Trump – die transatlantische Ego-Trompete

Was passiert mit einem Land, wo einige der besten Universitäten beheimatet sind und viele der intelligentesten Bücher über Soziologie, Politik, Wirtschaft entstehen, anders gesagt, wo nicht wenige der weltbesten Intellektuellen zu Hause sind – was passiert, wenn dort ein Mann an die Spitze gelangt, der eher als Inkarnation aus einem Comic-Heft erscheint, sozusagen als Avatar von Dagobert Duck, freilich mit einem noch weit aufgeblasenerem Ich – ein Mann, der absolut keine Gelegenheit versäumt, die eigene Unwissenheit vor aller Welt zu demonstrieren, zum Beispiel wenn er wie ein wiedergeborener Obelix die angeblich in der Klimafrage irregeleiteten Wissenschaftler aller Welt in die Schranken weist: Die spinnen!

Das Beispiel der Silbernacken

Anders gesagt, was passiert mit einem Land, dessen Präsident dem permanenten psychischen Drang gehorcht, sich vor aller Welt als der Größte und Einzige aufzuplustern: Mein Vorgänger brauchte acht Jahre, ich, Trump, habe es in acht Wochen vollbracht! Unter Primaten ist ein solcher Drang zwar nicht ungewöhnlich. Zwei rivalisierende Silbernacken treten einander aufgereckt gegenüber und schlagen sich auf die Brust. Das ist Gorillaart, um dem Feind die eigene Eminenz zu demonstrieren. Wird Donald Trump diese Primatengeste demnächst auch übernehmen? Die Frage scheint nicht unangemessen, wenn man hört, wie er die „wunderbare“ Zerstörungskraft seiner Waffen rühmt – zum Beispiel der gerade über Afghanistan abgeworfenen „Mutter aller Bomben“.

Was Wahrheit ist, bestimme ich!

In den USA gibt es Hunderttausende von Forschern, Gelehrten und Journalisten, die ihre wichtigste und höchste Aufgabe darin sehen, wissenschaftliche Fakten von unwissenschaftlichem Unsinn, von politischer Demagogie und ideologischer Wahrheitsverzerrung zu unterscheiden. Was aber passiert mit ihrem Land, wenn die politische Macht in Gestalt eines amtierenden Präsidenten auf einmal von oben her dekretiert, was als Faktum zu gelten hat und was nicht? Was passiert, wenn ein Präsident den Medien die Wahrheit vorschreiben will? Die Antwort auf diese Frage steht außer Zweifel: Ein solcher Präsident möchte sein Land – gleichgültig ob er sich dessen deutlich bewusst ist oder nicht – in eine Diktatur umwandeln. Denn genau das ist ja die klassische Definition dieser Regierungsform: Die politische Macht maßt sich das letzte Urteil über die Wahrheit an.

Die Verwechslung von Unternehmen und Staat

Was gegenwärtig in den USA passiert, lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Ein Mann, der, wie es scheint, ein Unternehmen erfolgreich zu lenken verstand, ist in die Politik mit dem naiven Wahn gestolpert, dass dieser Geschäftshintergrund die denkbar beste Voraussetzung dafür sei, um einen Staat mit gleichem Erfolg zu leiten. Wie bekannt, sind die Chefs amerikanischer Unternehmen (zumal wenn sie gleichzeitig als deren Eigentümer fungieren) im besten Fall wohlmeinende Patriarchen, im schlechtesten Fall sind sie absolute Herrscher, rücksichtslos bis brutal. Diktatorisch setzt ein solcher Chef die Ziele fest, heuert die Leute, die er für deren Verwirklichung braucht und feuert jeden, der ihm dabei im Wege steht. Diese Ziele brauchen keine Substanz aufzuweisen – es genügt, dass die Betriebszahlen stimmen. Denn zu den Schlüsselkompetenzen gehört die Anpreisung der eigenen Produkte: Selbst ein schlechtes Produkt lässt sich mit den Künsten des Make-Believe in die Hitlisten hieven. Speziell im Maklerwesen zählt der Schein mindestens ebenso wie die Substanz.

