Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus

Mit dem Strom schwimmen Opportunisten, gegen ihn schwimmen mutige Außenseiter. Eine solche Rolle hat der katholische Moraltheologe Martin Rhonheimer, seines Zeichens Ethikprofessor an der Päpstlichen Universität Rom, übernommen. Während das Oberhaupt seiner Kirche, Papst Franziskus, vom Kapitalismus sagt: „Diese Wirtschaft tötet“, behauptet Rhonheimer das genaue Gegenteil: Die kapitalistische Wirtschaft schaffe Wohlstand. Seiner Meinung nach habe der heilige Martin keineswegs richtig gehandelt, als er seinen Mantel teilte. Stattdessen hätte er besser daran getan, eine Mantelfabrik zu gründen.

Der Gedanke lässt noch weitere Folgerungen offen. Wäre der Heilige zum Beispiel ein vermögender Mann gewesen, dann hätte er nicht etwa hundert Mäntel an hundert Leute verteilt, geschweige denn, ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen gewährt, vielmehr hätte er die Armen aufgefordert, sich selbst zu helfen, indem sie Mäntel in einer Werkstatt nicht nur für sich selbst produzieren, sondern obendrein noch für viele andere Menschen – ein typischer Fall von kapitalistischer Reichtumsvermehrung!

Wir wissen, welche Leute die These Rhonheimers beklatschen,

nämlich die Reichen und Mächtigen. Sie werden dem Moraltheologen Dank dafür wissen, dass er ihnen einen Abglanz von St. Martins Heiligenschein verschafft. Wir wissen natürlich genauso, welche Leute seine These verdammen, nämlich die Armen und Ohnmächtigen. Zweitausend Jahre lang stand die Kirche – nicht nur, aber doch vor allem – auf Seiten der Mächtigen. Dagegen hat das Grün­dungsdokument der Kirche, die evangelische Botschaft Jesu Christi, und in deren Gefolgschaft eben auch Papst Franziskus eindeutig Stellung für die Ohnmächtigen bezogen. Das tut übrigens auch Carina Kerschbaumer, die Rezensentin der Kleinen Zeitung, eines österreichischen Regionalblatts, die den Theologen schlicht des Zynismus bezichtigt.

Wer hat Recht in dieser Auseinandersetzung,

die so alt ist wie der Kapitalismus selbst, aber die Geister immer wieder von Neuem bewegt und gegeneinander stellt? Tatsache ist, dass die Gegner und Befürworter dieser These sich in der Regel unversöhnlich bekämpfen. Ich selbst hatte Herrn Rhonheimer dazu gratuliert, dass er es wagt, eine so unpopuläre These öffentlich zu vertreten, hatte aber gleichzeitig darauf bestanden, dass sie sehr gewichtigen Einschränkungen unterliegt. „Gewichtige Einschränkungen“?, schrieb Herr Rhonheimer zurück. „Was meinen Sie damit?“ Offenbar ist der Theologe vorbehaltlos auf den Kapitalismus eingeschworen.

I) Zählen wir zunächst die fünf Argumente auf, die für Rhonheimers

Verteidigung des Kapitalismus sprechen. Es sind dies 1) das historische, 2) das faktische, 3) das kontradiktorische, 4) das demographische und 5) das logische Argument.

1. Das historische Argument:

Die industrielle Revolution „hat die äußeren Zwänge der Daseinserhaltung, wie sie für die agrarische Lebensweise bestanden, überwunden und aufgehoben… Indem sie menschliche Sklaverei durch fühllose Maschinensklaven ersetzte, erlöste sie die unteren 90 Prozent innerhalb kürzester Zeit aus ihrer Abhängigkeit und machte sie erst de jure zu gleichwertigen Menschen und schließlich de facto. Das ist – trotz allen Schatten, die sich jedem Menschen zumindest in der westlichen Welt aufdrängen, wenn von industrieller Revolution und Kapitalismus die Rede ist – die unbestreitbare historische Leistung dieser großen geschichtlichen Wende.“*1*

2. Das faktische Argument

Es lässt sich besonders gut am kometengleichen Aufstieg Chinas illustrieren. Dieser ist einerseits das Ergebnis des besonderen Fleißes seiner Bevölkerung. Diesen Fleiß hatte es allerdings immer schon gegeben, ohne dass er zu spektakulären Ergebnissen führte. Erst profitsüchtige Kapitalisten haben mit dem Segen von Deng Xiaoping den westlichen Kapitalismus und kapitalistische Investitionen eingeführt und den Fleiß der Chinesen dadurch in Richtung von Wachstum und sprunghaft zunehmendem Reichtum gelenkt.

