Der Thymos und die Logik – warum wir wissen und doch nicht tun

Francis Fukuyama, der allseits gebildete US-amerikanische Politikwissenschaftler, hat in seinem bekannten Buch, „Das Ende der Geschichte“, deren Betrachtung um eine wichtige Vokabel griechischen Ursprungs bereichert – den Thymos. Dieser von Plato im „Staat“ ausgiebig verwendete Begriff ist gut geeignet, unsere heutige Situation wie mit einem Schlaglicht zu erhellen. Im „Staat“ spricht der Philosoph von Thymos, um damit eine entscheidende Dimension menschlichen Handelns zu beschreiben. Nach Meinung des Philosophen gehorche der Mensch keineswegs nur der Vernunft, es komme in Wahrheit noch etwas ganz anderes hinzu, nämlich Wille, Begierde, Leidenschaft, Zorn, Selbstbehauptung – eben Thymos. Wer diese Antriebskraft übergehe, der würde das menschliche Handeln nicht begreifen.

Diese Zweiteilung menschlicher Antriebskräfte

erscheint mir besonders relevant im Hinblick auf eine Bedrohung, die Fukuyama in seinem Buch noch unerörtert lässt, die aber im neuen Jahrhundert über Wohl und Wehe der Menschheit entscheiden wird. Die Rede ist natürlich von der existenzbedrohenden ökologischen Krise, welche sich in zweihundert Jahren fossiler Wirtschaft allmählich zusammenbraute, deren volles Ausmaß uns aber erst heute vor Augen steht. Würde unsere Antwort auf diese existenzielle Herausforderung allein der Logik gehorchen, dann gäbe es für die Menschheit nicht den geringsten Zweifel, was sie notwendig zu tun und was sie zwangsläufig zu lassen hätte. Wissenschaft – die Verkörperung von Logik und reiner Vernunft – sagt es ihr ja mit aller Entschiedenheit. Doch Thymos, also menschliche Begierden, Leidenschaften, Selbstbehauptung, Stolz usw., stellen sich der Logik als mächtige, oft auch als unüberwindbare Kräfte entgegen. Diesen Widerspruch in aller Schärfe sichtbar zu machen, ist der Zweck der folgenden Ausführungen.

I) Was uns die Logik sagt: Die radikale Wende ist zum Imperativ geworden

William E. Rees, der Vater des „ökologischen Fußabdrucks“, lässt keinen Zweifel an dem Ausmaß der Herausforderung. Sollte die Menschheit weiterhin jenen ungeheuren Raubbau an Energie und Rohstoffen betreiben, der in den entwickelten Staaten des Westens inzwischen als normal, ja sogar selbstverständlich gilt, dann könne der Globus allenfalls eine Bevölkerung von maximal zwei Milliarden tragen: also nur ein Fünftel der zehn Milliarden Bewohner, mit denen wir bis 2050 zu rechnen haben und die dann alle denselben hohen Lebensstandard wie wir für sich reklamieren.*1* Das wäre immerhin zweimal so viel wie im 18ten Jahrhundert vor Entzündung des fossilen Feuers.

Wenn diese Aussage richtig ist,

dann sind wir zu einer eindeutigen Folgerung berechtigt. Die derzeitige Entwicklung stellt mehr als nur eine heillose Überforderung der ökologischen Grundlagen dar – vielmehr führt sie das Ökosystem direkt und unweigerlich in Richtung Kollaps. Sie würde es übrigens selbst dann noch tun, wenn es uns wie durch ein Wunder gelänge, die fossilen vollständig durch grüne Energien zu ersetzen oder die Kernfusion uns überhaupt mit einem Füllhorn von Energie überschüttet. Auch in diesem günstigsten Fall, wird ja ein großer Teil der Energie weiterhin dazu verwendet, um damit Rohstoffe in Fertigprodukte zu transformieren. Billige oder sogar kostenlose Energie würde uns dazu verführen die noch vorhandenen Ressourcen sogar noch schneller als bisher aufzuzehren. Tatsache ist jedoch, dass auch die nicht-energetischen Rohstoffe bereits zur Neige gehen. Wissenschaftler wie Ugo Bardi und Friedrich Schmidt-Bleek haben das an vielen Beispielen belegt.*2* Überdies hätten wir zwar den CO2-Ausstoß und die Klimakrise wirksam bekämpft, aber nicht die sonstige Vergiftung der Natur mit allen übrigen biologisch nicht abbaubaren Rückständen unserer industriellen Zivilisation (Elektroschrott, Plastik, chemische Gifte etc.).

