Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?

Die Frage ist umstritten und scheint doch eine schnelle Antwort zu gewähren: Bei oberflächlicher Betrachtung ist der Mensch das aus der Geschichte lernende Wesen schlechthin. Wer sich die Finger am Feuer verbrennt, hält sie gewiss nicht zum zweiten Mal in eine Flamme. Wer den Samen aufgehen sieht, nachdem er ihn in die Erde säte, hat die Grundzüge der neolithischen Revolution begriffen und damit den Grundstein für jenen gewaltigen Bau des kumulativen Wissens gelegt, der nur in einer Gesellschaft des Lernens entstehen konnte, wo sich das begrenzte Wissen einzelner Individuen zu kollektivem Wissen in Raum und Zeit addiert. Nur aus Erfahrung wird der Mensch klug; die Geschichte, aus der er Erfahrung schöpft, bildet die Grundlage aller Erkenntnis und allen Fortschritts.

Lernen verweigert!

Andererseits ist es ein Faktum, dass in einigen Ländern des Westens die meisten Ehen im Schnitt nicht länger als drei oder vier Jahre währen und dass es um die Liebe überhaupt schlecht bestellt ist – trotzdem beginnt jede Generation von neuem Beziehungen einzugehen und Heiraten sind nach wie vor beliebt, auch wenn sie sich immer mehr in Richtung der seriellen Monogamie entwickeln. Es ist ein weiteres Faktum, dass selbst in Staaten, wo Kriege den Menschen ein Schicksal in Not und Elend verheißen, Frauen weiterhin Kinder gebären. Und es gehört zu den unbestreitbaren Fakten, dass der Mensch durch übermäßige Nutzung der natürlichen Ressourcen ganze Landstriche in Wüsten verwandelt hat oder sie durch Versalzung für die Landwirtschaft unbrauchbar machte. Dennoch scheint er entschlossen, auch in diesem Punkt nichts aus der Geschichte zu lernen, denn heute betrifft der ökologische Raubbau an der Natur zur gleichen Zeit das nutzbare Land, die überfischten Meere und eine durch CO2 überlastete Atmosphäre. Müssen wir da noch die schlimmste unserer Resistenzen gegen das Lernen erwähnen, die Tatsache nämlich, dass sämtliche Staaten, die es sich leisten können (und viele andere mehr, die es sich nicht einmal leisten können) ihr Arsenal an Waffen beständig erweitern, und zwar vorzugsweise um solche der Massenvernichtung, obwohl wir aus der Geschichte wissen, dass Waffen nie gehortet, sondern zwangsläufig irgendwann auch eingesetzt wurden – schon deswegen, weil die sie produzierenden Industrien sonst bankrott gehen und ihre Kapitalgeber keinen Gewinn machen würden? Selbst die apokalyptische Drohung mit Atom- und Nuklearsprengköpfen, also mit Waffen der ultimativen Ausrottung der gesamten menschlichen Spezies, hat nichts daran zu ändern vermocht, dass Menschen aus der Geschichte nichts lernen wollen.

Der Riss zwischen Homo und sapiens

Spätestens an dieser Stelle sollte jeder begreifen, dass der Mensch von Natur aus ein gespaltenes, schizophrenes Wesen ist, ebenso fähig, sein kollektives Wissen durch Erfahrung ins Unendliche auszuweiten, wie gleichzeitig dazu imstande, alle Erfahrung, mag diese noch so eindeutig sein, völlig zu ignorieren, falls sie in Konflikt mit seinen unmittelbaren Bedürfnissen steht.

