Als Menschen streben wir nach Selbstbestimmung – Freiheit ist das Wort, womit dieses Bestreben auf den Begriff gebracht wird. Uniformität, Aufgehen in der Masse, Ununterscheidbarkeit, Abhängigkeit von anderen – das sind die Begriffe, die den Gegensatz zur persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit beschreiben. Wer uns gleichmachen will, der stößt auf elementare Empörung, der will uns in unseren elementaren Menschenrechten verletzen.
Was für den Einzelnen gilt, trifft auch auf Staaten zu. Gerade hat Polen einen neuen Präsidenten gewählt, der das Land am liebsten wieder aus der EU hinausführen möchte. Wohin? Natürlich in die vollkommene nationale Freiheit und Unabhängigkeit! Das Land soll nicht länger einen Gutteil der eigenen Souveränität an das supranationale Monster mit Sitz in Brüssel verlieren. Die neuen Freiheitskämpfer in Ungarn, der Slowakei, aber auch ihre bisher weniger erfolgreichen Parteigänger Le Pen in Frankreich und Alice Weidel in Deutschland, berufen sich bei ihren Bestrebungen auf den Präsidenten der immer noch mächtigsten und einflussreichsten Nation der Welt, auf Donald Trump, der sein Land nicht nur von allen Einschränkungen, sondern auch von allen Rücksichten nach außen befreien möchte. Vollständige nationale Souveränität – sprich vollständige nationale Selbstbestimmung und Freiheit – sind sein erklärtes Ziel. Trump hat nicht nur das Freiheitsgefühl der Amerikaner, er hat auch die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite. Und nicht nur das! Ein Blick auf die Geschichte scheint ihm überdies auch historisch ins Recht zu setzen. Der Bezug auf die Freiheit spielt in vielen nationalen Hymnen eine herausragende Rolle – Unabhängigkeit und Selbstbestimmung meinen dabei dieselbe Sache.
Die Verklärung der persönlichen und nationalen Freiheit wirft eine interessante Frage auf. Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass der Einzelne seine Unabhängigkeit an ein Kollektiv abgibt, dass Nationen ihre Freiheit und Selbstbestimmung an einen Staatenbund abtreten oder – wie vor anderthalb Jahrhunderten geschehen – die vielen deutschen und italienischen Kleinstaaten ihre bisherige Souveränität an ein vereintes Italien bzw. Deutschland? Warum bricht die Schweiz nicht wieder in einzelne Regionen auseinander? Warum mussten die ehemalige DDR und Westdeutschland sich zusammenfinden? War nicht jedes Mal ein Verlust an Eigenständigkeit und natürlich auch von erstaunlicher und oft wunderbarer Vielfalt die zwangsläufige Folge?[1]
Ein großer britischer Denker aus dem 17. Jahrhundert – nicht zufällig war es das Jahrhundert der europäischen Bürgerkriege – hat uns darauf eine Antwort erteilt. Das Bestreben nach absoluter Freiheit und Selbstbestimmung lasse den Einzelnen zu einem Wolf für seine Mitmenschen werden, weil er nichts anderes als den eigenen Vorteil im Auge habe.[2] Warum sollte er, wenn es um die maximale eigene Freiheit geht, auf den Vorteil oder auch nur das Existenzrecht der anderen achten? Thomas Hobbes zog aus dieser Erkenntnis einen allgemeingültigen Schluss: ohne gemeinsame und verbindliche Verhaltensregeln werde jeder für seinen Nachbarn unberechenbar – eben ein Wolf. Bürgerkriege und Chaos würden sich dann als unausweichliche Folge ergeben. Thomas Hobbes glaubte, dass nur eine Art Diktator an der Spitze des Staates, dem er den Namen des mythologischen Monsters “Leviathan” gab, dieser Unberechenbarkeit ein Ende zu setzen vermag, indem er für alle verbindliche und mit den Mitteln der Gewalt garantierte Gesetze verhängt. In diesem Punkt hat sich Hobbes zwar geirrt, die schrecklichen Zustände seines Jahrhunderts haben ihn zu sehr in Atem gehalten. Tatsächlich gibt es eine spontane Bereitschaft des Menschen – sie äußert sich schon im Spiel zwischen Kindern – sich gemeinsamen Regeln des Verhaltens, des Denkens und natürlich der Kommunikation zu unterwerfen. Diese spontane Erfindung und Übernahme gemeinsamer Regeln oder Gesetze bildet den Ursprung jeder Gesellschaft.
