Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – für einen Kritischen Humanismus

Nach dem letzten Krieg, der Europa zerfleischte und die ganze Welt in den Strudel der Zerstörungen zog, gerieten rassistische Theorien zunehmend in Misskredit. Erst gewann die Forschung neue Erkenntnisse, danach folgten ihr immer größere Teile der öffentlichen Meinung. Der andere Mensch, d.h. die Mitbewohner auf unserem Globus, wurden nicht länger danach eingeteilt und bewertet, ob sie „rassisch“ unterlegen oder gar minderwertig seien. Das „Überleben der Tüchtigsten“ (survival of the fittest) wurde nicht länger als das Entwicklungsziel des Menschen gesehen, welches einer künftigen Herrenrasse auf Kosten aller anderen das Feld an der Spitze sichert. Unwiderleglich konnte die Forschung beweisen, dass der Rassismus auf bloßer Fiktion beruht. Seit mindestens 50 000 Jahren repräsentiert Homo sapiens dank gleich entwickelter körperlicher wie geistiger Fähigkeiten denselben Menschentyp überall auf der Welt, gleichgültig ob wir ihm mit leicht abgewandelten äußeren Merkmalen in China, Australien oder Grönland begegnen.

Genetische Einheit des Menschen

Dadurch ist die Einheit des Menschen zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte zur unumstößlichen Gewissheit geworden; das ist umso bemerkenswerter als der Rassismus – auch und gerade in seiner wissenschaftlichen Form – noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts überall in Ansehen und Geltung war. Der Kolonialismus wie überhaupt die meisten Kriege in der Vergangenheit setzten ja immer schon voraus, dass der Feind in irgendeiner Hinsicht unvergleichlich niedriger als die Angehörigen des eigenen Stammes, der eigenen Nation, des eigenen Volks ständen.

            Moderne Forschungen an der genetischen Ausstattung des Menschen haben diese Anschauungen widerlegt. Die genetische Ähnlichkeit zwischenden Ethnien, zum Beispiel den Chinesen, den Schwarzen, den Europäern, ist weit größer als die genetische Ähnlichkeit der Menschen innerhalb dieser einzelnen Gruppen. Aber auch die immer tiefer reichende Exploration der konkreten Lebensbedingungen früherer Generationen bis hin zu den ältesten Epochen der Jäger und Sammler trug dazu bei, die trennenden Schranken einzureißen. Um zu überleben, mussten sich Menschen zu allen Zeiten gegenüber den Zwängen der Natur und gegenüber anderen Menschen behaupten – und sie taten es während ihrer ganzen Geschichte mit ähnlicher Intelligenz und gleich großem Erfolg. Aus diesem Grunde ist Sapiens zur alleinherrschenden Spezies auf dem Planeten geworden, die – außer sich selbst – keinen anderen Feind mehr neben sich duldet.

Moralische Einheit des Menschen

In diesem Bild fehlt allerdings ein wesentlicher, ja, sogar der entscheidende Teil: Seltsamerweise hat der Mensch als moralisches Wesen in ihm keinen Platz. Die Einheit seiner motorischen Fähigkeiten, seiner Intelligenz, seines Sprachvermögens wird heute von ernstzunehmenden Denkern nicht länger bestritten, aber wenn von dem Menschen als moralischem Wesen die Rede ist, dann scheint dieses Bild schlagartig in Tausende von disparaten Teilen zerfallen. Dann sieht es im Gegenteil ganz so aus, als müssten wir uns zu einem uneingeschränkten Relativismus bekennen.

Und es sprechen ja auch einleuchtende Argumente für eine derartige Anschauung. Welcher gemeinsame moralische Sinn, so drängt sich die Frage auf, verbindet den früher täglich praktizierten Kannibalismus der Stämme Neuguineas mit der Empathie, welche ein moderner Europäer mit Migranten aus aller Welt empfindet? Welche Brücke führt von dieser uns heute so selbstverständlichen Empathie zu der gerade erwähnten, bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in Wissenschaft und Öffentlichkeit vorherrschenden Auffassung von Herrenrassen, die das Recht hätten, sich gegen die Schwächeren in aller Welt durchzusetzen? Oder wo liegt der gemeinsame Sinn zwischen den Schädeltürmen Tamerlans und Hitlers Vergasungskammern auf der einen Seite und jenen Zeitgenossen, welche sogar Rechte für unsere tierischen Mitbewohner verlangen? Was führt von der absoluten Herrschaft vergöttlichter Menschen im Zweistromland und Ägypten zur Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland? Wo liegt das gemeinsame moralische Fundament, auf der Jahrtausende hindurch die Unterdrückung der Frau begründet wurde, während sie in unserer Zeit zumindest theoretisch dem Mann gleichberechtigt zur Seite steht? Oder welches gemeinsame moralische Wollen liegt in den separatistischen Bestrebungen Kataloniens und der Ausweitung der Europäischen Union?

