Verbrauch dann um den Faktor sechzehn auf 30 Milliarden Tonnen (McNeill)…

Der Zusammenhang zwischen den beiden exponentiellen Kurven

ist offensichtlich. Kohle und Öl wären ohne die Erfindung der Dampfmaschine (sowie später der Diesel- und Elektromotoren) zwar nie zur Wirkung gelangt, aber umgekehrt haben diese Maschinen ihren Siegeszug allein deshalb antreten können, weil die Menschheit inzwischen das fossile Feuer entzündet hatte. Industrielle Revolution und die Nutzung fossiler Rohstoffe bilden somit eine unauflösliche Einheit. Erst wenn wir dieser Wahrheit ins Auge sehen, sind wir imstande, die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen – und die erweisen sich als höchst beunruhigend: Die Erschöpfung ihrer fossilen Rohstoffbasis könnte die industrielle Revolution dazu verdammen, ein bloßes Strohfeuer gewesen zu sein, ein kleines weltgeschichtliches Intermezzo.

Die Tragik dieser Einsicht ist heute nur den wenigsten bewusst, denn

Keine frühere Epoche der Menschheitsgeschichte

hat in so kurzer Zeit das Los der Menschen materiell so radikal verändert und weitgehend zum Besseren gewendet. Zwar hatten sich schon früh kritische Stimmen gegen das „materialistische Denken“ der neuen Zeit erhoben. In Frankreich lehnte sich Rousseau, in Deutschland die Romantik gegen die Enge von Nützlichkeitsstreben und materialistischer Weltanschauung auf; der große Systemkritiker Karl Marx hatte zwar nichts gegen Wissenschaft und Technik einzuwenden, stattdessen beklagte er, dass der materielle Fortschritt keineswegs zu größerer sozialer Gerechtigkeit führe.

Der Protest der Romantiker blieb auf eine relativ kleine Schicht von Künstlern und Intellektuellen beschränkt (und wurde später zu Unrecht als „reaktionär“ abgetan); der Marxismus eroberte vorübergehend die Hälfte der Welt und spielt im Protest gegen Ungleichheit bis heute eine bedeutende Rolle. Tatsache ist dennoch, dass die unteren neunzig Prozent in der fossilen Epoche zum ersten Mal seit der neolithischen Revolution, also seit etwa zehntausend Jahren, aus ihrer Knechtschaft befreit worden sind. Bürgertum und Mittelstand konnten zu Wohlstand und politischem Einfluss gelangen und – seit dem zwanzigsten Jahrhundert – traf dies selbst auf die Arbeiterschaft zu.

Dennoch trug gerade dieser historisch einzigartige Erfolg

dazu bei, eine neue und überaus gefährliche Blindheit hervorzubringen – was nichts anderes heißt, als dass sich die Menschen wiederum an eine „Fake Reality“ gewöhnten. Hätten im Kopf jedes nachdenklichen Wissenschaftlers nicht von Anfang an – also seit beinahe drei Jahrhunderten – die kritischen Fragen aufkommen müssen: „Wie lange werden die fossilen Vorräte denn reichen?“ Und: „Was geschieht denn, wenn sie versiegen?“

Diese Fragen sind eigentlich so naheliegend, dass man ihre völlige Abwesenheit in der öffentlichen Debatte nur damit erklären kann, dass sie geflissentlich verdrängt worden sind. Politik und Bevölkerung wollten nichts davon wissen. Das Wunschbild ewigen Wachstums war so bezaubernd schön, dass niemand daran gemahnt werden wollte, dass es dergleichen in der Natur weder gab noch überhaupt geben kann. Tatsächlich wurden diese elementaren Fragen auf wissenschaftlich-systematische Art erst kurz vor der ersten Erschütterung des kollektiven Traums durch die Ölkrise von 1973 in die Öffentlichkeit getragen. Das geschah im Jahre 1972 mit dem Bericht des „Club of Rome“ über „Die Grenzen des Wachstums“.

Die Ölkrise erwies sich allerdings als ein vorübergehendes, politisch inszeniertes Problem. Kaum hatte man sie überwunden, als die Welt nach tiefem Aufatmen mit unverminderter Begeisterung wieder um das goldene Kalb der Fake Reality zu tanzen begann. Ewiges Wachstum stand und steht bis heute auf dem Programm aller Industrienationen. Wie sich das mit der Endlichkeit der zur Verfügung stehenden Ressourcen trägt, darüber schweigen sich alle beharrlich aus. Gesellschaften wurden und werden von Wunschdenken und Wunschbildern beherrscht.*2*

Diese Blindheit allein wäre noch nicht fatal

Wie sich bald nach Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ zeigen sollte, reichen die vorhandenen Vorräte um vieles weiter, als die Wissenschaftler zu Anfang der siebziger Jahre aufgrund der vorhandenen Daten noch annehmen konnten. Die eigentliche Gefahr für das kollektive Wunschbild der Fake Reality liegt aber gar nicht hier, sondern droht aus einer ganz anderen Richtung. Lord Bacon, der Erfinder der Neuzeit, stellte sich die glücklichen Menschen einer kommenden Zivilisation – die Bewohner der Insel „Nova Atlantis“ – schlicht in der Weise vor, dass sie aus armen Hütten steinerne Häuser machen und aus dürfti­gen Werkzeugen dauerhafte Geräte. Die schlechte Idee einer Wegwerfgesell­schaft wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Aber genau davon ist die moderne Industriegesellschaft geprägt. Unsere Wirtschaft saugt einen ständig anschwellenden Ressourcenfluss in die Fabriken, damit jeder Mensch die ihn umgebenden Apparate ständig durch die neuesten Modelle ersetzt und auf diese Weise Güter und Einkommen sich fortwährend vermehren lassen.

Die Wegwerfgesellschaft hat überhaupt erst die existenzielle Gefahr geschaffen, mit der wir heute leben, denn es sind ja die aus der industriellen Produktion entstehenden biologisch nicht abbaubaren Gifte, welche zur eigentlichen Bedrohung für das fossile Zeitalter wurden. Nicht einmal der sonst so scharfsichtige Karl Marx hat drei Jahrhunderte nach Francis Bacon diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung gezogen.

Niemand hat die wirkliche Gefahr vorausgesehen. Denn inzwischen wissen wir, dass es nicht der Klassenkampf ist und nicht einmal die Erschöpfung der fossilen Ressourcen, welche das industrielle Zeitalter in seiner bisherigen Gestalt mit dem Kollaps bedroht.*3* Diese Gefahr geht von den Abfällen des industriellen Prozesses aus, also von den anthropogenen, biologisch nicht abbaufähigen Giften. An erster Stelle steht natürlich das Kohlendioxid, welches das Klima destabilisiert. Die Verseuchung der Weltmeere durch Plastik aber setzt eine bedeutende Nahrungsquelle aufs Spiel. Darüber hinaus verwandelt die Vergiftung ganzer Landstriche in Afrika, Indonesien oder den Philippinen mit Elektroschrott und anderem Müll die Natur in pestilente Wüsten. Nukleare Rückstände wurden zu einer Gefahr, wo immer sich Atomkraftwerke befinden.