„Mit strategischer Beharrlichkeit haben die Chinesen einen Pfad beschritten, der zunächst überaus harte Opfer von ihnen verlangte, denn er lief im Wesentlichen darauf hinaus, dass man die Drecksarbeit der industriellen Produktion aus den Staaten des Westens ins eigene Land übernahm, und zwar ohne dabei auf Mensch und Natur Rücksicht zu nehmen. Das hätte die Produktion verteuert und den Aufstieg entsprechend verzögert.

Westliche Investoren kamen ja nicht aus Menschenliebe, sondern auf der Suche nach möglichst hohem Profit. Zu minimalen Kosten ließen sie in China zunächst jene Waren erzeugen, die sie dann mit sattem Gewinn in ihren Heimat­ländern verkauften; erst später, als die chinesische Bevölkerung selbst bereits über ein Mindestmaß an Kaufkraft verfügte, ging es ihnen auch um den dortigen Markt – aber man sollte es nochmals ganz deutlich sagen: Irgendwelche Sympathie mit den leidenden Massen oder die Absicht, das Land zu entwickeln, hat westliche Kapitalisten niemals ins Land gezogen. Dadurch bestätigen sie das berühmte Verdikt von Adam Smith, wonach wir weniger vom Wohlwollen eines Wirtschaftssubjekts zu erwarten haben als von dessen wohlverstandenem Inter­esse… Es stimmt, dass China bisher nur in den Küstenregionen und in wenigen Knotenpunkten des Hinterlands denselben materiellen Lebensstandard wie die Länder des Westens erreicht. Aber angesichts eines Wachstums von über sechs Prozent schreitet die Vermehrung des nationalen Reichtums in Riesenschritten voran; es ist nur eine Frage der Zeit, bis China die Staaten des Westens, allen voran die USA, überholt haben wird, denn Letztere verschulden sich mit jedem Jahr mehr – sie werden ärmer -, während China zu ihrem wichtigsten Gläubiger aufrückte und mit jedem Jahr reicher wird.“*2*

3. Das kontradiktorische Argument (Versagen der Entwicklungshilfe)

Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte China in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie profitsüchtige kapitalistische Investoren. Im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Kapital haben diese zunächst in Shenzhen und bald auch an der ganzen chinesischen Pazifikküste ihre Produktionsstätten (für Mäntel und vieles andere mehr) erbaut… Entwicklungshilfe – also staatlich gefördertes Teilen – hat überall auf der Welt bestenfalls marginale, oft aber auch gar keine Resultate hervorgebracht, während die schon von Adam Smith als mächtiger Antrieb beschriebene Gewinnsucht, die anderen dazu verhilft, sich selbst zu helfen, Milliarden von Menschen innerhalb von nur zwei Jahrhunderten zu einem in der ganzen Geschichte einzigartigen Reichtum verhalf.

4. Das demographische Argument

„Bis zur industriellen Revolution hat Wettbewerb in sämtlichen alten Großkulturen, wenn überhaupt nur eine marginale Rolle gespielt. In Indien, China, Mittelamerika und den führenden Staaten Europas waren an die neunzig Prozent der Bevölkerung dazu verdammt, als geknechtete Nahrungslieferanten für die oberen zehn Prozent zu dienen. Sie waren Bauern von der Wiege bis zur Bahre, weil es keinen Wettbewerb gab, der ihnen ermöglicht hätte, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und aus ihrer dienenden Stellung aufzusteigen. Nicht Wettbewerb entschied darüber, welche Privilegien ein Mensch bis zu seinem Tode genießen oder welches erbärmliche Los er bis dahin erdulden musste, sondern ausschließlich seine Geburt. Für neunzig Prozent der Bevölkerung lief das auf eine Fron mit dem Urteil: „lebenslänglich“ hinaus.