Übliche Einwände

Auf den ersten Blick scheinen solche Gegensätze unüberbrückbar. Wenn sie es tatsächlich wären, hätten wir allerdings mit einschneidenden Konsequenzen zu rechnen. Im Hinblick auf unsere intellektuellen Fähigkeiten würden wir zwar von einem gemeinsamen Menschsein sprechen, aber diese Erkenntnis würde uns die Anderen keineswegs näherbringen. Die Einsicht in die Einheit des Menschen war doch gerade dazu gedacht, den Rassismus zu widerlegen, der immer auf Werturteilen beruht. Gehen wir dagegen von einem moralischen Relativismus aus, weil die Akteure der Geschichte angeblich aus grundverschiedenen moralischen Antrieben handeln und daher notwendig in ewigem Konflikt miteinander stehen, dann haben wir den Rassismus durch die Hintertür wieder eingeführt. Dann haben wir ihm indirekt sogar neuerlich unseren Segen erteilt. Oder ist es nicht etwa ganz natürlich und eigentlich selbstverständlich, dass Menschen, die keinerlei moralische Gemeinsamkeit miteinander verbindet, jederzeit aus grundverschiedenen Interessen in äußersten Gegensatz zueinander geraten? Um einen modernen Vergleich zu gebrauchen, hätten wir die Welt von 50 000 vor Christus bis in die heutige Gegenwart mit Robotern bevölkert, deren eingebaute Chips im Schnitt zwar auf sämtlichen Kontinenten die gleiche Rechenleistung aufweisen – insofern gelten sie uns als ebenbürtig und gleichberechtigt. Nur leider wurden diese Roboter überall mit radikal anderen Wertvorstellungen programmiert, sodass sie hier den Kannibalismus praktizieren, dort die Nächstenliebe predigen, hier Hexen zu Zehntausenden verbrennen, dort die Frau in Minneliedern besingen. Ein konsequenter Relativismus der Werte lässt keinen Platz für ein moralisches Fundament, das allen Menschen gemeinsam ist.

            Wenn uns das Studium der Geschichte beweisen würde, dass es sich tatsächlich so und nicht anders verhält, dann müssten wir diese Erkenntnis, ob sie uns gefällt oder nicht, als unumstößliche Wahrheit akzeptieren. Dann wäre aber auch bewiesen, dass es letztlich keine Einheit unter den Menschen gibt, da ihre Werte in Zeit und Raum unvereinbar sind. Geschichte – nicht nur die des Kosmos, sondern auch unsere eigene, die menschliche Geschichte – wäre dann grundsätzlich sinnlos, weil sie für jede Generation einen je eigenen moralischen Sinn besitzt. Jede von ihnen lebt dann wie eingemauert in einem eigenen moralischen Kosmos, und es gibt keine Wege, die von einem zum anderen führen. An die Stelle der früheren biologischen Rassen hätten wir moralische Rassen gesetzt.

Wohin solche Einwände führen

Der moralische Sinn, den unsere eigene Zeit den eigenen Werten verleiht, wäre dann ebenso beliebig wie alle Wertvorstellungen, zu denen sich frühere Epochen und Kulturen bekannten. Konzepte wie Menschenrechte, Humanismus, soziale Gerechtigkeit etc., die das Denken und Handeln der Neuzeit so durchgehend bestimmen, wären in diesem Fall nicht mehr als zeitgebundene geistige Konstruktionen, deren Ablaufdatum mit dem der westlichen Kulturen zusammenfällt. Dass dies in der Tat einer weit verbreiteten Auffassung entspricht, hatte auf überspitzte, aber treffende Art schon Max Horkheimer (1895 – 1973) mit den folgenden Worten ausgesprochen: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Wer sich diesen Relativismus der Werte zu eigen macht, drückt damit mehr als nur Zweifel gegenüber allen Aussagen zu Sinn und Ziel der Geschichte aus. Darin bekundet sich ein Pessimismus, der die Einheit des Menschen genauso wirksam in Frage stellt, wie es der frühere vergleichsweise primitive Rassismus tat. Wollte man die heute vorherrschende Auffassung auf eine zugegeben sehr einfache Formel verkürzen, dann müsste man sagen, dass nach verbreiteter heutiger Auffassung Sapiens eine moralisch unberechenbare Bestie sei, aber seit mindestens 50 000 Jahren überall auf der Welt mit denselben intellektuellen und physischen Fähigkeiten begabt. In dieser Auffassung liegen Einheit des Menschen und radikale Verschiedenheit unversöhnt nebeneinander.

Gegen den Relativismus

Ich halte diese Einstellung für falsch. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn ich damit nur ein weiteres Werturteil von gleicher Beliebigkeit aussprechen würde. Aber mein Einwand zielt tiefer: Ich halte diese Einstellung für falsch aus empirischen Gründen, weil die Geschichte bei näherer Prüfung ein ganz anderes Bild vermittelt; zwar nicht an ihrer Oberfläche – solange man nur diese im Auge hat, scheint tatsächlich nur der moralische Relativismus erkennbar -, wohl aber in der Tiefe, sobald man die gemachte von der gedachten Geschichte trennt und sie einander entgegenhält, denn dann stoßen wir auf eine tieferliegende moralische Dimension, die sehr wohl eine Einheit zwischen Menschen aller Zeiten bezeugt: das Gewissen.