Deutschland ist nur mit bescheidenen zwei Prozent

an der Verseuchung der Atmosphäre mit Kohlendioxid beteiligt. Diesen Vorzug verdankt es freilich weniger seinen Anstrengungen zum Klimaschutz als dem Umstand, dass es die schmutzigsten Industrien und deren negative Umweltbilanz in Entwicklungsländer auslagerte, vor allem nach China.

So gesehen, hat das gestiegene Umweltbewusstsein der Europäer eine eher geringe Bedeutung. Selbst wenn eine grüne Partei in Deutschland die Politik nach ihrem Willen bestimmen könnte, wäre sie bestenfalls in der Lage, die globalen CO2-Emissionen um maximal zwei Prozent zu vermindern. Es sind nicht die Deutschen und auch nicht die Europäer, es sind die weltweit größten Verschmutzer – China, die USA und Indien – die über das weitere Schicksal des Planeten entscheiden. Bekanntlich sind die USA unter Trump aus dem Pariser Vertrag zur Begrenzung der CO2-Emissionen ausgestiegen. In Indien hält man das Gerede über die Umwelt überhaupt für ein Luxusproblem des reichen Westens. Und wie steht es mit China? China ist tatsächlich ein eigener Fall. Was dort gegenwärtig geschieht, wird über unser aller Zukunft entscheiden.

Die Chinesen verfügen über ein großes

 – inzwischen wohl über das weltweit größte Potential an hervorragenden Wissenschaftlern. Alles westliche Wissen wird dort kopiert, aufgesogen und inzwi­schen in manchen Sektoren auch schon über den westlichen Standard hinaus perfektioniert. Ähnlich wie Deutschland ab 1870 an seinem Lehrmeister England in wenigen Jahren vorüberzog, drängt das Land der Mitte auf allen Gebieten von Wissenschaft und Technik mit größter Entschlossenheit an die Spitze. Über die existenziellen Bedrohungen durch die Industrialisierung wissen Chinas Experten natürlich ebenso gut Bescheid wie wir in Europa – die gesundheitsgefährdende Vergiftung der Luft in den Großstädten ihres Landes und der flächendeckende Raubbau an der Natur ruft sie ihnen ja fortdauernd in Erinnerung. Aber unter dem Präsidenten Xi Jinping hat sich die Partei eine absolute Verfügung über den öffentlichen Diskurs angeeignet. Und das Politbüro hat die Richtung der Politik eindeutig vorgegeben: „Erst müssen wir den Westen im Hinblick auf Wohlstand und Macht eingeholt haben, dann können wir uns den Luxus leisten, über Umweltprobleme zu reden.“

In diesem Sinne sind Journalisten verpflichtet, der Loyalität gegenüber der Partei grundsätzlich den Vorrang gegenüber dem zu geben, was sie persönlich für wahr erachten – eine Forderung, die natürlich auch für die Wissenschaft gilt, sofern sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Das Bekenntnis zur Fake Reality ist erstes Gebot in China.

Bisher hat sich die Linie der Partei

sowohl gegenüber der eigenen Bevölkerung als auch gegenüber dem Ausland auf erstaunliche Art bewährt. Im Inland wurden Millionen Menschen in phänomenal kurzer Zeit aus jahrtausendealter Armut erlöst. Und was das Ausland, speziell den Westen, betrifft, so sind die Chinesen über die in Europa und den USA herrschenden Gedankenströmungen ganz genau informiert und richten die eigene Propaganda geschickt daran aus. Man hat längst begriffen, welche Bedeutung die Vokabel „grün“ seit einiger Zeit bei uns im Westen besitzt. Also schaltet man auch in China die politischen Ampeln auf grün und scheut keine propagandistische Anstrengung, um das eigene Land als Pionier einer grünen Politik hinzustellen und die Vereinigten Staaten unter Trump als einen rückständigen Staat, der die Zeichen der Zeit nicht verstehen will.

Die Kunst, die Wirklichkeit hinter einer Fassade von Fake Reality zu verstecken, wurde in einer so alten Kultur wie der chinesischen natürlich zu weit größerer Perfektion entwickelt als in einem vergleichsweise so jungen Staat wie den USA. De facto verfährt China zwar viel rücksichtsloser gegen die Natur als die USA, aber anders als Trump – ein Elefant, der alles überhaupt vorhandene Porzellan mutwillig und offenbar mit Gusto zertritt – ist man in China Meister des schönen Scheins. Und es stimmt ja, dass man die größten Windparks der Welt aufgebaut hat und mehr Wald aufforstet als irgendein anderer Staat. Die Kehrseite dieser Entwicklung bleibt jedoch unerwähnt: Nach Zahlen des Mercator Instituts für Gemeingüter und Klimawandel (MCC) sind allein in China und Indien noch etwa 150 neue /Kohle-/Kraftwerke im Bau, noch einmal so viele sind geplant. Insgesamt beläuft sich die Abhängigkeit Chinas bei der Stromerzeugung immer noch auf 70 Prozent (Atlas der Globalisierung). China ist neben Indien der Mega-Umweltsünder – und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Grund für das chinesische Vorgehen liegt auf der Hand

Nur aufgrund eines weiterhin immer stärker lodernden fossilen Feuers ist es möglich, nun auch den ärmsten Bürgern mit jedem Jahr ein größeres Maß an Wohlfahrt zu verheißen. Obwohl es nirgendwo mehr Milliardäre gibt als in dem angeblich kommunistischen Land, wird das mittlere Prokopf-Einkommen von der enormen Bevölkerungszahl stark in die Tiefe gedrückt. Daher ist es vorerst auch noch nicht höher als in Algerien, Brasilien oder Mazedonien, wenn man die Kaufkraft in Betracht zieht (Ulrike Herrmann). Dies macht verständlich, warum es dem chinesischen Staat so sehr darauf ankommt, alle nur möglichen Quellen verfügbarer Energie zu erschließen. Die Parteispitze ist sich durchaus bewusst, dass sie sich nur an der Macht halten kann, wenn sie einer ganzen Milliarde Menschen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte denselben Lebensstandard ermöglicht, den bisher in erster Linie die Bewohner der Küstenregionen genießen. Auch aus unserer westlichen Perspektive erscheint das durchaus gerecht zu sein. Warum sollte den Chinesen ein Wohlstand verwehrt sein, den wir schon seit langem genießen? Andererseits ist es inzwischen für jeden ökologisch auch nur halbwegs gebildeten Menschen offensichtlich, welche desaströsen Folgen sich daraus für den Globus ergeben.

Wer also ist schuld?

Es gehört zu unserer Gewöhnung an Fake Reality, dass wir das Profitstreben manischer Egoisten für alle Übel einschließlich der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt verantwortlich machen – mögen wir diese Egoisten nun als Kapitalisten, Konzerne, Banken oder einfach als neoliberalen System bezeichnen.

