Für eine soziale Geldreform!

(auch erschienen in fbkfinanzwirtschaft)

Die sogenannte Geldschöpfung aus dem Nichts, von manchen fälschlich als größtes Übel beschworen, ist entweder inexistent oder lässt sich durch vorhandene gesetzliche Kontrolle wirksam verhindern. Diese Kontrolle ist aber völlig unzureichend, wenn es um andere Gebrechen geht, die das herrschende Geldsystem nicht nur imaginär, sondern ganz real bedrohen.

Geldwertstabilität

Ludwig von Mises betont, wie wichtig es sei, den objektiven Tauschwert des Geldes zu sichern; denselben Sachverhalt würden wir heute als Erhaltung der Geldwertstabilität bezeichnen. Diese war von jeher aus zwei Richtungen gefährdet, durch Inflation – wenn das Geld seinen Wert verliert, man also mit der gleichen Geldmenge weniger Güter erwirbt -, oder durch Deflation, wenn sein Wert steigt, was keineswegs so erfreulich ist, wie es auf den ersten Blick scheint. In einer modernen Wirtschaft, wo Staat und Unternehmen in der Regel hoch verschuldet sind, wird Deflation zur akuten Gefahr, da beide dadurch gezwungen sind, ihre Schulden mit einem viel höheren Güteraufkommen zu begleichen. Das treibt Unternehmen reihenweise in den Bankrott.

Alles Geld ist gut, so lange Preisstabilität besteht

Solange Geldwertstabilität gewährleistet bleibt, ist es völlig ohne Belang, welche Natur das umlaufende Geld besitzt: Es kann aus Edelmetall bestehen, aus Banknoten oder aus Eintragungen auf einem Konto, also nach Ludwig von Mises Sachgeld oder Zeichengeld sein. Bekanntlich strebt die ganze Welt danach, von den USA die Leitwährung Dollar zu bekommen, obwohl sie bei diesem Handel nur Papier ohne jeden inneren Sachwert gegen werthaltige Waren tauscht. Für alle Beteiligten stellt dieser merkwürdige Handel so lange kein Risiko dar, wie die USA darauf achten, dass der Dollarwert einigermaßen stabil bleibt. Amerika darf sich also weder durch Gier dazu verleiten lassen, immer größere Mengen wertlosen Papiers gegen wertvolle Güter in Umlauf zu bringen – also den Dollar zu inflationieren -, noch darf es das Gegenteil tun, indem es zu wenige Dollars hergibt. Die daraus hervorgehende Deflation würde nicht nur Amerikas eigenen Industrien schaden, sondern auch den Status des Dollars als Weltleitwährung gefährden. Solange die USA auf die Stabilität des Dollars achten, steht dieser in einem festen Verhältnis zu der dadurch von jedermann abrufbaren volkswirtschaftlichen Leistung. Eine weitere Besicherung des Papiers ist überflüssig und findet deswegen auch nicht mehr statt, seit Nixon im Jahre 1971 den Goldstandard aufkündigte.

Die einzig reale Gefahr besteht in einem plötzlichen Zusammenbruch der US-amerikanischen Wirtschaft (als der Basis der volkswirtschaftlichen Leistung!). Dann – aber auch nur dann – hätten die Großbesitzer von Dollardevisen einen gewaltigen Vorteil, wenn sie von den USA Barren von Gold für das in einer solchen Situation stark entwertete Papier einfordern könnten. Doch gerade in einem solchen Fall darf man wohl absolut sicher sein, dass weder die USA noch ein anderer Leitwährungsträger sich dazu bereit finden würden, ihr Gold – falls vorhanden – auch wirklich abzutreten. Der Grund für die Aufgabe des Goldstandards im Jahre 1971 ist ja eine solche wirtschaftliche Englage gewesen.

Wer kreiert das Geld?

Das System einer ausschließlich durch die volkswirtschaftliche Leistung besicherten Zeichengeldwährung ist unter Friedensbedingungen völlig verlässlich. Seine Gefährdung liegt nicht in der Besicherung (Deckung), sondern in der Herkunft des Geldes. Wer darf Zeichengeld, also Dollar, Euro etc. kreieren, wer wacht über seinen Tauschwert, wer hat es in der Hand, den Tauschwert durch Inflation oder Deflation zu verändern? Liegt dieses Privileg ausschließlich in öffentlicher Hand, sodass letztlich eine dazu von der Allgemeinheit beauftrage Instanz über die Geldwertstabilität entscheidet oder ist es privaten Kräften (auch privaten Banken) erlaubt, den Wert des Geldes zu ihrem eigenen Vorteil zu beeinflussen oder gar zu manipulieren?

Private Akteure

Geldmanipulation durch private Kräfte ist so alt wie das Geld selbst, wobei der gängige Fall natürlich in dessen Fälschung besteht. Die Allgemeinheit hat dagegen von jeher die allerhärtesten Straften verhängt. Zu Recht hat sie in der Kreation von Geld auf dem Wege der Fälschung, also in der Erzeugung von Geld, das durch keine äquivalente volkswirtschaftliche Leistung gedeckt ist, eine fundamentale Schädigung ihrer Interessen erblickt.

Das würde natürlich genauso gelten, wenn sich die Rivalen der USA: China, Russland oder die Europäische Union, erlauben würden, ihren privaten Banken die Kreation von Dollars, Euro etc. aus dem Nichts zu gestatten. Die USA müssten eine derartige Fälschung genauso unnachsichtig verfolgen wie die von „Dollar-Blüten“. Umso auffallender ist es, dass die Regierung der USA, so misstrauisch sie sonst die übrige Welt im Auge behält, einen derartigen Vorwurf noch nie erhoben hat. Offenbar ist sie sich hinreichend sicher, dass wirklich nur ihre Notenbank, die Federal Reserve, Dollar schafft und in Umlauf bringt.

Inflationen haben ihre Ursache bei den Notenbanken

Eine private Vermehrung des Dollars sowie anderer Währungen scheint also nicht zu den Problemen zu gehören, die den Währungshütern ernsthafte Sorgen bereiten. Gegen Banknotenfälscher bringt der Staat die ganze Macht von Polizei und Justiz in Stellung, die private Kreation aus dem Nichts aber bekümmert ihn begreiflicherweise überhaupt nicht, solange sie sich ausschließlich in den Köpfen einer Handvoll von Theoretikern ereignet.

