Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte – für einen Kritischen Humanismus

Nach dem letzten Krieg, der Europa zerfleischte und die ganze Welt in den Strudel der Zerstörungen zog, gerieten rassistische Theorien zunehmend in Misskredit. Erst gewann die Forschung neue Erkenntnisse, danach folgten ihr immer größere Teile der öffentlichen Meinung. Der andere Mensch, d.h. die Mitbewohner auf unserem Globus, wurden nicht länger danach eingeteilt und bewertet, ob sie „rassisch“ unterlegen oder gar minderwertig seien. Das „Überleben der Tüchtigsten“ (survival of the fittest) wurde nicht länger als das Entwicklungsziel des Menschen gesehen, welches einer künftigen Herrenrasse auf Kosten aller anderen das Feld an der Spitze sichert. Unwiderleglich konnte die Forschung beweisen, dass der Rassismus auf bloßer Fiktion beruht. Seit mindestens 50 000 Jahren repräsentiert Homo sapiens dank gleich entwickelter körperlicher wie geistiger Fähigkeiten denselben Menschentyp überall auf der Welt, gleichgültig ob wir ihm mit leicht abgewandelten äußeren Merkmalen in China, Australien oder Grönland begegnen.

Genetische Einheit des Menschen

Dadurch ist die Einheit des Menschen zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte zur unumstößlichen Gewissheit geworden; das ist umso bemerkenswerter als der Rassismus – auch und gerade in seiner wissenschaftlichen Form – noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts überall in Ansehen und Geltung war. Der Kolonialismus wie überhaupt die meisten Kriege in der Vergangenheit setzten ja immer schon voraus, dass der Feind in irgendeiner Hinsicht unvergleichlich niedriger als die Angehörigen des eigenen Stammes, der eigenen Nation, des eigenen Volks ständen.

            Moderne Forschungen an der genetischen Ausstattung des Menschen haben diese Anschauungen widerlegt. Die genetische Ähnlichkeit zwischenden Ethnien, zum Beispiel den Chinesen, den Schwarzen, den Europäern, ist weit größer als die genetische Ähnlichkeit der Menschen innerhalb dieser einzelnen Gruppen. Aber auch die immer tiefer reichende Exploration der konkreten Lebensbedingungen früherer Generationen bis hin zu den ältesten Epochen der Jäger und Sammler trug dazu bei, die trennenden Schranken einzureißen. Um zu überleben, mussten sich Menschen zu allen Zeiten gegenüber den Zwängen der Natur und gegenüber anderen Menschen behaupten – und sie taten es während ihrer ganzen Geschichte mit ähnlicher Intelligenz und gleich großem Erfolg. Aus diesem Grunde ist Sapiens zur alleinherrschenden Spezies auf dem Planeten geworden, die – außer sich selbst – keinen anderen Feind mehr neben sich duldet.

Moralische Einheit des Menschen

In diesem Bild fehlt allerdings ein wesentlicher, ja, sogar der entscheidende Teil: Seltsamerweise hat der Mensch als moralisches Wesen in ihm keinen Platz. Die Einheit seiner motorischen Fähigkeiten, seiner Intelligenz, seines Sprachvermögens wird heute von ernstzunehmenden Denkern nicht länger bestritten, aber wenn von dem Menschen als moralischem Wesen die Rede ist, dann scheint dieses Bild schlagartig in Tausende von disparaten Teilen zerfallen. Dann sieht es im Gegenteil ganz so aus, als müssten wir uns zu einem uneingeschränkten Relativismus bekennen.

Und es sprechen ja auch einleuchtende Argumente für eine derartige Anschauung. Welcher gemeinsame moralische Sinn, so drängt sich die Frage auf, verbindet den früher täglich praktizierten Kannibalismus der Stämme Neuguineas mit der Empathie, welche ein moderner Europäer mit Migranten aus aller Welt empfindet? Welche Brücke führt von dieser uns heute so selbstverständlichen Empathie zu der gerade erwähnten, bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in Wissenschaft und Öffentlichkeit vorherrschenden Auffassung von Herrenrassen, die das Recht hätten, sich gegen die Schwächeren in aller Welt durchzusetzen? Oder wo liegt der gemeinsame Sinn zwischen den Schädeltürmen Tamerlans und Hitlers Vergasungskammern auf der einen Seite und jenen Zeitgenossen, welche sogar Rechte für unsere tierischen Mitbewohner verlangen? Was führt von der absoluten Herrschaft vergöttlichter Menschen im Zweistromland und Ägypten zur Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland? Wo liegt das gemeinsame moralische Fundament, auf der Jahrtausende hindurch die Unterdrückung der Frau begründet wurde, während sie in unserer Zeit zumindest theoretisch dem Mann gleichberechtigt zur Seite steht? Oder welches gemeinsame moralische Wollen liegt in den separatistischen Bestrebungen Kataloniens und der Ausweitung der Europäischen Union?

Übliche Einwände

Auf den ersten Blick scheinen solche Gegensätze unüberbrückbar. Wenn sie es tatsächlich wären, hätten wir allerdings mit einschneidenden Konsequenzen zu rechnen. Im Hinblick auf unsere intellektuellen Fähigkeiten würden wir zwar von einem gemeinsamen Menschsein sprechen, aber diese Erkenntnis würde uns die Anderen keineswegs näherbringen. Die Einsicht in die Einheit des Menschen war doch gerade dazu gedacht, den Rassismus zu widerlegen, der immer auf Werturteilen beruht. Gehen wir dagegen von einem moralischen Relativismus aus, weil die Akteure der Geschichte angeblich aus grundverschiedenen moralischen Antrieben handeln und daher notwendig in ewigem Konflikt miteinander stehen, dann haben wir den Rassismus durch die Hintertür wieder eingeführt. Dann haben wir ihm indirekt sogar neuerlich unseren Segen erteilt. Oder ist es nicht etwa ganz natürlich und eigentlich selbstverständlich, dass Menschen, die keinerlei moralische Gemeinsamkeit miteinander verbindet, jederzeit aus grundverschiedenen Interessen in äußersten Gegensatz zueinander geraten? Um einen modernen Vergleich zu gebrauchen, hätten wir die Welt von 50 000 vor Christus bis in die heutige Gegenwart mit Robotern bevölkert, deren eingebaute Chips im Schnitt zwar auf sämtlichen Kontinenten die gleiche Rechenleistung aufweisen – insofern gelten sie uns als ebenbürtig und gleichberechtigt. Nur leider wurden diese Roboter überall mit radikal anderen Wertvorstellungen programmiert, sodass sie hier den Kannibalismus praktizieren, dort die Nächstenliebe predigen, hier Hexen zu Zehntausenden verbrennen, dort die Frau in Minneliedern besingen. Ein konsequenter Relativismus der Werte lässt keinen Platz für ein moralisches Fundament, das allen Menschen gemeinsam ist.

            Wenn uns das Studium der Geschichte beweisen würde, dass es sich tatsächlich so und nicht anders verhält, dann müssten wir diese Erkenntnis, ob sie uns gefällt oder nicht, als unumstößliche Wahrheit akzeptieren. Dann wäre aber auch bewiesen, dass es letztlich keine Einheit unter den Menschen gibt, da ihre Werte in Zeit und Raum unvereinbar sind. Geschichte – nicht nur die des Kosmos, sondern auch unsere eigene, die menschliche Geschichte – wäre dann grundsätzlich sinnlos, weil sie für jede Generation einen je eigenen moralischen Sinn besitzt. Jede von ihnen lebt dann wie eingemauert in einem eigenen moralischen Kosmos, und es gibt keine Wege, die von einem zum anderen führen. An die Stelle der früheren biologischen Rassen hätten wir moralische Rassen gesetzt.

Wohin solche Einwände führen

Der moralische Sinn, den unsere eigene Zeit den eigenen Werten verleiht, wäre dann ebenso beliebig wie alle Wertvorstellungen, zu denen sich frühere Epochen und Kulturen bekannten. Konzepte wie Menschenrechte, Humanismus, soziale Gerechtigkeit etc., die das Denken und Handeln der Neuzeit so durchgehend bestimmen, wären in diesem Fall nicht mehr als zeitgebundene geistige Konstruktionen, deren Ablaufdatum mit dem der westlichen Kulturen zusammenfällt. Dass dies in der Tat einer weit verbreiteten Auffassung entspricht, hatte auf überspitzte, aber treffende Art schon Max Horkheimer (1895 – 1973) mit den folgenden Worten ausgesprochen: „Nach der Philosophie des durchschnittlichen modernen Intellektuellen gibt es nur eine Autorität, nämlich die Wissenschaft, begriffen als Klassifikation von Tatsachen und Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Die Feststellung, dass Gerechtigkeit und Freiheit an sich besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ist wissenschaftlich nicht verifizierbar und nutzlos. An sich klingt sie mittlerweile gerade so sinnlos wie die Feststellung, Rot sei schöner als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Wer sich diesen Relativismus der Werte zu eigen macht, drückt damit mehr als nur Zweifel gegenüber allen Aussagen zu Sinn und Ziel der Geschichte aus. Darin bekundet sich ein Pessimismus, der die Einheit des Menschen genauso wirksam in Frage stellt, wie es der frühere vergleichsweise primitive Rassismus tat. Wollte man die heute vorherrschende Auffassung auf eine zugegeben sehr einfache Formel verkürzen, dann müsste man sagen, dass nach verbreiteter heutiger Auffassung Sapiens eine moralisch unberechenbare Bestie sei, aber seit mindestens 50 000 Jahren überall auf der Welt mit denselben intellektuellen und physischen Fähigkeiten begabt. In dieser Auffassung liegen Einheit des Menschen und radikale Verschiedenheit unversöhnt nebeneinander.

Gegen den Relativismus

Ich halte diese Einstellung für falsch. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn ich damit nur ein weiteres Werturteil von gleicher Beliebigkeit aussprechen würde. Aber mein Einwand zielt tiefer: Ich halte diese Einstellung für falsch aus empirischen Gründen, weil die Geschichte bei näherer Prüfung ein ganz anderes Bild vermittelt; zwar nicht an ihrer Oberfläche – solange man nur diese im Auge hat, scheint tatsächlich nur der moralische Relativismus erkennbar -, wohl aber in der Tiefe, sobald man die gemachte von der gedachten Geschichte trennt und sie einander entgegenhält, denn dann stoßen wir auf eine tieferliegende moralische Dimension, die sehr wohl eine Einheit zwischen Menschen aller Zeiten bezeugt: das Gewissen.

Die materielle Verfassung von Mensch und Gesellschaft auf der einen Seite und auf der anderen deren geistiger Reflex und Ursprung in Individuen und Kollektiven bildet das Thema dieses Buches und den Ausgangspunkt für die Suche nach Sinn und Ziel. Dank weltweit betriebener Forschungen kann die Frage nach den materiellen Grundlagen und Bedingungen menschlicher Gesellschaften – angefangen von Jäger-Sammlern bis zur Gesellschaft der Digitalen Revolution – heute in überwältigender Detailfülle beantwortet werden. Die moralische Sinngebung hingegen, die sich als Reaktion auf das jeweilige Sein ergab und den geistigen Horizont der Menschen ausfüllte, kommt dabei in der Regel zu kurz, eben weil die Tendenz besteht, sie als bloße Imagination oder Überbau abzuwerten, so unwichtig wie die Frage, ob „Rot schöner sei als Blau oder ein Ei besser als Milch.“

Darin bekundet sich Kurzsichtigkeit, denn in der emotional-geistigen Reaktion auf die Zwänge des äußeren Seins bestand damals und besteht bis heute alles gelebte Leben. Hier entscheidet sich, ob Menschen zu Terroristen werden oder ob sie ihr eigenes Leben und das der Gesellschaft bejahen, weil sie ihnen als sinnvoll erscheinen. Eine ausschließlich auf das materielle Sein gerichtete Geschichtsanalyse verfehlt ihren Sinn genauso wie eine rein geistig-kulturelle, welche den Zwängen der äußeren Lebensbedingungen keine Beachtung schenkt.

Der Sinn der Geschichte wird von Menschen gemacht

Denn auch in moralischer Hinsicht sind die Menschen sich über alle Unterschiede der gemachten Geschichte hinweg viel ähnlicher, viel wesensverwandter im Guten ebenso wie im Bösen, als es auf den ersten Blick scheint.[1]Richtig ist zwar, dass der Sinn von Geschichte auf keiner Gesetzestafel verankert ist, er liegt nicht außerhalb des Menschen, und ist daher auch von keiner Wissenschaft außerhalb des menschlichen Bewusstsein in der physischen Wirklichkeit nachzuweisen. Der Sinn wird von Menschen gemacht, er liegt in ihnen selbst– dort aber ist er sehr wohl zu finden, und zwar auch von der Wissenschaft, nämlich durch ein Studium der gedachten Geschichte, wenn diese sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen das eigene Handeln rechtfertigen und begründen. Wenn sich dabei zeigen lässt, dass gerade das ungerechteste, grausamste Handeln mit besonderem Nachdruck vor anderen legitimiert werden muss, dann stoßen wir auf ein allgemein-menschliches Fundament, das Gewissen, das dem Homo sapiens ebenso von jeher gemeinsam ist wie seine Gene und seine phänotypischen Merkmale.

Um das Ergebnis dieser Untersuchung vorwegzunehmen. Kultureller Relativismus und unterschwelliger Rassismus, die beide nach wie vor unser Verständnis von Geschichte prägen, beruhen auf mangelnder Kenntnis der historischen Realität, denn der Mensch ist seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell mit demselben Kapital ausgestattet, er ist es ebenso in moralischer Hinsicht. Genau deswegen gibt es einen Sinn und ein Ziel der Geschichte. Sie lassen sich in zwei Begriffen zusammenfassen: dem Gewissen einer Geeinten Menschheit. Ich sehe es als meine Aufgabe in diesem Buch, die beiden zunächst noch leeren Begriffe in der geschichtlichen Analyse allmählich mit Inhalt zu füllen.

Kritischer versus Naiver Humanismus

Wenn diese Aufgabe geglückt ist, wenn also der Nachweis gelingt, das Sapiens seit Beginn seiner Geschichte nicht nur intellektuell, sondern ebenso auch in moralischer Hinsicht ein und dasselbe Wesen war und bis heute geblieben ist, dann leitet uns die vorliegende Suche zu einem neuverstandenen Humanismus, den ich von seinem Vorgänger allerdings dadurch unterscheiden möchte, dass ich ihn als „kritischen Humanismus“ bezeichne. Dieser weiß zwar um das allen Menschen gemeinsame Gewissen, aber anders als der naive Humanismus geht er nicht davon aus, dass Bildung und Aufklärung schon genügen, um Mensch und Gesellschaft grundsätzlich zu reformieren. Der naive Humanismus ist auf einer Illusion begründet: Er glaubt, man brauche dem Menschen nur die Augen für bestimmte Wahrheiten zu öffnen, und schon würde er einer Zukunft entgegenschreiten, in der es keine Kriege, keine Habgier, keine Unterdrückung, ja, wer weiß, vielleicht nicht einmal das Böse mehr gibt. Das ist leider nicht mehr als eine schöne Idee. Oder, wie Neil Postman sagt: „Luftschlösser bauen wir alle, problematisch wird es erst, wenn wir versuchen, darin zu  wohnen.“ Denn eine derartige Deutung von Geschichte steht in krassem Gegensatz zu allem, was wir von der Vergangenheit wissen. Interessengegensätze haben die ganze bisherige Geschichte bestimmt, sie gelangten nicht immer gleich stark zum Ausdruck – wie schon Thukydides wusste, hat es hat sehr wohl glücklichere und weit weniger glückliche Epochen gegeben[2]-, aber die Gegensätze zwischen Einzelnen, Gruppen und Staaten waren trotzdem immer vorhanden, und sie haben sich oft gegen das moralische Gewissen behauptet. Nichts deutet darauf hin, dass unsere Zeit in dieser Hinsicht einen Bruch mit der Vergangenheit vollzieht.

Die Verirrungen des Naiven Humanismus

Der naive Humanismus malt ein künftiges Paradies an die Wand. Auf dem Wege der sanften, öfter aber auch der gewaltsamen Aufklärung glaubt er, nur an wenigen Stellschrauben der menschlichen Psyche, Gesellschaft, Politik oder Ökonomie drehen zu müssen, um auf diese Art Schluss mit allen bisherigen Übeln zu machen. Deswegen lief diese Art des Humanismus stets Gefahr, von radikalen Kräften des linken wie rechten Lagers zu eigenen Zwecken missbraucht zu werden. Die totalitäre Beglückung anderer Menschen im Namen idealistischer Ideologien hat, wie wir aus dem vergangenen Jahrhundert wissen, größeren Schaden bewirkt als individuelle Habsucht, Gier oder Egoismus (Koestler, Arendt, Lewis). Sie hat außerdem dazu beigetragen, modische Zyniker überhaupt an der Verbesserungsfähigkeit menschlicher Gesellschaft zweifeln zu lassen.

Dennoch wird es den naiven Humanismus auch als positive Kraft immer geben, nämlich in Gestalt des gelebten Vorbilds. Wenn jemand unter größten materiellen Opfern, die er sich selbst auferlegt, seine Vorstellungen von einem guten und richtigen Leben verwirklicht ohne sie anderen aufzuzwingen, dann haben wir es mit den Heiligen früherer Zeiten zu tun.

Die Heiligen, die sich selbst zum Opfer für ihre Ideale bringen, sind aber Ausnahmen der Geschichte – die Regel waren sie nie. Sobald wir den Unterschied zwischen gemachter und gedachter Geschichte vollziehen, also zwischen den Taten des Menschen und seinem Gewissen, dann halten wir zwar am Humanismus fest, aber wir fassen ihn kritisch auf, weil wir uns sehr wohl bewusst sind, dass der unmittelbare, kurzfristige Nutzen – das Streben nach Macht, nach Gewinn, nach Vorteilen des einzelnen, des Stamms, der Nation auf Kosten der anderen – das menschliche Gewissen immer wieder zu überwinden und oft sogar für lange Zeit zu beherrschen vermag. Bis zum heutigen Tag ist diese Tatsache daran abzulesen, dass Menschen in aller Regel ihresgleichen nur dann als gleichwertig akzeptierten, wenn diese sich zu behaupten, zu wehren, Widerstand zu leisten imstande waren. Um nur eines von Tausenden Beispielen zu nennen: Frankreich und Deutschland haben sich erst in dem Augenblick miteinander versöhnt, als sie einsahen, dass sie einander niemals endgültig zu besiegen vermochten. Die ganze Geschichte der Streitenden Reiche, die in diesem Buch erzählt werden wird, ist ein Beleg für diese These.

Der neue Anti-Humanismus

Der kritische Humanismus steht deshalb vor einer doppelten Front: Einerseits unterscheidet er sich von seinem naiven Gegenbild, andererseits grenzt er sich in aller Schärfe von dem neuerdings wieder um sich greifenden Anti-Humanismus ab. In unserer Zeit wie auch in der Vergangenheit tritt uns Letzterer in Gestalt des Fremdenhasses entgegen, der die Gleichheit der Menschen grundsätzlich bestreitet. Er gibt der eigenen Sippe, dem eigenen Stamm, der eigenen ideologischen Gruppe, der eigenen Nation und Religion nicht nur den Vorrang – das ist bis zu einem gewissen Grade völlig natürlich und sogar selbstverständlich, denn wenn ich nicht überzeugt bin, dass meine Gruppe, meine Überzeugungen und mein Lebensstil für mich die richtigen sind, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, warum ich sie beibehalte. Über diese natürliche Einstellung schießt der Antihumanismus jedoch weit hinaus. Er sieht sein Ziel darin, die anderen – ihre Lebensart und Überzeugungen – auf alle mögliche Weise zu diskreditieren. Im Extremfall designiert er sie als Untermenschen, deren Lebensrecht er bestreitet.

