(auch erschienen in: Zeitschrift "Humane Wirtschaft" 6/2016, fbkfinanzwirtschaft und "scharf-links")
Jean-Jacques Rousseau beantwortete eine Preisfrage der Akademie von Dijon mit der unerwarteten These, die Zivilisation bilde in Wahrheit den Anfang aller sozialen Übel. Wenn Fabian Scheidler in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“ die Rolle des Geldes beleuchtet, dann schlägt er in die gleiche Kerbe. Mit der Einführung der Geldwirtschaft, welche dem Staat ein regelmäßiges Steueraufkommen gewährte, hätte schon die erste organisierte Marktwirtschaft der Geschichte, das klassische Griechenland, den Menschen die Freiheit genommen. Sie seien gezwungen worden, für den Markt zu produzieren, um sich das nötige Geld zu verschaffen, von dem sie dann den ihnen auferlegten Teil an Steuern an den Staat abgeben mussten.
Voltaires Spott über die Freiheit der Wilden
Rousseau lebte in einem Jahrhundert, dem achtzehnten, das sich der ganzen Menschheitsgeschichte unendlich überlegen dünkte und sich selbst als Siècle des Lumières (als Zeitalter der Aufklärung) verstand. Es war nicht das erste Mal, dass ein Denker der eigenen Zeit den Fehdehandschuh entgegenhält, indem er eine Meinung vertritt, die der zu seiner Zeit vorherrschenden diametral widerspricht. Kein Geringerer als Voltaire machte dem Genfer Philosophen denn auch den spöttischen Vorwurf, er würde die Menschheit wohl am liebsten erneut auf allen Vieren kriechen sehen. Den gleichen Vorwurf darf man gegen Fabian Scheidler erheben. Geld ist ein ganz besonderer Stoff, kostbar, wenn er aus unvergänglichem Gold besteht, ein bedrucktes Nichts, wenn man es aus Papier erzeugt. Dass es aber in der Geschichte menschlicher Zivilisation eine zentrale und im Großen und Ganzen auch unverzichtbare Rolle spielte, steht außer Zweifel: Erst Geld schweißte Gesellschaften zusammen, sorgte dafür, dass nach der neolithischen Revolution mit ihrer Erfindung der Landwirtschaft der Mensch weiterhin als soziales Wesen in großen Staaten zu überdauern vermochte.
Landwirtschaft hätte die Menschen atomisieren können
Unter Jägern und Sammlern, welche die Erde immerhin einige Hunderttausend Jahre besiedelten, wäre Geld ein überflüssiger Luxus gewesen. Der soziale Zusammenhang wurde unter ihnen auf gleich elementare Art wie in einem Rudel Löwen gestiftet, nämlich durch die gemeinsame Jagd, wo jeder sich auf den anderen fraglos verlassen musste – um des eigenen Überlebens willen. Dieser Zusammenhalt war aber außer Kraft gesetzt, sobald Bauern – jeder für sich – die eigene Parzelle bewirtschafteten. In einer Subsistenzwirtschaft, wie sie überall auf der Welt ursprünglich bestand, hätte die Einzelfamilie ihr Dasein theoretisch in völliger Isolation von allen übrigen fristen können. Das wäre dann eine Art Freiheit gewesen, deren Preis in geistiger Verkümmerung und einer Absage an jeglichen zivilisatorischen Fortschritt bestanden hätte: Voltaire hatte Recht mit seinem Spott über diese Art von Wilden-Freiheit.
Von Geld, Tausch und Spezialisierung zur Explosion des kollektiven Wissens
In Wahrheit hat die Erfindung des Geldes einschließlich des staatlichen Zwangs, zum Wohl des Ganzen einen Teil des eigenen Wirtschaftsertrags an die Repräsentanten dieses Ganzen (des Stammes, des Staates etc.) abzutreten, die menschliche Gesellschaft aus potentieller Atomisierung erlöst. Nach der Erfindung der Landwirtschaft war es mehrere Jahrhunderte danach die Erfindung von Geld, welches den sozialen Verkehr belebte und schließlich erzwang. Das Geld führte zum institutionalisierten Tausch beliebiger Güter in beliebigen Mengen zwischen beliebigen Personen; der Tausch führte seinerseits zur Spezialisierung bei der Herstellung bestimmter Güter; die Spezialisierung aber bildete dann das Fundament, auf dem der Riesenbau kollektiven Wissens und Könnens zivilisierter Gesellschaften aufgebaut worden ist.
Es ist schon richtig: Der einzelne Mensch in den sogenannten „primitiven Gesellschaften“ war nicht selten höher gebildet als der durchschnittliche Angehörige moderner Industrienationen. Da der Grad der Spezialisierung in Stammesgesellschaften aber vergleichsweise minimal war, verfügten alle Mitglieder desselben Stamms in etwa über die gleiche Bildung: Der kollektive Wissensumfang der ganzen Gemeinschaft war nur unwesentlich größer als das Wissen des klügsten Menschen in ihrer Mitte. Dagegen ist das kollektive Wissen einer modernen Gesellschaft unendlich viel größer als selbst das eines Genie oder uomo universale. Beide sind in unserer Zeit Unwissende, denn so gewaltig ist das Erbe kollektiven Wissens inzwischen angewachsen, dass jeder einzelne davon nur einen verschwindenden Bruchteil beherrscht. Diese exponentielle Steigerung des Gesamtwissens einer Gesellschaft wurde durch das Geld über den Tausch und die darauf beruhende Spezialisierung bewirkt.
Die Dialektik des Geldes
Damit aber ist auch schon die Dialektik jenes Fortschritts angesprochen, den das Geld in Bewegung setzte. Einerseits hat es den Einzelnen aus der vorsozialen Einsamkeit des Substanzwirtschaftens erlöst – der Tausch band die durch den Handel verbundenen Menschen in direktem Verkehr aneinander -, andererseits hat es durch fortschreitende Spezialisierung eine neue Einsamkeit und Atomisierung geschaffen, und zwar besonders in unserer Zeit, wo der Tausch sich zunehmend ins Internet verlagert. Die Tauschenden sehen und kennen einander nicht mehr. Geld fließt zwar in breiten Strömen zwischen ihnen, es setzt einen gewaltigen Warenverkehr in Bewegung, aber dieser Tausch führt zu keinen Begegnungen, stiftet keine Beziehungen. Die vollkommen atomisierte Gesellschaft, deren Entstehung vor der Erfindung des Geldes immerhin möglich gewesen wäre, erlebt am Ende durch seine Erfindung eine traurige Neugeburt in der Ära des Internets. Im Prinzip kann jeder vom eigenen Computer alle Bedürfnisse befriedigen und dabei in völliger Isolation von seinen Mitmenschen leben. Eine bis ins Extrem getriebene Spezialisierung verstärkt diesen Trend: Wir sind in Gesellschaften zuhause, wo der Zyklotron-Spezialist, die Billa-Verkäuferin, der App-Programmierer, die Börsenmaklerin und der Handyfabrikant einander nichts mehr zu sagen haben, selbst wenn sie dieselbe Sprache reden.