So sah die Gesellschaft aus, bevor der kapitalistische Wettbewerb in ihr aufkommen durfte. Man vergesse nicht: Zwischen den unteren neunzig Prozent und den Herren war er ohnehin so gut wie ausgeschlossen. In der Regel starb jeder in derselben niedri­gen Stellung, in die er geboren wurde. Doch auch der Wettbewerb unter Glei­chen war für die fronende Mehrheit so gut wie ausgeschlossen, weil er ihr in der Regel nur Schaden brachte. Es lohnte sich ja nicht, besser als der Nachbar zu sein. Gelang es einem tüchtigen Landwirt aufgrund technisch überlegener Methoden oder vermehrter Arbeit mehr zu produzieren als seine Nachbarn, dann wurden die Steuereintreiber sofort auf ihn aufmerksam, und es fielen dann im nächsten Jahr nur umso höhere Abgaben an (mindestens zehn Prozent für die weltlichen und noch einmal zehn Prozent für die geistlichen Herren).

Aus diesem und keinem anderen Grund – sicher nicht aus einem Mangel an Neugier und Intelligenz – pflegte die Landbevölkerung erzkonservativ zu sein. Jede Neuerung war ihr verdächtig, weil sie für jeden Mehrertrag in der Regel mit höheren Steuern zu büßen hatte. Das war die unbarmherzige Realität für die Be­völkerungsmehrheit, solange es keinen Wettbewerb gab. Freiheit von Wettbewerb war kein Glück, sondern darin lag im Gegenteil der eigentliche Grund für ihr Unglück.

Und was für ein Unglück! In der Mehrzahl aller Staaten (vor allem in den bevöl­kerungsreichsten Kulturen) wurden die Nahrungslieferanten – eben jene über­wältigende Mehrheit – von der weltlichen und geistlichen Macht so sehr ausge­quetscht, dass ihnen in aller Regel nur das Minimum für das eigene Überleben blieb. Bauernaufstände – das gerade Gegenteil einer auf wettbewerbsfreier Harmonie begründeten Gesellschaft – waren in allen Großstaaten endemisch, doch selbst diese Aufstände nützten den Bauern nichts oder wenig. Noch zu Zeiten Luthers – und mit seinem Segen! – wurden sie mit hemmungsloser Brutalität von den oberen zehn Prozent unterdrückt oder blutig niedergeschlagen.

Erst im 18ten Jahrhundert begann sich die Welt für die bis dahin in allen großen Staaten geknechtete Mehrheit allmählich zu verbessern. Zwar nicht sofort – die erste Phase der Industrialisierung pflegte gegen die Ärmsten im Gegenteil sogar noch brutaler zu sein als ihre vorherige Existenz (hier ist Marx unbedingt Recht zu geben). Doch war dies ein vorübergehendes Übel. Denn mit industrieller Revolution und Kapitalismus kam auch der institutionalisierte Wettbewerb – beide zusammen haben die Massen aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit erlöst. Heute reicht ein Bevölkerungsanteil von drei Prozent, um in den entwickelten Staaten der Erde die Nahrung für die übrigen siebenundneunzig Prozent zu erzeugen. Und selbst diese drei Prozent genießen die freie Berufswahl: Sie sind nicht von Geburt aus dazu verdammt, diesen und keinen anderen Beruf auszuüben. So wurde das bisherige Modell der Geschichte innerhalb von zwei Jahrhunderten durch den Kapitalismus vom Kopf auf die Füße gestellt.“*3*

Jetzt konnten immer größere Bevölkerungsteile die eigene Initiative und Intelligenz für sich selbst und das Gemeinwohl nutzbar machten. Industrielle Revolution und Kapitalismus übten daher eine geradezu explosive Wirkung aus – einzigartig in der gesamten bisherigen Geschichte.

5. Das logische Argument

Der Wettbewerb – und nicht sein Gegenteil, nämlich seine Unterdrückung in sämtlichen großen Agrarkulturen – hat jene soziale Vision ermöglicht, die den Aufklärern im 18ten Jahrhundert vor Augen stand: eine Gesellschaft, wo nicht das Privileg, sondern einzig die persönliche Fähigkeit zählt. Warum hat diese Vision sich bis heute nicht oder jedenfalls nur sehr unvollkommen verwirklicht?