Die Dialektik der Maßlosigkeit

Aufgrund der unseligen dreizehn Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wo dieser Antihumanismus in Nazi-Deutschland zur offiziellen Ideologie gemacht worden ist, hat sich bei uns innerhalb weniger Jahrzehnte eine ideologische Kehrtwende ereignet: Der naive Humanismus manifestiert sich – oft geradezu kämpferisch – als Fremdenliebe, die bis zum Extrem der Selbstaufgabe geht (Houellebecq). Ich sagte schon, dass er sich in historischer Sicht ausnahmsweise in Menschen manifestierte, die im Ruf der Heiligkeit standen, und dann ein Beispiel dafür waren, wie Liebe alles Trennende überbrückt. Aber in seiner heute modischen Form ist der naive Humanismus totalitären Bestrebungen viel eher verwandt, weil seine Proponenten ihre eigenen Ideale der Bevölkerungsmehrheit aufzwingen wollen, wobei sie deren oftmals durchaus gerechtfertigte Interessen souverän zu missachten pflegen. Die jüngsten Entwicklungen in ganz Europa zeigen, dass der naive Humanismus, der sich aus moralischer Überheblichkeit über die Interessen einer Mehrheit hinwegsetzt, wesentlich dafür verantwortlich ist, dass der Anti-Humanismus in breiter Front wieder sein hässliches Haupt erhebt.

Leider macht der naive Humanismus nichts wirklich besser, weil er alle Lehren der gemachten Geschichte missachtet (von denen er in der Regel ja auch aus diesem Grund gar nichts wissen möchte). Um in den Worten Max Webers zu sprechen, setzt er das Wunschdenken (die Gesinnungsethik) an die Stelle einer Ethik der Verantwortung. Das hat noch nie funktioniert. Man denke nur an all jene zum Teil ganz friedlichen Gesellschaften zurück, welche die europäischen Fremden vom 16. bis zum 19. Jahrhundert mit offenen Armen empfingen, weil sie glaubten, dass ihr eigener Wunsch nach Friedfertigkeit sie vor dem Zugriff der Eroberer schützen würde. Wie sie zu ihrem Verderben erfahren mussten, wurden sie von den Kolonisatoren rücksichtslos ausgebeutet und manche unter ihnen auch vollständig ausgemerzt. Friedfertigkeit oder gar Liebe hat gegen überlegene Waffen und die Gier nach Beute nie etwas auszurichten vermocht. Gerade weil der kritische Humanismus auf der intellektuellen und moralischen Gleichheit der Menschen besteht, und zwar im Guten wie im Bösen, ist er sich der geschichtlichen Tatsache bewusst, dass Menschen – trotz des Gewissens, das ihnen allen gemeinsam ist – zunächst einmal ihren Interessen gehorchen. Würde man Politik konsequent im Sinne eines naiven Humanismus betreiben, dann kommt im besten Fall eine gut gemeinte Dummheit dabei heraus, im schlechtesten Fall führt sie zu innerer Spaltung und Unruhe. Sobald eine Bevölkerungsmehrheit sich in ihren Interessen bedroht fühlt und sich dem Willen der Elite nicht länger fügt, kann es leicht dazu kommen, dass die von oben verordnete Fremdenliebe ihr gerades Gegenteil zur Erscheinung bringt, nämlich den Fremdenhass des Antihumanismus. Diese unheilvolle Dialektik einer von der Mehrheit als maßlos bewerteten Politik kennzeichnet die gegenwärtige Lage in mehreren Staaten Europas. Wie keine andere Bewegung hat der Antihumanismus als Reaktion gegen das Wunschdenken seines naiven Gegenspielers das intellektuelle Klima in Nachkriegseuropa vergiftet.

Das Ziel der Geschichte: eine durch das Gewissen geeinte Menschheit

Der Leser wird in diesem Buch von den ersten Menschen, den urzeitlichen Jägern und Sammlern, über die Zwischenzeit der frühen ackerbautreibenden Gartenkulturen zu den hydraulischen Großstaaten geführt und von da zu einem geschichtlichen Höhepunkt, der „Achsenzeit“. Einen breiten Raum nimmt die Betrachtung der großen Agrarzivilisationen ein, die sich dem „agrarischen Abhängigkeitsgesetz“ erst zu entziehen vermochten, als die fossile Wende die Menschheit innerhalb eines Wimpernschlags der Geschichte von dem größten äußerlich vorgegebenen Zwang, der Ressourcenknappheit, kurzfristig erlöste – und dabei ganz neue Probleme schuf. Dieser Überblick ist aber kein Selbstzweck, meine Absicht erschöpft sich nicht in dem theoretischen Nachweis, dass ein allgemeinmenschliches Gewissen sehr wohl existiert und damit auch ein Sinn der Geschichte (nur der menschlichen Geschichte, versteht sich, denn in der außermenschlichen vermögen wir keinen Sinn zu erkennen). Es geht mir letztlich um die praktischen Schlüsse, die sich daraus für die Gegenwart ziehen lassen. Wer überzeugt ist, dass Gerechtigkeit und Menschenrechte, Frieden und Nachhaltigkeit zu den bleibenden Werten gehören, die uns das Gewissen auferlegt, der wird auch bereit sein, jenes keineswegs ferne Ziel einer Geeinten Menschheit zu akzeptieren, das großen Denkern wie Immanuel Kant, Albert Einstein, Bertrand Russell und Arnold Toynbee als unausweichlich erschien. Denn es geht ja um weit mehr als nur um theoretische Überlegungen: die großen Probleme unserer Zeit wie nuklearer Holocaust, Umweltzerstörung und Klimawandel sind überhaupt nur noch von einer Geeinten Menschheit zu lösen.

Eine geeinte Menschheit

Das menschliche Gewissen manifestiert sich heute global in Seattle ebenso wie in Tokyo oder Hamburg. Es ruft in aller Deutlichkeit dazu auf, die Nuklearwaffen abzuschaffen und das fossile Feuerwerk zu beenden, da beides den Planeten für zukünftige Generationen zu zerstören droht. Inzwischen gibt es Tausende von Wissenschaftlern, Nicht-Regierungsorganisationen und sogar eine Reihe von Politikern, welche die Dramatik der Situation nicht nur erkennen, sondern sich dafür einsetzen, alles zu tun, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Zwar gibt es immer noch hartnäckige Leugner des Klimawandels, und es gibt genug Menschen, die – vielleicht aus Gründen des Selbstschutzes – die apokalyptischen Gefahren einfach verdrängen, denen sich die Menschheit seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in rasant wachsendem Maße ausgesetzt hat, aber außer psychisch Kranken dürfte es kaum Menschen geben, denen die innere Stimme des Gewissens nicht unmissverständlich sagt, dass ein Leben auf einem grünen Planeten besser sei als auf einem verbrannten und dass eine polyzentrische Welt, wo nicht nur zwei oder drei, sondern am Ende ein Dutzend oder mehr Staaten alles Leben nuklear auszulöschen vermögen, die schlimmste aller denkbaren Perspektiven sei.

            Das Gewissen kann Tausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen überall auf der Welt mobilisieren: gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen den Klimawandel, gegen die Verbreitung der Bomben. Aber das Gewissen allein kommt nicht gegen die äußeren Zwänge an, aus denen sich diese Missstände ergeben. Die Vereinigten Staaten keinesfalls auf ihre Atomwaffen verzichten und auch nicht auf den American Way of Life, selbst wenn Hunderttausende auf die Straße gehen, und Russland oder China werden dies ebenso wenig tun. Damit das geschieht, müssen erst die Zwänge verschwinden, welche die Entstehung dieses Lebensstils und die Verbreitung dieser Waffen überhaupt erst ermöglicht haben. Diese Zwänge aber sind in der gegenwärtigen Situation der Streitenden Reiche begründet, wo die drei nuklearen Supermächte um die militärische und ökonomische Vorherrschaft streiten und weder auf Waffen noch auf einen maximalen Ressourcenverbrauch verzichten, solange das eine Schwächung des eigenen Lagers gegenüber dem Gegner bewirkt.

Ein verstörendes und doch begreifliches Paradox

Zwar wurden und werden internationale Konferenzen über Abrüstung und Maßnahmen gegen den Klimawandel nahezu jedes Jahr abgehalten und dabei regelmäßig die besten Vorsätze ausgesprochen. Politiker wie Al Gore oder Journalisten wie Naomi Klein haben mit ihren aufrüttelnden Mahnungen ein Millionenpublikum auf dem ganzen Globus erreicht. Es lässt sich daher keineswegs behaupten, dass es an Information fehlen würde. Es spricht vielmehr alles dafür, dass Informationen in diesem Fall gar nicht entscheidend sind. Selbst wenn die gesamte Menschheit über die zerstörerischen Auswirkungen des Wettrüstens und des Klimawandels im Bilde wäre und ihre bedrohlichen Folgen begreift, würden sich daraus keine entscheidenden Änderungen ergeben. Diese Annahme wird durch die Fakten bestätigt. Es ist ein verstörendes Paradox, dass etwa der Klimawandel umso schnellere Fortschritte macht, je mehr er als apokalyptisches Unheil beschworen wird.[3]Auch die nukleare Bedrohung wurde und wird in keinem Augenblick nur aus dem Grund geringer, weil mehr und mehr Menschen sich ihrer bewusst sind.

Ein Blick in die Geschichte hätte genügt, um die Ursache für dieses Paradox aufzudecken. Nach den Worten von Jacob Burckhardt haben sich die Griechen der Achsenzeit vor 2500 Jahren größeres Leid angetan, als irgendein anderes Volk – und sie taten es in mittagshellem Bewusstsein. Es war die Zeit der Streitenden Reiche, wo jeder Stadtstaat zu jeder Zeit mit einem mörderischen Überfall vonseiten seiner Nachbarn zu rechnen hatte, und das ganze Leben daher unter dem Imperativ der Verteidigung stand: Man musste in erster Linie an Ideen und Maßnahmen denken, um sich selbst zu schützen und den Gegner zu überwinden oder auch endgültig zu vernichten.

Die heutige Menschheit befindet sich in einer ähnlichen Situation. Jede der drei Supermächte ist bestrebt, den eigenen Lebensstandard und Ressourcenverbrauch zu erhöhen, wenn ihr das einen Vorteil gegenüber den Gegnern verschafft, und alle rüsten auf, um auf das Schlimmste gefasst zu sein. Sie sind sich zwar alle einig, dass man gegen den Klimawandel und die nukleare Bedrohung besser heute als morgen einschreiten solle – deswegen enden internationale Konferenzen fast immer mit den besten Absichtserklärungen. Diese aber werden äußerst selten in reale Handlungen übersetzt, da jede der großen Mächte sich eben zur gleichen Zeit deutlich bewusst ist, dass sie eine große Dummheit begehen würde, wenn sie den ersten Schritt in diese Richtung vollzieht, ohne mit absoluter Gewissheit darauf zählen zu können, dass die anderen ebenso handeln. Denn das liefe nur auf eine Schwächung der eigenen Position hinaus.

Der Wettlauf der Supermächte um die größere militärische und ökonomische Macht wirkt natürlich auf das Verhalten der Bürger innerhalb der Staaten zurück. Diese sind inzwischen gut genug informiert, um einzusehen, dass sie mit jeder Autofahrt, jedem Flug oder gar dem Urlaub auf einem Luxuskreuzer die Umweltbilanz verschlechtern. Manche begreifen sogar, dass der Massentransport chinesischer Waren in Containerschiffen die Aussicht auf Nachhaltigkeit nicht weniger wirksam in Frage stellt. Aber nur bei wenigen Idealisten hat diese Einsicht die praktische Folge, dass sie auf das Auto, auf das Flugzeug, die Schifffahrt oder den Kauf billiger Importprodukte verzichten. Jeder fühlt sich – und zwar durchaus zu Recht – als der Dumme, wenn er selbst seinen Lebensstandard beschränkt, während ringsherum alle anderen nicht einmal daran denken.

Eine Vereinigte Menschheit – warum bleibt diese Forderung ausgeklammert?

Es ist ein merkwürdiges Faktum, dass der elementare Mechanismus des ökonomisch militärischen Wettrennens, der die Streitenden Reiche seit frühester Zeit charakterisiert, in nahezu sämtlichen Diskussionen über die Bedrohung durch Nuklearwaffen und Klimawandel hartnäckig unterschlagen wird. Immer wird der Anschein erweckt, als käme es nur auf unser richtiges Wollen und unsere Entschlossenheit an, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Solange der äußere Zwang der steten militärischen und ökonomischen Bedrohung durch die Nachbarn bestand, konnte sich kein griechischer Stadtstaat erlauben, die eigene Existenz nicht unter den Imperativ dauernder Angriffs- und Verteidigungsbereitschaft zu stellen. Das war erst möglich, als diese Bedrohung durch den Zusammenschluss in einem geeinten Reich schließlich beendet wurde: Erst in diesem Augenblick gehörte der Wettlauf um die größere militärische und ökonomische Macht wirklich der Vergangenheit an.

Heute verhält es sich ganz genauso. Selbst wenn die ganze Menschheit gemeinsam alles Wettrüsten und den Klimawandel verdammt – tun die meisten Menschen es nicht bereits heute? – werden weder die Supermächte noch ihre Bürger ernsthafte Schritte tun, um sich beidem entgegenzustemmen. Denn heute wie in der Vergangenheit gehorchen rivalisierende Staaten dem Zwang der Selbstbehauptung gegenüber den Gegnern. Die Supermächte (einschließlich der Mehrheit ihrer Bürger) wollen weder ihren Rang innerhalb der Nationen noch ihren hohen Lebensstandard aufgeben. Und für die Entwicklungsländer (einschließlich ihrer Bevölkerungen) kommt ein Verzicht ohnehin nicht in Frage, solange ihr Lebensstandard nur einen Bruchteil des westlichen ausmacht und sie als Dritte Welt mitleidig belächelt werden. Es ist schon merkwürdig, dass in den Aufrufen zu einer grundlegenden Wende fast immer nur von den Fehlern des westlichen Wirtschaftssystems die Rede ist (die haben sich unter dem Neoliberalismus in der Tat zugespitzt), während der entscheidende und offenkundige Mechanismus fast nie in den Blick gerät: das Wettrennen der Streitenden Reiche um die größere ökonomische und militärische Macht.

Es ist aber genau dieser Mechanismus, der die Verantwortung dafür trägt, dass unsere Zeit zwar in allen Einzelheiten darüber Bescheid weiß, was getan werden müsste, aber dennoch unfähig ist, wirklich etwas zu tun. Denn die Supermächte und die restliche Welt (einschließlich der Mehrheit ihrer Bevölkerungen) werden ihre Politik keineswegs ändern, solange sie dem übermächtigen Zwang des internationalen Wettrennens ausgesetzt sind. Es ist dieser Mechanismus, dieses wechselseitig verhängte Schicksal, welches bewirkt, dass man über die besten Vorsätze unendlich viel redet und schreibt – und die Lage dennoch zur gleichen Zeit nur immer bedrohlicher wird. Die Tatsache aber, dass niemand oder beinahe niemand diesen Mechanismus wahrhaben will, hat einen offenkundigen Grund. Die Menschen des Westens, den wir genau aus diesem Grund heute noch frei nennen dürfen, sind es gewohnt, sich selbst als die Akteure des eigenen Schicksals zu sehen. Stets fragen sie: Was kann ich, was können wir tun? Auf keinen Fall wollen sie zugeben, dass es Situationen gibt und immer gab, wo äußere Zwänge ihr Schicksal viel wirksamer bestimmen als der beste Willen von Individuen, Gruppen und selbst noch einzelnen Nationen. Und dennoch ist genau dies heute der Fall, so wie es vor zweitausendfünfhundert Jahren für die Griechen galt, denen der heiß ersehnte Frieden erst dann zuteil wurde, als die Streitenden Städte schließlich vereint worden sind. Es musste ein höherer Zwang eintreten, die gewaltsame Vereinigung, damit der Zwang des ökonomisch-militärischen Wettlaufs schließlich sein Ende fand.

Auch unsere heutige Welt wird sich einem höheren Zwang beugen, sich beugen müssen: der Vereinigung der Menschheit unter einer zunächst inoffiziellen, später offiziellen Weltregierung. Denn andernfalls steht die Menschheit vor einer todbringenden Gefahr. Der Wettlauf um immer größere militärische und wirtschaftliche Macht droht die Supermächte gemeinsam in den Abgrund zu treiben – zusammen mit dem Rest der Menschheit. Zum ersten Mal in seiner Geschichte sieht sich Sapiens vor die apokalyptische Perspektive einer sicheren und quasi-automatischen Selbstauslöschung gestellt. Die Dynamik immer schnellerer, immer massenmörderischer Waffen, wo am Ende nur noch Computersysteme auf Blitzangriffe des Gegners zu reagieren vermögen, steuert in absehbarer Weise auf einen durch künstliche Intelligenz programmierten Nukleartod der Menschheit zu (während zur selben Zeit Ressourcenverschwendung und Klimawandel die natürlichen Grundlagen des Planeten zerstören). In der Geschichte der Menschheit ist dies ein neuer und ein planetarischer Zwang, worauf nur noch die großen politischen Akteure zu reagieren vermögen. All die vielen internationalen Konferenzen, Aufrufe, aufklärenden Bücher, die bis heute keine wirkliche Wende herbeizuführen vermochten, sind deswegen keineswegs überflüssig gewesen. Im Gegenteil, ohne den steigenden Druck von unten, der sie mit der Zeit im Inneren zu destabilisieren droht, würden die großen politischen Akteure ihre Haltung nicht ändern. Aus diesem Grund werden und müssen die Proteste von unten fortgesetzt werden, dennoch sind es letztlich nur die Streitenden Reiche selbst, welche den Absturz in die ökologische wie militärische Katastrophe zu verhindern vermögen.[4]

Tatsächlich besteht Grund zur Hoffnung. Die Supermächte sind bereits auf dem Weg zu einer verdeckten Kooperation, obwohl es die wenigsten merken, weil ihr offenkundiger Antagonismus das Ausmaß der hinter den Kulissen erfolgenden Arrangements immer noch weit überdeckt. Wann immer eine Resolution im Sicherheitsrat mit den Stimmen der drei Supermächte gemeinsam beschlossen wird, haben wir es mit den Akten einer – bisher noch inoffiziellen – Weltregierung zu tun.


[1]Diese These wird auch von dem deutschen Ethnologen Hans Peter Duerr vertreten, der sich damit gegen die Auffassung von Norbert Elias wehrt, wonach erst die Menschen der Neuzeit durch Triebverzicht eine höhere Form der Zivilisation ermöglicht hätten. Duerr weist überzeugend nach, dass eher das Gegenteil richtig ist. Scham, Schuldgefühle, Triebverzicht waren in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften eher ausgeprägter als sie es in der modernen Gesellschaft sind. „Die Vorstellung, die modernen Menschen hätten ihre ‚animalische Natur‘ auf bessere Weise gezähmt als die vormodernen, /beruhe/ auf einem falschen Bild sowohl der heutigen ‚westlichen‘ als auch der traditionellen Gesellschaften… “

[2]In Friedenszeiten und unter glücklichen Verhältnissen haben Städte und Menschen bessere Gesinnungen, weil sie nicht in unfreiwillige Zwangslagen verfallen. Der Krieg aber, der den mühelosen Erwerb des täglichen Bedarfs unterbindet, zwingt die Zuchtrute der Gewalt und lenkt die Leidenschaften der Menge so, wie es der Augenblick befiehlt (1963, S. 262).

[3]Preliminary data shows that in 2013, global carbon dioxide emissions were 61 percent higher than they were in 1990, when negotiations toward a climate treaty began in earnest. As MIT economist John Reilly puts it: “The more we talk about the need to control emissions, the more they are growing… in the 1990s, as the market integration project ramped up, global emissions were going up an average of 1 percent a year; by the 2000s, with “emerging markets” like China now fully integrated into the world economy, emissions growth had sped up disastrously, with the annual rate of increase reaching 3.4 percent a year for much of the decade. That rapid growth rate continues to this day, interrupted only briefly in 2009 by the world financial crisis“ (Naomi Klein 2015, Pos. 275, 443).