Notenbanken haben es also grundsätzlich in der Hand, Inflationen zu verhindern. Sie können zum Beispiel Chinas Bedarf an Dollars (womit dieses Land seinen internationalen Handel bestreitet) dadurch begrenzen, dass sie im Gegenzug für ihr Papier immer mehr oder immer hochwertigere Waren verlangen. Auf diese Weise vermag die Währungsbehörde die Verbreitung von Dollars außerhalb der USA zu steuern. Aber im eigenen Land ist das ebenso wirksam möglich, indem sie die Ausgabe von Dollars gegen Pfänder (d.h. gegen volkswirtschaftliche Leistung) mit immer höheren Steuerungsgebühren belegt. Das System funktioniert, weil im Prinzip die Notenbank der einzige Ursprung von Geldentwertungen bleibt.

Was können Notenbanken gegen Deflationen unternehmen?

Wie verhält es sich aber mit Geldwertsteigerungen oder Deflationen, welche bei Wirtschaftsfachleuten zu Recht als viel gefährlicher gelten? Natürlich tritt das Gegenbild zum privaten Fälscher, der irgendwo in einem verborgenen Keller Blüten erzeugt, hier nicht als privater Geldvernichter in Erscheinung, also in Gestalt eines Wahnsinnigen, der sich darauf versteift, Geldscheine zu verbrennen. Aber Geldvernichtung ereignet sich auch, ohne dass dabei eine physische Zerstörung stattfinden muss. Sie findet genauso statt, wenn Geld für längere Zeit aus dem Umlauf gezogen wird. Auch in diesem Fall entspricht die zirkulierende Menge des Geldes nicht mehr der zirkulierenden Leistung. Die gefürchtete Aufwertung findet mit gleicher Unausweichlichkeit statt.

Diese Art des Umlaufentzugs ist aber ein auf der ganzen Welt überaus verbreitetes Phänomen. Man nennt es Hortung. Wie sehr das Geldhorten sich inzwischen wieder zu einem ernsten Problem entwickelt, beweisen entsprechende Schätzungen: Etwa zwei Drittel der in Deutschland vorhandenen Bargeldbestände dienen der Hortung (das vermutet Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank in einer Rede, gehalten am 13. April 2016 in Berlin). Noch größer dürfte der Anteil der im Ausland gehorteten Bargeldbestände sein.

Horten wird aus den unterschiedlichsten Motiven betrieben; stets macht es sich aber den Umstand zunutze, dass es eine überaus bequeme Speicherung und Bewahrung großer Werte auf kleinstem Raum und über unbegrenzte Zeitspannen erlaubt.

Gegen Deflationen können Notenbanken nur mit großem Risiko einschreiten

Unter den Bedingungen des herrschenden Geldsystems sind Notenbanken gegen private Geldhortung zur Ohnmacht verdammt. Es nützt ja nichts, wenn sie durch eine größere Kreation von Geld das Defizit auszugleichen und damit den normalen Geldwert wieder herzustellen versuchen. Nicht nur, dass viele der neuen Scheine aufgrund der Erwartung weiterer Wertsteigerung ebenfalls in den Tresoren verschwinden und die Deflation dann kaum gelindert wird; noch schlimmer ist es, dass bei einem Umkippen der Situation, wenn also das Geld aufgrund irgendwelcher wirtschaftlicher Einbrüche plötzlich wieder im Werte sinkt, die gehorteten Mengen auf einmal den Markt überfluten, weil jeder damit rechnet, dass es sonst in kurzer Zeit wertlos wird. Das ist dann eine wirkliche Inflation, der die Notenbank ohnmächtig zuschauen muss.

Köchelnde Inflation

Gegen eine solche Gefahr haben die Notenbanken bisher nur ein einziges Mittel gefunden. Um Geldhortung, wenn nicht zu unterbinden, so doch in erträgliche Grenzen zu setzen, halten sie eine Inflation der Währung auf kleiner Flamme fortwährend am Köcheln (in der Regel in einem Ausmaß von zwei bis drei Prozent jährlich). Dieser stetige Wertverlust hindert die Besitzer kriminell erworbenen Geldes zwar gewiss nicht daran, dieses weiterhin außerhalb des Bankensystems zu parken, zumindest ist es dann aber weniger wahrscheinlich, dass der Normalbürger sein Geld unter der Matratze versteckt. Er wird überflüssiges, für den Konsum nicht benötigtes Geld stattdessen bei einer Bank als Spargeld anlegen. Wenn diese ihm dafür Zinsen gewährt, ist damit sowohl ihm selbst gedient wie auch der Volkswirtschaft, denn alles als Ersparnis bei ihr deponierte Geld wird von der Bank ja umgehend an Kreditnehmer ausgeliehen. Dadurch ist die wichtigste Forderung an das Geld erfüllt: Es bleibt der Zirkulation erhalten.

Die drei Grundübel des gegenwärtigen Systems: inflationär, instabil und unsozial

Der Nachteil dieses Arrangements liegt gleichwohl auf der Hand. Nicht nur, dass die Inflation sozusagen in das System eingebaut ist – wie der sprichwörtliche Zahn der Zeit nagt sie beständig an unserem Geld. Hinzukommt, dass die verordnete Inflation unter bestimmten Bedingungen ihren Zweck gar nicht länger erfüllt. Wenn die Zinsen, wie gegenwärtig der Fall, niedrig oder gar negativ sind, bläht sich das Volumen der Hortungen trotzdem auf, da niemand verliert, wenn er sein Geld, statt es auf die Bank zu bringen, doch bei sich zu Hause in einem Tresor verwahrt.

In diesem Fall wird das System instabil: Es kann ebenso leicht in die Deflation umschlagen wie in deren Gegenteil: die Inflation (wenn nämlich, wie zuvor beschrieben, gehortetes Geld in großen Mengen auf den Markt zurückströmt). Die Notenbank, welche die Interessen der Allgemeinheit vertreten soll, hat die Kontrolle über die zirkulierende Geldmenge de facto verloren. Darüber wird in einer solchen Situation nur noch von privaten Akteure entschieden.