Wenn es doch nur so einfach wäre!

Denn dann hätten zumindest einige Länder das Problem durch einen politischen Umsturz schon längst gelöst!

Aber so einfach ist es gerade nicht! Eine halbe Milliarde Chinesen wartet noch immer darauf, so wie wir mindestens ein Wasserklosett und ein Auto zu besitzen und wenigstens einmal im Jahr einen Flug in den Urlaub zu genießen. Und inzwischen fordern auch die Menschen in Afrika und Innerasien genau diesen Lebensstandard von ihren Regierungen. Sieben, bald sogar zehn Milliarden Menschen wollen materiell so gut leben wie wir. Es interessiert sie wenig, mit welcher Wirtschaftsform und unter welchem politischen System sie dieses Ziel erreichen, wenn dies nur überhaupt geschieht, und zwar besser heute als morgen!

In Wahrheit sind Politiker und Regierungen

überall auf der Welt Getriebene, weil es diese Milliarden sind, die alle nach jenem Wohlstand streben, den die jeweils reichsten Nationen bereits besitzen. Bis vor dreihundert Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der Menschen – mochten sie nun in Neuguinea, China, Indien oder Persien zu Hause sein – keine Vorstellung davon, wie Deutsche, Italiener oder Nordamerikaner leben. Heute trägt das Fernsehen Bilder vom guten westlichen Leben weltweit in jedes Haus. Als zwangsläufige Folge aus dieser global zugänglichen Information erlebt die Menschheit nun zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein globales Wettrennen der Nationen um Reichtum und Macht. Und dieses Wettrennen wird nicht nur von Neid verursacht – es steht durchaus im Einklang mit unserem Gefühl für Gerechtigkeit. Gleichgültig, ob wir politisch links oder rechts eingestellt sind, halten wir es in jedem Fall für die Aufgabe einer guten Regierung, allen ihren Bürgern Chancengleichheit zu bieten, also die Aussicht auf einen annähernd gleich hohen Lebensstandard. Sieht die Europäische Union ihr Ziel nicht selbstverständlich darin, das bisher noch bestehende Reichtumsgefälle zwischen den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten allmählich auszugleichen? Diese Forderung aber sollte natürlich auch für den ganzen Planeten gelten. Da erscheint es nur als gerecht, dass für alle Menschen und Nationen Chancengleichheit besteht, die ihnen mit der Zeit den gleichen Reichtum verschafft.

Diesen Ruf nach materieller Gerechtigkeit leuchtet ein, gleichzeitig aber sind wir uns peinvoll bewusst, dass wir als Kollektiv gegen eine unüberwindbare Barriere anprallen. Denn spätestens seit der Klimakrise sind wir mit einem neuen Faktum konfrontiert:

Die Natur spielt nicht mehr mit!

In Kalifornien, Australien, im Amazonasbecken und in ganz Sibirien brennen die Wälder – sie brennen immer öfter und immer länger. Auf den Philippinen, in Japan, China, aber auch in Teilen Afrikas und Europas wüten mit jedem Jahr heftigere Stürme. Die Eispanzer der Arktis und Antarktis schmelzen schneller als die kühnsten Prognosen der Wissenschaftler in ihren Computersimulationen vorhergesehen hatten. Der Mensch aber ist inzwischen so beängstigend „erfolgreich“, dass er unter den Säugetieren allein 36% der gesamten Biomasse bildet. Mit 60% sind die von ihm verzehrten Nutztiere vertreten, während alle Wildtiere zusammen nur noch vier Prozent bilden, also praktisch am Limit der vollständigen Ausrottung stehen.

So zeigt die Fassade der Fake Reality seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal unübersehbare und gefährliche Risse. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seit dem 21. Jahrhundert vor einem Entweder-Oder stehen. Entweder reduzieren wir innerhalb der kommenden zwei, drei Jahrzehnte unseren fossilen Verbrauch gegen Null (und den anderer knapper Res­sourcen ebenfalls auf ein sehr geringes Niveau) oder wir bewegen uns im Eiltempo dem ökologischen Kollaps entgegen.

Das Beispiel Greta Thunbergs

und der von ihr begründeten Bewegung „Friday for Future“ zeigt, dass es einer Schülerin bedurfte, um die Wahrheit über des Kaisers neue Kleider in aller Öffentlichkeit auszusprechen. Greta Thunberg war mutig genug, um der Fake Reality den Kampf anzusagen. Aber kann man sich von dieser Bewegung Erfolg versprechen? Ja, auf äußerlich sichtbare Weise wohl schon. Ich kann mir gut vorstellen, dass religiöse Sekten in der Art der vor acht Jahrhunderten von Franz von Assisi gegründeten demnächst in Europa oder auch den Vereinigten Staaten entstehen werden. Ähnlich wie damals werden dann eine kleine Zahl „Heiliger“ barfuß und in Lumpen gekleidet durch die Straßen ziehen, um ihren Mitmenschen zu predigen, dass sie sich grundlegend ändern müssen, wenn der Planet auch künftigen Generationen noch Platz bieten soll. Aber genau wie damals wird sich dadurch an der tatsächlichen Situation wenig ändern. Die Sektenjünger lassen sich – wie weiland die Franziskaner – vom Rest der Bevölkerung erhalten, der sich dadurch ein gutes Gewissen verschafft und genauso weiter macht wie bisher. Die USA werden jedenfalls eisern am „American Way of Life“ festhalten, während China, Indien und Afrika laut auf ihrem Recht bestehen, ihrerseits an diesem Wohlstand zu partizipieren.

Obwohl das Ergebnis – „nämlich Kollaps –

klar absehbar ist, gibt es keine Mehrheit die für einen Abbruch /des bisherigen Wirtschaftsgebarens/ stimmen würde“ (Harald Welzer).*4* Die Frage ist, warum? Ich glaube nicht, dass alle und nicht einmal die meisten Menschen unverbesserliche, kurzsichtige Egoisten wären und deshalb unfähig, über den Tellerrand ihrer jeweiligen Augenblicksbedürfnisse hinwegzusehen. Es liegt daran, dass jeder Staat, der den Weg des Verzichts beschreitet, sich dadurch entscheidend schwächt und zum Opfer der Stärkeren macht. Würden alle von einer starken übernationalen Autorität dazu genötigt, sich gleichzeitig und gemeinsam zum Verzicht zu entschließen, so dass keiner vor dem anderen einen Vor- oder Nachteil erwirbt, dann wäre die Rettung des Planeten vermutlich überhaupt kein Problem. Auf einzelstaatlicher Ebene hat dieses Prinzip ja durchaus funktioniert. Die Aufgabe einer funktionierenden Regierung bestand von jeher darin, Menschen daran zu hindern, dass sie für einander zu Wölfen werden. Aber heute genügen nationale Regierungen nicht mehr, um mit den globalen Problemen fertig zu werden. Eine transnationale Instanz mit Entschei­dungsbefugnis ist gefordert, um dem unseligen Wettrennen der Nationen um größeren Reichtum und größere Macht ein Ende zu setzen. *5*

