Der unheilige Martin – christliche Moraltheologie und Kapitalismus

Mit dem Strom schwimmen Opportunisten, gegen ihn schwimmen mutige Außenseiter. Eine solche Rolle hat der katholische Moraltheologe Martin Rhonheimer, seines Zeichens Ethikprofessor an der Päpstlichen Universität Rom, übernommen. Während das Oberhaupt seiner Kirche, Papst Franziskus, vom Kapitalismus sagt: „Diese Wirtschaft tötet“, behauptet Rhonheimer das genaue Gegenteil: Die kapitalistische Wirtschaft schaffe Wohlstand. Seiner Meinung nach habe der heilige Martin keineswegs richtig gehandelt, als er seinen Mantel teilte. Stattdessen hätte er besser daran getan, eine Mantelfabrik zu gründen.

Der Gedanke lässt noch weitere Folgerungen offen. Wäre der Heilige zum Beispiel ein vermögender Mann gewesen, dann hätte er nicht etwa hundert Mäntel an hundert Leute verteilt, geschweige denn, ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen gewährt, vielmehr hätte er die Armen aufgefordert, sich selbst zu helfen, indem sie Mäntel in einer Werkstatt nicht nur für sich selbst produzieren, sondern obendrein noch für viele andere Menschen – ein typischer Fall von kapitalistischer Reichtumsvermehrung!

Wir wissen, welche Leute die These Rhonheimers beklatschen,

nämlich die Reichen und Mächtigen. Sie werden dem Moraltheologen Dank dafür wissen, dass er ihnen einen Abglanz von St. Martins Heiligenschein verschafft. Wir wissen natürlich genauso, welche Leute seine These verdammen, nämlich die Armen und Ohnmächtigen. Zweitausend Jahre lang stand die Kirche – nicht nur, aber doch vor allem – auf Seiten der Mächtigen. Dagegen hat das Grün­dungsdokument der Kirche, die evangelische Botschaft Jesu Christi, und in deren Gefolgschaft eben auch Papst Franziskus eindeutig Stellung für die Ohnmächtigen bezogen. Das tut übrigens auch Carina Kerschbaumer, die Rezensentin der Kleinen Zeitung, eines österreichischen Regionalblatts, die den Theologen schlicht des Zynismus bezichtigt.

Wer hat Recht in dieser Auseinandersetzung,

die so alt ist wie der Kapitalismus selbst, aber die Geister immer wieder von Neuem bewegt und gegeneinander stellt? Tatsache ist, dass die Gegner und Befürworter dieser These sich in der Regel unversöhnlich bekämpfen. Ich selbst hatte Herrn Rhonheimer dazu gratuliert, dass er es wagt, eine so unpopuläre These öffentlich zu vertreten, hatte aber gleichzeitig darauf bestanden, dass sie sehr gewichtigen Einschränkungen unterliegt. „Gewichtige Einschränkungen“?, schrieb Herr Rhonheimer zurück. „Was meinen Sie damit?“ Offenbar ist der Theologe vorbehaltlos auf den Kapitalismus eingeschworen.

I) Zählen wir zunächst die fünf Argumente auf, die für Rhonheimers

Verteidigung des Kapitalismus sprechen. Es sind dies 1) das historische, 2) das faktische, 3) das kontradiktorische, 4) das demographische und 5) das logische Argument.

1. Das historische Argument:

Die industrielle Revolution „hat die äußeren Zwänge der Daseinserhaltung, wie sie für die agrarische Lebensweise bestanden, überwunden und aufgehoben… Indem sie menschliche Sklaverei durch fühllose Maschinensklaven ersetzte, erlöste sie die unteren 90 Prozent innerhalb kürzester Zeit aus ihrer Abhängigkeit und machte sie erst de jure zu gleichwertigen Menschen und schließlich de facto. Das ist – trotz allen Schatten, die sich jedem Menschen zumindest in der westlichen Welt aufdrängen, wenn von industrieller Revolution und Kapitalismus die Rede ist – die unbestreitbare historische Leistung dieser großen geschichtlichen Wende.“*1*

2. Das faktische Argument

Es lässt sich besonders gut am kometengleichen Aufstieg Chinas illustrieren. Dieser ist einerseits das Ergebnis des besonderen Fleißes seiner Bevölkerung. Diesen Fleiß hatte es allerdings immer schon gegeben, ohne dass er zu spektakulären Ergebnissen führte. Erst profitsüchtige Kapitalisten haben mit dem Segen von Deng Xiaoping den westlichen Kapitalismus und kapitalistische Investitionen eingeführt und den Fleiß der Chinesen dadurch in Richtung von Wachstum und sprunghaft zunehmendem Reichtum gelenkt.