Eine zusätzliche Gefahr liegt darin, dass die Geschäftsbanken aufgrund niedriger oder überhaupt auf Null gefallener Zinsen so wenig verdienen, dass viele von ihnen dem Bankrott ausgesetzt sind (wie gegenwärtig vor allem in Südeuropa der Fall).

Die soziale Schieflage

Der größte Nachteil des herrschenden Geldsystems ist mit diesen Gefahren aber noch gar nicht benannt. Diese Gefahr entspringt der sozialen Schieflage, die es von sich aus produziert, und zwar unausweichlich. Wer hat dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird zusätzlich auch noch genommen.

Das hängt mit den unterschiedlichen Konsum- und Ersparnisanteilen von Reich und Arm zusammen. Je größer die Einkommen und Vermögen, umso geringer der Anteil der auf sie entfallenden Konsumausgaben, umso größer dagegen der Sparanteil. Auf die Produkte des Konsums, d.h. auf deren Preise, wälzen die verschuldeten Unternehmen aber die Zinsen über, die sie für die erhaltenen Kredite bezahlen (fast alle sind hochverschuldet).

Das hat eine doppelte, die soziale Spaltung in Arm und Reich stetig verstärkende Wirkung. Die Armen mit ihrem relativ großen Konsumanteil tragen verhältnismäßig mehr an der Zinslast in den Produkten, bekommen aber aufgrund ihres relativ kleinen Sparanteils wenig von den daraus fließenden Zinsen zurück; bei den Reichen ist es genau umgekehrt. Das System ist von sich aus ungerecht und unsozial.

Das soziale Geldsystem wurde längst erfunden

Dabei wurde das Rezept längst gefunden, wie man zugleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Einerseits verteuert man Hortungen so sehr, dass sie sich auf ein Minimum beschränken und die Notenbank daher niemals die volle Kontrolle über den Geldumlauf verliert. Anderseits modifiziert man das Zinssystem so, dass es den Graben zwischen Arm und Reich nicht mehr zu vergrößern vermag.

In einem System rein digitalen Geldes bedarf es dazu nur einer kleinen administrativen Korrektur. Alles auf Girokonten verbuchte Geld unterliegt einem negativen Zins, so dass jeder bestrebt ist, es möglichst schnell für den Konsum zu verwenden. Alles Geld hingegen, das über den mutmaßlichen Konsumbetrag hinausschießt, sagen wir, alles Geld, das am Monatsende einen bestimmten Maximalbetrag übertrifft, wird automatisch auf ein Sparkonto umgebucht – und ist dort nicht länger mit Negativzinsen belastet. Es bleibt also in seinem vollen Wert erhalten, gleichgültig welche zeitliche Bindung für die Ersparnis gilt. Die Bank, die es an ihre Kunden, die Kreditnehmer verleiht, wird ihrerseits von diesen nur so viel an positiven Zinsen verlangen, wie sie zur Begleichung ihrer Betriebskosten braucht.  Kreditnehmer werden daher nur noch mit einem Bruchteil des früheren Zinses belastet, sodass davon auch nur noch ein Bruchteil auf die Produkte abgewälzt wird. Der Zinsfluss von unten nach oben wird auf ein Minimum reduziert.

Eine längst fällig Reform

Abgesehen davon, dass eine physische Hortung von Geld in einem rein digitalen System ohnehin nicht mehr möglich ist, kommt auch die digitale Hortung auf einem Girokonto nur noch in geringen Mengen in Frage, zumal sich die Negativzinsen proportional zur Masse des geparkten Geldes vergrößern lassen. Einkommensschwache Schichten würden von diesem Zins praktisch nicht betroffen sein. Hortungen gehören der Vergangenheit an, aber ebenso auch die von den Notenbanken verordnete, stetig dahinköchelnde Inflation, die im gegenwärtigen System ihrer Eindämmung dient.

Noch bedeutsamer ist der weitere Vorteil eines neuen, sozialen Geldsystems. Das größte Übel des herrschenden Systems, nämlich dass es die einen durch den Zinsfluss beständig reicher, die anderen stetig ärmer macht, dieses Übel wird durch die hier beschriebene Reform mit einem Schlag beseitigt. Wer viel Geld hat, kann sich nicht länger, wie heute der Fall, auf Kosten der wenig Verdienenden bereichern. Einbußen haben aber auch die Reichen nicht zu verzeichnen. Ihr Geld bleibt ihnen, sobald sie es vom Giro- auf das Sparkonto überweisen, in voller Höhe erhalten.

Der Teufel steckt in den Mächtigen

Wie immer steckt der Teufel in den Details, von denen ich hier absichtlich nicht geredet habe, da es mir einzig darum geht, den Grundgedanken dieser sozialen Reform mit größtmöglicher Klarheit zu umreißen. Der noch weit größere Teufel aber ist sicher nicht das Detail, sondern das Interesse der Mächtigen. Würden sie an einer solchen Umstellung Freude finden?

Ganz gewiss nicht. Bevor das geltende System nicht die Massen auf die Barrikaden treibt, ist an eine soziale Reform des Geldes schwerlich zu denken. Da kann man noch eher die Geldschöpfung aus dem Nichts abstellen, da es sie ohnehin nicht gibt!

5 Gedanken zu „Für eine soziale Geldreform!“

  1. Von Herrn Egon W. Kreutzer erhalte ich per Mail folgenden Kommentar, in dem er – verständlicherweise ungehalten – meine wenig freundlichen Bemerkungen über die Theoretiker der Geldschöpfung aus dem Nichts kommentiert (ich habe die entsprechende Passage daraufhin abgemildert). Auf die in diesem Artikel vorgeschlagene Geldreform, das eigentliche Thema, geht er dabei leider nicht ein.