Die übermäßige Belastung der Natur

durch zehn Milliarden Menschen, die sich um die Mitte dieses Jahrhunderts auf dem Globus drängen werden, wäre durch die bloße Reduktion unseres fossilen Energieverbrauchs noch längst nicht beseitigt. Das Schlimmste, was uns begegnen könnte, wäre deshalb, dass die Natur sich selber hilft, indem sie – wie dies Jahrtausende lang regelmäßig geschah – auf dem Umweg über Seuchen und Kriege unsere Spezies mit Gewalt reduziert. Um dieser Gefahr zu entgehen, sagt uns eine unerbittliche Logik, dass nur eine einzige Alternative in Frage kommt, wenn wir den Übergang zu nachhaltigem Wirtschaften auf friedliche Art herbeiführen wollen – also ohne dass die Natur die Zahl der Menschen auf ihre Art reduziert. Die zehn Milliarden Bewohner, die den Globus demnächst bevölkern, dürfen nicht mehr konsumieren – anders gesagt, sie dürfen die Natur nicht stärker belasten – als maximal zwei Milliarden.

Was diese elementare Forderung schlichter Logik bedeutet,

sollte jeder auf Anhieb begreifen. Unseren bisherigen Lebensstandard werden wir radikal reduzieren müssen, damit er umweltverträglich wird – theoretisch bis auf ein Fünftel. Da der Reichtum aber bis heute sehr ungleich über die Nationen verstreut ist, liegt die Anforderung an die westlichen Staaten in Wahrheit noch um einiges höher, denn unter den sogenannten un- oder unterentwickelten Staaten (z.B. Indien, Indonesien, Madagaskar) gibt es immerhin auch solche, die bei ihrem Zugriff auf die Natur sehr wohl mit dem einzigen uns zur Verfügung stehenden Globus ihr Auslangen finden, während gerade die am höchsten entwickelten zwischen bis zu drei oder mehr Globen verbrauchen (z.B. Katar, Kanada, USA).

Dieselbe unerbittliche Logik sagt uns deshalb, dass Staaten wie die USA oder Deutschland, die für einen derart gewaltigen Naturverschleiß verantwortlich sind, ihre Ansprüche nicht bloß auf ein Drittel bis Fünftel, sondern weit darüber hinaus reduzieren müssen, vielleicht bis auf ein Zehntel, damit die übrigen, die nichtwestlichen Staaten, am Ende auch noch etwas von dem gemeinsamen Kuchen übrig behalten. Verzicht – ein Wort, das bekanntlich niemand hören will, zumal es der jungen Generation ja ohnehin schon bedeutend schlechter geht als ihren Eltern – Verzicht wird zu einer unabweisbaren Forderung, die sich aus der Prämisse logisch zwingend ergibt, wenn es stimmt, dass allenfalls zwei Milliarden Menschen einen Lebensstandard wie den westlichen aufrechterhalten können, ohne die natürlichen Grundlagen des Planeten zu zerstören.

II) Thymos: 

Wissenschaftler haben es vergleichsweise leicht. Sie brauchen sich nur von Vernunft und Tatsachen leiten zu lassen. Im besten Fall sind sie wirklich nur der Wahrheit verpflichtet. Thymos spielt in ihrem Fall keine Rolle oder allenfalls in dem Maße, als eine stimmige Theorie ihnen die erhoffte Anerkennung bei ihren Kollegen verschafft, während eine offenkundige Verfälschung der Wahrheit sie um ihr Renommee bringen könnte. Wir dürfen daher davon ausgehen, dass sie uns längst Auskunft gegeben hätten, würden sie einen anderen Ausweg als den des radikalen Verzichts erkennen.

