It’s mankind, stupid!

Der Westen als gegenwärtig noch fortschrittlichster Teil der Menschheit – fortschrittlich im Sinne von materieller Wohlfahrt und geistiger Aufgeschlossenheit – leidet an einer Krankheit, die ihn zu lähmen und zu zerreißen droht: er leidet an Schizophrenie. Diese Krankheit ist mit dem Gegensatz von rechtem und linken Lager nur unzulänglich benannt, denn diesen gibt es schon seit dem 18ten Jahrhundert – er gehört sozusagen zur demokratischen Normalität. Auch der drei Jahrhunderte währende Widerspruch zwischen den beiden einander entgegengesetzten Idealen von Gleichheit und Freiheit wird der Situation nicht gerecht. Die Linken wollten und wollen mehr Gleichheit, die Rechten mehr Freiheit.

Doch der Antagonismus zwischen Gleichheit und Freiheit

mutet veraltet an. Die wenigsten hören noch hin, wenn SPD, SPÖ, der italienische Partito Democratico, Frankreichs oder Spaniens Sozialisten ein Mehr an Gleichheit fordern. Die Botschaft kommt nicht mehr an – linke Parteizeitungen sind passé oder werden kaum noch gelesen. Mancher wird – so wie Ralf Dahrendorf schon in den neunziger Jahren – diesen Befund mit der eigentlich ja höchst erfreulichen Tatsache erklären, dass die demokratischen Sozialisten ihr Ziel gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zumindest in Europa erreichten und sich selbst deshalb überflüssig machten. Das ist zweifellos richtig, denn die Bevölkerungsmehrheit erfreut sich in den Ländern des Westens eines materiellen Lebensstandards wie niemals zuvor. Zwar ist Gleichheit inzwischen eher stärker bedroht, da die Zahl der Superreichen sich stetig vergrößerte, diese Tatsache erregt aber heute kaum oder zumindest weit weniger Protest, seit Ungleichheit nicht mehr wie die längste Zeit menschlicher Geschichte Hunger und frühen Tod für die Benachteiligten bedeutet, sondern auf hohem Niveau in einem Wohlfahrtsstaat stattfindet.

Der Kampf gegen Ungleichheit – das klassische Thema der Linken – erregt im Westen kaum noch die Gemüter, aber nicht anders verhält es sich mit dem Kampf für die Freiheit – dem klassischen Thema der Rechten. Vielmehr haben die beiden Volksparteien in ganz Europa als ihr eigentliches Ziel Wohlfahrt für alle zu ihrem Programm gemacht – in Deutschland wurde die CDU unter Angela Merkel geradezu sozialdemokratisch. Freiheit und Gleichheit waren die Parolen, denen im 18ten Jahrhundert die Aufklärung ihre politische Brisanz und Faszination verdankte, heute spielen beide Begriffe im politischen Diskurs nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Bruchlinien verlaufen an anderer Stelle. Was ist passiert?

Das ist nur zu verstehen,

wenn wir den Blick auf jene Parteien richten, die in den vergangenen Jahrzehnten – manche würden sagen – wie Giftpilze in die Höhe schossen. In Deutschland haben wir die AfD, in Italien die Lega, in Frankreich den Front National (heute Rassemblement National), in Ungarn Fidesz, in Polen die PiS. Shinzo Abe hat in Japan die Liberal-demokratische Partei in die gleiche Richtung geführt, ebenso Donald Trump in den USA die von ihm geistig vergewaltigten Republikaner. Es lässt sich durchaus behaupten, dass der Westen sich mit diesen Bewegungen „globalisierte“ – er macht sich eine weltweit verbreitete Tendenz zu autoritären Regierungsformen zu eigen.

