Das vorliegende Kapitel meines jüngsten Buches „Eine Welt – kein Turmbau zu Babel“ konnte nicht mehr in die bereits veröffentlichte deutsche Originalausgabe aufgenommen werden, sondern nur in die englische Ausgabe „One World! – Why the Race of Nations must come to an End“). Es stützt sich weitgehend auf zwei hervorragende Quellen: erstens, ein bemerkenswertes Buch von Arnaud Miranda (Les Lumières sombres. Comprendre la pensée néoréactionnaire, 2026) und zweitens einen Artikel von Mikhail Minakov (Freedom and progress at the dawn of the age of will: the struggle of two enlightenments in the current euro-atlantic debate, 2025).
Die klassische Aufklärung endete mit der amerikanischen und der französischen Revolution im 18. Jahrhundert; die heutigen dunklen Aufklärer glauben, dass Donald Trumps Präsidentschaft eine zweite „amerikanische Revolution“ einleite. Die Anhänger der ersten Aufklärung setzten sich für Ideen und Praktiken der Freiheit ein – das Fundament für die heutigen liberal-demokratischen politischen und rechtlichen Systeme. Denn die Kernprinzipien der Aufklärung haben die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen westlicher Gesellschaften geformt. Die US-Verfassung und die Unabhängigkeitserklärung sind direkte Ergebnisse des aufklärerischen Denkens, insbesondere des Locke’schen Liberalismus und des klassischen Republikanismus. Die Unabhängigkeitserklärung bekräftigt Lockes Idee der natürlichen Rechte auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ und positioniert die Regierung als einen Sozialvertrag, der gegenüber seinen Bürgern rechenschaftspflichtig ist. Die Verfassung verankert Montesquieus Gewaltenteilung und schafft ein Gleichgewicht zwischen föderaler Autorität und individuellen Freiheiten. Die politischen Ideen von Benjamin Franklin und Thomas Jefferson förderten den Deismus und eine säkulare Regierungsführung und setzten sich für empirisches Denken anstelle von religiösem Dogma ein. Franklins Gründung der Academy of Philadelphia (später University of Pennsylvania) legte den Schwerpunkt auf eine nichtkonfessionelle Bildung und spiegelte damit den Skeptizismus der Aufklärung gegenüber institutionalisierter Religion. Der klassische Republikanismus, verkörpert durch George Washington, betonte bürgerliche Tugend und partizipative Demokratie und lehnte erbliche Privilegien ab.
Nach Ansicht der Befürworter des „Darkened Enlightenment“ hat diese zweihundert Jahre alte europäische und amerikanische Tradition ihre Relevanz eingebüßt. Das Dark Enlightenment, von seinen liberalen Kritikern oft als „neoreaktionäre Bewegung“ bezeichnet, zeichnet sich durch ausgeprägt antidemokratische Ideen aus, die im frühen 21. Jahrhundert innerhalb des amerikanischen Unternehmenssektors entstanden. Formuliert wurden sie in den Schriften von Curtis Yarvin, einem amerikanischen Softwareentwickler, der viele Jahre lang unter dem Pseudonym „Mencius Moldbug“ bloggte. Zu seinem Publikum gehörten Gruppen von IT-Spezialisten, Programmierern und digitalen Start-ups, von denen einige schließlich zu führenden Persönlichkeiten der digitalen Wirtschaft wurden. Es ist allgemein anerkannt, dass seine Ideen den britischen Philosophen Nick Land dazu inspirierten, ein kohärentes philosophisches System zu etablieren, das er selbst als „Dark Enlightenment“ (Verfinsterte Aufklärung) bezeichnete. Peter Thiel, der einflussreichste Aktivist des Dark Enlightenment, erklärt: Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind.
Trotz ihrer unterschiedlichen Visionen und Philosophien stimmen diese Denker in ihrer techno-autoritären Perspektive überein; sie stellen Effizienz, technologischen Fortschritt und hierarchische Regierungsführung über demokratische Teilhabe. Alle drei bringen ihre Bewunderung für autoritäre Führung und eingeschränkte individuelle Autonomie zum Ausdruck. Dabei wird das Verhältnis zwischen Individuum und Staat grundlegend neu definiert. Anstatt Bürger als kollektive Teilnehmer an einer demokratischen Regierung zu betrachten, werden Menschen als Konsumenten gesehen, die zwischen konkurrierenden Regierungsdienstleistungen und -produkten wählen (Yarvin), als Katalysatoren oder Hindernisse für den technologischen Fortschritt (Land) oder als potenzielle „große Männer“, die neue Wege zur Freiheit jenseits politischer Zwänge erschließen können (Thiel). Jede dieser Perspektiven schmälert die demokratische Handlungsfähigkeit zugunsten von Marktmechanismen oder technologischem Determinismus.