Aber schon bei einer Partei wie den Grünen

spielt Thymos eine bedeutende Rolle. Zwar geht es ihnen natürlich um die Wahrheit, aber nur solange sich diese mit ihren politischen Absichten verträgt. Und diese bestehen vor allem darin, dass sie gewählt werden wollen, um in Staat und Politik mitzubestimmen. Auf ihr Verhältnis zur Wahrheit üben diese Absichten zwangsläufig einen starken Einfluss aus – nicht anders, versteht sich, als bei allen übrigen Parteien. Natürlich kennen viele von ihnen die relevanten wissenschaftlichen Texte zumindest den Thesen nach, doch sind sie sich nur zu deutlich bewusst, dass niemand sie wählen würde, wenn sie der Bevölkerung allen Ernstes einen radikalen Verzicht abverlangen. Eher werden sie der „heiligen Greta“ (Thunberg) dasselbe Schicksal wie der heiligen Johanna bereiten, bevor sie sich zu einer wissenschaftlichen Logik bekennen, die ihnen den erhofften Zugang zur Macht augenblicklich verstellt. Wahlen gewinnt man, indem man weitere Wohltaten in Aussicht stellt, aber nicht indem man den Wählern Blut und Tränen verheißt.

Schon eine plötzliche Halbierung des heutigen Wohlstands

würde die Menschen auf die Barrikaden bringen – das beweisen die jähen Einbrüche des Lebensstandards, die wir aus der jüngeren Geschichte kennen. Die große Inflation von 1923 hat zu politischen Konvulsionen in Deutschland geführt, aber am schlimmsten wirkte sich der schwarze Freitag von 1929 aus, der die Große Depression von Amerika nach Deutschland importierte. Eric Hobsbawm, hochgeachteter Historiker jüdischer Herkunft, der gewiss keinen Grund haben konnte, die deutsche Schuld am zweiten Weltkrieg zu relativieren oder gar schön zu reden, sieht gleichwohl einen klaren Zusammenhang zwischen der aus Amerika hereingebrochenen Weltwirtschaftskrise und der unseligen Geschichte, die mit Hitler begann und im zweiten Weltkrieg ihren furchtbaren Höhepunkt erreichte. „Ohne sie /die Weltwirtschaftskrise/, hätte es keinen Hitler gegeben… Würde der Faschismus auch ohne die Große Depression für die Weltgeschichte von Bedeutung gewesen sein? Vermutlich nicht. Italien war eine zu kleine Plattform, um von dort aus die Welt zu erschüttern… Offensichtlich war es die Weltwirtschaftskrise, welche Hitler von einem politischen Randphänomen zum Aufstieg zu einem potenziellen und schließlich tatsächlichen Meister seines Landes verhalf“ (Eric Hobsbawm, 1994).

Anders gesagt, würde Thymos

 – der begreifliche Widerstand vor allem des ärmeren Teils der Bevölkerung gegen allen Verzicht – es den Parteien, auch den Grünen, völlig unmöglich machen, eine Politik in die Praxis umzusetzen, welche den Wohlstand auch nur um die Hälfte vermindert. Leider dürfen wir darüber hinaus vermuten, dass Thymos es den Grünen sogar verbietet, wissenschaftliche Thesen wie die von William Rees überhaupt als wahr anzuerkennen. Würden sie eine so schroffe Wahrheit tatsächlich akzeptieren, dann hätten sie ihre eigene Politik des Abwartens und der Rücksichtnahme ja diskreditiert. Es ist Thymos, das politische Eigeninteresse, welches Parteien aller Couleurs dazu verleitet, wissenschaftliche Wahrheiten zu verdrängen, zu ignorieren oder sogar zu verleugnen.