Und da meldet sich nun auch die Vernunft zu Wort. Gefühle lassen sich beliebig mit schönen Begriffen wie Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung aufputschen; mit entsprechenden Parolen bringt man die Massen leicht auf die Barrikaden. Aber Vernunft zeigt uns die unerlässlichen Voraussetzungen der Freiheit, die immer darin bestehen, dass wir zugleich auf Freiheit verzichten, genauer gesagt: auf absolute Freiheit.[3] Kommunikation, also eine gemeinsame Sprache, ist die Voraussetzung für alle Erkenntnis und allen Fortschritt, aber sie schließt den Verzicht auf absolute Freiheit ein. Wer deutsch spricht und denkt, der spricht und denkt nicht in Inuit, Bantu oder Japanisch, denn jede Einzelsprache kann natürlich nur ein winziger Ausschnitt aus dem Kosmos aller vorhandenen und vorstellbaren Sprach- und Denk- und Gefühlsvarianten sein. Das neugeborene Kind hat nichts Eiligeres zu tun, es ist sogar genetisch darauf programmiert, in den ersten drei Jahren des Lebens seine Plastizität für alle möglichen Sprachen und Denkmöglichkeiten zu Gunsten einer einzigen aufzugeben, die ihm seine Eltern und die es umgebende Gemeinschaft vermitteln. Kein vernünftiger Mensch käme auf den Gedanken, darin einen Verlust zu sehen, obwohl der Mensch damit auf die absolute Freiheit verzichtet. Er wird durch Annahme einer bestimmten Sprache zwangsläufig auf bestimmte Art programmiert. Aber es gibt keinen anderen Weg, um das erreichbare Maß an Freiheit zu realisieren. Das Gehirn des Kindes, ein bei der Geburt noch unbeschriebenes Blatt, übernimmt zugleich mit der Sprache den Kosmos der Gefühle, der vorherrschenden Anschauungen und selbstverständlich auch der üblichen Verhaltensweisen der jeweils vorhandenen Umgebung.
Vernunft belehrt uns, dass Freiheit ein relativer Begriff ist, es immer war und notwendig bleiben wird. Eine friedliche soziale Existenz ist nur möglich, wenn Nachbarn auf einen Teil ihrer Freiheit verzichten, indem sie gleiche Denk- und Verhaltensweisen – gleiche Spielregeln – für selbstverständlich erachten. Glaube ich meinerseits an den Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden, während mein Nachbar einen Gesandten des Teufels in ihm erblickt, dann wird zwischen uns – so wie in der Zeit von Thomas Hobbes tatsächlich geschehen – ein dreißigjähriger Krieg ausbrechen. Wenn mein Nachbar Menschen für minderwertig und unrein erachtet, die Schweinefleisch essen, während ich im Gegenteil darin eine besonders gesunde Nahrung erblicke, dann ist es besser, wir leben in verschiedenen Staaten, weil sonst die Gefahr besteht, dass der geringste Anlass ausreichen wird, um uns zu unversöhnlichen Feinden zu machen. Anders gesagt, besteht die Gefahr von blutigen Bürgerkriegen, wenn Menschen auf zwar auf engem Raum zusammenleben, aber auf unterschiedliche Weltanschauungen programmiert sind. Freiheit und Selbstbestimmung können sich nur auf einem Sockel von widerspruchslos akzeptierter und staatlich garantierter Gemeinsamkeit entfalten (in der Vergangenheit war das in der Regel ein gemeinsamer Glaube, in unserer Zeit kann es eine von allen akzeptierte Verfassung sein). Ist dieser Sockel tragfähig und fest genug, dann kann unser Nachbar eine schwarze Hautfarbe besitzen, an einen vierarmigen Shiva glauben oder ein Teufelsanbeter sein. Er bleibt trotzdem einer von uns, dem wir im täglichen Umgang vertrauen. Ist der Sockel der fraglosen akzeptierten Gemeinsamkeiten dagegen brüchig geworden oder überhaupt erschüttert, dann reichen schon geringe Unterschiede im Aussehen, Denken und Handeln, um ein friedliches Zusammenleben zu vereiteln.[4]