[4]In ihrer brillanten, kämpferischen und mutigen Studie über den Klimawandel und was dagegen getan werden soll, setzt Naomi Klein das größte Vertrauen in eine Massenbewegung von unten: „It really is the case that we are on our own and any credible source of hope in this crisis will have to come from below” und später: “… mass uprisings of people… represent the likeliest source of “friction” to slow down an economic machine that is careening out of control.”. An anderer Stelle fordert sie das Gegenteil: das entschlosseneEingreifen des Staates “it /cleaning up the mess/ won’t happen on a voluntary basis or on the honor system. It will have to be legislated – using… tough regulations… “ (Pos. 292, 7980, 4550). In den Zeiten der Streitenden Reiche genügt nicht einmal das. Nur eine Weltregierung ist in der Lage, Maßnahmen zu ergreifen, die den Fußabdruck jedes einzelnen soweit reduzieren, dass die Menschheit als Ganze zu überleben vermag.

Apokalypse – Wann?“

Im Nachhinein wird es uns als ein Glücksfall der Historie erscheinen, dass das für den Globus existenzbedrohende Arsenal an Massenvernichtungswaffen damals einzig in den Händen von nicht mehr als zwei Akteuren lag: denen der USA und der Sowjetunion. Die gegenwärtige Entwicklung zielt in eine andere Richtung: An die Stelle einer bipolaren ist eine multipolare oder – wie andere es nennen – eine polyzentrische Weltordnung getreten.

Viele glauben, darin einen bedeutenden Fortschritt zu sehen, weil sie bei diesem Übergang in erster Linie eine größere politische und kulturelle Vielfalt vor Augen haben. Die dualistische Welt des Kalten Krieges erstickte ja in einer ideologischen Enge, die nichts anderes mehr kannte als die beiden tödlich verfeindeten Wirtschaftssysteme: den sowjetischen Kommunismus und den westlichen Kapitalismus. Im östlichen Lager wollte man einen neuen Menschen schaffen – wie an ein unanfechtbares religiöses Dogma glaubte man an die hundertprozentige Formbarkeit des Menschen. Allerdings waren aus der Zeit der Finsternis noch die durch die voraufgegangene Bourgeoisie geistig verformten Menschen übriggeblieben, die man erst einmal beseitigen musste, damit der neue Mensch sich ungestört zu entfalten vermochte. In der Sowjetunion wurden aus diesem Grund die „bürgerlichen“ Kulaks in Massen ermordet. Die Chinesische Revolution definierte ihre Feinde auf ähnliche Art, denn dazu gehörten ehemalige Grundherren, „reiche“ Bauern und Lehrer, die man erniedrigte, folterte und ermordete. Die Roten Khmer machten es sich noch einfacher: Stadtbewohner und Angehörige der Bildungsschichten wurden in Arbeitslager gesteckt und exekutiert.

Bemerkenswert ist die gleich blutige Wirkung, welche das extrem linke Credo von der totalen Formbarkeit des Menschen und die extrem rechte Lehre des Sozialdarwinismus für das Schicksal der Menschen hatte. Die Nazis sprachen von unterlegenen Rassen, welche industriell zu vernichten waren, für die Sowjets, Chinesen und Roten Khmer gab es falsch programmierte Klassen, welche in noch höherer Zahl ausgemerzt wurden. Der totalitären Rechten galt die Gleichheit der Menschen, der totalitären Linken die Freiheit als Illusion. Während die ideale Gesellschaft für die ersten ausschließlich aus Ariern bestehen sollte, sahen die Marxisten im Proletarier das Ziel der Geschichte.

Auch außerhalb der beiden ideologischen Lager bestimmten letztlich nur diese beiden Alternativen das politische Denken und Handeln. Die sogenannten blockfreien Länder begründeten keine eigene politische oder ökonomische Ideologie, sie lavierten nur zwischen den Lagern.

Von einer polyzentrischen Welt versprechen sich viele die entscheidende Wende. Hundert bunte Blumen dürfen nun blühen, viele Denk- und Daseinsentwürfe können sich gleichzeitig entfalten. Kein Wunder, dass die Befreiung aus der bipolaren Falle zunächst als eine Art von Erlösung empfunden wurde. In Europa, vor allem in den osteuropäischen Ländern, die bis dahin die Knute der Sowjetmacht ertragen mussten, wurde sie auch als eine solche erlebt und gefeiert.

Zwei glückliche Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ahnte kaum jemand, dass die Welt für diese Erlösung einen hohen – einen sehr hohen – Preis zu bezahlen hätte. Denn polyzentrisch ist die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ja nicht nur in kultureller Hinsicht geworden, sondern eben auch in militärischer. Und das ist leider kein Fortschritt, sondern der größte nur denkbare Rückschritt. Denn seit dieser Zeit drohen sich die Arsenale der Massenvernichtung über den gesamten Planeten zu verbreiten. Außer den klassischen Atommächten USA, Russland, Frankreich und England verfügen schon jetzt Pakistan, Indien und Israel über die Bombe. Nordkorea hat sie bis zur Einsatzreife entwickelt und besitzt auch die dazugehörigen Raketen, um zumindest die eigenen Nachbarn damit zu bedrohen. Der Iran und vermutlich auch Saudi-Arabien arbeiten an der Bombe.*1 Durch einen kriegsunwilligen Westen werden sie sich daran umso weniger hindern lassen, als China und Russland im Weltsicherheitsrat bislang stets ihr Veto einlegten, wenn es um vorbeugende Schläge gegen atomare Aufrüster ging.

Japan hat in den achtziger Jahren dreihundert Kilogramm waffenfähiges Plutonium von den USA zu Forschungszwecken erhalten. Aufgrund seiner hohen technischen Kompetenz könnte das Land daraus in weniger als einem halben Jahrzehnt zwischen vierzig bis fünfzig Bomben herstellen. Außerdem verfügt Japan noch über vierundvierzig Tonnen weniger reinen Plutoniums, ausreichend für die Fabrikation von sage und schreibe fünftausend nuklearen Köpfen.*2 Im Hinblick auf seinen Vorrat an potentiell nutzbarem Nuklearmaterial hat das fernöstliche Land sogar die Vereinigten Staaten eingeholt. Technisch ist Japan jederzeit in der Lage, sich unter die großen Atommächte einzureihen – eine Tatsache, mit der sich rechte Kreise, animiert durch Shintaro Ishihara, den Schriftsteller und langjährigen Bürgermeister von Tokio, auch gern in aller Öffentlichkeit brüsten.*3

Von der bipolaren zur polyzentrischen Welt

In der bipolaren Ära waren die beiden Supermächte USA und Sowjetunion aufeinander fixiert, die übrige Welt zählte wenig. Kleinere Staaten, die Länder Europas eingeschlossen, traten nur als Statisten, Schachfiguren und Zuschauer in Erscheinung, von den beiden Großen nur zu jeweils eigenen Zwecken in Stellung gebracht. Zum eigentlichen Motor dieser gegenseitigen Fixierung wurde die Angst, verbunden mit der fortwährenden Taxierung des Gegners. Welche Reaktionen waren von ihm zu erwarten, wenn man die eigenen Raketenstellungen an diesem oder jenem Punkt des Globus vorrücken ließ oder andere Staaten für die eigene Ideologie und das eigene Lager gewann? Dieses Spiel wurde zwar kalt geführt, aber jede der beiden Mächte war sich bewusst, dass es jederzeit in die heiße Phase eines Weltbrands umschlagen konnte.

Ganz akut bestand diese Gefahr 1962, als Nikita Chruschtschow sich in der Psychologie seines jugendlichen Gegenübers irrte. Er glaubte, John F. Kennedy nicht übermäßig ernst nehmen zu müssen. Daher entschloss er sich zur Stationierung von Langstreckenraketen auf Kuba, um die größten amerikanischen Städte aus geringer Entfernung mit Atomwaffen bedrohen zu können. In diesem Pokerspiel ging es dem sowjetischen Ministerpräsidenten um mehr als bloße Abwehr und Abschreckung, es ging um einen strategischen Vorteil für das eigene Land. Wäre es der Sowjetmacht damals gelungen, Raketen unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten zu stationieren, hätte sie diese mit einem Erstschlag nicht nur bedrohen, sondern auch endgültig mattsetzen können. Bis zuletzt wurde vonseiten der Sowjets systematisch gelogen. Sie taten alles, um die Amerikaner in Hinblick auf ihr wirkliches Vorgehen zu täuschen. Ihr Kalkül wäre auch beinahe aufgegangen. Fast wäre es ihnen gelungen, mehrere Basen auf Kuba in abschussbereitem Zustand zu errichten.

Die Vereinigten Staaten sahen sich am 27. Oktober 1962 der Herausforderung gegenüber, die Russen im letzten Moment aufzuhalten oder ihnen ihrerseits mit einem atomaren Erstschlag zuvorzukommen. Es war dem besonnenen Vorgehen Kennedys, dann aber auch der Einsicht Nikita Chruschtschows zu danken, dass der nukleare Holocaust damals vermieden wurde – allerdings erst im allerletzten Moment.*4

Eine bestürzende Erkenntnis bleibt dennoch zurück. Damals hing das Schicksal von fünf Milliarden Menschen von der Vernunft oder Unvernunft zweier Individuen ab, ergänzt um nicht mehr als eine Handvoll Berater. Was hätte sich zugetragen, wenn Kennedy weniger besonnen und Chruschtschow weniger einsichtig gewesen wären? Hier liegt die unheilvolle Wirkung von Massenvernichtungswaffen. Sie besteht in der immensen Macht, die wenigen Individuen über den Rest der Menschen gegeben ist. Im Extremfall wird das Schicksal von Milliarden Menschen von einigen wenigen Politikern durch einen Knopfdruck entschieden. Alles deutet übrigens darauf hin, dass selbst nach diesem nur knapp vermiedenen Weltuntergang neokonservative amerikanische Kreise unter George W. Bush weiterhin von einem Erstschlag träumten.*5 So gesehen hatte Hoimar von Ditfurth (1921 – 1989) schon recht, als er den Deutschen empfahl, es Luther nachzutun und ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Denn solange es diese Waffen gibt, wird es immer Menschen geben, die ungeniert mit ihrem Einsatz liebäugeln.

In einer polyzentrischen Welt sind die Folgen des Wettrüstens unabsehbar. Da keine Großmacht stark genug ist, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen systematisch durch Androhung von Gewalt zu verhindern, andererseits aber auch keine so schwach, dass sie die Anwendung von Gewalt nicht durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat zu verhindern vermag, ist damit zu rechnen, dass jeder wirtschaftlich erstarkende Staat über kurz oder lang danach streben wird, seine ökonomische Macht mit militärischen Mitteln zu garantieren, Nuklearwaffen eingeschlossen. Dadurch kommt es zu einem zusätzlichen Schneeballeffekt. Je mehr Staaten die Bombe bereits besitzen, umso größer wird dann das Bestreben der anderen sein, ihrerseits in deren Besitz zu gelangen. Die Welt wird dadurch zu einem weit gefährlicheren, durch Zufall und Achtlosigkeit viel leichter entflammbaren Pulverfass als jemals zu Zeiten des Kalten Krieges.

Ich denke, dass man den starken Gegensatz zwischen einer vergleichsweise sicheren bipolaren und der weit gefährlicheren multipolaren Welt, wie sie sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzuzeichnen beginnt, gar nicht genug betonen kann. Solange das Schicksal der Welt nur in den Händen von zwei Akteuren lag, haben diese sich über ein Gleichgewicht des Schreckens vergleichsweise leicht zu verständigen vermocht. Die beste Lösung bestand in jenem Minimum an Kooperation, wodurch sich beide Lager ein Maximum an Sicherheit verschafften. Unter gegenseitiger Kontrolle verzichteten sie eine Zeitlang sogar auf die Weiterentwicklung von Waffen, die das bestehende Gleichgewicht außer Kraft setzen würden. Gemeinsam hatten sie nach 1986 eine Reduktion der Atomköpfe erreicht, und zwar um ganze zwei Drittel.Auch wenn das restliche Drittel immer noch ausreicht, alles irdische Leben auf dem blauen Planeten mehrfach zu tilgen, haben sie es doch fertig gebracht, durch Kooperation und das dadurch gewonnene Vertrauen einen halbwegs stabilen Zustand herzustellen.

Der menschliche Faktor

Schon zu der Zeit, als nur zwei Atommächte einander feindselig gegenüberstanden, sah sich die Weltgemeinschaft vor das Risiko ihrer physischen Auslöschung gestellt. Aber eine derartige Konfrontation (einschließlich eines auf technischem oder menschlichem Versagen beruhenden GAUs; siehe Anm. 48) ergab sich damals vielleicht einmal im Laufe von zwanzig Jahren. In einer polyzentrischen Welt, wo Dutzende Mächte über solche Todeswaffen verfügen, müssen wir mit „Beinahe-Katastrophen“ oder echten Zwischenfällen in weit kürzerem Tempo rechnen. Das Verhältnis der gegenseitigen Taxierung und Überwachung ermöglicht ja nun immer mehr Kombinationen: Israel gegen Iran, Nord- gegen Südkorea, Pakistan gegen Indien, China gegen die USA, die USA gegen Russland oder – zu einem späteren Zeitpunkt – China gegen Russland etc. Hier spielt der menschliche Faktor demnach eine immer größere Rolle. Schwache Nerven, beleidigter Stolz oder pure Lust am Spiel mit dem Feuer waren schon bei Chruschtschow und Kennedy nicht auszuschließen; sie sind aber charakterliche Standardmerkmale der unvermeidlichen Kims, Ahmadinedschads und leider auch Trumps und Putins unserer Welt.

Dabei bildet der Faktor Mensch nur eine von zwei Dimensionen eines enorm angewachsenen Bedrohungspotentials: Schlamperei, Achtlosigkeit und technische Fehlplanung, mit einem Wort, das Verhängnis ungeplanter technischer Fehlfunktionen, spielt eine mindestens gleich große Rolle. Regelmäßig stürzen irgendwo auf der Welt Flugzeuge ab oder explodieren Waffenlager. Bei einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungs­waffen ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der größtmögliche anzunehmende Zwischenfall ereignet – ein atomarer Fast-GAU zum Beispiel, wie er drei Tage nach der Amtseinführung von John F. Kennedy geschah.

Damals geriet ein B-52-Bomber über North Carolina außer Kontrolle – zwei scharfe Wasserstoffbomben fielen dabei zu Boden. Da ein Sicherheitsmechanismus nach dem anderen versagte, stand die Bombe unmittelbar vor der Zündung. Nur dem Zufall, dass die letzte von vier Sicherheitssperren dann doch funktionierte, ist es zu danken, dass die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Gestalt immer noch existieren. Um ein Haar wären sie die ersten Opfer einer 4-Megatonnen Wasserstoffbombe geworden!

Die zweite Bombe landete in einem Sumpf. Ihr Explosivmaterial blieb intakt, der Uran-Kern aber versank in der Tiefe – mehr als einundzwanzig Meter. Er wurde bis heute nicht gefunden. In seinem jüngsten Buch „Control and Command“zählt Eric Schlosser eine ganze Serie gleich dramatischeUnfälle mit Nuklearwaffen auf, die sich entweder bei deren Transport ereigneten oder aufgrund von unzureichender Verwahrung. In manchen Fällen wurden diese Waffen so schlecht bewacht, dass sie ohne größere Schwierigkeiten in die Hände von Terroristen gelangen konnten.

Natürlich steigt dabei auch der Pegel nuklearer Strahlung aufgrund militärischer wie ziviler Nutzung der Kernkraft. Atombomben wurden nicht nur in voller Absicht über Hiroshima und Nagasaki gezündet, sondern danach fanden etwa zweitausend weitere Testzündungen statt.

Wohin treibt uns der Wettlauf?

Es sind die USA gewesen, die das Gleichgewicht des Schreckens mutwillig durchbrachen, und zwar mit dem von ihnen propagierten und entwickelten Raketenabwehrschirm. Es war abzusehen, ja eigentlich unvermeidlich, dass sie Russland und China, die großen mit ihnen konkurrierenden Mächte, dadurch zwingen würden, gleichfalls nach technischen Lösungen zu suchen, die den Vorsprung wettmachen würden. Anders gesagt, musste das globale Wettrüsten zu neuer Stärke entflammen. Es entwickelt sich aber nicht mehr zum Vorteil der USA. Man geht davon aus, dass die militärischen Ausgaben der Chinesen spätestens 2020 die Höhe der US-amerikanischen erreichen und sie danach übertreffen werden. Jedenfalls wurden die technischen Instrumente, mit denen sich der vorläufige Vorsprung Amerikas überwinden lässt, inzwischen sowohl in Russland wie in China entwickelt. Vorläufig sieht es so aus, dass mehrfach überschallschnelle Raketen (mit 10 Mach Geschwindigkeit) jeden existierenden Raketenschutzschirm unterlaufen. Russland behauptet schon jetzt, mit seinen kürzlich entwickelten atomar betriebenen ballistischen Raketen genau dazu in der Lage zu sein.

Die Zerstörung des Gleichgewichts hat den USA keinen Vorteil gebracht. Sie hat im Gegenteil nicht nur ihre eigene Verwundbarkeit, sondern auch die aller übrigen Staaten wesentlich erhöht. Wer über eine ausreichende Zahl dieser neuartigen Raketen verfügt, kann sogar auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zählen, einen Erstschlag auf den Feind halbwegs zu überleben. Dass derartig makabre Rechenspiele auch von hochrangigen Politikern angestellt werden, hatte bereits Mao Zedong vor einem halben Jahrhundert mit seiner berüchtigten Rede von 1957 gezeigt. Unter dem Titel „American Imperialism is a Paper Tiger“ gab Mao damals öffentlich zu Protokoll, dass er in einem Atomkrieg keine übermäßig gefährliche Katastrophe erblicke. Vielleicht würde die Hälfte der Chinesen einen nuklearen Holocaust nicht überleben, aber die übrig gebliebene zweite Hälfte würde sich alsbald wieder derart vermehren, dass sie in kurzer Zeit die ursprüngliche Bevölkerungsstärke erreicht.*6 Wenn es stimmt, was in einer Broschüre der Anti-Atom-Bewegung zu lesen war, dann waren ähnliche Töne auch in Deutschland zu hören, zum Beispiel aus dem Mund des Berliner Bischofs Otto Dibelius: „Die Anwendung einer Wasserstoffbombe ist vom christlichen Standpunkt aus nicht einmal eine so schreckliche Sache, da wir alle dem ewigen Leben zustreben.“*7 Es ist zu befürchten, dass noch in vielen anderen Köpfenderart makabre Kalküle sprießen.

Schlimmer ist allerdings, dass auch in denjenigen Staaten, in denen wir die Vernunft heimisch glaubten, ein substantieller Anteil des volkswirtschaftlichen Reichtums darauf verwendet wird, die Instrumente des Todes weiter zu perfektionieren. Um ihren potentiellen Feinden auch nach Aushebelung der Abwehrschirme zumindest ein paar Schritte voraus zu sein, arbeiten die USA inzwischen an einem System von Himmelsbomben. Sie wollen Satelliten mit atomaren Raketen bestücken, die dann auf Knopfdruck und innerhalb weniger Minuten jedes beliebige Gebiet des Globus angreifen und auslöschen können. Sollte dies wirklich in den kommenden Jahren geschehen, dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Chinesen und Russen ihrerseits den Himmel mit Bomben behängen werden: eine schöne neue Welt, wie sie freilich nicht der Fantasie satanischer Mächte, sondern unserer angeborenen atavistischen Primatenmentalität entspringt.

Diese primitive Mentalität ist uns bis heute geblieben, während sich zugleich unser technologisches Können aufs Höchste vervollkommnete. In der bisherigen Geschichte stellte die Verbreitung von Waffen niemals eine Gefahr für das Überleben der Menschheit dar. Sie führte immer „nur“ zu Ausrottungen in bestimmten Teilen des Globus. So ungern man es auch zugeben mag, hat sich das wechselseitige Töten sogar als einer der stärksten Motoren des materiellen Fortschritts erwiesen. Um den militärischen Übergriffen anderer Stämme, Staaten oder Nationen gewachsen zu sein, kam es darauf an, jede technische Neuerung, welche die eigene Stellung gefährden könnte, unverzüglich zu kopieren und möglichst noch zu verbessern. Aus diesem Grund hat Heraklit Krieg den „Vater aller Dinge“ genannt. Der Rüstungswettlauf war immer ein Wettlauf um die besten Ideen und ihre bestmögliche Realisierung – insofern bildet er bis heute eine der wirkmächtigsten Kräfte der Innovation.