Wir verstehen auch, weshalb sie dies tun

Die offensichtliche Konsequenz eines radikalen Verzichts würde ja darin bestehen, dass wir nicht nur den Flugzeugverkehr auf ein Zehntel reduzieren, sondern auch noch die Menge der Autos, einschließlich der elektrisch betriebenen (deren Verbrauch an Lithium und seltenen Erden ebenfalls für ökologische Verwüstung verantwortlich zeichnet). Jeder von uns dürfte nur noch ein Zehntel jener Menge an industriellen Gütern verbrauchen, auf deren Produktion das Wohlergehen der Unternehmen und die Einkommen der Beschäftigten beruhen. Die Folgen eines solchen Eingriffs sind evident: Sie würden in einem totalen Zusammenbruch unseres derzeitigen Wirtschaftssystems bestehen und möglicherweise zu Bürgerkriegen führen, aus denen sehr wohl ein neuer Hitler hervorgehen könnte. Denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass jeder ökonomische Zusammenbruch Populisten und Demagogen den größten Auftrieb verschafft. Hitler erklärte damals /beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise/, „niemals in meinem Leben habe ich mich so wohl und innerlich zufrieden gefühlt wie in diesen Tagen /des Zusammenbruchs/“ (Joachim Fest, 1973).

Und damit noch nicht genug. Eine derartige Umwälzung würde sich vermutlich zu Kriegen zwischen den Staaten ausweiten, denn die globale Verflechtung zwischen ihnen ist inzwischen so eng, dass keiner von ihnen radikale Maßnahmen ergreifen kann, ohne das Geflecht internationaler Abhängigkeiten zu zerreißen.

III) Einspruch der Logik: radikaler Verzicht ohne Einbußen an Lebensstandard ist sehr wohl möglich

So hin und hergerissen zwischen Wahrheit und Wollen, Logik und Thymos präsentiert sich uns die heutige Lage auf den ersten Blick als ziemlich hoffnungslos. Sie ist es jedoch weit weniger, sobald wir einen zweiten Blick wagen. Denn – so unwahrscheinlich das zunächst auch klingen mag – ein weitgehender Verzicht ist durchaus mit dem bisherigen Lebensstandard in Einklang zu bringen, vorausgesetzt, dass wir Schluss mit der Wegwerfgesellschaft machen.

Hier kommt uns wieder die wissenschaftliche Logik zur Hilfe

Der Ressourcenverbrauch lässt sich auf verhältnismäßig simple Art dadurch wesentlich reduzieren, dass wir unsere Produkte zehnmal länger benutzen und ihnen von vornherein eine zehnmal längere Lebensdauer bescheren. Wir wissen, dass die Pyramiden Ägyptens beinahe fünftausend Jahre überdauerten und unsere großen Kathedralen mehr als ein halbes Jahrtausend. Wie sollte es da in unserer Zeit – einer Zeit höchsten technischen Könnens – überhaupt ein Problem bedeuten, die Lebensdauer unserer Produkte sogar noch sehr viel mehr als über das Zehnfache hinaus zu verlängern? Der erste und einfachste Schritt würde schlicht darin bestehen, dass wir die künstliche Alterung rückgängig machen, die ein Ableben vieler Güter unmittelbar nach Ende der Garantie vorprogrammiert.

Die Folgen eines derartigen Eingriffs

sind allerdings immer noch gravierend. Würde die deutsche Industrie von einem Tag auf den anderen die Langlebigkeit sämtlicher Produkte um den Faktor zehn erhöhen, dann müssten im Extremfall Wirtschaftsleistung und Einkommen auf ein Zehntel zusammenschrumpfen.*3* Die Wirtschaftsleistung würde also im freien Fall auf einen Bruchteil sinken – so wie natürlich das gerade Gegenteil der Fall sein würde, wenn man die Lebensdauer zusätzlich reduziert. Würde die Industrie (in weltweiter Absprache mit der Konkurrenz) die Haltbarkeit aller Güter z.B. um die Hälfte vermindern, dann verdoppeln sich Wirtschaftsleistung und Einkommen – Wachstum durch größere Müllproduktion.