Daraus ergibt sich eine Korrektur, welche die Vernunft an unseren leicht entflammbaren Gefühlen durchführen muss. Schwärmen wir von der Selbstbestimmung und Freiheit des Einzelnen, dann sollte uns bewusst sein, dass es sich dabei nur um eine schmale Zone von Freiheit handelt – Freiheit oberhalb des massiven Sockels aus unausgesprochen vorausgesetzten oder staatlich verordneten Selbstverständlichkeiten, ohne die funktionierende Gesellschaften nicht existieren können. Die babylonische Sprachverwirrung, wie schon der Bibel vor zweieinhalbtausend Jahren bekannt, zeigt, was mit Menschen geschieht, von denen keiner den anderen versteht.[5]
Das gilt für die Einzelnen im Inneren eines Staates, es gilt aber ebenso für die einzelnen Staaten im Verhältnis zueinander. Neuerlich stellt sich uns daher die schon oben genannte Frage, warum es überhaupt zu Zusammenschlüssen kleinerer zu größeren Einheiten kommt? Einzelne Menschen müssen auf einen Teil ihrer Freiheit verzichten, weil gemeinsame Spielregeln des Zusammenlebens die Voraussetzung für jede funktionierende Gesellschaft sind. Aber warum sondern sich menschliche Gemeinschaften nicht dauerhaft voneinander ab, um ihre Eigenart und Selbstständigkeit zu erhalten oder verteidigen beide mit Waffengewalt, wenn sie in Berührung miteinander geraten? Tatsächlich haben die meisten Kulturen des Globus sich nach Möglichkeit abgesondert und, wenn dies nicht länger möglich war, ihre Eigenart mit Waffengewalt verteidigt. Selbst Kulturen mit gemeinsamer Grenze, wie etwa Deutschland und Frankreich, haben tausend Jahre lang ihre Eigenart und Souveränität mit Krieg und Waffen gegeneinander behauptet, wobei sie sich immer wieder gegenseitig als „Todfeinde“ definierten. Warum haben sie sich im zwanzigsten Jahrhundert dennoch zusammengeschlossen und einen Teil ihrer Souveränität und damit auch ihrer Selbständigkeit geopfert? Haben sie nach tausend Jahren stets neuerlich aufflammender Kriege plötzlich eine ihnen bis dahin verborgene Liebe zueinander entdeckt?
Die Frage lässt sich mit größter historischer Allgemeinheit formulieren. Warum beobachten wir in der menschlichen Geschichte einen Verlauf, dem wir die Bezeichnung als “Quasi-Gesetz” geben müssen, weil dieser Verlauf auf dem gesamten Globus nur ein und dieselbe Richtung kennt? Aus Familien wurden Sippen, aus Sippen Stämme, aus Stämmen Fürstentümer. Außerdem ballten sich an bestimmten Punkten Menschenansammlungen zu Städten zusammen, aus denen die ersten Kleinstaaten entstanden. Diese vereinigten sich zu größeren Staatenbünden und aus Letzteren ging schließlich die UNO hervor – der Absicht nach eine Weltregierung, tatsächlich aber vorerst nur deren belächelte Karikatur. Kein Zweifel, es gab auch immer, und es gibt bis heute erfolgreiche Trennungen: das Resultat separatistischer Bewegungen – man denke etwa an den Brexit. Den allgemeinen Trend haben diese Gegenbewegungen aber nie zu brechen vermocht.
Wenn eine geschichtliche Tendenz existiert, die von der Prähistorie bis heute in Geltung ist, dann die Vereinigung kleinerer zu größeren Einheiten von menschlichen Sozietäten.
Warum? Auch auf diese Frage hatte Thomas Hobbes bereits die richtige Antwort angedeutet. Werden Menschen füreinander so gefährlich, dass sie einander zu vernichten drohen, dann hilft ihnen nur der – freiwillige oder durch “Leviathan” erzwungene – Zusammenschluss auf der Grundlage gemeinsamer Regeln, um dieser Gefahr zu entgehen, weil nur solche Gemeinsamkeit sie füreinander berechenbar macht. Sie opfern einen Teil ihrer Souveränität, ihrer Selbstbestimmung und Freiheit, aber sie gewinnen das für ihr Überleben kostbarste Gut überhaupt: Sicherheit, wenn sie sich auf gemeinsame – in diesem Fall auf gemeinsame zwischenstaatliche – Spielregeln einigen.
