Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Immer erneut hat sich die Deutung der Geschichte von einem naiven Humanismus verführen lassen, weil dieser die Stimme des Gewissens ohne alles Wenn und Aber vertritt. Die Luftschlösser, die er auf diese Weise erbaut, verkörpern dann das hehre Ideal gegenüber einer so viel unvollkommeneren Realität. Wollen wir die Gegenwart aber gerecht und richtig beurteilen, dann dürfen wir die Vergangenheit nicht idealisieren, sondern müssen sie ohne jede Beschönigung beschreiben. Von Jean-Jacques Rousseau bis zu Pankaj Mishra – der einäugige Blick auf die Geschichte weiterlesen

Globus unter dem Zepter Chinas?

Wie beurteilt ein führender US-amerikanischer Experte für die Streitenden Reiche unserer Zeit, der Historiker Alfred McCoy, das künftige Verhältnis der Supermächte und die relative Stärke seines Landes im Vergleich zu der Chinas? Was die WIRTSCHAFT betrifft, so besteht aus seiner Sicht nicht der geringste Zweifel, dass das Reich der Mitte bald die Vereinigten Staaten bald überholen wird.

„China wurde 2010 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Im selben Jahr wurde es auch zur weltweit führenden Industrienation und verdrängte die Vereinigten Staaten von einer Position, die diese seit über einem Jahrhundert innehatten. Im April 2011 prognostizierte der IWF, dass China die Vereinigten Staaten nach nur fünf weiteren Jahren beim realen BIP überholen würden, um dann zur größten Volkswirtschaft der Welt aufzusteigen.“ „Von 1820 bis 1870 erhöhte Großbritannien seinen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent pro Jahrzehnt; die Vereinigten Staaten erhöhten ihren Anteil während ihres halbhundertjährigen Aufstiegs von 1900 bis 1950 um 2 Prozent; parallel dazu wuchs Japans Anteil während seines Wiederaufstiegs nach dem Krieg zwischen 1950 bis 1980 um etwa 1,5 Prozent. China jedoch hat von 2000 bis 2010 seinen Anteil am Weltkuchen um außerordentliche 5 Prozent erhöht und ist auf dem besten Weg, dies im darauffolgenden Jahrzehnt bis 2020 weiterhin zu tun, wobei Indien nicht weit hinterherhinkt“. Dies sind abstrakte Zahlen, aber sie haben einen direkten Einfluss auf die Investitionstätigkeit des amerikanischen Staates, da die Sozialkosten einen immer größeren Teil des Budgets ausmachen. „Während der Anteil /der Vereinigten Staaten/ an der Weltproduktion bis 2016 auf nur noch 17 Prozent sank…. stiegen ihre Sozialkosten von 4 Prozent des BIP im Jahr 2010 bis auf voraussichtlich 18 Prozent bis 2050.“

McCoy lässt die tieferliegenden Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes (Auslagerung und Freihandel zur Bereicherung der Elite) weitgehend unerörtert, er beschreibt nur ihre Folgen. „Zwischen 1999 und 2011 haben chinesische Importe 2,4 Millionen amerikanische Arbeitsplätze vernichtet.“ Er weist aber auch darauf hin, dass „trotz ganzer Bände von Wirtschaftsstudien, die das Gegenteil behaupten, nur 19 Prozent aller im Juli 2016 befragten Amerikaner der Meinung waren, dass der /internationale/ Handel mehr Arbeitsplätze schafft“.

Im Zuge des wirtschaftlichen Niedergangs waren die Menschen gezwungen, ihre Ausgaben für BILDUNG deutlich zu reduzieren. „Angesichts wachsender sozialer Unterschiede, welche die Vereinigten Staaten auf die Nummer sechsundfünfzig in der Einkommensgleichheit weltweit zurückdrängen, verfügen die Familien über immer weniger Mittel, um…. in die Bildung ihrer Kinder zu investieren… „. Die Wirkungen seien bereits deutlich zu spüren. „Im Jahr 2012 testete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 510 000 Fünfzehnjährige in vierunddreißig entwickelten Nationen, wobei sie herausfand, dass die Schüler in Shanghai in Mathematik, Wissenschaft und Lesen an erster Stelle standen, während die Schüler in Massachusetts, „einem leistungsstarken US-Bundesstaat“, als siebzehnte in Lesen, zwanzigste in Wissenschaft und siebenundzwanzigste in Mathematik rangierten.“ „Nachdem in den USA der Jahrgang zwischen 25 und 34 Jahren jahrzehntelang weltweit führend in Universitätsabschlüssen war, sank er 2012 auf den zwölften Platz. Im selben Jahr reihte das Weltwirtschaftsforum die Vereinigten Staaten auf einem mittelmäßigen siebenundvierzigsten Platz unter 144 Nationen in Bezug auf die Qualität ihrer universitären Mathematik- und Wissenschaftsausbildung. Zwei Jahre später rutschten sie auf Position einundfünfzig.“ Die Situation ist noch schlimmer, wenn man bedenkt, dass die im Land geborenen Amerikaner selbst zu einer Minderheit an ihren Universitäten geworden sind. „Eine Umfrage unter rund 150 großen amerikanischen Universitäten im Jahr 2010 ergab, dass mehr als die Hälfte aller Doktoranden in den Naturwissenschaften Ausländer waren: 70 Prozent in der Elektrotechnik, 63 Prozent in der Informatik und 52 Prozent in der Werkstofftechnik.“