„Mit strategischer Beharrlichkeit haben die Chinesen einen Pfad beschritten, der zunächst überaus harte Opfer von ihnen verlangte, denn er lief im Wesentlichen darauf hinaus, dass man die Drecksarbeit der industriellen Produktion aus den Staaten des Westens ins eigene Land übernahm, und zwar ohne dabei auf Mensch und Natur Rücksicht zu nehmen. Das hätte die Produktion verteuert und den Aufstieg entsprechend verzögert.

Westliche Investoren kamen ja nicht aus Menschenliebe, sondern auf der Suche nach möglichst hohem Profit. Zu minimalen Kosten ließen sie in China zunächst jene Waren erzeugen, die sie dann mit sattem Gewinn in ihren Heimat­ländern verkauften; erst später, als die chinesische Bevölkerung selbst bereits über ein Mindestmaß an Kaufkraft verfügte, ging es ihnen auch um den dortigen Markt – aber man sollte es nochmals ganz deutlich sagen: Irgendwelche Sympathie mit den leidenden Massen oder die Absicht, das Land zu entwickeln, hat westliche Kapitalisten niemals ins Land gezogen. Dadurch bestätigen sie das berühmte Verdikt von Adam Smith, wonach wir weniger vom Wohlwollen eines Wirtschaftssubjekts zu erwarten haben als von dessen wohlverstandenem Inter­esse… Es stimmt, dass China bisher nur in den Küstenregionen und in wenigen Knotenpunkten des Hinterlands denselben materiellen Lebensstandard wie die Länder des Westens erreicht. Aber angesichts eines Wachstums von über sechs Prozent schreitet die Vermehrung des nationalen Reichtums in Riesenschritten voran; es ist nur eine Frage der Zeit, bis China die Staaten des Westens, allen voran die USA, überholt haben wird, denn Letztere verschulden sich mit jedem Jahr mehr – sie werden ärmer -, während China zu ihrem wichtigsten Gläubiger aufrückte und mit jedem Jahr reicher wird.“*2*

3. Das kontradiktorische Argument (Versagen der Entwicklungshilfe)

Keine Entwicklungshilfe (die man kommunistischen Ländern ja ohnehin nicht gewährte) hätte das unter Mao noch völlig unterwickelte China in wenigen Jahren so schnell zu einer Supermacht aufrücken lassen wie profitsüchtige kapitalistische Investoren. Im Eiltempo und unter Einsatz gewaltiger Mengen an Kapital haben diese zunächst in Shenzhen und bald auch an der ganzen chinesischen Pazifikküste ihre Produktionsstätten (für Mäntel und vieles andere mehr) erbaut… Entwicklungshilfe – also staatlich gefördertes Teilen – hat überall auf der Welt bestenfalls marginale, oft aber auch gar keine Resultate hervorgebracht, während die schon von Adam Smith als mächtiger Antrieb beschriebene Gewinnsucht, die anderen dazu verhilft, sich selbst zu helfen, Milliarden von Menschen innerhalb von nur zwei Jahrhunderten zu einem in der ganzen Geschichte einzigartigen Reichtum verhalf.

4. Das demographische Argument

„Bis zur industriellen Revolution hat Wettbewerb in sämtlichen alten Großkulturen, wenn überhaupt nur eine marginale Rolle gespielt. In Indien, China, Mittelamerika und den führenden Staaten Europas waren an die neunzig Prozent der Bevölkerung dazu verdammt, als geknechtete Nahrungslieferanten für die oberen zehn Prozent zu dienen. Sie waren Bauern von der Wiege bis zur Bahre, weil es keinen Wettbewerb gab, der ihnen ermöglicht hätte, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und aus ihrer dienenden Stellung aufzusteigen. Nicht Wettbewerb entschied darüber, welche Privilegien ein Mensch bis zu seinem Tode genießen oder welches erbärmliche Los er bis dahin erdulden musste, sondern ausschließlich seine Geburt. Für neunzig Prozent der Bevölkerung lief das auf eine Fron mit dem Urteil: „lebenslänglich“ hinaus.

So sah die Gesellschaft aus, bevor der kapitalistische Wettbewerb in ihr aufkommen durfte. Man vergesse nicht: Zwischen den unteren neunzig Prozent und den Herren war er ohnehin so gut wie ausgeschlossen. In der Regel starb jeder in derselben niedri­gen Stellung, in die er geboren wurde. Doch auch der Wettbewerb unter Glei­chen war für die fronende Mehrheit so gut wie ausgeschlossen, weil er ihr in der Regel nur Schaden brachte. Es lohnte sich ja nicht, besser als der Nachbar zu sein. Gelang es einem tüchtigen Landwirt aufgrund technisch überlegener Methoden oder vermehrter Arbeit mehr zu produzieren als seine Nachbarn, dann wurden die Steuereintreiber sofort auf ihn aufmerksam, und es fielen dann im nächsten Jahr nur umso höhere Abgaben an (mindestens zehn Prozent für die weltlichen und noch einmal zehn Prozent für die geistlichen Herren).