Thomas Hobbes hat den sozialpsychologischen Grund für die Aufgabe von Souveränität im Sinne gesicherten Überlebens deutlich genug benannt. Aus Wölfen, die einander zerfleischen, wird ein größeres Rudel, das allen Mitgliedern Sicherheit verschafft. Aber der große britische Philosoph hat uns nicht gezeigt, warum Menschen im Laufe ihrer Geschichte von Jägern und Sammlern bis zum heutigen Homo technologicus überhaupt so gefährlich, und zwar zunehmend gefährlich füreinander geworden sind. Denn erst diese Entwicklung erklärt ja den Zwang, dem sie eben nur durch den Zusammenschluss zu immer größeren Einheiten entgehen. Und erst diese Zwangsläufigkeit erklärt, warum wir hier einem Gesetz begegnen – keinem Naturgesetz, wie es die Physik in Bezug auf die unbelebte Materie in der Natur vorfindet, sondern einem historischen Quasi-Gesetz im Verhältnis zwischen Menschen.
Die hier sichtbare Zwangsläufigkeit hat nichts mit unseren Gefühlen, sie hat dagegen alles mit unserer Vernunft zu tun. Diese hat den Menschen befähigt, immer bessere Instrumente und Verfahren zur Beherrschung der ihn umgebenden Natur und seiner menschlichen Nachbarn zu entwickeln. Die Affenmenschen bekämpften sich noch mit Steinen und Stöcken. Daraus sind dann Pfeil und Bogen geworden und mit der Erfindung von Bronze und Eisen wurden daraus Messer, Säbel und Schwerter. Dann folgten Gewehre und Kanonen, die mit Hilfe seegängiger Schiffe bald auch die abgelegensten Inseln und Kontinente erreichten. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert glaubten die Indios in Mittel- und Südamerika allein auf der Welt zu sein, aber plötzlich fielen da unglaubliche Wesen in ihr Land – Zentauren – bestehend aus Pferd und Reiter, Wesen, wie sie bei ihnen noch nie gesehen wurden. Die fremden Pferdmenschen besaßen außerdem weit überlegene Waffen: stählerne Schwerter, Gewehre und Kanonen. Solche Zusammenstöße mit anderen, technologisch viel fortschrittlicheren Menschen sind durch die ganze menschliche Geschichte bezeugt und haben jeweils dazu geführt, dass die unterlegene Bevölkerung ausgerottet wurde oder sich unterwerfen ließ – und auf diese Weise größere Einheiten entstanden. Der technische Fortschritt in der Beherrschung von Mensch und Natur – die eigentliche Domäne der praktischen Vernunft– hat den Globus zunehmend enger und enger werden lassen, da sie die bisherigen Grenzen zwischen den Völkern schlicht überrannte. Auf diese Weise wurde der stetige Zugewinn an praktischer Naturbeherrschung – gewöhnlich “Fortschritt” genannt – zum eigentlichen Motor für das oben genannte Quasi-Gesetz. Die Indios wurden nicht etwa deshalb zu Christen, weil sie die eigene Religion plötzlich verachtet hätten, sondern weil sie das eigene Überleben nur durch den Zusammenschluss mit den Herrschern zu sichern vermochten. Franzosen und Deutsche haben nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs keineswegs eine plötzliche Liebe zueinander entdeckt, sondern es wurde ihnen bewusst, dass sie nur der Zusammenschluss in einer größeren Einheit vor der gegenseitigen Ausrottung bewahren wird und dass sie auch nur dadurch dem gemeinsamen Gegner in Gestalt der Sowjetunion und heute Putins Russland und einem wirtschaftlich übermächtigen China gewachsen sind. In solchen Momenten – aber meist auch nur dann – siegt die kritische Vernunft über nationalen Populismus. Aber wenn es stimmt, dass Zusammenschlüsse zwischen Staaten und Nationen zu Anfang meist bloße Vernunftehen sind, so bedeutet das keinesfalls, dass aus einer neuen Einheit nicht mit der Zeit ein Bewusstsein von Zusammengehörigkeit hervorzugehen vermag. In den ursprünglich souveränen Teilstaaten in Deutschland und Italien ist das längst geschehen, und auch Ost- und Westdeutschland verstehen sich inzwischen als eine Nation.