Die materielle Verfassung von Mensch und Gesellschaft auf der einen Seite und auf der anderen deren geistiger Reflex und Ursprung in Individuen und Kollektiven bildet das Thema dieses Buches und den Ausgangspunkt für die Suche nach Sinn und Ziel. Dank weltweit betriebener Forschungen kann die Frage nach den materiellen Grundlagen und Bedingungen menschlicher Gesellschaften – angefangen von Jäger-Sammlern bis zur Gesellschaft der Digitalen Revolution – heute in überwältigender Detailfülle beantwortet werden. Die moralische Sinngebung hingegen, die sich als Reaktion auf das jeweilige Sein ergab und den geistigen Horizont der Menschen ausfüllte, kommt dabei in der Regel zu kurz, eben weil die Tendenz besteht, sie als bloße Imagination oder Überbau abzuwerten, so unwichtig wie die Frage, ob „Rot schöner sei als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Darin bekundet sich Kurzsichtigkeit, denn in der emotional-geistigen Reaktion auf die Zwänge des äußeren Seins bestand damals und besteht bis heute alles gelebte Leben. Hier entscheidet sich, ob Menschen zu Terroristen werden oder ob sie ihr eigenes Leben und das der Gesellschaft bejahen, weil sie ihnen als sinnvoll erscheinen. Eine ausschließlich auf das materielle Sein gerichtete Geschichtsanalyse verfehlt ihren Sinn genauso wie eine rein geistig-kulturelle, welche den Zwängen der äußeren Lebensbedingungen keine Beachtung schenkt.

Der Sinn der Geschichte wird von Menschen gemacht

Denn auch in moralischer Hinsicht sind die Menschen sich über alle Unterschiede der gemachten Geschichte hinweg viel ähnlicher, viel wesensverwandter im Guten ebenso wie im Bösen, als es auf den ersten Blick scheint.[1]Richtig ist zwar, dass der Sinn von Geschichte auf keiner Gesetzestafel verankert ist, er liegt nicht außerhalb des Menschen, und ist daher auch von keiner Wissenschaft außerhalb des menschlichen Bewusstsein in der physischen Wirklichkeit nachzuweisen. Der Sinn wird von Menschen gemacht, er liegt in ihnen selbst– dort aber ist er sehr wohl zu finden, und zwar auch von der Wissenschaft, nämlich durch ein Studium der gedachten Geschichte, wenn diese sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen das eigene Handeln rechtfertigen und begründen. Wenn sich dabei zeigen lässt, dass gerade das ungerechteste, grausamste Handeln mit besonderem Nachdruck vor anderen legitimiert werden muss, dann stoßen wir auf ein allgemein-menschliches Fundament, das Gewissen, das dem Homo sapiens ebenso von jeher gemeinsam ist wie seine Gene und seine phänotypischen Merkmale.

Um das Ergebnis dieser Untersuchung vorwegzunehmen. Kultureller Relativismus und unterschwelliger Rassismus, die beide nach wie vor unser Verständnis von Geschichte prägen, beruhen auf mangelnder Kenntnis der historischen Realität, denn der Mensch ist seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell mit demselben Kapital ausgestattet, er ist es ebenso in moralischer Hinsicht. Genau deswegen gibt es einen Sinn und ein Ziel der Geschichte. Sie lassen sich in zwei Begriffen zusammenfassen: dem Gewissen einer Geeinten Menschheit. Ich sehe es als meine Aufgabe in diesem Buch, die beiden zunächst noch leeren Begriffe in der geschichtlichen Analyse allmählich mit Inhalt zu füllen.

Kritischer versus Naiver Humanismus

Wenn diese Aufgabe geglückt ist, wenn also der Nachweis gelingt, das Sapiens seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell, sondern ebenso auch in moralischer Hinsicht ein und dasselbe Wesen war und bis heute geblieben ist, dann leitet uns die vorliegende Suche zu einem neuverstandenen Humanismus, den ich von seinem Vorgänger allerdings dadurch unterscheiden möchte, dass ich ihn als „kritischen Humanismus“ bezeichne. Dieser weiß zwar um das allen Menschen gemeinsame Gewissen, aber anders als der naive Humanismus geht er nicht davon aus, dass Bildung und Aufklärung schon genügen, um Mensch und Gesellschaft grundsätzlich zu reformieren. Der naive Humanismus ist auf einer Illusion begründet: Er glaubt, man brauche dem Menschen nur die Augen für bestimmte Wahrheiten zu öffnen, und schon würde er einer Zukunft entgegenschreiten, in der es keine Kriege, keine Habgier, keine Unterdrückung, ja, wer weiß, vielleicht nicht einmal das Böse mehr gibt. Das ist leider nicht mehr als eine schöne Idee. Oder, wie Neil Postman sagt: „Luftschlösser bauen wir alle, problematisch wird es erst, wenn wir versuchen, darin zu  wohnen.“ Denn eine derartige Deutung von Geschichte steht in krassem Gegensatz zu allem, was wir von der Vergangenheit wissen. Interessengegensätze haben die ganze bisherige Geschichte bestimmt, sie gelangten nicht immer gleich stark zum Ausdruck – wie schon Thukydides wusste, hat es hat sehr wohl glücklichere und weit weniger glückliche Epochen gegeben[2]-, aber die Gegensätze zwischen Einzelnen, Gruppen und Staaten waren trotzdem immer vorhanden, und sie haben sich oft gegen das moralische Gewissen behauptet. Nichts deutet darauf hin, dass unsere Zeit in dieser Hinsicht einen Bruch mit der Vergangenheit vollzieht.