Aus diesem und keinem anderen Grund – sicher nicht aus einem Mangel an Neugier und Intelligenz – pflegte die Landbevölkerung erzkonservativ zu sein. Jede Neuerung war ihr verdächtig, weil sie für jeden Mehrertrag in der Regel mit höheren Steuern zu büßen hatte. Das war die unbarmherzige Realität für die Be­völkerungsmehrheit, solange es keinen Wettbewerb gab. Freiheit von Wettbewerb war kein Glück, sondern darin lag im Gegenteil der eigentliche Grund für ihr Unglück.

Und was für ein Unglück! In der Mehrzahl aller Staaten (vor allem in den bevöl­kerungsreichsten Kulturen) wurden die Nahrungslieferanten – eben jene über­wältigende Mehrheit – von der weltlichen und geistlichen Macht so sehr ausge­quetscht, dass ihnen in aller Regel nur das Minimum für das eigene Überleben blieb. Bauernaufstände – das gerade Gegenteil einer auf wettbewerbsfreier Harmonie begründeten Gesellschaft – waren in allen Großstaaten endemisch, doch selbst diese Aufstände nützten den Bauern nichts oder wenig. Noch zu Zeiten Luthers – und mit seinem Segen! – wurden sie mit hemmungsloser Brutalität von den oberen zehn Prozent unterdrückt oder blutig niedergeschlagen.

Erst im 18ten Jahrhundert begann sich die Welt für die bis dahin in allen großen Staaten geknechtete Mehrheit allmählich zu verbessern. Zwar nicht sofort – die erste Phase der Industrialisierung pflegte gegen die Ärmsten im Gegenteil sogar noch brutaler zu sein als ihre vorherige Existenz (hier ist Marx unbedingt Recht zu geben). Doch war dies ein vorübergehendes Übel. Denn mit industrieller Revolution und Kapitalismus kam auch der institutionalisierte Wettbewerb – beide zusammen haben die Massen aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit erlöst. Heute reicht ein Bevölkerungsanteil von drei Prozent, um in den entwickelten Staaten der Erde die Nahrung für die übrigen siebenundneunzig Prozent zu erzeugen. Und selbst diese drei Prozent genießen die freie Berufswahl: Sie sind nicht von Geburt aus dazu verdammt, diesen und keinen anderen Beruf auszuüben. So wurde das bisherige Modell der Geschichte innerhalb von zwei Jahrhunderten durch den Kapitalismus vom Kopf auf die Füße gestellt.“*3*

Jetzt konnten immer größere Bevölkerungsteile die eigene Initiative und Intelligenz für sich selbst und das Gemeinwohl nutzbar machten. Industrielle Revolution und Kapitalismus übten daher eine geradezu explosive Wirkung aus – einzigartig in der gesamten bisherigen Geschichte.

5. Das logische Argument

Der Wettbewerb – und nicht sein Gegenteil, nämlich seine Unterdrückung in sämtlichen großen Agrarkulturen – hat jene soziale Vision ermöglicht, die den Aufklärern im 18ten Jahrhundert vor Augen stand: eine Gesellschaft, wo nicht das Privileg, sondern einzig die persönliche Fähigkeit zählt. Warum hat diese Vision sich bis heute nicht oder jedenfalls nur sehr unvollkommen verwirklicht?

Daran war „nicht Wettbewerb schuld, sondern die Unfähigkeit, ihn zu bändigen, damit er wirklich allen zugutekommt. Denn der Sieg der Stärkeren, Intelligenteren, Einsatzbereiteren bildet ja an sich keine Gefahr. Da sich Intelligenz und Können in jeder Generation auf andere Köpfe verteilen, hat nur Wettbewerb das Potenzial, die Bildung von sozialen Klassen ganz zu verhindern – also eine wahrhaft klassenlose Gesellschaft hervorzubringen. Individueller Reichtum führt nur dann zwangsläufig zur Bildung sozialer Klassen, wenn er durch Geburt und eben nicht durch die Auslese der Besten erworben wird. Daher bringt nicht der Wettbewerb, sondern allein seine Aufhebung und Beeinträchtigung dauerhafte soziale Ungleichheiten hervor.“*3*

Solange wirklich nur die eigene Leistung zählt, werden Reichtum und soziale Wertschätzung permanent an jeweils andere Individuen vergeben.