Kein Verlust, sondern Gewinn: die ungeheure Wende, welche das Geld bewirkte
Erfindungen entwickeln eine eigene Dynamik – das gilt in besonders hohem Maße auch und gerade für eine der einflussreichsten: die Erfindung des Geldes. Es diente ja nicht nur dem Tausch, sondern wurde schon früh als bequemes Mittel zur Wertaufbewahrung genutzt. Natürlich wurde auch schon vor der Einführung von Geld gespeichert und gehortet. Zwar nicht bei den jagenden und sammelnden Nomaden, denn Beeren und Fleisch, ihr tägliches Nahrungsmittel, ließ sich damals nicht aufbewahren, wohl aber das Getreide, von dem die sesshaften Bauern lebten. Diese mussten es sogar konservieren, da die ein- oder zweimalige Ernte ja für das ganze Jahr reichen sollte. Speicherung lief jedoch stets auf mehr oder weniger große Verluste hinaus. Teilweise wurden die Vorräte von Ratten gefressen, teilweise gab man sie einem anderen zur Aufbewahrung, musste dessen Dienste dann aber belohnen: Anders gesagt: bekam man stets weniger zurück als den eigenen Einsatz.
Mit der Einführung des Geldes ereignete sich dann ein veritables Wunder. Das bisherige Quasi-Naturgesetz unvermeidlicher Verluste wurde durch ein soziales Gesetz abgelöst, das in dem genauen Gegenteil bestand, nämlich einem, wie es schien, unvermeidlichen Gewinn. Wer Geld an andere zur Aufbewahrung oder weiteren Verwendung verlieh, erwartete nicht nur eine vollständige Rückzahlung zum vertraglich vereinbarten Termin, sondern eine zusätzliche Belohnung. Das war ein Mirakel, das sich als die folgenschwerste Auswirkung des Geldverkehrs überhaupt erweisen sollte, weil sie denjenigen, die bereits viel Geld oder geldwertes Kapital besaßen, den unglaublichen Vorteil verschaffte, dieses ohne eigene Anstrengung und Leistung sozusagen im Schlaf zu vermehren. Man übertreibt keinesfalls, wenn man im Blick auf die Geschichte der vergangenen zweitausend Jahre konstatiert, dass keine andere soziale Ungerechtigkeit so viel Protest bewirkte – bis hin zu Revolutionen.
Dass solche Proteste mit besonderer Stärke nach der industriellen Revolution aufflammen mussten, versteht sich, denn diese hatte sich ja zu dem Grundsatz bekannt, dass künftig nicht länger die Geburt oder sonstige Privilegien über das Schicksal gleichberechtigter Bürger entscheiden sollten, sondern allein das persönliche Wissen und Können. Eine Bereicherung, die sich allein daraus ergab, dass jemand schon reich war und sein Geld „für sich arbeiten“ lassen konnte (in Wirklichkeit andere dafür arbeiten ließ), war mit den Grundsätzen der neuen Ära nicht in Übereinstimmung zu bringen.
Ein Erbfehler der Geldkonstruktion
Wie konnte es dann trotzdem geschehen, dass es in zweitausend Jahren Geschichte keiner Gesellschaft wirklich gelang, diesen Missstand abzustellen? Auch dies hängt mit der Eigendynamik des Geldes zusammen. In der Gesellschaft des Wachstums, die mit Ende des 18. Jahrhunderts zwar nicht geboren, aber sozusagen legitimiert worden war, wurde das Verleihen von Geld zu einer Notwendigkeit. Wachstum und Fortschritt konnte es nur geben, wenn Menschen, die zwar über Geld verfügten, aber über keine Ideen zu seiner profitablen Verwendung, es an andere Menschen verliehen, die Ideen besaßen, aber kein Geld zu deren Realisierung. Wie aber bringt man die ersten dazu, ihr Geld den zweiten leihweise zu überlassen, wenn dafür keine Belohnung winkt, sondern allenfalls ein abschreckendes Risiko? In diesem Fall würde die viel gefahrlosere Alternative ja einfach darin bestehen, das Geld in einem Tresor zu verwahren. Wie wir wissen, ist das in vielen Entwicklungsländern bis heute gängige Praxis, zum Beispiel in Indien, wenn dortige Frauen das Familienvermögen an Hand- und Fußgelenken als lebende Schatztruhen mit sich tragen. Wie wir ebenfalls wissen, wird Hortung gegenwärtig auch wieder bei uns praktiziert, nämlich in der Nullzinsphase, und zwar in großem Maßstab sogar von den Banken. Wie sehr das Geldhorten sich inzwischen zu einem ernsten Problem entwickelt, beweisen die entsprechenden Schätzungen: Etwa zwei Drittel der in Deutschland vorhandenen Bargeldbestände dienen der Hortung (das vermutet Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank in einer Rede, gehalten am 13. April 2016 in Berlin). Gehortetes, in Tresoren verwahrtes Geld steht für Kredite natürlich nicht mehr zur Verfügung. Vom Verleihen der ihnen anvertrauten Spargelder aber leben die Banken; Hortungen aufgrund eines Nullzinsniveaus können ihr Geschäftsmodell weitgehend zerstören. Das Dilemma, entweder die leistungslose Bereicherung der Reichen durch den Zins in Kauf zu nehmen oder die Volkswirtschaft in einer zinslosen Wirtschaft dadurch zu schädigen, dass der Bankensektor austrocknet, der „Rubel nicht länger rollt“ und die Vereisung des Geldumlaufs (Deflation) eine entsprechende Lähmung des Güterumlaufs bewirkt, ist ein Erbfehler des Geldes, den dieses seit seiner Erfindung mit sich schleppt.
Ein Fehler, der sich beseitigen lässt
Gegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte ein deutsch-argentinischer Kaufmann namens Silvio Gesell zum ersten Mal eine Lösung vorgeschlagen. Er sprach sich für die Einführung eines sogenannten „Schwundgeldes“ aus. Die Notenbank solle die ausgegebenen Geldscheine in unvorhersehbaren Abständen als ungültig erklären und bei ihrem Umtausch in neue gültige Scheine eine Gebühr erheben. Der Verlust (Wertschwund) von wenigen Prozent würde ausreichen, um einerseits von der volkswirtschaftlich schädlichen Tresorhortung abzuhalten, andererseits einen starken Anreiz zur Geldverleihung zu bieten. Auch ohne Belohnung (sprich Zinsen) würde sich Letztere nämlich als vorteilhaft erweisen, da die vollständige Werterhaltung nur unter dieser Bedingung gewährleistet ist. Mit anderen Worten, zwei Übel wären zur gleichen Zeit aus der Welt geschafft: erstens, das seit zweitausend Jahren bejammerte und gegeißelte Unheil unmoralischer Geldvermehrung ohne eigene Leistung; zweitens, die Lähmung der Wirtschaft durch Hortung. Nur von den Schuldnern des ihnen von den Sparern überlassenen Geldes würden die Banken weiterhin einen Aufschlag verlangen, nämlich einerseits für ihre eigenen Dienste (Bankenmarge) und andererseits gemäß dem geschätzten Risiko der jeweiligen Kredite.