Außerhalb des Westens ist China diesen Weg ja schon seit Jahrzehnten konsequent gegangen, ebenso Indien unter den Hindunationalisten, und Russland hat ihn unter Putin eingeschlagen. In das alte Schema von rechts versus links sind weder die neuen autoritären Parteien des Westens noch die der übrigen Welt einzugliedern. So etwa lassen China, Russland und Indien Freiheit genau in dem Maße zu, wie sie der ökonomischen Stärkung des eigenen Landes dient, nämlich um die private Initiative zu mobilisieren und ausländische Investoren ins Land zu locken. Sie unterdrücken Freiheit aber bedenkenlos und oft auch brutal, sobald sie innere Widersprüche aufkommen und den sozialen Zusammenhalt zu schwächen droht. Der Gleichheit geben sie ebenfalls eine eigene Bedeutung. Sie wird nicht materiell aufgefasst – man vergesse nicht: nirgendwo gibt es mehr Milliardäre als in China und nirgendwo wird spektakulärer Reichtum so unverschämt paradiert wie von Russlands neureichen Oligarchen. Umso mehr Wert legt man dagegen auf die Gleichheit der Weltanschauung, die – moralisch untermauert – vor allem aus einem nationalistischen Credo besteht.

Bezeichnet man die autoritären Parteien als „rechts-extrem“, dann sollte man sich darüber im Klaren sein, dass sie keineswegs rechts im klassischen Sinn sind, denn Freiheit spielt für sie keine Rolle. Sie sind aber auch keine erklärten Gegner materieller Gleichmacherei, so wie das früher einmal für das rechte Lager bezeichnend war. Gleichheit spielt bei ihnen sehr wohl eine Rolle, aber – wie schon gesagt – im strikt ideologisch verstandenen Sinn als Gleichheit der Weltanschauung. Es wäre also viel richtiger, diese Parteien schlicht „nationalistisch“ bis „chauvinistisch“ zu nennen. Von der AfD über die Lega bis zu Trumps Amerika, Putins Russland und Xi Jinpings China beschwören sie die Einzigartigkeit und Größe des eigenen Landes, die sie um jeden Preis erhalten und stärken wollen.

Ihre Gegner, die man wohl am treffendsten als „Kosmopoliten“

bezeichnet, rekrutieren sich nahezu überall aus den höher gebildeten Schichten (eine Ausnahme scheint nur China zu bilden, wo die Partei die Intellektuellen in ihre Reihen zieht). Immer schon war es ein Vorrecht der Gebildeten einen Blick über den Tellerrand des eigenen Landes hinaus auf die übrige Welt zu werfen. Die westliche Forschung – Anthropologie, Soziologie, Psychologie – ist ihnen dabei während der vergangenen Jahrzehnte mit eindeutigen Resultaten vorangegangen. Das Ergebnis: Seit mindestens 50 000 Jahren (aber vermutlich schon sehr viel länger) sind Menschen einander überall auf der Welt genetisch und psychologisch gleich. Diese Einsicht ist historisch vollkommen neu. Zwar stimmt es, dass monotheistische Religionen wie das Christentum oder der Islam die Einheit der Menschheit schon sehr viel früher postulierten, doch umfasste sie nur die Gläubigen – Heiden und Ketzer wurden regelmäßig bekämpft, wenn nicht ausgerottet. Auch die amerikanische und französische Revolution haben die Gleichheit aller Menschen nur in der Theorie proklamiert, in der Praxis galt bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch als ausgemacht, dass andere „Rassen“ – speziell die schwarzen, gelben und roten – der weißen weit unterlegen seien. Deshalb bestanden bis dahin auch wenig Skrupel, sie militärisch zu unterwerfen und ökonomisch auszubeuten.

Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts

hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Zunächst ist die Forschung zu dem Schluss gekommen, dass alle Unterschiede zwischen den Menschen allein auf anerzogenen kulturellen Besonderheiten beruhen – mit anderen Worten, dass sie – so wie die Kultur selbst – modifizierbar sind. Wichtiger als die Forschung, deren Ergebnisse selten das Denken der Öffentlichkeit bestimmen, war jedoch die für jedermann sichtbare Tatsache, dass Staaten wie Japan, die ehemaligen ostasiati­schen Tiger und China einen so fulminanten Aufstieg erlebten. Dieser ungeheure praktische Erfolg von Staaten, die noch vor hundertfünfzig Jahren für den durchschnittlichen Europäer kaum existierten, hat auf eine für jedermann evidente Weise die alten Vorurteile entkräftet. Von da an ließ sich nicht länger leugnen, dass andere Völker unter entsprechenden Bedingungen genauso „tüchtig“ oder vielleicht sogar noch tüchtiger sind als wir selbst. Nicht nur unter den Gebildeten, sondern selbst in großen Teilen der Bevölkerung wurde nun stillschweigend die Forderung akzeptiert, andere Menschen überall auf der Erde als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen.