Narzissmus – das neue Banausentum

Die USA sind vermutlich auch heute noch das Land mit dem weltweit größten Reservoir an führender Intelligenz. Bisher zählte es zu den besonders geschätzten Eigenschaften solcher Intelligenz, dass deren Träger das eigene Licht unter den Scheffel der Bescheidenheit stellen. Man ist zu Recht überzeugt: Wirkliche Größe braucht keine Marktschreierei – die erkennt man auch so. Umgekehrt wurde es stets als Beweis selbstverliebter Dummheit gesehen, wenn jemand es wagt, mit seinen Leistungen zu prahlen und die Welt mit dem grellen Scheinwerferstrahl des eigenen Narzissmus zu blenden. Fassungslos muss man sich fragen, wie es geschehen konnte, dass ein Land, das geistige Giganten wie Thomas Jefferson, Walt Whitman, Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, William James, Lewis Mumford, Barbara Tuchman hervorgebracht hat, sich so weit vergaß, einen Mann von der Art Donald Trumps zum ersten Bürger des Staats zu erheben?

Eine überraschende Parallele: Rom – Amerika

Ich denke, die Antwort auf diese beunruhigende Frage findet man am ehesten in der Geschichte, und zwar in der Geschichte Roms mit ihren überraschenden Parallelen zum Werdegang der Vereinigten Staaten (siehe „Weltmacht Amerika – das neue Rom“ von Peter Bender). Groß wurde die Republik bis zur Zeitenwende durch die aktive demokratische Mobilisierung der gesamten Bevölkerung (ihrer wehrhafte Bauernschaft); zu einer Diktatur wurde das Weltreich, als das Land in das Eigentum einer Handvoll von Familien überging, die das Volk mit Panes und Circenses abspeisten.

Nicht anders die USA: Groß sind diese als ein demokratisches Gemeinwesen geworden, das bis in die Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Bevölkerungsmehrheit Arbeit, Einkommen und politische Mitbestimmung gewährte. Doch dann inszenierte die sogenannte Elite die neoliberale Wende: Es kam zu einer rasanten Konzentration von Eigentum, politischer Macht und Medienherrschaft in den Händen einer Handvoll von Familien – ganz wie in Rom während des Zerfalls der Republik. Gut bezahlte Industriearbeit wurde nach Asien ausgelagert, weil die Profite der Ein-Prozent-Oligarchie – also der größten Investoren des Landes – sich fabelhaft vermehren ließen, wenn man zu weit geringeren Kosten an Billigstandorten erzeugte, was man dann im eigenen Land zu vergleichsweise hohen Preisen verkaufte. „Während 1945 noch 37 Prozent der berufstätigen Amerikaner in der Industrie beschäftigt waren, sind es heute weniger als 11 Prozent“ (Joseph Stiglitz, 2006: 270). Denn „zwischen 1992 und 2007 nahmen die chinesischen Exporte in die USA um das Zwölffache zu und Chinas Handelsüberschuss schoss von 18 auf 233 Milliarden Dollar in die Höhe. 2008 nahmen chinesische Güter in amerikanischen Supermarktketten wie Wal-Mart in der Regel 90 Prozent der Regale ein“ (Ian Morris, 2010). So wurden Jobs im großen Maßstab vernichtet – nicht die Jobs an der Spitze, also in der Hightech-Industrie, im Management und in der Finanz, sondern das tragende Fundament jener Arbeitsstellen, in denen die Unter- und Mittelschicht bis in die siebziger Jahre recht gut verdiente.*1*

Das Volk wird nicht länger gebraucht

Beide Parteien haben diese Politik betrieben und einen Trump dadurch erst möglich gemacht. Beide haben es zugelassen, dass die Unter- und selbst Teile der Mittelschicht in den Vereinigten Staaten nicht länger gebraucht wird: Sie sind überflüssig. Die benötigten Spitzenkräfte holt sich die Ein-Prozent-Plutokratie von überall in der Welt, indem sie ausgebildete Hochqualifizierte mit Hochlöhnen lockt. Wie schön!, so spart der Staat im eigenen Land die Kosten für ein breites, öffentlich finanziertes Bildungssystem; er macht sich parasitär die Schulbildung anderer, meist ärmerer Staaten zunutze. Für den eigenen Nachwuchs wird ein staatliches Schulsystem ohnehin nicht gebraucht, die eigenen Kinder lässt die Oberschicht in selbstfinanzierten Privatschulen ausbilden. Tatsächlich stecken die USA, bezogen auf die Wirtschaftsleistung, nur ein Sechstel dessen in die öffentliche Bildung, was die skandinavischen Länder dafür aufwenden, und nur ein Viertel des deutschen Betrags. Als wäre es damit noch nicht genug, hat die Industrie mit Billigarbeitern, die sie aus Mexiko kommen ließ, die Löhne der Schlechtverdienenden noch weiter nach unten gedrückt.