Daran war „nicht Wettbewerb schuld, sondern die Unfähigkeit, ihn zu bändigen, damit er wirklich allen zugutekommt. Denn der Sieg der Stärkeren, Intelligenteren, Einsatzbereiteren bildet ja an sich keine Gefahr. Da sich Intelligenz und Können in jeder Generation auf andere Köpfe verteilen, hat nur Wettbewerb das Potenzial, die Bildung von sozialen Klassen ganz zu verhindern – also eine wahrhaft klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Individueller Reichtum führt nur dann zwangsläufig zur Bildung sozialer Klassen, wenn er durch Geburt und eben nicht durch die Auslese der Besten erworben wird. Daher bringt nicht der Wettbewerb, sondern allein seine Aufhebung und Beeinträchtigung dauerhafte soziale Ungleichheiten hervor.“*3*

Solange wirklich nur die eigene Leistung zählt, werden Reichtum und soziale Wertschätzung permanent an jeweils andere Individuen vergeben.

Fazit:

In jeder Wirtschaft werden Menschen getötet, vergleichen wir aber die letzten zweihundert Jahre mit den zehntausend seit der neolithischen Revolution, so ist Papst Franziskus eindeutig im Unrecht, während wir Rhonheimer Recht geben müssen. Die industrielle Revolution, die den Kapitalismus und die Nutzung fossiler Ressourcen ermöglichte, hat nicht nur die Zahl der Menschen in zweihundert Jahren mehr als versiebenfacht (von ca. einer Milliarde im Jahr 1800 auf etwa sieben zweihundert Jahre später), sondern den meisten Bewohnern auch noch ein längeres und materiell weit besseres Leben ermöglicht. Während der vergangenen fünfzig Jahre kamen Hungersnöte nur ausnahmsweise vor. Bis ins 18. Jahrhundert haben sie überall auf der Welt regelmäßig ganze Bevölkerungen niedergemäht.

II) Was spricht gegen die These des Moraltheologen, wonach der Kapitalismus im Heiligenschein von Sankt Martin glänzt?

Es sind im Wesentlichen vier Argumente: 1) zunehmende Ungleichheit, 2) Sozialabbau bei fehlendem Wachstum, 3) der unabwendbare ökologische Kollaps durch einen ungezügelten Kapitalismus und 4) das Wettrennen der Nationen, welches beides beschwört: den ökologischen Kollaps und die Selbstauslöschung des Homo insapiens

1. Das Argument zunehmender Ungleichheit

„Die kurzfristigen Erfolge des Wettbewerbs sind fast immer segensreich. Erst in langfristiger Perspektive zeigt sich, dass ohne den regulierenden Eingriff des Staats die Vermögen sich mit mathematischer Zwangsläufigkeit immer mehr konzentrieren, bis schließlich mit dem einen Prozent der Superreichen an der Spitze einer Gesellschaft aus einer Herrschaft des Volks (Demokratie) eine solche des Reichtums (Plutokratie) geworden ist. Gerade in einer altehrwürdigen Demokratie wie der amerikanischen ist der Prozess der Refeudalisierung bereits sehr weit vorangeschritten. Kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten sich einen Präsidenten gefallen lassen, der die größte Ähnlichkeit mit einem Soldatenkaiser des imperialen Rom aufweist.“*3*

Laut Thomas Piketty bezieht das oberste Prozent der Amerikaner 20% aller Einkommen (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkommensverteilung-wo-die-ungleichheit-am-groessten-ist-1.3791583). Bei der Verteilung der Vermögen ist die Ungleichheit jedoch sehr viel größer, weil die überschüssigen Einkommen sich über die Jahre als Vermögen kumulieren.

2. Das Argument vom Sozialabbau bei fehlendem Wachstum

Solange es Wachstum gibt, profitiert in der Regel die ganze Bevölkerung – wenn auch in unterschiedlichem Maße. Gibt es kein Wachstum, dann können die Rei­chen ihren Reichtum nur noch auf Kosten der Armen und Ärmeren vermehren. Durch Umverteilung von unten nach oben wird Reichtum dann bei der Bevölkerungsmehrheit abgebaut.