Dass erst eine solche Maßnahme moralisch zu rechtfertigen ist, hat Helmut Creutz mit einem einleuchtenden Beispiel begründet. Hält der Staat Parksünder von ihrem Tun etwa dadurch ab, dass er ihnen Geschenke macht? Nein, er bestraft sie. Wie lässt es sich dann rechtfertigen, dass er das sozialschädliche Verhalten der Geldzurückhaltung (des Hortens) durch Belohnungen (Zinsen), also ein weiteres sozialschädliches Verhalten, einzudämmen versucht?
Bekanntlich hat sich Gesells Vorschlag nicht durchgesetzt. Ein fortwährendes Auswechseln des umlaufenden Geldnotenbestandes erschien einerseits zu beschwerlich, andererseits stieß Gesell, einem persönlich aller radikalen Neigungen unverdächtigen Mann, das Missgeschick zu, dass sich einige seiner Gefolgsleute später bei den Nazis anbiederten.
Der Durchbruch: das digitale Geld
Ideen sind allerdings schwer zu unterdrücken, besonders dann, wenn sie gegen ein altes, von jeher als drückend erkanntes Übel ankämpfen. In neuerer Zeit wurde es technisch möglich, Banknoten oder Münzen überhaupt abzuschaffen und sie durch digitale Zahlungsmittel vollständig zu ersetzen – eine Revolution, die sowohl große Gefahren wie große Verheißungen birgt und die Frage nach dem Verhältnis von Geld und Freiheit neuerlich zu einem viel diskutierten Thema macht.
Die Verheißung liegt auf der Hand. Das Horten physischer Geldscheine in privaten oder in Banktresoren ist bei einer vollständigen Umstellung auf digitale Währungen nicht länger möglich; es kann sich nur noch digital ereignen, nämlich in Gestalt einer abstrakten Zahl, die der Inhaber des betreffenden Geldvermögens auf seinem persönlichen Konto parkt. Dieses volkswirtschaftlich schädliche Vorgehen lässt sich nun jedoch auf einfachste Art verhindern. Statt vorhandene Banknoten als ungültig zu erklären und sie unter Einziehung einer Gebühr durch neue zu ersetzen, bedarf es nur eines kleinen monatlichen Abschlags auf die Summe des auf Konten geparkten Geldes, um das Horten zu einem Verlust zu machen. Es ist nicht wahr, dass diese Maßnahme dazu führen würde den Kontoinhaber – uns alle also – in einen besinnungslosen Konsum zu treiben, wie manche Kommentatoren unsachgemäß behaupten. Denn uns steht ja die Alternative offen, alles nicht für den Konsum benötigte Geld an andere zu verleihen, d.h. es vom Giro- auf ein Sparkonto zu transferieren. In diesem Fall erleiden wir überhaupt keinen Verlust, sondern erhalten den Einsatz – die verliehene Summe – zum vereinbarten Termin in voller Höhe (aber eben nicht um Zinsen vergrößert) zurück. Das Dilemma ist auf elegante Weise in beiden Richtungen gelöst. Eine Lähmung des Güterverkehrs ist ausgeschlossen: Der Rubel rollt entweder in den Konsum oder in Investitionen, aber das geschieht, ohne dass es zu leistungslosen Bereicherungen kommt.
Dennoch: eine Lösung mit Schönheitsmakeln
Wenn Freiheit in der Befreiung von einem der ältesten und größten sozialen Übel besteht, dann könnte die Digitalisierung des Geldes einen historischen Durchbruch bedeuten. Doch birgt diese Entwicklung auch große Gefahren. Ich spreche nicht darüber, dass es gewiss einen Vorteil bedeutet, Münzen oder Scheine in der Tasche zu haben, mit denen sich eine spontane und anonyme Wohltätigkeit gegenüber armen Mitbürgern ausüben lässt – das ließe sich auch dann noch regeln, wenn Geld nur noch digital über Kreditkarten verteilt wird. Weit schwerer wiegt der Umstand, dass der Staat im Prinzip eine vollkommene Kontrolle über die Geldvermögen und auch über die Geldausgaben sämtlicher Bürger erhält – dazu braucht er sich nur die Einsicht in ihre Konten zu verschaffen. In einem Rechtsstaat wäre das zwar ebenso wenig denkbar wie die Inhaftierung nicht rechtskräftig verurteilter Bürger, aber ein Rechtsstaat ist gut beraten, auch immer mit seinen Feinden zu rechnen. Auf jeden Fall wäre es sehr viel leichter, jede kleinste Geldbewegung zu kontrollieren, wenn Geld nur noch in digitaler Form existiert.
Eine Abwägung zwischen zwei Übeln
Wir haben es letztlich mit der Entscheidung zwischen Teufel und Beelzebub zu tun. Der Teufel bedroht den sozialen Zusammenhalt, indem er einer kleinen Schicht von Privilegierten ermöglicht, wie ein mächtiger Staubsauger einen immer größeren Teil des Volksvermögens in die eigenen Taschen zu lenken – nicht temporär aufgrund von ausgewiesener Leistung, die spätestens nach dem Ende des Leistungsträgers wieder verfällt – sondern dauerhaft und kumulativ, sodass ein neuer Geld- und Vermögensadel entsteht, der die eigentliche Errungenschaft der neuen Zeit, den Imperativ sozialer Gerechtigkeit, progressiv aushöhlt und am Ende ganz außer Kraft setzen könnte. Mit einem Abschlag auf das Horten von Digitalgeld wird diesem jahrtausendealten Übel ein Ende gesetzt, das sich administrativ verblüffend leicht verwirklichen lässt.