    Sehr geehrter Herr Dr. Jenner,

    ich bin es leid, mich von Ihnen immer wieder als wirrköpfiger Theoretiker bezeichnen zu lassen.
    Ich nenne Sie ja auch nicht einen knallköpfigen Realtitätsverweigerer, nur weil mir Ihre Überzeugungen nicht gefallen.

    GJ: Zugestanden – die Ausdrucksweise hätte etwas behutsamer ausfallen können. Da Sie bisher der einzige sind, von dem ich zum Thema Geld eine intelligente und sachkundige Rückmeldung erhalte, nehme ich diese Formulierung Ihnen gegenüber selbstverständlich zurück. Danke für Ihren Beitrag, den ich im Folgenden zusammen mit meinem Kommentar wiedergebe.

    Ihr heute per Mail auch an mich verbreiteter Aufsatz „Für eine soziale Geldreform!“ beginnt – Sie können es nicht lassen – wieder damit, dass es eine „private Geldschöpfung“ nicht gäbe (sie existiert entweder nicht, oder lässt sich durch vorhandene gesetzliche Kontrolle wirksam verhindern).

    Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass Sie unser heutiges Geldsystem noch nie selbst hinterfragt haben, sondern sich auf „Experten“ berufen, die, wie Ludwig van Mises, seit 44 Jahren tot, und folglich nicht mehr in der Lage sind, die gerade seit 1971 eingetretenen Veränderungen noch wissenschaftlich zu verarbeiten.

    GJ: Sie haben meinen Aufsatz über Ludwig von Mises offenbar nur überflogen, denn dieser Autor ist ja im Hinblick auf die Geldschöpfung durchaus Ihrer Meinung, nur zeigt sich deren logische Unstimmigkeit bereits bei ihm. Von der Berufung auf einen Experten, um meine eigene Auffassung damit zu untermauern, kann also keine Rede sein!

    Hätten Sie die Rolle der Notenbanken, gleichgültig ob EZB oder Fed auch nur annähernd analysiert, könnten Sie nicht davon sprechen, es läge ausschließlich in den Händen dieser Institutionen, Geld zu emittieren und damit die Geldwertstabilität zu beeinflussen.

    Selbst Ihre Aussage, das Ausland sei nicht in der Lage, US-Dollar herzustellen, ist nur dem Buchstaben nach korrekt. Erzielt ein US-Exporteur Deviseneinnahmen, zum Beispiel Schweizer Franken, nimmt die Notenbank diese an und gibt stattdessen Dollar aus. Eine durch den Außenhandel erzwungene Veränderung der Geldmenge im eigenen Währungsgebiet mit durchaus inflationärer Tendenz, denn das Warenangebot schrumpft durch den Export, die Geldmenge steigt hingegen an.

    GJ: Inflation ist ein monetäres Phänomen, so sagte es Milton Friedman. In einem geschlossenen Handelsstaat ist allein die Notenbank in der Lage, Inflationen hervorzurufen. Im Hinblick auf den internationalen Handel sind Sie aber mit Ihrem Einwand im Recht.

    Doch das nur am Rande.

    Es gibt überhaupt keinen Weg, Notenbankgeld direkt in den Geldkreislauf der Wirtschaft zu überführen, also an eine Nichtbank zu übertragen.

    Stellen Sie sich also bitte zunächst die Frage, was Notenbankgeld ist und wie es entsteht!

    Notenbankgeld befindet sich ausschließlich auf den Zentralbankkonten der Geschäftsbanken (und ggfs. dem Zentralbankkonto des Staates).
    Um ein Zentralbankguthaben zu erwerben, können die Banken entweder Wertpapiere an die Notenbank verkaufen, was derzeit von Mario Draghi im großen Stil angeboten wird, sie können Wertpapiere als Sicherheiten hinterlegen, sie können zentralbankfähige Wechsel diskontieren lassen oder Devisen gegen Gutschrift auf dem Zentralbankkonto an die Zentralbank übertragen.

    GJ: Das sind Binsenweisheiten, die niemand bestreitet. Ich habe nie anderes behauptet. Lesen sie bitte „Wohlstand und Armut“.

    In allen Fällen entsteht dieses Zentralbankgeld aus dem Nichts und erhöht die Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken.

    GJ: Es entsteht eben nicht aus dem Nichts, weil die hinterlegten Wertpapiere volkswirtschaftliche Leistung repräsentieren. Haben Sie das überlesen oder leugnen Sie diese Tatsache?

    Es ist damit nicht bei Otto Normalverbraucher oder bei der Maschinenfabrik Mustermann angekommen.

    Diese Zentralbankguthaben – und mehr Zentralbankgeld gibt es nicht! – sind schon im Vergleich zur Geldmenge M1 lächerlich niedrig, weil die Geschäftsbanken lediglich verpflichtet sind, einen kleinen Teil (im Euro-Raum 2%) der bei ihnen von Kunden gehaltenen Guthaben mit einer Restlaufzeit von 2 Jahren als Mindestreserve zu halten. Dass die Mindestreserve von den meisten Banken überschritten wird, ändert an der Relation zwischen den Guthaben der Bankkunden und den Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken nichts.

    Das spielt jedoch auch keine Rolle, weil die Zentralbankguthaben lediglich benötigt werden, um die Salden der zwischen den Instituten ausgetauschten Überweisungen ihrer Kunden auszugleichen. Beispiel: Die Bank A erhält an einem Tag von den Banken B bis Z insgesamt Überweisungen in Höhe von 250 Millionen Euro, während sie an die Banken B bis Z im Kundenauftrag gleichzeitig 240 Millionen Euro überträgt.
    Auf dem Zentralbankkonto scheint am Ende des Tages nur diese Differenz in Höhe von 10 Millionen als zusätzliches Guthaben auf. Am nächsten Tag können sich die Verhältnisse umkehren, dann sind die 10 Millionen wieder weg.

    Weil jedoch im gesamten Bankensystem der Überschuss der einen die Lücke der anderen ausgleicht, war es bis zur Bankenkrise 2008 üblich, dass sich die Banken untereinander die fehlenden Beträge „über Nacht“ im Interbankenhandel ausgeliehen haben. Die Verunsicherung der Finanzkrise hat dazu geführt, dass von dieser Möglichkeit erst eine Weile gar nicht mehr, später nur noch zurückhaltend Gebrauch gemacht wurde, was dazu führte, dass die kurzfristigen Kredite, welche die Banken bei der Zentralbank aufnehmen mussten, quantitativ zugenommen haben.