Fazit:

In jeder Wirtschaft werden Menschen getötet, vergleichen wir aber die letzten zweihundert Jahre mit den zehntausend seit der neolithischen Revolution, so ist Papst Franziskus eindeutig im Unrecht, während wir Rhonheimer Recht geben müssen. Die industrielle Revolution, die den Kapitalismus und die Nutzung fossiler Ressourcen ermöglichte, hat nicht nur die Zahl der Menschen in zweihundert Jahren mehr als versiebenfacht (von ca. einer Milliarde im Jahr 1800 auf etwa sieben zweihundert Jahre später), sondern den meisten Bewohnern auch noch ein längeres und materiell weit besseres Leben ermöglicht. Während der vergangenen fünfzig Jahre kamen Hungersnöte nur ausnahmsweise vor. Bis ins 18. Jahrhundert haben sie überall auf der Welt regelmäßig ganze Bevölkerungen niedergemäht.

II) Was spricht gegen die These des Moraltheologen, wonach der Kapitalismus im Heiligenschein von Sankt Martin glänzt?

Es sind im Wesentlichen vier Argumente: 1) zunehmende Ungleichheit, 2) Sozialabbau bei fehlendem Wachstum, 3) der unabwendbare ökologische Kollaps durch einen ungezügelten Kapitalismus und 4) das Wettrennen der Nationen, welches beides beschwört: den ökologischen Kollaps und die Selbstauslöschung des Homo insapiens

1. Das Argument zunehmender Ungleichheit

„Die kurzfristigen Erfolge des Wettbewerbs sind fast immer segensreich. Erst in langfristiger Perspektive zeigt sich, dass ohne den regulierenden Eingriff des Staats die Vermögen sich mit mathematischer Zwangsläufigkeit immer mehr konzentrieren, bis schließlich mit dem einen Prozent der Superreichen an der Spitze einer Gesellschaft aus einer Herrschaft des Volks (Demokratie) eine solche des Reichtums (Plutokratie) geworden ist. Gerade in einer altehrwürdigen Demokratie wie der amerikanischen ist der Prozess der Refeudalisierung bereits sehr weit vorangeschritten. Kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten sich einen Präsidenten gefallen lassen, der die größte Ähnlichkeit mit einem Soldatenkaiser des imperialen Rom aufweist.“*3*

Laut Thomas Piketty bezieht das oberste Prozent der Amerikaner 20% aller Einkommen (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einkommensverteilung-wo-die-ungleichheit-am-groessten-ist-1.3791583). Bei der Verteilung der Vermögen ist die Ungleichheit jedoch sehr viel größer, weil die überschüssigen Einkommen sich über die Jahre als Vermögen kumulieren.

2. Das Argument vom Sozialabbau bei fehlendem Wachstum

Solange es Wachstum gibt, profitiert in der Regel die ganze Bevölkerung – wenn auch in unterschiedlichem Maße. Gibt es kein Wachstum, dann können die Rei­chen ihren Reichtum nur noch auf Kosten der Armen und Ärmeren vermehren. Durch Umverteilung von unten nach oben wird Reichtum dann bei der Bevölkerungsmehrheit abgebaut.

„In aufstrebenden Staaten wie China und Indien wird diese Gefahr am wenigs­ten wahrgenommen, weil die Mehrheit sich gerade aus ihrer unverschuldeten Unmündigkeit befreit. Da fällt es kaum auf, dass auch die Zahl der Milliardäre beständig im Steigen ist. Dafür werden die alten Industrienationen umso stärker durch die Konzentration der Vermögen geschädigt. Die relativ Armen können ihren Wohlstand nun kaum mehr vermehren, sondern beginnen ihn im Gegenteil zu verlieren – nämlich relativ zur reichen Spitze der oberen Zehntausend. Daher der immer lautere Protest gegen den neoliberalen Kapitalismus, der schließlich nur noch eine Minderheit reicher macht.*4*

Mit dieser unheilvollen Entwicklung, die regelmäßig die schon errungenen Erfolge wieder zuschanden macht, sollten sich die soziale Theorie und die Reformer beschäftigen – nicht mit den wilden Träumereien eines Karl Marx von einer klassenlosen Gesellschaft, die ohne Wettbewerb in ewiger Harmonie existiert. Diese Utopie widerstreitet aller historischen Evidenz.“*3*

(Das Argument der Arbeitsvernichtung durch technologischen Fortschritt mag hier unberücksichtigt bleiben, weil es meines Erachtens keine eindeutigen Schlüsse erlaubt).

3. Das ökologische Argument

„Den Staaten des Westens haben mehr als zwei Jahrhunderte Wachstum einen historisch einzigartig hohen Lebensstandard beschert. Inzwischen erfüllt Wachstum bereits den fragwürdigen Zweck, die Bevölkerung zu einem Konsum des Überflüssigen zu verleiten. Auch davon profitieren die Investoren, aber ebenso auch die arbeitenden Menschen in Büros und Fabriken. Je mehr neue Produkte auf den Markt gelangen und alte zugleich auf den Müll, umso eher kann ein Staat mit einer maximalen Beschäftigung seiner Menschen und einem hohen Profit neuer Investitionen rechnen. In der „Wegwerfgesellschaft“ wird andauerndes Wachstum längst nicht mehr durch echte Bedürfnisse genährt, sondern durch die Forderung nach Vollbeschäftigung und Profit.