Das hat sogar einen biologisch gewollten Sinn. Jede neue Generation erobert sich eine neue Welt, die für sie die erste und einzige ist, weil sie nur diese aus eigener Anschauung kennt. Mögen die Alten ihr ein Leben ohne Rente und feste Arbeitsplätze bescheren – das ist ihre Welt, da wird sie hineingeboren, um für sich daraus das Beste zu machen. Mögen die Alten ihr eine zerstörte Natur hinterlassen, allen Lebens so bar wie die Sandwüsten der heißesten oder die Eiswüsten der kältesten Regionen, dann wird sie eben Sand- oder Eisformationen besingen wie die Inuits oder Tuaregs. Es ist ein biologisch angelegter Mechanismus der Wirklichkeits-Anverwandlung, der junge Menschen jeder neuen Generation befähigt, Geschichte gleichmütig oder auch brachial zur Seite zu schieben, um in ihrer je eigenen Welt Fuß zu fassen – ein Mechanismus, der, wie wir wissen, durchaus imstande ist, die größten kreativen Kräfte hervorzurufen. Nach der wohl verheerendsten Epoche der europäischen Geschichte, der schwarzen Pest um die Mitte des 14. Jahrhunderts, kam einer der lichtesten Momente unserer Geschichte: die Renaissance. Morgenröte folgte unmittelbar auf äußerstes Elend und tiefste Nacht.

„Wir schaffen es“ – die Kraft, das Wirkliche dem eigenen Wollen zu unterwerfen und neue Geschichte zu schreiben, stößt freilich an Grenzen. In der Schlacht von „Wounded Knee“ glaubten die Sioux, den Kugeln der Weißen zu trotzen: Sie wähnten sich durch ihre Geistertanzhemden magisch geschützt. 1945 glaubten nicht wenige Samurai, mit Schwertern und unbeugsamer Willenskraft die Bomben der Amerikaner zu überwinden. Immer wieder verfielen Menschen dem Wahn, ihrem Wollen die Macht zuzuschreiben, selbst die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. „Wir schaffen es“, diese Parole wird dann zu einem wirklichkeitsfremden Zweckoptimismus, der ebenso oft an den Gesetzen der Natur wie an denen der menschlichen Psyche scheitert.

Wenn individuelle Rationalität kollektive Unvernunft bedeutet

Nicht nur vom Menschen selbst hängt es ab, wie er sich zur Erfahrung verhält, weit häufiger diktiert ihm die Letztere selbst sein Verhalten, weil er je nach der eigenen Lebenssituation ganz unterschiedliche Erfahrungen macht. So ist es zu erklären, dass ich im Sinne meiner je eigenen Geschichte völlig rational handeln kann und dennoch – und oft ohne es zu beabsichtigen – den größten Schaden für andere bewirke.

Das klassische Beispiel ist die Bevölkerungsproblematik. Ein indischer, anatolischer, marokkanischer, … Bauer handelt im Sinne seines privaten Wohlergehens ganz rational, wenn er möglichst viele (männliche) Kinder zur Welt kommen lässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines von ihnen in der Stadt gut verdienen und ihn im Alter erhalten wird, steigt mit jedem weiteren Familienmitglied. Dagegen gehört die Einsicht, dass er dadurch sein Land zu ewiger Armut verdammt, sollten alle so handeln wie er, nicht zu seiner unmittelbaren Erfahrung; selbst ein abstraktes, angelesenes Wissen von solchen Zusammenhängen wird ihn nicht davon abhalten können, seinem persönlichen Vorteil zu folgen.

Ein nicht weniger klassisches Beispiel ist die Kinderarmut im Rom der Kaiserzeit und in den heutigen Staaten des Westens. Wer in Rom zu den begüterten Schichten zählte, ließ sein Vermögen lieber durch gut ausgebildete Sklaven verwalten als dass er sich auf das Wohlwollen des eigenen Nachwuchses verließ. Sklaven gehorchten seinen Wünschen aufs Wort – wenn es sein musste, konnte er sie jederzeit durch bessere Fachkräfte ersetzen. Dagegen verursachten eigene Kinder nicht nur gewaltige Ausgaben, er musste zudem damit rechnen, dass sie sein Vermögen später verjubeln und ihm nichts als Ärger bescheren würden, den er dann ohnmächtig schlucken musste.

In unserer Zeit hat das staatliche Rentensystem die gleiche Wirkung erzielt: Sie hat den einzelnen Bürger unabhängig von der Versorgung durch die eigene Nachkommenschaft gemacht. Kein Wunder, dass es einer zunehmenden Zahl von Bürgern daher sinnvoller erscheint, als Single für einen materiell abgesicherten Lebensabend zu sorgen, als unter großen finanziellen Opfern eigene Kinder großzuziehen, die sie zum Dank für ihre Mühen später ins Altenheim transferieren.