Wie sehr ist dagegen Beelzebub zu fürchte, die Gefahr eines Polizeistaates, der das Recht zu seinen Zwecken beugt, um einen vollkommenen Einblick in die Vermögensverhältnisse seiner Bürger und ihrer Geschäfte zu gewinnen? Man beachte, dass der Staat, ohne dass irgendjemand ihn deswegen der Rechtsbeugung bezichtigen würde, schon heute eine De-facto-Kontrolle über die abhängig arbeitende Bevölkerungsmehrheit betreibt. Das Gehalt von Angestellten und Arbeitern ist ihm auf Heller und Pfennig bekannt. Nur die obersten zehn Prozent können sich – sofern sie die Angaben gegenüber dem Fiskus auf illegale Weise verschleiern – dieser Überwachung auch heute noch entziehen, ziemlich mühelos sogar. Lohnt es sich wirklich, für diese Art Freiheit, die vollständige Digitalisierung des Geldes aufzuhalten?

Von einem Fachmann, Herrn Dr. Anton Rainer, Konsulent des österreichischen BMF für Steuerschätzung und Steuerpolitik, erhielt ich 7.10.2016 per Mail folgenden Kommentar:
Sehr geehrter Herr Jenner,
Ihr Vorschlag („Durchbruch“) zum digitalen Geld hat einige gravierende Haken. Er scheint ähnlich wie die Vorschläge zur Abschaffung des Bargeldes (z.B. Rogoff), um die Geldhortung (daheim) bei negativen Zinsen zu vermeiden, wobei die negativen Zinsen die negativen Effekte einer (für manche wünschenswerten) Deflation kompensieren sollen. Anstelle der Negativzinsen stellen Sie sich offensichtlich einen Abschlag vor, der wahrscheinlich als Steuer gedacht ist und daher nicht den Banken, sondern dem Staat zugutekäme. Das wäre dann eine spezielle Vermögensteuer, die in Form einer Quellensteuer auf Guthaben bei Banken erhoben würde. Dieser Abschlag ließe sich aber vermeiden, wenn man das Geld an andere verleiht. Ich verstehe nur nicht, was der Unterschied zwischen Sparguthaben (=Leihe an die Bank zur Weiterverleihung) und der Verleihung an andere ist. Soll auf Anleihen nur dann ein solcher Abschlag einbehalten werden, wenn sie von Banken (und Versicherungen?), nicht aber von anderen Unternehmen begeben werden? Sollen Aktien – mit Ausnahme von Bankaktien – steuerfrei bleiben? Verlieren Banken ihre Kreditvergabefunktion (Fristentransformation)?
Abgesehen davon ist es ein Irrglaube, anzunehmen, dass damit die Hortung beseitigt wäre. Man kann auch anderes Vermögen als Geld horten, was natürlich in einigen Bereichen zu gewaltigen Blasen führen würde. Auch würden mittlere Einkommen benachteiligt, weil deren Ersparnisse für günstige derartige Veranlagungen eher zu gering sind.
Noch gravierender ist die Fehleinschätzung, mit der Abschaffung des Bargelds und Negativzinsen oder Abschlägen auf Guthaben Deflationseffekte kompensieren zu können. Fast alle Ökonomen übersehen nämlich, dass eine Deflation die Investitionsrenditen (die meist als technologisch betrachtet werden, selbst Keynes bezeichnet sie als „marginal efficiency of capital“) wesentlich verschlechtert und oft ins Negative drehen kann. Nicht nur dass Unternehmen erwarten können, ein Investitionsgut im nächsten Jahr billiger zu bekommen (bei diesen technischen Gütern ist die Deflation stärker), müssen sie damit rechnen, dass die Preise ihrer Erzeugnisse und damit ihre Einnahmen in den kommenden Jahren sinken. Und da nützen auch negative Zinsen nichts, um sie zu einer solchen Investition zu bewegen. Deswegen gehen auch die Geldspritzen der EZB zu einem guten Teil ins Leere.
Wegen Kleinspenden und Gaben an Bettler mache ich mir wenig Sorgen, weil ich mir vorstellen könnte, dass Bargeld nur in Form von Münzen weiterhin erhalten bleiben könnte (weil diese ohnehin nicht zum Horten geeignet sind). Auch die verstärkte Kontrolle durch den Staat schreckt mich nicht, weil sich die Konteneinsicht beschränken lässt und auch derzeit ohnehin stark beschränkt ist. Ohne diese Beschränkung könnte der Staat schon jetzt ziemlich viele Information über die Geldgebarung der Bürger erfahren, nur ist die Frage, ob die Verwaltung genug Kapazität hätte, die Masse an Detaildaten sinnvoll auszuwerten.
Übrigens wird die Bedeutung des Bargeldes (v.a. der Banknoten) ohnehin weiter abnehmen, sodass in 20-30 Jahren eine Abschaffung (besser: keine Neuemissionen) vielleicht gar nicht mehr auffällt. Ich bin auch nicht gegen eine Vermögensteuer auf Guthaben. Eine Vermeidung von Geldhortung und Intensivierung des Geldumlaufs und eine Verminderung leistungslosen Einkommens durch Zinsen ist aber wesentlich einfacher bei einer Inflation von einigen Prozenten (jedenfalls über dem EZB-Zielsatz von 2%) und einem etwas darunter liegenden Zinsniveau (d.h. negativen Realzinsen) zu erreichen.
Abgesehen davon, dass für die meisten Ökonomen eine absolute Preisstabilität (für manche sogar eine leichte Deflation) die Idealvorstellung ist (wobei übersehen wird, dass das eine Deflation bei vielen Gütern bedeutet) und die relevanten Entscheidungsträger in der EU unter 2% bleiben wollen, ist natürlich die Frage, wie man wieder eine Inflation von – sagen wir – 3-5% erreichen könnte. Das einfachste Mittel wären natürlich Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen, aber damit würde gegen das Gebot der (heiligen) Wettbewerbsfähigkeit verstoßen.
Mit freundlichen Grüßen
Anton Rainer
Meine Antwort vom 8.10.2016
Sehr geehrter Herr Rainer,
Sie argumentieren völlig legitim als Finanztechniker, der sich Gedanken über die Umsetzung eines Vorschlags macht. Technische Einwände sollten allerdings immer auf die grundsätzliche Erörterung eines Problems folgen – und das Problem hat eine alte Geschichte, an der Links und Rechts gleichermaßen beteiligt sind. Seit den beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts, der amerikanischen und der französischen, setzte sich die linke Forderung durch, dass Privilegien gleich welcher Art abgeschafft werden sollen. Das rechte Lager bestand seinerseits darauf, dass dann aber an die Stelle des Privilegs die individuelle Leistung und ihre Entlohnung zu treten habe. Beide Forderungen zusammen bilden das Fundament der industriellen Gesellschaft, die eben keine Privilegien-, sondern eine Leistungsgesellschaft ist.