Der kanadische Ökologe William E. Rees

hat aufgrund der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz errechnet, dass unter den gegebenen technischen Voraussetzungen zwei Milliarden Menschen – etwa eine Milliarde mehr als um 1800, als das fossile Feuer entzündet wurde – für eine nachhaltige Lebensweise vertretbar seien. *6*

Mit dieser Erkenntnis zündet die Wissenschaft eine Bombe. Die Menschheit muss ja beinahe wieder an den Ausgangspunkt zurück, wo sie vor der industriellen Revolution begann. Diese Forderung macht begreiflich, warum man auf der ganzen Welt die Augen so beflissen vor der Wirklichkeit verschließt und sich lieber zum Zerrbild der Fake Reality bekennt. Denn jedem von uns ist natürlich bewusst, dass auch die beste Familienplanung die Zahl der Menschen nicht schnell genug sinken lässt, damit sie noch in diesem Jahrhundert von sieben bis zehn auf nur zwei Milliarden Menschen abgesenkt wird. Es muss aber etwas geschehen, denn das Klima kümmert sich nicht darum, wie viel Zeit wir uns nehmen.

Ich schließe aus dieser Evidenz,

dass die Katastrophe nur durch radikalen Verzicht abgewehrt werden kann. Die gesamte Menschheit muss ihren heutigen Ressourcenverbrauch auf etwas weniger als ein Siebtel reduzieren, damit wir nicht mehr als diese maximal zwei Milliarden Menschen an Ressourcen verbrauchen und an Giften in die Natur emittieren. Andererseits haben wir aber gerade argumentiert, dass jeder Einzelstaat, der mit einem solchen Schritt beginnt, ohne dass ihm die anderen folgen, nur sich selber schwächt, ohne der Natur zu nützen. Mit anderen Worten, kein Einzelstaat allein kann – und will – wirklich etwas gegen die Klimakatastrophe tun -, denn dann müsste er die eigene Bevölkerung dazu zwingen, auf Wohlstand zu verzichten, auch wenn der Rest der Welt dazu nicht bereit ist. Nur eine transnationale Instanz, vermag diese Forderung durchzusetzen, wenn sie allen Einzelstaaten zusammen den gemeinsamen Verzicht auferlegt. Aus diesem – und nur aus diesem Grunde – sehe ich in einer Weltregierung das Ziel der Geschichte, denn sie allein ist imstande die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps und der nuklearen Selbstvernichtung zu retten („Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“, Amazon).

Das ist der erste Grund, warum uns keine Grüne Partei die Wahrheit sagt. Denn eine gesetzgebende transnationale Instanz scheint im gegenwärtigen Moment noch völlig utopisch. Wir alle wollen hier und jetzt etwas tun – nicht nur die Grünen -, aber wenn wir ehrlich sind und uns nicht in das Wunschbild einer Fake Reality flüchten, sind wir zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die jetzigen Bedingungen uns zur Ohnmacht verdammen.*7* Die Situation muss für die Menschheit erst so unerträglich werden, dass sie der globalen Gefahr mit globalem Handeln begegnet – bis dahin wird man sich um die Wahrheit drücken und im Gegenteil noch diejenigen als Panikmacher verleumden, welche mit dem Finger auf die Fake Reality zeigen.

Der deutsche Ökonom Meinhard Miegel

hat es gewagt, auf vorsichtige Weise die Richtung anzudeuten, in die wir uns bewegen müssen: Er sprach von einem „Wachstumswahn“, den wir beenden müssen. *8* Das ist bemerkenswert, weil Miegel ein politisch eher konservativer Denker ist. Der Ruf, dem vermeintlich ewigen Wachstum und damit dem Zerrbild der Fake Reality ein Ende zu setzen, kommt inzwischen also aus allen Richtungen. Was Meinhard Miegel nicht sah – und wohl auch nicht sehen wollte – ist, dass der Verzicht auf Wachstum eine völlig andere Wirtschaftsordnung als die heutige zur unerlässlichen Bedingung macht. Und die Folgen eines derartigen Wandelns sind von so grundlegender Art, dass dies der zweite Grund ist, warum gegenwärtig niemand – nicht einmal die Grünen – uns die Wahrheit sagen.

Von der Notwendigkeit einer globalen Instanz, um globale Problem zu lösen, habe ich schon gesprochen. Von der Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Wirtschaftssystems wird im nächsten Artikel die Rede sein.

1. Ian Morris zufolge deckte England schon um 1650, also eineinhalb Jahrhunderte vor dem eigentlichen Beginn der fossilen Revolution, die Hälfte seines Energiebedarfs mit Kohle ab. Um 1700 „produzierte England fünfmal so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen, fünfzigmal so viel wie China“ (Michael Mann), denn die Möglichkeiten der Energiegewinnung aus den bis dahin zur Verfügung stehenden erneuerbaren Quellen waren so gut wie ausgereizt. Es gab in England und Irland kaum mehr Bäume. Auch der Tagebau der Kohle wäre schnell an ein Ende gelangt, wenn es nicht mithilfe der Dampfmaschine gelungen wäre, diese aus den Tiefen der Erde zu fördern.

2. Und diese Herrschaft führt oft auch zu einem intensiven Verlangen, die Realität, wie sie ist, zu verdrängen. „Ich stelle mir vor: Es gibt kein Gerede mehr vom Weltuntergang, vom Anthropozän, von den irreversiblen Zerstörungen, von den planetaren Grenzen“ (Welzer, „Alles könnte anders sein“). Das ist ein Aufruf zur Verdrängung: Leute haltet euch an die Fake Reality, die ist schöner!

3. Aber auch die Erschöpfung der Ressourcen ist bedrohlich genug. Siehe Ugo Bardi, „Der geplünderte Planet“.

4. Welzer, op. cit.

5. Im Einzelnen habe ich diese Perspektive in meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Das Schicksal der Menschheit im 21. Jahrhundert“ (Amazon Kindle und Taschenbuch) ausgeführt.

6. Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

7. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Tausend für die Umwelt sinnvolle Aktionen werden schon jetzt und werden in Zukunft von den meisten Staaten ausgeführt werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Verbot der FCKW, um die Zerstörung der Ozonschicht zu beenden. Dennoch werden die entscheidenden Maßnahmen nicht vollzogen, nämlich solche, welche einem Staat im Wettrennen um die größere Macht und Wirtschaftsstärke allen anderen gegenüber ernstliche Nachteile bringen. Keine Nation wird – außer, wenn sie dazu gezwungen wird – ihren Ressourcenverbrauch auf etwa ein Siebtel reduzieren, wie es für nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft notwendig sein wird.

