Germanistenschelte

Gegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts, im Jahre 1909, als deutsche Wissenschaft sich noch ihres Weltrufs rühmen durfte, äußerte sich William James, der große Amerikaner, in einer Vorlesung mit dem Titel „A pluralistic Universe“ auf folgende wenig schmeichelhafte Art über den deutschen Professor:
“In Germany the forms are so professionalized that anybody who has gained a teaching chair and written a book, however distorted and eccentric, has the legal right to figure forever in the history of the subject like a fly in amber. All later comers have the duty of quoting him and measuring their opinions with his opinion. Such are the rules of the professorial game – they think and write from each other and for each other and at each other exclusively” (meine Hervorh.). Ein Mann, dem Amerika und die Welt nicht nur einen Klassiker über die Psychologie verdankt (Principles of Psychology), sondern eine der wohl am tiefsten schürfenden Auseinandersetzungen mit dem Phänomen der Religion – James stellt sich in “The Varieties of Religious Experience” die bis heute gültige Frage, worin religiöse Motivation besteht und auf wie mannigfaltige Art sie sich zu manifestieren vermag – ein solcher Mann darf sich wohl auch erlauben, den damals noch bewunderten, beneideten, aber eben auch viel belächelten deutschen Professor einmal aus größter Nähe und in kritischer Absicht zu durchleuchten. James vernichtende Kritk ist natürlich überzogen. Deutsche Universitäten waren immer auch ein Hort für die Anständigen und die geistig Herausragenden, denen sie materielle Sicherheit gewährten, aber James bissig formulierte Regel ist nicht deswegen falsch, weil es leuchtende Ausnahmen davon gibt.
Wenn die Beobachtung des großen Amerikaners stimmt, dass im akademischen Milieu eine Art von Stammesmentalität herrscht, wo die privilegierten Stammtischbrüder ausschließlich von, für und gegeneinander denken und schreiben, dann ist damit auch auf die zweite Seite dieser Mentalität angespielt, nämlich die Haltung gegenüber Außenseitern, die sich anmaßen in das eigene Territorium einzudringen und dieses möglicherweise zu “markieren”. Absichtlich bediene ich mich hier eines Begriffs aus der Verhaltensforschung, wo ein solches Ritual bekanntermaßen eine besondere Rolle spielt, aber eben auch die schärfsten Reaktionen hervorruft – bis hin zum gnadenlosen Zerbeißen und Zerreißen des Eindringlings.
Was will ich mit dieser Einführung sagen? Warum erwecke ich William James aus seinem hundertjährigen Schlaf und beziehe mich auf das Verhalten von Professoren als territorialen Verteidigern? Nun, weil ich mit meinem Buch über “Die Brüder Ludwig und Georg Büchner” offenbar selbst zu einem Eindringling wurde, der sich unbefugterweise in ein streng abgeschirmtes Territorium vorgewagt hat.
In diesem Buch, das der eher kleine Verlag “ibidem” freundlicherweise publizierte, musste ich mich in gebotener Bescheidenheit üben, weil über den Dichter Georg Büchner und das kleine von ihm hinterlassene Werk sowie die spärlichen Zeugnisse zu seiner Biografie wohl alles gesagt worden ist, was professioneller Spürsinn überhaupt herauszufinden vermag. Da brauchte ich nur brav aus den vorhandenen Forschungsergebnissen zu schöpfen: aus Georg Büchner von Jan-Christoph Hauschild, aus Georg Büchner – Epoche – Werk von Michael Hofmann und Julian Kanning und – mit dem größten Gewinn – aus Georg Büchner von Hermann Kurzke. Aber ein großer Dichter regt natürlich immer auch zu neuen Betrachtungen an. Die Belehrungen aus den genannten Quellen habe ich in eine Kunsttheorie eingefügt, zu der ich von keinem Geringeren als dem Kulturhistoriker Jacob Burckhardt inspiriert worden bin. Der Kunst der Vertiefung, welche die Weimarer Klassik erstrebte, habe ich eine Kunst des Protestes und der Erneuerung gegenübergestellt, als deren eklektizistischen Meister man Georg Büchner bezeichnen darf. Mit dieser Analyse und einer philosophischen Erörterung der beiden Pole von Sicherheit und Freiheit, an denen sich jedes Kunstwerk orientiert, gehe ich im ersten Teil meines Buches über die übliche Darstellungsweise hinaus, doch erst im zweiten Teil, wo ich mich mit Georgs jüngerem Bruder Ludwig befasse, begebe ich mich auf einen bisher unbeschrittenen Pfad, denn eine Monografie, die sich mit den Übereinstimmungen und den Gegensätzen im Denken der beiden Brüder und mit ihrer so ganz unterschiedlichen Wirkung befasst, ist bislang nicht geschrieben. Es lohnt sich ja, auch Ludwig Büchner, heute so gut wie vergessen, ins Visier zu nehmen, hat er doch zu seiner Zeit mit nicht weniger als einem Weltbestseller zum Thema Wissenschaft auf sich aufmerksam gemacht. Beide Brüder waren auf eigene Weise berühmt, der eine zu seinen Lebzeiten, der andere erst ein Dreivierteljahrhundert nach seinem Tod.