Das Geldsystem hat diesen beiden Forderungen allerdings nie entsprochen, weil es, um das sozialschädliche Verhalten der Hortung zu vermeiden, ein anderes sozialschädliches Verhalten einführte, nämlich ein leistungsloses Einkommen in Gestalt von Zinseinnahmen. Während der Staat nirgendwo auf der Welt auf den Gedanken verfallen würde, die Leute vom Falschparken dadurch abzuhalten, dass er ihnen Geschenke macht; während er sie also ganz selbstverständlich dafür bestraft, wird im heutigen Geldsystem genau dieses unsinnige Verfahren praktiziert: Man belohnt die Leute durch leistungslose Einkommen, um sie von falschem Handeln, dem Horten, abzuhalten. Das ist das grundsätzliche Problem, das man erst einmal deutlich sehen muss, bevor dann die technischen Fragen in den Blick geraten.
Die technische Lösung ist von denkbar größter Einfachheit: Statt des sonst nirgendwo praktizierten Verfahrens durch Belohnung von falschem Verhalten abzuhalten, wird, wie sonst überall die Regel, auch hier eine Strafe eingeführt, und zwar auf dem technischen Wege eines Abschlags auf gehortetes Geld. Jeder, der von dem sozialschädlichen Verhalten des Hortens absieht (es also weder bar im Tresor verwahrt noch unbar auf einem Konto) soll dann weder einen durch nichts zu rechtfertigenden Vermögensverlust noch einen ebenso wenig legitimen Vermögenszuwachs erleiden – das erste wäre nicht vereinbar mit der oben genannten Position des rechten, das zweite nicht mit der genannten Position des linken Lagers.
Ihr Vorschlag („Durchbruch“) zum digitalen Geld hat einige gravierende Haken. Er scheint ähnlich wie die Vorschläge zur Abschaffung des Bargeldes (z.B. Rogoff), um die Geldhortung (daheim) bei negativen Zinsen zu vermeiden, wobei die negativen Zinsen die negativen Effekte einer (für manche wünschenswerten) Deflation kompensieren sollen. Anstelle der Negativzinsen stellen Sie sich offensichtlich einen Abschlag vor, der wahrscheinlich als Steuer gedacht ist und daher nicht den Banken, sondern dem Staat zugutekäme. Das wäre dann eine spezielle Vermögensteuer, die in Form einer Quellensteuer auf Guthaben bei Banken erhoben würde.
Nein, es handelt sich um keine Vermögenssteuer, denn das Vermögen soll ja gerade nicht angetastet werden! Der Staat wird dabei wenig verdienen, weil ein Abschlag die Leute sofort vom Horten abhalten wird. Sie werden durch einen automatischen Überweisungsauftrag, sagen wir, wenn auf ihrem Konto eine bestimmte maximale Summe geparkt ist, den darüber hinausgehenden Betrag entweder automatisch auf ein Sparkonto (Investitionskonto) transferieren lassen und dann nur minimale Verluste erleiden oder den überschießenden Betrag für den Konsum verwenden. Es versteht sich, dass die Sache erst einmal ceteris paribus diskutiert werden muss, also der Einfachheit halber zunächst einmal für eine inflationsfreie Geldwirtschaft.
Dieser Abschlag ließe sich aber vermeiden, wenn man das Geld an andere verleiht. Ich verstehe nur nicht, was der Unterschied zwischen Sparguthaben (=Leihe an die Bank zur Weiterverleihung) und der Verleihung an andere ist.
Da besteht kein Unterschied! Im Unterschied zum gewöhnlichen Girokonto, wo Geld geparkt = gehortet wird, fließt auf das Sparguthaben alles Geld, das von der Bank augenblicklich an andere verliehen wird. Das Sparguthaben sorgt also dafür, dass jeder sein Vermögen verlustfrei erhalten kann (bei Inflation muss freilich ein Inflationsausgleich stattfinden), allerdings kann er es nicht länger vermehren, denn Zinsen werden keine angeboten, was ja auch überflüssig ist, da jeder um den Verlust (den Abschlag auf dem Girokonto) zu vermeiden, alles nicht für den Konsum verwendete Geld augenblicklich auf das Sparkonto überweisen lässt.
Soll auf Anleihen nur dann ein solcher Abschlag einbehalten werden, wenn sie von Banken (und Versicherungen?), nicht aber von anderen Unternehmen begeben werden? Sollen Aktien – mit Ausnahme von Bankaktien – steuerfrei bleiben? Verlieren Banken ihre Kreditvergabefunktion (Fristentransformation)?
Das ist in der Tat nicht zu verstehen, denn neben der indirekten Verleihung von Geld über Banken an Unternehmen, gibt es natürlich die direkte eines Sparers (Investors) durch Beteiligung an Unternehmen (Aktien). Über diesen – weit komplexeren Teil – habe ich in meinem Aufsatz nicht gesprochen, wollte es in einem zweiten und dritten tun. Jedenfalls haben Sie völlig recht, darauf hinzuweisen, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen in Bezug auf die Geschäftsbanken allein keine Wirkung zeigen würden, weil jeder sofort in den Aktienbereich ausweichen wird. In meinem bei Monsenstein und Vannerdat erschienenen Buch „Das ökonomische Manifest“ habe ich über dieses weit schwierigere Problem wenigstens versuchsweise nachgedacht.
Abgesehen davon ist es ein Irrglaube, anzunehmen, dass damit die Hortung beseitigt wäre. Man kann auch anderes Vermögen als Geld horten, was natürlich in einigen Bereichen zu gewaltigen Blasen führen würde. Auch würden mittlere Einkommen benachteiligt, weil deren Ersparnisse für günstige derartige Veranlagungen eher zu gering sind.
Sie haben Recht, das Vermögen auf verschiedenste Weise gehortet werden kann, aber Sie werden zugeben, dass daraus eben auch die größten Verwerfungen entstehen können. Gegen Blasen aller Art verfügt der Staat über Instrumente des Eingreifens, deren er sich zum Schutz der Allgemeinheit auch bedienen sollte – und jedenfalls sehr viel leichter bedienen kann, wenn die Digitalisierung ihm eine Kontrolle großer Geldströme erlaubt. Um der damit verbundenen Gefahr polizeistaatlicher Überwachung auszuweichen, sollte der Staat solche Ordnungsaufgaben in eindeutig definierter Form aber wohl eher an unabhängige Institutionen delegieren.
Noch gravierender ist die Fehleinschätzung, mit der Abschaffung des Bargelds und Negativzinsen oder Abschlägen auf Guthaben Deflationseffekte kompensieren zu können. Fast alle Ökonomen übersehen nämlich, dass eine Deflation die Investitionsrenditen (die meist als technologisch betrachtet werden, selbst Keynes bezeichnet sie als „marginal efficiency of capital“) wesentlich verschlechtert und oft ins Negative drehen kann. Nicht nur dass Unternehmen erwarten können, ein Investitionsgut im nächsten Jahr billiger zu bekommen (bei diesen technischen Gütern ist die Deflation stärker), müssen sie damit rechnen, dass die Preise ihrer Erzeugnisse und damit ihre Einnahmen in den kommenden Jahren sinken.