    Bitte halten Sie fest: Zentralbankgeld ist eine geringe Untermenge der Geldmenge M1 (Liquidität), die nur benötigt wird, um die im Tagesgeschäft entstehenden, wechselseitigen Salden auszugleichen.

    GJ: Das halte ich gerne fest, wiederum tragen Sie aber Eulen nach Athen. Sie können bei mir nichts Gegenteiliges lesen.

    Banknoten sind eine besondere Erscheinungsform des Zentralbankgeldes. Ganze Paletten frisch gedruckter Geldscheine finden sich in den Tresoren der Zentralbank, wo sie nichts anderes sind als spezielle Formulare ohne Geldwert. Der Geldwert entsteht erst, wenn die Geschäftsbanken Bargeld anfordern, weil ihre Kunden im kleinen Maßstab immer noch die Barzahlung bevorzugen. Das heißt: Bedrucktes Papier wird bevorratet. Es stellt – abgesehen vom Papierwert – kein Vermögen der Zentralbank dar! Die Banknoten werden von den Geschäftsbanken bei der Zentralbank gekauft – und zwar gegen eine entsprechende Abbuchung vom Buchgeldbestand auf dem Zentralbankkonto.

    Bitte halten Sie fest: Im herrschenden Geldsystem ist die Banknote ein Substitutionsgut, welches das Buchgeld temporär ersetzt.
    Temporär, weil die Banken ebenso nicht benötigte Banknoten an die Zentralbank zurückgeben, wo sie wieder als wertfreie Formulare im Keller liegen, weil der temporär verliehene Wert wieder auf dem Zentralbankkonto als Guthaben erscheint.

    GJ: Hier verlieren Sie aus meiner Sicht den springenden Punkt aus den Augen. Die große Gefahr ist doch immer, dass man vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen verliert. Entscheidend ist doch: Alles Geld, das von der Zentralbank zu den Geschäftsbanken gelangt, welche Form es dabei auch annehmen mag, muss durch Wertpapiere (volkswirtschaftliche Leistung) gedeckt sein. Andernfalls würde die Notenbank oder der Staat Geschenke an private Akteure verteilen (wie das bei Helikoptergeld tatsächlich der Fall sein würde). Nur so erklärt sich eben auch der umgekehrte Prozess, dass dieses Geld wieder zur Notenbank zurückgelangt, wenn die volkswirtschaftliche Leistung schrumpft.
    Ich möchte Sie bitten, Ihrerseits dies als Prinzip zu akzeptieren (d.h. statt der Bäume einmal den Wald zu sehen). Eine Notenbank ist dazu da, eine Zirkulation von Zeichengeld (früher auch Sachgeld) in der Wirtschaft zu ermöglichen, die der Zirkulation volkswirtschaftlicher Güter entspricht. In meinem vorangehenden Artikel habe ich absichtlich den ganz primitiven Fall einer Notenbank ausgeführt, die aus den ursprünglich betrügerischen Manipulationen eines Florentiner Goldschmiedes hervorgegangen sein könnte. Abgesehen von allen technischen Raffinessen, die das Vorgehen einer modernen Notenbank charakterisieren, ist nämlich alles Wesentliche aus diesem Beispiel abzulesen!

    Zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken besteht also eine Beziehung, die vergleichbar ist, mit den beiden Wicklungen eines Transformators.
    Erst wenn durch die eine Wicklung ein Strom fließt, fließt auch durch die andere ein Strom, wobei die Spannung der Sekundärwicklung vom Verhältnis der Wicklungszahl zwischen Primär- und Sekundärwicklung abhängt.

    Findet auf der Ebene der Geschäftsbanken kein Austausch statt, ruht auch die Zentralbank. Erst die Tätigkeit der Geschäftsbanken bewegt, im verkleinerten Maßstab, weil immer nur Salden bewegt werden, auch die Zentralbankguthaben.

    Stellen Sie sich vor, der Konzentrationsprozess unter den Geldinstituten würde so weit führen, dass es eines Tages in einem Währungsraum nur noch eine einzige Geschäftsbank gäbe, bei der alle Unternehmen und Privatpersonen ihre Konten unterhalten. Die Zentralbank wäre für das laufende Überweisungsgeschäft überflüssig und nur noch dazu da, für vielleicht 0,5 Prozent der Geldmenge ihre fälschungssicheren Banknoten bereitzustellen.

    Alle von einer solchen Bank hergestellten Guthaben-Schulden-Paare (Kredite) blieben im Buchungskreis dieser Bank, sie könnte beliebig viel Kredit vergeben und alle Verfügungen ihrer Kunden zu Gunsten anderer Kunden ausführen, ohne dass es bei normalem Wirtschaftsleben je einen Konflikt geben müsste. Eintretende Kreditrisiken sind durch die Risikoprämie im Zins gedeckt – und an Geld fehlt es der Bank nie, obwohl sie sogar mit einem Eigenkapital von Null an den Start gehen könnte.

    GJ: Genau diesen Fall bespreche ich am Ende meines Artikels über Ludwig von Mises und die Monetative. Warum wiederholen Sie das einfach?

    Dieses Bild ist allerdings keine Uto- oder Dystopie, sondern lediglich das Bild, was sich ergibt, wenn man das existierende Bankensystem insgesamt betrachtet. Die Geld- und Kreditmenge kann beliebig ausgeweitet werden, ohne dass es dadurch bei normalem Wirtschaftsleben je zu einem Problem kommen müsste.

    GJ: Nein, diese Möglichkeit besteht eben nicht, wenn die Geschäftsbanken miteinander konkurrieren.

    Sie haben die gesetzlichen Möglichkeiten angesprochen, die private Geldschöpfung der Geschäftsbanken wirksam verhindern würden.
    Sorry, diese Werkzeuge existieren nicht.