Technik, welche durch ihren „Fortschritt“ Menschen immer gefährlicher für die Natur und füreinander macht, ist der Motor, der zu immer größeren Einheiten führt, und zwar mit einer selbstbeschleunigenden Dynamik: Je erfolgreicher neue technischer Erfindungen sind, desto mehr fördern sie die Entstehung weiterer Erfindungen. Was in Europa vor einem halben Jahrtausend ein kleines Rinnsal neuer Erfindungen war, hat sich inzwischen zu einer Sturzflut ausgewachsen. Im 21. Jahrhundert fiebert die ganze Welt über neuen Erfindungen zur Beherrschung von Mensch und Natur. Wissenschaft und Technik sind zu einer völkerverbindenden Religion geworden, deren unmittelbare Folge uns klar vor Augen steht. Sie hat ein globales Wettrennen auf allen Gebieten des ökonomischen und militärischen “Fortschritts” hervorgebracht. Wie eng der Globus heute geworden ist, das beweist vor allem jener Bereich menschlichen Erfindungsgeistes, dem die Angst der Staaten vor ihren nahen und fernen Nachbarn gleichsam Flügel verleiht – ich spreche natürlich von der Waffenforschung und -technik. Atom-, Wasserstoff- und Neutronenbomben lassen sich heute von überschallschnellen Raketen in Minuten an jeden beliebigen Ort der Welt befördern, wo sie nicht nur Millionenstädte und -populationen auszulöschen vermögen, sondern darüber hinaus die Fähigkeit besitzen, ganze Weltteile Jahrtausende lang für Menschen unbewohnbar zu machen. Inzwischen gibt es keinen Ort auf dem Globus, der sich ihrem jederzeit möglichen Zugriff zu entziehen vermag. Thomas Hobbes schreckliche Vision von den Wölfen, die einander zerfleischen, wenn eine Regierung sie nicht daran hindert, ist heute grausige Realität – und wird es mit jedem Moment mehr, denn selbst Zwergstaaten wie Nordkorea und Israel besitzen die Endzeitwaffe, und immer mehr verfolgen heimlich oder eingestandenermaßen die Absicht, sie zu erwerben – in einer Welt der Wölfe kann sie auch niemand daran hindern.
Die Gefahr von Endzeitwaffen, die sich über immer mehr Staaten verbreiten, hängt wie das Schwert des Damokles über der Welt – es kann auch jederzeit vernichtend auf sie niedersausen. Langfristig ebenso gefährlich ist aber eine vorerst noch schleichende Gefahr: der Übergang in die Unbewohnbarkeit des Planeten. Der Klimawandel ist allen bewusst, da man in Teilen der Welt bereits von Graden zwischen vierzig und fünfzig gebraten wird, aber solange das Wettrennen der Wölfe – sprich der Nationen – auf kurzzeitige Vorteile gerichtet bleibt, wird staatlich verordnete Dummheit diesen Wandel entweder kleinreden oder ihn einfach leugnen, um dadurch eine Politik zu ermöglichen, die dem eigenen Staat zumindest kurzfristig größere Vorteile in diesem Wettrennen verschafft.
Die Entwicklung der Waffen zu Instrumenten apokalyptischer Weltvernichtung, die Erfindung einer Kunstwelt aus künstlichen Produkten, welche die Natur mit gigantischen Mengen an Müll überschwemmt (CO2, Plastik, Pestizide und Zehntausende weiterer Giftstoffe) – all dies nützt den einzelnen Nationen im Wettbewerb mit ihren Nachbarn, droht aber den Globus als ganzen heillos zu überfordern und ihn schließlich zu zerstören. Die einzelnen Nationen stehen dieser Entwicklung ohnmächtig gegenüber. Kleinere Übel, wie etwa die Zerstörung der Ozonschicht, können sie zwar gemeinsam beseitigen, solange keiner von ihnen dadurch unaufholbare Nachteile entstehen. Aber die größten Übel wie etwa die Abschaffung existenzbedrohender Waffen sind auf diese Weise nicht aus der Welt zu schaffen, weil sie jeden, der den ersten Schritt auf dem Weg zu nuklearer Abrüstung vollzieht, heillos verwundbar machen. Hier kann nur Leviathan helfen oder der freiwillige Verzicht auf einen Teil der eigenen Souveränität, wie er Deutschland und Frankreich gelang, als sie den Grundstein für jenes Europa legten, das heute als Europäische Union firmiert. Aber das war nur der erste Schritt in Richtung auf jenen letzten, der für das Überleben der Menschheit inzwischen existenziell unverzichtbar ist. Das Quasigesetz der Vereinigung kleiner zu immer größeren Einheiten erhält im 21. Jahrhundert einen überlebenswichtigen Sinn – wie niemals zuvor in der menschlichen Geschichte. Es geht nicht mehr nur um das bloße Fortbestehen bestimmter Staaten oder Nationen. Heute geht es um das Fortbestehen der Menschheit schlechthin, denn dieses ist nur noch möglich, wenn die bestehenden Endzeitwaffen und die weltweite Zerstörung der Natur der Kontrolle durch eine globale Regierung unterliegen.