Doch genau dieses Wettrennen um die besten Methoden der gegenseitigen Vernichtung kann sich die Menschheit nicht länger leisten. Krieg ist heute mehr als nur ein Phänomen des „moral hazard“ – also eine Veranstaltung, bei der gerade diejenigen, die ihn vom Zaune brechen – Könige, Fürsten, Generäle und Machteliten – in aller Regel am wenigsten riskieren. Der Atomkrieg hat daraus eine Veranstaltung zur kollektivenVernichtung gemacht. Die Vorstellung, dass Atom- oder gar Wasserstoffbomben mitsamt den dazu benötigten Trägerraketen in spätestens zehn bis zwanzig Jahren außer in die Hände von Nordkorea auch in die eines Dutzends anderer Staaten gelangen, ist unerträglich, denn sie läuft auf eine sichere Garantie für den kollektiven Untergang hinaus.

Diese düstere Voraussage gilt leider selbst für den Fall, dass weder Angriffslust noch böse Absicht der Kontrahenten dabei im Spiel ist. Schon die halbwegs sichere bipolare Welt, wo nur zwei Mächte den Finger am Drücker der Apokalypse hatten, hätte, wie oben an wenigen Beispielen gezeigt, die Welt durch bloßen Zufall in das atomare Desaster hineintreiben können. Dass die Wahrscheinlichkeit eines unbeabsichtigten technischen Zwischenfalls in einer polyzentrisch atomar gerüsteten Welt ins Unabsehbare steigt, bedarf daher keiner weiteren Begründung.1983 entging die Welt ganz knapp einem Erstschlag durch die Sowjetunion.*8Überhaupt ist es, wie Noam Chomsky mit Recht konstatiert, „a near miracle that nuclear war has so far been avoided.“

Ein kurzer Blick auf das heute bestehende nukleare Vernichtungspotential genügt, um diese Einsicht zu bestätigen. Die USA, Russland, Frankreich, China, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea verfügen über ein Arsenal von jeweils etwa 4650, 3740, 300, 240, 160, 100, 100, 80 und ?? (unbekannt) nuklearen Sprengköpfen. Das ergibt eine Gesamtzahl von annähernd zehntausend Bomben.*9 Diese Zahl erhält ihre volle Bedeutung aber erst in dem Augenblick, da man sie mit der Aussage US-amerikanischer Experten konfrontiert, wonach die bescheidene Menge von insgesamt dreihundert nuklearen Bomben völlig ausreichen würde, um jeden potentiellen Feind von einem Angriff auf die Vereinigten Staaten abzuhalten. Ein Gegenschlag mit dreihundert Bomben würde dessen eigenes Territorium für Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Zwar ist es den Vereinigten Staaten und Russland in wechselseitiger Absprache gelungen, ihr Arsenal substantiell zu reduzieren – die USA im Vergleich zu 1967 um 85%, Russland um 89% im Vergleich mit dem Maximum zu Sowjetzeiten. Es gibt jetzt 54 000 weniger Nuklearbomben als 1986. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, da zufallsbedingte Unfälle auf diese Art natürlich wesentlich eingeschränkt werden können. Doch an das Ziel, zu dem sich die ursprünglichen Nuklearmächte in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags ausdrücklich verpflichteten, nämlich eine fortschreitende Verminderung bis zur völligen Abschaffung des atomaren Arsenals, ist vorläufig nicht einmal zu denken. Vielmehr stand von vornherein fest, dass Artikel VI ein toter Buchstabe bleiben wird, da jede Macht, die bei der Reduktion der Waffen einen Schritt zu weit gehen würde, sich dadurch verwundbar macht und den anderen gegenüber in einen entscheidenden Nachteil gerät. Tatsächlich ist vieles verschrottet worden, was ohnehin durch Veraltung unbrauchbar wurde. Dagegen werden Rüstungsausgaben zum Zwecke der Modernisierung und Innovation weiter in die Höhe geschraubt – seit Trump sogar in neuerlich beschleunigtem Umfang und Tempo. Knapp 1,7 Billionen Dollar gibt die Welt insgesamt dafür aus – etwa 70 Prozent mehr als zu Anfang dieses Jahrhunderts oder soviel wie die gesamte Wirtschaftsleistung von Kanada.

Wie sollte eine Welt beschaffen sein, in der eine globalisierte Menschheit zu überleben vermag. Sollte sie multilpolar, bipolar oder gar monopolar aussehen? Auf diese drängende Frage versuche ich in meinem neuen Buch „Auf der Suche nach Sinn und Ziel der Geschichte“ eine Antwort zu geben. Im Internet zugänglich in englischer Übersetzung: „In Search of Meaning and Purpose in Human History”. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

 

1 Chomsky weist darauf hin, dass die USA selbst den Shah zur atomaren Aufrüstung ermuntert haben: „(Cheney, Rumsfeld, Kissinger and others) were urging the shah to proceed with nuclear programs and pressuring universities to accommodate these efforts.“

2 Siehe http://www.business-standard.com/article/news-ians/us-presses-japan-to-hand-back-300-kg-of-plutonium-114012700058_1.html.

3 Ishihara setzt sich lautstark für eine japanische Aufrüstung mit Atomwaffen ein: „Japan needs nuclear weapons. Unless we have them, we won’t be treated as equals. Look at world politics… The only way Japan will survive is to set up a military regime. Unless we do so, Japan will become a vassal state.“ (http://www.japancrush.com/2012/stories/ex-tokyo-mayor-ishihara-shintaros-most-outrageous-remarks.html).

4 Kennedy 1999, Pos. 590. „In think these few minutes [als bei den Amerikanern noch Unklarheit darüber herrschte, ob die sowjetischen Kriegsschiffe die Blockade Kubas akzeptieren würden]were the time of gravest concern for he President. Was the world on the brink of a holocaust?”

5 Expressis verbis wird dies durch den Artikel „The Rise of Nuclear Primacy” in ‘Foreign Affairs’ vom März/ April 2006 bestätigt: „Today, for the first time in almost 50 years, the United States stands on the verge of attaining nuclear primacy. It will probably soon be possible for the United States to destroy the long-range nuclear arsenals of Russia or China with a first strike.“ (http://www.dartmouth.edu/~dpress/docs/Press_Rise_US_­Nuclear_Primacy_FA.pdf). Siehe auch Anm. 52.

6 “I’m not afraid of nuclear war. There are 2.7 billion people in the world; it doesn’t matter if some are killed. China has a population of 600 million; even if half of them are killed, there are still 300 million people left. I’m not afraid of anyone.” (http://www.theepochtimes.com/n3/4758-maos-nuclear-mass-extinction-speech-aired-on-chinese-tv/).

7Zit. Aus Radkau (2017), S.77.

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow.

9 SIPRI (http://www.sipri.org/yearbook/2013/files/sipri-yearbook-2013-chapter-6-overview) kommt auf eine höhere Zahl: “At the start of 2013 eight states possessed approximately 4400 operational nuclear weapons. Nearly 2000 of these are kept in a state of high operational alert. If all nuclear warheads are counted — operational warheads, spares, those in both active and inactive storage, and intact warheads scheduled for dismantlement — the United States, Russia, the United Kingdom, France, China, India, Pakistan and Israel together possess a total of approximately 17 270 nuclear weapons.”

Sinn oder Un-Sinn? – das ist hier die Frage

Seit die Babylonier zu den Sternen aufblickten, macht sich der Mensch Gedanken über die Zukunft, versucht sie im Kaffeesatz zu lesen, aus der Gestalt der Leber zu deuten oder in den Sternzeichen zu erkennen. Wir sind bescheidener geworden: wir fragen allenfalls, was wohl in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren geschehen wird – zum Beispiel, wie man dann im Rückblick die Ära Merkel beurteilen wird.

Ein Höhepunkt in der deutschen Nachkriegsgeschichte?

Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass viele in der Kanzlerschaft dieser bemerkenswerten Frau einen Höhepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte sehen werden. Angela Merkel stand für Berechenbarkeit, Fähigkeit im Dialog auch schwierige Fragen so zu entscheiden, dass niemand dabei das Gesicht verlor. Nichts war von jener Neigung zur Übertreibung zu bemerken, die den Deutschen von ihren Kritikern nachgesagt wird. Die Kanzlerin hat eher untertrieben, sie hat die aufwallenden, sich als Kampfhähne aufspielenden Männer in ihrer Umgebung gezähmt. Niemand verstand es so gut wie der Politstar aus der ehemaligen DDR, ohne viel Aufsehens und sogar ohne den Anschein ernster Betroffenheit ihre – meist männlichen – Gegner oder Machtrivalen still zu entsorgen, sie ins politische Abseits oder zumin-dest in eine untergeordnete Stellung zu drängen. Helmut Kohl, Laurenz Meyer, Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz, Edmund Stoiber, Günther Oettinger, Roland Koch, Christian Wulff und nicht zuletzt die gegnerische Partei SPD gehörten zu ihren Opfern.

Merkel vertrat einen neuen Menschentypus

Und doch hat dieser Machtinstinkt sich bei ihr nie auf grobe oder gar polternde Art entfaltet, wie es unter Männern die Regel ist. Politik wurde unter dieser Frau zu einem Geschäft guten Willens, wo jeder seine Interessen vertreten durfte, aber so, dass am Ende ein Ausgleich gefunden wurde. Man darf nicht vergessen: Die ältere Generation der Europäer ist mit einem Deutschlandbild aufgewachsen, das von bramarbasierenden Staatshäuptern wie Wil-helm II., einem blindwütigen Fanatiker wie Adolf Hitler, einem Berserker wie Franz Josef Strauß und einem Egomanen wie Gerhard Schröder geprägt worden war. Angela Merkel repräsentierte einen neuen Menschen, nämlich den sachlich-funktionalen Typus wie er in den Wissenschaften zu finden ist und auf den Chefetagen der Industrie. Emotionen wusste sie zu meiden und zu beherrschen, weil Gegensätze sich so leicht an ihnen entzünden. Sie wusste: Ein moderner Industriestaat wie Deutschland lässt sich nur mit nüchterner Sachkompetenz begreifen und lenken – niemand war für diese Einsicht besser vorbereitet als eine Frau, die ursprünglich das Fach Physik zu ihrem Tätigkeitsbereich ausgewählt hatte. Dabei war sie alles andere als naiv. Die Staatshäupter, die mit der deutschen Kanzlerin verhandelten, wussten dass man sie nicht über den Tisch ziehen konnte. Das verschaffte ihr Respekt im Ausland und Ansehen bei der eigenen Bevölkerung, die ihr Schicksal bei dieser Frau in guten Händen wusste. Unter ihrer Regie gab sich Deutschland der Welt als ein fraglos demokratisches Land zu erkennen, das seine wirtschaftliche Stärke nicht allzu sehr betonte, um den Zusammenhalt in Europa nicht zu gefährden. Die emotionslose Nüchternheit ihres Regierungsstils macht aber auch begreiflich, warum es kaum möglich erscheint, in der Kanzlerin eine charismatische Persönlichkeit zu sehen, wie Max Weber sie definierte. Äußerste Nüchternheit und Charisma – das schließt sich irgendwie aus, das passt nicht zueinander. Die deutsche Kanzlerin war eine verlässliche Handwerkerin, keine Visionärin.

In zehn Jahren

wird eine Mehrheit wohlmeinender Kommentatoren und Historiker, so nehme ich jedenfalls an, ihr Urteil über die Kanzlerschaft Angela Merkels in etwa auf diese Art formulieren. Manche werden sie auf eine Stufe mit  Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt an die Spitze der deutschen Nachkriegspolitiker stellen. Warum also dieses Thema überhaupt aufgreifen? Lohnt es sich denn über das Selbstverständliche zu reden?

Angela Merkel – der größte Einschnitt der Nachkriegszeit

Doch in zehn, spätestens aber in zwanzig Jahren könnte das Urteil auch völlig anders lauten. Ich bin sogar überzeugt, dass dies der Fall sein wird. Mit aller Wahrscheinlichkeit werden Kommentatoren und Historiker in ihrer Kanzlerschaft ein Unglück für Deutschland sehen. Nicht ihre politischen Gegner sind an diesem möglichen Umschwung schuld, schon gar nicht die Fanatiker aus den Reihen der AfD oder anderer politischer Parteien. Und man braucht auch nicht an jene Männer wie Friedrich Merz oder andere zu denken, die sie an den Rand gedrängt hatte und die sich nach Ablauf ihrer Kanzlerschaft vielleicht im Nachhinein an ihr rächen. Dadurch würde ihr Bild allenfalls ein paar Kratzer abbekommen, aber nicht wirklich beschädigt werden. Schon aus eigenem Selbsterhaltungstrieb werden die beiden christlichen Parteien die Kanzlerin nach dem Ende ihrer Regierungszeit auf einem Podest verewigen wollen, um sie für alle sichtbar zu einer Gestalt der Geschichte zu machen.

Nein, der Angriff, und zwar ein vernichtender, kommt von einer ganz anderen und völlig unerwarteten Seite, fern von allen politischen Ambitionen. Er kommt von Hans-Werner Sinn, dem ehemaligen Präsidenten des Münchner ifo-Instituts. Wenn die von dem Ökonomen errechneten Zahlen richtig sind, wonach der gleichzeitige Verzicht auf Kohle und Atomenergie den Industriestaat Deutschland vernichten wird, dann hat die deutsche Kanzlerin der deutschen Wirtschaft mit dem von ihr initiierten Atomausstieg einen härteren Schlag versetzt als es die ärgsten Feinde und Konkurrenten Deutschland jemals vermochten.

Ich selbst habe ein Buch über die Energiewende geschrieben

und diese Wende habe ich bis vor kurzem als eine der größten Leistungen der deutschen Kanzlerin bewundert. Der Abschied von den fossilen Energieträgern versteht sich ja inzwischen beinahe von selbst, da der Klimawandel zur akuten Bedrohung wurde. Aber der Verzicht auf die Atomenergie erschien mir ebenso wie einer Mehrheit der Deutschen als unerlässlich, weil die Gefahren, die diese Technologie mit sich bringt, ja schwer zu leugnen sind. In der von Fukushima ausgelösten Entscheidung der Kanzlerin, auf die Atomenergie ganz zu verzichten, sah ich deshalb einen mutigen Schritt, der Deutschland zum Vorreiter einer nachhaltigen, umweltbewussten Politik machen würde.
Dazu ist es freilich nicht gekommen. Sieht man von Österreich ab, so blieb Deutschland mit dieser Politik weltweit allein. Das mag sogar bewundernswert sein, wenn der gewählte Weg richtig ist. Doch die sorgfältigen Berechnungen Hans-Werner Sinns haben gezeigt, dass Deutschland sich nicht nur ins Abseits begeben hat, sondern seine Stellung als Industriestaat gefährdet. Die von Sinn angestellten Berechnungen haben mich zunächst erschüttert, dann aber – leider – auch restlos überzeugt.*1* Das Hauptargument des Münchner Ökonomen besteht nicht einmal in dem Nachweis, den auch Volker Quaschning erbringt, dass die für Windräder benötigte Fläche selbst im günstigsten Fall, also wenn wir unseren Energieverbrauch drastisch reduzieren, immer noch mindestens viermal größer sein müsste als das gegenwärtig der Fall ist. Das stimmt überein mit den Ergebnissen, die eine Forschergruppe um Jessica Lovering vorlegt. Danach müsste eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika für Windräder und Solarmodule zur Verfügung stehen, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen. Nein, das eigentliche Argument des Münchner Ökonomen besteht in der Aufstellung der Kosten. Die zur Glättung des Stroms unerlässlichen Speicher würden Geld in astronomischer, schlicht unbezahlbarer Höhe verschlingen: unbezahlbar selbst für einen reichen Industriestaat wie Deutschland.

Wenn die Zahlen stimmen und davon gehe ich im Folgenden aus

dann hat Angela Merkel eine für Deutschland verhängnisvolle Fehlentscheidung getroffen, denn „Die Energiewende führt ins Nichts“ (Hans-Werner Sinn). Ein Beharren auf der unbezahlbaren Versorgung ausschließlich aus erneuerbaren Quellen – Wind und Photovoltaik – würde die Wirtschaft ihrer energetischen Basis berauben und hätte verheerende Auswirkungen auf den Lebensstandard der Deutschen. Da die Energiewende stockt und letztlich als undurchführbar abgesagt werden muss, bleibt der deutschen Wirtschaft nichts übrig, als die Versorgung mit Kohle und Gas neuerlich auszuweiten und dadurch jeden Anspruch auf klimaschonende Nachhaltigkeit zu verwirken oder sie wird – die wahrscheinlichste Variante – auf einer Rückkehr zur Atomenergie bestehen.
Natürlich wird die Atomenergie nicht um einen Deut sympathischer, nur weil wir ohne sie nicht mehr auskommen können. Aber die Menschheit hat sich mit sieben, bald zehn Milliarden, die alle einen westlichen Lebensstandard erstreben, selbst in eine Lage manövriert, wo sie nur noch mit Hilfe solcher Groß- und Hochtechnologien zu überleben vermag. Die Vorstellung einer dezentralen Energieversorgung, wo jeder sein Windrad im eige-nen Garten und sein Solarmodul auf dem eigenen Dach einrichtet, läuft auf eine romantische, aber heillos realitätsferne Selbsttäuschung hinaus, wenn man sie auf die deutsche Industrie anwendet.

Zweimal während ihrer Karriere an der Spitze der deutschen Politik

hat die deutsche Kanzlerin statt nach reiflicher, nüchterner Überlegung nach ihrem Gefühl gehandelt. Als sie einem afghanischen in Tränen aufgelösten Kind gegenüber meinte, dass „Deutschland doch nicht die Armen aus aller Welt bei sich aufnehmen könne“ sprach sie mit der ihr eigenen Nüchternheit. Umgehend verurteilte die Presse ihre Worte als psychisch hartherzig und unfühlsam. Das waren sie auch, aber sie entsprachen einer richtigen Abschätzung der Situation: Wer wird ernsthaft bezweifeln, dass Deutschland nicht alle Armen bei sich aufnehmen kann?
Als im Jahr 2015 dann auf einmal Zehntausende von Menschen an die Tore Europas klopften, war Frau Merkel nicht mehr dieselbe: Sie tat, was ihr sonst sehr fremd war. Sie überließ sich auf einmal ganz ihren Gefühlen. Schengen wurde von ihr umgehend ausgesetzt. Die Folgen waren atemberaubend – eine ganze Million Flüchtlinge fand schließlich Aufnahme in der Bundesrepublik. Einen Augenblick lang waren die Deutschen ebenso gerührt wie ihre Kanzlerin, und Beobachter aus dem Ausland trauten ihren Sinnen nicht. Waren das noch dieselben Deutschen wie ein Dreivierteljahrhundert zuvor? Deutschland hatte einen überwältigenden Akt zwischenmenschlicher Hilfe vollbracht, welcher der Kanzlerin zumindest während der ersten Zeit der Flüchtlingswelle ein gewaltiges Maß an Sympathie bescherte.

Allerdings nur während der ersten Monate,

denn auch in Deutschland gibt es breite Schichten von Globalisierungsverlierern, die nicht nach ihrer Meinung gefragt worden waren, Menschen, welche die dringlichste Aufgabe der Politik in der Verbesserung ihrer eigenen Lebensverhältnisse sehen statt in der Fürsorge für Hunderttausende von Fremden. Hätte Deutschland wie unter früheren Kanzlern den Zustrom von Fremden maßvoll beschränkt, dann hätte die „Alternative für Deutschland“ mitsamt dem von ihr genährten Fremdenhass nie zu einer so machtvollen Bewegung anschwellen können. In einem Moment des Gefühlsüberschwangs hatte Frau Merkel das Beste gewollt und – zumindest auf längere Sicht – das Schlechteste bewirkt. Ihrem ganzen Wesen nach allen Extremen und jeder Art von Fanatismus aufs höchste abgeneigt – ein wesentlicher Grund für ihre Popularität -, kann man die deutsche Kanzlerin nicht von dem Vorwurf freisprechen, dass die politische Polarisierung Deutschlands – die Entstehung eines rechtsextremen Lagers – zweifellos zu ihrem Erbe gehört.