Was bei einer solchen Bilanzierung

allerdings ganz außer Acht gerät, ist der Saldo von Gewinn und Verlust. Zwar trifft es zu, dass bei einer Erhöhung der durchschnittlichen Lebenszeit aller Produkte, sagen wir erneut um das Zehnfache, Wirtschaftsleistung und Einkommen im Extremfall in gleichem Maß schrumpfen – auf ein Zehntel, wenn sich der Absatz entsprechend vermindert. Da der Bürger nach einer solchen Radikalkur jedes einzelne Produkt aber weit seltener einkaufen muss – z.B. nur alle zehn Jahre statt wie vorher in jedem Jahr -, ergeben sich für ihn weder Gewinn noch Verlust: Er kommt ja jetzt mit dem zehnten Teil seines ursprünglichen Einkommens aus. Er braucht deshalb auch keine Abstriche von seinem gewohnten Lebensstandard zu machen. Mit anderen Worten, der radikale Verzicht auf Wachstum muss in zentralen Sektoren der Wirtschaft nicht einmal ein niedrigeres Lebensniveau zur Folge haben.*4*

IV) Thymos: das Wettrennen der Nationen macht ökonomisches Schrumpfen undenkbar

Im Idealfall braucht das Ende der Wegwerfgesellschaft demnach durchaus keinen Einbruch des bisherigen Lebensstandards nach sich zu ziehen, aber seine Wirkung wäre dennoch für den Normalverbraucher auf Anhieb spürbar. Das Zeitalter der Innovationen würde nämlich dadurch zu einem augenblicklichen Stillstand gelangen. Wenn wir unsere Handys, Computer, Waschmaschinen, Kühlschränke usw. zehnmal länger als früher benutzen, dann sind Innovationen nicht länger gefragt, denn die kosten viel Geld – Geld, das bis dahin durch den Verkauf ständig neuer Produkte in die Kassen der Unternehmen gelangte. Wachstum und Innovation bilden ein Tandem – im bisherigen Ausmaß existieren beide zugleich oder gar nicht.

Man mache sich keine zu geringe Vorstellung von der Sucht nach dem Neuen, die für unsere Zeit so bezeichnend ist. Wir würden das goldene Kalb, um das wir alle tanzen: Innovation und Entwicklung, einfrieren müssen. Dennoch glaube ich, dass diese Hürde überwindbar ist, einfach deshalb, weil wir sie überwinden müssen, denn die Wegwerfgesellschaft bringt den Planeten um.

Unüberwindbar dagegen ist

die Forderung an einen bestimmten Staat unter den gegenwärtig herrschenden Bedingungen eines politisch polyzentrischen Globus, mit einem solchen Schritt zu beginnen. Denn hier kommt der nationale Thymos ins Spiel, der mächtigste überhaupt.

Inspiriert durch das Beispiel Greta Thunbergs und aufgestört durch immer häufigere und heftigere Naturkatastrophen werden Tausende, vielleicht Millionen von Menschen in den großen Metropolen auf die Straße gehen, um Maßnahmen hier und jetzt einzufordern. Wahrscheinlich werden sie dabei auch einige Erfolge erzielen, so wie früher schon internationale Abkommen die weitere Zerstörung der Ozonschicht verhindern konnten oder – zumindest in regional begrenztem Umfang – auch die Überfischung der Meere. Solche Abkommen werden immer dann – aber auch nur dann – möglich sein, wenn keiner der Spieler dabei Nachteile erleidet, die seine Stellung im Wettrennen der Nationen ernstlich gefährden. Sobald diese Gefahr besteht, wird es keinen Schritt weitergehen.

Denn wissenschaftliche Logik und nationaler Thymos

stehen in diametralem Gegensatz zueinander. Vernunft würde Nationen wie Deutschland, den USA oder Japan gebieten, ihre heute betriebene Naturausbeutung von durchschnittlich bis zu drei Globen auf einen einzigen zu reduzieren, da nur eine derart drastische Umstellung ihrer Wirtschaft das kollektive Überleben auch für die kommenden Generationen sichert. Aber jede Regierung, die sich zu einem derart tiefgreifenden Wagnis entschließt, würde den eigenen Staat im Verhältnis zu allen anderen sofort unwiederbringlich schwächen. Deswegen kommt sie gar nicht erst auf einen solchen Gedanken – angst-, neid- und ehrgeizgetrieben flüstert ihr der Thymos augenblicklich ins Ohr, dass sie damit nicht weniger als den eigenen Selbstmord riskiert.