Die Verirrungen des Naiven Humanismus

Der naive Humanismus malt ein künftiges Paradies an die Wand. Auf dem Wege der sanften, öfter aber auch der gewaltsamen Aufklärung glaubt er, nur an wenigen Stellschrauben der menschlichen Psyche, Gesellschaft, Politik oder Ökonomie drehen zu müssen, um auf diese Art Schluss mit allen bisherigen Übeln zu machen. Deswegen lief diese Art des Humanismus stets Gefahr, von radikalen Kräften des linken wie rechten Lagers zu eigenen Zwecken missbraucht zu werden. Die totalitäre Beglückung anderer Menschen im Namen idealistischer Ideologien hat, wie wir aus dem vergangenen Jahrhundert wissen, größeren Schaden bewirkt als individuelle Habsucht, Gier oder Egoismus (Koestler, Arendt, Lewis). Sie hat außerdem dazu beigetragen, modische Zyniker überhaupt an der Verbesserungsfähigkeit menschlicher Gesellschaft zweifeln zu lassen.

Dennoch wird es den naiven Humanismus auch als positive Kraft immer geben, nämlich in Gestalt des gelebten Vorbilds. Wenn jemand unter größten materiellen Opfern, die er sich selbst auferlegt, seine Vorstellungen von einem guten und richtigen Leben verwirklicht ohne sie anderen aufzuzwingen, dann haben wir es mit den Heiligen früherer Zeiten zu tun.

Die Heiligen, die sich selbst zum Opfer für ihre Ideale bringen, sind aber Ausnahmen der Geschichte – die Regel waren sie nie. Sobald wir den Unterschied zwischen gemachter und gedachter Geschichte vollziehen, also zwischen den Taten des Menschen und seinem Gewissen, dann halten wir zwar am Humanismus fest, aber wir fassen ihn kritisch auf, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, dass der unmittelbare, kurzfristige Nutzen – das Streben nach Macht, nach Gewinn, nach Vorteilen des einzelnen, des Stamms, der Nation auf Kosten der anderen – das menschliche Gewissen immer wieder zu überwinden und oft sogar für lange Zeit zu beherrschen vermag. Bis zum heutigen Tag ist diese Tatsache daran abzulesen, dass Menschen in aller Regel ihresgleichen nur dann als gleichwertig akzeptierten, wenn diese sich zu behaupten, zu wehren, Widerstand zu leisten imstande waren. Um nur eines von Tausenden Beispielen zu nennen: Frankreich und Deutschland haben sich erst in dem Augenblick miteinander versöhnt, als sie einsahen, dass sie einander niemals endgültig zu besiegen vermochten. Die ganze Geschichte der Streitenden Reiche, die in diesem Buch erzählt werden wird, ist ein Beleg für diese These.

Der neue Anti-Humanismus

Der kritische Humanismus steht deshalb vor einer doppelten Front: Einerseits unterscheidet er sich von seinem naiven Gegenbild, andererseits grenzt er sich in aller Schärfe von dem neuerdings wieder um sich greifenden Anti-Humanismus ab. In unserer Zeit wie auch in der Vergangenheit tritt uns Letzterer in Gestalt des Fremdenhasses entgegen, der die Gleichheit der Menschen grundsätzlich bestreitet. Er gibt der eigenen Sippe, dem eigenen Stamm, der eigenen ideologischen Gruppe, der eigenen Nation und Religion nicht nur den Vorrang – das ist bis zu einem gewissen Grade völlig natürlich und sogar selbstverständlich, denn wenn ich nicht überzeugt bin, dass meine Gruppe, meine Überzeugungen und mein Lebensstil für mich die richtigen sind, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, warum ich sie beibehalte. Über diese natürliche Einstellung schießt der Antihumanismus jedoch weit hinaus. Er sieht sein Ziel darin, die anderen – ihre Lebensart und Überzeugungen – auf alle mögliche Weise zu diskreditieren. Im Extremfall designiert er sie als Untermenschen, deren Lebensrecht er bestreitet.

Die Dialektik der Maßlosigkeit

Aufgrund der unseligen dreizehn Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wo dieser Antihumanismus in Nazi-Deutschland zur offiziellen Ideologie gemacht worden ist, hat sich bei uns innerhalb weniger Jahrzehnte eine ideologische Kehrtwende ereignet: Der naive Humanismus manifestiert sich – oft geradezu kämpferisch – als Fremdenliebe, die bis zum Extrem der Selbstaufgabe geht (Houellebecq). Ich sagte schon, dass er sich in historischer Sicht ausnahmsweise in Menschen manifestierte, die im Ruf der Heiligkeit standen, und dann ein Beispiel dafür waren, wie Liebe alles Trennende überbrückt. Aber in seiner heute modischen Form ist der naive Humanismus totalitären Bestrebungen viel eher verwandt, weil seine Proponenten ihre eigenen Ideale der Bevölkerungsmehrheit aufzwingen wollen, wobei sie deren oftmals durchaus gerechtfertigte Interessen souverän zu missachten pflegen. Die jüngsten Entwicklungen in ganz Europa zeigen, dass der naive Humanismus, der sich aus moralischer Überheblichkeit über die Interessen einer Mehrheit hinwegsetzt, wesentlich dafür verantwortlich ist, dass der Anti-Humanismus in breiter Front wieder sein hässliches Haupt erhebt.