Wachstum hat jedoch nur so lange einen Sinn, wie es dem Leben des Men­schen dient, ohne seinen Lebensraum zu zerstören. Der Sinn allen Wachstums geht völlig verloren, wenn dieses den Globus mehr und mehr schädigt, sei es durch den Klimawandel, die Überlastung der Böden, das Leerfischen der Meere, die Vernichtung der Arten oder die Verstrahlung durch die nuklearen Abfälle von Atomkraftwerken.*5* Selbstverständlich ist Wachstum kein Wert an sich.“*1*

4. Das Wettrennen der Nationen

Es gehört zu den Grundeinsichten der Medizin wie der Philosophie, dass ein Stoff, ein Medikament, eine soziale Praxis, wenn man sie in Maßen genießt, segensreiche im Übermaß dagegen tödliche Wirkungen erzielen können. Das gilt in besonderem Maße für den kapitalistischen Wettbewerb. „Wettbewerb… ist gebändigter Kampf, der nur dann ertragen wird, wenn es Refugien wie die Familie, Partnerschaften, Freundschaften gibt – kurz Gemeinschaften des bedingungslosen Vertrauens -, in denen man sich von ihm zu erholen vermag. Wir sahen, dass der Wettbewerb jene Kraft war, welche die unteren neunzig Prozent aus ihrer Abhängigkeit erlöste – insofern war er der mächtigste Antrieb der Moderne. Doch wurde er nur dadurch erträglich, dass die Familie den täglichen Rückzug in eine Gemeinschaft erlaubte, wo es eben gerade keinen Wettkampf geben durfte, weil jeder den anderen gibt, was er zu geben vermag – ungeachtet seiner jeweiligen Fähigkeiten.

Im Wettbewerb dagegen zählen allein die objektiv messbaren Fähigkeiten. An ihnen wird der Wert eines Menschen auf der sozialen Skala bestimmt, und zwar möglichst in Geldeinheiten (he is worth so many dollars). Diese permanente Bewertung jedes einzelnen Bürgers nach seinem jeweiligen „Output“ wird inzwischen als durchaus normal betrachtet. Schriftsteller und Musiker werden nach der Menge ihrer Eintragungen in der Google-Suchmaschine bewertet, Wissenschaftler danach, wie oft ihre Peers sie zitieren, Spitzenkräfte danach, ob das Nobelpreiskomitee in Stockholm sie kürt, Superreiche danach, welchen Rang sie auf der Liste von Forbes einnehmen. Mittlerweile wird auch schon jeder Angestellte eines Konzerns lebenslänglich in internen Bewertungslisten gereiht… Wir leben in einer Gesellschaft des generalisierten Wettbewerbs, dessen ideales Ziel letztlich darin besteht, den Wert jedes Individuums im Verhältnis zu allen anderen in einer einzigen Zahl zu komprimieren, so als wären menschlicher Wert und Würde eine messbare materielle Substanz!“*1*

Dieser generalisierte Wettbewerb, der auch auf die bisherigen Refugien wie Familie, Freund- und Partnerschaften übergriff und sie weitgehend zerstörte, ist verantwortlich „für die seelische Not, das allgemeine Unbehagen an der modernen Zivilisation.“*1* Er ist verantwortlich für einen Hass, der sich in den alten Industrienationen – im Gegensatz zu aufstrebenden Ländern wie China und Indien – gegen Kapitalismus, Neoliberalismus etc. richtet.

Und zwar inzwischen durchaus zu Recht, denn der außer Rand und Band geratene kapitalistische Wettbewerb ist zu einer globalen Bedrohung für Mensch und Natur geworden.

Jeder Staat ist heute bemüht, im Hinblick auf materielle und militärische Macht nicht hinter den anderen zurückzubleiben, sondern im Wettrennen der Nationen möglichst weit an die Spitze zu gelangen. „Dieses Wettrennen der Menschheit gegen sich selbst vereitelt alle Versuche, das Leben unserer Spezies auf den Pfad der Nachhaltigkeit zu lenken. Denn jeder Staat, der damit beginnt, riskiert eine hoffnungslose Unterlegenheit gegenüber allen anderen Staaten, solange diese seinem Beispiel nicht folgen. Kein Staat aber wird ihm folgen, wenn er im Gegenteil aus der Verweigerung solchen Verhaltens für sich selbst besonderen Nutzen zieht.