           Die AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFTLICHE LEISTUNG des Landes traten im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zutage. „Im Jahr 2008 lagen die Vereinigten Staaten bei den weltweiten Patentanmeldungen mit 232 000 immer noch auf Platz zwei hinter Japan, obwohl China mit 195 000 dank eines rasanten Anstiegs von 400 Prozent seit 2000 schnell aufgeschlossen hatte. Bis 2014 übernahm dann China aber die Führung mit fast der Hälfte der weltweiten Anmeldungen: außerordentliche 801 000 gegenüber nur 285 000 für Amerikaner.“ Der Abwärtstrend wird durch schrumpfende staatliche Investitionen noch verstärkt. „Zwischen 2010 bis 2013 hat der Kongress die schärfsten Einschnitte in der Wissenschaftsförderung seit den 1960er Jahren vorgenommen, als es um die Eroberung des Weltraums ging. So wurde der Rückgang in Forschung und Entwicklung (F&E) von 2 Prozent des BIP in den 1970er Jahren auf nur 0,78 Prozent bis 2014 zusätzlich beschleunigt.“ „Während Pekings explodierende Investitionen in Forschung und Entwicklung bis 2026 die Vereinigten Staaten vermutlich übertreffen werden, reduzierte Washington seine zivilen und militärischen Forschungsmittel von 160 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 140 Milliarden Dollar im Jahr 2015 – Kürzungen, die den Pool der talentierten jungen Wissenschaftler des Landes sicherlich schrumpfen lassen.“

            Gleichzeitig stärkt Peking seine BEZIEHUNGEN ZUM REST DER WELT und drängt die Vereinigten Staaten unerbittlich aus ihrer führenden Stellung. „Im Oktober 2014 kündigte Peking die Gründung der Asian Infrastructure Investment Bank an. Chinas Führung sieht in dieser Institution eine zukünftige eurasische Alternative zur von den USA dominierten Weltbank. Trotz des Drucks Washingtons, nicht beizutreten, unterzeichneten 57 Länder – darunter enge amerikanische Verbündete wie Deutschland, Großbritannien, Australien und Südkorea – den Vertrag und leisteten einen Kapitalbeitrag von 100 Milliarden Dollar, was die neue Institution bereits am Eröffnungstag im Januar 2016 halb so stark machte wie die Weltbank.“ Auch die Handelsbeziehungen zwischen China und der umgebenden Welt werden mit jedem Tag enger. „Peking hat es geschafft, seinen jährlichen Handel mit Afrika in nur vier Jahren auf 222 Milliarden Dollar zu verdoppeln, das Dreifache von Amerikas 73 Milliarden Dollar.“

Inzwischen nutzen die Handelsbeziehungen zwischen Europa und China den direkten Transport auf der Schiene, der viel schneller ist als der Verkehr mit Containerschiffen. „Hochwertige Industriegüter wie Computer und Autoteile werden in nur zwanzig Tagen 6 700 Meilen von Leipzig, Deutschland, nach Chongqing, China, transportiert“ /aber die meisten Güter bewegen sich eher in umgekehrter Richtung/. „2013 begann die Deutsche Bahn AG mit der Vorbereitung einer dritten Strecke zwischen Hamburg und Zhengzhou, welche die Reisezeit auf nur fünfzehn Tage verkürzen wird.“