    Es existieren lediglich Regularien, mit denen tendenziell Einfluss auf die Entwicklung der Kreditvergabe genommen werden kann.

    GJ: Die Kartellbildung zwischen Geschäftsbanken – und nur diese kann (siehe unten) zur privaten Geldschöpfung führen – wird vom Staat überwacht. Das sind gesetzlich vorgesehene Kontrollen.

    Dazu zählt die Mindestreservepflicht, die wiederum erst über das gesamte Bankensystem ihre Wirksamkeit entfaltet, weil sie die Banken zwingt, ihre Zentralbankguthaben durch Verkauf oder Verpfändung von Wertpapieren aufzufüllen, was den „Eigenhandel“ der Banken an den Börsen behindert und daher eher zu einer gewissen Zurückhaltung bei der Kreditvergabe führt, im Grunde ist es aber ein sehr wenig wirksames Instrument.

    Dazu zählen vor allem die Leitzinsen, mit welchen festgelegt wird, zu welchen Konditionen sich die Banken zum Ausgleich ihrer ZB-Konten kurz- und mittelfristig Geld von der ZB leihen können. Gerade Institute, bei denen traditionell die Auszahlungen in einer Boomphase die Geldrückflüsse übersteigen, wie z.B. Baufinanzierer (Hohe einmalige Auszahlungen, langsame Rückflüsse durch Tilgung) werden dadurch gezwungen, ihre Refinanzierungsstrategie anzupassen, also z.B. selbst Wertpapiere zu attraktiven Zinsen zu emittieren. Dies wirkt kaskadierend in immer weiter Wirtschaftsbereiche hinein, so dass das allgemeine Zinsniveau ansteigt, Investitionen also verteuert werden, was den Grenznutzen bei manchen Projekten in den negativen Bereich verschieben kann, so dass diese unterbleiben. Insgesamt führt eine Erhöhung der Leitzinsen also zu einer Beruhigung der Konjunktur. Das Prinzip der Geldschöpfung der Geschäftsbanken wird dadurch jedoch nicht verändert oder gar unmöglich gemacht.

    GJ: Das Prinzip der Geldschöpfung ist nur möglich, wenn eine einzige Geschäftsbank unterhalb der Notenbank besteht oder alle Geschäftsbanken wie eine einzige handeln, also zu einem strikten Kartell verbunden sind – also illegal handeln, was aber durch den Wettbewerb zwischen ihnen verhindert wird, den eine funktionierende Aufsicht durch das Kartellamt zu gewährleisten hat.

    Lahmende Konjunktur mit Deflationsgefahr soll mit sinkenden Leitzinsen bekämpft werden. Die Psychologie der Märkte verhindert dies jedoch oft, da sehr viel mehr die Gewinnerwartungen über Investitionen bzw. Produktionsausweitung bestimmen, als die ggfs. für Fremdkapital zu zahlenden Zinsen.
    Bestes Beispiel: Japan.

    Die Politik das Quantitavie Easing (QE), wie sie von der Fed und der EZB in der jüngsten Vergangenheit exzessiv betrieben wurde, konnte daran ebenfalls nichts ändern. Die Milliarden (über die Zeit Billionen), die den Banken zur Verfügung gestellt wurden, ermöglichten diesen, ihre Aktiva zu heilen, indem Anleihen zweifelhafter Werthaltigkeit an die EZB verkauft wurden. Die Kreditvergabe der Geschäftsbanken gegenüber ihren Kunden wurde davon jedoch nicht beflügelt. Das gesamte EZB-Geld wurde benutzt, um die Bankenspekulation an den Finanzmärkten anzuheizen. Es dreht sich im Karussell zwischen den ZB-Konten der Geschäftsbanken – so dass die EZB sich gezwungen sah, Negativzinsen auf ZB-Guthaben zu erheben.

    GJ: Einverstanden.

    Der einzige Weg, die frisch „gedruckten“ Euros aus den ZB-Konten des europäischen Bankensystems zu entfernen, besteht darin, Auslandsinvestitionen zu tätigen. Dann verwandeln sich die Euros in Dollars (wie oben erwähnt), in Rubel, Yen oder Renminbi Yüan…
    Andererseits könnte man natürlich auch Wertpapiere von der EZB zurückkaufen, aber wer will die schon noch?

    Der zweite Effekt ist natürlich derjenige, dass die Zinslasten der Staatshaushalte der Euro-Zone aufgrund des künstlich verbilligten Geldes rapide gesunken sind. Vor allem natürlich wieder in den starken Volkswirtschaften, also insbesondere in Deutschland.

    Der dritte Effekt besteht darin, dass es den Banken möglich ist – sie haben ja so viel Geld auf dem ZB-Konto – sich wieder mit Staatsanleihen einzudecken, was durchaus als der elegante Weg der Staatsfinanzierung durch die Notenpresse angesehen werden kann und sicherlich auch so kommuniziert worden ist, nur eben nicht öffentlich.

    Mit geringer Anstrengung ist es Ihnen, Herr Dr. Jenner, möglich, alle diese Aussagen nachzuvollziehen und durch entsprechende eigene Recherchen zu verifizieren.

    GJ: Vielleicht machen wir uns ja beide die Mühe, mit geringer Anstrengung die Auffassung des jeweils anderen zu verstehen.

    Ihre Gedanken und Argumentationen auf Themenfeldern außerhalb des Geld- und Finanzwesens sind für mich stets eine Bereicherung, oder zumindest eine Bestätigung eigener Erkenntnisse oder Annahmen. Von daher schätze ich Ihr publizistisches Wirken sehr und habe kein Interesse daran, eine öffentliche Diskussion über Ihre Auffassungen zum Geld zu führen. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass die Korrektur Ihrer Auffassungen für alle Ihre Leser nützlich und erhellend wäre. Sonst würde ich meine Zeit nicht aufwenden, um Ihnen immer wieder einmal Denkanstöße geben zu wollen.

    GJ: Für den Denkanstoß bin ich Ihnen sehr dankbar, auch wenn Sie mich nicht von Ihrer Position in puncto privater Geldschöpfung zu überzeugen vermochten. Ich beeile mich, Ihren Beitrag unter Kommentaren in meine Website aufzunehmen. Er hätte aber eher unter den vorangehenden Artikel gepasst.