Leider macht der naive Humanismus nichts wirklich besser, weil er alle Lehren der gemachten Geschichte missachtet (von denen er in der Regel ja auch aus diesem Grund gar nichts wissen möchte). Um in den Worten Max Webers zu sprechen, setzt er das Wunschdenken (die Gesinnungsethik) an die Stelle einer Ethik der Verantwortung. Das hat noch nie funktioniert. Man denke nur an all jene zum Teil ganz friedlichen Gesellschaften zurück, welche die europäischen Fremden vom 16. bis zum 19. Jahrhundert mit offenen Armen empfingen, weil sie glaubten, dass ihr eigener Wunsch nach Friedfertigkeit sie vor dem Zugriff der Eroberer schützen würde. Wie sie zu ihrem Verderben erfahren mussten, wurden sie von den Kolonisatoren rücksichtslos ausgebeutet und manche unter ihnen auch vollständig ausgemerzt. Friedfertigkeit oder gar Liebe hat gegen überlegene Waffen und die Gier nach Beute nie etwas auszurichten vermocht. Gerade weil der kritische Humanismus auf der intellektuellen und moralischen Gleichheit der Menschen besteht, und zwar im Guten wie im Bösen, ist er sich der geschichtlichen Tatsache bewusst, dass Menschen – trotz des Gewissens, das ihnen allen gemeinsam ist – zunächst einmal ihren Interessen gehorchen. Würde man Politik konsequent im Sinne eines naiven Humanismus betreiben, dann kommt im besten Fall eine gut gemeinte Dummheit dabei heraus, im schlechtesten Fall führt sie zu innerer Spaltung und Unruhe. Sobald eine Bevölkerungsmehrheit sich in ihren Interessen bedroht fühlt und sich dem Willen der Elite nicht länger fügt, kann es leicht dazu kommen, dass die von oben verordnete Fremdenliebe ihr gerades Gegenteil zur Erscheinung bringt, nämlich den Fremdenhass des Antihumanismus. Diese unheilvolle Dialektik einer von der Mehrheit als maßlos bewerteten Politik kennzeichnet die gegenwärtige Lage in mehreren Staaten Europas. Wie keine andere Bewegung hat der Antihumanismus als Reaktion gegen das Wunschdenken seines naiven Gegenspielers das intellektuelle Klima in Nachkriegseuropa vergiftet.

Das Ziel der Geschichte: eine durch das Gewissen geeinte Menschheit

Der Leser wird in diesem Buch von den ersten Menschen, den urzeitlichen Jägern und Sammlern, über die Zwischenzeit der frühen ackerbautreibenden Gartenkulturen zu den hydraulischen Großstaaten geführt und von da zu einem geschichtlichen Höhepunkt, der „Achsenzeit“. Einen breiten Raum nimmt die Betrachtung der großen Agrarzivilisationen ein, die sich dem „agrarischen Abhängigkeitsgesetz“ erst zu entziehen vermochten, als die fossile Wende die Menschheit innerhalb eines Wimpernschlags der Geschichte von dem größten äußerlich vorgegebenen Zwang, der Ressourcenknappheit, kurzfristig erlöste – und dabei ganz neue Probleme schuf. Dieser Überblick ist aber kein Selbstzweck, meine Absicht erschöpft sich nicht in dem theoretischen Nachweis, dass ein allgemeinmenschliches Gewissen sehr wohl existiert und damit auch ein Sinn der Geschichte (nur der menschlichen Geschichte, versteht sich, denn in der außermenschlichen vermögen wir keinen Sinn zu erkennen). Es geht mir letztlich um die praktischen Schlüsse, die sich daraus für die Gegenwart ziehen lassen. Wer überzeugt ist, dass Gerechtigkeit und Menschenrechte, Frieden und Nachhaltigkeit zu den bleibenden Werten gehören, die uns das Gewissen auferlegt, der wird auch bereit sein, jenes keineswegs ferne Ziel einer Geeinten Menschheit zu akzeptieren, das großen Denkern wie Immanuel Kant, Albert Einstein, Bertrand Russell und Arnold Toynbee als unausweichlich erschien. Denn es geht ja um weit mehr als nur um theoretische Überlegungen: die großen Probleme unserer Zeit wie nuklearer Holocaust, Umweltzerstörung und Klimawandel sind überhaupt nur noch von einer Geeinten Menschheit zu lösen.