            Die amerikanische Überlegenheit bleibt nur in einem Bereich unbestritten: DEM MILITÄR. Auch hier aber machen sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Niedergangs bemerkbar. „Im Jahr 2010 entsprach das US-Verteidigungsbudget von 700 Milliarden Dollar fast der Hälfte (43 Prozent) der weltweiten Militärausgaben, verglichen mit nur 7 Prozent für China“ – eine enorme Belastung für die Wirtschaft. „Um 2010 fiel es den Vereinigten Staaten bereits äußerst schwer, 40 Prozent der weltweiten Rüstungsproduktion mit nur 23 Prozent der Brutto-Wirtschaftsleistung zu erhalten.“ Diese Ausgaben werden in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit stark reduziert. „Wie der National Intelligence Council vorhergesagt hatte, werden „steigende Kosten“, um eine alternde Bevölkerung zu versorgen, „einen immer größeren Teil des Bundeshaushalts verbrauchen“, was den Anteil der Verteidigung am BIP von 7 Prozent während des Kalten Krieges und 5 Prozent in der Dekade nach 2001 auf nur 2 Prozent im Jahr 2030 sinken lässt und die Verringerung der globalen Präsenz der USA unerbittlich erzwingt“.

            Zur gleichen Zeit aber weitet Peking seine militärische Schlagkraft immer mehr aus. „Im August 2016, drei Jahre nachdem das Pentagon seinen eigenen Versuch der Satellitensicherheit durch das hochaufgelöste F-6-System eingestellt hatte, startete Peking den weltweit ersten Quantenkommunikationssatelliten.“ „China produzierte /außerdem/ den schnellsten… /supercomputer/ …. bis es 2016 endlich einen Sieg erzielte, der wirklich zählt: ein Supercomputer mit Mikroprozessorchips made in China. Zu der Zeit verfügte das Land bereits über die meisten Supercomputer der Welt, nämlich 167 im Vergleich zu 165 für die Vereinigten Staaten und nur 29 für Japan.“ Die Verteidigungsfähigkeit wurde auf diese Art ständig verstärkt: „Im gleichen Maße wie Chinas Wirtschaft wuchs, vervierfachte sich sein Verteidigungsbudget, das konstant bei 2 Prozent des BIP lag, von 52 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 214 Milliarden Dollar im Jahr 2015: das zweitgrößte nach dem Washingtons.“ Über die daraus zu ziehenden Folgerungen bestehen für McCoy keine Zweifel. „Die chinesische Innovation in der Militärtechnologie ist auf dem Weg zur Weltspitze irgendwann um das Jahr 2030, während gleichzeitig Amerikas gegenwärtiges Aufgebot an brillanten Wissenschaftlern und Ingenieuren in den Ruhestand geht, ohne dass es durch eine schlecht ausgebildete jüngere Generation noch angemessen ersetzt werden könnte.“ Doch bereits /viel früher/, nämlich 2016 „in Obamas letzten Monaten /als Präsident/ warnte eine Studie der RAND Corporation, „War with China“, dass Pekings verbesserte /militärische/ Fähigkeiten inzwischen bedeuten, dass /im Falle eines Kriegs/ ein Sieg der Vereinigten Staaten nicht mehr gewährleistet sei“.

            McCoy kommt zu dem Schluss, dass die USA wahrscheinlich gegen 2030 ihren Platz als führende Supermacht an China abtreten werden. „Die Ökologie der Macht großer Imperien ist so heikel, dass sie sich, wenn es wirklich schief zu gehen beginnt, regelmäßig mit unheiliger Eile auflösen: nur ein Jahr für Portugal, zwei Jahre für die Sowjetunion, acht Jahre für Frankreich, elf Jahre für die Osmanen, siebzehn Jahre für Großbritannien und aller Wahrscheinlichkeit nach nur siebenundzwanzig Jahre für die Vereinigten Staaten, gerechnet ab dem entscheidenden Jahr 2003“ /in dem die USA laut McCoy im unseligen Irakkrieg ihre Weltmachtstellung verspielten/ (alle Zitate aus McCoy 2017).