Ein zweites Mal löste dann Fukushima einen gefühlsbedingten Reflex bei der Kanzlerin aus

Politik besteht, wie schon Max Weber wusste, im beharrlichen Bohren sehr dicker Bretter. Hochtechnologisierte Industriestaaten sind Räderwerke von größter Komplexität, wo jeder unbedachte Eingriff das richtige Funktionieren des Ganzen außer Kraft setzen kann. Romanciers, Dichter, Kritiker, politische Kommentatoren, aber auch Ökonomen und Soziologen können die Welt in ihren Köpfen nach Belieben umgestalten – ich selbst habe mich dieser Leidenschaft manchmal recht hemmungslos hingegeben -, aber Politiker können das größte Unheil bewirken, wenn sie mit Gedanken und Menschen spielen. In einem Staat wie Deutschland ist Politik daher in der Regel nicht mehr als Verwaltung: so eintönig wie sonst nur die Routinearbeiten in einem großen Wirtschaftskonzern. Eine wirkliche Herausforderung geht nur von dem Unerwarteten aus: das war das eine Mal die plötzliche Migrationswelle aus dem Nahen Osten und das zweite Mal das weltweit Aufsehen erregende Reaktorunglück von Fukushima.
Auch auf dieses Unglück reagierte die Kanzlerin mit gefühlsbedingtem Reflex und konnte dafür augenblicklich die Zustimmung bei einem großen Teil der Bevölkerung für sich gewinnen. Offenbar gab es in der deutschen Regierung keine Experten, die imstande gewesen wären, die langfristigen Folgen dieser Entscheidung vorherzusehen, geschweige denn sie vorherzuberechnen. Oder vielleicht gab es diese Experten, aber man wollte sie gar nicht hören. Die Kanzlerin selbst ist zwar Physikerin, und als solche musste sie wissen, wie wichtig bei einer solchen Richtungsänderung verlässliche Zahlen sind, aber sie verließ sich ein zweites Mal auf ihren Bauch statt auf den Kopf und proklamierte die Wende: den völligen Ausstieg aus der Atomenergie. Das war, wenn die Zahlen von Hans-Werner Sinn sich nicht wider alle Erwartung noch als Un-Sinn entpuppen, die wohl teuerste, leichtsinnigste und unbedachteste Entscheidung, die je ein deutscher Kanzler nach dem Kriege getroffen hat.

Die tragische Ära der Angela Merkel

Ich habe immer zu den Bewunderern der deutschen Kanzlerin gehört. In das gewöhnlich so aufgeregte, oft so misstönige Treiben, das für Demokratien bezeichnend ist, da jede der vielen einander widerstreitenden Stimmen gehört werden will, hat sie eine Stetigkeit und Unaufgeregtheit gebracht, welche der Politik unter ihrer Leitung ein gutes Maß an Würde verschaffte. Umso mehr muss man bedauern, dass diese bemerkenswerte Frau letztlich gescheitert ist, ja, dass sie aller Voraussicht nach als tragische Gestalt in die Geschichte Deutschlands eingehen wird. Menschen sind nicht von heute auf morgen umzupolen. Wer sich für die Energiewende begeistert hat, der wird es nur schwer verkraften, dass Deutschland und in seinem Gefolge dann wohl auch Österreich das Steuer um 180 Grad herumwer-fen und genau in die entgegengesetzte Richtung fahren müssen: zurück zum Atom. Wer den Hass auf Mitmenschen – wo immer sie geboren sein mögen – für eine schlimme Verirrung hält – bösartige Gespenster aus der Vergangenheit -, der wird darunter leiden, dass der Fremdenhass nun in Deutschland wieder hoffähig ist. Frau Merkel hat nur das Beste gewollt – das muss ihr jeder zugestehen -, aber als sie sich zweimal von ihren Gefühlen hinreißen ließ, hat sie eine Lawine des Schlechten in Bewegung gesetzt – das macht ihre Tragik und ihr Versagen aus.

1 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=jm9h0MJ2swo.

Klimawandel und Massenmigration

Ich habe das Glück, in einem Staat zu leben, wo niemand Hunger leidet, man weder wegen seines Glaubens, noch seiner Hautfarbe oder Rasse verfolgt wird und selbst nachts nicht zu befürchten hat, von Verhungernden, von verzweifelten Dieben oder politischen Fanatikern aus dem Hinterhalt angegriffen oder ermordet zu werden. Hätte mich der Zufall der Geburt allerdings in Somalia zur Welt kommen lassen, dann würde ich selbstverständlich alles tun, um einem mörderischen Regime zu entgehen oder auch schlicht dem Verhungern. Ich würde die Heuchelei des Westens anprangern, der eine künstliche Grenze zwischen politisch Verfolgten und den Verhungernden zieht: Wirtschaftsflüchtlingen und Asylanten, so als wäre das eine zu tadeln und das andere erlaubt.

Ist der Tod nicht beide Male dasselbe?

Ich würde auch nicht verstehen, dass sie unsere Reiseführer, die sie als „Schlepper“ bezeichnen, pauschal zu Verbrechern erklären. Wie soll ich denn einem Weg durch fremde Länder finden, wenn es nicht Leute aus meiner Heimat und Menschen von meiner Sprache sind, die mir die sichersten Routen zeigen und mich davor bewahren, schon lange vor Erreichung des Ziels beraubt, erschlagen oder versklavt zu werden? Ihr wollt uns nicht, aber dann sagt das doch rund heraus ohne diesen ungeheuren Aufwand an Heuchelei!

Mea Culpa? Nostra maxima Culpa? No!

Nochmals: Ich habe das Glück, im reichen Norden geboren zu sein. Nur hartgesottene Egoisten schrecken davor zurück, sich in die Lage ihrer ärmsten Mitmenschen zu versetzen. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Bewohner im Norden nicht genauso im Recht wie die im Süden sind, wenn sie ihren jeweiligen Standpunkt zur Geltung bringen. Es gibt keine dem Globus von außen oktroyierte Gesetzestafel, die souveräne Staaten dazu verpflichtet – mögen sie materiell noch so begütert sein -, den Ärmsten der Welt ihre Grenzen zu öffnen. Es gibt nur eine ethische Forderung, eine Forderung des Gewissens, Menschen zu helfen, denen wir das gleiche Recht wie uns selbst auf eine halbwegs gesicherte Existenz zugestehen. Im Westen sind inzwischen viele bereit, ein „Mea Culpa“ anzustimmen, weil sie glauben, dass wir als Urheber des Klimawandels eine Schuld gegenüber dem Süden begleichen müssten. Ich halte diese Meinung für falsch. Die Folgen menschlichen Handelns sind so gut wie niemals vorauszusehen. Noch bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat kaum jemand gewusst, welche Auswirkungen die Industrialisierung durch den Ausstoß von CO2auf die Umwelt haben würde. Selbst heute, wo die Experten durchaus in der Lage sind, die Folgen auf das Klima genau abzuschätzen, streben alle Staaten einschließlich denen des afrikanischen Kontinents, nach Wachstum, mit anderen Worten, sie sehen ihr Heil in weiterer Industrialisierung.

Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache

Die Fachleute lassen aber keinen Zweifel daran, welche Folgen der steigende Verbrauch fossiler Brennstoffe haben wird. Während der vergangenen 650 000 Jahre fluktuierte der Anteil von COan der Luft zwischen 180 Molekülen auf eine Million Luftmoleküle während den früheren Eiszeiten und 290 ppm in den wärmeren Zwischenzeiten. Niemals wurde der Wert von 300 ppm erreicht.

Das war zum ersten Mal im Jahr 1958 der Fall. Im Mai 2010 war dieser Anteil schon auf 393 ppm in die Höhe geschnellt. Zwar lösen die Ozeane einen Teil des CO2s, und Pflanzen benötigen einen weiteren Teil für die Photosynthese, aber beides reicht nicht aus, um die jährlich vom Menschen erzeugten 38 Milliarden Tonnen zu absorbieren. Der IPCC geht davon aus, dass bei ungebrochenem Trend dieser Wert gegen 2050 die Marke von 550 ppm erreichen und damit höher sein wird als während der letzten 24 Millionen Jahre. Die Durchschnittstemperatur wird dann bis Ende dieses Jahrhunderts um mindestens 1,50C, vielleicht aber bis um 40C steigen.

Schon einmal gab es eine dramatische Erwärmung (damals ohne Einwirkung des Menschen)

Um sich die Dramatik dieses Wandels vor Augen zu führen, sollte man einen Blick auf die jüngere Geschichte des Planeten werfen. Der Anstieg von 180 ppm auf 260 ppm zwischen 20 000 bis 10 000 v. Chr. sorgte für eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um drei Grad Celsius und einen Anstieg des Meeresspiegels um 120 m. Von da an blieben die CO2-Konzentration, die Durchschnittstemperatur und das Meeresniveau zehntausend Jahre lang einigermaßen konstant. Erst die sprunghaft vermehrte Emission von Treibhausgasen durch die Industrialisierung hat die Temperatur innerhalb eines einzigen Jahrhunderts (1900 – 2016) um einen vollen Grad wachsen lassen – das ist ein Wert, für den zwischen 10 und 20 000 vor Chr. etwa dreitausend Jahre benötigt wurden. Selbst wenn der Meeresspiegel mit entsprechender Zeitverzögerung (denn Eis schmilzt nicht von heute auf morgen) nur um einen einzigen Meter steigt, werden an die 100 Millionen Menschen sämtliche küstennahen Metropolen der Welt verlassen müssen. Bei unverändertem oder gar weiterhin wachsendem CO2-Ausstoß ist aber mit einer Erhöhung der Temperatur um 4 bis 5 Grad zu rechnen. Sobald die beiden Eispanzer über dem Nordpol und in der Antarktis geschmolzen sind, würde der Meeresspiegel dann um maximal weitere 70 m steigen.

Absehbare Völkerwanderungen

Mit Sicherheit haben wir in diesem Fall mit Völkerwanderungen zu rechnen, und zwar vor allem aus jenen Ländern der Subsahara, die vom Klimawandel am schwersten betroffen sind. Der Stern-Report von 2006 hatte eine Massenmigration  von 200 Millionen Menschen angekündigt. Die findet gegenwärtig schon statt. Neuere Zahlen sprechen von 196 Millionen Klimaflüchtlingen allein zwischen 2008 – 2016, davon entfallen auf das Jahr 2016 schon 23,5 Millionen (Volker Quaschning). Wenn auch nur der zehnte Teil der Migranten die Festung Europa zu erstürmen versucht, wird die zu erwartende Reaktion der Bevölkerung unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Als dramatisch aber könnten sich bereits die friedlichen Wanderbewegungen und Ansprüche an weiteres Wirtschaftswachstum auswirken. Allein in China wird in den kommenden Jahren knapp eine halbe Milliarde Menschen aus den ärmlichen, aber weniger umweltbelastenden Landgebieten in die energieintensiven Städte umsiedeln. Kein anderer Staat wird so hungrig wie China auf Ressourcen sein. Eisen, Kupfer, Holz, Soja, Öl, Kohle und Gas, die dieser Staat von allen Enden der Welt importiert, sind aber schon heute knapp geworden.

Sind Migranten eine Bereicherung?

Wer will bestreiten, dass Menschen von Natur aus neugierig sind, sich immer schon für das Fremde und für ihre fremden Mitmenschen interessierten? Es ist durchaus nicht verwunderlich, dass vielen Völkern das Gastrecht als heilig galt. Ein Fremder, der die eigene Gemeinschaft besuchte, das war eine Bekanntschaft mit fernen Ländern, anderen Sitten, merkwürdigen Gebräuchen und aufregenden Ideen. Bis vor zweihundert Jahren, als über neunzig Prozent der Menschen noch in voneinander isolierten Dörfern getrennt voneinander lebten, war die Ankunft eines Fremden so aufregend wie heute ein Fußballspiel, das Fernsehen oder ein aufrüttelnder Film.

Dennoch war die Begegnung mit fremden Menschen von jeher durch Ambivalenz charakterisiert. So sehr die Ankunft von ein oder zwei Fremden die Einheimischen zu faszinieren vermochte, so groß war in der Regel die Furcht vor ihnen, wenn sie in Massen kamen, denn kann konnte es der bodenständigen Bevölkerung passieren, dass an die Stelle des Gastrechts etwas ganz anderes trat: Nackte Gewalt bis hin zum offenen Krieg. Seit Ende des fünfzehnten Jahrhunderts emigrierten Europäer – ohne dazu von Not getrieben worden zu sein. In den beiden Amerikas und im pazifischen Raum haben sie die Einheimischen keineswegs um Gastrecht und freundliche Aufnahme gebeten, sondern sie im Gegenteil vertrieben, versklavt oder ausgemerzt. Damit prolongierten sie allerdings nur eine Tradition, die so alt zu sein scheint wie die Menschheit selbst. So haben zum Beispiel zweieinhalb Jahrtausende zuvor die im Peloponnes einfallenden Dorer die heimischen Heloten zu ihren Arbeitssklaven gemacht; auf Kreta sind sie mit den dort heimischen Bewohnern ähnlich verfahren. Nicht anders gingen die germanischen Stämme vor, als sie wie die Heuschrecken über den Kyberpass in Nordindien einfielen. Und die vor dem Hunger fliehenden Völker aus dem Norden Europas, welche über die Alpen strömten, um sich Rom zu unterwerfen, haben ebenso wenig wie fünfhundert Jahre später die Normannen zuvor höflich danach gefragt, ob sie im Süden Europas willkommen wären: Das fremde Land haben sie brutal mit Waffengewalt genommen. Bis in unsere Zeit hat Migration so gut wie immer Krieg bedeutet. Es gehört schon sehr viel Optimismus dazu, für die Zukunft an eine andere Entwicklung zu glauben.

Die fossile Abhängigkeit ist kein Schicksal

Der Klimawandel als Folge der industriellen Entwicklung droht in Afrika und anderen Teilen der Welt die dort ansässigen Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Alles kommt daher darauf an, seine Ursachen, die Verwendung fossiler Energie, zu beenden. Technisch ist diese Aufgabe durchaus möglich, nämlich durch die Umstellung der gesamten Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien. Angesichts der gewaltigen Menge der auf den Erdball einfallenden Sonnenenergie – insgesamt etwa 3 850 000 Exajoules pro Jahr – erscheint eine solche Energiewende als realistisch, wird doch der gesamte jährliche Energieverbrauch der Menschheit von etwa 559,8 Exajoules (im Jahr 2012) von der Sonne innerhalb von weniger als neunzig Minuten auf den Planeten abgestrahlt!

Die Aussichten sind verführerisch, die Umsetzung ist es leider weit weniger, denn der Übergang von fossiler zu erneuerbaren Energien kommt nur äußerst schleppend voran. Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Menschheit das Ziel einer ökologischen Energieversorgung noch vor Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts erreicht – also vor dem Zeitpunkt, wo der Klimawandel noch abgebremst werden kann. 

Es geht nicht ohne resolute Einsparungen

Beim gegenwärtigen Stand der Technik und wenn Energie nicht in großem Maße gespart wird, scheint das Ziel aber überhaupt unerreichbar zu sein. Eine Forschergruppe um Jessica Lovering hat errechnet, dass wir eine Fläche in der Größe der Vereinigten Staaten (einschließlich Alaskas) zusammen mit der bewohnten Fläche Kanadas und dazu noch Zentralamerika mit Windrädern und Solarmodulen bedecken müssten, um den gesamten projektierten Energiebedarf der Menschheit im Jahr 2050 aus erneuerbaren Quellen zu speisen.

Diese Berechnung stimmt überraschend gut mit der folgenden zusammen, in der für Deutschland ein Flächenbedarf von 2,6 Prozent für Windräder und Solarmodule errechnet wird, um die fossile Energie vollständig zu ersetzen. Allerdings gelten die 2,6 Prozent nur, sofern der gegenwärtige Energiebedarf um den Faktor zehn auf das absolut notwendige Minimum reduziert wird. Die von Lovering errechnete Landfläche von ca. 19 Millionen kmsteht zur verbleibenden nutzbaren Landfläche des Globus von etwa 110 Millionen kmim Verhältnis von 17 zu hundert. 17 Prozent der gesamten Landfläche müssten somit für Windräder und Solarmodule geopfert werden, um den gesamten für 2050 vorhergesagten Energiebedarf zu decken. Wenn man diesen Bedarf um den Faktor zehn reduziert, werden die für Deutschland errechneten Werte erreicht.

Der Klimaexperte Volker Quaschning,

dem die nachfolgenden Berechnungen zu verdanken sind, schätzt die Lage für die Bundesrepublik Deutschland zugleich positiver und im Hinblick auf die von der Bundesrepublik bisher ergriffenen Maßnahmen doch wieder sehr pessimistisch ein. Der Sinn der Umstellung auf erneuerbare Energien liegt in der Abwendung der verheerenden Auswirkungen des Klimawandels, d.h. in dem Verzicht auf fossile Brennstoffe. Wenn Deutschland das 2015 unterzeichnete Pariser Abkommen einhalten will, muss es die CO2-Emissionen bis spätestens 2040 auf null reduzieren; der Anteil fossiler Brennstoffe am gesamten Energieverbrauch beträgt gegenwärtig aber immer noch 74%.

Würde Deutschland auf fossile Brennstoffe vollständig verzichten, dann käme es im günstigsten Fall, wenn nämlich aller vermeidbare Verbrauch an Energie abgestellt wird, mit etwa dem Doppelten der heute erzeugten Strommenge aus. Wird diese insgesamt regenerativ erzeugt, dann werden ca. zwei Prozent der Landesfläche für Windräder und 0,6 Prozent für Solarmodule gebraucht. Konkret läuft das auf eine Vervierfachung der heute bestehenden Windparks hinaus und eine Vergrößerung der für Solarmodule zur Verfügung stehenden Fläche um etwas mehr als das Siebenfache.

Doch wenn Deutschland mit dem Doppelten der gegenwärtigen Strommenge auskommen will, muss es zunächst bei den großen Energiefressern, den Gebäuden, ansetzen. Diese müssen durch Dämmung saniert und ihr Wärmebedarf statt durch Öl- und Gasheizungen durch strombetriebene Wärmepumpen gesichert werden. Um wechselndem Bedarf gerecht zu werden, wird überschüssiger Strom in Form von flüssigem Wasserstoff gespeichert. In diesem Fall könnte der Energiebedarf bis auf ein Zehntel herabgedrückt werden.

Ebenso müsste der Verkehr spätestens ab 2025 ganz auf Benzin- und Dieselfahrzeuge verzichten. Eine Elektrifizierung der Autobahnen bis 2025 wäre unerlässlich, um auch den Schwerlastverkehr von fossilen Brennstoffen unabhängig zu machen. Der gesamte Schiffs- und Flugverkehr müsste ab diesem Termin auf stromerzeugte flüssige und gasförmige Energieträger und bis spätestens 2040 die gesamte Stromerzeugung zu 100% auf regenerative Erzeugung umgestellt worden sein.

Wäre ein nationaler Kraftakt von solchem Ausmaß in einem reichen Staat wie Deutschland denkbar? Der ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn bezweifelt das kategorisch. Die Kosten für einen totalen Übergang zu den Erneuerbaren lägen so astronomisch hoch, dass die deutsche Volkswirtschaft darunter zusammenbrechen würde. „Die Energiewende führe ins Nichts.“*1* Wenn Deutschland seine Industrien und seinen Lebensstandard erhalten wolle, dann gebe es keine andere Möglichkeit, als eine Rückkehr zur Atomenergie.