Diesen Gedanken braucht man jedoch nur in aller Deutlichkeit auszusprechen, um augenblicklich gewahr zu werden, dass der Sieg über die populistische Unvernunft durchaus nicht sicher ist. Deutschland und Frankreich hätten sich in dem neuen dreißigjährigen Krieg zwischen 1914 bis -45 auch gänzlich zerfleischen können – ihre bis dahin zentrale Weltgeltung hat sie dieser zweite große europäische Bürgerkrieg ohnehin gekostet. Die Aussicht, dass Russland, China und die USA den nächsten großen Weltbürgerkrieg beginnen, ist keineswegs von der Hand zu weisen, und es ist durchaus fraglich, ob es davor zu einem Sieg über die populistische Unvernunft kommen wird. Denn um das populistische Aufpeitschen der Gefühle zu beenden, bedarf es leider meist der Erfahrung einer furchtbaren Katastrophe. Diese historische Einsicht spricht man nur sehr ungern aus, man sollte sie aber trotzdem als eine Warnung der populistischen Unvernunft immer entgegenhalten!
[1] Von der faszinierenden Vielfalt, die so oft der Grund dafür war, warum sich gerade einige der hervorragendsten Geistesgrößen mit fremden Kulturen beschäfigten (man denke nur an Goethe, dem das Fremde ein geistiges Elixir bedeutete), von diesem Verlust an Vielfalt ist in diesem Essay nicht die Rede. Wir leben jetzt schon in einer Zeit, wo die allgemeine Technologisierung alle früheren kulturen Unterschiede verwischt. Sie bleiben uns nur noch museal erhalten. Größere weltweite Uniformität ist der Preis, den wir für die weiter unten beschriebene Tendenz zu immer größeren Einheiten zwangsläufig bezahlen.
[2] Hobbes in „De Cive“: quod bellum omnium contra omnes sit, … et malo quam dixi, Homo homini Lupus.«»dass ein Krieg aller gegen alle herrscht, … und aufgrund des von mir genannten Übels ist der Mensch dem Menschen ein Wolf.«)
[3] Es sollte auch hervorgehoben werden, dass absolute Freiheit ein rein theoretisches Konstrukt ist – wie der Begriff des Unendlichen. Wir wissen zum Beispiel, dass es eine unüberschaubare Zahl von historischen Sprachen gibt und können daraus schließen, dass die Zahl möglicher Sprachen unendlich ist, aber diese Unendlichkeit – und die dadurch mögliche unendliche Freiheit – bleibt ein leerer Begriff.
[4] Das gilt eben auch, wenn bestimmte religiöse Glaubensvorstellungen oder -vorschriften zum Sockel der verbindlichen Gemeinsamkeiten gehören. Verschiedene Religionen kommen mit ihren Vorschriften auf engem Raum nur dann miteinander aus, wenn man sie als Privatsache betrachtet, die man befolgen und glauben kann aber nicht muss. Der Sockel der Verbindlichkeiten in einer Gesellschaft besteht aber aus Vorschriften, über die niemand sich ungestraft hinwegsetzen kann – die also gerade keine Privatsache sind.
[5] Aber ist die Zone wirklich schmal? Im Hinblick auf den Grundsockel aller sozialen Gemeinsamkeit, die Sprache, könnte es so scheinen. Wenn jemand eigene Worte oder eine eigene Grammatik verwendet, wird er nicht verstanden. Andererseits kann er sich je nach seinem Beruf in verschiedenen Teilsprachen bewegen und mit neuen Berufen kommen neue Begriffe auf. Die Sprache ist zwar weitgehend festgelegt, aber sie ist immer auch in Bewegung und in Erneuerung – und diese wird von Einzelnen bewirkt und weitergetragen. Fasst man aber ins Auge, dass jeder die vorhandenen Elemente – Wörter und Sätze – auf unendliche Art und Weise zu nie gehörten Geschichten, Mythen, Erzählungen, Romanen neu kombinieren und in diesem Prozess ganz neue Welt aus denselben Elementen hervorzaubern kann, so ist der persönlichen Freiheit, obwohl sie einen Sockel des Unveränderlichen zu ihrer Voraussetzung hat, in Wahrheit das weiteste Feld geöffnet.das weiteste Feld geöffnet.