           Das bleibt jedoch eine Frage der Spekulation. Mit Sicherheit wird es in den kommenden Jahren starke, vielleicht sogar dramatische Wachstumseinbrüche auch in China geben, zumal das Land mit um die 300 Prozent des BIP sehr stark verschuldet ist (doch handelt es sich wie bei Japan um eine Binnenschuld!). Alle werden dann den weiteren Aufstieg des fernöstlichen Giganten bezweifeln, doch was zählt ist die wachsende Stärke des Landes im Vergleich zur übrigen Welt – und da sind bedeutende Einbußen eher unwahrscheinlich. Trotzdem werden die bisherigen Supermächte USA und Russland nicht einfach als große Mächte verschwinden. Ungeachtet ihres wirtschaftlichen Niedergangs sind sie aufgrund ihres Nukleararsenals weiterhin in der Lage, ihre Rivalen wie auch die ganze übrige Welt in Schutt und Asche zu legen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu aller bisherigen Geschichte. In den 90er Jahren erlitt Russland einen katastrophalen Zusammenbruch, aber selbst seine immer noch niedrige Wirtschaftskraft hat keine Auswirkungen auf die weltpolitische Stellung des Landes, denn Russland bleibt eine große Atommacht. Die US-Rüstung mag über ungleich komplexere Waffen verfügen, solange es jedoch unendlich viel schwieriger ist, eine ballistische Rakete mit einer Geschwindigkeit von Mach 20 abzufangen als sie nur auf das Land eines Feindes zu schießen, stellen auch kleinere atomar bewaffnete Länder eine massive Bedrohung für den Weltfrieden und das menschliche Überleben dar. Der scheinbar unabwendbare Aufstieg Chinas wird die heute bestehende Rivalität der Supermächte daher kaum grundlegend verändern.

(Kapitel aus meinem Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“. Das deutsche Original liegt bei einem Verlag, die englische Übersetzung ist aber – zeitweilig zumindest – über das Netz verfügbar:  “In Search of Meaning and Purpose in History„.http://www.gerojenner.com/mfilesm/MandP.pdf))

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Der Fluch der Globalisierung

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt. Der Fluch der Globalisierung weiterlesen

Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Noch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts war im Spiegel zu lesen, dass die Supermacht USA nach dem Untergang der Sowjetunion einen vollständigen Sieg errungen habe. Tatsächlich waren überall auf der Welt die Filme Hollywoods zu sehen, kleideten sich die Leute in Jeans, wurde amerikanisch gesungen und musiziert, Coca-Cola getrunken und breiteten sich Windows, Apple und das in Amerika erfundene Internet aus. Noch in den neunziger Jahren schien keine andere Weltmacht denkbar zu sein als die Vereinigten Staaten von Amerika. Vorahnungen von Krieg: USA gegen China – hoffentlich nur ein Handelskrieg weiterlesen

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

(Auch erschienen in „Humane Wirtschaft“)

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Was ist Wirtschaftsphilosophie?

In der ‚Offenen Gesellschaft und ihre Feinde’ vertrat Karl Popper mit großer Entschiedenheit die Position, dass größere Eingriffe in die Wirtschaft, vor allem solche ideologisch motivierter Art, meist unheilvoll und deshalb zu vermeiden seien. Was ist Wirtschaftsphilosophie? weiterlesen

Trump – die transatlantische Ego-Trompete

Was passiert mit einem Land, wo einige der besten Universitäten beheimatet sind und viele der intelligentesten Bücher über Soziologie, Politik, Wirtschaft entstehen, anders gesagt, wo nicht wenige der weltbesten Intellektuellen zu Hause sind – was passiert, wenn dort ein Mann an die Spitze gelangt, der eher als Inkarnation aus einem Comic-Heft erscheint, sozusagen als Avatar von Dagobert Duck, freilich mit einem noch weit aufgeblasenerem Ich – ein Mann, der absolut keine Gelegenheit versäumt, die eigene Unwissenheit vor aller Welt zu demonstrieren, zum Beispiel wenn er wie ein wiedergeborener Obelix die angeblich in der Klimafrage irregeleiteten Wissenschaftler aller Welt in die Schranken weist: Die spinnen! Trump – die transatlantische Ego-Trompete weiterlesen

Für eine soziale Geldreform!

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Die sogenannte Geldschöpfung aus dem Nichts, von manchen fälschlich als größtes Übel beschworen, ist entweder inexistent oder lässt sich durch vorhandene gesetzliche Kontrolle wirksam verhindern. Diese Kontrolle ist aber völlig unzureichend, wenn es um andere Gebrechen geht, die das herrschende Geldsystem nicht nur imaginär, sondern ganz real bedrohen. Für eine soziale Geldreform! weiterlesen

Deutschland 2030 – vier Wege in die Zukunft

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Zukunftsprognosen pflegen sich notorisch als trügerisch zu erweisen. Es wäre ein Fall von belächelnswerter Hellseherei, wenn sich jemand anmaßen wollte, die Situation Deutschlands nach einem Jahrzehnt, sagen wir im Jahr 2030, vorherzusagen. Möglich ist aber, Entwicklungsalternativen aufzuzeigen, die sich logisch ausschließen und daher nicht gleichzeitig auftreten können. Deutschland 2030 – vier Wege in die Zukunft weiterlesen