Die Zeugungsbereitschaft indischer Bauern auf der einen und die Zeugungsverweigerung in den Staaten des Westens auf der anderen Seite sind streng symmetrisch. In beiden Fällen handeln die Individuen vom eigenen Standpunkt aus strikt rational, indem sie genau jenen Teil der Erfahrung berücksichtigen, der sie selbst und ihren materiellen Vorteil unmittelbar betrifft. Dagegen blenden sie jenen anderen Teil völlig aus, der die Gemeinschaft als ganze angeht: Diese schädigen sie durch ihr Verhalten. Das sind zwei Varianten der selektiven Vernunft, also der Unfähigkeit oder des Unwillens, aus der Geschichte zu lernen. Die eine bedroht den Globus mit einer Menschenschwemme von über sieben Milliarden, die zweite bedroht die Staaten Europas mit dem Aussterben ihrer Bevölkerungen (wobei freilich anzumerken ist, dass angesichts der Bevölkerungsexplosion die Kinderarmut westlicher Staaten das beste Rezept für den Globus wäre – allerdings nur, wenn es die ganze übrige Welt auch übernehmen würde).

Die Fallstricke der selektiven Vernunft

Selektive Erfahrung führt zu selektiver Vernunft – darin sehe ich das eigentliche Problem unserer Zeit, das sich in umfassender Weise auf allen Ebenen manifestiert. Das individuelle Auto erhöht die Mobilität jedes einzelnen Bürgers und damit seinen Lebensstandard, während es einen wachsenden Schaden für die Bevölkerung als ganze und für den Globus als ganzen bewirkt: verstopfte und verstunkene Städte, rasant fortschreitender Landschaftsverbrauch, Erschöpfung der Ressourcen, Bedrohung durch den Klimawandel.

Nicht einmal selektive Erfahrung muss in diesem Fall verantwortlich sein. Vermutlich sind sich die meisten Menschen der Industriestaaten der Folgen ihres Handelns durchaus bewusst – sie werden ja täglich darüber von den Medien unterrichtet. Doch kollektive Erfahrung bewirkt kein Lernen, wenn es in Konflikt mit den unmittelbaren Bedürfnissen steht. Der Verzicht auf das Auto würde ja nur dem Verzichtenden selbst Nachteile bringen, ohne dass die allgemeine Bedrohung dadurch vermindert wird – solange die Mehrheit nicht folgt, bleibt alles beim alten.

Das Leerfischen der Meere, die zunehmende Ersetzung der teureren heimischen Waren durch asiatische Billigprodukte, vor allem aber das uneingeschränkte Wachstum der Wirtschaft – all dies folgt dem Muster der selektiven Vernunft, die dem einzelnen nützt und dem Ganzen schadet. Ausreichendes Wissen ist durchaus vorhanden, aber es wird missachtet. Nur eine übergeordnete Instanz, die zum Wohle aller die selektive Vernunft genau da begrenzt, wo sie dieses Wohl heillos schädigt, vermag eine solche Entwicklung aufzuhalten.

Wettrüsten – ein Triumph der selektiven Vernunft

Diese übergeordnete Instanz, diese sichtbare Hand, welche die in all den genannten Fällen unsichtbare Hand des Adam Smith ersetzt, war und ist in jedem einzelnen Land der heute so oft und so gerne geschmähte Staat – nur er vermag im Sinne des Allgemeinwohls die selektive Vernunft der Einzelnen zu begrenzen. In dem grünen Weltraumschiff, auf dem wir, zu sieben Milliarden dicht aneinandergepresst, auf Gedeih und Verderb unserem kollektiven Schicksal entgegensehen, reicht der Einzelstaat jedoch längst nicht mehr aus. An der Rationalität der selektiven Vernunft einzelner Staaten droht die Menschheit als ganze zu scheitern. Zweifellos das erschreckendste Beispiel für den Unwillen aus der Geschichte zu lernen stellt das weltweite Wettrüsten dar.