Im Verhältnis der Staaten herrscht hier ganz dasselbe Gesetz wie im Verhältnis der Individuen. Wir alle mögen noch so sehr überzeugt sein, dass der weltweit wachsende Flugverkehr den ökologischen Fußabdruck mit der Zeit ins Unerträgliche steigern wird. Diese Überzeugung führt allenfalls bei einigen Idealisten zu einem Verzicht. Die Mehrheit aber hält sich nicht an ihr Beispiel. Solange nicht alle auf diese bequeme Art des Transports verzichten, muss jeder sich als der Dumme betrachten, der seinerseits diesen Schritt vollzieht – und dabei erleben muss, dass sich an der gesamten Situation durch sein eigenes Verhalten nicht das Geringste ändert.“*2*

„Solange das seit einem dreiviertel Jahrhundert den Globus beherrschende Wettrennen der Nationen weiter besteht, gibt es nicht die geringste Hoffnung, dass die Menschheit aus den beiden Karussells ausbrechen wird: der Naturzerstörung und dem nuklearen Endzeitrüsten. Jeder Pionier, der mit gutem Beispiel vorangeht, würde im Verhältnis zu allen anderen der Dumme sein, der sich selbst aufopfert – aus dem guten würde augenblicklich das schlechteste Beispiel werden.

Die ominöse Sackgasse, in welche die Menschheit sich hineinmanövrierte, lässt sich noch drastischer beschreiben. Solange die Welt aus einzelnen souveränen Nationen besteht, die einen fortwährenden Kampf um die größere ökonomische und militärische Macht ausfechten, läuft die Menschheit in vollem Bewusstsein geradewegs auf den Abgrund zu… Mit Sicherheit werden wir die Waffen mit jedem Jahr noch etwas mehr perfektionieren, bis wir den Punkt erreicht haben, dass sie eines Tages von selbst explodieren. Und mit Sicherheit werden wir, sobald auch Innerasien und Afrika denselben Lebensstandard wie wir besitzen, nicht nur drei, sondern schon bald zehn Globen verheizen – bis jener einzige, mit dem wir auskommen müssen, nur noch ein leeres, totes Gehäuse ist. Das Wettrennen der Nationen muss in einer Sackgasse enden, aus der es kein Entrinnen gibt.“*3*

„Das wird sich erst ändern und kann sich überhaupt nur unter der Voraussetzung ändern, dass eben keiner einen Nachteil erleidet. Wir wissen, auf welche Art dies geschieht. In Bürgerkriegen kann es dazu kommen, dass alle Menschen mit einem Gewehr über der Schulter durch die Straßen gehen. Jeder der als erster auf die Waffe verzichtet, handelt sich einen großen Nachteil ein. Damit der Kampf aller gegen alle beendet wird, bedarf es einer übergeordneten Autorität, d.h. des Staats, damit die Situation für alle wieder die gleiche wird, wenn jeder auf seine Waffe verzichtet.

Dasselbe gilt für den verhängnisvollen Wettlauf der Menschheit gegen sich selbst, den sie erst zu beenden vermag, wenn eine übergeordnete Instanz – eine Weltregierung – eine Situation der Gleichheit garantiert, sodass kein Einzelstaat durch seinen Verzicht auf Wachstum, GDP und Wettbewerb-Mentalität in selbstmörderischen Nachteil gerät. Der Krieg gegen die Natur wird sich erst abwenden lassen, wenn eine solche Instanz allen Staaten den gleichen Verzicht auferlegt. Einmal eingeführt, wird dieser Verzicht dann aber augenblicklich zur größten Chance für Mensch und Natur – nicht anders als das Ablegen der Gewehre in einer friedlichen Gesellschaft.“*2*

Fazit:

Der technologie- und wettbewerbsgetriebene Kapitalismus trägt die Verantwortung für eine global schnell voranschreitende ökologische und militärische Destabilisierung. Und hier liegt der Haupteinwand gegen die These von Martin Rhonmeier. Die dauernde Mehrproduktion von Mänteln und Waffen muss ein Ende haben. In unserer Zeit ruft der heilige Martin wieder zum Teilen auf – es geht um nicht weniger als um das Überleben von Mensch und Natur. Konnte der Heilige vor hundert Jahren noch mit gutem Gewissen jedes Jahr Tausende neuer Fabriken gründen und den Reichtum dadurch vermehren, so muss er der heutigen Menschheit kategorisch verbieten, die Plünderung und Vergiftung des Planeten noch weiter voranzutreiben. Er muss sie daran erinnern, dass das Teilen jetzt wieder an erster Stelle kommt. Angesichts dieser völlig neuen Situation hat Papst Franziskus recht, während Rhonheimer die falsche These vertritt.