8. Siehe Meinhard Miegel, „Exit – Wohlstand ohne Wachstum“. Propyläen 2010.

It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. Diese Krankheit ist mit dem Gegensatz von rechtem und linken Lager nur unzulänglich benannt, denn diesen gibt es schon seit dem 18ten Jahrhundert – er gehört sozusagen zur demokratischen Normalität. Auch der drei Jahrhunderte währende Widerspruch zwischen den beiden einander entgegengesetzten Idealen von Gleichheit und Freiheit wird der Situation nicht gerecht. Die Linken wollten und wollen mehr Gleichheit, die Rechten mehr Freiheit.

Doch der Antagonismus zwischen Gleichheit und Freiheit

mutet veraltet an. Die wenigsten hören noch hin, wenn SPD, SPÖ, der italienische Partito Democratico, Frankreichs oder Spaniens Sozialisten ein Mehr an Gleichheit fordern. Die Botschaft kommt nicht mehr an – linke Parteizeitungen sind passé oder werden kaum noch gelesen. Mancher wird – so wie Ralf Dahrendorf schon in den neunziger Jahren – diesen Befund mit der eigentlich ja höchst erfreulichen Tatsache erklären, dass die demokratischen Sozialisten ihr Ziel gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa erreichten und sich selbst deshalb überflüssig machten. Das ist zweifellos richtig, denn die Bevölkerungsmehrheit erfreut sich in den Ländern des Westens eines materiellen Lebensstandards wie niemals zuvor. Zwar ist Gleichheit inzwischen eher stärker bedroht, da die Zahl der Superreichen sich stetig vergrößerte, diese Tatsache erregt aber heute kaum oder zumindest weit weniger Protest, seit Ungleichheit nicht mehr wie die längste Zeit menschlicher Geschichte Hunger und frühen Tod für die Benachteiligten bedeutet, sondern auf hohem Niveau in einem Wohlfahrtsstaat stattfindet.

Der Kampf gegen Ungleichheit – das klassische Thema der Linken – erregt im Westen kaum noch die Gemüter, aber nicht anders verhält es sich mit dem Kampf für die Freiheit – dem klassischen Thema der Rechten. Vielmehr haben die beiden Volksparteien in ganz Europa als ihr eigentliches Ziel Wohlfahrt für alle zu ihrem Programm gemacht – in Deutschland wurde die CDU unter Angela Merkel geradezu sozialdemokratisch. Freiheit und Gleichheit waren die Parolen, denen im 18ten Jahrhundert die Aufklärung ihre politische Brisanz und Faszination verdankte, heute spielen beide Begriffe im politischen Diskurs nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Bruchlinien verlaufen an anderer Stelle. Was ist passiert?

Das ist nur zu verstehen,

wenn wir den Blick auf jene Parteien richten, die in den vergangenen Jahrzehnten – manche würden sagen – wie Giftpilze in die Höhe schossen. In Deutschland haben wir die AfD, in Italien die Lega, in Frankreich den Front National (heute Rassemblement National), in Ungarn Fidesz, in Polen die PiS. Shinzo Abe hat in Japan die Liberal-demokratische Partei in die gleiche Richtung geführt, ebenso Donald Trump in den USA die von ihm geistig vergewaltigten Republikaner. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Westen sich mit diesen Bewegungen „globalisierte“ – er macht sich eine weltweit verbreitete Tendenz zu autoritären Regierungsformen zu eigen.

Außerhalb des Westens ist China diesen Weg ja schon seit Jahrzehnten konsequent gegangen, ebenso Indien unter den Hindunationalisten, und Russland hat ihn unter Putin eingeschlagen. In das alte Schema von rechts versus links sind weder die neuen autoritären Parteien des Westens noch die der übrigen Welt einzugliedern. So etwa lassen China, Russland und Indien Freiheit genau in dem Maße zu, wie sie der ökonomischen Stärkung des eigenen Landes dient, nämlich um die private Initiative zu mobilisieren und ausländische Investoren ins Land zu locken. Sie unterdrücken Freiheit aber bedenkenlos und oft auch brutal, sobald sie innere Widersprüche aufkommen und den sozialen Zusammenhalt zu schwächen droht. Der Gleichheit geben sie ebenfalls eine eigene Bedeutung. Sie wird nicht materiell aufgefasst – man vergesse nicht: nirgendwo gibt es mehr Milliardäre als in China und nirgendwo wird spektakulärer Reichtum so unverschämt paradiert wie von Russlands neureichen Oligarchen. Umso mehr Wert legt man dagegen auf die Gleichheit der Weltanschauung, die – moralisch untermauert – vor allem aus einem nationalistischen Credo besteht.

Bezeichnet man die autoritären Parteien als „rechts-extrem“, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie keineswegs rechts im klassischen Sinn sind, denn Freiheit spielt für sie keine Rolle. Sie sind aber auch keine erklärten Gegner materieller Gleichmacherei, so wie das früher einmal für das rechte Lager bezeichnend war. Gleichheit spielt bei ihnen sehr wohl eine Rolle, aber – wie schon gesagt – im strikt ideologisch verstandenen Sinn als Gleichheit der Weltanschauung. Es wäre also viel richtiger, diese Parteien schlicht „nationalistisch“ bis „chauvinistisch“ zu nennen. Von der AfD über die Lega bis zu Trumps Amerika, Putins Russland und Xi Jinpings China beschwören sie die Einzigartigkeit und Größe des eigenen Landes, die sie um jeden Preis erhalten und stärken wollen.

Ihre Gegner, die man wohl am treffendsten als „Kosmopoliten“

bezeichnet, rekrutieren sich nahezu überall aus den höher gebildeten Schichten (eine Ausnahme scheint nur China zu bilden, wo die Partei die Intellektuellen in ihre Reihen zieht). Immer schon war es ein Vorrecht der Gebildeten einen Blick über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus auf die übrige Welt zu werfen. Die westliche Forschung – Anthropologie, Soziologie, Psychologie – ist ihnen dabei während der vergangenen Jahrzehnte mit eindeutigen Resultaten vorangegangen. Das Ergebnis: Seit mindestens 50 000 Jahren (aber vermutlich schon sehr viel länger) sind Menschen einander überall auf der Welt genetisch und psychologisch gleich. Diese Einsicht ist historisch vollkommen neu. Zwar stimmt es, dass monotheistische Religionen wie das Christentum oder der Islam die Einheit der Menschheit schon sehr viel früher postulierten, doch umfasste sie nur die Gläubigen – Heiden und Ketzer wurden regelmäßig bekämpft, wenn nicht ausgerottet. Auch die amerikanische und französische Revolution haben die Gleichheit aller Menschen nur in der Theorie proklamiert, in der Praxis galt bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch als ausgemacht, dass andere „Rassen“ – speziell die schwarzen, gelben und roten – der weißen weit unterlegen seien. Deshalb bestanden bis dahin auch wenig Skrupel, sie militärisch zu unterwerfen und ökonomisch auszubeuten.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts

hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Zunächst ist die Forschung zu dem Schluss gekommen, dass alle Unterschiede zwischen den Menschen allein auf anerzogenen kulturellen Besonderheiten beruhen – mit anderen Worten, dass sie – so wie die Kultur selbst – modifizierbar sind. Wichtiger als die Forschung, deren Ergebnisse selten das Denken der Öffentlichkeit bestimmen, war jedoch die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Staaten wie Japan, die ehemaligen ostasiati­schen Tiger und China einen so fulminanten Aufstieg erlebten. Dieser ungeheure praktische Erfolg von Staaten, die noch vor hundertfünfzig Jahren für den durchschnittlichen Europäer kaum existierten, hat auf eine für jedermann evidente Weise die alten Vorurteile entkräftet. Von da an ließ sich nicht länger leugnen, dass andere Völker unter entsprechenden Bedingungen genauso „tüchtig“ oder vielleicht sogar noch tüchtiger sind als wir selbst. Nicht nur unter den Gebildeten, sondern selbst in großen Teilen der Bevölkerung wurde nun stillschweigend die Forderung akzeptiert, andere Menschen überall auf der Erde als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen.

Zumindest für die Mehrheit der Intellektuellen

und eine kurze Zeit sogar für einen großen Teil der Bevölkerung resultierte diese Erkenntnis in der Bereitschaft zur offenen Tür, die auch gern sperrangelweit geöffnet sein durfte. Wenn alle Menschen einander gleich und gleichberechtigt sind, gibt es ja keinen vernünftigen Grund, warum nicht jeder (zumindest solange dies ökonomisch möglich erscheint) Zugang zum eigenen Land genießen solle. Dieser Schluss scheint vielen so evident und unanfechtbar, dass er gerade vonseiten der Intellektuellen wie ein neues Ideal verfochten wurde – mit gleicher Überzeugung – und mehr und mehr auch mit gleicher Unduldsamkeit – wie früher einmal die Ideale von Freiheit und Gleichheit.

Immigration ist also keineswegs zufällig zu einem Kampfwort geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die „Aufgeklärten“ rennen gegen die „Nationa­listen“ mit gleichem Fanatismus an, wie umgekehrt die Nationalisten gegen die Aufgeklärten. Beide verweigern einander das Gespräch, so als fehlte den jeweili­gen Gegnern nicht nur die Vernunft, sondern die Existenzberechtigung überhaupt. Die einen sehen in den Aufmüpfigen eine Art von minderbemittelten Affen, die sich unbegreiflicherweise im Land der Anständigen und Aufrechten breit gemacht haben, die anderen sprechen von „Scheißliberalen“ – mit anderen Worten, dieser Kampf erinnert an die Glaubenskriege früherer Zeiten, wo Katholiken sich weigerten mit den Protestanten, Sunniten mit Schiiten, Christen mit Muslimen, Sozialisten mit Kapitalisten an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihn zu reden. Für jeden stand die eigene Wahrheit unverrückbar fest, während man die des Gegners als menschenunwürdig oder tabu erklärte. Damals wurden solche Konflikte regelmäßig durch Gewalt und Krieg entschieden – heute durch soziale Ächtung.*1*

Ideologische Feindschaften haben in der Regel

wenig mit den vorgegebenen Idealen, dagegen sehr viel mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zu tun. Auf geringem geistigen Niveau lief der Gegensatz der Ideale von Gleichheit und Freiheit schlicht darauf hinaus, dass die einen sich im Namen der Gleichheit den Reichtum und die sozialen Positionen aneignen wollten, welche die Begünstigten schon besaßen, während Letztere im Namen der Freiheit umgekehrt ihre erworbene Stellung auf keinen Fall räumen wollten. 

Der Gegensatz zwischen Kosmopoliten und Nationalisten reicht in größere Tiefen. Die generelle Menschenliebe ist eine typische Intellektuellenhaltung, begründet auf Erkenntnis und einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Aber es ist ein abstraktes Ideal: Wir kennen nur Menschen – die Menschheit überhaupt ist ein Begriff, dem alle Anschauung fehlt. Der Durchschnittsbürger weiß daher auch wenig oder gar nichts mit ihm anzufangen. Er liebt seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und allenfalls die Menschen, die seine Sprache reden und so denken und fühlen wie er. Für ihn, wie für fast alle Menschen seit Beginn ihrer Geschichte existiert nur die Nächstenliebe – die Fernstenliebe zu Menschen, die er nicht kennt, ist ihm fremd. Daran hat sich auch durch die Einführung von Zeitungen, Briefverkehr und die sozialen Medien unserer Zeit nichts Grundlegendes geändert. Tiefe menschliche Bindungen setzen immer noch den Austausch von Gefühlen und die direkte physische Nähe voraus. Das haben inzwischen sogar die Unternehmen einsehen müssen. Videokonferenzen werden nur abgehalten zwischen Leuten, die einander aus persönlichen Begegnungen bereits gut bekannt sind. Andernfalls macht gegenseitiges Misstrauen den Abschluss von haltbaren Verträgen nahezu unmöglich.

Der Gegensatz zwischen Nächsten- und Fernstenliebe

hat mit unserem Thema sehr viel zu tun. Um es in der Gesellschaft aushalten zu können, kommt es nicht darauf an, dass wir Muslime in Afghanistan, Schiiten in Persien oder die Bantu des Kongo für gleichwertige Menschen halten – diese Einsicht ist für unsere Theorie vom Menschen von größter Bedeutung, sie ist aber belanglos für unser Wohlergehen in der Gesellschaft, in der wir heimisch sind. Dort kommt es vielmehr darauf an, dass wir die Menschen in unserer Um­gebung achten, schätzen und lieben können und umgekehrt dieselbe Achtung von ihnen erfahren. Nun ist es allerdings ein Faktum, dass die moderne Wettbe­werbsgesellschaft zwar einerseits Reichtum wie nie zuvor erzeugte, aber dass sie andererseits die Menschen mehr isoliert und voneinander entfremdet hat. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft hat sie aus allen festen Bindungen herausgerissen; der dauernde technische Wandel, die erzwungene Bereitschaft jederzeit disponibel zu sein und den Wohnort und damit auch Freunde und Partner zu wechseln – all dies hat die moderne Gesellschaft atomisiert und dazu beigetragen, die isolierten Individuen in eine soziale Leere zu verstoßen, wo gegenseitige Achtung, Wertschätzung oder gar Liebe zunehmend verkümmern. In dieser Situation erscheint alles Neue mehr und mehr als Bedrohung – vor allem auch fremde Menschen mit abweichenden Gewohnheiten und Überzeugungen. Der Protest gegen die eigene Zeit und ihre als unzumutbar empfundenen Herausforderungen äußert sich dann in einem Festhalten an den Resten von Identität, die man aus der Vergangenheit schöpft. In den neuen Bundesländern, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ immer noch Desorientierung bis hin zum Verfall vorherrschen, besteht die verlorene Identität aus den nostalgisch beschworenen Zuständen der einstigen DDR, wo das Leben für viele weit ärmlicher war, aber dennoch als sozial befriedigender empfunden wurde. Marx hat den Begriff der Entfremdung auf das Verhältnis des Menschen zu den von ihm produzierten Dingen verwendet, aber die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch war und ist immer das eigentliche Problem, denn sie schlägt viel tiefere Wunden. Darüber hinaus schöpfen die Nationalisten ihre Identität nicht aus den großen Epochen der deutschen Geschichte, von denen sie genug Gutes lernen könnten, sondern das Ungenügen an der Gegenwart – bei vielen bis zum Hass gesteigert – verführt sie dazu, sich an dem Schandfleck deutscher Geschichte zu orientieren, den unseligen dreizehn Jahren, wo der pure Hass das Basso continuo war.