„In aufstrebenden Staaten wie China und Indien wird diese Gefahr am wenigs­ten wahrgenommen, weil die Mehrheit sich gerade aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Da fällt es kaum auf, dass auch die Zahl der Milliardäre beständig im Steigen ist. Dafür werden die alten Industrienationen umso stärker durch die Konzentration der Vermögen geschädigt. Die relativ Armen können ihren Wohlstand nun kaum mehr vermehren, sondern beginnen ihn im Gegenteil zu verlieren – nämlich relativ zur reichen Spitze der oberen Zehntausend. Daher der immer lautere Protest gegen den neoliberalen Kapitalismus, der schließlich nur noch eine Minderheit reicher macht.*4*

Mit dieser unheilvollen Entwicklung, die regelmäßig die schon errungenen Erfolge wieder zuschanden macht, sollten sich die soziale Theorie und die Reformer beschäftigen – nicht mit den wilden Träumereien eines Karl Marx von einer klassenlosen Gesellschaft, die ohne Wettbewerb in ewiger Harmonie existiert. Diese Utopie widerstreitet aller historischen Evidenz.“*3*

(Das Argument der Arbeitsvernichtung durch technologischen Fortschritt mag hier unberücksichtigt bleiben, weil es meines Erachtens keine eindeutigen Schlüsse erlaubt).

3. Das ökologische Argument

„Den Staaten des Westens haben mehr als zwei Jahrhunderte Wachstum einen historisch einzigartig hohen Lebensstandard beschert. Inzwischen erfüllt Wachstum bereits den fragwürdigen Zweck, die Bevölkerung zu einem Konsum des Überflüssigen zu verleiten. Auch davon profitieren die Investoren, aber ebenso auch die arbeitenden Menschen in Büros und Fabriken. Je mehr neue Produkte auf den Markt gelangen und alte zugleich auf den Müll, umso eher kann ein Staat mit einer maximalen Beschäftigung seiner Menschen und einem hohen Profit neuer Investitionen rechnen. In der „Wegwerfgesellschaft“ wird andauerndes Wachstum längst nicht mehr durch echte Bedürfnisse genährt, sondern durch die Forderung nach Vollbeschäftigung und Profit.

Wachstum hat jedoch nur so lange einen Sinn, wie es dem Leben des Men­schen dient, ohne seinen Lebensraum zu zerstören. Der Sinn allen Wachstums geht völlig verloren, wenn dieses den Globus mehr und mehr schädigt, sei es durch den Klimawandel, die Überlastung der Böden, das Leerfischen der Meere, die Vernichtung der Arten oder die Verstrahlung durch die nuklearen Abfälle von Atomkraftwerken.*5* Selbstverständlich ist Wachstum kein Wert an sich.“*1*

4. Das Wettrennen der Nationen

Es gehört zu den Grundeinsichten der Medizin wie der Philosophie, dass ein Stoff, ein Medikament, eine soziale Praxis, wenn man sie in Maßen genießt, segensreiche im Übermaß dagegen tödliche Wirkungen erzielen können. Das gilt in besonderem Maße für den kapitalistischen Wettbewerb. „Wettbewerb… ist gebändigter Kampf, der nur dann ertragen wird, wenn es Refugien wie die Familie, Partnerschaften, Freundschaften gibt – kurz Gemeinschaften des bedingungslosen Vertrauens -, in denen man sich von ihm zu erholen vermag. Wir sahen, dass der Wettbewerb jene Kraft war, welche die unteren neunzig Prozent aus ihrer Abhängigkeit erlöste – insofern war er der mächtigste Antrieb der Moderne. Doch wurde er nur dadurch erträglich, dass die Familie den täglichen Rückzug in eine Gemeinschaft erlaubte, wo es eben gerade keinen Wettkampf geben durfte, weil jeder den anderen gibt, was er zu geben vermag – ungeachtet seiner jeweiligen Fähigkeiten.

Im Wettbewerb dagegen zählen allein die objektiv messbaren Fähigkeiten. An ihnen wird der Wert eines Menschen auf der sozialen Skala bestimmt, und zwar möglichst in Geldeinheiten (he is worth so many dollars). Diese permanente Bewertung jedes einzelnen Bürgers nach seinem jeweiligen „Output“ wird inzwischen als durchaus normal betrachtet. Schriftsteller und Musiker werden nach der Menge ihrer Eintragungen in der Google-Suchmaschine bewertet, Wissenschaftler danach, wie oft ihre Peers sie zitieren, Spitzenkräfte danach, ob das Nobelpreiskomitee in Stockholm sie kürt, Superreiche danach, welchen Rang sie auf der Liste von Forbes einnehmen. Mittlerweile wird auch schon jeder Angestellte eines Konzerns lebenslänglich in internen Bewertungslisten gereiht… Wir leben in einer Gesellschaft des generalisierten Wettbewerbs, dessen ideales Ziel letztlich darin besteht, den Wert jedes Individuums im Verhältnis zu allen anderen in einer einzigen Zahl zu komprimieren, so als wären menschlicher Wert und Würde eine messbare materielle Substanz!“*1*