In jedem Fall geht die gegenwärtige Klimapolitik der Bundesregierung an diesem Ziel in so hohem Maße vorbei, dass die schlimmsten Prognosen der Klimaforscher unabwendbar erscheinen, also ein finaler Anstieg der Durchschnittstemperatur um 4 bis 5 Grad und des Meeresspiegels um 70 m. Diese erschreckende Prognose ist umso mehr zu befürchten, als die Aussichten auf eine radikale Abkehr von fossilen Energien ja in den meisten anderen Ländern noch weit schlechter stehen, soweit sie nicht auf Atomenergie umsteigen. Wie Volker Quaschning ausdrücklich betont, würden auch die von den deutschen Grünen vorgeschlagenen Maßnahmen an dieser Aussicht nichts ändern.

Eine bedrohte Zukunft

Seine ganze Brisanz erhält der Klimawandel erst vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung. Während in Afrika um 1800 etwa 90 Millionen Einwohner lebten, waren es in Europa etwa doppelt so viele. Heute aber zählt Afrika 1,3 Milliarden Menschen und bis 2100 wird sich deren Zahl mehr als verdreifacht haben. Dann leben dort sieben Mal mehr Menschen als in Europa. Eine Verschiebung wirtschaftlicher und militärischer Macht ist nicht zu erwarten, denn in Afrika wird mit größter Wahrscheinlichkeit genau das passieren, was China durch seine Einkindpolitik verhindern konnte: jeglicher Fortschritt im Lebensstandard wird von einer wachsenden Menschenzahl zunichte gemacht. Die Not wird dort in schnellem Tempo wachsen, weil der Kontinent seine Menschen bestenfalls zu ernähren, ihnen aber nicht die Aussicht auf eine sozial befriedigende Existenz zu geben vermag. Umso größer ist die Sogwirkung, die von Europa ausgeht. Nicht nur ist der Norden im Vergleich ein blühendes Eldorado, sondern er ist zudem auch noch relativ menschenleer. Das gilt insbesondere für Deutschland. 2015 lag die Geburtenzahl in Subsahara-Afrika beim 52-fachen des deutschen Wertes, 2100 wird sie knapp das 200-fache betragen. 2015 lebten dort etwa 15 Mal so viele Menschen wie in Deutschland, 2100 werden es 62 Mal so viele sein.*2*

Diese Tatsachen werden gerne verdrängt

und aus verständlichen Gründen, denn es herrscht immer noch Ratlosigkeit, wie man auf den Migrationsdruck aus Afrika reagieren soll. Die UNO geht davon aus, dass die Bevölkerung in Subsahara-Afrika innerhalb der kommenden 15 Jahre um mehr als 400 Millionen Menschen zunehmen wird. Selbst wenn nur jeder Zehnte von ihnen sein Heil in Deutschland sucht, sind das immer noch 2,7 Millionen pro Jahr (400/15/10= 2,67) . Gelänge die Auswanderung jedem Dritten, dann liefe das auf eine Völkerwanderung von 9 Millionen (400/15/3= 8,89) jährlich hinaus.

Wie zu Beginn beschrieben, bedarf es keiner politischen Diktaturen, um Millionen zur Flucht zu bewegen, Hunger und Perspektivlosigkeit reichen völlig aus. Bis ins zwanzigste Jahrhundert wurde das Bevölkerungsniveau in den traditionellen afrikanischen Agrarzivilisationen auf dieselbe Art in Schach gehalten wie überall sonst in der Welt, nämlich durch Krankheit und regelmäßig auftretende Hungersnöte. Wenn dies nicht reichte (man muss es leider so brutal formulieren), wurde die Zahl der Menschen durch menschliches Zutun begrenzt, wobei Kriege das übliche Mittel waren. Die moderne Medizin verbunden mit elementaren Maßnahmen der Hygiene hat Krankheiten auch in wenig entwickelten Ländern stark reduziert und die Lebenserwartung schlagartig heraufgesetzt – eine Erlösung von uralten Übeln. Aber auf das dadurch bewirkte exponentiell verlaufende Bevölkerungswachstum in wirtschaftlich unterentwickelten Staaten hat bisher nur China die richtige Antwort gefunden: eine von oben verordnete Einkindpolitik verbunden mit staatlicher Altersversorgung.

In Afrika gibt es keine staatliche Altersversorgung, aus diesem Grund haben die Menschen dort ein unmittelbares Interesse an einer großen Nachkommenschaft. Verhütungsmittel sind zwar bekannt, aber sie werden bewusst abgelehnt. Andererseits scheint dort bisher kein Staat so mächtig zu sein, dass er gegenüber der eigenen Bevölkerung eine Einkindpolitik auch nur in Vorschlag zu bringen, geschweige denn sie durchzusetzen vermag (das hat nicht einmal Indira Gandhi in ihrem Land durchsetzen können).

Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts

Die Welt, ganz besonders aber Europa, steht damit vor einer Herausforderung, welche der nuklearen und ökologischen an Brisanz durchaus vergleichbar ist, denn diesmal sind ihre Grundwerte betroffen: ihr Selbstverständnis und ihr Menschenbild. Die größte Errungenschaft Europas, welche die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute prägt, besteht in der Erkenntnis und einem darauf begründeten politischen Handeln, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten sind – unabhängig von Rasse, Religion oder Herkunft. Wenn Europa sich ohne Vorbehalt zu dieser Überzeugung bekennen würde, müsste es seine Grenzen öffnen, auch wenn dann nach einigen Jahrzehnten die heimische Bevölkerung zu einer Minderheit schrumpft, weil Menschen von anderer Hautfarbe und Religion die Mehrheit bilden, wie das ja in einigen europäischen Metropolen ohnehin schon in absehbarer Zeit der Fall sein wird.

Wenigstens ebenso schwer wiegt aber das Risiko, dass eine massive Welle von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Einwanderern dem Wirtschaftssystem im Norden so schweren Schaden zufügt, dass am Ende die Not in Frankreich, Italien oder Deutschland ebenso groß sein wird wie in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Dann wäre das Elend nur weiter verteilt und am Ende die Situation für Nord und Süd gleich schlecht geworden. Der Anreiz zu einer Einkindpolitik nach chinesischem Vorbild wäre durch ein offenes Ventil der Auswanderung aber ganz und gar aufgehoben, obwohl gerade eine derartige Politik die bisher einzig wirksame Maßnahme zur Eindämmung der Bevölkerung in Entwicklungsländern gewesen ist.

Gibt Europa dem wachsenden Einwanderungsdruck ohne Widerstand nach,

dann wird es sich in den kommenden Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit verändern, nach hundert Jahren bliebe von seiner ursprünglichen Gestalt wohl kaum etwas übrig. Aber eines hätte der alte Kontinent dabei immerhin bewahrt: seine Werte. Trifft Europa hingegen die entgegengesetzte Wahl, indem es die Grenzen schließt, dann sollten wir uns eingestehen, dass die Völkerwanderung aus dem Süden letztlich nur durch Gewalt zu verhindern ist. Dabei macht es nur für unverbesserliche Heuchler einen Unterschied, ob Europa diese Gewalt selbst ausübt, zum Beispiel mit Hilfe einer Grenzpolizei, oder ob es sie an umliegende Staaten delegiert, die durch entsprechende Bestechung dazu überredet werden.

Es gibt einen mittleren Weg

Die vorangehenden Überlegungen entwerfen ein Doomsday Szenarium, das durch die bekannten Fakten leider auf eine kaum noch anfechtbare Weise untermauert wird. Ich erlaube mir trotzdem, ein unverbesserlicher Optimist zu bleiben, denn ein mittlerer Weg zwischen der Selbstaufgabe und der Anwendung brutaler Gewalt ist jedenfalls möglich. Wir müssten ihn allerdings mit entschlossenem Handeln sehr schnell betreten. Die Gemeinschaft der wirtschaftlich führenden Staaten, vor allem das existenziell betroffene Europa, sind aufgefordert, einen Marshallplan für die Region südlich der Sahara zu beschließen. Nicht um Entschädigung für den Klimawandel zu leisten, denn da ist keine wirkliche Verantwortung feststellbar, sondern im Sinne einer Wiedergutmachung für die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Der erste Akt würde deshalb noch gar keine Hilfe implizieren, es genügt, dass Afrika nicht weiterhin ein Objekt der Ausbeutung ist. Dies hatte schon ein unparteiischer Beobachter wie Jean Ziegler verlangt. Europa dürfe Afrika nicht länger mit den billigen Produkten seiner hochsubventionierten Agrarindustrie überschwemmen, welche die Landwirtschaft in Teilen Afrikas großflächig vernichten. Außerdem dürften die Meere vor den Küsten Senegals und Somalias nicht länger von ausländischen Schiffen so leergefischt werden, dass es für die lokale Bevölkerung, die bis dahin wesentlich vom Fischfang lebte, nicht länger fürs Überleben reicht. Ein solcher Marshallplan müsste daher zunächst einmal eine Wiedergutmachung an unseren afrikanischen Nachbarn sein.

Die weitere Hilfe müsste Europa dann allerdings mit einer Bildungsoffensive für die Frauen verbinden, damit diese über ihr eigenes Schicksal entscheiden und nicht länger als Gebärmaschinen missbraucht werden können. Anders gesagt, müsste ein solcher Marshallplan eine kontrollierte Einkindpolitik zur Bedingung machen, da sonst jede Hilfe wirkungslos bleibt: Sie würde eine weitere Zunahme der Bevölkerung noch zusätzlich fördern.

Sind solche Überlegungen hirnverbrannt optimistisch? Nicht unbedingt, denn das Schicksal der Menschheit ist nirgendwo in Stein gemeißelt, nur von einer Instanz hängt es wirklich ab: der Menschheit selbst. Diese lässt sich allerdings von sehr unterschiedlichen Motiven leiten. Der unmittelbare Vorteil übt zu jeder Zeit eine mächtige Sogwirkung aus – so mächtig, dass die Zukunft dabei oft ganz aus dem Blick gerät. Das ist der Grund, warum fossilgetriebene Wachstumsträume immer noch das Denken der meisten Menschen beherrschen: Die Verdoppelung des Flugverkehrs in der kommenden Dekade, damit jeder Mensch einmal über der Erde schwebt, das eigene Auto für alle sieben bis zehn Milliarden Bewohner des Globus. Das sind Träume, die verständlicherweise gerade in den bislang benachteiligten Ländern der Erde so mächtig und verführerisch sind, dass davor alle Warnungen verblassen.

Ein Wandel ist erst zu erwarten, wenn die Vorzeichen immer bedrohlicher werden. Das ist aber schon heute der Fall. Stürme, Überschwemmungen und Taifune werden in den kommenden Jahren noch verheerender sein und die drohende Gefahr für alle sichtbar machen. Dann werden nicht nur die Experten das Menetekel erkennen, sondern die große Mehrheit, die sich gegen dieses Wissen immer noch sträubt.

(Dieser Aufsatz ist ein Exzerpt aus „In Search of Meaning and Purpose in Human History“)

1 Siehe https://www.youtube.com/watch?v=jm9h0MJ2swo. Da ich ein Buch mit dem Titel „Die Energiewende“ veröffentlicht habe, fällt es mir sehr schwer, den Glauben an diese schöne Vision aufzugeben. Aber die von Sinn gelieferten Zahlen haben mich – leider – überzeugt.

2 Zahlen aus Sarrazin 2016, Pos. 7206. Von diesem zusammengestellt aufgrund der Bevölkerungsprognose der UNO von 2015 für den Zeitraum von 2050 bis 2100, wobei die von den Demographen vorausgesagten Entwicklungstendenzen in Afrika und Deutschland gegeneinander verrechnet wurden. Natürlich handelt es sich um Schätzungen, allerdings solche von hohem Wahrscheinlichkeitswert. Gunnar Heinsohn gelangt zu ähnlichen Schlüssen in: „Benötigt die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft Einwanderung?“ (https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=13287&token=ff66b5763e93cf3617a87373bffce00630834438). Sarrazin ist ein Beamter von preußischer Korrektheit, auch seine ärgsten Kritiker haben ihm nicht vorwerfen können, mit Zahlen leichtfertig umzugehen. Nur politisch korrekt war er nie. Seine Stellungnahmen zum Einwanderungsproblem waren – wie die Kanzlerin es formulierte – „nicht hilfreich“.

Der Fluch der Globalisierung

Ich lebe in Puch bei Weiz, einem kleinen Dorf in der Steiermark. Mancher Tourist, der seine Ferien hier verbringt, wird den Ort als verträumt bezeichnen, obwohl die Menschen hier keineswegs müßige Träumer sind, sondern im Gegenteil überaus arbeitsam. Das macht sich auf angenehme Weise bemerkbar: Häuser und Gärten sind gepflegt und zeugen von Wohlstand, die Abwesenheit von äußeren Umgrenzungen wie Hecken und Mauern lässt auf gute Nachbarschaft schließen. Gerade die einfachen Leute pflegen hier besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Fremden gegenüber herrscht Toleranz, was mir und meiner Familie zugute kam, als ich mich gegen Ende der Achtzigerjahre entschloss, Berlin zu verlassen und meinen Wohnsitz hier aufzuschlagen – etwa 40 km von Graz entfernt, der nächsten größeren Stadt.

Wohlstand ist hier keinesfalls selbstverständlich.

Noch bis vor einem Dreivierteljahrhundert liefen die Kinder barfuß zur Schule. Knechte und Mägde, die es heute längst nicht mehr gibt, waren allgegenwärtig und führten ein nicht nur ärmliches, sondern erbärmliches Leben. Eine heute achtzigjährige Nachbarin, deren Bruder im Krieg gefallen war, hatte als Kind noch den Ochsen zum Pflügen auf das Feld führen müssen. Dennoch reichte die Arbeit auf dem eigenen Grund gerade aus, um die Menschen nicht verhungern zu lassen. Niemand hier würde der „guten alten Zeit“ nachtrauern. Denn alles hat sich danach innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend geändert: Man möchte sagen, die alte und die neue Zeit haben nichts mehr miteinander gemein.

Wenn ich mir vorstelle, die ganze Menschheit könnte in verträumten Dörfern leben, aber mit modernem Komfort, dann wäre das ein optimistischer Ausblick. Dann hätten wir Grund, mit unserem Leben zufrieden zu sein, denn hier scheint alles auf Dauer, auf leidliche Zufriedenheit und selbst auf Schönheit angelegt. Niemand käme hier auf den Gedanken, die bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen, nach einem neuen Menschen zu rufen oder gar eine blutige Revolution zu beginnen. Zwar ist die Mehrheit mit ihrem Los heute sowenig zufrieden wie sie es in der Vergangenheit war, denn jeder bemisst seinen eigenen Stand und Vorteil an dem seiner Nachbarn, und da es stets jemanden gibt, dem es besser geht, sind dem eigenen Wünschen und Hoffen keine Grenzen gesetzt. Aber das sind die üblichen Geschichten von Neid und Konkurrenz, die seit Anfang der Welt bestehen und wohl auch nur mit ihrem Ende aufhören werden.

Dennoch trügt die Idylle.

Schon vor Jahren hatte Helmut Schmidt mit Staunen vermerkt, dass die deutsche Landwirtschaft mit einem Betrag subventioniert wird, der ziemlich genau ihrer Wertschöpfung entspricht – ohne diese staatliche Hilfe wäre sie nicht überlebensfähig. Anders gesagt, ist es der IndustriestaatDeutschland, der sich eine Landwirtschaft leistet, die es nicht mehr geben würde, wenn die Bauern ohne diese Hilfe auskommen müssten. Man muss es in aller Deutlichkeit sagen, deutsche und österreichische Landwirte würde es kaum mehr geben, wenn die Industrie beider Länder nicht so leistungsstark wäre, dass sie den Bauern durch entsprechende Subventionen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ermöglicht. Dennoch versucht man, die Last zu reduzieren, indem man die kleinen bäuerlichen Betriebe dazu zwingt, sich zu immer größeren zusammenschließen. Die Folge: Felder, die sich bis an den Horizont ausdehnen, und industrialisierte Massentierhaltung. Wo beides nur schwer möglich ist, wie in der Bergregion, wo ich lebe, erobert sich der Wald weite Gebiete zurück, die einst bewirtschaftet wurden. Postämter schließen, Gemeinden und Polizeistationen werden zusammengelegt, öffentliche Verkehrsmittel stellen die Fahrten ein. Neuerdings verschwinden auch die Gasthäuser, die für das kommunale Leben noch bis vor kurzem von großer Bedeutung waren. In den kleineren Ortschaften bietet sich ein Anblick der Trostlosigkeit, da die Geschäfte reihenweise veröden. Die Menschen wandern in die größeren Städte ab. Das Land ist zwar nach wie vor schön, es macht immer noch den Eindruck bürgerlicher Wohlhabenheit, aber seit etwa zwei Jahrzehnten trat hier die Wende ein: Die Idylle befindet sich in einem gar nicht mehr so schleichenden Prozess der Entvölkerung.

Das Selbstvertrauen der hiesigen Menschen

beruhte auf dem durchaus realen Gefühl, Herren ihres eigenen Schicksals zu sein. Dank ihres Fleißes haben fast alle (einschließlich der ehemaligen Knechte und Mägde) ihr eigenes Dach über dem Kopf und führen ein nicht nur gesichertes, sondern ein Leben, das im Vergleich zur Vergangenheit geradezu opulent anmutet. Dieses elementare Selbstvertrauen in den Erfolg der eigenen Leistung und Kraft ist heute nur noch in Teilen Europas und auch im reichen Norden nur noch in begünstigten Schichten der Bevölkerung zu finden. Das Selbstvertrauen ist abgewandert, es wurde ausgelagert in die aufstrebenden Staaten Asiens, vor allem nach China und Indien. Dort erleben die Menschen gegenwärtig, was bei uns nicht nur abgeschlossen, sondern in Teilen Europas sogar rückläufig ist, nämlich die Erlösung der Bevölkerungsmehrheit aus Jahrtausenden von Armut und Abhängigkeit.

Warum ist den Menschen im Westen der Optimismus abhandengekommen?

Weil nicht nur die Landwirtschaft uns eine verblassende Idylle vor Augen hält, sondern – viel gefährlicher für die Zukunft – auch die Industrie, die doch die Basis unseres Aufstiegs und Reichtums ist. Die größten im Dax registrierten Konzerne Deutschlands sind längst nicht mehr Eigentum der einstigen Deutschland AG (also der führenden deutschen Banken), inzwischen gehören sie zu mehr als der Hälfte einer Internationale der Gläubiger. Die kann ihren Aktienbesitz jederzeit abstoßen und dadurch entwerten, wenn der Standort Deutschland (oder Österreich) nicht den verlangten Profit beschert. Dieser Fall ist jedenfalls dann gegeben, wenn Arbeiter und Angestellte zu hohe Löhne fordern oder der Staat eine in ihren Augen zu teure Wohlfahrts-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik betreibt. Industrien wandern dann nicht nur in den Osten Europas ab, sondern oft verlassen sie den Alten Kontinent überhaupt. Der Staat steht solchen Entscheidungen ohnmächtig gegenüber, weil börsennotierte Unternehmen das Privateigentum ihrer Shareholder sind.

Ulrike Herrmann, ein Shooting Star in der modeanfälligen Wirtschaftspublizistik

hat dazu andere Vorstellungen. Sie demonstriert mit ihren Thesen, dass es nicht nur populistische Politik, sondern auch eine populistische Wissenschaft gibt – jedenfalls in der immer schon für alle möglichen Ideologien anfälligen ökonomischen Theorie. Sie fordert eine Politik höherer Löhne wie andere höhere Renten, kürzere Arbeitszeit oder längeren Urlaub. Bravo! Die Botschaft ist einfach und leuchtet ein. Schließlich wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln, dass eine höhere Entlohnung vor allem des am schlechtesten gestellten Bevölkerungsteils oder dessen aktive Unterstützung, sofern er von Armut bedroht ist, das Hauptanliegen einer auf sozialen Ausgleich bedachten Politik sein sollte. Eine Vielfalt von Untersuchungen belegt, dass eine in Arm und Reich zerfallende Gesellschaft der Nährboden für extreme Ideologien bis hin zum sozialen Aufruhr ist. Ein Populist kann gewiss sein, mit solchen Forderungen ein breites Publikum anzusprechen, weil die wenigsten danach fragen, ob ihre Verwirklichung unter den herrschenden Bedingungen überhaupt möglich ist. Die derzeitige italienische Regierung aus Politamateuren ist gerade im Begriff, ein Lehrstück in Sachen Realitätsblindheit zu zelebrieren. Während man das fehlende Geld zusammenkratzt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Flat Tax zu finanzieren, erhöhen die internationalen Anleger, in deren Händen sich die enormen Staatsschulden des Landes konzentrieren, den Risikoaufschlag, sprich die Zinsen. Dieser Aufschlag droht in kurzer Zeit so hoch zu werden, dass er ein Loch in das Budget reißt, das größer sein wird als die projektierten Wohltaten an die Armen des Landes.