Die sich daraus ergebende Folgerung

scheint mir unabweislich. Solange das seit einem dreiviertel Jahrhundert den Globus beherrschende Wettrennen der Nationen weiter besteht, gibt es nicht die geringste Hoffnung, dass die Menschheit aus der Spirale fortschreitender Naturzerstörung ausbrechen wird (so wenig wie aus dem nuklearen Endzeitrüsten). Jeder Pionier, der da mit gutem Beispiel vorangeht, würde im Verhältnis zu allen anderen augenblicklich der Dumme sein, der sich selbst aufopfert. Das wäre z.B. der Fall, wenn die EU ihre Umweltstandards so sehr in die Höhe schraubt, dass die bei uns immer noch heimischen Industrien nach China auswandern, wo sie dann weit geringeren Auflagen unterliegen und die Umwelt sogar mehr schädigen als zuvor. Nicht nur dass Europa sich selbst schaden würde, sondern in Summe auch noch der Natur: Aus dem guten würde so das schlechteste Beispiel werden.

Die ominöse Sackgasse, in welche die Menschheit sich durch diesen Wettlauf hineinmanövriert, lässt sich noch drastischer beschreiben. Solange die Welt aus einzelnen souveränen Nationen besteht, die einen fortwährenden Kampf um die größere ökonomische und militärische Macht ausfechten, läuft die Menschheit in vollem Bewusstsein geradewegs auf den Abgrund zu. Nie werden Logik und Vernunft stark genug sein, um den nationalen Thymos zu übertönen.

V) Die Stimme der Logik ist klar und unmissverständlich: das Wettrennen der Nationen muss beendet werden

Menschliche Geschichte ist in ein Stadium eingetreten, wo die unbeschränkte Souveränität der Einzelstaaten für die Menschheit insgesamt zur größten Bedrohung wird. Aus einer Chance zur Selbstbestimmung ist sie zu einer akuten Gefahr geworden: Alle Staaten drängen sich gegenseitig in Richtung Abgrund.

Doch kein entwickelter Staat wird, solange er von diesem Rennen getrieben wird, dazu übergehen, seinen Verbrauch dreier Globen auf den eines einzigen zurückzuschrauben, auch wenn das der einzige Weg zur Nachhaltigkeit ist. Ein solcher Entschluss würde ja, wie wir sahen, einen einschneidenden und zunächst überaus schmerzhaften Bruch mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem erfordern. Wer ihn geht, ohne dass die anderen ihm dabei folgen, schwächt sich selbst in so hohem Maße, dass er im Wettrennen an die letzte Stelle gerät, dort wo die gescheiterten Staaten stehen.

Denn der Abschied von Wachstum und Innovation wirft eine Wirtschaft im Verhältnis zu anderen zurück, ein starkes Schrumpfen würde sie geradezu lähmen. Solange das globale Wettrennen fortgesetzt wird, ist der Weg zu einer nachhaltigen Welt daher blockiert. Alle Nationen müssen zur gleichen Zeit und im Einverständnis miteinander auf die gegenseitige militärische Bedrohung und die ungezügelte ökonomische Ausschlachtung des Planeten verzichten.

Eine solche Gleichzeitigkeit von Absichten und Handeln

kommt aber allenfalls in kleinen Gemeinschaften spontan zustande; eine Menschheit von bald zehn Milliarden Bürgern kann weder dazu überredet werden, auf den persönlichen Besitz von Waffen zu verzichten (selbst in einer Demokratie wie den USA ist das nicht möglich) noch dazu, auf den Wegwerfkonsum zu verzichten. Die Logik gibt hier wiederum eine eindeutige Auskunft: Jede Maßnahme, die all jenen unmittelbare Vorteile verschafft, die sich nicht an sie halten, kann nur von oben durchgesetzt werden – von einer Weltregierung. Die existiert bereits heute, aber leider nur in Ausnahmefällen, wenn der UNO-Sicherheitsrat bindende Entschlüsse fast. Doch nur eine solche übernationale Instanz ist in der Lage, den Kampf von Vernunft und Logik gegen den nationalen Thymos durchzusetzen.

Um es etwas pathetischer auszudrücken: Eine Weltregierung ist die einzige Institution, welche die Menschheit vor sich selbst retten kann, weil nur sie in der Lage ist, die dazu erforderlichen Opfer notfalls auch zu erzwingen.