Dieser generalisierte Wettbewerb, der auch auf die bisherigen Refugien wie Familie, Freund- und Partnerschaften übergriff und sie weitgehend zerstörte, ist verantwortlich „für die seelische Not, das allgemeine Unbehagen an der modernen Zivilisation.“*1* Er ist verantwortlich für einen Hass, der sich in den alten Industrienationen – im Gegensatz zu aufstrebenden Ländern wie China und Indien – gegen Kapitalismus, Neoliberalismus etc. richtet.

Und zwar inzwischen durchaus zu Recht, denn der außer Rand und Band geratene kapitalistische Wettbewerb ist zu einer globalen Bedrohung für Mensch und Natur geworden.

Jeder Staat ist heute bemüht, im Hinblick auf materielle und militärische Macht nicht hinter den anderen zurückzubleiben, sondern im Wettrennen der Nationen möglichst weit an die Spitze zu gelangen. „Dieses Wettrennen der Menschheit gegen sich selbst vereitelt alle Versuche, das Leben unserer Spezies auf den Pfad der Nachhaltigkeit zu lenken. Denn jeder Staat, der damit beginnt, riskiert eine hoffnungslose Unterlegenheit gegenüber allen anderen Staaten, solange diese seinem Beispiel nicht folgen. Kein Staat aber wird ihm folgen, wenn er im Gegenteil aus der Verweigerung solchen Verhaltens für sich selbst besonderen Nutzen zieht.

Im Verhältnis der Staaten herrscht hier ganz dasselbe Gesetz wie im Verhältnis der Individuen. Wir alle mögen noch so sehr überzeugt sein, dass der weltweit wachsende Flugverkehr den ökologischen Fußabdruck mit der Zeit ins Unerträgliche steigern wird. Diese Überzeugung führt allenfalls bei einigen Idealisten zu einem Verzicht. Die Mehrheit aber hält sich nicht an ihr Beispiel. Solange nicht alle auf diese bequeme Art des Transports verzichten, muss jeder sich als der Dumme betrachten, der seinerseits diesen Schritt vollzieht – und dabei erleben muss, dass sich an der gesamten Situation durch sein eigenes Verhalten nicht das Geringste ändert.“*2*

„Solange das seit einem dreiviertel Jahrhundert den Globus beherrschende Wettrennen der Nationen weiter besteht, gibt es nicht die geringste Hoffnung, dass die Menschheit aus den beiden Karussells ausbrechen wird: der Naturzerstörung und dem nuklearen Endzeitrüsten. Jeder Pionier, der mit gutem Beispiel vorangeht, würde im Verhältnis zu allen anderen der Dumme sein, der sich selbst aufopfert – aus dem guten würde augenblicklich das schlechteste Beispiel werden.

Die ominöse Sackgasse, in welche die Menschheit sich hineinmanövrierte, lässt sich noch drastischer beschreiben. Solange die Welt aus einzelnen souveränen Nationen besteht, die einen fortwährenden Kampf um die größere ökonomische und militärische Macht ausfechten, läuft die Menschheit in vollem Bewusstsein geradewegs auf den Abgrund zu… Mit Sicherheit werden wir die Waffen mit jedem Jahr noch etwas mehr perfektionieren, bis wir den Punkt erreicht haben, dass sie eines Tages von selbst explodieren. Und mit Sicherheit werden wir, sobald auch Innerasien und Afrika denselben Lebensstandard wie wir besitzen, nicht nur drei, sondern schon bald zehn Globen verheizen – bis jener einzige, mit dem wir auskommen müssen, nur noch ein leeres, totes Gehäuse ist. Das Wettrennen der Nationen muss in einer Sackgasse enden, aus der es kein Entrinnen gibt.“*3*

„Das wird sich erst ändern und kann sich überhaupt nur unter der Voraussetzung ändern, dass eben keiner einen Nachteil erleidet. Wir wissen, auf welche Art dies geschieht. In Bürgerkriegen kann es dazu kommen, dass alle Menschen mit einem Gewehr über der Schulter durch die Straßen gehen. Jeder der als erster auf die Waffe verzichtet, handelt sich einen großen Nachteil ein. Damit der Kampf aller gegen alle beendet wird, bedarf es einer übergeordneten Autorität, d.h. des Staats, damit die Situation für alle wieder die gleiche wird, wenn jeder auf seine Waffe verzichtet.