Hierin liegt die große Gefahr,

der man nicht gerecht wird, wenn man ihre Ursachen nicht in den Blick bekommt. Anders gesagt, sollten die Gebildeten in Europa ihre Überlegenheit nicht durch hochmütige Verachtung der extremistischen Bewegungen zum Ausdruck bringen, sondern sich fragen, warum diese überhaupt entstehen konnten? Fast ein halbes Jahrhundert vom Ende des zweiten Weltkriegs gerechnet gab es den virulenten Nationalismus ja praktisch nicht (in homöopathischer Dosis sind freilich alle Abartigkeiten in jeder Gesellschaft in jedem Moment präsent). Warum hat die AfD – ursprünglich eine Partei von Professoren, die mit durchaus ernstzunehmenden Argumenten den Euro bekämpften – sich nach Angela Merkels Flüchtlingspolitik plötzlich in eine Partei von Fremdenhassern verwandelt? Warum wurden überall in Europa und in anderen Staaten des Westens die nationalistischen Bewegungen so sehr gestärkt? Könnte es sein, dass die Gebildeten sich letztlich als halbgebildet entpuppen, weil ihnen Ursachenforschung und vor allem die Beseitigung der Ursachen selbst als zu aufwändig erscheinen? Könnte es sein, dass es ihnen viel befriedigender erscheint – ein Charakteristikum aller begünstigten sozialen Schichten – auf die armen Irren herabzublicken, weil man sich selbst dann so überlegen fühlen darf? Man sollte sich zumindest bewusst sein, dass Ausgrenzung, Verweigerung des Gesprächs, Verachtung und die mangelnde Bereitschaft, die Ursachen zu bekämpfen, für die Demokratie auf Dauer ein tödliches Gift sind.

Die Wettbewerbsgesellschaften

haben Reichtum auf Kosten des sozialen Zusammenhalts geschaffen. Das Tempo der Neuerungen ist für viele Menschen zu groß; es überfordert sie und verlangt von ihnen zu viele Opfer. Man hat den Menschen ihre Identität genommen oder richtiger, man verlangt von ihnen, Identitäten fortdauernd zu wechseln oder auch ganz auf sie zu verzichten. Manche Intellektuelle wie Isolde Charim in Österreich gießen noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie diese Entwicklung ausdrücklich für richtig und unausweichlich erklären. Doch wenn man die Menschen ihrer Identität beraubt, beeilen sich Populisten und Demagogen, die entstehende Leere mit künstlichen Identitäten zu füllen – meistens solchen, welche den schlimmsten Perioden der eigenen Geschichte, solchen des Hasses entstammen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden extremistische Bewegun­gen in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker werden, da nichts gegen ihre Ursachen getan wird.

Der Kosmopolitismus der Eliten

ist zweifellos zu einer welthistorischen Notwendigkeit geworden. Alle existenziellen Gefahren, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist: die Erschöpfung der Ressourcen, die Vergiftung der Natur (Klimakrise), das neuerdings wieder stark gestiegene Risiko einer nuklearen Konflagration sind nur noch global in dem Bewusstsein zu lösen, dass wir alle uns im selben fragilen Boot befinden. Doch wenn dieser Kosmopolitismus zur Entwurzelung führt, weil er die einzig emotional reale Nächsten- durch eine abstrakte Fremdenliebe ersetzt, wird es keine Bereitschaft geben, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Denn globales Denken setzt die lokale Verankerung voraus, den Regionalismus. Echte menschliche Gemeinschaft, die Voraussetzung für ein erfülltes Leben, kann immer nur hier entstehen.

1. Die erstaunlichste Hetze in Nachkriegsdeutschland musste Thilo Sarrazin erleiden, weil er ein Tabu unserer Zeit verletzte. Er hatte einen kleinen Fehler gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre begangen, als er die Möglichkeit in Betracht zog, die besondere Leistungsfähigkeit der Juden genetisch zu begründen. Abgesehen davon hat er aber die mangelnde Integration vor allem der arabischen und türkischen Immigranten ausschließlich auf kulturelle Ursachen zurückgeführt. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten auch die überzeugtesten Kosmopoliten dagegen keinen Einspruch erheben dürfen. Man erinnere sich an den großen Alexis de Tocqueville, der mit einer gewissen Bewunderung davon sprach, dass die Indianer Nordamerikas sich nicht der Lebensweise der Weißen anpassen wollten, weil ihr Stolz ihnen dies verbiete: Feld- und Industriearbeit waren in ihren Augen nur für Sklaven gemacht. Tocqueville als Nachfahre einer adligen Familie wusste, wovon er sprach. So klar wie Sarrazin erkannte er die kulturellen Gründe für solches Verhalten – Gründe, die sich langfristig völlig ändern können, aber eben nicht über Nacht.

Noch vor Trump zeigte sich in Deutschland, dass man den Blick auf die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht erträgt und diejenigen verfolgt, die sie ohne Beschönigung beschreiben. Die selbstdeklarierten Anständigen und Aufrechten halten sich an die Fake-Reality – die Wirklichkeit, so wie man sie sehen möchte. Kann man eine Situation wirklich verbessern, wenn man nicht den Mut besitzt, sie vorher nüchtern zu analysieren?

„Freiheit, die wir meinen“

Der harte Widerspruch, der die Politik des 21. Jahrhunderts beherrschen wird – und der in der Tat jetzt schon kennzeichnend für sie ist – liegt in der Gegenläufigkeit zweier gleich notwendiger, gleich unverzichtbarer Tendenzen. Auf der einen Seite verlangt die Globalisierung der Chancen und Risiken von sämtlichen Staaten, auf einen Teil ihrer Souveränität zu verzichten. Die drohenden Gefahren von Klimawandel, Ressourcenverschleiß und nuklearer Bedrohung sind nur noch durch eine Weltregierung zu bannen, welche dem Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst ein Ende setzt. Solange in einer multipolaren Welt jeder Staat einen Vorteil darin erblickt, dem Gemeinwohl aller anderen zu schaden, weil er aus solchem Verhalten für sich selbst einen deutlichen Nutzen zieht, wird die Menschheit dem Abgrund mit jedem Jahr etwas näher rücken. „Freiheit, die wir meinen“ weiterlesen

Hatten die Nazis ein Gewissen?