Zumindest für die Mehrheit der Intellektuellen

und eine kurze Zeit sogar für einen großen Teil der Bevölkerung resultierte diese Erkenntnis in der Bereitschaft zur offenen Tür, die auch gern sperrangelweit geöffnet sein durfte. Wenn alle Menschen einander gleich und gleichberechtigt sind, gibt es ja keinen vernünftigen Grund, warum nicht jeder (zumindest solange dies ökonomisch möglich erscheint) Zugang zum eigenen Land genießen solle. Dieser Schluss scheint vielen so evident und unanfechtbar, dass er gerade vonseiten der Intellektuellen wie ein neues Ideal verfochten wurde – mit gleicher Überzeugung – und mehr und mehr auch mit gleicher Unduldsamkeit – wie früher einmal die Ideale von Freiheit und Gleichheit.

Immigration ist also keineswegs zufällig zu einem Kampfwort geworden, an dem sich die Geister scheiden. Die „Aufgeklärten“ rennen gegen die „Nationa­listen“ mit gleichem Fanatismus an, wie umgekehrt die Nationalisten gegen die Aufgeklärten. Beide verweigern einander das Gespräch, so als fehlte den jeweili­gen Gegnern nicht nur die Vernunft, sondern die Existenzberechtigung überhaupt. Die einen sehen in den Aufmüpfigen eine Art von minderbemittelten Affen, die sich unbegreiflicherweise im Land der Anständigen und Aufrechten breit gemacht haben, die anderen sprechen von „Scheißliberalen“ – mit anderen Worten, dieser Kampf erinnert an die Glaubenskriege früherer Zeiten, wo Katholiken sich weigerten mit den Protestanten, Sunniten mit Schiiten, Christen mit Muslimen, Sozialisten mit Kapitalisten an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihn zu reden. Für jeden stand die eigene Wahrheit unverrückbar fest, während man die des Gegners als menschenunwürdig oder tabu erklärte. Damals wurden solche Konflikte regelmäßig durch Gewalt und Krieg entschieden – heute durch soziale Ächtung.*1*

Ideologische Feindschaften haben in der Regel

wenig mit den vorgegebenen Idealen, dagegen sehr viel mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen zu tun. Auf geringem geistigen Niveau lief der Gegensatz der Ideale von Gleichheit und Freiheit schlicht darauf hinaus, dass die einen sich im Namen der Gleichheit den Reichtum und die sozialen Positionen aneignen wollten, welche die Begünstigten schon besaßen, während Letztere im Namen der Freiheit umgekehrt ihre erworbene Stellung auf keinen Fall räumen wollten. 

Der Gegensatz zwischen Kosmopoliten und Nationalisten reicht in größere Tiefen. Die generelle Menschenliebe ist eine typische Intellektuellenhaltung, begründet auf Erkenntnis und einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Aber es ist ein abstraktes Ideal: Wir kennen nur Menschen – die Menschheit überhaupt ist ein Begriff, dem alle Anschauung fehlt. Der Durchschnittsbürger weiß daher auch wenig oder gar nichts mit ihm anzufangen. Er liebt seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und allenfalls die Menschen, die seine Sprache reden und so denken und fühlen wie er. Für ihn, wie für fast alle Menschen seit Beginn ihrer Geschichte existiert nur die Nächstenliebe – die Fernstenliebe zu Menschen, die er nicht kennt, ist ihm fremd. Daran hat sich auch durch die Einführung von Zeitungen, Briefverkehr und die sozialen Medien unserer Zeit nichts Grundlegendes geändert. Tiefe menschliche Bindungen setzen immer noch den Austausch von Gefühlen und die direkte physische Nähe voraus. Das haben inzwischen sogar die Unternehmen einsehen müssen. Videokonferenzen werden nur abgehalten zwischen Leuten, die einander aus persönlichen Begegnungen bereits gut bekannt sind. Andernfalls macht gegenseitiges Misstrauen den Abschluss von haltbaren Verträgen nahezu unmöglich.