Oder wird irgendjemand in Abrede stellen, dass jede Anhäufung von Waffen regelmäßig dazu führte, dass der Mensch diese Waffen schließlich zur Ermordung von Seinesgleichen gebraucht? Ein friedlicher Umgang mit Mordinstrumenten ist aus der bisherigen Geschichte schlechterdings nicht bekannt. Dennoch werden Waffen immer erneut und sogar in immer größeren Mengen und mit immer stärkerer Vernichtungskraft produziert. Überall auf der Welt, sei es im Westen, in China oder in Russland sind sich die Menschen einschließlich der sie lenkenden politischen Kaste der drohenden Gefahr eines Wettlaufs in Richtung Apokalypse durchaus bewusst. Aber es ergeht ihnen nicht anders als jedem von uns in der Rolle des Autofahrers. Der Verzicht auf die eigenen Bomben führt nur zu eigener Unterlegenheit und damit zu einem massiven eigenen Nachteil, solange nicht alle anderen dem Beispiel folgen – aus diesem Grunde verzichtet niemand, obwohl die Lehren aus der Geschichte gerade hier von unüberbietbarer Eindeutigkeit sind.

Ich vermag nicht zu erkennen, wie irgendwelche religiösen, psychologischen, sozialen oder sonstigen Forschungsergebnisse bzw. Erweckungserlebnisse die primitive Mechanik der selektiven Vernunft und damit auch den apokalyptischen Wettlauf beenden könnten. Eine wirkliche Änderung kann nur von einer Instanz ausgehen, welche dem Einzelwollen der Staaten Zügel anzulegen vermag. Immanuel Kant und Albert Einstein haben die Notwendigkeit einer solchen Instanz vorausgesehen (siehe Der kommende Weltstaat).

6 Kommentare zu „Ja oder nein – lernt der Mensch aus der Geschichte?“

  1. Es gibt einen fliessenden Übergang vom Anfang zum offenen Ende. Gut und Böse hinderte nicht bei der Entwicklung, und es wird die Entwicklung geben, dass ein Böse sich mit Gut vermischt und durch die Lehre, auch durch Anhaltspunkte der Geschichte eine Etwicklung unterstützen. Geschichte gibt groben Aufschluss auf die Weiterentwicklung des Lebens. In der Schule ist es als Offenlegung, Möglichkeitsgebung zum einzelnen als entwicklungsfördernde Entscheidungshilfe des einzelnen Lebewesens anerkannt. Interessenbildung. Wichtige Grundlage der Politischen Forschung.

  2. Von Dr. Martin Böttger erhielt ich per Mail folgende Stellungnahme:

    Sehr geehrter Herr Jenner,
    vielen Dank für Ihren Essay.
    Kleine Anmerkung dazu: Merkels Satz „Wir schaffen das“ ist kein wirklichkeitsfremder Zweckoptimismus, sondern ein Imperativ. Das „Wir“ in diesem Satz muss dann allerdings nicht nur die Deutschen, sondern alle Europäer umfassen.
    Beste Grüße

    Dr. Martin Böttger

  3. Helmut Creutz schrieb per Mail folgenden Kommentar:

    Lieber Gero,

    Dank für diesen wichtigen Beitrag, auch wenn ich Dir dazu nur gratulieren kann! –

    Herzlich aus Aachen, Helmut

  4. Von Hans-Ulrich Oberländer bekam ich per Mail folgende Zuschrift:

    Sehr geehrter Herr Jenner,

    Ihr jüngster Essay „…lernt der Mensch aus der Geschichte?“ ist mir Anlass, nach dem Schreiben vom 22.8.16 zu Multikulti mit Vorschlag Asylregelung und Ihrer Vertröstung tags darauf, Sie nochmals um Ihre – durchaus skeptisch ausfallen könnende – Kritik zu bitten.