Anmerkungen:

1. Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte. Amazon

2. Frieden, Krieg und Klimawandel. Amazon

3. Homo IN-sapiens. Amazon

4. Größtes Misstrauen ist gegenüber dem üblicherweise verwendeten Messinstrument für soziale Ungleichheit angebracht. Der Gini-Koeffizient misst die Verteilung von Vermögen oder Einkommen unabhängig von der Art ihres Erwerbs. Eine Gesellschaft mit völliger Gleichheit aller Einkommen, in der die Hälfte der Bürger diese aus Zinsen oder Dividenden (d.h. dem Schweiß anderer Menschen bezieht), ist aber eine wesentlich andere als eine, in der alle Einkommen oder Vermögen aus eigener Arbeit entstehen. Dieser wesentliche Unterschied wird vom Gini-Koeffizienten völlig verdeckt.

5. Der amerikanische Journalist Robert Gerwin hatte bereits 1959 folgende Rechnung aufgestellt: »Würde der gesamte Energiebedarf der USA durch Atomkraftwerke gedeckt, dann würde wöchentlich so viel Radioaktivität entstehen, wie 4500 Atombomben erzeugen. … Bei dem großen Aufwand, der heute bei der Beseitigung von nur einigen Kilogramm radioaktiver Spaltprodukte erforderlich ist, kann man sich kaum vorstellen, wie unsere Enkel und Urenkel mit diesen gewaltigen Mengen fertig werden…“ Zumal Gerhart Baum, einstiger Bundesinnenminister, zu bedenken gab, dass „eine Plutoniumkugel in der Größe einer Pampelmuse genügen /würde/, um alle heute auf der Erde lebenden Menschen zu töten.“ Zit. aus Radkau (2017), S. 210, 256.

Kommentar von William E. Rees (Vater des ökologischen Fußabdrucks):

Concise, balanced and quite defensible — many thanks.  

This piece is almost Darwinian in showing how qualities, characteristics and ideas that were once adaptive can in time be come dangerously maladaptive.

Ironically, the over-enthusiastic exercise of a great idea (in this case competitive capitalism) may so change the initial environment (both cultural and  biophysical) that the culture adopting the idea may well be selected out by the resulting transformed environment.  

Oops!

Bill Rees

Hatten die Nazis ein Gewissen?

… die Existenz eines universalen menschlichen Gewissens lässt sich sogar auf einer noch elementareren Ebene nachweisen, nämlich in der Herabwürdigung anderer Menschen, einer Praxis, an der sich seit den frühesten Anfängen menschlicher Geschichte bis zum heutigen Tag wenig bis gar nichts geändert hat.

Die Herabwürdigung anderer als ein Indiz für das Vorhandensein eines universalen Gewissens?

Das scheint auf den ersten Blick ein harter Widerspruch, zumindest ein Paradox zu sein. Aber warum ist bis zum heutigen Tag nichts so sehr verbreitet wie die abwertende und manchmal geradezu vernichtende Bezeichnung der Angehörigen fremder Sippen, Stämme, Völker oder Nationen als Nichtmenschen, Unmenschen, Untermenschen, Mindermenschen, Barbaren, Verbrecher, Artfremde, Bestien usw.?

Ich meine, dass sich aus dieser Tatsache nur ein einziger Schluss ziehen lässt. Die Menschen waren sich zu allen Zeiten bewusst, dass sie gegenüber ihresgleichen human, gerecht, verständnisvoll handeln sollten– oft sogar unter dem Imperativ, sich für die eigenen Stammesgenossen zu opfern, denn mit diesen empfand man sich ja als wesensgleich. Also war es nötig, dass man diejenigen, denen man schaden, die man übervorteilen, die man bekämpfen wollte, als radikal verschieden von der eigenen Gruppe erklärte, eben als Nicht- oder Untermenschen oder auch „Artfremde“ wie die Nazis von den jüdischen Mitbürgern sagten. Vor jedem Vernichtungskrieg (im Unterschied zu ritualisierten Turnieren) wurden andere Menschen zunächst einmal auf diese Weise als zutiefst fremdartig und wesensungleich verunglimpft, sodass die an ihnen verübten Grausamkeiten und Verbrechen dann nicht länger als solche zählten – sie wurden ja nicht an vollwertigen Menschen verübt. Gerade durch dieses elementare und weltweit erwiesene Faktum wird die Existenz eines universalen Gewissens ebenso deutlich bezeugt wie die Leichtigkeit, mit der Menschen dieses Gewissen zu allen Zeiten zu überlisten und außer Kraft zu setzen verstanden.