Der Gegensatz zwischen Nächsten- und Fernstenliebe

hat mit unserem Thema sehr viel zu tun. Um es in der Gesellschaft aushalten zu können, kommt es nicht darauf an, dass wir Muslime in Afghanistan, Schiiten in Persien oder die Bantu des Kongo für gleichwertige Menschen halten – diese Einsicht ist für unsere Theorie vom Menschen von größter Bedeutung, sie ist aber belanglos für unser Wohlergehen in der Gesellschaft, in der wir heimisch sind. Dort kommt es vielmehr darauf an, dass wir die Menschen in unserer Um­gebung achten, schätzen und lieben können und umgekehrt dieselbe Achtung von ihnen erfahren. Nun ist es allerdings ein Faktum, dass die moderne Wettbe­werbsgesellschaft zwar einerseits Reichtum wie nie zuvor erzeugte, aber dass sie andererseits die Menschen mehr isoliert und voneinander entfremdet hat. Vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft hat sie aus allen festen Bindungen herausgerissen; der dauernde technische Wandel, die erzwungene Bereitschaft jederzeit disponibel zu sein und den Wohnort und damit auch Freunde und Partner zu wechseln – all dies hat die moderne Gesellschaft atomisiert und dazu beigetragen, die isolierten Individuen in eine soziale Leere zu verstoßen, wo gegenseitige Achtung, Wertschätzung oder gar Liebe zunehmend verkümmern. In dieser Situation erscheint alles Neue mehr und mehr als Bedrohung – vor allem auch fremde Menschen mit abweichenden Gewohnheiten und Überzeugungen. Der Protest gegen die eigene Zeit und ihre als unzumutbar empfundenen Herausforderungen äußert sich dann in einem Festhalten an den Resten von Identität, die man aus der Vergangenheit schöpft. In den neuen Bundesländern, wo statt der versprochenen „blühenden Landschaften“ immer noch Desorientierung bis hin zum Verfall vorherrschen, besteht die verlorene Identität aus den nostalgisch beschworenen Zuständen der einstigen DDR, wo das Leben für viele weit ärmlicher war, aber dennoch als sozial befriedigender empfunden wurde. Marx hat den Begriff der Entfremdung auf das Verhältnis des Menschen zu den von ihm produzierten Dingen verwendet, aber die Entfremdung zwischen Mensch und Mensch war und ist immer das eigentliche Problem, denn sie schlägt viel tiefere Wunden. Darüber hinaus schöpfen die Nationalisten ihre Identität nicht aus den großen Epochen der deutschen Geschichte, von denen sie genug Gutes lernen könnten, sondern das Ungenügen an der Gegenwart – bei vielen bis zum Hass gesteigert – verführt sie dazu, sich an dem Schandfleck deutscher Geschichte zu orientieren, den unseligen dreizehn Jahren, wo der pure Hass das Basso continuo war.

Hierin liegt die große Gefahr,

der man nicht gerecht wird, wenn man ihre Ursachen nicht in den Blick bekommt. Anders gesagt, sollten die Gebildeten in Europa ihre Überlegenheit nicht durch hochmütige Verachtung der extremistischen Bewegungen zum Ausdruck bringen, sondern sich fragen, warum diese überhaupt entstehen konnten? Fast ein halbes Jahrhundert vom Ende des zweiten Weltkriegs gerechnet gab es den virulenten Nationalismus ja praktisch nicht (in homöopathischer Dosis sind freilich alle Abartigkeiten in jeder Gesellschaft in jedem Moment präsent). Warum hat die AfD – ursprünglich eine Partei von Professoren, die mit durchaus ernstzunehmenden Argumenten den Euro bekämpften – sich nach Angela Merkels Flüchtlingspolitik plötzlich in eine Partei von Fremdenhassern verwandelt? Warum wurden überall in Europa und in anderen Staaten des Westens die nationalistischen Bewegungen so sehr gestärkt? Könnte es sein, dass die Gebildeten sich letztlich als halbgebildet entpuppen, weil ihnen Ursachenforschung und vor allem die Beseitigung der Ursachen selbst als zu aufwändig erscheinen? Könnte es sein, dass es ihnen viel befriedigender erscheint – ein Charakteristikum aller begünstigten sozialen Schichten – auf die armen Irren herabzublicken, weil man sich selbst dann so überlegen fühlen darf? Man sollte sich zumindest bewusst sein, dass Ausgrenzung, Verweigerung des Gesprächs, Verachtung und die mangelnde Bereitschaft, die Ursachen zu bekämpfen, für die Demokratie auf Dauer ein tödliches Gift sind.