Eine geeinte Menschheit

Das menschliche Gewissen manifestiert sich heute global in Seattle ebenso wie in Tokyo oder Hamburg. Es ruft in aller Deutlichkeit dazu auf, die Nuklearwaffen abzuschaffen und das fossile Feuerwerk zu beenden, da beides den Planeten für zukünftige Generationen zu zerstören droht. Inzwischen gibt es Tausende von Wissenschaftlern, Nicht-Regierungsorganisationen und sogar eine Reihe von Politikern, welche die Dramatik der Situation nicht nur erkennen, sondern sich dafür einsetzen, alles zu tun, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Zwar gibt es immer noch hartnäckige Leugner des Klimawandels, und es gibt genug Menschen, die – vielleicht aus Gründen des Selbstschutzes – die apokalyptischen Gefahren einfach verdrängen, denen sich die Menschheit seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in rasant wachsendem Maße ausgesetzt hat, aber außer psychisch Kranken dürfte es kaum Menschen geben, denen die innere Stimme des Gewissens nicht unmissverständlich sagt, dass ein Leben auf einem grünen Planeten besser sei als auf einem verbrannten und dass eine polyzentrische Welt, wo nicht nur zwei oder drei, sondern am Ende ein Dutzend oder mehr Staaten alles Leben nuklear auszulöschen vermögen, die schlimmste aller denkbaren Perspektiven sei.

            Das Gewissen kann Tausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen überall auf der Welt mobilisieren: gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen den Klimawandel, gegen die Verbreitung der Bomben. Aber das Gewissen allein kommt nicht gegen die äußeren Zwänge an, aus denen sich diese Missstände ergeben. Die Vereinigten Staaten keinesfalls auf ihre Atomwaffen verzichten und auch nicht auf den American Way of Life, selbst wenn Hunderttausende auf die Straße gehen, und Russland oder China werden dies ebenso wenig tun. Damit das geschieht, müssen erst die Zwänge verschwinden, welche die Entstehung dieses Lebensstils und die Verbreitung dieser Waffen überhaupt erst ermöglicht haben. Diese Zwänge aber sind in der gegenwärtigen Situation der Streitenden Reiche begründet, wo die drei nuklearen Supermächte um die militärische und ökonomische Vorherrschaft streiten und weder auf Waffen noch auf einen maximalen Ressourcenverbrauch verzichten, solange das eine Schwächung des eigenen Lagers gegenüber dem Gegner bewirkt.

Ein verstörendes und doch begreifliches Paradox

Zwar wurden und werden internationale Konferenzen über Abrüstung und Maßnahmen gegen den Klimawandel nahezu jedes Jahr abgehalten und dabei regelmäßig die besten Vorsätze ausgesprochen. Politiker wie Al Gore oder Journalisten wie Naomi Klein haben mit ihren aufrüttelnden Mahnungen ein Millionenpublikum auf dem ganzen Globus erreicht. Es lässt sich daher keineswegs behaupten, dass es an Information fehlen würde. Es spricht vielmehr alles dafür, dass Informationen in diesem Fall gar nicht entscheidend sind. Selbst wenn die gesamte Menschheit über die zerstörerischen Auswirkungen des Wettrüstens und des Klimawandels im Bilde wäre und ihre bedrohlichen Folgen begreift, würden sich daraus keine entscheidenden Änderungen ergeben. Diese Annahme wird durch die Fakten bestätigt. Es ist ein verstörendes Paradox, dass etwa der Klimawandel umso schnellere Fortschritte macht, je mehr er als apokalyptisches Unheil beschworen wird.[3]Auch die nukleare Bedrohung wurde und wird in keinem Augenblick nur aus dem Grund geringer, weil mehr und mehr Menschen sich ihrer bewusst sind.

Ein Blick in die Geschichte hätte genügt, um die Ursache für dieses Paradox aufzudecken. Nach den Worten von Jacob Burckhardt haben sich die Griechen der Achsenzeit vor 2500 Jahren größeres Leid angetan, als irgendein anderes Volk – und sie taten es in mittagshellem Bewusstsein. Es war die Zeit der Streitenden Reiche, wo jeder Stadtstaat zu jeder Zeit mit einem mörderischen Überfall vonseiten seiner Nachbarn zu rechnen hatte, und das ganze Leben daher unter dem Imperativ der Verteidigung stand: Man musste in erster Linie an Ideen und Maßnahmen denken, um sich selbst zu schützen und den Gegner zu überwinden oder auch endgültig zu vernichten.

Die heutige Menschheit befindet sich in einer ähnlichen Situation. Jede der drei Supermächte ist bestrebt, den eigenen Lebensstandard und Ressourcenverbrauch zu erhöhen, wenn ihr das einen Vorteil gegenüber den Gegnern verschafft, und alle rüsten auf, um auf das Schlimmste gefasst zu sein. Sie sind sich zwar alle einig, dass man gegen den Klimawandel und die nukleare Bedrohung besser heute als morgen einschreiten solle – deswegen enden internationale Konferenzen fast immer mit den besten Absichtserklärungen. Diese aber werden äußerst selten in reale Handlungen übersetzt, da jede der großen Mächte sich eben zur gleichen Zeit deutlich bewusst ist, dass sie eine große Dummheit begehen würde, wenn sie den ersten Schritt in diese Richtung vollzieht, ohne mit absoluter Gewissheit darauf zählen zu können, dass die anderen ebenso handeln. Denn das liefe nur auf eine Schwächung der eigenen Position hinaus.