Dasselbe gilt für den verhängnisvollen Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst, den sie erst zu beenden vermag, wenn eine übergeordnete Instanz – eine Weltregierung – eine Situation der Gleichheit garantiert, sodass kein Einzelstaat durch seinen Verzicht auf Wachstum, GDP und Wettbewerb-Mentalität in selbstmörderischen Nachteil gerät. Der Krieg gegen die Natur wird sich erst abwenden lassen, wenn eine solche Instanz allen Staaten den gleichen Verzicht auferlegt. Einmal eingeführt, wird dieser Verzicht dann aber augenblicklich zur größten Chance für Mensch und Natur – nicht anders als das Ablegen der Gewehre in einer friedlichen Gesellschaft.“*2*

Fazit:

Der technologie- und wettbewerbsgetriebene Kapitalismus trägt die Verantwortung für eine global schnell voranschreitende ökologische und militärische Destabilisierung. Und hier liegt der Haupteinwand gegen die These von Martin Rhonmeier. Die dauernde Mehrproduktion von Mänteln und Waffen muss ein Ende haben. In unserer Zeit ruft der heilige Martin wieder zum Teilen auf – es geht um nicht weniger als um das Überleben von Mensch und Natur. Konnte der Heilige vor hundert Jahren noch mit gutem Gewissen jedes Jahr Tausende neuer Fabriken gründen und den Reichtum dadurch vermehren, so muss er der heutigen Menschheit kategorisch verbieten, die Plünderung und Vergiftung des Planeten noch weiter voranzutreiben. Er muss sie daran erinnern, dass das Teilen jetzt wieder an erster Stelle kommt. Angesichts dieser völlig neuen Situation hat Papst Franziskus recht, während Rhonheimer die falsche These vertritt.

Anmerkungen:

1. Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte. Amazon

2. Frieden, Krieg und Klimawandel. Amazon

3. Homo IN-sapiens. Amazon

4. Größtes Misstrauen ist gegenüber dem üblicherweise verwendeten Messinstrument für soziale Ungleichheit angebracht. Der Gini-Koeffizient misst die Verteilung von Vermögen oder Einkommen unabhängig von der Art ihres Erwerbs. Eine Gesellschaft mit völliger Gleichheit aller Einkommen, in der die Hälfte der Bürger diese aus Zinsen oder Dividenden (d.h. dem Schweiß anderer Menschen bezieht), ist aber eine wesentlich andere als eine, in der alle Einkommen oder Vermögen aus eigener Arbeit entstehen. Dieser wesentliche Unterschied wird vom Gini-Koeffizienten völlig verdeckt.

5. Der amerikanische Journalist Robert Gerwin hatte bereits 1959 folgende Rechnung aufgestellt: »Würde der gesamte Energiebedarf der USA durch Atomkraftwerke gedeckt, dann würde wöchentlich so viel Radioaktivität entstehen, wie 4500 Atombomben erzeugen. … Bei dem großen Aufwand, der heute bei der Beseitigung von nur einigen Kilogramm radioaktiver Spaltprodukte erforderlich ist, kann man sich kaum vorstellen, wie unsere Enkel und Urenkel mit diesen gewaltigen Mengen fertig werden…“ Zumal Gerhart Baum, einstiger Bundesinnenminister, zu bedenken gab, dass „eine Plutoniumkugel in der Größe einer Pampelmuse genügen /würde/, um alle heute auf der Erde lebenden Menschen zu töten.“ Zit. aus Radkau (2017), S. 210, 256.

Kommentar von William E. Rees (Vater des ökologischen Fußabdrucks):

Concise, balanced and quite defensible — many thanks.  

This piece is almost Darwinian in showing how qualities, characteristics and ideas that were once adaptive can in time be come dangerously maladaptive.

Ironically, the over-enthusiastic exercise of a great idea (in this case competitive capitalism) may so change the initial environment (both cultural and  biophysical) that the culture adopting the idea may well be selected out by the resulting transformed environment.  

Oops!

Bill Rees

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(auch erschienen in: Tichys Einblick)

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