Wäre das Erscheinen einer solchen Monografie nicht eine Gelegenheit für den deutschen Professor gewesen – insbesondere den Professor der Germanistik und insbesondere die Büchnerspezialisten – die doch einigermaßen missgünstige Bemerkung von William James zu entkräften, sie als eine haltlose Unterstellung zu widerlegen?
So sollte man meinen. Schon aufgrund jener stets lauernden Neid- und Zankkultur, die – wie böse Zungen behaupten – an deutschen Universitäten keinesfalls selten ist, hätte man sich die Hände zum gemeinsamen Angriff auf den Eindringling reiben können. Schauen wir uns Jenners Buch doch einmal ganz genau an! Lassen wir uns das Vergnügen doch, bitte schön, nicht entgehen, ein solches Machwerk aus zunftfremder Hand in der Luft zu zerreißen. Das Buch eines Unbekannten, der niemals zu unseren Füßen saß, kann doch nur aus unvergorenem Halbwissen und irreführenden Argumenten bestehen!
Eine solche Kriegserklärung wäre doch das Mindeste gewesen, ich hätte mich darüber gefreut, denn sie ist einem „Nicht-einmal-ignorieren“ immer noch vorzuziehen, diesem heute bevorzugten Verfahren gegenüber stammfremden Außenseitern. Außerdem weiß ich mich meiner Haut einigermaßen zu wehren und bin überdies Optimist, denn ich machte mir tatsächlich Hoffnung, dass es auch gutwilligere Mitglieder innerhalb der Zunft geben könne, einige wenige, die grundsätzlich ihre Aufgeschlossenheit für Anregungen bekunden. Wird in Akademia nicht schon jahrzentelang die Interdiszipinarität der Wissenschaften gepredigt? Gibt man der Außenwelt nicht immer erneut zu verstehen, dass man sich über jede fachfremde Stimme freut, wenn sie etwas zu sagen hat? Solche Aufgeschlossenheit wäre doch eine Antwort auf James abfällige Bemerkung gewesen.
So positiv grundgestimmt war ich jedenfalls, als ich den einzigen der drei von mir zitierten Georg-Büchner-Biografen anschrieb, der per eMail zu erreichen war, nämlich den Professor der Germanistik Herrn Michael Hofmann in Paderborn (leider ist der wortgewaltige Hermann Kurzke bereits gestorben, während Jan-Christof Hauschilds Adresse schwer zu ermitteln ist).
Es ging mir dabei auch folgender Gedanke durch den Kopf. Wenn sich ein deutscher Professor mit einem so selbstkritischen – der Selbstkritik beinahe pathologisch verfallenen – Geist wie Georg Büchner befasst, so müsste doch etwas davon auf ihn selbst abfärben. Müsste er nicht sogar eine besondere Neugierde für jeden Versuch aufbringen, auf beide Brüder zusammen ein neues Licht zu werfen? Das scheint schon deswegen nahezuliegen, weil sie sozusagen die lebenden Verkörperungen eines bis heute fortwirkenden Gegensatzes gewesen sind, des Gegenübers von Dichten und Denken, Glauben und Wissenschaft. Ganz gleich, ob und wie weit es dem Verfasser des Buches gelungen ist, auf die beiden Büchner ein erhellendes Licht zu werfen, die Absicht allein müsste von größtem Interesse sein.