Der Wettlauf der Supermächte um die größere militärische und ökonomische Macht wirkt natürlich auf das Verhalten der Bürger innerhalb der Staaten zurück. Diese sind inzwischen gut genug informiert, um einzusehen, dass sie mit jeder Autofahrt, jedem Flug oder gar dem Urlaub auf einem Luxuskreuzer die Umweltbilanz verschlechtern. Manche begreifen sogar, dass der Massentransport chinesischer Waren in Containerschiffen die Aussicht auf Nachhaltigkeit nicht weniger wirksam in Frage stellt. Aber nur bei wenigen Idealisten hat diese Einsicht die praktische Folge, dass sie auf das Auto, auf das Flugzeug, die Schifffahrt oder den Kauf billiger Importprodukte verzichten. Jeder fühlt sich – und zwar durchaus zu Recht – als der Dumme, wenn er selbst seinen Lebensstandard beschränkt, während ringsherum alle anderen nicht einmal daran denken.

Eine Vereinigte Menschheit – warum bleibt diese Forderung ausgeklammert?

Es ist ein merkwürdiges Faktum, dass der elementare Mechanismus des ökonomisch militärischen Wettrennens, der die Streitenden Reiche seit frühester Zeit charakterisiert, in nahezu sämtlichen Diskussionen über die Bedrohung durch Nuklearwaffen und Klimawandel hartnäckig unterschlagen wird. Immer wird der Anschein erweckt, als käme es nur auf unser richtiges Wollen und unsere Entschlossenheit an, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Solange der äußere Zwang der steten militärischen und ökonomischen Bedrohung durch die Nachbarn bestand, konnte sich kein griechischer Stadtstaat erlauben, die eigene Existenz nicht unter den Imperativ dauernder Angriffs- und Verteidigungsbereitschaft zu stellen. Das war erst möglich, als diese Bedrohung durch den Zusammenschluss in einem geeinten Reich schließlich beendet wurde: Erst in diesem Augenblick gehörte der Wettlauf um die größere militärische und ökonomische Macht wirklich der Vergangenheit an.

Heute verhält es sich ganz genauso. Selbst wenn die ganze Menschheit gemeinsam alles Wettrüsten und den Klimawandel verdammt – tun die meisten Menschen es nicht bereits heute? – werden weder die Supermächte noch ihre Bürger ernsthafte Schritte tun, um sich beidem entgegenzustemmen. Denn heute wie in der Vergangenheit gehorchen rivalisierende Staaten dem Zwang der Selbstbehauptung gegenüber den Gegnern. Die Supermächte (einschließlich der Mehrheit ihrer Bürger) wollen weder ihren Rang innerhalb der Nationen noch ihren hohen Lebensstandard aufgeben. Und für die Entwicklungsländer (einschließlich ihrer Bevölkerungen) kommt ein Verzicht ohnehin nicht in Frage, solange ihr Lebensstandard nur einen Bruchteil des westlichen ausmacht und sie als Dritte Welt mitleidig belächelt werden. Es ist schon merkwürdig, dass in den Aufrufen zu einer grundlegenden Wende fast immer nur von den Fehlern des westlichen Wirtschaftssystems die Rede ist (die haben sich unter dem Neoliberalismus in der Tat zugespitzt), während der entscheidende und offenkundige Mechanismus fast nie in den Blick gerät: das Wettrennen der Streitenden Reiche um die größere ökonomische und militärische Macht.

Es ist aber genau dieser Mechanismus, der die Verantwortung dafür trägt, dass unsere Zeit zwar in allen Einzelheiten darüber Bescheid weiß, was getan werden müsste, aber dennoch unfähig ist, wirklich etwas zu tun. Denn die Supermächte und die restliche Welt (einschließlich der Mehrheit ihrer Bevölkerungen) werden ihre Politik keineswegs ändern, solange sie dem übermächtigen Zwang des internationalen Wettrennens ausgesetzt sind. Es ist dieser Mechanismus, dieses wechselseitig verhängte Schicksal, welches bewirkt, dass man über die besten Vorsätze unendlich viel redet und schreibt – und die Lage dennoch zur gleichen Zeit nur immer bedrohlicher wird. Die Tatsache aber, dass niemand oder beinahe niemand diesen Mechanismus wahrhaben will, hat einen offenkundigen Grund. Die Menschen des Westens, den wir genau aus diesem Grund heute noch frei nennen dürfen, sind es gewohnt, sich selbst als die Akteure des eigenen Schicksals zu sehen. Stets fragen sie: Was kann ich, was können wir tun? Auf keinen Fall wollen sie zugeben, dass es Situationen gibt und immer gab, wo äußere Zwänge ihr Schicksal viel wirksamer bestimmen als der beste Willen von Individuen, Gruppen und selbst noch einzelnen Nationen. Und dennoch ist genau dies heute der Fall, so wie es vor zweitausendfünfhundert Jahren für die Griechen galt, denen der heiß ersehnte Frieden erst dann zuteil wurde, als die Streitenden Städte schließlich vereint worden sind. Es musste ein höherer Zwang eintreten, die gewaltsame Vereinigung, damit der Zwang des ökonomisch-militärischen Wettlaufs schließlich sein Ende fand.