Ich weiß nicht, ob wir uns in diesem Fall richtig verstehen. Deflationen entstehen bei der Verminderung der umlaufenden Geldmenge, also durch Hortungen. Deren Verhinderung soll also gerade bewirken, dass Unternehmen eben nicht mit fallenden Preisen rechnen müssen!
Und da nützen auch negative Zinsen nichts, um sie zu einer solchen Investition zu bewegen. Deswegen gehen auch die Geldspritzen der EZB zu einem guten Teil ins Leere.
Nein, dazu nützen sie nicht, aber dazu sind sie auch nicht gedacht.
Wegen Kleinspenden und Gaben an Bettler mache ich mir wenig Sorgen, weil ich mir vorstellen könnte, dass Bargeld nur in Form von Münzen weiterhin erhalten bleiben könnte (weil diese ohnehin nicht zum Horten geeignet sind). Auch die verstärkte Kontrolle durch den Staat schreckt mich nicht, weil sich die Konteneinsicht beschränken lässt und auch derzeit ohnehin stark beschränkt ist. Ohne diese Beschränkung könnte der Staat schon jetzt ziemlich viele Information über die Geldgebarung der Bürger erfahren, nur ist die Frage, ob die Verwaltung genug Kapazität hätte, die Masse an Detaildaten sinnvoll auszuwerten.
Übrigens wird die Bedeutung des Bargeldes (v.a. der Banknoten) ohnehin weiter abnehmen, sodass in 20-30 Jahren eine Abschaffung (besser: keine Neuemissionen) vielleicht gar nicht mehr auffällt. Ich bin auch nicht gegen eine Vermögensteuer auf Guthaben. Eine Vermeidung von Geldhortung und Intensivierung des Geldumlaufs und eine Verminderung leistungslosen Einkommens durch Zinsen ist aber wesentlich einfacher bei einer Inflation von einigen Prozenten (jedenfalls über dem EZB-Zielsatz von 2%) und einem etwas darunter liegenden Zinsniveau (d.h. negativen Realzinsen) zu erreichen.
Ich würde Ihnen auch darin recht geben, dass es jedenfalls einfacher wäre, alles beim alten zu lassen, wenn man denselben Effekt eben auch ohne gravierende Eingriffe erreichen kann, aber ein Faktum – das Sie gewiss nicht bestreiten werden – ist doch, dass die Zahl der Superreichen ständig zunimmt, und dass es inzwischen einen wohleingespielten Mechanismus gibt, auf der Grundlage eines großen Reichtums für eine Vervielfältigung dieses Reichtums durch bloße Investition (bei Hochzinsen über die Bank, bei Null- oder Niedrigzinsen über Beteiligungen etc.) zu sorgen, die eben weit mehr Prozente abwirft als eine Inflation von 2 oder meinetwegen auch 5 Prozent automatisch abzuschmelzen vermag.
Mit freundlichen Grüßen nach Wien
Gero Jenner
Von Egon W. Kreutzer kam per Mail folgende Stellungnahme:
Sehr geehrter Herr Dr. Jenner,
wie immer habe ich auch Ihre heutige Veröffentlichung mit großem Interesse und Gewinn gelesen.
Eine sehr wesentliche Argumentation, nämlich die, das digitale Geld sei ein Durchbruch zur Vermeidung der Hortung, weil sich Gesells Schwundgeld mit digitalem Geld vollkommen mühelos installieren ließe, halte ich jedoch für sehr viel problematischer als sie auf den ersten Blick erscheint.
Zu Gesells Zeiten war Geld „Warengeld“ also mehr oder minder mit physischen Gütern hinterlegt, was die Bewegung der Geldmenge an die Verfügbarkeit des hinterlegten Sachwertes koppelte. Eine goldgedeckte Währung konnte also nur in dem Umfang die Geldmenge ausweiten, wie Gold zur Deckung zur Verfügung stand, das entweder selbst gefördert oder durch Handel erworben oder durch Kriege erobert werden musste.
Das Problem der Hortung war definitiv gewaltig, weil die Geldmenge dadurch stark eingeschränkt werden konnte, ohne dass eine Möglichkeit bestand, durch frisches Geld einen Ausgleich zu schaffen.
Das heutige Geld ist bereits digitales Geld, auch wenn es in kleinen Teilen noch eine Verwandlung in Münzen und Banknoten erfährt, sich aber nach jedem Einkauf im Supermarkt mit Einwurf der Geldbombe in den Nachttresor der Bank wieder in Bits und Bytes im Computer der Bank verwandelt, während die eingezahlten Scheine u.U. sogar aussortiert und im Keller der Zentralbank bei großer Hitze verbrannt werden.
Weil das heutige Geld bereits digitales Geld ist, ist seine Vermehrung vollkommen problemlos möglich. Das exerziert Mario Draghi derzeit in einer so unverschämten Offenheit vor, dass ich mich wundere, dass deshalb nicht längst eine Revolution ausgebrochen ist.
Doch nicht nur die Zentralbanken schaffen Geld aus dem Nichts, das ist eher eine jüngere Erscheinung, die Geschäftsbanken tun dies mit jeder Kreditvergabe, und sie benötigen dafür keinen Cent der Einlage eines anderen Kunden. Nach der Formel Null = eins minus eins, schaffen sie die Eins als Guthaben und zugleich als Kredit, was weder das Vermögen der Bank, noch das Vermögen des Kreditkunden verändert. Es wird – in diesem ersten Schritt – lediglich Liquidität geschaffen, die mit der Tilgung des Kredits auch wieder im Nichts verschwindet.
Wenn nun in einem solchen Umfeld Geld auf dem Konto liegt, und die Beschleunigung des Geldumlaufs durch Negativzinsen erreicht werden soll, ist es ein Trugschluss, der Kunde müsse sein Geld ja nicht liegen lassen, er könne es ja verleihen.
Er hat es ja bereits verliehen, nämlich der Bank, die jegliches Guthaben folgerichtig als Verbindlichkeit in ihrer Bilanz ausweist. Was ihm übrig bleibt, ist es, das Guthaben vom Girokonto mit sofortiger Fälligkeit auf ein Konto mit einer festgeschriebenen Fälligkeitsfrist anzulegen. Das würden jedoch – zum Zwecke der Hortung – alle tun, die gerade kein Guthaben auf dem Girokonto benötigen. Folglich wäre die Hortung in keiner Weise gehindert.
Erst wenn sämtlich Guthaben regelmäßig einem nominalen Schwund unterworfen wären, könnte ein gewisser Druck entstehen, das Geld in den Kreislauf zurück zu geben.