Die Wettbewerbsgesellschaften

haben Reichtum auf Kosten des sozialen Zusammenhalts geschaffen. Das Tempo der Neuerungen ist für viele Menschen zu groß; es überfordert sie und verlangt von ihnen zu viele Opfer. Man hat den Menschen ihre Identität genommen oder richtiger, man verlangt von ihnen, Identitäten fortdauernd zu wechseln oder auch ganz auf sie zu verzichten. Manche Intellektuelle wie Isolde Charim in Österreich gießen noch zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie diese Entwicklung ausdrücklich für richtig und unausweichlich erklären. Doch wenn man die Menschen ihrer Identität beraubt, beeilen sich Populisten und Demagogen, die entstehende Leere mit künstlichen Identitäten zu füllen – meistens solchen, welche den schlimmsten Perioden der eigenen Geschichte, solchen des Hasses entstammen. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden extremistische Bewegun­gen in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker werden, da nichts gegen ihre Ursachen getan wird.

Der Kosmopolitismus der Eliten

ist zweifellos zu einer welthistorischen Notwendigkeit geworden. Alle existenziellen Gefahren, denen die Menschheit heute ausgesetzt ist: die Erschöpfung der Ressourcen, die Vergiftung der Natur (Klimakrise), das neuerdings wieder stark gestiegene Risiko einer nuklearen Konflagration sind nur noch global in dem Bewusstsein zu lösen, dass wir alle uns im selben fragilen Boot befinden. Doch wenn dieser Kosmopolitismus zur Entwurzelung führt, weil er die einzig emotional reale Nächsten- durch eine abstrakte Fremdenliebe ersetzt, wird es keine Bereitschaft geben, sich dieser Notwendigkeit zu stellen. Denn globales Denken setzt die lokale Verankerung voraus, den Regionalismus. Echte menschliche Gemeinschaft, die Voraussetzung für ein erfülltes Leben, kann immer nur hier entstehen.

1. Die erstaunlichste Hetze in Nachkriegsdeutschland musste Thilo Sarrazin erleiden, weil er ein Tabu unserer Zeit verletzte. Er hatte einen kleinen Fehler gegen die vorherrschende wissenschaftliche Lehre begangen, als er die Möglichkeit in Betracht zog, die besondere Leistungsfähigkeit der Juden genetisch zu begründen. Abgesehen davon hat er aber die mangelnde Integration vor allem der arabischen und türkischen Immigranten ausschließlich auf kulturelle Ursachen zurückgeführt. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten auch die überzeugtesten Kosmopoliten dagegen keinen Einspruch erheben dürfen. Man erinnere sich an den großen Alexis de Tocqueville, der mit einer gewissen Bewunderung davon sprach, dass die Indianer Nordamerikas sich nicht der Lebensweise der Weißen anpassen wollten, weil ihr Stolz ihnen dies verbiete: Feld- und Industriearbeit waren in ihren Augen nur für Sklaven gemacht. Tocqueville als Nachfahre einer adligen Familie wusste, wovon er sprach. So klar wie Sarrazin erkannte er die kulturellen Gründe für solches Verhalten – Gründe, die sich langfristig völlig ändern können, aber eben nicht über Nacht.

Noch vor Trump zeigte sich in Deutschland, dass man den Blick auf die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht erträgt und diejenigen verfolgt, die sie ohne Beschönigung beschreiben. Die selbstdeklarierten Anständigen und Aufrechten halten sich an die Fake-Reality – die Wirklichkeit, so wie man sie sehen möchte. Kann man eine Situation wirklich verbessern, wenn man nicht den Mut besitzt, sie vorher nüchtern zu analysieren?