Auch unsere heutige Welt wird sich einem höheren Zwang beugen, sich beugen müssen: der Vereinigung der Menschheit unter einer zunächst inoffiziellen, später offiziellen Weltregierung. Denn andernfalls steht die Menschheit vor einer todbringenden Gefahr. Der Wettlauf um immer größere militärische und wirtschaftliche Macht droht die Supermächte gemeinsam in den Abgrund zu treiben – zusammen mit dem Rest der Menschheit. Zum ersten Mal in seiner Geschichte sieht sich Sapiens vor die apokalyptische Perspektive einer sicheren und quasi-automatischen Selbstauslöschung gestellt. Die Dynamik immer schnellerer, immer massenmörderischer Waffen, wo am Ende nur noch Computersysteme auf Blitzangriffe des Gegners zu reagieren vermögen, steuert in absehbarer Weise auf einen durch künstliche Intelligenz programmierten Nukleartod der Menschheit zu (während zur selben Zeit Ressourcenverschwendung und Klimawandel die natürlichen Grundlagen des Planeten zerstören). In der Geschichte der Menschheit ist dies ein neuer und ein planetarischer Zwang, worauf nur noch die großen politischen Akteure zu reagieren vermögen. All die vielen internationalen Konferenzen, Aufrufe, aufklärenden Bücher, die bis heute keine wirkliche Wende herbeizuführen vermochten, sind deswegen keineswegs überflüssig gewesen. Im Gegenteil, ohne den steigenden Druck von unten, der sie mit der Zeit im Inneren zu destabilisieren droht, würden die großen politischen Akteure ihre Haltung nicht ändern. Aus diesem Grund werden und müssen die Proteste von unten fortgesetzt werden, dennoch sind es letztlich nur die Streitenden Reiche selbst, welche den Absturz in die ökologische wie militärische Katastrophe zu verhindern vermögen.[4]

Tatsächlich besteht Grund zur Hoffnung. Die Supermächte sind bereits auf dem Weg zu einer verdeckten Kooperation, obwohl es die wenigsten merken, weil ihr offenkundiger Antagonismus das Ausmaß der hinter den Kulissen erfolgenden Arrangements immer noch weit überdeckt. Wann immer eine Resolution im Sicherheitsrat mit den Stimmen der drei Supermächte gemeinsam beschlossen wird, haben wir es mit den Akten einer – bisher noch inoffiziellen – Weltregierung zu tun.


[1]Diese These wird auch von dem deutschen Ethnologen Hans Peter Duerr vertreten, der sich damit gegen die Auffassung von Norbert Elias wehrt, wonach erst die Menschen der Neuzeit durch Triebverzicht eine höhere Form der Zivilisation ermöglicht hätten. Duerr weist überzeugend nach, dass eher das Gegenteil richtig ist. Scham, Schuldgefühle, Triebverzicht waren in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften eher ausgeprägter als sie es in der modernen Gesellschaft sind. „Die Vorstellung, die modernen Menschen hätten ihre ‚animalische Natur‘ auf bessere Weise gezähmt als die vormodernen, /beruhe/ auf einem falschen Bild sowohl der heutigen ‚westlichen‘ als auch der traditionellen Gesellschaften… “

[2]In Friedenszeiten und unter glücklichen Verhältnissen haben Städte und Menschen bessere Gesinnungen, weil sie nicht in unfreiwillige Zwangslagen verfallen. Der Krieg aber, der den mühelosen Erwerb des täglichen Bedarfs unterbindet, zwingt die Zuchtrute der Gewalt und lenkt die Leidenschaften der Menge so, wie es der Augenblick befiehlt (1963, S. 262).

[3]Preliminary data shows that in 2013, global carbon dioxide emissions were 61 percent higher than they were in 1990, when negotiations toward a climate treaty began in earnest. As MIT economist John Reilly puts it: “The more we talk about the need to control emissions, the more they are growing… in the 1990s, as the market integration project ramped up, global emissions were going up an average of 1 percent a year; by the 2000s, with “emerging markets” like China now fully integrated into the world economy, emissions growth had sped up disastrously, with the annual rate of increase reaching 3.4 percent a year for much of the decade. That rapid growth rate continues to this day, interrupted only briefly in 2009 by the world financial crisis“ (Naomi Klein 2015, Pos. 275, 443).

[4]In ihrer brillanten, kämpferischen und mutigen Studie über den Klimawandel und was dagegen getan werden soll, setzt Naomi Klein das größte Vertrauen in eine Massenbewegung von unten: „It really is the case that we are on our own and any credible source of hope in this crisis will have to come from below” und später: “… mass uprisings of people… represent the likeliest source of “friction” to slow down an economic machine that is careening out of control.”. An anderer Stelle fordert sie das Gegenteil: das entschlosseneEingreifen des Staates “it /cleaning up the mess/ won’t happen on a voluntary basis or on the honor system. It will have to be legislated – using… tough regulations… “ (Pos. 292, 7980, 4550). In den Zeiten der Streitenden Reiche genügt nicht einmal das. Nur eine Weltregierung ist in der Lage, Maßnahmen zu ergreifen, die den Fußabdruck jedes einzelnen soweit reduzieren, dass die Menschheit als Ganze zu überleben vermag.