Wie sollen aber jene, die auch beim besten Willen durch Konsum und sinnvolle Investitionen nicht in der Lage wären, ihre Geldvermögen auch nur im Bereich von Bruchteilen von Promillen zu reduzieren, darauf reagieren?
Beste Möglichkeit wäre, aus dem Währungsraum zu fliehen und Guthaben in Fremdwährung da anzulegen, wo noch andere Verhältnisse, also positive Zinsen herrschen. Dahingestellt, ob die bei vergleichbarem Risiko zu finden wären, dem könnte durch eine Kapitalverkehrskontrolle abgeholfen werden.
Derart eingekesselt würde vermutlich genau das geschehen, was vermieden werden soll: Die großen Geldvermögen würden die Verluste durch den Negativzins ertragen und darauf setzen, dass die zwangsläufig einsetzende Deflation für einen Ausgleich im Werterhalt sorgen würde.
Zwangsläufige Deflation deshalb, weil alle Guthaben gleichermaßen regelmäßig nominal abgewertet werden. Das heißt, von Monat zu Monat sinkt die verfügbare Liquidität. Weil dieser Effekt vorgegeben ist, besteht wenig Interesse daran, preiswerte Kredite auszureichen, weil die Rückzahlung jedes Kredits im Umfeld rückläufiger Liquidität immer problematischer wird. Das heißt, selbst bei gleichbleibender Kreditvergabe (die aber nicht zu erwarten ist) müsste die Liquidität laufend sinken. Daher „zwangsläufige Deflation“.
Je weniger Liquidität, desto leichter fallen den Eigentümern großer Geldvermögen die Sachwerte preiswert in den Schoß.
Der Bauer, der seinen Acker verkauft, um seinen Kindern die schulische Ausbildung zu ermöglichen, ist ja schon seit mindestens 30 Jahren immer öfter in der Realität zu beobachten. Schuld daran ist die zögerliche Kreditbereitstellung der Banken, die in den letzten Jahrzehnten immer stärker auf das Investmentbanking gesetzt haben.
Wird dies durch eine Schwundgeld-Gesetzgebung verschärft, werden die ganz Reichen die letzten sein, die betroffen sind, im Gegenteil. Sie sind auch in diesem Fall wieder die Gewinner.
Diese Entwicklung, verbunden mit der nicht minder gesellschaftszerstörenden Fertigstellung des „Gläsernen Menschen“ gehört zu meinen schlimmsten Alpträumen.
Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer
Meine Replik ging leider verloren, ich verwies auf meine Artikel zur Geldschöpfung.
Eberhard Hirse äußerte sich per Mail folgendermaßen:
…vollständige Digitalisierung des Geldes bedeutet unbegrenzten Zugriff von Staat und Banken auf die Guthaben und somit den Fall auch der letzten Schuldenbremse, sie bedeutet, dass bei Stromausfall absolut nichts mehr gekauft und verkauft werden kann und dass das Geld einfach so verschwinden kann: Bei einem Hackerangriff, durch Computerviren, Cyberterrorismus… Und sie nimmt den Menschen die letzte Intimität, die des Bargeldes, das sie ohne Rechenschaftspflicht verdienen, sparen und weitergeben zu können, dies auch bisher zu 96% legal. Die 4% Illegalität im Bargeldverkehr werden sich andere Wege suchen durch Ersatzwährungen und digitale Manipulation.
Von Johannes Moder kam per Mail folgender Kommentar:
SgHr. Dr Jenner
Ich lese Ihre Briefe immer mit großem Vergnügen, da Sie immer Aspekte bringen, die im den normalen Medien so nicht angesprochen werden. Ich habe auch Ihr Manifest gelesen.
Daher diese Ergänzung:
Ich bin als Regeltechniker gewohnt, die Reaktion eines Systems auf Eingriffe zu erwarten und abzuschätzen. Auf eine Geldgebühr reagieren die Marktteilnehmer!
Egon W. Kreutzer hat in seinem Buch „Über das Geld“ eine meiner Meinung nach sehr gute Analyse dieser Reaktionen beschrieben, ich lege Ihnen das in einem Auszug bei!
(Falls Sie es nicht schon kennen!)
Freue mich schon auf die nächste Analyse!
LG
Johannes Moder
Meine Antwort:
Sehr geehrter Herr Moder,
nichts ist richtiger, als dass Sie die Behauptungen jedes Autors auf ihre Richtigkeit überprüfen – mögen Sie nun Regeltechniker sein oder nicht. Herr Kreutzer hat natürlich gegen meinen Aufsatz auch gleich Einwendungen vorgebracht. Ich werde darauf nicht mehr antworten, weil wir uns dabei nur noch im Kreise drehen. Er geht von der Schöpfung von Geld aus dem Nichts aus – was für Geschäftsbanken, wie ich eingehend im Hinblick auf die sogenannte Multiple Kreditgeldschöpfung ebenso wie die Geldschöpfung gemäß Irving Fisher (daher hat Senf sie übernommen) zu zeigen versuchte, nicht zutrifft und selbst im Hinblick auf die Notenbank nur unter Vorbehalt gilt (siehe Wohlstand und Armut, sowie meine Aufsätze über Zins auf meiner Website. Kreutzer ist darauf ebensowenig eingegangen wie auf ähnliche Ausführungen von Helmut Creutz – unter solchen Umständen bewegt man sich hilflos im Kreis und die Diskussion verliert ihren Sinn.
Versuchen Sie, sich Ihre eigenen Gedanken zu machen.
Herzliche Grüße
Gero Jenner
Von Herrn Gottfried Jochum erhielt ich kurz vor Weihnachten per Mail folgenden Kommentar, den ich hier gleich in meine Antwort verpacke:
Lieber Herr Jochum,
Sie haben mich sehr richtig verstanden; ich wünschte mir, ich würde das auch von meinen anderen Lesern behaupten können. Manchmal erhalte ich Zuschriften, über die ich nur den Kopf schütteln kann.
An zwei drei Stellen, habe ich Gedanken zu Ihren Ausführungen eingeschoben.
Lassen Sich mich Ihnen ein frohes Fest und vor allem ein gesegnetes Neues Jahr wünschen.
Ihr Gero Jenner
Am 23.12.2016 um 09:06 schrieb Gottfried Jochum:
Geld und (Un)Freiheit
Sehr geehrter Herr Jenner,
Ihr ebenso lesenswerter wie gut lesbarer Essay macht Lust zum Weiterdenken. Ich möchte mit ein paar Stichworten beginnen, damit Sie abschätzen können, ob ich dessen Grundzüge verstanden habe. Geld als Tauschmittel bewahrte die potenziell autonomen Ackerbauern vor der Isolation, beförderte durch Tausch die Arbeitsteilung, Effizienz in Staat, Wirtschaft, Wissenschaft, aber zugleich eine andere Art von Vereinzelung und Entfremdung des Menschen. Seine Hortbarkeit und zu wenige Beschränkungen auf Eigentum machten den Abstand zwischen arm und reich immer größer.