… die Existenz eines universalen menschlichen Gewissens lässt sich sogar auf einer noch elementareren Ebene nachweisen, nämlich in der Herabwürdigung anderer Menschen, einer Praxis, an der sich seit den frühesten Anfängen menschlicher Geschichte bis zum heutigen Tag wenig bis gar nichts geändert hat.

Die Herabwürdigung anderer als ein Indiz für das Vorhandensein eines universalen Gewissens?

Das scheint auf den ersten Blick ein harter Widerspruch, zumindest ein Paradox zu sein. Aber warum ist bis zum heutigen Tag nichts so sehr verbreitet wie die abwertende und manchmal geradezu vernichtende Bezeichnung der Angehörigen fremder Sippen, Stämme, Völker oder Nationen als Nichtmenschen, Unmenschen, Untermenschen, Mindermenschen, Barbaren, Verbrecher, Artfremde, Bestien usw.?

Ich meine, dass sich aus dieser Tatsache nur ein einziger Schluss ziehen lässt. Die Menschen waren sich zu allen Zeiten bewusst, dass sie gegenüber ihresgleichen human, gerecht, verständnisvoll handeln sollten– oft sogar unter dem Imperativ, sich für die eigenen Stammesgenossen zu opfern, denn mit diesen empfand man sich ja als wesensgleich. Also war es nötig, dass man diejenigen, denen man schaden, die man übervorteilen, die man bekämpfen wollte, als radikal verschieden von der eigenen Gruppe erklärte, eben als Nicht- oder Untermenschen oder auch „Artfremde“ wie die Nazis von den jüdischen Mitbürgern sagten. Vor jedem Vernichtungskrieg (im Unterschied zu ritualisierten Turnieren) wurden andere Menschen zunächst einmal auf diese Weise als zutiefst fremdartig und wesensungleich verunglimpft, sodass die an ihnen verübten Grausamkeiten und Verbrechen dann nicht länger als solche zählten – sie wurden ja nicht an vollwertigen Menschen verübt. Gerade durch dieses elementare und weltweit erwiesene Faktum wird die Existenz eines universalen Gewissens ebenso deutlich bezeugt wie die Leichtigkeit, mit der Menschen dieses Gewissen zu allen Zeiten zu überlisten und außer Kraft zu setzen verstanden.

Das galt bis gestern, als die Nazis ihre jüdischen Mitbürger zu Untermenschen erklärten, und es wird auch in Zukunft gelten, wann immer eine Gruppe, eine Regierung oder einzelne Individuen anderen die Eigenschaft von gleichwertigen Menschen absprechen, um sie dann als vogelfrei zu erklären. Es ist ja nicht wahr, dass die Nazis nicht gewusst hätten, was sie taten. Gerade weil sie es wussten, haben sie den damals größten Propaganda-Apparat einzig zu dem Zweck erschaffen, um einen Teil der deutschen Bevölkerung zu Untermenschen zu deklarieren. Das grauenhafte Wort Heinrich Himmlers von der „Anständigkeit“, die sich die SS-Leute mit ihren von Blut triefenden Händen nach Meinung des Schreibtischmörders trotz allem bewahrten, beweist, wie notwendig es war, den Massenmord vor sich selbst und vor den anderen zu rechtfertigen. „Dies durchgehalten zu haben und dabei … anständig geblieben zu sein …“ Jeder Deutsche wusste genau, was man gewöhnlich unter Anständigkeit verstand, so musste für dieses Wort eine neue Definition gefunden werden, die zu den Mördern passte.

Um Rechtfertigung waren die Nazis bis zum Schluss ihrer Herrschaft bemüht. Ohne die bösartige und ständige Hetze wäre es dem normalen Bürger kaum begreiflich gewesen, warum der jüdische Nachbar, den er täglich grüßte, den er als Arzt persönlich schätzte oder der vielleicht sogar zu seinem Freundeskreis gehörte, in Wahrheit ein Mensch mit verborgener teuflischer Absicht sein sollte: eine Gefahr für den Volkskörper. Er wusste nicht, dass die Nazis einen solchen Feind brauchten, weil man Menschen immer dann am sichersten beherrscht, wenn man sie durch Hass zusammenschweißt. Als Hermann Rauschning Hitler fragte, ob er glaube, dass der Jude vernichtet werden müsse, gab dieser zur Antwort: „Nein, dann müssten wir ihn erfinden. Man braucht einen sichtbaren Feind, nicht bloß einen unsichtbaren.“ Wie bekannt, hat Hitler nach der Wannsee-Konferenz mit diesem Vorsatz gebrochen.

Die Richter der Nürnberger Prozesse, wo man die größten Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft zog, haben den Deutschen nach Kriegsende nur gesagt, was diese selber die ganze Zeit wussten. Sie haben das zeitweilig außer Kraft gesetzte Gewissen verkörpert. Zweifellos wäre es besser gewesen, hätte es damals einen internationalen Gerichtshof gegeben, der die schiefe Optik vermeidet, dass da nur Sieger sich an den Besiegten rächen. Doch in Ermangelung einer solchen Institution war auch die Siegerjustiz berechtigt und zu begrüßen. Umso mehr ist allerdings zu beklagen, dass der bei weitem größte Teil aller historischen Verbrechen niemals gesühnt worden ist. Schaut man auf die Zahl ihrer Opfer, so haben Stalin und Mao noch viel mehr ihrer Mitbürger umbringen lassen als die Nazis, aber kein Gericht hat sie jemals dafür zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil – sowohl Russland wie China sind inzwischen bemüht, die Geschichte auf ihre Art umzuschreiben. Hannah Arendt hat das wahre, universale Gewissen zu Wort kommen lassen, als sie den linken und rechten Totalitarismus auf ein und dieselbe Stufe stellte.

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).

Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte weiterlesen

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Diese verrückten Deutschen

(Auch in „Humane Wirtschaft“ erschienen)

Sie lieben das Ideal mehr als die Wirklichkeit – vielleicht deshalb, weil man sich in der Wirklichkeit mit Tatsachen arrangieren muss, während man die Ideale so mühelos in Wolkenkuckucksheimen ansiedeln kann? Diese verrückten Deutschen weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Was ist Wirtschaftsphilosophie?

In der ‚Offenen Gesellschaft und ihre Feinde’ vertrat Karl Popper mit großer Entschiedenheit die Position, dass größere Eingriffe in die Wirtschaft, vor allem solche ideologisch motivierter Art, meist unheilvoll und deshalb zu vermeiden seien. Was ist Wirtschaftsphilosophie? weiterlesen

Left or right – is that the question?

(Das deutsche Original, publiziert in EuroKalypse Now? (Metropolis 2014) unter dem Titel Rechts oder Links – das ist die Frage, kann ich nur in englischer Übersetzung auf meine Website reproduzieren) Left or right – is that the question? weiterlesen