Deutschland und Österreich

liegen aufgrund ihres Erfindungsreichtum und ihrer Ingenieurskompetenz weit vor Italien, aber in wesentlicher Hinsicht gleichen sie dem südlichen Nachbarn. Die Internationale der Gläubiger bestimmt auch in ihrem Fall, wie weit die Wohltaten des Staates und die der Unternehmen (Löhne) gehen dürfen. Die Nationen Europas sind durchaus frei, wenn es darum geht, in die Extreme von Rechts oder Links abzudriften. Antisemitismus und Fremdenhass oder umgekehrt Toleranz und demokratische Umgangsformen – die Gamme der Möglichkeiten zwischen Orban und Merkel wird hier nach wie vor auf nationaler Ebene bestimmt. Aber gerade dort, wo es um die materielle Wohlfahrt der Bevölkerung geht, ist jedes europäische Land zum bloßen Standort herabgekommen, dessen Schicksal nicht mehr dem eigenen demokratischen Wollen gehorcht, sondern von außen bestimmt wird. Ulrike Herrmann hat recht, wenn sie nach einen stärkeren Staat ruft, der die Belange der Globalisierungsverlierer vertritt. Das Problem ist nur, dass in Deutschland wie Österreich beide Volksparteien der wirtschaftlichen Fremdbestimmung tatenlos zugesehen haben und die neoliberale Kommission an der Spitze Europas sie bis heute aktiv befördert.

Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder

hatte diese Fremdbestimmung viel klarer als die blauäugigen Populisten erkannt und daraus die Konsequenz gezogen. Bevor er die Agenda 2010 durchsetzte, galt Deutschland als Patient, genauer als „kranker Mann Europas“. Schröder entschloss sich zu einer Schrumpfkur für den Sozialstaat, d.h. er verbilligte ihn. Die Internationale der Gläubiger (welche über den größten Teil der Staats- wie der Unternehmensschulden verfügt) dankte es ihm. Danach ging es mit der deutschen Wirtschaft wieder bergauf. Unter den herrschenden Bedingungen der Abhängigkeit tat Schröder zweifellos das Richtige im rechten Moment. Er war nur leider der falsche Mann von der falschen Partei. Bis heute haben ihm die Sozialdemokraten nicht verziehen, dass es ein Kanzler des linken Lagers war, der den ersten Schritt zur Demontage der größten linken Errungenschaft, des Sozialstaats, vollzog. Schröder hat der deutschen Wirtschaft geholfen, aber der Sozialdemokratie ein Vermächtnis hinterlassen, das sehr wohl ein Todeskuss gewesen sein könnte.

Populismus besteht in der Unterdrückung von Fakten, wenn diese dem Wunschdenken widersprechen. Selbst Wirtschaftswissenschaftler wie Heiner Flassbeck und in seinem Gefolge Ulrike Herrmann haben sich bis zum heutigen Tag nicht zu einer offensichtlichen Erkenntnis durchringen können: Durch ihre Abhängigkeit von der Internationale der Gläubiger haben sich die Staaten des Westens in eine Falle begeben, aus der bloßes Wunschdenken sie nicht hinauszuführen vermag. Nicht einmal Forderungen von so elementarer Art wie eine höhere Besteuerung internationaler Unternehmen vermag der Einzelstaat durchzusetzen.

Die Abhängigkeit war von langer Hand vorbereitet

Gerade die erfolgreichen Industriestaaten haben auf immer mehr ausländische Ressourcen zugegriffen. Öl und Gas werden weiterhin in wachsenden Mengen in die westliche Welt geschleust (nur die Vereinigten Staaten sind aufgrund heimischer Schiefergasförderung inzwischen in einer besseren Position). Bald genügte die eigene industrielle Produktion nicht mehr, um die Forderungen der Öl- und Gasförderländer zu begleichen, vielmehr war man gezwungen, ihnen immer größere Anteile an der eigenen Wirtschaft (den Aktien der führenden Unternehmen) einzuräumen – mit anderen Worten, ein immer größeres Mitspracherecht. Ich habe in früheren Schriften für eine Befreiung von dieser Abhängigkeit plädiert („Energiewende“, Popyläen). Ein solarversorgtes Europa könnte sich wieder zum Souverän der eigenen Wirtschaft machen. Doch das ist kein einfacher Schritt, denn er läuft den Interessen der Industrie zuwider, weil er ihrem Expansionsdrang Grenzen setzt. Über solche Vorschläge wird daher bis heute nur milde gelächelt. Ich habe deshalb gleichfalls vorausgesagt, dass an eine Eindämmung der Globalisierung nicht zu denken wäre, solange die USA, bis vor kurzem deren treibende Kraft, sich einer solchen Entwicklung entgegenstemmen.

Inzwischen ist genau diese Kehrtwende eingetreten: die USA werden protektionistisch

Allerdings nicht etwa deshalb, weil die Wirtschaftstheoretiker eine neue Theorie aufgestellt hätten. Kapital sollte dort angelegt werden, wo es die besten Resultate erzielt – diese Textbuchwahrheit wird heute so wenig angezweifelt wie in der Vergangenheit, zumal ihr die Wirklichkeit ja weitgehend recht gibt. Auf diese Weise sind erst die Tigerstaaten und inzwischen auch die beiden Milliardenreiche Indien und China, vor allem Letzteres, zu einem verblüffenden Aufschwung gelangt. Was die staatlich betriebene Entwicklungshilfe niemals schaffte, das hat der private Kapitalismus gleichsam über Nacht bewirkt, indem er Technologien und Investitionen in Strömen dorthin fließen ließ, wo Menschen die Bereitschaft aufbrachten, unter härtesten Bedingungen und zu niedrigsten Löhnen zu ihrem eigenen Vorteil und für den ihres Landes zu arbeiten.

In einer idealen Welt könnte dies eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten sein, in der Welt, wie sie ist, liegen Vorteil und Verlust weit auseinander. Wirtschaftstheoretiker pflegen Komplexität auszublenden, wenn sie in Widerspruch zu den schönen Formeln geraten. Die Amerikaner haben einen Großteil ihrer produzierenden Industrien ausgelagert – und mit ihnen die Technologien, denen das Land seinen Vorsprung und seinen Reichtum verdankt. Inzwischen ist ihnen bewusst, dass es allenfalls zwei, drei Jahrzehnte dauern wird, bis sie auf sämtlichen Gebieten (selbst dem militärischen) ihre globale Vormachtstellung verlieren, wenn die Entwicklung weiterhin so verläuft wie in den vergangenen Jahren. In China schießen neue Industrien in unaufhörlicher Folge aus dem Boden; China erweitert seine militärische Präsenz zu Land, auf dem Wasser und in der Luft, inzwischen ist es zu einer Weltraummacht geworden und zur Werkbank der ganzen Welt. Der atemberaubende Aufstieg dieses Landes steht in grellem Kontrast zu den Vereinigten Staaten, wo die einst führenden Industrien als traurige Rostgürtel den Amerikanern das mittelalterliche Gespenst des „Memento mori“ vor Augen führen. Wie jedermann wissen sollte, hat sich China noch bis vor kurzem mit hohen Zollbarrieren gegen ausländische Industrieimporte geschützt – es war das protektionistische Land -, während in führenden amerikanischen Supermarktketten wie Walmart ganze 90 Prozent des Angebots aus dem fernen Osten stammen. In Europa könnte es bald ähnlich sein, denn dorthin exportiert China inzwischen mehr Waren als in die USA.

Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Ländern besteht aber darin, dass das autokratische bis diktatorische China die große Masse der Armen aus ihrer Misere erlöste; deswegen revoltieren sie nicht gegen die Gängelung von oben, sondern sind mit dem Regime weiterhin einverstanden. Die US-amerikanische Elite hat es dagegen fertiggebracht, die Stellung der Mittelschicht zu erschüttern, sodass viele fürchten, in die Armut abzudriften. Deshalb sind die demokratischen Vereinigten Staaten heuten von innerem Zerfall bedroht.

Donald Trump ist in vieler Hinsicht ein Unglück für sein Land

und könnte es für die übrige Welt gleichfalls werden, aber eines hat er schärfer erkannt als die meisten seiner Rivalen: den Niedergang seines Landes. Seine Forderung „America first“ soll dazu dienen, diesem Missstand abzuhelfen. Die Politik des Protektionismus stößt bei einer Mehrzahl von Amerikanern auf Zustimmung – auch im oppositionellen Lager. „Viele Demokraten tendieren zum Protektionismus, auch wenn sie das nicht so offen sagen… Bernie Sanders, wäre er Präsident, würde,“ so der Harvard Professor Kenneth Rogoff, „nicht anders handeln.“  *1*

Was dieser Mann, der die Wahrheit nach Belieben verfälscht, wann immer sie ihm nicht passt, geflissentlich unterschlägt, ist freilich die Tatsache, dass die Deindustralisierung der Vereinigten Staaten nicht das Werk feindseliger auswärtiger Kräfte ist, sondern von der wirtschaftlich-politischen Elite des Landes zum eigenen Vorteil betrieben wurde. 1991 wurde sie von Robert Reich in „The Work of Nations“ erst theoretisch abgesegnet, bevor der „Washington Consensus“ dann etwa zur gleichen Zeit eine offiziell gebilligte Heilslehre daraus machte. Amerikanische Unternehmen und ihre Gläubiger hatten entdeckt, dass sie außerordentlich viel mehr Profit machen konnten, wenn sie Produkte nicht mehr im eigenen Hochlohnland herstellen ließen, sondern sie in Billiglohnländer herstellen ließen. Auch für Europa hatte das ernste Konsequenzen. Nachdem die Amerikaner mit dieser Politik begonnen hatten, sah man sich hier gleichfalls zur Auslagerung gezwungen, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Wirkung war dieselbe wie in den USA: Amerikanische und europäische Arbeiter verloren ihre Posten an die Arbeiter in Fernost, die ihre Arbeit viel billiger verkauften. In den Staaten des Westens hat sich die Schere von Arm und Reich seitdem immer weiter geöffnet.

Ulrike Herrmann hält eine einfache populistische Lösung parat

ähnlich derjenigen, wie sie derzeit von Italiens Politamateuren unter Triumphgeheul praktiziert wird: Lasst uns mehr Geld ausgeben! Lasst uns die Internationale der Gläubiger schlicht ignorieren! Ich pflichte Frau Herrmann bei, dass es einer grundlegenden Wende bedarf, und zwar auch in Deutschland, das im Augenblick noch so erfolgreich ist. Die deutsche Autoindustrie, die mit ihren großartigen Ingenieursleistungen in den letzten Jahrzehnten so viel für den Reichtum des Landes tat, steht heute an einem Scheideweg. Benzin und Dieselautos darf es in spätestens zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr geben. Der Klimawandel lässt den fossilen Potlatsch nicht länger zu. Aber Elektroautos sind technologisch vergleichsweise primitiv, das können andere Länder genauso gut wie die Deutschen. Da diese die Forschung an Batterien, wo sie einst führend waren, inzwischen so gut wie aufgegeben haben, können andere es vermutlich sogar besser.

Das sind Doomsday-Reflexionen

Höhere Löhne für die benachteiligten Schichten wären das Gebot der Stunde, ebenso eine größere Handlungsfreiheit des Staates, die dazu die Voraussetzung bildet. Doch dazu müssten wir auf europäischer Ebene unsere Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen (aus dem Nahen Osten und aus Russland) zunächst einmal drastisch reduzieren. Anders gesagt, ist keine ernsthafte Wende zu erwarten oder auch nur möglich, solange Europa nicht in möglichst kurzer Zeit den Übergang von fossiler zu solarer Energie betreibt. Die bisherigen Schritte auf diesem Weg sind, wie jeder wissen sollte, ganz und gar ungenügend.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als die schöne Fassade einer Idylle zu genießen, die heute immer noch besteht und uns eine beinahe heile Welt vorgaukelt.

1 Kenneth Rogoff in einem dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 gegebenen Interview.

Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung

(Vortrag gehalten am 2. Oktober 2018 im Schlossbergsaal der Steiermärkischen Sparkasse als „Impulsreferat“. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass meine Impulse resonanzlos in dem schönen Saal der traditionsreichen Sparkasse verhallten. Vielleicht waren sie schlicht zu schwach oder unbedeutend, vielleicht schossen sie aber auch am Erwartungshorizont der Anwesenden vorbei in eine zu weite Ferne)

 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, an diesem Diskussionsabend teilnehmen zu können, möchte mich dafür auch vor allem beim Steirischen Wirtschaftsbund herzlich bedanken. Sie haben einen Referenten als Impulsgeber eingeladen, werden sich nun aber damit abfinden müssen, dass damit eine unerwartete Beigabe einhergeht, eine musikalische Umrahmung sozusagen, da ich von einer kürzlichen Verkühlungsattacke immer noch nicht vollständig genesen bin und mit gelegentlichen Hustenanfällen daher leider zu rechnen ist. Für alle Fälle habe ich den Text zu Papier gebracht, sodass er notfalls auch vom Moderator verlesen werden könnte. Also noch einmal meinen herzlichen Dank!

„Digitale Revolution – Verheißung oder Bedrohung“, das ist die Überschrift, die ich meiner Einführung geben möchte, allerdings beginne ich mit der Bedrohung, auf diese Weise sparen wir uns den erfreulichen Teil, den Optimismus, für das Ende auf. Lassen Sie mich mit den Banken beginnen, auch wenn das reichlich gewagt ist, da ich hier in einer der führenden Sparkassen des Landes vor einem Publikum von Experten rede. Ich werden Ihnen da schwerlich viel Neues sagen könne, hoffe aber, das Alte in verändertem Licht zu präsentieren.

Es scheint mit geraten, zwischen vier Kategorien von Banken, bzw. bankähnlichen Institutionen zu unterscheiden; der Notenbank, den unlizenzierten Schattenbanken, den Großbanken wie der Deutschen oder der Commerzbank und schließlich der Masse jener Sparkassen und Geschäftsbanken, die einst das Rückgrat, den Inbegriff und auch den Ursprung des Bankwesens bildeten.

Notenbanken sind dazu da, die Wirtschaft ja nach ihrer Leistung mit Geld zu versorgen, denn die Zirkulation der Gütern setzt einen parallelen Kreislauf von Geld voraus. Die EZB sieht es darüber hinaus als eine ihrer Aufgaben an, das Niveau der Preise konstant zu halten. Man muss leider feststellen, dass die Notenbanken keiner der beiden Aufgaben wirklich erfüllten, ja, in Zeiten der Krise nicht einmal erfüllen konnten. Das hängt damit zusammen, dass sie die Kontrolle über das Geld an Private abgeben, sobald sie es über die Geschäftsbanken in den Wirtschaftskreis einschleusen. Private haben nämlich die Möglichkeit, die Geldmenge zu vergrößern bzw. umgekehrt, sie zu vermindern.

Es gehört zu den Absurditäten unserer Auffassung von Recht und Gerechtigkeit, dass die Vermehrung der Geldmenge, sprich, die Fälschung des Geldes immer aufs allerhärteste bestraft worden ist, nicht selten mit dem Tod. Seine Verminderung, deren Wirkungen ungleich tiefer reichen und viel verheerender sind, wurden nie bestraft. Natürlich denke ich bei Verminderung nicht an das Vorgehen von Geisteskranken, die einen 500 Euroschein ins Feuer werfen. Solche Neigungen scheinen eher wenig verbreitet. Ich denke an die Stockung des Geldkreislaufs. In der nun schon zehn Jahre zurückliegenden Immobilienkrise war der Interbankenverkehr zeitweise völlig ausgetrocknet. Keine Bank war bereit, der anderen noch einen Kredit zu gewähren, man fürchtete die Leichen im Keller des Nachbarn und dass das eigene Geld dort wie in einem schwarzen Loch versickern würde.

Aber der klassische Fall eines totalen Wirtschaftszusammenbruchs, weil das Geld sich nicht länger bewegte (seine Umlaufgeschwindigkeit gegen Null abfiel), obwohl sich an seiner physischen Menge überhaupt nichts verändert hatte, ist bis heute der Schwarze Donnerstag vom 29. Oktober 1929. Der Kreislauf des Geldes stockte, und in der Realwirtschaft blieben in kürzester  Zeit  sämtliche Räder stehen.

Amerika hatte soeben einen Nachkriegsboom von ungeahntem Ausmaß durchlebt, es war die führende Wirtschaftsmacht. Der technische Fortschritt hatte allerdings dazu geführt, dass amerikanische Unternehmen bald sehr viel mehr produzierten, als der Markt aufzunehmen imstande war. Eine Riesenproduktions- und Kreditblase war entstanden, denn ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung finanzierte seine Einkäufe durch Verschuldung (auch Aktien wurden durch Kredite finanziert). Als sich die ersten Anzeichen für das Platzen der Blase bemerkbar machten, breitete sich unter den Anlegern Panik aus. Der Kreislauf des Geldes brach zusammen. Amerika lieferte der staunenden und erschütterten Welt das Schauspiel einer Wirtschaft, die mitten im Frieden ohne erkennbaren äußeren Grund von einem Moment auf den anderen in den Zusammenbruch und die totale Lähmung schlittert.

Die Wirkungen dieses Zusammenbruchs blieben nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt, sondern entfalteten ihre größte Zerstörungskraft erst in Europa – und da speziell in Deutschland. Dank amerikanischer Kredite hatte die deutsche Wirtschaft seit wenigen Jahren wieder einen deutlichen Aufschwung genommen. Es gab Hitler, gewiss, so wie es zu jeder Zeit und in jedem Land immer eine Handvoll von Fanatikern und Revoluzzern gibt, die mit allem Bisherigen Schluss machen wollen. Aber Hitler war die letzten drei vier Jahre vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise nur noch eine belächelte Kabarettfigur gewesen. Seit es den Deutschen wieder deutlich besser ging, hatten sie kein Ohr für derartige Leute. Das änderte sich mit einem Schlag, als die amerikanischen Investoren ihre Kredite aus Deutschland in Gestalt von Gold zurückforderten und die deutsche Regierung, da die eigene Währung an einen bestimmten Anteil von Gold gebunden war, die umlaufende Geldmenge stark reduzierte. Über Nacht schoss die Arbeitslosigkeit in die Höhe, über Nacht war man empfänglich für die Parolen der Demagogen. Lassen Sie mich hinzufügen, obwohl es nicht Teil des heutigen Themas ist. Ohne die Weltwirtschaftskrise hätte es keinen Hitler an der Spitze des deutschen Staates gegeben. So jedenfalls steht es bei einem der angesehensten Historiker des zwanzigsten Jahrhunderts, Eric Hobsbawm, zu lesen, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft und Vertreibung sicher keinen Grund haben konnte, die deutschen Verbrechen schön zu reden.

Die Digitalisierung wird in den Notenbanken mit Sicherheit große Veränderung bewirken und sie bietet jedenfalls die Chance, das Geld großer Anleger mit Negativzinsen zu bedrohen, wenn es nicht in den Kreislauf gelangt. Die technischen Voraussetzungen für einen vollständigen Übergang zu einem bargeldlosen Verrechnungssystem sind schon heute gegeben und werden in skandinavischen Ländern und mehr und mehr auch in China bereits zum Einsatz gebracht. Es ist mir bewusst, dass gerade in Deutschland und Österreich heftige Grabenkämpfe toben, wenn es um dieses Thema geht. Geld sei geprägte Freiheit, kann man dann hören. Da der Staat allerdings über Einkommen und Vermögen der abhängig Beschäftigen, also der Bevölkerungsmehrheit, ohnedies bestens informiert ist, kann ich mich des Verdachts nur schwer erwehren, dass vor allem jene besonders auf ihre Freiheit pochen, denen das Bargeld so viele zusätzliche Möglichkeiten bietet, sie zum eigenen Vorteil, sprich, gegen das Interesse der Allgemeinheit, auszunutzen.