Das macht sich inzwischen im ganzen Lande bemerkbar: Auf der einen Seite das numerisch schrumpfende Lager einer Intelligenz, der die besten amerikanischen Universitäten ihren Ruf und Rang verdanken. Auf der anderen Seite das anschwellende Heer von Unterschichtamerikanern, die Bildung für eine Krankheit von Eierköpfen, den Klimawandel für eine Lüge von Landesverrätern und die Evolutionslehre für eine Erfindung des Teufels halten. Sie können auf den neuen Präsidenten als Verbündeten und Gesinnungsgenossen zählen. Dieser will ja seinerseits noch weiter an der staatlichen Bildung sparen!

Die Intelligenz ins Lager von RT getrieben!

Wie es aussieht, wird Trump dabei auf keinen ernsthaften Widerstand stoßen – auch die Macht über die Medien hat sich ja – ebenso wie die ökonomische und politische – in wenige Hände verlagert. Schon vor den Zeiten von Donald Trump hat eine Oligarchie von Medienmogulen darüber bestimmt, was in den Augen der Zeitungsleser und Fernsehkonsumenten als Wahrheit zu gelten hat. Amerikanische Intellektuelle – all jene, welche die herrschende Plutokratie kritisieren – haben daher kaum eine Chance, in den Medien ihres eigenen Landes gehört zu werden. Sie laufen zur Konkurrenz: Man hört sie in Russia Today (RT). Welch ein Gottesgeschenk für den neuen russischen Zaren!

Die Welt und der Cowboy

Über die Folgen, welche die Entmündigung der Bürger für die einstige Weltmacht Rom mit sich brachte, besteht kein Zweifel. Aus selbstbewussten Demokraten, welche sich einen Großteil der Welt unterwarfen, wurde eine Herde staatlicher Almosenempfänger, von einer Oberschicht mit einem (fast) bedingungslosen Grundeinkommen so lange abgefüttert, bis der von innen erodierende Staat schließlich unter dem Ansturm der „Barbaren“ zusammenbrach.

Was aber wird aus der Weltmacht USA, wenn die Regierung einen Großteil der eigenen Bevölkerung bewusst in Unwissenheit hält und Leute wie Trump an die Spitze gelangen, die beides in sich vereinen: den ungeheuren Reichtum der Ein-Prozent-Oligarchie und die staatlich geförderte Unwissenheit der US-amerikanischen Unterschichten?

Und eine weitere Frage, die jedem Bewohner des gemeinsamen Globus noch viel mehr auf den Nägeln brennt: Welche Folgen entstehen daraus für die übrige Welt? Vor zweitausend Jahren konnte der Untergang Roms nichts Schlimmeres bewirken als den Zerfall einer einstigen Großmacht in Unglück und Armut. Heute ziehen die Fehler eines einzelnen Megalomanen den ganzen Globus in Mitleidenschaft – dieser hat sich ja längst in ein atomares Pulverfass verwandelt. Wird die transatlantische Ego-Trompete sich demnächst wie ein Silbernacken vor Putin postieren? Man kann sich schon denken, was er dann sagen wird: Ich kann mit meinen prächtigen Superbomben die Welt zehn Mal in Schutt und Asche legen – Mensch, du doch bloß ein einziges Mal!

Ein Mann, der keinen Kratzer an seinem Ego duldet und – wird er gereizt – nach Cowboyart aus der Hüfte schießt, ein Mann, der sich mit einer Regierungsmannschaft von auch nicht gerade Vertrauen erweckenden Hilfskräften umgibt, bestimmt als mächtigster Mann über das Schicksal des blauen Planeten und damit letztlich über das Leben jedes einzelnen von uns. Kein Anlass zur Freude!

 

1  Ein kundiger Wirtschaftswissenschaftler wie Joachim Jahnke hat sich spät, aber dann doch gründlich mit den unheilvollen ökonomischen Auswirkungen einer leichtfertigen Globalisierung befasst. Siehe hierzu auch seine intelligente Abrechnung mit Albrecht Müller und Heiner Flassbeck.