In unserem digitalen Zeitalter könnte man diesen Nachteilen entgegen wirken, indem das Horten von Geld de facto besteuert wird. Ähnliches bewirkt eine maßvolle Inflation. Aber auch anderes Vermögen wirkt wie ein Hebel zur Vermehrung von Reichtum und Macht. Ob Geld oder Boden gehortet wird – beides ist schädlich und ungerecht, wenn man davon ausgeht, dass jene, die ein arbeitsloses Einkommen beziehen, Schmarotzer sind.
Macht kann gut gebraucht werden. Häufig aber ist ihr Missbrauch. Wenn man Macht einschränkt, dann natürlich auch die Freiheit von Menschen. Das ist nötig auch bei mangelnder Einsicht, wie etwa ein Vater sein kleines Kind vor einem herannahenden Fahrzeug zurückhält. Diskutieren muss man also nur über Art und Ausmaß des Freiheitsentzuges, also über das kleinere oder größere Übel. Nie wird man so weit gehen (können oder sollen) dass auch nur der größte Missbrauch aus der Welt zu schaffen ist. Das Böse ist erfinderisch. Viktor Frankl verwies als primitivstes Beispiel auf ein Messer, mit dem man sowohl Brot scheiden als auch Menschen töten kann.
Geld – eine der größten Kulturleistungen, fascinosum und tremendum, des Menschen Ebenbild. Wandelbar in Sekunden wie ein Chamäleon; Segen, dann wieder Fluch; Katalysator für große Projekte, Grund und Ziel von Kriegen. Großes Geld, kleines Geld: eine Münze im Pappbecher der frierenden Romafrau, Überraschung über großzügiges Trinkgeld an unterbezahlten, gestressten Kellner; Hilfe für Afrika, davon 30% in der Administration versickert ….
So ähnlich, wie das Böse durch Vergeltung mit Bösem nicht nachhaltig aus der Welt zu schaffen ist, kann man den Missbrauch der Freiheit durch erzwungene Abstriche daran schwerlich aufhalten. Wohl noch eher dadurch, dass ein solcher Zwang im Einzelmenschen moralisch verinnerlicht wird? Nicht einmal das. Überwinde das Böse durch das Gute, den Missbrauch durch den guten Gebrauch! Und da erhebt sich die Frage: Was kann uns dazu motivieren? Die Liebe zum Menschen und letztlich zu Gott?
GJ: Ich glaube es muss immer beides zusammenkommen. Der Wille zur Veränderung geht immer aus Einzelnen hervor, aber er nützt nichts, wenn er nicht in Institutionen seinen Niederschlag findet. Ich habe es nie für richtig gehalten, einseitig auf dem Wandel des eigenen Selbst bzw. dem Wandel der Institutionen zu bestehen.
Was die Motivation für die Einzelnen betrifft, so kann sie natürlich auf seinem Glauben beruhen, aber auch auf einer weltlichen Ethik. Im klassischen China hat der Glaube an einen Gott in der Führungsschicht dieses Landes praktisch überhaupt keine Rolle gespielt, trotzdem waren Chinas Institutionen gewiss nicht schlechter als etwa bei uns im Abendland. Vielleicht ist Bescheidenheit, die Einsicht in die Begrenztheit unseres Wissens, ein guter Ausgangspunkt.
Utopisch, nicht wahr, unrealistische Selbsttäuschung. Kann schon sein. Aber wir spüren doch, dass der Mensch in der Tat ein bisschen Freiheit hat, und oft gelingt es auch, mit deren Hilfe die Weichen seines Lebens in eine lebensfreundlichere Richtung zu stellen. Strittig ist vor allem, ob wir das ganz allein können, was die Religion verneint. Dies kommt mir plausibel vor, denn was können wir schon allein, die wir uns ja auch nicht selbst gemacht haben. Wissenschaftlich kaum zu beantworten, eine Sache von oft widersprüchlichen Erfahrungen, von Glauben und Grundvertrauen, meine ich.
Jedenfalls schätze ich Ihre Zusendungen als einen guten Einblick in Ihre Ideenwelt. Als alter Mensch, dessen Tage gezählt sind, wahrscheinlich ein guter Ersatz für Ihre Bücher, die ich nicht mehr alle werde lesen können.
Mit freundlichen Weihnachtsgrüßen
Gottfried Jochum, Dornbirn
Ich habe den Artikel auch Herrn Prof. Hans-Werner Sinn zugeleitet, und zwar mit dem folgenden Anschreiben:
Sehr geehrter Herr Sinn,
es ist mir bewusst, dass Sie gerade deswegen, weil Sie in vielen geldpolitischen Fragen eine sehr eigenständige Position einnehmen, vermutlich eher wenig geneigt sind, auch noch Ideen zu erwägen, die sich so weit vom Mainstream entfernen, dass sie im Ruch des Spinnerten stehen.
Andererseits befinden Sie sich jetzt im Ruhestand und könnten vielleicht doch einen interessiert-skeptischen Blick auf den gar nicht mehr so abgelegenen Vorschlag werfen, wie er im nachstehenden Artikel zu finden ist. Einer Ihrer Kollegen, ein Finanzexperte wie Sie, hat sich dazu bereits geäußert. Ich habe seinen Kommentar angefügt.
Ich glaube, dass die unten ausgeführten Gedanken nicht mehr so unrealistisch sind, wie es vor der Einführung digitalen Geldes noch scheinen konnte.
Mit den freundlichsten Grüßen nach München
von Gero Jenner
Darauf erhielt ich von Seiten Herrn Sinns per Mail folgende Antwort:
Sehr geehrter Herr Jenner,
haben Sie vielen Dank für Ihren Beitrag. Der Fehler der Schwundgeldtheorie ist, dass sie unterstellt, mit dem gehorteten Geld würden der Wirtschaft Ressourcen vorenthalten. Dabei vergisst sie, dass Geld kostenfrei hergestellt werden kann und auch von den Notenbanken in dem Umfang zur Verfügung gestellt wird, dass die Horte keine Entzugseffekte bedeuten. Ich will damit nicht sagen, dass eine plötzliche Zunahme der Horte kein Problem für die Konjunktur sei. Aber die Schwundgeldtheorie stellt ja auf allokative statt auf konjunkturelle Effekte ab.
Mit freundlichem Gruß
Hans-Werner Sinn
Mein – nicht abgeschickter – Kommentar:
Über mögliche Entzugseffekte durch Hortungen lässt sich streiten. Das sehe ich genauso, nicht streiten lässt sich hingegen darüber, dass der positive Zins unseres Geldsystems eine der wesentlichen Ursachen der parasitären Bereicherung ist.