Curtis Yarvin
Curtis Yarvin ist die führende intellektuelle Figur der neoreaktionären Bewegung. Ein prägendes Merkmal ist sein intensiver Hass auf die Demokratie. Es ist das Hauptanliegen der neoreaktionären Bewegung, die Demokratie zu stürzen, weil sie darin kein effektives politisches System zur Gewährleistung der Sicherheit und des Wohlstands der Bevölkerung erblickt. Die Neoreaktion befindet sich damit auch im Kampf gegen akademische und mediale Intellektuelle. Im Namen der politischen Stabilität setzt sich Yarvin über Fragen der Gerechtigkeit einfach hinweg. Sein Ziel ist die Verteidigung eines absoluten Rechtspositivismus: Macht ist Recht. Seine Schlussfolgerung: Die Vereinigten Staaten sind ein Unternehmen, sollen es zumindest seiner Auffassung nach sein. Man müsse den besten CEO der Welt finden und ihm die vollständige Kontrolle über das Budget, die öffentliche Politik und das Personal übertragen. Universitäten und die Presse müssten verstaatlicht werden, bevor sie das gleiche Schicksal wie der öffentliche Dienst erleiden.
Yarvin steht Peter Thiel nahe und hat Einfluss auf Persönlichkeiten wie J. D. Vance und Michael Anton; er gilt als einer der Ideologen hinter Trumps zweiter Amtszeit. Der Einfluss von Curtis Yarvin – und damit des „Dark Enlightenment“ – auf die aktuelle Politik ist unbestreitbar. Yarvin plädiert für massive Haushaltskürzungen und dafür, dass das Land von einem CEO geführt wird: Und siehe da, Musk wird unter Trump zum Direktor von DOGE ernannt. Yarvin schlägt vor, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen, indem Gaza in eine Unternehmensstadt verwandelt wird: Und siehe da, Trump sprach von seinem Traum, Gaza zur „Riviera des Nahen Ostens“ zu machen.
Yarvin propagandiert den wirtschaftlichen Merkantilismus der klassischen Ära: Und siehe da, Trump entwickelt eine Handelspolitik, die von dieser Doktrin des Protektionismus und der Staatsmacht inspiriert zu sein scheint. Yarvin plädiert dafür, dass sich die Vereinigten Staaten aus Europa zurückziehen, um Druck auf die liberalen Demokratien auszuüben. Einer der wichtigsten Texte, die Yarvin in den letzten Jahren verfasst hat, ist derjenige, den er einen Monat vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine der US-Politik in Europa gewidmet hat. Darin verteidigt er nicht bloß die Legitimität russischer Ansprüche, plädiert auch nicht bloß für den klassischen Anti-Interventionismus innerhalb der Neuen Rechten. Vielmehr fordert er einen vollständigen diplomatischen Rückzug vom europäischen Kontinent. Aus dieser Prämisse folgt, dass, so wie das Nachkriegseuropa ein Laboratorium der Demokratie war, das neue Europa nach Trump zu einem Laboratorium der Reaktion werden muss. Sobald Putin auf dem Kontinent freie Hand hat, wird jede alte europäische Nation vom russischen Bären eine helfende Hand erhalten, um ihre traditionelle Kultur und Regierungsform wiederherzustellen – und je autokratischer diese ist, desto besser.
Und siehe da, dieser Vorschlag, der im Januar 2022 noch weit hergeholt erschienen sein mag, wurde inzwischen durch Vances Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 untermauert. Da wurde aber eine noch folgenreichere Initiative sichtbar. Neoreaktionäre haben nämlich weitaus größere Ambitionen als nur den Sturz der US-Regierung; sie wollen andere Nationen mit hineinziehen, um die liberale Ordnung ein für alle Mal zu Fall zu bringen. Diese Parallelen sind umso beunruhigender, als nicht zu vergessen ist, dass Yarvin seit über einem Jahrzehnt über die Notwendigkeit eines monarchistischen Staatsstreichs theoretisiert, der der Demokratie ein für alle Mal ein Ende setzen würde.
Nick Land
Seine Denkweise unterscheidet sich erheblich von der von Curtis Yarvin. Für ihn besteht das Ziel darin, die Ausbreitung des Kapitalismus zu beschleunigen. Mit seinem Vergleich von Asien (insbesondere China) und dem Westen (insbesondere den Vereinigten Staaten) glaubt Land zwei der Moderne innewohnende Tendenzen zu identifizieren: einerseits die kapitalistische Beschleunigung hin zur technologischen Singularität; andererseits Vereinnahmung durch Demokratie, welche zu Sklerose und Trägheit führt. Der Schlüssel für das heute gebotene Handeln, müsse darin liegen, alle moralischen Hemmungen abzulegen. Denn es geht um nichts Geringeres als die bewusste Schaffung eines überlegenen Menschentyps. Fortschritte in der Gentechnik würden es einer elitären Minderheit ermöglichen, eine biotechnologische Singularität herbeizuführen: eine neue Spezies (vermutlich dem Cyborg ähnlich). Befreit von allen moralischen Zwängen könnten sich die Eliten ganz von der Mehrheit abspalten und durch Eugenik ihre eigene Spezies schaffen. Diese ungleiche, transhumanistische Neospeziation – die er als „hyperrassistisch“ bezeichnet, da sie die Schaffung einer überlegenen Menschheit beinhaltet – ist die Zukunft, die Land sich vorstellt und fordert. Obwohl dieses Thema in Yarvins Werk nicht ausführlich behandelt wird, ist die gesamte neoreaktionäre Bewegung von der Frage der Eugenik und der biologischen Degeneration der westlichen Zivilisation durchdrungen. Fantasien von einer übermenschlichen Elite sind in neoreaktionären Texten allgegenwärtig. Das erklärte Ziel: unsere degenerierte Spezies in technologische Übermenschen zu verwandeln.