    In Ihrem Beitrag stellten Sie ja die „Durchaus-Lernfähigkeit“ der Menschheit heraus. Sonst hätten wir es ja nicht so weit gebracht. Inzwischen leider in einen Zustand, der die Zukunft als Ganzes in Frage stellt. Glauben Sie Hölderlin: Mit der Gefahr wächst das Rettende auch ? Wenn auch der Mensch mit Spiegelneuronen – solidarisches Verhalten aus Mitgefühl vermittelnd – ausgestattet ist, muss gegenwärtig eine Art Krankheitszustand beobachtet werden: Der Triumphzug des „strukturellen Bösen“ wird durch „herangezüchtete“ egomane Hedonisten nicht nur nicht aufgehalten, sondern unterstützt. So ließe sich m.E. der dekadende Zustand unserer Gesellschaft, strotzend von zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten, verkürzt deuten. Aktuelle Auswirkung: Überbordende Flüchtlingsströme.

    Womit wir beim Thema wären: Bereits das letzte Mal sendete ich Ihnen den Text zu einem Asylregelungsvorschlag mit neuem Paradigmenansatz. Inzwischen schloss ich einen überarbeiteten Entwurf ab. Spontane Idee: Sie mit Ihren profunden Gesellschaftskenntnissen möchte ich als erstem „von außerhalb“ – außer Mitgliedern unseres Vereins – um eine kritische Bewertung nach „Querlesen“ bitten. Wie Sie Pkt. 3/Diskussion entnehmen können, streben wir zunächst einen breiten Diskurs als Dialog an.

    Auf eine beurteilende Reaktion hofft und grüßt H. Oberländer

    Dipl.-Ing. Hans-Ulrich Oberländer
    Geschäftsführer Zukunftsenergien Consult

    Meine Replik:

    Sehr geehrter Herr Oberländer,

    in Ihrem Text zur Migration lassen Sie deren wichtigste Ursache leider ganz außer Betracht: die Übervölkerung in den Auswanderungsländern. Der Krieg im Nahen Osten hängt wie Steiger und Heinsohn in „Weltmacht und Söhne“ zeigten, wesentlich mit der Übervölkerung dieser Gebiete zusammen. Ein Gutteil der Probleme, die uns gegenwärtig bedrängen, wäre nur halb so akut, wenn die Weltbevölkerung, sagen wir, nur halb so groß wäre, wie sie es tatsächlich ist. Die westlichen Länder haben stabile Bevölkerungen oder schrumpfen – das vermindert die Probleme.
    Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, dass die Länder mit hohem Bevölkerungsdruck diese sinnvolle Entwicklung dadurch konterkarieren, dass sie ihre Bevölkerungsmassen bei uns einströmen lassen?

    Mit freundlichen Grüßen

    Gero Jenner

    Und die neuerliche Antwort von Herrn Oberländer:

    Sehr geehrter Herr Jenner,

    Sie haben ja so recht mit dem Bevölkerungsdruck in den Fluchtherkunftsländern. Sie führen dort zur quasi nicht mehr Regierbarkeit und sind die eigentliche Ursache für Verelendung, die Putsche, ethnologische Konflikte und Kriege befördern. Gegenwärtig sind die meisten Fluchtwilligen nicht in der Lage zu flüchten. Auch gilt es hemmende Barrieren zu überwinden – für Leute aus der Sahelzone die Wüste und Libyen, ehe man erst einmal ans Mittelmeer gelangt…

    Zugegeben, unsere Erstaufnahmeeinrichtungen würden überströmt – und es ist mehr als fraglich, ob man mit der Errichtung der skizzierten Camps mit den benötigten Kapazitäten „hinterherkommt“. Zum Tragen käme unser Konzept, nachdem sich durch Seuchen wie Ebola oder AIDS eine drastisch neue Situation ergeben würde.

    Eine zweite Hoffnung besteht darin, dass Menschen selten immer rational handeln, wie der jüngst verstorbene NationalÖkonom Reinhard Selten (DZ/Wirtschaft von gestern) befand.

    Danke für Ihre prompte Reaktion – wir kämpfen weiter, aber gewaltfrei argumentativ.

    Herzlichst, H. Oberländer

  5. Von Gottfried Jochum kam per Mail nachstehender Kommentar:

    Lieber Herr Jenner,

    Vielen herzlichen Dank für Ihren Essay über das Ergebnis unserer selektiven Vernunft. Diese vergibt einen unentbehrlichen Teil der größeren Wahrheit für eine kleinere und näher liegende: Das Hemd ist uns näher als der Rock. Kaum Forschungsergebnisse, um diese primitive Mechanik außer Kraft zu setzen. Auch keine Erweckungserlebnisse?