    Mit besten Grüßen
    Egon W. Kreutzer

  2. Von Frau Dr. Gabriele Matzner-Holzer, ehemalige österreichische Botschafterin in Bratislava, Tunis und London, erhielt ich per Mail folgende Nachricht:

    danke, die Abgabe von Geldschöpfung, wie andere „infrastruktueller“ Grundlagen der res publica, an private Profitsucher, gehört zum Gesamtbild einer seit langem ungebrochenen (auch nicht im Zuge der „Krise“ ab 2008 gebrochenen, und schon gar nicht durch die auf „dritten Wegen“ wandelnden „Sozialdemokratie“ in Frage gestellten) Tendenz, ungeachtet erhellender Analysen und deutlicher Warnungen.
    Aber wir können beruhigt sein: immerhin sind wir Teil der „westlichen Wertegemeinschaft“.
    alles Gute
    Gaby

  3. Noch ein Kommentar von Herr Egon W. Kreutzer, in dem dieser auf die wesentlichen Aussagen meines Artikels eingeht.

    Lieber Herr Dr. Jenner,

    Sie hatten auch Ihre Bedauern darüber geäußert, dass ich nicht auf den Vorschlag für das von Ihnen unterstützte und längst erfundene Soziale Geldsystem eingegangen bin.

    Daher setze ich meine Gedanken dazu an den Anfang dieses Schreibens.

    Sie berufen sich, ohne das Beispiel explizit zu benennen, auf das Experiment von Wörgl und die Grundgedanken von Silvio Gesell. Ähnliche Gedanken finden sich in vielen der aus dem Boden geschossenen komplementären Regionalwährungen wieder – und, ja!, ein negativer Zins oder auch eine so genannte Umlaufgebühr könnte Hortung reduzieren. In Bezug auf Wörgl (und es gibt noch einige weitere Beispiele) sollte m.E. jedoch auch bedacht werden, dass die Schaffung dieser Regionalwährung in einer Phase absoluter Zahlungsmittelknappheit (Deflation) für die Bewohner von Wörgl eine „Erlösung“ darstellte. Endlich war wieder ein Zahlungsmittel in ausreichender Menge verfügbar. Kein Wunder, dass die am Boden liegende Wirtschaft wieder Tritt fasste, ja geradezu zu blühen begann. Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass die regelmäßige Entwertung diesen Aufschwung unterstützte, weil sie die Umlaufgeschwindigkeit des zusätzlichen „Zeichengeldes“ angetrieben hat…

    Meine Replik:

    Lieber Herr Kreutzer, gewiss, die Idee stammt ursprünglich von Silvio Gesell; Helmut Creutz gebührt das Verdienst, ihr mit seinem Buch „Das Geldsyndrom“ zusätzliches Gewicht verliehen zu haben. Ich sage ausdrücklich, dass „das Rezept bereits gefunden sei“, habe aber absichtlich keine Namen genannt, weil ja alles sonst sofort in eine Schublade gesteckt und mit einem Etikett versehen wird (wie Sie es ja auch sofort machen). Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Es gut tut, das Bekannte hin und wieder mit neuen Augen zu sehen.
    Übrigens ist aus naheliegenden Gründen weder bei Silvio Gesell noch bei Helmut Creutz die Möglichkeit vorgesehen, in einem System rein digitalen Zahlungsverkehrs eine Neuordnung des Geldsystems ohne allen administrativen Aufwand vorzunehmen. Solange man die Entwertung an physischen Objekten wie Geldnoten durchführen musste, war das nur eine brillante Idee, aber praktisch undurchführbar. Das hat sich erst mit der möglichen vollständigen Digitalisierung des Geldes grundlegend geändert!
    Zweitens: Eine zur Masse des gehorteten Geldes proportionale Entwertung, welche die Giroeinlagen der einkommensschwachen Schichten praktisch unberührt lassen würde, ist auch nur unter solchen Bedingungen möglich.

    Was Wörgl betrifft, so habe ich mich so gut wie nie auf dieses Experiment bezogen. Wörgl hat mit einer Sozialen Geldreform so viel oder so wenig zu tun wie ein Transistor mit der Quantenphysik. Solange sich überall auf der Welt beobachten lässt, dass Leute der Entwertung ihres Geldes mit allen Kräften entfliehen. indem sie es ausgeben oder aus einer weichen in eine härtere Währung fliehen, solange bedarf es für mich keines historischen Einzelfalls, um die gleiche Wirkung auch für die Zukunft zu erwarten. Auch die Notenbank lässt ja beständig eine kleine Inflation köcheln, um die Hortung wenigstens einzudämmen.
    Übrigens ist das Gegenteil der Flucht vor der Entwertung ja ebenso eine Art anthropologischer Konstante: Ich meine das Bestreben, sein Geld durch Zins etc. zu vermehren. Wer würde da noch nach einem Einzelbeispiel suchen, um diese Regel zu erhärten?

  4. Von Herrn Dr. Anton Rainer, Konsulent des österreichischen BMF für Steuerschätzung und Steuerpolitik, erhalte ich folgenden Kommentar

    Nur einige Bemerkungen:
    1. Dass die Notenbank die Kontrolle über die Inflation hat (haben kann) ist eine Illusion. Das hängt wahrscheinlich mit dem (naiven) Glauben an die Quantitätstheorie und, dass sie die Geldmenge in der Hand hat, zusammen. Warum gibt es in Griechenland (und anderswo) Deflation, obwohl sehr viel Geld hineingepumpt wird?

    GJ: Sie wissen so gut wie ich, dass das Geld nicht nach Griechenland hineingepumpt, sondern gleich an die Gläubiger des Landes weitergereicht wird. Es bleibt trotzdem richtig, dass die Notenbank als einziger Schöpfer von Geld letztlich für Inflationen verantwortlich ist – insoweit hat die Quantitätstheorie recht. Sie scheitert aber daran, dass sie, wie ich ja ausdrücklich erwähne, keine Kontrolle über die Massen von gehortetem Geld hat, das in bestimmten Momenten den Markt überfluten kann.