So habe ich mir den Erfolg meines Briefes vorgestellt. Aber William James, der große Amerikaner, war klüger als ich. Man muss ihm den schärferen Blick für die deutsche Realität zuerkennen. Natürlich will ich keinesfalls bestreiten, dass es tausend gute Gründe dafür geben kann, warum jemand selbst von interessanten Gedanken in einem bestimmten Moment seines Lebens nichts wissen will. Vielleicht ist der Betreffende gerade anderweitig beschäftigt, vielleicht überhaupt mit anfallender Arbeit hoffnungslos überlastet. Aber dass ein höfliches Schreiben zu einem Gegenstand, der für den Empfänger doch ebenso interessant sein sollte wie für den Absender, schlicht unbeantwortet bleibt, das lässt sich nur mit jener Arroganz und abweisenden Haltung erklären, die James als ein trauriges Wesensmerkmal jener Leute behandelt, deren Stammesmentalität darin besteht, dass sie eben nur von- und für und gegeneinander schreiben. Man ist zu dem Schluss genötigt, dass ein Mann von dem Rang des Herrn Professor Michael Hofmann aus Paderborn sich einfach zu gut dafür ist, einem Stammesfremden auch nur eine Antwort zu erteilen. Da kann ja jeder kommen! Da kann sich ja jeder erdreisten, ohne vorherige Befugnis im angestammten Territorium zu wildern!
Bitte schön, ich will nicht ungerecht sein. Ein gewisses Verständnis lässt sich selbst für diese abweisende Haltung aufbringen. Zu seiner Zeit hatte James noch nicht ahnen können, dass der deutsche Professor, wenn er das Unglück hat, in den Geisteswissenschaften heimisch zu sein, einmal in eine Lage geraten würde, die man nur als Misere bezeichnen kann. Denn es geht den Vertretern des Geistes ja nicht nur schlecht, es geht ihnen mit jedem Jahr schlechter. Der amerikanische Psychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker (2003) weiß zu diesem Thema Folgendes zu berichten. „Philosophie /immerhin die Königsdisziplin unter den Geisteswissenschaften/ wird nicht mehr respektiert. Viele Wissenschaftler sehen darin ein Synonym für kraftlose Spekulation.“ Und an anderer Stelle: „(Amerikanische) Universitäten investieren immer weniger in Geisteswissenschaften. Seit 1960 ist deren Anteil auf die Hälfte geschrumpft, Gehälter und Arbeitsbedingungen stagnieren.“ Wie man weiß, hat sich diese Tendenz unter Donald Trump zu einem Endspurt gesteigert. Alles, was die Intelligenz dieses Mannes überschreitet – also sämtliches Wissen, das nicht aus dem Bauch, sondern nur aus dem Kopfe stammt – würde der Präsident am liebsten ganz verbieten. So gesehen, muss man ein gewisses Verständnis auch für einen deutschen Professor aufbringen, wenn dieser angesichts seines auch bei uns stetig schrumpfenden Territoriums Klauen und Zähne in Stellung bringt, um dieses vor fachfremden Eindringlingen zu bewahren.
Es ist längst kein Geheimnis mehr. Pinker hat nicht nur recht für das eigene Land: der Abbau der Wissenschaften des Geistes schreitet in Deutschland ebenso voran wie in den Vereinigten Staaten. In allen modernen Volkswirtschaften befinden sich die Naturwissenschaften im siegreichen Vormarsch, während die des Geistes den Rückzug antreten. Warum, das lässt sich auf unmittelbar einleuchtende  Art beispielsweise an dem Gegensatz von Astronomie und Astrologie erklären. Die erste sagt das Naturgeschehen mutmaßlich bis auf Jahrmillionen richtig voraus, dagegen hat niemand bisher den Beweis zu erbringen vermocht, dass die Sterne einen Einfluss auf das Schicksal der Menschen haben. Ebenso nachweisbar ist der Erfolg von Physik und Chemie bei der Umwandlung von Entwicklungsländern in Industrienationen, aber die Kunst und die verschiedenen Geisteswissenschaften, die sich mit dieser befassen, haben dazu keinen nachweisbaren Beitrag geleistet. So jedenfalls lautet das Credo, wie es heimlich oder auch in aller Offenheit, überall auf der Welt von den sogenannten Kultur- oder Bildungsministerien vertreten wird. Kein Wunder, dass diese auf eine stete Erweiterung des naturwissenschaftlichen Unterrichts drängen, während Geschichte, Literatur und die übrigen Geisteswissenschaften zu Orchideenfächern verkümmern. Physik, Chemie und alle übrigen Naturwissenschaften gelten als „wahr“ und „objektiv“, weil ihre Wirkungen mess- und errechenbar sind. Sie fördern den Wohlstand der Nationen in Gestalt eines zunehmend reichen Angebots an materiellen Gütern. Sie dienen aber auch der Sicherheit gegenüber der Eroberungslust anderer Staaten, genau deswegen wenden diese ja einen erheblichen Teil ihres Reichtums für die Entwicklung immer neuer, immer tödlicherer Waffen auf.