1 Vgl. „Ecological economics for humanity’s plague phase“ in Ecological Economics, Band 169, März 2020, 106519. Der Aufsatz wurde dem Verfasser von Herrn Rees freundlicherweise vor der Veröffentlichung übersandt.

2 Vgl. Bardi, Ugo (2013): Der geplünderte Planet. München, oekom. Und: Schmidt-Bleek, Friedrich (2014): Grüne Lügen. München: Ludwig Verlag.

3 In historischer Sicht ist es leider unbedingt richtig, wenn Naomi Klein und der Ökonom Nicholas Stern die Reduktion der Emissionen, wie sie aus einem Wachstumseinbruch resultieren, mit den schlimmsten wirtschaftlichen Katastrophen gleichsetzen: „.. an 8 to 10 percent drop in emissions, year after year, is virtually unprecedented since we started powering our economies with coal. In fact, cuts above 1 percent per year >have historically been associated only with economic recession or upheaval<, as the economist Nicholas Stern put it in his 2006 report for the British government… Only in the immediate aftermath of the great market crash of 1929 did the United States see emissions drop for several consecutive years by more than 10 percent annually, but that was the worst economic crisis of modern times“ (Klein, 2016).

5 Das Ende der Wegwerfgesellschaft als Folge einer vervielfältigten Erhöhung der Lebensdauer sämtlicher Produkte würde den Energieverbrauch natürlich nur in den verarbeitenden Industrien auf ein Minimum reduzieren. Verkehr und Heizung wären nicht betroffen. Doch grüne Energie könnte für beides ausreichen.

Von Prof. William E. Rees erhalte ich per Mail die folgende Mitteilung:

Dear Gero (if I may be so bold) – 

I much appreciate your invitation to comment on your most recent piece.  Let me say immediately that my left brain is vibrating in near-perfect harmony with the overall thrust of your arguments and your reasons for invoking general discomfort — I am certainly comfortable withany interpretations/conclusions you have drawn from my work. 

A supportive comment or two on key passages.  You note that: 

„We will have to radically reduce our current standard of living in order to make it environmentally compatible – theoretically to one fifth…

„The same inexorable logic therefore tells us that states such as the US or Germany that are still engaged in this immense exploitation of nature, must reduce their claims not only to one-third or one-fifth, but far beyond that, perhaps down to one-tenth,…:

and 

„The consumption of resources can be significantly reduced in a relatively simple way if we use industrial products ten times longer giving them from the outset ten times more durability. „

Absolutely. And as you acknowledge, these will be seen as outrageously impossible goals to most residents in high-income countries today.  However, there is a clear and surprisingly early precedent for your calculus (given the passage of time, you might even be considered conservative.)  As  I note in an already 10-year old paper on What’s Blocking Sustainability? a 90% reduction in throughput:

„… is not entirely a novel proposal. As early as 1993, a workshop report by the Business Council for Sustainable Development (now the World Business Council for Sustainable Development) concluded that “[i]ndustrialised world reductions in material throughput, energy use, and environmental degradation of over 90% will be required by 2040 to meet the needs of a growing world population fairly within the planet’s ecological means” (BCSD, 1993)“  (p. 20)

You can find my entire argument here: 

https://agrilifecdn.tamu.edu/wefnexus/files/2017/01/WhatsBlockingSustainabilityRees2010_033015.pdf

While I am at it, I thought you might be interested in other ideas in this paper that support your analysis.  For example, on the effect of competition on H. sapiens propensity to consume: 

„There is, however, a compound problem. First, despite material abundance, humans’ innate competitive drive as K-strategists seems relentless. We do not have a built-in “off” switch that is tripped by sufficiency.  Indeed, we habituate to any level of consumption (once a given level is attained, satisfaction quickly diminishes) so the tendency to consume and accumulate ratchets up. This is particularly so if we perceive that another social group—or country—is “getting ahead” faster than we are…  (p. 16)

Much of my article is dedicated to the idea (which you share) that humans are not primarily rational in their decision-making.  I argue that: 