    2. Ein Wertpapier ist keine volkswirtschaftliche Leistung. Abgesehen davon ist eine Leistung eine Stromgröße, die zwar argumentativ, aber nicht faktisch für die Bedeckung einer Bestandsgröße herangezogen werden kann.

    GJ: Wertpapiere – ob Stromgröße oder nicht – repräsentieren volkswirtschaftliche Leistung. Genau deswegen werden sie faktisch von der Notenbank im Austausch gegen das von ihr produzierte Geld entgegengenommen. Warum rennen Sie nicht gegen Ludwig von Mises an, der die Entstehung von Geld aus dem Depositensystem herleitete? Dort wurde gegen Gold – den Inbegriff eines Wirtschaftsgutes – Geld in Gestalt von Papierzertifikaten eingetauscht.

    3. Der Grundgedanke von Gesell ist ok (wurde zB auch von Keynes anerkannt, der ihm in der GZ ein eigenes Kapitel widmete). Praktisch aber ist ein ähnlicher Effekt durch mäßige Inflation einfacher zu erreichen.

    GJ: Schön, dass Sie einmal auch zu einem Zugeständnis bereit sind. Würden Sie den Grundgedanken von Gesell allerdings wirklich kennen oder auch den Grund, warum Keynes Gesell ausdrücklich lobte, dann könnten sie unmöglich behaupten, dass eine mäßige Inflation dieselbe Wirkung hätte, denn der Zinsfluss von unten nach oben wird dadurch natürlich überhaupt nicht tangiert.
    Und seltsam in Ihrem Kommentar zu „Geld und (Un-)Freiheit“ hatten sie die von Gesell vorgeschlagenen Negativzinsen noch als unsinnig kritisiert, während Sie jetzt Ihren Beifall äußern.

    4. Die gemessene Inflation bezieht sich auf den Durchschnitt der Güter und Leistungen (Warenkorb). Eine niedrige Inflation oder Preisstabilität bedeutet aber im Allgemeinen, dass bei (v.a. technischen) Produkten die Preise fallen (partielle Deflation).

    GJ: Es hängt von der Natur des Warenkorbs ab, wie gut oder schlecht man Inflation erfasst.

    5. Solange die Deflation nicht sehr hoch ist, ist das Problem weniger die reale Mehrbelastung der Schuldner, sondern v.a. dass mit dem Kauf dauerhafter Konsumgüter (meist technische Produkte) gewartet wird und dass Unternehmen Investitionen zurückhalten, weil auch diese billiger werden und v.a. der künftige Cash-flow sinkt (wenn fallende Preise der Produkte zu erwarten sind). Beides kann sich desaströs auf die Investitionsrendite auswirken.

    GJ: Sehr wohl. Die Belastung der Unternehmen durch Schulden treibt sie in den Ruin, wie die Great Depression der dreißiger Jahre zeigt. Die Zurückhaltung der Bürger beim Konsum tut ein Übriges, um die Wirtschaft zum Kollaps zu bringen.
    Schade, dass sich in der Auseinandersetzung mit Ihnen der Eindruck eines gereizten Gezänks einstellt statt einer geistigen Auseinandersetzung, die der Bereicherung beider Gesprächspartner dient!

  5. Von Herrn Dkfm. Günther Robol, Wiener Wirtschaftsprüfer, erhalte ich folgenden Kommentar, der eigentlich unter den Artikel „Ludwig Edler von Mises und die Monetative“ gehört, den ich leider an Herrn Robol abzuschicken vergaß:

    Sehr geehrter Herr Dr. Jenner

    Danke für Ihren Artikel
    Ich würde Ihren Überlegungen dann voll zustimmen, wenn es nur „Notenbankgeld“ d. h. direkt von den Notenbanken emittiertes Geld geben würde. Dies ist allerdings nicht der Fall.

    Gesamtgeldumlauf im Euroraum 2016 Euro 11,5 Bio.
    Von den Notenbanken emittiert (ohne „quantitave easing“) 2016 Euro 1,2 Bio.

    d. h. ca. 90 % des umlaufenden Geldvolumens (=Schuldgeld) im Euroraum erscheinen nicht in den Notenbankbilanzen als Schuldposition, sondern eben nur als Giralgeld in der Passiva (aber durch die Saldenmechanik auch als Aktiva) des Bankensystems. Sie können dies leicht überprüfen indem Sie sich die Entwicklung unserer Notenbankbilanzsumme seit Einführung des Euros ansehen. Die Zunahme entspricht in etwa dem neu emittierten Geld (rechnerischer Anteil der EZB), in den letzten 2 Jahren dem rechnerischen Anteil (ca. 1/30 tel) des „quantitative easings“ der EZB. Mit anderen Worte, die dem gesamten Geldumlauf entsprechenden Schulden stehen nicht in den Notenbankbilanzen sondern eben zu ca. 90% in den Bilanzen des Bankensystems, die damit auch für die Schöpfung dieses „Geldes“ verantwortlich waren. Dass die Banken selbstverständlich in ihrer Geldschöpfung „aus dem Nichts“ durch verschiedene gesetzliche Bestimmungen eingeschränkt sind (Kernkapital, Liquiditätsbestimmugen etc.) ist ein anderes Thema.

    Herzliche Grüße
    Günther Robol

    Meine Replik:

    Lieber Herr Robol,

    ich weiß, das quantitative Verhältnis von Notenbank- zu Giralgeld ist das Standardargument für die angebliche Geldschöpfung aus dem Nichts durch die Geschäftsbanken. Ich müsste wirklich reichlich dumm und noch vermessener sein, wenn ich dieses Argument übersehen hätte, das noch dazu auf den ersten Blick so unmittelbar einzuleuchten scheint!

    Aber leider leuchtet es eben nur auf den ersten Blick ein. Warum es auf den zweiten Blick gar nicht mehr stimmt, habe ich in meinem Artikel „Ludwig Edler von Mises“ begründet, den Sie leider nicht erhalten haben.

    Herzliche Grüße nach Wien

    Gero Jenner

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