Das Reich der Kunst und der mit ihnen befassten Wissenschaften des Geistes wird dagegen als entbehrlicher Luxus relativiert, den sich ein reicher Staat zwar leisten mag, aber nicht leisten muss. Manche wollen in der Kultur sogar einen Fremdkörper erblicken, weil sie sich so leicht für die Definition der jeweils eigenen nationalen Identität missbrauchen lässt und dann dieselben Unterschiede und Feindseligkeiten erzeugt wie früher die Religionen. Einzig die Wissenschaften der Natur, so heißt es, würden nicht an diesem Übel kranken, denn sie sind so universal wie die Natur selbst. Es gibt keine chinesischen, deutschen, grönländischen Naturgesetze. Aber Kunst und die darauf begründeten Geisteswissenschaften sind ihrem Wesen nach immer lokal. Sie beschreiben subjektive Realitäten. Dieser grundsätzliche Mangel an Objektivität sei charakteristisch für die Wissenschaften des Geistes.
Was für weit ausholende Behauptungen! Ich nehme an, dass der typische deutsche Germanist, zumindest wenn er zu den von James so heftig kritisierten Professoren gehört, von derartigen Problemen nicht einmal hören will. Man hat einen privaten Schutzwall um den eigenen geistigen Schrebergarten, um die eigene Spezialität gezogen. Man hat sich nach außen sorgfältig abgeschirmt, schreibt von, für gegen andere deutsche Germanisten. Das muss doch wohl genügen!
Nur dass man damit das eigene Fach in die Irrelevanz abschiebt! Gerade einen Gelehrten, der sich mit Georg Büchner befasst, müsste die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft doch mehr als alle anderen interessieren, denn seit der Aufklärung und dem Siegeszug der Naturwissenschaften stand sie für viele deutsche Dichter im Vordergrund. Und Georg Büchner? Der wurde von ihr im eigentlichen Sinne zu Tode gequält. Am Ende seines kurzen Lebens sezierte er oft tagelang Barben, und zwar von morgens früh bis abends spät, um eine (heute widerlegte) These zu beweisen – das war Wissenschaft, die er selbst als Marter bezeichnet hat. Aber Büchner wusste sich nicht anders zu helfen. Als ein zur Fahndung öffentlich ausgeschriebener Verfolgter musste er sich vor seiner Familie, seiner Braut und der Welt als anständiges Mitglied der Gesellschaft erweisen. Der Beweis der wiedererrungenen bürgerlichen Anständigkeit war für ihn aber nur über die Wissenschaft möglich, denn in der Kunst ging er einen zu revolutionären, einen zu seinen Lebzeiten nur von wenigen verstandenen Weg. Nur zwischendurch, wenn es sich für wenige, meist kurze Momente ergab, griff er zur Feder – und berauschte sich an unerhörten Gedanken und dem Zauber der Sprache. Das waren für ihn Momente eines flüchtigen Glücks.
Das Buch „Die Brüder Ludwig und Georg Büchner – Dichten und Denken, Glauben und Wissenschaft: Riss oder Versöhnung“ (auf Vorschlag des Verlags habe ich die ursprüngliche Reihenfolge „Georg und Ludwig Büchner“ umgestellt, damit die Suche nach „Georg Büchner“ erleichtert wird) ist das Werk eines Außenseiters, der aber aufgrund seiner jahrelangen Beschäftigung mit fremden Kulturen den Vorteil für sich beanspruchen darf, die zentrale Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft auf eine umfassendere Art zu stellen und vielleicht auch beantworten zu können. Die Antwort steht jedenfalls im Widerspruch zur vorherrschenden Ideologie, wie sie von den sogenannten Kultur- und Bildungsministerien vertreten wird und den langsamen, aber offenbar unaufhaltsamen Abbau der Wissenschaften des Geistes zur Folge hat.