    Schon die Genesis plagte sich mit der Erklärung der von Ihnen treffend so genannten Schizophrenie des Menschen, der ein zwiespältiges Wesen geblieben ist, mehr triebhaft als vernünftig. Der Mythos von der „Erbsünde“ wäre nicht so abwegig, wenn man eine Weitergabe erworbener Möglichkeiten (etwa Konditionierungen im Hirn) nicht total ausschließen möchte. Jedenfalls erbt man immer auch sein Milieu, das mehr oder weniger prägt.

    Aber entscheiden immer nur Ursachen, ob hier Fortschritte zu erhoffen sind? Und ist eine wirksame Änderung nur von einer (Zwangs-)Instanz vorstellbar, die dem Egoismus der Staaten Zügel anzulegen vermag? Die Antwort wird davon abhängen, wie der Mensch „tickt“, wonach er am meisten strebt oder wieviel Freiheit er dabei allenfalls haben könnte.

    Meine Beobachtung und Hypothese: Wir sind sehr eingeschränkt durch unsere Bedingungen, aber ausgestattet mit einem Stück Freiheit, zu ihnen Stellung zu nehmen (Viktor Frankl). Sowohl der Einzelne, als auch die Staatsmänner können und tun es; eher selten zum Zwecke des allgemeinen Wohles, wie die Geschichte lehrt. So ist der Zustand unserer condition humaine. Dass eine übergeordnete Instanz im Sinne Kants oder Einsteins sich noch rasch genug etablieren lässt, halte ich für unwahrscheinlich.

    Kann man Geschichte aber nicht auch sehen als eine Abfolge von Unwahrscheinlichem, Wundern, wenn Sie so wollen? Es gab sie bei physikalischen und biologischen Ereignissen, ebenso aber im Kopf von Menschen, nicht in Form von Halluzinationen, sondern von Ideen und Entschlüssen. Positive Beispiele: Jesus von Nazareth, Gandhi, Mandela, Sadat, Rabin, Gorbatschow u.dgl. Insgesamt viel zu selten, das ist das Problem.

    Moses soll Gott zwar auf zehn Gerechte hinunter gehandelt haben, und jede große Bewegung hat als Minderheitenprogramm begonnen. Insofern kann man auch Hoffnung gegen jede Wahrscheinlichkeit wohl nicht als schlichtweg irrational ansehen. Gegenüber unserem Wirklichkeitssinn ist der Möglichkeitssinn leider noch unterentwickelt.

    Mir kommt vor, es brauche eine Religion, um Hoffnung gegen alle Hoffnung aufrecht zu erhalten und sie damit zu begründen, dass das Universum und ein Schöpfer uns wohlgesinnt und hilfreich sind. Es liegt dann an uns, von dieser Hilfe Gebrauch zu machen. Eine altmodische Vorstellung, ich weiß. Aber eine modernere, die zugleich plausibler wie attraktiver ist, vermag ich nirgends auszumachen. Vielleicht Wunschdenken, ein deus ex machina? Das kann sehr gut sein. Wissen Sie aber etwas Hilfreicheres, um unser Leben mit Zuversicht weiter führen zu können?

    Mit freundlichen Grüßen
    Gottfried Jochum

    Leider vermisse ich hier wieder meine Replik. Auf diese folgte dann aber noch eine Antwort von Herr Jochum:

    Lieber Herr Jenner,

    Ich dachte, Sie sitzen irgendwo in Norddeutschland und bin sehr erfreut, dass Sie offenbar im Äpfelzentrum der schönen Steiermark zu finden sind. Danke für die Einladung, wenn ich es gesundheitlich mit 86 noch schaffe,
    komme ich gern einmal auf einer Durchreise vorbei, zumal wir sehr ähnliche Interessensgebiete zu haben scheinen: Wirtschaftsordnung, Geldwesen und Gesellschaft; Philosophie, Menschenbild und Transzendenzfragen.
    Seit einem Jahr habe auch ich mir eine Website zugelegt: http://www.dr-jochum.at, mit einem Struwwelpeter-Logo. Da schreibe ich wöchentlich zwar keine Essays, aber Reime zu derartigen Themen, ein bisschen schräg, aber kurz. Ihre Beiträge taugen mir sehr, daher werde ich mir auch noch das eine oder andere Ihrer Bücher zulegen und lesen.