Sarrazin reloaded

Das bekannteste Beispiel für einen Shitstorm aus der jüngeren Vergangenheit liefert „der Fall Sarrazin“. Dieser hatte in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu 95% aus einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen geschöpft, während er sich bei den letzten 5% (seinen Äußerungen über die relative Bedeutung von Umwelt und genetisch bedingter Veranlagung) im Bereich des wissenschaftlichen Kontroversiellen bewegte. Die von ihm benutzten Fachveröffentlichungen hatten allerdings nur ein verschwindend geringes Publikum von Forschern mit ähnlichen Interessen erreicht und blieben deshalb von der Öffentlichkeit praktisch unbemerkt. Vorwerfen konnte man Sarrazin allenfalls, dass er genetisch und kulturell bedingte Unterschiede nicht klar genug voneinander abgrenzt hat. Wie wir heute wissen, erscheint Homo Sapiens seit wenigstens 50 000 Jahren in genetisch unveränderter Gestalt (wobei die genetische Variation innerhalb der großen Gruppen von Schwarzen, Weißen, Chinesen etc. größer ist als zwischen ihnen!). Dagegen hat Sapiens in kultureller Hinsicht die erstaunlichsten Wandlungen erlebt.

Anstößig wurden Sarrazins Thesen erst durch ihre Breitenwirkung; da zeigte sich augenblicklich wie sehr sie gegen die vorherrschende politische Korrektheit verstießen (meisterhaft hat Sarrazin selbst diese Korrektheit als „Tugendterror“ beschrieben). Genauer gesagt, fanden sie großen Anklang bei einer Bevölkerungsmehrheit, die sich durch die Entstehung von Parallelgesellschaften innerhalb der Großstädte Deutschlands mehr und mehr verunsichert fühlt. Politisch inkorrekt waren sie dagegen in den Augen einer Elite, die ein nicht nur begrüßenswertes sondern geradezu notwendiges Ziel durchsetzen wollte, nämlich die Integration der Fremden. Mit richtigem Gespür für den Kern dieser Deutschland damals so aufwühlenden Debatte hatte Kanzlerin Angela Merkel das Buch Sarrazins als „wenig hilfreich“ bezeichnet.

Das traf durchaus zu, wenn man es ernst mit der Verpflichtung meinte, die in Deutschland ansässigen Menschen ausländischer Herkunft wirklich zu gleichberechtigten Bürgern zu machen. Das Bestreben, die Schranken zwischen heimisch und fremd niederzureißen, ist eines der großen Friedensprojekte unserer Zeit. Aber Sarrazin lenkte den Blick darauf, dass kulturelle Unterschiede in ihrer Wirkung so bedeutsam sein können, dass sie sich durch bloßes Wunschdenken nicht überwinden lassen. Ein Buch, welches die Hindernisse vor dem Ziel erfolgreicher Integration so stark unterstreicht wie „Deutschland schafft sich ab“, musste diesen Prozess natürlich zusätzlich erschweren: Es war nicht hilfreich.

Verstand man Sarrazins Werk hingegen als eine Warnung vor unbedachter und leichtsinniger Immigration, dann erfüllte es sehr wohl einen wichtigen Zweck. Das scheinen inzwischen viele Deutsche genauso zu sehen; kaum jemand hält jetzt noch die Arme weit geöffnet, um die ganze Welt aufzunehmen. Dennoch hat sich meines Wissens bisher niemand für den Shitstorm entschuldigt, der Thilo Sarrazin über Nacht im eigenen Land zu einem Geächteten machte. Obwohl Sarrazin bis zur Veröffentlichung seines Buchs als ein führendes Mitglied der Deutschen Bundesbank eine hoch geachtete Stellung in der SPD innehatte, wird die Auseinandersetzung mit seiner Person bis heute so dargestellt, als dürfe man ihn und seine Anhänger pauschal als rechts, unaufgeklärt, fremdenfeindlich und reaktionär diffamieren, während jene, die den Shitstorm gegen ihn inszenierten, als links, fremdenfreundlich, aufgeklärt und progressiv gelten müssten. Tatsächlich hat diese Darstellung mit der Wirklichkeit wenig gemein: Die eigentliche Trennlinie verlief von Anfang an zwischen der Bevölkerungsmehrheit und den Eliten auf nationaler wie europäischer Ebene – ein aus demokratiepolitischer Sicht durchaus bedenklicher Sachverhalt, der die Gegner Sarrazins aber augenscheinlich niemals zum Nachdenken angeregt hat.