Peter Thiel
Als einer der erfolgreichsten amerikanischen Unternehmer steht Peter Thiel in deutlichem Gegensatz zu den beiden zuvor genannten Begründern des Dark Enlightenment. Yarvin und Land sind Theoretiker; deren Einfluss aber nicht zuletzt auf der direkten oder indirekten Unterstützung durch den Silicon-Valley-Mäzen beruht. Thiel selbst hat sich aber gleichfalls mit klaren Ansichten zu Wort gemeldet und sich dabei zu einer prominenten Stimme des „Dark Enlightenment“ entwickelt. Seine Schriften, insbesondere seine Werke „Zero to One“ und „The Straussian Moment“, haben das Denken eines Teils der amerikanischen Eliten geprägt und konträre Perspektiven auf Innovation, Wettbewerb sowie die Zukunft der westlichen Technologie und Demokratie aufgezeigt. Geboren in Frankfurt und geprägt an der Stanford University, hat sich Peter Thiel zu einer beeindruckenden Persönlichkeit im Silicon Valley entwickelt.
Seit seiner Veröffentlichung hat sich „Zero to One“ als unverzichtbare Lektüre für angehende Unternehmer, Start-up-Gründer und Wirtschaftsstudenten etabliert und dient sowohl als philosophische Abhandlung als auch als praktischer Leitfaden zur Navigation durch die komplexe Landschaft technologischer Innovation und Unternehmensgründung. Viele Anhänger dieser Ideen sind entweder 2025 der Trump-Regierung beigetreten oder haben diese in westlichen Ländern aktiv unterstützt.
Eine seiner Hauptthesen – dass „Wettbewerb letztendlich zu einem Mangel an Gewinnen für alle und zu einem Kampf ums Überleben führt“ – ist aber alles andere als neu. Sie findet sich bereits im Werk von Karl Marx. Der Sozialtheoretiker aus Trier vertrat die These – die seitdem von der Geschichte eindeutig widerlegt worden ist – dass der Kapitalismus durch die vom Wettbewerb verursachte Verarmung unweigerlich zum Scheitern verurteilt sei. Dagegen hatte bereits Joseph Schumpeter gezeigt, dass Wettbewerb die treibende Kraft hinter Innovationen ist; eben deshalb war die Geschichte des Kapitalismus – wohlgemerkt einer gezähmten Form des Kapitalismus – zur Erfolgsgeschichte allgemeiner materieller Bereicherung. In feudalen Systemen, in denen Klassen durch Gottes Gnade existierten, wurde jeglicher Wettbewerb unterdrückt, und dies war auch unter ideologisch strengem (nicht chinesischem) Kommunismus der Fall. Aus historischer Perspektive sind Peter Thiels Argumente daher schlichtweg naiv oder unhaltbar. Es ist auch nur eine Halbwahrheit, wenn er sagt: „Ein Monopol ist daher weder ein pathologischer Zustand noch eine Ausnahme. Ein Monopol ist eine Voraussetzung für jedes erfolgreiche Unternehmen.“
Ja, der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens mag in die Höhe schnellen, wenn technologische Übermenschen das Ruder führen und Produkte am laufenden Band produzieren, die sich als Marktfavoriten erweisen. Solange diese Ideen durch Patente geschützt sind – und somit vor Wettbewerb abgeschirmt –, generieren sie maximale Gewinne für die betreffenden Unternehmen – und genau das ist der Zweck von Patenten. Aber neunzig Prozent der Wirtschaft beruhen auf der Umsetzung ungeschützter, seit langem bestehender Ideen. Diese bilden die Grundlage jeder Wirtschaft, denn die Mehrheit der Menschen sind keine technologischen Übermenschen und wollen dennoch von ihrer Arbeit leben und als gleichberechtigte Menschen gelten. Die Verherrlichung des technologischen Fortschritts und der Übermenschen, die ihm dienen, gleicht einem Tanz um ein neues Idol, ein neues goldenes Götzenkalb.
Unter dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist dieser Tanz zur politischen Agenda der immer noch führenden Weltmacht geworden, die lange Zeit die in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankerten Ideale der wahren Aufklärung vertrat und nun aus dem Licht in die Dunkelheit taumelt.