    Herzliche Grüße
    Gottfried Jochum

  6. Von Radio Morgenland stammt folgender Kommentar:

    E-Mail: wir@radio-morgenland.com

    Sehr geehrte Herren,

    mit Sicherheit ist die Bevölkerungsentwicklung in den östlichen Ländern kein zu verachtender Faktor bei der Betrachtung der Fluchtursachen, doch ebenso verdeutlicht die momentane Situation dass der Westen sich seiner Verantwortung nicht entziehen kann, auch wenn das westliche Individuum Mittels seiner selektiven Vernunft versucht sich dieser Verantwortung zu entziehen oder mit Hilfekonstrukten die tatsächlichen Ursachen einzumauern.
    Das Maß an geistigem oder materiellem Reichtum entscheidet seit jeher über das Maß der Verantwortung und heute sollte jeder in der Lage sein, diesen natürlichen Mechanismus zu erkennen, der bereits im Genesis der Bibel eindeutig beschrieben wird.
    Daher spielt aus unserer Sicht in dieser Hinsicht die selektive Vernunft auch eine untergeordnete Rolle, denn der Ausgang der Entwicklung, wenn wir uns der Verantwortung versuchen zu entziehen, wird immer derselbe bleiben, unabhängig von den kurzsichtigen Perspektiven des Individuums.

    Die gesellschaftliche Entwicklung des Westens, insbesondere die Individualisierung, ist so weit fortgeschritten, dass mehr und mehr aufgeklärte Menschen begreifen, was nötig ist, um den Zusammenbruch der westlichen Welt zu verhindern.

    Ein Schritt besteht darin den jämmerlichen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religionen zu überwinden. Die Widersprüche sind seit jeher haltlos und objektiv betrachtet, begründen Widersprüche lediglich Machtansprüche einzelner Individuen und schaffen deren Existenzgrundlagen. Polemisch überspitzt: Rum oder Reichtum für den Klügsten.

    Ein weiterer Schritt besteht darin, der Tradition wieder ein angemessenen Platz in der Kultur einzuräumen. Denn wer erkennt, dass es sowohl in der Religion als auch in der Wissenschaft keine tatsächlichen Widersprüche gibt sondern nur vielseitige Perspektiven auf die selbe Sache und diese Perspektiven das Resultat von geschichtlichen Entwicklungs- und Transformationsprozessen sind, wird erkennen dass der größte Fehler nun mal darin besteht Perspektiven zu verwerfen. Auch wenn Fehler die entscheidenden Impulse und Momente der geschichtlichen Entwicklungs- und Transformationsprozesse geliefert haben, kann sich die Menschheit diesen groben Fehler angesichts der anstehenden Herausforderungen nicht mehr leisten. Wer also seine Vernunft wahrhaftig nutzen möchte, sollte damit beginnen den „Alten Geschichten“ aufmerksam sein Gehör zu schenken.

    Der bedeutendste Schritt besteht jedoch darin, den Menschen eine Leitfigur zu geben. Da die Vergangenheit gelehrt hat, das ein einzelner Mensch nicht in der Lage ist, solch einer Verantwortung gerecht zu werden, und erst recht nicht, wenn ein Personifizierung erfolgt, brauch es einen Avatar der die personifizierte menschliche Leitfigur ersetzt, und sich aus dem Geist aufgeklärter Menschen speist.

    Im selben Moment sollte jedoch jedem aufgeklärten Geist klar sein, dass die Aufhebung der Widersprüche für diejenigen, die Mittels der Widersprüche Ihre Macht etabliert haben, versuchen werden diesen Avatar zu zerstören.

    Mit besten Grüßen aus dem Morgenland!

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