„…humanity is a deeply conflicted species. We are torn, on the one hand, between what reason and moral judgment say we should do and what pure emotion and baser instincts compel us to do, particularly in stressful circumstances. As Damasio (1994) explains, “There are indeed potions in our own bodies and brains capable of forcing on us behaviors that we may or may not be able to suppress by strong resolution.” The neocortex, the seat of reason and logic, is a relatively late arrival on the evolutionary stage and does not always play a commanding role. In this light, it would be folly to assume that either individuals or society, especially global society, will necessarily deal rationally with evidence for accelerating global ecological change..“ (p. 19)

On inequality: 

„…..Assuming our best science is correct, the only certain way to address poverty while avoiding irreversible overshoot and “irretrievably mutilating” our planetary home is to rejig the growth machine and to implement a world program for income/wealth redistribution. Some movement toward income equalization is necessary because, apart from being morally reprehensible, gross income disparity will eventually lead to social unrest—possibly geopolitical chaos—thus making the achievement of eco-sustainability impossible “ (p. 20).

I conclude, as you do, that an unprecedented level of global cooperation is necessary if we are to resolve the crisis (I proposed a scheme called ‚Survival 2100‘ whose ultimate goal would be the creation of a much contracted, dynamic, more equitable steady-state global economy serving the entire human family within the means of nature) but, also, that the  emergence of the necessary treaty is highly  improbable: 

„…for the many reasons presented earlier in this article, there is only an infinitesimal probability that anything like “Survival 2100” will actually be initiated. Nevertheless, the effort to bring it forth is worth the potential reward. By achieving a planned sustainability, humanity, that wondrous “work in progress,” would gain an opportunity to pull itself up another rung on the bioevolutionary ladder, one in which collaborative, reasoned intelligence plays a larger role in moderating maladaptive emotion and instinct. (p. 23).

I also take the liberty of attaching a book chapter I wrote on the increasingly ‚unsustainable entanglement of nations‘.  This article, in effect, makes the case that globalization and trade have enabled population expansion, increased consumption,  greatly accelerated the eco-degradation of Earth and now threaten geopolitical stability.  You make similar points in your recent articles about the risks of excessive dependence on others. Some quotes from my paper: 

„Using ecological footprint analysis, we can show that: a) globalization and trade enable individual countries vastly to exceed their domestic carrying capacities; b) the aggregate human eco-footprint is excessive by half and; c) material trade is producing an increasingly unsustainable and destabilizing material entanglement of nations. Restructuring this system is essential if the world community is to avoid precipitating a global ‘state shift’ that could destroy human civilization.“ (p. 2)

„– this is a world in overshoot. Trade has become a negative sum game. The few national eco-surpluses are insufficient to cover most other countries’ eco-deficits. Trade-stimulated economic growth can therefore only accelerate the depletion of critical natural capital.“ (p.9)

„Indeed, the present form of globalization facilitates the increasing growth-driven entanglement of nations in a sticky web of interdependence even as it undermines the ecological foundations of the entire system. This has created a perfect storm of unsustainability. We live in an ecologically over-full world breaching the limits of critical life-support systems whose behaviour provides the very archetypes of lags, thresholds and multiple equilibria. Should any major system (e.g., global climate) be forced over a previously untested threshold into a hostile stability regime, there may be no recovery on a time-scale relevant to human civilization. Preventative action is inhibited not only by ignorance but also by denial that feeds on powerful individuals’ and nations’ short-term economic interests in maintaining the status quo.“ (p. 10)

Again, many thanks for this opportunity to respond to your piece and resonate with your ideas (and apologies if I have overwhelmed you with ‚agreement‘). 

Please do feel free to use our exchanges in any way that might enhance your new book compilation. 

Sincerely, 

Bill

PS:  You cite Hobsbawm as follows: 

„But for it /the Great Depression/, there would certainly have been no Hitler… Would fascism have become very significant in world history but for the Great Slump? Probably not. Italy alone was not a promising base from which to shake the world… It was patently the Great Depression which turned Hitler from a phenomenon of the political fringe into the potential, and eventually the actual, master of his country“ (Hobsbawm, 1994).“

Makes me ponder nervously the Trump phenomenon in the US as half the population flirts with poverty and 80 of national income growth goes to the 1%.