Das galt bis gestern, als die Nazis ihre jüdischen Mitbürger zu Untermenschen erklärten, und es wird auch in Zukunft gelten, wann immer eine Gruppe, eine Regierung oder einzelne Individuen anderen die Eigenschaft von gleichwertigen Menschen absprechen, um sie dann als vogelfrei zu erklären. Es ist ja nicht wahr, dass die Nazis nicht gewusst hätten, was sie taten. Gerade weil sie es wussten, haben sie den damals größten Propaganda-Apparat einzig zu dem Zweck erschaffen, um einen Teil der deutschen Bevölkerung zu Untermenschen zu deklarieren. Das grauenhafte Wort Heinrich Himmlers von der „Anständigkeit“, die sich die SS-Leute mit ihren von Blut triefenden Händen nach Meinung des Schreibtischmörders trotz allem bewahrten, beweist, wie notwendig es war, den Massenmord vor sich selbst und vor den anderen zu rechtfertigen. „Dies durchgehalten zu haben und dabei … anständig geblieben zu sein …“ Jeder Deutsche wusste genau, was man gewöhnlich unter Anständigkeit verstand, so musste für dieses Wort eine neue Definition gefunden werden, die zu den Mördern passte.

Um Rechtfertigung waren die Nazis bis zum Schluss ihrer Herrschaft bemüht. Ohne die bösartige und ständige Hetze wäre es dem normalen Bürger kaum begreiflich gewesen, warum der jüdische Nachbar, den er täglich grüßte, den er als Arzt persönlich schätzte oder der vielleicht sogar zu seinem Freundeskreis gehörte, in Wahrheit ein Mensch mit verborgener teuflischer Absicht sein sollte: eine Gefahr für den Volkskörper. Er wusste nicht, dass die Nazis einen solchen Feind brauchten, weil man Menschen immer dann am sichersten beherrscht, wenn man sie durch Hass zusammenschweißt. Als Hermann Rauschning Hitler fragte, ob er glaube, dass der Jude vernichtet werden müsse, gab dieser zur Antwort: „Nein, dann müssten wir ihn erfinden. Man braucht einen sichtbaren Feind, nicht bloß einen unsichtbaren.“ Wie bekannt, hat Hitler nach der Wannsee-Konferenz mit diesem Vorsatz gebrochen.

Die Richter der Nürnberger Prozesse, wo man die größten Nazi-Verbrecher zur Rechenschaft zog, haben den Deutschen nach Kriegsende nur gesagt, was diese selber die ganze Zeit wussten. Sie haben das zeitweilig außer Kraft gesetzte Gewissen verkörpert. Zweifellos wäre es besser gewesen, hätte es damals einen internationalen Gerichtshof gegeben, der die schiefe Optik vermeidet, dass da nur Sieger sich an den Besiegten rächen. Doch in Ermangelung einer solchen Institution war auch die Siegerjustiz berechtigt und zu begrüßen. Umso mehr ist allerdings zu beklagen, dass der bei weitem größte Teil aller historischen Verbrechen niemals gesühnt worden ist. Schaut man auf die Zahl ihrer Opfer, so haben Stalin und Mao noch viel mehr ihrer Mitbürger umbringen lassen als die Nazis, aber kein Gericht hat sie jemals dafür zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil – sowohl Russland wie China sind inzwischen bemüht, die Geschichte auf ihre Art umzuschreiben. Hannah Arendt hat das wahre, universale Gewissen zu Wort kommen lassen, als sie den linken und rechten Totalitarismus auf ein und dieselbe Stufe stellte.

Auszug aus meinem (bisher noch ungedruckten) Buch: Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – Leben in der Ära der Streitenden Reiche. Englische Version vorläufig im Netz aufrufbar ( “In Search of Meaning and Purpose in History„).

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Fabian Scheidlers Megamaschine: Geniestreich und Gesinnungsmanifest

(auch erschienen in: Tichys Einblick)

Es gibt Bücher, welche die geistige Verfassung einer Zeit, einer Schicht, einer intellektuellen Elite schlaglichtartig beleuchten. Ein solches Buch ist einem Außenseiter ohne Vorbereitung und Vorankündigung gelungen. Wer wissen will, was sich in Kreisen von Attac, Grünen und Linken an politischer Aufklärung, an sozialer Hellsicht und historischem Überblick in aller Stille entwickelt hat, der sollte dieses Buch studieren. Fabian Scheidlers Megamaschine: Geniestreich und Gesinnungsmanifest weiterlesen

Das Unternehmen – nebst einigen Vermutungen über menschliches Glück

Menschliche Gesellschaften weisen im Allgemeinen nicht mehr als zwei Kernzellen auf: eine von beiden ist die Familie oder Partnerschaft. Allen Fortschritten der In-vitro-Technologie zum Trotz wird sie auch heute noch für den Fortbestand der Spezies Mensch gebraucht. Die andere ist das Unternehmen, eine Institution zur Sicherung der physischen Selbsterhaltung einer Gesellschaft. Auch ihr Überleben scheint einigermaßen gesichert, selbst wenn das Paradies auf Erden verwirklicht wird: die bedingungslose Grundsicherung für alle, die mit Gottes Hilfe dereinst wie Manna vom Himmel regnet. Das Unternehmen hat also Zukunft. Das Unternehmen – nebst einigen Vermutungen über menschliches Glück weiterlesen