Jetzt jedenfalls verhält es sich so, dass die Notenbank keine bessere Strategie als Zucker und Peitsche einzusetzen vermag. Die Peitsche ist eine konstante Inflation von ca. zwei Prozent, die das Horten von Geld verhindern soll; der Zucker, das sind die Zinsen, die allerdings im Augenblick unter null gerutscht sind, weil es um Rettung des Euro geht. Wie es bei einer jährlichen Inflation von etwa zwei Prozent um die Werterhaltung des Geldes nach zwanzig oder gar fünfzig Jahren steht, ist leicht auszurechnen

Die Notenbanken haben noch mit einer zusätzlichen Bedrohung zu kämpfen, die aus langfristiger Sicht ihr Monopol in Frage stellt. Es galt und gilt heute noch als selbstverständlich, innerhalb eines Staatsgebietes mit der dort geltenden Staatswährung zu zahlen. Aber das könnte sich ändern, wenn Kryptowährungen an Einfluss gewinnen.

(Schattenbanken)

Für die Digitalisierung des Arbeitslebens spielen Notenbanken keine besonders Rolle, da die Zahl der dort arbeitenden Menschen von jeher sehr begrenzt war. Das gilt genauso für die unlizenzierten Schattenbanken, die sich der jeweils neuesten Technologien bedienen. Man sollte sie dennoch aus einem anderen Grund erwähnen. Sie führen zu einer historisch einmaligen Konzentration von Geld in wenigen Händen und einem entsprechenden Einfluss auf die politische Macht. Ich zitiere Sandra Navidi, die ein unendlich langweiliges, aber in wenigen Passagen sehr aufschlussreiches Insiderbuch zu diesem Thema veröffentlich hat.

„Inzwischen verwalten Schattenbanken einen Großteil des globalen Reichtums und verleihen den Generälen an ihrer Spitze nie dagewesene Macht. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, betreut etwa 4700 Milliarden Dollar, was mehr als dem Doppelten der Marktkapitalisierung aller Dax-Konzerne zusammen entspricht. Vanguard verwaltet 3200 Milliarden Dollar, und Fidelity steht mit rund 2000 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen nicht weit hintenan. Die Chefs von Finanzinstitutionen haben Finanzmacht, Politiker regulatorische Macht – und am Ende finanzieren die Finanzinstitutionen die Politik.“

Das Bild vervollständigt sich, wenn man von derselben Autorin erfährt, dass Ben Bernanke, ehemaliger Chef der FED, in dieser Eigenschaft ein Jahresgehalt von 250 000 Dollar empfing, während die Finanzelite des Landes ihm danach eine einzige Vortragsstunde mit einem Honorar in gleicher Höhe vergoldete.

(Großbanken)

Die dritte Kategorie von Finanzdienstleistern, große Banken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank sind schon von größerem Interesse, wenn es um Arbeitsverluste aufgrund von Digitalisierung geht. Diese Institute befassen sich mit Wertpapierhandel, grenzüberschreitenden Investitionen, mit Vermögensberatung und geben sogenannte Derivate aus, die nicht immer, aber in vielen Fällen rein spekulativen Charakter aufweisen, wo die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Sofern sie auch noch das klassische Sparguthaben von Kunden verwalten, werden sie von der Digitalisierung genauso wie diese betroffen sein.

(Geschäftsbanken, Sparkassen)

Brennend wird das Thema des Einsatzes künstlicher Intelligenz (also von Algorithmen, welche repetitive geistige Vorgänge abbilden), sobald wir uns den kleinen Geschäftsbanken und Sparkassen zuwenden, denn sämtliche Aufgaben repetitiven Charakters können digital simuliert und gesteuert werden – auch solche geistiger Art. Es scheint kaum noch Zweifel zu geben, dass die Verwaltung von Giro- und Sparkonten ganz auf Menschen verzichten kann, weil künstliche Intelligenz die anstehenden Aufgaben viel schneller und auch viel verlässlicher zu übernehmen vermag. Doch auch das Kreditgeschäft der kleinen Banken lässt sich zum Großteil an intelligente Maschinen übertragen. Über die Bonität eines Kunden geben die Vorgänge auf seinem Girokonto während der vergangenen Jahre einen im Regelfall hinreichenden Aufschluss, nur für die Festlegung von Sicherheiten wie Eigentum an Grund und Boden oder Immobilien braucht man zumindest für die erste Erhebung noch den Experten. Anders gesagt, für die meisten Grundtätigkeiten, die bis dahin in Geschäftsbanken von Menschen ausgeführt werden mussten, genügt heute künstliche Intelligenz. Es kommt aber noch hinzu, dass selbst jener Bereich, der bis zur Reduzierung der Zinsen auf null und darunter in Gestalt der von ihnen abgeschöpften Zinsmarge die eigentliche Geschäftsgrundlage der Banken war, nämlich die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmer ebenfalls in Gefahr gerät. Der Staat drängt bei kleinen Unternehmen auf Transparenz, um eine gerechte Besteuerung zu ermöglichen. Dadurch hat sich der Anteil an mehr oder weniger intuitiv erworbenem Wissen, das einst die Exzellenz etwa einer Bank im ländlichen Raum und ihrer Mitarbeiter ausmachte, deutlich vermindert. Die Bank kann sich bei der Kreditvergabe an vertrauenswürdige Unternehmen in ihrem Umfeld in einem höheren Maße als früher auf objektive Zahlen berufen. Auch dies dürfte die Zahl der Mitarbeiter in den Geschäftsbanken reduzieren, nachdem sie in den vergangenen Jahrzehnten überall schon stark reduziert worden ist. Wie weit auch neuere Formen der Kreditvergabe, wie das Crowdfunding die Rolle der Banken beschränkten könnten, wage ich nicht zu beurteilen.

(Bescheidenheit)

Einige ganz knappe Worte über unsere Fähigkeit, die Zukunft der Arbeit wirklich vorauszusagen. Das 18. Jahrhundert war in mancher Hinsicht ein Höhepunkt in der Entwicklung der europäischen Geisteskultur, damals lebten Philosophen-Wissenschaftler wie Leibniz, Kant, Voltaire, damals wurde von d’Alembert und Diderot die berühmte Enzyklopädie der Wissenschaften veröffentlicht, welche den praktischen vernunftgelenkten Umgang mit der Natur in den Mittelpunkt rückte. Aber war es diesen Giganten des Geistes möglich, auch nur zu ahnen, was die folgenden zwei Jahrhunderte an Neuerungen bringen würden, z.B. Eisenbahnen, Flugzeuge, Diesel- und Elektromotoren oder gar Computer und Handys? Haben sie vorauszusehen vermocht, wie auf der Grundlage solcher Erfindungen innerhalb kürzester Zeit Zehntausende neuer Berufe und eine ganz neue Umwelt für den Menschen entstehen würde? Die Antwort fällt ganz eindeutig aus. Nichts von alledem wurde vorausgesehen. Die Tätigkeit von Mensch und Gesellschaft ist zwar auf Planung angelegt. Und was wir planen können, ist für uns berechenbar. Wir wissen, wie ein Elektrizitätswerk, wie ein Bahnnetz, wie das Verkehrsaufkommen in den kommenden zwanzig Jahren unter bestimmten Voraussetzungen aussehen wird, wenn wir entsprechende Planungsschritte ausführen. Aber unser Wissen und unsere Planung beruhen auf den jeweils vorhandenen technischen Mitteln und Erfindungen. Wie die Welt aussehen wird, wenn ganz andere technische Mittel und Erfindungen zur Verfügung stehen, darüber wissen wir absolut nichts – und können es nicht einmal wissen. Die Zukunft ist und bleibt offen – auch die der Arbeit.

(Letzter Teil)

Dieser Abschluss soll ein optimistischer sein, zu diesem Zweck betrachte ich zwei Arten menschlicher Tätigkeit: Bauern und Industriearbeiter. Bauern bildeten zehntausend Jahre eine Bevölkerungsmehrheit von zwischen 80 bis 95 Prozent. Wenn Böden wenig fruchtbar waren, dann mussten wenigstens 95 Prozent für die nötige Nahrung sorgen, damit eine kleine Zahl von Menschen – fünf bis maximal zwanzig Prozent – eine Existenz außerhalb der Landwirtschaft führen konnten. In den zweihundert Jahren zwischen dem Beginn des 19. bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts schrumpfte die Zahl der Bauern in den Staaten des Westens auf einen Bruchteil von 2-3 Prozent zusammen, während die Nahrungserzeugung zur gleichen Zeit wuchs, und zwar für eine bedeutend vergrößerte Zahl von Menschen. In dieser Zeit kamen die Industriearbeiter als größte Beschäftigungsgruppe auf. Um 1910 bildeten sie ein ganzes Drittel der Menschen in den Vereinigten Staaten.

Von den Bauern müssen wir aus heutiger Perspektive sagen, dass alle Kultur, wie wir sie heute verstehen, auf ihren Schultern ruhte, denn die 100 000 Jahre der Jäger und Sammler ließen zwar einige wenige großartige Malereien in wenigen Höhlen wie Lascaux und Altamira zurück, aber ziehende Nomaden von allenfalls ein paar Dutzend Menschen produzieren nicht mehr, als sie auf den Schultern zu tragen vermögen, also überaus wenig. Erst die Sesshaftigkeit, sollte das alles grundlegend ändern. Leider zogen die Bauern selbst daraus in der Regel aber gar keinen Vorteil, da Menschen, die sich über große Flächen verteilen, von einer kleinen Anzahl Bewaffneter mühelos beherrscht werden können. Mit wenigen Ausnahmen von Regionen mit freien Bauern – meist schwer zugänglichen Inseln oder zerklüfteten Gebirgsregionen wie der Schweiz oder Afghanistan – wurde der nahrungserzeugende Teil der Bevölkerung rücksichtslos ausgebeutet, und zwar in sämtlichen agrarischen Großkulturen: in Mesopotamien, in Ägypten, in Indien und Persien ebenso wie in China, in Süd- und Mittelamerika ebenso wie in Europa, wobei sich weltliche und geistliche Macht gleich unerbittlich zeigten: Der Zehnte, den beide den Bauern abverlangten, war ja oft nur ein Minimum. Bauernaufstände waren deshalb auch in aller Welt endemisch. Allein in Europa gab es seit Ende des 14. Jahrhunderts bis zur französischen Revolution einen Aufstand mindestens alle zehn Jahre, von denen jeder unweigerlich mit einer Niederlage der schlecht organisierten und schlecht bewaffneten Bauern endete. Für die Bauern bedeuteten die zehntausend Jahre bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Ära der staatlich verfügten Ungleichheit. Sie waren Frondiener, Leibeigene, oft auch nur Sklaven der sie beherrschenden und auf ihre Kosten lebenden Oberschicht. Nur von dieser sind uns Zeugnisse überliefert, die Bauern waren fast immer Analphabeten.

So gesehen gibt es keinen Grund darüber zu klagen, dass ihre Zahl aufgrund technischer Neuerungen innerhalb von nur zweihundert Jahren so dramatisch zusammenschmolz, und eine völlig neue Schicht, die Industriearbeiter, als Mehrheit an ihre Stelle trat. Zwar ging es den Fabrikarbeitern in den Kinderjahren des Industrialismus keineswegs besser, also bis etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx und Dickens ihr Los beklagten. Selbst heute geht es ihnen in manchen Entwicklungsländern kaum merklich besser als auf dem Lande, von wo sie in Scharen in die neuen Fabriken flüchteten, aber das pflegt sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu ändern. Im Gegensatz zu den Bauern konzentrierten sich die Arbeiter  zu Tausenden an wenigen Stellen des Landes. Bald waren sie hervorragend organisiert und konnten Forderungen aufstellen, wie die Versicherung gegen Unfall und Krankheit oder Altersrente. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, also in knapp einem Jahrhundert, hatten die Arbeiter erreicht, was den Bauern der großen Agrarkulturen in zehntausend Jahren niemals gelungen war: Sie wurden prinzipiell als gleichberechtigte Menschen angesehen.

Das ist der positive Aspekt, dem wir unsere Anerkennung auch dann noch zollen müssen, wenn der frühere Industriearbeiter von der weltgeschichtlichen Bühne verschwunden sein wird, weil Maschinen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, die fälligen Arbeiten weit verlässlicher und schneller verrichten.

Aber es gibt auch einen negativen Aspekt, der sich schon bald bemerkbar machte, nämlich bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war von fallenden Preisen, also von Deflation, markiert. Die Industriebetriebe produzierten weit mehr Güter als der Markt aufzunehmen vermochte. 1873 führte das zu einem großen Crash in Europa: Tausende von Banken und Unternehmen gingen pleite. Es war die erste Produktions- und Kreditblase des neuen Industriezeitalters. Die Marxisten hatten den Schuldigen dafür umgehend ausgemacht, nämlich das unselige System des Kapitalismus. Aber die Erklärung ist sehr viel simpler. Die Maschinen konnten in kurzer Zeit sehr viel mehr erzeugen, als der Markt und die Käufer zu absorbieren vermochten. Auch wenn die Arbeiter zu Eigentümern der Fabriken geworden wären, hätte sich daran gar nichts geändert. Denn es war ja nicht daran zu denken, dass die Arbeiter an den Fließbändern weniger produzieren wollten. Von dem Ausstoß der Unternehmen hingen ihr Lohn und ihr Status ab. Es lag im Interesse des Unternehmers wie der Arbeiterschaft, Qualität und Quantität der Waren ständig heraufzusetzen.

Genau das war aber nicht mehr möglich, nachdem die innereuropäischen Märkte weitgehend gesättigt waren. Um das Ziel dennoch zu erreichen, sahen die Staaten Europas bald keinen anderen Weg, als die übrige Welt außerhalb Europas zu Märkten für die eigenen Waren zu machen. Die Engländer hatten das schon seit einiger Zeit getan, nun traten die Deutschen ebenbürtig an ihre Seite. Das musste zu Problemen führen, um es vorsichtig auszudrücken. Bereits 1897 stellte der Autor eines Artikels in der Londoner »Saturday Review« klar, welche dramatische Folge sich daraus für die Zukunft ergeben würde. 17 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb dieser Autor folgende hellsichtige Zeilen:

»England mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Aggression, mit seiner Überzeugung, dass es in Verfolgung seiner eigenen Interessen Licht an die im Dunkeln lebenden Nationen spendet, und Deutschland, Bein von seinem Bein, Blut von seinem Blut, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht mit einer schärferen Intelligenz, konkurrieren in jeder Ecke der Welt. In Transvaal, am Kap, in Zentral-Afrika, in Indien und im Osten, auf den Inseln der Südsee und im fernen Nordwesten, überall und wo nicht? Die Flagge ist der Bibel gefolgt, und der Handel folgt der Flagge; hier kämpft der deutsche Bannerträger mit dem englischen Händler. Ist irgendwo eine Mine auszubeuten, eine Eisenbahn zu bauen, ein Eingeborener von Brotfrucht zum Büchsenfleisch zu bekehren, von Enthaltsamkeit zum Schnaps, der Deutsche und der Engländer kämpfen, der Erste zu sein. Eine Million kleine Auseinandersetzungen bauen den größten Grund zum Kriege auf, den die Welt je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen ausgelöscht würde, würde übermorgen auf der ganzen Welt kein Engländer sein, der nicht reicher wäre.Nationen haben jahrelang wegen einer Stadt gekämpft oder wegen eines Erbrechts; müssen sie nicht kämpfen um 250 Millionen Pfund jährlichen Handelsumsatzes?«

Die Gleichberechtigung der Menschen, die in Europa innerhalb von nur hundert Jahren errungen wurde, hat gewaltige Opfer gekosten. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kolonialismus ist es bis heute damit immer noch nicht vorbei. Der Kampf wird zwar nicht länger – oder doch nur zu geringem Teil – gegen Menschen geführt, stattdessen führen wir ihn nun gegen die Natur. Damit die Produktion an Gütern nicht reduziert werden muss, haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg die Wegwerfgesellschaft erfunden. Wir können weiter und wir können sogar immer mehr konsumieren, vorausgesetzt, dass wir die konsumierten Güter ständig durch neue ersetzen, denn die treibende Kraft hinter dem Imperativ des permanenten Konsums sind Unternehmer und Arbeiterschaft, die ihre Einkommen nur unter dieser Voraussetzung bewahren.

So gesehen, könnte es die Erlösung von einem die Menschheit existenziell bedrohenden Unheil bedeuten – die Erlösung von einem schon heute untragbaren ökologischen Fußabdruck -, wenn die treibende Kraft hinter dem Wegwerfkonsum entfällt. Intelligente, digitalisierte Maschinen produzieren so viel oder so wenig wie man von ihnen verlangt, ohne dass wir deswegen mit Aufständen zu rechnen hätten. Der Industriearbeiter, der soviel für die Gleichberechtigung der Menschen geleistet hat, wird verschwinden, genauso wie die Bauern, welche einst die Kultur ermöglichten, relativ gesehen, fast völlig verschwunden sind. Ob uns ein Übergang ohne soziale Konvulsionen gelingt, wird sich allerdings erst noch zeigen müssen. Menschen, die in ihren Berufen keinen Platz mehr haben, müssen vom Rest der Gesellschaft aufgefangen werden.

Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich?

Wie Unternehmen funktionieren und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, das weiß man heute ziemlich genau. Produzierende Betriebe sind auf eine Infrastruktur angewiesen, die eine verlässliche Zufuhr von Energie und Grundstoffen (oder Vorprodukten) erlaubt. Hinzukommen muss in der Regel noch ein staatliches Ausbildungssystem, das dem Unternehmen ein entsprechendes „Humanmaterial“ anbietet. Trump, Putin, Xi – was macht sie einander so ähnlich? weiterlesen

Diese verrückten Deutschen

Sie lieben das Ideal mehr als die Wirklichkeit – vielleicht deshalb, weil man sich in der Wirklichkeit mit Tatsachen arrangieren muss, während man die Ideale so mühelos in Wolkenkuckucksheimen ansiedeln kann? Diese verrückten Deutschen weiterlesen

Kapitalismus, Reichtum und Macht

Bei allem Gejammer über den Neoliberalismus geht manchmal die Einsicht verloren, dass die vergangenen zweihundert Jahre den größten Fortschritt in der Geschichte des Menschen bewirkten – vorausgesetzt natürlich, man beschränkt sich ganz und gar auf dessen materiellen Aspekt. Kapitalismus, Reichtum und Macht weiterlesen

Was ist Wirtschaftsphilosophie?

In der ‚Offenen Gesellschaft und ihre Feinde’ vertrat Karl Popper mit großer Entschiedenheit die Position, dass größere Eingriffe in die Wirtschaft, vor allem solche ideologisch motivierter Art, meist unheilvoll und deshalb zu vermeiden seien. Was ist Wirtschaftsphilosophie? weiterlesen

Satans Jünger – der Fall Landbauer in Niederösterreich

Es gibt Gedanken, die man verzeihen kann und oft auch verzeihen muss, weil sie zu den stets möglichen Denkalternativen gehören und nicht an und für sich verwerflich sind, auch wenn sich ihre Folgen oft als unmenschlich erweisen. Satans Jünger – der Fall Landbauer in Niederösterreich weiterlesen

Bertrand Russells fataler Irrtum – wie die Analytische Philosophie den menschlichen Geist beleidigt

Die Liebe zur Weisheit war nicht schlecht beraten, als sie sich die Forderung der Wissenschaft nach Wahrheit zu eigen machte. Ihre Opposition zur Religion in vorsokratischer Zeit und dann erneut zur Zeit der Aufklärung des 18ten Jahrhunderts ging aus der Einsicht hervor, dass die Suche nach Wahrheit eine der Grundlagen menschlicher Erkenntnis sei. Bertrand Russells fataler Irrtum – wie die Analytische Philosophie den menschlichen Geist beleidigt weiterlesen