Kulturelle Schranken können sehr groß sein, da ist Sarrazin unbedingt Recht zu geben, aber Kulturen und ihre Menschen sind dennoch auf lange Sicht überaus wandlungsfähig. Man darf nicht vergessen, dass der Islam bis zur Verwüstung Bagdads durch die Mongolen (1258) den Ländern Europas weit überlegen war. Das ist dem ehemaligen Berliner Senator natürlich durchaus bewusst. Anders als wohl die meisten seiner empörten Shitstorm-Kritiker ist er durchaus in der Lage, Fehler einzuräumen, z.B. wenn er den Juden in einer Talkshow ein bestimmtes Gen zuschrieb: „Riesenunfug, was ich auch extrem bedauere. Ich habe aber nichts Falsches gesagt, sondern ich war dabei auszuführen, dass die Unterschiede der muslimischen Migranten zu anderen Migranten eben gerade keine ethnischen Ursachen haben, sie haben im Gegenteil kulturelle Ursachen.“ Nun, vielleicht hatte er da doch etwas Falsches gesagt, aber wenigstens hat er den Fehler zugegeben. Man würde sich wünschen, dass auch die Gegner Sarrazins nachträglich ihre Fehler bedauern. Zu rechnen ist damit allerdings kaum, denn wie der „heilige Prolet“ und „Montaigne Amerikas“ (über ihn mein nächster Aufsatz), Eric Hoffer, es ausdrückt, sind wir am wenigsten bereit, denjenigen zu verzeihen, denen wir selbst ein Unrecht zugefügt haben.*1*

Ein anderer Umstand gibt aber noch größeren Anlass zu Beunruhigung, obwohl das damals die wenigsten auch nur zu sehen schienen. Wenn es nämlich stimmt, dass Sarrazin 95% seines Zahlen- und Faktenmaterials aus einschlägigen wissenschaftlichen Quellen schöpfte und sie „im Großen und Ganzen“ auch richtig benutzte, dann stand in diesem innerdeutschen „Kulturkampf“ letztlich nicht mehr und nicht weniger zur Debatte als die Freiheit der Wissenschaft, deren Wahrheiten es eben manchmal so an sich haben, dass sie weniger hilfreich sind. Die Wirklichkeit, wie sie ist – und die Wissenschaft sie beschreibt – ist eben oft nicht so, wie die Politik sie gern sähe. In autoritären oder gar totalitären Staaten wird in solchen Fällen das Denken gleichgeschaltet, damit Wunschbild und Realität übereinstimmen. Erst kommt dort die Tugend und danach meist der Terror. In demokratischen Staaten war das bisher nicht üblich.

1 In all meinen Büchern bin ich immer für größere soziale Gerechtigkeit eingetreten, einige der schärfsten Angriffe gegen das vorherrschende neoliberale Wirtschaftssystem findet man in meiner nachfolgend genannten Arbeit. Andererseits habe ich mich nie mit jener Linientreue und bonzenhörigen Engstirnigkeit abgefunden, die schon seit Aufkommen der linken Bewegungen mehr bei ihnen als im rechten Lager zu finden war. Man höre und staune: Die Chefredaktion des Standards hielt es für nötig, nach diesem Artikel über Sarrazin das Löschen ihrer Adresse aus meinem Verteiler zu fordern. Dazu muss man wissen, dass dieselbe Zeitung keineswegs davor zurückschreckte, einer offenkundigen Scharlatanerie wie dem Buch von Franz Hörmann über das „Ende des Geldes“ einen euphorischen Artikel zu widmen. Es ist traurig zu sehen, dass Linientreue entscheidet – nicht intellektuelle Redlichkeit, von Niveau ganz zu schweigen.

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).

Klimawandel und Massenmigration

Ich habe das Glück, in einem Staat zu leben, wo niemand Hunger leidet, man weder wegen seines Glaubens, noch seiner Hautfarbe oder Rasse verfolgt wird und selbst nachts nicht zu befürchten hat, von Verhungernden, von verzweifelten Dieben oder politischen Fanatikern aus dem Hinterhalt angegriffen oder ermordet zu werden. Klimawandel und Massenmigration weiterlesen